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Full text of "Vorlesungen uber Geschichte der Mathematik"

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VORLESUNGEN 


ÜBER 


GESCHICHTE  DER  MATHEMATIK. 


VORLESUNGEN 


ÜBER 


GESCHICHTE  DER  MATHEMATIK 


MORITZ  CANTOR. 


ERSTER  BAND. 

VON  DEN  ÄLTESTEN   ZEITEN  BIS  ZUM  JAHRE    1200  N.  CHR. 
MIT    114   FIGUREN   IM   TEXT    UND    1    LITHOGR.  TAFEL. 

ZWEITE  AUFLAGE. 


LEIPZIG, 

DRUCK  UND  VERLAG  VON  B.  C.  TEUBNER. 

1894. 


ALLE  EECHTE, 
EINSCHLIESSLICH  DES  ÜBEESETZUNGSEECHTS,  VOEBEHALTEN 


Vor  wort. 


Langsamer,  als  es  ursprüuglicli  in  meiner  Absicht  lag,  ist  der 
zweite  Band  meiner  Vorlesungen  über  Geschichte  der  Mathematik 
dem  ersten  Bande  nachgefolgt.  Rascher,  als  ich  es  hoffen  konnte, 
folgte  dem  Erscheinen  des  zweiten  Bandes  die  Nothwendigkeit  den 
ersten  Band  in  neuer  Auflage  zum  Drucke  zu  bringen,  und  ihr  zu 
Liebe  musste  ich  die  Arbeit  an  dem  dritten  Bande,  dessen  erster  bis 
zum  Jahre  1700  reichender  Abschnitt  niedergeschrieben  ist,  unter- 
brechen. In  den  13  Jahren,  welche  nunmehr  verflossen  sind,  seit  der 
erste  Abdruck  des  ersten  Bandes  der  Oeffentlichkeit  übergeben  wurde, 
haben  zahlreiche  LTntersuchungen  zum  Theil  von  altbewährten  Mit- 
arbeitern auf  dem  geschichtlichen  Gebiete,  zum  anderen  Theile  von 
neu  auftretenden  jüngeren  Forschern  ausgeführt,  gar  manche  früher 
zweifelhafte  Dinge  bereinigt,  wie  auch  neue  Zweifel  an  ehedem  für 
gewiss  Erachtetes  heraufbeschAvoren.  Es  ist  vielleicht  nicht  ganz 
unberechtigt,  wenn  mit  der  Freude  über  solche  Förderung  auf  dem 
Wissensgebiete,  dessen  Bearbeitung  mir  Lebenszweck  geworden  ist, 
ein  gewisser  Stolz  sich  vereinigt,  wenn  ich  mir  einbilde,  meifte  eigenen 
Arbeiten  hätten  den  Anstoss  zu  der  so  plötzlich  erwachten  regeren 
Thätigkeit  gegeben.  Doch  sei  dem,  wie  da  wolle,  eine  Ueberzeugung 
wird  der  Leser  dieser  neuen  Auflage  gewinnen:  dass  ich  bestrebt 
gewesen  bin,  alles  mir  zugänglich  Gemachte  aus  den  letzten  13  Jahren, 
zum  Theile  bis  in  die  Druckzeit  selbst,  zu  verwerthen,  bald  indem 
ich  die  neuen  Ergebnisse  einfach  übernahm,  bald  indem  ich  sie, 
ohne  mich  ihnen  anzuschliessen,  nur*erwähute. 

Darf  ich  mit  einer  Bitte  und  einem  Wunsche  schliessen,  so  gehe 
erstere  dahin,  es  mögen  Gegner  und  Anhänger  auch  die  neue  Auf- 
lage unbefangen  zu  würdigen  suchen,  letzterer  daiiin,  dass  abermals 
neue  und  immer  neue  Mitarbeiter  das  Feld  umzugraben  und  zu  be- 
bauen sich  finden  mögen.  Noch  ist  es  bei  Weitem  nicht .  erschöpft, 
noch  lohnt  auf  ihm  die  Arbeit. 

Heidelberg,  December  1893. 

Moritz  Cautor. 


Inhaltsverzeichniss. 


Seite 

Einleitung •   .    .  1 — 16 

I.  Aegypter , 17 — 72 

1.  Kapitel.     Die  Aegypter.    Arithmetisches 19 

2.  Kapitel.     Die  Aegypter.     Geometrisches  52 

IL  Babylonier 73—104 

3.  Kapitel.     Die  Babylonier 75 

III.  Griechen 105—482 

4.  Kapitel.  Die  Griechen.  Zahlzeichen.  Pingerrechnen.  Rechenbrett  107 

5.  Kapitel.     Thaies  und  tlie  älteste  griechische  Geometrie     ...  124 

6.  Kapitel.     Pythagoras  und  die   Pythagoräer.     Arithmetik   .    .    .  137 

7.  Kapitel.     Pythagoras  und  die  Pythagoräer.     Geometrie     .    .    .  159 

8.  Kapitel.     Mathematiker  ausserhalb  der  pythagoreischen  Schule  175 
.    'J.Kapitel.     Mathematiker  ausserhalb  der  pythagoräischeu  Schule. 

Hippokrates  von  Chios 188 

10.  Kapitel.     Piaton 201 

11.  Kapitel.     Die  Akademie.     Aristoteles 222 

12.  Kapitel.     Alexan  dria.     Die  Elemente  des  Euklid 244 

13.  Kapitel.     Die  übrigen  Schriften  des  Euklid    ....*..•..*        263 

14.  Kapitel. '  Archimedes  und  seine  geometrischen  Leistungen  280 

15.  Kapitel.     Die  übrigen  Leistungen  des  Archimedes 295 

16.  Kapitel.     Eratosthenes.     Apollonius  von  Pergä 312 

17.  Kapitel.     Die  Epigonen  der  grossen  Mathematiker 333 

18.  Kapitel.     Heron  von  Alexandria 347 

19.  Kapitel.     Heron  von  Alexandria  (Fortsetzung) 361 

20.  Kapitel.     Geometrie  und    Trigonometrie  bis  zu  Ptolemäus  .   .  378 

21.  Kapitel.    Neupythagoräische  Arithmetiker.  Nikomachus.  Theon  398 

22.  Kapitel.     Sextus   Julius    Ai'ricanus.      Pappus   von  Alexandria  •      409 

23.  Kapitel.     Die  Neuplatoniker.     Diophantus  von  Alexandria  .    .  427 

24.  Kapitel.     Die  griechische  Mathematik  in  ihrer  Entartung  .    .  457 

IV.  Römer 483—552 

25.  Kapitel.     Aelteste  Rechenkunst  und  Feldmesäung      485 

26.  Kapitel.     Die  lUüthezeit  der  römischen  Geometrie.     Die  Agri- 
mensoren      502 

27.  Kapitel.     Die  spätere  mathematische  Literatur  der  Römer     .  522 

V.  Inder 553— G18 

28.  Kapitel.     Einleitendes.     Elementare  Rechenkunst 565 

29.  Kapitel.     Höhere  Rechenkunst.     Algebra 573 

30.  Kapitel.     Geometrie  und  Trigonometrie        595 


Inllaltsverzeiclmi^8.  VII 

Seite 

VI.  Chinesen 619-648 

31.  Kapitel.     Die  Mathematik   der  Chinesen 621 

VII.  Araber 649—768 

32.  Kapitel.     Einleitendes.     Arabische  Uebersetzer 651 

33.  Kapitel.       Arabische    Zahlzeichen.       Muhamnietl    ihn    Müsä 
Alchwarizmi ^ 665 

34.  Kapitel.     Die  Mathematiker  unter  den  Abbasiden.     Die  Geo- 
meter  unter  den  Bujiden 690 

35.  Kapitel.    Zahlentheoretiker,  Rtchner,  geometrische  Algebraiker 

von  950  etwa  bis  1100 707 

36.  Kapitel.      Der    Niedergang    der    ostarabischen    Maithematik. 
Aegyptische  Mathematiker      733 

37.  Kapitel.     Die  Mathematik  der  Westaraber 746 

VIII.  Klostergelehrsamkeit  des  Mittelalters   . 769 — 857 

38.  Kapitel.     Klostergelehrsamkeit  bis  zum  Ausgange  des  X.  Jahr- 

hunderts   771 

39.  Kapitel.     Gerbert 797 

40.  Kapitel.     Abacisten  und  Algorithraiker  824 


Einleitiiiig. 


Caktor,  Geschichte  der  Mathematik  1.  2.  Aufl. 


Längst  war  der  Erdball  so  weit  erkaltet,  dass  auf  der  festge- 
wordenen Oberfläche  Organismen  sich  entwickeln  konnten.  In  Zeit- 
räumen, deren  jeder  weitaus  die  Spanne  übertrifft,  welche  wir  mit 
dem  stolzen  Namen  der  Geschichte  belegen  —  als  ob  nur  durch  den 
Menschen  Etwas  geschehen  könnte!  —  hatten  neue  und  neue  Arten 
lebender  Wesen  sich  abgelöst.  Jetzt  erschien  der  Mensch,  ausge- 
zeichnet durch  Entwicklungsfähigkeit  vor  allen  anderen  Geschöpfen, 
hilflos  wie  keines  in  das  Leben  tretend,  mächtig'  wie  keines  auf  dem 
Gipfel  seiner  Ausbildung. 

Der  einzelne  Mensch  liefert  nur  das  verkleinerte  Bild  des  Menschen- 
geschlechtes. Die  Entwicklung  des  Menschengeistes  hat  in  den,  Völker 
genannten,  Gesammtheiten  stattgefunden,  und  ihre  auf  einanderfolgen- 
den  Stufen  zu  vergleichen  ist  von  spannender  Anziehung. 

Eines  dürfen  wir  freilich  bei  Anerkennung  der  Aehnlichkeit  der 
Entwicklung  des  Einzelmenschen  mit  der  des  Menschengeschlechtes 
nicht  ausser  Augen  lassen.  Das  Kind  lernt  vom  Tage  seiner  Geburt 
an  durch  Menschen.  Das  Menschengeschlecht  begann  damit  von 
niedrigeren  Geschöpfen  lernen  zu«  müssen.  Werden  doch  wohl  Thiere 
sein  Vorbild  gewesen  sein,  aus  deren  Beispiel  er  entnahm,  wie  mau 
den  Durst,  den  Hunger  stille,  wie  man  in  Höhlen  Schutz  suche  vor 
der  Unbill  der  Witterung,  wie  man  zur  Wehr  sich  setze  gegen  feind- 
lichen Angriff.  Aber  der  Mensch  war  schwächeren  Körpers  als  seine 
Lehrmeister.  Ihm  war  nicht  eine  dichtere  Behaarung  während  der 
kälteren  Jahreszeiten  gegeben.  Er  konnte  nicht  mit  Händen  und 
Zähnen  des  Bären  oder  der  Hyäne  Herr  werden,  denen  er,  die  ihm 
den  Aufenthalt  streitig  machten.  Und  seine  Schwäche  wurde  seine 
Stärke.  Er  musste  denken!  Er  musste  erfinden,  wenn  er  leben  wollte. 
Er  musste  von  der  ihm  äusserlich  gebotenen  Erfahrung  weiter  schreiten. 
Das  Thier  führte  ihn  zum  Baume  der  Erkenntniss,  die  Frucht  des- 
selben pflückte  er  selbst. 

Mit  dem  Gedanken  war  das  Bedürfniss  der  Mittheilung  derselben 
erwacht,  die  Sprache  entstand.  Der  Mensch  lernte  den  Menschen 
verstehen,  nicht  nur  in  dem  Sinne  wie  das  Thier  das  Thier  versteht, 
nicht  nur,  wo  es  den  Ausdruck  besonders  starker  Empfindungen  durch 
Tonbildung  galt,  sondern  wo  bestimmte  Ereignisse  oder  gar  Begriffe. 

1* 


4  Einleitung. 

zur  Kenntniss  des  Anderen  gebracht  werden  sollten.  Freilich  begann 
die  Sprachbildimg  nicht  erst,  als  die  Begriffsbildung  abgeschlossen 
war.  Ist  doch  Erstere  wie  Letztere  bis  auf  den  heutigen  Tag  noch 
im  Flusse.  Die  beiden  Thätigkeiten  gingen  offenbar  neben  einander 
einher,  und  selbst  Begriffe,  welche  einer  und  derselben  Gedanken- 
reihe entstammen,  sind  mit  ihrer  lautlichen  Versinnlichung  als  zu 
verschiedenen  Zeiten  entstanden  zu  denken.  Für  das  Sprachliche  an 
dieser  Behauptung  ist  es  nicht  schwer  den  Beweis  zu  führen,  auch 
nur  unter  Zuziehung  solcher  Wörter,  die  dem  Mathematiker  von 
ältester  und  hervorragendster  Wichtigkeit  sind;  wir  meinen  die 
Z  ahlwörter. 

Zählen,  insofern  damit  nur  das  bewusste  Zusammenfassen  be- 
stimmter Einzelwesen  gemeint  ist,  bildet,  wie  scharfsinnig  hervor- 
gehoben worden  ist^),  keine  menschliche  Eigenthümlichkeit;  auch  die 
Ente  zählt  ihre  Jungen.  Diesem  niedersten  Standpunkte  ziemlich 
nahe  bleibt  das,  was  von  einem  südafrikanischen  Stamme  berichtet 
wird^),  dass  während  wenige  weiter  zählen  können  als  zehn,  dessen 
ungeachtet  ihre  Vorstellung  von  der  Grösse  einer  Heerde  Vieh  so 
bestimmt  ist,  dass  nicht  ein  Stück  daran  fehlen  darf,  ohne  dass  sie  es 
sogleich  merkten.  „Wenn  Heerden  von  400  bis  500  Rindern  zu  Hause 
getrieben  werden,  sieht  der  Besitzer  sie  hereinkommen  und  weiss  be- 
stimmt ob  einige  fehlen,  wie  viel  und  sogar  welche.  Wahrscheinlich 
haben  sie  eine  Art  zu  zählen,  bei  welcher  sie  keine  Worte  brauchen 
und  wovon  sie  nicht  Rechenschaft  zu  geben  wissen,  oder  ihr  Gedächt- 
niss  erlangt  für  diesen  einzelnen  Gegenstand  durch  die  Uebung  eine 
so  ungemeine  Stärke."  Ohne  nach  so  fernen  Gegenden  unseren  Blick 
zu  richten,  können  wir  ähnliche  Erfahrungen  täglich  an  ganz  kleinen 
Kindern  machen,  welche '  sofort  wissen,  wenn  von  Dominosteinen  etwa, 
mit  denen  sie  zu  spielen  gewohnt  sind,  ein  einzelner  fehlt,  während 
sie  sich  und  anderen  über  die  Anzahl  ihrer  Steine  noch  nicht  Rechen- 
schaft- zu  geben  wissen.  Sie  kennen  eben  die  Einzel-Individuen  als 
einzelne,  nicht  als  Theile  einer  Gesammtheit,  und  ihr  Gedächtniss  ist 
für  die  Erinnerung  an  Angeschautes  um  so  treuer,  je  weniger  andere 
Eindrücke  es  zu  bewahren  hat.  In  der  Sprache  drückt  sich  diese 
Individualisirung  nicht  selten  dadurch  aus,  dass  dieselbe  Anzahl  je  nach 

*)  H.  Hanke  1,  Zur  Geschiebte  der  Mathematik  im  Alterthum  und  Mittel- 
alter. Leipzig,  1874.  S.  7,  Wir  citiren  dieses  Buch  künftig  immer  als  Hankel. 
-)  Pott,  Die  quinärc  und  vigesimale  Zilhlmethode  bei  Völkern  aller  Weltth eile. 
Halle,  1847.  S.  17.  Dieses  Buch  citiren  wir  in  der  ganzen  Einleitung  als  Pottl, 
wiVhrend  Pott  II  die-  Schrift  desselben  Verfassers:  Pott,  die  Sprachverschieden- 
beit  in  Europa  an  den  Zahlwörtern  nachgewiesen,  sowie  die  quinäre  und  vige- 
simale Zählmethode.     Halle,  1868.     bedeuten  soll. 


Einleitung.  5 

den  gezählten  Dingen  einen  anderen  Namen  führt,  wie  es  bei  manchen 
oceanischen  Völkerstämmen,  aber  auch  für  Sammelwörter  im  Deutschen 
vorkommt,  wenn  man  von  einer  Heerde  Schaafe,  von  einem  Rudel 
Hirsche,  von  einer  Flucht  Tauben,  von  einer  Kette  Feldhühner,  von 
einem  Zug  Schnepfen,  von  einem  Schwärm  Bienen  zu  reden  pflegt^). 
Das  eigentliche  Zählen,  das  menschliche  Zählen,  wenn  man  so 
sagen  darf,  setzt  voraus,  dass  die  Gegenstände  als  solche  gleichgiltig 
geworden  sind,  dass  nur  das  getrennte  Vorhandensein  unterschiedener 
Dinge  begrifflich  erfasst,  dann  sprachlich  bezeichnet  werden  soll. 
Es  liegt  darin  bereits  eine  keineswegs  unbedeutende  Aeusserung  der 
Fähigkeit  zu  verallgemeinern,  zugleich  auch  eine  ihrer  frühsten  Aeusse- 
rungen,  denn  die  Zahlwörter  gehören  zu  den  ältesten  Theilen  des 
menschlichen  Sprachschatzes.  In  ihnen  lassen  sich  oft  noch  Aehnlich- 
keiten,  mithin  Beweise  alter  Stammesgemeinschaft  später  getrennter 
•Völker  auffinden,  während  kaum  andere  Wörter  auf  die  gleiche  Zeit 
eines  gemeinsamen  Ursprunges  zurückd^uten.  Und  was  war  nun  der 
ursprüngliche  Sinn  dieser  ältesten,  der  Entstehungszeit  wie  dem  Inhalte 
nach  ersten  Zahlwörter?  Die  Annahme  hat  gewiss  viel  für  sich,  dass 
sie  anfänglich  nicht  Zahlen,  sondern  ganz  bestimmte  Gegenstände  be- 
deuteten, sei  es  nun,  dass  man  von  der  eigenen,  von  der  augeredeten, 
von  der  besprochenen  Persönlichkeit,  also  von  den  Wörtern:  ich,  du, 
er  ausging,  um  aus  ihnen  den  Urklang  für:  eins,  zwei,  drei  zu  ge- 
winnen^), sei  es,  dass  man  von  Gliedmaassen  seines  Körpers  deren 
Anzahl  entnahm^):  „Es  war  dem  Menschen  ohne  Zweifel  ein  eben 
so  interessantes  Bewusstsein  fünf  Finger  als  zwei  Hände  oder  zwei 
Augen  zu  haben;  und  das  Interesse  an  dieser  Kenntuiss,  welche  ein- 
mal einer  Entdeckung  bedurfte,  war  ihm  der  Schöpfung  eines  zu  deren 
Zählung  eigens  verwendbaren  Ausdruckes  wohl  werth;  von  hier  aus 
mag  der  Gebrauch  auf  andere  zu  zählende  Dinge  übertragen  worden 
sein,  zunächst  auf  solche,  bei  denen  es  auffallen  mochte,  dass  sie  in 
ebenso  grosser  Zahl  vorhanden  waren,  als  die  Hand  Finger  hat."  W^ir 
wiederholen  es,  solche  Annahmen  haben  viel  für  sich,  sie  tragen  ihre 
beste  Empfehlung  in  sich  selbst,  aber  leider  auch  ihre  einzige.  Die 
Sprachforschung  hat  nicht  vermocht  deren  Bestätigung  zu  liefern, 
oder  vielmehr  Jeder,  der  mit  der  Deutung  der  Zahlwörter  sich  be- 
fasste,  hat  aus  ihnen  diejenigen  Zusammenhänge  zu  erkennen  gewusst, 
welche  seiner  Annahme  entsprachen,  lauter  vollgelungene  Beweise, 
wenn  man  den  Einen  hört,  sich  gegenseitig  vernichtend,  wenn  man 
bei  Mehreren  sich  Rath  holt,    und    dieser  Mehreren    sind    obendrein 


')  Pott  r,  S.  126.     2)  Pott  I,  S.  119.     =')  L.   Geiger,   Ursprung  und  Ent- 
wickelung  der  menschlichen  Sprache  und  Vernunft.     1868.     Bd.  I,  S.  319. 


g  Einleitung. 

recht  viele.  Sind  demuach  die  eigentlichen  Fachmänner  über  Ursprung 
der  ältesten  einfachen  Zahlwörter  im  Hader,  so  müssen  wir  um  so 
mehr  darauf  verzichten,  auf  die  noch  keineswegs  erledigten  Fragen 
hier  einzugehen.  Einige  Sicherheit  tritt  erst  bei  Besprechung  der 
abgeleiteten,  also  jüngeren  Zahlwörter  hervor.     . 

Es  ist  leicht  begreiflich,  dass  auch  die  regste  Einbildungskraft, 
das  stärkste  Gedächtniss  es  nicht  vermochten,  für  alle  auf  einander 
folgenden  Zahlen  immer  neue  Wörter  zu  bilden,  zu  behalten.  Man 
musste  mit  Nothwendigkeit  sehr  bald  zu  gewissen  Zusammensetzungen 
schreiten,  welchen  die  Entstehungs weise  einer  Zahl  aus  anderen  zu 
Grunde  liegt,  welche  uns  aber  damit  auch  schon  einen  unumstöss- 
lichen  Beweis  für  die  hochwichtige  Thatsache  liefern:  dass  zur  Zeit, 
als  die  meisten  Zahlwörter  erfunden  wurden,  der  Mensch  von  dem 
einfachsten  Zählen  bereits  zum  Rechnen  vorgeschritten  war. 

Das  älteste  Rechnen  dürfte  durch  ein  gewisses  Anordnen  ver- 
mittelt worden  sein,  sei  es  der  Gegenstände  selbst,  denen  zu  Liebe 
man  die  Rechnung  austeilte,  sei  es  anderer  leichter  zu  handhabender 
Dinge.  Kleine  Stein chen,  kleine  Muscheln  können  die  Vertretung 
übernommen  haben,  wie  sie  es  noch  heute  bei  manchen  Völkerschaften 
thun,  und  diese  Marken,  diese  Rechenpfennige  würde  man  heute  sagen, 
Averden  in  kleinere  oder  grössere  Häufchen  gebracht,  in  Reihen  ge- 
legt das  Zusammenzählen  ebenso  wie  das  Theilen  einer  gegebenen 
Menge  wesentlich  erleichtert  haben.  So  lange  man  es  nur  mit  kleinen 
Zahlen  zu  thun  hatte,  trug  man  sogar  das  leichteste  Versinnlichungs- 
mittel  stets  bei  sich:  die  Finger  der  Hände,  die  Zehen  der  Füsse. 
Man  reichte  freilich  unmittelbar  damit  nicht  weit,  und  Völkerschaften 
des  südlichen  Afrika  zeigen  uns  gegenwärtig  noch,  wie  genossen- 
schaftliches Zusammenwirken  die  Schwierigkeit  besiegt,  mit  nur  zehn 
Fingern  grössere  Anzahlen  sich  zu  versinnlichen  ^) :  „Beim  Aufzählen, 
wenn  es  über  Hundert  geht,  müssen  in  der  Regel  immer  drei  Mann 
zusammen  die  schwere  Arbeit  verrichten.  Einer  zählt  dann  an  den 
Fingern,  welche  er  einen  nach  dem  andern  aufhebt  und  damit  den 
zu  zählenden  Gegenstand  andeutet  oder  Avomöglich  berührt,  die  Ein- 
heiten. Der  Zweite  hebt  seine  Finger  auf  (immer  mit  dem  kleinen 
Finger  der  linken  Hand  beginnend  und  fortlaufend  bis  zum 
kleinen  Finger  der  Rechten)  für  die  Zehner,  so  wie  sie  voll 
Averden.     Der  Dritte  figurirt  für  die  Hunderte." 

Die  hierbei  festgehaltene  Ordnung  der  Finger  mag  mag  nun  er- 
klären wollen,  wie  es  auch  sei'),  sie  findet  statt  und  wird  uns  im  Ver- 


*)  Schrumpf  in    der  Zeitschrift  der  deutschen  morgcnländischen   Gesell 
Schaft  XVI,  463.     '-)  Pott  II,  S.  46,  aber  auch  S.  31  und  42. 


Einleitung.  7 

laufe  der  Untersuchimgeii  als  Grundlage  des  sogen.  Fing  er  reck  iiens 
noch  mehr  als  einmal  begegnen.  Sie  wird  sogar  abwechselnd  mit 
der  entgegengesetzten  Ordnung  benutzt,  um  einem  Einzelnen  zu  er- 
möglichen beliebig  viele  Gegenstände  abzuzählen.  Ist  nämlich  mit 
dem  kleinen  Finger  der  rechten  Hand  die  Zehn  erfüllt  worden,  so 
beginnt  mit  eben  demselben  allein  aufgehoben  die  nächste  Zehnzahl, 
um  diesesmal  nach  links  sich  fortzusetzen,  d.  h.  der  kleine  Finacer 
der  linken  Hand  vollendet  die  Zwanzig  und  wird  zugleich  auch  wieder 
Anfang  der  nächsten  Zehnzahl  u.  s.  f.  Natürlich  muss  bei  dieser 
Zahlenangabe,  wenn  es  nicht  um  ein  allmäliges  Entstehen,  sondern 
um  ein  einmaliges  Ausdrücken  einer  Zahl  sich  handelt,  besonders  an- 
gedeutet werden,  dass  und  wie  oft  Zehn  vollendet  wurde,  was  etwa 
so  geschehen  kann  wie  bei  den  Zulukaffern^),  die  in  solchem  Falle  beide 
Hände  mit  ausgestreckten  Fingern  wiederholt  zusammenschlagen. 

Es  ist  wohl  zu  beachten,  dass  diese  letztere  Methode  der  Ver- 
sijnilichuiig  einer  Zahl,  einfacher  in  so  weit  als  sie  nur  die  Hände 
eines  Einzigen  beschäftigt ,  begrifflich  weit  unter  jener  anderen 
Methode  steht,  die  unmittelbar  vorher  gekennzeichnet  wurde  und  drei 
oder  gar  noch  mehrere  Darsteller  einer  Zahl  erfordert.  Der  Einzelne 
kommt  durch  die  Zehnzahl  der  menschlichen  Finger  allerdings  dazu, 
die  Gruppe  Zehn  als  eine  besonders  hervortretende  zu  erkennen,  aber 
wie  oft  diese  Gruppe  selbst  auch  erzeugt  werde,  jede  Neuerzeugung 
ist  für  ihn  der  anderen  ebenbürtig.  Ganz  anders  bei  der  Methode 
stufenmässiger  Darstellung  durch  mehrere  Personen.  Wie  der  Erste 
so  hat  der  Zweite,  der  Dritte  nur  je  zehn  Finger,  und  so  erscheint 
die  Gruppirung  von  zehn  Einern  zwar  zunächst,  aber  in  gleicher 
Weise  auch  die  von  zehn  Zehnern,  von  zehn  Hundertern.  Das  schein- 
bar umständlichere  Verfahren  führt  zu  dem  einfacheren  Gedanken, 
zum  Zahlensystem.  Wemi  von  einem  Schriftsteller-)  darauf  hin- 
gewiesen  worden    ist,    dass    die  Wiederholung    der  Zehnzahl  bis   zu 

10  mal    10   sich   bei   Erfüllung   der   nächsten    10    eben   so   wohl   zu 

11  mal  10  als  zu  10  mal  10  und  10,  in  Worten  eben  so  wohl  zu 
elfzig  als  zu  hundertzehn  fortsetzen  konnte,  und  dass  es  ein  besonders 
glücklicher  Griff  war,  der  fast  allen  Völkern  der  Erde  gelang,  so  weit 
ihre  Fassungskraft  überhaupt  bis  zum  Bewusstswerden  bestimmter ' 
höherer  Zahlen  ausreicht,  gerade  die  Wahl  zu  treffen,  welche  dem 
Zahlensystem  seine  Grundlage  gab,  so  ist  diese  feine  Bemerkung 
vielleicht  dahin  zu  ergänzen,  dass  auf  eine  der  hier  erörterten  nahe 
stehende  Weise  jene   glückliche  Wahl   eingeleitet   worden  sein   mag. 

Ueber    die   Grundzahlen    solcher  Zahlensvsteme  werden  wir    so- 


1)  Pott  II,  S.  47.     2)  Hankel,  S.  10—11. 


3  Einleitung. 

gleich  nöcli  reden.  Für's  Erste  halten  wir  daran  fest,  dass  Zahlen- 
systeme eine  allgemein  menschliche  Erfindung  darstellen,  in  allen 
bekannt  gewordenen  Sprachen  zu  einer  Grundlage  der  Bildung  von 
bald  mehr  bald  weniger  Zahlwörtern  benutzt,  indem  höhere  Zahlen 
durch  Vervielfältigung  von  niedrigeren  zusammengesetzt  werden  und 
bei  Benennmig  der  Zwischenzahlen  auch  Hinzufügungen  noch  noth- 
wendig  erscheinen.  Multiplication  und  Addition  sind  also 
zwei  Rechnungsverfahren  so  alt  wie  die  Bildung  der  Zahl- 
wörter. 

Das  Zahlensystem,  welches  wir  in  seinem  Entstehen  uns  zu  ver- 
gegenwärtigen suchten,  wurde,  sofern  es  auf  der  Grmidzahl  zehn 
fusste,  zum  Decimal System,  heute  wie  unserem  Zifferrecknen  so 
auch  in  unseren  Maassen,  Gewichten,  Münzen  fast  der  ganzen  ge- 
bildeten Erdbevölkerung  unentbehrlich.  Wir  haben  als  wahrscheinlich 
erkannt,  dass  es  nach  der  Zahl  der  Finger  sich  bildete,  aber  eben 
vermöge  dieses  Ursprunges  war  es  nicht  das  allein  mögliche.  Wie 
man  sämmtliche  Finger  durchzählen  konnte,  um  eine  Einheit  höheren 
Ranges  zu  gewinnen,  so  konnte  man  Halt  machen  nach  den  Fingern 
nur  einer  Hand,  man  konnte  neben  den  Fingern  der  Hände  die  Zehen 
der  Füsse  benutzten.  In  dem  einen  Falle  blieb  man  beim  Quinar- 
systeme,  in  dem   anderen  ging  man   zum  Vigesimalsystem  über. 

Ein  strenges  Quinarsystem  würde,  wie  leicht  ersichtlich,  5  mal 
5  oder  25,  5  mal  5  mal  5  oder  125  u.  s.  w.  als  Einheiten  höheren 
Ranges  nächst  der  5  selbst  besitzen  müssen,  welche  durch  einfache 
oder  auch  zusammengesetzte  Namen  bezeichnet  mit  .den  Namen  der 
Zahlen  1,  2,  3,  4  sich  vereinigen,  um  so  alle  zwischenliegende  Zahlen 
zu  benennen.  Ein  solches  strenges  Quinarsystem  gibt  es  nicht  ^). 
Dagegen  gibt  es  Quinarsysteme  in  beschränkterem  Sinne  des  Wortes, 
wenn  zur  Benutzung  dieses  Wortes  schon  der  Umstand  als  genügend 
erachtet  wird,  dass  die  fünf  bei  allmäliger  Zahleubildung  einen  Ruhe- 
punkt gewähre,  von  dem  aus  eine  weitere  Zählung  wieder  anhebt. 

Was  dem  entsprechend  von  einem  strengen  Vigesimalsysteme  zu 
verlangen  ist,  leuchtet  gleichfalls  ein:  ein  solches  muss  die  Grund- 
zahl 20  durchhören  lassen,  muss  die  Einheit  höheren  Ranges  20  mal 
20  oder  400,  vielleicht  auch  noch  höhere  Einheiten  unter  besonderen 
Namen  besitzen.  Sprachen,  in  welchen  dieses  System  massgebend 
ist,  hat  man  mehrfach  gefunden.  Die  Mayas  in  Yukatan'"^)  haben 
eigene  Wörter  für  20,  400,  8000,  160000.  Die  Azteken  in  Mexiko '^ 
hatten  wenigstens  besondere  Wörter  für  20,  400,  8000   mit  der  Ur- 


')  Pott  II,  S.  .^5  und  IG  in  den  Anmerkungen.     -)  Tott  I,  S.  93.     ^)  Pott  I, 
S.  07  -  98. 


Einleitung.  9 

bedeutung:  das  Gezählte,  das  Haar,  der  Beutel,  wobei  auffallend  er- 
scheinen mag,  dass  das  Haar  eine  verhältnissmässig  niedrige  Zahlen- 
bedeutung hat,  während  es  in  caraibischen  Sprachen^)  weit  überein- 
stimmender mit  der  Wirklichkeit  eine  sehr  grosse  Zahl  auszudrücken 
bestimmt  ist.  Noch  andere  Beispiele,  eines  bemerkbaren  mehr  oder 
minder  durchgeführten  Vigesimalsystems  hat  vornehmlich  Pott,  dem 
wir  hi€r  fast  durchweg  folgen,  in  Fülle  gesammelt.  -Wir  erwähnen 
davon  nur  als  den  Meisten  unserer  Leser  zweifellos  bekannt  die 
Ueberreste  eines  keltischen  Vigesimalsystems  in  der  französischen 
Sprache  in  Wörtern  wie  quatrevingts,  sixvingts,  quinzevingta'^).  Von 
dänischen  Ueberresten  eines  Systems,  in  welchem  Vielfache  von  20 
eine  Rolle  spielen,  ist  weiter  unten  in  etwas  anderem  Zusammenhange 
die  Rede. 

Den  Ursprung  der  drei  Systeme,  deren  Grundzahlen  5,  10,  20 
heissen,  haben  wir  oben  in  die  Finger  und  Zehen  des  Menschen  ver- 
legt. Auch  dafür  sind  sprachliche  Anklänge  vorhanden.  Zwischen 
den  Wörtern  für  5  und  für  Hand  ist  in  manchen  Sprachen  völlige 
Gleichheit,  in  anderen  nahe  Verwandtschaft^).  Alsdann  darf  man 
aber  wohl  ami-ehmen,  dass  es  früher  wünschenswerth  war  die  Glieder 
des  eigenen  Körpers  zu  benennen,  als  Zahlwörter  zu  bilden,  dass  also 
5  von  Hand  abgeleitet  wurde,  nicht  umgekehrt.  Das  Wort  für  10 
heilst  in  der  Corasprache*)  (einem  amerikanischen  Idiome)  so  viel 
wie  Darreichung  der  Hände,  und  dass  ein  und  dasselbe  Wort  20  und 
Mensch  bedeutet  kommt  mehrfach  vor'').  Ob  freilich,  wie  Manche 
wollen,  auch  das  deutsche  zehn  mit  den  Zehen,  das  lateinische  decem 
mit  digiti  in  Verbindung  gebracht  werden  darf,  darüber  gehen  die 
Meinungen  weit  auseinander,  und  Pott,  unser  Gewährsmann,  steht 
auf  der  Seite  der  Verneinenden.  Jedenfalls  ist  aber  schon  durch  die 
erwähnten  Beispiele  ein  innerer  Zusammenhang  der  drei  genannten 
Systeme  unter  einander  und  mit  den  menschlichen  Extremitäten  hin- 
länglich unterstützt.  Gibt  es  nun  Sprachen,  in  welchen  auch  andere 
Grundzahlen  als  5,  10  oder  20  sich  nachweisen  lassen? 

Wenn  man  gesagt  haf),  dass  kein  Volk  auf  der  ganzen  Erde 
je  von  einer  anderen  Grundzahl,  als  einer  der  genannten  aus,  sein 
Zahlensystem  mit  einiger  Consequenz  ausgebildet  habe,  so  ist  dieser 
Ausspruch  entschieden  allzu  verneinend,   selbst  wenn   man  eiüeu  be- 


1)  Pott  II,  S.  68.  ')  Pott  i,  S.  88.  ^)  Pott  I,  S.  27  ^gg.  und  S.  128 
flgg.  führt  Beispiele  aus  oceanischen  Sprachen,  aus  dem  Sanskrit  und  dem  Heb- 
räischen an,  wenn  er  auch  den  letzteren  gegenüber,  die  von  Benary  und  Ewald 
herrühren,  sich  ziemlich  skeptisch  verhält.  ■»)  Pott  I,  S.  90.  "•)  Pott  I,  S.  92. 
«)•  Hankel,  S.  19. 


\()  Einleitung. 

sonderen  Nachdruck  auf  das  Wort  Consequeuz  legt,  dem  gegenüber 
die  Frage  erhoben  werden  möchte,  wo  demi  folgerichtige  Anwendung 
des  Quinarsystems  sich  finde? 

Allerdings  hat  man  einige  Gattungen  von  Zahlensysteitien  nur 
mit  Unrecht  nachweisen  zu  können  geglaubt.  Falsch  war  es,  wenn 
Leibniz  bei  den  Chinesen  ein  Binarsystem  annahm^).  Falsch  scheint 
Kohl  den  Osseten  im  Kaukasus  ein  Octodecimalsystem  zugeschrieben 
zu  haben''').  Dagegen  sind  andere  Angaben  doch  zu  wohl  beglaubigt, 
um  sie  ohne  Weiteres  leugnen  oder  todtschweigeu  zu  dürfen.  Die 
Neuseeländer  mit  ihrem  merkwürdigen  Undecimalsysteme^),  welches 
besondere  Wörter  für  11,  für  11  mal  11  oder  121,  für  11  mal  11  mal 
11  oder  1331  besitzt,  welches  12  durch  11  mit  1,  13  durch  11  mit  2, 
22  durch  2  mal  11,  33  durch  3  mal  11  u.  s.  w.  ausdrückt,  lassen 
sich  nicht  vornehm  bei  Seite  schieben.  Ob  der  Zeitraum  von  110 
Jahren,  nach  welchen,  wie  Höraz  im  21.  und  22.  Verse  seines  Carmen 
saccidarc  berichtet,  die  römische  Erinuerungsfeier  wiederkehrte,  der 
man  den  Namen  der  saeculareu  beilegte,  mit  einer  Vermengung  deci- 
maler  und  undecimaler  Zähl  weise  zusammenhängt,  bleilie  dahingestellt. 
Das  Wort  trioiiech  oder  3  mal  6  für  18  in  der  Sprache  der  Nieder- 
bretagner  ist  neben  dem  dennaiv  oder  2  mal  9  der  Welschen'')  für 
eben  dieselbe  Zahl  nun  einmal  vorhanden.  Die  Bolaner  oder  Bura- 
maner  an  der  Westküste  Afrikas^)  lassen,  wenn  sie  G  und  1  für  7, 
wenn  sie  2  mal  6  für  12,  wenn  sie  4  mal  G  für  24  sagen,  die  Grund- 
zahl 6  gleichfalls  durchhören.  Einige  assyrische  Zahlwörter  (7  und  8), 
auf  welche  wir  im  3.  Kapitel  zurückkommen  werden,  zeigen  dieselbe 
Abhängigkeit  von  6.  Und  wenn  der  Altfriese  120  mit  den  Worten 
tolf'tich  benannte  *"),  so  ist  das  sogar  ein  Hinweis  darauf,  dass  auch 
das  vorhin  als  menschlichem  Geiste  im  Allgemeinen  fremdverpönte 
elfzig  seine  Analogien  besitzt,  ist  es  zugleich  ein  Beispiel  für  ein 
eigenthümlich  gemischtes  System  mit  Decimal-  und  Duodecimalstufen 
wie  Skandinaven  und  Angelsachsen  es  theilweise  besassen'),  wie  eine 
verhältnissmässig  spätere  Wissenschaft  es  in  Babylon  einbürgerte, 
von  wo  es  als  Sexagesimalsystem  das  astronomische  Rechnen  aller 
Völker  durch  Jahrhunderte  beherrscht.  Die  Vermengung  decimalen 
und  duodecimalen  Zählens  könnte  auch  als  Stütze  der  Möglichkeit 
dienen,  welche  oben  für  decimale  und  undecimale  Zahlen  beansprucht 
wurde. 


')  M.  Cantor,  Mathematisclie  Beiträge  zum  Kulturleben  der  Völker. 
Halle,  1863.  S.  48  flgg.,  auch  S.  44.  Wir  citiren  dieses  Buch  künftig  immer 
als:  Math,  ßeitr.  Kulturl.  ^)  Kohl,  Reisen  in  Südrussland.  Bd.  II,  S.  216  und 
Pott  I,  S.  81.  =')  Pott  I,  S.  75  ^gg.  ■')  Pott  II,  S.  33.  ^)  Pott  II,  S.  80. 
«)  Pott  II,  S.  38.     ')  Math.  Beitr.  Kulturl.  S.  147. 


Einleitung.  1 1 

Das  Vorliandensein  von  Zahlensystemen,  deren  Grundzahl  nicht 
5  oder  Vielfaches  von  5  ist,  dürfte  daniit  nachgewiesen  sein. 
Aber  allerdings  bilden  dieselben  nur  Ausnahmen  von  seltenem,  ver- 
einzeltem Vorkommen.  Auch  eine  andere  Gattung  von  Ausnahmen 
gegen  früher  Erwähntes  müssen  wir  kurz  berühren.  Wir  haben 
hervorgehoben,  dass  die  Zwischenzahlen  zAvischen  den  Einheiten 
aufeinander  folgenden  Ranges  multiplikativ  und  additiv  gebildet 
werden;  wir  haben  daraus  auf  das  hohe  Alter  dieser  Rechnungs- 
verfahren geschlossen.  Es  gibt  jum  Sprachen,  welche  die  Bildung 
der  Zahlwörter  auf  Subtraktionen  und  Divisionen  stützen,  wo- 
durch das  hohe  Alter  auch  dieser  Rechnungsverfahren  wenigstens 
bei  den  Völkern,  denen  jene  Sprachen  angehören,  gleichfalls  zur 
Möglichkeit  gelangt. 

Die  Subtraktion  wird  am  häufigsten  bezüglich  der  Zahlwörter 
eins  und  zwei  geübt  ^).  Dieses  entspricht  z.  B.  in  der  lateinischen 
Sprache  durchweg  dem  Gebrauch  bei  den  Zehnern.  Man  sagt  duodc- 
viginti,  d.  h.  2  von  20  für  18,  ebenso  tindecentum  1  von  100  für  09  u.  s.  w. 
Auch  im  Griechischen  wex'den  1  und  2  bei  den  Zehnern  zuweilen  ab- 
gezogen, wozu  das  Zeitwort  dstv  in  seiner  transitiven  wie  in  seiner 
intransitiven  Bedeutung  als  bedürfen  und  als  fehlen  angewandt 
wird.  So  drückt  man  58  aus  durch  dvotv  dsovTss  ii-^icovra  =  60 
welche  2  bedürfen,  49  durch  ivbg  Ösovrog  TtEVTtjxovra  =  50  woran 
1  fehlt,  und  ein  vereinzeltes  Vorkommen  von  9700  =  10  000,  welche 
oOO  bedürfen  tQiuxoöi'at'  ciTiodBovtu  [ivQia  wird  aus  den  Schriften  des 
Thukydides  angeführt^).  In  der  gemeinsamen  Stammsprache,  im 
Sanskrit,  ist  gleichfalls  eine  Subtraktion  mittelst  des  Wortes  iina 
(vermindert,  weniger)  im  Gebrauch.  Sei  es  nun,  dass  das  una  selbst 
allein  einem  Zahlwort  vorgesetzt  wird,  und  man  im  Gedanken  cka 
eins  hinzuhören  muss,  z.  B.  imavingsati ,  vermindertes  20  statt  19, 
oder  dass  das  cIm  wirklich  ausgesprochen  wird  und  sich  dabei  mit 
una  zu  ekona  zusammensetzt,  z.  B,  ekonasclmsclita,  um  1  vermindertes 
60  statt  59,  oder  dass  andere  Zahlen  als  1  abgezogen  Averden,  z.  B. 
pantsclionangsatam,  um  5  vermindertes   100  statt  95. 

Am  seltensten  dient  die  Division  zur  sprachlichen  Bildung  der 
Zahlwörter.  Hier  kommen  neben  den  sofort  verständlichen  Theilungen: 
ein  viertel  Hundert,  ein  halbes  Tausend  u.  s.  w.  namentlich  solche 
Wörter  in  Betracht,  welche  eine  nicht  voll  vorhandene  Einheit  zur 
Theilung  bringen.  Anderthalb,  dritthalb,  sechsthalb  besagen,  dass 
das  Andere,  d.  h.  Zweite,  dass  das  Dritte,  dass  das  Sechste  halb  zu 
nehmen   sei,  die  Existenz   des  Ersten,   der  2,  der  5  Vorhergehenden 


1)  Math.  Beitr.  Kulturl.  S.  157.     ")  Pott  I,  S.  181,  Anmerkung. 


12  Einleitung. 

als  selbstverstandeu  vorausgesetzt.  Verwandte  Bildungeu  sind  iu 
lateinisclier  und  in  griechisclier  Spraclie  sesquialtcr  =  iTiidevTSQog 
=  1 V2,  sesquitertnis  =  inCxQixog  =  1  y^,  sesquioctavus  =  iTcöydoog  =  V/^ 
u.  s.  w.  Besonderer  Hervorhebung  seheint  es  vrerth,  dass  die  dänische 
Sprache  in  Europa  und  im  fernen  Süden  und  Osten  die  Sprache  der 
Dajacken  und  Malaien  auf  den  nächsten  Zwanziger  beziehungsweise 
Zehner  übergreift,  um  ihn  hälftig  vorweg  zu  nehmen^).  Ein  altes 
Vigesimalsystem  in  deutlichen  Spuren  verrathend  (S.  9)  sagt  die  dänische 
Sprache  nicht  bloss  tresindstyve  oder  3  mal  20  für  60,  ßresindstyve 
oder  4  mal  20  für  80,  sondern  auch  Jialvtredsinstyve ,  halvfirdsindstyve 
für  50  und  70,  d.  h.  der  dritte,  der  vierte  Zwanziger,  welcher  bei  60, 
bei  80  voll  vorhanden  ist,  kommt  hier  nur  zur  Hälfte  in  Rechnung. 
Ja  man  hat  sogar  halvfemsindstyve  oder  fünfthalb  Zwanziger  für  90, 
während  100  nur  durch  hundrede  und  nie  durch  femsindstyve  aus- 
gedrückt wird.  Bei  den  Malaien  heisst  halb  dreissig,  halb  sechzig  es 
solle  von  dem  letzten,  also  hier  von  dem  dritten,  sechsten  Zehner 
nur  die  Hälfte  genommen  werden,  man  meine  also  25,  55. 

x\lle  diese  Theilungen  in  sich  schliessende  Ausdrücke  sind  ge- 
Aviss  merkwürdig,  eine  genaue  Einsicht  in  das  Alter  der  Division  ver- 
glichen mit  dem  Alter  der  Sprachbildung  geben  sie  uns  deshalb 
doch  nicht.  Es  sind  eben  Wörter  mit  Zahlenbedeutung,  aber  es  sind 
nicht  die  Zahlwörter!  Neben  ihnen  und  statt  ihrer  sind  auch  andere 
möglicherweise  viel  ältere  Ausdrücke  in  Gebrauch  und  lassen  die  Ent- 
stehungszeit der  jüngeren  Benennung  im  dichtesten  Dunkel.  Nicht 
anders  verhält  es  sich  mit  den  vorerwähnten  subtraktiven  Bildungen, 
zu  welchen  als  weiteres  Beispiel  bestimmter  Grenzpunkte,  auf  welche 
Vorhergehendes  ebenso  wie  Folgendes  belogen  wird,  die  Kalender- 
bezeichnung der  Römer  mit  ihren  Calenden,  Nonen  und  Iden  treten 
mag.  Entscheidend  dagegen  sind  die  subtraktiven  Zahlwörter  einiger 
Sprachen,  z.  B.  der  Kräheuindianer  in  Nordamerika^).  Bei  ihnen 
heissen  8  und  9  nie  anders  als  nöpape,  mnätajK',  d.  h.  wörtlich  2  da- 
von, 1  davon,  und  das  Wort  Zehn,  d.  h.  die  Anzahl  von  welcher  2, 
beziehungsweise  1  weggenommen  werden  sollen,  ist  als  selbstverständ- 
lich weggelassen.  Hier  kann  ein  Zweifel  kaum  walten:  die  Namen 
der  8  und  9  sind  erst  entstanden,  nachdem  der  Begriff  der  10  sich 
gebildet  hatte,  nachdem  das  Rechnungsverfahren  der  Subtraktion  er- 
funden war.  Mit  dieser  Bemerkung  kehren  wir  zu  unserer  früheren 
Behauptung  zurück  (S.  4),  zu  deren  Begründung  wir  die  ganze  Er- 
örterung über  Zahlwörter  und  über  die  ersten  Anfänge  des  Rechnens 
gleich  hier  anknüpfen  durften.    Die  Sprache  hielt  in  ihrer  Entstehung 

')  Pott  1,  S.  103  und  II,  S.  88.     ^)  Pott  II,  ö.  65. 


Einleitung.  13 

nicht  immer  gleichen  Schritt  mit  der  Entstehung  der  Begriffe.  .  Das 
aufeinander  folgende  Zählen  wurde  unterbrochen  durch  das  Bewusst- 
sein  nothwendiger  Zahlen  Verknüpfungen,  Sprünge  in  der  Erfindung 
der  Zahlwörter  sind  nahezu  sicher. 

Und  wieder  machte  der  menschliche  Erfindungsgeist  einen  Schritt 
vorwärts,  einen  Schritt,  zu  welchem  er  auch  nicht  die  geringste  An- 
regung von  aussen  erhielt,  der  ganz  aus  eigenem  Antriebe  erfolgend 
mindestens  ebenso  sehr  vsde  die  künstliche  Entfachung  des  Feuers  als 
wesentlich  menschlich,  als  keinem  anderen  Geschöpfe  möglich  aner- 
kaimt  werden  muss:  er  erfand  die  Schrift.  Bilderschrift,  so  nimmt 
man  gegenwärtig  wohl  ziemlich  allgemein  an,  war  die  erste,  Avelche 
dem  Spiegel  der  Rede  (wie  bei  einem  Negervolke  das  Geschriebene 
heisst)^)  den  Ursprung  gab.  Aber  mit  Bildern  allein  kam  man  nicht 
aus.  Neben  wirklichen  Gegenständen  mussten  Thätigkeiten ,  Eigen- 
schaften, Empfindungen  dem  künftigen  Wissen  aufbewahrt  werden. 
Die  Nothwendigkeit  symbolischer  oder  willkürlich  eingeführter  Zeichen 
für  diese  nicht  gegenständlichen  Begriffe  zwang  zur  Abhilfe.  So 
müssen  Begriffszeichen  entstanden  sein,  gemeinsam  mit  den  früheren 
Bildern  eine  Wortschrift  herstellend.  Jetzt  erst  —  aber  wer  weiss 
in  wie  langer  Zeit?  —  konnte  man  dahin  gelangen  in  dem  Ge- 
sprochenen nicht  nur  den  ganzen  Klang,  sondern  die  einzelnen  Laute, 
aus  welchen  er  sich  zusammensetzt,  zu  verstehen,  und  diese  Einzel- 
laute dem  Auge  zu  versinnlichen.  Die  Silben-  mid  Buchstabenschrift 
entstand.  Für  die  Zahlen  behielt  man  allgemein  das  Verfahren  bei, 
welches  in  anderer  Beziehung  sich  überlebt  hatte.  Inmitten  der 
Silben-,  der  Buchstabenschrift  treten  Zahlzeichen,  d.  h.  Wort- 
zeichen auf,  und  wer  ein  Freund  philosophischen  Grübelns  ist,  mag 
darüber  sinnen,  warum  grade  hier  eine  Ausnahme  sich  aufdrängte. 
Warum  hat  grade  das  mathematische  Denken  von  jeher  durch  Wort- 
zeichen, sei  es  durch  Zahlzeichen,  sei  es  durch  andere  sogenannte 
mathematische  Zeichen,  Unterstützung,  Erleichterung  und  Förderung 
gefunden?  Wir  stellen  die  Frage,  wir  wagen  nicht  sie  zu  beant- 
worten. Aber  die  Thatsache,  an  welche  wir  die  Frage  knüpften, 
steht  fest,  ebenso  wie  es  fest  steht,  dass  ein  Zahlenschreiben  in  älteste 
Kulturzeiten  hinaufreicht,  wo  dessen  Zeichen  inmitten  geschichtlicher 
Inschriften  vorkommen. 

Die  Verschiedenheit  der  Zahlzeichen  ist  eine  gewaltige.  Wir 
werden  in  mannigfachen  Kapiteln  dieses  Bandes  von  solchen  zu  reden 
haben  und  wünschen  nicht  vorzugreifen.  Aber  ein  Frincip  der  Zahlen- 
schreibung hat  sich  fast  überall  Bahn  gebrochen,  dessen  Entdeckung 

»)  Pott  I,  S.  18. 


1 4  Einleitung. 

dem  Scharfsinne  Hankel's')  um  so  grössere  Ebre  macht,  als  es  -trotz 
seiner  grossen  Einfachheit  stets  übersehen  worden  war.  Es  ist  das 
Gesetz  der  Grössenfolge,  wie  wir,  um  eine  kürzere  Redeweise 
zu  besitzen,  es  künftig  nennen  wollen,  und  besteht  darin,  dass  bei 
allen  additiv  vereinigten  Zahlen  das  Mehr  stets  dem  We- 
nio-er  vorausgeht").  Natürlich  ist  die  Richtung  der  Schrift  bei 
Prüfung  dieses  Gesetzes  wohl  zu  beachten,  und  wenn  bei  der  von 
links  nach  rechts  gehenden  Schrift  des  Abendlandes  der  Haupttheil 
der  Zahl  links  auftreten  muss,  so  ist  die  Stellung  bei  Zahlendarstellungen 
semitischen  Ursprunges  entgegengesetzt,  und  wieder  eine  andere, 
wenn,  wie  bei  den  Chinesen,  die  Schrift  in  von  oben  nach  unten 
gerichteten  Reihen  verläuft. 

Die  mathematischen  Begriffe,  bei  denen  wir  in  unserer  flüchtigen 
Betrachtung  der  Anfänge  menschlicher  Kulturentwickelung,  Anfänge, 
welche  selbst  Jahrtausende  in  Anspruch  genommen  haben  mögen,  zu 
verweilen  Gelegenheit  nahmen,  gehören  sämmtlich  dem  einen  Zweige 
der  Grössenlehre  an,  welcher  über  das  Wieviel?  der  neben  einander 
auftretenden  Dinge  das  Was?  derselben  vernachlässigt.  Es  ist  aber 
wohl  keinem  Zweifel  unterworfen,  dass  neben  Kenntniss  und  ein- 
fachster Verbindung  der  Zahlen  einfache  astronomische  wie  geo- 
metrische Begriffe  wach  geworden  sein  müssen. 

Wir  werden  der  Geschichte  der  Astronomie  grundsätzlich  fern 
bleiben,  um  nicht  den  schon  so  für  uns  fast  unbezwingbar  sich  ge- 
staltenden Gegenstand  unserer  Darstellung  ohne  Noth  zu  vergrössern, 
aber  zwei  Bemerkungen  können  wir  hier  nicht  unterdrücken.  Auf- 
gang und  Untergang  der  Soime  waren  gewiss  schon  in  den  Zeiten 
nomadischen  Wanderns  die  beiden  Marksteine,  die  Zeit  und  Raum 
in  Grenzen  schlössen.  Morgen  und  Abend,  Ost  und  West  waren 
Begriffepaare,  deren  Entstehung  wohl  nicht  früh  genug  angenommen 
werden  können.  Und  als  beim  Ansässigwerden  der  Völker  die  Soime 
zwar  immer  noch  ihre  Uhr,  aber  nicht  ihren  täglichen  Wegweiser 
bildete,  nach  deren  Stande  sie  sich  zu  richten  pflegten,  war  das 
Orientirungsgefühl  doch  noch  geblieben,  hatte  womöglich  an  Genauig- 
keit noch  zugenommen.  Am  Südende  des  Pfäffiker-Sees  in  der  Schweiz 
sind  Pfahlbauten  beobachtet  worden,  welche  genau  nach  den  Himmels- 
gegenden gerichtet  sind"),  und  jene  Bauten  reichen  jenseits  der  soge- 
naimten  Bronzezeit  in  eine  Periode  hinauf,  welche  nach  geologischer 


')  Haukel,  S.  '32.  *)  Uelter  Abweichungen  von  diesem  Gesetze  vergl. 
Kapitel  4.  •'')  Diese  Beobachtung-  rührt  von  Professor  Quincke  her,  der  uns 
freundlichst  gestattete,  von  dieser  seiner  mündlichen  Mittheilung  Gebrauch  zu 
machen. 


Einleitung.  15 

Schätzung  etwa  4000  Jahre  vor  Christi  Geburt  lag.  Von  ähnlichen 
Orientirungen  werden  wir  verschiedentlich  zu  reden  haben.  Die  Rich- 
tung nach  den  Himmelsgegenden  selbst  wird  uns  niemals  als  Beweis 
der  Üebertragung  von  Begriifen  von  einem  Volke  zum  andern  gelten 
dürfen.  Nur  die  Ermittlungsweise  dieser  Richtung  wird  zum  ge- 
nannten  Zwecke  tauglich  erscheinen. 

Auch  geometrische  Begriffe,  sagten  wir,  müssen  frühzeitig  ent- 
standen sein.  Körjper  und  Figuren  mit  geradliniger,  mit  krummliniger 
Begrenzung  müssen  dem  Auge  des  Menschen  aufgefallen  sein,  so- 
bald er  anfing  nicht  bloss  zu  sehen,  sondern  um  sich  zu  schauen. 
Die  Zahl  der  Ecken,  in  welchen  jene  Flächen,  jene  Linien  aneinander 
stossen,  wird  ihm  der  Bemerkung  werth  gewesen  sein,  wird  ihn  heraus- 
gefordert haben  jenen  Gebilden  Namen  zu  geben.  Vielleicht  ist  auch 
in  ältesten  Zeiten  und  in  gegenseitiger  Unabhängigkeit  an  vielen 
Orten  zugleich  beachtet  worden,  dafs  der  Arm  beim  Biegen  am  Ellen- 
bogen, das  Bein  beim  Biegen  am  Knie,  dafs  die  beiden  Beine  beim 
Ausschreiten  einen  Winkel  bilden,  und  der  Name  jeder  von  zwei 
einen  Winkel  bildenden  Linien  als  öxskog  bei  den  Griechen,  cnis  bei 
den  Römern,  Schenkel  bei  den  Deutschen,  leg  bei  den  Engländern, 
Jambe  bei  den  Franzosen,  huhu,  d.  h.  Arm  bei  den  Indern,  koii,  d.  h. 
Hüfte  bei  den  Chinesen,  der  Zusammenhang  ycövog  Winkel  mit  yovv 
Knie,  dieses  und  ähnliches  braucht  nicht  in  allen  Fällen  Üeber- 
tragung zu  sein.  Die  genannten  modernen  Namen  werden  allerdings 
kaum  anders  als  durch  Uebersetzung  aus  dem  Lateinischen,  wenn 
nicht  aus  dem  Griechischen  entstanden  sein,  aber  die  antiken  Wörter 
können  sehr  wohl  uraltes  Ero-ebniss  mehrfacher  Selbstbeobachtuno- 
sein,  uraltes  Wissen. 

Ist  nun  uraltes  Wissen  auch  uralte  Wissenschaft?  Muss  eine 
Geschichte  der  Mathematik  so  weit  zurückgreifen,  als  sie  noch  hoffen 
darf  mathematischen  Begriffen  zu  begegnen? 

Wir  haben  unsere  Auffassung,  unsere  Beantwortung  dieser  Fragen 
darzulegen  geglaubt,  indem  wir  diese  Einleitung  vorausschickten. 
Kein  Erzähler  hat  das  Recht  das  Brechen,  das  Zusammentraten  der 
ersten  Bausteine,  aus  welchen  Jahrhunderte  dann  ein  stolzes  Gebäude 
aufgerichtet  haben,  ganz  unbeachtet  zu  lassen;  aber  die  Bausteine 
sind  noch  nicht  das  Gebäude.  Die  Wissenschaft  beginnt  erzählbar 
erst  dann  zu  werden,  wenn  sie  Wissenschaftslehre  geworden  ist.  Erst 
von  diesem  Zeitpunkte  an  kann  man  hoffen  wirkliche  Ueberreste  von 
Regeln  und  Vorschriften  zu  finden,  welche  es  erlauben  mit  einiger 
Sicherheit  und  nicht  in  Allem  und  Jedem  dem  eigenen  Gedanken- 
fluge vertrauend  Bericht  zu  erstatten.  Mögen  Schriftsteller  früherer 
Jahrhunderte     ihre     eigentlichen     historisch  -  mathematischen    Unter- 


IQ  Einleitung. 

suchungen  mit  der  Schöpfung  begouiien  haben  den  Worten  der 
Schrift  folgend:  Aber  du  hast  alles  geordnet  mit  Maass,  Zahl  und 
Gewicht^).  Uns  beginnt  eine  wirkliche  Geschichte  der  Mathe- 
matik mit  dem  ersten  Schriftdenkmal,  welches  auf  Rechnung  und 
Figurenvergleichung  Bezug  hat. 


')  Weisheit  Salomo's  XI,  22. 


I.  Aegypter. 


Cantor.  Geschichte  der  Mathematik  I.     i.  Aufl. 


1.  Kapitel. 
Die  Aegypter.     Arithmetisches. 

Die  älteste  Literatur,  welche  gegenwärtig  in  einigermasseu  aus- 
giebigen üeberresten  bekannt  ist,  ist  die  ägyptische,  und  ihr  gehört 
auch  das  erste  mathematische  Handbuch  an,  mit  welchem  wir  uns 
zu  beschäftigen  haben.  Aegypten  sei  ein  Geschenk  des  Nils,  sagt 
Herodot^),  und  derselbe  Schriftsteller  leitet  an  einer  anderen  Stelle'''), 
die  uns  noch  beschäftigen  wird,  die  Erfindung  der  Geometrie  aus  der 
Nothwendigkeit  her,  die  in  Folge  der  Nijüberschwemmungen  verloren 
gegangenen  Begrenzungen  wieder  herzustellen.  Wirklich  ist  die  Kultur 
des  Landes,  wie  das  Land  selbst  ohne  jenen  Strom,  der  das  Erdreich 
herabgeschwemmt  hat  aus  den  Hochlanden  des  inneren  Afrikas,  nicht 
denkbar.  Die  alljährlich  wiederkehrende  Wasserfülle  bringt  in  gleicher 
Regelmässigkeit  grosse  Schlammmassen  mit  sich,  die  sie  dort,  wo 
der  Absturz  des  Stromes  an  Steilheit  abnimmt,  wo  das  Bett  der 
Ueberfluthung  offener  ist,  fallen  las  st.  Die  Wasser  verlaufen  sich, 
und  die  Sonne  Afrikas  härtet  den  neuen  Boden.  Auf  «das  mögliche 
Alterthum  des  bewohnten  und  angebauten  Schwemmlandes  wirft  es 
ein  gewisses  Licht,  dass  man  aus  dem  gegenwärtig  noch  wahrnehm- 
baren und  messbaren  Schlammabsatze  berechnet  hat,  dass  unter  gleichen 
Bedingungen  weit  über  70  Jahrtausende  nothwendig  wären,  um  die 
Entstehung  Aegypteus  in  seiner  jetzigen  Ausdehnung  zu  erklären^). 
Nehme  man  immerhin  an,  dass  ehemals  eine  viel  schnellere  Ver- 
grösserung  stattfand,  es  bleibt  unter  allen  Umständen  eine  Zahl  übrig, 
welche  nur  mit  der  sagenmässigen  Vergangenheit  chaldäischer  und 
chinesischer  Astronomie  in  Vergleich  zu  bringen  ist. 

Das  so  alte  Land  gewann  seine  Bevölkerung  nach  der  durch 
Diodor*)  überlieferten  Meinung  von  Süden  her  aus  Aethiopien,  wäh- 
rend der  biblische  Berichterstatter  Mizraim'')  den  Stammvater  der 
Aegypter,   einen  Enkel   Noahs,    aus   Chaldäa    einwandern  lässt.     Die 


1)  Herodot  II,  5.  ^)  Herodot  II,  109.  s)  Q  Maspero's  Geschichte  der 
morgenländischen  Völker  im  Alterthum  nach  der  zweiten  Auflage  des  Originals 
und  unter  Mitwirkung  des  Verfassers  übersetzt  von  Dr.  Richard  Pietsch- 
mann.  Leipzig,  1877,  S.  7.  Wir  citiren  dieses  vielfach  von  uns  benutzte  Buch 
als:  Maspero-Pietschmann.     ")  Diodor  III,  3-8.     ^)  1.  Moses  10,  G. 

2* 


20  1-  Kapitel. 

neuere  Forschung^)  liat  auf  Grundlage  ägyptischer  Denkmäler  selbst 
dem  östliclieu  Ursprünge  Sicherheit  verliehen,  hat  erkannt,  dass  die 
Kultur  jedenfalls  in  nordsüdlicher  Richtung  nilaufwärts  sich  ver- 
breitete, nicht  umgekehrt.  Die  ägyptische  Sprache  hält  man  gegen- 
wärtig für  eine  ältere  Schwester  der  semitischen  Sprachen.  Freilich 
muss  die  Treimung  erfolgt  sein,  als  beide  in  ihrer  Entwickelung  noch 
sehr  zurück  waren,  und  der  semitische  Stamm  muss  als  der  für 
Sprachbildung  befähigtere  angesehen  werden. 

Das  ägyptische  Reich  wurde  durch  XXX  auf  einander  folgende 
Dynastien  beherrscht.  Der  Gründer  der  I.  Dynastie  Mena,  Menes 
der  Griechen,  wird  auf  das  Jahr  4455  vor  Christi  Geburt  etwa  gesetzt, 
wobei  allerdings  nicht  unbemerkt  bleiben  darf,  dass  bei  diesen  ältesten 
Datirungen  eine  Unsicherheit  von  100,  auch  von  200  Jahren  als  selbst- 
verständlich gilt  und  als  Abweichung  in  den  Angaben  der  verschie- 
denen Gelehrten,  welche  sich  daran  versucht  haben,  kenntlich  wird. 
Mena's  Sohn  Teta  wird  schon  als  Gelehrter,  als  Verfasser  anato- 
mischer Schriften^),  genannt,  und  Nebka,  griechisch  Tosorthros, 
der  zweite  König  der  III.  Dynastie  um  3800,  trat  in  Teta's  Fuss- 
stapfen  und  verfasste  medizinische  Abhandlungen,  welche  4  Jahr- 
tausende nach  seiner  Regierung  noch  bekannt  waren  und  ihn  mit  dem 
griechischen  Gotte  der  Heilkunst,  mit  Asklepios,  in  eine  Persönlich- 
keit vereinigen  Hessen^).  Die  Könige  der  IV.  Dynastie,  seit  3686  am 
Ruder,  sind  die  bekannten  Pyramidenbauer  Chufu,  Chafrä,  Menkarä. 
Schon  in  ihrer  Zeit  muss  es  Baumeister  gegeben  haben,  deren  Aus- 
bildung nicht  zu  unterschätzen  ist.  Wie  in  den  ältesten  monumen- 
talen Grabesräumen  der  Aegypter  stets  nach  Osten  zu  eine  Denk- 
säule steht ■*),  so  sind  insbesondere  die  Pyramiden  so  scharf  orientirt, 
dass  man  unter  den  maimigfachen  Vermuthungen,  welche  frühere  und 
spätere  Schriftsteller  über  diese  riesigen  Königsgräber  auszusprechen 
sich  bemüssigt  fanden,  auch  derjenigen  begegnet,  die  Pyramiden  seien 
in  der  Absicht  erbaut  worden  mittels  ihrer  Grundlinien  die  Himmels- 
richtungen festzuhalten.  Zufall  ist  es  jedenfalls  nicht  gewesen,  wenn 
der  Orientirungsgedanke  damals  bereits  so  genau  zur  Ausführung 
gebracht  wurde.  Zufall  möchten  wir  ebensowenig  in  dem  Umstände 
erkennen,  dass  in  fast  allen  alten  Pyramiden  der  Winkel,  welchen 
die  Seitenwand  der  Pyramide  mit  der  Grundfläche  bildet,  wenig  oder 
gar  nicht  von  52''  abweicht'').     Das    setzt,    wie    gesagt,    ausgebildete 

^)  Maspero-Pietschmann  S.  LS  und  16.  ^)  Ebenda  S.  54.  ^)  Ebenda 
S.  .')9.  '')  Ebenda  S.  60.  ^)  Ein  mathematisches  Handbuch  der  alten  Aegypter 
(Papyrus  Rhind  des  British  Museum),  übersetzt  und  erklärt  von  Aug.  Eisenlohr. 
Leipzig,  1877,  S.  1.S7.  Wir  citiren  künftig  diese  Ilauptquelle  für  ägyptische 
Mathematik  als  Eisenlohr,  Papyrus. 


Die  Aegypter.     Arithmetisches.  21 

Baumeister,  das  setzt  mathematisclie  Hilfswissenschaften  der  Baukunst 
voraus,  sei  es,  dass  die  Regeln  von  Mund  zu  Mund  sich  fortpflanzten, 
sei  es  sogar,  dass  man  sie  niederschrieb.  Steht  es  doch  fest,  dass 
die  Aufbewahrung  vererbten  Wissens,  dass  das  Sammeln  von  Bücher- 
rollen zu  den  Sitten  der  ältesten  Dynastien  gehört  haben  muss,  wenn 
bereits  am  Anfange  der  VT.  Dynastie  eigene  Beamten  ernannt  wurden, 
deren  Titel  „Verwalter  des  Bücherhauses"  in  ihren  Grabschriften  sich 
erhalten  hat^).  Ein  Jahrtausend  etwa  überspringend,  nennen  wir  aus 
der  XII.  Dynastie  Amenemhat  III.,  einen  Fürsten  von  42jähriger 
wohlbeglaubigter  Regierung,  wenn  auch  ihre  Datirung  weniger  gesichert 
ist  als  ihre  Dauer").  Er  war  der  Erbauer  des  grossartigen  Tempel- 
palastes unweit  vom  Mörissee,  aus  dessen  Namen  Lope-ro-hunt 
•  =  Tempel  am  Eingang  zum  See  das  Wort  Labyrinth  entstand.  Man 
hat  für  Amenemhat  III.  verschiedene  Beinamen  in  Anspruch  ge- 
nommen^), nämlich  Petesuchet  =  Gabe  der  Suchet,  Aasuchet  =  Spröss- 
ling  der  Suchet  und  Sasuchet  =  Sohn  der  Suchet.  Wäre  diese 
Annahme  gesichert,  so  könnte  man  in  ihm  die  Persönlichkeiten  er- 
kennen, welche  unter  verwandten  Namen  bei  mehreren  Schriftstellern 
auftretend  bei  anderen  Aegyptologen  als  unserem  Gewährsmanne 
nicht  verschmolzen  zu  werden  pflegten.  Amenemhat  III.  wäre  als- 
dann der  Gesetzgeber  Asychis  des  Herodot^),  der  König  Pete- 
suchis,  der  das  Labyrinth  erbaute,  des  Plinius''),  endlich  der  durch 
Verstand  hervorragende  König  Sasyches,  der  die  Geometrie  erfand, 
des  Diodor*').  Bereits  während  der  XII.  Dynastie  begamien  von  Osten 
über  die  Landenge  von  Suez  her  die  Einfälle  plünderungssüchtiger 
Wüstenstämme,  welche  sich  selbst  als  Shus,  Shasu  =  Räuber  be- 
zeichneten. Aber  200  Jahre  und  mehr  waren  nöthig  bis  Asses, 
ein  Hik-Shus,  d.  h.  ein  Fürst  jener  Räuber  die  XV.  ägyptische  Dy- 
nastie stürzen  und  sich  an  deren  Stelle  setzen  konnte.  Die  zwei 
folgenden  Dynastien  gehören  gewissermassen  den  Hiksoskönigen  an, 
wie  man  in  Nachbildung  jenes  eben  erläuterten  Titels  zu  sagen  sich 
gewöhnt  hat,  imd  erst  mit  Ahmes,  dem  Gründer  der  XVIII.  Dynastie 
um  1700,  gelang  es  einem  Sohne  uralter  ägyptischer  Abstammung 
die  Eindringlinge  zu  vertreiben.  Unter  den  Hiksoskönigen  war  es, 
dass  das  mathematische  Handbuch  niedergeschrieben  wurde,  zu 
dessen  genauer  Inhaltsangabe  wir  ims  nun  wenden  müssen.  • 

^)  Maspero-Piet schmann  S.  74.  ^)  Nach  Lepsius  regierte  Amenem- 
hat III.  von  2221  bis  2179;  nach  Lauth  dagegen  (vergl.  dessen  Aufsatz  „Der 
geometrische  Papyras"  in  der  Beilage  zur  Allgemeinen  Zeitung  vom  20.  Sep- 
tember 1877,  Nr.  263)  von  2425  bis  2383.  ^)  Vergl.  Lauth  1.  c.  ^eine  Gründe 
hängen  mit  seinen  chronologischen  Annahmen  auf's  Engste  zusammen.  *)  He- 
rodot  II,  136.     ">)  Plinius,  Histor.  natur.  XXXVI,  13.     s)  Diodor  I,  94. 


22  1-  Kapitel. 

Die  Anfangsworte  lauten'):  „Vorsclirift  zu  gelangen  zur  Kenntniss 
aller  dunklen  Dinge  ....  aller  Geheimnisse,  welche  enthalten  sind 
in  den  Gegenständen.  Verfasst  wurde  dieses  Buch  im  Jahre  33,  Me- 
sori  Tag  .  .  unter  dem  König  von  Ober-  und  Unterägypten  Ra-ä-us 
Leben  gebend,  nach  dem  Vorbild  von  alten  Schriften,  die  verfertigt 
wurden  in  den  Zeiten  des  Königs  [Ra-en-m]ät'  durch  den  Schreiber 
Ahmes  verfasst  diese  Schrift." 

Aus  dieser  Angabe,  dass  an  einem  ursprüglich  angegebenen, 
jetzt  durch  einen  Riss  verloren  gegangenen  Tage  des  Monats  Mesori 
des  33.  Regierungsjahres  Königs  Ra-ä-us'  der  Schreiber  Ahmes  das 
Buch  verfasst  habe,  ist  eine  so  bestimmte  Datirung  möglich,  als  sie 
überhaupt  für  so  weit  zurückliegende  Zeiten  Fhunlich  ist.  Ra-ä-us 
ist  nämlich,  wie  aus  einem  dem  ägyptischen  Süden,  dem  sogenannten" 
Fayum,  entstammenden  Holzfragmente  des  berliner  ägyptischen  Mu- 
seums erkannt  worden  ist").  Niemand  anders  als  der  Hiksoskönig 
Apepa,  der  Apophis  der  Griechen.  Alle  Zweifel,  welche  an  die  Zeit 
und  Dauer  der  Hiksosherrschaft  sich  knüpfen,  in  Rechnung  gebracht 
irrt  man  gewiss  nicht,  wenn  man  Ra-ä-us  zwischen  die  Jahre  2000 
und  1700  V.  Chr.  setzt,  und  da  überdies  das  Aeussere  des  Papyrus, 
die  Schrift  etc.  dieser  Zeit  genau  entspricht,  so  ist  damit  eine  Ver- 
muthung  über  dessen  Alter  gewonnen,  in  welcher  die  sonst  nicht 
immer  übereinstimmenden  Kenner  ägyptischer  Sprache  sich  sämrntlich 
begegnen.  Wenn  auch  nicht  ganz  das  Gleiche  mit  Bezug  auf  den 
Namen  jenes  Königs  stattfindet,  unter  welchem  die  alten  als  Vorbild 
dienenden  Schriften  verfasst  worden  waren,  so  ergänzt  man  doch 
meistens  diese  Lücke  durch  Raenmat^),  und  das  ist  kein  anderer 
als  König  Amenemhat  IIL  Ist  diese  Ergänzung  richtig,  und  hat 
man  in  Amenemhat  wirklich  auch  Sasyches  zu  erkennen,  so  könnte 
Diodors  Angabe  über  den  Erfinder  der  Geometrie  in  Beziehung  auf 
unsern  Papyrus  'gedeutet  werden.  Das  Original  zu  der  Bearbeitung 
des  Ahmes  würde  dann  viele  Jahrhunderte  hindurch  in  der  Ueber- 
lieferung  fortlebend  sich  mythisch  mit  der  Erfindung  der  Geometrie 
vereinigt  haben'*).  Und  wenn  diese  genaue  Beziehung  sich  nicht  fest- 
halten Hesse,  so  ist  doch  merkwürdigerweise  die  Zeit  der  XIL  Dy- 
nastie auch  durch  ein  anderes  Schriftstück  als  Blüthezeit  ägyptischer 


')  Eisenlohr,  Papyrus  S.  27—29.  -)  Die  Entdeckung  stammt  von  Herrn 
Dr.  Ludwig  Stern,  det^sen  brieflichen  Mittheilungen  wir  diese  Thatsaclic  ent- 
nehmen. ^)  G.  Ebers  in  einer  Recension  von  Eisenlohr,  Papyrus  im  Lite- 
rarischen Centralblatt  vom  12.  October  1878  hält  diese  Ergänzung  für  zweifel- 
haft. Dagegen  stimmt  er  durchaus  damit  iibei'ein ,  der  Papyrus  könne  nach 
allen  üut^seren  Anzeichen  nur  in  def  Zeit  zwischen  der  XVI 1.  und  der  XVIII. 
Dynastie  geschrieben  sein.     ')  Vergl.  Lauth  1.  c. 


Die  Aegypter.     Arithmetisches.  23 

Recheiikimst  bestätigt.  In  Kahiin,  südlich  von  der  Pyramide  von 
lllahim,  die  auf  Usertesen  IL  aus  der  SIL  Dynastie  zurückgeht, 
wurden  1880  und  1890  zwei  mathematische  Papyri  aufgefunden^), 
welche,  ohne  mit  dem  Papyrus  des  Ahmes  übereinzustimmen,  hoch- 
bedeutsame  Aehnlichkeiten    mit    demselben    aufweisen.     So    ist    dort 

2  1 

eine    Anzahl    von    Bruchzerlegungen    vorhanden,    wie    z.   B.    tö  =^  7S 

-j-  ^  +  .  .7    und    ähnliche ,    von    denen    wir    gleich    zu    reden    haben 

werden. 

Ein  weiterer  mathematischer  Papyrus,  von  dessen  Inhalt  leider 
nicht  einmal  Andeutungen  bekannt  sind,  gehört  Herrn  Wladimir 
Goleuischeff  an,  Conservator  der  kaiserlichen  Sammlung  in  der  Ere- 
mitage in  Petersburg.  Unbedeutende  Papyrustheile  mit  Hau-Rech- 
nungen  —  wir  werden  bald  sehen,  was  das  ist  —  sind  im  Besitze 
des  Aegyptischen  Museums  in  Berlin^). 

üeber  einen  in  einem  koptischen  Grabe  aufgefundenen  Papyrus 
in  griechischer  Sprache  berichten  wir  im  24.  Kapitel.  Von  den  alten 
Schriften  ist  bisher  nur  das  Rechenbuch  des  Ahmes  der  Oeffent- 
lichkeit  übergeben,  und  zu  ihm  kehren  wir  zurück. 

„Vorschrift  zu  gelangen  zur  Kenntniss  aller  dunklen  Dinge",  so 
lauten  die  Anfangsworte  des  Papyrus.  Später  spricht  Ahmes  von 
einer  „Vorschrift  der  Ergänzung",  von  einer  „Vorschrift  zu  berechnen 
ein  rundes  Fruchthaus",  von  einer  „Vorschrift  zu  berechnen  Felder", 
von  einer  „Vorschrift  zu  machen  einen  Schmuck"  und  dergl.  mehr. 
Wer  aber  aus  diesen  Ueberschriften  den  Schluss  ziehen  wollte,  es 
seien  hier  überall  wirkliche  Vorschriften  gegeben.  Regeln  gelehrt, 
wie  man  zu  verfahren  habe,  der  würde  in  einem  gewaltigen  Irrthume 
befangen  sein.  Einzelne  Vorschriften  in  unserem  heutigen  Sinne  des 
Wortes  kommen  allerdings  vor,  aber  weitaus  in  einer  überwiegenden 
Zahl  von  Fällen  begnügt  sich  Ahmes  damit  mehrere  Aufgaben  gleicher 
Gattung  nach  einander  zu  behandeln.  Eine  Induction  aus  diesen 
Aufgaben  und  ihrer  Lösung  auf  allgemeine  Regeln  ist  nicht  gerade 
schwierig,  allein  Ahmes  vollzieht  sie  nicht.  Er  überlässt  diese  Folge- 
rungen, dem  Leser  oder  dem  mündlichen  Unterrichte  des  Lehrers, 
ohne  welchen  die  Benutzung  des  Handbuches  kaum  gedacht  werden 
kann.  Das  häufige  Auftreten  des  Wortes  „Vorschrift"  entspricht  nur 
der  ägyptischen  Gewohnheit  der  Gedächtnissübuug,  wie  sie  gradezu 
als   Grundlage   jeder    Unterweisung    beigeblieben    ist^"').     Lassen    sich 


1)  "W.  M.  Flinders  Petrie,  Illahun,  Kahiin  and  Gurob.  London  1891, 
pag.  486.  -)  Alle  Notizen  über  mathematische  Papyri  verdanken  wir  Herrn 
Prof.  August  Eisenlohr.     ^)  Herodot  II,  77. 


24  1-  Kapitel. 

doch  regelmässig  wiederkelirende  Ausdrücke  am  leiclitesteu  einprägen. 
Gewiss  entstammen  noch  andere  gleichfalls  unaufhörlich  sich  wieder- 
holende Redensarten  bei  Ahmes  derselben  Rücksicht  auf  das  Gedächt- 
niss  des  Schülers.  So  heisst  es  bei  ihm:  „gesagt  ist  dir",  oder  „wenn 
dir  sagt  der  Schreiber",  oder  „wenn  dir  gegeben"  ist"  und  „mache, 
wie  geschieht",  oder  „mache  es  also",  wo  ein  Schriftsteller  unserer 
Zeit:  Aufgabe  und  Auflösung  sagen  würde. 

Die  Zahlen,  mit  welchen  gerechnet  wird,  sind  theils  ganze 
Zahlen,  theils  und  zwar  grösstentheils  Brüche,  woraus  sich  von 
selbst  ergibt,  dass  der  Leserkreis,  für  welchen  Ahmes  schrieb,  als 
ein  in  der  Rechenkunst  schon  vorgeschrittener  gedacht  werden  muss. 
Ein  Handbuch  für  Anfänger  müsste  und  musste  zu  allen  Zeiten  sich 
namentlich  am  Anfange  auf  den  Gebrauch  ganzer  Zahlen  beschränken. 
Ueber  die  Zeichen,  deren  Ahmes  sich  für  ganze  und  für  gebrochene 
Zahlen  bedient,  werden  wir  zwar  noch  in  diesem  Kapitel  aber  in 
einem  anderen  Zusammenhange  reden.  Für  jetzt  muss  eine  Bemerkung 
über  die  Art  der  vorkommenden  Brüche  und  über  deren  Bezeichnung 
unter  Voraussetzung  gegebener  Zeichen  für  ganze  Zahlen  genügen. 
Ahmes  benutzt  nämlich  nicht  Brüche  in  dem  allgemeinsten  Sinne  des 
Wortes,  d.  h.  angedeutete  Theilungen,  wobei  der  Zähler  wie  der 
Nenner  von  beliebiger  Grösse  sein  können,  sondern  nur  Stamm- 
brüche, d.  h.  solche,  die  bei  ganzzahligem  Nenner  die  Einheit  als 
Zähler  haben  und  die  er  dadurch  anzeigte,  dass  er  die  Zahl  des 
Nenners  hinschrieb  und  ein  Pünktchen  darüber  setzte. 
Brüche  mit  anderem  Zähler  konnte  er  wohl  denken,  wie  aus  dem 
ganzen  Charakter  seiner  Aufgaben  zur  Genüge  hervorgeht,  er  konnte 
sie  aber  nur  dann  schreiben,  wenn  mehrere  derselben  mit  gemein- 
samem Nenner  in  Zwischenrechnungen  auftraten.  Er  begnügte  sich 
sonst   jeden  beliebigen  Bruch  als   Summe  von   Stammbrüchen  auzu- 

112 

schreiben,  z.  B.  —  ..  statt  — ,   wenn  das  blosse  Nebeneiuandersetzen 

'  ö    15  5  ' 

zweier  Stammbrüche  deren  additive  Zusammenfassung  bezeichnen  soll. 
Eine    einzige  Ausnahme    bildet  von    dem    hier  Ausgesprochenen  der 

2  ..11 

Bruch  —  •     Ahmes  weiss  ganz  genau,    dass   derselbe  eigentlich  -^  — 

ist  und  versteht  diese  Zerlegung  vortrefflich  zu  benutzen,  aber  daneben 

hat  er  ein  eigenes  Zeichen  für  — ,   so  dass  auch  dieser  Bruch  in 

seinen  Rechnungen  mitten  unter  Stammbrüchen  vielfältig  vorkommt 
und  uneigentlich  zu  denselben  gezählt  werden  mag. 

Nach  dieser  Bemerkung  lässt  sich  sofort  erkennen,  dass  es  eine 
Aufgabe  gab,  welche  Ahmes  unbedingt  an  die  Spitze  stellen  musste, 
mit   deren  Lösung  der   Schüler   vertraut   sein    musste,    bevor   er    an 


Die  Aegjpter.     Arithmetisches. 


25 


irgend  eiue  andere  Reclinung  ging,  die  Aufgabe:  einen  beliebigen 
Bruch  als  Summe  von  Stammbrüchen  darzustellen.  Das 
scheint  uns  denn  auch  die  Bedeutung  einer  Tabelle  zu  sein,  deren 
Entwickeluug  die  ersten  Blätter  des  Papyrus  füllt.  Allerdings  ist 
diese  Bedeutung  nicht  unmittelbar  aus  dem  Wortlaute  zu  erkennen. 
Dieser  heisst  vielmehr  zuerst'):  „Theile  2  durch  3",  dann  „durch  5" 
später  wieder  z.  B.  „theile  2  durch  17",  kurzum  es  handelt  sich  um 
die  Darstellung  von 


2n  4-  1 
(wo  n  der  Reihe  nach  die  ganzen  Zahlen  von  1  bis  49  bedeutet,  als 
Divisoren  mithin  alle  ungeraden  Zahlen  von  3  bis  99  erscheinen),  als 
Summe  von  2,  3  oder  gar  4  Stammbrüchen.  Tabellarisch  geordnet 
unter  Weglassung  aller  Zwischenrechnungen  gewinnt  Ahmes  folgende 
Zerlegungen^): 


2     2 

~3~     y 

2     1 
31    20 

1 

.124 

1 
155 

2  _  1 

y  ~  y 

1 

15 

2  _  1 

33    22 

1 

66 

2  _  1 

T  ~  T 

1 

28 

2     1- 

35    30 

1 
42 

2     1 

y  ~~  y 

1 
lÖ 

2  _  1 
37  ~"  24 

1 
111 

1 
296 

2     1 

n  ~~  6 

1 
66 

2  _  1 
39  ~  26 

1 

78 

2     1 

13  ~  y 

1 
52 

1 
104 

2  _  1 

41  ~~  24 

1 

246 

1 
328 

2     1 
15  ~~  10 

1 
30 

2     1 

43  "~  42 

1 

86 

1     1 

129   301 

2     1 
17    12 

1 
51 

1 
68 

2     1 

45    3Ö 

1 
90 

2     1 

1 

1 

2     1 

1 

1 

19  ~~  12 

76 

114 

47  ~"  30 

141 

470 

2  _  1 
21  "  14 

1 
42 

2     1 

49  ~~  28 

1 
196 

2  _  1 

1 

2     1 

1 

23  ~  12 

276 

51  ~"  34 

102 

2     1 

1 

2     1 

1 

1 

25    15 

75 

53    30 

318 

795 

2     1 

2^7  ~~  18 

1 

54 

2  _  1 
55    30 

1 
330 

2     1 

2'9    24 

1 

58 

1     1 
174   232 

2  _  l' 

1    57    38 

1 
114 

')  Eisenlohr,  Papyrus  S.  36—4^.     ")  Ebenda  S.  46     48. 


26 


1.  Kapitel. 


2 

1 

1 

1 

2 

1 

1 

59  "^ 

36 

236 

531 

81 

54 

162 

2 

61  ~ 

1 
40 

1 
244 

1 
448 

1 

6To 

2 

83 

_  1 

~~  60 

1 
332 

1 
4T5 

1 
498 

2 

1 

1 

2 

1 

1 

63  ~ 

42 

l¥6 

85 

51 

255 

2 
65  "~ 

1 

39 

1 
195 

2 
87 

1 

~  58 

1 

174 

2 
67  ~ 

1 
40 

1 

335 

1 

536 

2 

89 

1 

~  60 

1 
356 

1 
534 

1 
890 

2  _ 
69  "~ 

1 

46 

1 

138 

2 
91 

_  1 

"~  70 

1 
130 

2 
71  "^ 

1 

40 

1 

568 

1 
710 

2 
93 

1 
~~  62 

1 
186 

2 

1 

1 

1 

1 

2 

1 

1 

1 

73  "~ 

60 

219 

292 

365 

95 

~~  60 

380 

570 

2 

1 

1 

2 

1 

1 

1 

75  "~ 

50 

150 

97 

~~  56 

679 

776 

2 

1 

1 

2 

1 

1 

77  ~ 

44 

308 

99 

~  66 

198 

2 

1 

1 

.1 

1 

79  ~" 

6Ö 

237 

316 

79Ö 

Es  ist  einleuchtend,  djiss  unter  wiederholter  Anwendung  dieser 
Tabelle  ein  Bruch,  dessen  Zähler  auch  die  2  übersteigt,  wenn  er  nur 
seinem  Nenner  nach  in  der  Tabelle  sich  findet,  in  Stammbrüche  zer- 

7 
legt  werden  kann.     Zeigen  wir   versuchsweise  an  -  ,  wie  wir  dieses 

Verfahren  uns  denken.     Zunächst  ist  7  =  l+2-|-2  +  2 

^  ^^   29    29  "•"  \24  58  174  232/  "^  \24  58  174  232/  '  \21  58  174  232/ 


1 

29 

1 

24 

1 
58 

1 
174 

1 
232 

+  ( 

2  2 
24  58 

■2   2) 

174  232/ 

1 

1 

1 

1 

1 

1 

1 

1    1 

29 

24 

58 

174 

232 

12 

29 

87   116 

2 

1 

1 

1 

1 

1 

1 

1 

29 

24 

58 

174 

232 

12 

87 

116 

1 

1 

1 

1 

1 

1 

1 

1    1 

1 

1 

24 

58 

174 

232 

24 

58 

174 

232   12 

87 

116 

2 

2 

2 

2 

1 

1 

1 

24 

58 

174 

232 

12 

87 

116 

1 

1 

1 

1 

1 

1 

1 

12 

29 

87 

ri6 

12 

87 

116 

2 

2 

2 

1 

12 

87 

HG 

29 

« 

Die  Aegypter.     Aritlimetisclies.  27 


1 

1 

1 

1 

1  . 

¥ 

58 

r74 

58 

29 

.} 

1 

1 

1 

58 

T 

Tu 

29 

1 

1 

1 

1 

■29 

~6 

17l 

29 

2 

1 

1 

29 

6~ 

174 

1 

1 

1 

1 

1 

1 

24 

58 

174 

232 

¥ 

174 

•> 

1 

1 

1 

1 

174 

24 

58 

232 

6 

1 

1 

1 

1 

1 

87      24      58      232       6 

oder  besser  geordnet  ^o  =  -^  ^  7^  ^  ^^ir^  •     Niemand  wird  behaupten 

wollen,  diese  Zerlegungs weise  sei  besonders  elegant,  oder  sie  führe 
besonders  schnell  zum  Ziele.  Aber  sie  führt  doch  dazu,  sie  ist  aus- 
reichend, vorausgesetzt  wenigstens,  dass  im  Verlaufe  der  Rechnung 
kein  mit  dem  Zähler  2  versehener  Bruch  auftrete,  dessen  ungerader 
Nenner  die  Zahl  100  überschreitet,  widrigenfalls  von  einer  grösseren 
Ausdehnung  der  Tabelle  nicht  abgesehen  werden  könnte. 

Drei  Bemerkungen  drängen  sich  von  selbst  auf.  Die  eine  geht 
dahin,  dass  es  nicht  bloss  eine  Zerlegung  eines  Bruches  gibt,  sondern 
dass  man  die  Auswahl  zwischen  man  kann  fast  sagen  beliebig  vielen 

7  111 

Zerlegungen  hat.     So   ist  z.  B.   auch   ,,„  =  -^  ^  ttt  neben   der  oben 

°      "  29  5.    29  145 

erhaltenen  Zerlegung.     So  ist  —  =  —  7^-  =  —  ^^  77-  neben  dem  in 

"       "  29  15  4d5  16   232  464 

der  Tabelle  angegebenen  Werthe  u.  s.  w.  Daran  knüpft  sich  die 
zweite  Bemerkung,  dass  für  die  complicirteren  Fälle  allmäliger  Zer- 
legung, deren  wir  einen  l^j  behandelt  haben,  es  sich  als  zweck- 
dienlich erweist,  wenn  die  Nenner  der  in  der  Tabelle  als  erste  Zer- 
legungsergebnisse vorhandenen  Stammbrüche  grade  Zahlen  sind,  weil 
dadurch  ein  Aufheben  durch  2  vielfach  ermöglicht  wird.  Der  ägyp- 
tische Rechner  war  nämlich,  und  das  ist  unsere  dritte  Bemerkung, 
gewöhnt  wenn  auch  muthmasslich  nicht  die  Theilbarkeit  einer  Zahl  durch 
irgend  eine  andere,  doch  jedenfalls  ihre  Theilbarkeit  durch  2 
sofort  zu    erkennen.     Das   geht   ohne   die  Möglichkeit    eines  Zweifels 

2  1 

aus  der  Tabelle  selbst  hervor.    Nur  wenn  die  Verwandlungen  "-==-, 

-^  =  — ,  ==  —  ii.  s.  w.  von  vorn  herein  klar  waren,  ist  deren  folge- 
richtige Ausschliessung  aus  der  Tabelle  erklärlich. 


28  1.  Kapitel. 

Aber  auch  eiua  Frage  drängt  sich  auf:  wie  ist  die  Tabelle 
entstandeu^)?  Wie  wäre  ihre  Fortsetzimg  zu  beschaffen^  welche  doch 
wie  wir  sahen,  bei  Zerlegung  von  Brüchen,  deren  Zähler  die  2  über- 
steigen, unter  umständen  nothwendig  wird?  Die  Vermuthung  dürfte 
eine  nicht  allzugewagte  sein,  dass  die  Tabelle,  ein  altes  Erbstück 
schon  zur  Zeit  des  Ahmes,  wohl  niemals  auf  einen  Schlag  gebildet 
worden  ist.  Eine  allmälige  Entstehung,  so  dass  die  Zerlegung  bald 
dieses  bald  jenes  Bruches,  bald  dieser  bald  jener  Gruppe  von  Brüchen 
gelang,  dass  die  gewonnenen  Erfahrungen  aufbewahrt  und  gesammelt 
wurden,  dürfte  der  Wahrheit  so  nahe  kommen,  dass  man  sich  be- 
rechtigt fühlen  möchte,  die  Mathematik  ihrem  geschichtlichen  Ur- 
sprimge  nach  und  ohne  in  die  Streitfragen  nach  der  philosophischen 
Begründung  ihrer  einfachsten  Begriffe  einzutreten  eine  Erfahrungs- 
wissenschaft zu  nennen.  Jedenfalls  kann  man  auch  mit  Bezug  auf 
die  uns  gegenwärtig  beschäftigende  Tabelle  nicht  Vorsicht  genug 
gegen  die  Versuchung  üben,  allgemeine  Methoden  aus  gegebenen 
Fällen  herauszudeuten,  damit  mau  sie  nicht  vielmehr  hineindeute. 

Eine  allgemeine  Methode  weist  allerdings  der  Text  des  Papyrus 
selbst  durch  eine  der  seltenen  Stellen,  in  welchen  eine  wirkliche 
Vorschrift  gegeben  ist,  auf.  Wir  meinen  die  Aufgabe  61.  nach  der 
Nummerirung,  mit  welcher  der  Herausgeber  des  Papyrus  die  auf  die 

Tabelle  folgenden  Aufgaben   versehen   hat.     Dort  heifst  es^):   „—  zu 

2  1 

machen  von  einem  Bruch.     Wenn  dir  gesagt  ist:   was  ist  —  von  —  ? 

so  mache  du  sein  Doppeltes  und  sein  Sechsfaches,  das  ist  sein  zwei 
Drittel.  Also  ist  es  zu  machen  in  gleicher  Weise  für  jeden  ge- 
brochenen Theil,  welcher  vorkommt." 

Um  diese  Vorschrift  zu  verstehen,  müssen  wir  uns  erinnern,  dass 
zum  Anschreiben  eines  Stammbruches  (S.  24)  der  mit  einem  Pünktchen 
versehene  Nenner  genügte.  „Sein  Doppeltes"  von  einem  Bruche  gesagt 
heisst  demnach:  der  doppelte  Nenner,  selbst  mit  einem  Punkte  darüber, 
und  ist  dem  Werthe  nach  nicht  ein  Doppeltes  sondern  ein  Halbes. 
Die  erwähnte  Vorschrift  zeigt  also  erstlich,  dass,  wie  wir  früher  vor- 

2  11 

greifend  gesagt  haben,  die  Zerlegung  =  —  bekannt  war,  wenn 
sie  auch  in  der  Tabelle  nicht  enthalten  ist.  Sie  zeigt  ferner,  dass 
man  „für  jeden  gebrochenen  Theil,   welcher  vorkommt",  für  jedes  — 


')  Eisenlohr,  Papyrus  S.  30—34  hat  sich  eingehend  mit  dieser  Frage 
bcschiiftigt.  Unsere  Auseinandersetzung  trifft  in  vielen  Punkten  mit  der  dort 
gegebenen  überein,  weicht  aber  auch  in  einigen  nicht  ganz  nebensächlichen 
Dingen  davon  ab.     '^)  Ebenda  S.  150. 


Die  Aegypter.    Arithmetiaches.  29 

in  ffleiclier  Weise  -  x  ~  =  -—  — -   rechnete.     Aber  ein  Anderes   ist 
^  S  a         2a  Qa 

2  1 

immerhin  —  von  —  zu  nehmen,   ein  Anderes  2  durch  3r/  zu  theilen! 

.1  a  ' 

Wir  sind   nicht   Ijerechtigt   ohne  Weiteres   vorauszusetzen,  dass  man 

.212  211 

gewusst  habe,  es  sei  -  x  —  ==  --    also  auch  -~  =  -~  ^    ■     Die  Tabelle 

beweist  uns  das  Vorhandensein  dieser  Kenntniss,  denn  sie  liefert  aus- 
nahmslos bei  jedem  durch  3  theilbaren  Nenner  grade  diese  Zerlegung 

2   11        2   11        2   11 

9    "^  6^  18'    45         30  90  '    93  62  FSG    ^'    ^'    ^' 

Bezieht    sich    etwa    das    „also    ist    es    zu   machen   für  jeden    ge- 
brochenen Theil,  welcher   vorkommt"  wie  auf  den  Bruch  —  so  auch 
'  a 

2  . 

auf  —,  oder  mit  anderen  Worten  ist  auch^  wenn  p  eine  von  3  ver- 
schiedene Primzahl  bedeutet,  in  der  Tabelle   eine  Verwerthung  der 

2  .  2  .  . 

Zerlegung    von         bei    der    Zerlegung    von    —  ersichtlich?    Gibt  es 

2  2  11 

ferner  eine  Zerlegung  von  —  selbst,   welche   zur  Zerlegung  —  =  — 

eine  geistige  Verwandtschaft  besitzt? 

Die  zweite  dieser  Fragen  lässt  sich  sofort  bejahend  beantworten. 
Wenn  p  eine  Primzahl  ist   (und   zwar  selbstverständlich  eine  von  2 

verschiedene  Primzahl),   so  muss    —  „ —   eine   ganze  Zahl  sein.     Nun 

2  1  1 

ist   —  =  — r^  H r^-^ ,  und  dieser  Zerlegungsformel,  deren  ge- 

p  P  -\-   1      '       P  -\-   1  '  OÖ  7  o 

.___         -^~xp 

schichtliche  Berechtigung  freilich-  erst  im  41.  Kapitel  im  folgenden 

Bande  dieses  Werkes  zur  Sprache  kommen  kann,  entspricht  ^  =  -^  j ' 

Ihr  folgen  ebenso   die  Zerlegungen   der  Tabelle  unter  Annahme  von 

.....    „^      .2  11       2  11       2  £1      A_^_L 

P  —  ^7   ^   11,  ^ö    mit    -  —  jY^,     ^  —  ^-—,    11  —  6  66'    23  ~  12  276' 

aber  p  =  13,  17,  19,  29,  31,  37,  41,  43,  47,  53,  59,  61,  67,  71,  73,  79, 
83,  89,  97,  oder  eine  Mehrheit  von  neunzehn  Primzahlen  gegen  fünf 
beweist,  dass  es  irrig  wäre  anzunehmen,  diese  Zerlegungsart  sei  als 
Gesetz  vorhanden  gewesen.     Noch  weniger  fügt  sich   die  Zerlegung 

der  Brüche  —  einem  Gesetze.    Wie  -^-  =  7r~w-,  hätte  man  y-=^-^—  ^y- 
pa  3a        2«  6a'  oa        3al5a 

ZU    erwarten.     Diese  Erwartung    erfüllt    sich  nur  bei  a  =  5,  13,  17. 

2  11 

Die  Zerlegung  --  =  -—  -— -    findet   nur    statt    bei    a  =  1 ,   11.      Die 
«=      =>   7a         4a  28a  ' 

2  11 

Zerlegung  t^— -  =  -  ~  rr^—  ,  sollte  man  vermuthen,  könne  nur  bei  «  >  1 1 
'='      "    IIa         6a  66a  '  ' 

eintreten,  also  die  Ausdehnung  der  Tabelle  überschreiten.  Statt 
dessen  gilt  sie  für  a  =  5,  so  dass  55  als  Vielfaches  seines  grösseren 


30  1-  Kapitel. 

Faktors  11,   nicht    seines   kleineren  Faktors   5  behandelt  ist.     Noch 

2  11  2  11 

auffallender  ist  die  Ausnahmestellung,  welche  —  ==  ^^  ^^  und  ^  =  ^igQ- 

einnehmen.  Die  erstere  Zerlegung  kümmert  sich,  nach  unserer  bis- 
herigen Auffassung  betrachtet,  weder  um  den  Faktor  5  noch  um 
den  Faktor  7  von  35,  die  letztere  um  keinen  der  Faktoren  7  oder 
13  von  91.  Und  doch  lassen  sich  diese  Zerlegungen  in  unter  sich 
gleicher  Weise   aus  jenen  Faktoren  herleiten.     Wenn  p  und  q  zwei 

ungerade  Zahlen  sind,      'T      demnach   ganzzahlig  ausfallen   muss,   so 

ist  = 1 1 -; — ,    und     setzt     man    nun    p  =  7, 

9X  -  2  -^^^^    2 

q  =  b  beziehungsweise  p=13,  q  =  " ,  so  erhält  man  obige  Zer- 
legungen. Und  dieses  Zusammentreffen  scheint  kein  Zufall  zu  sein. 
Wenigstens  lässt  sich  in  byzantinischer  Zeit  die  hier  ausgesprochene 
Entstehung  mit  aller  Bestimmtheit  nachweisen,  wie  im  24.  Kapitel 
sich  zeigen  wird. 

Aber  grade  das  Vorhandensein  der  beiden  Zerlegungsformeln, 
welche  wir  mit  an  Sicherheit  grenzender  Wahrscheinlichkeit  zu  ent- 
hüllen iiu  Stande  waren,  nöthigt  uns  die  gleiche  Folgerung  wieder- 
holt auszusprechen,  die  vorgreifend  an  die  Spitze  gestellt  ward.  Nur 
eine  allmälige  Entstehung  der  Tabelle  lässt  sich  denken!  Es  will 
nicht  in  Abrede  gestellt  werden,  dass  an  einem  guten  Theile  der 
Zerlegungen  mehr  oder  weniger  bewusst  gewisse  Regeln  zur  Aus- 
übung gelangten,  aber  grade  deren  ebenmässiges,  gleichberechtigtes 
Vorhandensein  schliesst  wieder  rückwärts  jede  Möglichkeit  eines  ein- 
heitlichen Grundgedankens  aus,  und  sei  es  nur  auch  eines  solchen 
wie  der,  dass  wenn  thunlich  Stammbrüche  mit  geradem  Nenner  er- 
scheinen sollen '). 

Wir  schalten  noch  eine  Bemerkung  ein,  deren  Bedeutung  erst 
im  33.  Kapitel  uns  hervortreten  wird.  Die  Aufgabe  „theile  2  durch  3" 
beziehungsweise  durch  5,  durch  17  u.  s.  w.  lautet  ägyptisch  nas  2 
Xent  3,  oder  wie  der  Divisor  heissen  mag.  Von  den  beiden  Kunst- 
Wörtern^)  nas  und  x^''^^  bedeutet  das  letztere  so  viel  wie  in,  unter, 
zwischen.     Das    erstere    nas   mit    dem  Determinativ  eines  die  Hand 


')  Wenn  Herr  Gino  Loria  in  der  Bibliotheca  mathematica  1892  pag.  Ü7 
bis  109  sich  in  scharfsinnigen  Vermuthungen  ergeht,  wie  die  Zerfällung  in  2, 
3,  4  Stammbrüche  stattgefunden  haben  möge,  so  bleibt  er  doch  jede  Antwort 
auf  die  Frage  schuldig,  an  welcher  wir  auch  gescheitert  sind,  und  die  wir  für 
die  wichtigste  halten:  warum  im  Einzelfalle  die  Zerlegung  grade  in  diese  An- 
zahl von  Stammbrüchen  stattfand?  -)  Die  hier  ausgeHprochene  Vermuthung  ist 
Rigenthum  des  Herrn  Leon  Rodet,  der  sie  uns  brieflich  unter  dem  10.  Juli 
1879  mittheilte  und  deren  Benutzung  in  diesem  Werke  gütigst  gestattet  hat. 


Die  Aegypter.    Arithmetisches,  3i 

ausstreckenden  Mannes  bedeutet  anrufen,  Ijeten.  Ahmes  hat  aber  als 
Determinativ  einen  den  Finger  an  den  Mund  legenden  Maini  benutzt. 
Dadurch  könnte  die  Bedeutung  „aussprechbar  macheu"  gerechtfertigt 
werden  und  es  hiesse  nas  2  ;^cm^  17  so  viel  wie  „mache  2  aussprech- 
bar 'in  17".  Damit  wäre  mittelbar  behauptet,  der  Aegyi)ter  habe 
leicht  aussprechbare  Formen  nur  für  Stammbrüche  besessen,  während 

ein    Bruch    wie    -rz    oder    allgemeiner  --   ihm   Schwierigkeiten  sogar 

grammatikalischer  Natur  bereitete;  eine  Vermuthung,  welche  noch 
ihrer  Bestätigung  harret. 

Wir  haben  die  Anwendung  der  Tabelle  zur  Zerlegung  von  Brüchen, 
deren  Zähler  grösser  als  2  sind,  deutlich  zu  machen  gesucht,  haben 
erkannt,  dass  diese  Anwendung  begrifflich  leicht  in  der  Ausführung 
misslich  ist.    Um  so  wüuschenswerther  musste  es  sein,  die  Zerlegung 

7  DD 

von  Brüchen  mit  einem  besonders  oft  vorkommenden  Nenner  ein  für 
alle  Mal  vorräthig  zu  haben.  Ein  solcher  Nenner  war  die  bei  den 
Fruchtmaasseu  und  der  Feldereintheilung  der  Aegypter  sehr  beliebte 
Zahl  10,  und  deshalb  wohl  ist  der  grossen  Tabelle  eine  zweite  klei- 
nere angeschlossen  gewesen,  aus  deren  allerdings  sehr  lückenhaften 
Ueberresteu  ^)  man  die  Zerlegung  der  verschiedenen  Zehntel  in  Stamm- 
brüche entziffert  hat. 

Wir  kehren  nochmals  zur  grossen  Tabelle  zurück.  Wenn  gleich 
eine  Anleitung  zu  ihrer  Herstellung  von  uns  vermisst  wurde,  so  ist 
doch  ein  Beweis  der  Richtigkeit  der  einzelnen  angegebenen  Zer- 
legungen unter  dem  Namen  Smot,  Ausrechnung,  geführt.     Ist  etwa 

2     .         .           .                                            11 
die  Zerlegung  von    ,    in  die  beiden  Stammbrüche angegeben,  so 

D  D  y|  ^^      j^  D     O  ? 

zeigt  die  Ausrechnung,  dass  ^-^-1 •  A  oder  mit  anderen  Worten 

der  «jte  und  der  u^ie  Theil  von  A  zusammen  die  2  geben.  Der 
Grundgedanke  von  dieser  Ausführung  besteht  darin,  dass  zuerst  all- 
mälig  die  immer  kleineren  aliquoten  Theile  von  A  ermittelt  werden, 
und  dass  ein  kleiner  Strich,  im  Drucke  durch  den  Herausgeber  über- 
sichtlicher durch  ein  Sternchen  ersetzt,  diejenigen  Zahlen  hervorhebt, 
welche  zusammen  die  2  liefern  sollen. 

2  11. 

So  heisst  z.  B.  bei    _-  =  --       die  Ausrechnung^): 

■       I     3i  1     7 

,     \     lU        2     14 

*     4       28     ^      4     28 

4 


')  Eisenlohr,  Papyrus  S.  49—53.     -)  Ebenda  S.  ;JC. 


32  1-  Kapitel. 

Der  Sinn  dieser  Ausreclinung  besteht  darin,  dass  man  mit  dem  Um- 
wege über  die  Erkenntniss,  dass  die  Hälfte  von  sieben  3—  beträgt,  zu 
—  X  7  ==  1 gelangt.      Nicht    als    ob    der    Aegypter    nicht    im 

Stande  gewesen  wäre  sofort  den  vierten  Theil  von  7  zu  erkennen, 
aber  die  Absicht   war   offenbar   in   erster  Linie   zu   zeigen,    dass  die 

Hälfte  von  7  mehr  als  2  beträgt,   dass  also  der  Stammbruch  —  bei 

2         . 

der    Zerlegung    von    —     nicht    vorkommen    kann.      Dagegen    liefert 

"  X  7  nicht  die  ganzen  2,  sondern  nur  ^yT'     ^™  Kopfe  wird  jetzt 

111 
die  Subtraktion  2  —  1--  -ir  ==  ~r  vollzogen  und  erwogen,  dass  dieser 

2     4  4  "  o      7 

Rest  durch  7  mal  einem  zweiten  Stammbruche  erzeugt  werden  muss, 
dessen  Nenner  folglich  7  mal  4  oder  4  mal  7  sein  muss.  Das  ist 
die  Bedeutung  der  an  zweiter  Stelle  auftretenden  Multiplikation 
1x7  =  7,  2  X  7  =  14,  4  X  7  =  28. 

Man  könnte  freilich,  namentlich  mit  Beziehuug  auf  die  von  uns 
als  im  Kopfe  ausgeführt  behauptete  Subtraktion  2  —  1—  -  zweifel- 
haft sein,    ob   wir  hier   nicht  Dinge  hineinlesen,    an  welche   Ahmes 

2       2       2       2       2 
nicht  dachte,  wenn  nicht  die  Zerlegungen  von  t^,  v^,  -^,  jv ,  y»   als 

i.4  1«/  0(  4:1  Oö 

Bestätigungen  unserer  Darstellung  erschienen.  Dort  wo  die  Zer- 
legung der  Tabelle  drei  Stammbrüche  gibt,  enthält  die  Ausrechnung 
ffanz  ähnliche  Subtraktionen  mit  ausdrücklicher  Erwähnung  derselben. 

.2111. 
Ueberzeugeu  wir  uns  bei  7^  =  ts  ^  (^  •    Die  Ausrechnung  hat  folgende 

Gestalt  ^) : 

1      17  1 

3     4 

^       2-'    '  *  4 

G  ^^2     3  *  ^ 

*  12       ^i  I  ^^^'^  I  T 
wo  die  Worte  „Rest  -  — "  bedeuten,  dass  —  X  1 7  von  den  verlangten 


• 


1 

l7 

1 

M 

1 

1 

51 

3 

1 

68 

1 

T 

3    4  '  12 

1 
3   T 


2  abgezogen  noch  —  —  zum  Reste  lassen 


')  Ebenda  S.  37. 


Die  Aegypter.    Arithmetisches.  33 

Statt  des  so  beseitigten  Einwurfes  droht  uns  ein  zweiter,  der  die 
Ausreclmung  selbst,  den  auftretenden  Rest,  die  durcli  denselben  er- 
zwungenen ergänzenden  Stammbrüche  in  Widerspruch  setzen  möchte 
gegen  unsere  Behauptung,  eine  Ableitungsmethode  der  Tabelle  sei 
nicht  ersichtlich.  Und  dennoch  können  wir  diese  Behauptung  auf- 
recht erhalten.  Mag  immerhin,  wenn  der  erste  Theilbruch  der  Zer- 
legung gegeben  war,  auf  den  oder  die  anderen  Theilbrüche  durch 
eine  Restrechnung  geschlossen  worden  sein,  die  Wahl  des  ersten 
Theilbruches  selbst  war  davon  unbeeinflusst,  und  auf  sie  kam  Alles 

an.  So  gibt  z.  B.  die  Tabelle  j^  =  42  86  129  301 "  ^^^^^^  ™^^  ^^^ 
ersten  Theilbrüche  nur  einen  solchen  wählen,  dessen  43faches  unter- 
halb der  2,  aber  nahe  bei  ihr  lag,  so  hinderte  nichts  folgende  Rech- 
nung anzustellen,  der  wir  zum  Vergleiche  mit  den  übrigen  eine  ganz 
ägyptische  Anordnung  geben: 


1 

43 

2 

28| 

• 

1 

14 

1 

.   ~6 

^1 

1 

12 

3| 

1 

12 

1 

*   24 

^1 

11^,11 

T  24   ^^'^   IT  24 

1 

43 

2 

86 

3 

129 

*    6 

258 

12 

516 

*24 

1032 

2  111 

und  man  hätte  -„  =  24  258  1032   g^^^^*^^^-     ^^^  Rechner  muss   doch 

irgend  eine  Veranlassung  gehabt  haben  mit  ^  statt  etwa,  wie  es  hier 

gezeigt  wurde,  mit  --  zu  beginnen,   und  welches  diese  Veranlassung 

war,  wissen  wir  eben  nicht.  Das  heisst  wir  kennen  nicht  die  'Ab- 
leitung der  Tabelle. 

Man  fasse  übrigens  die  Ausrechnung  auf,  wie  immer  man  wolle, 
der  Umstand  bleibt  jedenfalls  bemerkenswerth,  dass  ein  Rest  bei  ihr 
zur  Rede  kommt,  dass  also  eine  gegebene  Zahl  von  einer  anderen 
(hier  von  der  Zahl  2)  abgezogen  wurde,  dass  man  diesem  Rest  ent- 
sprechend   eine    Ergänzung    durch    Vervielfachung    wieder    einer    ge- 

2 
gebene;i  Zahl  (des  Nenners   des   zu  zerlegenden  Bruches  -j^)  mit  zu 

suchenden  Stammbrüchen  zu  beschaffen  hatte.  So  sehen  wir  die 
Möglichkeit,  wenn  nicht  die  Nothwendigkeit  einer  eigentlichen  Er- 
gänzungs-    oder    Volleudungsrech  nung,    und    eine    solche    unter 

Cantoh,  Geschichte  der  Mathematik  I.    2.  Aufl.  3 


34  1.  Kapitel. 

dem  ägyptischen  Namen  Seqem  scHiesst  sich  mit  17  Beispielen  un- 
mittelbar an  die  grosse  und  die  auf  letztere  folgende  kleine  Zer- 
legungstabelle an^).  Die  Seqemreclmung  bat  es  mit  multiplikativen 
und  additiven  Ergänzungen  zu  tbun,  d.  b.  es  wird  in  den  ersten  Bei- 
spielen gelehrt,  womit  eine  bald  aus  Brüchen  allein,  bald  aus  mit 
Brüchen  verbundenen  Ganzen  bestehende  gegebene  Zahl  vervielfacht 
werden  muss,  es  wird  in  späteren  Beispielen  gelehrt,  wie  viel  zu  einer 
ähnlichen  gegebenen  Zahl  hinzugefügt  werden  muss,  um  einen  ge- 
gebenen Werth  hervorzubringen.  Wir  könnten  kürzer  sagen:  es  wird 
mit  einer  gegebenen  Zahl  in  eine  andere  dividirt,  oder  aber  sie  wird 
von  einer  anderen  subtrahirt,  wenn  nicht  dadurch  der  Zweck  wie 
die  Verfahrungs weise  des  Aegypters  durchaus  verwischt  würde. 

Das  Verfahren  besteht  wesentlich  in  einer  Zurück führung  der 
gegebenen  Brüche  auf  einen  gemeinsamen  Nenner,  die  als 
Hilfsrechnung  durch  andersfarbige  (rothe)  Schriftzüge  sich  hervorhebt, 
und  wobei  gewissermassen  über  unsere  moderne  Anwendung  von 
Greneralnennern  hinausgegangen  wird,  indem  man  sich  nicht  versagt, 
auch  solche  gemeinsame  Nenner  zu  wählen,  in  welchen  die  Nenner 
der  gegebenen  Stammbrüche  nicht  eine  ganzzahlige  Anzahl  von  Malen 
enthalten  sind.  Maassgebend  ist  nur,  dass  jener  Generalnenner  zur 
Aufgabe  selbst  oder  zu  der  bis  dahin  geführten  Rechnung  in  Be- 
ziehung stehe,  und  nicht  etwa  Scheu  vor  zu  grossen  Generalnennern 
bestimmt  die  Wahl  desselben.  Eine  solche  Scheu  kannte  man  that- 
sächlich  nicht,  wie  Aufgabe  No.  33.  beweist,  in  welcher  5432  als 
Generalnenner  vorkommt-).  Zwei  von  den  Seqemrechnungen,  No.  2.'5. 
und  No.  13.,  mögen  jene  die  additive,  diese  die  multiplikative  Er- 
gänzung erkennen  lassen. 

In  No.  23.  soll— -— -T  — —  additiv  zu  1  ergänzt  werden.  General- 
nenner wird  45,  allerdings  ohne  dass  ein  Wort  davon  verlautete.  Es 
werden    eben    nur    die    genannten    Stammbrüche    durch    die    Zahlen 

11 -T-,  5-^-^,  4-r-,   1—,  1  ersetzt,  und  damit  ist  für  den  Sachkundigen 

hinlänglich    erklärt,    dass    Fünfundvierzigstel    gemeint    sind.      Deren 

111  •  .        •  .2 

Summe  '^'^  -^-t-et  Fünfundvierzigstel    bedarf   zur  Ergänzung    auf  — 

noch  tI  =  TV  jf  =  -;r  t;^  ;   dann   fehlt  noch  -— ,   mithin   ist   die  ganze 
45         45  4p  9    40 '  6  '  ° 

Ergänzung -^1^. 

In  No.  13.  soll  —  — ^  multiplikativ  zu  y  ergänzt  werden.     Wohl 


')  Ebenda  S.  53  -  60.     «)  Ebeiula  S.  73. 


Die  Aegypter.    Aritlunetisches.  35 

mit  Rücksiclit  darauf,  dass  112  =  7  x:  16,  wird  ein  gerades  Vielfaclies 

i        1 J  ' 
von    7,    nämlicli    28,    zum    Generalneuner    gewählt,    also  —  =  -^, 

-7-  ==  ^  und  deren  Summe  =  „-  gesetzt.    Diese  soll  zu  -     ^  „|  ge- 

2 
macht  werden,   und  das   geschieht,  indem  man  die   —  selbst,  deren 

1  .  .  ?  .  .  . 

Hälfte  ^—  und    die   Hälfte    dieser   Hälfte  ^  vereinigt.     Mit    anderen 

Worten  -t^^-k  wird  durch  Vervielfachung  mit  1     -—  zu  —  vollendet. 

16 112  °  2    4  8 

Unsere  Darstellung  des  letzten  Beispieles  gibt  uns  nicht  bloss 
einen  Einblick  in  eine  Seqemaufgabe,  sondern  in  das  Dividiren  der 
Aegypter  überhaupt,  wie  es  im  ganzen  Papyrus  an  den  verschie- 
densten Stellen  wiederkehrt,  stets  den  Weg  mittelbarer  Vervielfältigung 
wählend,  in  verwickeiteren  Fällen  zunächst  mit  einem  angenäherten 
Ergebnisse  sich  begnügend,  welches  dann  selbst  noch  nachträglich 
eine  Ergänzung  nothwendig  macht. 

Wenn  es  in  No.  58.  heisst^):  Mache  du  vervielfältigen  die  Zahl 
93y  um  zu  finden  70.     Vervielfältige  die  Zahl  93y,  ihre  Hälfte  46|  , 

ihr  Viertel  23— .    Mache  du  --  x "    so  ist  die  Meinung  keine  andere, 

2  .  .  .1 

als   die,  dass  jene  Hälfte  mit  46^   und  jenes   Viertel   mit  23-   zu- 

sammen  die  verlangten  70  geben. 


Wenn  No.  32.  verlangt  l-5-x  ^^  ^  ^^  machen-),  so  vervielfältigt 

2111 

Ahmes   die  gegebene  Zahl  zmiächst  mit       "5"  "c"  7o  (wobei  der  Umweg 

2  1 

erst  —  und  dann  noch  —  der  Zahl  statt  dieser  selbst  zu  nehmen  nur 

0  o 

durch    den  Wunsch    erklärt    werden   kann,    bei'  der  weiteren  Arbeit 
möglich    viele   Multiplikationsergebnisse    von  1  „  -—  zu    kennen)    und 

bringt  die  Summe  aller  dieser  Theilprodukte  in  die  Form  1 ,.  t^  X  1^^ — 

285  288 

=  7-,-7  •     Er   will  aber  2  =  ^-rr  erhalten,    zu  deren  Ergänzung  noch 
144  144  '  »  ^ 

77T  =  rr^TTT  erforderlich  sind.     Nun  war  bei  der  Gewinnung  des  an- 
144         72  144  ^ 

11.         .  228 

genäherten  Produktes  l^-r-  in  die  Form  — rr   gebracht    worden.     Dar- 


aus  geht  hervor,  dass  -r^  X  1^  -,   =  7^7  sein  muss  und  -7-  X  1—  — 

^  '  228  3    4  144  144  6    4 

=  "  •    Der  gesammte  gesuchte  Quotient  ist  daher  -^r  ^^  ^~r  jö  144  228 ' 


^)  Ebenda  S.  144.     -)  Ebenda  S.  70. 


36  1-  Kapitel. 

Wir  sind  fast  unverantwortlicli  ausfülirlicli  in  der  Darstellung 
dieser  Reclinungs verfahren  und  ihrer  tabellarischen  Hilfsmittel  ge- 
wesen. Möge  es  uns  gelungen  sein  dem  Leser  die  Denkweise  eines 
ägyptischen  Rechners  einigermassen  zu  vergegenwärtigen.  Das  wäre 
freilich  unmöglich,  wenn  unsere  Auffassung  eine  so  durchaus  irrige 
wäre,  als  behauptet  worden  ist').  Zunächst  soll  in  den  Seqemrech- 
nuugen  von  einem  gemeinschaftlichen  Nenner  keine  Rede  sein.  Das 
ist  vollständig  wahr,  wenn  man  den  Nachdruck  auf  das  Wort  selbst 
legt.  Ahmes  hat  dem  Nenner,  auf  welchen  die  vorkommenden 
Brüche  zurückgeführt  werden,  keinen  Namen  gegeben.  Die  Operation 
der  Zurückführung  als  solche  ist  auch  nicht  geschildert.  Aber  als 
Mittel  zur  Hauptrechnung,  welche  Seqcm  heisst,  wird  sie  fortwährend 
geübt,  wie  wir  an  der  Hand  der  Beispiele  gezeigt  haben. 

Ferner  soll  auch  der  Zweck  der  Seqemrechnungen  nicht  der  von 
uns  angegebene  sein.  Ahmes  beweise  vielmehr  unter  dem  Namen 
Seqem  den  Satz,  dass  wenn  mau  verschiedene  Zahlengrössen  dem 
gleichen  Rechnungsverfahren  unterwerfe,  die  Ergebnisse  im  gleichen 
Verhältnisse  sich  ändern,  wie  die  Zahlengrössen,  von  denen  man 
ausging.  Indem  wir  unsere  Leser  auch  mit  dieser  Auffassung  be- 
kannt machen,  verschweigen  wir  allerdings  nicht,  dass  unserer  Mei- 
nung nach  hier  Dinge  in  Ahmes  hineingelesen  werden,  an  die  er  nie 
dachte.  Ein  Wort,  welches  mit  Verhältnis s  übersetzt  werden 
könnte,  kommt  überhaupt  nicht  vor.  Richtig  ist  nur  das  Eine,  und 
das  war  übersehen  worden,  bis  unser  Herr  Gegner  darauf  aufmerk- 
sam machte  j  dass  in  den  Seqemrechnungen  die  zu  erreichende  Zahl 
meistens  das  Siebenviertelfache  der  Ausgangszahl  ist,  so  dass  diese 
ganz,  zur  Hälfte  und  zum  Viertel  genommen  und  so  vereinigt 
werden  muss. 

Sei  aber  bei  dem  Umstände,  dass  Ahmes  nur  das  Wort  Seqem 
gebraucht,  ohne  es  irgend  zu  erklären,  ein  Zweifel  über  Sinn  und 
Absicht  gestattet,  sei  darum  die  eine  oder  die  andere  Deutung  vor- 
zuziehen, oder  gar  eine  dritte,  deren  Enthüllung  die  Zukunft  bringen 
könnte,  die  eine  Wahrheit  wird  wohl  sicherlich  genügend  zu  Tage 
getreten  sein,  dass  Ahmes  dieses  Handbuch  nicht  für  den  ersten 
Besten,  sondern  nur  für  die  Ersten  und  Besten  der  Rechnungs- 
verständigen seiner  Zeit  schrieb.  Sein  Werk  setzt  das  geraeine 
Rechnen  mit  ganzen  Zahlen  durchaus  voraus.  Es  schliesst  nicht 
aus,  dass  die  Zwischenrechnungen  unter  Anwendung  von  Hilfsmitteln 


')  Les  pretendus  problfemes  d'algebre  du  manuel  du  calculateur  lÖgyptien 
(,Papyrns  Rhind)  par  M.  Leon  Rodet  im  Journal  Asiatique  für  1892.  Die 
122  Seiten  starke  Abhandlung  ist  auch  im  Separatabdruck  erschienen. 


Die  Aegypter.     Arithmetisches.  37 

ausgeführt  wurden,  von  welchen  Ahmes  nicht  redet.  Wenden  wir 
uns  nunmehr  zu  den  eigentlichen  Aufgaben  des  Papyrus,  welchen 
wir  gleichfalls  den  Stempel  eines  verhältnissmässig  höheren  Wissens 
aufgeprägt  finden. 

-  An  der  Spitze  dieser  Aufgaben  stehen  die  ITaw- Rechnungen^), 
die  dem  Inhalte  nach  nichts  anderes  sind,  als  was  die  heutige  Algebra 
Gleichungen  ersten  Grades  mif  einer  Unbekannten  nennt. 
Die  unbekannte  Grösse  heisst  Hau,  der  Haufen,  und  mit  diesem 
Worte  wird  nicht  bloss  bis  zu  einem  gewissen  Grade  gerechnet,  es 
kommen  sogar  mathematische  Zeichen  vor,  welche  von  den  gegen- 
wärtig gebräuchlichen  sich  nur  in  so  weit  unterscheiden,  als  sie  ohne 
Anwendung  von  zugleich  mit  ihnen  auftretenden  Wörtern  nicht  aus- 
reichen einen  nicht  misszuverstehenden  Sinn  herzustellen.  Als  solche 
mathematische  Hieroglyphen  dürfen  wir  ausschreitende  Beine  für 
Addition  und  Subtraktion  nennen.  Die  Addition  wird  durch  dieselben 
bezeichnet,  wenn  die  Beine  der  Zeichnung  der  Füsse  gemäss  eben 
nach  der  Richtung  gehen,  wohin  auch  die  Köpfe  der  Vögel,  der 
Menschen  u.  s.  w.  in  den  dergleichen  darstellenden  Hieroglyphen 
schauen,  die  Subtraktion  im  entgegengesetzten  Falle.  Wir  nennen 
ferner  ein  aus  drei  horizontalen  parallelen  Pfeilen  bestehendes  Zeichen 
für  Differenz.  Wir  neimen  endlich  das  Zeichen  ^  in  der  Bedeutung 
„das  macht  zusammen"  oder  „gleich".  Stellen  wir  einige  dieser  Auf- 
gaben in  ihrem  Wortlaute  zusammen,  welchen  wir  die  Schreibweise 
als  Gleichungen  folgen  lassen. 

No.  24.     Haufen,    sein    Siebentel,    sein    Ganzes,    es    macht    19. 
D.  h. 


X 

■  T 

-\-x 

= 

19. 

No. 

28. 

2 

hinzu, 

1 

hinwf 

-(. 

+  1 

.) 

=  10. 

No. 

29. 

2 

hinzu. 

1 

3" 

hinzu 

D.  h,  [x  -f-  Y  x) 


~  hinweg  (?)  bleibt  10  übrig.    D.  h. 


{^  +  I  ^)  +  !(*■  +  I  ^)  -  T  [(^  +  3-  ^)  +  1  (^  +  1  ^) 


=  10. 


No.  31.  Haufen,  sein  — ,  sein  y,  sein  y,  sein  Ganzes,  es  be- 
trägt 33.     D.  h.  y  a;  -f  y  +  y  +  a;  =  33. 

Das  Wesen  einer  Gleichung  besteht  nun  allerdings  weit  weniger 
in  dem  Wortlaute  als  in  der  Auflösung,  und  so  müssen  wir,  um  die 
Berechtigung  unseres  Vergleichs  zu  prüfen,  zusehen,  wie  Ahmes  seine 


1)  Eisenlohr,  Papyrus  S.  60     88. 


38  1-  Kapitel. 

Haurechnungeu  vollzieht.  Er  gelit  dabei  ganz  methodiscli  zu  Werke, 
indem  er  die  Glieder,  welche,  wie  man  heute  sagen  würde,  links  vom 
Gleichheitszeichen  stehen,  zunächst  in  eins  vereinigt.  Freilich  thut 
er  das  in  doppelter  Weise,  bald  so,  dass  die  Vereinigung  im  Neben- 
einanderschreiben  der   betreffenden  Stammbrüche  bestehend  nur  eine 

2    11- 
formelle  ist,    z.  B.  No.  31.:    1 '"— - -^r- a;  =  33 :    bald    so,    dass   durch 

o     2     7 

Zurückführung"  auf    einen    Generalnenner    wirkliche    Addition    vorge- 

Q  in 

nommen  ist,  z.  B.  No.  24.:  y  a;  =  10;  No.  28.:  y  x  ==  10;  No.  20.: 

20 

X  =  10.     Im    erstgenannten  Falle    wird    sofort    durch  den  Coeffi- 

cienten  der  unbekannten  Grösse  in  die  gegebene  Zahl  dividirt,  vtde 
eben  der  Aegypter  zu  dividiren  pflegt,  d.  h.  bei  No.  31.  man  verviel- 

2    11 

fältigt  X-^--^    so    lange  bis   33   herauskommen  und  findet   so  den 
»327  ° 

freilich    nichts     weniger    als     übersichtlichen    Werth    des    Haufens 

144-^^679  4 1^388'    ^^^    welchem    wir   nur  zu  bemerken  geben, 

111  2 

dass  i77;7n^v„^    der    aus    der  Tabelle    herrührende  Werth  von  ;„  ist. 

OD  67»  77o  y? 

Der   zweite  Fall  eröffnet  wieder  zwei  Möglichkeiten.     Entweder  man 

n  .....        (7 

löst  j-  X  =  C  indem  die  Division  —    vollzogen    und    deren   Quotient 

mit  h  vervielfacht  wird;  so  in  No.  24.,  wo  zuerst  8  in  19  als  2—-^ 

mal  enthalten  und  dann  7  mal  2——  als  16—   „   gefunden  wird.    Oder 

4    8  2    8^ 

aber  man  dividirt  mit  -,-  in  1  und  vervielfacht  diesen  Quotienten  mit  C; 
so  wahrscheinlich  in  den  Aufgaben  No.  28.  und  29.  Li  No.  28.  wird 
nämlich  —  von  10  gesucht  und  von  10  abgezogen  um  den  Haufen  9 

19  1 

ZU  finden;  wir  fassen  das  so  auf,  es  sei       =.iö  =  ^  —  To  gewonnen 

y 

und   dann   1  —  j^  mal   10    ermittelt    worden.     Bei    No.   29.    wird    -^ 

27 

27   .  11 

oder    -  im  Werthe  von  \-rT7  berechnet  und  dieses  10  mal  genommen, 

20  4  10  o  / 

so  dass  13-    als  der  Haufen  erscheint. 

Auch  hier  sollen  wir^)  eine  durchaus  irrige  Darstellung  gegeben 
haben.  Nicht  als  Gleichungen  seien  die  Haurechnungen  aufzufassen, 
sondern  als  Anwendungen  der  hier  erstmalig  auftretenden  Methode 


')  Rodet,   Les  pr^tcndus  problcmcs   d'algöbre   du  mauuel  du    calculateur 
Egyptien. 


Die  Aegypter.     Arithmetisches.  39 

des  falsclieii  Ansatzes.    Ahmes  wälile,  wenn  eine  Aufgabe  von  der 
Form  y-  a;  =  C  vorgelegt   sei,  für  x   zunächst  den  bequemen,  wenn 

auch  falschen  Werth  h.     Durch  ihn  wird   freilich    ,   x  nicht  C  son- 

b 

dern  a,  und  der  richtige  Werth  von  x  wird  sodann  gefunden,  indem 

man  von  h   zu  ihm   dasselbe  Verhältniss   obwalten  lässt,   wie  von  ti 

zu  C.     Der  Sache  nach  stimmt  diese  Methode  des  falschen  Ansatzes 

und  die  der  Gleichungsauflösung  offenbar  übereiu,  und  bei  fehlendem 

Zwischentexte  ist  es  beinahe  Geschmackssache,  ob  man  das  Eine,  ob 

man  das  Andere  erkennen  will. 

Dass  die  Vorstellung  eines  Hindurchgehens  durch  einen  falschen 
Ansatz  den  Aegyptern  nicht  fremd  war,  haben  wir  immer  behauptet, 
wie  sich  bei  der  Besprechung  der  Aufgabe  No.  40.  zeigen  wird. 

Dass  aber  die  Aegypter  auch  mit  dem  Gleichungsbegriffe  ver- 
traut waren,  und  dass  ihnen  also  Fremdartiges  nicht  untergeschoben 
wird,  wenn  man,  wie  wir  es  gethan  haben,  die  Haurechnungen 
Gleichungsauflösungen  nennt  und  als  solche  behandelt,  das  zeigen 
vorzugsweise  andere  Aufgaben,  welche  im  Papyrus  räumlich  von  den 
Haurechnungen  getrennt  von  No.  62.  an  auftreten^).  Diese  Aufgaben 
würden  in  modernen  Uebungsbüchern,  in  welchen  sich  regelmässig 
verwandte  Dinge  behandelt  finden,  unter  dem  Namen  der  Gesell- 
schaftsrechnungen erscheinen.  Die  deutlichste  derselben,  No.  63., 
hat   nach  zweifellos   richtig  hergestelltem  Text  folgenden   Wortlaut: 

2 

„Vorschrift  zu  vertheilen  700  Brode  unter  vier  Personen,  ^  füi'  Einen, 
-    für  den   Zweiten,  —  für  den   Dritten,  -—  für  den  Vierten".     Als 

2  111 

Gleichung  geschrieben  wäre  hier  -^  x  -\-  t^x  -{-  x  -{-  -—  x  =  700 
oder  l  ~—  X  =  700.     Nun    wird    zwar    nicht    in    ägyptischer  Weise 

mit  1 V  A  ^^  ^  dividirt,  aber  doch  das  Ergebniss  .,  .  sofort  hin- 
geschrieben, ein  Ergebniss,  welches  der  Seqemaufgabe  No.  9.  ent- 
nommen sein  kami^),  woraus  zugleich  ein  weiterer  Nutzen  dieser 
Ergänzungsrechnungen  und  damit  eine  weitere  Begründung  der  Noth- 
wendigkeit  ihrer  besonderen  frühzeitigen  Einübung  hervorgeht.  Der 
Wortlaut  ist  nämlich   anknüpfend   an  den  der  Aufgabe:   „Addire  du 

7r-^»-r,  das  gibt  nun  1^--.  Theile  du  1  durch  l  ^  -r ,  das 
3234'  ö  24  24' 

gibt  nun  ^  -- .  Mache  du  —  /,  von  700,  das  ist  400."  Wie  könnte 
o  2  14  2  14  ' 


^)  Eisenlohr,  Papyrus  S.  151  —  174;    insbesondere   S.  159   für  die  Auf- 
gabe No.  63.  und  S.  165—166  für  die  Aufgabe  No.  66.     ^)  Ebenda  S.  55. 


40  1-  Kapitel. 

man  bei  dieser  Reclmung  von  einem  falschen  Ausatze  reden?  Nein, 
es  ist  vollständige  Gleichungsauf  lösung.  Von  -r-  x  =  C  ist  weiter 
gescKlossen  auf  x  =  (l  :  -j-j  C,  genau  so  wie  wir  oben  es  auch  für 
die  Aufgaben  No.  28.  und  29.  wahrscheinlicli  zu  machen  versuchten. 

Unter  den  Aufgaben  der  letzterwähnten  Gruppe  ist  No.  66  nicht 
ohne«  sachliches  Interesse,  wo  aus  dem  Fettertrage  eines  Jahres  der 
tägliche  Durchschnittsertrag  mit  Hilfe  der  Theilung  durch  365  er- 
mittelt wird-  Die  Länge  des  Jahres  zu  365  Tagen  führt  in  Aegypteu 
auf  eine  sagenhafte  Urzeit  noch  vor  König  Mena  zurück').  Der  Gott 
Thot  soll  der  Mondgöttin  im  Brettspiele  5  Tage  abgewonnen  haben, 
die  er  den  bis  dahin  in  der  Zahl  von  360  üblichen  Tagen  des  Jahres 
zulegte.  Und  wie  die  Aegypter  mindestens  als  Mitbewerber  zu 
anderen  ältesten  Kulturvölkern  um  den  Vorrang  der  Kenntniss  der 
Jahreslänge  von  365  Tagen  auftreten,  so  gebührt  ihnen  ganz  gewiss 
das  Erstlingsrecht  in  der  Einführung  des  Schaltjahres  von  366  Tagen, 
welches  je  nach  drei  gewöhnlichen  Jahren  eintretend  eine  Ausgleichung 
der  Jahresdaten  mit  den  wirklichen  Jahreszeiten  zum  Zwecke  hat. 
Das  Edikt  von  Kanopus  vom  7.  März  238  v.  Chr.  führte  diese 
Eim'ichtung  ein,  wenn  sie  auch  bald  wieder  in  Vergessenheit  gerieth^). 

Dem  Inhalte  und  der  Art  des  Auftretens  nach  hochbedeutsam 
sind  die  Aufgaben  No.  40.  64.  79  des  Papyrus.  Ihr  getrenntes 
Vorkommen  scheint  darauf  hinzuweisen,  dass  der  mathematische  Zu- 
sammenhang derselben  für  Ahmes  nicht  deutlich,  oder  nicht  erheblich 
genug  war  um  die  Anordnung  der  Aufgaben  zu  beeinflussen.  Ihr 
Gegenstand  ist  der  Lehre  von  den  arithmetischen  und  den  geome- 
trischen Reihen  entnommen. 

No.  40.     „Brode   100   au  Personen  5:  -     von  3  ersten  das  von 

77  7       7 

Personen  2  letzten.  Was  ist  der  Unterschied?"^)  Ahmes  will  eine 
arithmetische  Reihe  von  5  Gliedern  gebildet  haben,  deren  grösstes 
Anfangsglied  «,  deren  negative  Differenz  —  d  sei,  und  welche  der  Be- 
dingung entspricht,  dass  ^        — ^ =  (a- —  Sd)  -\-  (a —  4d), 

oder  11  (a  —  4d)  =  2d,  beziehungsweise  ^  =  5  „  X  (a  —  4<^)  sei. 
Mit  anderen  Werten:  der  Unterschied  def  Glieder  muss  das  5— fache 
des    niedersten  Gliedes    betragen,    damit    der  einen   ausgesprochenen 


1)  Maspero-Pietschmann  S.  76—77.  -)  Ueber  das  im  April  1866  auf- 
gefundene Edikt  von  Kanopus  vergl.  K.  Lepsius,  das  bilingue  Dekret  von 
Kanopus.    Berlin  1866.     Bd.  I.     =")  Eisenlohr,  Papyrus  S.  90—92. 


Die  Aegypter.     Arithmetisches.  41 

Bedingung  genügt  werde,  und  Ahmes  kleidet  dieses  ohne  jede  Be- 
gründung in  die  Worte:  „Mache  wie  geschieht,  der  Unterschied  Sy" 
worauf  er  die  Reihe  hinschreibt,  welche  die  1  als  letztes  Glied  be- 
sitzt: 23,  ITy,  12,  ej  ,  1.  Allein  die  Summe  s  dieser  Reihe  ist 
nur  60,.  während   sie   nach  der  anderen  ausgesprochenen  Bedingung 

100  sein  soll.     Nun  ist  100  das  1^  fache  von  60,  man  braucht  also 

■  2 
nur  jedes  Reihenglied  1— mal    zu    nehmen    um    beiden    Bedingungen 

zugleich   gerecht  zu  werden.     Bei  Ahmes  heisst  dieses   wieder  ohne 

2 
weitere  Begründung  „mache  du  vervielfältigen  die  Zahl  lymal",  wu- 

1  1  Ä  2    1  2 

durch  er  zu  der  richtigen  Reihe  38  - ,  29y ,  20,  lOy  -j ,  ly  gelangt. 

Hier  hat  Ahmes  in  der  That  zuerst  einen  falschen  Ansatz  ver- 
sucht, um  ihn  nachträglich  zu  verbessern,  und  wir  werden  uns  dieses 
Verfahren  für  später  zu  bemerken  haben. 

No.  64.  „Vorschrift  des " Ab theilens  Unterschiede.  Wenn  gesagt 
dir  Getreide  Maass  10  an  Personen  10.    Der  Unterschied  Von  Person 

jeder  zu  ihrer  zweiten  beträgt  an  Getreide  Maass  -g- ,  ist  er.''  ^)    Hier 

ist  aus  der  Summe  s,  der  wieder  negativ  gewählten  Differenz  —  cl, 
und  der  Gliederzahl  n  das  Anfangsglied  a  der  fallenden  arithmeti- 
schen Reihe  zu  suchen.    Nun  ist  a  +  (a  —  d)-\ [-  (^  —  (n  —  1)  d)  = 

s  =  na  —  ^  ^^^  ~  ^^  d   und    daraus    a  =  —  -\-  (n  —  1)  •  —    und    genau 

nach  dieser  Formel  lässt  Ahmes  rechnen.  Der  Wortlaut  mag  diese 
Behauptung    begründen.     Ahmes    schreibt    vor:    „Ich    theile    in    der 

Mitte   [d.  h.  ich  bilde  den  mittleren  Durchschnitt  ^J  d.  i.   1  Maass. 

Ziehe  ab   1   von   10  Rest  9   [d.  h.   bilde  n  —  1].     Mache  die  Hälfte 

des   Unterschiedes  [d.  h.  mache  -jj  d.  i.  jg  •     Nimm  es  mal  9  [d.  i. 

nimm  -^  X  0^ — l)!?  ^^^^  gi^^  ^®i  ^i^'  Yie'  ^^^^  ^^  hinzu  zur  Thei- 
lung  mittleren  [d.  h.  vollziehe  die  Addition  -^  +  y  X  (»*  +  1)J-  Ziehe 
ab  du  Maass  ^  für  Person  jede  um  zu  erreichen  das  Ende." 

In  beiden  Aufgaben  bedurfte  es  von  uns  der  Erläuterungen,  um 
die  betreffenden  Auflösungsmethoden  zu  rechtfertigen.  Ahmes  setzt 
kein  Wort  von^  dieser  Art  hinzu.  Das  beweist  doch  mit  aller  Be- 
stimmtheit, dass  die  nothwendigen  Formeln  aus  einem  anderen  Lehr- 

1)  Ebenda  S.  159—162. 


42  1-  Kapitel. 

buche  hergenommen  sein  mussteu,  oder  aber,  dass  der  mündliebe 
Unterriebt  für  die  nötbige  Erklärung  bei  soleben  Sebülern  sorgte, 
die  zur  Frage:  warum  macbt  man  das  so?  reif  waren.  Keinenfalls 
konnte  der  ägyptisebe  Mathematiker,  wenn  die  Anwendung  dieses 
Wortes  gestattet  ist,  in  seinem  Wissen  von  arithmetischen  Reihen 
auf  die  unbewiesenen,  ungerechtfertigten  Formeln  beschränkt  gewesen 
sein,  von  denen  in  No.  40.  und  64.  Gebrauch  gemacht  ist.  Dafür 
spricht  noch  weiter  das  Vorhandensein  eines  besonderen  Ausdruckes 
Tunnu,  die  Erhebung,  für  den  Unterschied  zweier  auf  einander 
folgender  Glieder  der  Reihe. 

Wir  haben  uns  auch  noch  auf  die  Aufgabe  No.  79.  für  Kennt- 
nisse in  der  Lehre  von  den  geometrischen  Reihen  bezogen.  Wie 
weit  sieh  diese  erstreckten,  ist  freilieh  viel  zweifelhafter  als  bei  den 
arithmetischen  Reihen.  In  der  genannten  Aufgabe^)  ist  von  einer 
Leiter,  Sutek,  die  Rede,  welche  aus  den  Gliedern  7,  49,  343, 
2401,  16807  bestehe.  Neben  diesen  Zahlen,  offenbar  neben  den 
5  ersten  Potenzen  von  7,  stehen  Wörter,  die  auf  deutsch  Bild, 
Katze,  Maus,  Gerste,  Maass  heissen.  Der  Sinn  dieser  Aufgabe 
war  durch  die  mehrerwähnte  Eigenthümliehkeit  des  Handbuches, 
nirgend  verbindende  oder  erklärende  Worte  zwischen  die  Zahlen- 
angaben  einzuschieben,  unverständlich  und  musste  es  bleiben,  bis  es 
gelang  bei  einem  Schriftsteller,  der  fast  3000  Jahre  nach  Ahmes 
.lebte,  eine  Aufgabe  aufzufinden,  von  welcher  im  41.  Kapitel  im 
folgenden  Bande  die  Rede  sein  wird,  und  welche  den  Schlüssel 
lieferte.^)  Der  fehlende  Wortlaut  der  Aufgabe  No.  79  ist  demnach 
folgendermaassen  herzustellen:  7  Personen  besitzen  je  7  Katzen;  jede 
Katze  vertilgt  7  Mäuse;  jede  Maus  frisst  7  Aehren  Gerste;  aus  jeder 
Aehre  können  7  Maass  Getreidekörner  entstehen;  wie  heissen  die 
Glieder  der  nach  diesen  Angaben  zu  bildenden  Zahlenreihe,  und  wie  gross 
ist  ihre  Summe?  Ahmes  bildet  die  Glieder  wirklich.  Er  addirt  sie 
zu  19607  und  findet  in  einer  Nebenrechnung  die  gleiche  Zahl  19607 
als  Produkt  von  7  mal  2801.  Allerdings  ist  nicht  gesagt,  wie 
Ahmes  grade  zu  dem  Faktor  2801  gelangte,  aber  andrerseits  ist  auch 

1  fiS07 1 

nicht  in  Abrede  zu  stellen,  dass  2801  =  7  _  i  j  ^^^^  ^^^^  mög- 
licherweise hier  die  Kenntniss  der  Summirungsformel  für  die  geome- 

^n j 

trische  Reihe  a  +  a^  +  •  •  •  +  «°  = \   X  «  durchschimmert,  wenn 

'  '  '  a  —  1  ' 

auch  von  einer  Gewissheit  keine  Rede  sein  kann. 

Das  wäre  etwa  der  Inhalt  des  Uebuugsbuches  d^  Ahmes,  soweit 


')  Ebenda  S.  202 — 204.     *)  Rodet,  Los  pretendus  problemes  d'algebre  du 
manuel  du  calculateur  ^figyptien  pag.  111—113  der  Sonderausgabe. 


Die  Aegypter.     Arithmetisches.  43 

er  für  die  Rechenkunst  von  Wichtigkeit  ist.  Bevor  wir  den  geome- 
tri»chen  Theil  der  Aufgaben  zur  Sprache  bringen  und  des  Metro- 
logischen im  Vorbeigehen  gedenken,  schalten  wir  hier  Erörterungen 
ein,  die  sich  auf  die  schriftliche  Bezeichnung  der  Zahlen  bei  den 
Aegyptern  und  auf  das  Rechnen  derselben  beziehen. 

Dass  die  Schrift  der  Aegypter  ihren  ursprünglichen  Charakter 
als  Bilderschrift  in  den  Zeichen,  welche  zur  monumentalen  Anwen- 
dung kamen,  am  Reinsten  bewahrt  hat,  braucht  gewiss  kaum  gesagt 
zu  werden.  Die  Hieroglyphen,  eingehauen  in  die  Obelisken  und 
Gedenksteine,  aufgemalt  auf  die  Wände  der  Tempel  und  der  Grabes- 
kammern lassen  auf  den  ersten  Blick  sich  als  Zeichnungen  von 
Menschen,  von  Thieren,  von  Gliedmaassen,  von  Gegenständen  des 
täglichen  Gebrauches  erkennen,  wenn  sie  auch  allmälig  mit  Silben- 
oder Buchstabenaussprache  versehen  wurden,  welche  mit  dem  dar- 
gestellten Bilde  oft  nur  lautlich  zusammenhängen.  Bei  rascherem 
Schreiben  veränderten  "sich  selbstverständlich  die  Zeichen.  Absicht- 
lich oder  zufällig  abgerundet  verschwammen  sie  bis  zur  ünerkenn- 
barkeit  ihres  Ursprunges  in  rasch  hinzuwerfende  Züge  der  hiera- 
tischen Schrift.  Endlich  ist  als  letzte  Erscheinungsweise  dieses 
Abhandenkommens  der  ersten  Umrisse  die  demotische  Schrift  zu 
erwähnen,  heute  noch  die  meisten  Schwierigkeiten  bereitend,  l)ei 
denen  wir  uns  glücklicherweise  nicht  aufzuhalten  brauchen,  da  die- 
jenigen Schriftstücke,  von  denen  allein  die  Rede  sein  muss,  theils  in 
Hieroglyphen  an  verschiedenen  noch  zu  neunenden  Tempelwänden, 
theils  in  hieratischer  Schrift  —  so  besonders  das  bisher  besprochene 
Werk  des  Ahmes  —  erhalten  sind. 

Die  Richtung  der  Schrift  ist  bei  Hieroglyphen  wechselnd. 
Man  pflegte  nämlich  auf  die  Richtung,  in  welcher  der  Lesende  vor- 
überschreitend gedacht  war,  Rücksicht  zu  nehmen,  und  so  musste 
bei  Inschriften  auf  zwei  Parallelwänden  nothwendigerweise  auf  der 
Wand  zur  Rechten  des  Hindurchgehenden  die  Schrift  von  rechts 
nach  links  fortschreiten,  auf  der  anderen  Wand  von  links  nach  rechts. 
Sämmtliche  Hieroglyphen  kommen  daher  bald  in  einer  Form  vor, 
bald  in  der  durch  Spiegelung  aus  jener  entstehenden  zweiten  Form. 
Man  hat  sich  gewöhnt  bei  der  Wiedergabe  der  Hieroglyphen  im 
Drucke  stets  die  Form  anzuwenden,  welche  dem  Lesen  von  links 
nach  rechts  entspricht.  Die  hieratische  Schrift  dagegen  führt  immer 
von  rechts  nach  links  ^j. 

Sollten  in  hieroglyphischen  Inschriften  Zahlen  dargestellt  werden, 
so   standen   dazu  verschiedene  Mittel  zu  Gebote'-^).     Bald  wiederholte 


»)  Maspero-Pietscbmanu  S.  590.     *]  Mathem.  Beitr.  Kulturl.  S.  15. 


44  1.  Kapitel. 

man  das  zu  Zählende,  wie  z.  B.  in  einer  Inschrift  von  Karnak,  wo 
„9  Götter"  in  der  Weise  geschrieben  ist,  dass  das  Zeichen  für  Gott 
neunfach  nebeneinander  abgebildet  ist.  Bald  schrieb  man  die  Zahl- 
wörter alphabetisch  aus,  ein  höchst  wichtiges  Vorkommen,  da  hieraus 
'  die  Kenntniss  des  Wortlautes  wenigstens  in  einigen  Fällen  zu  ge- 
winnen war,  wozu  alsdann  Ergänzungen  theils  aus  der  Benutzung 
von  Zahlzeichen  in  Silbenbedeutung,  theils  .  aus  der  koptischen 
Sprache  u.  s.  w.  kamen,  so  dass  man  gegenwärtig  über  eine  ziem- 
liche Menge  von  ägyptischen  Zahlwörtern  verfügt^).  Bei  weitem  am 
häufigsten  gebrauchten  aber  die  Aegypter  bestimmte  Zahlzeichen, 
denen  der  Franzose  Jomard  schon  während  der  ägyptischen  Expe- 
dition 1799  auf  die  Spur  kam,  und  die  er  1812  bekannt  machte.  Sie 
stammen  meistens  aus  dem  sogenannten  „Grabe  der  Zahlen",  das 
Champollion  unweit  der  Pyramiden  von  Gizeh  auffand,  und  in  welchem 
deni  reichen  Besitzer  seine  Heerden  mit  Angabe  der  einzelnen  Thier- 
gattungen  vorgezählt  werden,  als  834  Ochsen,  »220  Kühe,  3234  Ziegen, 
760  Esel,  974  Schaafe. 

Die  Zeichen  sind  ihrer  Bedeutung  nach  1  (I),  10  (  fl  ),  100  ((^), 


1000   (^\ ,    10000   (f\ ;  auch  ein  Zeichen  für  100000   (  ^  ) ;    für 

Million  (^),    sogar   für    10  Million    (Q)    ist   bekannt    geworden^). 

Was  die  Zeichen  darstellen,  ist  nicht  bis  zur  vollen  Sicherheit  klar. 
Dass  1  durch  einen  senkrechten  Stab,  10  000  durch  einen  deutenden 
Finger,  100  000  durch  eine  Kaulquappe,  Million  durch  einen  sich  ver- 
wundernden Mann  zu  erklären  sei,  darin  mögen  wohl  Alle  einig  sein. 
Die  vier  übrigen  Zeichen  dagegen  für  10,  100,  1000^  10  Million  sind 
bald  so,  bald  so  gedeutet  worden.  So  hat  man  beispielsweise  in  dem 
Zeichen  für  100  bald  einen  Palmstengel,  bald  einen  Priesterstab, 
in  dem  für  1000  bald  eine  Lotusblume,  bald  eine  Lampe  erkennen 
wollen.  Wir  sehen  von  dieser  Einzeldeutung  als  uns  nicht  berührend 
ab  und  schildern  nur  die  Methode,  nach  welcher  mittels  dieser 
Zeichen  die  Zahlen  geschrieben  wurden.    , 

Sie  ist  eine  rein  additive  durch  Nebeneinanderstellung  oder 
Juxtaposition,  indem  das  Zeichen  der  Einheit  einer  jeden  Ord- 
nung so  oft  wiederholt  wird  als  sie  vorkommen  sollte.  Der  leichteren 
Uebersicht  wird  dadurch  Vorschub  geleistet,  dass  Zeichen  derselben 
Art,  wenn  mehr  als  vier  derselben  auftreten  sollten,  in  Gruppen  zer- 
legt zu  werden  pflegten,  so  dass  nicht  mehr  als  höchstens  vier  Zeichen 


')  Eisenlohr,    Papyrus    S.  13  —  21.     ^)  Hieroglyphische   Grammatik  von 
H.  Brugsch.     Leipzig,  1872,  S.  33. 


Die  Aegypter.    Arithmetisclies.  45 

derselben  Art  diclit  nebeneinander  gesebrieben  wurden.  Eine  der- 
artige  Grupjjirung  scbeint  übrigens  fast  aller  Orten  sich  früh- 
zeitig eingebürgert  zu  haben,  selbst  bei  solchen  Völkern,  die  in 
ihren  mit  lauter  einfachen  Strichen  versehenen  Kerbhölzern  zu 
der  niedrigsten  Form  eines  schriftlichen  Festhaltens  einer  Zahl  allein 
sich  aufzuschwingen  vermochten^).  Die  Reihenfolge  der  Zeichen 
überhaupt  und,  bei  Zeichen  derselben  Art,  der  Gruppen  gehorcht  dem 
Gesetze  der  Grössenfolge,  welches  wir  in  der  Einleitung  erläutert 
haben.  Bei  den  von  links  nach  rechts  verlaufenden  Hieroglyphen- 
texten steht  demnach  das  Zeichen,  beziehungSAveise  die  Gruppe 
höchster  Zahlenbedeutung  immer  links  von  den  anderen,  und  um- 
gekehrt verhält  es  sich  bei  den  Texten  entgegengesetzten  Verlaufs. 
Kamen  neben  den  Ganzen  auch  Brüche  vor,  so  wurden  diese  selbst- 
verständlich nach  den  Ganzen  geschrieben.  Die  Bezeichnung  der 
Stammbrüche  findet  so  statt,  dass  der  Nenner  in  gewöhnlicher  Weise 
geschrieben  wird,  darüber  aber  das  Zeichen  <r:>  Platz  findet,  welches 

ro  ausgesprochen  wird.    Nur  statt   ^   schreibt  mau  / und  statt  des 

uneigentlicheu  Stammbruches    "    *>?  oder  <n>. 

Die  hieratischen  Zahlzeichen  wurden  fast  ebenso  frühzeitig  wie 
die  hieroglyphischen  bekannt,  indem  Champollion  zwischen  1824  und 
1826  aus  der  überaus  reichen  ägyptischen  Sammlung  zu  Turin  und 
den  Papyrusrollen  des  Vatikan  die  Grundlage  zu  ihrer  Eutziiferung 
gewann.  Dass  auch  hier  das  Gesetz  der  Grössenfolge  für  ganze  Zahlen 
wie  für  Brüche  maassgebend  ist,  dass  der  Richtung  der  hieratischen 
Schrift  entsprechend  das  Grössere  ausnahmslos  rechts  von  dem  Klei- 
neren steht,  braucht  kaum  gesagt  zu  werden.  Zum  Schreiben  der 
ganzen  Zahlen  benutzt  die  hieratische  Schrift  beträchtlich  mehr 
Zeichen  als  die  hieroglyphische,  weil  sie  von  der  Juxtaposition  unter 
sich  gleicher  Zeichen  Abstand  nimmt,  vielmehr  für  die  neun  mög- 
lichen Einer,  für  die  ebensovielen  Zehner,  Hunderter,  Tausender  sich 
lauter  besonderer  von  einander  leicht  unterscheidbarer  Zeichen  be- 
dient. Sie  spart  an  Raum  und  stellt  dafür  höhere  Anforderungen 
an  das  Wissen  des  Schreibenden  oder  Lesenden.  Nicht  als  ob  jene 
Zeichen  insgesammt  von  einander  unabhängig  wären.  Ein  Blick  auf 
die  Tafel  am  Schlüsse  dieses  Bandes  genügt,  um  zu  erkennen,  dass 
die  Einer  mit  geringen  Ausnahmen  sich  aus  der  Vereinigung  der 
betreffenden  Anzahl  von  Punkten  zu  Strichen  und  aus  der  Verbindung 
solcher  Striche    zusammengesetzt   haben '•^),    dass    die   Hunderter    und 

1)  Pott  I,  S.  8—9;  II,  S.  53.  ^)  R.  Lepsius,  Die  altägjptische  Elle  und 
ihre  Eiutheiluug  (Abhiuidlungen  der  Berliner  Akademie  1860)  S.  42. 


46  1.  Kapitel. 

Tausender  aus  den  Zeiclieu  für  100  und  1000  mit  den  sie  verviel- 
fachenden Einern  Entstanden  sind,  dass  jene  Zeichen  für  1000,  für 
100,  auch  für  10  den  Hieroglyphen  entstammen,  unter  Beachtimg 
des  Gegensatzes  zwischen  einer  rechtsläufigen  und  einer  linksläufigen 
Schrift.  Die  übrigen  Zehner  fordern  jedoch  den  Scharfsinn  des  Er- 
klärers so  weit-  heraus,  dass  wir  darauf  verzichten  auch  nur  einen 
Versuch  in  dieser  Beziehung  anzustellen. 

Die  Hieroglyphe  für  10  hat  sich,  wie  man  bemerken  wird,  bei 
der  hieratischen  Schrift  oben  zugespitzt,  und  so  bestätigt  sich  der 
Bericht  eines  wahrscheinlich  in  Aegypten  geborenen  griechischen 
Schriftstellers  aus  dem  Anfange  des  V.  Jahrhunderts  nach  Chr., 
Horapollon^  welcher  mittheilt'),  die  10  werde  durch  eine  gerade 
Linie  dargestellt,  an  welche  eine  zweite  sich  anlehne.  Derselbe  Schrift- 
steller sagt  auch'^),  die  5  werde  durch  einen  Stern  dargestellt,  wie 
gleichfalls  von  der  neueren  Forschung  bestätigt  worden  ist,  wenn 
auch  dieses  Zeichen  weniger  Zahlzeichen  als  eigentliche  Worthiero- 
glyphe gewesen  zu  sein  scheint. 

Bei  der  hieratischen  Schreibweise  der  Brüche  hat  das  hierogly- 
phische ro  sich  zu  dem  Punkte  verdichtet,  der,  wie  wir  schon  wissen, 
über  die  ganze  Zahl  des  Nenners   gesetzt  den  Stammbruch  erkennen 

2  1 

Hess.  (S.  24.)  Den  Hieroglyphen  von  "  und  -  entsprechen  gleich- 
falls aus  ihnen  abgeleitete  Zeichen.     Ausserdem  gibt  es  .noch  beson- 


dere   hieratische  Zeichen  für  --  und  — ,  deren  Ursprung  nicht  wohl 


ersichtlich  ist ,   es  müsste  denn  bei  dem  Zeichen  für  --  an  die  Vier- 

4 

theilung    der    Ebene     durch     zwei    sich    kreuzende    Linien    gedacht 
worden  sein? 

Die  hieratische  Schreibweise  der  ganzen  Zahlen  insbesondere  war 
nicht  systemlos.  Sie  konnte  das  Rechnen,  namentlich  das  Multipli- 
ciren  bedeutend  unterstützen,  vorausgesetzt,  dass  man  nur  eine  Kennt- 
niss  dessen  besass,  was  als  Ergebniss  der  Vervielfachung  der  Einer 
unter  einander  und  der  Einheiten  verschiedener  Ordnung  erscheint. 
Aber  eine  solche  Einmaleinstabelle  haben  die  Aegypter 
muthmasslich  nie  besessen.  Der  Beweis  dafür  liegt  in  der  That- 
sache,  dass  sie  Multiplikationen  so  gut  wie  nie  auf  einen  Schlag  voll- 
zogen und  auch  bei  der  Ermittelung  der  Theilprodukte  den  Multipli- 
kator keineswegs  nach  dekadisch  unterschiedenen  Theilen  zu  zerlegen 
pflegten.     Wollte  man  z.  B.  das  13  fache  einer  Zahl  bilden,  so  suchte 


')  Ilorapollon,    Hieroglypbica    Lib.    II.    cap.    30.       "-')    Horapollon, 
Hieroglyphica  Lib.  I,  cap.  13. 


Die  Aegypter.    Arithmetisches.  47 

man  nicht  etwa  das  3  fache  und  lOfache,  sondern  das  1  fache,  2 fache, 
4fache,  8 fache  durch  wiederholte  Verdoppelung  und  vereinigte  dann 
das  1  fache,  4  fache,  8  fache  zum  gewünschten  Produkte.  Der  gleiche 
Kunstgriff  reichte  aus,  wenn  Stammbrüche  mit  Stammbrüchen  ver- 
vielfacht werden  sollten,  da  vermöge  der  Schreibart  der  Brüche  hier 
die  Gleichartigkeit  mit  der  Vervielfachung  ganzer  Zahlen  unter  einander 
auf  der  Hand  lag,  so  dass  wir  in  dieser  Bezeichnung  der  Brüche 
selbst  entweder  eine  geniale  Erfindung  oder  einen  glücklichen  Griff, 
wahrscheinlich  das  Letztere,  zu  rühmen  haben. 

Wir  haben  an  den  früher  besprochenen  Beispielen  die  Methoden 
allmäliger  Vervielfachung  ganzer  und  gebrochener  Zahlen  sowohl  zum 
Zwecke  eigentlicher  Multiplikation,  als  indirekter  Divison  zur  Genüge 
kennen  gelernt.  Wir  haben  (S.  36)  hervorgehoben,  dass  das  Hand- 
buch des  Ahmes  nur  für  Geübtere  geschrieben  sein  kann,  und  mögen 
auch  seine  Schlussworte  ^):  „Fange  Ungeziefer,  Mäuse,  Unkraut  frisches. 
Spinnen  zahlreiche.  Bitte  Ra  um  Wärme,  Wind,  Wasser  hohes"  sich 
an  einen  Landmann  wenden,  mögen  die  Aufgaben  selbst  vielfach  an 
die  Beschäftigungen  eines  Landmannes  erinnern.  Niemand  wird  des- 
halb glauben  wollen,  dass  ein  gewöhnlicher  Landmaim  Hau-  und 
Tunnurechnungen  zu  bewältigen  im  Stande  gewesen  sei.  Neben  dem 
höheren,  dem  wissenschaftlichen  Rechnen  kann  daher  und  muss  viel- 
leicht an  ein  Elementarrechnen  gedacht  werden,  dessen  Spuren  wir 
anderwärts  als  in  dem  Papyrus  des  Ahmes  aufzusuchen  hal)en.  üas 
Meiste,    was    die   Wissenschaft    erfand,    sickert   im   Laufe   der  Jahre, 

wenn    nicht   der    Jahrhunderte    durch   die  verschiedeilen  Volksklassen 

s 

hindurch,   allgemeine  Verbreitung  erst  dann  erlangend,  wenn  höhere 

Bildung  schon  weit  darüber  hinaus  gegangen  ist,  oder  gar  es  als 
falsch  erkannt  hat.  So  muss  es  auch  mit  dem  Rechnen  gegangen 
sein  in  dem  Lande,  wo  es  vielleicht  zu  Hause  war. 

Auf  die  ägyptische  Herkunft  der  Rechenkunst  weisen 
Volkssagen  hin,  welche  von  griechischen  Schriftstellern  uns  aufbe- 
wahrt wurden.  „Die  Aegypter",  so  sagt  uns  der  Eine"),  erzählen, 
sie  hätten  das  Feldmessen,  die  Sternkunde  und  die  Arithmetik  er- 
funden." Ein  anderer  hat  gehört ''),  der  Gott  Thot  der  Aegypter 
habe  zuerst  die  Zahl  und  das  Rechnen  und  Geometrie  und  Astronomie 
erfunden.  Ein  dritter*)  führt  die  ganze  Mathematik  auf  Aegypten 
zurück,  denn  dort,  meint  er,  war  es  dem  Priesterstande  vergöjmt 
Müsse  zu  haben.     Und  wenn  Josephus,   sei  es   seinem  Nationalstolze 


')  Eisenlohr,  Papyrus  S.  223 — 225.  ^)  Diogenes  Laertius  prooem. 
s.  11.  ^)  Piaton,  Phaedros  pag.  274  m.  *)  Aristoteles,  Metaphys.  I, 
1  in  fine. 


48  '1.  Kapitel. 

eine  Genugtliuung  verscliaffend,  sei  es  zum  Tbeil  wenigstens  der  Wahr- 
heit die  Ehre  gebend,  behauptet,  die  Aegypter  hätten  die  Arithmetik 
von  Abraham  erlernt,  der  sie  gleich  der  Astronomie  aus  Chaldäa 
nach  Aegypten  mitbrachte,  so  fügt  er  doch  hinzu,  die  Aegypter 
seien  die  Lehrer  der  Hellenen  in  dieser  Wissenschaft  gewesen^). 

Die  Frage  ist  nun,  wie  das  älteste  elementare  Rechnen  der  Aegypter 
beschaffen  war,  dasjenige,  welches  nach  unserer  Auffassung  auch  zur 
Zeit  des  Ahmes  und  später  noch  das  allgemein  übliche  war?  Zur 
Beantwortung  dieser  Frage  stehen  uns  theils  Yei'J^^^^hungen,  theils 
eine  bestimmte  Aussage  eines  zuverlässigen  Berichterstatters  zu 
Gebote,  und  bald  auf  die  einen,  bald  auf  die  andere  uns  stützend 
glauben  wir  an  ein  Finger  rechnen,  wissen  wir  von  einem  instrumen- 
talen Rechnen  der  Aegypter. 

Das  Rechnen  an  den  Fingern,  nicht  nur  so  wie  es  unwill- 
kürlich das  Kind  schon  ausführt,  welches  zu  addirende  Zahlen  durch 
ebensoviele  ausgestreckte  Finger  sich  versinnlicht,  um  die  Summe  vor 
Augen  zu  haben,  sondern  unter  einigermassen  künstlicher  Ausbildung 
mit  bestimmtem  Werthe  der  einzelnen  Finger  ist  (S.  6)  bei  Völkern 
nachgewiesen  worden,  für  die  wir  kaum  mehr  als  die  ersten  Anfönge 
von  Bildung  in  Anspruch  nehmen  dürfen.  Wir  wollen  keinerlei  Ge- 
wicht darauf  legen,  dass  die  Völker,  von  denen  an  jener  Stelle  die 
Rede  war,  dem  Inneren  und  dem  Süden  Afrikas  angehören,  dass  so- 
mit bei  der  nordsüdlichen  Richtung,  welche  auf  jenem  Erdtheile  die 
Bildung  eingehalten  zu  haben  scheint,  bei  der  geringen  geistigen  Be- 
gabung der  Negerrassen  hier  ein  solches  Durchsickern  altägyptischer 
Methoden,  wie  wir  es  eben  als  naturgemäss  schilderten,  so  langsam 
von  Statten  gegangen  sein  könnte,  dass  sie  erst  nach  Jahrtausenden 
in  sehr  viel  südlicheren  Breiten  ankamen.  Derartige  Vermuthungen 
auszusprechen,  ist  nicht  ohne  Reiz,  sie  können  ein  vereinzeltes  Mal 
glücken,  aber  sie  haben  darum  noch  keine  Berechtigung.  Dagegen 
war  in  Aegypten  selbst  in  der  ersten  Hälfte  des  V.  nachchristlichen 
Jahrhunderts  die  Ueberlieferung  voll  einer  Zahlenbedeutung  des 
Ringfingers  noch  vorhanden.  Allein  umgebogen,  während  alle 
anderen  Finger  gestreckt  blieben,  habe  er  den  Werth  6  dargestellt, 
die  erste  vollkommene  ZaW),  sei  darum  auch  selbst  der  Vollkommen- 
heit theilhaftig  worden  und  habe  das  Vorrecht  erhalten,  Ringe  zu 
tragen'').  Zu  dieser  Sage  kommen  noch  alterhaltene  Denkmäler.  In 
einer  Pariser   Sammlung    ägyptischer  Alterthümer"^)    findet   sich  eine 

')  Josephos,  Antiquit.  I,  cap.  8,  §  2.  ^)  Ueber  den  Be^iff  der  voll- 
kommenen Zahl  vergl.  im  G.  Kapitel.  ■')  Macrobius,  Convivia  Saturnalia 
Lib.  Vll.  cap.  13.  ■*)  Claude  du  Molinet,  le  cabinet  de  la  hihUölMque  de  St. 
Genevüve.    Paris,  1G92.     Tab    9  p    16.     Auf  diese  sehr  interessante  Andeutung 


Die  Aegypter.     Arithmetisches.  49 

rechte  Hand,  an  welcher  die  zwei  letzten  Finger  umgelegt  sind. 
Das  kann  wenigstens  eine  Zahlenbedeutung  gehabt  haben.  lieber  die 
Möglichkeit  hinaus  bis  beinahe  zur  Gewissheit  führen  aber  Bezeich- 
nungen altägyptischer  Ellen^),  welche  in  mehreren  Exemplaren 
vorhanden  sind.  Die  Zahlen  von  1  bis  5  sind  durch  die  fünf  Finger 
der  linken  Hand,  welche  allmälig  vom  kleinen  Finger  anfangend  aus- 
gestreckt werden  —  wenigstens  wird  der  Daumen  zuletzt  ausgestreckt 
—  dargestellt.  Zur  Bezeichnung  der  Zahl  6  dient  alsdann  die  rechte 
Hand  mit  ausgestrecktem  Daumen  bei  im  Uebrigen  geschlossenen 
Fingern,  allerdings  eine  fast  überraschende  Uebereinstimmung  mit 
der  oben  berührten '  Sitte  jener  von  links  nach  rechts  an  den  Fingern 
zählenden  Negerstämme.  Dagegen  dürfen  wir  nicht  verschweigen,  dass 
nach  diesen  sechs  Bildern,  die  an  Deutlichkeit  nichts  zu  wünschen 
übrig  lassen,  wieder  an  verschiedenen  Exemplaren  sich  bestätigend 
zwei  weitere  Bilder  auftreten,  jedes  4  ausgestreckte  Finger  ohne 
Daumen  darstellend,  welche  unserer  Deutung  nicht  ferner  zu  Hilfe 
kommen,  wenn  sie  derselben  auch  nicht  geradezu  widersprechen. 
Dieser  letzten  Bilder  wegen  sahen  wir  uns  zu  dem  behutsameren 
„beinahe"  veranlasst,  welches  die  Gewissheit  des  Fingerrechnens  als 
durch  die  Fingerzahlen  auf  den  Ellen  bezeugt   einschränken  musste. 

Mit  aller  Gewissheit  ist  uns  von  dem  instrumentalen  Rechnen 
der  Aegypter  Nachricht  zugegangen.  „Die  Aegypter",  so  erzählt  uns 
Herodot^),  der  Land  und  Leute  aus  eigener  Anschauung  genau  kannte, 
und  der  stets  unterscheidet,  wenn  er  nur  ihm  selbst  Berichtetes  und 
nicht  Erlebtes  mittheilt,  „schreiben  Schriftzüge  und  rechnen  mit 
Steinen,  indem  sie  die  Hand  von  rechts  nach  links  bringen,  während 
die  Hellenen  sie  von  links  nach  rechts  führen."  Diese  Erzählung  ist 
nicht  misszuverstehen.  Als  richtig  von  uns  erkennbar,  wo  sie  der 
hieratischen  Schriftfolge  der  Aegypter  von  rechts  nach  links  gedenkt, 
gewährleistet  sie  ein  Rechnen  mit  Steinen  muthmasslich  auf  einem 
Rechenbrette  etwa  für  das  Jahr  460  v.  Chr.  Sie  gewährleistet  es, 
was  wir  in  einem  späteren  Kapitel  in  Erinnerung  bringen  werden, 
für  die  Griechen  mit  derselben  Sicherheit  wie  für  die  Aegypter. 

Der  Begriff  des  Rechenbrettes,  auf  welchem  mit  Steinen  ge- 
rechnet wird,  ist,  wenn  auch  unter  bedeutsamen  Veränderungen,  ein 
räumlich  und  zeitlich  ungemein  verbreiteter.  Man  kann  das  Gemein- 
same desselben  darin  finden,  dass  auf  irgend  eine  Weise  unterschiedene 
Räume  hergestellt  werden,  welche  auf  irgend  eine  Weise  bezeichnet 

hat  Heinr.  Stoy,  Zur  Geschichte  des  ßechenunterrichtes  1.  Theil,  S.  40,  Note  3 
(Jenaer  Habilitationsschrift  von  1876)  zuerst  hingewiesen.  ^)  Die  Abbildungen 
bei  R.  Lepsius,  die  altägyptische  Elle  und  ihre  Eintheilung  (Abhandlungen 
der  Berliner  Akademie  1865).     ^)  Herodot  II,  36. 

Cantoh,  Geschiebte  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  4 


50  1.  Kapitel. 

werden,  worauf  jedes  Zeichen  einen  Erinnerungswertb  erhält,  ab- 
hängig sowohl  von  dem  Zeichen  selbst  als  von  dem  Orte,  wo  es  sich 
findet.  Es  ist,  kann  man  sagen,  ein  mnemonisches  Benutzen  zweier 
Dimensionen. 

In  dieser  weitesten  Bedeutung  kann  man  schon  die  Quipu  oder 
Knotenschnüre  der  alten  Peruaner^)  dem  Begriffe  unterordnen.  Die 
Schnüre  waren  oft  von  verschiedener  Farbe.  Die  rothe  Schnur  be- 
deutete alsdann  Soldaten,  die  weisse  Silber,  die  grüne  Getreide  u.  s.  w., 
und  die  Knoten  an  den  Schnüren  bedeuteten,  je  nachdem  sie  einfach, 
doppelt,  oder  noch  mehrfach  verschlungen  waren,  10,  100,  1000  u.  s.  w. 
Mehrere  Knoten  neben  einander  auf  derselben  Schnur  wurden  addirt. 
Aehnlicher  Knotenschnüre  bedienten  sich  die  Chinesen,  und  ihre 
durch  Zeichnung  auf  Papier  übertragene  Gestalt  bildete  die  oft  miss- 
verstandenen Kua's^).  Sollen  wir  alten  Einrichtungen,  in  welchen 
das  genannte  Princip  zur  Erscheinung  kam,  ganz  neue  an  die  Seite 
stellen,  so  haben  wohl  manche  unserer  Leser  eigenthümlich  zurecht- 
geschnittene  Kärtchen  oder  Holztäfelchen  gesehen,  deren  man  beson- 
ders in  Frankreich  sich  bedient,  um  bei  gewissen  Spielen,  die  auf 
einem  Zählen  beruhen  und  folglich  voraussetzen,  dass  die  bei  jeder 
einzelnen  Tour  erlangten  Zahlen  aufgeschrieben  (markirt)  werden, 
dieses  Geschäft  durch  Umklappen  betreffender  Abtheilungen  zu  be- 
sorgen^). Wirkliche  Rechenbretter  sind  freilich  jene  Schnüre  und 
Kärtchen  noch  nicht. 

Das  Rechenbrett  im  engeren  Sinne  des  Wortes  setzt  voraus,  dass 
der  Werth,  welchen  eine  einheitliche  Bezeichnung,  sei  es  ein  Strich 
oder  ein  Steinchen  oder  was  auch  immer,  an  unterschiedenen  leicht 
erkennbaren  Stellen  erhält,  sich  nach  den  auf  einander  folgenden 
Stufen  des  zu  Grunde  gelegten  Zahlensystems  verändert,  dass  also  im 
Decimalsysteme  bei  wagrechter  oder  senkrechter  Anordung  der  Reihen, 
in  welchen  die  Steinchen  gelegt  werden,  jedes  solches  Steinchen  einer 
Verzehnfachung  unterworfen  wird,  sofern  es  von  einer  Horizontal- 
reihe, beziehungsweise  von  einer  Vertikalreihe,  in  die  benachbarte 
Reihe  gleicher  Art  verschoben  wird.  Nur  bei  Horizontalreihen  kann 
ein  Hinauf-  oder  Herunterrücken,  nur  bei  Vertikalreihen  eine  Ver- 
rückung nach  Rechts  oder  nach  Links  diese  Wirkung  üben,  und  diese 


')  Pott  II,  S.  54.  *)  Duhalde,  Ausführliche  Beschreibung  des  chine- 
sischen Reiches  und  der  grossen  Tartarei;  übersetzt  von  Mosheim.  Rostock, 
1747  Bd.  11,  S.  338.  Ferner  vergl.  Le  Chouking  un  des  livres  sacres  chinois  tra- 
duit  par  le  P.  Gaubil  revu  et  corrige  par  M.  de  Guignes.  Paris,  1770  an  sehr 
verschiedenen  Stellen,  die  im  Register  s.  v.  Koua  zu  entnehmen  sind;  die  Ab- 
bildung S.  352.  ^)  Auf  die  Analogie  solcher  Zählkilrtchen  zu  Rechenbrettern 
hat  wohl  zuerst  Vincent  in  der  Revue  archeologique  III,  204  hingewiesen. 


Die  Aegypter.     Arithiuetisclies.  51 

auf  der  Hand  liegende  Nothwendio-keit  lehrt  uns  der  erwähnten  Aeusse- 
ruug  Herodots  den  Beweis  entnehmen,  dass  die  Griechen  wie  die 
Aegypter  sich  Rechenbretter  mit  senkrechten  Reihen  be- 
dienten. Wie  wir  die  Werthfolge  dieser  senkrechten  Reihen  uns 
zu  denken  haben,  ob  in  dem  Ausspruche  Herodots  auch  darüber 
nicht  misszuverstehende  Andeutungen  enthalten  sind  oder  nicht,  das 
ist  eine  Frage  höchst  untergeordneter  Bedeutung  gegenüber  von  der 
gegen  den  Rechner  senkrechten  Gestalt  der  Reihen,  die  von  geschicht- 
lich grosser  Tragweite  sich  erweisen  wird.  Es  ist  klar,  dass  bei 
einem  eigentlichen  Rechenbrette  auf  dekadischer  Grundlage  in  jeder 
Reihe  höchstens  9  Steinchen  Platz  finden  können,  da  deren  10  durch 
1  Steiuchen  in  der  folgenden  Reihe  ersetzt  werden  mussten.  Dar- 
nach ist  wohl  nicht  ganz  mit  Recht  zur  festeren  Begründimg  der 
Thatsache,  dass  die  Aegypter  eines  Rechenbrettes  sich  bedienten,  auf 
eine  alte  Zeichnung  Bezug  genommen  worden.  Auf  einem  bekannten 
Papyrus  hat  sich  eine  Rechnung  aus  der  Zeit  des  Königs  Menephtah  I.  ^) 
erhalten,   bei  welcher  die    nachfolgende  Figur    abgebildet  ist^).     Der 

O  ^J  Oogoco 

G  C.^CoOo«^°  CO 

Oo    OGO    oO  o 
o  c  cc 


Fig.  l. 


O     Cr         -     °^ 


erste  Anblick  scheint  ja  dafür  zu  sprechen,  dass  ein  Rechenbrett  mit 
seinen  Steinchen  dargestellt  werden  sollte,  werni  nicht  der  Umstand, 
dass  wiederholt  10  Pünktchen  in  einer  Vertikalreihe  (ebenso  wie  auch 
in  einer  Horizontalreihe)  auftreten,  die  bedenklichsten  Zweifel  wach- 
rufen müsste.  Abbildungen  von  Rechnern  finden  sich  unter  den  fast 
unzähligen  ägyptischen  Wandgemälden  unseres  Wissens  nicht.  Man 
stösst  wiederholt  auf  Leute,    die  sich  mit  dem  Moraspiele   beschäf- 


')  Er  gehörte  der  XIX.  Dynastie  an  und  regierte  Lepsius  zufolge  1341 
bis  1321.  *)  Die  Figur  stammt  von  der  Rückseite  des  Papyrus  Sallier  IV. 
Aufsätze  über  den  begleitenden  Text  von  Goodwin  (Zeitschrift  für  ägyptische 
Sprache  und  Alterthumskunde,  Jahrgang  1867  S.  57  flgg.)  und  von  De  Rouge 
(ebenda  Jahrgang  1868  S.  129  ilgg.)  enthalten  kein  Wort  über  die  Figur. 

•1* 


52  -'•  Kapitel. 

tigen^)  und  zu  diesem  Zwecke  Finger  beider  Hände  in  die  Höbe 
heben,  aber  weder  das  Fingerreehnen,  noch  das  Tafelrechnen  scheint 
veröffentlichende  Wiedergabe  gefunden  zu  haben,  dürfte  also  wohl 
kaum  auf  bisher  entdeckten  Gemälden  erkannt  worden  sein. 


2.  Kapitel. 
Die  Äegypter.     Geometrisches. 

Wir  kehren  zu  dem  Papyrus  des  Ahmes  zurück.  Er  hat  sich 
als  unschätzbare  Fundgrube  nicht  bloss  für  die  Kenntniss  des  alge- 
braischen Wissens  der  Aegypter  bewährt,  auch  vieles  Andere  hat  aus 
ihm  geschöpft  werden  können,  worüber  hier,  wenn  auch  nicht  in 
gleicher  Ausführlichkeit  aller  Berichte,  gesprochen  werden  muss.  Nur 
•  mit  kurzen  Worten  können  wir  das  Metrologische  berühren.  Die 
vergleichende  Untersuchung  der  Maasssysteme,  welche  den  einzelnen 
Völkern  des  Alterthums  gedient  haben,  ist  gewiss  ein  Gegenstand  von 
hoher  Wichtigkeit  und  auch  dem  Mathematiker  bis  zu  einem  gewissen 
Grade  sympathisch,  allein  wie  wir  Astronomisches  von  unserer  Auf- 
gabe ausgeschlossen  haben,  so  auch  verwahren  wir  uns  gegen  die 
Verpflichtung  Metrologisches  aufzunehmen.  Wir  müssen  uns  daran 
genügen  lassen  im  Vorübergehen  zu  bemerken,  dass  nicht  bloss  die 
Rechnungsbeispiele  vielfache  Angaben  enthalten,  aus  welchen  das 
Verhältuiss  der  ägyptischen  Maasse  in  nicht  anzuzweifelnder  weil 
durch  allzuzahlreiche  Beispiele  zu  prüfender  Gewissheit  sich  ergeben 
hat,  dass  sogar  in  zwei  aufeinanderfolgenden  Paragraphen,  Nr.  80. 
und  81.,  die  Umrechnung  von  einem  Maasssysteme  in  ein  anderes 
gradezu  gelehrt  wird^).  Die  spätem  Nachahmer  des  Ahmes  haben, 
wie  wir  sehen  werden,  ähnliche  Maassvergleichungen  jederzeit  in  ihre 
Schriften  aufgenommen. 

Unsere  eingehendste  Beachtung  gebührt  dagegen  den  geome- 
trischen Aufgaben  des  Ahmes,  deren  Erörterung  wir  eine  vielleicht 
überflüssige,  jedenfalls  nicht  imwichtige  Bemerkung  vorausschicken. 
Uebungsbücher  der  höheren  Rechenkunst  von  der  ältesten  bis  auf  die 
neueste  Zeit  herab  enthalten  fast  ausnahmslos  neben  anderen  mannig- 
fachen Beispielen  auch  solche  aus  der  Geometrie  und  Stereometrie. 
Diese  erheischen  zu  ihrer  Berechnung  gewisse  Formeln,  und  diese 
Formeln  sind  als  gegeben  zu  betrachten.    An  eine  Ableitung  derselben 


')  Wilkinson,  Manners  and  customs  of  the  ancient  Egyplicms.  Loiulon, 
18.37.  Vol.  I  pag.  44  fig.  a  und  Vol.  II  pag.  417  flg.  29'2.  ")  Eisenlohr,  Pa- 
pyrus S.  204— '211. 


Die  Aegypter.     Geometrisches.  53 

ZU  denken,  oder  gar  weil  die  Ableitung  nicht  mitgetheilt  ist  zu  arg- 
wöhnen, es  habe  eine  solche  überhaupt  nicht  gegeben,  als  das  Uebungs- 
buch  verfasst  wurde,  fällt  Niemand  ein.  Wir  dürfen  dem  Handbuche 
des  Ahmes  mit  keiner  Anforderung  gegenübertreten,  die  wir  sonst 
unbillig  fänden.  Wenn  Ahmes  sich  geometrischer  Regeln  bedient, 
so  müssen  wir  auch  zu  ihm  das  Zutrauen  haben,  er  werde  sie  irgend- 
woher genommen  haben,  wo  auch  seine  Schüler  sich  Raths  erholen 
konnten,  wir  werden  also  an  ein  anderes  geometrisches  Buch  glauben, 
das  uns  unmittelbar  nicht  bekannt  ist,  dessen  einstmaliges  Vorhanden- 
sein aber  grade  durch  jene  Formeln  mittelbar  erwiesen  ist,  gleichwie 
die  Formeln  für  Summirung  arithmetischer  und  vielleicht  geome- 
trischer Reihen,  deren  Ahmes  sich  bedient,  uns  einen  Rückschluss 
auf  in  seinem  Papyrus   übergangene  Ableitungsverfahren  gestatteten. 

Die  geometrischen  Beispiele  des  Ahmes  lassen  zunächst  den 
Flächenraum  von  Feldstücken  finden,  deren  einschliessende  Seiten 
gegeben  sind.  Solcher  Aufgaben  konnte  man  am  Ersten  von  einem 
ägyptischen  Schriftsteller  sich  versehen,  da,  wie  wir  weiter  unten 
zu  zeigen  haben,  grade  die  eigentliche  Feldmessung  in  Aegypten 
zu  Hause  gewesen  sein  soll.  Damit  ist  aber  freilich  nicht  gesagt, 
dass  jede  Feldmessung  von  vorn  herein  eine  geometrische  gewesen 
sein  muss. 

Mag  die  Nothwendigkeit  die  Gleichwerthigkeit  oder  Ungleich- 
Averthiffkeit  von  Feldstücken  zu  schätzen  mit  den  ersten  Streitigkeiten 
über  das  Mein  und  Dein  des  urbar  gemachten  Bodens,  also  mit  der 
Einführung  individuellen  Grundbesitzes  sich  ergeben  haben,  diese 
Werthvergleichung  konnte  in  mannigfacher  Weise  erfolgen.  Man 
konnte  die  Zeit  messen,  welche  zur  Bebauung  eines  Feldstückes  nöthig 
war,  das  Getreide  wägen,  welches  auf  demselben  Avuchs  oder  zur 
Einsaat  in  dasselbe  zu  verwenden  war,  und  unsere  deutschen  Benen- 
nungen Morgen^)  und  Scheffel")  als  Feidmaasse  sind  Zeugnisse 
dafür,  dass  man  solche  Methoden  nicht  immer  verschmäht  hat.  Dem 
Wunsche  einer  Feldervergleichuug  mag  in  anderen  Gegenden  die 
Sitte  entsprungen  sein,  den  einzelnen  Aeckern  stets  die  gleiche  Form, 
die  gleiche  Grösse  zu  geben,  und  ein  weiterer  Schritt  auf  diesem 
Wege  der  Geistesentwickelung  war  es,  wenn  man  der  Gestalt  der 
Aecker  entsprechend  Flächenmaasse  einführte,  die,  so  viel  uns  bekannt 
ist,  nirgend  eine  andere  Figur  darstellten  als  die  eines  Vierecks  mit 
vier  rechten  Winkeln  und  in  einem  einfachen  Zahlenverhältnisse  zu 
einander    stehenden,    wenn    auch   nicht    nothwendig    gleichen    Seiten, 


')  Pott   I,  S.  124.       ^)  R.  Lepsin s,  Ueber  eine  hieroglyphische  Inschrift 
am  Tempel  von  Edfu  (Abhandlungen  der  Berliner  Akademie  1855)  S.  77. 


54  2.  Kapitel. 

wiewolil  an  sich  ein  dreieckiges  Maass  z.  B.  ebenso  gut  zu  denken 
war.  Auch  aus  Aegypten  wird  uns  allerdings  aus  der  verhältniss- 
mässig  späten  Zeit  von  mindestens  drei  Jahrhunderten  nach  Ahmes 
Aehnliches  gemeldet.  Herodot  erzählt^),  der  König  Sesostris  habe 
die  Aecker  vertheilt  und  jedem  ein  gleich  grosses  Viereck  überwiesen, 
auch  darnach  die  jährliche  Abgabe  bestimmt.  Sesostris  ist  Niemand 
anders  als  König  Ramses  II.  aus  der  XIX.  Dynastie,  der  etwa  1407 
bis  1341  lebte. 

Aber  eine  irgendwie  gestaltete  Bodenfläche  als  Raumgebilde  zu 
betrachten,  sie  unmittelbar  aus  ihren  Grenzlinien  messen  zu  wollen, 
das  setzte  schon  gradezu  mathematische  Gedanken  voraus,  das  war 
selbst  eine  mathematische  That.  In  Aegypten  hat  man  diese  That 
vollzogen,  muthmasslich  zuerst  vollzogen,  und  im  Gefolge  dieser  That 
muss  nothwendig  eine  mehr  oder  weniger  entwickelte  Kenntniss  der 
Eigenschaften  der  verschiedenartigen  Figuren,  gewissermassen  eine 
theoretische  Geometrie,  entstanden  sein,  mag  auch  für  lange  Zeit  nur 
die  praktische  Feldmessung  ihr  eigentliches  Endziel  gewesen .  sein. 

Die  Feldstücke,  welche  Ahmes  ausmessen  lässt,  sind  geradlinig 
oder  kreisförmig  begrenzt,  und  die  ihrer  Genauigkeit  nach  nicht  ganz 
aus  freier  Hand,  sondern  mit  Benutzung  eines  Lineals  aber 
ohne  Zirkel  angefertigten  Figuren  lassen  deutlich  erkennen,  dass 
an  geradlinigen  Figuren  nur  gleichschenklige  Dreiecke,  Rechtecke  und 
gleichschenklige  Paralleltrapeze  in  Betracht  gezogen  werden  sollen. 

Das  Rechteck  bietet  in  seiner  Ausrechnung  am  wenigsten  Aus- 
beute. Es  ist  mehr  als  nur  wahrscheinlich,  dass,  wie  die  Fläche  des 
Quadrates  von  10  Einheiten  im  Beispiele  No.  44.  zu  100  Flächen- 
einheiten erkannt  war'-),  auch  bei  ungleichen  Seiten  des  Rechtecks 
eine  Vervielfältigung  der  beiden  Ausmessungen  stattfinden  musste, 
aber  das  Beispiel  No.  40.,  welches  auf  ein  Rechteck  von  10  Ruthen 
zu  2  Ruthen  Bezug  hat,  lässt  solches  nicht  erkennen,  da  wie  es  scheint 
durch  ein  Versehen  des  Ahmes  zu  dieser  Aufgabe  die  Auflösung  einer 
ganz  anderen  sich  gesellt  hat^). 

Ein  gleichschenkliges  Dreieck  von  10  Ruthen  an  seinem 
Merit,  von  4  Ruthen  an  seinem  Tepro  bildet  den  Gegenstand  des 
Beispiels  No.  51.  Die  Hälfte  von  4  oder  2  wird  mit  10  vervielfältigt. 
„Sein  Flächeninhalt  ist  es"^).  Auffallend  ist  hier  die  Lage  des  bei- 
gezeichneten gleichschenkligen  Dreiecks,  auffallend  sind  die  gebrauchten 
Kunstausdrttcke,  nicht  am  wenigsten  auffallejid  ist  die  Rechnung. 
Während  wir  die  Gewohnheit  haben  die  Figuren  dem  sie  Anschauen- 


')  Herodot  II,  109.     *)  Eisenlohr,  Papyrus  S.  110.     •'')  Ebenda  S.  122 
bis  123.     *)  Ebenda  S.  125. 


Die  Aegypter.     Geometrisches.  55 

den  so  symmetrisch  als  möglich  vorzulegen,  also  bei  einem  gleich- 
schenkligen Dreiecke  die  eine  ungleiche  Seite  als  Grundlinie  unten, 
die  beiden  gleichen  Schenkel  nach  aufwärts  gerichtet  zu  zeichnen, 
hat  Ahmes  die  Strecke  4  vertikal  gezeichnet  und  von  deren  End- 
punkten aus  die  beiden  gleichen  Schenkel  in  der  Länge  10  gegen  die 
Richtung  der  Schriftzeilen,  also  mit  der  Spitze  nach  rechts,  zu- 
sammentreffen lassen.  Die  Seite  von  4  Ruthen  heisst  ihm,  wie  schon 
angeführt,  Tepro,  die  von  10  Ruthen  Merit.  Tepro  oder  der  Mund 
für  die  Weite  der  Entfernung  der  Endpunkte  zweier  an  der  Feder  des 
Schreibenden  vereinigten,  von  da  aus  sich  öffnenden  Geraden  ist  ein- 
leuchtend. Ob  aber  der  Name  Merit  oder  der  Hafen  auf  die  Gleich- 
heit der  beiden  anderen  Schenkel,  ob  er  auf  die  durch  die  Zeichnung 
gegebene  Lage  als  obere  Linie  der  Figur,  als  Scheitellinie  sich 
beziehen  soll,  kann  als  ausgemacht  hier  wenigstens  nicht  gelten, 
da  weder  die  eine  noch  die  andere  Beziehung  eine  Erklärung  der 
Wahl  gerade  dieses  Wortes  liefert.  Wir  werden  indessen  später 
sehen,  dass  vermuthlich  die  Scheitellage  mit  Merit  bezeichnet  werden 
soll.  Rücksichtlich  der  Figur  haben  wir  noch  zu  bemerken,  dass  in 
No.  51.  wie  in  anderen  Aufgaben  die  Zahlen,  welche  die  Längen  der 
auftretenden  Strecken  messen,  an  diese,  der  Inhalt  mitunter  in  die 
Figur  geschrieben  erscheint.  Das  Rechnungsverfahreu  besteht  darin, 
dass,  wenn  wir  den  Dreiecksinhalt  A,  die  Dreiecksseiten  n,  a,  h 
nennen  wollen,  hier 

A  =  4  X  « 


gesetzt  ist.     Das  ist  nun  allerdings  nicht  richtig;  es  müsste  vielmehr 

A  Ö  1  /     '>  Ö"^ 


heissen,  aber  zwei  Dinge  fordern  unsere  Ueberlegung  heraus.  Erst- 
lich ist  zu  erwägen,  dass  die  Ausziehung  einer  Quadratwurzel  eine 
Rechnungsaufgabe  ist,  die  bei  Ahmes  nirgend  vorkommt,  ihm  also 
muthmasslich  unbekannt  war.  so  dass  die  genaue  Berechnung  unseres 
Flächeninhalts  ihm  geradezu  unmöglich  war;  zweitens  dann  auch, 
dass  der  Fehler,  welcher  begangen  wird,  sofern  h  gegen  a  nur  einiger- 
massen  klein  ist,  kaum  in  Anschlag  kommt.  Im  Beispiele  No.  51. 
ist  die  Dreiecksfläche  mit  20  Quadratruthen  angesetzt.  Der  richtige 
Werth  ist  fast  genau  19,6  Quadratruthen.  Der  Fehler  beträgt  nicht 
mehr  als  2  Procent.  Dieses  dürfte,  natürlich  nicht  dem  Ahmes  und 
seiner  Zeit,  aber  einer  späteren  Nachkommenschaft  wohl  als  genügende 
Entschuldigung  erschienen  sein  an  einem  Verfahren  festzuhalten, 
welches  in  der  Rechnung  so  ungemein  bequem  und  leicht,  im  Ergeb- 


56  ■-'•  Kapitel. 

niss  kaum  als  falscli  zii  bezeiclinen  Avar.  Wenn  der  ägyptische  Feld- 
messer, wie  wir  in  diesem  Kapitel  noch  sehen  werden,  selbst  andert- 
halb Jahrtausende  nach  Ahmes  sich  der  altfränkischen  Flächenformel 
fortwährend  bediente,  so  konnte  er  der  nicht  ganz  unbegründeten 
Meinung  sein  sich  ihrer  bedienen  zu  dürfen. 

Die    Dreiecksformel  A  ==  —  X  «  einmal  vorausgesetzt  Hess  mit 

mathematischer  Strenge  eine  zweite  Formel  für  die  Fläche  eines 
gleichschenkligen  Paralleltrapezes  folgen.  Waren  dessen  beide 
unter  sich  gleiche  nicht  parallele  Seiten  je  a,  die  parallelen  Seiten  &j 
und  h^,  so  musste  die  Fläche 

^1  +  h 

sein,  und  dies  ist  die  Formel,  nach  welcher  in  No.  ö2.  die  Rechnung 
geführt  ist^).  Sie  setzt  nur  voraus,  dass  das  Trapez  als  abgeschnittenes 
Dreieck  beziehungsweise  als  Unterschied  zweier  Dreiecke  entstanden 
gedacht  ist,  und  mit  dieser  Entstehungsweise  stimmt  die  Zeichnung 
wie  die  Benennung  der  einzelnen  Strecken  ttberein.  Wieder  liegt 
das  Trapez  so,  dass  ein  a  Scheitellinie  ist  und  den  Namen  Merit 
führt;  wieder  heisst  die  grössere  links  befindliche  Parallele  Tepro; 
und  die  kleinere  Parallele,  welche  rechts  vertikal  die  Figur  abschliesst, 
führt  den  unsere  Voraussetzung  bestätigenden  Namen  Hak  oder 
Abschnitt. 

Wir  müssen,  um  nicht,  missverstandeu  zu  werden,  hier  eine 
kleine  Bemerkung  einschalten.  Wir  sagten,  die  Formel  für  die  Fläche 
des  gleichschenkligen  Paralleltrapezes  folge  mit  mathematischer  Strenge 

aus  A  =  —  X  rt.     Wir  meinen  das  nicht  etwa  so,   dass   wir  Ahmes 

das  Bewusstsein  dieser  Folgerung  zutrauten.  Die  alten  Aegypter 
werden  Avohl  eine  vollständige  Lehre  von  der  Aehnlichkeit  der  Figuren, 
welche  zur  Führung  des  Beweises  für  den  Zusammenhang  der  beiden 
Inhaltsformelu  unentbehrlich  ist,  kaum  besessen  haben.  Ihnen  war 
vielleicht  ein  enger  Zusammenhang  der  beiden  Formeln,  welche  sie 
selbständig  für  richtig  hielten,  nie  in  Gedanken  gekommen.  Nur 
den  späten  Nachkommen  soll  mit  jener  Ableitbarkeit  der  Trapez- 
formel aus  der  Dreiecksformel  wieder  eine  Entschuldigung  dafür 
verschafft  werden,  dass  sie  im  einen  Falle  so  wenig  als  im  anderen 
von  der  Gewohnheit  der  Väter  abwichen. 

Die  im  Papyrus  sich  nun  anschliessenden  Aufgaben"")  No.  53., 
54.,  55.  beziehen  sich  auf  die  Theilung  von  Feldern,  stimmen  aber 
mit  der  einzigen  beigegebenen  Figur  so   absolut  jiicht   überein,  dass 


')  Ebenda  ö.  127—128.     ^)  Ebenda  ö.  130-133. 


Die  Aegypter.     Geometrisches.  57 

wir  ein  Errathen  der  eigentlichen  Meinung  des  Verfassers  für  ein  sehr 
schwieriges  Problem  halten,  dessen  Lösung  noch  nicht  gelungen  ist. 
Von  Interesse  dürfte,  falls  die  Enträthselung  überhaupt  möglich  ist, 
die  Richtung,  des  in  der  Figur  gezeichneten  Dreiecks  sein,  dessen 
Spitze  nach  links  hin  steht.,  während  sie  in  den  früheren  Beispielen 
rechts  war.  Ausserdem  werden  sicherlich  die  zwei  vertikal  gezogenen 
Parallelen  von  Wichtigkeit  sein,  welche  das  ursprüngliche  Dreieck 
in  ein  Dreieck  und  zwei  Paralleltrapeze  zerlegen. 

Die  Ausmessung  des  Kreises  wird  schon  in  No.  50.  vorge- 
nommen^). Sie  ist  eine  wirkliche  Quadratur  zu  nennen,  indem  sie 
lehrt    ein  Quadrat   zu    linden,    welches   dem  Kreise    flächengleich   sei, 

und  zwar  wird  als  Seite  des  Quadrates  der  um  -  seiner  Länge  ver- 
minderte Kreisdurchmesser  gewählt.  Wie  man  zu  dieser  Vorschrift 
gekommen  sein  mag  ist  nicht  entfernt  zu  errathen.  Gesichert  ist  sie 
durch  wiederholtes  Auftreten,  gesichert  ist  auch  ihre  ziemlich  gute 
Anwendbarkeit,  denn  sie  entspricht  einem  Werthe 


^  =  (VT  =  3,1604  .... 


für  die  Verhältnisszahl  der  Kreisperipherie  zum  Durchmesser,  der 
weitaus  nicht  der  schlechteste  ist,  dessen  Mathematiker  sich  bedient 
haben. 

Neben  den  geometrischen  Aufgaben  hat  Ahmes  seinen  Lesern 
auch  stereometrische  vorgelegt.  Es  handelt  sich  dabei  um  den 
Rauminhalt  von  Fruchtspeichern  und  deren  Fassungsvermögen 
für  Getreide^).  Diese  Aufgaben  stehen  noch  vor  den  eben  be- 
sprochenen geometrischen  und  geben  dadurch  deutlich  zu  erkennen, 
was  wir  einleitend  in  diesem  Kapitel  berührt  haben:  dass  das  Geo- 
metrische im  üebungsbuche  des  Ahmes  niemals  selbst  Zweck  der 
Darstellung,  sondern  nur  Eiukleidungsform  von  Rechenaufgaben  ist, 
demi  sonst  würde  unmöglich  die  Flächenausmessung  des  Kreises 
später  erscheinen  als  die  Berechnung  des  Rauminhaltes  eines  runden 
Fruchthauses,  bei  welcher  jene  bereits  xA.nwendung  findet.  In  diesen 
körperlichen  Inhaltsaufgaben  ist  Manches  noch  unklar.  Die  eigent- 
liche Gestalt  der  Fruchthäuser,  welche  der  Berechnung  unterworfen 
werden,  ist  nichts  weniger  als  genau  bekannt,  und  wenn  auch  bienen- 
korbartige Zeichnungen  von  Fruchthäusern  in  ägyptischen  Wandge- 
mälden etwas  zur  Verdeutlichung  beitragen,  sie  genügen  keineswegs, 
so  lange  eine  geometrische  Interpretation  jener  Zeichnungen  fehlt. 
Soll  der  Bienenkorb  als  Halbkugel  auf  einen  Cylinder  aufgesetzt,  soll 

^)  Ebenda  S.  124,  vergl.  aber  auch  die  Aufgaben  No.  41.,  42.,  vielleicht  43., 
endlich  48.  auf  S.  100—109  und  S.  117.     '')  Ebenda  S.  101—116. 


58  2.  Kapitel. 

er  als  eine  Art  von  Umdreliuugsparaboloid  gedacht  sein?  Ist  seine 
Grundfläclie  überhaupt  kein  Kreis  sondern  eine  Ellipse?  Das  sind 
Fragen,  deren  Beantwortung  aus  den  genannten  Abbildungen  nicht 
entnommen  werden  kann  und  doch  auf  die  Rechnungsweise  einen  ent- 
scheidenden Eiufluss  ausüben  muss.  Hier  ist  also  wieder  zukünftiger 
Forschung  noch  manches  Räthsel  aufbewahrt,  kaum  zu  lösen,  wenn 
es  nicht  gelingt,  weiteres  Material  aufzufinden.  Bis  dahin  besteht 
der  Vortheil,  den  wir  aus  diesen  Beispielen  zu  ziehen  vermögen,  nur 
in  den  von  uns  schon  angerufenen  Bestätigungen  der  gewonnenen 
Ansichten  über  Inhaltsbestimmung  des  Rechteckes  und  des  Kreises 
und  in  der  Kenntnissnahme  eines  AYortes,  welches  den  Aegyptologen 
auch  sonst  mannigfach  begegnet  ist.  Eine  der  Abmessungen,  welche 
bei  den  Fruchthäusern  in  Rechnung  treten,  heisst  nämlich  Qa,  eigent- 
lich die  Höhe,  wofür  auch  die  Hieroglyphe  —  ein  den  Arm  hoch- 
streckender Mann  —  zeugt,  dann  aber  in  zweiter  abgeleiteter  Bedeu- 
tung die  Richtung  grösster  Ausdehnung^). 

Endlich  bietet  der  Papyrus  noch  eine  Gruppe  von  5  geometrischen 
Aufgaben^),  No.  56.  bis  60.,  welche  dem  heutigen  Leser  am  über- 
raschendsten sein  dürften,  wenn  er  in  ihnen  die  Vergleichung  von 
Liniengrössen  erkennt,  so  weit  sie  zu  einem  und  demselben  Winkel 
gehören,  also  eine  Art  von  Aehnlichkeitslehre,  wenn  nicht  ein 
Kapitel  aus  der  Trigonometrie.  Es  handelt  sich  um  Pyramiden,  aber 
keineswegs  um  deren  körperlichen  Inhalt,  sondern  um  den  Quotienten 
der  Hälfte  einer  an  der  Pyramide  vorgenommenen  Abmessung  ge- 
theilt  durch  eine  zweite,  und  dieser  Quotient  heisst  Seqt,  nach  aller 
Wahrscheinlichkeit  eine  causative  Ableitung  von  Qet,  Aehnlichkeit, 
also  Avohl  Aehnlichmachung.  Was  das  aber  für  Abmessimgen  an  den 
Pyramiden  waren,  die  so  in  Rechnimg  gezogen  wurden,  war  von 
vorn  herein  aus  den  blossen  Namen  Uchatebt,  Suchen  der  Fuss- 
sohle,  und  Piremus,  Herausgeheu  aus  der  Säge,  keineswegs  klar. 
Der  Uchatebt  musste  zwar  ofienbar  irgendwo  am  Boden,  der  Piremus 
(dessen  Name  augenscheinlich  in  dem  Munde  der  Griechen  zum 
Namen  des  ganzen  Körpers  wurde)  ■^)  irgendwo  ansteigend  gesucht 
Averden,  aber  dabei  gab  es  noch  immer  eine  gewisse  Auswahl.  Die 
richtige  Wahl  zu  treffen  gelang  dem  Herausgeber  des  Papyrus,  nach- 

^)  Diese  abgeleitete  Bedeutung  hat  B  rüg  seh  erkannt:  Hieroglyj^hisch- 
deinotisches  Wörterbuch  S.  1435  und  deutlicher  betont  in  der  Zeitschrift  für 
ägypt.  Sp.  u.  Alterth.  (Jahrgang  1870)  Bd.  VlII,  S.  160.  Vergl.  auch  Eisen- 
lohr,  Papyrus  S.  280.  *)  Eisenlohr,  Papyrus  S.  134—149.  3)  Eigentlich 
sollte  man  daher  die  Orthographie  „Piramide"  der  „Pyramide"  vorziehen,  und 
wir  bedienen  uns  in  diesem  Werke  der  landläufigen  Schreibart  nur  mit  dem 
Bewusstsein  ihrer  Mangelhaftigkeit. 


Die  Aegypter.     Geometrisches.  59 

dem  er  den  glückliclien  Gedanken  gefasst  hatte,  den  Umstand  zu 
berücksiclitigen,  dass  die  noch  erhaltenen  grossen  ägyptischen  Pyra- 
miden wesentlich  gleiche  Winkel  besitzen  (S.  20),  und  dass  Ahmes 
wohl  auch  ihnen  ähnliche  Körper  bei  seinen  Rechnungen  gemeint 
haben  muss.  Der  von  Ahmes  errechnete  Seqt  muss  also  einem  Winkel 
von  etwa  52''  zwischen  der  Seitenwand  und  der  Grundfläche  des 
Körpers  entsprechen,  und  das  findet  nur  dann  statt,  wenn  der  Pire- 
mus  die  Kante  der  Pyramide,  der  Üchatebt  die  Diagonale  der 
quadratischen  Grundfläche  bedeutet,  wenn  also  der  Seqt  das  war,  was 
wir  gegenwärtig  den  Cosinus  des  Winkels  nennen,  den  jene  beiden 
Linien  mit  einander  bilden.  War  die  Grösse  dieses  Verhältnisses 
Seqt  bekannt,  so  kannte  man  damit  auch  die  Winkel,  welche  au  der 
Pyramide  sich  zeigen.  Man  kannte  sie  freilich  nur  mittelbar,  aber 
mittelbar  ist  auch  jede  andere  Ausmessung  von  Winkeln,  ist  auch 
die  nach  Graden  und  Minuten,  welche  zunächst  nicht  dem.  Winkel 
selbst,  sondern  dem  Kreisbogen  gilt,  der  ihn  als  Mittelpunktswinkel 
gedacht  bespannt.  Diese  bisherige  Auseinandersetzung  gilt  allerdings 
nur  für  die  4  ersten  Aufgaben  der  Gruppe.  In  der  5.-  Aufgabe, 
No.  60.,  ist  nicht  von  einer  Pyramide,  sondern  von  einem  Grabmale 
die  Rede,  welches  viel  steiler  als  die  Pyramide,  mit  der  es  die  quadra- 
tische Gestalt  der  Grundfläche  übrigens  theilt,  sich  zuspitzt.  Die 
durch  einander  zu  theilendeu  Strecken  heissen  hier  ganz  anders. 
Als  Zähler  ist  Qaienharu,  als  Nenner  die  Hälfte  des  Senti  an- 
gegeben, und  das  müssen  doch  wohl  andere  Linien  sein  als  diejenigen, 
welche  die  Namen  Üchatebt  und  Piremus  führten.  Insbesondere  die 
Verwandtschaft  zwischen  Qaienharu  und  dem  (S.  58)  erwähnten  Qa 
iiöthigt  dazu,  diesen  Zähler  als  die  senkrechte  Höhe  der  Pyramide 
zu  deuten.     Vielleicht  ist  folgender  Erklärungsversuch  gestattet. 

Man  weiss,  dass  die  ägyptischen  Pyramiden  zunächst  staffei- 
förmig mit  parallelepipedischen,  auf  einander  ruhenden,  sich  ver- 
jüngenden Stockwerken  angelegt  wurden,  und  dass  dann  erst  die 
Ausfüllung  der  Winkelräume  bis  zur  Herstellung  einer  glatten  Ober- 
fläche erfolgte.  Dem  Arbeiter  machte  die  Herstellung  dieser  Aus- 
füllsteine zuverlässig  am  meisten  Schwierigkeit,  und  es  wäre  keines- 
wegs unmöglich,  dass  der  Baumeister,  um  seinem  Arbeiter  die  Aufgabe 
zu  erleichtern,  Modelle  hätte  anfertigen  lassen.  Deren  brauchte  man 
aber  zwei,  von  der  in  Fig.  2  a  und  2  b  gezeichneten  Gestalt.  Das  ein- 
fachere Modell  (Fig.  2  a)  diente  zur  Ausfüllung  der  Breitseiten,  das 
andere  (Fig.  2b),  an  der  Ebene  DCF  mit  einem  symmetrisch  gleichen 
zusammentreffend,  diente  die  Ecken  zu  bilden,  beide  Modelle  passten 
mit  der  Ebene  DCE  an  einander.  Das  zweite  Modell  stellt  sich  als 
achter  Theil  einer  der  grossen  Pyramide  ähnlichen  Modellpyramide 


Fig.  2  a.  Fig.  2b. 


60  2.  Kapitel. 

dar;  dabei  ist  DF  die  Kante,  DC  die  senkrecht  von  der  Spitze  auf 
die  Grundfläche  gefällte  Höhe,  CF  die  halbe  Diagonale  der  Grund- 
fläche, EF  und  die  ihr  gleiche  CE  [^  CEF  =  90«,  <^  CEE  =  45", 
also    auch    ^ECF^4b^    und    EF=CE]    die    halbe    Seite    der 

quadratischen  Grundfläche. 
Bei  dem  ersten  Modell  kommt 
es  wesentlich  auf  <^  DEC 
an,  bei  dem  zweiten  auf  eben 
diesen  und  auf  <^Di^(7;  folg- 
te"' ^  lieh  genügte  auch  das  zweite 
Modell  allein,  um  beide 
Arten  von  Ausfüllsteinen  nach  ihm  behauen  zu  können.  Nennen 
wir  nun  die  vier  erwähnten  Längen,  beziehungsweise  ihre  Ver- 
doppelung, DF  =  pir  ein  us,  DC  =  qai  en  liaru,  2CF  =  u%a  tebf, 
2  CE  =  scuti,  so  treten  alle  vier  an  einem  Raumgebilde  auf  und 
müssen    naturgemäss    selbständige    Namen    führen.      Seqt    aber   „die 

Yerhältiiisszahl"  ist  in  der  einen  Ebene    -  }''  ^     =z    —  =  cos  DFC, 

ptrenms         JJ  i'  ' 

in  der  anderen  Ebene  =  ^^^ ^^^  =  y^^  =  tng  DEC.      Allerdings 

\  senti  CE  °  ° 

würde  diese  Hypothese  die  zweite  in  sich  schliessen,  dass  das 
gleichschenklig -rechtwinklige  Dreieck  CEF  als  solches  erkannt  ge- 
wesen wäre. 

Haben  wir  nun  die  Geometrie  der  Aegypter,  so  weit  sie  aus  den 
Hechuungsbeispielen  des  Ahmes  rückwärts  erschlossen  werden  kann, 
erörtert,  so  beabsichtigen  wir  in  ähnlicher  Weise,  wie  es  für  die 
Rechenkunst  geschehen  ist,  zu  sammeln,  was  die  Ueberlieferung  ins- 
besondere griechischer  Schriftsteller,  Avas  auch  sonstige  Denkmäler 
zur  Ergänzung  uns  bieten.  Herodot  erzählt^),  wie  schon  oben  theil- 
weise  verwerthet  worden  ist,  Sesostris  (also  Ramses  H.)  habe  das 
Land  unter  alle  Aegypter  so  vertheilt,  dass  er  Jedem  ein  gleich  grosses 
Viereck  gegeben  und  von  diesem  seine  Einkünfte  bezogen  habe,  in- 
dem er  eine  jährlich  zu  entrichtende  Steuer  auflegte.  Wem  aber  der 
Fluss  von  seinem  Theile  etwas  wegriss,  der  musste  zu  ihm  kommen 
und  das  Geschehene  anzeigen;  er  schickte  dann  die  Aufseher,  die 
auszumessen  hatten,  um  wie  viel  das  Landstück  kleiner  geworden  war, 
damit  der  Inhaber  von  dem  Uebrigen  nach  Verhältniss  der  aufge- 
legten Abgabe  steuere.  Hieraus,  meint  Herodot,  scheint  mir  (doxsst 
de  ^ol)  die  Geometrie  entstanden  zu  sein,  die  von  da  nach  Hellas 
kam.  Isokrates  gibt  an''),  die  Aegypter  hätten  die  Aelteren  unter 
ihren    Priestern    über    die    Avichtigsten    Angelegenheiten    gesetzt,    die 

')  Herodot  II,  lü'J.     -)  Isokrates,  Busiris  cap.  'J. 


Die  Aegypter.     Geometrisches.  61 

Jüngeren  dagegen  überredeten  sie  mit  Hintansetzung  des  Vergnügens, 
sich  mit  Sternkunde,  Rechenkunst  und  Geometrie  zu  beschäftigen. 
Piaton  hat  häufig  von  der  Mathematik  der  Aegypter  gesprochen  und 
eiumaP)  besonders  hervorgehoben,  dass  bei  jenem  Volke  schon  die 
Kinder  in  den  Messungen  unterrichtet  würden  zur  Bestimmung  von 
Länge,  Breite  und  Tiefe.  Eine  andere  platonische  Stelle"'^),  in  welcher 
gleichzeitig  der  Rechenkunst  gedacht  ist,  und  einen  allgemein  ge- 
haltenen Ausspruch  des  Aristoteles^)  haben  wir  im  vorigen  Kapitel 
unter  den  Belegen  für  das  hohe  Alter  ägyptischer  Rechenkunst  an- 
geführt. Heron  von  Alexandria  lässt,  was  Herodot  als  ihm  eigen- 
thümliche  Vermuthung  äussert,  vielleicht  im  Hinblick  auf  eben  diesen 
damals  schon  seit  vierthalb  Jahrhunderten  verstorbenen  Schriftsteller 
zur  alten  Ueberlieferung  werden^):  Die  frühste  Geometrie  beschäftigt 
sich,  wie  uns  die  alte  Ueberlieferung  lehrt,  mit  der  Messung  und 
Vertheilung  der  Ländereien,  woher  sie  Feldmessung  genannt  ward. 
Der  Gedanke  einer  Messung  nämlich  ward  den  Aegyptern  an  die  Hand 
gegeben  durch  die  Ueberschwemmung  des  Nil.  Denn  viele  Grund- 
stücke, die  vor  der  Flussschwelle  offen  dalagen,  verschwanden  beim 
Steigen  des  Flusses  und  kamen  erst  nach  dem  Sinken  desselben  wieder 
zum  Vorschein,  und  es  war  nicht  mehr  möglich  über  das  Eigenthum 
eines  Jeden  zu  entscheiden.  Dadurch  kamen  die  Aegypter  auf  den 
Gedanken  der  Messung  des  vom  Nil  blossgelegten  Landes.  Diodor 
stimmt  gleichfalls  überein"').  Die  Aegypter,  sagt  er,  behaupten,  von 
ihnen  sei  die  Erfindung  der  Buchstabenschrift  und  die  Beobachtung 
der  Gestirne  ausgegangen;  ebenso  seien  von  ihnen  die  Theoreme 
der  Geometrie  und  die  meisten  Wissenschaften  und  Künste  erfunden 
worden.  An  einer  etwas  späteren  ausführlicheren  Stelle  fährt  er 
fort:  Die  Priester  lehren  ihre  Söhne  zweierlei  Schrift,  die  sogenannte 
heilige  und  die,  welche  man  gewöhnlich  lernt.  Mit  Geometrie  und 
Arithmetik  beschäftigen  sie  sich  eifrig.  Denn  indem  der  Fluss  jährlich 
das  Land  vielfach  verändert,  veranlasst  er  viele  und  mannigfache 
Streitigkeiten  über  die  Grenzen  zwischen  den  Nachbarn;  diese  könneii 
nun  nicht  leicht  ausgeglichen  werden,  wenn  nicht  ein  Geometer  den 
wahren  Sachverhalt  durch  direkte  Messung  ermittelt.  Die  Arithmetik 
dient  ihnen  in  Haushaltungsangelegenheiten  und  bei  den  Lehrsätzen 
der  "Geometrie;  auch  ist  sie  denen  von  nicht  geringem  Vortheile,  die 
sich  mit  Sternkunde  beschäftigen.  Denn  wenn  bei  irgend  einem 
Volke  die  Stellungen  und  Bewegungen  der  Gestirne  sorgfältig  be- 
obachtet worden   sind,   so  ist   es   bei   den  Aegyptern   geschehen;    sie 

')  Platou,  Gesetze  pag.  819.  '^)  Piaton,  Phaedros  pag.  274.  ^)  Ari- 
stoteles, Metaphys.  I,  1  in  fine.  *)  Heron  Alexandrinus  (ed.  Hultsch). 
Berlin  1804,  pag.  138.     ^)  Diodor  I,  (59  und  die  Hauptstelle  I,  81. 


62  ^^  Kapitel. 

verwahren  Aufzeicliuungen  der  einzelnen  Beobachtungen  seit  einer 
unglaublich  langen  Reihe  von  Jahren,  da  bei  ihnen  von  alten  Zeiten 
her  die  grösste  Sorgfalt  hierauf  verwendet  worden  ist.  Die  Be- 
wegungen und  Umlaufszeiten  und  Stillstände  der  Planeten,  auch  den 
Einfluss  eines  jeden  auf  die  Entstehung  lebender  Wesen  und  alle  ihre 
guten  und  schädlichen  Einwirkungen  haben  sie  sehr  sorgfältig  be- 
achtet. Die  gleiche  Ueberlieferung  finden  wir  bei  Strabon^).  Es  be- 
durfte aber  einer  sorgfältigen  und  bis  auf  das  Genauste  gehenden 
Eintheilung  der  Ländereien  wegen  der  beständigen  Verwischung  der 
Grenzen,  die  der  Nil  bei  seinen  üeberschwemmungen  veranlasst, 
indem  er  Land  wegnimmt  und  zusetzt  und  die  Gestalt  verändert  und 
die  anderen  Zeichen  unkenntlich  macht,  wodurch  das  fremde  und 
eigene  Besitzthum  unterschieden  wird.  Man  muss  daher  immer  und 
immer  wieder  messen.     Hieraus   soll   die  Geometrie  entstanden  sein. 

Wir  haben  unsere  Gewährsmänner,  deren  Lebenszeit  etwa  von 
460  V.  Chr.  bis  auf  Christi  Geburt  sich  erstreckt,  chronologisch  ge- 
ordnet, woraus  erschlossen  werden  kann,  wie  viel  etwa  die  späteren 
derselben  von  ihren  Vorgängern  entnommen  haben  mögen  ohne  aus 
dem  lebenden  Quell  fortdauernder  volksthümlicher  Sage  zu  schöpfen. 
Einem  Schriftsteller  des  II.  nachchristlichen  Jahrhunderts  werden  wir 
im  nächsten  Kapitel,  anderen  späteren  Schriftstellern  an  andrer  Stelle 
das  Wort  geben,  wo  es  um  die  Uebertragung  der  Geometrie  nach 
Griechenland  sich  handeln  wird.  Nur  einen  der  frühsten  griechischen 
Zeugen  für  das  Älter  und  für  die  Bedeutsamkeit  ägyptischer  Geometrie 
müssen  wir  jetzt  noch  nachträglich  hören,  den  wir  oben  zwischen 
Herodot  und  Isokrates,  wohin  er  seiner  Lebenszeit  nach  gehörte,  ab- 
sichtlich zurückstellten,  weil  seine  Aussage  von  so  hervorragender  ge- 
schichtlicher Wichtigkeit  ist,  dass  sie  einer  besonderen  Erörterung  bedarf 

Demokrit  sagt")  nämlich  um  das  Jahr  420:  „Im  Construiren 
von  Linien  nach  Maassgabe  der  aus  den  Voraussetzungen  zu  ziehen- 
den Schlüsse  hat  mich  Keiner  je  übertrofi'en,  selbst  nicht  die  soge- 
nannten Harpedonapten  der  Aegypter." 

Dass  Harpedonapten  ein  griechisches  Wort  mit  der  Bedeutung 
Seilspanner  oder  wörtlicher  übersetzt  Seilknüpfer  sei,  ist  merkwür- 
digerweise von  dem  Verfasser  des  besten  griechischen  Wörterbuches 
übersehen  worden^).  Allein  auch  die  richtige  Uebersetzung  reicht 
zum  Verstehen  jenes  Satzes   nicht  aus,   wenn   man  nicht  weiss,  wer 

')  Strabon  Lib.  XVII,  cap.  3.      ^)    Clemens    Alexandrinus,    Stromata 

ed.  Potter  I,  357:  ygafifiicov  GvvQ'icvog  [itxa  ccnoösi^Loe  ovStlg  kw  (is  7taQi]llcc^iv, 

ovd'  Ol  AlyvTcxiojv  KccXtöfitvoL  'AQTCtSoväTtxcci.     ^)  Cantor,  Gräkoindische  Studien 

'(Zeitsclir.    Math.   Phys.    Bd.   XXII.     .Tahri,ning  1877.     Histor.-literar,    Abtlieiluug 

S.  18  und  Note  C«). 


Die  Aegypter.     Geometrischps.  63 

jene  Seilspanner  waren,  denen  Demokrit  in  seinem  ruhmredigen  Ver- 
gleiche ein  hochehrendes  Zeugniss  geometrischer  Gewandtheit  aus- 
stellt, und  worin  ihre  Obliegenheiten  bestanden.  Beides  ist  bis  zu 
einem  gewissen  Grade  aus  ägyptischen  Tempelinschriften  zu  erkennen, 
welche  von  geschätzten  Aegyptologen  veröffentlicht  worden  sind  ^). 
Die  Tempel  mussten  in  gleicher  Weise  wie  die  Pyramiden  orientirt 
werden,  und  die  Richtung  nach  Norden,  deutlicher  ausgedrückt  nach 
dem  Eintrittspunkte  des  Siebengestirnes  um  eine  gegebene  Zeit 
wurde  beobachtungsweise  festgestellt.  „Ich  habe  gefasst  den  Holz- 
pflock (nebi)  und  den  Stiel  des  Schlägels  (semes),  ich  halte  den  Strick 
(xa)  gemeinschaftlich  mit  der  Göttin  Safech.  Mein  Blick  folgt  dem 
Gange  der  Gestirne.  Wenn  mein  Auge  an  dem  Sternbilde  des 
grossen  Bären  angekommen  ist  und  erfüllt  ist  der  mir  bestimmte 
Zeitabschnitt  der  Zahl  der  Uhr,  so  stelle  ich  auf  die  Eckpunkte 
Deines  Gotteshauses."  Das  sind  die  Worte,  unter  denen  der  König 
auf  den  Inschriften  der  Tempel  die  genannte  Handlung  vollzieht.  Er 
schlägt  mit  der  in  seiner  rechten  Hand  befindlichen  Keule  einen 
langen  Pflock  in  den  Erdboden  und  ein  Gleiches  thut  ihm  gegenüber 
Safech  die  Bibliotheksgöttin,  die  Herrin  der  Grundsteinlegung.  Es 
ist  klar,  dass  die  diese  beiden  Pflöcke  verbindende  Gerade  die  Rich- 
tung nach  Norden,  den  Meridian  des  Tempels,  bezeichnet,  dass  durch 
sie  die  gewünschte  Orientirung  des  Grundrisses  zur  Hälfte  vollzogen 
ist.  Allerdings  nur  zur  Hälfte!  Die  Wandungen  des  Tempels  sollen 
senkrecht  zu  einander  stehen,  und  demgemäss  ist  es  nicht  weniger 
nothwendig  in  einer  zweiten  Handlung  diese  mehr  geometrische  als 
astronomische  Bestimmung  zu  trefi'en. 

Man  kann  nun  leicht  mit  der  Antwort  bereit  sein,  die  ägypti- 
schen Zimmerleute  hätten  gleich  ihren  heutigen  Handwerksgenossen 
massive  rechte  Winkel  besessen.  Ein  solcher  ist  z.  B.  auf  einem 
Wandgemälde  eine  Schreinerwerkstätte  darstellend-)  deutlich 
abgebildet.  Wohl.  Aber  die  Richtigkeit  dieses  Werkzeuges 
sig-  3.  jj2^ggte  doch  selbst  verbürgt,  musste  irgend  einmal  irgendwie 
geprüft  sein,  und  das  scheint  immerhin  in  letzter  Linie  eine  geome- 


4 


^)  Brugsch,  Ueber  Bau  und  Maasse  des  Tempels  von  Edfu  (Zeitschr.  f. 
ägypt.  Spr.  u.  Alterth.  Bd.  VIII)  und  hieroglypbiscb-demotisches  Wörterbuch 
S.  327  und  967.  An  letzterer  Stelle,  ist  übrigens  nur  bemerkt,  dass  das  ägyj)- 
tische  hunu  =  Feldmesser,  Geometer  sei.  Von  einem  Seilspannen  oder  gar  von 
einer  Erinnerung  an  das  griechische  uQTtsdoväTtrai  ist  dabei  keine  Rede.  Ferner 
vergl.  Dümichen  in  der  Zeitschr.  f.  ägypt.  Spr.  u.  Alterth.  Bd.  VIII  und  be- 
sonders dessen  umfangreiche  Schrift:  Baugeschichte  des  Denderatempels  und 
Beschreibung  des  einzelnen  Theilo  des  Bauwerkes  nach  den  an  seineu  Mauern 
befindlichen  Inschriften.  Strassburg,  1877.  ^)  Wilkinson,  Manners  and  cu- 
stoms  of  tJie  ancient  Egyptians.     Vol.  III,  pag.  144. 


64  2.  Kapitel. 

trische  Construction  vorauszusetzen,  die  vennutlilich  bei  so  feierliclien 
Gelegenheiten  wie  die  Gründung  eines  Tempels  stets  aufs  Neue  voll- 
zogen wurde.  Dass  es  so  gescliali  liegt  vielleicht  in  der  Mehrzahl 
„die  Eckpunkte  Deines  Gotteshauses"  angedeutet,  welche  der  König, 
wie  wir  gehört  haben,  aufstellt.  Die  Art  der  Bestimmung  freilich 
verschweigt,  so  viel  wir  wissen,  die  Gründungsformel.  Grade  dazu 
diente  nun,  wenn  uns  ein  Analogieschluss,  dessen  Ausführung  wir 
auf  einige  ziemlich  späte  Kapitel  dieses  Bandes  verschieben  müssen, 
nicht  irre  leitet,  das  Seil,  das  um  die  Pflöcke  gezogen  war,  das 
das  eigentliche  Geschäft  der  Seilspanner  bezeichnend  ihnen  den 
Namen  verlieh. 

Denken  wir  uns,  gegenwärtig  allerdings  noch  ohne  jede  Be- 
gründung, den  Aegyptern  sei  bekannt  gewesen,  dass  die  drei  Seiten 
von  der  Länge  3,  4,  5  zu  einem  Dreiecke  verbunden  ein  solches  mit 
einem  rechten  Winkel  zwischen  den  beiden  kleineren  Seiten  bilden, 
und  denken  wir  uns  die  Pflöcke  auf  dem  Meridian  um  4  Längen- 
einheiten von  einander  entfernt.  Denken  wir  uns  ferner  das  Seil  von 
der  Länge  12  und  durch  Knoten  in  die  entsprechenden  Abtheilungen 
3,  4,  5  getheilt,  so  leuchtet  ein  (Fig.  4),  dass  das  Seil  an  dem  einen 

Knoten  gespannt,  während  die  beiden  ande- 
ren an  den  Pflöcken  anlagen,  nothwendiger- 
weise  einen  genauen  rechten  Winkel  zum 
Meridiane  an  dem  einen  Pflocke  hervorbringen 
musste. 

War  dieses  die  Hauptaufgabe  der  Harpe- 
donapten,  zu  deren  Amtsgeheimniss  es  gehören 
mochte,  die  Pflöcke  wie  die  Knoten  an  den 
richtigen  Stellen  anzubringen,  wodurch  wenigstens  eine  zweckdienliche 
Erklärung  für  das  Stillschweigen  der  Inschriften  über  ihre  Verfahrungs- 
weise  gegeben  wäre,  so  konnte  in  der  That  ihnen  der  Ruhm  „der 
Construction  von  Linien"  zugesprochen  werden,  so  waren  sie  in 
Besitz  der  Mysterien  der  Geometrie,  die  nicht  jedem  sich  enthüllten, 
so  wird  es  begreiflich,  wie  ihre  Handlungen  in  den  Wandgemälden 
dem  Könige  selbst  in  Verbindung  mit  einer  Göttin  beigelegt  wurden. 
Die  Operation  des  Seilspannens  ist  eine  ungemein  alte.  Mau 
hat  deren  Erwähnung  auf  einer  auf  Leder  geschriebenen  Urkunde 
des  Berliner  Museums  gefunden,  wonach  sie  bereits  unter  Ame- 
nemhat  T.  stattfand').  Vielleicht  ist  es  gestattet  hier  nochmals 
daran  (S.  22)  zu  erinnern,  dass  Ahraes  in  den  einleitenden  Worten 
seines  Papyrus  sich  darauf  beruft,  er  arbeite  nach  dem  Muster  älterer 

')  Dümicheii,  Denclerateuipel  S.  38. 


Die  Aegyjiter.     Geometrisches.  65 

Schriften,  uud  dass  es  vielleicht  König  Amenemhat  III.  war,  unter 
dessen  Regierung  jene  altern  Schriften  verfasst  wurden.  Ist  diese 
Annahme  wirklich  richtig,  so  würden  wir  wenigstens  keinen  Anstand 
nehmen  die  Möglichkeit  solcher  Kenntnisse,  wie  wir  sie  soeben  für 
die  Harpedonapten  in  Anspruch  nahmen,  schon  in  der  XII.  Dynastie, 
welcher  die  Amenemhat  angehörten,  zuzugestehen.  Einer  Zeit,  welche 
die  Winkellehre  so  weit  ausgebildet  hatte,  dass  sie  den  Seqt  be- 
rechnete, können  wir  auch  die  Kenntniss  des  rechtwinkligen  Dreiecks 
von  den  Seiten  3,  4,  5  zutrauen,  die  wesentlich  erfahrungsmässig 
gewonnen  worden  sein  wird,  ohne  dass  irgendwie  an  einen  strengen 
geometrischen  Beweis  in  unserem  heutigen  Sinne  des  Wortes  gedacht 
werden  niüsste. 

Ueberhaupt  zerfällt,  wie  wir  meinen,  grade  dem  Seqt  gegenüber 
jeder  Versuch,  die  Geometrie  der  Aegypter  auf  eine  blosse  Flächen- 
abschätzmig  zurückzuführen,  während  Winkeleigenschafteu  oder  Ver- 
hältnisse von  Strecken  ihr  fremd  gewesen  seien,  von  selbst,  ohne  dass 
es  mehr  nöthig  wäre,  gegen  diese  Zweifel  eines  überwundenen  Wissens- 
standpunktes mit  eingehender  Widerlegung  sich  zu  wenden.  Dagegen 
ist  um  so  erklärlicher,  was  ein  später  griechischer  Schriftsteller  von 
den  Schülern  des  Pythagoras  sagt^),  was  aber  gewiss  richtig  auch  auf 
seine  Lehrer,  die  Aegypter  gedeutet  worden  ist,  dass  sie  die  Winkel 
als  bestimmten  Göttern  geweiht  ansahen,  und  dass  der  dreiartige  Gott 
die  erste  Ursache  zur  Reihe  der  geradlinigen  Figuren  in  sich  begreife. 

Eine  mindestens  nicht  ganz  zu  verwerfende  Bestätigung  uralter 
geometrischer  Kenntnisse  bei  den  Aegyptern  können  wir  noch  bei- 
fügen-). Wenn  aus  den  ältesten  Zeiten  auf  Wandgemälden  Figuren 
von  geometrischer  Entstehung  sich  erhalten  haben,  so  spricht  deren 
Vorhandensein  gewiss  dafür,  dass  man  mit  solchen  Zeichnungen  sich 
damals  beschäftigte.  Ja  man  kann  es  wohl  einleuchtend  nennen, 
dass  ein  wirklicher  Mathematiker,  welcher'  dieselben,  vielleicht  Jahr- 
hunderte nach  ihrer  Anfertigung,  häufig,  täglich  zu  Gesicht  bekam, 
fast    noth wendig    darauf    hingewiesen   werden    musste,    über   Eigen- 


')  Proclus  Diadochus,  Commentar  zum  I.  Buche  der  euklidischen  Ele- 
mente ed.  Friedlein.  Leipzig,  1873,  pag.  130  und  155.  Auf  diese  Stellen  hat 
allerdings  in  der  Absicht  sie  gegen  eine  wissenschaftliche  Geometrie  der 
Aegypter  zu  verwerthen  Friedlein  aufmerksam  gemacht :  Beiträge  zur  Geschichte 
der  Mathematik  IL  Hof,  1872,  S.  6.  *)  Zur  Anstellung  der  hier  folgenden 
Untersuchung  regten  uns  einige  Bemerkungen  von  G.  J.  AUman  an:  Greelc 
Geometry  from  Thaies  to  Euclid  im  V.  Bd.  der  Hei-mathena.  Dublin,  1877, 
pag.  169,  Note  20  und  pag.  18G,  Note  81.  Diese  Abhandlung  ist  mit  anderen, 
die  gleichfalls  ursprünglich  in  der  Hermathena  erschienen,  1889  zu  einem  Bande 
vereinigt  worden.  Dort  finden  sich  die  betreffenden  Stellen  pag.  12,  Note  16 
und  pag.  29,  Note  47. 

Cantor,  Geschichte  der  Matliematik  I.     2.  Aufl.  5 


66 


Kapitel. 


i'ig.  5. 


Fig.  6. 


Schäften  dieser  Figuren,  die  ihm  noch  nicht  bekannt  waren,  nachzu- 
denken. Glücklicherweise  besitzen  wir  nun  in  einem  mit  Recht 
wegen  seiner  Treue  und  Zuverlässigkeit  berühmten  Bilderwerke  ^)  eine 
überreiche  Menge  von  Figuren  der  genannten  Art,  von  denen  nur 
einige  wenige,  und  zwar  der  leichteren  Herstellung  wegen  ohne  die 
bunten  Farben  des  Originals  und  in  anderem  Maassstabe,  hier  wieder- 
gegeben werden  mögen.  Schon  zur  Zeit  der  V.  Dynastie,  der  un- 
mittelbaren Nachfolger  der  Pyramidenkönige,  wurde  in  der  Todten- 
stadt  von  Memphis  eine  aus  in  einander  gezeichneten  verschobenen 
Quadraten   (Fig.   5)    gebildete   Verzierung    angewandt.     Das    Quadrat 

mit   seinen  zu  Blättern  ergänz- 
ten Diagonalen  (Fig.  6)   findet 
sich     von     der    Xll.     bis     zur 
XXVI.  Dynastie  vielfach.     Das 
gleichschenklige     Paralleltrapez 
kommt    in    Varianten,    welche 
auf    die    Zerlegung    in    ander- 
weitige Figuren    sich   beziehen 
(Fig.    7   und   8)    als   Zeichnung 
von  unteren  Theilen  eines  Stän- 
ders für  Waschgefässe  und  der- 
gleichen   fast    zu    allen    Zeiten 
vor.     Ein  höchst  merkwürdiges 
Gewebemuster    (Fig.    9)     kann 
als   Vereinigung  zweier   sich    symmetrisch  durch- 
setzender Quadrate  definirt  werden.    Unterbrechen 
wir  hier  die  Angabe   geometrischer   Figuren  aus 
ägyptischen  Wandgemälden  und  schalten  wir  zu- 
nächst den  Bericht  über  eine   für  uns  ungemein 
werthvolle  Entdeckung  ein. 

Die  Aegypter  pflegten  die  Wände,  auf  welchen 
sie  Relief  arbeiten  anbringen  wollten,  in  lauter 
einander  gleiche  Quadrate  zu  zerlegen  und  mit  deren  Hilfe  die 
Umrisse  des  Einzuhauenden  zu  zeichnen.  Eine  unvollendet  gebliebene 
Kammer  in  dem  sogenannten  Grabe  Belzoni,  das  ist  in  dem  Grabe 
Seti  L,  des  Vater  Ramses  H.  aus  der  XIX.  Dynastie,  zeigt  dieses 
ganz  deutlich^).  Es  wäre  thörig  hierin  bewusste  Anfänge  eines 
Ooordinatensystems  erkennen  zu  wollen,  aber  ebenso  thörig  wäre 
es  zu  verkennen,  dass  in  dieser  ausgeprägten  Gewohnheit  eine  geo- 

^)  Prisse  d'Avennes,  Histoire  de  l'art  iJgyptien  d' apres  les  monuments. 
*)  Wilkinson,  Manners  and  cusloms  III,  pag.  313  und  ebendesselben  Thehes 
and  F'Oypt  pag.  107. 


Fig.  7. 


Fig.  8. 


Fig.  9. 


Die  Aegypter.     Geometrisches.  67 

metrisclie  Proportionenlehre  so  weit  enthalten  ist,  dass  wir  den 
verkleinernden,  unter  Uraständen,  wo  es  um  Götterfiguren  sich  han- 
delte, auch  den  vergrössernden  Maassstab  angewandt  finden.  Es 
kann  fast  auffallen,  dass  die  Aegypter  -nicht  noch  einen  Schritt 
weitergingen  und  die  Perspektive  erfanden.  Bekanntlich  ist  von 
dieser  bei  ägyptischen  Gemälden  keine  Spur  vorhanden,  und  mag 
man  religiöse  oder  was  immer  sonst  für  Gründe  dafür  in  Anspruch 
nehmen,  immer  bleibt  geometrisch  ausgedrückt  die  Thatsache:  die 
Aegypter  übten  nicht  die  Kunstfertigkeit  die  zu  bemalende  Wand 
als  zwischen  dem  sehenden  Auge  und  dem  abzubildenden  Gegen- 
stande eingeschaltet  zu  denken  und  deren  Durchschnittspunkte  mit 
den  Sehstrahlen  nach  jenem  Gegenstande  durch  Linien  zu  vereinigen. 

Wir  kehren  zu  den  Figuren  geometrischer  Art  zurück,  und  zwar 
zu  solchen,  bei  welchen  die  Kreislinie  vorkommt.  Durch  Durchmesser 
in  gleiche  Kreisausschnitte  getheilte  Kreise  kommen  vielfach  vor,  und 
zwar  ist  bei  Zierrathen  die  häufigste  Theilung  die  durch  2  oder  4 
Durchmesser  in  4  oder  8  Theile,  während  auf  Gefässen,  welche  von 
asiatischen  Tributpflichtigen  Königen  der  XVIII.  Dy- 
nastie, etwa  den  Zeitgenossen  des  Schreibers  Ahmes,  / 
überbracht  werden,  die  Theilung  des  Kreises  durch 
6  Durchmesser  in  12  Theile  (Fig.  10)  ausnahmslose  , 
Regel  ist.  Wagenräder  haben  insbesondere  seit  Ram- 
ses  II.  aus  der  XIX.  Dynastie  fast  regelmässig  6 
Speichen,  und  Räder  mit  4  Speichen  kommen  ganz 
selten  vor.  Eine  Theilung  des  Kreises  in  10  gleiche  Theile  durch 
5  Durchmesser  oder  in  5  Theile  durch  5  vom  Mittelpunkte  aus- 
gehende Strahlen  ist  unserem  darnach  suchenden  Auge  nicht  be- 
gegnet. 

Wollen  wir  über  wirklich  geometrische  Ueberbleibsel  in  ägypti- 
scher Sprache,  nicht  über  Zeichnungen,  aus  welchen  mehr  oder  minder 
gewagte  Rückschlüsse  auf  geometrisches  Wissen  gezogen  werden 
müssen,  berichten,  so  haben  wir  plötzlich  ungemein  tief  in  der  Zeit- 
folge hinabzugreifen  bis  zu  den  Inschriften  des  Tempels  des 
Horus  zu  Edfu  in  Oberägypten ^),  in  welchen  der  Grundbesitz  der 
Priesterschaft  dieses  Tempels  vermessen  und  angegeben  ist.  Die 
Pflocklegung  dieses  Tempels  wurde  nach  alterthümlicher  Sitte  am 
23.  August  237  v.  Chr.  vollzogen^).  Die  aufgezeichneten  Grundstücke 
und  deren  Schenkung  beziehen  sich  auf  König  Ptolemäus  XI., 
Alexander  I.,  dessen  Regierung  durch  Gewaltthätigkeiten  an  Bruder 

')  R.  Lepsius,  Ueber  eine  hieroglyplaische  Inschrift  am  Tempel  von  Edfu 
(Abhandlungen  der  Berliner  Akademie  1855,  S.  69—114).  -)  Düniichen  in  der 
Zeitachr.  f.  ägypt.  Spr.  u.  Alterth.  Bd.  VIII,  S.  7. 


68  2.  Kapitel. 

und  Mutter  errungen  und  bewahrt  von  107  bis  88  dauerte,  in  welch 
letzterem  Jahre  er  selbst  durch  den  mit  Waffengewalt  zurückkehren- 
den Bruder  zur  Flucht   genöthigt  wurde.     Um  das  Jahr  100  v.  Chr. 
wurden  also  die  betreffenden  Messungen  angestellt,  nicht  weniger  als 
200  Jahre  nachdem  in  Alexandria  auf  ägyptischem  Boden  und  unter 
dem  Schutze  eines  Königs  von  Aegypten  Euklid  gelebt  und  gelehrt 
hatte,   dessen  Name  jedem   Gebildeten  bis   zu   einem  Grade  bekamit 
ist,   der  ims   verstattet  seiner  als  Maassstab  für  das  mathematische 
Wissen   seiner  Zeit  auch  in  diesem  Kapitel   schon   uns  zu  bedienen. 
Damals   gab   es  unzweifelhaft  eine   weit  vorgeschrittene  theoretische 
Geometrie,   aber  die  Praxis   der  Feldmessung  Hess   sich   an   den  alt- 
herkömmlichen Formeln   genügen.     Wir   haben   dieses  Festhalten   an 
gewohnten,  bequemen,  eine  Wurzelausziehung  vermeidenden  Methoden 
schon  früher  (S.  55)   angekündigt.     Wir  haben   es  bis  zu  einem  ge- 
wissen Grade  gerechtfertigt  und  die  Unbedeutendheit  des  begangenen 
Fehlers  in  Betracht   gezogen.     Es  ist  möglich  gewesen  aus  den  sich 
an    einander    anschliessenden    Maassen    der    Edfu-Inschrift    eine    sehr 
wahrscheinliche  Zeichnung  der   dort  beschriebenen  Ländereien  anzu- 
fertigen^),   und    dieser    Plan    lässt    erkennen,    wie    wenig    die    durch 
Hilfslinien    hergestellten    viereckigen    Abtheilungen   von    Rechtecken 
sich  unterscheiden,  bis  zu  welchem  Grade  der  Genauigkeit  trotz  An- 
wendung   der    alten   Formeln    man   gelangte.     In   der  Häufung  jener 
Hilfslinien,    in    der    Zerlegung    des    zu    messenden    Feldes    in    immer 
zahlreichere  immer  kleinere  Theile  lag  die  Verbesserung,  welche  ein 
Festhalten  der  Regeln  der  Urahnen  gestattete,  und  diese  Verbesserung 
war    selbst    keine    Neuerung,    sie    hatte    ihr   Vorbild    schon    in    dem 
Werke    des   Ahmes.     Wir  können  die  Ehrenrettung   der   Feldmesser 
zur  Zeit  von  Ptolemäus  XL  gewissermassen  vollenden,  indem  wir  an 
die  Scheu  vor  Wurzelausziehungen  erinnern,  welche  heute  noch  unter- 
geordneten Beamten    des  Katasterwesens    anzuhaften    pflegt    und    sie 
wenigstens    für    vorläufige    Flächenschätzung    die    sogenannten    ver- 
glichen abgenommenen  Maasse   anwenden  lässt,   d.  i.    eben  das 
altägyptische  Verfahren  seinem  Hauptgedanken  nach. 

Wenn  wir  sagten,  in  den  Edfu-Iuschriften  seien  die  Formeln  an- 
gewandt,  welche  uns  aus  dem  Uebungsbuche  des  Ahmes  bereits  be- 
kannt sind,  so  müssen  wir  diese  Aussage  dahin  ergänzen,  dass  eine 
weitere  theoretisch  noch  missbräuchlichere  Ausdehnung  jener  Formeln 
hinzugekommen  und  eine  nicht  ganz  unbedeutende  Gedankenver- 
schiebung bei  ihnen  eingetreten  ist. 

Die  Formeln  des  Ahmes  waren  ^  X  n  und  -^-  —  X  a   für   die 

')  R.  Lcpsius  1.  c.  Tafel  VI. 


Die  Aegypter.     Geometrisches.  60 

Flächeninlialte  des  gleichschenkligen  Dreiecks  und  des  gleichscheuk- 
ligen  Paralieltrapezes.  Die  erstere  Formel  blieb  in  Geltung,  und 
wenigstens  in  den  im  Drucke  veröffentlichten  Edfu-Inschriften  sind 
andere  als  gleichschenklige  Dreiecke  nicht  genannt.  Bei  den  Vier- 
ecken aber  ist  die  Bedingung,  dass  es  gleichschenklige  Parallel- 
trapeze seien,  deren  Fläche  man  berechnen  wolle,  abhanden  ge- 
kommen. Die  Anzahl  so  gestalteter  Vierecke  überwiegt  allerdings 
auch  in  Edfu,  aber  neben  ihnen  kommen  ganz  willkürliche  Vierecke 
mit  den  Seiten  a^,  a.,,  h^,  &2  "^or,  wo  die  beiden  durch  a  und  des- 
gleichen die  beiden  durch  b  benannten  Seiten  einander  gegenüber- 
liegen sollen,  und  deren  Fläche  berechnet  sich  auf 

(h    +  ^2    ^    ^1    +   h 

So  z.  B.  16  zu  15  und  4  zu  3  -  macht  58-^-:  45—  zu  33—-.-  und  17  zu 

2  ö  '         4  2    4 

15  macht  632:  9--  zu  10  -  und  24  zu  22— -„  macht  236—  u.  s.  w. 

Die  angekündigte  Gedankenverschiebung  besteht  aber  in  Folgen- 
dem. Ahmes,  das  suchten  wir  aus  der  muthmasslichen  Entstehung 
der  Formeln,  aus  dem  beim  Vierecke  gebrauchten  Namen  Hak,  Ab- 
schnitt, für  die  eine  Seite  zu  begründen,  ging  aus  vom  Dreiecke  und 
liess  das  Trapez  durch  Abstumpfung  jener  ursprünglichen  Figur  ent- 
stehen. Jetzt  hat  die  Sache  sich  umgekehrt.  Das  Viereck  ist  die 
zu  Grunde  liegende  Figur  geworden,  das  Dreieck  entsteht  aus  ihm 
als  besonderer  Fall,  indem  eine  Vierecksseite  verschwindet.  Nicht 
von  Dreiecken  mit  den  Seiten  5,  17,  17  oder  2,  3,  3  ist  in  Edfu  die 
Rede,  sondern  von  Figuren  mit  den  Seiten  0  zu  5  und  17  zu  17,  be- 
ziehungsweise 0  zu  2  und  3  zu  3,  deren  Flächen  alsdann  42—  und 

3  sind^).  Das  Wort  Null  wird,  wie  wir  wohl  zum  Ueberflusse 
bemerken,  nicht  etwa  durch  ein  besonderes  Zahlzeichen,  sondern 
durch  eine  aus  zwei  Bildchen  sich  zusammensetzende  hieroglyphische 
Gruppe  mit  der  Aussprache  Neu  dargestellt,  welche  gewöhnlich  ver- 
neinende Beziehungen  ausdrückt,  hier  die  als  Dingwort  ausgesprochene 
Verneinung,  das  Nichts.  Au  eine  Zahl  Null  ist  in  keiner  Weise 
zu  denken. 

Fassen  wir  in  eine  ganz  kurze  Uebersicht  den  Hauptinhalt  der 
beiden  von  ägyptischer  Mathematik  handelnden  Kapitel  zusammen. 
Die  Aegypter  besassen,  wie  wir  quellenmässig  belegen  konnten,  schon 
im  Jahre  1700  v.  Chr.,  wahrscheinlich  sogar  bereits  ein  halbes  Jahr- 


^)  Die    hier    erwähnten   Beispiele  vergl,  bei  Lepsius  1.  c.  S.  75,  79,  82. 
Auf  letzterer  Seite  findet  sich  die  Rechtfertigung  der  Null. 


70  2.  Kapitel. 

tausend  früher  eine  ausgebildete  Reclienkunst  mit  ganzen  Zahlen 
und  Brüchen,  wobei  letztere  stets  als  Starumbrüche  geschrieben 
wurden,  wenn  auch  der  Begriff  gewöhnlicher  Brüche,  wie  aus  der 
Zurückftthrung  auf  Generalnenner  hervorgeht,  nicht  fremd  war.  Die 
Aufgaben,  welche  so  der  Rechnung  unterbreitet  wurden,  gehören  dem 
Gebiete  der  Gleichungen  vom  ersten  Grade  mit  einer  Unbekannten 
an,  wobei  die  Wort-Einkleidung  eine  von  einer  Aufgabengruppe  zur 
anderen  wechselnde  ist.  Als  Gipfelpunkte  erscheinen  nach  modemer 
Auffassung  Beispiele  aus  dem  Gebiete  der  arithmetischen,  vielleicht 
der  geometrischen  Reihen.  Beispiele  aus  der  Geometrie  und  Stereo- 
metrie gewählt  lassen  erkennen,  dass  in  jener  frühen  Zeit  die 
Aegypter  einen  nicht  ganz  unglücklichen  Versuch  gemacht  hatten 
den  Kreis  in  ein  Quadrat  zu  verwandeln,  dass  ihre  Berechnung  des 
Flächeninhalts  von  gleichschenkligen  Dreiecken  und  von  als  Abschnitte 
von  ersteren  erhaltenen  gleichschenkligen  Paralleltrapezen  von  Nähe- 
rungsformeln Gebrauch  machte,  ohne  dass  wir  freilich  irgend  eine 
Auskunft  darüber  zu  geben  vermochten,  ob  man  beim  Kreise,  ob  man 
bei  jenen  geradlinig  begrenzten  Figuren  sich  bewusst  war  nur  Ange- 
nähertes zu  erhalten,  oder  ob  man  an  die  genaue  Richtigkeit  der 
Ergebnisse  glaubte,  und  wie  man  zu  denselben  gelangt  war.  Des 
Weiteren  haben  wir  gesehen,  dass  man  es  liebte,  wohl  auch  für 
noth wendig  hielt,  gegebene  Figuren  zum  Zwecke  der  Ausmessung 
durch  Hilfslinien  in  andere  Figuren  von  einfacherer  Begrenzung  zu 
zerlegen,  und  diese  Uebung  zu  allen  Zeiten  beibehielt,  gleichwie  es 
mit  den  alten  Näherungsformeln  für  die  Flächen  von  Dreiecken  und 
Vierecken  der  Fall  war.  Endlich  ist  festgestellt,  dass  in  gleich 
grauem  Alterthume,  bis  zu  welchem  aufwärts  wir  die  Flächenberech- 
nung  verfolgen  können,  auch  eine  Vergleichung  von  Strecken  zum 
Zwecke  des  Aehnlichmachens,  d.  h.  zur  Wiederholung  desselben 
Winkels  an  verschiedenen  Raumgebilden  stattfand.  Neben  dieser 
quellenmässig  gesicherten  Wissenschaft  lernten  wir  die  Ueberlieferung 
kennen,  welche  Geometrie  und  Rechenkunst  heimathlich  auf  Aegypten 
zurückführt,  welche  das  bürgerliche  Rechnen  der  Aegypter  uns  muth- 
masslich  als  Fingerrechnen,  mit  aller  Bestimmtheit  als  Rechnen  mit 
Steinchen  kennen  lehrt.  Auch  aus  Figuren  des  täglichen  Gebrauches 
durften  wir  geometrische  Schlüsse  ziehen,  Handlungen  die  mit  der 
Tempelerbauung  verbunden  waren,  durften  wir  erörtern  und  gelangten 
so  zu  der  wahrscheinlichen  Folgerung,  dass  neben  jenen  geometri- 
schen Vorschriften,  welche  den  Rechnungen  dienten,  auch  solche  be- 
standen, die  auf  Constructionen  sich  bezogen  und  namentlich  die 
Zeichnung  eines  rechtwinkligen  Dreiecks  durch  die  gegebenen  Längen 
seiner    drei    Seiten    ermöglichten.     Eine    deutliche    Darlegung   dieser 


Die  Aegypter.     Geometrisches.  71 

von  uns  vermutlieten  Vorschriften  ist  ebensowenig  bekannt  wie  die 
vorber  vermisste  Ableitung  der  Fläcbenformeln,  ebensowenig  wie  die 
Begründung  der  von  Abmes  angewandten  Formel  für  Auffindung  des 
Anfangsgliedes  einer  aritbmetiscben  Reibe  aus  ibrer  Summe,  ibrer 
Gliederzabi  und  ibrer  Differenz.  So  kommt  man  unabweislicb  zur 
Annabme  eines  nocb  nicbt  wieder  aufgefundenen  theoretischen  Lehr- 
buches der  Aegypter  neben  dem  neuerdings  bekannt  gewordenen 
Uebungsbuche.  Nicht  als  ob  wir  an  eine  Theorie  im  modernen  Sinne 
dächten.  Beweise  werden  meistens  inductiv,  wohl  auch  auf  Grund 
sehr  ungenügender  Induction  geführt  worden  sein,  wenn  man  nicht 
gar  den  Augenschein  für  hinreichend  hielt  jeglichen  Beweis  zu  er- 
setzen. Dagegen  vermuthen  wir,  wie  hier  vorgreifend  bemerkt  werde, 
eine  regelmässig  wiederkehrende  Form  des  Lehrbuches,  unterschieden 
von  der  des  Uebungsbuches  und  nur  darin  mit  letzterer  zusammen- 
treffend, dass  auch  sie  sich  forterbte,  gleichwie  die  Form  des  Uebimgs- 
buches  so  gut  wie  ohne  jede  Veränderung  in  griechischer  Nach- 
bildung sich  erhielt.  Wir  werden  in  späteren  Kapiteln  auf  diese 
Meinung,  auf  diese  Behauptung  zurückkommen  müssen,  um  die 
letztere  zu  beweisen  und  dadurch  der  ersteren  eine  Stütze  zu  ver- 
leihen. 


1 


II.  Babylonier. 


3.  Kapitel. 
Die  Babyloiiier. 

In  ziemlich  gleichem  Maasse,  wie  das  Stromgebiet  des  Nils, 
welches  der  Durchforschimg  zu  allen  Zeiten  so  Vieles  und  Wunder- 
bares enthüllt  hat,  Avusste  das  Land,  welches  zwischen  Euphrat  und 
Tigris  gelegen  ist,  die  Aufmerksamkeit  der  Gelehrten  auf  sich  zu 
ziehen.  Hier  in  Chaldäa  gaben  die  durch  Jahrtausende  aufgehäuften 
Trttmmerhügel  eine  ähnlich  werthvolle  Ausbeute  wie  dort  die  in  Stein 
gehauenen  Gräber,  die  verschütteten  Palastkammern  Babylons  eine 
ähnliche  wie  die  unter  günstigeren  Verhältnissen  aufrecht  gebliebeneu 
Tempel  Aegyptens.  Aber  einen  wesentlichen  Unterschied  hat  die 
Forschung  mit  ziemlicher  Bestimmtheit  nachzuweisen  vermocht.  In 
Aegypten  ist  es  im  Grossen  und  Ganzen  eine  einzige  Entwickelung 
eines  einheitlichen  Volkes,  die  von  Ort  zu  Ort,  von  Tempel  zu  Tempel 
sich  verfolgen  lässt.  In  Chaldäa  begegnen  wir  den  Ueberresten 
mehrerer,  mindestens  zweier  Nationen,  die  sich  feindlich  bekämpften, 
um  schliesslich  in  ein  Mischvolk  überzugehen,  dessen  Bildung  uns 
nur  Wahrscheinlichkeitsschlüsse  dafür  gestattet,  welchem  der  Ur- 
stämme  wir  diesen  oder  jenen  Bestandtheil  des  später  gemeinsamen 
Wissens  gutschreiben  sollen. 

Neuere  Völkerkunde  hat  die  Gegend  der  Hochebene  Pamir  ^), 
etwa  unter  dem  38.  Grade  nördlicher  Breite  und  dem  90.  Grade  öst- 
licher Länge  gelegen,  als  das  in  Wirklichkeit  freilich  nichts  weniger 
als  paradiesische  Paradies  der  orientalischen  Sagen  erkannt.  Vier 
Gewässer  fliessen  von  ihr  nach  den  vier  Himmelsrichtungen  ab,  der 
Indus,  der  Heimund,  der  Oxus,  der  Yaxartes.  Von  dort  zunächst, 
muthmasslich  noch  weiter  von  Nordosten,  von  den  Abhängen  des 
erzreichen  Altaigebirges,  drangen  Skythenvölker  turanischen  Stammes, 
ihrem  Hauptbestandtheile  nach  Sumerier^),  herab,  eine  bereits  ziem- 
lich entwickelte  mathematische  Bildung  mit  sich  bringend,  wie  wir 
nachher  sehen  wollen.     Sie  setzten  sich  fest  auf  dem  Hochlande  von 


')  Maspero-Pietschmann  S.  128.  ^)  Diesen  Namen  erkannt  zu  haben 
gehört  zu  den  zaUreichen  Verdiensten  von  J.  Oppert.  Ueber  die  Wanderung 
der  Sumerier  vergl.  Maspero-Pietschmann  S    131. 


76  3.  Kapitel. 

Iraiij  besonders  in  dem  nördliclisten  Theile,  der  später  Medien  genannt 
Avurde.  Die  Sunierier  drangen  dann  weiter  südlich,  bis  nacli  Cbaldäa 
vor.  Und  ein  zweites  Volk  kam  ebendahin^).  Es  war  gleicMalls 
im  Osten,  aber  weiter  südlicli  aufgebrochen.  Es  kam  der  Ueber- 
lieferung  gemäss  ans  dem  Lande  Kusch,  welches  man  in  Baktrien  zu 
suchen  hat.  Es  führte  demnach  den  Xameu  der  Kuschiten  und  hat 
auf  seinem  Wege  diesen  Namen  auf  das  Gebirge  des  Hindukusch  über- 
tragen, welches  das  Hochland  von  Iran,  wo  wir  die  Turanier  Nieder- 
lassungen gründend  fanden,  von  den  Ebenen  der  Bucharei  trennt. 
Die  Sumerier  sprachen  eine  jener  sogenannten  agglutinativen  Sprachen, 
in  welchen  alle  möglichen  Beziehungen  vermittelst  neuer  Bestandtheile 
bezeichnet  werden,  die  sich  mit  den  Wurzeln  nie  verschmelzen,  also 
nie  das  hervorbringen,  was  man  Beugung  zu  nennen  pflegt.  Die 
Sprache  der  Kuschiten  dagegen  war  dem  Hebräischen  und  Arabischen 
sehr  nahe  verwandt,  sie  war  eine  semitische  Sprache,  und  die  Meisten 
nehmen  auch  geradezu  an,  Semiten  und  Kuschiten  seien  nur  zwei  zu 
verschiedenen  Zeiträiimen  zur  Gesittung  gelangte  Theile  ein  und 
derselben  Rasse. 

Die  erste  Begegnung  von  Sumeriern  und  Kuschiten  auf  chaldäi- 
schem  Boden  gehört  in  die  vorgeschichtliche  Zeit,  ein  Wort,  dessen 
Geltungsgebiet  gegen  früher  weit  zurückverlegt  ist,  seitdem  die  Ent- 
zifferungskunde alter  Denkmäler  gestattet  hat,  selbst  als  mythisch 
geltende  Zustände  und  Ereignisse  näher  zu  beleuchten.  Aber  so  weit 
man  auch  die  Ziele  der  Geschichtswissenschaften  stecken  mag,  sie 
reichen  nicht  weiter  als  schriftliche  Aufzeichnung,  und  solche  sind 
uns  in  Chaldäa  nur  aus  der  Zeit  der  erfolgten  Vereinigung  jener 
Volkselemente  erhalten,  geben  über  die  Vereinigung  selbst  keinen 
Aufschluss.  Dagegen  wissen  wir  aus  einheimischen  und  fremden 
schriftlichen  Denkmälern  Mancherlei  über  die  Schicksale  des  Misch- 
volkes. Sein  staatlicher  Verband  blieb  keineswegs  unverändert,  Haupt- 
städte und  Fürstengeschlechter  wechselten.  Auf  Ninive  folgte  Babylon, 
auf  dieses  wieder  Ninive  als  Herrschersitz.  Das  altassyrische,  das 
babylonische,  das  zweite  assyrische  Reich  lösten  einander  in  geschicht- 
licher Bedeutung  ab,  in  bald  siegreichen,  bald  ungünstig  verlaufenden 
Kämpfen  unter  einander  und  mit  den  Nachbarvölkern,  den  Hebräern, 
den  Phönikern,  den  Aegyptern,  bis  endlich  das  Perserreich  Alles 
verschlang. 

Wir  haben  einheimische  Schriftdenkmäler  erwähnt.  Deren  Schrift 
war,  wie  man  annimmt,  ursprünglich  eine  Bilderschrift,  welche  aber 
vermöge  der  gewählten  Unterlage  eine  eigenthümliche  Umbildung  er- 


')  Maspero-Pietschmann  S.  111  ägg. 


Die  Babylonier.  77 

fuhr.  In  Aegypten  rundeten  sich  die  hieroglyphischen  Bilder,  mit 
dem  Schreibrolire  auf  Papyrus  übertragen,  allmälig  ab.  In  Chaldäa 
dagegen  ritzte  man  die  Schriftzüge  mittelst  eines  Griffels  in  eine 
gleichviel  wie  zur  nachträglichen  Erhärtung  gebrachte  Thonmasse  ein, 
und  dadurch  entstanden  in  Winkeln  an  einander  stossende  Eindrücke, 
welche  man  bei  der  Wiederauffindung  nicht  unglücklich  als  keilförmig 
bezeichnet  hat;  es  entstand  die  Keilschrift.  Die  meisten  Fach- 
gelehrten glauben,  die  Keilschrift  sei  bereits  den  Sumeriern  eigen- 
thümlich  gewesen,  doch  mag  sie  entstanden  sein,  wo  sie  wolle,  darüber 
ist  kein  Zweifel,  dass  sie  in  Chaldäa  einer  semitischen  Sprache  dienst- 
bar wurde,  die  somit  wundersam  genug  von  links  nach  rechts,  statt 
wie  in  allen  anderen  Fällen  von  rechts  nach  links  zu  lesen  ist,  eine 
Erscheinung,  auf  welche  wir  gleich  jetzt  bei  Erörterung  der  Zahl- 
zeichen der  Keilschrift  hinweisen  müssen^).  Das  Princip  der  Grössen- 
folge  wird  nämlich  ihr  entsprechend,  wo  es  zur  Geltung  kommt, 
veranlassen,  dass  wir  die  Zahlzeichen,  welche  den  höheren  Werth 
besitzen,  stets  links  von  denen  zu  suchen  haben,  welche  mit  niedri- 
gerem Werthe  behaftet  durch  Addition  mit  jenen  verbunden  sind. 

Unter  den  vielfältigen  Vereinigungen,  welche  aus  keilförmigen 
Eindrücken  sich  bilden  lassen,  sind  es  vornehmlich  drei,  welche  beim 
Anschreiben  ganzer  Zahlen  benutzt  wurden,  der  Yertikalkeil  T,  der 
Horizontalkeil  *-,  der  aus  zwei  mit  den  breiten  Ende  verschmolzenen, 
die  Spitzen  nach  rechts  oben  und  unten  neigenden  Keilen  zusammen- 
gesetzte Winkelhaken  <.  Der  Vertikalkeil  stellt  die  Einheit,  der 
Winkelhaken  die  Zehnzahl  dar,  und  diese  Elemente  addirten  sich 
durch  Nebeneinanderstelluug.  Theils  aus  Gründen  der  Raumersparung, 
theils  aus  solchen  der  besseren  Uebersehbarkeit  wurden  oft  mehrere 
Keile  oder  Winkelhaken  über  einander  in  zwei  bis  drei  Reihen  ab- 
gebildet, stets  höchstens  drei  Zeichen  in  einer  Reihe.  Blieb  bei  dieser 
Art  der  Zerlegung  ein  einzelnes  Element  übrig,  so  wurde  dasselbe 
meistens  in  breiterer  Form  unter  den  übrigen  beigefügt.  Vielleicht 
kam  auch  die  Beifügung  eines  solchen  einzelnen  Zeichens  rechts  von 
den  übrigen  vor,  wie  es  durch  das  Gesetz  der  Grössenfolge  gestattet 
war,  während  ein  additives  Eiuzelelement  links  neben  anderen  in 
Reihen   verbundenen    gleichartigen  Elementen   jenem   Gesetze   wider- 


^)  Wir  haben  diesen  Gegenstand  ausführlich  und  mit  Verweisung  auf 
Quellenschriften  schon  früher  behandelt:  Math.  Beitr.  Kulturl.  S.  28  ügg.  Unsere 
gegenwärtige  theilweise  wörtlich  übereinstimmende  Darstellung  dürfte  dem 
heutigen  etwas  veränderten  Standpunkte  des  Wissens  über  diese  Dinge  ent- 
sprechen. Mit  den  assyrischen  Zahlwörtern  beschäftigt  sich  George  Bertin, 
The  Assyrian  Numerais,  abgedruckt  in  den  Transactions  of  the  Society  of 
Biblical  Archaeology  Vol.  VII,  pag.  370—389. 


78  S.  Kapitel. 

sprochen  haben  würde.  Mit  diesen  Bemerkungen  erledigt  sich  die 
schriftliche  Wiedergabe  sämmtlicher  ganzer  Zahlen  unter  100,  aber 
von  dieser  Zahl  an,  deren  Zeichen  ein  Vertikalkeil  mit  rechts  folgen- 
dem Horizontalkeile  y*-  ist,  tritt  eine  wesentliche  Veränderung  ein. 
Zwar  die  Richtung  der  Zeichen  im  Grossen  und  Ganzen,  also  der 
Hunderter,  Zehner,  Einer,  bleibt  wie  vorher  von  links  nach  rechts 
abnehmend,  aber  neben  der  Juxtaposition  der  Zahltheile  verschiedener 
Ordnung  erscheint  plötzlich  ein  vervielfachendes  Verfahren,  indem 
links  vor  das  Zeichen  von  100  die  kleinere  Zahl  gesetzt  wird,  welche 
andeutet,  wie  viele  Hundert  gemeint  sind.  Die  Vermuthung  wird  da- 
durch sehr  nahe  gelegt,  es  sei  in  Folge  dieses  multiplikativen  Ge- 
dankens, dass  10(J0  durch  Vereinigung  des  Winkelhakens,  des  Ver- 
tikal- und  Horizontalkeils  <f»^  als  10  mal  100  dargestellt  werde. 
Aber  dieses  1000  wird  dann  selbst  wieder  als  neue  Einheit  benutzt, 
welche  kleinere  multiplizirende  Coefficienten  links  vor  sich  nimmt. 
Gemäss  der  Deutung  unserer  Assyriologen  kam  sogar  „ein  mal 
tausend"  vor,  d.  h.  multiplikatives  Vorsetzen  eines  einzelneu  Vertikal- 
keils links  von  dem  Zeichen  für  1000,  und  jedenfalls  erscheint  lOmal 
1000  als  die  gesicherte  Bedeutung  von  «f»-,  welches  man  nicht 
etwa  20  mal  100,  d.  i.  2000  lesen  darf  Vielfache  von  10000  werden 
als  Tausender  bezeichnet,  mithin  30  000  als  30  mal  1000,  100000  als 
100 mal  1000,  indem  30,  beziehungsweise  100  links  von  1000  ge- 
schrieben sind.  Eine  höchst  bedeutsame  Thatsache  tritt  dabei  zu 
Tage,  diejenige  nämlich,  dass  die  Babylonier  das  Bewusstsein  der 
Einheiten  verschiedener  dekadischer  Ordnungen  in  viel  höherem  Maasse 
hatten,  als  ihre  Bezeichnungsweise  der  Zehntausender  vermuthen  lässt. 
Wer  besondere  Zeichen  für  10  000,  für  100000  zur  Verfügung  hat, 
wird  natürlich  127  000  in  100  000  -f  2  •  10  000  +  7  •  1000  zerlegen, 
von  den  Babyloniern  dagegen,  denen  solche  besondere  Zeichen  fehlten, 
wäre  mit  höherer  Wahrscheinlichkeit  ein  Anschreiben  in  der  Form 
127-1000  zu  erwarten.  Nichts  desto  weniger  bedienten  sie  sich  jener 
für  sie  viel  umständlicheren,  aber  mathematisch  durchsichtigeren 
Schreibweise.  Wenigstens  ist  36  000  in  der  Form  30  •  1000  +  6  •  1000 
wahrscheinlich  gemacht  und  120  000  in  der  Form  100  •  1000  +  20  ■  1000 
sicher  gestellt.  Bis  zur  Million  scheint  die  Zahlenschreibung  der 
Keilschrift  sich  nicht  erstreckt  zu  haben;  zum  Mindesten  sind  keine 
Beispiele  davon  bekannt^). 

Von  Brüchen    ist    eine   Bezeichnung   der  verschiedenen   Sechstel 

')  Mänant,  Expose  des  eUments  de  Ja  grammaire  assyrienne.  Paris,  1868, 
pag.  81:  Les  inscriptions  ne  nous  ont  pas  donne,  jusqu'  ici  du  moins,  de  nombre 
supcikur  aux  centaities  de  mille;  le  signe  qui  reprcsente  un  million  nous  est 
encore  inconnu. 


Die  Babylonier.  79 

also  -  ,  —-,  ~,  -"  ,  Y  nachgewiesen  worden,  deren  Entstehung  nicht 

ersichtlich  ist^).     Von  den  wichtigen  Sexagesimalbrüchen  müssen  wir 
nacher  in  anderem  Zusammenhange  reden. 

Wir  haben  soeben  gesagt,  die  Million  sei  bisher  noch  nicht 
aufgefunden  worden.  Müssen  wir  bei  diesem  Ausspruche  das  Wort 
„bisher"  besonders  betonen  oder  dürfen  wir  in  der  That  eine  solche 
Beschränkung  des  Zahlbegriffes  annehmen?  Für  die  grosse 
Menge  der  Bevölkerung  scheint  uns  die  letztere  Annahme  nicht  bloss 
keine  Schwierigkeit  zu  haben,  sondern  allgemein  verbreitete  Noth- 
wendigkeit  zu  sein.  Bis  auf  den  heutigen  Tag,  wo  doch  mit  den 
Wörtern  Million  und  sogar  Milliarde  nicht  grade  haushälterisch  um- 
gegangen wird,  ist  der  Begriff,  wie  viele  Einheiten  zu  einer  Million 
gehören,  keineswegs  vielen  Menschen  geläufig.  Mancherlei  Verdeut- 
lichungen müssen  diesen  Begriff  erst  klar  stellen.  So  hat  z.  B. 
am  13.  Juni  1864  die  Direktion  des  londoner  Krystallpalastes  den 
10jährigen  Bestand  jenes  Gebäudes  feierlich  begangen.  Damals  wurde 
bekannt  gemacht,  dass  in  jenem  ersten  Jahrzehnt  der  Palast  von 
15  266  882  Menschen  besucht  worden  war,  und  um  eine  Veranschau- 
lichung  der  Massenhaftigkeit  der  Zahl  zu  gewähren,  Hess  man  auf 
weisses  Baumwollzeug  eine  Million  schwarzer  Punkte  drucken.    Jeder 

3  .  1 

Punkt  war  _,,  Zoll  breit   und  nur  -~  Zoll  von   dem  nächsten  Pimkte 

Ib  o 

entfernt  und  doch  bedeckten  jene  Punkte  einen  Flächenraum  von 
225  Fuss  Länge  auf  3  Fuss  Breite,  den  Fuss  zu  zwölf  Zoll  gerechnet. 
Dass  in  den  jedenfalls  weit  geringfügigeren  Verkehrsverhältnisseu 
einer  um  Jahrtausende  zurückliegenden  Zeit  die  Höhe  der  Zahlen 
noch  viel  früher  zu  einer  Vergleichungslosigkeit  verschwimmen  musste, 
welche  wir  eine  dunkle  Ahnung  des  mathematischen  Unendlich- 
grossen nennen  würden,  wenn  wir  nicht  befürchteten  dadurch  die 
Meinung  zu  erwecken,  als  solle  dadurch  diesem  Unendlichgrossen 
selbst  ein  solches.  Uralter  verschafft  werden,  ist  nur  selbstverständlich. 
Vielfache  Stellen  biblischer  Schriften,  die  nach  dem  Exile  unter 
der  Einwirkung  babylonischer  Kultur  entstanden  zu  sein  scheinen 
geben  der  Vermuthung  Raum,  dass  nur  die  beiden  grossen  Zahlen 
1000  und  10  000,  sowie  deren  Vervielfältigung  zur  Schätzung  aller- 
grösster  Vielheiten  benutzt  wurden.  Saul  hat  Tausend  geschlagen, 
David  aber  Zehntausend-),  heisst  es  in  bewusster  Steigerung.  Tausend 
mal  tausend  dieneten  ihm,  und  Zehntausend  mal  zehntausend  standen 
vor  ihm  ^)  heisst  es  an  anderer  Stelle,  und  noch  auffallender  bei  dem 


')  Oppert,  Etalon  des  mesures  assyriennes.   Paris  1875,  p.  35.     -)  I.  Samuel 
18,  7.     ^)  Daniel  7,  10. 


80  3.  Kapitel. 

Psalmisten:  Der  Wagen  Gottes  ist  Zehntausend  mal  tausend^).  Auch 
steht  nicht  im  Widerspruche,  wenn  der  sterbende  König  David  seine 
Schätze  aufzählend  erklärt:  Siehe  ich  habe  in  meiner  Armuth  ver- 
schafft zum  Hause  des  Herrn  hunderttausend  Centner  Goldes  und 
tausend  mal  tausend  Centner  Silbers^),  denn  die  ünmöglickeit  diese 
concreten  Zahlen  buchstäblich  jzu  nehmen,  zwingt  zur  Auffassung, 
nur  das  unfassbar  Grosse  seines  Reichthums  sei  gemeint.  Sollte  eine 
noch  grössere  Zahl  bezeichnet  werden,  so  mussten  Vergleichungs- 
wörter dienen.  Ich  will  Deinen  Samen  machen  wie  den  Staub  auf 
Erden;  kann  ein  Mensch  den  Staub  auf  Erden  zählen,  der  wird  auch 
Deinen  Samen  zählen^).  Oder:  Wer  kann  zählen  den  Staub  Jakobs?^) 
Und  unter  Anwendung  eines  anderen  Bildes:  Siehe  gen  Himmel  und 
zähle  die  Sterne ,  kannst  Du  sie  zählen  ?  Also  soll  Dein  Same 
werden^).  Ja  es  wird  unter  Anwendung  desselben  Gedankens  die 
Vollführung  der  unmöglichen  Aufgabe  nur  dem  Höchsten  vorbehalten: 
Er  zählet  die  Sterne  und  nennet  sie  alle  mit  Namen ^). 

Auch  anderswo  finden  wir,  wenn  wir  Umfrage  halten,  ausserge- 
wöhnliche  Vielheiten  durch  die  dritte  und  vierte  Einheit  des  deka- 
dischen Zahlensystems  angedeutet.  In  China  wünscht  das  Volk,  wenn 
es  einen  Grossen  des  Reiches  leben  lässt,  ihm  1000  Jahre,  während 
der  dem  Kaiser  allein  zukommende  Heilruf  sich  auf  10  000  Jahre 
erstreckt').  Das  altslavische  Wort  tma  bedeutete  sowohl  10  000  als 
dunkel,  während  es  im  Russischen  nur  die  letztere  BedeutuDg  noch 
beibehalten  hat^). 

Jedenfalls  gehören  Zahlzeichen,  mag  ihre  Anwendung  sich  er- 
strecken so  weit  oder  so  wenig  weit  als  sie  will,  zu  Zeichen,  welche 
niemals  ganz  entbehrt  werden  konnten,  welche  sicherlich  dem  Volke 
bekannt  gewesen  sein  müssen,  das  die  betreffende  Schrift,  hier  die 
Keilschrift,  überhaupt  erfand.  War  dieses,  wie  man  annimmt,  das 
Volk  der  Sumerier,  so  musste  demnach  ihm  diejenige  Bezeichnung 
der  Zahlen,  von  der  wir  gesprochen  haben,  und  die,  wie  wir  noch- 
mals hervorheben,  einen  durchaus  decimalen  Charakter  trägt,  bekannt 
gewesen  sein.  Um  so  auffallender  ist  es,  dass  in  sumerischen  Schrift- 
denkmälern, die  von  eigentlichen  Mathematikern  und  Astronomen 
herzurühren  scheinen,  mit  der  decimalen  Schreibweise  eine  andere 
wechselt,  beruhend  auf  dem  Sexagesimalsysteme. 

Es  wurde  von  einem  englischen  Assyriologen  Hincks  entdeckt''). 


1)  Psalm  G8,  18.  "")  I.  Chronik  23,  14.  ^)  I.  Mose  13,  16.  •*)  IV.  Mose 
23,  10.  ^)  I.  Mose  15,  5.  ^)  Psalm  147,  4.  ^)  De  Paravey,  Essai  sur  Vorigine 
unique  et  hieroglyphique  des  chiffres  et  des  lettres  de  tous  les  peuples.  Paris, 
1»2(5,  pag.  111.  **;  Mündliche  Mittheilung  von  H.  Schapira.  ^)  E.  Hincks  in 
den  Transactions  of  thc  IL  Iriah  Acadeiny.  l'olüe  Litterature  XXll  G.  pag.  406  ügg. 


Die  Babylonier.  81 

In  dem  von  ilim  entzifferten  Denkmale  handelt  es  sich  darum  anzu- 
geben, wie  viele  Mondtheile  an  jedem  der  15  Monatstage,  die  vom 
beginnenden  Mondscheine  bis  zum  YoUmoude  verlaufen,  beleuchtet 
seien.  Es  seien,  heisst  es,  an  diesen  15  Tagen  der  Reihe  nach  sichtbar: 
5  10  20  40         1.20 

1.36         1.52         2.  8         2.24        2.40 

2.56  3.12  3.28  3.44  4 
Hincks  erläuterte  die  räthselhaften  Zahlen  mit  Hilfe  der  Annahme, 
die  Mondscheibe  sei  als  aus  240  Theilen  bestehend  gedacht  worden, 
es  bedeuten  die  weiter  nach  links  gerückten  Zeichen  für  1,  2,  3,  4 
je  60  der  Einheiten,  denen  die  rechts  davon  stehenden  Zahlen  ange- 
hören, und  die  Beleuchtungszunahme  folge  nach  Angabe  der  Tabelle 
an  den  fünf  ersten  Tagen  einer  geometrischen,  an  den  folgenden 
Tagen  einer  arithmetischen  Reihe. 

Dass  diese  Erklärung  Licht  über  die  betreffende  Tabelle  ver- 
breitet, ist  imzweifelhaft.  Unzweifelhaft  ist  es  auch,  dass  sie  dem^ 
Gesetze  der  Grössenfolge  Rechnung  trägt,  denn  eine  60  bedeutende 
1  kann  links  von  20,  von  36,  von  52  auftreten,  während  eine  Eins 
gleichen  Ranges  mit  jenen  Zahlen  zu  ihrer  Linken  nicht  geschrieben 
werden  durfte.  Gleichwohl  bedurfte  es  zur  vollen  Bestätigung  der 
Auffindung  neuer  Denkmäler,  und  solche  sind  die  Tafeln  von 
Senkereh.  Ein  Geologe  W.  K.  Loftus  fand  1854  bei  Senkereh 
am  Euphrat,  dem  alten  Larsam,  zwei  kleine  auf  beiden  Seiten  mit 
Keilschriftzeichen  bedeckte  leider  nicht  ganz  vollständige  Täfelchen  ^). 
Solche  Täfelchen  sind,  allerdings  nicht  entfernt  vergleichbaren  In- 
haltes, vielfach  gesammelt  worden.  Die  eine  concave  Seite  ist  immer 
als  Vorderseite,  die  andere  convexe  als  Rückseite  zu  betrachten. 
Läuft  der  Text  auf  beiden  Seiten  fort,  so  muss  zum  Weiterlesen  ein 
Umwenden  über  Kopf  stattfinden.  Die  Täfelcheu,  aus  Thon  gebildet, 
wie  fast  überflüssiger  Weise  bemerkt  sein  soll,  sind  in  der  Mitte  am 
stärksten  und  verdünnen  sich  alsdann  gleichmässig  gegen  die  Ecken. 
Diese  Eigenschaft,  vereinigt  mit  dem  Umstände,  dass  der  Rand  bei 
der  Zerbrechbarkeit  des  Stoffes  nicht  unter  einen  gewissen  Grad  von 
Dünne  abnehmen  durfte,  gestattet  bei  Bruchstücken  von  einiger  Be- 
trächtHchkeit,  wie  z.  B.  die  erste  der  beiden  Täfelchen  von  Senkereh 
uns   darstellt,   Schlüsse   auf  die  Grösse  des   abgebrochenen    und  ver- 


')  Eine  photographische  Abbiluung  des  einen  Täfelchens  ist  der  Abhand- 
lung von  R.  Lepsius,  die  babylonisch-assyrischen  Längenmaasse  nach  der  Tafel 
von  Senkereh  (Abhandlungen  der  Berliner  Akademie  für  1877)  beigegeben.  In 
eben  dieser  Abhandlung  finden  sich  genaue  Citate  der  verschiedenen  Gelehrten, 
welche  bei  der  Entzifferung  betheiligt  waren.  Ebendort  S.  111 — 112  Bemer- 
kungen von  Fr.  Delitzsch  über  Gestalt  und  Anordnung  solcher  Täfelcheu. 

Cantoe.  Geschichte  dor  Mathematik   I.    2.  Aufl.  (j 


82  ö.  Kapitel. 

muthlich  nicht  wieder  aufzufindenden  Theiles  zu  ziehen,  welche    zur 

Ergänzung  des  Inhaltes  von   erheblichem  Nutzen  sein  können.     Das 

eine  Täfelchen,   und   zwar   das  zweite  nach   der  Bezeichnung,   welche 

den  Täfelcheu  bei  der  Veröffentlichung  beigelegt  wurde,  enthielt  auf 

Vorder-  und   Rückseite    zusammen    60  Zeilen,    die    ein    fortlaufendes 

Ganzes  bilden.     Jede  einzelne  Zeile  enthält  links   und  rechts  Zahlen, 

zwischen  denselben  sumerische  Wörter,  unter  welchen  eines  ildi  zu 

lesen  ist.     Rawlinsou  erkannte  zuerst,  dass   hier   die  Tabelle   der- 

ersten  60  Quadratzahlen  vorliegt,  und  dass  ibdi  Quadrat  bedeutet. 

Die  Anordnung  ist  eine  solche,  dass  es  zu  Anfang  heisst: 

1  ist  das  Quadrat  von  1 

4  ist  das  Quadrat  von  2 

9  ist  das  Quadrat  von  3 

16  ist  das  Quadrat  von  4 

25  ist  das  Quadrat  von  5 

36  ist  das  Quadrat  von  6 

49  ist  das  Quadrat  von  7. 

Diese   sieben  Zeilen    waren   vermöge    der    schon    früher    erworbenen 

Kenntniss  der  Zahlzeichen  der  Keilschrift  verhältnissmässig  leicht  zu 

lesen  und  aus  ihnen  der  Inhalt  der  Tabelle  zu  entnehmen.    Nun  war 

selbstverständlich  als  folgende  Zeile  zu  erwarten: 

64  ist  das  Quadrat  von  8. 
Aber  so  fand  es  sich  nicht,  sondern  statt  dessen 

1  •  4  ist  das  Quadrat  von  8 
und  dann  setzten  sich  die  weiteren  Zeilen  fort 
1-21  ist  das  Quadrat  von  9 
1  •  40  ist  das  Quadrat  von  10 


58  •  1     is{  das  Quadrat  von  59 
1  ist  das  Quadrat  von  1. 

Diese  ganze  Fortsetzung  konnte  nur  verstanden  werden,  wenn  man 
den  vereinzelt  links  auftretenden  Zahlen  eine  sexagesimale  Werth- 
steigerung  beilegte,  mithin  1-4  als  60  +  4,  1-21  als  60  -f-  21, 
58  -1  als  58  X  60  -f-  1  las  und  die  letzte  Zeile  als  1  x  60^  ist  das 
Quadrat  von  1  X  60^  So  war  die  Vermuthung  von  Hincks  be- 
stätigt. Zur  vollen  Gewissheit  wurde  sie  bei  Entzifferung  des  ersten 
Täfelchens  von  Senkereh  erhoben.  Dessen  Vorderseite  ist  für  die 
Geschichte  der  Metrologie  von  unschätzbarer  Wichtigkeit,  indem  sie 
eine  freilich  lückenhafte  Vergleichung  zweier  Maasssysteme  enthält, 
deren  eines  jedenfalls  vollständig  nach  dem  Sexagesimalsysteme  ein- 
getheilt  ist.  Die  Rückseite  gibt  uns  in  ihrem  erhaltenen  Theile  die 
Kubikzahlen  der  auf  einander  folgenden  Zahlen  von  1   bis  32,  und 


Die  Babylonier.  83 

es  ist  mit  an  Sicherheit  grenzender  Wahrscheinlichkeit  anzunehmen, 
dass  auf  dem  seitlich  fehlenden  Stücke  der  Tafel  auch  die  Kuben  der 
Zahlen  33  bis  60  gestanden  haben  werden.  Die  Anordnung  ist  durch- 
aus der  der  Quadratzahlentabelle  nachgebildet.  Auch  hier  treten  regel- 
mässig wiederkehrende  Wörter  in  jede  Zeile  auf,  deren  eines  hadie 
gelesen  und  Kubus  übersetzt  worden  ist.  Auch  hier  stehen  am  linken 
Anfang  jeder  Zeile  höhere  Werthe  als  nach  rechts  zu,  und  zwar  in 
den  drei  ersten  Zeilen  1,  8,  27  links  neben  1,  2,  3  rechts,  von  vorn 
herein  die  Vermuthung  erweckend,  dass  man  es  mit  einer  Kubik- 
zahlentabelle  zu  thun  habe.  Auch  hier  ist  die  Schreibweise  eine 
sexagesimale,  indem  gleich  die  vierte  Zeile  64  oder  den  Kubus  von 
4  durch  1-4  darstellt.  Von  der  16.  Zeile  ah  geht  diese  Tabelle  noch 
über  die  Sechziger  hinaus.  Ist  doch-162  =  4096  =  1 X  60^  -}-  8  X  60  -f  1 6, 
und  SD  steht  zu  erwarten,  dass  in  dieser  Zeile  1  •  8  •  16  als  Kubus 
von  16  angegeben  sein  werde,  eine  Erwartung,  die  sich  vollständig 
erfüllt.  Die  weiteren  Zeilen  liefern  die  Kubikzahlen  der  folgenden 
Zahlen  bis  dahin,  wo  es  heisst:  7  •  30  ist  der  Kubus  von  30,  womit 
gemeint  ist:  7  x:  60^ -|-  30  X  60  =  30^  Dann  stehen  noch  in  zwei 
aufeinander  folgenden  Zeilen  rechts  erhalten  31  und  32,  während 
deren  links  zu  suchende  Kuben  und  alles  Weitere  fehlt.  Die  Schreiber 
der  beiden  Tafeln  von  Senkereh  waren  demnach  in  Besitz  der  an  sich 
bedeutsamen  Kenntniss  von  Quadrat-  und  Kubikzahlen,  waren  zu- 
gleich in  Besitz  eines  folgerichtig  ausgebildeten  Sexagesimalsystemes 
mit  wahrem  Stellungswerthe  der  einzelnen  Rangordnungen,  da 
die  Punkte,  welche  wir  zur  grösseren  Deutlichkeit  zwischen  Einern 
und  Sechzigern  anbrachten,  in  der  Urschrift  nicht  vorhanden  sind. 
Welcher  Stufe  des  Sexagesimalsystems  die  geschriebenen  Zahlen  an- 
gehörten, wurde  in  den  uns  bekannt  gewordenen  Beispielen  dem 
Sinne  entnommen.     Dem  Sinne  nach  verstand  man  ofi'enbar,  dass 

1  ist  das  Quadrat  von  1 
gelesen   werden  wollte:    1  X  60^  ist   das  Quadrat  von  1  X  60;    dem 
Sinne  nach,  dass 

7  •  30  ist  der  Kubus  von  30 
heissen  sollte:  7  X  60'-^  +  30  x  60  ist  der  Kubus  von  30  Einheiten. 
Genügte  der  Sinn  auch  zum  Verständniss,  wenn  Einheiten  irgend 
einer  Stufe  zwischen  den  anzuschreibenden  fehlten?  Wurde  z.  B. 
7248  =  2  X  60^  +  "18  nur  2  •  48  geschrieben  und  überliess  man  es 
dem  Leser  aus  dem  Sinne  zu  entnehmen,  dass  in  der  That  7248  und 
nicht  168  =  2  x  60  -f  48  gemeint  war?  Die  Tafeln  beantworten 
uns  diese  Frage  nicht,  würden  sie  auch  nicht  beantworten,  wenn  die 
ganze  erste  Tafel  unzerbrochen  auf  uns  gekonimen  wäre,  da  unter 
sämmtlichen   Kubikzahlen    bis    zu    59^  =  57  X  60^  -f  2  X  60  +  59 


84  3.  Kapitel. 

keine  einzige  vorkommt,  welche  sich  nur  aus  Einheiten  der  ersten 
und  der  dritten  Stufe  zusammensetzte.  Und  doch  leuchtet  die  hohe 
geschichtliche  Wichtigkeit  dieser  Frage,  ob  man  das  Fehlen  von  Ein- 
heiten einer  mittleren  Stufe  besonders  andeutete,  sofort  ein,  wenn 
man  ihr  die  nur  der  Form  nach  verschiedene  Fassung  gibt,  ob  die 
Babylonier  eine  Null  besassen?  Eine  Null,  das  ist  ja  ein 
Symbol  fehlender  Einheiten!  Ohne  ein  solches  besassen  die  Baby- 
lonier eine  immerhin  interessante,  aber  vereinzelte  systemlose  Be- 
nutzung des  Stellenwerthes.  Mit  einem  solchen  war  von  ihnen  schon 
eine  ausgebildete  Stellungsarithmetik  erfunden.  Von  dem  Einen  zu 
dem  Andern  führt  ein  dem  Anscheine  nach  kleiner,  in  Wahrheit 
unermesslicher  Schritt.  Schon  der  Wunsch  auf  diese  eine  Frage  eine 
Antwort  zu  erhalten  lässt  die  Veranstaltung  weiterer  Ausgrabungen 
in  Senkereh  zu  einem  wissenschaftlichen  Bedürfnisse  heranwachsen. 
Dort  war  allem  Anscheine  nach  eine  grössere  Bibliothek.  Dort  ver- 
muthen  Assyriologen  wie  A.  H.  Sayce  eine  erhebliche  Menge  von 
Thontafeln  mathematischen  Inhaltes^).  Dort  würde  die  Geschichte 
der  Mathematik  möglicherweise  ähnliche  werthvolle  Ausbeute  ge-- 
winnen,  wie  das  Buch  des  Ahmes  für  ägyptisches  Wissen  uns  solche 
bot.  Fast  mit  Sicherheit  lässt  sich  mindestens  das  Eine  erwarten, 
dass  Ausgrabungen  zu  Senkereh  Datirungen  liefern  würden,  welche 
es  möglich  machten,  den  Zeitpunkt,  dem  die  Anfertigung  jener 
Täfelchen  entspricht,  annähernd  zu  bestimmen.  Gegenwärtig  ist  nur 
aus  den  Wörtern  für  Quadrat  und  für  Kubus  der  Schluss  zu  ziehen, 
dass  diese  Werthe,  dass  auch  das  Sexagesimaisystem  den  Sumeriern 
bekannt  gewesen  sein  muss^).  Es  ist  dann  weiter  vielleicht  die 
Folgerung  erlaubt,  dass  jene  Täfelchen  vor  der  Regierung  des  Königs 
Sargon  I.  entstanden,  weil  damals  das  Sumerische  bereits  ausser 
üebung  gerathen  war.  Sargon  selbst  ist  „Saryukin,  der  mächtige 
König,  der  König  von  Agana"  nach  inschriftlich  erhaltenem  Titel'^). 
Auf  ihn  folgte  sein  Sohn  Naramsin,  auf  diesen  die  Königin  Ellatbau 
und  diese  wurde  durch  Chammuragas,  König  der  Kassi  im  Lande 
Elam  entthront,  von  welchem  die  Kissäerdynastie  gestiftet  wurde. 
Hier  gewinnt  die  Forschung  soweit  festeren  Boden,  als  es  unter  den 
Assyriologen  sicher  scheint,  dass  die  Kissäerdynastie  bis  aufwärts  von 
dem  Jahre  1600  v.  Chr.  zurückgeht.  Sayce  folgert  auf  diese  Wahr- 
scheinlichkeitsrechnung gestützt,  dass  die  Täfelchen  von  Senkereh 
etwa  zwischen  2300  und  IGOO  v.  Chr.  entstanden  sein  dürften'). 


')  Briefliche  Mittheilung  des  genannten  Gelehrten.  ^)  Delitzsch,  Soss, 
Ner  und  Sar.  Zeitschr.  Aegypt.  1878.  ■^)  Maspero-Pietschmann  S.  194. 
")  Briefliche  Mittheilung. 


Die  Babylonier.  85 

Habeu  uuii  die  besprochenen  mathematiscben  Denkmäler  ein, 
wir  können  wohl  sagen,  uraltes  Sexagesimalsystem  in  der  Schrift  der 
Babylonier  naachgewiesen ,  welches  zur  verhältnissmässig  kurzen  Be- 
zeichnung recht  grosser  Zahlen  führte,  so  kann,  wie  Oppert  gezeigt 
hat,  als  sicher  angenommen  werden,  dass  das  gleiche  System  auch 
nach  abwärts  führte,  dass  es  Sexagesimalbrüche  erzeugte,  deren 
Nenner  durch  die  nach  rechts  vorrückende  Stellung  der  allein  ge- 
schriebenen Zähler  erkennbar  sind.  Dahin  gehören  die  Unterabthei- 
lungen des  sexagesimalen  Maasssystems  auf  der  Vorderseite  des 
ersten  Täfelchen  von  Senkereh,  von  welchem  oben  im  Vorbeigehen 
die  Rede  war. 

Weitere  Bestätigung  durch  die  Ueberlieferung  ist  zwar  nicht 
erforderlich,  wo  bestimmte  Inschriften  so  deutlich  reden.  Gleichwohl 
lohnt  es  bei  ihr  Umfrage  zu  halten,  was  sie  bezüglich  babylonischen 
Rechnens  überhaupt,  was  sie  über  das  babylonische  Sexagesimalsystem 
insbesondere  uns  zu  sagen  weiss. 

Strabo  lässt  in  Phönikien  die  Rechenkunst  entstehen^)*,  Josephus 
hat,  wie  wir  S.  48  sahen,  deren  Erfindung  den  Chaldäern  zugewiesen, 
von  welchen  sie  durch  Abraham  den  Weg  nach  Aegypten  gefunden 
habe,  und  Cedrenus,  ein  byzantinischer  Geschichtsschreiber  der  Mitte 
des  XI.  S.  nennt  sogar  Phönix,  den  Sohn  des  Agenor,  der  selbst  Sohn 
des  Neptun  war,  als .  Verfasser  des  ersten  Buches  über  Philosophie 
der  Zahlen  (tisqI  trjv  aQLd^^rjtixriv  (piXo6o(piav^  in  phönikischer 
Sprache^).  Theon  von  Smyrna  im  II.  S.  n.  Chr.  lebend  sagt:  bei 
Untersuchung  der  Planeteubewegung  hätten  sich  die  Aegypter  con- 
structiver  Methoden  bedient,  hätten  gezeichnet,  während  die  Chaldäer 
zu  rechnen  vorzogen,  und  von  diesen  beiden  Völkern  hätten  die 
griechischen  Astronomen  die  Anfänge  ihrer  Kenntnisse  geschöpft^). 
Porphyrius,  selbst  in  Syrien  geboren  und  am  Ende  des  III.  S.  schrei- 
bend, erzählt:  von  Alters  her  hätten  die  Aegypter  mit  Geometrie  sich 
beschäftigt,  die  Phönikier  mit  Zahlen  und  Rechnungen,  die  Chaldäer 
mit  den  Lehrsätzen,  die  sich  auf  den  Himmel  beziehen"*). 

Diese  Ueberlieferung*en  bezeugen,  dass  man  von  einem  hohen 
Alter  der  Rechenkunst  in  Vorderasien  die  Erinnerung  bewahrt  hatte. 
Ein  Widerspruch  gegen  die  andere  Sage,  die  neben  der  Geometrie 
auch  die  Rechenkunst  in  Aegypten  entstehen  Hess,  kann  uns  in  der 
Bedeutung,  die  wir  solchen  Ueberlieferungen  beilegen,  nicht  irre 
machen.    War  doch  in  der  That  auch  dort  eine  Rechenkunst  vielleicht 


^)  Strabon  XVI,  24  und  XVII,  .5  (ed.  Meineke  pag.  1056  und  1099). 
^)  Cedrenus,  Compenclium  Historiarum  (ed.  Xyl ander).  Paris,  1647,  pag.  19. 
")  Theo  Smyruaeus  (ed.  Ed.  H*iller).  Leipzig,  1878,  pag.  177.  *)  Porphy- 
rius, De  vita  Pythagorica  s.  6  (ed.  Kiessling,  pag.  12). 


g5  '^-  Kapitel. 

gleich  hohen  Alters  zu  Hause,  uud  steht  doch  der  Sage,  Abraham 
habe  Rechenkunst  und  Astronomie  aus  Chaldäa  nach  Aegypten  ge- 
bracht, die  andere  gegenüber,  Belos,  der  Ahne  eines  lydischen  Königs- 
geschlechtes,  sei  Führer  ägyptischer  Einwanderer  gewesen^).  Beide 
Bildungen, 'die  des  Nillandes,  die  des  Euphratlandes ,  waren  uralt; 
beide  standen  in  uralter  Berührung;  beide  beeinflussten  das  spätere 
Griechenthum  sei  es  unmittelbar,  sei  es  mittelbar,  und  das  Erfinder- 
recht, welches  griechische  Schriftsteller,  je  weiter  wir  aufwärts  gehen, 
um  so  ausschliesslicher  den  Aegyptern  zuweisen,  hängt  wohl  damit 
zusammen,  dass  Griechen  in  grösserer  Zahl  weit  früher  nach  den 
Hauptstädten  von  Aegypten,  als  nach  denen  von  Vorderasien  ge- 
langten. Diese  letztere  Gegend  kann  kaum  vor  dem  Alexanderzuge 
als  genügend  bekannt  betrachtet  werden. 

Spuren  des  babylonischen  Sexagesimalsystems  in  den  Ueberliefe- 
rungen  aufzufinden,  wird  uns  gleichfalls  gelingen,  wenn  wir  nur 
richtig  suchen.  Wir  werden  nämlich  hier  nicht  auf  Aeusserungen 
ganz  bestimmter  Natur  fahnden  dürfen,  die  Babylonier  oder  die 
Phönikier  oder  dieses  oder  jenes  dritte  Nachbarvolk  seien  Erfinder 
eines  Zahlensystems  gewesen,  welches  nach  der  Grundzahl  60  fort- 
schritt;  wir  werden  uns  begnügen  müssen,  der  Zahl  60  und  ihren 
Vielfachen  als  Zahlen  unbestimmter  Vielheit  zu  begegnen.  Von 
Sammelwörtern  zur  Bezeichnung  unbestimmter  Vielheiten  war  in  der 
Einleitung  (S.  5),  von  gewissen  Zahlen  als  Vertretern  einer  unüber- 
sehbar grossen  Vielheit  in  diesem  Kapitel  (S.  79 — 80)  schon  die 
Rede.  Allein  neben  den  Ausdrücken  unbestimmter  Zusammenfassung, 
neben  den  Zahlen  aussergewöhnlicher  Vielheit  bilden  kleinere  ganz 
bestimmte  Zahlen  in  dem  Sinne  einer  nicht  genau  abgezählten  oder 
abzuzählenden  Menge  ein  ganz  regelmässiges  Vorkommen'^). 

Die  Zahlen  5,  10,  20  als  in  den  menschlichen  Gliedmaassen  be- 
gründet vertreten  oftmals  solche  unbestimmte  Vielheiten.  Eben 
dahin  gehört  es,  wenn  der  Chinese  „die  vier  Meere"  statt  alle  Meere 
sagt,  wenn  wir  von  „unseren  sieben  Sachen"  statt  von  allen  unseren 
Sachen  reden,  indem  dort  die  vier  Weltgegenden  den  Vergleichungs- 
-punkt  zeigten,  hier  die  weit  und  breit  besonders  geachtete  Zahl  7 
muthmasslich  den  7  Tagen  der  Schöpfungswoche,  die  selbst  mit 
den  7  Wandelsternen  der  alten  Babylonier  zusammenhängen  dürften, 

')  Diodor  T,  28,  29.  ^)  Ueber  solche  unbestimmte  Vielheiten  vorgl.  Math. 
Beitr.  Kulturl.  14(5  148  und  361—362,  wo  auf  verschiedene  Quellen  hingewie- 
sen ist.  Zu  diesen  kommt  noch:  Pott  I,  119;  dann  Himly,  Einige  räthselhafte 
Zahlwörter  (Zeitschr.  d.  morgenl.  Gesellsch.  XVIII,  292  und  381);  Kaempf,  Die 
runden  Zahlen  im  Hohenliede  (ebenda  XXIX,  *29— 632)  und  der  Artikel:  Zahlen 
von  Kueuckcr  in  Sehen kel's  Bibellcxicon. 


Die  Babylonier.  87 

ihre  Heiligkeit  und  ihre  häufige  Auwendung  verdankt.  An  diesen 
wenigen  Beispielen  erkennen  wir  bereits,  dass  nicht  jede  beliebige 
Zahl  als  unbestimmte  Vielheit  gewählt  wird,  sondern,  dass  Gründe, 
die  freilich  nicht  immer  am  Tage  liegen,  den  Anlass  gaben,  bald 
dieser  bald  jener  Zahl  die  genannte  Rolle  zuzuweisen.  So  bildet 
40  die  unbestimmte  Vielheit  der  Türken  bis  auf  den  heutigen  Tasr. 
So  waren  es  40  Amazonen,  von  denen  die  skythische  Sage  berichtet. 
So  brachten  die  Hebräer  40  Jahre  in  der  Wüste,  Mose  40  Tage  und 
40  Nächte  auf  dem  Berge  Sinai  zu.  So  dauerte  der  Regen,  der  die 
Sintfluth  einleitete,  40  Tage  und  40  Nächte,  und  so  sind  noch  viele 
andere  biblische  Stellen  des  alten  wie  des  neuen  Bundes,  letztere 
wohl  meistens  bewusste  Nachahmungen  der  ersteren,  durch  die  An- 
nahme zu  erklären,  die  in  ihnen  vorkommende  Zahl  40  sei  eine  un- 
bestimmte Vielheit.  Wie  aber  40  zu_  dieser  Rolle  kam,  und  zwar  in 
ältester  Zeit  kam,  denn  es  sind  grade  die  ältesten  Bibelstellen, 
welche  ^in  unbestimmtes  40  benutzen,  das  ist  heute  nicht  bekannt. 
Aehnlicherweise  kommt  nun  60  mit  seinen  Vielfachen  und  einigen 
in  ihm  enthaltenen  kleineren  Zahlen  als  unbestimmte  Vielheit  vor, 
aber  immer  und  ausschliesslich  in  solchen  Verhältnissen,  wo  eine 
Beeinflussung  von  Bajjylon  aus  nachweisbar  oder  wenigstens  möglich 
ist.  Wir  haben  vor  wenigen  Zeilen  von  ältesten  Bibelstellen  ge- 
sprochen. Theologische  Kritik  hat  nämlich  aus  Eigenthümlichkeiten 
der  Sprache,  der  Glaubenssätze,  der  Vorschriften  u.  s.  w.  ein  ver- 
schiedenes Alter  der  in  den  5  Büchern  Mose  vereinigten  Erzählungen 
nachzuweisen 'gewusst.  Sie  hat  beispielsweise  festgestellt,  dass  der 
Sintfluthsbericht  der  Bibel  ein  doppelter  ist.  Der  älteren  Erzählung 
gehört  der  vorerwähnte  40tägige  Regen  an.  In  dem  jüngeren  Be- 
richte, der'  erst  nach  535,  d.  h.  nach  der  Rückkehr  aus  der  babylo- 
nischen Gefangenschaft  niedergeschrieben  sein  soll,  sind  die  Maasse 
der  Arche  angegeben,  300  Ellen  sei  die  Länge,  50  Ellen  die  Weite 
und  30  Ellen  die  Höhe^).  Die  Länge  und  Weite  der  Arche  in  Be- 
richten der  Keilschrift  scheinen  auf  GOO  und  auf  60  zu  lauten^).  Das 
goldene  Götterbild,  welches  König  Nebukadnezar  errichten  liess,  war 
60  Ellen  hoch  und  6  Ellen  breit  ^).  Um  das  Bett  Salomos  her  stehen 
60  Starke  aus  den  Starken  in  Israel,  imd  60  ist  die  Zahl  der 
Königinnen*).    Anderweitige  Parallelstellen  gewährt  die  ausserbiblische 


')  Mose  6,5.  ^)  Le  poeme  Chaldcen  du  deluge  traduit  de  Tassyrien  par 
Jules  Oppert  (Paris  1885)  pag.  8:  Le  navire  que  tu  bätiras,  mesurera  un  ner 
d'empans  en  longueur,  un  soss  d'enipans  sera  le  compte  de  sa  hauteur  et  de  ea 
largeur.  E:i  ist  nicht  ohne  Interesse,  dass  diese  Angaben  mit  denen  der  Bibel 
zusammentreffen,  sobald  man  annimmt,  die  babylonische  Einheit  sei  die  Hälfte 
der  biblischen  Elle  gewesen.     ^)  Daniel  3,  1.     *)  Hohes  Lied  3,  7  und  G,  8. 


88  3.  Kapitel. 

hebräische  imcl  chaldäisehe  Literatur,  von  welchen  wir  nur  der  Reim- 
zeile: „In  des  Einen  Hause  60  Hochzeitbälle,  in  des  Andern  Kreise 
60  Sterbefälle"  ^)  gedenken.  Auch  die  griechische  Literatur  lässt  uns 
keineswegs  im  Stiche.  Den  ionischen  Truppen  wird  von  dem  Perser- 
könige der  Befehl  ertheilt  an  der  Brücke  über  den  Ister  60  Tage 
zu  warten;  Xerxes  lässt  dem  Hellesponte  300  Ruthenstreiche  geben; 
Kyrus  lässt  den  Fluss  Gyndes,  in  welchem  eines  seiner  heiligen  Rosse 
ertrunken  war,  zur  Strafe  in  360  Rinsel  abgraben.  So  nach  Herodot^). 
Entsprechend  berichtet  Strabo:  Man  sagt,  es  gebe  ein  persisches 
Lied,  in  welchem  die  360  Nutzanwendungen  der  Palme  besimgen 
würden^).  Stobäus  lässt  durch  Oinopides  und  Pythagoras  ein  grosses 
Jahr  von  60  Jahren  einrichten'*),  iind  wir  werden  später  sehen,  dass 
diese  Philosophen  als  Schüler  morgenländischer  Weisheit  betrachtet 
wurden.  Vielleicht  ist  damit  die  freilich  von  unserem  Bericht- 
erstatter, Pausanias,  anders  begründete  Sitte  in  Zusammenhang  zu 
bringen,  dass  das  Fest  der  grossen  Dädala  mit  den  Platäei-n  auch 
von  den  übrigen  Böotern  alle  60  Jahre  gefeiert  wurde :  denn  so 
lange  war  nach  der  Sage  das  Fest  zur  Zeit  der  Vertreibung  der 
Platäer  eingestellt'). 

Endlich  gehört  sicherlich  eine  Stelle  des  Hesychios  hierher,  Saros 
sei  eine  Zahl  bei  den  Babyloniern  ^) .  Mit  dieser  Stelle  haben  wir 
den  Rückweg  zu  den  Schriftdenkmälern  dej-  Babylonier  gewonnen, 
aus  welchen  unser  Grewährsmanu  unmittelbar  oder  mittelbar  geschöpft 
haben  muss.  Die  Sprache  der  Babylonier  enthielt  nämlich  nicht 
blos  das  Wort  Sar  mit  einer  Zahlenbedeutung,  welche  allseitig  als 
3600  verstanden  wird,  sondern  auch  noch  Ner  mit  der  Bedeutung 
600  und  S  o  s  s  mit  der  Bedeutung  60. 

Wir  sagen  ausdrücklich  Soss,  Ner,  Sar  haben  diese  Zahlenbedeu- 
tung, weil  wir  vermeiden  wollen  sie  Zahlwörter  zu  nennen.  Sie  ge- 
hören eben  zu  den  Wortformen,  deren  es  in  anderen  Sprachen  auch 
gibt,  welche  mit  Zahlen werth  versehene  Nennwörter  sind,  wie  unser 
Dutzend  =  eine  Anzahl  von  12,  Mandel  ==  eine  Anzahl  von  15, 
Schock  ==  eine  Anzahl  von  60,   aber  beim   eigentlichen  Zählen,  ins- 


')  Dieses  Beispiel  und  mehrere  andere  namentlich  bei  Kaempf  iu  dem 
obenerwähnten  Aufsatze  Zeitschr.  d.  morgenl.  Gesellsch.  XXIX.  ^)  Herodot 
IV,  98;  VII,  35;  I,  189  und  202.  «)  Strabo  XVII,  1,  14.  ')  Stobaeus,  Eclog. 
Phys.  I,  9,  2.  5)  Pausanias,  IX,  .3  «)  Auf  diese  Stelle  hat  J.  Brandis  in 
seinem  vortrefflichen  Werke:  Das  Münz-,  Maass-  und  Gewichtswesen  in  Vorder- 
asien bis  auf  Alexander  d.  Grossen,  Berlin,  1866  aufmerksam  gemacht.  Für  den 
Mathematiker  von  besonderem  Interesse  sind  S.  9,  15,  595.  Parallelstellen  zu 
Hesychios  bei  Suidas  und  Synkellos  vergl.  in  dem  Aufsatze  von  Fr.  Delitzsch, 
Sose,  Ner,  Sar.     Zeitschr.  Aegypt.  1878,  S.  56  —  70. 


Die  Babylonier.  89 

besondere  beim  Buden  grösserer  Zahlen ^  nicht  anderen  Zahlwörtern 
gleich  benutzt  werden.  Ganz  in  derselben  Weise  wie  das  wohl  nur 
zufällig  lautverwandte  Schock  bezeichnet  Soss  eine  Anzahl  von  60 
irgend  welcher  als  Einheit  gewählter  Gegenstände.  Das  Ner  ist  so 
viel  wie  10  Soss,  der  Sar  so  viel  wie  60  Soss,  aber  immer  unter  Vor- 
aussetzung concreter  Einheiten.  So  stellt  uns  der  Soss,  der  Sar 
die  nächsthöheren  Stufen  des  aufsteigenden  Sexagesimalsystems  vor, 
welche  au/  die  Einheiten  folgen,  und  die  Frage  bleibt  eine  offene, 
ob  es  noch  Namen  über  diese  hinausgab,  ob  es  etwa  ein  Wort  gab  für 
60  Sar,  d.  h.  für  eine  Anzahl  von  216  000.  Was  über  die  den  Baby- 
loniern  in  ihrer  Allgemeinheit  wohl  anhaftende  Beschränkung  des 
Zahlenbegriffes  •  S.  79  gesagt  wurde,  genügt  keineswegs  diese  Frage 
bei  Seite  zu  schieben,  denn  wir  stellen  sie  nicht  mit  Bezug  auf 
bürgerliche ,  sondern  auf  wissenschaftliche  Rechenkunst.  Der  Soss 
freilich,  und  wohl  auch  der  Ner,  sind  zum  gemeinsamen  Volkseigen- 
thume  geworden.  Ersterer  in  mathematischen  Schriften,  wie  z.  B. 
in  den  Tafeln  von  Senkereh,  durch  einen  Einheitskeil  bezeichnet, 
welchem  die  Stellung  den  Rang  ertheilte,  scheint  auch  sonstigen  In- 
schriften in  der  Weise  sich  eingefügt  zu  haben,  dass  der  Vertikalkeil 
links  von  Winkelhaken  stehend,  zu  welchen  er  dem  Gesetze  der 
Grössenfolge  halber  nicht  einfach  addirt  werden  konnte,  und  welche 
er  als  Einheit  vervielfachen  zu  sollen  keine  Veranlassung  besass,  die 
Bedeutung  von  Soss  d.  i.  also  von  60  gewann,  wie  in  mathematischen 
Schriften  und  so  sich  addirte^).  Freilich  ist  auch  diese  Behauptung, 
wie  so  manche  andere,  die  sich  auf  Entzifferung  von  Keilschrift  be- 
zieht, noch  bestritten,  und  der  einzelne  links  von  Winkelhaken  be- 
findliche Vertikalkeil  wurde  von  Oppert  und  Lenormant  als  50  gelesen, 
eine  Auffassung,  an  welcher  aber  Oppert  jedenfalls  nicht  mehr  hart- 
näckig festhält. 

Wir  haben  nun  eine  doppelte  dem  Mathematiker  wichtige  Frage 
aufzuwerfen.  Wie  kam  man  dazu  ein  Sexagesimalsystem  zu  ersinnen, 
zu  welchem  in  dem  menschlichen  Körper  keinerlei  anregende  Veran- 
lassung gegeben  war?  Wie  kam  man  ferner  dazu,  dem  Sexagesimal- 
systeme  ein  Wort  wie  das  Ner  für  600  einzuverleiben,  und  so  diese 
Mischzahl  aus  sexagesimalen  und  decimalen  Vorstellungen  besonders 
zu  bevorzugen?  Wir  werden  auf  beide  Fragen  Antwort  zu  geben 
suchen,  erklären  aber  zum  Voraus,  dass  wir  hier  nur  auf  dem  Gebiete 
der  Vermuthung  uns  umhertummeln,  und  wenn  wir  auch  hoffen 
innere  Gründe  unserer  Meinungen  beibringen  zu  können,  doch  immer- 


')  Lepsius,  Babylonisch-assyrische  Längenmaasse  (Abhandl.   Berlin.  Aka- 
demie 1877)  S.  142—143. 


90  3.  Kapitel. 

hiu   nur  Meinungen  aussprechen,   für   welelie  die  äussern  Belege  bis 
jetzt  fast  gänzlich,  fehlen. 

Das  Sexagesimalsj^stem  der  Babylonier  hängt,  glauben  wir',  mit 
astronomisch-geometrischen  Dingen  zusammen.  So  ungern  wir  von 
unserer  Absicht  der  Geschichte  der  Astronomie  in  diesem  Werke  fern 
zu  bleiben  abweichen,  hier  müssen  wir  eine  kleine  Ausnahme  in  so 
weit  eintreten  lassen,  als  wir  von  dem  Alterthum  babylonischer 
Sternkunde  wenigstens  Einiges  berichten^).  Mag  man  die;  Hundert- 
tausende von  Jahren,  durch  welche  hindurch  Plinius  anderen  Bericht- 
erstattern folgend  babylonische  Beobachtungen  angestellt  sein  lässt, 
belächeln;  mag  man  zunächst  auch  den  31  00(i  Jahren  vor  Alexander 
dem  .Grossen  mit  ungläubigster  Abwehr  gegenüberstehen,  aus  welchen 
nach  Porphyrius  eine  Beobachtungsreihe  durch  Kallisthenes  an  Ari- 
stoteles gelangte;  folgende  Dinge  stehen  fest:  Klaudius  Ptolemäus, 
der  Verfasser  des  Almagest,  wusste  von  einer  babylonischen  Liste  von 
Mondfinsternissen  seit  747.  Die  Sonnenfinsterniss  vom  15.  Juni  763 
ist  in  den  assyrischen  Reichsarchiven  angegeben.  Für  König  Sargon,  • 
der,  wie  wir  sahen,  etwa  1700  v.  Chr.  gelebt  haben  mag,  ist  ein 
astrologisches  Werk  verfasst,  welches  der  englische  Assyriologe  Sayce 
entziffert  und  übersetzt  hat.  Für  eine  sehr  bedeutende  Anzahl  von 
Jahrestagen  ist  in  diesem  Werke,  welches  wir  am  deutlichsten  als 
Vorbedeutuugskalender  bezeichnen,  erörtert,  welche  Folge  eine  grade 
an  diesem  Tage  eintretende  Verfinsterung  haben  werde.  Man  überlege 
nun,  welches  statistische  Material  an  Verfinsterungen  und  ihnen 
folgenden  Ereignissen  nöthig  war,  um  ein  solches  Wahrscheinlichkeits- 
gesetz, welches  man  selbstverständlich  für  unfehlbare  Wahrheit  hielt, 
herzustellen;  selbst  wenn  manche  Ereignisse  nicht  der  Erfahrung 
sondern  der  Einbildungskraft  des  Verfassers  des  Kalenders  entstamm- 
ten, so  Avird  man  so  viel  zuzugeben  geneigt  sein,  dass  wahrscheinlich 
mehrere  tausend  Jahre  vor  Alexander  eine  babylonische  Astronomie 
bestand,  dass  es  unter  allen  Umständen  zur  Zeit  von  König  Sargon 
eine  beobachtende  Sternkunde  der  Babylonier  gab,  die  damals  das 
Kalenderjahr  längst  besassen.  Babylonisch  und  zwar  aus  ähnlich  alter 
Zeit  dürfte  auch  die  7tägige  Woche  sein,  welche,  wie  wir  schon  ge- 
legentlich bemerkt  haben,  in  der  biblischen  Schöpfungswoche  sich 
wiederspiegelt,  während  sie  der  Anzahl  der  bekannten  Wandelsterne 
ihren  eigentlichen  Ursprung  verdankt.    Auf  die  babylonische  Heimath 

')  Eine  sehr  übersichtliche  Zusammenstellung  aller"Quellen  bei  A.  H.  Sayce, 
The  astronomy  and  mtroloijij  of  the  Babylonians  with  translations  of  the  tablets 
rcIaUng  to  thesc  siihjects  in  den  Transaclions  of  the  society  of  biblical  Archaelogy. 
Vol.  TII,  Part.  1.  London,  1874.  Vergl.  auch  das  Programm  von  A.  Häbler, 
Astrologie  im  Alterthum,  187'J. 


Die  Babylonier.  91 

weisen  die  7  Stufen  verschiedenen  Materials  hin,  welche  den  Tempel 
des  Nebukadnezar  bildeten,  dessen  Trümmer  in  Birs  Nimrud  begraben 
wurden,  und  der,  wie  man  gluubt,  der  Sprachenthurm  der  Bibel  war. 
Ebendahin  weisen  uns  die  7  Wälle  von  Ekbatana^),  und  die  Macht 
der  Planetengötter  über  das  menschliche  Geschlecht  und  dessen 
Schicksale  bildete  einen  Theil  der  babylonischen  Vorbedeutungswissen- 
schaft'^).  Babylonisch  ist  dann  weiter  die  Eintheilung  des  Tages  in 
Stunden.  Hier  freilich  ist  eine  ganz  bestimmte  Kenntniss  des. Sach- 
verhaltes nicht  vorhanden,  denn  wenn  Herodot  uns  ausdrücklich  sagt, 
die  Babylonier  hätten  den  Tag  in  zwölf  Theile  getheilt^),  so  sprechen 
andere  Gründe  für  eine  Theilung  des  Tages  in  60  Stunden,  und  man 
hat  versucht  sich  damit  zu  helfen,  dass  man  die  12  bürgerlichen 
Stunden,  welche  den  Tag  ohne  •  die  Nacht  ausfüllten,  von  einer  wissen- 
schaftlichen Eintheilung  zu  astronomischen  Zwecken  unterschied*). 
Die  Vermuthung,  man  habe  in  Babylon  den  Tag  in  60  Stunden  ge- 
theilt,  beruht  vornehmlich  auf  zwei  Gründen.  Erstlich  wendet  Ptolemäus 
bei  der  auf  Hipparch  und  auf  die  Chaldäer  Bezug  nehmenden  Be- 
rechnung der  Mondumläufe  die  Sechzigtheilung  des  Tages  an^),  und 
zweitens  theilten  die  Vedakalender  der  alten  Inder  gleichfalls  den 
Tag  in  30  miihürto,  deren  jeder  aus  2  nddikä  bestand,  so  dass  60  Theile 
gebildet  wurden").  Indische  Astronomie  weist  aber  vielfach  mit 
zwingender  Nothweudigkeit  auf  babylonische  Beeinflussuug  zurück. 
Die  Dauer  des  längsten  Tages  z.  B.  wurde  in  dem  Vedakalender  auf 

18 
18  muJiürta,   d.  h.  also  auf    .    Tageslängen   oder   14^24"^   angegeben. 

Ptolemäus  in  seiner  Geographie  bezeichnet  sie  zu  14^25™  für  Babylon. 
In  chinesischen  Quellen  erscheint  dieselbe  Dauer  in  Gestalt  von 
60  ^^6",  deren  jeder  14"^  24^  beträgt^).  Die  Dauer  des  längsten  Tages 
ist  aber  selbstverständlich  als  von  der  Polhöhe  abhängig  nicht  aller 
Orten  gleich;  ferner  waren  in  so  weit  zurückliegenden  Zeiten  die 
Beobachtungen  wie  die  daran  sich  knüpfenden  Rechnungen  nicht  so 
feiner  Natur,  dass  fast  identische  Ergebnisse  an  verschiedenen  Orten 
zu  erwarten  wären.  Die  Wahrscheinlichkeit  ist  daher  nicht  zu  unter- 
schätzen, dass  die  Zahlenangabe  für  den  längsten  Tag  sich  von  einem 
der  drei  Punkte  nach  den  beiden  anderen  verbreitet  haben  werde  und 
zwar  so,  dass  Babylon  als  Verbreitungsmittelpunkt  zu  gelten  hätte  ^). 


1)  Herodot  I,  98.  *)  Diodor  II,  30.  ')  Herodot  11,  109.  *)  Lepsius, 
Chronologie  der  Aegypter  S.  129,  Note  1.  ^)  Ptolemaeus,  Almagestum  IV,  2. 
*')  Lassen,  Indische  Alterthumskunde  pag.  823.  A.  Weber,  Ueber  den  Veda- 
Kalender  genannt  Jyotischam  (Abhandl.  Berlin.  Akad.  1862),  S.  105.  ')  Biot, 
Preeis  de  l'astronomie  Chinoise.  Paris,  1861,  pag.  29.  ^)  A.  "Weber  in  den 
Monatsber.    Berlin.    Akad.    1862,    S.  222    und    in    der    vorcitirten    Abhandlung 


P2  3.  Kapitel. 

In  ludieu  haben  übrigens  Zeitmesser,  welche  auf  der  Eintheilung 
des  Tages  in  60  Theile  beruhen,  bis  auf  die  heutige  Zeit  sich 
erhalten,  und  der  deutsche  Reisende  Herrn.  Schlagintweit  war  in 
der  Lage  der  Münchner  Akademie  eine  solche  Uhr  vorzuzeigen.  Sie 
besteht  aus  einem  Abschnitte  einer  Hohlkugel  aus  dünnem  Kupfer- 
blech, welcher  unten  fein  wie  mit  einem  Nadelstich  durchlöchert  ist. 
Setzt  man  diese  Vorrichtung  auf  Wasser,  so  füllt  sich  die  Kugel- 
schale allmälig  an  und  sinkt  nach  bestimmter  Zeit,  etwa  nach  andert- 
halb  muhürta,  unter  hörbarem  Zusammenklappen  des  Wassers  über 
ihr,  unter ^). 

Diese  ganze  Erörterung  hat  nun  allerdings  den  eigentlichen 
Fragepunkt  unserer  Untersuchung  kaum  gestreift.  Wenn  man  vielleicht 
auch  der  Ueberzeugung  jetzt  Raum  geben  mag,  dass  der  Tag  der 
Babylouier  von  den  Astronomen  in  60  Theile  zerlegt  zu  werden 
pflegte,  wenn  für  die  Geschichte  indischer  Wissenschaft  Folgerungen 
daraus  zu  ziehen  uns  künftig  gestattet  werden  sollte,  für  Babylon  ist 
doch  höchstens  ein  Beispiel  von  Sechzigtheilung  mehr  gewonnen,  und 
immer  kehrt  die  Frage  wieder:  warum  wählte  man  60  Theile?  Wir 
glauben  indessen  doch  auf  der  richtigen  Spur  gewesen  zu  sein,  als 
wir  das  astronomische  Gebiet  betraten,  denn  dort  däucht  uus  liegt 
der  Ursprung  dieser  Wahl.  Wir  stellen  uns  den  Vorgang  etwa 
folgendermassen  vor  und  werden  im  31.  Kapitel  unterstützende  That- 
sachen  anführen  können.  Zuerst  wurde  von  den  Astronomen  Baby- 
lons das  Jahr  von  360  Tagen  erkaimt,  und  die  Kreistheilung  in  360 
Grade  sollte  den  Weg  versinnlichen,  welchen  die  Sonne  bei  ihrem 
vermeintlichen  Umlaufe  um  die  Erde  jeden  Tag  zurücklegte').  Wollte 
man  nun  von  dieser  Kreistheilung,  von  diesen  Graden,  wieder  grössere 
Mengen  zusammenfassen,  so  .lag  es  nahe,  den  Halbmesser  auf  dem 
Kreisumfaug  herumzutragen.  Man  erkannte,  wie  wir  fürs  Erste  uns 
zu  glauben  bitten,  die  Begründung  uns  bis  zum  Schlüsse  des  Kapitels 
versparend,  wo  wir  uns  mit  babylonischer  Geometrie  beschäftigen 
müssen,  dass  ein  sechsmaliges  Herumtragen  des  Halbmessers  als 
Sehne    den   Kreis    vollständig  bespannte    und    zum   Ausgangspunkte 

S.  14—15  und  29 — 30.  Vergl  auch  desselben  Verfassers:  Vedisclie  Nachrichten 
von  den  Naxatra  II.  Theil  (Abhandl,  Berlin.  Akad.  1862),  S.  362.  Entgegen- 
gesetzter Meinung  sind  Whitney  und  G.  Thibaut.  Vergl.  des  Letzteren: 
Conirihutions  to  the  explanation  of  the  Jyotisha-Vedänga,  pag.  13. 

')  Sitzungsbericht  der  math.  phys.  Klasse  d.  bair.  Akad.  d.  Wissensch  ai't 
in  München  für  1871 ,  S.  128  flgg.  '^j  Diese  Hypothese  über  den  Ursprung  der 
Kreiscintheilung  in  360  Grade  ist  zuerst  von  Formal eoni,  Saggio  sulla  nautica 
antica  dei  Veneziani  (Venedig,  1788)  ausgesprochen  worden,  wie  S.  Günther, 
Handbuch  der  mathematischen  Geographie  (Stuttgart,  iS'iO)  S.  173,  Note  1 
berichtet. 


Die  Babylonier.  93 

zurückführend  dem  regelmässigen  Sechsecke  den  Ursprung  gab.  Dann 
aber  enthielt  jeder  dieser  grösseren  von  einem  Halbmesser  bespannten 
Bögen  genau  60  Theile  und  fasste  man  sie  besonders  ins  Auge,  so 
war  damit  die  Sechzigtheilung,  war  zugleich  die  Sechstheilung  ge- 
wonnen. Letztere  klingt  in  den  Wörtern  siba  grosses  sechs  =  7  und 
!iam-na  =  6  +  2  =^  8  wieder  ^)  und  könnte  auch  in  den  so  häufig  wieder- 
kehrenden Sechsteln  (S.  79)  sich  erhalten  haben,  erstere  diente  hin- 
fort, wo  es  um  genauere  Theilung  sich  handelte,  sei  es  um  die  Thei- 
lung  der  Zeit,  oder  von  Längen,  oder  was  nur  immer  getheilt  werden 
sollte.  Der  Ursprung  der  Sechzigtheilung  kami  dabei  sehr  leicht  in 
Vergessenheit  gerathen  sein,  so  dass  man  beispielsweise  in  jener 
Mondbeleuchtungstheorie  (S.  81)  den  vierten  Theil  der  Mondscheibe 
in  60  Theile  zerlegte,  während  man  den  Graden  entsprechend  90 
solcher  Theile  im  Quadranten  angenommen  hätte,  wenn  nicht,  wie 
wir  sagten,  der  Ursprung  der  Sechzigtheilung  bereits  vergessen  ge- 
wesen wäre. 

Fast  noch  schwieriger  als  die  Beantwortung  der  Frage  nach  dem 
Ursprünge  des  Sexagesimalsystemes  ist  es  darüber  Rechenschaft  zu 
geben,  wie  so  in  dieses  Sexagesimalsystem  der  Babylonier  die  Misch- 
zahl des  Ner  von  600  eindrang.  Wollen  wir  unsere  Vermuthung 
über  diesen  Gegenstand  erörtern,  so  müssen  wir  über  das  Rechnen  der 
Babylonier  Einiges  vorausschicken.  Dass  sie  rechneten,  viel  und  gut 
rechneten,  wissen  wir  bereits.  Dass  die  Ergebnisse  ihres  wissenschaft- 
lichen Rechnens  im  Sexagesimalsysteme  niedergeschrieben  wurden, 
wissen  wir  gleichfalls.  Aber  wie  gelangte  man  zu  diesen  Ergeb- 
nissen? Nach  dem,  was  wir  in  der  Einleitung  (S.  6),  was  wir  im 
ersten  Kapitel  (S.  48 — 51)  auseinandergesetzt  haben,  werden  unsere 
Leser  sich  nicht  erstaunen,  wenn  wir  für  die  vorderasiatischen  Völker 
der  alten  Zeiten  ebenfalls  ein  Fingerrechnen  und  ein  instrumentales 
Rechnen  in  Anspruch  nehmen,  allerdings  mehr  auf  allgemeine  Noth- 
wendigkeit  als  auf  besondere  Zeugnisse  uns  stützend.  Für  das 
Fingerrechnen  steht  eine  vereinzelte  Notiz  zu  Gebote,  der  Ferser 
Orontes  behaupte,  der  kleine  Finger  bedeute  sowohl  eine  Myriade 
als  Eins-),  sowie  die  Erwähnung  dieses  Verfahrens  bei  Schriftstellern, 
welche  mit  der  Geschichte  jüdischer  Wissenschaft  sich  beschäftigt 
haben  ^).  Noch  schlimmer  vollends  steht  es  mit  der  äusseren  Be- 
gründung des  babylonischen  Rechenbrettes,  für  welches  nur  der 
einzige  Umstand  geltend  gemacht  werden  kann,  dass  bei  den  Stämmen 
Mittelasiens   bis   nach  China  hinüber  ein  Rechenbrett   mit   Schnüren 


')  Bertin  1.  c.  p.  383.     -)  Pott  II,  36  nach  Suidas.     ^)  Friedlein  in  der 
Zeitsch.  Mathem.  Phys.  IX,  329. 


94  3.  Kapitel. 

zu  allen  Zeiten  in  Uebung  gewesen  zu  sein  scheint,  während  grade 
in  jener  Gegend  eine  Veränderung  der  Sitten  und  Gebräuche  wenigstens 
in  geschichtlich  genauer  bekannter  Zeit  so  gut  wie  nicht  vorgekommen 
ist,  während  andrerseits  für  babylonisch  -  chinesische  Beziehungen 
ältester  Vergangenheit  neben  dem,  was  vorher  von  ^ev  Dauer  des 
längsten  Tages  gesagt  wurde,  noch  eine  andere  bedeutungsvolle  Aehn- 
lichkeit  uns  nachher  beschäftigen  wird.  Gibt  man  uns  auf  diese 
ziemlich  unsichere  Begründung,  deren  einzige  Unterstützung  wir  im 
4.  Kapitel  in  einem  griechischen  Vasengemälde  erlangen  werden,  zu, 
dass  die  Babylonier  eines  Rechenbrettes  sich  bedient  haben  müssen, 
weil  diese  Annahme  schliesslich  immer  noch  naturgemässer 'ist,  als 
wenn  man  voraussetzen  wollte,  es  seien  alle  Rechnjingeu  von  thnen 
ohne  dergleichen  Hilfsmittel  vollzogen  worden,  so  schliessen  wir 
folgendermassen  weiter^).  Das  Rechenbrett  muss  naturgemäss  dem 
herrschenden  Zahlensystem  sich  anschliessen,  und  wo  es  zwei  Zahlen- 
systeme gibt,  ein  Decimal-  und  ein  Sexagesimalsystem,  da  müssen 
auch  zweierlei  Bretter  existirt  haben,  oder  aber  es  muss  die  Möglich- 
keit geboten  worden  sein  auf  demselben  Brette  bald  so,  bald  so  zu 
rechnen.  Die  Veränderung  bestand  im  letzteren  Falle  z.  B.  darin, 
dass  man  bald  mehrerer  bald  weniger  Rechenmarken  sich  bediente. 
So  forderte  das  Rechenbrett  des  Decimalsystems  für  jede  Rangord- 
nung höchstens  9  Marken,  während  dasjenige  des  Sexagesimalsystems 
die  Nothwendigkeit  in  sich  schloss  bis  zu  59  Einheiten  jeder  Rang- 
ordnung anlegen  zu  können.  Eben  so  viele  Marken  auf  dem  Räume, 
welcher  für  je  eine  Rangordnung  bestimmt  war,  unmittelbar  zur  An- 
schauung zu  bringen  ist  geradezu  unmöglich.  Alle  Uebersichtlichkeit 
und  mit  ihr  die  Brauchbarkeit  des  Rechenbrettes  ging  verloren,  wenn 
nicht  auf  ihm  in  diesem  Falle  innerhalb  des  Sexagesimalsystems  das 
Decimalsystem  zu  Hilfe  gezogen  wurde.  Das  aber  hatte  so  wenig 
Schwierigkeit,  dass  ähnliche  Vorrichtungen,  wie  wir  sie  jetzt  be- 
schreiben wollen,  nur  in  etwas  veränderter  Anwendung  uns  wieder- 
holt begegnen  werden.  Wir  denken  uns  in  jeder  Stufenabtheiluug 
des  Rechenbrettes  zwei  Unterabtheilungen,  eine  obere  und  eine  untere. 
Jene  etwa  sei  für  die  Einer,  diese  für  die  Zehner  der  betreffenden 
Ordnung  bestimmt.  Jene  bedarf  zur  Bezeichnung  aller  vorkommen- 
den Zahlen  9,  diese  5  Marken.  Um  nun  die  obere  Abtheilung  der 
ersten  Stufe  von  der  unteren  in  der  Sprache  zu  unterscheiden,  hatte 
man  die  althergebrachten  Namen  Einer  und  Zehner.  In  der  folgen- 
den Stufe   stand  für  die   Marken  der   oberen  Abtheilung   der   Name 


')  Vergl.  unsere  Recension  von  Oppert's  lüalon  des  mesures  assyriemiia 
in  der  Zeitschr.  Math.  Phys.  XX,  Histor.  literar.  Abthlg,  161. 


Die  Babylonier.  95 

i^oss,  für  die  der  untereu  der  Name  Ner  zur  Verfügung,  beziehungs- 
weise diese  Namen  Avurden  zum  Zwecke  der  Benennung  der  Abtliei- 
lungen  erfunden.  In  der  dritten  Stufe  ist  uns  nur  Sar  als  Name  der 
oberen  Abtheilung  bekannt.  Für  die  untere  Abtheilung,  deren  Ein- 
heit 10  Sar  oder  36000  betrug,  müsste,  wenn  unsere  Annahmen 
richtig  gind,  gleichfalls  ein  Wort  erfunden  worden  sein.  Freilich 
ist  ein  solches  noch  nicht  bekannt  geworden,  aber  auch  Rechnungen 
sind  noch  nicht  bekannt  geworden,  in  welchen  innerhalb  des  Rah- 
mens des  Sexagesimalsystems  Zahlen  über  36  000  sich  ergaben  und 
schriftlich  aufgezeichnet  werden  mussten;  solche  Rechnungen  dürften 
überhaupt  zu  den  Seltenheiten  gehört  haben.  Eine  Zeitdauer  von 
36  000  Jahren  scheint  Berosus  allerdings  den  Babyloniern  als  be- 
sonders hervorgehobenen  Zeitraum  zuzuschreiben^). 

Wir  haben  die  Besprechung  einer  bedeutungsvollen  Aehnlichkeit 
zugesagt,  welche  auf  babylonisch  -  chinesische  Beziehungen  deute. 
Eigentlich  ist  es  eine  Aehnlichkeit  zwischen  Zahlenträumereien  der 
Griechen  und  der  Chinesen.  Bei  Plutarch  wird  den  Pythagoräern 
nacherzählt,  die  sogenannte  Tetraktys  oder  36  sei,  wie  ausgeplaudert 
worden  ist,  ihr  höchster  Schwur  gewesen;  man  habe  dieselbe  auch 
das  Weltall  genannt  als  Vereinigung  der  vier  ersten  Geraden  und 
Ungeraden^),  d.  h.  36  =  24-4  +  6  +  8  +  l-|-3-f5+7.  Diese 
heilige  Vierzahl  lässt  Plutarch  an  einer  zweiten  Stelle  durch  Piaton 
zu  40  ergänzt  werden^).  Gewiss  ist  dieses  eine  unfruchtbare  und 
darum  nicht  naturgemäss  sich  wiederholende  Spielerei.  Um  so  auf- 
fallender muss  es  erscheinen,  wenn  in  China  das  erstere  System  dem 
Kaiser  Fu  hi,  das  zweite  voUkommnere  dem  Oü  wäng,  dem  Vater 
des  Kaisers  Oü  wäng,  der  um  1200  v.  Chr.  regiert  haben  soll,  als 
Erfinder  zugewiesen  wird"^).  Chinesische  Rückdatirungen  sind  zwar, 
wie  wir  seiner  Zeit  erörtern  müssen,  von  Zuverlässigkeit  weit  ent- 
fernt. Wir  legen  den  Jahreszahlen  als  solchen  deshalb  hier  keinen 
sonderlichen  Werth"  bei,  aber  um  so  mehr  der  Uebereinstimmung 
sinnloser  Träumereien  in  so  weit  entlegener  Gegend.  Selbst  die 
nicht  zu  vernachlässigende  Thatsache,  dass  die  vervollkommnete 
Tetraktys  mit  jener  runden  Zahl  40  übereinstimmt,  die  den  ältesten 
hebräischen  Sagen  vorzugsweise  anzugehören  schien,  kann  uns  in 
der  Vermuthung  nicht  irre  machen,  dass  wir  es  hier  mit  einem  Stücke 
babylonischer  Zahlensymbolik  zu  thun  haben,  welches  nach 
Westen  und  nach  Osten  sich  fortgepflanzt  hat. 

^)  Brandis,  Das  Münz-,  Maass-  und  Gewichtssystciu  in  Vorderasien  S.  11. 
^)  Plutarch,  De  Iside  et  Osiride  75.  ^)  Plutarch,  De  animae  procrea- 
tione  in  Timaeo  Piatonis  14.  ^)  Montucla,  Histoire  des  mathematiques  I,  124, 
wo  auch  auf  die  Aehnlichkeit  mit  den  Stellen  bei  Plutarch  aufmerksam  gemacht  ist. 


96  3.  Kapitel. 

Babylonische  Zahlensymbolik  selbst  ist  über  allen  Zweifel  ge- 
sichert. Träumereien  über  den  Werth  der  Zahlen  nahmen  unter  den 
religions -philosophischen  Begriffen  der  Chaldäer  einen  bedeutsamen 
Platz  ein.  Jeder  Gott  wurde  durch  eine  der  ganzen  Zahlen 
zwischen  1  und  60  bezeichnet,  welche  seinem  Range  in  der 
himmlischen  Hierarchie  entsprach.  Eine  Tafel  aus  der  Bibliothek 
von  Ninive  hat  uns  die  Liste  der  hauptsächlichsten  Götter  nebst 
ihren  geheimnissvollen  Zahlen  aufbewahrt.  Es  scheint  sogar,  als  sei 
gegenüber  dieser  Stufenleiter  ganzer  Zahlen,  die  den 'Göttern  bei- 
gelegt wurden,  eine  andere  von  Brüchen  vorhanden  gewesen,  welche 
sich  auf  die  Geister  bezogen  und  gleichfalls  ihrem  jeweiligen  Range 
entsprachen  ^). 

Als  weitere  Stütze  mögen  die  zahlensymbolischen  Träumereien 
im  VII.  und  VIII.  Kapitel  des  Buches  Daniel  angeführt  sein,  eines 
Buches,  das  unter  dem  ersichtlichsten  Einflüsse  babylonischer  Denk- 
art geschrieben  ist.  Aehnliches  erhielt  sich  auf  dem  Boden  Palästinas 
Jahrhunderte  lang,  wobei  wir  nur  auf  die  Offenbarung  Johannes 
als  Beispiel  hinweisen  wollen.  Wir  könnten  aber  auch  auf  die  jüdische 
Kabbala  einen  Fingerzeig  uns  gestatten,  die,  so  spät  auch  das  Buch 
Jezirah  und  andere  kabbalistische  Schriften  verfasst  sein  mögen,  der 
Ueberlieferung  nach  bis  in  die  Zeit  des  Exils  hinaufzureichen  scheint. 
Kabbalistisch  ist  die  sogenannte  Gematria,  wenn  ein  Wort  durch 
das  andere  ersetzt  wurde  unter  der  Voraussetzung,  dass  die  Buchstaben 
des  einen  Wortes  als  Zahlzeichen  betrachtet  dieselbe  Summe  gaben, 
wie  die  des  anderen  Wortes.  Ueber  diese  Zahlenbedeutung  hebräischer 
Buchstaben  und  ihr  vermuthliches  Alter  werden  wir  zwar  erst  im 
folgenden  Kapitel  im  Zusammenhange  mit  ähnlichem  Gebrauche  der 
Syrer,  der  Griechen  bandeln  und  können  um  einiger  Beispiele  willen 
unseren  Gang  nicht  unterbrechen;  es  sei  trotzdem  gestattet  hier  die 
Kenntniss  jener  Bezeichnungsart  für  einen  Augenblick  vorauszusetzen. 
Gematrie  ist  es,  wenn  das  jüdische  Jahr  355  Tage  zählte  und  damit 
in  Verbindung  gebracht  wurde,  dass  die  Buchstaben  des  Wortes  Jahr 
riDTD  ==  5  -j-  50  -f"  300  genau  355  ausmachen.  Gematrie  macht  sich 
in  den  Bibelcommentaren  breit.  Als  nun  Abram  hörte,  heisst  es  in 
der  heiligen  Schrift,  dass  sein  Bruder  gefangen  war,  wappnete  er 
seine  Knechte,  318  in  seinem  Hause  geboren  und  jagte  ihnen  nach 
bis  gen  Dan'-^).  Die  Erklärer  woUen^  der  Ueberlieferung  folgend,  318 
sei  hier  statt  des  Namens  Elieser  gesetzt,  der  in  der  That  ITy'^bi*  = 
200  +  7  -f  70  4-  10  +  30  -f  1  =  318  gibt,  wenn  man  von  dem  Ge- 


')  F.  Lenormant,   La  magie   dies   les    CJmldeens.     Paris,   1874,   pag.  24. 
*)  i.  Mose  14,  14. 


Die  Babylonier.  97 

setze  der  Grössenfolge  Umgang  nimmt  und  nur  den  Zahlenwerth  der 
einzelnen  Buchstaben,  wie  sie  aucli  durch  einander  gewürfelt  erscheinen 
mögen,  beachtet.  Im  Propheten  Jesaias  verkündet  der  Löwe  den  Fall 
Babels^).  Die  Erklärer  haben  wieder  die  Buchstaben  des  Wortes 
Löwe  n-i-ii?  =  5  +  10  +  200  +  1  ==  216  addirt.  Die  gleiche  Summe 
geben,  die  Buchstaben  plpnn  =  100  +  6  +  100  +  2  +  8  =  21G 
und  somit  sei  Habakuk  mit  diesem  Löwen  gemeint.  Ja  eine  Spur 
solcher  Gematrie  will  man  bereits  in  einer  Stelle  des  Propheten 
Sacharja  erkannt  haben  ^),  und  wäre  die  uns  einigermassen  gekünstelt 
vorkommende  Erklärung  richtig,  so  wäre  damit  schon  im  VII.  vor- 
christlichen Jahrhundert  ein  arithmetisches  Experimentiren,  wäre  zu- 
gleich, Avas  vielleicht  noch  wichtiger  ist,  für  eben  jene  Zeit  die  Be- 
nutzung der  hebräischen  Buchstaben  in  Zahlenbedeutung  nachgewiesen. 
Wir  ziehen  zunächst  nur  den  Schluss,  um  dessen  willen  wir  alle  diese 
Dinge  vereinigt  haben,  dass  die  Babylonier  in  ältester  Zeit  Zahlen- 
spielereien sich  hinzugeben  liebten,  die  bei  ihnen  einen  allerdings 
ernsten  magischen  Charakter  trugen,  und  dass  von  ihnen  Aehnliches 
zu  anderen  Völkern  übergegangen  ist. 

Es  ist  keineswegs  unmöglich,  dass  aus  den  magischen  Anfängen 
sich  die  Beachtung  von  merkwürdigen  Eigenschaften  der  Zahlen  ent- 
wickelte, dass  eine  Vorbedeutungsarithmetik  bei  ihnen  sich  zur  Kennt- 
uiss  zahlentheoretischer  Gesetze  erhob.  Wissen  wir  doch,  woran 
wir  hier  zusammenfassend  erinnern  wollen,  von  dem  Vorkommen 
eines  ausgebildeten  Sexagesimalsystems ,  von  der  Benutzung  arithme- 
tischer und  geometrischer  Reihen,  von  der  Bekanntschaft  mit  Quadrat- 
und  Kubikzahlen  in  alt-babylonischer  Zeit,  und  auch  gewisse  Theile 
der  Proportionenlehre  sollen,  wie  wir  vorgreifend  erwähnen,  griechi- 
scher Ueberlieferung  gemäss  aus  Babylon  stammen. 

Mit  der  Lehre  von  den  Vorbedeutungen  ist  überhaupt  die  babylo- 
nische Wissenschaft  aufs  Engste  verknüpft  gewesen.  Vorbedeutungen 
zu  suchen  war,  wie  wir  an  jenem  zu  König  Sargons  Zeilen  ver- 
fertigten Kalender  gesehen  haben,  ein  wesentlicher  Zweck  der  Be- 
obachtungen von  Himmelsvorgängen.  Neben  dem  Aufsuchen  von 
Vorbedeutungen  widmete  sich  die  Priesterschaft  des  Landen  dem  Her- 
vorbringen von  Ereignissen-,  sie  trachtete  das  Böse  abzuwenden  und 
theils  durch  Reinigungen,  theils  durch  Opfer  oder  Zauberei  .zum 
Guten  zu  verhelfen  ^).  Die  Priesterschaft  des  medischen  Nachbarvolkes 
bestand  ebenfalls  aus  gewerbmässigen  Hexenmeistern,  und  sie,  die 
Magusch,  vererbten  ihren  Namen  auf  die  Magie ^),   wie   in  Rom  der 


^)  Jesaias  21,  8.     ^)  Vergl.  Hitzig,  Die  zwölf  kleinen  Propheten  S.  378  flgg. 
zu  Sacharja  12,  10.     =*)  Diodor  II,  29,  3.     ■*)  Maspero-Pietschmann,  S.  4GG. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik  I.  2.  Aufl.  7 


98  3.  Kapite  . 

Name  Chaldäer  gleichbedeutend  war  mit  Sterndeuter,  Wahrsager, 
gelegentlich  auch  mit  Giftmischer.  Schon  im  Jahre  139  v.  Chr 
wurden  deshalb  nach  der  genauen  Angabe  des  Valerius  Maximus 
die  Chaldäer  aus  Rom  verwiesen^).  Die  Wahrsagung  beschränkte 
sich  keineswegs  auf  die  Beobachtung  der  Gestirne,  deren  Einfluss 
auf  das  menschliche  Geschick  man  zu  kennen  wähnte.  Die  Punktir- 
kunst^)  der  persischen  Zauberer,  vielfach  erwähnt  in  den  Märchen 
der  Tausend  und  eine  Nacht  und  darin  bestehend,  dass  auf  ein  mit 
Sand  überdecktes  Brett  Punkte  und  Striche  gezeichnet  wurden,  deren 
Verschiebungen  und  Veränderungen  in  Folge  eines  Anstosses  an  den 
Rand  des  Brettes  beobachtet  wurden,  diese  Kunst,  die  sich  erhalten 
hat  in  dem  Wahrsagen  aus  dem  Kaffeesatze,  die  verwandt  ist  dem 
ßleigiessen  in  der  Neujahrsnacht,  welches  da  und  dort  noch  heute 
geübt  wird,  sie  dürfte  selbst  bis  in  die  babylonische  Zeit  hinauf- 
ragen. Wenigstens  ist  es  sicher,  dass  es  eine  Vorbedeutungs- 
geometrie in  Babylon  gab.  Wir  besitzen  die  Uebersetzung  einer 
solchen^),  und  wenn  uns  schon  die  Neigung  bemerkenswerth  erscheint 
Vorbedeutungen  aus  Allem  zu  entnehmen,  was  in  irgendwie  wechseln- 
den Verbindungen  auftritt,  so  müssen  wir  andererseits  auch  die  vor- 
kommenden Figuren  prüfen,  deren  Kenntniss  die  Babylonier  somit 
sicherlich  besassen,  eine  Kenntniss,  die  als  Anfang  der  Geometrie 
gelten   darf,    so    wie   wir    bei    den   Aegyptern    (S.  66)    zu    ähnlichem 

. Zwecke    alte    Wandzeichnungen    durchmusterten. 

In  jener  Vorbedeutungsgeometrie   sind   insbeson- 

rig.  11.  dere  folgende  Figuren  hervorzuheben.    Ein  Paar 

Parallellinien  (Figur  11),  welche  als  doppelte  Linien 


^'ig.  12.  Fig.  13.  ^ig-  l-l- 


benannt  werden;  ein  Quadrat  (Fig.  12);  eine  Figur  mit  einspringen- 
dem Winkel  (Fig.  13);  eine  nicht  ganz  vollständig  vorhandene  Figur, 
welche  der  Uebersetzer  zu  drei  einander  umschliessenden  Dreiecken 
(Figur  14)    zu    ergänzen    vorschlägt^).     Ob   auch  ein    rechtwinkliges 

1)  Fischer,  Römische  Zeittafeln  (Altona,  184G)  S.  134  mit  Beziehung  auf 
Valerius  Maximus  lib.  I,  cap.  3,  §  2.  -)  Alex,  von  Humboldt  in  seinem  Auf- 
satze über  Zahlzeichen  u.  s.  w.  (CreUe's  Journal  IV,  216  Note)  nennt  diese 
Kunst  raml  und  verweist  dafür  auf  Richards on  und  Wilkins,  Diction.  Persian 
and  Arabic  18ÜÖ.  T.  I,  pag.  482.  Vergl.  über  die  Puuktirkunst  auch  Stein- 
schneider, Zeitschr.  d.  morgenl.  Gesellsch.  XXV,  396  u.  XXXI,  762  flgg.  ^')  Ba- 
hylonian  augury  by  means  of  geometrieal  figures  hy  A.  II.  Sayce  in  den  Irans- 
actions  of  the  society  of  hihlkal  arcJiadogy  IV,   302—314.     ")  Privatmittheilung 


Die   Babylonier  99 

Dreieck  vorkommt,  ist  nicht  mit  ganzer  Sicherlieit  zu  erkennen,  aber 
wahrscheinlich.  Von  Interesse  ist  im  verbindenden  Texte  das  sume- 
rische Wort  Um,  welches  Linie,  ursprünglich  aber  Seil  bedeutete,  so 
dass  es  nicht  zu  den  Unmöglichkeiten  gehört,  es  habe  eine  Art  von 
Seilspannung,  vielleicht  freilich  nur  ein  Messen  mittels  des  Seiles, 
wofür  Vermuthungsgründe  ims  sogleich  bekannt  werden  sollen,  auch 
in  Babylon  stattgefunden.  Von  hoher  Wichtigkeit  ist  ferner  ein  in 
jenem  Texte  benutztes,  aus  drei  sich  symmetrisch  durchkreuzenden 
Linien  bestehendes  Zeichen  )K,  welches  der  Herausgeber  durch  „Winkel- 
grad"  übersetzt  hat.  Diese  Uebersetzung  ist  gerechtfertigt  durch 
anderweitiges  Vorkommen  und  gestattet  selbst  weitgehende  Folge- 
rungen. 

Im  britischen  Museum  befindet  sich  ein  als  K  162  bezeichnetes 
Bruchstück,  welches  einem  babylonischen  Astrolabium  oder  Aehn- 
lichem  angehört  hat  und  welches  in  4  Fächern  mit  Inschriften  in 
Keilschrift  bedeckt  ist.  Die  Bedeutung  dieser  Inschriften  kann  nicht 
anders  lauten^)  als  dass  in  zwei  Monaten,  deren  Name  angegeben  ist, 
der  Ort  von  vier  Sternen,  zwei  Sterne  in  dem  einen,  zwei  in  dem 
anderen  Monate,  aufgezeichnet  ist,  und  diese  Oerter  heissen  140  Grad, 
70  Grad,  120  Grad,  60  Grad  nach  Sayce's  Uebersetzung.  Der  Grad 
ist  auch  hier  in  allen  vier  Fällen  durch  das  Zeichen  der  drei 
einander  schneidenden  Linien  ausgedrückt.  Nehmen  wir  aber  diese 
Uebersetzung  einmal  als  richtig  an,  so  ist  in  ihr  eine  Bestätigung 
unserer  Meinung  über  die  Entstehung  des  Sexagesimalsystems  ent- 
halten. Bei  der  Zählung  der  Winkelgrade,  deren  360  auf  der  Kreis- 
peripherie zu  unterscheiden  sind,  fasste  man,  meinten  wir,  je  60  in 
eine  neue  Bogeneinheit  zusammen,  welche  man  erhielt,  indem  man 
den  Halbmesser  sechsmal  auf  dem  Umkreise  herumtrug.  Für  die 
erste  Hälfte  unserer  Behauptung  gibt  es  keine  bessere  Stütze  als 
jenes  Gradzeichen.  Die  drei  symmetrisch  gezeichneten  Linien  theileu 
ja  den  um  den  gemeinsamen  Schnittpunkt  befindlichen  Raum  in  sechs 
gleiche  Theile  und  lassen  damit  jeden  dieser  sechs  Theile  als  beson- 
ders wichtig  hervorteten! 

Auch  an  weiterer  Bestätigung  dafür,  dass  den  Babyloniern  die 
Sechstheilung  des  Kreises  bekannt  war,  fehlt  es  nicht.  Wir  erinnern 
uns,  dass  auf  ägyptischen  Wandgemälden  es  grade  asiatische 
Tributpflichtige  sind,  welche  auf  ihren  überbrachten  Gefässen  Zeich- 
nungen haben,  bei  welchen  der  Kreis  durch  sechs  Durchmesser  in 
zwölf  Theile  getheilt  ist  (S.  67).    Uebereinstimmend  zeigen  ninivitische 

von  H.  Sayce  ebenso  wie  die  nachfolgende  Bemerkung  über  das  rechtwinklige 
Dreieck. 

')  Privatmittheilung  von  H.  Sayce. 


100  3.  Kapitel. 

Denkmäler  in  ihren  Abbildungen  des  Königs wagens  dessen  Räder  mit 
G  Speieben  verseben')  (Fig.  15).  Endlicb  ist  damit  in  Einklang 
die  Dreitbeilung  eines  rechten  Winkels,  welche 
auf  einer  assyrischen  Thoutafel  geometrischen  In- 
haltes durch  G.  Smith  entdeckt  worden  ist,  bevor 
er  seine  letzte  Reise,  von  welcher  er  nicht  mehr 
heimkehren  sollte,  nach  den  E uphratländern  antrat; 
eine  Entdeckung,  aus  welcher  weitere  Folgerungen 
'^'  zu  ziehen  nicht  gestattet  ist,    bevor  der  ganze  Text 

der  Oeffentlichkeit  übergeben  ist.  Darauf  aber  wird  mau,  wie  zu 
befürchten  steht,  noch  lange  warten  müssen,  da  die  betreffende  Tafel 
seit  der  Abreise  ihres  Entdeckers  nicht  wieder  gesehen  worden  ist, 
also  vermuthlich  durch  ihn  in  irgend  eine  Ecke  für  künftiges  Studium 
bei  Seite  gestellt,  eines  Zufalles  harret,  der  grade  auf  sie  unter  den 
zahllos  vorhandenen  Tafeln  die  Aufmerksamkeit  lenkt. 

Ist  aber  nunmehr  die  Sechstheilung  des  Kreises  als  bewusste  geo- 
metrische Arbeit  der  Babylonier  ausser  Zweifel  gesetzt,  so  wird  man 
auch  unsere  Behauptung,  die  Sechstheilung  sei  durch  Herumtragen 
des  Halbmessers  erfolgt,  habe  also  die  Kenntniss  des  Satzes  von  der 
Seite  des  regelmässigen  Sechsecks  mit  eingeschlossen,  in  den  Kauf 
nehmen  müssen.  Es  ist  nun  einmal,  ausser  im  Zusammenhang  mit 
diesem  Satze,  ein  Grund  zur  geometrischen  Sechstheilung  des  Kreises 
nicht  vorhanden.  Ausserdem  sind  wir  im  Stande  eine  Bestätigung 
aus  biblischer  Nachahmung  anzuführen.  Wenn  man,  ohne  mathe- 
matische Kenntnisse  zu- besitzen,  sah,  dass  der  Halbmesser  G  mal 
auf  dem  Kreisumfange  als  Sehne  herumgetragen  nach  dem  Ausgangs- 
punkte zurückführt,  so  lag  es  sehr  nahe  Sekue  und  Bogen  zu  ver- 
wechseln und  zur  Annahme  zu  gelangen,  der  Kreisumfang  selbst 
sei  6  mal  der  Halbmesser,  beziehungsweise  3  mal  der  Durchmesser. 
Das  gab  die  erste,  freilich  sehr  ungenaue  Rectification  einer 
krummen  Linie,  ein  Seitenstück  zu  der  m  Aegypten  vorgefundenen 
(S.  57)  Quadratur.  Dort  war  ziemlich  genau  %  =  o,lG04  .  .  .;  hier 
ist  71  =  d. 

Diese  Formel  findet  sich  nun  angewandt  bei  der  Schilderung  des 
grossen  Waschgefässes,  das  unter  dem  Namen  des  ehernen  Meeres 
bekannt  eine  Zierde  des  Tempels  bildete,  welchen  Salomo  von  1014 
bis  1007  erbauen  liess^).  Von  diesem  Gefässe  heisst  es:  Und  er 
machte  ein  Meer,  gegossen,   10  Ellen  weit  von   einem   Rande   zum 


^)  Niniveh  and  its  remayns  by  A.  H.  Layard.  London,  1849.  I,  337. 
*)  Die  Datirung  nach  Oppert:  Salomon  et  ses  successeurs  in  den  Annales  de  Phi- 
losophie chretienne  T.  XI  u.  XIT.  1870. 


Die  Babylonier.  101 

andern^  rund  umher,  uud  5  Ellen  hoeli,  und  eine  Schnur  30  Ellen  lang 
war  das  Maass  ringsum^).  Dabei  ist  offenbar  30  =  3x10.  Mögen 
nun  die  Bücher  der  Könige  erst  um  das  Jahr  500  v.  Ohr.  abgeschlossen 
worden  sein,  so  ist  doch  unbestritten,  dass  in  dieselben  ältere  Er-, 
innerimgen,  wohl  auch  ältere  Aufzeichnungen  Aufuahnie  fanden,  und 
so  kann  insbesondere  die  Erinnerung  an  eine  Schnur,  mit  deren  Hilfe 
Längenmessungen  vorgenommen  wurden,  kann  die  Erinnerung  an  die 
Maasse  des  ehernen  Meeres,  an  den  Durchmesser  10  bei  einem  Kfeis- 
umfange  30,  eine  sehr  alte  sein.  Die  letztere  hat  sich  auch  nach  ab- 
wärts  durch  viele  Jahrhunderte  fortgeerbt,  und  der  Talmud  wendet 
in  der  Mi  sehn a  die  Regel  an:  Was  im  Umfang  3  Handbreiten  hatj 
ist  1  Hand  breit  ^).  Zugleich  aber  liefert  die  angeführte  Bibelstelle 
den  Beweis,  dass  der  Umfang  von  30  Ellen  wirklich  aus  3  mal  10 
berechnet  und  nicht  etwa  in  Folge  ungenauer  Messung  gefunden 
worden  ist.  Eine  messende  Schnur  musste  jedenfalls  um  den  äusseren 
Rand  des  ehernen  Meeres  herumgelegt  werden  und  wäre  etwa 
31^  Ellen  lang  gewesen,  wenn  der  Durchmesser  von  10  Ellen  sich 
gleichfalls  auf  die  Ausdehnung  bis  zur  äusseren  Randgrenze  bezog. 
War  aber,  was  bei  thatsächlicher  Messung  fast  wahrscheinlicher  ist, 
der  innere  Durchmesser  10  Ellen  lang,  so  konnte  eine  Messschnur 
ringsherum  leicht  eine  Länge  «von  32  Ellen  und  mehr  erfordern. 
Es  ist  daher  unmöglich,  dass  es  dann  30  Ellen  hiesse,  wie  es  der 
Fall  ist. 

Nachdem  wir  für  die  geometrischen  Kemitnisse  der  Babylonier  auf 
Schriftsteller  zweiter  Ueberlieferung  einmal  eingegangen  sind,  wollen 
wir  noch  einige  ähnlich  verwerthbare  Stellen  aufsuchen.  Eine  solche 
Stelle  führen  wir  nur  an,  um  sie  sogleich  zu  verwerfen..  Bei  der  Be- 
schreibung des  Salomonischen  Tempelbaues  heisst  es  nach  Luthers 
Uebersetzung:  Und  am  Eingange  des  Chors  machte  er  zwei  Thüren 
von  Oelbaumholz  mit  fünfeckigen  Pfosten^).  Darnach  wäre  an 
eine  Kenntniss  des  Fünfecks,  muthmasslich  des  regelmässigen  Fünf- 
ecks in. Vorderasien  in  sehr  altpr  Zeit  zu  denken.  Da  die  Construction 
des  regelmässigen  Fünfecks  eine  verhältnissmässig  bedeutende  Summe 
geometrischer  Sätze  als  Vorbedingung  enthält,  so  wäre  diese  Thatsache 
um  so  überraschender,  als  nirgend  auf  asiatischen  Denkmälern  bei 
eifrigstem  Suchen  in  den  betreffenden  Kupferwerken  eiiT  Fünfeck 
von  uns  aufgefunden  worden  ist.  Die  Stelle  selbst  ist  aber  von 
Luther  falsch  übersetzt,   und  so  dunkel  ihr  Sinn  ist,  die  Bedeutung, 


^)  I.  Könige  7,  23  und  II.  Chronik  4,  2.  -)  Zuerst  berücksichtigt  in 
unserer  Besprechung  von  Oppert,  Etalon  des  mesures  assyriennes  in  der  Zeitschr. 
Math.  Phys.  XX,  histor.-literar.  Abthlg.   164.      ^)  I.  Könige  6,  31. 


102  "3.  Kapitel. 

dass  von  einem  Fünfecke  irgend  wie  die  Rede  sei,  hat  sie  siclier- 
licli  nicht  ^). 

Um  so  häufiger  ist  von  viereckigen  Figuren  in  der  Bibel  die 
Rede  und  zwar  von  Quadraten  sowie  von  Rechtecken.  Es  ist  vielleicht 
zum  Vergleiche  mit  noch  zu  erwartenden  Entzifferungen  babylonischer 
Texte  nützlich  das  Augenmerk  auf  die  Maasszahlen  dieser  biblischen 
Rechtecke^)  zu  richten.  Das  Verhältniss  3  zu  4  für  zwei  senkrecht 
zu  einander  zu  denkende  Abmessungen,  oder  auch  10  mal  3  zu  4,  3  zu 
5  mal  4  kommt  wiederholt  vor,  und  wenn  wir  nicht  verschweigen 
wollen  noch  dürfen,  dass  ein  Rechteck  von  3  zu  5  ebenfalls  an 
häufigeren  Stellen  sich  bemerklich  macht,  so  ist  doch  nicht  aus- 
geschlossen, dass  jene  ersterwähnten  Maasszahlen  3  zu  4  dazu  dienten, 
einen  rechten  Winkel  mittels  des  Dreiecks  von  den  Seiten  3,  4,  5 
zu  sichern.  Wenigstens  wird  die  Kenntniss  dieses  letzteren  Dreiecks 
in  China  von  uns  nachgewiesen  werden. 

Dafür  aber,  dass  die  Babylouier  den  rechten  Winkel  kannten, 
und  zwar  nicht  bloss  als  in  der  Baukunst  zur  Anwendung  kommend, 
sondern  als  der  Geometrie,  der  Astronomie  dienstbar,  sind  Beweis- 
gründe zur  Genüge  vorhanden.  Wir  eriimern  an  das  wahrscheinlich 
gemachte  Vorkommen  des  rechten  Winkels  in  jener  von  Sayce  über- 
setzten Vorbedeutungsgeometrie.  Wir  erinnern  an  die  den  rechten 
Winkel  selbst  voraussetzende  Dreitheilung  desselben.  Wir  haben 
ferner  den  ausdrücklichen  Bericht  Herodots,  dass  von  Babylon  her 
die  Hellenen  mit  dem  Polos  und  dem  Gnomon  bekannt  geworden 
seien  ^).  Mag  man  auch  nicht  mit  aller  Sicherheit  wissen,  welcherlei 
Vorrichtungen  unter  diesen  Namen  verstanden  wurden,  so  viel  ist 
gewiss,  dass  .es  bei  ihnen  um  Zeiteintheiluug  mittels  der  Länge  des 
von  der  Sonne  erzeugten  Schattens  sich  handelte,  dass  also  ein  Stab 
senkrecht  zu  einer  Grundfläche  aufgerichtet  werden  musste.  Der 
Uebergang  des  Gnomon  zu  den  Griechen  fand  von  Babylon  aus  statt, 
wann  ist  zweifelhaft.  Ein  Berichterstatter  nennt  Anaximander  als 
den,  der  um  550  den  Gnomon  einführte*)-,  ein  anderer  nennt  uns 
dafür  Auaximenes^);  ein  dritter  nennt  gar  erst  Berosus  als  Er- 
finder der  Sonnenuhr*^),  womit  nur  jener  Chaldäer  gemeint  sein  kann, 
welcher  unter  Alexander  dem  Grossen  geboren  um  280  v.  Chr.  seine 
Blüthezeit  hatte  und  als  Historiker  am  bekanntesten  ist,  wenn  auch 
das  Alterthum  ihn  vorzüglich  als  Astrologen  und  um  seiner  auf  der 
Insel  Kos    gegenüber    von   Milet    gegründeten    und   stark    besuchten 


^)  Wir  berufen  uns  für  diese  Behauptung  auf  mündliche  Mittheilungen 
von  Prof.  Dr.  A.  Merx.  ^)  II.  Mose  36,  15  und  21;  37,  10;  39,  9—10.  I.  Könige 
7,  27  und  häufiger.  ^)  Herodot  II,  109.  *)  Suidas  s.  v.  'Ava^ifiavdQog. 
°)  Plinius  Historia  naturalis  II,  76.     °)  Vitruvius  IX,  9. 


Die  Babylonier.  103 

Schule  wegen  rülinite^).  Aelterer  Zeit  als  diese  Angaben  gehört  der 
biblische  Bericht  an,  welcher  von  einer  Sonnenuhr  zu  erzählen  weiss. 
Er  geht  hinauf  bis  auf  König  Ahas  von  Juda,  dessen  Regierung  von 
743 — 727  währte''').  Wenn  in  jenem  Berichte  der  Schatten  am  Zeiger 
Ahas  10  Stufen  (oder  Grade)  hinter  sich  zurückging,  die  er  war 
niederwärts  gegangen,  so  ist  diese  Beschreibung  von  grösster  Deut- 
lichkeit, mag  man  über  das  beschriebene  Ereigniss  selbst  denken, 
wie  man  will.  Wir  könnten  auf  eben  diese  Stelle  zum  Ueberflusse 
noch  hinweisen,  um  sie  als  Beleg  altasiatischer  Kreiseintheilung  zu 
benutzen,  wenn  ein  solcher  Beleg  noch  irgend  erwünscht  scheinen 
sollte. 

Fassen  wir  wieder  zusammen,  was  auf  geometrischem  Gebiete 
den  Babyloniern  bekannt  gewesen  ist,  so  haben  wir  Gewissheit  für 
die  Theilung  des  Kreises  in  6  Theile,  dann  in  360  Grade,  Gewissheit 
für  die  Kenntniss  von  Parallellinien,  von  Dreiecken,  Vierecken,  Ge- 
wissheit für  die  Herstellung  rechter  Winkel.  Wahrscheinlich  ist  die 
Kenntniss  der  Gleichheit  zwischen  Halbmesser  und  Seite  des  dem 
Kreise  eingeschriebenen  regelmässigen  Sechsecks,  wahrscheinlich  die 
Benutzung  des  Näherungswerj;hes  n  =  3  bei  Bemessung  des  Kreis- 
umfanges.  Möglich  endlich  ist  die  Prüfung  rechter  Winkel  durch 
die  Seitenlangen  des  ein  für  allemal  bekannten  Dreiecks  3,  4,  5. 

Die  Hoffnung  bleibt  für  Babylon  wie  für  Aegypten  nicht  aus- 
geschlossen, dass  Auffindung  und  Entzifferung  neuer  Denkmäler  es 
noch  gestatten  werden,  die  kaum  erst  seit  wenigen  Jahrzehnten  fester 
gestützte  Geschichte  der  Geistesbildung  jener  Länder  umfassender  zu 
gestalten.  Für  die  Geschichte  der  Mathematik  in  den  Euphratländern 
bergen,  wie  wir  schon  gesagt  haben,  vielleicht  die  Schutthügel  von 
Senkereh  noch  Unschätzbares.  Es  muss  "v^ohl  die  Mathematik  dort 
eine  erzähleuswerthe  Geschichte  erlebt  haben,  wenn  wir  auch  nur 
daraus  schliessen,  dass  sie  alten  Schriftstellern  würdig  däuchte  sich 
mit  ihr  zu  beschäftigen.  So  wird  berichtet,  ein  gewisser  Perigenes 
habe  über  die  Mathematiker  von  Chaldäa  geschrieben^),  wenn  diese 
Lesart  der  an  sich  viel  weniger  wahrscheinlichen  „über  die  Mathe- 
matiker von  Chalcidien"  vorzuziehen  ist,  und  Mathematisches  enthielt 
jedenfalls  auch  das  umfassende  Werk  des  Jamblichus  von  Chalcis 
über  Chaldäisches,    aus    dessen  28.  Buche   eine  Notiz   sich   erhalten 


')  Die  von  Bailly,  Histoire  de  Vastronomie  ancienne.  Paris,  1775,  Livre  IV, 
§  35  und  36  ausgehende  Meinung,  als  seien  zwei  Berosus  zu  unterscheiden,  der 
von  Kos  und  der  Historiker,  ist  von  neueren  Fachgelehrten  entschieden  ver- 
worfen. Vergl.  Häbler,  Astrologie  im  Alterthum  (1879),  S.  14—16.  ^)  Jesaia 
38,  8  und  II.  Könige  20,  11.  Die  Datirung  nach  Oppert,  Salomon  et  ses  suc- 
ccsseurs.     ^)  Nesselmann,  Die  Algebra  der  Griechen,   S.  1—2. 


104  3.  Kapitel.'  Die  Babylonier. 

hat^).  Nur  um  Missverständuissen  vorzubeugen,  welche  auch  hei 
sonst  zuverlässigen  Schriftstellern  sich  vorfinden,  sei  hier  bemerkt, 
dass  mit  diesem  wissenschaftlichen  Werke  des  Jamblichus  von  Chalcis 
über  Chaldäisches,  welches  gegen  Ende  des  IV.  S.  n.  Chr.  geschrieben 
sein  muss,  der  Roman,  welcher  unter  dem  Titel  „Babylonisches"  in 
der  zweiten  Hälfte  des  IL  S.  n.  Chr.  auch  von  einem  Jamblichus''^) 
verfasst  worden  ist,  ja  nicht  verwechselt  werden  darf. 


^)  Zell  er,  Die  Philosophie  der  Griechen  in  ihrer  geschichtlichen  Entwicke- 
lung.  III.  Theil,  2.  Abthlg.  2.  Auflage.  Leipzig,  1868,  S.  615.  ^)  Erw.  Rohde, 
Der  griechische  Roman  und  seine  Vorläufer.     Leipzig,   1876.     S.  364  flgg. 


III.  Griechen. 


4.  Kapitel. 
Die  Grieclieii.     Zahlzeichen.     Fingerrechiien.     Rechenbrett. 

Wir  verlassen  die  Länder  ältester,  aber*  bis  vor  Kurzem  imd 
tkeilweise  bis  auf  den  heutigen  Tag  weniger  bekannter  Kulturent- 
wicklung. Wir  gehen  über  zu  dem  Volke,  von"  dessen  Bildung  wir 
selbst,  der  Schreiber  wie  der  Leser,  bewusst  oder  unbewusst,  unmittel- 
bar oder  mittelbar  die  merkbarsten  Spuren  in  uns  tragen,  dessen  Schrift- 
steller uns  schon  wiederholt  als  willkomjnene  Ergänzungen  dienten, 
wenn  für  andere  Länder  die  einheimischen  Quellen  allzuspärlich 
flössen,  und  wir  sind  geneigt  zu  erwarten,  hier  werde  geschichtliche 
Gewissheit  uns  entgegentreten,  jede  blosse  Vermuthung  überflüssig 
machend  und  darum  ersparend.  Aber  diese  Erwartung  wird  getäuscht. 
Die  Geschichte  der  griechischen  Mathematik,  allerdings  durch  Schriften 
einzelner  hervorragender  griechischer  Mathematiker  selbst  unserem 
Erkennen  näher  gerückt,  ist  doch  nichts  weniger  als  durchsichtig, 
als  vollständig.  Bald,  und  nicht  bloss  bei  den  ersten  Anfängen, 
stehen  wir  an  Lücken,  an  unvermittelten  Uebergängen,  welche  uns 
uöthigen,  um  nur  einigermassen  Bescheid  zu  erhalten,  Schriftsteller 
zu  befragen,  deren  Glaubwürdigkeit  uns  selbst  nicht  gegen  jeden 
Zweifel  geschützt  ist,  oder  gar  zu  eigenen  Vermuthungen  unsere  Zu- 
flucht zu  nehmen,  welche  die  gähnende  Spalte  uns  überbrücken 
müssen.  Wir  glauben  unter  der  Bedingung,  dass  wir  unseren  Lesern 
sagen,  was  gewiss,  was  nur  möglich  sei,  eine  solche  hypothetische 
Darstellung  nicht  vermeiden  zu  sollen,  wo  der  Mangel  an  sicherer 
Ueberlieferung  uns  dazu  nöthigt. 

Einst  flössen  die  Quellen  ergiebiger.  Es  war  eine  Eigenthümlich- 
keit  der  durch  Aristoteles  gegründeten  peripatetischen  Schule 
einen  Urheber  für  jeden  Gedanken  ausfindig  machen  zu  wollen. 
Dieser  Hang  verblieb  auch  den  in  Alexandria  heimisch  gewordenen, 
dort  mit  fremdartigen  Elementen  sich  mengenden  Peripatetikern. 
Man  suchte  allerdings  von  hier  9,us  mit  einer  gewissen  Vorliebe  die 
Lehren  griechischer  Philosophen  auf  einen  nichtgriechischen  Ursprung 
zurückzuführen^),  und  mit  dieser  Neigung  nimmt  die  Zuverlässigkeit 

^)  Nietzsche,  De  Laertii  Biogenis  fontibus  im  Rheinischen  Museum  XXIV, 
205.     Frankfui-t  a.  M.,  1869. 


108  i-  Kapitel. 

solcher  Angaben  wesentlicli  ab,  sofern  uiclit  andere  Gründe  obwalten, 
den  Glauben  an  jene  Aussagen  wieder  zu  yerstärken.  Wir  rechnen 
dazu  vornebmlicli  zweierlei.  Erstens  erhöht  es  für  uns  die  Bedeutung 
eines  Ursprungszeugnisses  aus  fremdem  Lande,  wenn  wir  selbst  dort 
Erzeugnissen  begegnet  sind,  die  dem,  was  als  eingeführt  bezeichnet 
wird,  wesentlich  gleichen.  Zweitens  vertrauen  wir  mit  rückhaltloserei* 
Hingebung  den  Aussprüchen  eines  Mannes,  der  als  Sachverständiger, 
als  Fachmann  redet-,  ja  wir  benutzen  lieber  einen  der  Zeit  nach 
späteren  Mathematiker  als  Gewährsmann  für  früher  Erdachtes  als 
einen  dem  Ursprünge  'gleichaltrigen  Laien,  der  die  Jahre ,  um  welche 
er  den  Ereignissen  näher  lebte,  dadurch  unwirksam  macht,  dass  er 
dem  Inhalte  derselben  fern  stand. 

Mit  vollstem  Vertrauen  würden  wir  daher  die  Geschichte  der 
Geometrie,  der  Sternkunde,  der  Arithmetik  als  Quelle  benutzen, 
welche  Theoj)hrastus  von  Lesbos,  der  Schüler  des  Aristoteles, 
verfasst  haben  soll^),  wenn  dieselben  uns  auch  nur  in  Spuren  erhalten 
wären.  Gern  würden  wir  den  gleichaltrigen  Xenokrates  in  seinen 
Büchern  über  die  Geometer^)  als  Führer  wählen  —  vorausgesetzt, 
dass  dieser  Titel  und  nicht  der  „über  Geometrisches"  die  richtige 
Lesart  bildet  —  wenn  nicht  auch  sie  durchaus  verschollen  wären. 
Mit  Freuden  bedienen  wir  uns  der  Bruchstücke  historischer  Schriften 
über  Geometrie  und  Astronomie,  die  ein  dritter  Schriftsteller  aus  der 
Zeit  der  unmittelbarsten  aristotelischen  Schule  verfasst  hat:  Eudemus 
von  Rhodos^).  Es  sind,  wie  wir  es  ausgesprochen  haben,  nur 
Bruchstücke  dieser  Bücher  bekannt,  welche  von  anderen  Schriftstellern 
abgeschrieben  und  gelegentlich,  theils  mit  Nennung  des  Verfassers, 
theils  mit  blosser  Andeutung  desselben,  ihren  Werken  einverleibt 
wurden,  aber  jedes  einzelne  Stückchen  lässt  den  Werth  des  Verlorenen 
ermessen,  seinen  Verlust  bedauern. 

Neben  diesen  eigentlichen  Geschichtsschreibern  der  Mathematik 
haben  auch  andere  Fachmänner,  Compilatoren  und  Commentatoren 
mathematischer  Schriften,  uns  manche  werthvolle  Bemerkung  hinter- 
lassen, die  wir  dankbarst  benutzen  werden.  Geminusvon  Rhodos, 
Theon  von  Smyrna,  Porphyrius,  Jamblichus,  Pappus, 
Prokliis,  Eutokius  sind  die  Namen  solcher  Verfasser,  von  denen 
wir  mehr  als  nur  einmal  zu  reden  haben  werden. 

Die  Ueberlieferungen  nun  in  dem  Sinne  und  Umfange  benutzt, 
Avie  wir  es  vorausschickend  erläutert  haben,  mid  unter  fernerer  Zu- 
ziehung auch  nichtmathematischer  Schriftsteller,    wenn   keine  andere 

^)  Diogenes  Laertius  V,  48 — 50.  -)  Diogenes  Laertius  IV,  V6. 
^)  Euäemi  Bhodü  Peripatetici  fragmenta  quae  supersunt  ed.  L.  Spengel. 
Berlin  1870.     Die  mathematischen  Bruchstücke  S.  111 — 143. 


Die  Grieclieu.     Zahlzeichen.     Fingerrechnen.     Rechenbrett.  109 

WaM  uns  bleibt,  belehren  uns  darüber,  dass  in  dem  weiten  Länder- 
gebiete, in  welebem  griechisch  gesprochen  und  griechisch  gedacht 
wurde,  und  welches  deshalb  für  die  Kulturgeschichte  Griechenland 
heisst,  wenn  es  auch  keineswegs  geographisch  mit  dem  Königreiche 
Griechenland  unseres  Jahrhunderts  sich  deckt,  die  Mathematik  weder 
gleichzeitig  auftrat  noch  ebenmässig  sich  entwickelte.  Die  kleinasia- 
tische Küstengegend  südlich  von  Smyrna  und  die  davor  liegende 
Inselwelt  waren  der  Schauplatz  der  ältesten  ionischen  Entwickelung. 
Süditalien  und  Sicilien  mit  ihrer  dorischen  Bevölkerulig  nahmen  so- 
dann in  weit  stärkerem  Maassstabe  an  der  Fortbildung  Antheil.  Jetzt 
erst  als  dritter  Boden,  auf  welchem  eine  dritte  Stufe  erreicht  ward, 
erscheint  das  eigentlich  griechische  Festland,  erscheint  namentlich 
Athen  in  der  Geschichte  der  Mathematik.  Aber  auch  von  dort  ent- 
fernt sich  die  Schule  der  vorzüglichsten  Mathematiker.  Auf  ägypti- 
schem Boden  entsteht  eine  griechische  Stadt,  Alexandria,  und  dort 
blühen  oder  lernen  doch  wenigstens  die  grossen  Geometer  eines  Jahr- 
hunderts, welchem  an  Bedeutsamkeit  für  die  Entwickelung  der  Mathe- 
matik nur  ein  einziges  an  die  Seite  gestellt  werden  kaim,  sofern 
unsere  Gegenwart  geschichtlicher  Betrachtung  sich  noch  entzieht: 
das  Jahrhundert  von  der  Mitte  des  XVI.  bis  zur  Mitte  des  XVII.  S., 
das  Jahrhundert  der  beginnenden  Infinitesimalrechnung.  Die  grossen 
Geisteshelden  des  euklidischen  Zeitalters  hatten  ihre  Epigonen,  die, 
wenn  sie  theilweise  auch  an  anderen  Orten  aufgesucht  werden  müssen, 
noch  immer  in  Alexandria  wurzeln.  Dort  zeigt  sich  in  verschiedenen 
Jahrhunderten  wiederholt  eine  Nachblüthe  unserer  Wissenschaft,  die 
edle  Früchte  hervorzubringen  im  Stande  ist.  Männer  wie  Heron, 
wie  Klaudius  Ptolemäus,  wie  Pappus  stehen  keinem  Mathematiker  der 
euklidischen  Zeit  an  persönlicher  Geistesgrösse  nach,  nur  die  Dichtig- 
keit ihres  xVuftretens  in  einander  nahe  liegenden  Zeiträumen  fehlt, 
und  damit  das  eigentlich  kennzeichnende  Merkmal  der  grossen  alesau- 
drinischen  Epoche.  Endlich  kehrt  die  griechische  Mathematik  matt 
und  absterbend  nach  Hellas  zurück.  Athen  und  die  im  ehemaligen 
Thrakien  entstandene  Welthauptstadt  Byzanz  sehen  den  Untergang 
unserer  Wissenschaft,  den  Untergang  derselben  für  die  dortige  Gegend. 
Weiter  westlich  wohnenden  Völkern  geht  sie  zur  gleichen  Zeit  neu 
und  strahlend  auf. 

Wir  haben  mit  wenigen  Strichen  den  Rahmen  uns  entworfen, 
in  welchen  vdr  das  Bild  der  griechischen  Mathematik  einzuzeichnen 
gedenken.  Wir  müssen  mit  dieser  Einzelarbeit  beginnen.  Wir  sind 
bei  Aegyptern  und  Babyloniern  von  den  niedrigsten  Rechnungsver- 
fahren und  von  der  Bezeichnung  der  Zahlen  ausgegangen  als  von 
Dingen,  welche  kein  Volk  auch  nur  in  den  Anfängen  seiner  geistigen 


110         .  4.  Kapitel. 

Entwickelung  entbehren  kann,  und  welche  die  Vorstufe  zu  jedem 
mathematischen  Denken  bilden.  Aehnlich  werden  wir  hier  verfahren. 
Wir  werden  das  Zahlenschreiben,  wir  werden  bis  zu  einem  gewissen 
Grade  das  Rechnen  der  Griechen  vorwegnehmen  müssen. 

Ob  wir  es  eine  Zahlenbezeichnung^)  zu  nennen  haben,  wenn 
in  griechischen  Inschriften  die  Zahlwörter  ausgeschrieben  gefunden 
werden,  dürfte  dahingestellt  sein.  Ebenso  kann  die  Auflösung  einer 
Zahl  in  lauter  einzelne  neben  einander  befindliche  Striche,  wie  sie 
z.  B.  für  die  Zähl  sieben  noch  in  einer  Inschrift  von  Tralles  in  Karlen 
aus  dem  IV.  vorchristlichen  Jahrhunderte  nachgewiesen  ist,  wie  sie 
aber  naturgemäss  für  eine  nur  noch  etwas  grössere  Zahl  gar  nicljt 
denkbar  ist,  kaum  als  Zahlenbezeichnung  gelten.  Die  älteste  wirk- 
liche Bezeichnung  erfolgte  durch  Anfangsbuchstaben  der  Zahl- 
wörter^). Ihre  Spuren  sollen  hinaufrücken  bis  in  die  Zeit  Solons, 
also  etwa  bis  zum  Jahre  600,  während  als  untere  Grenze  das  perikleische 
und  nachperikleische  Jahrhundert  genannt  wird,  ja  während  Spuren 
bis  auf  die  Zeit  Ciceros  hinabführen.  Die  benutzten  Buchstaben 
sind  folgende.  Man  schrieb  Jota  I  für  die  Einheit,  sei  es  nun,  dass 
an  eine  alterthümliche  Form  des  Wortes  für  eins  gedacht  werden 
muss,  sei  es,  dass  nur  ein  gerader  Strich  gemacht  wurde,  der  zufällig 
auch  als  Jota  gedeutet  werden  kann.  Für  fünf  wurde  ein  Pi  77  ge- 
schrieben wegen  nsvts,  für  zehn  ein  Delta  z/  wegen  dexa.  'Hundert, 
fxaroV,  bezeichnete  man  durch  Eta  77,  welches  ursprünglich  kein 
e-Laut,  sondern  wie  später  bei  den  Römern  Aspirationszeichen  war. 
Tausend  ^L^ta  und  zehntausend  ^vgia  endlich  schrieb  man  mit  Chi  X 
und  My  M.  Ausserdem  waren  ebendieselben  Buchstaben  in  und  an- 
einander geschrieben  als  Zusammensetzungen,  durch  welche  die  Produkte 
von  fünf  in  Einheiten  verschiedenen  Ranges  dargestellt  werden  sollten, 
in  Gebrauch,  und  auch  ein  als  „zehn  mal  tausend"  zusammengesetztes 
Zehntausend  wird  überliefert.  Dass  das  Gesetz  der  Grössenfolge  stets 
gewahrt  blieb,  sei  der  Vollst'ändigkeit  wegen  bemerkt.  Wir  bemerken 
ferner,  dass  diese  Zeichen  von  Herodianus,  einem  byzantinischen 
Grammatiker,  der  etwa  200  n.  Chr.  lebte,  geschildert  wurden  und  dass 
sie  deshalb  nicht  selten  herodianische  Zeichen  heissen. 

Noch  während  der  Jahrhunderte,  durch  welche  jene  Bezeichnung 
der  Hauptsache    nach  verfolgt  worden  ist,   bildeten   sich   zwei   neue 


*)  Ausführliches  über  Zahlenbezeichnung  der  Griechen  in  den  Math.  Beitr. 
Kulturl.  111—126.  -)  Ausser  den  in  den  Math.  Beitr.  Kulturl.  angeführten 
Quellen  vergl.  Koehler  in  den  Monatsberichten  der  Berliner  Akademie  für  1865, 
S.  541  ügg.  und  Friedlein,  Die  Zahlzeichen  und  das  elementare  Rechnen  der 
Griechen  und  Römer  und  des  christlichen  Abendlandes  vom  7.  bis  13.  Jahr- 
hundert.    Erlangen,  1869,  S.  9.     =>)  Math.  Beitr.  Kulturl.  ll.-J. 


Die  Griechen.     Zahlzeichen.     Fingerrechnen.     Rechenbrett.  111 

Methoden  aus,  beide  zuverlässig  nicht  vor  der  sogenannten  ionischen 
Schrift  auftretend,  deren  sie  sich  bedienen,  somit  nicht  vor  500. 
Näheres  bringen  wir  weiter  unten.  Die  eine  dieser  Methoden  benutzt 
die  24  Buchstaben  des  ionischen  Alphabets  um  die  Zahlen 
1  bis  24  dadurch  auszudrücken.  Nach  ihr  wurden  die  zehn  Phylai 
der  athenischen  Richter  mit  fortlaufender  Nummer  versehen.  Nach 
ihr  gaben  später  die  Alexandriner  den  Gesängen  des  Homer  ihre 
Ordnungszahlen.  Diese  Methode  so  wenig  wie  die  zweite  Methode, 
welche  wir  dahin  kurz  erklären  können,  dass  den  einzelnen  Buch- 
staben unter  einander  verschiedene  aber  in  der  natürlichen  Zahlen- 
reihe nicht  immer  unmittelbar  sondern  sprungweise  auf  einander 
folgende  Werthe  beigelegt  werden,  gehört  den  Griechen  allein  au. 
Wir  müssen  ihre  Spuren  auch  anderwärts  verfolgen  und  zu  diesem 
Zwecke  einschaltend  von  phönikischer,  syrischer,  hebräischer  Zahlen- 
bezeichnung reden. 

Das  eigentliche  Handelsvolk  der  alten  Welt  waren  die  Phönikier, 
vielleicht  die  Fenchu  ägyptischer  Schriften.  ^Sie  durchfurchten  als 
kühne  Seefahrer  und  Seeräuber  von  ihren  dicht  an  der  Küste  ge- 
gründeten Städten  aus  das  Mittelmeer,  welches  ihnen  Verkehrsstrasse 
und  Jagdgebiet  war,  überall  Beziehungen  unterhaltend,  für  welche 
Zahlenbekanntschaft  unentbehrlich  war.  Dieselben  Phönikier  werden 
als  Erfinder  der  eigentlichen  reinen  Buchstabenschrift  gerühmt.  Sie 
ffino-en  mit  dieser  Erfindung  weit  hinaus  über  die  Silben  darstellenden 
Zeichen  der  Keilschrift  wie  auch  über  die  Hieroglyphen,  unter  welchen 
eine  Einheit  der  Bedeutung  nicht  herrschte,  da  unter  ihnen  wirkliche 
Buchstaben  mit  Silbenzeichen,  mit  Wortzeichen,  ja  mit  solchen 
Zeichen  wechselten,  die  selbst  gar  nicht  ausgesprochen  wurden,  sondern 
als  sogenannte  Determinative  die  Aussprache  anderer  daneben  ge- 
schriebener Zeichen  regelten.  Die  phönikischen  Buchstaben,  22  au 
der  Zahl,  sind  aus  hieratischen  Zeichen  der  Aegypter,  also  ursprüng- 
lich aus  Hieroglyphenbildern  entstanden.  In  dieser  Annahme  sind  alle 
Sachkundige  einig,  höchstens  dass  Einer  den  Durchgang  durch  hiera- 
tische Zeichen  in  Abrede  stellend  die  phönikischen  Buchstaben  un- 
mittelbar aus  Hieroglyphen  ableiten  möchte.  War  nun  diese  Be- 
schränkung auf  einfachste  Lautelemente  in  so  geringer  Anzahl  schon 
ein  ^auz  gewaltiger  Schritt,  so  war  es  eine  zweite  wissenschaftliche 
That,  wie  man  wohl  sagen  darf,  den  Buchstaben  eine  bestimmte 
Reihenfolge  zu  geben,  aus  ihnen  ein  Alphabet  zu  bilden.  Die  Aegypter 
scheinen  allerdings  auch  hierin  ein  Vorbild  gewesen  zu  sein^).  Mariette 


1)  Für  das  Folgende  vergl.  insbesondere  F.  Lenormant,  Essai  stir  la  2y>'0- 
patjation  de  l'alphabet  plienicien.    Paris,  1872.    I,    101  flgg. 


]12         .  4.  Kapitel. 

hat  versucht  aus  Inchriftsaufängeu  eine  Reihenfolge  ägyptischer  Buch- 
staben herzustellen,  aber  wenn  seinem  Versuche  mehr  als  blosse 
Vermuthung  zu  Grunde  liegt,  so  war  diese  ägyptische  Anordnung 
sicherlich  eine  andere  als  die  der  Phöuikier  und  derjenigen  Völker, 
die  mit  ihnen  ein  Alphabet  besassen.  Phönikische  Buchstaben  in  der 
späteren  Ordnung  scheinen  bereits  auf  Thontafeln  aus  der  Bibliothek 
des  Assurbanipal  (668 — 625)  in  Ninive  vorzukommen.  Bei  den 
Hebräern  ist  die  Ordnung  für  die  Zeiten,  in  welchen  verschiedene 
Psalmen^)  gedichtet  wurden,  festgesichert,  denn  wenn  auch  nur  eine 
nach  unseren  Begriffen  zwecklose  Spielerei  mit  Schwierigkeiten,  Zufall 
kaim  es  doch  nicht  sein,  dass  die  Verse  dieser  Lieder  der  Reihe  nach 
mit  den  Buchstaben  des  Alphabets  beginnen,  darin  eine  entfernte 
Aehnlichkeit  mit  der  ersten  Verwendung  des  griechischen  Alphabets 
zur  Nummerirung  der  homerischen  Gesäuge  bietend,  auf  welche  wir 
oben  anspielten.  Noch  eine  andere  Sicherung  der  Reihenfolge  des 
hebräischen  Alphabets  gibt  das  sogen,  Athbasch,  welches  sicherlich 
der  babylonischen  Gefangenschaft  angehört").  Es  besteht  darin,  dass 
die  22  Buchstaben  in  zwei  Reihen  geordnet  über  einander  stehen, 
der  letzte  Buchstabe  n  über  dem  ersten  Ü,  der  vorletzte  TU  über  dem 
zweiten  2  u.  s.  w.  Diese  vier  Buchstaben  je  zwei  und  zwei  zusammen- 
gelesen lauten  eben  Athbasch.  Der  Zweck  dieser  Anordnung  war 
eine  Geheimschrift  zu  liefern,  indem  jedesmal  statt .  eines  eigentlich 
anzuschreibenden  Buchstabens,  der  im  Athbasch  über  beziehungsweise 
unter  ihm  stehende  gesetzt  wurde.  Jedenfalls  musste  also  damals 
auch  schon  die  gewöhnliche  Ordnung  der  nämlichen  Buchstaben  er- 
funden sein.  Wir  sagen  „erfunden",  denn  l)ei  der  vollendeten  Princip- 
losigkeit  der  Anordnung  ist  von  einem  inneren  Gesetze  derselben, 
welches  nur  entdeckt  zu  werden  brauchte,  gewiss  keine  Rede.  War 
die  Buchstabeufolge  eine  willkürliche,  eine  vielleicht  erst  nachträg- 
lich eingeführte,  nachdem  die  Buchstaben  als  solche  bereits  bestanden, 
so  ist  vermuthlich  wieder  ein  besonderer  Akt  der  Erfindung  nothwendig 
gewesen,  um  die  geordneten  Buchstaben  mit  Zahlen werthen  zu  ver- 
sehen. Zwei  Thatsachen  stimmen  namentlich  zu  dieser  Vermuthung. 
Die  eine,  dass  auf  keiner  der  zahlreichen  phönikischen  oder  punischen 
Inschriften,  auf  keiner  Papyrushandschrift  sich  eine  Spur  einer 
alphabetischen  Zifferrechnung   gefunden  hat^);  die  andere,    das  ijoth- 


')  Psalm  111,  112,  119,  auch  die  Klagelieder  des  Jeremias  fangen  in  auf- 
einander folgenden  Versen  mit  den  aufeinander  folgenden  Buchstaben  des 
Alphabets  an.  *)  Herzog's  Realencyklopädie  für  protestantische  Theologie 
und  Kirche  VII,  205  und  XIV,  17.  ^)  Diese  Thatsache  ist  für  Mathematiker 
zuerst  beiHankel  S.  34  hervorgehoben  und  damit  ein  lange  Zeit  fortgeschleppter 
Irrtlium  beseitigt. 


Die  Griechen.     Zahlzeichen.     Fingerrechnen.     Rechenbrett.  113 

wendige  Seitenstück  zur  ersten  bildend ,  dass  eine  nichtalphabetisclie 
Zahlenbezeiclinung  der  Phönikier  bekannt  ist. 

Die  Phönikier  schrieben  entweder  die  Zahlwörter  aus,  oder  sie 
bedienten  sich  gewisser  Zeichen,  die  den  Grundgedanken  der  Juxta- 
position,  vielleicht  wechsebid  mit  dem  der  Multiplikation,  zur  An- 
wendung brachten^).  Eins  bis  neun  wurde  nämlich  durch  ebensoviele 
senkrechte  Striche  dargestellt.  Zehn  war  meistens  ein  wagrechter 
Strich,  der  aber  auch  in  mehr  oder  weniger  nach  oben  gekrümmter 
oder  einen  Winkel  bildender  Form  vorkommt.  Die  Zahlen  11  bis  19 
wurden  durch  Juxtaposition  eines  Horizontalstriches  mit  Vertikal- 
strichen geschrieben,  von  welchen  gejuäss  der  von  rechts  nach  links 
zu  lesenden  phönikischen  Schrift  dem  Gesetze  der  Grössenfolge  ge- 
horchend der  Horizontalstrich  am  weitesten  rechts  sich  befindet. 
Das  nun  folgende  20  ist  durch  zwei  Horizontalstriche  darzustellen, 
die  aber  nicht  bloss  parallel  übereinander  gezeichnet  wurden,  sondern 
auch  schrägliegend  und  verbunden  ^,  oder  gar  zu  einer  Gestalt  N 
oder  A  sich  veränderten.  Jedenfalls  trat  es  jetzt  als  einfaches  neues 
Zeichen  in  Gebrauch,  ein  Vigesimalsystem  in  der  Schrift  einleitend. 
Ein  letztes  neues  Zeichen  kam,  so  weit  die  Inschriften  bis  jetzt  er- 
geben haben,  durch  100  hinzu  <|  oder  j  |ol,  was  wohl  als  liegende 
zehn  zwischen  zwei  Einern  zu  denken  ist,  die  in  dieser  Vereinigung 
eine  verzehnfachende  Wirkung  üben,  eine  auffallende  Erscheinimg, 
welche  aber  auch  nicht  ganz  vereinzelt  dasteht,  vielmehr  in  der 
römischen  Zahlenbezeichnung  ein  Analogon  besitzt. 

Die  phönikischen  Inschriften,  welchen  diese  Zeichen  entnommen 
sind,  reichen  bis  auf  viele  Jahrhunderte  vor  Christi  Geburt  zurück. 
Die  Zeichen  unterscheiden  sich  aber  nicht  sehr  von  anderen,  welche 
vom  Jahre  2  an  bis  zur  Mitte  des  HL  S.  in  Palmyra,  dem  heutigen 
Tadmor  mitten  in  der  syrischen  Wüste,  in  Gebrauch  waren-).  Die 
Hauptverschiedenheit,  abgesehen  von  Abweichungen  in  den  Formen 
für  10  und  20,  besteht  darin,  dass  ein  Zeichen  für  fünf  in  der  Ge- 
stalt y  hinzugekommen  ist  und  dass  bei  den  Hunderten  das  multi- 
plikative  Verfahren  durchgeführt  ist.  Das  Zeichen  für  10  wird  nämlich 
hier  zu  100,  indem  nur  einseitig',  und  zwar  rechts  ein  nach  dem  Ge- 
setze der  Grössenfolge  sonst  unverständlicher  Einheitsstrich  ihm  bei- 
gegeben ist,  und  gleicherweise  werden  200,  300  u.  s.  w.  geschrieben, 
indem  die  Zeichen  2,  3  u.  s.  w.  sich  rechts  von  dem  für  10  befinden. 


')  Adalb.  Merx,  Grammatica  Hijriaca.  Heft  1.  Halle,  1867.  Tabelle  zu 
pag.  17.  ^)  Ueber  palmyrenische  Zahlzeichen  vergl.  Math.  Beitr.  Kulturl.,  S.  254. 
Zu  den  dort  angegebenen  Quellen  tritt  hinzu  ein  Aufsatz  aus  dem  Nachlasse 
von  E.  F.  F.  Beer  mit  Erläuterungen  von  M.  A.  Levy  in  der  Zeitschr.  d.  morgenl. 
Gesellsch.  XVIII,  65-117,  besonders  S.  115. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik  I.    2.  Aufl.  8 


114  4.  Kapitel. 

Das  eben  beschriebene  Zeichen  von  100  nebst  links  folgendem  10 
heisst  dann  natürlich  110,  wird  aber  zum  Zeichen  von  1000,  wenn 
noch  ein  horizontaler  Deckstrich  darüber  kommt. 

Wieder  als  Varianten  der  palmyrenischen  Zeichen  sind  solche  zu 
betrachten,  welche  in  syrischen  Handschriften  des  VI.  und  VIT.  S. 
aufgefunden  worden  sind^).  Eine  kleine  Merkwürdigkeit  bieten  sie 
insofern  dar,  als  hier  eine  Abweichung  vom  Gesetze  der  Grössen- 
folge  vorkommt.  Während  nämlich  1  durch  einen  Vertikal  strich, 
2  durch  zwei  unten  im  Bogen  zusammenhängende  Vertikalstriche  |u 
dargestellt  wird,  sollte  3  von  rechts  nach  links  so  geschrieben 
werden,  dass  an  die  2  eine  1  sich  anfügte.  Statt  dessen  steht  rechts 
die  1  und  links  davon  die  2,  während  im  Uebrigen  das  oft  genannte 
Gesetz  befolgt  wird. 

Der  Regel  nach  benutzten  die  Syrer  allerdings  die  (S.  111)  kurz 
erläuterte  Buchstabenbezeichnung^).  In  einer  freilich  verhältnissmässig 
späten,  jedenfalls  so  späten  Zeit,  dass  von  Anfängen  einer  Bezeich- 
nungsweise unter  keiner  Bedingung  die  Rede  sein  kann,  bedienten 
sie  sich  der  22  Buchstaben  ihres  Alphabetes,  um  der  Reihe  nach  die 
neun  Einer  (1  bis  9),  die  neun  Zehner  (10  bis  90)  und  die  vier 
ersten  Hunderter  (100  bis  400)  zu  bezeichnen.  Die  folgenden  Hunderter 
wurden  durch  Juxtaposition  gewonnen:  500  =  400  -|-  100,  600  == 
400  -f  200,  700  =  400  -f-  300,  800  =  400  +  400,  900  =  400  +  400  + 
100  oder  durch  die  Buchstaben,  welche  vorher  schon  50  bis  90  be- 
zeichnet hatten  und  über  die  man  zur  Verzehnfachung  ein  Pünktchen 
setzte.  Tausende  schrieb  man  durch  Einer  mit  unten  rechts  ange- 
fügtem Komma.  Zehntausendfachen  Werth  ertheilte  den  Einern  und 
Zehnern  ein  kleiner  darunter  verlaufender  Horizontalstrich.  Ver- 
millionfacht  endlich  wurde  der  Werth  eines  Buchstaben  durch  doppeltes 
Komma,  d.  h.  also  durch  Vertausendfachung  des  schon  Tausendfachen. 
Zur  grösseren  Deutlichkeit  pflegte  man  von  diesen  beiden  Komma 
das  eine  von  links  nach  rechts,  das  andere  von  rechts  nach  links  zu 
neigen.  Auch  Brüche  kommen  bei  dieser  Bezeichnung  vor  und  zwar, 
wie  es  scheint,  Stammbrüche,  welche  ähnlich  wie  bei  den  Aegyptern 
nur  durch  die  Zahl  des  Nenners  geschrieben  wurden,  während  ein 
von  links  nach  rechts  geneigtes  accentartiges  Strichelchen  darüber  sie 
als  Brüche  kenntlich  machte. 

Der  syrischen  Buchstabenbezeichnung  der  Zahlen  ist  wieder  die 
der  Hebräer  sehr  nahe  verwandt.  Wann  dieselbe  entstand,  ist  eine 
noch    ziemlich    offene  Frage.     Auf  hebräisch    geprägten    Münzen    ist 


^)  Auch  diese  Zeichen  sind  besprochen  Math.  Beitr.  Kulturl.  2.56.     *)  Merx, 
Grammatica  Syriaca  pag.  14  flgg. 


Die  Griechen.     Zahlzeichen.     Fingerrechnen.     Rechenbrett.  115 

niclit  früher  als  137  v.  Chr.  alphabetische  Bezeichnung  der  Zahlen 
nachweisbar^).  Eine  derartige  Zahlendarstellung  findet  sich  ebenso- 
wenig unmittelbar  in  den  Büchern  des  alten  Testamentes.  Nur  ihre 
Anwendung  zur  Gematria  bezeugt  ihr  Vorhandensein,  und  wenn  diese 
Avirklich  bis  zum  VII.  Jahrhundert  hinaufreicht  (S.  97),  so  ist  das 
hebräische  Volk  dasjenige,  bei  welchem  die  älteste  Spur  des  Zahlen- 
alphabetes vorkommt,  während  im  entgegengesetzten  Falle  Griechen 
auf  die  Priorität  die  gerechtesten  Ansprüche  haben  und  man  alsdann 
anzunehmen  hätte,  es  sei  von  den  Griechen  wieder  nach  Osten  die 
Erfindung  zurückgekehrt.  So  sehr  diese  Annahme  der  landläufigen 
vielleicht  aus  dem  Alter  der  biblischen  Schriften  entstandenen  Mei- 
imng  widerspricht,  wird  man  sich  doch  zu  ihr  bequemen  müssen'-). 
An  jene  durch  Gematria  zu  erklärende  Stelle  bei  Sacharja  zu  glauben, 
haben  wir  schon,  als  wir  sie  im  3.  Kapitel  erwähnten,  Bedenken 
getragen.  Gesicherte  Spuren  von  Gematria  finden  sich  nicht  vor 
Philo  von  Alexandrien  im  ersten  nachchristlichen  Jahrhunderte. 
Das  Wort  Gematria  ist  kaum  anders  zu  erklären  als  durch  Buch- 
stabenverstellung aus  yga^aarBia,  und  damit  wäre  der  griechische 
Ursprung  des  Namens  wenigstens  gesichert.  Benutzung  des  griechi- 
schen Zahlenalphabetes  auf  Münzen  von  Ptolemaeus  II  Philadelphus 
geht  zurück  bis  266  v.  Chr.,  ist  also  um  130  Jahre  älter  als  das 
älteste  hebräische  Vorkommen.  Diese  Umstände  vereinigt  sprechen 
dafür,  die  Erfindung  des  eigentlichen  Zahlenalphabetes  nach 
Alexandrien  zu  verweisen,  und  die  Erfindungszeit  etwa  auf  das 
Jahr  300  zu  bestimmen,  rund  zwei  Jahrhunderte  nach  Einführung  der 
ionischen  Schrift  (S.  111)  und  annähernd  gleichzeitig  mit  Euklid. 
Das  hebräische  Alphabet  von  22  Buchstaben  reichte  gleich  dem 
syrischen  bis  zur  Bezeichnung  von  400.  Für  die  höheren  Hunderte 
half  man  sich  wieder  durch  Zusammensetzungen.  Später  kam  mau 
auf  eine  andere  Aushülfe.  Fünf  Buchstaben  des  hebräischen  Alpha- 
betes, diejenigen  nämlich,  welche  den  Zahlenwerthen  20,  40,  50,  80, 
90  entsprechen,  besitzen  zweierlei  Gestalt,  je  nachdem  sie  am  Anfange 
beziehungsweise  in  der  Mitte  eines  Wortes  auftreten,  oder  an  dessen 
Ende,  eine  Eigenthümlichkeit,  welche  mehrere  orientalische  Schrift- 
arten mit  der  hebräischen  theilen  und  wovon  auch  die  sogen,  gothische 
Schrift  in  f  und  0  ein  Beispiel  aufweist.  Die  fünf  Finalbuchstaben 
nun  benutzte  man,  um  die  Hunderte  von  500  bis  900  darzustellen 
und   hatte  nun  die   Möglichkeit   der  Darstellung   sämmtlicher  Zahlen 


^)  Nach  einer  Mittheilung  von  Dr.  Euting  an  Hankel,  die  dieser  S.  34 
seines  Geschichtswerkes  angeführt  hat.  ^)  Gow,  A  short  historj^  of  greek  mathe- 
matics.     Cambridge,  1884,   pag.  43 — 48,  hat  die  Beweisgründe  zusammengestellt. 

8* 


116  4.  Kapitel. 

bis  zu  999.  Bei  einer  Zahl,  bei  15,  benutzte  man  nicbt  die  natur- 
gemässe  Bezeichnung  10  -|-  5,  sondern  sehrieb  statt  ihrer  9  -{-  6.  Der 
Grund  davon  war^,  dass  die  Buchstaben  für  10  und  5  «T»  den  Anfang 
des  heihgeu  Namen  Jehova  bilden,  der  nicht  entweiht  werden  darf 
durch  mmöthiges  Aussprechen  oder  Schreiben^).  Um  die  Tausende 
zu  bezeichnen  kehrte  man  wieder  zum  Anfange  des  Alphabetes  zurück, 
indem  jeder  Buchstabe  durch  zwei  über  ihn  gesetzte  Punkte  den 
tausendfachen  Werth  erhielt,  und  so  war  es  möglich  alle  Zahlen  unter- 
halb einer  Million  zu  schreiben,  womit  die  Schreibart  in  Zeichen  über- 
haupt abschliessen  mochte,  wie  es  unseren  früheren  Bemerkungen 
(S.  79)  entsprechend  auch  mit  dem  genauen  Zahlenbegriff  der  Fall 
war.  Dass  die  Hebräer  von  rechts  nach  links  schrieben,  dass  ab- 
gesehen von  dem  Falle  geheimnissvoll  erscheinen  wollender  Gematria, 
welche  als  Zahlenschreiben  im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes  kaum 
betrachtet  werden  kann,  das  Gesetz  der  Grösseufolge  eingehalten 
wurde,  braucht  kaum  gesagt  zu  werden.  Eben  dieses  Gesetz  ge- 
stattete die  vertausendfachenden  Pünktchen  oft  wegzulassen,  wenn 
die  Reihenfolge  der  Zahlen  die  Bedeutuno-  derselben  schon  ausser 
Zweifel  stellte.  Der  Buchstabe  für  1  i<  z.  B.  konnte  dem  für  5  n 
in  regelmässiger  Zahlenbezeichnung  nicht  vorhergehen,  wohl  aber  um- 
gekehrt. Deshalb  schrieb  man  5001  nur  durch  i?n,  dagegen  1005 
durch  nb?  oder  durch  Hi?.  Da  ferner  12  =  40,  7\  =  800  war,  so 
konnte  5845  =  ITaCin  geschrieben  werden.  Die  letztere  Zahl,  die 
Anzahl  der  Verse  im  ganzen  Gesetze,  wurde  von  den  Masoreten, 
deren  Thätigkeit  freilich  erst  im  VIII.  S.  n.  Chr.  abschloss,  sogar 
n^nn  geschrieben-),  indem  n,  das  Zeichen  für  8,  einen  höheren 
Rang  als  das  nachfolgende  12,  zugleich  einen  niedrigeren  als  das  vor- 
hergehende durch  die  Stellung  selbst  vertausendfachte  n  besitzen 
musste  und  daher  nur  800  bedeuten  konnte.  Die  Verwechslung  von 
Zahlen  mit  Wörtern  Avar  in  der  hebräischen  Schrift,  die  fast  regel- 
mässig die  Vokale  wegliess  und  deren  Ergänzung  dem  Leser  übertrug, 
ungemein  leicht.  Sollte  also  eine  Zahl  als  solche  sofort  erscheinen, 
so  war  ein  Unterscheidungszeichen  nothwendig.  Dasselbe  bestand 
darin,  dass  man  über  den  letzten  Zahlbuchstaben  zwei  Häkchen 
machte,  oder  auch  diese  Häkchen  zwischen  dem  letzten  und  vorletzten 
Zahlbuchstaben  anbrachte.  Bei  vier-  oder  gar  mehrstelligen  Zahlen 
wurden  die  Häkchen  öfter  wiederholt. 

Wir    kehren    nach    diesen    Einschaltungen    nach    Griechenland 


')  Ist  in  dieser  Schreibart  von  15  die  Veranlassung  zur  Gematria  bei 
Alexandrinischen  Juden,  oder  nur  das  einfachste  Beispiel  derselben  zu  erken- 
nen?    '•')  Nesselmann,  Die  Algebra  der  Griechen.     Berlin,  1842,  S.  494. 


Die  Griechen.     Zahlzeichen.     Fingerrechnen.     Rechenbrett.  117 

zurück,  bei  dieser  Rückkehr  beiläufig  erwähnend,  dass  die  Gematria, 
die  synibolisirende  Buchstabenverbinduiig  zu  Wörtern  mit  Zahlenwerth, 
sich  auch  bei  späteren  Griechen  einheimisch  machte.  Die  Zahl  666 
der  Apokalypse  z.  B.,  welche,  wie  jetzt  wohl  kein  Fachmann  mehr 
bezweifelt,  aus  dem  Hebräischen  stammt  und  "ipp  "in:  (Nerun  Kesar) 
bedeutet,  wurde  von  Irenäus,  dem  berühmten  Kirchenlehrer  des  IL  S., 
als  yjarsivog  gelesen  und  erklärt. 

Die  Zahlenwerthe  der  griechischen  Buchstaben  hier 
genauer  zu  erörtern,  möchte  so  ziemlich  allen  unseren  Lesern  gegen- 
über überflüssig  sein.  Wir  begnügen  uns  daran  zu  erinnern,  dass  in 
dem  zur  Zahleuschreibung  dienenden  Alphabet  alterthümliche  Buch- 
staben, die  sogen.  Episemen,  noch  einen  Platz  einnehmen,  Avelche 
unter  den  Buchstaben  der  Griechen  als  solchen  abhanden  gekommen 
waren').  Die  Buchstaben  alpha  bis  sanpi  genügten  in  ihrer  Ver- 
bindung zur  Darstellung  der  Zahlen  1  bis  909,  wobei  ein  darüber 
befindlicher  Horizontalstrich  die  Zahlen  als  solche  kennzeichnete  und 
der  Verwechslung  mit  Wörtern  vorbeugen  sollte.  Die  Tausende  schrieb 
man  mittels  der  9  Einheitsbuchstaben,  a  bis  0-,  denen  man  zur  Linken 
einen  in  Kommagestalt  geneigten  Strich  beifügte.  Mitunter  wurde, 
ähnlich  wie  der  vertausendfachende  Punkt  der  Hebräer,  das  den  gleichen 
Zweck  erfüllende  Komma  der  Griechen  unter  gleichen  Voraussetzungen 
weggelassen,  nämlich  wenn  die  Stellung  vor  einem  Buchstaben,  dem 
an  und  für  sich  ein  höherer  Zahlenwerth  eigenthümlich  war,  die 
Nothwendigkeit  ergab  um  des  Gesetzes  der  Grössenfolge  willen  das 
betreffende  Zahlzeichen  tausendfach  zu  lesen.  Allerdings  ist  auch 
bei  den  Griechen  ein  Abweichen  von  dem  Gesetze  der  Grössenfolge 
nachgewiesen  worden  ^j.  Nicht  bloss  dass  in  Sicilien  der  Sprach- 
gebrauch die  kleinere  Zahl  der  grösseren  vorausgehen  liess  [z.  B. 
rsööaoa  revQaxoüia  e^ciy.iGj(^iha  nevTccxiöuvQia  rälavxa  =  56404  Ta- 
lente], dass  bei  asiatischen  Griechen  die  gleiche  Uebung  herrschte, 
man  hat  sogar  Inschriften  gefunden,  bei  welchen  Grössenfolge  nach 
beiden  Richtungen  mit  einander  wechselt^),  z.  B.  srovg  t,vq)  vtisq- 
ßsQsrcciov  LS  =  am  15.  des  Monats  Hyperberetaion  im  seleucidischen 
Jahre  557.  Zehntausend  wurde  als  Myriade  durch  Mr.  oder  durch 
M.  bezeichnet.  Bei  Vielfachen  von  1 0  000  konnte  der  vervielfachende 
Coefficient  eine  dreifache  Stellung  einnehmen,  lijiks  vor,  rechts  nach 
oder   über    dem   M.     Im    ersten  Falle   wurde   ili.    auch    wohl    durch 

^)  Vergl.  Ä..  Kirchhoff,  Studien  zur  Geschichte  des  griechischen  Alphabets. 
3.  Auflage.  Berlin,  1877.  -)  J.  Woisin,  De  Graecorum  notis  numeralibus 
(Leipziger  Doctordissertation  in  Kiel  1886)  pag  15—16.  '■^)  Corpus  Inscriptionum 
Graecorum  (ed.  Boeckh)  Vol.  111.  (Berlin,  1853)  No.lölG.  Vcrgl.  auch  No.  4503, 
4518,  451t). 


118  4.  Kapitel. 

einen  einfachen  Punkt  vertreten,  welcher  aber  nicht  weggelassen 
werden  durfte,  weil  die  blosse  Stellung,  wie  wir  erst  bemerkt  haben, 
nur  vertausendfachte.  Es  bedeutete  demnach  ßco^cc  stets  2831,  ß.oXa 
dagegen  20831. 

Man  hat  verschiedentlich  die  Behauptung  aufzustellen  versucht, 
den  Griechen  sei,  und  zwar  in  alter  Zeit,  ein  Zahlzeichen  für  Nichts, 
mithin  eine  wirkliche  Null  zu  eigen  gewesen.  Man  hat  zu  diesem 
Zwecke  auf  astronomische  Werke  des  Ptolemäus  und  des  Theon  von 
Alexandria,  man  hat  auf  eine  Steininschrift  der  Akropolis  zu  Athen, 
man  hat  auf  einen  Palimpsest  im  Vatican  hingewiesen.  Aber  alle 
diese  Hinweise  sind  durchaus  nichtig;  von  einer  Null  ist  an 
keiner  dieser  Stellen  die  Rede^). 

Brüche  kommen  bei  griechischen  Schriftstellern,  insbesondere 
bei  Mathematikern,  häufig  vor.  Die  Bezeichnung  erfolgt  im  All- 
gemeinen so,  dass  man  zuerst  die  Zähler  hinschrieb  und  dieselben 
mit  einem  Accente  rechts  oben  versah,  dann  die  Nenner,  denen  ein 
doppelter  Accent  beigefügt  wurde  und  die  zweimal  geschrieben  wurden. 

f  17 

Z.  B.  it'  xa"  oia"=  —.    Hatte  man  es  mit  Stammbrüchen  zu  thun,  so 
'  21  ' 

blieb    der  Zähler   a    als    selbstverständlich    weg,    und   die    einmalige 

Schreibung   des   Nenners   genügte.      Ohne   weitere  Bemerkung  neben 

einander  geschriebene  Stammbrüche  sollten  durch  Addition  vereinigt 

werden.  Z.  B.  ö"  =  —  und  t,"  arj"  giß"  6xd"=  y  +  §8  +  112  + 
— -  =  -— -.     Zwei  besondere  Bezeichnungen  sind  bemerkenswerth :  - 

224         224  °  2 


sigma  c  angedeutet  und   dieses  vereinigt  sich   mit  5"=  -     zu  einem 

112 
neuen    dem    omega    ähnlichen    Zeichen    uj"    um   --  +  "^  =  y    ^^^^' 

schreiben^). 

Die  Frage,  wie  man  dazu  kam  an  Stelle  einer  anderen  schon 
vorhandenen  Bezeichnungsweise  von  Zahlen  die  neue  alphabetische 
Methode  einzuführen,  verdient  wohl  gestellt  zu  werden  und  ist  auch, 
wenn  gleich  nicht  häufig,  gestellt  worden^).  So  mächtig  wirkt  bei 
den  meisten  Geschichtsschreibern  die  Gewohnheit  das  geschichtlich 
nach  einander  Auftretende  als  Fortschritt  aufzufassen,  dass  man  auch 
hier  einem  Fortschritte  gegenüberzustehen  wähnte,  und  die  Einführung 

^)  Math.  Beitr.  Kulturl.,  S.  121  ügg.  Wichtige  Ergänzungen  zu  unseren 
Angaben  über  den  Palimpsest  bei  Hultsch,  Scriptorcs  metrologici  Graeci. 
Leipzig,  1864.  Vorrede  pag.  V — VI.  -)  Ueber  Brüche  vergl.  Hultsch,  1.  c, 
pag.  173— 175.  ")  Heinr.  Stoy,  Zur  Geschichte  des  Rechenunterrichtes  I.  Thcil. 
Jenaer  Inauguraldissertation  1876,  S.  25. 


Die  Griechen.     Zahlzeichen.     Fingerrechnen.     Rechenbrett.  119 

eines  solchen  bedarf  keiner  besonderen  Erklärung.  Statt  eines  Fort- 
schrittes haben  wir  es  aber  hier  mit  einem  entschiedenen  Rück- 
schritte zu  thim,  insbesondere  was  die  Fortbildungsfähigkeit  der 
Ziifernschrift  betrifft.  Vergleichen  wir  die  älteren  herodianischen 
Zahlzeichen  mit  den  späteren,  für  welche  wir  schon  wiederholt  den 
Namen  alphabetischer  Zahlzeichen  gebraucht  haben,  so  erkennen  wir 
bei  letzterem  zwei  Uebelständc,  die  dem  ersteren  nicht  anhaften.  Es 
mussten  jetzt  mehr  Zeichen  und  deren  Werth  dem  Gedächtnisse  an- 
vertraut werden,  es  musste  auch  das  Rechnen  eine  viel  angespanntere 
Gedächtnissthätigkeit  in  Anspruch  nehmen.  Die  Addition  AAZl  -j- 
AAAz:i  =  nAA(30  +  40=--70)konntemitderHHH  +  HHHH  = 
hI  H  H  (300  -f-  400  =  700)  in  einen  Gedächtnissakt  zusammenschmelzen, 
sofern  drei  und  vier  Einheiten  derselben  Art  zu  fünf  und  zwei  Ein- 
heiten gleicher  Art  sich  vereinigten.  Dagegen  war  mit  X  -|-  )u  =  o 
noch  keineswegs  t  -}-  u  =  v|(  sofort  mitgegeben!  Nur  einen  einzigen 
Vorzug  bot  die  neue  Schreibweise  der  alten  gegenüber,  der  sich 
zeigt,  wenn  man  die  schriftliche  Darstellung  nach  ihrer  Raumaus- 
ausdehnung vergleicht.  Man  beachte  z.  B.  849,  welches  herodianisch 
P'HHHAAAAnilll,  alphabetisch  uj|.ie  aussieht.  Jenes  ist  durch- 
sichtiger, gewährt  beim  Rechnen  die  wichtigsten  Vortheile;  dieses 
ist  unverhältnissmässig  viel  kürzer,  und  so  werden  wir  auf  diesem 
den  Vermuthungen  allein  preisgegebenen  dunkeln  Gebiete  wohl  kaum 
einen  Fehlgriff  thun,  wenn  wir  die  Meinung  aussprechen,  nicht 
Rechner,  sondern  Schreiber  haben  die  alte  breite  Zahleubezeichnung 
um  der  neuen  willen  im  Stich  gelassen,  und  weil  es  in  der  grossen 
Menge  der  Bevölkenmg  mehr  Schreiber  gab  als  Rechner,  die  zugleich 
auch  Schreiber  waren,  hat  die  neue  alphabetische  Methode  so  rasch 
und  allgemein  sich  Eingang  verschafft. 

Wir  sind  mit  diesen  Bemerkungen  bereits  über  die  Besprechung 
des  Zahlenschreibens  bei  den  Griechen  hinausgegangen  und  zu  deren 
Zahlenrechnen  gelangt.  Wieder  begegnen  uns  hier  die  beiden 
Rechnungs verfahren,  denen  wir  allgemein  menschliche  Verbreitung 
zuerkannt  haben:  das  Finger  rechnen  und  das  Rechnen  auf 
einem  Rechenbrette. 

Spuren  des  ersteren  sind  mancherlei  vorhanden^).  Es  mag  ja 
zu  weit  gegangen  sein  für  dasselbe  auf  eine  Stelle  des  Herodot  sich 
zu  beziehen,  wo  einer  an  den  Fingern  die  Monate  abrechnet").  Auch 
dass  in  homerischer  Sprache  Rechnen  ■Kh^näi.uv ,  d.  h.  wörtlich  „ab- 
fünfen"  heisst,  mag  von  geringerer  Tragweite  erscheinen.     Aber  eine 


*)  Stoy,  1.  c,  S.  35  Anmerkg.  4,  S.  44  Anmerkg.  3.      -)  Herodot  YI,  63 
und  65. 


120  4-  Kapitel. 

Stelle  der  Wespen  des  Aristopliaues ^)  bezeugt,  dass  man  Ueber- 
sclilagsreehnungen  an  den  Fingern  auszuführen  pflegte.  Wie  die 
Griechen  alter  Zeit  dabei  verfuhren,  ist  nicht  bekannt.  Die  Wahr- 
scheinlichkeit spricht  dafür,  dass  ähnliche  Grundsätze  der  Finger- 
bedeutung gegolten  haben  mögen  wie  in  späterer  Zeit,  aber  eine 
Sicherheit  liegt  keineswegs  vor.  Wir  wünschen  daher  nicht  durch 
Vorgreifen  den  Anschein  einer  solchen  Sicherheit  hervorzurufen,  und 
versparen  uns  die  Darstellung  spätgriechischer  Fingerrechnung  bis 
zum  Schlüsse  dieses  ganzen  griechischen  Abschnittes,  wo  eine  er- 
haltene byzantinische  Schrift  über  den  Gegenstand  uns  nöthigende 
Veranlassung  geben  wird  darauf  einzugehen. 

Das  Rechnen  auf  einem  Rechenbrette  in  Griechenland  bezeugt 
uns  Herodot  durch  dieselbe  Stelle'^),  deren  wir  uns  zum  Beweise  des 
gleichen  Verfahrens  in  Aegypten  schon  bedient  haben  (S.  49).  Wir 
hoben  dort  bereits  hervor,  dass  die  Kolumnen  des  Brettes  gegen  den 
Rechner  senkrecht  gezogen  sein  mussten  und  werden  dafür  noch 
anderweitige  Gründe  weiter  unten  angeben.  Die  auf  dem  Rechenbrette 
Verwendung  lindenden  Steinchen  hiessen  xl^iqcpoi.  Sie  wurden,  wie  aus 
der  Stelle  in  den  Wespen  des  Aristophanes  hei'vorgeht,  auch  in  dessen 
Zeit  zum  genauen  Rechnen  benutzt,  und  die  Verbreitung  dieses  Ver- 
fahrens wird  ersichtlich  aus  dem  Worte  xprjcptXitv,  mit  Steinchen  han- 
tiren,  welches  allgemein  für  das  Rechnen  eintritt.  Auch  das  Brett, 
auf  welchem  gerechnet  wurde,  bekam  einen  besonderen  Namen  äßa^. 
Allein  gleich  bei  diesem  Namen  Abax  beginnen  die  Streitfragen, 
welche  sich  mehr  und  mehr  häufen,  je  weiter  die  Geschichte  der 
Entwicklung  des  Rechenbrettes  fortschreitet.  Man  hat  nämlich  das 
Wort  äßa^  bald  dem  semitischen  pDi?  Staub  verglichen  und  Staub- 
brett übersetzt,  bald  hat  man  den  Stamm  ßaa  mit  verneinendem  a 
zu  einem  Worte  vereinigt,  dem  die  Bedeutmig  des  Nichtgehenkönnens, 
des  Fusslosseins  innewohnt'^).  Die  letztere  Ableitung  stützt  sich 
vorwiegend  auf  die  nicht  in  Zweifel  zu  stellende  Anwendung  des 
Wortes  äßa^  und  ähnlich  klingender  Wörter  in  Bedeutungen,  welche 
an  Staub  in  keiner  Weise  zu  denken  gestatten.  So  hiess  eine  Art 
von  Würfelbrett,  ein  rundes  Körbchen  ohne  Untergestell,  eine  runde 
Platte  cißa^  und  dergleichen  mehr.  Noch  eine  dritte  Ableitung  lässt 
aßa^  durch  verneinendes   a   von   ßcc^co   (ich   spreche)   abstammen;  es 


')  Ariatophanis  Vespae  656.  ^)  Herodot  II,  i36.  ^)  Für  die  erste  Ab- 
leitung Nesselmann,  Algebra  der  Griechen  S.  107,  Anmerkg.  5  und  Vincent 
in  Liouville's  Journal  des  MaÜicmatiques  W ,  275  Note  mit  Berufung  auf  Etiennc 
Guichart,  Harmonie  des  lanijues.  Für  die  letztere  Th.  II.  Martin,  Lcs  signcs 
numcraux  et  Varithmctiquc  chez  les  piuples  de  Vantiquite  et  du  moyen-age.  Rome, 
1864,  pag.  3i — 35  mit  zahlreichen  Quellenangaben. 


Die  Griechen.     Zahlzeichen.     Fingerrechnen.     Rechenbrett.  121 

sei  ein  RechneB,  bei  welchem  nicht  gesprochen  wird').  Die  erste 
Ableitung  dagegen  weiss  nur  einen  Grund  für  sich  anzugeben,  der 
durch  ein  Spiel  sprachlichen  Zufalles  sich  sehr  wohl  erklären  lässt: 
der  griechische  Abax  als  Rechenbrett  war  nämlich,  wenigstens  in 
einer  Form,  ein  wirkliches  Staubbrett-).  Wir  wissen  dieses  aus  ein^- 
Stelle  des  Jamblichus,  in  welcher  dieser  späte  Pythagoräer  erzählt, 
dass  der  Gründer  ihrer  Schule  die  Beweise  der  Arithmetik  wie  der 
Geometrie  auf  dem  Abax  geführt  habe,  was  nur  dann  verständlich 
ist,  wenn  auf  dem  Abax  Zahlzeichen  und  Linien  leicht  gezeichnet, 
leicht  verwischt  werden  konnten;  wir  wissen  es  deutlicher  aus  einer 
zweiten  Stelle  desselben  Jamblichus,  die  uns  ausdrücklich  sagt,  der 
Abax  der  Pythagoräer  sei  ein  mit  Staub  bedecktes  Brett  gewesen^). 
Auch  eine  Stelle  des  Eustathius  ist  damit  in  Uebereinstimmung, 
welche  den  Abax  als  den  Philosophen,  die  Figuren  auf  denselben 
zeichneten,  nützlich  rühmt ^).  Das  letztere  Zeugniss  gehört  freilich 
erst  dem  Ende  des  XII.  S.  an,  aber  bei  der  berühmten  Gelehrsamkeit 
des  Bischofs  von  Thessalonike,  der  sie  niederschrieb  und  dem  sicher- 
lich noch  Quellen  zugänglich  waren,  die  wir  nicht  mehr  kennen, 
nehmen  wir  ebensowenig  Anstand  dasselbe  zu  verwerthen,  wie  die 
oft  angerufenen  Zeugnisse  späterer  Lexikographen. 

Sollte  auf  dem  Abax  gerechnet  werden,  so  mussten,  wie  wir 
wissen,  auf  demselben  Abtheilungen  gebildet  werden,  deren  jede 
zwischen  zwei  Strichen  verlief,  oder  durch  einen  einzelnen  Strich  sich 
darstellte.  Die  Abtheilungen,  Kolumnen  nennt  man  sie  gemeiniglich, 
und  auch  wir  werden  mis  dieses  Ausdruckes  von  jetzt  an  ausschliess- 
lich bedienen,  waren  gegen  den  Rechner  senkrecht  gezeichnet.  Das 
geht  nächst  der  Stelle  bei  Herodot,  Avelche  wir  so  deuteten,  aus  einem 
Vasengemälde  hervor,  das  aus  griechischer  Vorzeit  auf  uns  gekommen 
ist.  Wir  meinen  diejenige  Vase,  welche  den  Alterthumsfreunden  als 
die  grosse  Dariusvase  in  Neapel  Avohl  bekannt  ist-').  Auf  dieser 
Vase  ist  ein  Rechner  gut  erkennbar,  der  auf  einer  Tafel  den  Tribut 
zu  buchen  scheint,  welcher  dem  Darius  dargebracht  wird.     Die  Tafel 


')  E.  Clive  Bayley  im  Journal  of  the  Eoyal  Äsiatic  Society,  new  scries, 
XIV,  369  (London  1882).  ^)  Als  Beispiel  sprachlicher  Zufälligkeiten  erinnern 
wir  an  das  englische  dcgree  und  das  arabische  daraga.  Beide  bedeuten  Grad 
(Winkeleintheilung),  sind  aber  nicht  entfernt  verwandten  Stammes  trotz  Gleich- 
lautes und  Bedeutungsgleichheit.  ^)  Jamblichus,  De  vita  Pythagorica  cap.  V, 
§  22  und  desselben  Exhortatio  ad  imilosophiam  Symbol.  XXXIV.  *)  Eustathius 
in  Odysseam  zu  Gesang  I,  verö.  107.  Vergl.  die  römische  Ausgabe  dieses 
Commentators  pag.  1397  lin.  50.  *)  Vergl.  eine  Abhandlung  von  F.  G.  Welcker 
in  dessen  Alte  Denkmäler  V,  319  flgg.  nebst  Tafel  XXIII.  Der  erste  Abdruck 
in  Gerhard'«  Archäologischer  Zeitung  1857,  S.  49 — 55,  Tafel  103. 


122  4.  Kapitel. 

ist  in  zu  dem  Rechner  senkreclite  mit  Ueberschriften  versehene  Ko- 
lumnen eingetheilt,  und  die  Ueberschriften  bestehen  aus  heriodiani- 
schen  Zahlzeichen.  Eben  dieses  Vasengemälde  ist  es,  welches  einen 
zuverlässigen  Beweis  persischen,  mithin  muthmasslich  auch  babylo- 
nischen Kolumnenrechnens  uns  liefern  würde,  wenn  wir  der  Gewiss- 
lieit  uns  hingeben  dürften,  dass  der  Künstler  nicht  aus  freier  Phan- 
tasie arbeitend  griechische  Gewohnheiten  ins  Ausland  übertrug,  ohne 
sich  darum  zu  kümmern,  ob  er  damit  der  Wahrheit  widersprach. 

Die  Kolumnen  hatten  den  Zweck,  den  zum  Rechnen  dienenden 
Marken  einen  in  verschiedenen  Kolumnen  verschiedenen  Stelluugs- 
werth  zu  verleihen.  Z^vei  Schriftsteller  bezeugen  uns  dieses.  Von 
Solon  wird  uns  der  Vergleich  mitgetheilt,  wer  bei  Tyrannen  Ansehen 
besitze,  sei  wie  der  Stein  bei  der  Rechnung;  bald  bedeute  dieser 
mehr,  bald  weniger,  und  so  achte  der  Tyrann  Jenen  bald  hoch,  bald 
gar  nicht  ^).  Desselben  Vergleiches  bedient  sich  Polybios,  der  arka- 
dische Geschichtsschreiber,  welcher  203  —  121  lebte,  und  gebraucht 
dabei  einen  nicht  unwichtigen  Ausdruck.  Er  sagt  nämlich,  die  Marken 
auf  dem  Abax  gelten  nach  dem  Willen  des  Rechnenden  bald  einen 
Chalkus,  bald  ein  Talent-). 

Die  Bedeutsamkeit  grade  dieser  von  Polybios  genannten  gegen- 
sätzlichen Werthe  erkennen  wir  in  ihrer  Uebereinstimmung  mit  den 
End wertheu  niedersten  und  höchsten  Ranges,  welche  auf  einem  er- 
haltenen griechischen  Denkmale,  auf  der  Tafel  von  Salamis  an- 
gegeben sind.  Damit  ist  nämlich  entweder  eine  annähernde  Datirung 
jener  ihrem  Alter  nach  bis  jetzt  ganz  unbestimmbaren  Marmortafel 
ermöglicht  oder  man  hat  die  für  langdauernde  Uebung  Zeugniss  ab- 
legende Erhaltung  genau  derselben  Abtheilungszahl  vor  sich.  Die 
Salaminische  TafeP)  von  Marmor  1,5  m  lang,  0,75  m  breit  wurde  zu 
Anfang  des  Jahres  1846  auf  der  Insel,  deren  Namen  sie  führt,  auf- 
gefunden. Sie  war  der  Grösse  ihrer  Abmessungen,  dem  Gewichte 
des  Materials,  der  durch  beide  vereinigten  Umstände  erhöhten  Un- 
beweglichkeit  zufolge,  sicherlich  keine  gewöhnliche  Rechentafel.  Wir 
haben  vielmehr  entweder  an  den  Geschäftstisch  eines  öffentlichen 
Wechslers  zu  denken,  deren  es  in  Griechenland  bereits  gab,  oder  an 
eine  Art  von  Spielbrett  mit  zur  Verrechnung  von  Gewinn  und  Ver- 
lust vorgerichteten  Kolumnen.  Die  Einrichtung  war  nämlich  allem 
Anscheine  nach  die,  dass  jedem  der  beiden  Spieler,  beziehungsweise 
Rechner,  fünf  Hauptkolumnen,  je  zwischen  zwei  Striche  eingeschlossen, 
imd  vier  Nebenkolumnen    zur  Verfügung    standen.     Erstere    dienten 


')  Diogenes  Laertius  I,  59.      ^)  Polybios  V,  26,  13.      »)  Math.  Beitr. 
Kulturl.,  S.  132  und  136  flgg.  die  genaueren  Quellenangaben. 


Die  Griechen.     Zahlzeichen.     Fingerrechnen,     Rechenbrett.  123 

von  links  nacli  rechts  im  Wertlie  abnehmend  für  Talente  (6000  Drach- 
men), 1000,  100,  10  und  1  Drachmen,    letztere  für  die  Bruchtheile 

der  Drachmen  Obolus  (— Drachme),  halber  Obolus,  viertel  Obolus  und 

achtel  Obolus  oder  Chalkus  ^).  Jede  der  Hauptkolumnen  war  durch  einen 
durch  alle  Abtheilungen  gemeinschaftlich  durchlaufenden  Querstrich 
in  zwei  Hälften  getheilt,  deren  eine,  sei  es  die  obere,  sei  es  die  untere, 
den  eingelegten  Marken  den  fünffachen  Werth  gab  wie  die  anderen. 
Es  ist  dies  ein  thatsächlich  vorhandenes  Beispiel  dessen,  was  wir 
(S.  95)  bei  den  Babyloniern  vermuthungs weise  annahmen,  um  die 
Entstehung  des  Wortes  Ner  ims  zu  verdeutlichen.  Wir  dürfen  zu- 
gleich hervorheben,  dass  die  5  Hauptkolumnen  ihrer  Anzahl  nach 
mit  den  fünf  einfachen  Grundzahlwörtern  der  Griechen  von  der 
Monas  bis  zur  Myrias  übereinstimmen,  dürfen  zugleich  an  das  früher 
über  Beschränkung  volksthümlicher  Zahlenbegrifie  Gesagte  erinnern. 
Dass  unsere  in  allen  wesentlichen  Punkten  von  Letronne  herstammende 
Erklärung  der  salaminischen  Tafel  richtig  sein  muss,  beweisen  ins- 
besondere die  auf  der  Tafel  befindlichen  selbst  13  mm  hohen  Zahl- 
zeichen. Sie  sind  heriodianische  Zeichen,  und  es  ist  eben  so  fein  als 
richtig  hervorgehoben  worden,  es  sei  kein  Zufall,  wenn  diese  Bezeich- 
nung, welche  neben  den  einzelnen  Grundzahlen  auch  deren  Fünffache 
kürzer  zu  schreiben  gestatte,  auf  einem  nach  demselben  Gedanken 
abgetheilten  Rechentische  sich  finde  ^).  Ein  Bruchstück  einer  der 
salaminischen  vielleicht  ähnlichen  Tafel  ist  dann  später  (1886)  auch 
in  Akarnanien  aufgefunden  worden^). 

Dürfen  wir  vielleicht  den  Rückschluss  ziehen,  das  Rechenbrett 
ähnlicher  Art  müsse  bei  den  Griechen  mindestens  so  alt  wie  jene 
Zeichen  gewesen  sein?  Dürfen  wir  das  in  einer  Quelle  berichtete 
Vorkommen  herodianischer  Zeichen  in  solonischer  Zeit  mit  dem  eben 
angeführten  Ausspruche  Solons,  der  für  das  Vorhandensein  eines 
Rechenbrettes  zwingend  wäre,  wenn  er  selbst  als  beglaubigt  betrachtet 
werden  könnte,  in  Verbindung  bringen?  Dürfen  wir  beide  als  gegen- 
seitige Stützen  betrachten  und  somit  um  600  ein  schon  ziemlich  aus- 
gebildetes Rechnen  auf  dem  Rechenbrett  in  Griechenland  annehmen? 

Wir  wollen  uns  nicht  soweit  in  Vermuthungen  einlassen,  dass 
wir  alle  diese  Möglichkeiten  als  Wahrheiten  behaupteten.  Nur  Eines 
sei  bemerkt,  dass  auf  dem  Sandbrette  sehr  leicht  mittels  eines  Stiftes 
Kolumnen  bildende  Linien  gezogen  werden  konnten,  dass  somit  durch- 


^)  Der  attische  Obolus  hatte  8  Chalkus.  Vergl.  Hultsch,  Metrologie 
(2.  Auflage)  S.  133.  -)  Stoy  1.  c,  S.  26.  ^)  Woisin,  De  Graecorum  notis 
numeralibus  pag.  4  mit  Berufung  auf  Bulletin  de  Corresijondence  Hellenique, 
annee  X  (1886)  pag.  179. 


124  5.  Kapitel. 

aus  kein  Grund  vorliegt  einen  Zweifel  zu  hegen,  ob  gleichzeitig  mit 
der  Herstellung  der  salaminischen  Tafel  und  ähnlicher  Tische  auch 
die  pythagoräische  Benutzung  des  Sandbrettes  zum  Rechnen  in  Uebung 
gewesen  sei.  Das  Rechnen  selbst  beschränkte  sich  anfangs  gewiss 
auf  die  einfachsten  Grundverfahren  des  Zusammenzählens  und  Ab- 
ziehens. Ein  mathematisches  Rechnen  kam  erst  in  Frage,  als  eine 
wirkliche  Mathematik  in  Griechenland  sich  gebildet  hatte,  und  Avird 
erst  in  jener  Zeit  von  uns  behandelt  werden  dürfen. 

Das  mathematische  Denken  war  in  Griechenland  vorzugsweise  ein 
geometrisches.  Der  Geometrie  gehören  auch  die  Anfänge  der  Mathe- 
matik an,  zu  Avelchen  wir  uns  jetzt  wenden. 


5.  Kapitel. 
Tliales  nnd  die  älteste  griechische  Cieoiuetrie. 

Ein  gelehrter  Philosoph  des  V.  S.  Proklus  Diadochus  hat  uns 
ein  ungemein  werthvoUes  Bruchstück  eines  älteren  Schriftstellers  auf- 
bewahrt, welches  uns  ein  Bild  der  ältesten  griechischen  Mathematik 
in  Jonien,  in  Unteritalien  und  in  Athen  den  Umrissen  nach  erkennen 
lässt.  Es  stammt  nach  Proklus  Aussage  von  denen  her,  „die  die  Ge- 
schichte geschrieben  haben",  und  man  ist  allgemein  darin  einig  hier 
ein  Fragment  des  Eudemus,  oder  wenigstens  einen  Auszug  aus 
dessen  historisch-geometrischen  Schriften  zu  erkennen^).  Wir  Averden 
dasselbe  häufig  zu  nennen  haben  und  ihm  zu  diesem  ZAvecke  den 
seinem  Inhalte  Avohl  am  meisten  entsprechenden  Namen  des  alten 
Mathematikerverzeichnisses  beilegen.  Chronologisch  theilt  es 
uns  nämlich  nach  kurzer  Einleitung  die  Namen  derjenigen  Männer 
mit,  die  nach  der  Meinung  des  Verfassers  die  Entwicklung  der  Mathe- 
matik vorzugsweise  gefördert  haben.  Chronologisch,  Avie  wir  sie 
brauchen,  werden  wir  die  einzelnen  Sätze  abdrucken.  Sie  bilden  ge- 
wissermassen  die  Ueberschrift  einzelner  Paragraphen,  in  welche  wir 
unterzubringen  haben  werden,  was  in  Bezug  auf  die  einzelnen  Persön- 


')  Diese  Stelle  ist  abgedruckt  in  Prodi  THaduchi  in  primum  Euclidis  ele- 
vicntorum  librum  commenturii  (ed.  Friedlein).  Leipzig,  1873,  pag.  C4  lin. 
16—68  lin.  6.  Der  Urtext  mit  gegenüberstehender  deutscher  Uebersetzung  bei 
Bretschneider,  Die  Geometrie  und  die  Geometer  vor  Euklides.  Leipzig,  1870, 
S.  27—30.  AVir  citiren  dieses  Werk  künftig  kurz  als  Bretschneider.  Wir  be- 
dienen uns  der  Ilauptsacbc  nach  der  dort  mitgclheilten  Ucberset/.ung,  von  der 
wir  nur  in  wenigen  Punkten,  avo  wir  B's  Auffassung  nicht  theilen  können,  uns 
entfernen. 


Thaies  und  die  älteste  griechische  Geomelrie.  125 

lichkeiten  aus  anderen  Quellen  bekannt  geworden  ist.  Die  einleiten- 
den Worte  lauten  folgendermassen: 

„Da  es  nun  noth wendig  ist,  auch  die  Anfänge  der  Künste  und 
Wissenscliafteu  in  der  gecfenwärtis'en  Periode  zu  betrachten,  so  be- 
richten  wir,  dass  zuerst  von  den  Aegyptern  der  Angabe  der  Meisten 
zufolge  die  Geometrie  erfunden  ward,  welche  ihren  Ursprung  aus  der 
Vermessung  der  Ländereien  nahm.  Denn  letztere  war  ihnen  nöthig 
wegen  der  Ueberschwemmung  des  Nil,  der  die  einem  Jeden  zuge- 
hörigen Grenzen  verwischte.  Es  hat  aber  nichts  wunderbares,  dass 
die  Erfindung  dieser  sowie  der  anderen  Wissenschaften  vom  Bedürf- 
niss  ausgegangen  ist,  da  doch 'Alles  im  Entstehen  Begriffene  vom  Un- 
vollkommenen zum  Vollkommenen  vorwärtsschreitet.  Es  findet  von 
der  sinnlichen  Wahrnehmung  zur  denkenden  Betrachtung,  von  dieser 
zur  vernünftigen  Erkenntniss  ein  geziemender  Uebergang  statt.  So- 
wie nun  bei  den  Phönikiern  des  Handels  und  des  Verkehrs  halber 
eine  genaue  Kenntniss  der  Zahlen  ihren  Anfang  nahm,  so  ward  bei 
den  Aegyptern  jius  dem  erwähnten  Grunde  die  Geometrie  erfunden." 

Wir  begnügen  uns  unter  Abdruck  dieser  Sätze  darauf  aufmerk- 
sam zu  machen,  dass  hier  über  die  Erfindung  der  Geometrie  dasselbe 
behauptet  wird,  was  wir  früher  (S.  60 — 62)  nach  anderen  Quellen 
als  die  wenigstens  in  Bezug  auf  den  ägyptischen  Ursprung  wohl- 
begründete Meinung  des  griechischen  Alterthums  mitgetheilt  haben. 
Die  Geometrie  kam  aus  Aegypten  nach  Griechenland.  Wie  und  durch 
wen,  darüber  belehrt  uns  das  Mathematikerverzeichnis s,  wenn  es 
fortfährt: 

„Thaies,  der  nach  Aegypten  ging,  brachte  zuerst  diese  Wissen- 
schaft nach  Hellas  hinüber  und  Vieles  entdeckte  er  selbst,  von  Vielem 
aber  überlieferte  er  die  Anfänge  seinem  Nachfolger;  das  Eine  machte 
er  allgemeiner,  das  Andere  sinnlich  fassbarer." 

Thaies  von  Milet^),  Sohn  des  Examios  und  der  KleobuUne, 
aus  einem  ursprünglich  phönikischen  Geschlechte  stammend,  wurde 
um  das  1.  Jahr  der  39.  Olympiade^),  also  um  624,  geboren  und 
lebte  noch  im  1.  Jahre  der  58.  Olympiade,  d.  h.  548.  Er  wurde 
also  über  76  Jahre  alt,  eine  Berechnung,  welche  in  vollem  Einklang 


^)  Bretschneider  S.  35  —  55.  Allman,  Greelc  geometry  from  Thaies  to 
Euclid  (1889)  pag.  7 — 17.  Eine  Monographie  von  Decker,  De  Thalete  Milesio, 
Halle,  1865,  ist  uns  nur  dem  Titel  nach  bekannt.  Hauptquelle  ist  Diogenes 
Laertius.  Die  Familie  des  Thale«  I,  1  nach  Herodot,  Duris  und  Demokrit; 
seine  Lebenszeit  I,  10  nach  Apollodor  und  Sosikratea  und  I,  3,  wo  bezeugt  ist, 
dass  Thaies  beim  Ausbruche  des  Vernichtungskampfes  zwischen  Krösus  und 
Kyrus  (548)  noch  lebte.  -)  Vergl.  Diels  im  Rheinischen  Museum  für  Philologie, 
Neue  Folge  XXXI,  16  (1876). 


126  5.  Kapitel. 

mit  audereu  Angaben  ist,  die  ohne  genaue  Jahrgänge  festzustellen 
ihn  ein  hohes  Alter  erreichen  lassen.  Eine  ganze  Menge  von  mehr 
unterhaltenden  als  wichtigen  Geschichten  knüpfen  sich  an  seinen 
Namen.  Aus  denselben  scheint  hervorzugehen,  dass  Thaies  Kaufmann 
war,  bald  einen  Salzhandel  trieb,  bald  in  Oelgeschäfte  sich  einliess, 
und  dass  er  vermuthlich  auf  diese  Weise  nach  Aegypten  kam.  Einen 
ägyptischen  Aufenthalt  bezeugt  ferner  die  Bemerkung,  Niemand  sei 
dem  Thaies  Lehrer  gewesen,  nur  während  seines  Verweilens  in 
Aegypten  habe  er  mit  den  Priestern  verkehrt^).  Ein  drittes  Zeug- 
niss  ist  das  der  Pamphile,  einer  Geschichtsschreiberin  zur  Zeit  Neros, 
welche  weiss,  dass  Thaies  in  Aegypten  Geometrie  erlernte^).  Die 
Belege  könnten  noch  weiter  bis  zu  fast  beliebiger  Anzahl  vermehrt 
werden,  so  dass  an  der  Thatsache,  Thaies  sei  in  Aegypten  gewesen, 
und  dort  mit  Geometrie  bekannt  geworden,  nicht  wohl  zu  zweifeln 
ist^),  wenn  auch  zugegeben  werden  muss,  dass  keines  der  Zeugnisse 
älter  als  das  Mathematikerverzeichniss  zu  sein  scheint,  und  dieses 
eine  höher  liegende  Quelle  ausser  für  eine  einzige  Angabe  überhaupt 
nicht  angibt.  Nach  seiner  Heimath  Milet  kehrte  Thaies  in  vorge- 
schrittenen Jahren  zurück.  .,Er  befasste  sich  erst  später  und  gegen 
das  Greisenalter  hin  mit  Naturkunde,  beobachtete  den  Himmel, 
musterte  die  Sterne  und  sagte  öffentlich  allen  Miletern  voraus,  dass 
am  Tage  Nacht  eintreten,  die  Sonne  sich  verbergen  und  der  Mond 
sich  davor  legen  werde,  so  dass  ihr  Glanz  und  ihre  Lichtstrahlen 
aufgefangen  werden  würden."  So  der  wörtliche  Bericht  eines  Schrift- 
stellers, welcher  in  seiner  Einfachheit  sehr  glaubwürdig  erscheint^). 
Offenbar  ist  in  ihm  von  derselben  Sonnenfiusterniss  die  Rede,  von 
der  neben  Anderen  auch  Herodot  weiss,  dass  Thaies  sie  den  Joniern 
angesagt  hatte  mit  Vorausbestimmung  des  Jahres,  in  welchem  die 
Umwandlung  von  Tag  in  Nacht  erfolgen  sollte'').  Nur  im  Vorbei- 
gehen bemerken  wir,  auf  die  Aussage  eines  unverwerf baren  Fach- 
gelehrten gestützt),  dass  in  so  weiten  Grenzen  wie  die  eines  Jahres 
die  Verkündigung  einer  Sonnenfinsternis s  unter  allen  Umständen  mög- 


')  Diogenes  Laertius  I,  27.  -)  Diogenes  Laertius  I,  24.  ^)  Eine 
vortreffliche  Zusammenstellung  der  Beweisstellen  bei  Zeller,  Die  Philosophie 
der  Griechen  in  ihrer  geschichtlichen  Entwicklung  I,  169,  Anmerkung  1  (3.  Auf- 
lage, Leipzig,  1869).  Wenn  in  diesem  Werke  —  wir  werden  es  künftig  nur 
als  Zeller  I  citiren  —  dessen  scharfe,  mitunter  vielleicht  allzu  skeptische  Kritik 
mit  Hecht  anerkannt  ist,  aus  allen  diesen  Stellen  die  Ueberzeugung  gewonnen 
wird,  der  ägyptische  Aufenthalt  des  Thaies  sei  möglich,  sogar  wahrscheinlich, 
aber  allerdings  nicht  vollständig  erwiesen,  so  dürfen  wir  diesen  Ausspruch  für 
unsere  Meinung  deuten.  '')  Themistios  Orat.  XXVI,  pag.  317.  ^)  Herodot 
I,  74.     8)  Rud.  Wolf,  Geschiehte  der  Astronomie.     München,  1877,  S.  10. 


Thaies  und  die  älteste  griechische  Geometrie.  127 

licH  war.  Trat  nun  gar  diese  Finsterniss  zur  Zeit  einer  Sclilacbt 
zwischen  Medern  und  Lyderu  —  wie  man  jetzt  ziemlich  allgemein 
annimmt  am  28.  Mai  585^)  —  ein  und  erhielt  dadurch  eine  gewisse 
erhöhte  historische  Bedeutung,  so  begreift  man,  wie  damit  zugleich 
der  Ruhm  des  Verkündigers  unter  seinen  Landsleuten  steigen  musste. 
Um  so  glaublicher  wird  der  von  der  Erzählung  der  Sonnenfinsterniss- 
voraussagung  unabhängige  Bericht,  Thaies  habe  unter  dem  Archontat 
des  Damasias  (zwischen  585  und  583)  den  Beinamen  des  „Weisen" 
erhalten^).  Mit  ihm  zugleich  erhielten  denselben  Beinamen  bekannt- 
lich noch  6  andere  Männer,  die  uns  aber  insgesammt  hier  gleich- 
giltig  sein  können,  weil  nur  eine  politische  Bedeutung  der  7  Männer, 
eine  Staatsweisheit,  durch  jene  ehrende  Bezeichnung  anerkannt  wurde, 
worin  wir  rückwärts  eine  Bestätigung  dafür  finden  können,  dass  die 
Sonnenfinsterniss  von  585  und  deren  Verkündigung  erst  nachträglich 
zur  Bedeutung  wuchs,  als  die  leichtgläubige  Bevölkerung  in  ihr  eine 
Vorbedeutung  erkennen  mochte.  Wir  übergehen  Einmengungen  in 
das  Staatsleben  Milets,  welche  von  Thaies  berichtet  werden.  Wir 
übergehen  die  ihm  zugeschriebenen  Ansichten  über  das  Weltall  und 
über  vorzugsweise  astronomische  Dinge.  Es  muss  uns  genügen, 
Thaies  als  der  Zeit  nach  ersten  ionischen  Naturphilosophen  zu 
kennzeichnen.  Wir  gelangen  zu  den  mathematischen  Dingen,  mit 
welchen  der  Name  des  Thaies  in  Verbindung  gebracht  wird. 

Proklus  nennt  Thaies,  abgesehen  von  jener  dem  Mathematiker- 
verzeichnisse angehörenden  Stelle,  viermaP).  Dem  alten  Thaies  ge- 
bührt, so  lautet  die  erste  Stelle,  wie  für  die  Erfindung  so  vieles  Anderen, 
so  auch  für  die  dieses  Theorems  Dank;  er  soll  nämlich  zuerst  ge- 
wusst  und  gesagt  haben,  dass  die  Winkel  an  der  Basis  eines 
gleichschenkligen  Dreiecks  gleich  seien,  die  gleichen  Winkel 
nach  alterthümlicher  Ausdrucksweise  als  ähnliche  benennend. 

Die  zweite  Stelle  besagt:  Dieser  Satz  lehrt,  dass,  wenn  zwei 
Gerade  sich  schneiden,  die  am  Scheitel  liegenden  Winkel  gleich 
sind.  Erfunden  ist  dieses  Theorem,  wie  Eudemus  angibt,  zuerst  von 
Thaies.  Eines  wissenschaftlichen  Beweises  aber  achtete  der  Ver- 
fasser der  Elemente  (Euklid)  es  werth. 

Zum  dritten  sagt  Proklus  bei  Erörterung  des  Bestimmtseins 
eines    Dreiecks    durch    eine    Seite    und    die    beiden    ihr    an- 


^)  Vergl.  G.  Hof  mann,  Die  Sonnenfinsterniss  des  Thaies  vom  28.  Mai  585 
v.  Chr.  (Triest  1870).  Geiz  er  im  Rheinischen  Museum  für  Philologie,  Neue 
Folge  XXX,  264  (1875).  Ed.  Mahler  in  Sitzungsber.  d.  Wiener  Akad.  d. 
Wissensch.  4.  III.  1886.  Mathem.-naturw.  Classe,  II.  Abthlg.,  Bd.  XCIII  S.  455 
bis  469.  ')  Diogenes  Laertius  T,  1.  =*)  Proklus  (ed.  Friedlein)  250,  299, 
352,  157. 


128  ».  Kapitel. 

liegenden  Winkel:  Eudemus  führt  in  seiner  Gescliiclite  der  Geo- 
metrie  diesen  Lehrsatz  auf  Thaies  zurück.  Denn  bei  der  Art,  auf 
welche  er  die  Entfernung  der  Schiffe  auf  dem  Meere  gefunden  haben 
soll;  sagt  er,  bedürfe  er  dieses  Theorems  ganz  nothwendig. 

Die  vierte  Erwähnung  ist  die  Angabe:  dass  die  Kreisfläche 
von  dem  Durchmesser  halbirt  wird,  soll  zuerst  jener  Thaies  be- 
wiesen haben. 

Zu  diesen  vier  Erwähnungen  bei  einem  und  demselben  mathe- 
matischen Schriftsteller  kommen  noch  zwei  andere.  Pamphile  erzählt, 
dass  als  Thaies  bei  den  Aegyptern  Geometrie  erlernte,  er  zuerst  dem 
Kreise  das  rechtwinklige  Dreieck  eingeschrieben  und  des- 
halb einen  Stier  geopfert  habe^).  Endlich  ist  es  die  sogenannte 
Schattenmessung,  welche  auf  Thaies  zurückgeführt  zu  werden 
pflegt.  Hierouymus  von  Rhodos,  ein  Schüler  des  Aristoteles,  erzählt, 
Thaies  habe  die  Pyramiden  mittels  des  Schattens  gemessen,  indem 
er  zur  Zeit,  wenn  der  unsrige  mit  uns  von  gleicher  Grösse  ist,  be- 
obachtete^). Entsprechend  berichtet  auch  Plinius:  das  Höhenmaass 
der  Pyramiden  und  aller  ähnlichen  Körper  zu  gewinnen  erfand  Thaies 
von  Milet,  indem  er  den  Schatten  mass  zur  Stunde,  wo  er  dem  Körper 
gleich  ist-).  Etwas  darüber  hinausgehend  ist  die  Erzählung  des 
Plutarch,  der  in  seinem  Gastmahle  Thaies  mit  Anderen  über  den 
König  Amasis  von  Aegypten  sich  unterhalten  lässt.  Niloxenus 
äussert  sich  bei  dieser  Gelegenheit:  0 bschon  er  auch  um  anderer 
Dinge  willen  Dich  bewundert,  so  schätzt  er  doch  über  Alles  die 
Messung  der  Pyramiden,  dass  Du  nämlich  ohne  alle  Mühe  imd  ohne 
eines  Instrumentes  zu  bedürfen,  sondern  indem  Du  nur  den  Stock 
in  den  Endpunkt  des  Schatten  stellst,  den  die  Pyramide  wirft,  aus 
den  durch  die  Berührung  des  Sonnenstrahls  entstehenden  zwei  Drei- 
ecken zeigest,  dass  der  eine  Schatten  zum  andern  dasselbe  Verhält- 
niss  hat  wie  die  Pyramide  zum  Stock  ■^). 

Aus  diesen  der  Zahl  und  der  unmittelbaren  Bedeutung  nach  ge- 
ringfügigen Angaben  ein  vollständiges  Bild  von  dem,  was  Thaies  aus 
Aegypten  mitbrachte,  von  dem,  was  er  selbst  dazu  erfunden  hat,  zu 
gewinnen  ist  schwer,  und  war  doppelt  schwer,  so  lange  die  ägyptische 
Mathematik  in  tiefes  Dunkel  gehüllt  war.  So  kam  es,  dass  dem 
Einen  bewiesen  schien,  die  Aegypter  hätten  von  Winkeln  nichts  ge- 
wusst,  und  Thaies  sei  der  Erste  gewesen,  der  eine  Winkelgeometrie 
ersann;  dass  ein  Zweiter  das  Verdienst  des  Thaies   darin  fand,  dass 


')  Diogenes  Laertius  I,  24  —  25.  ^)  Diogenes  Laertius  I,  27. 
^)  Plinius,  Historia  naturalis  XXXVi,  12,  17.  ')  Plutarch  Vol.  2,  III 
pag.  174  ed.  Didot. 


Thaies  und  die  älteste  griechische  Geometrie.  129 

er  eine  Liniengeometrie  in  dem  Sinne  schuf,  dass  er  das  Verliältniss 
der  Linien  einer  Figur  ins  Auge  fasste,  während  den  Aegyptern  nur 
die  praktische  Geometrie  der  Flächenausmessung  bekannt  gewesen 
sei;  dass  ein  Dritter  nicht  Anstand  nahm  Thaies  und  die  älteren 
Griechen  überhaupt  fast  jeden  Erfinderrechtes  für  verlustig  zu  er- 
klären und  ihr  ganzes  geometrisches  Wissen  für  Aegypten  zurückzu- 
fordern; dass  ein  Vierter  au  die  entgegengesetzte  Grenze  streifend  es 
für  gieichgiltig  hielt,  ob  Thaies  überhaupt  Aegypten  besucht  habe 
oder  nicht,  weil  er  Geometrisches  in  nennenswerther  Menge  von  dort 
nicht  habe  mitbringen  können.  Diese  eine  weite  Kluft  zwischen  den 
Streitenden  offen  lassenden  Gegensätze,  welche  wir  hier  erwähnen, 
welche  aber  nicht  bei  den  Untersuchungen  über  Thaies  allein  sich 
zeigten,  sondern  überall,  wo  es  um  durch  bestimmte  Persönlichkeiten 
vermittelte  üebertragimg  orientalischer  Wissenschaft  nach  Griechen- 
land sich  handelte,  müssen  gegenwärtig  sich  einander  wesentlich 
nähern,  nachdem  das  Uebungsbuch  des  Ahmes  mis  zugänglich  ge- 
macht ist.  Man  wird  nicht  mehr  leugnen  wollen,  dass  Vieles  von 
dem,  was  die  Anfänge  der  griechischen  Geometrie  bildet,  ägyptischen 
Lehren  verdankt  sein  kann;  man  wird  von  der  anderen  Seite  des  ge- 
waltigen Unterschiedes  sich  bewasst  bleiben,  der  zwischen  ägyptischem 
und  griechischem  Denken  auch  bei  Gleichheit  des  Gegenstandes  des 
Denkens  obwaltete. 

Wird  z.  B.  irgend  wer,  der  an  das  Seqt  genannte  Verhältniss, 
au  das  xiehnlichmacheu  der  Aegypter  (S.  58)  sich  erinnert,  der  dieses 
selbe  Verhältniss  mit  Nothwendigkeit  in  gleicher  Grösse  entstehen 
sieht,  ob  man  von  dem  einen  Endpunkte  der  Grundfläche  ob  von 
dem  entgegengesetzten  aus  die  betreffenden  Messungen  vornimmt,  wird 
ein  solcher  zweifeln  können,  dass  die  Gleichheit  der  Winkel  an  der 
Grundlinie  des  gleichschenkligen  Dreiecks  den  Schülern  des  Ahmes 
bekannt  sein  konnte,  wenn  nicht  bekannt  sein  musste?  Thaies  wusste 
und  sagte  es  zuerst,  d.  h.  er  zuerst  sagte  es  seinen  Landsleuten,  und 
muthet  uns  die  alterthümliche  Ausdrucksweise  „ähnliche  Winkel" 
statt  gleicher  Winkel,  deren  er  sich  dabei  bediente,  nicht  an  wie 
eine  Uebersetzung  von  Seqt? 

Wir  fragen  weiter.  Kann  nach  Betrachtung  der  vielfach  ge- 
theilten  Kreise  auf  ägyptischen  Wandgemälden  ein  Zweifel  daran 
obwalten,  dass  auch  die  Wahrheit,  dass  der  Durchmesser  die  Kreis- 
fläche zu  Hälften  theile,  in  Aegypten  gelernt  werden  konnte?  Ja 
sogar  einen  Beweis  dieser  Wanrheit,  der,  wie  uns  gerühmt  wird,  von 
Thaies  zuerst  geführt  worden  sei,  möchten  wir  den  Aegyptern  nicht 
grade  absprechen,  weim  auch  die  Art  des  Beweises  dort  eine  andere 
sewesen  sein  mag  als  in  dem  Munde  von  Thaies. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  9 


130  5.  Kapitel. 

Wir  steheE  hier  au  dem  Punkte,  von  welchem  aus  die  Ver- 
schiedenheit ägyptischen  und  griechischen  Denkens,  welche  wir  oben 
betonten,  uns  deutlicher  bemerkbar  wird.  Das  Mathematikerverzeichniss 
sagt  uns  von  Thaies,  das  Eine  habe  er  allgemeiner,  das  Andere  sinn- 
lich fassbarer  gemacht.  Es  will  uns  scheinen,  als  sei  damit  grade 
die  ^echische  und  zugleich  ägyptisirende  Form  seiner  Leistungen 
gekennzeichnet.  Als  Grieche  hat  er  verallgemeinert,  als  Schüler 
Aegyptens  sinnlich  erfasst,  was  er  dami  den  Griechen  wieder  fass- 
barer gemacht  hat.  Es  war  eine  griechische  Stammeseigeuthümlichkeit 
den  Dingen  auf  den  Grund  zu  gehen,  vom  praktischen  Bedürfnisse 
zu  speculativen  Erörterungen  zu  gelangen.  Nicht  so  den  Aegyptern. 
Wir  glauben  zwar  nicht,  dass  die  Aegypter  jegliche  Theorie  ent- 
behrten, wir  haben  schon  früher  (S.  71)  das  Gegentheil  dieser  An- 
nahme ausgesprochen;  aber  wir  haben  dort  auch  gesagt,  wie  wir 
ägyptische  Theorie  uns  denken:  als  wesentlich  inductive,  während  die 
Geometrie  der  Griechen  deductiver  Natur  ist.  Der  Aegypter  könnte 
einen  Beweis  des  Satzes,  dass  der  Durchmesser  den  Kreis  halbire 
durch  die  blosse  Figur,  oder  vielleicht  durch  Berechnung  der  Flächen 
beider  Halbkreise  nach  derselben  möglicherweise  unverstandenen  \"or- 
schrift  als  vollständio-  geführt  erachtet  haben.  Der  Grieche  würde 
sich  allenfalls  mit  der  Figur  begnügt  haben,  wenn  auch  der  Beweis 
des  Thaies  uns  in  keiner  Andeutung  bekannt  ist.  So  zeigt  sich, 
auch  in  den  Beweisen,  eine  Abhängigkeit  der  griechischen  Geometrie 
von  der  ägyptischen,  die  sich  lange  erhielt.  Die  griechische  Deduc- 
tion  war  bei  ihrem  Beginne  selbst  inductiv.  Sie  war  gewohnt  von 
dem  Vielen  zum  Einen,  von  der  Unterscheidimg  zahlreicher  Fälle 
zum  allgemein  giltigen  Satze  überzugehen.  Sie  blieb  deductiv,  sofern 
sie  nicht  unterliess  jeden  Einzelfall  aus  sich  heraus  zu  gestalten,  ihn 
nicht  der  Erfahrung,  der  similichen  Anschauung  zu  entnehmen. 

Fassen  wir  mit  Bezug  auf  Thaies  zusammen,  was  wir  hier  in 
allgemeinerer  Erörterung,  deren  nur  persönliche  Gültigkeit  wir  be- 
haupten, die  also  Andersmeinenden  eine  eigentliche  Beweiskraft  kaum 
besitzen  dürften,  zu  begründen  suchten,  so  gelangen  wir  dahin,  die 
wissenschaftliche  Bedeutung  des  Thaies  nicht  in  der  Anzahl  der  Sätze 
zu  finden,  welche  er  selbst  entdeckte,  sondern  in  dem  Anstoss  zu 
geometrischen  Studien,  den  er  gab,  nebst  den  Anfangen  deductiver 
Behandlung,  welche  er  lehrte.  Dass  wir  übrigens  von  so  wenigen 
Sätzen  nur  wissen,  deren  Urheberschaft  in  mehr  oder  weniger  be- 
stimmter Weise  auf  Thaies  zurückgeführt  wird,  kann  auf  zwei  ver- 
schiedenen Umständen  beruhen.  Einmal  ist  nur  über  das  erste  Buch 
der  euklidischen  Elemente  ein  fortlaufender  Commentar  des  Proklus 
auf  uns  gekommen.     Wir  können  also  nur  erwarten  durch  denselben 


Thaies  und  die  älteste  griechisclie  Geometrie.  131 

über  die  Urheberschaft  von  Sätzen  jenes  ersten  Buches  mit  Bestimmtheit 
aufgeklärt  zu  werden,  während  Thaies  gar  wohl  Sätze  der  folgenden 
Bücher  gekannt  haben  könnte,  ohne  dass  wir  berechtigt  wären  Proklus 
das  Stillschweigen  darüber  in  dem  auf  uns  gelangten  Commentare 
zu  verübeln.  Zweitens  aber  mag  in  der  That  das,  was  Thaies  in 
Aegjpten  sich  anzueignen  im  Staude  war,  nicht  Alles  umfasst  haben, 
was  die  Aegypter  selbst  wussteu,  er,  dem,  wie  die  Berichte  uns 
sagten  0,  Niemand  Lehrer  war,  bevor  er  mit  den  ägyptischen  Priestern 
verkehrte,  der  sich  erst  später  und  gegen  das  Greisenalter  hin  mit 
Naturkunde  befasste. 

Man  hat  aus  den  Sätzen,  welche  als  thaletisch  überliefert  sind, 
Schlussfolgerungen  auf  solche,  die  Thaies  bekannt  gewesen  sein  müssen, 
o;ezo2en.  Der  letzte  Forscher  auf  diesem  Gebiete-)  insbesondere  hat 
mit  grossem  Aufwände  von  Scharfsinn  entwickelt,  die  Summe  der 
Dreieckswinkel  müsse  dem  Thaies  bekannt  gewesen  sein.  Wenn 
nämlich  Thaies  den  Satz  von  den  Winkeln  eines  gleichschenkligen 
Dreiecks  und  den  vom  rechtwinkligen  Dreiecke  im  Kreise  kannte, 
wenn  ihm,  wie  dieser  selbe  Satz  und  der  von  der  Halbirung  des 
Kreises  durch  den  Durchmesser  bezeugen,  die  Definition  des  Kreises 
bekannt  war,  so  musste  ihm,  meint  Allman,  etwa  folgende  Betrachtung 
gelingen.  Er  werde  von  dem  Kreismittelpunkt  0  aus  (Fig.  IG)  eine 
Linie  OC  nach  der  Spitze  des  rechten  Winkels 
im  Halbkreise  gezogen  haben.  Aus  den 
beiden  gleichschenkligen  Dreiecken  ACO 
und  BCO  sei  die  Gleichheit  der  Winkel 
CAO  =  ACO  und  GBO  =  BCO  mithin  auch 
der  Summe  CAO-\-GBO  =  ACO-]-BCO  = 
AGB  hervorgegangen;  er  habe  aber  gewusst,  dass  AGB  ein  rechter 
Winkel  sei  und  demgemäss  die  Summe  der  Winkel  bei  A,  bei  B 
und  bei  G  als  zwei  Rechten  gleich  gefunden.  Wir  haben  dem  Scharf- 
sinne des  Wiederherstellers  unsere  Anerkennung  gezollt,  wir  sind 
auch  geneigt  von  seinen  Schlüssen  einige  uns  anzueignen,  allein  wir 
möchten  die  umgekehrte  Reihenfolge  für  richtiger  halten.  Wir  nehmen 
an  und  wollen  nachher  begründen,  auf  welche  Ueberlieferung  hin  wir 
zu  dieser  Annahme  uns  bekennen,  Thaies  habe  gewusst,  dass  die 
Dreiecks winkel  zusammen  zwei  Rechte  betragen,  er  habe  auch  ge- 
wusst, dass  die  Winkel  an  der  Grundlinie  des  gleichschenkligen 
Dreiecks  einander  gleich  sind,  dann  mag  ihn  höchst  wahrscheinlich 
eine   Zeichnung  wie  Figur  10   zur  Erkenntniss   geführt  haben,    dass 


^)  Diogenes  Laertius  I,  27   und  Themistios,    Ürat.  XXVI,  pag.  317. 
G.  J.  Allman,  Greelc  geometry  from  Thaies  to  Euclid  (1889)  pag.  11. 

9* 


132  5.  Kapitel. 

der  Winkel  bei  C  so  gross  sein  müsse  als  die  Summe  der  Winkel 
bei  A  und  B,  mithin  so  gross  als  die  kalbe  Winkelsumme  des  Dreiecks 
ABC,  oder  gleich  einem  rechten  Winkel. 

Unsere  Beweggründe  sind  folgende.  An  und  für  sich  sind  beide 
Sätze,  der  von  der  Winkelsumme  des  Dreiecks,  der  vom  rechten  Winkel 
im  Halbkreise,  schon  ziemlich  künstlicher  Natur,  nicht  auf  den  ersten 
Anblick  einleuchtend.  Der  eine  wie  der  andere  bedurfte  einer  wirk- 
lichen Entdeckung  und  eines  Beweises;  wenn  also  eine  gegenseitige 
Abhängigkeit  beider  Sätze  stattzufinden  scheint,  so  ist  es  von  vorn 
herein  ebenso  gut  möglich  dem  einen  als  dem  andern  das  höhere 
Alter  zuzuschreiben.  Nun  findet  sich  aber  ein  Beweis  des  Satzes 
vom  rechten  Winkel  im  Halbkreise  bei  Euklid  Buch  HI  Satz  31  vor, 
welcher  dem  von  uns  vermutheten  sehr  ähnlich  ist.  Eine  Zusammen- 
stellung wie  die  euklidischen  Elemente  ist  aber,  so  genial,  so  ge- 
dankenreich ihr  Verfasser  sein  mag,  durch  ihren  Inhalt  selbst  darauf 
hingewiesen  wesentlich  compilatorisch  zu  sein,  und  so  ist  es  gar 
nicht  unmöglich,  dass  auch  bei  diesem  Satze  Euklid  der  alterthüm- 
lichen  Beweisführung  treu  blieb,  ohne  dass  wir  davon  unterrichtet 
sind,  weil  ein  alter  Commentar  zum  III.  Buche  nicht  vorhanden  ist. 
Dazu  kommt  als  weitere  Thatsache,  dass  wir  über  die  älteste  Beweis- 
führung des  Satzes  von  der  Winkelsumme  im  Dreiecke  Bescheid 
wissen,  und  dass  diese  auch  nicht  entfernt  den  Schlussfolgerungen 
gleicht,  welche  nach  Allman's  Meinung  Thaies  gezogen  haben  soll. 

Geminus,  ein  Mathematiker  des  letzten  Jahrhunderts  vor  Christus, 
erzählt  in  einem  bei  einem  noch  späteren  Schriftsteller,  Eutokius  von 
Askalon,  erhaltenen  Bruchstücke,  dass  „von  den  Alten  für  jede  be- 
sondere Form  des  Dreiecks  das  Theorem  der  zwei  Rechten  besonders 
bewiesen  ward,  zuerst  für  das  gleichseitige,  sodann  für  das  gleich- 
schenklige, und  endlich  für  das  ungleichseitige,  während  die  Späteren 
das  allgemeine  Theorem  bewiesen:  die  drei  Innenwinkel  jedes  Dreiecks 
sind  zweien  Rechten  gleich"'). 

Wir  werden  nun  bald  sehen,  dass  die  Späteren,  von  welchen 
Geminus  redet,  nicht  gar  lange  nach  Thaies  gelebt  haben,  dass  also 
die  Alten  im  Gegensatze  zu  jenen  auf  die  thaletische  Zeit,  weim  nicht 
gar  auf  die  ägyptischen  Lehrer  des  Thaies  gedeutet  werden  müssen. 
Die  Andeutungen  des  Geminus  über  diesen  ältesten  Beweis  haben 
dem  Scharfblicke  Hankels  die  Möglichkeit  gegeben,  den  älteren  Beweis 
wiederherzustellen^).  Seine  Gedanken  darüber  sind,  nur  wenig  abge- 
ändert, folgende.     Den  Figuren  gemäss,  welche  wir  bei  den  Aegyptern 


')  Apollonii    Pergaei    Conica    (ed.    Halley).     Oxford,    1710,   pag.  9. 
^)  Hankel  S.  95—96. 


Thaies  und  die  älteste  oriechische  Geometrie. 


133 


fanden,  war  dort,  vielleicht  aus  asiatischer  Quelle,  seit  dem  XVII.  S. 
V.  Chr.  die  Zerlegung  der  Kreisfläche  in  sechs  gleiche  Ausschnitte  be- 
kannt. An  diese  Figur  dachten  wir  oben,  als  wir  die  Kenntniss  des 
Satzes,  dass  ein  Durchmesser  den  Kreis  halbire,  für  die  Aegypter  in 
Anspruch  nahmen  und  die  Figur  selbst  als  Beweis  dienen  Hessen. 
Verband  man  die  Endpunkte  der  Halbmesser  mit  einander,  so  ent- 
stand das  regelmässige  Sechseck,  oder  vielmehr  sechs  um  den  Mittelpunkt 
geordnete  gleichseitige  Dreiecke,  die  den  ebenen  Raum  um  jenen 
Mittelpunkt  herum  vollständig  ausfüllten.  Drei  dieser  Winkel  bildeten 
vereinigt  einen  gestreckten  Winkel,  wie  der  Augenschein  lehrte,  und 
vertraute  man  weiter  dem  Augenscheine  für  die  Thatsache,  dass  jeder 
Winkel  des  gleichseitigen  Dreiecks  dem  anderen  gleich  war,  so  hatte 
man  jetzt  den  ersten  Fall  des  Berichtes  von  Geminus  erledigt:  die 
Winkel  des  gleichseitigen  Dreiecks  betrugen  zusammen  ZAvei  Rechte. 
Demnächst  mochte  man  (Figur  17)  die  Zerlegbarkeit  des  gleich- 
schenkligen Dreiecks  in  zwei  Hälften,  welche  zu  einem 
Rechtecke  sich  ergänzen,  erkennen  und  wieder  lehrte 
der  Augenschein,  dass  bei  einem  derartigen  Vereinigen 
der  zwei  Dreieckshälften  vier  rechte  Winkel  erschienen, 
von  welchen  zwei  aus  den  ursprünglichen  Winkeln  des 
gleichschenkligen  Dreiecks,  von  denen  nur  einer  in 
Gestalt  zweier  Hälften  auftrat,  sich  zusammensetzten.  Jetzt  fehlte 
nur  noch  der  dritte  und  letzte  Schritt.  Ein  beliebiges  Dreieck  wurde 
(Figur  18)  als  Summe  der  Hälften  zweier 
Rechtecke  gezeichnet,  so  erschienen  drei  den 
ursprünglichen  Dreieckswinkeln  gleiche  Winkel 
an  der  Spitze  des  Dreiecks  zu  einem  gestreckten 
Winkel  vereinigt. 

Eine  Spur  dieses  ältesten  Beweisverfahrens ,  wie  es  Geminus 
uns  schildert,  hat  sich  auf  griechischem  Boden  bei  einem  sehr  späten 
Praktiker  erhalten.  Ein  anonymer  Feldmesser  des  X.  S.,  der  nach- 
weislich sein  Buch  aus  ungefähr  1000  Jahre  alten  Musterwerken  zu- 
sammenschrieb, sagt  ausdrücklich:  Dass  aber  jedes  durch  Einbildung 
oder  Wahrnehmung  zugängliche  Dreieck  die  drei  Winkel  in  der  Grösse 
von  zwei  Rechten  besitzt,  ist  daher  oäenbar,  dass  jedes  Viereck  seine 
Winkel  vier  Rechten  gleich  besitzt  und  durch  die  Diagonale  in  zwei 
Dreiecke  mit  sechs  Winkeln  geschieden  wird^). 

Eigentliche  Beweisführung  wird  man  solche  Zeichnungen  gewiss 
nicht  nennen.     Sie  bewirkten  nichts,  als  dass  der  Augenschein  inductiv 


Fig.  17. 


Fig.  18. 


')  Notices  et  extraits  des  manuscrits  de  la   hihliotheque  Imperiale  de  Paris 
Tom.  XIX,  Partie  2,  pag.  368. 


134  5.  Kapitel. 

wirkend  eine  üeberzeugung  herbeifülirte.  War  die  Ueberzeugung  ge- 
bildet, so  begnügte  sieb  damit  die  ältere  Zeit,  die  spätere  suchte  nach 
weiterer  Begründung.  Noch  für  andere  Sätze,  welche  in  Verbindung 
mit  dem  Namen  des  Thaies  auftreten,  möchten  wir  den  Augenschein 
als  damals  einzigen  Beweis  auffassen.  Der  Augenschein  wird  dem 
Satze  von  den  Winkeln  an  der  Grundlinie  des  gleichschenkligen 
Dreiecks,  wird  dem  von  den  Scheitelwinkeln  den  Ursprung  gegeben 
haben;  und  eine  Unterstützung  dieser  Behauptung  dürfte  in  der  An- 
gabe des  Eudemus  liegen,  dass  Thaies  den  Satz  von  den  Scheitelwinkeln 
erkannt,  Euklid  ihn  eines  Beweises  werth  geachtet  habe'). 

Wir  gehen  in  der  Durchsprechung  der  Dinge,  welche  aus  den 
Ueberlieferungen  der  thaletischen  Geometrie  zu  folgern  sind,  weiter. 
Man  hat'')  aus  der  Kenntniss  des  Satzes  vom  rechten  Winkel  im 
Halbkreise  auf  das  damals  schon  vorhandene  Bewusstsein  dessen,  was 
man  später  geometrischen  Ort  nannte,  geschlossen.  Wir  begnügen 
uns  solches  zu  erwähnen,  ohne  es  uns  aneignen  zu  können.  Wir 
verbinden  dagegen  zu  einem  einheitlichen  Gedanken  die  Schatten- 
messung und  die  Bestimmung  eines  Dreiecks  durch  eine 
Seite  und  die  beiden  anliegenden  Winkel.  Beides  waren 
praktische  Ausführungen,  sofern  das  Dreieck,  wie  uns  gesagt  ist,  zur 
Bestimmung  von  Schiffsentfernungen  dient.  Beide  beruhten  auf  der 
Anwendung  eines  rechtwinkligen  Dreiecks.  Das  eine  Mal  wurden 
die  Katheten  jenes  Dreiecks  gebildet  durch  den  Stab  und  seinen 
Schatten,  das  andere  Mal  (Figur  19)  durch  die  Warte,   von  welcher 

aus  die  Beobachtung  an- 
gestellt wurde,  und  die 
Entfernung  des  Schiffes"). 
Treimeud  ist  zwischen 
beiden  Aufgaben  der  Um- 
stand, dass  in  dem  einen 
Falle  die  Schattenlänge 
i'ig  19-  selbst    gemessen,  in   dem 

anderen  die  Schiffsentfernung  aus  dem  beobachteten  Winkel  erschlossen 
werden  musste.  Beide  Aufgaben  waren  einem  Schüler  ägyptischer 
Geometrie  zugänglich.  Sie  sind  nahe  verwandt  dem  Finden  des  Seqt 
aus  gegebenen  Seiten,  dem  Finden  der  einen  Seite  aus  der  anderen 
mit  Hilfe  des  Seqt. 

Zu  einer  Früheres    ergänzenden    nothwendigen    Bemerkung    gibt 
übrigens  die  Schattenmessung  des  Thaies,  welche  ihm  in  zu  wieder- 

')  Prokliis    (ed.   Friedlein),    pag.  '2y'J.       -)  AU  mau   1.   c.   pag,   13  —  14. 
^)  Bretscüneider  S.  43  -4ß. 


Thaies  und  die  älteste  griechische  Geometrie.  135 

ht)lter  Beglaubiguno;  zugeschrieben  wird,  als  dass  wir  Zweifel  in  sie 
setzen  könnten,  Anlass.  Mag  die  Schattenmessung  nach  der  einfacheren 
oder  nach  der  dem  Gedanken  nach'  zusammengesetzteren  von  den 
beiden  berichteten  Methoden  erfolgt  sein,  mag  sie  ein  blosses  Messen 
der  der  gesuchten  Höhe  gleichen  Schattenlänge  oder  das  Berechnen 
eines  Verhältnisses  gegebener  Zahlen  nöthig  gemacht  haben,  Eines 
setzt  sie  unter  allen  Umständen  voraus:  die  Uebung,  den  von  einem 
senkrecht  aufgestellten  Gegenstande  geworfenen  Schatten  wirklich  ab- 
zumessen. Damit  vervollständigen  sich  unsere  früheren  Mittheilungen 
(S.  102)  über  den  Gnomon,  seine  Erfindung  und  Uebertragung.  Wir 
haben  damals  erwähnt,  dass  der  eigentliche  Gnomon  nach  Herodot 
in  Babylon  zu  Hause  war,  dass  gleichfalls  nach  Osten  der  Name  des 
Berosus  hinweist,  dass  die  Bekanntschaft  der  Hebräer  mit  dem  Stunden- 
zeiger alt  verbürgt  ist.  Neu  tritt  jetzt  hinzu,  dass  auch  in  Aegypten 
Schatten  gemessen  wurden,  eine  Ueberlieferung,  welche  mit  jener 
ersteren  keineswegs  in  Widerspruch  steht.  Wir  haben  mehrfach  schon 
mathematische  Zeugnisse  alter  Verbindungen  zwischen  'Nil-  und 
Euphratländern  anführen  dürfen;  hier  ist  vielleicht  wieder  ein  solches, 
und  überdies  ist  es  noch  immer  nicht  das  Gleiche,  wenn  an  einem 
Orte  der  Schatten  zu  geometrischen  Zwecken  gemessen  wurde,  am 
anderen  zur  Herstellung  einer  Schattenuhr  diente. 

Wir  haben  auch  schon  den  Mann  genannt,  der  die  Schattenuhr 
den  Griechen  bekannt  machte.  Anaximander  von  Milet  war  es, 
welcher  Favorinus  zufolge^)  zuerst  eine  solche  in  Lakedämon  auf- 
stellte; während  wohl  durch  ein  Missverständniss  genau  dasselbe  durch 
Plinius^)  dem  Anaximenes,  dem  Schüler  des  Anaximander  nachge- 
rühmt wird.  Anaximander  war  611  geboren  und  wurde  Schüler  des 
Thaies,  als  dieser  in  der  Heimath  sich  niedeiliess,  wofür  wir  etwa 
das  Jahr  586  anzunehmen  durch  die  vorausgesagte  Sonnenfinsterniss 
Veranlassung  haben.  Anaximander  starb  kurz  nachdem  er  64  Jahre 
alt  geworden  war,  also  etwa  545.  Ein  Lexikograph  Suidas  berichtet 
von  ihm,  er  habe  nächst  der  Einführung  des  Gnomon  vollständig  eine 
Hypotyposis  der  Geometrie  gezeigt^).  Wir  begnügen  uns  mit 
der  Wiedergabe  des  griechischen  Wortes,  mit  welchem  wir  bei  dem 
Fehlen  jeder  deutlicheren  Angabe  nichts  anzufangen  wissen.  Es  ist 
ja. richtig,  dass  Hypotyposis  durch  „bildliche  Darstellung"  übersetzt 
werden  darf,  ohne  dass  eine  sprachliche  Einrede  erhoben  würde;  es 
ist  auch  möglich,  dass  die  Meinung  sei,  Anaximander  habe  eine  „Reiss- 


')  Diogenes    Laertius  II,  1.       ^)  Plinius,    Historia    naturalis    II,   76. 
^)  Suidas   s.    v.    Anaximandros:    yvmiiovcc    t'   sicriyayi:    Tial  [üXcog    ytm^ttqCag 

VTIOZVTICDGIV    sdsi^SV. 


136  5.  Kapitel. 

kunst"  gesclirieberi .  d.  h.  eine  Angabe  geometrischer  Constructiouen 
oline  Begründung  derselben^);  aber  mehr  als  eine  scbwache  Möglich- 
keit liegt  nicht  vor. 

Jedenfalls  hat  das  alte  Mathematikerzeichniss  von  dieser  -geo- 
metrischen Thätigkeit  des  zweiten  ionischen  Naturphilosophen  nicht 
Notiz  genommen.     Es  fährt  nämlich  fort: 

„Nach  ihm  (Thaies)  wird  Mamerkus,  der  Bruder  des  Dichters 
Stesichorus,  als  ein  eifriger  Geometer  erwähnt:  auch  berichtet  Hippias 
der  Eleer  von  ihm,  dass  er  sich  als  Geometer  Ruhm  erworben  habe." 

Diese  Persönlichkeit  ist  ein  so  untrügliches  Zeugniss  für  die 
Vergänglichkeit  irdischen  Ruhmes,  wie  kaum  eine  zweite,  denn  wir 
kennen  heute  von  dem  gerühmten  Geometer  nicht  einmal  mehr  den 
Namen  mit  einiger  Sicherheit.  Wir  haben  hier  Mamerkus  nach 
der  Lesart  der  gegenwärtig  allgemein  benutzten  letzten  Ausgabe  des 
Proklus  geschrieben^).  Andere  nennen  den  Bruder  des  Stesichorus 
Mamertinus,  noch  Andere  Ameristus.  Ein  wegen  seiner  Un- 
genauigköit  berüchtigter  mathematischer  Historiker  des  XVII.  S., 
Milliet  Dechales,  macht  sogar  zwei  berühmte  Geometer  aus  ihm,  einen 
Mamertinus  und  einen  Amethistus.  Wir  begnügen  uns  mit  dem 
Eingeständnisse  gar  nichts  von  ihm  zu  wissen.  Der  Bruder  Stesi- 
chorus ist  eine  bekanntere  Persönlichkeit.  Er  starb  um  560  im  Alter 
von  85  Jahren  und  stammte  aus  Himera  in  Sicilien.  Jedenfalls  weist 
also  die  geometrische  Thätigkeit  des  Bruders  des  Dichters  uns  darauf 
hin,  dass  der  Geschmack  an  Wissenschaft,  an  Geometrie  insbesondere, 
seit  Thaies  die  Anfänge  aus  Aegypten  mitgebracht  hatte,  weitere  Ver- 
breitung gewann,  dass  die  Zeit  jetzt  nahte,  wo  in  Sicilien  und  in 
Unteritalien  eine  schulmässige  Beschäftigung  mit  unserer  Wissen- 
schaft ihre  gedeihliche  Wirkung  äussern  konnte  unter  der  Leitung 
eines  Mannes,  der  eben  dort  seine  Studien  machte,  wo  auch  Thaies 
in  die  Geometrie  eingeweiht  worden  war. 

Thaies  hat  also  nebst  seinen  nächsten  ionischen  Nachfolgern  für 
uns  die  Bedeutung,  dass  man  durch  ihn  in  Erfahrung  gebracht  hatte, 
wo  Geometrie  zu  Hause  sei;  dass  von  ihm  die  ersten  der  Zahl  nach 
geringen,  der  Anwendung  nach  schon  werthvollen  Sätze  der  Geometrie 
bekannt  gemacht  wurden;  dass  von  ihm  eine  etwas  strengere  Beweis- 
führung ausging;  dass  er  endlich  eine  Schule  gründete,  die  der  Wissen- 
schaft diente  und  nicht  Staatsleben  und  Geldverdienst  allein  als  die 
Dinge  ehrte,  denen  ein  Mann  seine  Kräfte  widmen  konnte.     In  allen 

')  Bretschneider  S.  62  theilweise  nach  Köth,  Greschichte  der  abend- 
ländischen Philosophie  II,  132.  Fricdlein,  Beiträge  zur  Geschichte  der  Mathe- 
matik IT.  Hof,  1872,  S.  15,  übersetzt:  er  gab  eine  bildliche  Darstellung  der 
ganzen  Geometrie  heraus.     -)  Proklus  (ed.  Friedlein),  p.  65,  lin.  12. 


Pjrthagoras  und  die  Pythagoräer.     Arithmetik.  137 

diesen  Richtungen  können  wir  den  Mann   als  seinen  Nachfolger  be- 
trachten, dem  wir  jetzt  uns  zuwenden:  Pythagoras  von  Samos. 


6.  Kapitel. 
Pythagoras  und  die  Pythagoräer.     Arithmetik. 

„Nach  diesen  verwandelte  Pythagoras  die  Beschäftigung  mit 
diesem  Wissenszweige  in  eine  wirkliche  Wissenschaft,  indem  er  die 
Grundlage  derselben  von  höherem  Gesichtspunkte  aus  betrachtete  und 
die  Theoreme  derselben  immaterieller  und  intellectueller  erforschte. 
Er  ist  es  auch,  der  die  Theorie  des  Irrationalen  und  die  Construction 
der  kosmischen  Körper  erfand." 

Pythagoras  von  Samos,  über  welchen  wir  soeben  das  alte 
Mathematikerverzeichniss  haben  reden  lassen,  war  Sohn  des  Mne- 
sarchus.  Er  gründete  in  den  dorisch  bevölkerten  Städten  von  Süd- 
italien, in  dem  sogenannten  Grossgriechenland,  eine  Schule,  die  zahl- 
reiche Anhänger  versammelte  und  so  geschlossen  auftrat,  eine  solche 
auch  politische  Bedeutung  gewann,  dass  sie  die  Feindschaft  der 
ausserhalb  der  Schule  Stehenden  auf  sich  zog  und  gewaltsam  zer- 
sprengt wurde. 

Diese  Thatsachen  stehen  nach  den  Aussprüchen  sämmtlicher  alten 
Berichterstatter  allzu  fest,  als  dass  sie  auch  nur  von  einem  einzigen 
neueren  Geschichtsschreiber  angefochten  würden.  In  jeder  anderen 
Beziehung  aber  herrschen  über  das  Leben  des  Pythagoras,  über  seine 
Lehre,  über  das  was  man  ihm,  was  man  seinen  Schülern  zuzuschreiben 
habe,  die  allergrössten  Meinungsverschiedenheiten.  Greifen  wir  nur 
einige  gewiss  wichtige  Punkte  heraus:  das  Geburtsjahr  des  Pytha- 
goras, das  Jahr  seiner  Ankunft  in  Italien,  sein  Todesjahr,  die  Zeit, 
zu  welcher  die  Schule  zersprengt  wurde,  das  Alles  liegt  im  Wider- 
streite der  Meinungen.  Wenn  ein  Forscher^)  Pythagoras  569  ge- 
boren, 510  in  Italien  aufgetreten,  470  bei  dem  gegen  die  Schule  ent- 
brannten Aufstande  umgekommen  sein  lässt,  sagt  uns  ein  anderer 
Forscher^),  die  Geburt  habe  um  580,  die  Ankunft  in  Italien  um  540 
stattgefunden,  Pythagoras  sei  um  500  gestorben,  die  Schule  erst  ein 
halbes  Jahrhundert  später  zersprengt  worden.  Aehnliche  Gegensätze 
treten  in  allen  Aeusserungen  derselben  Gelehrten  über  Pythagoras 
und  die  Pythagoräer  hervor,  imd  wir  können  diese  Gegensätze  so 
ziemlich  auf  einen  einzigen  grundsätzlichen  zurückführen.  Der  erste 
Gelehrte,  dessen  Datirungen   wir   angaben,   ging  von   dem  Bestreben 

')  Roth,  Geschichte  der  abendländischen  Philosopliie.   Bd.  IL     *)  Zeller  I. 


138  1.  Kapitel. 

aus,  die  überreichen  Mittheilungen,  welche  erst  in  nachchristlichen 
Jahrhunderten  von  griechischen  Schriftstellern  in  Form  spannender 
aber  Roman -artiger  mit  Wundergeschichten  reichlich  durchsetzter 
Bücher  zusammengestellt  wurden,  nach  Ausscheidung  dessen,  was 
augenscheinlich  sagenhafte  Erfindung  war,  zu  benutzen.  Der  Zweite 
verwirft  jene  Romane  ganz  und  gar,  lässt  höchstens  die  Benutzung 
einiger  weniger  Stellen  derselben  zu,  wo  die  Gewährsmänner  aus- 
drücklich genannt  sind  und  ihre  Nennung  selbst  Vertrauen  verdient. 
Beide  gehen  wohl  in  ihren  polemisch  erprobten  und  dadurch  nur 
um  so  stärker  befestigten  Meinungen  zu  weit,  wenn  wir  auch  heute 
gern  erklären,  dass  wir  uns  in  den  meisten  Punkten  den  Ansichten 
des  Vertreters  derjenigen  Auffassung,  die  man  als  skeptische  be- 
zeichnen könnte,  nähern,  wenn  nicht  anschliessen.  Für  uns  gibt  es 
aber  noch  einen  Mittelweg,  den  wir  vielfach  an  der  Hand  des  letzten 
Bearbeiters^)  unseres  Gegenstandes  zu  gehen  lieben,  so  weit  über- 
haupt die  Geschichte  der  Mathematik  uns  die  Pflicht  auferlegt  über 
die  Streitpunkte  ein  Urtheil  auszusprechen. 

Ein  derartiger  Streitpunkt  ist  der  Aufenthalt  des  Pythagoras 
in  Aegypten,  der  von  grösster  Bedeutung  für  die  ganze  Ent- 
wicklungsgeschichte der  griechischen  Mathematik  ist,  wenn  man  an 
ihn  glaubt,  jene  Geschichte  noch  räthselhafter  macht,  als  sie  viel- 
fach bereits  erscheint,  wenn  man  ihn  verwirft.  Der  älteste  Bericht 
über  diesen  Aufenthalt,  um  dessen  Glaubwürdigkeit  oder  Unglaub- 
würdigkeit  es  sich  begreiflicherweise  in  erster  Linie  handelt,  stammt 
von  dem  Redner  Isokrates,  dessen  schrifstellerische  Thätigkeit  auf 
398,  also  höchstens  etwa  100  Jahre  nach  dem  Tode  des  Pythagoras 
und  bevor  die  Mythenbildung  sich  seiner  Persönlichkeit  bemächtigt 
hatte,  fällt,  Isokrates  sagt  von  den  ägyptischen  Priestern^):  Man 
könnte,  wenn  man  nicht  eilen  wollte,  viel  Bewunderungswürdiges  von 
ihrer  Heiligkeit  anführen,  welche  ich  weder  allein  noch  zuerst  er- 
kannt habe,  sondern  Viele  der  jetzt  Lebenden  und  der  Früheren, 
unter  denen  auch  Pythagoras  der  Samier  ist,  der  nach  Aegypten  kam 
und  ihr  Schüler  wurde  und  die  fremde  Philosophie  zuerst  zu  den 
Griechen  verpflanzte.  Dieser  Stelle  ist  mit  entschiedenem  Zweifel 
begegnet  worden"'),  der  auf  den  Inhalt  der  Rede  des  Isokrates  sich 
gründet.  Busiris  war  eine  ägyptische  Stadt  mitten  im  Nildelta,  in 
der  grosse  Isisfeste   gefeiert  wurden.     In  Erinnerung  an  die   frühere 


^)  A.  Ed.  Cliaignet,  PytJiagore  et  la  philosophie  Pythagoriciennc  contcnant 
les  fragmenfs  de  Philolavs  et  d'  Archytas.  Ouvrage  couronne  par  Finstitut. 
Paris,  187a.  Wir  citiren  dieses  Werk  kurz  als  Chaignet.  -)  Isokrates, 
Busiris  cap.  11.  ^)  Die  Zweifel  sind  liier  theilweisc  wörtlich  aus  Zeller  I, 
259  Note  1  entaooimen. 


Pythagoras  und  die  Pythagoräer.     Arithmetik.  139 

Abgeschlossenheit  Aegjpteus  Fremden  gegenüber  hatte  die  griechische 
Sage  aber  auch  einen  König  gleichen  Namens  mit  der  Stadt  erdacht, 
der  jeden  Fremden  schlachten  Hess.  Zur  Zeit  der  Sophisten  liebten 
die  griechischen  Rhetoren  sich  mit  Redestückchen  gegenseitig  zu 
überbieten,  Lobreden  auf  Tadelnswerthe,  Anklagen  gegen  Vortreff- 
liche zu  verfassen.  So  hatte  Polykrates  eine  Apologie  jenes  Busiris 
geschrieben,  und  nun  wollte  Isokrates  dem  Nebenbuhler  zeigen,  wie 
er  sein  Thema  eigentlich  hätte  behandeln  müssen.  Polykrates,  meint 
er,  habe  darin  gefehlt,  dass  er  dem  Busiris  ganz  unglaubliche  Dinge 
zugeschrieben  habe,  einerseits  die  Ableitung  des  Nils,  andrerseits  das 
Auffressen  der  Fremden;  dergleichen  werde  man  bei  ihm  nicht  finden. 
Wir  lügen  zwar  beide,  sagt  er  aufrichtig  genug,  aber  ich  mit  Worten, 
welche  einem  Lobenden,  Du  mit  solchen,  welche  einem  Scheltenden 
geziemen.  Aus  diesem  Geständnisse  hat  man  die  Folgerung  gezogen, 
dass  Angaben,  die  sich  selbst  als  rednerische  Erfindung  geben,  nicht 
den  geringsten  Werth  haben.  Diese  Folgerung  ist  aber  nur  da 
richtig,  wo  es  um  rednerische  Erfindung  sich  überhaupt  handeln 
kann.  Hätte  also  Busiris,  dem  Isokrates  lobend  nachlügt,  er  sei  der 
Urheber  der  ganzen  ägyptischen  Kultur  gewesen,  wirklich  gelebt, 
wir  würden  doch  von  jenem  Lobe  nichts  halten.  Sind  wir  deshalb 
berechtigt,  auch  von  der  ägyptischen  Kultur  nichts  zu  halten,  nichts 
von  den  ägyptischen  Priestern  als  Trägern  dieser  Kultur?  Das 
wünscht  wohl  der  Zweifelsüchtigste  nicht.  Und  wenn  die  allgemein 
anerkannte  Thatsache  ägyptischer  hoher  Bildung  nur  den  unwahren 
Zwecken  des  Isokrates  mittelbar  dienen  soll,  so  hat  es  für  ihn  auch 
nur  mittelbare  Bedeutung,  wenn  er  jeuer  Thatsache  eine  Stütze  gibt, 
wenn  er  sich  darauf  beruft,  Pythagoras  sei  Schüler  dieser  hoch- 
gebildeten Priester  gewesen.  Der  falsche  Satz:  Busiris  sei  der  Urheber 
aller  Bildung,  wird  dadurch  in  keiner  Weise  wahr,  wenn  die  Bil- 
dung vorhanden  war,  wenn  sie  auf  fremde  Persönlichkeiten  sich 
übertrug.  Ueberdies  bedurfte  Isokrates  zu  diesem  letzteren  Erweise 
keiner  Unwahrheit.  Er  konnte  auf  die  Reisen,  auf  die  Berichte 
anderer  Männer  sich  beziehen,  eines  Thaies,  eines  Herodot,  eines 
Demokritos.  Wenn  er  es  vorzog,  statt  ihrer  nur  Pythagoras  zu 
nennen,  so  wird  man  das  dadurch  erklären  müssen,  dass  das  Ansehen, 
in  welchem  Pythagoras  schon  zur  Zeit  des  Isokrates  stand,  doch 
ein  anderes  war,  als  das  der  eben  genannten  wenn  auch  berühmten 
Persönlichkeiten.  Isokrates,  wir  können  es  nur  immer  stärker  be- 
tonen, log  nicht  um  zu  lügen,  er  log  nur  in  den  Lobsprüchen,  die 
er  seinem  um  jeden  Preis  zu  erhebenden  Helden  zollte,  und  die  er- 
fundenen Verdienste  des  Busiris  konnten  eine  gewisse  Scheinbarkeit, 
auf  deren  Erlangung  es  bei    dem  rednerischen  Kunststückchen  allein 


140  6-  Kapitel. 

ankanij  nur  daDn  gewinnen,  wenn  alles  Beiwerk  der  Wahrheit  ent- 
sprach, wenn  nicht  auch  nebensächliche  Dinge  den  Hörer  sofort  kopf- 
scheu machten.  Wir  zweifeln  daher  keinen  Augenblick,  dass  der 
Aufenthalt  des  Pythagoras  in  Aegypten,  dass  der  Unterricht,  welchen 
er  bei  den  dortigen  Priestern  genoss,  zu  den  Dingen  gehört,  die 
landläufige  Wahrheit  waren,  als  Tsokrates  sie  aussprach,  die  Nie- 
mand neu.  Niemand  absonderlich  oder  gar  unwahrscheinlich  vor- 
kamen '). 

Der  Aufenthalt  des  Pythagoras  in  Aegypten,  den  wir  jetzt  schon 
für  durchaus  gesichert  halten,  wird  weiter  durch  eine  Menge  anderer 
Schriftsteller  behauptet.  Freilich  sind  es  Schriftsteller,  die  insgesammt 
später,  theilweise  viel  später  als  Isokrates  gelebt  haben.  Strabon 
meldet  uns  in  nüchternem,  einfachem  und  dadurch  um  so  glaub- 
würdigerem Tone:  Die  Geschichtsschreiber  theilen  mit,  Pythagoras 
sei  aus  Liebe  zur  Wissenschaft  nach  Aegypten  und  Babylon  ge- 
gangen"'). Antiphon,  allerdings  der  Lebenszeit  nach  nicht  genauer 
bestimmt,  aber  von  späteren  Schriftstellern  unter  Namensnennung 
mit  grosser  Zuversicht  benutzt,  hat  in  seinen  Lebensbeschreibungen 
von  durch  Tugend  sich  auszeichnenden  Männern  Ausführliches  über 
den  ägyptischen  Aufenthalt  des  Pythagoras  erzählt^).  Viel  weniger 
Gewicht  legen  wir  —  von  anderen  Zeugnissen  zu  schweigen  —  dem 
bei,  was  ägyptische  Priester  ruhmredig  dem  Diodor  erzählten  und 
was  er  uns  mit  folgenden  Worten  wiederholt:  Die  ägyptischen  Priester 
nennen  unter  den  Fremden,  welche  nach  den  Verzeichnissen  in  den 
heiligen  Büchern  vormals  zu  ihnen  gekommen  seien,  den  Orpheus, 
Musäus,  Melampus  imd  Dädalus,  nach  diesen  den  Dichter  Homer  und 
den  Spartaner  Lykurg,  ingleichen  den  Athener  Solon  und  den  Phi- 
losophen Piaton.  Gekommen  sei  zu  ihnen  auch  der  Samier  Pytha- 
goras und  der  Mathematiker  Eudoxus,  ingleichen  Demokritos  von 
Abdera  und  Oinopides  von  Chios.  Von  allen  diesen  weisen  sie  noch 
Spuren  auf).  Diese  altägyptischen  Matrikellisten  mit  sammt  den  auf- 
gewiesenen Spuren  sind  an  sich  recht  sehr  verdächtig,  doppelt  ver- 
dächtig durch  Namen  wie  Orpheus  und  Homer,  die  dort  eingetragen 
sein  sollen.  Wir  haben  die  Stelle  überhaupt  uus  aus  einem,  wie 
uns  scheint,  erheblichen  Grunde  mitgetheilt.  Sie  beweist  nämlich, 
dass  zu  Diodors  Zeiten   um  die   dort   genannten  Männer  ein  ziemlich 

*)  Chaignet  pag.  43  hält  die  ägyptische  Reise  auch  für  erwiesen,  lässt 
sich  aber  auf  eine  Vertheidigung  des  Ausspruches  des  Isokrates,  wie  Avir  sie  ge- 
liefert haben,  nicht  ein.  Dagegen  sind  bei  ihm  die  Citate  anderer  Schriftsteller» 
welche  über  jene  Reise  berichten,  in  grosser  Vollständigkeit  gesammelt. 
*)  Strabo  XIV,  1,  16.  ■')  Als  IJrnchstück  erhalten  bei  Porphyrius,  De  vita 
Jhjthagorac  cap.  7,  auch  bei  Diogenes  Laertius  VllI,  3.     *)  Diodor  I,  96. 


Pythagoras  und  die  Pytliagoräer.     Arithmetik.  141 

gleicher  Strahlenkranz  von  Berühmtheit  sich  gebildet  hatte,  der  von 
ihnen  auf  die  Lehrer,  die  sie  hatten  oder  gehabt  haben  sollten, 
zurückstrahlt. 

Die  von  uns  angeführte  Stelle  des  Strabon  gibt  auch  Auskunft 
über  eine  Studienreise  des  Pythagoras  nach  Babylon.  Offen- 
bar genoss  diese  zur  Zeit  von  Christi  Geburt,  das  ist  zur  Zeit  Strabons, 
einer  hinreichend  guten  Beglaubigung,  um  als  geschichtliche  That- 
sache  kurz  ervrähnt  zu  werden.  Als  sicher  gestellt  erscheint  uns 
damit  so  viel,  dass  Pythagoras  in  Babylon  hätte  gewesen  sein  können. 
Drücken  wir  uns  deutlicher  aus.  Wir  meinen,  es  müssen  innerhalb 
der  pythagoräischen  Schule  Lehren  vorgetragen  worden  sein,  welche 
überraschende  Aehnlichkeit  mit  solchen  Dingen  besassen,  denen  das 
Griechenthum  seit  dem  Alexanderzuge  an  dem  zweiten  Mittelpunkte 
ältester  Kulturverbreitung  neben  Aegypten,  in  Babylon  wiederbegeg- 
nete. Eine  gegentheilige  Annahme  würde  das  Entstehen  des  Glaubens 
an  die  Sage  von  dem  Aufenthalte  bei  den  Chaldäern  jeder  Grundlage 
berauben.  Wir  nennen  den  Aufenthalt  eine  Sage,  weil  auch  uns  jetzt' 
ein  erstes  Zeugniss  Strabons  ohne  Kenntniss  des  Alters  seiner  Quellen 
zur  vollen  geschichtlichen  Wahrheit  nicht  ausreicht.  Immerhin  bleibt 
die  Art,  wie  ba'bylonische  Elemente,  deren  wir  auf  mathematischem 
Gebiete  einige  erkennen  werden,  in  die  pythagoräische  Lehre  ein- 
drangen, und  die  Rolle,  welche  sie  darin  spielten,  in  hohem  Grade 
räthselhaft,  wenn  wir  ganz  verwerfen  wollten,  Pythagoras  selbst  oder 
einer  seiner  nächsten  Schüler  sei  unmittelbar  an  die  Quelle  gerathen, 
aus  welcher  dieselben  zu  schöpfen  waren. 

Mit  dem  Ausdrucke  Pythagoras  selbst  oder  einer  seiner  nächsten 
Schüler  haben  wir  eine  unleugbare  Schwierigkeit  bezeichnet,  einen 
Gegenstand  wissenschaftlichen  Zweifels  berührt,  welcher  hier  im  Wege 
liegt  und  zu  dessen  Wegräumung  uns  keine  Mittel  gegeben  sind. 
Die  pythagoräische  Schule  war,  wie  schon  oben  erwähnt  wurde, 
eine  eng  geschlossene.  Mag  es  Wahrheit  oder  Uebertreibung  genannt 
werden,  dass  unverbrüchliches  Stillschweigen  überhaupt  den  Pythago- 
räern  zur  Pflicht  gemacht  war,  dass  ihnen  unter  allen  Umständen 
das  verboten  war,  was  wir  sprichwörtlich  aus  der  Schule  schwatzen 
nennen,  sicher  ist,  dass  über  den  oder  die  Urheber  der  meisten 
pythagoräischen  Lehren  kaum  irgend  welche  Gewissheit  vorliegt. 
'Ensivog  £(pa  oder  ^tirog  tcpa,  ER,  der  Meister,  hat's  gesagt,  war  die 
vielbenutzte  Redensart,  und  welcher  Zeit  dieselbe  auch  angehört,  sie 
lässt,  je  später  sie  aufgekommen  sein  mag,  um  so  deutlicher  die 
ganz  ungewöhnliche,  durch  viele  Jahrhunderte  in  der  Ueberlieferung 
sich  erhaltende  geistige  Ueberlegenheit  des  Pythagoras,  der  Alles,  was 
von  Werth  war,  selbst  gefunden  und  gelehrt  haben  sollte,  lässt  aber 


142  6.  Kapitel. 

auch  die  Unmöglichkeit  erkennen  scharf  zu  sondern,  was  wirklich 
von  Pythagoras  selbst,  was  von  seineu  Schülern  herrührte.  Vielleicht 
ist  es  dabei  gestattet  aus  den  erwähnten  inneren  Gründen  anzunehmen, 
dass,  wo  ein  Pythagoräer  als  Entdecker  bestimmt  genannt  ist,  die 
Richtigkeit  der  Angabe  nicht  leicht  zu  bestreiten  sei,  dass  dagegen, 
wo  Pythagoras  selbst  der  Urheber  gewesen  sein  soll,  sehr  wohl  eine 
Namensverschiebung  stattgefunden  haben  könne. 

Einige  von  den  Dingen,  welche  ganz  besonders  der  Geschichte 
der  Mathematik  angehören,  werden  wir  allerdings  nicht  verzichten 
Pythagoras  selbst  zuzuschreiben.  Dazu  gehört  der  pythagoräische 
Lehrsatz,  den  wir  unter  allen  Umständen  ihm  erhalten  wissen 
wollen.  Sei  es  darum,  dass  man  den  Zeugnissen  des  Vitruvius,  des 
Plutarch,  des  Diogenes  Laertius,  des  Proklns,  so  bestimmt  sie  auch 
lauten^),  wegen  ihres  späten  Datums  kein  Gewicht  beilegen  dürfe. 
Schwerer  fallen  doch  die  in  die  Wagschale,  welche  Proklus  als  seine 
Gewährsmänner  anführt:  „Die  welche  Alterthümliches  erkunden 
wollen'"'^)  sei  damit,  wie  man  gewöhnlich  annimmt,  Eudemus  gemeint 
oder  nicht.  Am  Ueberzeugendsten  vollends  ist  uns  die  mittelbare 
Bestätigung  in  dem  alten  Mathematikerverzeichnisse.  Pythagoras, 
heisst  es  dort  ausdrücklich,  erfand  die  Theorie  des  Irrationalen.  Eine 
solche  Theorie  war  aber  ganz  unmöglich,  eine  Beschäftigung  mit  dem 
Irrationalen  undenkbar,  wenn  nicht  der  Satz  von  den  Quadraten  der 
drei  Seiten  des  rechtwinkligen  Dreiecks  vorher  bekannt  war,  und 
man  würde,  wollte  man  Pythagoras  nicht  als  seinen  Urheber  gelten 
lassen,  in  die  noch  schwierigere  Lage  versetzt,  ihn  älter  als  Pytha- 
goras annehmen  zu  müssen. 

Auf  Grundlage  des  Mathematikerverzeichnisses  sehen  wir  ferner 
in  Pythagoras  selbst  wirklich  den  Erfinder  der  Construction  der 
kosmischen  Körper,  d.  h.  der  regelmässigen  Vielflächner  in 
einem  Sinne,  der  nachher  noch  auseinandergesetzt  werden  soll. 

Glaubwürdig  ist  uns  auch,  was  der  bekannte  Musikschriftsteller 
Aristoxenus,  einer  der  zuverlässigsten  Gelehrten  der  peripatetischen 
Schule,  berichtet,  dass  Pythagoras  vor  Allen  die  Zahleulehre'')  in 
Achtung  gehabt  und  dadurch  gefördert  habe,  dass  er  von  dem 
Bedürfnisse  des  Handels  weiter  schritt  alle  Dinge  den  Zahlen  ver- 
gleichend'').  Wir  glauben  an  die  Berechtigung  der  Verbindung  des 
Namens    des    Pythagoras    mit    der    musikalischen    Zahlenlehre, 


^)  Diese  Zeugnisse  zui?ammeugestellt  bei  A 11  m  a  n  1.  c.  pag.  26.  k. 
-)  Proklus  ed.  Friedlein  426  tCav  fiiv  igxoquv  xa  aQ^aia  ßovlofisvcov.  Das 
Wort  iaroQStv  besitzt  bei  Proklus  nirgend  eine  spöttische  Nebenbedeutung,  man 
darf  also  nicht,  wie  es  geschehen  ist,  übersetzen  ,,die  alte  Geschichten  erzählen 
wollen".     •')  Diogenes  Laertius  VI II,  14.     *)  Stobaeus,  Ecloga  phys.  I,  1,6. 


Pythagoras  und  die  Pythagoräer.     Arithmetik.  143 

mag  das  Monochord  von  ihm  herrühren  oder  nicht,  wir  glauben, 
dass  er  hauptsächlich  um  die  arithmetische  Unterabtheilung 
der  Geometrie  sich  bemüht  habe^). 

Ja  wir  gehen  noch  weiter  und  schreiben  dem  Pythagoras  den 
Besitz  einer  mathematischen  Erfindungsmethode  zu,  des  mathe- 
matischen Experimentes,  wie  wir  dieses  Verfahren  anderwärts 
genannt  haben'),  womit  freilich  ebensowenig  gesagt  sein  soll,  dass 
das  Bewusstsein  ihm  innewohnte  darin  eine  wirkliche  Methode  zu 
besitzen,  als  dass  er  ihr  Erfinder  war,  die  er  aus  den  in  Aegypten 
gewonnenen  Anschauungen  jedenfalls  leicht  abstrahiren  konnte,  wenn 
er  sie  nicht  fertig  von  dort  mitbrachte. 

Auf  die  persönliche  Zuweisung  sonstiger  Dinge  verzichten  wir 
und  werden  im  Folgenden  von  der  Mathematik  der  Pythagoräer, 
nicht  des  Pythagoras  reden.  Freilich  vergrössert  sich  dadurch  der 
Zeitraum,  dessen  wissenschaftliches  Bild  wir  zu  gewinnen  trachten 
erheblich.  Wenn  auch  nicht  bis  zu  den  letzten  eigentlichen  Pytha- 
goräern,  deren  Thätigkeit  auf  366  angesetzt  wird^),  so  doch  bis  vor 
Piaton,  etwa  bis  zum  Jahre  400  erstreckt  sich  unserer  Meinung  nach 
die  mathematische  Thätigkeit  des  Pythagoräismus  als  solchem.  Von 
seinen  meistens  namenlosen,  mitunter  an  bestimmte  Persönlichkeiten 
geknüpften  Leistungen  wissen  wir  aus  verschiedenen  theilweise  späten 
uns  jedoch  in  den  Dingen,  für  welche  wir  sie  gebrauchen  wollen,  als 
zuverlässig  geltenden  Quellen. 

Als  solche  Quelle  betrachten  wir  vor  allen  Dingen  den  „Timäus" 
überschriebenen  Dialog  des  Piaton.  Tim  aus  von  Lokri  war  ein 
echter  Pythagoräer,  Piaton  dessen  Schüler.  Soll  man  nun  annehmen 
Piaton  habe  diesem  seinem  Lehrer  wissenschaftliche  Aeusseruno-en 
in  den  Mund  gelegt,  die  er  nicht  ganz  ähnlich  von  ihm  gehört  hatte, 
er  habe  ihm  insbesondere  Mathematisches  untergeschoben?  Wir 
köimen  einem  solchen  Gedanken  uns  nicht  hingeben,  können  es  um 
so  weniger,  als  Piatons  eigene  Abhängigkeit  von  den  Pythagoräern 
in  vielen  Dingen  durch  einen  so  unverdächtigen  Zeugen  wie  Aristo- 
teles bestätigt  wird.  Die  Philosophie  Piatons,  sagt  er^),  kam  nach 
der  pythagoräischen,  in  Vielem  ihr  folgend.  Anderes  eigenthümlich 
besitzend.  Eine  zweite  wichtige  Quelle  liefert  uns  ein  Werk  des  Theon 
von  Smyrna-').  Dieser  Schriftsteller  lebte  zwar  erst  um  130  n.  Chr., 
also   in  einer  Zeit,  wo   die  Mythenbildung,  die   Pythagorassage,  wie 

^)  Diogenes  Laeitius  VIII,  12:  [icchGza  8s  axoXäaai  xbv  TIvQ-ayoQav  thqI 
xb  &Qi&^r]tLKbv  dSog  avrf]g  (sc.  ysm^tzQLag)  xov  zs  ■ndvova  rbv  fx  ftiKg  XOQSijg 
svQUv.  '-*)  Math.  Beitr.  Kulturl.  92.  ^)  Zeller  I,  288,  Note  5.  -*)  Aristoteles 
Metaphys  I,  6.  °)  Theonis  Smyrnaei  philosojM  Flatonici  expositio  rcnim 
mathematicaruin  ad  legendum  Plalonem  utilium.    Edid.  Ed.  Hill  er.  Leipzig,  1878. 


144  6-  Kapitel. 

man  einigermassen  schroff  sich  ausgedrückt  hat,  in  dem  Leben  des 
Pythagoras  von  Apollonius  von  Tyana,  in  den  unglaublichen 
Dingen  jenseits  Thule  von  Antonius  Diogenes,  schon  romanhafte 
Gestalt  gewonnen  hatte.  Aber  für  die  Dinge,  für  welche  wir  Theon 
gebrauchen  wollen,  war  in  einem  Roman  blutwenig  zu  schöpfen. 
Man  lese  doch  das  Leben  des  Pythagoras  von  Porphyrius,  das 
ähnliche  theilweise  daran  sich  anlehnende  Buch  von  Jaiublichus, 
man  lese  was  Diogenes  Laertius  von  dem  Leben  des  Pythagoras 
aufgespeichert  hat,  und  man  wird  zwar  unterhaltende  Geschichtcheu 
genug  finden.  Mathematisches  aber  nur  in  so  weit  als  Laien  mit 
mathematischen  Wörtern  um  sich  zu  werfen  im  Stande  sind,  es  sei 
denn,  dass  ältere  Fachleute  wie  der  Musiker  Aristoxenus,  der 
Rechenmeister  Apollodorus  als  Gewährsmänner  auftreten,  zu  welchen 
als  Fachmann  Jamblichus  selbst  hinzutritt,  der  uns  in  dieser  Gestalt 
im  23.  Kapitel  begegnen  wird.  Was  also  Theon  von  Smyrna  als 
pythagoräische  mathematische  Lehren  hervorhebt,  das  muss  aus  ganz 
anderen  nicht  mythischen  Schriften  geschöpft  sein,  von  welchen  Por- 
phyrius, Jamblichus  in  ihren  Biographien  des  Pythagoras  wenigstens 
in  diesem  Sinne  keinen  Gebrauch  gemacht  haben. 

Wer  freilich  solche  Schriften  verfasste,  und  wie  sie  hiessen,  das 
dürfte  ein  unlösbares  Räthsel  bleiben,  wenn  man  auch  versucht  hat 
die  zweite  Frage  zu  beantworten^).  Bei  Jamblichus  findet  sich  Fol- 
gendes-): „Die  Pythagoräer  erzählen,  die  Geometrie  sei  so  in  die 
Oeffentlichkeit  gelangt.  Das  Vermögen  der  Pythagoräer  sei  durch 
einen  derselben  verloren  gegangen,  und  da  habe  man  ihm  gestattet, 
die  Geometrie  als  Erwerbszweig  zu  benutzen."  Daran  schliesst  sich 
die  fast  unverständliche  Stelle:  'Exakelxo  dh  iq  ysco^stQca  tcqoq  Jlv&a- 
yoQov  löTOQiK,  welche  unser  Gewährsmann  übersetzt:  „Die  Geometrie 
wurde  aber  Ueberlieferung  von  Pythagoras  genannt."  So  an- 
sprechend die  Vermuthung  an  sich  klingt,  scheint  sie  doch  sprachlich 
nicht  aufrecht  erhalten  werden  zu  können,  es  sei  denn  dass  man 
annähme,  zwischen  ysco^EtQia  und  TtQog  sei  ein  Artikel  rj  weggefallen, 
eine  Annahme  von  grosser  Kühnheit. 

Die  Benutzbarkeit  des  Theon  von  Smyrna  gründet  sich  wesent- 
lich auf  dem  ausgesprochenen  Zwecke  seines  Werkes.  Er  will  die 
zum  Verständniss  Piatons  und  der  Platoniker  nöthigen  Vorkenntnisse 
mittheilen.  Er  will  dabei  der  Reihe  nach  die  Arithmetik  mit  Inbegriff 
der  musikalischen  Zahlenverhältnisse,  die  Geometrie,  die  Stereometrie, 

')  La  gäomätrie  Gi'ecque,  comment  sou  histoire  uous  est  parvenue  et  ce 
que  nous  en  savons.  Essai  critique  par  Paul  Tannery  (Paris,  1887)  pag.  81. 
*)  De  pithagorica  vita  (ed.  Kiessling)  89  und  Ansse  de  VilIoi,son,  Anecdota 
üraeca  II,  210  lin.  22—25. 


Pythagoras  und  die  Pythagoräer.     Arithmetik.  145 

die  Astronomie,  die  Musik  der  Welten  behandeln.  Hier  finden  wir 
also  hauptsäctlicli  dasjenige  in  der  Sprache  des  II.  n achristlichen 
Jahrhunderts  vorgetragen,  was  von  mathematischen  Kenntnissen  für 
das  Studium  Piatons  nothwendig  ist.  Das  können  aber  vermöge  der 
selbstverständlichen  Thatsache,  dass  wissenschaftliche  Anspielungen 
eines  früheren  Jahrhunderts  nicht  mit  Hilfe  der  Errungenschaften 
eines  späteren  Jahrhunderts  sich  erklären,  nur  solche  Kenntnisse  sein, 
die  nach  Theons  bestem  Wissen  den  platonischen  Schriften  selbst 
geschichtlich  voraus  gingen,  in  ihnen  zur  Verwerthung  kommen 
konnten.  Da  ferner  Theon  von  Piaton  selbst  sagt,  er  folge  oft  den 
Pythagoräern^),  so  wird  seine  Brauchbarkeit  für  uns  hier  vollends 
erhöht.  Diese  beiden  Werke  sind  also  unsere  Hauptquellen.  Wir 
werden  zu  ihnen  auch  noch  aus  anderen  Schriftstellern  da  und  dort 
einen  geringen  Zufluss  erhalten,  die  sich,  wie  wir  sehen  wollen,  zu 
einem  ganz  stattlichen  Ganzen  vereinigen. 

Theon  hat,  sagten  wir,  zuerst  die  Arithmetik  behandelt.  Damit 
ist  uns  Gelegenheit  geboten,  eine  ungemein  wichtige  Zweispaltung 
der  Lehre  von  den  Zahlen  in's  Auge  zu  fassen.  Die  ganze  Mathematik 
zerfiel,  nach  Geminus"-),  in  zwei  Haupttheile,  deren  Unterschied  er 
darin  erkannte,  dass  der  eine  Theil  sich  mit  dem  geistig  Wahrnehm- 
baren, der  andere  sich  mit  dem  sinnlich  Wahrnehmbaren  beschäftige. 
Geistigen  Ursprungs  ist  ihm  Arithmetik  und  Geometrie,  sinnlichen 
Ursprungs  dagegen  Mechanik,  Astronomie,  Optik,  Geodäsie,  Musik, 
Logistik.  Von  den  übrigen  Theilen  und  dem,  was  Geminus  des 
Weiteren  über  sie  bemerkt,  sehen  wir  ab.  Arithmetik  und  Logistik 
erklärt  er  dahin,  dass  die  Erstere  die  Gestaltungen  der  Zahl  an  und 
für  sich  betrachte,  die  Letztere  aber  mit  Bezug  anf  sinnliche  Gegen- 
stände. Arithmetik  ist  ihm  also  eine  theoretische,  Logistik  eine 
praktische  Wissenschaft.  Arithmetik  ist  ihm,  um  die  heute  gebräuch- 
lichen Wörter  anzuwenden,  dass  was  seit  Gauss  höhere  Arithmetik,  seit. 
Legendre  Zahlentheorie  genannt  wird.  Logistik  ist  ihm  die  eigent- 
liche Rechenkunst. 

Diese  strenge  Unterscheidung  war  allerdings  in  den  Zeiten 
pythagoräischer  Mathematik  noch  nicht  zum  Durchbruch  gelangt.  Die 
Pythagoräer  stellten  die  beiden  Fragen:  Wie  viel?  und  Wie  gross?^) 
In  der  Beantwortung  beider  trennten  sie  aufs  Neue.  Das  eine  Mal 
wurde  die  Vielheit  an  sich  in  der  Arithmetik,  die  Vielheit 
bezogen   auf  Anderes  in   der  Musik  behandelt.     Das   andere  Mal 


')  Theon  Smyrnaeus  (ed.  Hiller),  pag.  12.  ^)  Proklus  ed.  Fried- 
lein, pag.  38.  Vergl.  auch  Nesselmann,  Algebra  der  Griechen,  S.  40  flgg. 
^)  Proklus  ed.  Friedlein  35—36. 

Cahtor,  Geschichte  der  Mathematik  I.    2.  Aufl.  10 


146  6.  Kapitel. 

bildete  die  ruhende  Grösse  den  Gegenstand  der  Geometrie,  die 
bewegte  Grösse  den  Gegenstand  der  Sphärik. 

Bei  manchem  Wechsel  der  sonstigen  Systematik  blieb  die  eigent- 
liche Arithmetik  vom  VI.  bis  zum  I.  vorchristlichen  Jahrhundert, 
von  den  Pythagoräern  bis  zu  Geminus  fast  mit  gleichem  Inhalte 
ausgestattet,  und  dieser  gleichartige  Inhalt  wahrte  sich  weiter,  so 
lange  überhaupt  in  griechischer  Sprache  über  diesen  Theil  der  Mathe- 
matik geschrieben  wurde.  Einiges  kam  natürlich  im  Laufe  der  zeit- 
lichen Entwicklung  hinzu.  In  die  griechische  Arithmetik  drang  ein, 
was  wir  jetzt  Algebra  oder  Lehre  von  den  Gleichungen  nennen, 
soviel  davon  bekannt  war.  Ihr  gehörte  die  Lehre  von  den  nach  be- 
stimmten Gesetzen  gebildeten  Reihen  und  deren  Summirung,  ihr  die 
Proportionenlehre  an,  wie  sie  nach  und  nach  in  weiterem  und  weite- 
rem Umfang  sich  bildeten,  aber  niemals  begriff  die  Arithmetik  das 
eigentliche  Rechnen  unter  sich. 

Wir  werden  uns  wohl  der  Wahrheit  nähern,  wenn  wir  annehmen, 
die  Logistik,  die  Rechenkunst,  sei  erst  allmälig  als  Gegenstand  schrift- 
licher Unterweisung  in  Büchern  behandelt  worden.  Sie  verdankte 
vorher  ihre  unentbehrliche  Verbreitung  vorwiegend  dem  mündlichen 
Unterricht.  Sie  war  allgemeines  Bedürfniss,  nicht  Wissenschaft,  und 
es  mag  lange  gedauert  haben,  bevor  es  einem  Rechenmeister  einfiel, 
über  den  Inhalt  seines  Unterrichts  sich  schriftlich  auszusprechen.  Zu 
dieser  Annahme  gelangen  wir  von  der  Erwägung  aus,  dass  eine 
Logistik  bestand  und  uns  quellenmässig  gesichert  ist,  lange  bevor 
wir  von  Büchern  über  dieselbe  hören.  Ihr  Name  kommt  schon  in 
einem  platonischen  Dialoge  vor,  wo  die  Logistik  der  Arithmetik 
gegenübergestellt  ist '),  und  in  einem  anderen  Dialoge  des  gleichen 
Verfassers  ist  von  den  Logistikern^)  die  Rede. 

Wenn  wir  bei  der  Betrachtung  der  pythagoreischen  Mathematik 
von  den  arithmetischen  Dingen  ausgehen,  so  folgen  wir  nur  der 
Aussage,  welche  in  dieses  Gebiet  die  wesentlichsten  Leistungen  des 
Pythagoras  verlegt,  und  welche,  selbst  wenn  ihr  kein  Gewährsmann 
von  der  Bedeutung  des  Aristoxenus  Gewicht  verliehe,  in  dem  all- 
gemeinen Bewusstsein,  dass  die  der  Arithmetik  uächststehende  Zahlen- 
symbolik so  recht  eigentlich  altpythagoräisch  war,  ihre  Rechtfertigung 
finden  könnte.  Wir  haben  ein  Beispiel  pythagoräischer  Zahlenmystik 
an  früherer  Stelle  (S.  95)  verwerthet.  Ein  anderes  mag  hier  Platz 
finden,  welches  gleichfalls  Plutarch  uns  aufbewahrt  hat:  Es  haben 
sich  aber  wohl  die  Aegypter  die  Natur  des  Weltalls  zunächst  unter 
dem  Bilde  des  schönsten  Dreiecks  gedacht;  auch  Piaton  in  der  Schrift 


')  Piaton,    Gorgias  461,  B.     ^)  Piaton,  Euthydemus  290,  B. 


Pythagoras  und  die  Pythagoräer.     Arithmetik.  147 

vom  Staate  sclieint  das  Bild  gebraucM  zu  haben,  da  wo  er  ein 
Gemälde  des  Ehestandes  entwirft.  Das  Dreieck  enthält  eine  senkrechte 
Seite  von  3,  eine  Basis  von  4  und  eine  Hypotenuse  von  5  Theileu, 
deren  Quadrat  denen  der  Katheten  gleich  ist.  Man  kann  nun  die 
Senkrechte  mit  dem  Männlichen,  die  Basis  mit  dem  Weiblichen,  die 
Hypotenuse  mit  dem  aus  beiden  Geborenen  vergleichen  und  somit  den 
Osiris  als  Ursprung,  die  Isis  als  Empfängniss  und  den  Horus  als  Er- 
zeugniss  denken^).  Mit  dem  Vorbehalte  auf  diese  nicht  unwichtige 
Stelle  zurückzukommen,  benutzen  wir  sie  hier  nur  als  freilich  spätes 
Beispiel  pythagoräischer  Zahlenspielerei,  dem  eine  übergrosse  Menge 
älinlicher  Dinge,  Vergleichungen  von  Zahlen  mit  einzelnen  Gottheiten 
oder  Vergleichungen  von  Zahlen  mit  gewissen  sittlichen  Eigenschaften 
u.  s.  w.  aus  älterer  und  ältester  Zeit  zur  Seite  gestellt  werden  könnte "), 
wenn  die  Geschichte  der  Mathematik  neben  dem  allgemeinen  Ver- 
gleiche mit  babylonischen  Gedankenfolgen  einen  besonderen  unmittel- 
baren Nutzen  daraus  zu  ziehen  im  Stande  wäre.  Allenfalls  könnte 
dieses  für  einen  Satz  zutreffen,  welcher,  wie  sich  zeigen  wird,  durch 
Jahrhunderte  sich  forterbte,  den  Satz:  dass  die  Einheit  Ursprung 
und  Anfang  aller  Zahlen,  aber  nicht  selbst  Zahl  sei^). 

Wir  werden  bald  sehen,  dass  die  Pythagoräer  es  liebten  auf 
Gegensätze  ihr  Augenmerk  zu  richten,  und  ein  solcher  Gegensatz  war 
der  zwischen  Primzahlen  und  zusammengesetzten  Zahlen.  Ein 
alter  Pythagoräer,  Thymaridas  von  Paros^)  war  es  vermuthlich, 
der  den  Primzahlen  den  Namen  der  geradlinigen  Zahlen,  ägid^ol 
sv&i^yQafifiixoL,  beilegte "'') ,  jedenfalls  im  Gegensatze  zu  Flächen- 
zahlen, von  welchen  auch  noch  in  diesem  Kapitel  die  Rede  sein 
wird.  Derselbe  Thymaridas  aber  hat  sich  ein  ausserordentlich  viel 
grösseres  Verdienst  dadurch  erworben,  dass  er  ein  Verfahren  zur 
Auflösung  gewisser  Aufgaben  erfand,  welches  von  hoher  Tragweite 
ist,  und  welches  wir  nach  Jamblichus  auseinandersetzen'').  Das  Ver- 
fahren muss  sehr  verbreitet  gewesen  sein.  Dafür  bürgt  ausser 
Gründen,  welche  im  29.  Kapitel  auf  indischem  Boden  sich  ergeben 
werden,  der  doppelte  Umstand,  dass  Jamblichus    es   gradezu  als  eine 

^)  Plutarch,  De  Iside  et  Osiride  56.  '■')  Eine  reiche  Sammlung  von  Stellen 
bei  Zeller  I,  334 — 345,  namentlich  in  den  Anmerkungen.  ^)  Vergl.  Aristo- 
teles, Metaph.  XIII,  8,  ferner  Nicomachus,  Eisagoge  aiithmet.  II,  6,  3  (ed. 
Hoc  he  pag.  84)  und  am  deutlichsten  bei  Theon  Smyrnaeus  (ed.  Hiller) 
pag.  24:  ovxi  Ss  i]  fiovus  ccQtQ-fibg ,  ccXlcc  &QXV  «pi'ö'ftou.  *)  Paul  Tannery, 
Pour  Fhistoire  de  la  science  Hellene  (Paris,  1887)  pag.  382—386  über  die  Per- 
sönlichkeit des  Thymaridas.  ^)  Jamblichus  Chalcidensis  in  Nicomachi 
Geraseni  arithmeticam  introductionem  (ed.  Tennuli us  1668)  pag.  36.  ^)  Ebenda 
pag.  89.  Diese  verderbte  und  darum  ungemein  schwierige  Stelle  hat  zuerst 
Nesselmann,  Algebra  der  Griechen  S.  232  flgg.  richtig  erklärt. 

10* 


148  6.  Kapitel. 

Methode,  scpodog ,  bezeichnet  und  es  mit  einem  bestimmten  Namen 
nennt,  welcher  demselben  schon  früher  eigenthümlich  gewesen  zu  sein 
scheint.  Das  Epanthem,  d.  h.  die  Nebenblüthe  des  Thymaridas 
besteht  in  Folgendem^):  „Wenn  gegebene  [agLö^ava)  und  unbekannte 
Grössen  (aoQiöta)  sich  in  eine  gegebene  theilen  und  eine  von  ihnen 
mit  jeder  anderen  zu  einer  Summe  verbunden  wird,  so  wird  die 
Summe  aller  dieser  Paare  nach  Subtraktion  der  ursprünglichen  Summe 
bei  3  Zahlen  der  zu  den  übrigen  addirten  ganz  zuerkannt,  bei  4  deren 
Hälfte,  bei  5  deren  Drittel,  bei  6  deren  Viertel  und  so  fort."  Damit 
ist  gemeint,  dass,  wenn  ;/  Unbekannte  ic^,  a^o,  iCg,  .  .  .  .  Xn.  heissen,  und 
wenn  ausser  ihrer  Gesammtsumme  a^j  -{-  x.2  -\-  x^  -\-  '■■-{-  x^  =  s  die 
Summe  der  ersten  Unbekannten  x^  mit  jeder  der  folgenden  Unbe- 
kannten einzeln  gegeben  ist,  also  x^-\-  x.^  =  a^,  Xy-\-  x^  =  a^,.  ..Xy-\-  Xa 

=  ttn  —  i,    dass    alsdann    x^  =  — — ^ sein    muss. 

Das  ist,  wie  man  sieht,  vollständig  gesprochene  Algebra,  welcher  nur 
Symbole  fehlen,  um  mit  einer  modernen  Gleichungsauflösung  durch- 
aus übereinzustimmen,  und  insbesondere  ist  mit  Recht  auf  die  beiden 
Kunstausdrücke  der  gegebenen  und  unbekannten  Grösse  auf- 
merksam gemacht  worden. 

Genug  die  Pythagoräer,  seit  Gründung  der  Schule,  beachteten  die 
Zahlen  und  wussten  verschiedene  Gattungen  derselben,  so  namentlich 
die  graden  und  ungraden  Zahlen,  erstere  als  agrioi,  letztere  als 
TCSQiööoi,  zu  miterscheiden^).  Diese  Unterscheidung  war  so  land- 
läufig, dass  zu  Piatons  Zeit  das  Spiel  „Grad  oder  Ungrad"  schon  in 
Uebung  war^).  Wir  erinnern  uns,  dass  auch  den  Aegyptern  dieser 
Unterschied  nicht  entgangen  war,  wie  wir  aus  der  Einrichtung  ihrer 
Zerlegungstabelle  für  Brüche  schliessen  durften  (S.  27).  Ob  sie 
freiUch  bestimmte  Namen  für  das  Grade  und  für  das  Ungrade  hatten, 
was  zum  vollen  Bewusstsein  dieser  Zahlengattungen  gehört,  das  schwebt 
so  lange  im  Dunkel,  als  nicht  ein  ägyptisches  theoretisches  Werk 
entdeckt  ist,  dessen  Nothwendigkeit  zur  Ergänzung  des  Uebungs- 
buches  wir  eingesehen  haben.  Letzteres  enthält  jedenfalls  solche 
Namen  nicht. 

Die  Pythagoräer  sahen  überdies  in  den  graden  und  ungraden 
Zahlen  Glieder  von  Reihen,  nannten  solche  Reihenglieder  oqoi 
und  besassen  vermuthlich  in  dem  Worte  ex&eötg  auch  einen  Namen 
für  den   Begriff  von  Reihe    selbst^).     Auch    diese    Thatsache    kann 


')  Wir  benutzen  die  Uebersetzung  Nesselmann' s.  ^)  o  ye  ^ccv  iXQLd'(ibg 
i'x^i'  Svo  fi£v  i'ösa  si'Srj  TcaQicabv  xai  aQZLOv  heisst  es  in  einem  Fragmente  des 
Philolaus.  Vergl.  Zeller  I,  299,  Anmerkg.  1  und  Chaignet  I,  228.  '*)  Piaton, 
Lysis  pag.  206.      *)  Vergl.    Bienayme    in  einer  Notiz  über  zwei  Stellen  des 


Pythagoras  und  die  Pythagoräer.    Arithmetik.  149 

uns  nicht  in  Erstaunen  setzen,  naclideni  die  Kenntniss  der  arith- 
metisclien  wie  der  geometrisclien  Reihe  bei  Aegyptern  und  Baby- 
loniern,  die  Kenntniss  der  Summenformel  für  arithmetische  Reihen 
mit  Gewissheit,  für  geometrische  Reihen  als  Möglichkeit  bei  deii 
Aegyptern  festgestellt  werden  konnte. 

Mit  den  Reihen  der  graden  und  ungraden  Zahlen  wurden  bei 
den  Griechen  —  wir  behaupten  bei  den  Pythagoräeru  —  nach  den 
Zeugnissen  des  Theon  von  Smyrna  mannigfache  Summirungen  vor- 
genommen. Man  addirte  die  sämmtlichen  auf  einander  folgenden 
Zahlen  der  natürlichen  Zahlenfolge  von  der   1  bis  zu  einem  beliebig 

gewählten    Endgliede    und    fand    1  -j-  2  +  o  -f  •  •  •  +  »  =  ^^-^^^ 

die  DreieckszahP).  Man  addirte  die  ungraden  Zahlen  für  sich  und 
fand  1  -}-  3  -|-  5  +  •  •  •  +  {2n  —  1)  =  n'^  die  Quadratzahl,  zu  deren 
Erklärung  man  eben  diese  Entstehungsweise  benutzte'-).    Man  addirte 

die  graden  Zahlen  für  sich,  und  fand  2  -|-  4  +  6  -j- [-  2 n  =  n{n  -\-  1) 

die  heteromeke  Zahl'*),  d.  h.  das  Produkt  zweier  Faktoren,  deren 
einer  um  die  Einheit  grösser  ist  als  der  andere,  und  welches  eben 
dieses  Grössersein  der  einen  Zahl  in  seinen  Namen  aufnahm. 

Wir  haben  hier  arithmetische  Erklärungen  und  Lehrsätze  den 
Pythagoräeru  überwiesen,  welche  trotz  ihres  Vorkommens  bei  Theon 
von  Smyrna,  trotz  der  von  uns  vorausgeschickten  allgemeinen  Recht- 
fertigung der  Benutzbarkeit  seines  Werkes  für  diese  weit  zurückliegende 
Zeit,  einigermassen  stutzig  machen  könnten.  Da  wir  in  unseren 
Folgerungen  noch  weiter  zu  gehen  gedenken,  so  dürfte  es  nicht 
unzweckmässig  sein,  andere  Beweisgründe  für  die  Richtigkeit  unserer 
Annahme  hier  einzuschalten,  welche  ein  bedeutend  älterer  Schriftsteller 
von  allseitig  anerkannter  Zuverlässigkeit,  mit  einem  Worte,  welche 
Aristoteles  uns  liefert.  In  dessen  Metaphysik*)  finden  wir  die 
sogenannte  pythagoräische  Kategorientafel,  in  welcher  zehn 
Paar  Grundgegensätze  aufgezählt  werden,  die  der  pythagoräischen 
Schule  angehört  haben.  Diese  heissen  1.  Grenze  und  Unbegrenztes; 
2.  Ungrades  und  Grades;  3.  Eines  und  Vieles;  4.  Rechtes  und  Linkes; 
5.  Männliches  und  Weibliches;  0.  Ruhendes  und  Bewegtes;  7.  Gerades 
und  Krummes;  8.  LichtundFinsterniss;  O.Gutes  und  Böses;  10.  Quadrat 
und  Heteromekie.  Wir  dürfen  vielleicht  annehmen,  dass  unter  dem 
dem  3.  Paare  die  Primzahlen  und  zusammengesetzte  Zahlen  inbegriffen 
sind.     Wir  erkennen  in   den  beiden  mit   2.  und  mit  10.  bezeichneten 


Stobäus  in  den  Comptes  rendus  der  Pariser  Akademie   der  Wissenschaften  vom 
3.  October  1870. 

')  Tlieon  Smyrnaeus   (ed.  Hiller)   31.       ^)  Ebenda   28.      ^)  Ebenda  27 
und  31.     *)  Aristoteles,  Metaphys.  I,  5,  6  vergl.  Zeller  I,  302,  Anmerkg.  3. 


150  6-  Kapitel. 

Paaren  die  Zusammengehörigkeit  des  Ungraden  mit  dem  Quadrat, 
des  Graden  mit  der  Heteromekie,  und  sollte  diese  Zusammengehörig- 
keit nicht  in  der  Entstehungsweise  der  Quadrate  und  der  Hetero- 
ruekeu  ihre  vollgültige  Begründung  finden?  Allerdings  hat  man,  wie 
wir  sehen  werden,  eine  andere  Erklärung  gesucht,  weshalb  das 
10.  Paar,  dessen  Vorhandensein  unter  allen  Umständen  einer  Recht- 
fertigung bedarf,  weil  seine  Gegensätze  nicht  so  scharf  und  natürlich 
sind,  wie  die  der  neun  anderen  Paare,  Aufnahme  gefunden  habe. 
Wir  sind  nicht  gewillt,  jene  andere  Erklärung  schon  jetzt  geradezu 
zu  verwerfen,  aber  noch  weniger  auf  die  unsrige  zu  verzichten. 
Konnte  es  doch  in  der  Tafel  der  Grundgegensätze,  auf  welche  alle 
Erscheinungen  zurückzuführen  sind,  nur  erwünscht  sein,  durch  ein 
Paar  sofort  zwei  wesentlich  verschiedene  Beziehungen  dargestellt  zu 
wissen.  Ist  doch  überdies  mindestens  die  Entstehung  des  Quadrats 
als  Summe  der  mit  der  Einheit  beginnenden  ungraden  Zahlen  wieder 
durch  Aristoteles  als  echt  pythagoräisch  bezeugt^). 

Aristoteles  bedient  sich  dabei  eines  Wortes,  welches  für  uns  von 
grosser  und  vielfacher  Wichtigkeit  ist,  des  Wortes  Gnomon.  Was 
ist  ein  Gnomon?  Wörtlich  genommen  ein  Erkenner,  und  zwar 
bedeutete  es  zunächst  einen  Erkenner  der  Zeit,  dann  der  senkrechten 
Stellung,  welche  der  Stab,  um  als  Schattenwerfer  und  Stundenzeiger 
Anwendung  finden  zu  können,  einnehmen  musste.  So  wurde  das 
Wort  allmälig  aus  einem  Kunstausdrucke  der  praktischen  Astronomie 
zu  einem  solchen  der  Geometrie,  und  man  sagte  „die  nach  dem 
Gnomon  gerichtete  Linie"  ^^ ,  wenn  man  von  einer  Senkrechten  reden 
wollte.  Der  Sinn  des  Wortes  veränderte  sich  aber  nun  noch  weiter. 
Ein  mechanisch  herzustellender  rechter  Winkel 
(Figur  20)  wurde  so  genannt  oder  geometrisch 
ausgedrückt:  Gnomon  war  das,  was  von  einem 
Quadrat  übrig  blieb,  wenn  aus  dessen  einer  Ecke 
ein  kleineres  Quadrat  herausgeschnitten  wurde. 
Diese  Bedeutung  des  Wortes  war  bei  den  Pytha- 
goräern  gang  und  gebe.     Den  untrüglichen  Beweis 


^^'  dafür   liefert   ein   erhaltenes  Bruchstück    des  Phi- 

lolaus'),  eines  Py thagoräers ,  dessen  Lebenszeit  so  ziemlich  gleich- 
mässis;  von  den  Grenzen  des  Jahrhunderts  zwischen  500  und  400 
abstehen  möchte.  In  noch  späterer  Zeit  verschob  sich  die  Bedeutung 
des  Gnomon   noch   weiter.     Euklid    stellte   um  300  die   Definition 


'). Aristoteles,  Physic.  III,  4.  Vergl.  Zeller  I,  300  Anmerkung  und 
Chaignet  11,  61  — ü2.  ^)  Proklus  ed.  Friedlein  283,  9.  ^)  Philolaus,  des 
Pythagoreers  Lehren  nebst  den  Bruchstücken  seines  Werkes  von  Aug.  Böckh. 
Berlin,  1819,    Fragment  18,    S.  141.  —  Chaignet  I,  240. 


Pythagoras  und  die  Pythagoräer.     Arithmetik.  151 

auf,  iu  einem  Parallelogramme  heisse  ein  jedes  der  um  die  Diagonale 
herumliegenden  Parallelogramme  mit  den  beiden  Ergänzungen  zu- 
sammen ein  Gnomon^).  Der  Sinn  dieser  im  Wortlaute  nicht  all- 
zudeutlichen Erklärung  ist  folgender.  Werden  in  einem  Parallelo- 
gramme durch  einen  und  denselben  Punkt  der  Diagonale  Parallel- 
linien zu  den  beiden  Seiten  gezogen,  so  entstehen  (Figur  21)  zwei 
in  unserer  Figur  wagerecht  schraffirte  Pa- 
rallelogramme, und  zwei  in  unserer  Figur 
schräg  schraffirte  Ergänzungsdreieckchen. 
Diese  vier  kleinen  Figuren  zusammen  bil- 
den das  euklidische  Gnomon,  eine  Verall- 
gemeinerung des  älteren  Begriffes  insofern, 

als  ein  Stück  aus  einem  Parallelogramme  statt  aus  einem  Quadrate 
herausgeschnitten  wird,  um  es  hervorzubringen.  Noch  etwas  allge- 
meiner wird  die  Erklärung,  welche  nach  weiteren  zwei  Jahrhunderten 
Heron  von  Alexandria  gab:  Alles  was  zu  einer  Zahl  oder  Figur 
hinzugefügt  das  Ganze  dem  ähnlich  macht,  zu  welchem  hinzugefügt 
worden  war,  heisst  Gnomon'-).  Doch  auch  diese  letzte  Verallgemei- 
nerung knüpft  wieder  an  alte  Begriffe  an,  indem  schon  Aristoteles 
sagt,  wenn  man  ein  Gnomon  um  ein  Quadrat  herumlege,  werde  zwar 
die  Grösse,  aber  nicht  die  Art  der  Figur  verändert^). 

Nachdem  wir  erörtert  haben,  was  ein  Gnomon  in  der  Geometrie 
bedeute,  ist  der  Zusatz  wohl  leicht  verständlich,  dass  in  alten  Zeiten 
die  ungrade  Zahl  auch  wohl  Gnomonzahl  genannt  wurde.  Denken 
wir  uns  nämlich  ein  Quadrat,  dessen  Seite  n.  Längeneinheiten  misst, 
und  beabsichtigen  wir  dieses  Quadrat  zum  nächstgrösseren  mit  der 
Seite  von  n  -\-  1  Längeneinheiten  durch  .Hinzufügung  eines  Gnomon 
zu  ergänzen,  so  ist  klar,  dass  dieses  Gnomon  bestehen  wird  aus  einem 
Quadratchen  von  der  Seite  1  und  aus  zwei  Rechtecken  von  den  Seiten  1 
und  v^  dass  es  also  \  -\-  2  x  n  Flächeneinheiten  besitzen  wird, 
welche  in  der  That  die  vorhandenen  ir  Flächeneinheiten  des  früheren 
Quadrates  zu  den  (><  -\-  1)-  Flächeneinheiten  des  neuen  Quadrates  er- 
gänzen. Das  heisst  in  Zahlen:  die  Quadratzahl  n^  wird  zur  nächsten 
Quadratzahl  (ii  -(-  1)-,  wenn  man  ihr  die  Gnomonzahl  2n  +  1  bei- 
fügt. So  sind  wir  zum  Verständniss  der  vorher  angedeuteten  Stelle 
der  aristotelischen  Physik  gelangt '),  einem  Verständniss,  in  welchem 
wir  uns  mit  allen  alten  und  neuen  Erklärern  zusammenfinden.  Die 
Pythagoräer,  sagt  dort  Aristoteles,  hätten  die  Quadratzahlen  gebildet. 


*)  Euklid,  Elemente  II,  Definition  2.  '^)  Heron  Alexandrinus  (ed. 
Hultscli)  Definit. -59,  pag.  21.  ')  Aristoteles,  Categor.  XIV,  5  und  XI,  4. 
Vergl.  Chaignet  II,  62,  Note  2.     ^)  Aristoteles  Physic.  III,  4. 


152  6.  Kapitel. 

indem  sie  die  Gnomonen  allmälig  zur  Einlieit  hinzufügten.  Das  will 
eben  nichts  anderes  heissen  als  (Figur  22)  die  Pythagoräer  haben  die 
Summirung    1  +  3  +  5  -|-  •  •  •  -{-  (2n  —  1)  =  w^    vollzogen,    haben 

dieses  Verfahren  mit  klarer  Einsicht  in 
den  darin  zu  Tage  tretenden  Gedanken 
ausgeübt.  * 

Sehen  wir  einen  Augenblick  von  der 
arithmetischen  Wichtigkeit  des  Satzes,  der 
uns  beschäftigt  hat,  ab,  so  ist  er  uns  auch 
für  die  älteste  Geometrie  ein  später  noch 
zu  verwerthendes  Zeugniss.  Er  lässt  uns 
erkennen,   dass    die  Pythagoräer   den   Zu- 


sammenhang, welcher  zwischen  den  Seiten 

Fig.  22.  '  .  . 

eines  Quadrates,  eines  Rechteckes  und 
deren  Flächeninhalt  stattfindet,  mehr  als  nur  ahnten,  was  freilich  bei 
Schülern  einer  aus  Aegypten  eingewanderten  Geometrie  nicht  ver- 
wundem kann.  Er  lässt  uns  ferner  die  Kenntniss  der  eigenthümlichen 
Figur  des  Gnomon  beachten.  Einen  mechanisch  herzustellenden 
rechten  Winkel  nannten  wir  oben  diese  Figur,  und  in  der  That  ist 
das  Alter  dieses  Werkzeuges  gradezu  sagenhaft.  In  Aegypten  sind 
wir  ihm  (S.  63)  auf  der  bildlichen  Darstellung  einer  Schreinerwerk- 
stätte  begegnet  und  bei  Plinius  hat  sich  die  Ueberlieferung  erhalten, 
die  Werkzeuge  der  Architekten,  wie  Axt,  Säge,  Bohrer,  Setz  wage 
rührten  von  Dädalus  und  dessen  Neffen  Talus  her,  welche  vor  dem 
trojanischen  Kriege  lebten,  der  rechte  Winkel  von  Theodorus  von 
Samos,  einem  der  Erbauer  des  Tempels  von  Ephesus  um  das  Jahr 
600  etwai). 

Und  noch  Etwas  lernen  wir  aus  der  pythagoräischen  Begründung 
des  Satzes  von  der  Entstehung  der  Quadratzahlen:  die  Neigung 
zur  geometrischen  Versinnlichung  von  Zahlengrössen  und 
deren  Verknüpfungen,  welche  wir  für  griechische  Eigenthümlich- 
keit  halten,  entsprechend  dem  viel  und  mit  Recht  gerühmten  plasti- 
schen Sinne  der  Hellenen.  Der  erste  Anstoss  könnte  ja,  wenn  man 
für  Alles  eine  äussere  Veranlassung  suchen  wollte,  in  der  ägyptischen 
uns  aus  dem  Uebuugsbuche  des  Ahmes  bekannten  Gewohnheit  den 
Figuren  die  Maasszahlen  ihrer  Längen,  ihrer  Flächen  beizuschreiben 
gefunden  werden,  aber  immerhin  lässt  das  griechische  Verfahren  sich 
als  einen  Gegensatz  zu  diesem  ägyptischen  bezeichnen.  Bei  dem 
einen  handelt  es  sich  um  die  Möglichkeit  geometrische  Gebilde  in 
Rechnung  zu  bringen,  bei  dem  anderen  um  die  Möglichkeit  das  Er- 


')  Plinius,  Histor.  natural.  VII,  56. 


Pythagoras  und  die  Pyttagoräer.     Arithmetik.  153 

gebniss  rechnender  Ueberlegung  den  Sinnen  erfassbar  zu  macben. 
Die  Gnomouzablen  waren  unter  den  bis  hierher  besprochenen  nicht 
die  einzigen,  deren  Versinnlichung  die  Pythagoräer  sich  angelegen 
sein  liessen.  Die  Quadratzahlen  selbst  bilden  ein  anderes  Beispiel, 
ein  anderes  die  Heteronieken.  Auf  die  Versinnlichung  führen  auch 
die  Namen  Flächen-  und  Körperzahlen  zurück,  zu  deren  pytha- 
goräischem  Vorkommen  wir  uns  nunmehr  wenden. 

Im  platonischen  Timäus  findet  sich  eine  Stelle,  welche  etwa 
folgendermassen  heisst:  Um  mit  zwei  Flächen  eine  geometrische 
Proportion  zu  bilden,  deren  äussere  Glieder  sie  sein  sollen,  genüge 
es  eine  dritte  Fläche  als  geometrisches  Mittel  anzusetzen;  sollen  aber 
zwei  Körper  die  äusseren  Glieder  einer  geometrischen  Proportion  sein, 
so  müsse  man  zwei  von  einander  verschiedene  innere  Glieder  annehmen, 
weil  ein  geometrisches  Mittel  nicht  vorhanden  sei^). 

Flächen  und  Körper  können  hier  nur  als  Zahlen  und  zwar  als 
Produkte  von  zwei  beziehungsweise  von  drei  Faktoren  angesehen  werden. 
Das  heisst  man  wusste  damals,  dass  im  Allgemeinen  das  Maass  einer 
Fläche,  eines  Körpers  gefunden  werde,  indem  man  zwei,  drei  Ab- 
messungen mit  einander  vervielfältigte.  Die  Erklärung  von  Flächen- 
und  Körperzahlen  als  solcher  Produkte  ist  ausgesprochen  bei  Euklid^), 
sie  ist  ausgesprochen  bei  Theon  von  Smyrna^).  Beide  bedienen  sich 
der  Namen  agid'^ol  miTCsdot  für  die  Flächen-,  ciQi&^ol  öxsqeoC  für 
die  Körperzahlen,  und  der  pythagoräische  Ursprung  derselben  beweist 
sich  aus  der  eben  hervorgehobenen  Thatsache,  dass  nur  mit  ihrer 
Hilfe  die  Timäusstelle  zur  Klarheit  gelangt.  Denken  wir  uns  P1P2P3 
QxüiQs  ^1^  sechs  Primzahlen  und  jedenfalls  keine  von  den  Primzahlen^) 
einer  Primzahl  q  gleich.  Nun  ist  P1P2  eine  Flächenzahl,  g,  ^2  eine 
zweite.  Deren  geometrisches  Mittel  lässt  sich  bilden,  d.  h.  y2hP2^i^2 
ist  rational  ausziehbar,  sofern  jJj  =  ]i,  und  zugleich  g,  ==g'2-  Die 
gefundene  Proportion  heisst  unter  Weglassung  der  in  diesem  Falle 
unnöthig  gewordenen  Indices  p^  :  pq  =  pq  :  q^  und  es  genügte  wirk- 
lich eine  dritte  Fläche  als  geometrisches  Mittel  anzusetzen,  um  mit 
den  angegebenen  beiden  Flächen  eine  geometrische  Proportion  zu 
bilden,  deren  äussere  Glieder  sie  sein  sollten.  Körperzahlen  werden 
femer  sowohl  p^  •  p.*- p^  als  qi  -  q-i  ■  q^-  Deren  geometrisches  Mittel 
VPiP2lh^\Q2Q3  is^  ^^^^  ^i^  rational,  wenn  die  Vorschrift  kein  p 
einem  q  gleich  werden  zu  lassen  eingehalten  wird,  mögen  die  p  und 


^)  Eüides  siir  le  Timce  de  Piaton  par  Th.  H.  Martin  I,  91  und  337—345 
und  Hultsch  in  Fleckeisen  und  Masius,  Neue  Jahrbücher  für  Philologie 
und  Pädagogik.  Jahrgang  1873.  Bd.  107,  493—501.  ^)  Euklid  VIT,  Defini- 
tionen 16  und  17.  =*)  Theon  Smyrnaeus  (ed.  Hiller),  pag.  36—37  und 
häufiger. 


154  6.  Kapitel. 

die  q  je  unter  sich  gleich  oder  verschieden  sein.  Durch  zwei  Mittel- 
glieder dagegen  lässt  sich  die  Proportion  in  mannigfaltiger  Weise 
ergänzen  z.  B.  PiP.P-,  : PiP^Qi  =  QiQalh  ■  Qi(i2^3  oder  PiP,Ps  : PühQ^ 
"^^ 'h'hP'i'  Q1O2Q0  ^^-  ^-  ^-  I'^  Timäus  heisst  das  so:  Sollten  zwei 
Körper  die  äusseren  Glieder  einer  geometrischen  Proportion  sein,  so 
musste  man  zwei  von  einander  verschiedene  innere  Glieder  annehmen, 
weil  ein  geometrisches  Mittel  nicht  vorhanden  ist.  Werden  hier  die  p 
und  die  q  wieder  alle  als  unter  sich  gleich  betrachtet  und  lässt  man 
deshalb  die  Indices  wieder  weg,  so  entsteht  p^ :  p'q  =^  pq^  :  q^  oder 
}/  :  pq-  =  2)~q  '•  q^-  Eine  andere  Auswahl  von  Mittelgliedern  gibt  es 
in  diesem  besonderen  Falle  nicht.  Grade  er  hat  sich  auch  ander- 
weitig erhalten.  Euklid  beweist,  dass  zwischen  zwei  Quadratzahlen 
eine,  zwischen  zwei  Kubikzahlen  zwei  mittlere  Proportionalen  fallen^) 
und  Nikomachus  nennt  diese  beiden  Sätze  ausdrücklich  platonisch"), 
ohne  Zweifel  in  Berücksichtigung  der  damals  allgemein  bekannten 
Timäusstelle. 

Eben  diese  Stelle  hat  bei  der  ausführlicheren  Besprechung  noch 
erhöhte  Bedeutsamkeit  für  uns  gewonnen.  Zwei  wichtige  Thatsachen 
gelangten  dadurch  zu  unserem  Bewusstsein,  die  eine  dass  der  Begriff 
des  Irrationalen  der  Schule  des  Pythagoras  angehörte,  die  andere 
dass  dieselbe  Schule  sich  viel  mit  Verhältnissen  beschäftigte.  Auf 
den  ersteren  Gegenstand  kommen  wir  im  nächsten  Kapitel  bei  Ge- 
legenheit des  pythagoräi sehen  Lehrsatzes  zu  reden.  Von  den  Verhält- 
nissen handeln  wir  sogleich. 

Wir  sind  nicht  auf  die  Timäusstelle  allein  angewiesen,  um  die 
Analogien  und  Me  so  täten,  das  sind  die  griechischen  Namen  für 
Verhältnisse  und  dabei  auftretende  Mittel,  für  die  Pythagoräer  in 
Anspruch  zu  nehmen.  Ein  bei  Nikomachus  aufbewahrtes  Bruchstück 
des  Philolaus"'^)  lässt  den  Würfel  die  geometrische  Har- 
monie genannt  werden,  weil  seine  sämmtlichen  Abmessungen  völlig 
gleich  unter  einander  und  somit  in  vollständigem  Einklänge  seien. 
Dem  entsprechend  habe  man  den  Namen  harmonisches  Ver- 
bal tniss  wegen  der  Aehnlichkeit  mit  der  geometrischen  Harmonie 
eingeführt.  In  der  That  spiegle  sich  dieses  Verhältniss  in  jedem 
Würfel  mit  seinen  12  Kanten,  H  Ecken  und'B  Flächen  ab.  Wir 
haben  kaum  nothwendig  diese  Stelle  noch  zu  erläutern  und  zu  be- 
merken, dass  6,  8,  12  in  stetigem  harmonischen  Verhältnisse  stehen, 
.,1  1  1  1 


1)  Euklid  Vlll,  11  und  12.  ^)  Nicomachus,  Eisagoge  arithm.  II,  24,  6 
(ed.  Hoche),  pag.  129.  ^)  Nicomachus,  Eisagoge  arithm.  H,  26,  2  (ed. 
Hoche),  pag.  135.    Vergl.  Boekh,  Philolaus  fragm.  9,  S.  87.     Chaignet  I,  233. 


;ugleic]i 

b  = 

=  c  +   " 

'      n 

•     Wirklich 

a  —  b 
b  -  c 

a 
c 

und  dar; 

1          1 

c             b 

Pythagoras  und  die  Pythagoräer.     Arithmetik.  155 

Ein  bei  Porphyrius  erhaltenes  Bruchstück  des  Pythagoräers 
Archytas^)  spricht  nicht  nur  von  dem  arithmetischen,  dem 
geometrischen  und  dem  harmonischen  Mittel,  er  definirt  sie 
gradezu,  und  zwar  die  beiden  ersten  in  der  heute  noch  gebräuch- 
lichen Weise.  Bei  dem  harmonischen  Verhältnisse,  fährt  er  fort,  über- 
trifft das  erste  Glied  das  zweite  um  den  gleichen  Theil  seiner  selbst, 
wie  dieses  mittlere  Glied  das  dritte  um  den  Theil  des  dritten.  In 
Buchstaben  geschrieben  heisst  das:  h  ist  harmonisches  Mittel  zwischen 

a    und    c,    wenn    a  =  b  -\ imd 

folgt  aus  diesen  beiden  Gleichungen 

_  1  _   1 

b  a 

Jamblichus^)  führt  die  Kenntniss  der  drei  stetigen  Proportionen, 

der  arithmetischen,  geometrischen  und  harmonischen,  auf  Pythagoras 

und  seine  Schule  zurück  und  lässt  die  musikalische  Proportion, 

welche    aus   zwei   Zahlen,    deren    arithmetischem    und    harmonischem 

Mittel    sich    bilde    (a  :  ^-  =    "^  :  &,  z.  B.  6  :  9  =  8  :  12),  durch 

Pythagoras  aus  Babylon,  wo  sie  erfunden  worden  sei,  zu  den  Hellenen 
bringen. 

Es  fällt  nicht  schwer  das  Auftreten  der  harmonischen  Proportion 
auch  von  ägyptischen  Anfängen  aus  zu  erklären.  War  doch  in  der 
Bezeichnung  der  Stammbrüche  durch  ein  Pünktchen  über  der  den 
Nenner  bildenden  Zahl  die  Zumuthung,  möchten  wir  sagen,  mit  ent- 
halten, neben  solchen  Zahlen  a^  ?>,  c,  welche  eine  arithmetische  Reihe 
darstellen,  auch  eben  dieselben  punktirt  zu  betrachten,  und  dann 
hatte  man  die  harmonische  Reihe,  deren  musikalische  Bedeutung  bei 
der  Entstehung  der  Töne  auf  dem  Monochorde  wohl  erst  in  zweiter 
Linie  bemerkt  worden  sein  mag.  Allerdings  ist  andererseits  nicht 
zu  vergessen,  dass  im  alten  Aegypten  eine  Proportionenlehre  noch 
nicht  nachgewiesen  hat  werden  können,  dass  arithmetische  und  geome- 
trische Reihen  wie  in  Aegypten  so  auch  in  Babylon  bekannt  waren, 
dass  nur  nach  dem  letzteren  Orte  Quadratzahlen  und  Kubikzahleu 
hinweisen.  Wir  erinnern  ferner  daran,  dass  Jamblichus  sich  genauer 
mit  Chaldäischem  beschäftigte  (S.  103)  und  sind  darum  trotz  der 
späten  Zeit,  in  welche  seine  schriftstellerische  Thätigkeit  fällt,  sehr 
geneigt  diesen   seinen  Worten  so  weit  Glauben  zu  schenken,  als   sie 


^)  Porphyrius  ad  Ptolemaei  Harmonie.  Vergl.  Gruppe,  Ueber  die 
Fragmente  des  Archytas  und  der  älteren  Pythagoreer.  Berlin,  1840,  S.  94. 
Chaignet  I,  282—28.3.  *)  Jamblichus,  Introductio  in  Nicomachi  arith- 
meticaiu  (ed.  Tennulius),  Arnheim,  1668,  pag.  141 — 142  und  168. 


156  6.  Kapitel. 

alte  gräkobaby  Ionische  Beziehungen  betreffen.  Auch  mehr  oder 
weniger  auf  Zahlenspielerei  herauskommende  Zahlenverkntipfungen, 
Vergleichung  von  Zahlen  mit  einzelnen  Götterfiguren,  das  sind  lauter 
Dinge,  die  den  Babyloniern,  die  den  Pythagoräern  eigen  sind.  Dafür 
aber,  dass  wir  alles  in  der  pythagoräischen  Schule  von  solchen  Dingen 
Vorgetragene  auch  in  ihr  erfunden  lassen  sein  sollten  —  der  einzige 
Ausweg,  wenn  jede  Verbindung  mit  Babylon  verworfen  wird  —  dafür 
erscheinen  uns  dieselben  zu  entwickelt.  Solche  arithmetische  Kennt- 
nisse setzen  eine  ganze  lange  Vorgeschichte  voraus.  Die  Ueberzeu- 
gung  davon  würde  nun  ungemein  befestigt,  wenn  es  wahr  sein  sollte, 
dass  auch  die  befreundeten  und  vollkommenen  Zahlen  bereits  der 
pythagoräischen  Schule  angehörten. 

Befreundete  Zahlen  sind  solche,  wie  220  und  284,  von  welchen 
jede  gleich  der  Summe  der  aliquoten  Theile  der  anderen  ist: 
220  =  1  +  2  +  4  -f-  71  +  142  und  284  =  1  +  2  +  4  +  5  +  10  +  11 
+  20  -|-  22  -}-  44  +  55  -{-  110.  Jamblichus  führt  deren  Kenntniss 
auf  Pythagoras  selbst  zurück^).  Man  habe  ihn  befragt,  was  ein 
Freund  sei,  und  er  habe  geantwortet:  „Einer  der  ein  anderes  Ich  ist, 
wie  220  und  284."  Wir  möchten  freilich  auf  diese  Behauptung  wenig 
Gewicht  legen  und  kein  grösseres  darauf,  dass  im  IX.  S.  ein  ara- 
bischer Gelehrter  Täbit  ihn  Kurra  für  die  Kenntniss  der  befreundeten 
Zahlen  auf  die  Pythagoräer  verwies''').  Letzterer  kann  sehr  wohl 
seine  Wissenschaft  dieses  Umstandes  aus  Jamblichus  geschöpft  haben, 
Ersterem  kann  vorgeschwebt  haben,  dass  die  Innigkeit  der  Freund- 
schaften unter  den  Pythagoräern  von  jeher  als  kennzeichnend  für 
diese  Schule  galt'^). 

Vollkommene  Zahlen  sind  solche,  welche  wie  6,  28,  496  der 
Summe  ihrer  aliquoten  Theile  gleich  sind:  6  =  1  -\-  2  -\-  3]  28  =  1 
-f  2  -f  4  -I-  7  +  14;  496  =  1  +  2  +  4  +  8  +  16  +  31  +  62  +  124 
-\-  248.  Daneben  unterscheidet  man  überschiessende  und 
mangelhafte  Zahlen,  wenn  die  aliquoten  Theile  eine  zu  grosse 
beziehungsweise  zu  kleine  Summe  liefern,  wie  z.  B.  12<l-f-2-}-3 
+  4  +  65  8>l-|-2H-4.  Euklid  hat  sich  ausführlich  mit  den 
vollkommenen  Zahlen  beschäftigt^).  Theon  von  Smyrna  hat  den 
drei  verschiedenen  Gattungen  seine  Aufmerksamkeit  zugewandt  und 
dieselben  als  ägid^^ol  re'Asioi,  VTtSQtslstoi^  sXXiTistg  benannt).  Man 
könnte  demzufolge  geneigt  sein  diese  Begriffe  als  vorplatonische  an- 
zuerkennen, wenn  nicht  ein   kaum  zu   beseitigender  Gegengrund  vor- 

^)  Jamblichus  in  Nicomach,  arithm.  ed.  Tennulius  pag.  47  —  48. 
-)  Vergl.  Woepcke  im  Journal  Äsiatique,  IV,  S^rie,  T.  20  (Jahrgang  1852), 
pag.  420.  ä)  Vergl.  Zeller  I,  271,  Anmerkung  3.  *)  Euklid  IX,  36.  ^)  Theon 
Smyrnaeus  (ed.  Hiller)  45. 


Pythagoras  und  die  Pythagoräer.    Arithmetik.  157 

handen  wäre.  Plato  versteht  nämlicli  in  einer  berühmten  Stelle 
seines  Staates  den  Ausdruck  vollkommene  Zahl  ganz  anders*)  und 
Aristoteles  bezeichnet  muthmasslich  aus  pythagoräischer  Quelle  die 
Zehn  als  vollkommene  ZahP)  wiederum  noth wendig  von  einer  ganz 
anderen  Erklärung  ausgehend.  Diese  beiden  Gegenstände  arith- 
metischer Grübelei  werden  wir  daher  am  Sichersten  zwar  Pytha- 
goräern  aber  nicht  solchen  der  alten  Schule  zuschreiben,  sondern 
solchen,  die  in  viel  späterer  Zeit  den  Namen  und  zum  Theil  auch 
die  Forschungsweise  derselben  erneuerten. 

Die  Dreieckszahlen,  zagten  wir  (S.  149)  gestützt  auf  Theon 
von  Smyrna,  wurden  von  den  Pythagoräern  gebildet,  indem  sie  ver- 
suchsweise die  aufeinanderfolgenden  Zahlen  der  mit  1  beginnenden 
natürlichen  Zahlenreihe  addirten.  In  diesem  Namen  Dreieckszahl 
zeigt  sich  aufs  Neue  der  Hang  zur  figürlichen  Versinnlichung  der 
nach  unserer  heutigen  Auffassung  abstracten  Zahlenbegrifi'e.  Die  auf- 
einanderfolgenden Zahlen  nämlich  durch  gleich  weit  von  einander 
entfernte  Punkte  reihenweise  untereinander  zur  Darstellung  gebracht 
bildeten  Dreiecke,  und  dass  man  diese  Versinnlichung  wirklich  vor- 
nahm, mag  mau  zu  ihr  gelangt  sein  wie  man  wolle,  dafür  bürgt  eben 
der  Name  Dreieckszahl,  ccQi&^og  xQLycovog.  Es  ist  vielleicht  wün- 
schenswerth  noch  von  anderer  Seite  her  zu  bestätigen,  dass  wir  hier 
wirklich  Alterthümliches  vor  uns  haben,  und  dazu  sind  wir  in  der 
Lage.  Wenig  Gewicht  freilich  legen  wir  für  diese  Rückdatirung  auf 
den  an  sich  interessanten  von  Plutarch  uns  erhaltenen  Lehrsatz,  dass 
die  mit  8  vervielfachten  und  um  1  vermehrten  Dreieckszahlen  Quadrat- 
zahlen gaben^^)  d.  h.  dass  8  •  ""^-^  -f  1  =  (2w  +  If.     Erheblicher 

ist  schon  das,  was  Lucian  uns  erzählf^).  Pythagoras  habe  Einen 
zählen  lassen.  Dieser  sagte:  „1,  2,  3,  4",  worauf  Pythagoras  da- 
zwischen fuhr:  Siehst  du?  Was  du  für  4  hältst,  das  ist  10  und  ein 
vollständiges  Dreieck  und  unser  Eidschwur!  Hierin  ist  die  Kenntniss 
der  Dreieckszahl  10  mit  echt  pythagoräischen  Dingen  in  Verbindung- 
gesetzt.  Weit  älter  und  dadurch  noch  überzeugender  ist  das  Vor- 
kommen des  Begriffes  wenn  nicht  des  Wortes  bei  Aristoteles:  Die 
Einen  führen  die  Zahlen  auf  Figuren  wie  das  Dreieck  und  Viereck 
zurück^).  Kommt  nun  endlich  noch  hinzu,  dass  einem  Schüler  des 
Sokrates   und  des  Piaton,    dem    Philippus    Opuntius,    bereits  eine 


1)  Plato  Republ.  VIII,  pag.  546.  Vergl.  einen  Aufsatz  von  Th.  H. 
Martin  in  der  JRevue  ArcheoJogiqiie  T.  XIII.  ^)  Aristoteles  Metaphys  I,  5. 
^)  Plutarch,  Platonicae  Quaestion.  V,  2,  4.  *)  Lucian  Bicov  TtQ&aig,  4. 
Vergl.  Allman,  GreeJc  Geometry  from  Thaies  to  Euclid ^ag.  28  r.  ^)  Aristoteles, 
Methaphys.    XIV,  4. 


158  6-  Kapitel. 

Schrift  über  vieleckige  Zahlen  zugeschrieben  wird,  Avelche  er  nebst 
einer  anderen  über  Arithmetik  bei  Philipp  von  Macedonien  verfasst 
haben  soll '),  so  scheint  uns  damit  der  Beweis  geliefert,  dass  wie  die 
Quadratzahl  und  ihre  Entstehung  aus  den  ungraden,  wie  die  hetero- 
meke  Zahl  und  ihre  Entstehung  aus  den  graden,  so  auch  die  Dreiecks- 
zahl und  ihre  Entstehung  aus  den  unmittelbar  auf  einander  folgenden 
Zahlen  bereits  pythagoräisch  gewesen  sein  müsse. 

Bei  diesen  drei  Summirungen  von  nach  einfachen  Gesetzen  fort- 
schreitenden Zahlen  blieb  man  aber,  wie  uns  berichtet  wird,  nicht 
stehen.  Man  schrieb  die  Reihe  der  Quadratzahlen,  von  der  1  an,  man 
schrieb  darunter  aber  erst  von  der  3  anfangend  die  ungraden  Zahlen, 
und  wenn  man  nun  jede  solche  ungrade  Zahl  der  zugehörigen  Quadrat- 
zahl als  Gnomon  zufügte,  so  entstanden  wieder  Quadratzahlen''). 
Für  uns  heute  fällt  freilich  diese  Entstehungs weise: 

1     4       9 n^ 

3  5       1  ....  2n  +  1 

4  9     16  ....(«+  1)2 

mit  der  ersterläuterten  Bildung  der  Quadratzahlen  zusammen,  aber 
den  Alten  war  sie  besonderer  Hervorhebung  werth.  Nikomachus, 
ungefähr  Zeitgenosse  des  Theon  von  Smyrna,  und  ihm  geistes- 
verwandt, hat  ein  Beispiel  ähnlichen  Verfahrens  bei  Dreieckszahlen 
uns  bewahrt^).  Jede  Dreieckszahl,  sagt  er,  mit  der  nächstfolgenden 
Dreieckszahl    vereinigt    gibt    eine    Quadratzahl,    und    wirklich    ist 

(n  —  1)«    .    w(n-f-l)-  9       TT-  •  i-i.  j.         V      n 

~  ~ 1 ~—~ — -  =  rr.     Hier    wagen   wir  nun,   gestutzt   aui    alle 

diese  einander  ähnlichen  Verfahren,  eine  unmittelbar  nicht  auf  üeber- 
lieferung  sich  stützende  Vermuthung*).  Wir  nehmen  an,  es  sei  auch 
die  Addition  von  je  zwei  auf  einander  folgenden  Quadratzahlen  vor- 
genommen worden,  um  wie  in  den  vorher  erwähnten  Beispielen  ein- 
mal zuzusehen,  ob  dabei  etwas  Bemerkeuswerthes  sich  enthülle.  In 
der  That  fand  sich  ein  höchst  auffallendes  Ergebniss:  Die  Quadrat- 
zahlen 9  und  16  lieferten  als  Summe  die  nächste  Quadrat- 
zahl 25,  und  nur  bei  ihnen  zeigte  sich  diese  Erscheinung.  Dem 
heutigen  Mathematiker  ist  Solches  freilich  nicht  auffallend.  Wir  er- 
kennen sofort,  dass  die  Gleichung  {x  —  1)^  ■\-  x^  =^  {x  -\-  Vf  nur  die 
Wurzeln  ic  =  4  und  a;  =  0  besitzt,  dass  also  nur  V'  -\-  4?  =  5'^  auf- 
treten kann,   wenn   man  ( —  1)"'  -j-  0'  =  1"-  oder    anders    geschrieben 


')  BioyQcccpui,  cilarum  scriptores  Graeci  minores  edit.  Wester  mann.  Bx'aun- 
schweig,  1845,  pag.  446.  ")  Theon  Smyrnaeus  (ed.  Hiller)  32.  ^)  Nico- 
machus,  Eisagog.  arithm.  II,  12  (ed.  Hoche),  pag.  96.  ')  Math.  Beitr, 
Kulturl.  105—107. 


Pytagoras  und  die  Pythagoräer.     Geometrie.  150 

0  -f-  1  =  1  nicht  beachten  will.  Aber  der  Grieche  jener  alten  Zeit 
konnte  diese  Ueberleguug  nicht  anstellen,  konnte,  wenn  sie  ihm  mög- 
lich gewesen  wäre,  die  zweite  Gleichung  nicht  denken.  Wir  kommen 
auf  den  Zahlenbegriff  der  Griechen  noch  zurück.  Gegenwärtig  wissen 
wir  nur,  dass  die  Null,  für  welche  sie  kein  Zeichen  hatten,  ihnen 
auch  keine  Zahl  war.  Wir  sind  darüber  auf's  Deutlichste  durch 
einen  der  schon  genannten  Arithmetiker  unterrichtet.  Nikomachus 
sagt  uns,  jede  Zahl  sei  die  halbe  Summe  der  zu  beiden  Seiten  gleich 
weit  von  ihr  abstehenden  Zahlen;  nur  die  Einheit  bilde  eine  Aus- 
nahme, weil  sie  keine  zwei  Nachbarzahlen  besitze;  sie  sei  darum  die 
Hälfte  der  einen  unmittelbar  benachbarten  Zahl^). 

So  mussten  die  Zahlen  0,  16,  25  und  mit  ihnen  die  Zahlen  3, 
4,  5,  deren  Quadrate  sie  waren,  welche  ihre  Ordnungszahlen  in  der 
Reihe  der  Quadratzahlen  bildeten,  der  Aufmerksamkeit  empfohlen 
sein,  um  so  dringender  empfohlen  sein,  wenn  dieselben  Zahlen 
schon  anderweitig  als  mit  merkwürdigen  Eigenschaften  versehen 
bekannt  waren.  Dass  dem  so  war,  darüber  müssen  wir  uns  jetzt 
zu  vergewissern  suchen. 


7.  Kapitel. 
Pytliagoras  und  die  Pythagoräer.     Geometrie. 

Wir  sind  an  dem  Punkte  angelangt,  wo  wir  die  nur  im  Bilde 
geometrische  Arithmetik  der  Pythagoräer  mit  ihrer  eigentlichen 
Geometrie  in  Verbindung  treten  sehen.  Wir  haben  demgemäss  auch 
auf  diesem  Gebiete  abzusuchen,  was  unmittelbare  oder  mittelbare 
Ueberlieferung  dem  Pythagoras  und  seiner  Schule  zuweist. 

Zunächst  können  wir  eine  ganze  Gruppe  von  geometrischen 
Keimtnissen  zusammenfassen  unter  dem  gemeinsamen  Namen  der 
Anlegung  der  Flächen.  „Alterthümlich,  so  sagen  die  Schüler 
des  Eudemus,  und  Erfindungen  der  pythagoräischen  Muse  sind  diese 
Sätze,  die  Anlegung  der  Flächen,  ihr  Ueberschiessen,  ihr  Zurück- 
bleiben," 7]  T£  TtuQaßoXij  rcöv  %coqlcov  aal  y]  VTteQßo^ij  xal  j;  sXlsLipLs'^). 
So  lautet  der  erläuternde  Bericht  des  Proklus  zu  der  euklidischen 
Aufgabe  an  einer  gegebenen  Graden  unter  gegebenem  Winkel  ein 
Parallelogramm  zu  entwerfen,  welches  einem  gegebenen  Dreieck  gleich 
sei.  Desselben  Wortes  skXtLTtciv  bei  Anlegung  von  Flächen  bedient 
sich  Piaton  in  seinem  Menon');  und  Plutarch    lässt  an   einer  Stelle 


')  Nicomachus,  Eisagog.  arithm.  I,  8  (ed.  Hoche),  pag.  14.     ^)  Prok- 
lus (ed.  Friedlein)  419.     =*)  Piaton,  Menon  pag.  87. 


160  6-  Kapitel. 

das  Anlegen  von  Flächen,  nagaßäUEiv  xov  xagiov,  von  Pjthagoras 
selbst  herstammen^),  während  er  an  einer  anderen  Stelle  sich  fol- 
gendermassen  ausdrückt:  „Eines  der  geometrischsten  Theoreme  oder 
vielmehr  Probleme  ist  das,  zu  zwei  gegebenen  Figuren  eine  dritte 
anzulegen  —  itagaßäklEiv  — ,  die  der  einen  gleich  und  der  anderen 
ähnlich  ist.  Pythagoras  soll,  als  er  die  Lösung  gefunden,  ein  Opfer 
gebracht  haben.  Und  wirklich  ist  es  auch  feiner  und  wissenschaft- 
licher  als  das,  dass  das  Quadrat  der  Hypotenuse,  denen  der  beiden 
Katheten  gleich  ist""),  üeber  die  genauere  Bedeutung  der  drei 
Wörter  Parabel,  Ellipse,  Hyperbel  bei  Flächeuanlegungen  wer- 
den wir  bei  Besprechimg  der  euklidischen  Geometrie  im  13.  Kapitel 
zu  reden  haben.  Fürs  Erste  genügt  die  allgemeine  aus  den  ange- 
führten Stellen  leicht  zu  schöpfende  Ueberzeugung,  dass  es  um  die 
Zeichnmig  von  Figuren  gegebener  Art  und  gegebener  Grösse  sich 
handelt.  Solche  Zeichnung  ist  aber  unmöglich,  wofern  man  nicht 
mit  den  Haupteigenschaften  der  Parallellinien  und  ihrer  Transver- 
salen, mit  den  hauptsächlichen  Winkelsätzen  der  Planimetrie  ver- 
traut ist,  wofern  man  nicht  die  Auffindung  von  Flächeninhalten, 
deren  Abhängigkeit  von  den  die  betreffende  Figur  bildenden  Seiten 
in  richtiger  Weise  kennt. 

In  der  ersteren  Beziehung  sind  wir  wieder  in  der  günstigen  Lage, 
unsere  Behauptung  bestätigen  zu  können.  Die  Pythagoräer  ver- 
wandten die  Parallellinien  zum  Beweise  des  Satzes  von  der 
Winkelsumme  des  Dreiecks.  Wir  sahen  (S.  132),  dass  die  tha- 
letische  Zeit,  vielleicht  Thaies  selbst,  den  Satz  von  der  Winkelsumme 
in  dreifacher  Abstufung  an  dem  gleichseitigen,  an  dem  gleichschenk- 
ligen, an  dem  unregelmässigen  Dreiecke  behandelte.  Eudemus  lässt 
durch  die  Pythagoräer  den  Satz  für  jedes  beliebige  Dreieck  so  be- 
wiesen werden,  dass  durch  die  Spitze  des  Dreiecks  die  Parallele  zur 
Grundlinie  gezogen  und  daraus  die  Gleichheit  der  Winkel  an  der 
Grundlinie  mit  ihren  an  jeuer  Parallelen  hervortretenden  Wechsel- 
winkeln gefolgert  wurde.  Einer  jener  Wechselwinkel  wurde  sodann 
mit  dem  ursprünglichen  Dreieckswinkel  an  der  Spitae  zu  einem  ein- 
zigen Winkel  vereinigt,  welcher  selbst  wieder  den  anderen  Wechsel- 
winkel als  Nebenwinkel  besass  und  mit  ihm  zusammen  zwei  Rechte 
ergab  ^). 

Aus  dieser  Darstellung  zeigt  sich  so  recht  deutlich  an  einem 
besonders  merkwürdigen,  in  der  Stufenfolge  der  Beweisführungen  uns 
glücklich    erhaltenen  Beispiele,   wie   die  Wissenschaft    der  Geometrie 

')  riutarch,  Non  posse  suaviter  vivi  secundum  Epicur.  cap.  11.  ^)  Plu- 
tarch,  Conviv ium  YIII,  cap.  4.     *)  Proklus  (ed.  Frietllein)  379. 


Pjtliagoras  und  die  Pythagoräer.     Geometrie.  161 

sich  entwickelte.  Von  dem  Zerlegen  des  Satzes  in  drei  Fälle  stieg 
man  auf  zur  Behandlung  des  allgemeinen  Falls,  aber  in  diesem  Auf- 
wärtsstreben hielt  man  wieder  ein.  Man  erhob  sich  noch  nicht  zu 
dem  Ausspruche,  die  drei  Winkel  an  der  früheren  Dreiecksspitze 
besässen  als  Winkel,  die  je  einen  Schenkel  gemeinsam  für  zweie 
haben,  und  die  einfach  auftretenden  äussersten  Schenkel  zu  einer 
und  derselben  Geraden  sich  verlängern  lassen,  die  Winkelsumme  von 
zwei  Rechten.  Man  musste  vielmehr  erst  zwei  Winkel  zu  einem 
neuen,  diesen  alsdann  mit  dem  dritten  verbinden.  Freilich  ist  der 
letzterwähnte  Fortschritt,  den  man  noch  nicht  wagte,  nach  unserem 
Gefühle,  auch  wohl  nach  dem  Gefühle  des  Proklus,  welcher  wenigstens 
von  dessen  Urheber  uns  nichts  sagt,  ein  weit  geringerer,  als  der, 
den  man  wirklich  vollzog,  und  wir  erkennen  hier  bewundernd  den 
„höheren  Gesichtspunkt,  von  welchem  aus  Pythagoras,  dem  Mathe- 
matikerverzeichnisse (S.  137)  zufolge,  die  Grundlage  unserer  Wissen- 
schaft betrachtete^'. 

Wir  haben  auch  die  Nothwendigkeit  betont,  den  Flächeninhalt 
einer  Figur  aus  den  dieselbe  bildenden  Seiten  in  richtiger  Weise 
finden  zu  können.  Unseren  mathematischen  Lesern  dürfte  diese  Be- 
tonung überflüssig  erscheinen,  aber  sie  ist  es  nicht  so  ganz.  Bei 
einem  Volke  von  überwiegend  geometrischer  Begabung,  wie  es  un- 
streitig das  griechische  war,  konnte  noch  um  das  Jahr  400  v.  Chr., 
also  zur  Zeit  Piatons,  einer  der  geistreichsten,  tiefsten  Geschichts- 
schreiber aller  Jahrhunderte,  konnte  noch  ein  Thukydides  so  wenig 
Bescheid  wissen,  dass  er  Inhalt  und  Umfang  als  proportional  dachte, 
dass  er  in  Folge  dessen  die  Fläche  der  Insel  nach  der  zum  Umfahren 
nöthigen  Zeit  abschätzte^).  Diese  Unkenntniss  auch  hochgebildeter 
Laien  in  einem  theoretisch  so  einfachen,  praktisch  so  wichtigen 
Kapitel  der  Planimetrie  lässt  sich  dann  weiter  und  weiter  verfolgen. 
Um  130  V.  Chr.  einzahlt  Polybius,  dass  es  Leute  gebe,  die  nicht 
begreifen  könnten,  dass  Lager  bei  gleicher  Umwallungslänge  ver- 
schiedenes Fassungsvermögen  besitzen^).  Quintiliau,  der  römische 
Schriftsteller  über  Beredtsamkeit  in  der  zweiten  Hälfte  des  ersten 
nachchristlichen  Jahrhunderts,  gibt  als  dem  Laien  leicht  aufzudrän- 
genden Trugschluss  den  an,  dass  gleicher  Umfang  auch  gleichen 
Inhalt  beweise^).  Vielleicht  hatte  Quintilian  bei  diesem  Vorwurfe 
seinen  Zeitgenossen  Plinius  im  Auge,  welcher  die  Grössenverhält- 
nisse  der  Erdtheile  durch  Addiren   ihrer  Länge  zu  ihrer  Breite   ver- 


')  Thukydides  VI,  1    (ed.  Rothe),  pag.  95.  ^)  Polybius    IX,  21    (ed. 

Hultsch),  pag.  686.      ^)  Quintilianus,   Institutio  oratoria  I,  10,  39  ügg.  (ed. 
Halm)  pag.  62. 

Cantor,  Gesehichto  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  11 


162  7.  Kapitel. 

glich  ^).  Proklus  erzählt  mit  offenbarer  Beziehung  auf  Vorkommnisse 
seiner  Zeit,  also  des  V.  S.,  dass  Manche  schon  bei  der  Theilung  von 
Flächen  ihre  Gesellschafter  über's  Ohr  gehauen  haben,  indem  sie  eine 
grössere  Fläche  mit  Bezugnahme  auf  die  Gleichheit  des  Umfanges 
für  sich  beanspruchten-).  Steuerbeamte  in  Palästina  Hessen  sich 
gleichfalls  um  das  V.  S.  in  solcher  Weise  täuschen,  indem  sie  einem 
Gemeindevorsteher,  welchem  als  Steuer  der  Ertrag  einer  mit  Weizen 
zu  besäenden  Fläche  von  40  Ellen  im  Quadrat  auferlegt  war,  ver- 
willigten, er  könne  in  zwei  Abtheilungen  jedesuial  eine  Fläche  von 
20  Ellen  im  Quadrat  besäen,  in  der  Meinung,  dann  sei  er  seiner 
Verpflichtung  nachgekommen^),  und  ganz  Aehnliches  wird  von  einem 
Araber  des  X.  S.  erzählt"^).  Wir  haben  diese  fehlerhafte  Auffassung 
absichtlich  durch  einen  längeren  Zeitraum  und  durch  Völker  hin- 
durch verfolgt,  welche  einer  Stetigkeit  der  Geistesrichtung  als  Bei- 
spiel dienen  können,  denn  das  mathematische,  in  Sonderheit  das  geo- 
metrische Denken  der  Römer,  der  späteren  Juden,  der  Araber  war 
nicht  anders  als  griechisch.  Wir  haben  sie  verfolgt,  um  uns  über 
einen  allgemeinen  geschichtlichen  Lehrsatz  klar  zu  werden,  dem  wir 
eine  nicht  geringe  Tragweite  besonders  bei  geschichtlich  vergleichen- 
den Forschungen  beilegen.  Die  Unwissenheit,  so  lautet  unser  Satz, 
und  das  noch  schlimmere  falsche  Wissen  sind  erblich.  Was  an  un- 
richtigen Ergebnissen  einmal  gewonnen  ist,  das  wird  so  leicht  nicht 
zerstört,  das  wird  mit  um  so  grösserer  Zähigkeit  festgehalten,  je  mehr 
es  unverstanden  ist.  Nur  die  Menge  der  Unwissenden  und  Halb- 
wissenden wechselt,  und  in  ihrer  Beschränkung  liegt  das,  was  man 
Fortschritt  der  Durchschnittsbildung  nennt. 

Der  Flächenanlegung  nahe  verwandt  und  mit  ihr  den  Pjtha- 
goräern  eigen  ist  die  Lehre  von  den  regelmässigen  Vielflächnern, 
angedeutet  in  den  Worten  des  Mathematikerverzeichnisses:  „Pytha- 
goras  ist  es  auch,  der  die  Construction  der  kosmischen  Körper  er- 
fand." Der  Name  der  kosmischen  Körper  bedarf  der  Erklärung. 
Wie  Aristoteles  uns  berichtet,  war  Empedokles  von  Agrigent  in 
Sicilien,  ein  Philosoph,  der  um  440,  jedenfalls  später  als  Pythagoras 
lebte,  der  erste,  der  vier  Elemente,  Erde,  Wasser,  Luft  und  Feuer, 
annahm,  aus  denen  alles  zusammengesetzt  sei"').  Vitruvius  und  andere 
Gewährsmänner   wollen,  Pythagoras   habe   schon   vorher  das   Gleiche 

')  Detlefsen,  Die  Maasse  der  Erdtheile  nach  Plinius.  Programm  des 
Glückstädter  Gymnasiums  für  1883.  S.  6—7  mit  Berufung  auf  Plinius,  Histor. 
natur.  VI,  208.  ^)  Proklus  (ed  Friedlein),  pag.  237.  »)  Jerusalem.  Talmud 
Sota  20a  nach  Zuckermann,  das  Mathematische  im  Talmud.  Bi'eslau,  1878, 
S.  43,  Note  58.  ^)  Dieterici,  Die  Proprädeutik  der  Araber  im  X.  Jahrhundert, 
S.  35.     ")  Aristoteles,  Metaphys  I,  4. 


Pythagoras  und  die  Pythagoräer.     Geometrie.  163 

ausgesprochen^).  Wir  haben  eine  Wahl  zwischen  beiden  Meinungen 
hier  nicht  zu  treffen.  Jedenfalls  übernahm  Timäus  von  Lokri  aus 
der  einen  oder  anderen  Quelle  die  Lehre,  wie  der  nach  ihm  benannte 
platonische  Dialog  erkennen  lässt.  Timäus  erläutert  die  Entstehung 
der  Welt,  setzt  das  Vorhandensein  der  vier  Grundstoffe  auseinander, 
gibt  denselben  besondere  Gestalten'^).  Das  Feuer  trete  als  Tetraeder 
auf,  die  Luft  bestehe  aus  Oktaedern,  das  Wasser  aus  Ikosaederu,  die 
Erde  aus  Würfeln,  und  da  noch  eine  fünfte  Gestaltung  möglich  war, 
so  habe  Gott  diese,  das  Pentagondodekaeder  benutzt,  um  als  Umriss 
des  Weltganzen  zu  dienen'').  Diese  fünf  Körper  heissen  dem  ent- 
sprechend kosmische  Körper  als  zum  Kosmos  in  nothwendiger 
Beziehung  stehend. 

Die  Geschichte  der  Mathematik  entnimmt  den  atomistischen 
Versuchen  jener  ältesten  Lehren  dieser  Art  die  wichtige  Wahrheit, 
dass  Timäus  die  fünf  regelmässigen  Körper  kannte  Ob  er 
ahnte,  dass  es  wirklich  keinen  sechsten  regelmässigen  Körper  gebe, 
ob  er  ohne  auch  nur  die  Frage  nach  einem  solchen  zu  erheben  sich 
mit  Verwerthung  der  nun  einmal  bekannten  Körperformen  begnügte, 
wissen  wir  nicht.  Wahrscheinlicher  däucht  uns  das  letztere,  und 
nmi  gar  einen  Beweis  der  Unmöglichkeit  eines  sechsten  regelmässigen 
Körpers  in  so  früher  Zeit  anzunehmen,  würden  wir  auf's  Entschiedenste 
ablehnen  müssen.  Dagegen  hat  es  keine  Schwierigkeit  diejenigen 
Kenntnisse,  welche  wir  als  Timäus  geläufig  bezeichneten,  d.  h.  die 
Gestalt  der  fünf  regelmässigen  Körper  bis  in  jene  Zeit,  auch  wohl 
darüber  hinaus  zu  verfolgen"^). 

Körper  wie  der  Würfel,  das  Tetraeder,  welches  nichts  anderes 
als  eine  Pyramide  mit  dreieckiger  Grundfläche,  das  Octaeder,  welches 
eine  Doppelpyramide  mit  quadratischer  Grundfläche  ist,  müssen  noch 
weit  über  das  Zeitalter  des  Pythagoras  zurück  sich  als  den  Aegyptern 
bekannt  vermuthen  lassen.  Wer  bei  ihnen  Jahre  lang  verweilte,  ja 
wer  nur  kurze  Zeit  die  Baudenkmäler  ihres  Landes  in  Augenschein 
nahm,  dem  ist  die  Kenntniss  auch  jener  Körper  mit  Nothwendigkeit 
zuzusprechen,  und  dass  die  Pythagoräer  kein  Bedenken  trugen,  was 
ihr  Lehrer  wusste,  als  seine  Erfindung  zu  verehren,  wurde  schon  er- 
wähnt. Auch  das  Tkosaeder  und  nicht  minder  das  Dodekaeder  muss 
wohl  oder  übel  den  Pythagoräern  bekannt  gewesen  sein.     Sonst  könnte 


^)  Vergl.  Chaignet  II,  164  flgg.  ^)  Vergl.  Th.  H.  Martin,  Etudes  sur  le 
Tiviee  de  Piaton  I,  145  flgg.  und  II,  234  —  250.  =*)  Zeller  I,  350,  Anmerkung  1 
nimmt  an,  das  Dodekaeder  sei  nicht  die  Gestalt  des  Weltganzen,  sondern  des 
Aetheratoms,  d.  h.  des  kleinsten  Theiles  der  das  "Weltganze  umgebenden 
äusseren  Schichten.  *)  Das  hier  Folgende  wesentlich  nach  Bretschneider  S.  86 
und  88. 

11* 


164  7.  Kapitel. 

nicht  PMlolaus  schon  von  den  fünf  Körpern  in  der  Kugel  reden  ^), 
sonst  würde  nicht  das  alte  Mathematikerverzeichniss  nebst  anderen 
übereinstimmenden  Berichten'")  so  deutlich  sämmtliche  kosmische  oder 
regelmässige  Körper  als  pythagoräisch  bezeichnen.  Möglicherweise 
haben  wir  den  Verlauf  der  Entdeckung  jener  Körper  so  zu  denken, 
dass  man  zuerst  nur  von  Würfel,  Tetraeder,  Oktaeder  wusste,  dass 
dann  das  Ikosaeder,  zuletzt  erst,  wenn  auch  jedenfalls  noch  vor 
Timäus,  das  Dodekaeder  hinzutrat.  Mit  dieser  Annahme  würde  die 
Schwierigkeit  sich  lös§n,  dass  die  ursprünglich  jedenfalls  in  Vierzahl 
angenommenen  Grundstoffe  mit  den  fünf  Körpern  nur  sehr  künstlich 
in  Verbindung  zu  bringen  sind.  Es  würden  nämlich  zunächst  vier 
Körper  mit  vier  Elementen  durch  einen  naturgemässen  Gedanken 
sich  gepaart  haben,  und  zu  dem  nachträglich  gefundenen  fünften 
Körper  würde  dann  eine  kosmische  Bedeutung  erst  gesucht  worden  sein. 

Mit  dieser  Annahme  würde  auch  die  Erzählung  des  Jamblichus") 
sich  decken,  dass  Hippasus,  ein  Pythagoräer,  der  das  Pentagon- 
dodekaeder der  Kugel  zuerst  einschrieb  und  veröffentlichte,  wegen 
dieser  Gottlosigkeit  im  Meer  umgekommen  sei.  Er  habe  den  Ruhm 
der  Entdeckung  davongetragen,  „aber  es  sei  das  Eigenthum  JENES, 
so  bezeichnen  sie  nämlich  den  Pythagoras  und  nennen  ihn  nicht  bei 
Namen". 

Man  würde  vielleicht  eine  grössere  Sicherheit  in  der  Beant- 
wortung dieser  Fragen  erlangen,  wenn  man  Alter  und  Herkunft 
eines  noch  vorhandenen  Bronzedodekaeders  zu  bestimmen  im  Stande 
wäre  *). 

Mit  den  Angaben  über  die  fünf  Körper  im  engsten  Zusammen- 
hange stehen  die  über  die  Kugel,  in  welche  jene  beschrieben  gedacht 
sind,  und  welche  demzufolge  nebst  einigen  ihrer  Eigenschaften  gleich- 
falls den  Pythagoräern  bekannt  gewesen  sein  muss. 

In  demselben  Zusammenhange  erscheinen  Angaben,  welche  sich 
auf  die  Grenzflächen  jener  Körper,  auf  die  regelmässigen  Viel- 
ecke, als  Dreiecke,  Vierecke,  Fünfecke  beziehen,  und  denen  wir  uns 
nunmehr  zuzuwenden  haben.  Wir  kehren  damit  zur  Flächenanlegung 
zurück,  deren  Verwandtschaft  zur  Lehre  von  den  Vielflächnern  wir 
oben  zunächt  unerwiesen  behauptet  haben.  Piaton  lässt  seinen  Ti- 
mäus über  die  Entstehung  der  regelmässigen  Dreiecke  und 
Vierecke   sich    aussprechen.     Er    sagt,    diese    Figuren    setzten    ihre 


')  Boeck,  Philolaus  fragm.  21,  S.  160.  Chaignet  I,  248.  ^)  Vergl. 
Wyttenbach,  Ausgabe  von  Platon's  Phädon.  Leiden,  1810,  pag.  304—307. 
^)  Jamblichus,  Vita  Pythagorica  88.  ■*)  Vergl.  verschiedene  Notizen  von 
Graf  Leopold  Hugo  in  den  Comptes  Mendus  der  pariser  Akademie  der  Wisseu- 
achaften.     Bd.  LXXVII. 


Pythagoras  und  die  Pythagoräer.     Geometrie. 


165 


Fig.  23. 


/!' 


/X 


Fig.  24. 


Fläche  immer  aus  reclitwinkligen  Dreiecken  zusammen,  und  zwar 
entweder  aus  solchen,  welche  zugleich  gleichschenklig  sind,  oder  aus 
solchen,  deren  spitze  Winkel,  der  Eine  einem  Drittheil,  der  Andere 
zwei  Drittheilen  des  rechten  Winkels 
gleich  sind.  Das  hat  nun  offenbar  seine 
Richtigkeit,  indem  das  Quadrat  in  zwei 
oder  vier  Dreiecke  der  ersten  Art 
(Figur  23),  das  gleichseitige  Dreieck  in 
zwei  oder  sechs  Dreiecke  der  zweiten  Art  (Figur  24)  zerlegt  werden 
kann.  Uebereinstimmend  damit,  aber  sicherlich  einer  anderen  Quelle 
als  dem  platonischen  Timäus,  über  dessen 
Angaben  er  hinausgeht,  folgend  sagt  Pro- 
klus,  es  sei  ein  pythagoräischer  Lehrsatz, 
dass  die  Ebene  um  einen  Punkt  herum 
durch  sechs  gleichseitige  Dreiecke, 
vier  Quadrate  oder  drei  regelmässige  Secksecke  vollständig 
erfüllt  werde,  so  dass  nur  diese  Figurengattungen  zur  gänzlichen 
Zerlgung  einer  Ebene  in  lauter  identische  Stücke  Benutzung  finden^). 
Wir  wollen  daran  anknüpfend  nur  erinnern,  dass  wir  schon  (S.  133) 
die  Kenntniss  solcher  um  einen  Punkt  herumliegenden  sechs  gleich- 
seitigen Dreiecke  wahrscheinlich  zu  machen  suchen  musten,  und  dass 
folglich  rückwärts  die  Angabe  des  Proklus  unsere  dortigen  Behaup- 
tungen zu  stärken  im  Stande  ist. 

Wie  verhält  es  sich  aber  gegenüber  der  Zerfällung  der  Grenz- 
flächen der  vier  ersten  Körper  mit  der  Grrenzfläche  des  fünften  und 
letzten,  mit  dem  regelmässigen  Fünfecke?  Das  Fünfeck  ist,  wie 
leicht  ersichtlich,  mittels  der  beiden  rechtwinkligen  Dreieckchen,  die 
wir  nach  der  Vorschrift  des  Timäus  für  die  Herstellung  von  Dreieck 
und  Viereck  benutzten,  nicht  zusammenzusetzen,  eine  Zerlegung  in 
eben  solche  kann  mithin  nie  gelungen  sein.  Wohl  aber  dürfen  wir 
erwarten,  Spuren  verfehlter  Versuche  anzutreffen,  und  diese  fehlen 
nicht.  Plutarch  hat  an  zwei  Stellen  von  der  Zerlegung  der  das 
Dodekaeder  begrenzenden  Fläche  in  30  Elementardreiecke  gesprochen, 
hat  das  eine  Mal  hervorgehoben,  dass  somit  alle  12  Flächen  360  Drei- 
eckchen liefern,  gleich  an  Zahl  mit  den  Zeichen  des  Thierkreises ^), 
hat  das  andre  Mal  bemerkt,  es  solle,  wie  man  sage,  das  Elementar- 
dreieckchen  des  Dodekaeders  von  dem  des  Tetraeders,  Oktaeders, 
Ikosaeders  verschieden  sein').  Ein  anderer  Schriftsteller  des  IL  S., 
Alkinous,  hat  in  seiner  Einleitung  zum  Studium  des   Piaton  gleich- 


*)    Proklus     (ed.     Friedlein)     304  —  305.        -)     Plutarchus     Quaest. 
Piaton.  V.     ^)  Plutarchus,  De  süentio  oraeul.  cap.  33). 


166  7.  Kapitel. 

falls  von  den  360  Elementen  gesprochen,  welche  erzeugt  werden, 
indem  jedes  Fünfeck  in  5  gleichseitige  Dreiecke,  jedes  von  diesen 
in    6    ungleichseitige    zerfalle^).     Nimmt    man   nun    diese    Zerlegung 

wirklich  vor  (Figur  2ö),  so  tritt  aus 
dem  Gewirre  der  Linien  am  deutlichsten 
das  Sternfünfeck  heraus,  welches  dem- 
nach für  sich  schon  ein  Zeugniss  der 
versuchten  Zerlegung  des  Fünfecks  in 
Elementardreiecke  ablegt.     Das  Stern- 

I'ig-  25.  Fig    26.  ,     .  V 

fünfeck  (Figur  26)  soll  aber  den  Pytha- 
goräem  Erkennungszeichen  gewesen  sein.  Lucian  und  der  Scholiast 
zu  den  Wolken  des  Aristophanes  berichten  darüber  gleichmässig"^). 
Briefe  pflegten  mit  irgend  einer  ständigen  Anfangsformel  eingeleitet 
zu  werden.  Die  Einen  schrieben:  Freue  Dich,  iuCqelv,  die  Anderen 
mit  Piaton:  Sei  glücklich  in  Deinen  Handlungen,  av  nQäxteiv,  die 
Pythagoräer:  Sei  gesund,  vyiuCveLv.  Gesundheit  heisst  auch  bei  ihnen 
das  dreifache  Dreieck,  das  durch  gegenseitige  Verschlingung  das 
Fünfeck  erzeugt,  das  sogenannte  Pentagramm,  dessen  sich  die  Glieder 
des  Bundes  als  Erkennungszeichens  bedienen. 

Unter  allen  Umständen  ist  diese  seltsame  Bedeutung,  welche  die 
freilich  auch  seltsame  Figur  des  Sternfünfecks  bei  den  Pythagoräern 
besass,  eine  Unterstützung  der  kaum  mehr  bestrittenen  Vermuthung, 
dass  das  regelmässige  Fünfeck  von  den  Pythagoräern  selbst  entdeckt 
worden  sei.  Dass  diejenigen,  welche  dasselbe  als  Grenzfläche  eines 
Körpers  verwertheten,  es  gekannt  haben  müssen,  bedarf  keines  Be- 
weises, aber  woher  sollten  sie  es  entnommen  haben?  Wir  erinnern 
daran,  dass  wenigstens  unter  den  Abbildungen  aus  ägyptischer,  wie 
aus  chaldäischer  Vorzeit,  welche  wir  vergleichen  konnten,  ein  regel- 
mässiges Fünf-  oder  Zehneck,  eine  Zerlegung  der  Kreisfläche  in  Aus- 
schnitte nach  irgend  einer  durch  füuf  theilbaren  Anzahl  nicht  vor- 
kommt (S.  67  und  lOlj.  Wir  machen  ferner  darauf  aufmerksam^), 
dass  die  Einzeichnung  des  Fünfecks  in  den  Kreis  geometrisch  genau 
erst  dann  erfolgen  konnte,  als  der  Satz  von  den  Quadraten  der  Seiten 
des  rechtwinkligen  Dreiecks,  als  zugleich  auch  der  goldne  Schnitt 
bekannt  geworden  war. 

Der  goldne  Schnitt  spielte  in  der  griechischen  Baukunst  der 
perikleischen  Zeit  eine  nicht  zu   verkennende  Rolle.     Das    ästhetisch 


')  Alcinous,  De  dudrina  Piatonis  (ed.  Lambinus).  Paris,  1567,  cap.  11. 
^)  Beide  Stellen  sind  vielfach  abgedruckt,  /..  B.  bei  Bretschneider- S.  85 — 8ß. 
■'')  Bretschneider  S.  87  hat  diese  gewiss  richtige  Bemerkung  muthmasslich 
zuerst  gemacht. 


Pythagoras  uiid  die  Pythagoräer.     Geometrie.  167 

wirksamste  Verhältniss,  und  das  ist  das  stetige,  ist  in  den  athenischen 
Bauten  aus  den  Jahren  450  —  430  aufs  Schönste  verwerthet  ^).  Wir 
können  bei  solcher  Regelmässigkeit  des  Auftretens  nicht  an  ein  in- 
stinktives Zutreffen  glauben,  am  wenigsten,  wenn  wir  des  eben  be- 
rührten geistigen  Zusammenhangs  zwischen  goldnem  Schnitte,  regel- 
mässigem Fünfecke  und  pythagoräischem  Lehrsatze  gedenken. 

Bevor  wir  zu  diesem  letzteren  uns  wenden,  müssen  wir'')  noch 
einem  längere  Zeit  viel  verbreiteten  Irrthume  begegnen.  Diogenes 
Laertius  berichtet:  „Unter  den  körperlichen  Gebilden,  sagen  die  Pytha- 
goräer,  sei  die  Kugel,  unter  den  ebenen  der  Kreis  am  Schönsten"^). 
Man  hat  daraus  entnehmen  wollen,  Pythagoras  oder  doch  seine  Schule 
hätten  auch  die  Grundlage  zu  der  Lehre  von  den  isoperimetrischen 
Raumgebilden  gelegt.  Man  ist  dabei  gewiss  von  der  richtigen 
Deutung  jenes  Satzes  abgewichen.  Es  sollte  damit  ein  eigentlicher 
geometrischer  Lehrsatz  überhaupt  nicht  ausgesprochen  werden.  Nur 
die  gleichmässige  Rmidung  erhielt  in  den  gemeldeten  Worten  das 
gebührende  Lob. 

Den  gemeinsamen,  für  Arithmetik  und  Geometrie  gleichmässig 
bedeutsamen  Schlussstein  unserer  Untersuchungen  über  Pythagoras 
und  seine  Schule  bildet  nunmehr  der  nach  dem  Lehrer  selbst  be- 
nannte Satz  vom  rechtwinkligen  Dreiecke.  Nicht  als  ob  wir  in  ihm 
auch  den  Schlussstein  des  von  den  Pythagoräeru  aufgeführten  mathe- 
matischen Gebäudes  vermutheten.  Keineswegs.  Wir  haben  vielmehr 
schon  gesehen  und  werden  noch  weiter  sehen,  dass  unter  den  schon 
besprochenen  geometrischen  Dingen  einige  nicht  gut  anders  als  in 
Folge  des  Satzes  vom  rechtwinkligen  Dreieck  aufgetreten  sein  können. 
Die  Beziehung  des  regelmässigen  Fünfecks  zu  diesem  Satze  ist  erst 
erwähnt.  Die  Elementardreieckchen  des  Timäus  dienen  als  Beweis, 
dass  die  Pythagoräer  denjenigen  sonderbaren  rechtwinkligen  Drei- 
ecken ihre  Aufmerksamkeit  zuwandten,  welche  in  dieser  physikalisch- 
geometrischen Eigenschaft  Verwerthung  fanden.  Das  war  einmal 
dasjenige  Dreieck,  dessen  beide  Katheten  je  eine  Längeneinheit  als 
Maass  besitzen,  das  war  zweitens  dasjenige,  dessen  Hypotenuse 
doppelt  so  gross  ist,  als  die  kleinere  Kathete,  so  dass  also  1  und  2 
die  Maasse  dieser  beiden  Seiten  bezeichnen. 

Wir  haben  uns  (S.  142)  schon  darüber  ausgesprochen,  dass  wir 
für  den  Satz  vom   rechtwinkligen  Dreieck  Pythagoras   selbst  als  den 

^)  Vergl.  Zeising's  verschierlene  Schriften,  über  welche  mit  für  den  mathe- 
matischen Leser  genügender  Ausfühi-lichkeit  S.  Günther  in  der  Zeitschr.  Math. 
Phys.  XXI,  histor-.literar.  Abthlg.  S.  157—165  berichtet  hat.  ^)  Auch  hier 
rührt  die  richtige  Ansicht  von  Bretschneider  S.  89  —  90  her.  ^)  Diogenes 
Laertius  VIII,  19. 


168  7.  Kapitel. 

Entdecker  betracMen,  und  uns  wesentlich  auf  den  Bericht  bezogen, 
diejenigen,  welche  Alterthümliches  erkunden  wollten,  führten  den 
Satz  auf  Pythagoras  zurück^).  Der  in  Euklid's  Elementen  vor- 
getragene Beweis  dagegen,  derselbe  Beweis,  der  auch  heute  noch  der 
bekannteste  ist,  bei  welchem  die  Quadrate  über  die  drei  Dreiecksseiten 
nach  aussen  hin  gezeichnet  werden  und  das  Quadrat  der  Hypotenuse 
durch  eine  von  der  Spitze  des  rechten  Dreieckswinkels  auf  die  Hypo- 
tenuse gefällte  gehörig  verlängerte  Senkrechte  in  zwei  Rechtecke 
zerfällt,  von  denen  jedes  dem  ihm  benachbarten  Kathetenquadrate 
flächengleich  ist,  dieser  Beweis  rührt  nach  Proklus'  ausdrücklicher 
Aussage  von  Euklid  selbst  her.  Dass  Plutarch")  den  Satz  vom 
rechtwinkligen  Dreieck  als  Satz  des  Pythagoras  kennt,  wissen  wir 
(S.  160).  Der  Rechenmeister  Apollo dotus  oder  ApoUodorus,  wie 
Diogenes  Laertius  denselben  nennt  ^),  erzählt  in  Versen  von  dem 
Stieropfer,  welches  Pythagoras  gebracht  habe,  als  er  den  Satz  von 
den  Quadraten  der  Hypotenuse  und  der  Katheten  entdeckt  hatte. 
Nicht  wenige  Schriftsteller  sind  in  ihren  Angaben  bezüglich  des 
Satzes  in  einer  wesentlichen  Beziehung  genauer,  indem  sie  den  Namen 
des  Pythagoras  mit  demjenigen  rechtwinkligen  Dreiecke  in  Verbin- 
dung bringen,  dessen  Seiten  die  Maasszahlen  3,  4,  5  besitzen.  Am 
deutlichsten  ist  in  dieser  Beziehung  Vitruvius,  in  dessen  im  Jahre 
14  n.  Chr.  verfasster  Architektur  ausdrücklich  berichtet  wird,  dass 
Pythagoras  einen  rechten  Winkel  mit  Hilfe  der  drei  Längenmaasse 
3,  4,  5  zu  construiren  lehrte,  und  dass  ebenderselbe  erkannte,  dass 
die  Quadrate  von  3  und  von  4  dem  von  5  gleich  seien*).  Eine 
Plutarchstelle,  in  welcher  dasselbe  Dreieck  besprochen  wird''),  ist 
uns  (S.  147)  schon  vorgekommen.  Dasselbe  Dreieck  spielt  in  Pia- 
tons Staate  eine  Rolle.  Und  wenn  wir  auf  ganz  späte  Zeiten  zu 
dem  Zwecke  herabgehen  dürfen,  um  mindestens  zu  zeigen,  dass  die 
Ueberlieferujig  der  Ueberlieferung  sich  erhalten  hat,  so  möchten  wir 
als  letzten  Gewährsmann  einen  Glossator  vom  Anfange  des  XH.  S. 
nennen,  der  vom  pythagoräischen  Dreiecke  redend  das  mit  den  Seiten 
3,  4,  5  unter  diesem  Namen  versteht"). 

Wir  glauben  nun,  dass  die  Wahrheit,  welche  jener  Ueberlieferung 
zu  Grunde  liegt,  darin  besteht,  dass  Pythagoras  an  dem  Dreiecke  3,  4,  5 
seinen  Satz  erkannte.  „Schwerlich  leitete  den  Pythagoras  das  nach 
ihm  benannte  geometrische  Theorem  auf  seine  arithmetischen  Sätze, 


')  Proklus  (ed.  Friedlein)  426.  ^)  Plutarchus,  Convivium  VIII,  4. 
«)  Diogenes  Laertins  VllI,  12.  *)  Vitruvius  IX,  2.  ^)  Plutarchus,  De 
Iside  et  Osiride  56.  '')  Cantor,  Die  römischen  Agrimensoren  und  ihre  Stellung 
in  der  Geschichte  der  Feldmesskuust.  Leipzig,  1875,  S.  156  und  Note  288.  Wir 
verweisen  künftig  auf  dieses  Buch  unter  dem  Titel  „Agrimensoren". 


Pythagoras  und  die  Pythagoräer.     Geometrie.  169 

sondern  umgekehrt  mögen  ihn  die  Beispiele  zweier  Quadratzahlen, 
deren  Summe  wieder  eine  Quadratzahl  ist,  auf  die  Relation  zwischen 
den  Quadraten  der  Seiten  eines  rechtwinkligen  Dreiecks  aufmerksam 
gemacht  haben"  ^).  So  drückte  sich  ein  deutscher  Gelehrter  bereits 
1833  aus,  welcher  vermuthlich  zuerst  diese,  wie  wir  glauben,  richtige 
Anschauung  von  dem  Entwicklungsgange  sich  aneignete.  Pythagoras 
bemerkte,  meinen  wir,  dass  9  +  16  =  25  (S.  158).  Als  er  diese  unter 
allen  Umständen  interessante  Bemerkung  machte,  kannte  er  bereits, 
gleichviel  aus  welcher  Quelle,  die  Erfahrungsthatsache,  dass  ein  rechter 
Winkel  durch  Annahme  der  Maasszahlen  3,  4,  5  für  die  Längen  der 
beiden  Schenkel  und  für  die  Entfernung  der  Endpunkte  derselben 
construirt  werde.  Wir  haben  (S.  64)  darauf  hingewiesen,  dass  die 
Aegypter,  (S.  102)  dass  die  Babylonier  vielleicht  die  gleiche  Kenntniss 
besassen,  dass  die  Chinesen  ihrer  sicherlich  theilhaftig  waren.  Ein 
chinesischer  Schriftsteller  hat  nämlich  gesagt:  „Zerlegt  man  einen 
rechten  Winkel  in  seine  Bestandtheile,  so  ist  eine  die  Endpunkte 
seiner  Schenkel  verbindende  Linie  5,  wenn  die  Grundlinie  3  und  die 
-Höhe  4  ist^'^).  Die  geometrische  und  die  arithmetische  Wahrheit 
vereinigten  sich  nun  in  dem  Bewusstsein  des  Pythagoras  zu  einem 
gemeinschaftlichen  Satze.  Der  Wunsch  lag  nahe  zu  prüfen,  ob  auch 
bei  anderen  rechtwinkligen  Dreiecken  die  Maasse  der  Seiten  zu  Quadrat- 
zahlen erhöht  das  gleiche  Verhalten  bieten.  Die  einfachste  Voraus- 
Setzung  war  die  des  gleichschenklig  rechtwinkligen  Dreiecks,  wo 
Höhe  imd  Grundlinie  gleich  der  Längeneinheit  waren.  Die  Hypote- 
nuse wurde  gemessen.  Sie  war  grösser  als  eine,  kleiner  als  zwei 
Längeneinheiten.  Die  mannigfaltigsten  Versuche  mögen  darauf  an- 
gestellt, andere  und  andere  Zahlenwerthe  für  die  gleichen  Katheten 
eingesetzt  worden  sein,  um  eine  Zahl  für  die  Hypotenuse  zu  erhalten. 
Vergebens.  Man  erhielt  wahrscheinlich  Zahlen,  die  dem  gesuchten 
Maasse  der  Hypotenuse  nahe  kamen,  Näherungswerthe  von  l/2 
würden  wir  heute  sagen,  aber  es  war  noch  ein  Riesenschritt,  von  der 
Fruchtlosigkeit  der  angestellten  Versuche  auf  die  aller  Versuche  über- 
haupt zu  schliessen,  und  diesen  Schritt  vollzog  Pythagoras. 

Er  fand,  dass  die  Hypotenuse  des  gleichschenkligen  rechtwinkligen 
Dreiecks  mit  messbaren  Katheten  selbst  unmessbar  sei,  dass  sie  durch 
keine  Zahl  benennbar,    durch  keine   aussprechbar  sei^);    er  ent- 


')  So  Jul.  Fr.  Wurm  schon  1833  in  Jahns  Jahrbüchern  IX,  62.  Meine 
denselben  Grundgedanken  einzeln  durchführende  Darstellung  in  den  Math.  Beitr. 
Kulturl.  ist  1863  entstanden,  ohne  dass  ich  Jahns  Aufsatz  kannte.  ')  Vergl. 
Biernatzki,  Die  Arithmetik  der  Chinesen  in  Crelle's  Journal.  Bd.  52.  ')  qtjzöv 
und  aloyov  sind  die  griechischen  Namen  für  Rationalzahl  und  Irrationalzahl; 
aloyov  heisst  sowohl   ohne  Verhältniss  als  ohne  Wort  d.  h.  nicht  aussprechbar. 


170  7.  Kapitel. 

deckte  das  Irrationale,  worauf  das  alte  Mathematikerverzeiclmiss 
ein  so  sehr  berechtigtes  Gewicht  legt.  Er  entdeckte  es  grade  an  der 
Hypotenuse  des  gleichschenkligen  rechtwinkligen  Dreiecks,  wie  aus 
mehr  als  nur  einem  Umstände  wahrscheinlich  gemacht  werden  kann.. 
So  erzählt  ims  Piaton,  der  Pythagoräer  Theodorus  vonKyrene, 
der  ihn  selbst  in  der  Mathematik  unterrichtet  hatte,  habe  bewiesen, 
dass  die  Quadratwurzel  aus  3,  aus  5  und  anderen  Zahlen  bis  zu  17 
irrational  sei^).  Von  der  Irrationalität  der  Quadratwurzel  aus  2  ist 
dabei  keine  Rede-,  diese  muss  also  vorher  bekannt  gewesen  sein. 
Aristoteles  weiss  dagegen  an  vielen  Stellen  von  der  Irrationalität  der 
Diagonale  des  Quadrates  von  der  Seite  1  zu  reden,  und  sagt  einmal 
gradezu,  der  Grund  dieser  Irrationalität  liege  darin,  weil  sonst  Grades 
und  Ungrades  gleich  sein  müsste").  Den  Sinn  dieser  Worte  erläutert 
aber  Euklid.  Er  gibt  nämUch  folgenden  Beweis,  den  wir  nur  so 
weit  abgeändert  haben,  dass  wir  Euklids  Worte  in  moderne  Zeichen- 
sprache umsetzten^).     Es  sei  JF  zu  AB  (Figur  27)  commensurabel 

und  verhalte  sich  in   kleinsten   Zahlen  wie  a  zu  /3; 

folglich    muss    wegen    AF^  AB    auch    a  >  /3   und. 

sicherlich  >  1  sein.    Weiter  folgt  AF^:  AB'- =  a^:  ß^ 

und  wegen  AF-  =  2AB'  auch  a^  =  2ß^,  folglich  a^ 

und  mit  dieser  Zahl  zugleich  auch  a  eine  grade  Zahl. 

Die  zu  a  theilerfremde  ß  muss  daher  ungrade  sein. 

Die  grade  a  sei  =  2yj  so  folgt  a-  =  Ay'.  Es  war 
«2  ,=  2/3^,  mithin  ist  2/3^  =  4y^,  /3^  =  2y^  grad  und  auch  ß  grad, 
was  mit  dem  eben  bewiesenen  Gegentheil  einen  Widerspruch  bildet, 
der  zur  Aufhebung  der  Annahme  führt,  als  könne  die  Diagonale  mit 
der  Quadratseite  in  einem  rationalen  Zahlenverhältnisse  stehen.  Man 
sieht,  das  muss  der  Beweis  gewesen  sein,  an  welchen  Aristoteles  bei 
seiner  Aeusserung  dachte.  Es  ist  also  ein  Beweis,  dessen  Alterthum 
über  Aristoteles  hinaufreicht,  und  der,  nach  der  kurzen  Weise,  in 
welcher  dieser  ihn  andeutet,  zu  schliessen,  den  Lesern  des  Aristoteles 
zur  Genüge  bekannt  sein  musste.  Wir  gehen  deshalb  vielleicht 
nicht  zu  weit,  wenn  wir  grade  diesen  Beweis  als  einen  hergebrachten 
ansehen,  als  denjenigen,  der  in  der  alten  pythagoräischen  Schule  ge- 
führt wurde,  mag  ihn  Pythagoras  selbst  oder  einen  seiner  unmittel- 
baren Schüler  und  Nachfolger  ersonnen  haben. 

War  in  der  That  die  Diagonale  des  Quadrates  als  irrational, 
die  Diagonale  des  Rechteckes  mit  den  um  eine  Längeneinheit  ver- 
schiedenen Seiten  3  und  4  als  rational,  nämlich  mit  der  Länge  5, 
bekannt,  dann  war  es   möglich,  dass   man   auch  Quadrat  und  Hete- 

*)  Piaton,  Theaetet  147,  D.  *)  Aristoteles,  Analytica  prot.  I,  23,  11. 
8)  Euklid  X,  117. 


Pythagoras  und  die  Pythagoräer.     Geometrie.  171 

romekie  als  diejenigen  Gegensätze  in  die  pythagoräisehe  Kategorien- 
tafel, welche  uns  durch  Aristoteles  bekannt  geworden  ist,  aufnahm, 
die  den  sonst  dort  fehlenden  Gegensatz  des  Rationalen  und  Irrationalen 
ersetzen  sollten').  Wir  haben  eine  solche  von  der  unsrigen  zunächst 
abweichende  Erklärung  angekündigt  (S.  150)  und  nicht  ganz  von 
der  Hand  gewiesen.  Allein  sie  vollkommen  uns  anzueignen,  auch  in 
der  Verbindung  mit  unserer  eigenen  Vermuthung,  die  wir  dort  als 
nothweudig  betonten,  vermögen  wir  trotz  eines  unterstützenden 
Grundes,  auf  welchen  wir  im  11.  Kapitel  zu  reden  kommen,  doch 
nicht.  Es  könnte  nämlich  grade  das  Fehlen  des  Gegensatzes  des 
Rationalen  und  des  Irrationalen  in  der  Kategorientafel  als  bezeichnend 
betrachtet  werden  müssen. 

Nach  einem  alten  Scholion  zum  X.  Buche  der  euklidischen  Ele- 
mente, welches  man  in  neuerer  Zeit  dem  Proklus  zuzuschreiben 
pflegt'-),  dürfte  diese  Annahme  eine  nicht  ungerechtfertigte  sein. 
„Man  sagt,  dass  derjenige',  welcher  zuerst  die  Betrachtung  des  Irra- 
tionalen aus  dem  Verborgenen  in  die  Oeffentlichkeit  brachte,  durch 
einen  Schiffbruch  umgekommen  sei,  und  zwar  weil  das  Unaussprech- 
liche und  Bildlose  immer  verborgen  werden  sollte,  und  dass  der, 
welcher  von  Ungefähr  dieses  Bild  des  Lebens  berührte  und  aufdeckte, 
an  den  Ort  der  Entstehung^)  versetzt  und  dort  von  ewigen  Fluthen 
umspült  wurde.  Solche  Ehrfurcht  hatten  diese  Männer  vor  der 
Theorie  des  Irrationalen." 

Das  Mystische  dieser  Erklärungen  stimmt  allerdings  durchaus  zu 
den  übrigen  philosophischen  Floskeln  des  Proklus  und  sie  sind  offen- 
bar pythagoräischer  Ueberlieferung  entnommen.  Mystisch  war,  das 
ist  wieder  einer  der  allseitig  anerkannten  Punkte,  der  ganze  Pytha- 
goräismus,  und  wir  dürfen  vielleicht  hier  als  an  dem.  geeignetsten 
Orte  darauf  hinweisen,  dass  Philolaus  schon  die  Winkel  von 
Figuren  bestimmten  Göttern  weihte^),  dass  Piaton  umgekehrt 
die  Gottheit  immer  geometrisch  zu  Werke  gehen  liess''). 


')  So  die  Meinung  Hankels  S.  110,  Anmerkung.  ^)  Knoche,  Untersuchungen 
über  die  neu  aufgefundenen  Scholien  des  Proklus  Diadochus  zu  Euklids  Ele- 
menten. Herford,  1865,  S.  17—28,  besonders  S.  23.  ^)  Dr.  P.  Hohlfeld  machte 
uns  brieflich  aufmerksam,  die  griechische  Stelle  heisse  sig  zov  tfjg  ytveascog 
xönov  =  an  den  Ort  der  Entstehung,  womit  die  Uebersetzung  des  Commandinus 
in  generationis  hoc  est  profundi  locum  übereinstimme;  wenn  Hankel  übersetze 
„in  den  Ort  der  Mütter",  so  beruhe  dieses  wahrscheinlich  auf  unbewusster  Er- 
innerung an  eine  bekannte- Stelle  in  Göthe's  Faust,  zweiter  Theil.  *)  Böckh, 
Philolaus  S.  155.  Chaignet  1,  245  —  247.  ^)  Plutarchus  Convivia  VIII,  2 
TJag  mätav  iXsyB  zbv  ©sbv  cctl  yta(itTQ8iv.  Die  Stelle  bei  Piaton  selbst  ist 
nicht  bekannt.  Wenn  Vossiusin  seiner  Geschichte  der  Mathematik  dafür  auf  den 
Dialog  ,, Philebus"  verweist,   so  dürfte  dieses  Citat  auf  einem  Irrthum  beruhen. 


172  7.  Kapitel. 

War  einmal  die  Irrationalität  als  solche,  und  zwar  an  der  Dia- 
gonale des  Quadrates  erkannt,  war  man  sich  bewusst  geworden,  dass 
die  Diagonale  des  Rechtecks  von  den  Seiten  3  und  4  genau  in  5 
Einheiten  sich  darstellte,  die  des  Rechteckes  von  gleichen  Seiten 
aber  nicht  angebbar  war,  welche  Länge  man  auch  den  beiden  Seiten 
beilegte,  so  musste  man  wohl  auch  andere  Rechtecke  prüfen,  z.  B. 
von  der  Voraussetzung  ausgehen,  dass  die  Diagonale  zur  einen  Seite 
im  einfachsten  Zahlenverhältnisse  von  2  zu  l  stehe,  und  nun  die 
andere  Rechtecksseite  zu  messen  suchen.  Wir  sehen  hier  das  zweite 
Elementardreieckchen  vor  uns,  dessen  Benutzung  neben  dem  gleich- 
schenkligen rechtwinkligen  Dreiecke  zur  Flächenbildung  wir  aus 
Piatons  Timäus  kennen,  und  dessen  somit  nachgewiesener  pytha- 
goräischer  Ursprung  den  hier  ausgesprochenen  Vermuthungen  eine 
immer  breitere  Grundlage  gewähren  dürfte. 

Wieder  weiterschliessend  war  die  Untersuchung  an  einem  Punkte 
angelangt,  wo  der  Weg  sich  spaltete.  Man  konnte,  wo  die  Zahl  ihren 
Dienst  versagte,  geometrische  Beweise  für  den  Satz  von  den  Quadraten 
über  den  Seiten  rechtwinkliger  Dreiecke  suchen.  Man  konnte  solche 
Zahlen  suchen,  die  als  Seiten  rechtwinkliger  Dreiecke  auftreten 
konnten.     Man  schlug  beide  Wege  ein. 

Wir  haben  oben  gesagt,  dass  der  heute  gebräuchlichste  Beweis  des 
pythagoräischen  Lehrsatzes  von  Euklid  herrühre.  Der  in  der  pytha- 
goräischen  Schule  selbst  geführte  muss  von  diesem  verschieden  ge- 
wesen sein.  Er  dürfte  seiner  Alterthümlichkeit  entsprechend  viele 
Unterfälle  unterschieden  haben  und  grade  vermöge  dieser  Weitläufig- 
keit aufs  Gründlichste  beseitigt  worden  sein,  wie  wir  daraus  schliessen 
dürfen,  dass  Proklus  auch  mit  keiner  Silbe  des  Ganges  des  voreukli- 
dischen Beweises  gedenkt.  Waren  Unterfälle  unterschieden,  so  ist  die 
Wahrscheinlichkeit  vorhanden,  die  Beweisführung 
sei  von  dem  gleichschenkligen  rechtwinkligen  Drei- 
ecke ausgegangen^)  und  habe  die  Zerlegung  des 
Quadrates  durch  seine  Diagonalen  (Figur  28)  zur 
Grundlage  gehabt'),  wenigstens  hat  sich  in  Piatons 
Menon  dieser  Beweis  des  Sonderfalles  erhalten. 
Wie  der  weitere  Fortschritt  zum  Beweise  des  all- 
'^'  ^^'  gemeinen  Satzes  vollzogen  wurde,  darüber  ist  man 

in  keiner  Art  unterrichtet.  Die  verschiedenen  Wiederherstellungs- 
versuche, so  geistreich  manche  derselben  sind,  schweben  alle  so 
ziemlich  in  der  Luft'*). 


')  Hankel  S.  98.     *)  Allman  1.  c.  S.  29.      ^)  Vergl.   Camerer's  EukUd- 
ausgabe  I,  444  mit  Bretschneider  82. 


Pythagoras  und  die  Pythagor'äer.     Geometrie.  173 

Die  aritlimetische  Aufgabe  Zahlen  zu  finden,  welcjie  als 
Seiten  eines  rechtwinkligen  Dreiecks  gezeichnet  werden 
können,  löste  Pythagoras  gleichfalls,  und  hier  sind  wir  in  der 
günstigen  Lage,  dass  Proklus  uns  seine  Auflösungsmethode  aufbe- 
wahrt hat').  Er  sei  von  irgend  einer  ungraden  Zahl  2u  -\-  \  aus- 
gegangen, welche  er  als  kleinere  Kathete  betrachtete.  Die  Hälfte 
des  um  1  verminderten  Quadrates  derselben  gab  die  grössere  Kathete 
2a^-\-2a,  diese  wieder  um  1  vermehrt  die  Hypotenuse  2a'^-{-2a-\-  1. 
Wie  kam  Pythagoras  zu  dieser  Auflösung?  Ein  möglicher  Weg  ist 
folgender,  welchen  wir  nur  wenig  gegen  die  Art,  wie  er  zuerst  ver- 
muthungs weise  geschildert  worden  ist^),  verändert  der  Prüfung  unter- 
breiten. Ist  rt^  =  &-  -f-  C",  so  ist  c-  =  a^  —  b^  =  (o,  -{-V)  {a  —  li). 
Die  Aufgabe  der  erstgeschriebenen  Gleichung  zu  genügen  lässt  sich 
also  erfüllen,  wenn  nur  a  -\- h  und  a  —  h  beide  grad  oder  beide 
ungrad  und  zudem  solche  Zahlen  sind,  welche  mit  einander  verviel- 
facht eine  Quadratzahl  liefern.  Solche  Zahlen  kannte  höchst  wahr- 
scheinlich bereits  die  vorplatonische  Zeit,  da  sie  unter  dem  Namen 
ähnlicher  Zahlen  bei  Theon  von  Smyrna  erklärt  sind  ^).  Die 
andere  von  uns  hervorgehobene  Bedingung  beruht  darauf,  dass  a 
und  h  ganzzahlig  zu  erhalten  nur  dann  möglich  ist,  wenn  Summe 
und  Differenz  von  a  -{-  h  und  a  —  h  beide  grad  sind.  Der  einfachste 
Fall  ähnhcher  Zahlen  ist  nun  selbstverständlich  der  der  Einheit  und 
einer  Quadratzahl  c^,  und  weil  1  ungrad  ist,  muss  hier  auch  c-  und 
somit  c  selbst  ungrad  sein,  etwa  c  =  2a  +  1.  So  kam  die  Formel 
des  Pythagoras  darauf  hinaus  (2a  -f-  l)'  =  {2a  -\-  ly  .  1  zu  setzen, 
und  darnach    aus    (2«  -|-  lf  =  a-\-h    und    \  =  a  —  h    die   Werthe 

0  = 2 ^^^  ^  =  2 f"        ^^^   ermitteln,    welche 

zusammen  mit  c  =  2a-[-l  die  gestellte  Aufgabe  lösen.  Die  Formen, 
in  welchen  &  und  a  auftreten,  entsprechen,  wie  man  sofort  erkennt, 
genau  dem  Wortlaute  der  Angabe  des  Proklus,  was  immer  ein 
günstiges  Vorurtheil  für  die  Richtigkeit  eines  Wiederherstellungsver- 
suches gewährt,  und  da  überdies  in  Aegypten,  wie  wir  aus  dem 
Uebungsbuche  des  Ahmes  wissen,  Aufgaben  von  algebraischer  Natur 
zu  lösen  nicht  ungebräuchlich  war,  so  scheitert  der  Versuch  auch 
nicht  an  der  Frage,  ob  es  für  Pythagoras  möglich  gewesen  sei,  schon 
derartige  Schlüsse  zu  ziehen,  wie  sie  hier  verlangt  wurden. 

Fassen  wir  den  Inhalt  dieses  und  des  zunächst  vorhergehenden 
Kapitels  in  Kürze   zusammen.     Pythagoras   hat,    so   suchten  wir   zu 


^)  Proklus  (ed.  Friedlein)   428.     '^)  Roth,   Geschichte  der  abendländi- 
schen Philosophie  II,  527.     ^)  Theon  Smyrnaeus  (ed.  Hiller)  36. 


174  7.  Kapitel. 

erweisen,  sicherlich  in  Aegypten,  vielleicht  in  den  Euphratländern 
mathematisches  Wissen  sich  angeeignet.  Ersteres  geht  wie  aus  den 
ausdrücklichen  Ueherlieferungen,  so  auch  aus  dem  ägyptischen  Gepräge 
mancher  geometrischer  Entwicklungen,  letzteres  aus  den  babylonisch 
anmuthenden  Zahlendifteleien  der  Pythagoräer  hervor.  Die  Summe 
des  geometrischen  Wissens,  welches  von  Pythagoras  und  seiner  Schule 
den  Griechen  vor  dem  Jahre  400  zugänglich  gemacht  wurde,  ist  eine 
nicht  ganz  geringfügige.  Sie  umfasste  die  Kenntniss  von  den  Parallel- 
linien und  den  durch  dieselben  beweisbaren  Winkelsätzen,  insbesondere 
den  Satz  von  der  Summe  der  Dreieckswinkel.  Sie  umfasste  Con- 
gruenzsätze  des  Dreiecks  und  Sätze  über  Flächengleichheit,  deren 
Anwendung  die  sogenannte  Anlegung  von  Flächen  bildete.  Sie  Hess 
umgekehrt  Figniren  als  Summe  anderer  Figuren  entstehen,  wobei 
vielleicht  das  Sternfünfeck  entdeckt  wurde,  wenn  wir  auch  für  dieses 
nicht  mit  gleicher  Sicherheit  wie  für  die  anderen  Dinge  die  alten 
Pythagoräer  als  Urheber  behaupten  möchten.  Sie  umfasste  den  pytha- 
goräischen  Lehrsatz  und  den  goldenen  Schnitt.  Sie  enthielt  endlich 
auch  Anfänge  einer  Stereometrie,  insbesondere  die  Kenntniss  der  fünf 
regelmässigen  Körper  und  der  Kugel,  welche  dieselben  umfasst.  Die 
Sätze  waren  mit  Beweisen  versehen.  Allerdings  liessen  die  Beweise 
vermuthlich  nicht  gleich  die  Strenge  erkennen,  welche  man  geradezu 
geometrische  Strenge  zu  nennen  pflegt,  und  legten  erst  nach  und 
nach  den  Charakter  eines  Erfahrungsbeweises  ab,  nahmen  noch  später 
jene  allgemeineren  Fassungen  an,  welche  in  einheitlicher  Betrachtung 
die  Nothwendigkeit  der  Unterscheidung  von  Sonderfällen  verbannt. 
Noch  unvergleichbar  mehr  leistete  die  pythagoräische  Schule  in  der 
Arithmetik,  gerade  durch  die  Grösse  der  Leistungen  die  Wahrschein- 
lichkeit fremden  Ursprunges  auch  für  diesen  Zweig  griechischer 
Mathematik  bezeugend.  Arithmetische,  geometrische,  harmonische 
Verhältnisse  und  Reihen,  unter  den  arithmetischen  Reihen  auch  solche, 
welche  die  Sprache  heutiger  Wissenschaft  arithmetische  Reihen 
höherer  Ordnung  nennt,  sind  Dinge,  die  man  am  Anfange  einer 
Entwicklung  nicht  zu  finden  erwarten  darf,  noch  weniger  die  freilich 
auch  weniger  gut  beglaubigten  befreimdeten  und  vollkommenen 
Zahlen.  Die  Ueberlieferung  lässt  wirklich  einige  dieser  Gegenstände 
aus  Babylon  eingeführt  sein.  Fremdländisch  war  vielleicht  auch  die 
Methode  des  mathematischen  Experimentes  d.  h.  der  Zerlegung  von 
Figuren  in  andersgestaltete,  der  Vereinigung  von  Reihengiiedern 
derselben  oder  verschiedener  Reihen  zu  Summen,  zunächst  nur  in  der 
unbestimmten  Absicht  zu  versuchen,  ob  dabei  etwas  geometrisch, 
etwas  arithmetisch  Merkwürdiges  sich  offenbaren  möchte.  Für  grie- 
chisch   dagegen    hielten    wir    die    eigenthümliche    Verquickung    von 


Mathematiker  ausserhalb  der  pythagoräischen  Schule.  175 

Geometrie  und  Arithmetik,  die  geometrische  Versimilichung  der  Zahlen- 
lehre, wie  sie  in  der  Ebenen-  und  Körperzahl,  in  der  Dreiecks-  und 
Quadratzahl,  in  der  Vielecks-  und  Gnomonzahl  zu  Tage  tritt.  Pytha- 
goräisch  war  nach  unserer  durch  mannigfache  Ueberlieferung  gestütz- 
ten Darstellung  die  Erfindung  des  Satzes  von  den  Quadraten  der 
Seiten  des  rechtwinkligen  Dreiecks  als  eines  arithmetischen  ausgehend 
von  dem  bestimmten  Zahlenbeispiele  3^  -f  4^  =  5^.  Pythagoräisch  war 
endlich  eine  Regel  zur  Ermittelung  anderer  Zahlen  als  3,  4,  5,  welche 
als  Seiten  eines  rechtwinkligen  Dreiecks  dienen  können,  pythagoräisch 
die  Lehre  vom  Irrationalen.  Vom  Irrationalen  sagen  wir  and  müssen 
wir  sagen,  nicht  von  der  Irrationalzahl,  denn  das  Irrationale  war  den 
Griechen  keine  Zahl.  War  den  Pythagoräern  doch  sogar  die  Einheit 
noch  keine  Zahl,  sondern  erst  eine  Vielheit  von  Einheiten.  Brüche 
mögen  dem  Rechner  vorgekommen  sein,  sei  es  als  wirkliche  Brüche 
mit  Zähler  und  Nenner,  sei  es  als  ünterabtheilungen  von  Münzen, 
von  Gewichten,  von  Feidmaassen,  jedenfalls  immer  als  concrete  Brüche. 
Der  abstrakte  Bruch  war  für  den  Arithmetiker  nicht  vorhanden. 
Er  kannte  Brüche  nur  mittelbar  als  Verhältniss  zweier  Zahlen.  Um 
so  weniger  konnte  ihm  das  Irrationale  eine  Zahl  sein,  welchem  nicht 
einmal  ein  aussprechbares  Verhältniss  den  Eintritt  in  die  Zahlen- 
reihe gestattete.  Diese  wichtige  Beschränkimg  des  Begriffes  der 
Zahl  erhielt  sich  über  die  Zeit  der  Pythagoräer  weit  hinaus.  Sie 
blieb,  was  den  Ausschluss  des  Irrationalen  betrifft,  so  lange,  als  über- 
haupt von  griechischer  Arithmetik  die  Rede  ist. 


8.  Kapitel. 
Mathematiker  ausserhalb  der  pythagoräischen  Schule. 

Die  Mathematik  nahm,  wie  wir  weitläufig  gesehen  haben,  einen 
mächtigen  Aufschwung  durch  die  pythagoräische  Schule.  Es  war 
wohl  eng  damit  verbunden,  sei  es  als  Ursache,  sei  es  als  Folge,  dass, 
wie  uns  berichtet  wird,  die  Mathematik  den  Pythagoräern  als  erstes 
und  wichtigstes  Lehrelement  diente^).  Damit  ist  aber  nicht  aus- 
geschlossen, dass  auch  andere  Schriftsteller  sich  noch  verdient  mach- 
ten.    Hören  wir,  wie  das  alte  Mathematikerverzeichniss  fortfährt: 

„Nach  ihm  (dem  Pythagoras)  lieferte  der  Klazomenier  Anaxagoras 
Vieles  über  Geometrie,    ingleichen   Oinopides   von   Chios,    der    etwas 


^)  Porphyrius,  De  vita  Pythagor.  47.  Jamblichus,  De  philosophia 
Fythagor.  lib.  III,  abgedruckt  bei  Ansse  de  Villoison,  Änecdota  Graeca. 
Venedig,  1781,  pag.  216. 


176  8.  Kapitel. 

jünger   ist   als   Anaxagoras.     Beider  gedenkt   Piaton   in    den  Neben- 
bulern  als  berühmter  Geometer." 

Anaxagoras  von  Klazomeue^)  wurde  vermuthlich  500  ge- 
boren und  starb  72  Jahre  alt  428.  Er  gehörte  einem  vornehmen  und 
reichen  Hause  an,  achtete  aber  aus  Liebe  zur  Wissenschaft  weder  auf 
die  Verwaltung  seines  Vermögens,  noch  auf  eine  ihm  leicht  erring- 
bare politische  Stellung.  Seinen  verwahrlosten  Besitz  soll  er  schliess- 
lich seinen  Angehörigen  überlassen,  die  Nichteinmenguug  in  staat- 
liche Verhältnisse  aber  damit  erklärt  haben,  dass  ihm  der  Himmel 
Vaterland  und  die  Beobachtung  der  Gestirne  seine  Bestimmung  sei. 
Um  464  etwa  dürfte  er  nach  Athen  gekommen  sein,  wenn  anders 
der  Bericht  der  Wahrheit  entspricht,  dass  sein  dortiger  Aufenthalt 
30  Jahre  gedauert  habe.  Er  verliess  nämlich  diese  Stadt  um  434, 
wenige  Jahre  vor  dem  Beginne  des  peloponnesischen  Krieges.  Anaxa- 
goras lehrte  in  Athen  als  einer  der  Ersten  Philosophie,  und  unter 
seinen  Schülern  waren  zwei  Männer  von  verschieden  begründetem, 
aber  gleich  hohem  Ruhme:  Euripides  und  Perikles.  Perikles  insbe- 
sondere blieb  zu  seinem  Lehrer  in  fortwährend  freundschaftlichem 
Verhältnisse,  und  als  in  der  angegebenen  Epoche,  wenige  Jahre  vor 
431,  die  Gegner  des  grossen  athenischen  Staatsmannes  ihrer  Feind- 
schaft gegen  ihn  in  Gestalt  von  Verfolgung  seiner  Freunde  Luft  zu 
machen  begannen,  war  grade  Anaxagoras  eine  zur  Eröffnung  des 
Angriffes  geeignete  Persönlichkeit.  Lehren  eines  Philosophen  zu  ver- 
dächtigen, eines  Denkers,  welchen  nicht  Jeder  aus  dem  grossen 
Haufen  versteht,  ist  bei  einigem  guten  Willen  niemals  unmöglich, 
und  das  musste  Anaxagoras  erfahren.  Er  wurde  ins  Gefängniss  ge- 
bracht und  entkam  diesem,  sowie  der  Stadt  Athen,  man  weiss  nicht 
genau  wie.  Die  Einen  berichten  von  Flucht  aus  dem  Gefängnisse, 
die  Anderen  von  Verbannung,  die  Dritten  von  Freisprechung  und 
darauf  folgendem  nichterzwungenem  Verlassen  der  ihm  zuwider  ge- 
wordenen Stadt.  Sicher  ist,  dass  Anaxagoras  die  letzte  Zeit  seines 
Lebens  in  Lampsakus  zubrachte.  Wir  haben  über  den  eigenen  Bil- 
dungsgang des  Anaxagoras  nichts  gesagt.  Die  Nachrichten  aus  dem 
Alterthume  schweigen  entweder  über  einen  Lehrer,  dem  er  gefolgt 
wäre,  oder  sie  nennen  ihn  Schüler  des  Anaximenes.  Wieder  Andere 
wissen  von  einer  Studienreise  nach  Aegypten  zu  erzählen.  Die  erstere 
Angabe  lässt  sich  mit  dem  gemeiniglich  auf  499  angesetzten  Todes- 
jahr des  Anaximenes  nicht  vereinigen.  Die  zweite  ist  an  sich  nicht 
unwahrscheinlich,   da,    wie    wir    bei  Thaies   und   Pythagoras    gezeigt 


')    Schaubach,    Fragmenta  Anaxagorae.    Leipzig,    1827.     Zellerl, 
7«3— 791. 


Mathematiker  ausserhalb  der  pythagoräischen  Schule.  177 

haben^  ein  Handelsverkehr  zwischen  den  ionischen  Städten  und  Aegypten 
stattfand  und  selbst  Studienreisen  wohl  beglaubigt  sind. 

Von  dem,  was  Anaxagoras  als  Mathematiker  leistete,  sind  wir 
so  ziemlich,  davon,  wie  er  es  leistete,  gar  nicht  unterrichtet.  Dass  es 
etwas  Hervorragendes  gewesen  sein  muss,  lässt  sich  zum  Voraus 
erwarten.  Da  in  den  Nebenbulern,  einem  Gespräche  in  Piatons  Art, 
wenn  auch  nach  heutiger  Annahme  nicht  von  Piaton  verfasst,  ein 
Streit  über  astronomische  und  mathematische  Dinge  kurzweg  als  Streit 
über  Anaxagoras  oder  über  Oinopides  bezeichnet  wird^),  so  geht  schon 
aus  dieser  Redeweise  hervor,  dass  zur  Zeit,  als  jenes  Gespräch  ent- 
stand, beide  hochberühmt  in  ihrem  Fache  waren. 

Plutarch  erzählt,  Anaxagoras  habe  im  Gefängnisse,  das  wäre 
also  um  434,  die  Quadratur  des  Kreises  gezeichnet'-).  So 
fraglich  dieser  Bericht  früher  erscheinen  mochte,  jetzt  ist  er  sehr 
glaubwürdig  geworden,  nachdem  wir  wissen,  dass  die  Aegypter  mehr 
als  ein  Jahrtausend  vor  Anaxagoras  die  Quadratur  des  Kreises  zeich- 
neten, d.  h.  eine  Figur  construirten,  welche  als  Quadrat  die  Fläche 
des  Kreises  mehr  oder  weniger  genau  darstellte.  Dass  Anaxagoras 
der  mangelnden  Genauigkeit  sich  voll  bewusst  gewesen  sein  sollte, 
ist  nicht  anzunehmen.  Er  wird  wohl,  wie  Viele  nach  ihm,  die  volle 
Quadratur  zu  erreichen  gesucht  haben.  Aber  auch  darin  liegt  ein 
Verdienst,  eine  Aufgabe  an  die  Tagesordnung  gebracht  zu  haben, 
welche  später  als  fruchtbringend  sich  erwies. 

Ein  anderes  Verdienst  schreibt  Vitruvius  dem  Anaxagoras  zu. 
Als  Aeschylus  in  Athen  Dramen  aufführen  Hess,  also  um  etwa  470, 
habe  ein  gewisser  Agatharchus  die  Schaubühne  hergerichtet  und 
eine  Abhandlung  darüber  geschrieben.  Daraus  haben  sodann  Anaxa- 
goras und  Demokrit  Veranlassung  genommen  den  gleichen  Gegen- 
stand zu  erörtern,  wie  man  die  gezogenen  Linien  den  aus  den  Augen 
kommenden  Selistrahlen  bei  Annahme  eines  bestimmten  Mittelpunktes 
entsprechend  ziehe,  so  dass  z.  B.  Gebäude  auf  Dekorationen  dar- 
gestellt werden  konnten,  und  was  in  einer  Ebene  gezeichnet  war  bald 
zurückzutreten,  bald  vorzurücken  schien'^).  Das  ist  wenn  auch  in 
ungenügender  so  doch  in  nicht  misszuverstehender  Weise  beschrieben 
eine  Perspektive.  Deren  Erfindung  oder  Ausbildung  ist  sicherlich 
nicht  ohne  Bedeutung,  namentlich  wenn  die  Reise  des  Anaxagoras 
nach  Aegypten  als  wahr  gelten  darf,  da  er  dort  sein  Auge  nur  an 
unperspektivisch  entworfene   Gemälde   zu  gewöhnen  im   Stande    war, 


1)  Piaton,  Rivales  132  A.  *)  Plutarchus,  De  exilio  cap.  17  aU'  'Avec- 
layöpag  iisv  sv  zw  8sa(icoTr]Qico  xbv  xov  kvkXov  zezQccywviGfibv  bygaips.  ^)  Vitru- 
vius VII,  praefat.  11. 

Cantoh,  Geschichte  der  Mathematik  I.    2.  Aufl.  12 


178  8.  Kapitel. 

und  die  gewohnte  Darstellung  ihn  eben  so  wenig  gehindert  haben 
wird  als  Tausende,  die  vor  ihm,  die  nach  ihm  bewundernd  die  bemalten 
Tempelwände  anstaunten. 

Der  andere  durch  die  erwähnte  Stelle  in  den  Nebenbulern  als 
allbekannt  erwiesene  Geometer  war  Oinopides  von  Chios.  Er  sei 
etwas  jünger  als  Anaxagoras,  meldet  das  uns  in  jeder  Beziehung 
glaubwürdige  Mathematikerverzeichnis s.  Eine  annähernde  Gleichaltrig- 
keit beider  bestätigt  Diogenes  Laertius').  Oinopides  soll  gleichfalls 
in  Aegypten  gewesen  sein.  Gekommen  sei  zu  ihnen  ingieichen  Demo- 
kritos  von  Abdera  und  Oinopides  von  Chios '^),  meldet  Diodor  an 
einer  früher  (S.  140)  von  uns  angeführten  Stelle.  Geometrisches 
wissen  wir  von  Oinopides  nur,  was  Proklus  in  seinem  Commentare 
zum  ersten  Buche  der  euklidischen  Elemente  ihm  zuschreibt^),  dass 
er  nämlich  die  beiden  Aufgaben  gelöst  habe*),  von  einem  Punkte 
ausserhalb  einer  unbegrenzten  Geraden  ein  Loth  auf  letztere  zu 
fällen  und  an  einem  in  einer  Geraden  gegebenen  Punkte  einen 
Winkel  anzulegen,  der  einem  gegebenen  Winkel  gleich  sei.  Bei 
ersterer  Aufgabe  bedient  sich  Oinopides  des  ,,alterthümlichen"  Wortes 
(S.  150)  einer  nach  dem  Gnomon  gerichteten  Linie.  Aus  dem  un- 
gemein elementaren  Gegenstande  der  ihm  zugeschriebenen  Aufgaben 
einen  Schluss  auf  die  Verdienste  des  Oinopides  ziehen  zu  wollen, 
hiesse  seinen  griechischen  Verehrern  jede  Urtheilsfähigkeit  absprechen. 
Er  muss  noch  Anderes  und  Bedeutenderes  geleistet  haben,  was  wir 
aber  nicht  kennen.  Seine  Beziehung  zu  den  beiden  Aufgaben  des 
Lothes  und  der  Winkelanlegung  ist  gewiss  dahin  richtig  gedeutet 
worden''),  Proklus  wolle  nur  sagen,  die  bei  Euklid  gelehrten  Auf- 
lösungen rührten  von  Oinopides  her,  während  andere  Auflösungen 
derselben  dem  Praktiker  auf  Weg  und  Steg  vorkommenden  Aufgaben 
längst  vorher  in  Aegypten  wie  in  Griechenland  bekannt  gewesen 
sein  müssen. 

Im  Zusammenhang  mit  beiden  Geometern,  mit  Anaxagoras  wie 
mit  Oinopides,  haben  wir  einen  dritten  genannt:  Demokritus.  Ab- 
dera, jenes  thrakische  Krähwinkel  des  Alterthums,  von  dessen  Be- 
wohnern die  schnurrigsten  Geschichten  erzählt  werden,  war  die  Hei- 
math des  Demokritos,  dessen' Ruhm,  so  bedeutend  er  war,  nicht  hin- 
reichte, das  Abderitenthum  in  Schutz  zu  nehmen.  Nach  eigener 
Aussage  40  Jahre  jünger  als  Anaxagoras*"')  muss  er  um  460  geboren 
sein.     Nach  Diodor  sei  er  dagegen  im   1.  Jahre  der   94.  Olympiade, 


')  Diogenes  Laertius  IX,  37  und  41.  *)  Diodor  I,  96.  ^)  Proklus 
(ed.  Friedlein)  283  und  333.  *)  Euklid  I,  12  und  23.  ^)  Bretsclineider 
S.  ü5.     °)  Diogenes  Laertius  IX,  41. 


Mathematiker  ausserhalb  der  pythagoräischen  Schule.  J  79 

das  ist  404  auf  403,  im  Alter  von  90  Jahren  gestorben'),  was  einen 
unlösbaren  Widerspruch  herstellt.  Beglaubigt  ist,  dass  Demokritus 
ein  hohes  Alter  von  mindestens  90  Jahren  erreichte;  manche  Be- 
richte lassen  ihn  sein  Leben  sogar  auf  100,  auf  mehr  als  100,  auf 
109  Jahre  bringen^).  Vereinigen  wir  seine  Geburtsangabe  als  muth- 
masslich  glaubwürdigste  mit  dieser  Lebensdauer,  so  wird  der  Irrthum 
keinesfalls  sehr  gross  sein,  wenn  man  sein  Leben  etwa  von  460  bis 
370  ansetzt,  den  Mittelpunkt  seiner  Thätigkeit  in  die  Jahre  420  bis 
400  verlegt.  Demokritus  gehörte,  wie  aus  der  Diodorstelle  hervorgeht, 
zu  den  Fremden,  deren  Namen  in  den  Matrikellisten  der  ägyptischen 
Priester  aufgeführt  wurden.  Nach  einem  weiteren  Berichte  des  Diodor 
verweilte  er  fünf  Jahre  in  Aegypten^),  und  wenn  in  einem  bei 
Clemens  von  Alexandria  erhaltenen  Bruchstücke  des  Demokrit  selbst 
von  80jährigem  Aufenthalte  die  Rede  ist^),  so  dürfte  die  Erklärung 
stichhaltig  sein,  hier  habe  einfach  eine  Verwechslung  der  älteren 
Zahlbezeichnung  77  =  5  mit  der  jüngeren  n  =  80  stattgefunden. 
Auch  Vorderasien  und  Persien  bereiste  Demokrit,  wie  allgemein  be- 
richtet und  geglaubt  wird^).  Wir  glauben  diesen  Umstand  betonen 
zu  sollen,  da  er  je  nach  den  persönlichen  Ansichten  des  Einen  oder 
des  Andern  entweder  dazu  führen  kann  ähnlichen  Reisen,  welche 
Pythagoras  etwa  100  Jahre  früher  unternommen  haben  soll,  einen 
gewissen  Wahrscheinlichkeitshalt  zu  gewähren,  oder  eine  Erklärung 
uns  darbietet,  auf  welche  Weise  ungefähr  durch  andere  Reisende 
schon  im  V.  S.  vorchristlicher  Zeitrechnung  babylonische  Lehren  in 
das  fast  vollendete  Gebäude  pythagoräischer  Schalweisheit  Eingang 
finden  konnten. 

In  Erinnerung  an  seinen  ägyptischen  Aufenthalt  gebrauchte 
Demokrit  das  stolze  Wort:  „Im  Construiren  von  Linien  nach  Maass- 
gabe der  aus  den  Voraussetzungen  zu  ziehenden  Schlüsse  hat  mich 
Keiner  je  übertroffen,  selbst  nicht  die  sogenannten  Harpedonapten 
der  Aegypter",  dessen  wir  (S.  62)  gedachten,  als  von  jenen  Seil- 
spannern  die  Rede  war.  Auch  Cicero  rühmt  Demokrit  als  gelehrten, 
in  der  Geometrie  vollkommenen  Mann^).  Mathematische  Schriften  des 
Demokrit  nennt  uns  Diogenes  Laertius^),  doch  ist  es  leider  nicht 
möglich,  aus  diesen  Büchertiteln  mehr  als  nur  allgemeinste  Kenntniss 
ihres  Inhalts,  und  das  nicht  immer,  zu  gewinnen.  Ueber  Geometrie; 
Zahlen,  das  sind  Titel  allgemeinster  Art,  und  ob  wir  unter  der 
Geometrie  etwa  Feldmessung  in  unmittelbarer  Beziehung  zur  Thätig- 


1)  Diodor  XIV,  11.  «)  Vergl.  Zeller  I,  686.  ^)  Diodor  I,  98.  *)  Cle- 
mens Alexandr.  Stromata  I,  304  A.  ^)  Zeller  I,  688.  «)  Cicero,  De 
finibus  bonorum  et  malorum  I,  6,  20.     ')  Diogenes  Laertius  IX,  47. 

12* 


180  8.  Kapitel. 

keit  jener  Harpedonapten  zu  verstehen  haben,  wagen  wir  kaum  in 
Gestalt  einer  Frage  zu  äussern.  Was  mag  aber  der  Titel  tzsq]  dia- 
(poQrjs  yvoji-iovog  t]  ttsq!  ^^kvölo^  xvkXov  xal  acpacQrjg  (wörtlich:  über 
den  Unterschied  des  Gnomon  oder  über  die  Berührung  des  Kreises 
und  der  Kugel)  bedeuten?  Als  mögliche  Erklärung  ist  vorgeschlagen 
worden^),  Demokrit  habe  einen  rechten  Winkel  so  mit  dem  Kreise 
beziehungsweise  der  Kugel  in  Verbindung  gesetzt,  dass  der  eine 
Schenkel  durch  den  Mittelpunkt  ging,  die  Spitze  des  Winkels  auf  die 
Kreislinie  (Kugeloberfläche)  fiel,  weil  alsdann  der  andere  Schenkel  zur 
Berührungslinie  wurde.  Ein  weiterer  durch  Diogenes  Laertius  über- 
lieferter Titel  ist:  tcsqI  uXoyav  ygccfi^äv  xal  va6rc5v  ß'  (zwei  Bücher 
von  irrationalen  Linien  und  den  dichten  Dingen)?^).  Auch  dafür  ist 
eine  Erklärung  versucht  worden^).  Der  Titel  sei  nämlich  verderbt 
aus  TCEQi  aköyav  ygafifiav  xkaßrcov  d.  h.  über  irrationale  gebrochene 
Linien,  und  unter  dieser  Ueberschrift  habe  die  Untersuchung  sich 
theils  mit  solchen  Irrationalitäten  beschäftigen  können,  welche  Summen 
von  rationalen  und  irrationalen  Theilen  waren,  theils  mit  Zerbrechung, 
d.  h.  Theilung  von  irrationalen  Linien  nach  gegebenen  Verhältnissen. 
Jedenfalls  können  wir,  mag  das  letzte  Wort  des  Titels  geheissen 
haben,  wie  es  will,  seinen  ersten  Worten  die  nicht  unwichtige  That- 
sache  entnehmen,  dass  Name  und  vermuthlich  auch  Begriff  des 
Irrationalen  trotz  der  mystischen  Scheu  der  Pythagoräer  verhältniss- 
mässig  frühzeitig  ausserhalb  der  Schule  in  Anwendung  kam.  Wichtig 
wäre  uns  vielleicht  noch  ganz  besonders  eine  Stelle  bei  Plutarch, 
Demokrit  habe  den  Kegel  parallel  zur  Grundfläche  geschnitten^), 
wenn  über  Art  und  Zweck  der  Schnittführung  nur  irgend  Genaues 
gesagt  wäre.  Wir  würden  Eiuzelangaben  etwa  im  Mathematiker- 
verzeichnisse oder  bei  Proklus  mit  Freuden  begrüssen.  Da  wie  dort 
kommt  der  Name  des  Demokrit  nicht  einmal  vor ! 

Das  Schweigen  des  Proklus  lässt  allerdings  als  absichtliches  sich 
auffassen.  Proklus  gehörte  zu  den  begeistertsten  Spätpiatonikern. 
Piaton  war  Gegner  des  Demokritus,  dessen  Werke  er  vernichtet  wissen 
wollte,  dessen  Namen  er  in  seinen  zahlreichen  Schriften  niemals  nennt  °). 
Proklus  mochte  nach  Piatons  Beispiel  handeln.  Aber  das  Mathe- 
matikerverzeichniss?  Aristoteles,  Theophrastus,  Eudemus  schätzten 
Demokritus    und    beschäftigten   sich   eingehend    mit   ihm.      Dass   das 

^)  Allmann,  Greek  geometry  from  Thaies  to  Euclid,  pag.  80.  ^)  Dass 
ygcififial  aloyai  nicht  Asymptoten  bedeuten  kann,  wie  in  einer  sonst  brauch- 
baren Programmabhandlung  gesagt  ist,  versteht  sich  von  selbst.  ^)  Hultsch 
in  den  Neuen  Jahrbüchern  f.  Philol.  u.  Pädagog.  (1881)  Bd.  123.  S.  578—579. 
*)  Plutarchus,  De  communibus  notüiis  adversus  Stoicos  cap.  39,  §  3.  ^)  Dio- 
genes Laertius  IX,  40. 


Mathematiker  ausserhalb  der  pythagoräischen  Schule.  181 

Mathematikerverzeiclmiss  ihn,  den  vielgerühmten  Geometer,  nicht 
nennt,  kann  nur  in  doppelter  Weise  erklärt  werden.  Entweder  Hess 
Proklus  aus  dem  Verzeichnisse  den  ihm  missliebigen  Namen  weg, 
oder  der  Verfasser  des  Verzeichnisses  hat  ihn  mit  Unrecht  vergessen, 
eine  Vergesslichkeit,  welche  uns  einen  der  zahlreichen  Belege  für  den 
Satz  liefert,  dass  aus  dem  zufälligen  Schweigen  eines  Schriftstellers 
Schlüsse  nicht  gezogen  werden  dürfen^). 

Der  Vollständigkeit  entbehrt  das  Mathematikerverzeichniss  auch 
in  einer  anderen  Beziehung,  indem  es  über  die  Sophisten,  welche 
der  Mathematik  sich  befleissigten,  insbesondere  über  Hippias  von 
Elis  in  halbes  Schweigen  sich  hüllt.  W^ir  nennen  es  ein  halbes 
Schweigen ,  weil  der  Name  dieses  Mannes,  wie  wir  uns  erinnern 
(S.  13ö),  einmal  bereits  vorkam.  Es  handelte  sich  um  den  geometri- 
schen Ruhm  des  Mamerkus,  für  welchen  Hippias  von  Elis  als  Ge- 
währsmann angerufen  wurde,  und  diese  Anrufung  selbst  genügt  zum 
Nachweise,  dass  Hippias  nach  der  Meinung  des  Verfassers  des  Ver- 
zeichnisses wohl  fähig  war  über  geometrische  Tüchtigkeit  ein  Urtheil 
zu  fällen.  Allein  der  eigentliche  Ort,  des  Hippias  von  Elis  und  seiner 
Verdienste  um  die  Mathematik  zu  gedenken,  würde  doch  erst  neben 
oder  nach  Anaxagoras  und  Oinopides  gewesen  sein,  imd  hier  ver- 
missen wir  seine  Erwähnung. 

Proklus  spricht  dafür  von  ihm  an  zwei  anderen  Stellen-).  Man 
hat  freilich  mehrfach  Zweifel  dagegen  erhoben,  dass  der  bei  Proklus 
genannte  Hippias  wirklich  Hippias  von  Elis  sei^),  aber  sicherlich  mit 
Unrecht.  Proklus  besitzt  nämlich  in  seinem  Commentare  eine  Ge- 
wohnheit, von  der  er  nie  abgeht.  Er  schildert  einen  Schriftsteller, 
welchen  er  anführt,  sofern  Missverständnisse  möglich  wären,  mit 
deutlicher  Benennung,  lässt  aber  später  die  Beinamen  weg,  wenn  er 
es  unbeschadet  der  Deutlichkeit  thun  darf  So  nennt  er  einen  Zenon 
von  Sidon  später  nur  Zenon  den  früher  erwähnten  oder  kurzweg 
Zenon;  Leodamas  heisst  beim  ersten  Vorkommen  von  Thasos,  später 
nur  Leodamas;  Oinopides  von  Chios  wird  später  zum  einfachen  Oino- 
pides, Theätet  von  Athen  zum  Theätet  u.  s.  w.  Hippokrates  der 
Arzt  wird  an  einer  Stelle,  Hippokrates  von  Chios  an  einer  späteren 
genannt,  und  wo  noch  später  der  Letztere  wieder  auftritt,  heisst  er 
wieder  Hippokrates  von  Chios,  weil  eben  vorher  zwei  des  Namens 
genannt  waren,  und  damit  zum  Missverständnisse  Gelegenheit  geboten 

1)  Vergl.  Zeller,  I,  690.  ^)  Proklus  (ed.  Friedlein)  272  nnd  356, 
^)  F.  Blass  in  den  Neuen  Jahrbüchern  für  Philologie  und  Pädagogik  Bd.  105 
in  einem  Referate  über  Bretschneiders  Geometrie  und  Geometer  vor  Euklid. 
Hankel  S.  151;  aber  auch  schon  im  Bulletino  Boncompagni  1872,  pag.  297. 
Friedlein,  Beiträge  III,  S.  8  (Programm  für  1873). 


182  8.  Kapitel. 

war.  Wenn  also  Proklus  uns  einen  Hippias  schleclitweg  nennt,  so 
muss  das  Hippias  von  Elis  sein,  der  schon  vorher  einmal  in  dem- 
selben Commentare  deutlich  bezeichnet  war.  Aber  sehen  wir  sogar 
von  dieser  Gewohnheit  des  Proklus  ab.  Bei  jedem  Schriftsteller,  ins- 
besondere bei  jedem,  der  den  Werken  Platous  ein  eingehendes  Studium 
gewidmet  hatte,  konnte  Hippias  ohne  jedwede  andere  Bezeichnung 
nur  Hippias  von  Elis  sein,  eine  viele  Jahrhunderte  lang  theils  um 
seiner  Persönlichkeit  willen,  theils  um  seines  mit  zwei  Dialogen  ver- 
knüpften Namens  wegen  weit  und  breit  bekannte  Figur.  Hippias 
von  Elis  war  ein  wegen  seiner  Eitelkeit,  die  selbst  für  einen  Sophisten 
etwas  hochgradig  gewesen  zu  sein  scheint,  berüchtigter  älterer  Zeit- 
genosse des  Sokrates.  Seine  Geburt  dürfte  auf  460  etwa  anzusetzen 
sein^).  Die  Geistesrichtung  und  die  Thätigkeit  der  Sophisten  ist 
bekannt.  Den  eignen  Yortheil  über  alles  stellend  lehrten  sie  auch 
Andere  gegen  mitunter  recht  hohe  Bezahlung  ihres  Vortheils  wahr- 
nehmen und  durch  Künste  der  Beredtsamkeit,  durch  Schlüsse,  welche 
Trugschlüsse  sein  durften,  wenn  sie  nur  wirksam  sich  erwiesen,  im 
Staatswesen  und  vor  Gericht  Einfluss  und  Geltung  sieh  erwerben. 
Sittlichkeit  kann  die  berufsmässigen  Rechthaber  nicht  ausgezeichnet 
haben,  aber  Scharfsinn,  Schlagfertigkeit,  umfassendes  Wissen  den 
Sophisten  im  Allgemeinen  und  dem  Hippias  als  einem  ihrer  Haupt- 
vertreter insbesondere  abzusprechen  ist  man  in  keiner  Weise  befugt. 
So  darf  es  gewiss  nicht  als  Ironie  aufgefasst  werden,  wenn  der  Ver- 
fasser eines  gleichviel  ob  mit  Recht  oder  Unrecht  Piaton  zugeschrie- 
benen Gespräches  sich  zu  den  Worten  veranlasst  sieht:  Was  du  am 
besten  verstehst,  was  die  Sterne  betrifft  und  was  am  Himmel  sich 
zuträgt?  .  .  .  Aber  Etwas  über  Geometrie  hören  sie  gern-).  Ironisch 
klingt  es  auch  nicht,  wenn  gesagt  wird:  Hippias  sei  des  Rechnens 
und  der  Rechenkunst  kundig  vor  allen  Anderen  und  kundig  auch 
der  Messkunst  ^).  Am  allerwenigsten  vollends  kann  ein  solcher  Bei- 
schmack  in  der  Rede  gefunden  werden,  welche  Piaton  dem  Protagoras 
in  den  Mund  legt:  Die  anderen  Sophisten  beeinträchtigen  die  Jüng- 
linge. Sie  führen  dieselben,  die  von  den  Künsten  sich  abwendeten, 
den  Künsten  wider  deren  Willen  zu,  indem  sie  Rechenkunst  und 
Sternkunde  und  Messkunst  und  Musik  sie  lehren  —  und  dabei  warf 
er  einen  Blick  auf  Hippias  —  kommt  er  aber  zu  mir,  wird  er  über 
nichts  anderes  Etwas  lernen,  als  weshalb  er  zu  mir  kam^).  Nach 
allen  diesen  Aeusserungen  glauben  wir  uns  berechtigt  anzunehmen, 
dass   Hippias    von   Elis    als   Lehrer    der   Mathematik    mindestens    in 


^)  Zellcr,    I,   875.       '■')  Piaton,    Hippias    major  286.      •')  Hippias   minor 
.367-368.     ")  Platon,  Trotagoraa  318. 


Mathematiker  ausserhalb  der  pythagoräischen  Schule.  183 

gleichem  Range  wie  als  eigentlicher  Sophist  gestanden  haben  muss, 
dass  er  in  naturwissenschaftlichem,  mathematischem  und  astrono- 
mischem Wissen  auf  der  Höhe  der  Bildung  seiner  Zeit  sich  befand  ^). 

Damit  stimmt  nun  vollkommen  überein,  was  von  Hippias  als 
Mathematiker  uns  mitgetheilt  wird.  Proklus  spricht,  wie  erwähnt, 
zweimal  von  ihm.  Die  erste  Stelle  heisst:  Nikomedes  hat  jeden  grad- 
linigen Winkel  gedrittheilt  mittels  der  conchoidischen  Linien,  deren 
eigenthüm lieber  Natur  Entdecker  er  ist,  und  von  denen  er  Entstehung, 
Construction  und  Eigenschaften  auseinandergesetzt  hat.  Andere  haben 
dieselbe  Aufgabe  mittels  der  Quadratricen  des  Hippias  und  Nikomedes 
gelöst,  indem  sie  sich  der  gemischten  Curven  bedienten,  die  eben  den 
Namen  Quadratrix  (ratga'ycovi^ovGa)  führten;  wieder  Andere  theilten 
einen  Winkel  nach  gegebenem  Verhältnisse,  indem  sie  von  den  Archi- 
medischen Spirallinien  ausgingen^).  Die  zweite  Stelle  lautet:  Ganz 
auf  die  nämliche  Weise  pflegen  auch  die  übrigen  Mathematiker  die 
Curven  zu  behandeln,  indem  sie  das  jeder  Eigenthümliche  ausein- 
andersetzen. So  zeigt  Apollonius  das  Eigenthümliche  jedes  Kegel- 
schnittes, Nikomedes  dasselbe  für  die  Conchoiden,  Hippias  für  die 
Quadratrix,  Perseus  für  die  Spiren^).  Eine  dritte  Stelle  eines  anderen 
mathematischen  Gewährsmannes  allerersten  Ranges,  des  Pappus  von 
Alexandria,  sagt  uns  dagegen:  Zur  Quadratur  des  Kreises  wurde 
von  Dinostratus,  Nikomedes  und  einigen  anderen  Neueren  eine  Linie 
benutzt,  welche  eben  von  dieser  Eigenschaft  den  Namen  erhielt.  Sie 
wird  nämlich  von  ihnen  Quadratrix  genannt^). 

Aus  der  Zusammenfassung  dieser  drei  Stellen^)  dürfte  kaum  ein 
anderer  Sinn  zu  entnehmen  sein,  als  der  folgende.  Hippias,  und 
zwar  Hippias  von  Elis,  hat  um  420  etwa  eine  Curve  er- 
funden, welche  zu  doppeltem  Zwecke  dienen  konnte,  zur 
Dreitheilung  eines  Winkels  und  Quadratur  des  Kreises. 
Von  letzterer  Anwendung  erhielt  sie  ihren  Namen,  Quadratrix, 
wie  er  in  lateinischer  Uebersetzung  zu  lauten  pflegt,  aber  dieser 
Name  scheint  nicht  über  Dinostratus  hinaufzureichen,  dessen  Zeit- 
alter als  Bruder  des  Menächmus,  eines  Schülers  des  Eudoxus 
von  Knidos  etwa  in  die  zweite  Hälfte  des  IV.  S.  gesetzt  werden 
muss.  Ob  die  Curve  früher  einen  anderen  Namen  führte,  ob  sie 
überhaupt  mit  Namen  genannt  wurde,  wissen  wir  nicht.  Der  erste 
ganz  gesicherte  Name  einer  von  der  Kreislinie  verschiedenen  krummen 
Linie  wird  uns  am  Anfang  des  zweiten  Drittels  des  IV.  S.,  annähernd 

^)  So  Karl  Steinhart  in  seiner  Einleitung  zum  grösseren  Hippias. 
2)  Proklus  (ed.  Friedlein)  272.  3)  Proklus  (ed.  Friedlein)  356.  ^)  Pap- 
pus, Collectio  Lil).  IV,  cap.  XXX  (ed.  Hultsch).  Berlin,  1876  —  1878, 
pag.  250,     5)  Vergl.  Bretschneider  96  und  153  —  154. 


184  8.  Kapitel. 

20  bis  30  Jahre  vor  Dinostratus  begegnen,  wo  Eudoxus  seine 
Hippopede  erfand.  Ist  aber  der  Name  Quadratrix  erst  nachträglich 
der  Curve  des  Hippias  beigelegt  worden,  so  schwindet  die  Nothwen- 
digkeit  anzunehmen,  sie  sei  zum  Zwecke  der  Kreisquadratur  erfunden 
worden,  und  man  darf  ihren  ursprünglichen  Zweck  in  dem  suchen 
was  nach  Proklus  durch  sie  zu  verwirklichen  war,  in  der  Dreitheiluno- 
des  Winkels. 

Dass  diese  Aufgabe  selbst  auftauchte,  kann  uns  nicht  in  Ver- 
wunderung setzen.  Wir  haben  im  vorigen  Kapitel  gesehen,  dass  die 
Construction  regelmässiger  Vielecke  eines  der  geometrischen  Lieb- 
lingsgebiete der  Pythagoräer  bildete.  Die  Theilung  des  ganzen  Kreis- 
umfanges  in  sechs,  in  vier,  in  fünf  gleiche  Theile  wurde  gelehrt,  und 
namentlich  letztere  als  bedeutend  schwieriger  erkannt  als  die  anderen 
längst  bekannten  Theilungen.  Eine  überwundene  Schwierigkeit  reizt 
zur  Besiegung  anderer,  und  so  mag  das  Verlangen  wach  geworden 
sein  nicht  mehr  den  ganzen  Kreis,  sondern  einen  beliebigen  Kreis- 
bogen in  eine  beliebige  Anzahl  gleicher  Theile  zu  theilen.  Schon  bei 
der  Dreitheilung  traten  unbesiegbare  Schwierigkeiten  auf  Versuche 
diese  Aufgaben  mit  Hilfe  des  Zirkels  und  des  Lineals  zu  lösen 
mögen  angestellt  worden  sein.  Es  ist  uns  nichts  von  ihnen  bekannt 
geworden.  Sie  mussteu  erfolglos  bleiben.  Aber  das  zweite  grosse 
Problem  der  Geometrie  des  Alterthums  neben  der  Quadratur  des 
Kreises,  deren  wir  bei  Anaxagoras  gedenken  mussten,  war  gestellt, 
und  wie  in  der  Geschichte  der  Mathematik  fast  regelmässig  zunächst 
unlösbaren  Aufgaben  zu  Liebe  neue  Methoden  sich  entwickelten 
und  kräftigten,  so  führte  die  Dreitheilung  des  Winkels,  xQiioxö^ia 
ycoviag,  die  Trisektion,  wie  man  gewöhnlich  sagt,  zur  Erfindung 
der  ersten  von  der  Kreislinie  verschiedenen,  durch  bestimmte  Eigen- 
schaften gekennzeichneten  und  in  ihrer  Entstehung  verfolgbaren 
krummen  Linie. 

Die  Linie  des  Hippias  entsteht  durch  Verbindung  zweier  Be- 
/?[,:^=:::^- — — -^ ^  wcgungcu,  ciucr  drehenden  und  einer  fort- 
schreitenden. „In  ein  Quadrat  aß  yd 
(Figur  29)  ist  um  a  als  Mittelpunkt  und  mit 
der  Seite  des  Quadrats  aß  als  Halbmesser 
ein  KJreisquadrant  ßsd  beschrieben.  Die  Ge- 
rade aß  bewegt  sich  dabei  so,  dass  ihr  einer 
Endpunkt  a  fest  bleibt,  der  andere  ß  längs 
des  Bogens  ßsd  fortschreitet.  Andererseits 
soll  die  ßy  immer  der  aÖ  parallel  bleibend 
mit  dem  Endpunkte  ß  auf  der  ßa  fortrücken,  und  zwar  sollen  die 
beiden  selbst  gleichmässigen  Bewegungen   der  Zeit  nach  so  erfolgen. 


Mathematiker  ausserhalb  der  pythagoräischen  Schule.  185 

dass  sie  zugleich  beginnen  und  zugleicli  endigen,  dass  also  aß  in 
seiner  Drehung,  ßy  in  seinem  Fortgleiten  im  selben  Moment  in  die 
Lage  ad  eintreffen.  Die  beiden  bewegten  Geraden  werden  in  jedem 
Augenblicke  einen  Durchschnittspunkt  gemein  haben,  der  selbst  im 
Fortrücken  begriffen  eine  gegen  ßed  hin  gewölbte  krumme  Linie 
ßtrj  erzeugt,  welche  geeignet  erscheint  ein  der  gegebenen  Kreisfläche 
gleiches  Quadrat  linden  zu  lassen.  Ihre  beherrschende  Eigenschaft 
besteht  jedoch  darin,  dass  eine  beliebige  Gerade  a^s  bis  zum  Kreis- 
quadranten gezogen  das  Verhältniss  dieses  Quadranten  zum  Bogen 
€Ö  gleich  dem  Verhältnisse  der  beiden  Geraden  ßa  imd  ^G  zu  ein- 
ander macht.  Das  ist  nämlich  klar  aus  der  Entstehung  der  krummen 
Linie."  So  Pappus,  der  hier  getreuer  Berichterstatter  über  die  alte 
Erfindung  zu  sein  scheint.  Die  Kreisquadratur  mit  Hülfe  der  Quadratrix 
schliesst  sich  bei  Pappus  unmittelbar  an.  Wir  werden  diese  An- 
wendung erst  in  Verbindung  mit  dem  Namen  Dinostratus  zur  Rede 
bringen  ^). 

Noch  von  einer  anderen  Persönlichkeit  müssen  wir  hier  ein- 
schaltend Einiges  sagen,  von  Zenon  von  Elea.  Dieser  Erfinder^) 
der  eigentlichen  Dialektik  dürfte  noch  um  20  Jahre  älter  als  Demo- 
kritus,  um  30  bis  40  Jahre  älter  als  Hippias  gewesen  sein  und  seine 
geistige  Blüthe  in  der  Zeit  gefeiert  haben,  als  Letzterer  kaum  geboren 
war.  Würde  Zenon  als  Mathematiker  eine  Bedeutung  haben,  so 
könnte  man  uns  mit  Recht  den  Vorwurf  machen,  seiner  hier  an 
unrichtiger  Stelle  zu  gedenken,  der  weiter  oben  behandelt  werden 
musste.  Aber  Zenon  war  nicht  Mathematiker.  Man  wäre  fast  ver- 
sucht, ihn  das  Gegentheil  eines  solchen  zu  nennen.  Wenigstens  ver- 
suchte er  mit  philosophischem  Scharfsinne  die  mathematischen  Mei- 
nungen zu  stürzen  statt  sie  zu  stützen.  Die  Zeit  brachte  das  so 
mit  sich.  Die  Atomistiker  hatten  die  Theilbarkeit  der  Körperwelt 
in  Frage  gestellt,  indem  sie  untheilbar  kleine  ürtheilchen  annahmen. 
Noch  ungeheuerlicher  war  der  Bruch  mit  dem  Gewohnten,  als  die 
Pythagoräer  den  Begriff  des  Irrationalen  unter  die  Denker  warfen. 
Beabsichtigt  oder  nicht,  dieser  Begriff  drang,  wie  wir  bei  Demokritus 
(S.  180)  gesehen  haben,  in  weitere  und  weitere  Kreise.  Das  Unaus- 
sprechliche war  ausgesprochen,  das  Undenkbare  in  Worte  gekleidet, 
das  Unenthüllbare  den  Augen  preisgegeben.  Und  wer  nüchternerer 
Auffassung  diese  pythagoräische  Scheu  nicht  theilte,  dem  war  wenig- 
stens   eine    ganz    neue    Schwierigkeit    unterbreitet ,    welche    strengen 

')  Diese  ganze  Stelle  schliesst  sich  eng  an  Bretschneider  1.  c.  an. 
^)  Diogenes  Laertius  XI,  25  cprial  d'  'jQiGtoTe?.rig  iv  reo  Sotpicr^  fvQfrrjv 
avxov  Y^vsG^ai  diaXeKzt.'iifig.     Ebenso  derselbe  VIII,  57. 


186  ^-  Kapitel. 

Schlüssen  nicht  Stand  hielt.  Zahl  und  Raumgrösse,  bisher  als  zur 
gegenseitigen  Messung  oder  Versinnlichung  als  unbedingt  tauglich 
erachtet,  zeigten  plötzlich  einen  Widerspruch.  Jeder  Zahl  entsprach 
noch  immer  eine  Länge,  aber  nicht  jeder  Länge  entsprach  eine  Zahl. 
Stetigkeit  und  Unstetigkeit  waren  damit  entdeckt  und  den  Philo- 
sophen als  neues  Denkobject  vorgelegt.  Kann  man  sich  wundern, 
wenn  letztere,  um  des  Widerspruches,  der  in  jenem  Gegensatze  ent- 
halten ist,  sich  zu  erwehren,  zu  weit  gingen,  wenn  sie  dabei  zur 
Leugnung  der  Vielheit,  ziir  Leugnung  der  Bewegung  gelangten? 

Man  kennt  ja  die  eigenthümlicheu  Schlüsse  Zenons^).  Jede  Viel- 
heit ist  eine  Anzahl  von  Einheiten,  eine  wirkliche  Einheit  aber  nur 
das  Untheilbare.  Jedes  von  den  Vielen  muss  also  selbst  eine  untheil- 
bare  Einheit  sein,  oder  aus  solchen  Einheiten  bestehen.  Was  aber 
untheilbar  ist,  das  kann  keine  Grösse  haben,  denn  Alles,  was  eine 
Grösse  hat,  ist  ins  Unendliche  theilbar.  Die  einzelnen  Theile,  aus 
denen  das  Viele  besteht,  haben  mithin  keine  Grösse.  Es  wird  also 
auch  nichts  dadurch  grösser  werden,  dass  sie  zu  ihm  hinzutreten, 
und  nichts  dadurch  kleiner,  dass  sie  von  ihm  hinweggenommen 
werden.  Was  aber  zu  Anderem  hinzukommend  dieses  nicht  ver- 
grössert,  und  von  ihm  weggenommen  es  nicht  verkleinert,  das  ist 
nichts.  Das  Viele  ist  mithin  unendlich  klein,  denn  jeder  seiner  Be- 
standtheile  ist  so  klein,  dass  er  nichts  ist.  Andererseits  aber  müssen 
diese  Theile  auch  unendlich  gross  sein.  Denn  da  dasjenige,  was  keine 
Grösse  hat,  nicht  ist,  so  müssen  die  Vielen,  um  zu  sein,  eine  Grösse 
haben,  ihre  Theile  müssen  mithin  von  einander  entfernt  sein,  d.  h. 
es  müssen  andere  Theile  zwischen  ihnen  liegen.  Von  diesen  gilt  aber 
das  Gleiche:  auch  sie  müssen  eine  Grösse  haben  und  durch  Aveitere 
von  den  anderen  getrennt  sein,  und  so  fort  ins  Unendliche,  so  dass 
wir  demnach  unendlich  viele  Grössen,  oder  eine  unendliche  Grösse 
erhalten.  Man  kennt  den  Ausspruch  des  Zenon  gegen  Protagoras, 
ein  Scheffel  Frucht  könne  beim  Ausschütten  ein  Geräusch  nicht  her- 
vorbringen, wenn  nicht  jedes  einzelne  Korn  und  jeder  kleinste  Theil 
eines  Kornes  ein  Geräusch  hervorbrächte.  Man  kennt  seine  Beweise 
für  die  Unmöglichkeit  einer  Bewegung.  Ehe  der  bewegte  Körper  am 
Ziele  ankommen  kann,  muss  er  erst  in  der  Mitte  des  Weges  ange- 
kommen sein,  ehe  er  an  dieser  ankommt  in  der  Mitte  seiner  ersten 
Hälfte,  ehe  er  dahin  kommt  in  der  Mitte  des  ersten  Viertels,  und  so 

')  Vergl.  Zeller  1,  497— .507,  woher  wir  unsere  Auszüge  meistens  wört- 
lich cutuchiuen.  Ferner  Gerling,  Ueber  Zeno  des  Eleaten  Paradoxen  über  die 
Bewegung  (Marburg,  1846).  E.  Raab,  Die  Zenouischen  Beweise  (Schweinfurt, 
1880)  und  P.  Tannery,  Le  concept  scientifique  du  continu:  Z^non  d'lßlee  et 
G,  Cantor,  im  Octoberheft  1885  der  Revue  philosopbique  pag.  385—410. 


Mathematiker  ausserhalb  der  pythagqräischen  Schule.  187 

fort  ins  Unendliche.  Jeder  Körper  mttsste  daher,  um  von  einem 
Punkte  zum  anderen  zu  gelangen,  unendlich  viele  Räume  durchlaufen. 
Es  ist  mithin  unmöglich  von  einem  Punkte  zu  einem  anderen  zu  ge- 
langen, die  Bewegimg  ist  unmöglich.  Ebenso  folgt  die  Unmöglichkeit, 
dass  die  Schildkröte,  wenn  sie  nur  einen  Vorsprung  hat,  durch  den 
schnellen  Achilleus  eingeholt  werden  könne,  weil  während  Achilleus 
den  ersten  Vorsprung  durchläuft,  die  Schildkröte  bereits  einen  zweiten 
Vorsprung  gewonnen  hat,  und  so  fort  ins  Unendliche. 

Der  mathematisch  sein  sollenden  Form  wegen  ist  ein  letzter  Ein- 
wurf Zenons  gegen  die  Bewegungslehre  erwähnenswerth.  Eine  Reihe 
von  Gegenständen  «, ,  «2,  cc.^,  cc^  ist  räumlich  mit  zwei  anderen 
Reihen  von  Gegenständen  ß^,  ß.^,  ß^,  ß^  und  y^,  y.,,  y^,  n  in  Be- 
ziehung gesetzt,  so  dass  sie  nachfolgende  gegenseitige  Lage  besitzen: 

a^   «2  ^3  ^4 
ß4  ßs  ß2  ßl 

ri  72  73  n- 

Die  tt  sind  in  Ruhe,  die  ß  und  die  y  sind  in  entgegengesetzter  Be- 
wegung, jene  von  links  nach  rechts,  diese  von  rechts  nach  links. 
Wenn  ß^  bei  «4  angelangt  ist,  ist  y^  bei  cc^  angelangt,  und  zu  der- 
selben Zeit  ^4  bei  a^,  y^  bei  «4.  Demgemäss  ist  ß^  sowohl  an  a.^ 
und  «4  als  an  y^,  y^,  y^,  y^  vorbeigekommen,  hat  in  einer  und  der- 
selben Zeit  an  zwei  und  an  vier  Gegenständen  von  genau  gleicher 
Entfernung  sich  vorbeibewegen  können  und  folglich  zugleich  eine 
einfache  und  eine  doppelte  Geschwindigkeit  besessen,  was  unmög- 
lich ist. 

Wir  haben  dem  Zenon  weiter  oben  die  Eigenschaft  als  Mathe- 
matiker abgesprochen.  .  Gerade  dieser  letzte  Trugschluss  rechtfertigt 
uns,  denn  hier  sind  irriger  Weise  absolute  und  relative  Bewegungs- 
grössen  einander  gleichgesetzt,  was  einem  Mathematiker  kaum  be- 
gegnet wäre.  Anders  dagegen  verhält  es  sich  mit  den  vorher  her- 
vorgehobenen Schlüssen  und  ihren  sich  widersprechenden  Ergebnissen. 
Zenon  suchte  darzuthun,  dass  ein  Körper  nicht  eine  Summe  von 
Punkten,  ein  Zeitraum  nicht  eine  Summe  von  Augenblicken,  eine 
Bewegung  nicht  eine  Summe  einfacher  Uebergänge  von  einem  Punkte 
des  Raumes  zum  anderen  sei.  Dieser  ganze  in  geistreich  erfundenen 
Widersprüchen  geführte  Streit  richtete  sich  gegen  die  Pythagoräer  ^), 
welchen  der  Punkt  eine  ^ovag  i'^o^^«  d-eGiv,  eine  Einheit  an  be- 
stimmtem Platze  hiess.  War  diese  Erklärung  richtig,  dann  war  der 
Körper  als  Vielheit   eine  Summe  von  Einheiten,  d.  h.   von  Punkten, 


')  Die  Gegaerschaft  Zenons  gegen  die  Pythagoräer  ist  von  Tannery  1,  c, 
hervorgehoben  worden. 


188  9.  Kapitel. 

und  dagegen  erhob  Zenon  seine  Stimme.  Er  sah  hier,  was  vor  ihm 
vielleicht  noch  nicht  gesehen,  jedenfalls  nicht  in  gleich  scharfer  Be- 
tonung bemerklich  gemacht  worden  war:  Schwierigkeiten,  denen  in 
der  That  weder  der  Philosoph  noch  der  Mathematiker  in  aller  Strenge 
gerecht  werden  kann,  wenn  auch  der  Mathematiker  dazu  gelangte 
durch  Einführung  bestimmter  Zeichen  die  Stetigkeit  zu  einer  definir- 
baren  Eigenschaft  zu  machen,  und  mit  den  Grenzen  zugleich  den 
Uebergang  zu  den  Grenzen  der  Untersuchung  zu  unterwerfen.  Zwei 
Jahrtausende  und  mehr  haben  an  dieser  zähen  Speise  gekaut,  und 
es  wäre  unbillig  von  den  Griechen  des  fünften  vorchristlichen  Jahr- 
hunderts zu  verlangen,  dass  sie  in  Klarheit  gewesen  seien  über 
Dinge,  welche,  freilich  anders  ausgesprochen,  noch  Streitfragen  un- 
serer Gegenwart  bilden. 


9.  Kapitel. 

Mathematiker   ausserhalb   der  pytliagoräisclien  Schule. 
Hippokrates  von  Chios. 

Den  Mathematikern  scheint  nächst  dem  Irrationalen  bei  Gelegen- 
heit der  Kreisquadratur  der  erste  Anlass  geboten  worden  zu  sein, 
Fragen  des  stetigen  Ueberganges  zu  behandeln,  und  dieses  führt  uns 
zurück  zu  dem  Mathematikerverzeichnisse,  welches  mit  den  Worten 
fortfährt: 

„Nach  diesen  wurde  Hippokrates  von  Chios,  der  die  Quadratur 
des  Mondes  fand,  und  Theodorus  von  Kyrene  in  der  Geometrie  be- 
rühmt. Unter  den  hier  Genannten  hat  zuerst  Hippokrates  Elemente 
—  öroixsta  —  geschrieben." 

Von  dem  Leben  des  Hippokrates  von  Chios  sind  uns  nur 
wenige  Züge  bekannt  ^).  Ursprünglich  Kaufmann  kam  er  durch  einen 
unglücklichen  Zufall  um  sein  Vermögen.  Die  Einen  erzählen,  die 
Zolleiunehmer  von  Byzanz,  gegen  welche  er  sich  leichtgläubig  er- 
wies, hätten  ihn  darum  geprellt,  die  Anderen  lassen  ihn  durch  See- 
räuber geplündert  worden  sein.  Man  hat  beide  Angaben  so  zu  ver- 
einigen gesucht,  dass  man  muthmasste,  athenische  Seeräuber  hätten 
aus  Veranlassung  eines  Krieges  gegen  Byzanz  das  Schiff  des  Hippo- 
krates   weggenommen.      Jener   Krieg    sei    der    sogenannte    Samische 


')  Die  betreffenden  Stellen  des  Aristoteles  {Ethie.  ad  Eudem.  VII,  14)  und 
des  Johannes  Philoponus  {Comment.  in  Ärintotel.  phys.  auscult.  f.  18)  sind  abge- 
druckt bei  Bretschneider  97,  wo  die  im  Texte  dargestellte  Vereinigung  der 
beiden  Angaben  versucM  ist. 


Mathem.  ausserhalb  d.  pythagor.  Schule.     Hippokrates  von  Chios.      189 

Krieg  um  das  Jahr  440  gewesen,  an  welchem  thatsächlich  die  Byzan- 
tiner gegen  die  Athener  theihiahmen,  und  um  diese  Zeit  sei  also 
Hippokrates  nach  Athen  gekommen.  Ohne  die  Möglichkeit  in  Ab- 
rede zu  stellen,  dass  es  sich  so  verhalten  haben  könne,  bedürfen  wir 
jedoch  dieser  Vermuthung  nicht,  um  die  wichtigste  Folgerung  zu 
ziehen,  welche  sie  für  uns  enthält,  nämlich  den  Aufenthalt  des  Hippo- 
krates in  Athen  zu  begründen  und  zeitlich  zu  bestimmen.  Die  unge- 
fähre Lebenszeit  des  Hippokrates  geht  schon  aus  seiner  Stellung 
innerhalb  des  Mathematikerzeichnisses  hervor,  sein  Aufenthalt  in 
Athen,  der  Stadt,  welche  grade  damals  mit  Recht  begann  als  erste 
Stadt  Griechenlands  zu  gelten,  hat  eine  besondere  Veranlassung  nicht 
nothwendig  gehabt.  Jedenfalls  war  Hippokrates  von  Chios  in  der 
zweiten  Hälfte  des  V.  S.  in  Athen  und  kam  dort  mit  Pythagoräern, 
d.  h.  offenbar  mit  versprengten  Mitgliedern  der  italischen  Schule 
zusammen,  in  deren  Gesellschaft  er  geometrisches  Wissen  sich  an- 
eignete. Es  wird  sogar  erzählt,  er  habe  es  sehr  bald  dahin  gebracht, 
selbst  Unterricht  in  der  Mathematik  ertheilen  zu  können  und  habe 
dafür  Bezahlung  angenommen.  Von  da  an  hätten  die  Pythagoräer 
ihn  gemieden^). 

Diese  Geschichte  erscheint,  insbesondere  was  den  durch  Hippo- 
krates gewohnheitsmässig  ertheilten  mathematischen  Unterricht  betrifft, 
sehr  glaubwürdig.  Damit  stimmt  nämlich  vortrefflich  überein,  was 
das  Mathematikerverzeichniss  uns  meldet,  dass  Hippokrates  das 
erste  Elementarlehrbuch  der  Mathematik  verfasst  habe. 
Weit  hervorragender  aber  sind  die  eigentlichen  geometrischen  Erfin- 
dungen des  Hippokrates,  welche  auf  zwei  Probleme  sich  beziehen: 
auf  die  Quadratur  des  Kreises  und  auf  die  Verdoppelung  des  Würfels. 

Die  Quadratur  des  Kreises,  von  Anaxagoras  zuerst  versucht,  hat 
auch  unter  den  Sophisten  wenige  Jahrzehnte  vor  Hippokrates  wenn 
nicht  bis  zu  seiner  Zeit  herab  Bearbeiter  gefunden.  Mit  wahrer 
Wortklauberei  suchten  die  Einen  nach  einer  Quadratzahl,  die  zugleich 
cyklisch  sei^),  d.  h.  mit  derselben  Endziffer  schliesse  wie  ihre  Wurzel 
z.  B.  25  =  5',  36  =  6^,  aber  das  müssen  jedenfalls  die  mathematisch 
Unwissenden  gewesen  sein,  gegen  welche  die  Versuche  eines  Antiphon 
und  eines  Bryson  wohlthätig  abstechen. 

Antiphon,  ein  Zeitgenosse  des  Sokrates,  mit  welchem  er  über 
verschiedene  Dinge  in  Hader  lag^),  schlug,  wie  es  scheint,  zwei  Wege 
ein,  welche  als  verschiedene  Versuche  von  ähnlichem  Gedankens;anffe 

^)  Jamblichus,  De  philosoph.  Pythagor.  Hb.  III,  bei  Ansse  de  Villoi- 
son,  Anecdota  Graeca,  pag.  216.  ^)  So  berichtet  Simplicius  in  einer  unter 
Anderen  bei  Bretschneider  106—107  abgedruckten  Stelle.  ^)  Diogenes 
Laertius  II,  46. 


190  9.  Kapitel. 

lietrachtet  werden  müssen.  Einmal  schrieb  er  in  den  Kreis  ein 
Quadrat  ein^),  ging  von  diesem  zum  Achteck,  Sechzehneck  u.  s.  w. 
über.  Man  solle  so  fortschreiten  bis  dem  Kreise  ein  Vieleck  werde 
eingeschrieben  werden,  dessen  Seiten  ihrer  Kleinheit  halber  mit  dem 
Kreise  zusammenfallen  würden.  Nun  könne  man,  wie  man  in  den 
Elementen  gelernt  habe,  zu  jedem  Vielecke  ein  gleichflächiges  Quadrat 
zeichneu,  folglich  auch  zu  dem  Kreise  mittels  des  Vielecks,  welches 
an  seine  Stelle  getreten  sei.  So  der  Bericht  des  Simplicius,  eines 
Erklärers  des  Aristoteles  aus  dem  VI.  S.,  in  seinem  Commentare  zur 
Physik  des  Stagiriten  als  Einleitung  in  den  selbst  aus  Eudemus  ge- 
schöpften Bericht  über  den  Quadrirungsversuch  des  Hippokrates,  der 
uns  nachher  zu  beschäftigen  hat.  Ein  anderer  Commentator  des 
Aristoteles,  Themistius,  weiss  dagegen  die  Sache  anders-).  Antiphon 
habe  ein  gleichseitiges  Dreieck  in  den  Kreis  eingeschrieben  und  über 
jede  Seite  (desselben  ein  gleichschenkliges  Dreieck,  dessen  Spitze  auf 
dem  Kreisumfang  lag  und  so  fort.  So  glaubte  er,  dass  die  gradlinige 
Seite  des  letzten  Dreiecks  mit  dem  Bogen  zusammenfallen  werde. 
Uns  erscheinen  diese  beiden  Versuche  als  gleich  gut  beglaubigt  und 
einander  in  so  weit  ergänzend,  als  wir  ihnen  entnehmen,  dass  Anti- 
phon mit  dem  Zusammenfallen  des  Kreises  mit  dem  Vielecke  von  sehr 
vielen  und  sehr  kleinen  Seiten  sich  doch  nicht  so  rasch  und  gänzlich 
befriedigt  fühlte,  und  jedenfalls  in  zweierlei  Annäherungen  zu  einer 
solchen  aus  graden  Strecken  zusammengesetzten  Figur  zu  gelangen 
strebte,  welche  an   die  Stelle  des  Kreises  treten  sollte. 

Ein  anderer  Geometer  der  gleichen  Zeit  etwa  wie  Antiphon  war 
der  Sophist  Bryson  aus  Herakläa,  der  Sohn  des  Herodorus.  Er 
wird  auch  wohl  als  Pythagoräer  bezeichnet.  Er  ging  in  seinem  Ver- 
suche die  Quadratur  des  Kreises  zu  iinden,  von  welchem  wir  wieder 
durch  einen  anderen  Erklärer  des  Aristoteles,  durch  Johannes  Philo- 
ponus  unterrichtet  sind^),  um  einen  sehr  bedeutsamen  Schritt  über 
Antiphon  hinaus.  Er  begnügte  sich  nicht  damit  ein  Kleineres  als 
den  Kreis  zu  finden,  welches  sich  nur  wenig  von  ihm  unterschied,  er 
verschaffte  sich  auch  ein  der  gleichen  Forderung  genügendes  Grösseres. 
Er  zeichnete  neben  den  eingeschriebenen  Vielecken  auch  umschriebene 
Vielecke  von  immer  grösserer  Seitenzahl  und  beging  bei  Ausführung 
dieses  vollständig  richtigen  Gedankens  nur  einen  damals  freilich  ver- 
zeihlichen Fehler,  indem  er  meinte,  die  Kreisfläche  sei  das  arithmetische 
Mittel   zwischen    einem    eingeschriebenen    und    einem   umschriebenen 


^)  Der  Bericht  des  Simplicius  abgedruckt  bei  Bretschneider,  der  daa 
grosse  Verdienst  sich  erworben  hat,  diese  sämmtlichen  Untersuchungen  zuerst 
für  die  Geschichte  der  Mathematik  nutzbringend  gemacht  zu  haben.  '■')  Bret- 
schneider 125.     ^)  Bretschneider  126. 


Mathem.  ausserhalb  d.  pythagor.  Schule.     Hippokrates  von  Chios.       191 

Vielecke.  Es  ist  nicht  wahr,  sagte  später  Proklus  diesen  Versuch 
vornehm  zurückweisend,  dass  die  Stücke,  um  welche  jene  Vielecke 
grösser  und  kleiner  als  der  Kreis  sind,  sich  gleichen.  Aber  auch 
welche  Entwicklung  der  Geometrie  zwischen  Bryson  und  Proklus! 
Wir  glauben  über  das  Irrige  an  Brysons  Folgerung  hinweggehen 
zu  dürfen,  den  Tadel  irgend  einen  Mittelwerth  mit  dem  arithmeti- 
schen Mittel  verwechselt  zu  haben,  ersticken  zu  müssen  unter  dem 
Lobe  in  der  Erkenntniss  des  GrenzbegrijßFes  weiter  gekommen  zu  sein 
als  alle  Vorgänger. 

So  weit  freilich  wie  Aristoteles,  wenn  wir  dieses  vorgreifend 
hier  erwähnen  dürfen,  ist  auch  Bryson  nicht  gegangen.  Aristoteles 
wusste  und  sagte ^)  in  Worten,  deren  wir  heute  uns  noch  vielfach 
bedienen,  ohne  das  Bewusstsein  zu  haben  seine  Schüler  zu  sein: 
„Stetig  —  0vv£xsg  —  sei  ein  Ding,  wenn  die  Grenze  eines  jeden 
zweier  nächstfolgender  Theile,  mit  der  dieselben  sich  berühren,  eine 
und  die  nämliche  wird  und,  wie  es  auch  das  Wort  bezeichnet,  zu- 
sammengehalten wird."  Aristoteles  wusste,  dass  es  ein  Anderes  ist 
unendlich  Vieles  zu  zählen,  oder  durch  unendlich  viele  nicht  von  ein- 
ander zu  scheidende  Punkte  sich  bewegen.  Er  löste  das  Paradoxon 
der  Durchlaufung  dieser  unendlich  vielen  Raumpunkte  iu  endlicher 
Zeit  durch  das  neue  Paradoxon,  dass  innerhalb  der  endlichen  Zeit 
unendlich  viele  Zeittheile  von  unendlich  kleiner  Dauer  anzunehmen 
seien.  Es  gibt  für  ihn  kein  reales  Unendliches  in  zusammenhangloser 
Unbeschränktheit  des  Begriffes,  so  dass  Grösseres  oder  Kleineres  nicht 
möghch  ist,  sondern  nur  Endliches  von  beliebiger  Grösse,  von  be- 
liebiger Kleinheit.  Aber  man  vergesse  nicht,  dass  Aristoteles  schon 
um  ein  weiteres  Jahrhundert  nach  der  Zeit  lebte,  welche  uns  in  diesem 
Augenblicke  beschäftigt,  und  dass  er  Aristoteles  war,  einer  jener 
Geister,  die  für  alle  Zeiten  lebend  der  eigenen  Zeit  meist  unver- 
standen bleiben. 

Bis  zu  einem  gewissen  Grade  darf  man  letzteres  vielleicht  auch 
für  Antiphon  und  Bryson  behaupten.  Die  Mitte  des  V.  S.  konnte 
sich  mit  Schlussfolgerungen,  wie  diese  beiden  Männer  sie  zogen,  nicht 
befreunden.  Sie  konnte  nicht  über  den  Widerspruch  hinaus,  noch 
um  den  Widerspruch  herum  kommen,  der  darin  liegt,  die  krumme 
Kreisfläche  durch  eine  gradlinig  begrenzte  Vielecksfläche  erschöpfen 
zu  lassen.  Eine  mathematische  Begründung  irgend  welcher  Art,  am 
naturgemässesten  ein   selbst  auf  einen  Widerspruch  gebauter  Beweis 


^)  Aristoteles,  Physic.  III,  4.  Die  Zusammenstellung  der  auf  den  Grenz- 
begriff und  auf  das  Unendliche  bezüglichen  Stellen  des  Aristoteles  u.  s.  w.  bildet 
eines  der  schönsten  Kapitel  bei  Hankel  115 — 127. 


192  9.  Kapitel. 

der  Unmöglichkeit  der  entgegengesetzten  Annalime,  musste  voraus- 
gehen und  das  bilden,  was  man  die  geometrische  Exhaustion 
nennt. 

Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  versuchte  Hippokrates  von 
Chios  zuerst  oder  als  einer  der  Ersten  eine  solche  Schlussfolgerung 
um  zu  dem  Satze  zu  gelangen,  dass  Kreisflächen  den  Quadraten 
ihrer  Durchmesser  proportional  seien,  ein  Satz,  den  er,  wie 
Eudemus  ausdrücklich  sagt^),  bewiesen  hat. 

Wir  bemerken  rückblickend  auf  die  Quadraturversuche  des  Antiphon 
und  des  Bryson,  dass  dieselben  nur  solche  geometrische  Thatsachen 
voraussetzten,  welche  jedem  Geometer  pythagoräischer  Schulung  be- 
kannt sein  mussten:  Einschreibung  und  Umschreibung  regelmässiger 
Vieleke  in  und  um  einen  Kreis  und  Verwandlung  beliebig  gestalteter 
gradlinig    begrenzter    Figuren    in    einander,    beziehungsweise    in    ein 

Quadrat,  und  gehen  nun  zu  dem  Verfah- 
ren über,  mittels  dessen  Hippokrates  zur 
Quadratur  des  Kreises  zu  gelangen 
trachtete.  Er  beschrieb  (Figur  30)  über 
einer  Geraden  AB  einen  Halbkreis,  zeich- 
nete in  denselben  das  gleichschenklige 
Dreieck  A BF  und  beschrieb  über  dessen 
Katheten  als  Durchmesser  neue  Halb- 
kreise. Nun  ist  A  B^  ==  AF^  -{-  FB^  und  wegen  der  Proportionalität 
von  Kreisen,  beziehungsweise  von  Halbkreisen  mit  den  Quadraten 
ihrer  Durchmesser  wird  auch  der  Halbkreis  über  AB  der  Summe 
der  Halbkreise  über  AF  und  FB  gleich  sein,  oder  dem  Doppelten 
eines  dieser  kleineren  Halbkreise.  Der  Halbkreis  über  AB  ist  selbst 
auch  das  Doppelte  des  Viertelkreises,  welcher  durch  AFA  zu  be- 
nennen ist,  mithin  dieser  Viertelkreis  gleich  dem  Halbkreise  über  AF. 
Nimmt  man  von  beiden  den  Kreisabschnitt  weg,  welchen  die  Sehne 
A  F  mit  dem  Bogen  A  F  des  zuerst  gezeichneten  Halbkreises  bildet, 
so  bleibt  das  gradlinige  rechtwinklige  in  ein  Quadrat  verwandelbare 
Dreieck  AF /l  gleich  der  durch  zwei  Bögen  zwischen  A  und  F  ein- 
geschlossenen halbmondförmigen  Fläche,  und  diese  Figur,  welche  bei 
Hippokrates  firjviöxog  Mondchen  (lateinisch  lunuld)  heisst,  ist  somit 
thatsächlich  quadrirt.  Hippokrates  geht  nun  weiter,  und  zwar  auf 
dem  Wege,  dass  er  die  Quadratur  eines  Kreises  in  Abhängigkeit  von 
der  einer  halbmondartigen  Figur  bringt.  Er  zeichnet  (Figur  31)  in 
einen  Halbkreis  ein  Paralleltrapez  ein,  dessen  grössere  Seite  der 
Durchmesser  selbst  ist,    während  jede   der   drei   anderen  Seiten  eine 

')  Eudemi  fragmenta  (ed.  Spengel)  pag.  128,  lin.  29.  ! 


Mathem.  ausserhalb  d.  pytbagor.  Schule.     Hippokrates  von  Chios.        193 

Seite  des  dem  ganzen  Kreise  einschreibbaren  regelmässigen  Sechsecks, 
dem  Halbmesser  folglich  gleich  ist.  Wird  über  jeder  der  kleineren 
Trapezseiten  ein  Halbkreis  gezeichnet,  so 
muss  er  ein  Viertel  des  ursprünglichen 
Halbkreises  sein,  oder  die  drei  Halbkreise 
zusammen  von  dem  ursprünglichen  Halb- 
kreise abgezogen  lassen  als  Differenz  einen 
kleinen  Halbkreis  von  der  Grösse  der  eben 
erhaltenen,  d.  h.   einen    solchen,   dem  der  ^^^'  ^^" 

Halbmesser  des  ursprünglichen  Halbkreises  als  Durchmesser  dient. 
Dieselbe  Differenz  lässt  nun,  indem  vom  Subtrahenden  und  Minuen- 
den gleiche  Kreisabschnittchen  weggelassen  werden,  sich  in  die  Form 
einer  Differenz  zwischen  dem  gezeichneten  Trapeze  und  dem  Drei- 
fachen eines  von  Kreisbögen  gebildeten  Mondes  bringen.  Wäre  daher 
letzterer,  der  freilich  von  dem  vorher  untersuchten  Mondchen  wesent- 
lich verschieden  ist,  quadrirbar,  so  wäre  der  kleine  Halbkreis  selbst 
quadrirt.  Aber  diese  Eigenschaft  findet  nicht  statt.  Das  eben  be- 
nutzte Mondchen  ist,  wie  Hippokrates  einsieht,  nicht  unmittelbar 
quadrirbar,  und  nun  geht  sein  Bestreben  dahin,  andere  quadrirbare 
Mondchen  zu  entdecken,  um  durch  Zurückführung  der  Kreisquadratur 
auf  diese  neuen  Mondchen  die  Aufgabe,  die  er  sich  gestellt  hat,  zu 
lösen.  Wir  können  nicht  ausführlich  bei  den  Versuchen  verweilen, 
die  Hippokrates  in  dieser  Richtung  noch  anstellt.  Nur  so  viel  sei 
bemerkt,  dass  er  dabei  wieder  von  dem  Kreise  eingezeichneten  Pa- 
ralleltrapezen ausgeht,  und  zwar  von  solchen,  welche  je  drei  unter 
einander  gleiche  Seiten  besitzen,  die  das  eiuemal  grösser,  das  andere- 
mal  kleiner  als  der  Halbmesser  ausfallen,  so  dass  also  über  der 
vierten  Trapezseite  nach  der  Richtung  hin,  wo  das  Trapez  gezeichnet 
ist,  ein  Kreisabschnitt  sich  ergibt,  der  im  ersteren  Falle  grösser,  in 
dem  zweiten  kleiner  als  ein  Halbkreis  ausfällt.  Der  erstere  Fall 
entspricht  bei  Hippokrates  überdies  der  "Bedingung,  dass  die  grössere 
Trapezseite  im  Quadrate  genommen  den  drei  identischen  Quadraten 
der  anderen  Seiten  zusammen  gleich  komme,  dass  also  sämmtliche 
Seiten  sich  wie  1:1:1:]/ 3  verhalten^).  Noch  verwickelter  sind  die 
Bedingungen  für  den  zweiten  Fall,  welcher  überdies  in  dem  uns 
erhaltenen  Texte  als  einigermassen  verstümmelt  betrachtet  werden 
muss.  Jedenfalls  gelangt  Hippokrates  wiederholt  zu  Mondchen,  welche 
sowohl  quadrirbar  sind  als  auch  in  ihrer  Entstehung  von  den  ersten 


1)  Das  tritt  ein,  wenn  die  kleine  Seite  a  =  r]/3  — j/F.  Vergl.  über  die 
Mondchen  des  Hippokrates  einen  Aufsatz  von  C lausen  (Crelle's  Journal  XXI, 
375)  und  Hankel  127. 

Cantob,  Geschichte  der  Mathematik  X.  a.  Aufl.  13 


194  9-  Kapitel. 

quadrirbaren  Mondchen  sich  unterscheiden.  Aber  damit  glaubt  er 
keineswegs  seine  Aufgabe  erfüllt  zu  haben.  Er  stellt  noch  weitere 
Versuche  an  und  zeigt  dadurch,  dass  er  sein  Ziel,  das  Mondchen  auf 
der  Sechsecksseite  zu  quadriren,  auf  welches  er  die  Ausmessung  des 
Kreises  schon  zurückgeführt  hat,  nicht  aus  den  Augen  verliert,  dass 
er  dieses  Ziel  auf  allerlei  Umwegen  noch  immer  zu  erreichen  strebt, 
wenn  es  ihm  auch  nicht  gelingt  hinzugelangen. 

Wir  haben  oben  (S.  189)  Simplicius  als  Gewährsmann  für  die 
Quadraturversuche  des  Hippokrates  von  Chios  genannt,  haben  erwähnt, 
dass  dieser  Berichterstatter  selbst  aus  Eudemus  geschöpft  hat,  den  er 
theilweise  wörtlich  'Aara  li'E,iv  zu  benutzen  ausdrücklich  erklärt.  Einige 
alterthümlich  klingende  Umschreibungen  in  diesem  Berichte  lassen 
aber  vermuthen^),  dass  man  berechtigt  sei,  ihn  noch  weiter  aufwärts 
zu  verfolgen,  dass  man  theilweise  wenigstens  den  Wortlaut  des  Hippo- 
krates selbst  vor  sich  habe.  Ist  diese  Annahme  richtig,  so  folgt  aus 
ihr  als  wichtige  Thatsache,  dass  Hippokrates  mit  aller  Bestimmtheit 
bereits  die  Gewohnheit  besass,  die  geometrischen  Figuren  mit 
zur  Bezeichnung  dienenden  Buchstaben  zu  versehen.  Er 
spricht  von  einer  Linie  „an  welcher  AB  (steht)",  von  einem  Punkte 
„an  welchem  K  (steht)".  Wir  haben  früher  gesehen,  dass  die 
Aegypter  ihren  Figuren  theilweise  die  Längenmaasse  beischrieben, 
welche  den  Linien  derselben  zukamen.  Wir  haben  darin  vielleicht 
die  Anregung  gefunden,  in  Folge  deren  Zahlengrössen  durch  Linien 
zur  Versinnlichung  gebracht  wurden  (S.  152).  Die  Aegypter  gingen 
über  diese  messende  Bezeichnung  hinaus.  Eine  gewisse  Allgemein- 
heit gab  sich  kund,  wenn  die  Scheitellinie  mit  merit,  die  Grundlinie 
der  Pyramide  mit  uchateht  u.  s.  w.  bezeichnet  wurde,  indem  hierdurch 
die  von  Figur  zu  Figur  unveränderliche  Lage  gegen  die  jedesmal 
wechselnde  Länge  als  das  Wichtigere  in  den  Vordergrund  trat.  Aber 
Punkte  nun  gar  durch  Buchstaben  zu  benennen,  welche  nicht  Zahlen- 
werthe,  nicht  Abkürzungen  von  Wörtern,  welche  etwa  so  anfingen, 
sein  sollten,  sondern  nur  Buchstaben  als  solche,  damit  die  Möglich- 
keit zu  geben  eine  Figur  auch  ziemlich  verwickelter  Art  nur  zu 
denken  und  doch  mit  dem  Texte  in  verständlichen  Einklang  zu 
bringen;  das  ist  eine  Art  von  allgemeiner  Symbolik,  ist  die  bei 
Geometern  erkennbare  Vorläuferin  der  algebraischen  Bezeichnung 
der  Unbekannten  durch  einen  Buchstaben,  oder  wenigstens  durch 
ein  Wort. 

Ob  Hippokrates  freilich  der  erste  war,  welcher  Buchstaben  an 
die  Figuren  setzte,  das  wissen  wir  nicht.     Wahrscheinlich  ist  es  uns 


')  Bretschneider  S.   )U,  Note  2. 


Mathem.  ausserhalb  d.  pythagor.  Schule.     Hippokrates  von  Chios.      195 

nicht,  weil  Eudemus  sonst  vermuthlich  in  seinem  Berichte  auf  diese 
Neuerung  hingewiesen  haben  würde.  Wir  vermuthen  weit  eher, 
dass  Hippokrates  die  geometrische  Anwendung  der  Buchstaben  bei 
den  Pythagoräem  gelernt  haben  wird,  denen  er  ja  auch  sein  mathe- 
matisches Wissen  überhaupt  verdanken  soll.  Dafür  spricht,  dass  das 
Sternfünfeck,  welches  die  Pythagoräer  als  Erkennungszeichen,  auch 
wohl  als  Briefüberschrift  benutzten  (S.  KHi),  an  seinen  Ecken  die 
Buchstaben  geführt  haben  soll,  welche  das  Wort  Gesundheit  bildeten. 
So  wird  wenigstens  allgemein  die  Stelle  aufgefasst,  dass  jene  Figur 
Gesundheit  genannt  worden  sei. 

Bei  Hippokrates  bestand  dagegen  eine  Sitte  noch  nicht,  welche 
bei  Euklid  mit  der  Regelmässigkeit  eines  Gesetzes  herrschend  ge- 
worden ist:  die  Sitte  nämlich  unter  die  zur  Bezeichnung  von  Figuren 
benutzten  Buchstaben  niemals  das  /  zu  begreifeu,  sondern  nach  ® 
sofort  zu  K  überzugehen.  Offenbar  wollte  man  dadurch  der  leicht 
möglichen  Verwechslung  des  Buchstaben  I  mit  einem  einfachen 
Vertikalstriche  vorbeugen^).  Hippokrates  übersprang  das  /  noch 
nicht ^),  und  auch  bei  der  eben  erwähnten  Bezeichnung  der  Ecken  des 
Pentalpha  spielt  I  eine  Rolle. 

Nicht  ohne  Interesse  ist  es  ferner,  dass  einmal  (Fig.  32j  ein 
Fünfeck  mit  einspringendem  Winkel 
erscheint,  aber  nicht  anders  genannt  ^ 
wird  als  „die  geradlinige  Figur, 
welche  aus  den  drei  Dreiecken 
ZBH,  ZBK,  ZKE  besteht"  2). 
Wir  lassen  es  dahingestellt,  ob  man 
daraus  entnehmen  will,  dass  jene  Figur  als  Fünfeck  nicht  angesehen 
zu  werden  pflegte,  jedenfalls  ist  doch  die  Vereinigung  der  drei  Dreiecke 
zu  einem  einheitlichen  Gebilde  ausgesprochen  und  damit  das  erste 
bekannte  Vorkommen  eines  Vielecks  mit  einspringendem  Winkel 
in  einer  geometrischen  Abhandlung  gewonnen. 

Bemerkenswerth  ist  ferner,  was  Eudemus  ausdrücklich  hervor- 
hebt*), dass  Hippokrates  am  Anfange  seiner  Abhandlung  bewies, 
dass  Halbkreise  rechte  Winkel  umfassen,  Segmente  dagegen,  welche 
grösser  (kleiner)  als  Halbkreise  sind,  spitze  (stumpfe)  Winkel;  dass 
Kreisflächen  sich  verhalten,  wie  die  Quadrate  ihrer  Durchmesser  und 
ähnliche  Kreissegmente,  d.  h.  solche,  welche  gleichvielte  Theile  ihrer 


Fig.  B-2 


1)  Nach  Professor  Studemund.  Vergl.  Zeitschr.  Math.  Phys.  XXI. 
Historisch-literarische  Abtheilung  S.  183.  ^)  Eudemi  fragm.  (ed.  Spengel) 
pag.  134,  lin.  23  flgg.  ^)  Eudemi  fragm.  pag.  133,  lin.  8  flgg.  ■*)  Eudemi  fragm. 
pag.  128,  lin,  26  bis  pag.  129,  lin  9. 

13* 


196  9-  Kapitel. 

betreffenden  Kreise  bildeten,  wie  die  Quadrate  ihrer.  Sehnen.  Es  ist 
gewiss  mit  Recht  betont  worden^),  es  könne  nicht  um  die  Erfindung, 
sondern  nur  um  den  Nachweis  dieser  Sätze  sich  handeln.  Bekannt 
waren  einige  derselben  wohl  schon  früher,  so  der  Satz  vom  rechten 
Winkel  im  Halbkreise  schon  Thaies,  dem  wir  sogar  einen  Beweis 
zuzutrauen  wagten.  Auch  die  Proportionalität  der  Kreisfläche  und 
des  Quadrates  des  Durchmessers  kann  nicht  als  neu  augesehen  werden, 
da  die  rechnende  Kreisquadratur  der  Aegypter  auf  ihr  beruhte. 

Wir  dürfen  hier  auf  das  Wort  dvva^ig,  Vermögen,  lateinisch 
potentia  hinweisen,  durch  welches  das  Quadrat  benannt  ist").  Dass 
aus  der  lateinischen  Uebersetzung  in  erweiterter  Bedeutung  des 
Wortes  unsere  Potenzgrössen  entstanden  sind,  liegt  auf  der  Hand. 
Das  Vorkommen  des  Wortes  als  Kunstausdruck  bei  Hippokrates, 
den  Euderaus  hier  wörtlich  ausgenutzt  haben  dürfte,  ist  das  erste 
nachweisbare.  Später  kommt  das  Wort  sowohl  in  mathematischem 
als  in  nichtmathematischem  Sinne  ungemein  häufig  vor.  Piaton  hat 
es  benutzt"),  Aristoteles  nicht  minder  an  unzähligen  Stellen,  wo  auch 
von  dem  dynamischen  Auftreten  dieser  oder  jener  Eigenschaft  —  wir 
sagen  gewöhnlicher  in  lateinischer  Wortform  deren  virtuelles  Auf- 
treten —  die  Rede  ist,  der  Kunstausdruck  der  einen  Wissenschaft 
zum  Kunstausdrucke  einer  anderen  wurde.  Es  scheint  fast,  als  läge 
in  den  Wörtern  dvva^tig  und  tstQccycovog  ein  ähnlicher  Gegensatz 
wie  in  unseren  Ausdrücken  „zweite  Potenz"  und  „Quadrat".  Das  eine 
bezieht  sich  auf  die  arithmetische  Entstehung  als  Zahl,  das  andere 
auf  die  geometrische  Deutung  als  Fläche,  und  somit  wäre  in  der 
That  bei  Hippokrates  von  einer  rechnenden  Vergleichung  der  Kreis- 
flächen, wie  sie  aus  ihrem  Durchmesser  sich  ergeben,  ausgegangen 
worden.  Ganz  klar  gestellt  ist,  wie  sich  im  11.  Kapitel  uns  zeigen 
wird,  diese  schwierige,  wie  uns  aber  scheint  nicht  unwichtige  Frage 
noch  nicht,  und  ihre  Beantwortung  wird  der  Einzelforschung  anheim- 
gestellt bleiben  müssen. 

Kennzeichnend  für  die  Schreibweise  des  Hippokrates  und,  wie 
wir  sagten,  die  Annahme,  dass  Eudemus  uns  theilweise  den  alten 
Wortlaut  aufbewahrt  habe,  wesentlich  unterstützend  ist  eine  gradezu 
unerträgliche  Weitläufigkeit,  eine  Breite  der  Wiederholungen  nur  da- 
raus erklärbar,  dass  es  damals  an  Elementarlehrbüchern  fehlte, 
auf  welche  für  die  einfachsten  Hilfssätze  ein  für  allemal  hätte  ver- 
wiesen werden  können.  So  mag,  wie  scharfsinnig  vermuthet  worden 
ist'^),   grade    beim  Verfassen   dieser  Abhandlung  das  Bewusstsein  für 


*)  Bretschneider    132  —  133,        ^)  Eudemi    fragm.    pag.    128,    lin.    28. 
")  Piaton,  Theaetet  pag.  147.     *)  Bretschneider  131. 


Mathem.  ausserhalb  d.  pythagor.  Schule.     Hippokrates  von  Chios.       197 

Hippokrates  recht  deutlich  zum  Durchbruche  gekommen  sein,  wie 
unentbehrlich  ein  Elementarwerk  sei,  so  mag  er  nachher  die  Anferti- 
gung eines  solchen  selbst  in  Angriff  genommen  haben,  jedenfalls  erst 
nachher,  weil  es  sonst  an  Anführungen  desselben  bei  ihm  selbst 
gewiss  nicht  fehlen  würde.  Statt  deren  musste  er  in  ermüdend  ein- 
förmiger Weise  die  einfachsten  Dinge  wiederholen  oder  unbewiesen 
als  an  sich  bekannt  aussprechen. 

Wir  erwähnen  in  letzterer  Beziehung  den  Satz,  dass  die  Sechs- 
ecksseite dem  Halbmesser  des  Kreises  gleich  ist,  den  anderen  Satz, 
dass  das  Quadrat  einer  Dreiecksseite  grösser  (kleiner)  als  die  Summe 
der  Quadrate  der  beiden  anderen  Seiten  ist,  falls  letztere  einen  stumpfen 
(spitzen)  Winkel  mit  einander  bilden. 

Als  selbstverständlich  setzt  Hippokrates  auch  die  Trapeze  vor- 
aus, welche  er  zur  Herstellung  seiner  Mondchen  bedarf.  Dass  diese 
Trapeze  gleichschenklig  sind,  und  als  solche  zu  den  bei  Aegyptern 
und  bei  in  Aegypten  gebildeten  ausländischen  Geometern  beliebtesten 
Figuren  gehören,  braucht  für  unsere  Leser  kaum  mehr-  betont  zu 
werden.  Aber  auch  das  gleichschenklige  Trapez  war  unter  allen 
Umständen  so  genau  noch  nicht  studirt,  dass  die  Gewissheit  fest- 
gestanden hätte,  es  sei  möglich  ein  solches  zu  bilden,  dessen  Seiten 
sich  wie  1:1:1  :]/o  verhalten,  es  sei  ferner  möglich  ein  solches  in 
einen  Kreis  einzuzeichnen.  Seiten,  welche  das  genannte  Verhältniss 
darboten,  zu  zeichnen,  war  freilich  einem  Schüler  von  Pythagoräern 
nicht  schwierig.  Zog  man  im  gleichseitigen  Dreiecke  von  der  Spitze 
aus  eine  Senkrechte  auf  die  gegenüberliegende  Seite,  so  erhielt  man 
das  eine  Elementardreieckcheu  des  Timäus,  dessen  Seiten  im  Ver- 
hältnisse 1  :  l/3  :  2  stehen,  und  es  war  also  nur  nöthig  die  kleinere 
Kathete  dieses  Dreieckchens  dreimal,  die  grössere  einmal  zu  wählen, 
um  die  verlangten  vier  Strecken  zu  besitzen,  aber  es  blieb  zweifel- 
haft, ob  und  wie  damit  ein  Paralleltrapez  zu  coustruiren  war,  und 
Hippokrates  fühlte  noch  nicht  die  Nothwendigkeit  diesen  Beweis  zu 
führen,  während,  wie  wir  sehen  werden,  wenige  Jahrzehnte  später 
kein  griechischer  Geometer  sich  dessen  hätte  entschlagen  dürfen 
ohne  gerechtem  Tadel  zu  verfallen.  Dass  jenes  Trapez  einmal  ge- 
geben zu  einem  Sehnenvierecke  gemacht  werden  könne,  beweist  da- 
gegen Hippokrates.  Dass  zu  diesem  Nachweise  genüge  zu  zeigen, 
dass  je  zwei  gegenüberliegende  Winkel  sich  zu  zwei  Rechten  er- 
gänzen, weiss  Hippokrates  offenbar  noch  nicht.  Er  zeigt  vielmehr 
durch  Congruenzen,  dass  der  vierte  Eckpunkt  A  des  als  gegeben 
gedachten  Trapezes  sich  auf  dem  durch  die  drei  anderen  Eckpunkte 
ABT  gelegten  Kreise  befinde.  (Fig.  33.)  Er  halbirt  die  Winkel 
bei  A  und  r  durch  AE  und  TE  und  zieht  von  deren  Durchschnitts- 


198  9-  Kapitel. 

punkte  E  aus  die  EB  und  E/J.     Weil  nun  AB  =  F^  war,   wusste 

man  daraus  auf  die  Gleichheit  der  Winkel  BAr=  A F^  zu  schliessen. 

Daraus    folgte,    dass    auch    die    Hälften    BAE,    EAF,    AFE    EF/J 

sämmtlich  unter  einander  gleich  waren.     Ferner 

^'tfC'      ^"vx  ^^^    gegeben    BA  =  AF=  FzJ.     Da  nun  A  E 

I       ' ,      ,'    \\        sich  selbst  gleich,  so  ist  vermöge  des  Congruenz- 

[/     ,,,.■-:/-"-. \]       Satzes    von   den  beiden   gleichen   einen   gleichen 

j        Winkel    einschliessenden    Seiten    Dreieck  BAE 

/         ^  EAF  und  EB  =  EF.     Wegen  der  Gleichheit 

,,.    ,,  der  Winkel  EAF,  AFE  ist    aber   bereits    EF 

E  lg.  66.  '' 

=  EA,  mithin  ist  EB  =  EF  =  EA  oder  E  der 
Mittelpunkt  des  durch  ABF  gelegten  Kreises.  Jetzt  ist  bei  AF  = 
Tz/,  EF=EF,  Winkel  AFE  =  EF^  auch  die  Congruenz  AFE 
r^  EFA  erwiesen  und  in  diesen  Dreiecken  EA  ^  EA  d.  h.  der  ge- 
nannte  Kreis  geht  auch  durch  z/.  Dieser  Beweis  bestätigt  unsere 
obige  Bemerkung,  Hippokrates  habe  versäumt  den  Nachweis  zu  liefern, 
dass  ein  Trapez  von  dem  verlangten  Seitenverhältnisse  überhaupt 
möglich  sei.  Hier  ist  nämlich  nur  die  Gleichheit  von  drei  Seiten 
BA,  AF,  FA,  nicht  deren  Verhältniss  zur  vierten  Seite  BA  berück- 
sichtigt. Anders  gesagt:  es  ist  bewiesen,  dass  jedes  Paralleltrapez 
mit  drei  gleichen  Seiten  ein  Sehnenviereck  ist. 

Hippokrates  beschäftigte  sich,  wie  wir  (S.  189)  ankündigend  be- 
merkten, auch  noch  mit  einem  anderen  mathematischen  Probleme, 
mit  der  Würfelverdoppelung.  Das  ist  die  letzte  uns  hier  be- 
gegnende von  den  drei  grossen  Aufgaben  der  griechischen  Mathe- 
matiker, welche  ihnen  Gelegenheit  gaben  ihre  Kräfte  zu  üben  und 
das  zu  erfinden,  was  man  die  höhere  Mathematik  jenes  Zeitraumes 
zu  nennen  berechtigt  ist.  Ueber  die  Geschichte  der  Würfel  Verdoppe- 
lung sind  wir  durch  namhafte  Ueberbleibsel  aus  alter  Zeit  ziemlich 
gut  berichtet,  und  selbst  der  sagenhafte  Anstrich  des  Ursprungs  der 
Aufgabe  wird  im  30.  Kapitel  sich  als  erheblich  ausweisen.  Ein 
griechischer  Mathematiker  Eratosthenes  im  III.  S.  schrieb  an 
Ptoleraäus  Euergetes  den  ägyptischen  König  einen  Brief  über  diesen 
Gegenstand,  der  sich  bei  Eutokius  von  Askalon,  einem  späten  Com- 
mentator  des  Archimed,  erhalten  hat  und  dessen  Anfang  wir  hier 
beifügen^).     Trotzdem    er    ziemlich    weit   jenseits    der    gegenwärtig 

')  Zur  Geschichte  der  Würfelverdoppelung  vergl.  N.  T.  Reimer,  Historia 
problematis  de  cubi  dupUcatione.  Göttingen,  1798.  J.  H.  Dresler,  Eratosthenes 
von  der  Verdoppelung  des  Würfels.  Osterprogramm  1828  für  die  herzogl. 
Nassauischen  Pädagogien  zu  Dillcnburg,  Hadamar  und  Wiesbaden.  Ch.  H. 
Biering,  Historia  problematis  cubi  duplicandi.  Kopenhagen,  1844.  Theilweise 
Neues    auch  an  Stellenmaterial   in   der  Dissertation  von  C.  Blass,  De  Platane 


Mathem.  ausserhalb  d.  bythagor.  Schule.     Hippokrates  von  Chios.       199 

allein  zu  behandeludeu  Zeit  liinabführt ,  glaubten  wir  doch  eine 
Trennung  des  zusammengehörigen  Textes  nicht  vornehmen  zu  sollen 
und  werden  lieber  später,  wo  es  nöthig  ist,  auf  dieses  Kapitel  hier 
zurückverweisen. 

„Dem  Könige  Ptolemäus  wünscht  Eratosthenes  Glück  und  Wohl- 
sein. Von  den  alten  Tragödiendichtern  sagt  man,  habe  einer  den 
Minos,  wie  er  dem  Glaukos  ein  Grabmal  errichten  Hess,  und  hörte, 
dass  es  auf  allen  Seiten  100  Fuss  haben  werde,  sagen  lassen: 
Zu  klein  entwarfst  Du  mir  die  königliche  Gruft, 
Verdopple  sie;  des  Würfels  doch  verfehle  nicht. 
Man  untersuchte  aber  auch  von  Seiten  der  Geometer,  auf  welche 
Weise  man  einen  gegebeneu  Körper,  ohne  dass  er  seine  Gestalt  ver- 
änderte, verdoppeln  könnte,  und  nannte  die  Aufgabe  der  Art  des 
Würfels  Verdoppelung;  denn  einen  Würfel  zu  Grunde  legend  suchte 
man  diesen  zu  verdoppeln.  Während  nun  lange  Zeit  hindurch  Alle 
rathlos  waren,  entdeckte  zuerst  der  Chier  Hippokrates,  dass,  wenn 
man  herausbrächte  zu  zwei  gegebenen  graden  Linien,  wo  die  grössere 
der  kleineren  Doppelte  wäre,  zwei  mittlere  Proportionalen  von  stetigem 
Verhältnisse  zu  ziehen,  der  Würfel  verdoppelt  werden  könnte;  wo- 
nach er  dann  seine  Rathlosigkeit  in  eine  andere  nicht  geringere 
Rathlosigkeit  verwandelte.  Nach  der  Zeit,  erzählt  man,  wären  die 
Delier,  weil  sie  von  einer  Krankheit  befallen  waren,  einem  Orakel 
zufolge  geheissen  worden  einen  ihrer  Altäre  zu  verdoppeln  und  in 
dieselbe  Verlegenheit  gerathen.  Sie  hätten  aber  die  bei  Piaton  in 
der  Akademie  gebildeten  Geometer  beschickt  und  gewünscht,  sie 
möchten  ihnen  das  Verlangte  auffinden.  Da  sich  nun  diese  mit  Eifer 
der  Sache  unterzogen  und  zu  zwei  Gegebenen  zwei  Mittlere  suchten, 
soll  sie  der  Tarentiner  Archytas  vermittelst  der  Halbcylinder  auf- 
gefunden haben,  Eudoxus  aber  vermittelst  der  sogenannten  Bogen- 
linien.  Es  widerfuhr  ihnen  aber  insgesammt,  dass  sie  zwar  ihre 
Zeichnungen  mit  geometrischer  Evidenz  nachgewiesen  hatten,  sie  aber 
nicht  leicht  mit  der  Hand  ausführen  und  zur  Anwendung  bringen 
konnten,  ausser  etwa  einigermassen  die  des  Menächmus,  doch  auch 
nur  mühsam." 

Der  alte  Tragiker,  auf  dessen  Verse  Eratosthenes  sich  beruft, 
ist  kein  anderer  als  Euripides,  in  dessen  verloren  gegangenem 
Poleidos  sie  vorkommen,  wie  sehr  wahrscheinlich  gemacht  wordeu 
ist^).     Da  nun  Euripides   485 — 406    lebte,    seine    dichterische  Wirk- 

mathematico.  Bonn,  1861,  pag.  22  —  30.  Unsere  Uebersetzung  des  Briefes  des 
Eratosthenes  nach  Dresler  1.  c.  S.  8—10. 

')  Valkenarius,  Diatribe  de  fragm.  Eurip.  pag.  203.  Vergl.  Reimer, 
De  cubi  duplicatione  pag.  20. 


200  9.  Kapitel, 

samkeit  also  etwa  iu  die  gleiclie  Zeit  fällt,  in  die  wir  die  wissen- 
scliaftliclie  Thätigkeit  des  Hippokrates  verlegen,  so  geht  hieraus  her- 
vor, dass  eben  damals  die  Sage  von  dem  Grabmale  des  Glaukos 
bekannt  war.  Ob  damals  die  Sage  schon  alt  gewesen;  ob  Euripides 
ihrer  gedachte,  weil  die  Gelehrten  des  Tages  sich  bereits  mit  Würfel- 
verdoppelung beschäftigten,  die  Anspielung  also  einen  gewissen  Ein- 
druck auf  die  feiner  gebildeten  Zuhörer  machen  musste-,  ob  man  den 
entgegengesetzten  Thatbestand  annehmen  soll,  dass  die  Volksthümlich- 
keit  der  Verse  des  Euripides  die  Mathematiker  auf  die  eigenthümlich 
gestellte  Aufgabe  aufmerksam  machte;  ob  wir  daran  erinnern  dürfen, 
dass  Euri]3ides  der  Dichter  selbst  ein  Gelehrter,  dass  er  ein  Schüler 
des  Auaxagoras  war,  das  alles  gehört  in  das  Bereich  gewagtester 
Vermuthung,  oder  wenigstens  noch  unerledigter  Forschung.  Als  ge- 
sichert ist  gemäss  dem  Berichte  des  Eratosthenes  nur  so  viel  zu  be- 
trachten, dass  nach  fruchtlosen  Versuchen  Anderer  über  die  Aufgabe 
der  Würfelverdoppelung  Herr  zu  werden,  Hippokrates  von  Chios  auf 
die  Bemerkung  fiel,  dass  die  Aufgabe  auch  in  anderer  Gestalt  sich 
aussprechen  lasse.  Findet  die  fortlaufende  Proportion  a:x  =  x:y^=y:b 
statt,  so  ist  x^  =  ay,  y'^^=hx,  mithin  x^  =  a^y"'  =  o?hx  und  x^  =  a^h 
oder,  wenn  h  =  2a,  wie  es  bei  der  Würfelverdoppelung  nothwendig 
erscheint,  x^  =  2a^.  Die  Seite  des  doppelten  Würfels  ist  in  der 
That  die  erste  von  zwei  mittleren  Proportionalen,  welche  zwischen 
der  einfachen  und  der  doppelten  Seite  des  ursprünglichen  Würfels 
eingeschaltet  werden.  Diese  Erkenntniss,  welche  auch  Proklus^)  dem 
Hippokrates  nachrühmt,  war  ein  Schritt  weiter  auf  dem  richtigen 
Wege,  aber  allerdings  ein  verhältnissmässig  kleiner  Schritt.  Hippo- 
krates verwandelte  nur,  wie  Eratosthenes  in  fast  scherzhaftem  Tone 
sagt,  seine  Rathlosigkeit  iu  eine  andere  nicht  geringere  Rathlosigkeit. 
Wie  sollten  jene  beiden  mittleren  Proportionalen  gefunden  werden? 
Die  Männer,  welche  der  Lösung  dieser  Aufgabe  sich  gewachsen  fühlten, 
sind  es,  die  uns  im  Folgenden  entgegentreten  werden. 

Auf  ihre  Gemeinschaft  führt  auch  das  Mathematikerverzeichniss 
uns  hin,  wenn  es  neben  Hippokrates  von  Chios  noch  Theodor us 
von  Kyrene  in  der  Geometrie  berühmt  nennt.  Von  diesem  wissen 
wir  an  geometrischen  Thatsachen  nur,  dass  er  die  Irrationalität  der 
Quadratwurzeln  von  Zahlen  zwischen  3  und  17  bewies''^)  (S.  170). 
Wir  wissen  von  ihm  ausserdem,  dass  er  der  Schule  der  Pythagoräer 
angehörte^),  und  dass  er  Lehrer  des  Piaton  in  mathematischen 
Dingen  war^). 


1)  Proklus  (ed.  Friedlein)  213.     ^)  l'laton,  Theaetet  147,  D.     =•)  jani- 
blichus,   Vita  Pythagor.  267.     ^)  Diogenes  Laertius  II,  103. 


Piaton.  201 

Platon  und  die  Akademie  nehmen  jetzt,  wie  in  der  Ge- 
scliiclite  der  griechischen  Philosophie,  so  in  der  Geschichte  der 
griechischen  Mathematik,  die  leitende  Stellung  ein.  Mit  ihnen 
müssen  wir  uns  beschäftigen. 


10.  Kapitel. 
Platon. 

Zwei  Kriege  von  schwerwiegender  Bedeutung  für  die  Gestaltung 
staatlicher  Verhältnisse,  wie  für  die  Entwicklung  der  Wissenschaften 
wurden  auf  griechischem  Boden  innerhalb  eines  Menschenlebens  ge- 
kämpft. Der  peloponnesische  Krieg,  welcher  die  Macht  Athens  ver- 
nichtete, welcher  den  Staat  des  Perikles  von  seiner  geistigen,  wissen- 
schaftlichen wie  künstlerischen  Höhe  herabstürzte,  begann  431.  Der 
sogenannte  heilige  Krieg,  in  welchem  die  Thebaner  durch  ein  kurzes 
Uebergewicht  erschöpft,  König  Philipp  von  Macedonien  zu  Hilfe 
riefen  und  ihm  so  den  ersten  willkommenen  Anlass  gaben  in  grie- 
chische Dinge  sich  einzumengen,  endete  346.  Dieselben  Jahreszahlen 
begrenzen  fast  genau  das  Leben  Piatons.  Seine  Geburt  fällt  in 
das  Jahr  429,  in  das  Schreckensjahr,  in  welchem  die  durch  die 
Schilderung  des  Thukydides  in  grässlicher  Wahrheit  bekannte  Pest 
Athen  in  Trauer  hüllte,  in  welchem  Perikles  starb.  Sein  Tod  er- 
folgte 348  an  demselben  Tage,  an  welchem  er  81  Jahre  früher  ge- 
boren war. 

In  Platous  Lebenszeit  fallen  auch  zwei  Künstler,  deren  die  Ge- 
schichte der  Mathematik  Erwähnung  thun  darf:  Pheidias  und 
Polyklet,  die  Verfertiger  des  Olympischen  Zeus,  der  Argi vischen 
Here.  Von  Pheidias  erzählt  Lucian  in  dem  Dialoge  über  die  philo- 
sophischen Sekten^),  er  sei  im  Stande  gewesen  aus  der  Klaue  eines 
Löwen  anzugeben,  wie  gross  der  ganze  Löwe  war,  woher  die  latei- 
nische Redensart  ex  tmgiie  leoneni  stammt,  welche  sich  bis  zu  unseren 
Tagen  erhalten  hat.  Von  Polyklet  meldet  Galen  ^),  er  habe  in  einer 
Schrift,  die  Kanon  überschrieben  war,  die  Lehre  von  allen  Verhält- 
nissen des  Körpers  aufgestellt.  Wer  denkt  dabei  nicht  an  die  vor- 
gezeichneten Quadrate  im  Grabmale  Seti  1  (S.  66),  wer  nicht  an  die 
Nothwendigkeit  einer  in  weite  Kreise  eingedrungenen  Lehre  von  der 
Aehnlichkeit  der  Figuren? 


^)  Lucian,  'E^fidTt/nog  >]  thqI  aiQSOtcov.      ^}  Galen,   IltQi  xdv   v.a.6    Innri- 
•Aqaxr]v  v,ccl  UXäxoiva. 


202  10.  Kapitel. 

Platon  gehörte  einer  der  angesehensten  athenischen  Familien  an. 
Bis  auf  König  Kodrus  führte  der  Stammbaum  des  Vaters,  bis  auf 
Solon  der  der  Mutter  zurück^).  Piatons  erste  Jugend  fiel,  wie  wir 
wissen,  in  eine  für  Athen  trübe  und  bewegte  Zeit,  aber  bald  lächelte 
das  Glück  der  Stadt,  welche  es  liebgewonnen,  aufs  Neue.  Die  Knaben- 
jahre Piatons  fallen  mit  der  Glanzzeit  des  Alkibiades  zusammen,  und 
der  Freund  des  Alkibiades,  Sokrates,  war  Piatons  Lehrer.  Im 
Verkehre  mit  den  geistig  bedeutendsten  Männern  seiner  Vaterstadt 
entwickelte  der  Knabe  sich  zum  Manne.  Um  das  Jahr  400  etwa, 
nachdem  Sokrates  den  Giftbecher  hatte  leeren  müssen,  verliess  Platon 
die  Heimath,  in  welcher  es  für  den  nächsten  Schüler  des  gleichviel 
ob  gerechtem  oder  ungerechtem  Volkshasse  zum  Opfer  Gefallenen 
nicht  mehr  sicher  war,  und  verwandte  eine  längere  Reihe  von  Jahren 
zu  Reisen,  welche  seine  wissenschaftliche  Ausbildung  vollendeten. 
Nach  Kyrene,  wo  an  der  Nordküste  Afrikas  griechische  Bildung 
schon  eine  Pflanzstätte  geschaffen  hatte,  lockte  ihn  der  Ruhm  des 
Theodor  US,  welchen  wir  am  Schlüsse  des  vorigen  Kapitels  Piatons 
Lehrer  in  der  Mathematik  genannt  haben,  Aegypten  sah  ihn  jeden- 
falls zu  längerem  Aufenthalte,  wenn  auch  Strabons  Berichterstatter 
sehr  übertrieben  haben  dürften.  Bei  der  Beschreibung  der  alten 
Priesterstadt  Heliopolis  in  Aegypten  sagt  nämlich  dieser  geographische 
Schriftsteller:  Hier  mm  zeigt  man  die  Häuser  der  Priester  und  auch 
die  Wohnungen  des  Platon  und  Eudoxus.  Denn  Letzterer  kam  mit 
Platon  hierher,  und  sie  lebten  daselbst  mit  den  Priestern  dreizehn 
Jahre  zusammen,  wie  einige  angeben-).  Dann  wird  ein  grosses 
Gewicht  auf  einen  Aufenthalt  Piatons  in  Grossgriechenland  zu  legen 
sein,  wo  er  mit  Archytas  von  Tarent  und  mit  Tim  aus  von 
Lokri  im  engsten  Verkehre  stand  ^).  Weiter  führte  ihn  sein  Weg 
nach  Sicilien,  wo  er  im  40.  Lebensjahre,  also  im  Jahre  389  eintraf*). 
Diese  durch  ihn  selbst  bezeugte  Zeitangabe  nöthigt  uns  auf  alle 
Reisen  bis  nach  Sicilien  etwa  11  Jahre  zu  vertheilen  und  widerlegt 
somit  die  13  jährige  Dauer  des  Aufenthalts  in  Aegypten.  Piatons  Frei- 
müthigkeit  scheint  bei  dem  Gewaltherrn  von  Syrakus,  bei  Dionysius, 
Austoss  erregt  zu  haben,  so  dass  dieser  ihn  gefangen  nehmen  liess 
und  ihn  als  Athener  dem  lakedämonischen  Abgesandten  auslieferte, 
welcher  ihn  als  Sklaven  nach  Aegina  verkaufte.  Ein  Kyrenaiker 
zahlte  das  erforderliche  Lösegeld,  um  Platon  wieder  frei  zu  machen, 
und  nun  kehrte  dieser  nach  Athen  zurück,  wo  er  in  den  schattigen 


^)  Diogenes  Laertius  IIT,  1.  ^)  Strabo  XVII,  1  ed.  Meinicke  pag.  1124. 
^)  Cicero,  De  finibus  V,  19,  50.  Tusculan.  I,  17,  39.  De  republica  I,  10,  15. 
*)  Piatons  Biiefe:  Epütola  VII,  324,  a.  ^  ' 


Piaton.  203 

Spaziergängen  der  clureli  Kimon  einst  verscliönerten  Akademie  nord- 
westlicli  vor  der  Stadt  seine  die  Philosophie  umgestaltenden  Vorträge 
hielt,  deren  Bedeutung  auch  für  die  Geschichte  der  Mathematik  nicht 
hoch  genug  angeschlagen  werden  kann^). 

Eigentlich  mathematische  Schriften  hat  Piaton  zwar  nicht  ver- 
fasst,  aber  Einiges  wird  doch  auf  ihn  als  Entdecker  zurückgeführt, 
und  vielleicht  noch  wichtiger  ist  seine  Vorliebe  für  die  Mathematik 
dadurch  geworden,  dass  er  auf  fähige  Schüler  sie  forterbte.  Piaton 
war  ja  ein  Schüler  der  Pythagoräer  in  vielen  Dingen,  in  so  vielen, 
dass  Aristoteles  es  ausdrücklich  bezeugt  hat^),  dass  Asklepius  zu 
dieser  Stelle  der  aristotelischen  Methaphysik  jedenfalls  übertreibend 
hinzufügte:  nicht  Vieles,  Alles  habe  Piaton  von  den  Pythagoräern  ent- 
nommen. Wie  nun  die  Pythagoräer  Mathematik  als  den  ersten 
Gegenstand  eines  wirklich  wissenschafllichen  Unterrichts  betrachteten, 
wie  die  Aegypter  ihre  Kinder  zugleich  mit  den  Buchstaben  in  den 
Anfangsgründen  der  Lehre  von  den  Zahlen,  von  den  auszumessenden 
Räumen  und  von  dem  Umlaufe  der  Gestirne  unterrichteten,  so  wollte 
auch  Piaton  verfahren  haben  ^).  Kein  Unkundiger  der  Geometrie  trete 
unter  mein  Dach,  ^rjdslg  aysco^EXQrjrog  eiöiroj  ^ov  trjv  6T£'yr]v,  war 
die  Ankündigung,  mit  welcher  der  angehende  Akademiker  empfangen 
wurde ^\  und  Xenokrates,  der  nächst  Speusippus  als  zweiter  Nach- 
folger Piatons  die  Akademie  leitete''),  blieb  ganz  in  den  Fussstapfen 
seines  Lehrers,  wenn  er  einen  Jüngling,  der  die  verlangten  geometri- 
schen Vorkenntnisse  noch  nicht  besass,  mit  den  Worten  zurückwies: 
Gehe,  Du  hast  die  Handhaben  noch  nicht  zur  Philosophie,  noQsvov 
laßäg  yccQ  ovx  £X£ig  (piloGocpiag^^ 

Piaton  war  in  dieser  Beziehung  so  sehr  Pythagoräer  geworden, 
dass  er  den  Gegensatz  nicht  scheute,  in  welchen  er  seinen  ältesten 
und  verehrtesten  Lehrer  Sokrates  scheinbar  zu  sich  selbst  setzte. 
Sokrates,  wie  Xenophon  in  seinen  Erinnerungen  ihn  schildert'), 
wollte  die  Geometrie  nur  so  weit  getrieben  wissen,  bis  man  Land  mit 
dem  Maassstabe  in  Besitz  nehmen  oder  übergeben  könne.  Der  So- 
krates in  Piatons  Dialogen,  dem  dieser  stets  die  Gesinnungen  in  den 
Mund  zu  legen  liebt,  die  ihn  selbst  erfüllen,  erklärt  dagegen^),  dass 


')  Ueber  Piaton  in  seinen  Beziehungen  zur  Mathematik  vergl.  C.  Blass, 
De  Piatone  mathematico.  Bonn,  1861,  und  B.  Rothlauf,  Die  Mathematik  zu 
Piatons  Zeiten  und  seine  Beziehungen  zu  ihr.  München,  1878.  ^)  Aristoteles, 
Metaphys.  I,  6.  ^)  Die  bezüglichen  Stellen  aus  Piatons  Staat  vergl.  bei  Roth- 
lauf 1.  c.  S.  12.  *)  Tzetzes,  Chil.  VIII,  972.  ^)  Diogenes  Laertius  I,  14 
*)  Diogenes  Laertius  IV,  10.  ')  Xenophon,  Memorabil.  IV,  7  und  ihm 
folgend  Diogenes  Laertius  II,  32.  *)  Die  Stellen  aus  Piatons  Staat  bei 
Rothlauf  S.  2  und  7. 


204  10.  Kapitel. 

die  ganze  Wissenschaft  doch  nur  der  Erkenntniss  wegen  betrieben 
werde.  Es  ist  bekanntlich,  sagt  er  auch,  in  Bezug  auf  jedes  Lernen, 
um  besser  aufzufassen,  ein  himmelhoher  Unterschied  zwischen  Einem, 
der  sich  mit  Geometrie  befasst  hat,  und  dem,  der  es  nicht  gethan  hat. 

Wir  verzichten  darauf  alle  Stellen  zu  sammeln,  an  welchen  Plato 
ähnliche  Gesinnungen  über  die  Mathematik  äussert,  und  zu  welchen 
auch  der  Ausspruch  (S.  171)  gehört,  dass  Gott  allezeit  geometrisch 
verfahre,  nur  eine  Bemerkung  über  das  Wort  Mathematik  wollen 
wir  hier  einschalten.  Von  einer  Wissenschaft  der  Mathematik  wusste 
Piaton  so  wenig  wie  seine  Zeitgenossen^).  Wohl  besassen  sie  das 
Wort  ^ad-y]ncira  (Lehrgegenstände),  aber  es  umfasste  Alles,  was  im 
wissenschaftlichen  Unterrichte  vorkam.  Erst  bei  den  Peripatetikern 
bekam  das  allgemeine  Wort  die  besondere  Bedeutung,  welche  wir  ihm 
gegenwärtig  noch  beilegen  und  umfasste  fortan  Rechenkunst  und 
Arithmetik,  Geometrie  der  Ebene  und  Stereometrie,  Musik  und  Astro- 
nomie, während  zugleich  auch  der  Name  der  Philosophie,  welcher  für 
Piaton  erst  die  wörtliche  Bedeutung  der  Weisheitsliebe  besass,  einer 
besonderen  Wissenschaft  zuertheilt  wurde. 

Die  Vorliebe  Piatons  für  mathematische  Dinge  äussert  sich  neben 
den  schon  berührten  Vorschriften  über  Jugenderziehung  in  seinem 
idealen  Staatswesen,  wo  ein  Schulzwang  innerhalb  der  einfachsten 
Lehrgegeustände  obwalten,  wo  Lesen,  Schreiben  und  Rechnen  allen 
Mädchen  wie  Knaben  beigebracht  werden  solP),  auch  darin,  dass  er 
in  vielen  seiner  in  Gesprächsform  geschriebenen  Abhandlungen  mathe- 
matische Beispiele  zur  Verdeutlichung  philosophischer  Gedanken  be- 
nutzt. Meistens  sind  diese  Bespiele  für  Laien  berechnet  und  darum 
laienhaft  einfach,  so  dass  dieselben  kaum  ein  Recht  haben  in  einer 
Geschichte  der  Mathematik  aufzutreten.  Wir  machen  eine  Ausnahme 
zu  Gunsten  der  früher  gradezu  berüchtigten  Kapitel  des  Menon^). 
Nicht  als  ob  es  sich  mit  deren  Inhalt  anders  verhielte,  aber  weil  wir 
früher  (S.  172)  auf  diese  Kapitel  uns  berufen  haben.  Sie  blieben  den 
Erklärern  platonischer  Gespräche  so  lange  unverstanden,  als  man  in 
ihnen  wunder  welche  tiefsinnige  Dinge  suchte.  Sie  wurden  kinderleicht 
und  klar,  sobald  der  Wortlaut  mit  den  Figuren  in  Zusammenhang 
gebracht  wurde,  welche  zwar  in  den  Handschriften  wie  in  den  Druck- 


^)  Rothlauf  S.  18—19.  ^)  l'laton,  Gesetze  pag.  805.  ^)  Vergl. 
Benecke,  Ueber  die  geometrische  Hypothesis  in  Piatons  Menon,  Elbing,  1867 
und  unsere  Besprechung  Zeitschr.  Math.  Phys.  Xlll,  Literaturzeitung  9  — 13. 
Friedleins  Programm  von  1873:  Beiträge  zur  Geschichte  der  Mathematik  III 
))flichtet  im  Ganzen  denselben  Ansichten  bei.  Roth  lauf  S.  64  huldigt,  trotz- 
dem er  ßeneckes  Programm  kennt,  einer  künstlichen,  wie  wir  überzeugt  sind, 
falschen  Meinung. 


Piaton. 


205 


/' 

\ 

\ 

/ 

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/ 

\ 

7. 

Fig.  34. 


ausgaben  fehlen,  von  welchen  man  aber  dem  Texte  gemäss  annehmen 
mnss,  class  sie  im  Laufe  des  Gespräches  in  den  Sand  gezeichnet  worden 
waren.  Diese  Figuren  dürften  zwei  an  der  Zahl  gewesen  sein,  ein 
einfacher  Kreis  und  eine  einigermassen  zusammengesetzte  Vereinigung 
mehrerer  gradliniger  Figuren  in  eine  einzige  (Figur  34),  die  wir  uns 
als  nach  und  nach  entstehend  zu  denken  haben. 
Den  Kreis  zeichnet  Sokrates,  um  als  Beispiel 
des  Runden  zu  dienen,  welches  eine  Figur, 
aber  nicht  die  Figur  überhaupt  sei^).  Im 
weiteren  Verlaufe  des  Gespräches^)  zeichnet 
Sokrates,  die  leitende  Persönlichkeit  der  Ab- 
handlung, ein  Quadrat  von  der  Seitenlänge  2 
mit  seinen  Mittellinien,  welche  die  Mittelpunkte 
je  gegenüberstehender  Seiten  verbinden.  Er 
erweitert  die  Figur  zur  vierfachen  Grösse,  d.  h. 
zum  Quadrat  mit  der  Seitenlänge  4,  und  innerhalb  dieses  grossen 
Quadrates  zum  Quadrat  mit  der  Seitenlänge  3,  das  aus  neun  Feldern 
besteht;  endlich  zeichnet  er  das  Quadrat  von  der  Fläche  8,  dessen 
Seiten  äie  Diagonalen,  oder,  wie  die  Sophisten  und  mit  ihnen 
Flaton  immer  sagten,  die  Diameter  der  vier  kleineren  Quadrate 
sind,  in  welche  das  grösste  Quadrat  von  der  Seitenlänge  4  zerfällt. 
Dieses  schrägliegende  Quadrat  von  der  Fläche  8  ist  doppelt  so  gross, 
als  das  ursprünglich  gegebene  Quadrat  von  der  Fläche  4,  und  es  kam 
Platou  grade  darauf  an  zu  zeigen,  dass  ein  solches  Quadrat  von 
doppelter  Grösse  als  ein  gegebenes  genau  und  leicht  gezeichnet  werden 
könne.  Es  war,  wie  ganz  richtig  bemerkt  worden  ist^),  der  Beweis 
des  pythagoräischen  Lehrsatzes  für  den  Fall  des  gleichschenklig  recht- 
winkligen Dreiecks,  der  hier  geliefert  wurde,  möglicherweise,  wie  wir 
(S.  172)  andeuteten,  der  älteste  von  Pythagoras  selbst  herrührende 
Beweis  dieses  ersten  und  einfachsten  Falles,  vorausgesetzt  dass  wirk- 
lich beim  Beweise  des  pythagoräischen  Lehrsatzes  ursprünglich  ver- 
schiedene Fälle  unterschieden  wurden.  Nachdem  mit  dieser  ersten 
und  zweiten  geometrischen  Exemplification  vollständig  abgeschlossen 
ist,  kehrt  Sokrates  an  einer  späteren  Stelle'*)  wieder  zur  Geometrie 
zurück,  um  ihr  ein  passendes  in  die  Sinne  fallendes  Beispiel  für  die 
eben   zwischen   ihm  und  Menon   erörterte  Frage,   ob  Tugend   lehrbar 


>)  Piaton,  Menon  73  E.  -)  Piaton,  Menon  82  B  bis  85  B.  ^)  Roth- 
lauf  S.  61.  Es  ist  nicht  ohne  Interesse,  dass  aucli  Leibniz  den  gleichen 
Beweis  verwerthet  hat,  um  den  algebraischen  Zusammenhang  zwischen  der  Seite 
und  der  Diagonale  eines  Quadrates  zu  erörtern.  Vergl.  dessen  Kova  algebrae 
promotio  in  der  durch  C.  J.  Gerhardt  besorgten  Ausgabe  der  mathematischen 
Schriften  von  Leibniz  VII,  155  (Halle  1863).     *)  Piaton,  Menon  86. 


206  10.  Kapitel. 

sei  oder  nicht,  zu  entnehmen.  Er  will  erörtern,  dass  das  Thunliche 
im  Allgemeinen  sich  selten  behaupten  lasse,  dass  es  Fälle  der  Mög- 
lichkeit wie  der  Unmöglichkeit  gebe.  Er  will  ein  recht  zutreffendes 
Beispiel  dafür  wählen,  und  da  bleibt  sein  ringsum  suchendes  Auge 
an  den  im  Sande  noch  erkennbaren  Figuren  haften.  Ist  es,  fragt  er, 
möglich  dieses  Quadrat  als  gleichschenklig  rechtwinkliges  Dreieck 
in  diesen  Kreis  auf  dem  Durchmesser  als  Grundlinie  genau  einzu- 
zeichnen? Unter  diesem  Quadrate  versteht  er  das  von  der  Seiten- 
länge 2,  dessen  Verwandlung  in  ein  gleichschenklig  rechtwinkliges 
Dreieck  aus  der  Figur  gleichfalls  zu  erkennen  war,  wo  das  gewünschte 
Dreieck  als  Hälfte  des  schräggezeichneten  Quadrates  erscheint.  So- 
krates  hat  die  Frage  gestellt,  er  gibt  auch  die  Antwort.  Sie  lautet 
ja  und  nein!  Es  wird  möglich  sein,  das  Verlangte  zu  thun,  wenn 
die  Seite  des  Quadrates  dem  Kreishalbmesser  gleich  ist,  oder,  was 
dasselbe  heisst,  wenn  sie  auf  dem  Durchmesser  aufgetragen  ein  ihr 
gleiches  Stück  übrig  lässt,  sonst  nicht.  Der  Wortlaut  ist  freilich  ein 
einigermassen  dunkler,  aber  auch  seine  philologische  Uebereinstim- 
mung  mit  diesem  hier  frei  erläuterten  Sinne  hat  nachgewiesen  werden 
können. 

Die  Stelle  des  Menou  ihrer  einstigen  Schwierigkeit  entkleidet 
enthält  freilich  nicht  mehr  den  Beweis,  dass  Piaton  mit  dieser  oder 
jener  feinen  geometrischen  Theorie  bekannt  war,  aber  sie  enthüllt 
uns  noch  immer  einen  ungemein  wichtigen  methodischen  Fortschritt  ^), 
der  um  diese  Zeit  sich  vollzog.  Sokrates  leitet  die  letzte  Auseinander- 
setzung durch  die  Worte  ein:  „Unter  der  Untersuchung  von  einer 
Voraussetzung  aus  verstehe  ich  das  Verfahren,  welches  die  Geometer 
oft  im  Auge  haben;  wenn  sie  Jemand  fragt,  z.  B.  über  eine  Fläche, 
ob  in  diesen  Kreis  die  Fläche  als  Dreieck  eingezeichnet  werden 
könne  u.  s.  w."  Es  war  mithin  damals  schon  oft  von  Geometern 
geschehen,  was,  wie  wir  im  vorigen  Kapitel  (S.  197)  sahen,  Hippo- 
krates  von  Chios  noch  unterliess.  Es  war  die  Frage  aufgeworfen 
worden,  ob  eine  Construction  möglich  sei  oder  nicht. 

In  der  Akademie  unter  Piatons  Leitung  wurden  sicherlich  diese 
und  ähnliche  Fragen  erörtert^).  Die  Philosophie  der  Mathe- 
matik ist  in  der  Akademie  entstanden.  So  führte  nach  Be- 
richten bei  Aristoteles,  aber  auch  nach  bestimmt  nachweisbaren  plato- 
nischen Stellen  Piaton  geometrische  Definitionen  ein,  welche  in  dem 


^)  Blas 9  in  seiner  Dissertation  De  Piatone  mathematico  pag.  20  scheint 
zuerst  die  grosse  methodische  Bedeutung  der  Stelle  Menon  86  erkannt  zu 
haben.  ^)  Zusammenstellungen  bei  Friedlein,  Beiträge  zur  Geschichte  der 
Mathematik  III,  S.  9  ügg.,  bei  Hankel  S.  135—136,  bei  Rothlauf  S.  51,  von 
denen  jede  irgend  etwas  eigenthümlich  hat,  was  in  den  anderen  fehlt. 


Piaton.  207 

von  ihm  gebrauchten  Wortlaut  ein  Alter  von  mehr  als  zwei  Jahr- 
tausenden erreicht  haben.  Die  Figur  ist  die  Grenze  des  Körpers, 
heisst  es  im  Menon').  Gerade  ist  doch,  wessen  Mitte  dem  beider- 
seitigen Aeussersten  im  Wege  ist,  heisst  es  im  Parmenides -) ,  und 
ebenda  wird  der  Kreis  definirt:  rund  ist  doch  wohl  das,  dessen  äusserste 
Theile  nach  allen  Seiten  hin  gleichweit  von  der  Mitte  abstehen.  Der 
Punkt  sei  die  Grenze  der  Linie,  die  Linie  die  Grenze  der  Fläche,  die 
Fläche  die  Grenze  des  Körpers  genannt  worden,  sagt  uns  Aristoteles; 
der  Körper  sei  das,  was  drei  Ausdehnungen  besitze;  die  Linie  sei 
Länge  ohne  Breite.  Dass  auch  Grundsätze,  wie  der  häufig  bei  Aristo- 
teles erwähnte,  dass  Gleiches  von  Gleichem  abgezogen  Gleiches  übrig 
lasse,  schon  der  Akademie  angehört  haben  werden,  ist  nicht  in 
Zweifel  zu  ziehen.  Wohl  aber  dürfte  es  in  ähnlicher  Weise  wie  bei 
den  Pythagoräern  schwer  sein,  innerhalb  der  Akademie  eine  Sonde- 
rung des  geistigen  Besitzes  von  Piaton  und  seinen  Schülern  vorzu- 
nehmen, zu  ermitteln,  was  von  den  Definitionen,  von  den  Grundsätzen 
dem  Einen,  was  den  Anderen  angehört. 

Auf  dem  Gebiete  mathematischer  Methodik  ist  es  noch  eine 
einen  gewaltigen  Fortschritt  eröffnende  Erfindung,  welche  Piaton  zu- 
geschrieben wird:  die  Erfindung  der  analytischen  Methode.  Wir 
haben  darüber  eine  ganz  kurze  Notiz  des  Diogenes  Laertius:  Piaton 
führte  zuerst  die  analytische  Methode  der  Untersuchung  für  Leodamas 
von  Tasos  ein^'),  und  eine  ausführlichere  des  Proklus:  Es  werden 
auch  Methoden  angeführt,  von  denen  die  beste  die  analytische  ist, 
die  das  Gesuchte  auf  ein  bereits  zugestandenes  Princip  zurückführt. 
Diese  soll  Piaton  dem  Leodamas  mitgetheilt  haben,  der  dadurch  zu 
vielen  geometrischen  Entdeckungen  soll  hingeleitet  worden  sein.  Die 
zweite  Methode  ist  die  trennende,  die,  indem  sie  den  vorgelegten 
Gegenstand  in  seine  einzelnen  Theile  zerlegt,  dem  Beweise  durch 
Entfernung  alles  der  Construction  der  Aufgabe  Fremdartigen  einen 
festen  Ausgangspunkt  gewährt;  auch  diese  rühmte  Piaton  sehr  als 
eine  für  alle  Wissenschaften  förderliche.  Die  dritte  Methode  ist  die 
der  Zurückführuug  auf  das  Unmögliche,  welche  nicht  das  zu  Findende 
selbst  beweist,  sondern  das  Gegentheil  desselben  bestreitet  und  so 
die  Wahrheit  durch  Uebereinstimmung  findet^).  Endlich  gehören 
hierher  die  beiden  bei  Euklid  erhaltenen  Definitionen:  Analysis  ist 
die  Annahme  des  Gesuchten  als    zugestanden  durch  Folgerungen  bis 


')  Piaton,  Menon  76.  ^)  Platon,  Parmenides  137  E.  Wie  diese 
Stelle  zu  verstehen  sei,  kann  man  bei  Proklus  (ed.  Friedlein)  pag.  109  lin.  21 
bis  pag.  110  lin.  4  nachlesen.  Vergl.  Majers  Programm  des  Kön.  Gymnasiums 
in  Stuttgart  für  1880— 81,  S.  14.  ^'j  Diogenes  Laertius  III,  24.  ^)  Proklus 
(ed.  Friedlein)  pag.  211,  lin.  18  — pag.  212,  lin.  4. 


208  10.  Kapitel. 

ZU  einem  als  wahr  Zugestandenen.  Synthesis  ist  die  Annahme  des 
Zugestandenen  durch  Folgerungen  bis  zu  dem  Erschliessen  und  Wahr- 
nehmen des  Gesuchten^)  und  die  dem  Sinne  nach  damit  überein- 
stimmenden im  Wortlaute  viel  ausführlicheren  Erörterungen  des 
Pappus  ^). 

Die  Sache  verhält  sich  folgendermassen "').  Soll  die  Wahrheit 
eines  Satzes  D  bewiesen  oder  widerlegt  werden  —  beides  kann  mau 
verlangen  —  so  sagt  der  Analytiker:  Wenn  D  stattfindet  ist  C  wahr; 
wenn  C  stattfindet  ist  B  wahr;  wenn  JB  stattfindet  ist  A  wahr;  aus 
D  folgt  also  endlich  A]  nun  ist  A  wahr  oder  nicht  wahr,  also  ist 
auch  D  wahr  oder  ist  es  nicht.  Der  Synthetiker  dagegen  beginnt  mit 
der  Behauptung  der  Wahrheit  von  A,  welche  ihm  auf  irgend  eine 
Weise  bekannt  ist.  Daran  knüpft  er  die  Folgerung,  es  werde  B 
stattfinden,  folglich  sei  auch  ü  wahr,  und  folglich  sei  D  wahr  —  oder 
möglicherweise  ein  Satz,  der  das  Gegentheil  von  D  bezeichnet,  und 
den  man  deshalb  Nicht -i)  zu  nennen  pflegt.  Es  ist  einleuchtend, 
dass  der  synthetische  Beweis  unter  allen  Umständen  richtig 
ist,  der  analytische  aber  nicht.  Zur  Richtigkeit  desselben  ge- 
hört nämlich,  dass  die  in  dem  analytischen  Beweise  aufgestellten 
gleichzeitigen  Wahrheiten  auch  in  umgekehrter  Reihenfolge  sich 
gegenseitig  bedingen,  mathematisch  ausgedrückt,  dass  man  lauter 
umkehrbare  Sätze  aussprach.  Von  der  Nothwendigkeit  diese  Um- 
kehrbarkeit selbst  zu  erweisen  ist  man  nur  in  einem  Falle  befreit, 
wenn  nämlich  das  aus  TJ  geschlossene  A  nicht  wahr  ist.  Dann  frei- 
lich kann  I)  nun  und  nimmermehr  stattfinden.  Das  heisst:  die  Be- 
weisform der  Zurückführung  auf  das  Unmögliche  ist  eine  immer  ge- 
stattete Unterart  des  analytischen  Beweises;  der  direkte  analytische 
Beweis  dagegen  erfordert  stets  eine  Ergänzung,  welche  rückwärts 
gehend  die  Sätze  synthetisch  aus  einander  ableitet,  deren  Behaup- 
tungen die  vorausgehende  analytische  Methode  kennen  lehrte.  Aus 
diesen  Betrachtungen  gehen  nun  mehrere  Folgerungen  hervor. 

Erstlich  die,  dass  die  analytische  Methode,  vermöge  der  Noth- 
wendigkeit ihr,  falls  sie  direkt  zu  Werke  ging,  eine  Synthese  folgen 
zu  lassen,  weniger  für  die  Beweisführung  von  Sätzen,  dagegen  vor- 
trefflich für  die  Auflösung  von  Aufgaben  sich  eignet,  bei  welchen 
die   analytisch  gefundene  Auflösung    meistens   die    nothwendige  Vor- 


»)  Euklid  XIII,  1.  Anmerkung.  ^)  Pappus,  VII  Praefatio  (ed. 
Hultsch)  pag.  634  flgg.  ^)  Hübsche  Entwicklungen  über  die  analytische 
Methode  der  Alten  bei  Oft  erdinger,  Beiträge  zur  Geschichte  der  griechischen 
Mathematik.  Ulm,  1860.  Duhamel,  Des  methodes  dans  les  sciences  de  raisonne- 
ment.  Paris,  1865 — 1866.  Besonders  T.  I,  chap.  10.  De  Vanahjse  et  de  la  Syn- 
these chez  les  anciens.     Hankel  137 — 150. 


Piaton.  209 

aussetzung  zur  Entdeckung  ihres  synthetischen  Beweises  bildet,  und 
in  der  That  spielt  die  Analysis  ihre  Hauptrolle  in  dem  sogenannten 
aufgelösten  Orte,  d.  h.  bei  Aufgaben,  die  einen  geometrischen  Ort 
oder  eine  Aufeinanderfolge  von  Punkten  betreffen,  deren  jeder  sich 
einer  gewissen  Eigenschaft  erfreut,  welche  ihrerseits  keinem  anderen 
Punkte  ausserhalb  des  Ortes  zukommt. 

Zweitens  scheint  die  indirekte  Methode  der  Zurückführung  auf 
das  Unmögliche,  die  sogenannte  apagogische  Beweisführung^) 
wegen  ihrer  unbedingten  Giltigkeit  vorzuziehen.  In  der  That  haben 
die  Alten  sich  derselben  wenn  auch  nicht  serade  überwiegend  doch 
viel  häufiger  als  die  modernen  Geometer  bedient.  Namentlich  bei 
den  Sätzen,  in  welchen  eine  sogenannte  Exhaustion  vorgenommen 
wird,  wo  also  der  Grenzbegriff  das  unmittelbare  Erreichen  des  Zieles 
ausschliesst  und  nur  die  synthetische  Hypothese  des  Unendlichkleinen 
als  Ersatz  zu  dienen  vermag,  wird  man  bei  griechischen  Schrift- 
stellern stets  Beweisen  aus  dem  Gegentheil  begegnen.  Wir  haben 
zugleich  angedeutet,  dass  in  neuerer  Zeit  die  indirekten  Beweise  nicht 
beliebt  sind.  Der  Grund  liegt  darin,  dass  bei  aller  zwingenden  Strenge 
für  den  Verstand  der  indirekte  Beweis  der  Einbildungskraft  keine 
vollständige  Befriedigung  zu  gewähren  pflegt.  Ungezügelt  umher- 
schweifend sucht  sie  noch  immer  dritte  Fälle  ausfindig  zu  machen, 
welche  neben  der  Existenz  von  Nicht- D  eine  Coexistenz  von  D  zu- 
lassen, und  nur  schwer  gibt  sie  sich  gefangen,  dass  wirklich  die  Ein- 
theilungstheile  des  Eintheilungsganzen  vollständig  erschöpft  wurden, 
dass  wirklich  zwei  sich  ausschliessende  Thatsachen  vorliegen,  die 
nicht  gleichzeitig  gesetzt  werden  können. 

Drittens  liegt,  wie  wir  gesehen  haben,  jedem  Beweise,  werde  er 
analytisch  oder  synthetisch,  direkt  oder  indirekt  geführt,  die  Wahr- 
heit eines  gewissen  Satzes  Ä  zu  Grunde,  deren  man  sich  versichert 
halten  muss.  In  vielen  Fällen  wird  dieses  Ä  Ergebniss  früherer 
Lehrsätze  und  gehörigen  Ortes  streng  erwiesen  sein.  Allein  immer 
ist  dieses  nicht  der  Fall  und  kann  es  nicht  der  Fall  sein,  da  eine 
unendliche  Kette  von  Rückschlüssen  nicht  denkbar  ist.  Irgend  ein- 
mal muss  man  stehen  bleiben  und  eine  Grundwahrheit  als  von  selbst 
einleuchtend  oder  erfahrungsmässig  gegeben  zum  Ausgangspunkte 
der  Beweisführung  annehmen.  Wer  also  wie  Piaton  auf  das  Wesen 
der  Beweisführung  selbst  einging,  musste  auf  dem  Wege  dieser  Unter- 
suchung das  thun,  was  wir  oben  von  Piaton  berichtet  haben.  Er 
musste  Definitionen   geben,    welche  der  unendlichen  Spaltung  der 


')  icicaycoyi]  blq  uSvvuTov,  lateinisch  reductio  ad  adsurdum  oder  demonstratio 
c  contrario. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  ]4 


210  10.  Kapitel. 

Beerriffe  zu  Gunsten  einfacher  Begriffe  ein  Ziel  setzten;  er  musste 
auch  Axiome,  Grundsätze  und  Annahmen,  anerkennen,  welche  mau 
nicht  weiter  beweist,  sei  es  dass  sie  als  von  unmittelbarer  Gewiss- 
heit nicht  mehr  bewiesen  zu  werden  brauchen,  oder  dass  sie  nicht 
bewiesen  werden  können. 

Wir  kehren  von  dieser  das  Wesen  antiker  geometrischer  Beweis- 
führung berührender  Auseinandersetzung,  zu  welcher  die  mathema- 
tischen Kapitel  im  Menon  uns  fast  mehr  Gelegenheit  als  Veran- 
lassung boten  zu  einer  anderen  Schrift  Piatons  und  einer  nicht 
minder  übelberüchtigten  Stelle  derselben  zurück.  Wir  meinen  den 
Anfang  des  VIII.  Buches  vom  Staate^).  Auch  diese  Stelle  hat 
eine  ganze  Literatur  hervorgerufen^),  welche  jedoch  unserem  Gefühle 
nach  noch  nicht  vermochte,  die  Schwierigkeiten  der  sehr  dunkeln 
Anspielungen,  in  welchen  Piaton  sich  hier  gefällt,  endgiltig  zu  lösen. 
Gehen  doch  die  Ansichten  so  weit  auseinander,  dass  nicht  bloss  über 
den  Sinn  der  sogen,  platonischen  Zahl,  sondern  über  ihre  Grösse  selbst 
ein  Einverständniss  nicht  herrscht.  Nur  ein  wie  beiläufig  eingeschal- 
teter kleiner  Satz  dieser  Stelle  gibt  uns  Anlass  zu  einer,  wie  wir 
glauben,  geschichtlich  wichtigen  Bemerkung.  Es  ist  unserer  Mei- 
nung nach  von  der  Länge  der  Diagonale  des  Quadrates  über  der 
Seite  5  die  Rede,  welche  rational  ausfalle,  wenn  1  fehle,  irrational 
wenn  2  fehlen^),  und  wir  können  das  nicht  anders  verstehen,  als 
dass  jene  Diagonale  oder  ]/50  in  den  rationalen  Werth  7  übergehe, 
wenn  die  Zahl  50  um  1  verringert  werde,  dagegen  irrational  ]/48 
bleibe,  wenn  man  2  von  den  50  abziehe.  Wir  haben,  wo  von  der 
Entdeckung  des  Irrationalen  durch  Pythagoras  (S.  169)  die  Rede 
war,  hervorgehoben,  man  werde  wohl  Versuche  angestellt  haben,  die 
Diagonale  eines  Quadrates  dadurch  aussprechbar,  also  rational,  zu 
machen,  dass  man  andere  und  andere  Seitenlängen  wählte,  man  werde 
so  zwar  das  wirklich  angestrebte  Ziel  natürlich  nicht  erreicht,  aber 
doch  Näherungswerthe  von  y2  gefunden  haben.  Die  eben  angeführte 
platonische  Stelle  bringt  uns  diesen  Gegenstand  in's  Gedächtniss 
zurück.  —  Wir  möchten  einschalten,  dass  von  Architekten  bei  Nach- 
messungen an  den  Bauwerken  der  Akropolis  das  häufige  Vorkommen 
der  Verhältnisse  1:3    sowie  7:12  und  7^:12^  bemerkt  worden  isf*). 

1)  Piaton,  Staat  546  B,  C.  ^)  Vergl.  Th.  Henri  Martin,  le  nomhrc 
nuptial  et  le  nombre  paifait  de  Platon  im  Xlll.  Bande  der  Kevue  archeologiquc 
und  Rothlauf  S.  29  &gg.  Bei  Martin  insbesondere  finden  sich  zahlreiche 
Verweisungen  auf  ältere  Abhandlungen.  Seitdem  sind  noch  zahlreiche  Arbeiten 
von  Adam,  Demme,  Dupuis,  Gow,  Hultsch,  Tanne ry  veröffentlicht  worden. 
^)  anb  diccfi^TQOiv  qt^twv  TtsfinäSog,  dsofisvwv  svbg  fnäczcav ,  cc^qtjtcov  Ss  dvstv, 
••)  Hultsch  in  Fleckeisen  u.  Masius,  Neue  Jahrbücher  für  Philologie  und 
Pädagogik  Bd.  123,  S.  586—587. 


Piaton.  211 

Uns  scheint  das  letztere  dem  ersten  als  gleichwerthig  gedacht  worden 
ZU  sein,  so  dass         einen  Näherungswerth  von   ]/3    darstellte,     und 

Piaton,  meinen  wir,  hat  auch  gewusst,  dass  |/5Ö  oder  5]/2  nur  wenig 
von  7  sich  unterscheidet.  Ist  er  so  weit  gegangen  in  der  Praxis 
des  Rechnens  ]/2   annähernd   gleich  -p-  zu  setzen?     Darüber  fehlt 

uns  die  Sicherheit,  aber  das  steht  fest,  dass  jenes  Bewusstsein  bei 
Platonikeru  und  deren  Schülern  sich  fortwährend  erhalten  hat. 
Proklus  sagt  uns  ausdrücklich,  es  gebe  keine  Quadratzahl,  welche 
das  Doppelte  einer  Quadratzahl  anders  als  nahezu  sei;  so  sei  das 
Quadrat  von  7  das  Doppelte  des  Quadrates  von  5,  an  welchem 
nur  1  fehle ').  Es  wird  uns  später  gelingen,  den  Näherungswerth 
1/2  ==-.-  noch  bestimmter  nachzuweisen  und  damit  die  Wahrschein- 
lichkeit  zu  erhöhen,  dass  die  Nutzbarmachung  jener  bei  Piaton 
nachgewiesenen  Kenntniss  in  der  That  stattgefunden  habe.  Dass 
nämlich  Piaton  sich  mit  rationalen  und  mit  irrationalen  Quadrat- 
wurzeln überhaupt  beschäftigt  hat,  geht  aus  einer  anderen  Nachricht 
hervor,  von  der  jetzt  die  Rede  sein  soll. 

Heron  von  Alexahdria"-)  und  ebenso  auch  Proklus^)  theilen  uns 
eine  Methode  zur  Auffindung  rationaler  rechtwinkliger  Drei- 
ecke mit,  welche  sie  ausdrücklich  als  Erfindung  des  Piaton  be- 
zeichnen, und  wenn  auch  Boethius  von  dieser  Angabe  abweichend 
einen  Architas  als  Erfinder  nennt  ^),  so  tragen  wir  doch  kein  Be- 
denken, dem  älteren  griechischen  Berichterstatter  den  Vorzug  der 
Glaubwürdigkeit  vor  dem  jüngeren  römischen  Schriftsteller  zu  ge- 
währen. Schon  Pythagoras  fand,  wie  wir  uns  erinnern  (S.  173),  ratio- 
nale rechtwinklige  Dreiecke,  indem  er  wohl  davon  ausging,  den 
Unterschied  zwischen  der  Hypotenuse  a  und  der  grösseren  Kathete  h 
der  Einheit  gleich  zu  setzen,  wodurch  er  genöthigt  war  die  Summe 
der  Hypotenuse  und  derselben  Kathete  in  Form  einer  sonst  be- 
liebigen ungeraden  Quadratzahl  zu  wählen.  War  solches  in  der  That 
der  Weg,  auf  welchem  Pythagoras  zu  seinen  Werthen  gelangte,  so 
musste  ein  nächster  Versuch  jene  Differenz  a  —  h  =  2  setzen,  und 
die  ihr  ähnliche  Flächenzahl  a-\-h  musste  dann  das  Doppelte  einer 
Quadratzahl  oder  2  a-  sein,  beziehungsweise  die  Hälfte  einer  geraden 
Quadratzahl  ^^  .  Dann  wurde  von  selbst  c  =  2a,  h  =  a^  —  \, 
a  =  a^-\-l,  und  genau  so  verfuhr  Piaton.  Proklus  sagt  uns  mit 
einer   Deutlichkeit,    die    nichts    zu    wünschen    übrig    lässt:    Piatons 

')  Proklus(ed.  Friedlein) pag.  427,  lin.  21— 24.  ^)  Heron  (ed.  Hultsch) 
Geometria  pag.  57.  ^)  Proklus  (ed.  Friedlein)  pag.  428.  •*)  Boethius  (ed. 
Fried  lein)  Geometria  pag.  408. 

14* 


212  10.  Kapitel. 

Methode  geht  Yon  der  geraden  Zahl  aus;  man  nimmt  nämlich  eine 
gerade  Zahl  an  und  setzt  sie  gleich  einer  der  beiden  Katheten;  wird 
diese  halbirt,  die  Hälfte  quadrirt  und  zu  diesem  Quadrate  die  Ein- 
heit addirt,  so  ergibt  sich  die  Hypotenuse;  wird  aber  die  Einheit 
vom  Quadrate  subtrahirt^  so  erhält  man  die  andere  Kathete. 

So  dienen  beide  Methoden,  die  des  Pythagoras  und  die  des 
Piaton,  einander  zur  Ergänzung  und  rechtfertigen  gegenseitig  die 
Vermuthungen,  welche  wir  darüber  aussprachen,  wie  man  dieselben 
gefunden  haben  mag.  Piaton  erscheint  uns  dabei  nicht  sowohl  er- 
findungsreich, als  dass  er  vorher  betretene  Wege  umsichtig  zu  gehen 
wusste.  Er  muss  jedenfalls  auf  der  Höhe  des  mathematischen  Wis- 
sens seiner  Zeit  gestanden  haben,  mag  ihn  im  mathematischen  Können 
dieser  oder  jener  übertrofFen  haben.  Seine  für  die  damalige  Zeit 
grosse  mathematische  Gelehrsamkeit  wird  durch  Alles,  was  wir  von 
ihm  wissen,  bestätigt.  Wir  erinnern  uns  des  reichen  für  die  Ge- 
schichte der  Mathematik  bei  den  Pythagoräern  von  uns  ausgenutzten 
Inhaltes  des  platonischen  Timäus.  Die  Zusammensetzung  regelmässiger 
ebener  Figuren  aus  rechtwinkligen  Dreiecken,  die  Bildung  der  fünf 
regelmässigen  Körper  waren  ihm  bekannt.  Wenn  auch  Pappus  diese 
letzteren  gradezu  als  solche  bezeichnet,  von  denen  bei  Piaton  die 
Rede  sei^),  so  wissen  wir  doch,  dass  Piaton  keineswegs  der  Erfinder 
war.  Die  eigentliche  Stereometrie  scheint  übrigens,  trotz  der  Kennt- 
niss  der  regelmässigen  Körper,  damals  noch  recht  im  Argen  gelegen 
zu  haben.  „Hinsichtlich  der  Messungen  von  Allem,  was  Länge,  Breite 
und  Tiefe  hat,  legen  die  Griechen  eine  in  allen  Menschen  von  Natur 
vorhandene  ebenso  lächerliche  als  schmähliche  Unwissenheit  an  den 
Tag",  sagt  Piaton  ■^)  und  fährt  in  wenig  gewählter  Ausdrucks  weise 
fort,  es  sei  in  dieser  Beziehung  bestellt  „nicht  wie  es  Menschen, 
sondern  wie  es  Schweinen  geziemt,  und  ich  schämte  mich  daher 
nicht  bloss  über  mich  selbst,  sondern  für  alle  Griechen".  Am  wei- 
testen entwickelt  war  die  Arithmetik.  Dass  Piaton  über  die  Pro- 
portionenlehre, über  die  Begrifi^e  von  Flächen  zahlen  und  Körperzahlen 
Herr  war,  wissen  wir  aus  dem  Timäus.  Wir  erinnern  uns  auch,  dass 
(S.  154)  ein  besonderer  Fall  der  pythagoräischen  Sätze  über  geome- 
trische Mittel  zwischen  Flächenzahlen  und  zwischen  Körperzahlen  als 
platonisch  genannt  wird^).  Wir  können  noch  zwei  andere  Stellen 
platonischer  Schriften  anführen,  welche  für  seine  Kenntnisse  in  der 
Arithmetik  von  Wichtigkeit  sind.  Im  Phädon  sagt  Piaton  die  ganze 
eine  Hälfte    der  Zahlen   sei  grad,    die  andere    sei  ungrad*),     In  den 

')  PiippuB  V,  19  (etl.  Hultsch)  pag.  352.  *)  Piaton,  Gesetze  pag.  805. 
^)  Nicomachus,  Eisagoge  arithm.  II,  24,  G  (ed.  Hoche)  pag.  129.  *)  Pia- 
ton, Phuedon  pag.  104. 


Piaton.  213 

Gesetzen  weiss  er,  dass  die  Zahl  5040  durcli  59  verschiedene  Zahlen 
theilbar  ist,  unter  welchen  sämmtliche  Zahlen  von  1  bis  10  sich  be- 
finden^). Das  sind  in  der  That  ganz  anständige  Kenntnisse,  wenn 
wir  auch  natürlich  annehmen,  dass  die  Theiler  von  5040  empirisch 
gefunden  und  gezählt  wurden.  Vielleicht  kann  das  Aufsuchen  der 
Theiler  doch  in  Zusammenhang  mit  einer  Bekanntschaft  mit  be- 
freundeten und  mit  vollkommenen  Zahlen  gedeutet  werden  müssen, 
wenn  wir  auch  (S.  157)  uns  sträubten,  diese  in  so  frühe  Zeit  zu 
verlegen.  Aber  wie  kam  man  dazu,  die  Zahl  5040,  das  Produkt  der 
auf  einander  folgenden  Zahlen  von  1  bis  7,  zur  Untersuchung  zu 
wählen?    Auf  diese  Frage  wissen  wir  keine  Antwort. 

Eine  Erfindung  Piatons  wird  uns  berichtet,  welche  ihm  als 
Geometer  alle  Ehre  macht,  und  welche  somit  den  ersten  Theil  dessen, 
was  das  Mathematikerverzeichniss  von  Piaton  zu  sagen  weiss,  ebenso 
voll  bestätigt,  wie  der  zweite  Theil  jener  Charakteristik  in  unserer 
seitherigen  Darstellung  zur  Geltung  kam.  Wir  müssen  nachholend 
diese  Schilderung  hier  einschalten. 

„Piaton,  der  auf  diese  (Hippokrates  und  Theodorus)  folgte,  ver- 
schaffte sowohl  den  anderen  Wissenschaften  als  auch  der  Geometrie 
einen  sehr  bedeutenden  Zuwachs  durch  den  grossen  Fleiss,  den  er 
bekanntlich  auf  sie  verwandte.  Seine  Schriften  füllte  er  stark  mit 
mathematischen  Betrachtungen  und  hob  überall  hervor,  was  von 
der  Geometrie  sich  in  bemerkenswerther  Weise  an  die  Philosophie 
anschliesst." 

Vielleicht  ist  unter  dem  bedeutenden  Zuwachse,  der  durch  Pia- 
tons Fleiss  der  Geometrie  verschafft  wurde,  seine  Auflösung  der 
Aufgabe  von  der  Würfelverdoppelung  verstanden,  welcher  wir 
uns  hiermit  zuwenden.  Freilich  steht  es  schlimm  mit  derselben, 
wenn  die  Meinung  derer  sich  als  richtig  erweisen  sollte,  welche  den 
ganzen  darüber  ims  zugekommenen  Bericht  anzweifeln.  Wir  wollen 
die  schwerwiegenden  Bedenken  derselben  nachträglich  erörtern  und 
für's  Erste  dem  Berichte  selbst  hier  einen  Platz  einräumen. 

Eutokius  von  Askalon  hat  im  VI.  S.  einen  Commentar  zu 
des  Archimed  Schrift  über  Kugel  und  Cylinder  verfasst  und  in  diesen 
Commentar  sehr  wichtige  Mittheilungen  über  die  Aufgabe  der  Würfel- 
verdoppelung eingeflochten.  Dorther  kenneu  wir  den  Brief  des  Era- 
tosthenes  über  jenes  Problem  (S.  199),  dorther  eine  ganze  Anzahl 
von  uuter  einander  verschiedenen  Auflösungen,  darunter  solche  von 
Piaton,  von  Menächmus,  \on  Archytas.  Die  Auflösung  des 
Archytas  hat  Eutokius  dem  Eudemus   entnommen,    und   bei   der  un- 


')  Piaton,  Gesetze  pag.  737. 


214 


10.  Kapitel. 


bedingten  Zuverlässigkeit  dieses  Gewährsmarmes  ist  an  der  Genauig- 
keit des  Berichtes  nie  der  leiseste  Zweifel  erhoben  worden.  Woher 
stammen  die  übrigen  Auflösungen?  Eutokius  sagt  es  uns  nicht,  aber 
er  leitet  den  ganzen  Bericht  damit  ein,  er  wolle  die  Gedanken  der 
Männer,  welche  auf  uns  gekommen  sind,  ersichtlich  machen.  Sollte 
in  Zusammenhang  mit  dieser  Erklärung  sein  Schweigen  nicht  beredt 
genug  sein?  Sollte  es  nicht  zu  verstehen  geben,  dass,  wo  eine  zweite 
Quelle  nicht  genannt  wurde,  die  Originalschriften  selbst  von  Eutokius 
benutzt  wurden,  oder  doch  solche,  welche  er  für  die  Originalschrifteu 
hielt?  Sollte  der  Umstand,  dass  die  Auflösungen  als  solche  richtig 
sind  und  somit  die  Unverletztheit  des  Gehaltes  der  Schriften,  von 
welchen  Eutokius  Gebrauch  machte,  verbürgen,  nicht  auch  bei  Prü- 
fung der  Richtigkeit  der  Namen,  unter  welchen  die  Auflösungen 
mitgetheilt  sind,  von  Gewicht  sein?  Unter  den  von  Eutokius  mit- 
getheilten  Auflösungen  steht  die  Piatons  an  der  Spitze,  muthmass- 
lich  wegen  der  grossen  Berühmtheit  des  Verfassers.  Jedenfalls  ist 
eine  Zeitfolge  der  Auflösungen  aus  der  Anordnung,  in  welcher  sie 
bei  Eutokius  erscheinen,  in  keiner  Weise  zu  entnehmen.  Sie  sind 
vielmehr  bunt  durcheinander  gewürfelt,  und  um  nur  solche  Männer  zu 
zu  nennen,  deren  Zeitalter  durch  Jahrhunderte  getrennt  liegen,  bei 
denen  also  ein  Zweifel  unmöglich  ist,  kommt  Heron  vor  Apollonius, 
Pappus  vor  Menächmus  zu  stehen. 

Das    Verfahren    des    Platon^)    beruht    auf    einer    Vorrichtung, 
welche    sich  (Figur  35)    als   Rechteck  AAEZ   mit  zwei  festen   und 

zwei  in  paralleler  Lage  verschiebbaren 
Seiten  EA  und  AA  bezeichnen  lässt. 
Mittels  gehöriger  Verschiebung  der  be- 
weglichen Seiten  nebst  entsprechender 
^  Drehung  der  ganzen  Vorrichtung  soll 
unter  vorheriger  Annahme  der  Länge 
von  zwei  zu  einander  senkrechten  Linien 
AB=b,  Br=a  Folgendes  bewirkt 
werden:  A  soll  in  den  Durchschnitt  der 
festen  ZA  mit  der  beweglichen  AA,  F 
auf  die  zweite  feste  Seite  ZE,  zugleich 
der  Eckpunkt  E  des  Rechtecks  auf  die 
Verlängerung  von  AB  und  endlich  der  zweite  Durchs chnittspimkt 
der  beweglichen  AA  mit  der  beweglichen  EA  auf  die  Verlängerung 
von  FB  fallen.  Nennen  wir  nun  BE  =  x,  BA  =  y,  so  ist  im  recht- 
Avinkligen  Dreiecke  FAE  die  BE  senkrecht  aus  der  Spitze  des  rechten 


Hg.  35. 


')  Archimedis  Opera  ed.  Heiberg.     Leipzig,  1880—81.    111,  66  sqq. 


Piaton. 


215 


Winkels  auf  die  Hypotenuse  gefallt,  und  die  gleiche  Rolle  spielt  die 
5z/  im  rechtwinkligen  Dreiecke  AAE.  Folglich  ist  a:x  ^=  x:  ij 
und  x:y  =  y:h.  Mithin  sind  x  und  y  die  beiden  mittleren  Pro- 
portionalen, welche  zwischen  n  und  h  eingeschaltet  werden  mussten, 

x  =  a  -y  —  und  unter  der  Voraussetzung  b  =  2  a  endlich  x  =  a  y2. 

Wir  bemerken^),  dass  dieses  Verfahren,  sofern  es  von  Piaton  her- 
rührt, uns  ein  Zeugniss  dafür  ist,  dass  damals  griechische  Geometer 
den  Satz  kannten,  dass  die  Senkrechte  aus  der  Spitze  des  rechten 
Winkels  auf  die  Hypotenuse  eines  rechtwinkligen  Dreiecks  das  geo- 
metrische Mittel  zwischen  den  Stücken  ist,  in  welche  sie  die  Hypo- 
tenuse zerlegt.  Wir  bemerken  ferner,  dass  hier  das  erste  Beispiel 
einer  Bewegungsgeometrie  vorliegt,  die  in  späteren  Zeiten  gradezu 
den  Charakter  einer  Methode  annahm''^). 

Wir  stellen  neben  dieses  Verfahren  sofort  dasjenige,  welches 
Eutokius  uns  nach  Eudemus  von  Archytas  berichtet^).  Es  stimmt, 
wie  wir  sehen  werden,  vollkommen  zu  den  Worten  im  Briefe  des 
Eratosthenes :  „Der  Tarentiner  Archytas  soll  sie  vermittelst  der  Halb- 
cylinder  aufgefunden  haben."  Es 
seien  (Fig.  36)  A^  =  h  und  AB  ==  a 
die  beiden  Geraden,  zwischen  welche 
zwei  mittlere  Proportionalen  einzu- 
schalten sind.  Die  Grössere  A^ 
wird  als  Durchmesser  eines  Halb- 
kreises benutzt,  in  welchen  die  klei- 
nere AB  als  Sehne  eingezeichnet 
wird.  Aber  auch  senlvrecht  zu  die- 
sem ersten  Halbkreise  wird  über  AzJ 
ein  zweiter  Halbkreis  errichtet,  der 
in  A  befestigt  über  die  Ebene  AB^ 
weggeschoben  werden  kann.  Er  bil- 
det dabei  auf  dem  über  dem  Halbkreise  AB^  errichteten  Halb- 
cy linder  eine  krumme  Linie.  Andererseits  ist  das  Dreieck  AztU 
gegeben  durch  die  Ä^,  die  AB  und  die  Berührungslinie  z//7  an  den 
Halbkreis  in  A.  Dieses  Dreieck  liefert  um  AA  als  Axe  in  Drehung 
versetzt  eine  Kegeloberfläche,  welche  gleichfalls  den  Halbcylinder  und 
die  vorher  auf  ihm  erzeugte  Curve  schneidet,  letztere  in  einem  Punkte 
K,  der  als  dem  Halbcylinder  angehörend  senkrecht  über  einem 
Punkte    I   des    Halbkreisbogens  ABA   liegen    muss.     Während   AU 


Fig.  36. 


•*)  Vergl.  Bretschneider  142.      -)  Wöpcke,   L'algebre  d'Omar  Alkhay- 
yämi  (Paris,  1851)  pag.  120.       ^)  Archimedcs  (ed.-üeiberg)  III,  98  sqq. 


216  10.  Kapitel. 

die  Keo-eloberfläclie  beschreibt,  beschreibt  endlich  auch  das  Stück  JB 
dieser  Geraden  eine  Fläche  gleicher  Art,  beziehungsweise  der  Punkt  B 
einen  Halbkreis  BMZ,    der    senkrecht  zur  Horizontalebene    ABAZ 
steht.     Da  zu  dieser  Ebene  auch  AKA'   senkrecht  steht,    so  ist  zu 
ihr    auch    M®    senkrecht,    die    Durchschnittsgerade    der   beiden    ge- 
nannten Ebenen,    beziehungsweise    M&  1.BZ    als  Durchnittsgeraden 
der    B  ML    mit    der    AB/iZ.     Daraus    folgt    mit   Rücksicht   auf  die 
Eigenschaft  von  BMZ  als  Halbkreis  und  von  BZ  als  dessen  Durch- 
messer, dass  M02  =  B&X&Z.    Aber  B&X®Z  =  A@X&I,  weil 
BZ   und  AI  zwei  in  0  sich  schneidende   Sehnen  desselben  Kreises 
sind.     Also   M&^  =  A&X  @I,   also   der  Winkel  AMI  ein  Rechter, 
d.  h.  eben  so  gross  wie  AK/I' ,   welcher  Winkel  im  Halbkreise  ist, 
und  folglich  MI  parallel   zu  Kzl'.     Damit  ist  die  Aehnlichkeit  des 
Dreiecks  A'AK  mit  lAM,  aber  auch  mit  KAI  bewiesen,  und  damit 
die  Proportion   AM :  A I  =  AI :  AK  =  ^K  :  zJ'A.     Setzt  man   end- 
lich ^M=  ^5=  a,    J'A  =  AA=='b,   AI  =  X,    AK  =  y,    so  ist 
wieder  a  :  x  =  x  :  y  =  y  :  h,  wie  es  verlangt  wurde.    Aus  diesem  Ver- 
fahren geht,  was  wir  zu  bemerken  nicht  versäumen  wollen,  die  Kenntniss 
mehrer  wichtiger  Sätze  von  Seiten  des  Erfinders  hervor.    Nicht  bloss 
die  beiden  planimetrischen  Lehrsätze,  dass  die  Berührungslinie  an  den 
Kreis  senkrecht  zum  Durchmesser  steht  und  dass  Kreissehnen  einander 
in  umgekehrt  proportionalen  Stücken  schneiden,  mussten  ihm  geläufig 
sein,  auch  von  der  durch  Piaton  beklagten  allgemeinen  Unwissenheit 
auf   stereo metrischem  Gebiete    bildete    er    eine   rühmliche  Ausnahme. 
Archytas  wusste,  dass  die  Durchschnittsgerade  zweier  zu  einer  dritten 
Ebene  senkrechten  Ebenen   gleichfalls   senkrecht   auf  dieser  und  ins- 
besondere   senkrecht    auf  deren   Durchschnittsgeraden   mit   einer    der 
senkrechten  Ebenen  steht.     Er  besass,  was  wir  noch  weit  höher  an- 
schlagen, über  die  Entstehung  von  Cylindern  und  Kegeln,  über  gegen- 
seitige Durchdringung  von  Körpern  und  dabei   auf  ihrer  Oberfläche 
entstehenden  Curven  vollständig  klare  Anschauungen.    Sollte  Archytas 
ein  Modell  sich  angefertigt  haben,  an  welchem  er  sein  Verfahren  sich 
ausbildete?     Wir  stellen  die  Frage,    ohne    eine   Antwort    darauf   zu 
wissen  und  finden  eine   solche   auch   nicht  in  den  Worten  des  Dio- 
genes   Laertius,    der    uns    erzählt:    „Archytas    zuerst    behandelte    die 
Mechanik  methodisch,  indem  er  sich  dabei  geometrischer  Grundsätze 
bediente;  auch  führte  er  zuerst  die  organische  Bewegung  in  die  Con- 
struction  geometrischer  Figuren  ein,  indem  er  durch  den  Schnitt  des 
Halbcyliuders    zwei    mittlere    Proportionalen    zur    Verdoppelung    des 
Würfels  zu  erhalten  suchte"').    In  dem  durch  Eutokius  überlieferten 


^)  Diogenes  Laevtius  VIII,  83. 


Piaton. 


217 


Text  kommt  auch  das  Wort  To';rot;  vor^).  Dieses  Wort  hat  in  spä- 
terer Zeit  den  Sinn  „geometrisclier  Ort"  angenommen.  Hier  bedeutet 
ee  aber  nur  die  Stelle^).  Man  kann  also  keinerlei  Schlüsse  aus  dem 
Auftreten  des  Wortes  ziehen,  mag  es  selbst  in  dem  Urtexte  des 
Archytas  schon  vorgekommen  sein,  soviel  derselbe  sonst  von  Eude- 
mus  im  Uebrigen  verändert  worden  zu  sein  scheint.  Diese  Ver- 
muthung  findet  darin  Unterstützung,  dass  die  ganze  Darstellung  des 
Verfahrens  des  Archytas  weit  weniger  alterthümlich  klingt  als  z.  B. 
der  Bericht  über  die  Quadraturversuche  des  Hippokrates  von  Chios. 
Selbstverständlich  nehmen  wir  aber  nur  an,  Eudemus  habe  den  Wortlaut 
des  Archytas  einigermassen  frei  behandelt.  Den  Sinn  muss  er  getreu 
wiedergegeben  haben,  und  so  bleiben  die  Folgerungen,  welche  wir  auf 
stereometrische  Kenntnisse  des  Archytas  gezogen  haben,  unberührt. 
Wir  lassen  auch  die  Würfelverdoppelungen  des  Menächmus 
gleich  folgen.  Eutokius  theilt  ims  zwei  von  einander  verschiedene 
Verfahren  dieses  Schriftstellers  mit^).  Das  einemal  wird  die  Auf- 
gabe durch  eine  Parabel  in  Verbindung  mit  einer  Hyperbel  gelöst, 
das  anderemal  werden  zwei  Parabeln  benutzt.  Hier  kann,  wie  wir 
betonen  müssen,  ein  wörtlicher  Auszug  aus  Menächmus  unter  keiner 
Bedingung  vorliegen,  da  diese  Namen  Hyperbel  und  Parabel,  wie  wir 
noch  sehen  werden,  viel  späteren  Ursprunges  sind.  Der  Bericht  des 
Eutokius  über  die  Würfelverdoppelungen  des  Menächmus  unter- 
scheidet sich  in  wesentlicher  Art  von  dem  über  die  Methode  des 
Archytas.  Während  bei  Archytas  nur  die 
Synthese  mitgetheilt,  die  Analyse  aber  ver- 
schwiegen ist'),  ist  bei  Menächmus  über  Ana- 
lyse und  Synthese  gleichmässig  berichtet  und 
uns  dadurch  ein  vortreffliches  Beispiel  zur 
Kenntniss  jener  beiden  Schlussarten  der  Alten 
in  die  Hand  gegeben.  Mögen  a,  x,  y,  h  wieder 
die  vorige  Bedeutung  haben,  mithin 

a  :  X  =  X  :y  =  y  :h 
zu  construiren  sein.    Weil  a  :  x  =  x  :  y  wird 
(Figur  37)   ein  Punkt  @,    von  dem  aus  die 
Senkrechte    &Z  =  x    auf    eine    Gerade   J II 
gefällt  ist,    auf  der  von  einem   gegebenen  Anfangspunkte  ^  aus  die 
Länge  AZ=y  genannt  wird,  nothwendig  auf  einer  durch  A  hindurch- 


>)  Archimedes  (ed.  Heiberg")  III,  100  lin.  10.  ^)  Gow,  A  short  history 
of  Greek  mathematics,  pag.  187  Note  1.  ^)  Archimedes  (ed.  Heiberg)  III, 
92  sqq.  ■*)  Bretschneider  152  hat  versucht,  die  Analyse  des  Archytas  zu 
ei-rathen  und,  wie  uns  scheint,  mit  ziemlichem  Glück.  Vergl.  auch  Flauti, 
Geometria  di  sito.     Neapel,  1821,  pag.  173 — 174. 


218 


10.  Kapitel. 


gehenden  Parabel  liegen.  Zieht  man  ferner  JK  It  &Z  und  0K  -fr  AZ, 
so  ist  das  Rechteck  AK&Z  gemessen  durch  x  xy  d.  h.  wegen 
a  :  X  =  ij  :J),  gemessen  durch  a  xh,  oder  gegeben.  Demzufolge  liegt 
0  auch  auf  einer  Hyperbel,  deren  Asymptoten  die  AK  und  JZ  sind. 
Das  ist  die  Analyse.  Sie  geht  aus  von  der  Annahme,  der  Punkt  0, 
Avelcher  durch  die  Linien  x,  y  erst  festgelegt  werden  soll,  sei  schon 
vorhanden,  und  zieht  daraus  Folgerungen,  welche  für  die  Lage  von  & 
anderweitige  Merkmale  liefern.  Nun  kommt  die  Synthese,  d.  h.  hier 
die  Construction  der  genannten  Curven.  Li  einem  Punkte  A  lässt 
man  zwei  Senkrechte  zusammentreffen.  Dann  zeichnet  man  eine 
Parabel  mit  A  als  Scheitelpunkt,  der  einen  der  gezogenen  Graden  AH 
als  Axe  und  a  als  Parameter.  Ferner  zeichnet  man  zwischen  die 
beiden  Geraden  AH  und  AK  als  Asymptoten  eine  Hyperbel  unter 
der  Bedingung,  dass  das  Rechteck  der  mit  KA,  AH  bis  zum  Durch- 
schnitte mit  diesen  Geraden  in  umgekehrter  Folge  von  jedem  Hy- 
perbelpunkte gezogenen  Parallelen  dem  Rechtecke  ans  a  und  h  gleich 
sei.  Dann  schneiden  sich  Parabel  und  Hyperbel  in  dem  Punkte  0, 
dessen  senkrechter  Abstand  von  AH  das  gesuchte  x  ist.    Die  zweite 

Methode  des  Menächmus  (Figur  38) 
folgert  wieder  aus  a  :  x  =  x  :  y,  dass 
der  gesuchte  Punkt  auf  einer  Parabel 
liege,  ebenso  aber  aus  x  :  y  =  y  :  h, 
dass  er  auf  einer  zweiten  Parabel 
liege,  deren  beiderseitige  Axen  sich 
in  dem  beiden  Parabeln  gemeinschaft- 
lichen Scheitelpunkte  B  senkrecht 
durchschneiden,  was  alsdann  in  der 
Synthese  benutzt  wird.  Eutokius 
schliesst  den  Bericht  über  die  Auf- 
lösungen des  Menächmus  mit  den  Worten:  „Die  Parabel  zeichnet  man 
mittels  eines  von  dem  Mechaniker  Isidorus  von  Milet,  unserem 
Lehrer,  erfundenen  Zirkels,  der  von  ihm  in  seinem  Commentare  zu 
der  Gewölblehre  des  Heron  beschrieben  worden  ist."  Dass  die  von 
Eutokius  angewandte  Form  nicht  die  des  Menächmus  selbst  gewesen 
sein  kann,  haben  wir  berührt.  Auf  die  Glaubwürdigkeit  des  Inhalts 
füllt  dadurch  kein  Schatten.  Menächmus  muss  also  die  Curven  ge- 
kannt haben,  welche  eine  spätere  Zeit  Parabel  und  Hyperbel  ge- 
nannt hat;  er  muss  die  Asymptoten  der  Hyperbel  gekannt  haben, 
muss  diejenigen  Grundeigenschaften  beider  Curven  gekannt  haben, 
welche  die  analytische  Geometrie  durch  die  Gleichungen  y^  =  ax 
und  xy  =  c^  auszudrücken  weiss. 

Im  Briefe  des  Eratosthenes  ist,  wie  wir  uns  erinnern,  auch  von 


Piaton.  219 

einer  Würfelverdoppeluiig  des  Eudoxus  mittels  der  sogenannten 
Bogenlinien  (S.  199)  die  Rede.  Ueber  diese  berichtet  Eutokius  ab- 
sicbtlich  gar  nicbt.  Er  setzt  sich  vielmehr  in  strengsten  Gegensatz 
gegen  diese  Arbeit  des  Eudoxus^).  Er  habe,  sagt  er  etwa,  die  Ab- 
handlung des  Eudoxus  vernachlässigt,  weil  dieser  erstlich  die  Bogen- 
linien, von  deren  Benutzung  er  in  der  Einleitung  rede,  beim  Beweise 
gar  nicht  anwende  und  zweitens  eine  unstetige  Proportion  gleich 
einer  stetigen  verwerthe,  was  nur  zu  denken  nicht  am  Orte  sei. 
Man  hat  hieraus,  wie  wir  glauben  berechtigterweise,  den  Schluss  ge- 
zogen^), es  werde  dem  Eutokius  nur  ein  bis  zur  Unverständlichkeit 
verstümmelter  Text  des  Eudoxus  vorgelegen  haben,  da  weder  dem 
Eudoxus  so  grobe  Fehler,  wie  Eutokius  sie  ihm  vorwirft,  zuzutrauen 
seien,  noch  auch  Eratosthenes  eine  durchaus  verfehlte  Lösung  der 
Erwähnung  würdig  gefunden  haben  würde,  jedenfalls  nicht  ohne  auf 
das  Irrige  derselben  hinzuweisen.  Fügen  wir  diesen  Schlüssen  noch 
hinzu,  dass  das  Verfahren  des  Eutokius  diesem  einen  Schriftsteller 
gegenüber  uns  die  Klarheit  und  Reinheit  der  Quellen,  welche  ihm 
für  die  Würfelverdoppelungen  der  Anderen  dienten,  verbürgt. 

Wir  haben  bei  dieser  Aufzählung  von  Würfelverdoppelungen 
nach  Eutokius  uns  allzusehr  von  unserer  Gewohnheit,  die  Schrift- 
steller, mit  denen  wir  uns  gerade  beschäftigen,  auch  ihrer  Persön- 
lichkeit nach  wenigstens  einigermassen  zu  schildern,  entfernt,  um 
nicht  schon  hierdurch  zu  zeigen,  dass  wir  mit  Piaton  noch  nicht  ab- 
geschlossen haben.  Diese  Einschaltungen  —  mögen  wir  auch  später 
uns  auf  dieselben  zu  beziehen  haben  —  bezwecken  an  dieser  Stelle 
nur  das  Urtheil  bei  Besprechung  der  Streitfrage  zu  leiten,  ob  das, 
was  Eutokius  als  platonische  Würfelverdoppelung  gibt,  wirklich  echt 
sein  kann.  Stellen  wir  dazu  die  Einwendungen,  welche  man  gemacht 
hat,  zusammen. 

Wir  haben  aus  dem  Briefe  des  Eratosthenes  ersehen,  dass,  nach- 
dem jene  Aufgabe  schon  geraume  Zeit  die  Geometer  vergeblich  be- 
schäftigt hatte,  nachdem  eine  Rathlosigkeit  an  die  Stelle  einer 
anderen  getreten  war,  eine  neue  Veranlassung  neue  Bemühungen 
hervorrief,  indem  die  Delier,  welche  einem  Orakelspruche  folgend 
um  einer  Seuche  ein  Ziel  zu  setzen  einen  Altar  verdoppeln  sollten, 
sich  an  Piaton  und  seine  Akademie  um  Rath  wandten.  Theon  von 
Smyrna  berichtet  nach  einer  uns  unbekannten  Schrift  des  Eratosthenes, 
welche  den  Titel  „Der  Platoniker"  geführt  zu  haben  scheint,  ganz 
ähnlich^).     Piaton  habe  den  Deliern,   welche   der  Seuche   halber   den 

')  Arcliimedes(ecl.  Heiberg)  III, 66  lin.  11— 17.  ^)  Bretschueider  166. 
^)  Theon  Smyrnaeus  (ed.  Hiller)  pag.  2  'EQaroaO'svr}?  (ihv  yaQ  iv  tm  Int,- 
YQacpOfisvoj  nXatcoviy.(p  x,  r.  X. 


220  10.  Kapitel. 

Altar  ihres  Gottes  verdoppeln  sollten  und  die  Ausführung  zu  be- 
treiben ihn  befragten,  die  Antwort  ertbeilt:  Nicht  die  Verdoppelung 
des  Altars  wünsche  der  Gott,  er  habe  den  Ausspruch  nur  als  Tadel 
gegen  die  Hellenen  verstanden,  welche  um  die  Wissenschaften  sich 
nicht  kümmerten  und  die  Geometrie  gering  achteten.  Plutarch  ist 
ein  dritter  Schriftsteller,  der  in  seinen  Werken  sogar  zweimal  auf 
den  Gegenstand  zu  reden  kam^),  ihn  auch  in  einem  Nebenumstande 
etwas  abweichend  angibt.  Er  fügt  nämlich  der  Antwort  Piatons, 
die  Gottheit  habe  ihre  Missbilligung  der  allzugeringen  Beschäftigung 
mit  Geometrie  bezeugen  wollen,  noch  bei:  um  einen  Körper  so  zu 
verdoppeln,  dass  er  der  ursprünglichen  Gestalt  durchaus  ähnlich 
bleibe,  bedürfe  man  der  Auffindung  zweier  geometrischer  Mittel,  und 
das  werde  ihnen  Eudoxus  von  Knidos  oder  Helikon  der  Kyzi- 
kener  leisten,  der  Letztere  ein  Schüler  des  Eudoxus,  der  in  der  Ge- 
schichte der  Astronomie  genannt  zu  werden  pflegt.  Johannes  Philo- 
ponus  endlich  lässt  diese  Verweisung  auf  Andere  in  der  Antwort  des 
Piaton  an  die  Delier  wieder  weg,  während  er  der  Nothwendigkeit 
zwei  geometrische  Mittel  zu  finden  gedenkt").  Aus  allen  diesen  An- 
gaben folgt,  dass  über  die  Frage  der  Würfelverdoppelung  ein  Mei- 
nungsaustausch zwischen  Deliern  und  Piaton  stattgefunden  hat,  und 
daher  rührt  der  Name  der  delischen  Aufgabe,  unter  welchem  die 
der  Würfelverdoppelung  vielfach  vorkommt.  Aber  auch  einen  anderen 
Umstand  kann  man  mit  einigem  Erstaunen  bemerken.  Eratosthenes, 
der  doch  von  den  erfolgreichen  Bemühungen  zur  Auffindung  der  Seite 
des  verdoppelten  Würfels  besonders  redet,  erwähnt  den  Namen  Piaton 
und  erwähnt  nicht,  dass  er  das  Vertrauen,  welches  die  Delier  in  seine 
Geschicklichkeit  setzten,  durch  Lösung  der  Aufgabe  rechtfertigte. 
Diesem  Schweigen  schliesst  sich  Theon  von  Smyrna  an,  der  freilich 
aus  Eratosthenes  schöpfte,  und  Johannes  Philoponus.  Plutarch  er- 
gänzt es  nun  gar  dadurch,  dass  Piaton  von  vorn  herein  die  Erwar- 
tung, als  könne  er  die  Frage  lösen,  unter  Verweisung  an  andere 
Geometer  von  sich  abzulenken  wusste.  Man  muss  zugeben,  dass 
dieses  Schweigen,  dass  dieser  Zusatz  sehr  eigenthümlich,  sehr  schwer 
zu  verstehen  sind,  wenn  jene  Schriftsteller  das  Verfahren  Platous 
kannten,  dass  es  noch  staunenswerther  wäre,  wenn  Piaton  den  Würfel 
verdoppelt  hätte  und  jene  Schriftsteller  von  seiner  Abhandlung,  die 
doch  zur  Kenntniss  des  Eutokius  gelangt  sein  muss,  nichts  gewusst 
hätten.  Es  wäre  darnach  möglich,  dass  die  Quelle  des  Eutokius 
eine  jener  gefälschten  Abhandlungen  gewesen  wäre,  wie  sie  zur  Zeit 


')  Plutarchus,  De  genio  Socratis  cap.  7  und  De  ft  apud  Delphos  cap.  6. 
Johannes  Philoponus  ad  Aristotelis  Analyt.  post.  I,  7. 


Piaton.  221 

des  Neuplatonismus  zu  Dutzenden  erschienen  und  auf  Rechnung  alter 
Lehrer  gesetzt  wurden. 

Dazu  kommt  eine  ganz  bedenkliche  Notiz,  welche  Plutarch 
zweimal  mitgetheilt  hat  ^).  Piaton,  sagt  er,  tadelte  den  Eudoxus  und 
Archytas  und  Menächmus,  welche  die  Verdoppelung  des  Körper- 
raumes auf  instrumentale  und  mechanische  Verfahrungsweisen  zurück- 
führen, gleich  als  ob  sie  hierdurch  zwei  mittlere  Proportionalen  auf 
unerlaubte  Weise  zu  erhalten  versuchten.  Denn  auf  solche  Art 
werde  der  Vorzug  der  Geometrie  aufgehoben  und  verdorben,  sofern 
man  sie  wieder  auf  den  sinnlichen  Standpunkt  zurückführt,  sie,  die 
in  die  Höhe  gehoben  werden  und  sich  an  ewige  und  körperlose  Ge- 
dankenbilder halten  sollte,  wie  dies  bei  Gott  der  Fall  ist,  der  des- 
halb immer  Gott  ist.  So  die  eine  Stelle  Plutarchs.  Wo  er  aber  an 
einer  zweiten  Stelle  die  gleiche  Angabe  wiederholt,  verbindet  er  damit 
die  Bemerkung,  in  Folge  von  Piatons  Unwillen  über  die  Würfel- 
verdoppelung durch  Werkzeuge  sei  die  Mechanik  von  der  Geometrie 
vollständig  getrennt  worden  und  dadurch  auf  lange  Zeit  zu  einer 
blossen  Hilfswissenschaft  der  Kriegskunst  herabgesunken.  Konnte, 
sagt  man,  Piaton  einen  derartigen  Tadel  gegen  Eudoxus,  gegen 
Archytas,  gegen  Menächmus  aussprechen,  wenn  er  selbst  ein  mecha- 
nisches Verfahren  zur  Würfelverdoppelung  erdachte?  Ist  damit  nicht 
der  Beweis  geliefert,  dass  der  Bericht  des  Eutokius  so  weit  irrig  sein 
muss,  als  ihm  Piaton  für  den  Erfinder  einer  Vorrichtung  gilt,  die 
von  irgend  einem  Anderen  herrührte? 

Wir  gestehen  zu,  dass  diese  Einwürfe  sehr  gefährlicher  Natur 
sind,  um  so  mehr  als  nicht  zu  bezweifeln  ist,  dass  die  Piaton  durch 
Plutarch  beigelegte  Meinung  mit  dem  ganzen  philosophischen  Cha- 
rakter dessen,  der  die  Ideen  einführte,  im  vollsten  Einklänge  steht. 
Es  ist  ferner  nicht  zu  bezweifeln,  dass  lange  Zeit,  ob  auf  Piatons 
Einfluss  hin,  wie  behauptet  worden  isf^),  lassen  wir  dahingestellt, 
nur  die  Geometrie  des  Zirkels  und  Lineals  als  eigentliche  Geometrie 
betrachtet  worden  ist.  Die  Nachricht  in  der  Form,  wie  Plutarch 
sie  mittheilt,  lautet  überdies  so  bestimmt,  dass  es  doch  wohl  allzu- 
gewagt wäre,  ein  Missverständniss  anzunehmen^).  Es  wird  demnach 
nur  die  Wahl  zwischen  folgenden  Möglichkeiten  bleiben.  Entweder, 
und  das  dürfte  dem  Vorwurfe  der  Künstlichkeit  ausgesetzt  sein,  wird 


^)  Plutarchus,  Quaest.  conviv.  VIII,  92,  1  und  Vita  MarcelU  14,  5. 
*)  Hankel  S.  156  spricht  mit  apodiktischer  Gewissheit,  aber  durch  kein  Citat 
unterstützt  den  Satz  aus:  Wir  verdanken  Piaton  die  für  die  Geometrie  so  wich- 
tige Beschränkung  der  geometrischen  Instrumente  auf  Zirkel  und  Lineal.  ^)  So 
haben  wir  selbst  Zeitschr.  Math.  Phys.  XX,  bistor.-literar.  Abtheilung  133  den 
Widerspruch  zu  beseitigen  gesucht. 


222  11-  Kapitel. 

man  anrieliuien,  Piaton  habe,  indem  er  jenen  Tadel  gegen  Eudoxus, 
Archytas,  Menäclimus  aussprach,  zugleich  beigefügt,  es  sei  ja  keine 
Kunst  eine  Würfelverdoppelung  mechanisch  vorzunehmen,  dazu  ge- 
nüge eine  einfache  Vorrichtung,  wie  wir  sie  oben  nach  Eutokius 
geschildert  haben,  aber  das  sei  keine  Geometrie,  denn  diese  solle  und 
müsse  an  ewige  und  körperlose  Gedankenbilder  sich  halten.  Oder 
aber,  und  das  ist  entschieden  das  Bequemste,  man  hält  sich  nur  au 
die  Notiz  des  Plutarch,  an  das  Schweigen  des  Eratosthenes  und 
schiebt  die  ganze  Mittheilung  des  Eutokius,  wie  oben  bemerkt,  vor- 
nehm bei  Seite,  so  weit  sie  wenigstens  auf  Piaton  Bezug  hat.  Oder 
endlich,  und  das  ist  wenigstens  das  Ehrlichste,  wenn  kein  anderer 
Vorzug  noch  Vorwurf  an  dieser  Möglichkeit  haftet,  man  gesteht  zu, 
dass  hier  ein  Widerspruch  vorliege,  den  aus  dem  Wege  zu  räumen 
gegenwärtig  keine  genügenden  Mittel  zur  Hand  sind. 


11.  Kapitel. 
Die  Akademie.     Aristoteles. 

Wir  folgen  weiter  dem  Mathematikerverzeichnisse,  welches  im 
nächsten  Satze  drei  Namen  vereinigt,  indem  es  sagt: 

„In  diese  Zeit  gehört  auch  Leodamas  von  Thasos  und  Archytas 
von  Tarent  und  Theätet  von  Athen,  durch  welche  die  Theoreme  ver- 
mehrt wurden  und  zu  einer  strengen  wissenschaftlichen  Darstellung 
gelangten." 

Von  Leodamas  von  Thasos  haben  wir  im  vorigen  Kapitel 
erzählt,  was  allein  von  ihm  bekannt  ist,  nicht  Vieles  aber  ein  Grosses, 
dass  für  ihn  (S.  207)  Piaton  die  analytische  Methode  ersann,  be- 
ziehungsweise sie  ihm  mittheilte. 

Archytas  von  Tarent^)  mag  etwa  430 — 365  gelebt  haben, 
fast  gleichzeitig  mit  Piaton  geboren,  an  welchen  ihn  auch,  wie  wir 
wissen,  während  dessen  Aufenthalt  in  Grossgriechenland  (S.  202)  ein 
enges  Freundschaftsverhältniss  band.  Archytas  war  seiner  Heimath 
wie  seinem  Bildungsgange  nach  Pythagoräer.  Er  war  Staatsmann 
und  Feldherr  und  versah  wiederholt  die  höchsten  Aemter  in  seiner 
Vaterstadt.     Seinen    Tod    fand    er,    wie    wir    durch   Horaz    wissen^), 


')  Jos.  Navarro,  Tentamen  de  Archytae  Tarentini  vita  atque  operibus 
(Kopenliagner  Doktordissertation  1819).  Gruppe,  lieber  die  Fragmente  des 
Archytas  und  der  älteren  Pythagoräer  (Preisschrift  der  Berliner  Akademie  1840). 
L.  Boeckh,  Ueber  den  Zusammenhang  der  Schriften,  welche  der  Pythagoräer 
Archytas  hinterlassen  haben  soll  (Karlsruher Lyceumsprogramm  1841).  Chaignet 
I,  2.5.5—331.       ")  Horatius,  Lib.  I,  Ode  28. 


Die  Akademie.     Aristoteles.  223 

durch  Schifibruch  am  Vorgebirge  Matinum,  vielleiclit  beim  Antritt 
einer  Reise  nach  Griechenland.  Warum  das  Mathematikerverzeichniss 
ihn  gerade  hier  und  nicht  schon  einige  Zeilen  früher  nennt,  ist  nicht 
ganz  klar.  Möglicherweise  soll  durch  seine  Stellung  mitten  unter 
Männern  der  Akademie  der  mittelbare  Einfluss  bezeugt  werden,  den 
er  durch  seine  früheren  nahen  Beziehungen  zu  Piaton  auf  diese 
Schule  ausübte.  Ueber  die  Echtheit  oder  ünechtheit  von  Bruch- 
stücken philosophischen,  ethischen,  musikalischen  Inhaltes,  welche 
unter  dem  Namen  des  Archytas  auf  uns  gekommen  sind,  herrschen 
die  entgegengesetztesten  uns  glücklicherweise  nicht  kümmernden  Mei- 
nungen, Während  die  Einen  jene  Bruchstücke  anerkennen,  gehen 
die  Andern  so  weit,  sie  fast  insgesammt  für  Fälschungen  eines 
alexandrinischen  Juden  um  das  Jahr  39  n.  Chr.  zu  halten^).  Fast 
insgesammt,  die  mathematischen  Bruchstücke  nämlich  bleiben  vom 
Zweifel  unbehelligt.  Wir  haben  ihrer  übrigens  schon  gedacht.  Die 
Würfelverdoppelung  des  Archytas  und  die  wichtigen  Folge- 
rungen, welche  aus  ihr  für  seine  stereometrischen  Kenntnisse  zu 
ziehen  sind,  haben  uns  im  vorigen  Kapitel,  die  Leistungen  des 
Archytas  auf  dem  Gebiete  der  Proportionenlehre  schon  früher 
(S.  155)  beschäftigt,  und  auf  letztere  kommen  wir  gleich  nachher 
noch  einmal  bei  Gelegenheit  des  Eudoxus  zu  reden.  Ein  Letztes, 
was,  wiewohl  oben  (S.  216)  gesagt,  hier  besonders  betont  werden 
mag,  ist,  dass  Archytas  die  Mechanik  zuerst  methodisch  behandelte, 
indem  er  sich  dabei  geometrischer  Grimdsätze  bediente. 

Theätet  von  Athen,  der  Piaton  nahe  genug  stand,  dass  dieser 
ihn  zur  uamengebenden  Persönlichkeit  eines  auch  mathematisch  lesens- 
werthen  Gespräches  macht,  ist  seiner  Lebenszeit  nach  nicht  genauer 
zu  bestimmen,  als  es  durch  diese  eine  Angabe  geschieht.  Seine 
Arbeiten  müssen  der  Lehre  von  dem  Irrationalen  gewidmet  ge- 
wesen sein.  Er  theilte  sämmtliche  Zahlen  in  zwei  Klassen,  in  die 
der  Quadratzahlen,  welche  durch  Vervielfältigung  einer  Zahl  mit  einer 
ihr  gleichen  entstehen,  und  in  die  Rechteckszahlen,  bei  welchen  die 
zu  vervielfältigenden  Zahlen  ungleich  gewählt  werden  müssen^). 
Das  eintheilende  Unterscheidungsmerkmal  ist  hier  demnach  Rationa- 
lität, beziehungsweise  Irrationalität  bei  der  Ausziehung  der  Quadrat- 
wurzel, und  man  kann  hier  eine  früher  (S.  171)  von  uns  angekündigte 
Bestätigung  derjenigen  Vermuthung  finden,  welche  Quadrat  und 
Heteromekie  in  der  pythagoräischen  Kategorientafel  des  Aristoteles 
einfach   als  Ersatzwörter  für  Rationalität   und  Irrationalität  erklärt. 


*)  So  besonders  Qruppe,  der  diese  These  zuerst  aufstellte.       *)  Piaton, 
Theaetet  pag.  147—148.    Vergl.  Rothlauf  S.  24  ügg. 


224  II-  Kapitel. 

Wenn  Theätet  sodann  fortfährt  „in  Betrejßf  der  festen  Körper  machten 
wir  es  ähnlich"  so  ist  der  Sinn  dieses  Satzes  verschiedener  Deutung 
fähig.  Es  kann  hier  auf  irrationale  Kubikwurzeln  angespielt  sein^), 
möglicherweise  auch  auf  die  Ausziehbarkeit  oder  Nichtausziehbarkeit 
von  Quadratwurzeln  aus  Produkten  aus  je  drei  Faktoren,  Letzteres 
ist  uns  namentlich  um  deswillen  wahrscheinlicher,  als  jede  andere 
Notiz  darüber,  dass  der  Begriff  der  Kubikwurzel  damals  schon  be- 
kannt gewesen  sein  sollte  —  die  Aufgabe  der  Würfelverdoppelung 
schliesst  ihn  noch  keineswegs  ein  —  uns  fehlt,  während  von  der 
Einschaltung  eines  oder  zweier  geometrischen  Mittel  zwischen  Körper- 
zahleu  im  platonischen  Timäus  (S.  153)  die  Rede  war.  Eine  weitere 
Bestätigung  dieser  unserer  Ansicht  liegt  in  einer  muthmasslich  von 
Proklus  herrührenden  Anmerkung  zum  X.  Buche  des  Euklid.  Der 
9.  Satz  des  X.  Buches  dieses  Schriftstellers  heisst:  Quadrate  commen- 
surabler  Linien  verhalten  sich  wie  Quadratzahlen,  incommensurabler 
Linien  nicht  Avie  Quadratzahlen  und  umgekehrt.  Dazu  bemerkt  nun 
der  Scholiast:  „dies  Theorem  ist  eine  Erfindung  des  Theätet,  und 
Piaton  gedenkt  desselben  in  dem  Dialoge  Theätet;  nur  wird  es  dort 
speciell  auseinandergesetzt,  hier  aber  allgemein"^).  Noch  eine  letzte 
Angabe  über  Theätet  liefert  uns  Suidas,  er  habe  zuerst  über  die 
fünf  Körper  geschrieben'^).  Offenbar  ist  hier  an  ein  zusammen- 
hängendes Ganzes  zu  denken,  was  nicht  ausschliesst,  dass  schon 
vorher  Hippasos  oder  irgend  ein  Anderer  über  das  Dodekaeder  be- 
sonders geschrieben  haben  könnte.  Ob  auch  diese  Schrift  des  Theätet, 
wie  man  behauptet  hat^),  den  Untersuchungen  über  Irrationales  ver- 
wandt war,  ob  insbesondere  über  das  Verhältniss  der  Kanten  dieser 
Körper  zum  Halbmesser  der  umschriebenen  Kugel  Betrachtungen  von 
der  Art,  wie  sie  im  XIIL  Buche  des  Euklid  vorkommen,  angestellt 
wurden,  überlassen  wir  einzelnem  Ermessen.  Bestimmtere  Angaben 
gibt  es  darüber  nicht. 

Unser  Verzeichniss  fährt  fort:  „Jünger  als  Leodamas  ist  Neo- 
kleides  und  dessen  Schüler  Leon,  welche  zu  dem,  was  vor  ihnen  ge- 
leistet worden  war,  Vieles  hinzufügten;  es  hat  auch  Leon  Elemente 
geschrieben,  die  in  Bezug  auf  Umfang  und  das  Bedürfniss  der  An- 
wendung des  Bewiesenen  sorgfältiger  verfasst  sind.  Ebenso  erfand 
er  den  Diorismus,  wami  das  vorgelegte  Problem  möglich  ist  und 
wann  unmöglich." 

Diese  Sätze  ergänzen  früher  (S.  197  imd  206)  von  uns  Erwähntes. 


')  So  die  Meinung  Rothiaufs  1.  c.  *)  Knoche,  Untersuchungen  über 
die  neu  aufgefundenen  Scholien  des  Proklus  Diadochus  zu  Euklids  Elementen. 
Herford,  1805,  S.  24— 26.     ^)  Suidas  ä.v.  @£ai&i]Tos.     ')  Bretschneider  S.  148. 


Die  Akademie.     Aristoteles.  225 

In  PlatoDS  Akademie  entstand  die  Frage,  ob  eine  Aufgabe,  welche 
gestellt  war,  überhaupt  möglich  sei,  ob  man  nicht  zuverlässig  ver- 
gebliche Mühe  anwende,  wenn  man  ihre  Lösung  versuche.  Diese 
Frage  musste  gestellt  werden,  sobald  die  analytische 
Methode  entstand,  die,  wie  wir  gleichfalls  sahen,  nicht  an  sich 
zu  jedesmal  richtigen  Ergebnissen  führte,  sondern  erst  einer  Bestäti- 
gung durch  die  Synthesis  bedurfte.  Flaton  hat  im  Menon  eine  der- 
artige Frage  gestellt  und  beantwortet.  Leon  dürfte  die  Nothwendig- 
keit  der  Fragestellung  ein  für  allemal  dargethau  und  vielleicht 
den  Kunstausdruck  Diorismus  eingeführt  haben,  dessen  lateinische 
Uebersetzung  determinatio  lautet.  Ueber  Neokleides  wissen  wir 
den  Worten  des  Mathematikerverzeichnisses  nichts  hinzuzufügen. 
Höchstens  können  wir  den  Umstand  als  besonders  bemerkenswerth 
erachten,  wonach  er  Leons  Lehrer  gewesen  sei,  dieser  also  nicht  als 
ausschliesslicher  Schüler  Piatons  unmittelbar  betrachtet  werden  darf 

„Eudoxus  von  Knidos  um  wenig  jünger  als  Leon  und  ein 
Genosse  der  Schule  Piatons  war  der  erste,  welcher  die  Menge  der 
Lehrsätze  überhaupt  vermehrte  und  zu  den  drei  Proportionen  noch 
drei  hinzufügte;  er  führte  auch  weiter  aus,  was  von  Piaton  über 
den  Schnitt  begonnen  worden  war,  wobei  er  sich  der  Analyse 
bediente." 

Eudoxus^)  lebte  um  408 — 355.  Man  weiss,  dass  er  in  Knidos 
geboren  ist,  dass  er  Schüler  des  Archytas,  in  seinem  23.  Lebensjahre 
auch  während  zwei  Monaten  Schüler  Piatons  in  Athen  war.  Zur 
Zeit  des  Königs  Nectanabis,  welcher  zwischen  390  und  380  regierte, 
verweilte  Eudoxus  ein  Jahr  und  vier  Monate  in  Aegypten,  wo  er  mit 
Piaton  verkehrte,  wie  Strabon  nach  ägyptischer  Ueberlieferung  uns 
erzählt.  Um  375  stiftete  Eudoxus  selbst  eine  Schule  in  Kyzikus,  dem 
heutigen  Panorma  am  Marmarameere,  kam  er  mit  zahlreichen  Schülern 
nach  Athen,  wo  er  wieder  mit  Piaton  enge  verkehrte.  Dann  aber 
kehrte  er  nach  Knidos  zurück  und  starb  dort  im  Alter  von  53  Jahren. 
Astronom,  Geometer,  Arzt,  Gesetzgeber  nennt  ihn  Diogenes  Laertius, 
dem  die  wesentlichsten  biographischen  Angaben^)  über  Eudoxus  ent- 
stammen.    Wir  haben  es  hier  nur  mit  dem  Geometer  zu   thuu  und 


^)  Ueber  Eudoxus  vergl.  die  bahnbrechende  Abhandhing  von  Ludw.  Ideler 
in  den  Abhandlungen  der  Berliner  Akademie  von  1828  (S.  189 — 212)  und  1829 
(S.  49  —  88).  Dann  hauptsächlich  Schiaparelli,  Ueber  die  homocentrischen 
Sphäxen  des  Eudoxus,  des  Kallippus  und  des  Aristoteles  (Abhandig.  des  lom- 
bard.  Instituts  von  1874,  deutsch  von  W.  Hörn  in  dem  Supplementheft  zu 
Zeitschr.  Math.  Phys.  Bd.  XXII).  Zwei  Progiammabhandlungen  der  Realschule 
Dinkelsbühl  für  1888  und  1890  von  Hans  Künssberg  geben  eine  erschöpfende 
Uebersicht.     *)  Diogenes  Laertius  VHI,  86—90. 

Caktor,  Geschichte  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  15 


226  11-  Kapitel. 

wollen  zunäcbst  von  den  zwei  bestimmten  Thatsachen  reden,  welche 
das  Mathematikerverzeickniss  hervorhebt. 

Eudoxus  fügte  zu  den  drei  Proportionen  drei  weitere  hinzu. 
Wir  haben  (S.  154 — 155)  die  Analogien  und  Mesotäten  für  die  Pytha- 
goräer  in  Anspruch  genommen,  wir  haben  gesehen,  dass  der  Ursprung 
einer  bestimmten  Proportion  nach  Babylon  verlegt  wird,  von  wo 
Pythagoras  sie  mitgebracht  habe,  woraus  für  uns  mindestens  das  folgt, 
dass  man  zur  Zeit  des  Jamblichus  wie  in  Griechenland,  so  in  den 
Euphr atiändern  jener  sogenannten  musikalischen  Proportion  Beach- 
tung schenkte.  Wir  wollen  hier  über  den  Unterschied  von  Ana- 
logie und  Mesotät  einiges  einschalten.  Die  Erklärungen  der 
griechischen  Schriftsteller  gehen  freilich  einigermassen  auseinander, 
aber  fasst  man  die  verschiedenen  Stellen  alle  zusammen,  so  kommt 
man  zu  folgender  Auffassung^).  Ursprünglich  hiess  die  geometrische 
Proportion  avaloyCa^  die  Proportion  im  Allgemeinen,  nämlich  die 
arithmetische,  die  geometrische,  die  harmonische  und  sämmtliche  noch 
dazu  kommende  hiessen  fieöorTjrfg.  Der  spätere  Sprachgebrauch  da- 
gegen verwischte  diesen  Unterschied  und  liess  zuletzt  unter  Mesotät 
nur  irgend  etwas  verstehen,  was  zwischen  gegebenen  Aeussersten 
lag.  Diese  Darstellung  schliesst  zugleich  in  sich,  dass  es  ursprüng- 
lich nur  drei  solcher  Proportionen  gab,  für  welche  wir  die  von 
Architas  gegebenen  Definitionen  kennen  gelernt  haben.  Es  war  die 
arithmetische,  die  geometrische,  die  entgegengesetzte  Proportion, 
welche  diesen  ihren  Namen,  vTtavavzLu,  mit  dem  durch  Archytas  und 
Hippasos,  wie  wir  von  Jamblichus  erfahren,  eingeführten  Namen  der 
harmonischen  vertauschte.  Als  selbstverständlich  ist  dabei  zu  be- 
merken, dass  nur  Proportionen,  die  aus  drei  Zahlen  gebildet  wurden, 
in  Betracht  kamen  und  mit  jenen  Namen  belegt  wurden,  also  nur 
stetige  Proportionen  sind  Mesotäten.  Zu  den  drei  alten  Meso- 
täten kamen  drei  neue.  Das  Mathematikerverzeichniss  sagt  uns 
Eudoxus  habe  dieselben  erfunden.  Jamblichus  berichtet,  Archytas 
und  Hippasos  hätten  sie  eingeführt,  Eudoxus  und  seine  Schüler 
nur  die  Namen  verändert").  Endlich  traten  noch  vier  Mesotäten 
hinzu  und  brachten  die  Gesammtzahl  auf  zehn,  welche  Nikomachus 
im  IL  S.  n.  Chr.  gekannt  hat.  Durch  die  Einführung  der  vier  letzten 
machten  sich,  wieder  Jamblichus  zufolge,  Temnonides  und  Eu- 
phranor  verdient,  Persönlichkeiten,  die  wir  nur  aus  diesem  einzigen 
Citate    kennen.     An    bestimmten    Zahlenbeispielen    können    wir    am 


')  Nesselmann,  Algebra  der  Griechen  Seite  "ilO ,  Anmerkung  49. 
■•')  Jamblichus  in  Nicomachi  Arithmeticam  ed.  Tenuulius  pag.  141  tigg., 
159,  163.  , 


Die  Akademie.     Aristoteles.  227 

deutlichsten    mit    dein   Wesen    der    zehn    Proportionen    uns    bekannt 
machen.     Es  bilden  die  drei  Zeilen  k,  ß,  y 

die  1 .  Proportion  a  —  ß  =  ß  —  y                        wenn  a  =  'dß==2y=l 

2.  a  :  ß  =  ß  :  y  «  =  4/3  =  2  y  =  1 

3.  a  :  y  =  {a  —  ß):(ß  —  y)  «  =  6  /3  =  4  y  =  3 

4.  a  :  y  =  (ß  —y):(a  ~  ß)  a  =  6  ß  =  5y  =  d 

5.  ß  :  y  =  (ß  —  y):{a  —  ß)  «  =  5  /3  =  4  y  =  2 

6.  a  :  ß  =  (ß  —  y):{a  —  ß)  a==6ß  =  Ay  =  l 

7.  a  :  y  =  (a  —  y):{ß  —  y)  a  =  9  ß  =  8y  =  6 

8.  a  :  y  =  (a  —  y):{a  —  ß)  a  =  9  ß  =  l  y  =  6 

9.  ß  :  y  =  {a  -  y):(ß  —  y)  a  =  7/3  =  6y  =  4 
10.  ß  :  y  =  {a  —  y):{a  —  ß)  a  =  8ß  =  5y  =  ?. 

Beim  ersten  Anblick  vermisst  mau  in  dieser  Liste,  so  umfang- 
reich sie  ist,  zwei  Proportionen,  welche  der  3.  gegenüber  eine  ähn- 
liche Berechtigung  zu  haben  scheinen,  wie  5.  und  6.  neben  4.,  nämlich 

3a.     ß:y  =  ia-ß):{ß-y) 

3b.     a:ß  =  (a-ß):(ß-y). 
Bei  näherem  Zusehen  ergibt  sich  aber,  weshalb  sie  fortblieben.     Sie 
werden  erfüllt,   sofern  ay  =  ß'\    sind  also  in  2.    bereits    mit    einge- 
schlossen, beziehungsweise  werden  durch  die  gleichen  Werthe  a,  /3,  y 
erfüllt,  welche  2.  befriedigen. 

Andererseits  erscheint  es  uns  Neueren  gar  verwunderlich,  dass 
die  Griechen  alle  diese  Fälle  unterschieden,  mit  deren  sieben  letzten 
im  Grossen  und  Ganzen  gar  nichts  geleistet  ist,  dass  sie  in  der  Er- 
findung derselben  etwas  hinlänglich  Bedeutendes  erkennen,  um  die 
Namen  derer  aufzubewahren,  von  welchen  jene  Leistung  herrührt. 
Wir  werden  in  die  griechische  Stufenleiter  der  Werthschätzung  uns 
hineinfinden  können,  wenn  wir  zweierlei  erwägen.  Erstens,  dass  eine 
grosse  Zahlengewandtheit  dazu  gehörte  sämmtliche  zehn  Verhältnisse 
ganzzahlig  zu  erfüllen,  zweitens,  dass  die  aus  vier  von  einander  ver- 
schiedenen Zahlen  gebildete  geometrische  Proportion  mit  den  aus  ihr 
abzuleitenden  für  die  Griechen  bis  zu  einem  gewissen  Grade  die 
Gleichungen  und  deren  Umformung  ersetzte.     Die  Folgerung  von 

a:ß  =  y:d  Sini  (a -\-  ß)  :  ß  ^  (y -\-  d)  :  ö 
z.  B.  spielt  bei  den  Griechen  fortdauernd  die  allerbedeutsamste  Rolle. 
Stetige  Proportionen  hatten  7.ur  Kenntniss  der  arithmetischen,  der 
geometrischen  Reihen,  jene  wieder  zur  Kenntniss  der  vieleckigen 
Z^len  geführt.  Was  Wunder,  dass  man  weiter  experimentirte,  dass 
man  immer  neue  Verbindungen  gleicher  Verhältnisse  zwischen  Zahlen 

15* 


228  11-  Kapitel. 

aufsuchte,  welche  selbst  aus  drei  gegebenen  Zahlen  additiv  oder  sub- 
traktiv  zusammengesetzt  waren?  Solche  neue  Proportionen  konnten 
zu  neuen  wichtigen  Entdeckungen  Gelegenheit  geben,  und  thaten  sie 
es  nicht,  so  boten  sie  nur  ein  Beispiel,  wie  es  deren  in  der  Geschichte 
aller  Wissenschaften  gibt,  dass  Untersuchungen  mit  hochgespannten 
Hoffnungen  und  Erwartungen  begonnen  sich  allmälig  als  unfruchtbar 
erwiesen. 

Eudoxus,  sagt  uns  das  Verzeichniss  noch,  führte  weiter  aus, 
was  von  Piaton  über  den  Schnitt  begonnen  worden  war,  wobei  er 
sich  der  analytischen  Methode  bediente.  Der  Schnitt,  ?j  tofir],  über 
welchen  Untersuchungen  von  Piaton  begonnen  worden  waren,  muss, 
wie  in  richtigem  Verständniss  dieses  lange  für  unerklärbar  dunkel 
gehaltenen  Ausspruches  erkannt  worden  ist^),  ein  ganz  bestimmter 
gewesen  sein,  ein  solcher,  dem  die  damalige  Zeit  die  grösste  Bedeu- 
tung beilegte.  Das  aber  war  der  Fall  mit  dem  Schnitt  der  Geraden 
nach  stetiger  Proportion,  mit  dem  sogenannten  goldenen  Schnitt, 
wie  die  spätere  Zeit  ihn  genannt  hat.  Der  goldene  Schnitt  tritt  nun 
grade  in  Verbindung  mit  Anwendimg  der  analytischen  Methode  in 
den  fünf  ersten  Sätzen  des  XIII.  Buches  der  euklidischen  Elemente 
auf,  nachdem  er  schon  im  11.  Buche  als  Satz  11.  gelehrt  worden  war. 
Die  Annahme,  jene  fünf  Sätze  seien  Eigenthum  des  Eudoxus  und 
von  Euklid  in  ihrem  Zusammenhange  pietätsvoll  erhalten,  hat  sonach 
eine  grosse  Wahrscheinlichkeit  für  sich.  Es  sei  ergänzend  nur  hin- 
zugefügt, dass  Eudoxus  bei  Untersuchungen  über  die  Proportionen- 
lehre fast  mit  Nothwendigkeit  auch  zu  solchen  Verhältnissen  geführt 
werden  musste,  für  welche  Zahlenbeispiele  nicht  möglich  wareu,  und 
deren  Behandlung  nur  geometrisch  gelang.  Wir  sagen,  er  musste 
dahin  geführt  werden,  weil,  wie  wir  (S.  152)  im  Vorbeigehen  bemerkt 
haben,  der  Grieche  die  Zahl  vorzugsweise  in  räumlicher  Versinnlichung 
zu  betrachten  pflegte,  und  hat  Eudoxus  sie  ebenso  betrachtet,  dann 
verstehen  wir,  warum  das  Mathematikerverzeichniss  die  Leistungen 
des  Eudoxus  in  der  Proportionenlehre  mid  um  den  goldenen  Schnitt 
in  einem  Athemzuge  ausspricht.  Auch  das  Letztgesagte  lässt  eine 
weitere  Beglaubigung  zu.  Eudoxus  hat  die  Proportionenlehre  geo- 
metrisch betrachtet,  denn  ihm  gehört  nach  der  Behauptung  eines 
vermuthlich  von  Proklus  verfassten  Scholion  das  ganze  V.  Buch  des 
Euklid,  das  ist  eben  das  der  Proportionenlehre  gewidmete,  in  allen 
seinen  wesentlichen  Theilen  au^). 

Eine    ganz    andere    Gattung  von   Untersuchungen    des   Eudoxus, 

')  Bretsclineider  S.  167  — 168.  -)  Knoclie,  Untersuchungen  über  die 
neu  aufgefundenen  Scholien  des  Proklus  Diadochus.     Herford,  1865,    S.  10  — 13. 


Die  Akademie.    Aristoteles.  229 

welche  nicht  minder  gut  verbürgt  sind,  hatte  stereometrische 
Ausmessungen  zum  Gegenstande.  Archimed  sagt  uns  mit  aus- 
drücklicher Bestimmtheit^),  Eudoxus  habe  gefunden,  dass  jede  Pyra- 
mide der  dritte  Theil  eines  Prisma  sei,  welches  mit  ihr  die  gleiche 
Grundfläche  und  Höhe  habe,  ferner,  dass  jeder  Kegel  der  dritte  Theil 
eines  Cylinders  von  der  Grundfläche  und  Höhe  des  Kegels  sei. 
Archimed  deutet  dabei  den  Weg  an,  welchen  Eudoxus  bei  den  Be- 
weisen einschlug.  Die  griechischen  Philosophen  nannten  Xr^ina, 
Einnahme,  den  Vordersatz,  von  welchem  der  Dialektiker  bei  seinen 
Schlüssen  ausgeht.  Dasselbe  Wort  bedeutete  dem  Mathematiker 
einen  zum  Gebrauche  für  das  Nächstfolgende  nothwendigen,  aber 
den  Zusammenhang  einigermassen  unterbrechenden  Lehnsatz.  Von 
einem  Lemma,  welches  Eudoxus  hier  anwandte,  sagt  uns  auch 
Archimed.  Es  lautet  wie  folgt:  „Wenn  zwei  Flächenräume  ungleich 
sind,  so  ist  es  möglich,  den  Unterschied,  um  welchen  der  kleinere 
von  dem  grösseren  ttbertrofi'eu  wird,  so  oft  zu  sich  selbst  zu  setzen, 
dass  dadurch  jeder  gegebene  endliche  Flächenraum  übertrofi'en  wird." 
Archimed  setzt  hinzu,  mit  Hilfe  des  gleichen  Lemma  hätten  auch 
die  Alten  die  Proportionalität  des  Kreises  zum  Quadrat  des  Durch- 
messers bewiesen,  so  dass  möglicherweise  der  Beweis  des  Hippo- 
krates  von  Chios  schon  dieses  Lemma  voraussetzte,  und  nicht,  wie 
wir  (S.  196)  wahrscheinlich  zu  machen  suchten,  von  einer  rechnenden 
Betrachtung  ausging.  Jedenfalls  war,  wenn  auch  die  erste  Keuntniss 
des  Lemmas  als  solchen  dem  Eudoxus  entrückt  werden  zu  müssen 
scheint,  seine  Leistung  eine  sachlich  wie  methodisch  hervorragende, 
und  wir  haben  ihn  als  einen  der  ersten  Bearbeiter  des  Exhaustions- 
verfahrens  unter  allen  Umständen  zu  nennen. 

Noch  eine  dritte  Gruppe  von  geometrischen  Untersuchungen  des 
Eudoxus  darf  nicht  schweigend  übergangen  werden.  Eudoxus  ist 
Erfinder  einer  Curve,  welche  zwar  in  der  Astronomie  ihre  wesent- 
liche Anwendung  gefunden  hat,  aber  darum  nicht  weniger  der  Geo- 
metrie angehört").  Sie  wurde  von  ihm  selbst  Hippopede,  das  heisst 
Pferdefessel,  genannt,  und  Xenophon  beschreibt  sie  in  seinem  Buche 
über  die  Reitkunst  als  die  Art  des  Laufes,  welche  beide  Seiten  des 
Pferdes  gleichmässig  ausbilde  und  jegliche  Wendung  zu  machen  ge- 
statte.   Auch  heutigen  Tages  sucht  man  durch  das  sogenannte  Achter- 

')  Archimedes  (ed.  Heiberg)  I,  4  lin.  11  —  14  und  II,  296  lin.  9—20. 
*)  Ueber  diese  Curve  vergl.  den  V.  Abschnitt  des  vorher  ei-wähnten  Aufsatzes 
von  Schiaparelli,  deutsche  Uebersetzung  S.  137 — 155  und  Knoche  und 
Maerker  (Ex  Prodi  successoris  in  Eudidis  elementa  commentariis  defmitionis 
quartae  expositionem  quae  de  recta  est  linea  et  sectionibus  spiricis^  commentati 
sunt  Knoche  et  Maerker).    Herford,  1856. 


230  II'  Kapitel. 

reiten  die  gleiche  Wirkung  hervorzubringen,  und  so  wird  sehr  wahr- 
scheinlich, dass  es  eine  schleifenartige  Curve  war,  welche  Eudoxus 
so  benannte.  Damit  stimmen  Stellen  des  Proklus  überein,  welche 
die  Hippopede  eine  spirische  Linie  nennen,  und  welche  bezeugen, 
dass  sie  einen  Winkel  bilde,  indem  sie  sich  selbst  schneide^).  Wir 
werden  von  dem  Erfinder  der  spirischen  Linien  noch  später  zu  reden 
haben.  Jetzt  dürfen  wir  aber  schon  bemerken,  dass  man  unter 
Spire,  öTiEiQa,  einen  sogenannten  Wulst  versteht,  d.  h.  einen  ring- 
förmigen Rotationskörper,  welcher  durch  die  Drehung  eines  Kreises 
um  eine  in  seiner  Ebene  liegende  aber  nicht  durch  den  Mittelpunkt 
gehende  Gerade  erzeugt  wird^),  einen  Körper,  dessen  Hälfte  in  der 
Würfelverdoppelung  des  Archytas  (S.  215)  vorkommt,  erzeugt  durch 
die  Verschiebung  eines  senkrechten  Halbkreises  über  einem  wag- 
rechten. Schneidet  mau  diesen  Wulst  durch  eine  der  Drehungsaxe 
parallele  Ebene,  so  entsteht  eine  spirische  Linie,  deren  Gestalt  je  nach 
der  Entfernung  der  Schnittebene  von  der  Drehungsaxe  eine  dreifache 

sein  kann  (Figur  39).  Ist  die  schnei- 
dende Ebene  von  der  Drehungsaxe 
weiter  entfernt  als  der  Kreismittelpunkt, 
so  entsteht  eine  ovale  in  sich  zurück- 
laufende Linie,  welche  Proklus  als  in 
der  Mitte  am  breitesten  und  gegen  die 
Enden  sich  verengernd  schildert.  Geht 
die  Ebene  von  der  Axe  aus  geseheii 
diesseits  des  Mittelpunktes  des  erzeu- 
genden Kreises,  aber  immer  noch  durch 
den  ganzen  Wulst,  so  ist  die  Curve 
nach  den  Worten  desselben  Schrift- 
^*^'  ^^-  stellers    länglich,    in    der    Mitte    einge- 

drückt und  breiter  an  den  beiden  Enden.  Die  Schleifenlinie  entsteht, 
wenn  die  Schnittebene  der  Axe  noch  näher  rückt,  so  dass  sie  den 
Wulst  an  einem  inneren  Punkte  berührt,  welcher  alsdann  der  Doppel- 
punkt der  Curve  ist.  Die  genaueren  Eigenschaften  der  Hippopede 
des  Eudoxus  auseinanderzusetzen  ist  hier  um  so  weniger  der  Ort, 
als  dieselben  in  den  Quellen  nicht  angegeben  sind,  man  also  in  voll- 
ständiger Ungewissheit  sich  befindet,  wie  viel  oder  wie  wenig  von 
dem,  was  man  auseinandersetzt,  dem  Eudoxus  selbst  bekannt  gewesen 
sein  kann. 

Das  Letzte,   worüber  wir  noch   zu   berichten  hätten,  wären   die 


')  Proklus  (ed.  Friedlein)  pag.  127,  128,  112.     2)  Proklus  (ed.  Fried 
lein)  pag.  119.     Heron  Alexaiidrinus  (ed.  Hultsch)  pag.  27,  Definit.  98. 


Die  Akademie.    Aristoteles.  231 

Bogenlinieiij  HuyinvXccL  yQ^^al,  mittels  deren  Eudoxus  die  Würfel- 
verdoppelung  vollzog.  Eudoxus  den  Gottähnliclien  nennt  ihn  Era- 
tosthenes  mit  Rücksiclit  auf  diese  Leistung  in  einem  Epigramm, 
welches  den  Schluss  seines  Briefes  an  König  Ptolemäus  über  die 
Würfelverdoppelung  bildet.  Es  muss  also  gewiss  eine  hervorragende 
Arbeit  gewesen  sein.  Welcher  Art  aber  jene  Bogenlinien  gewesen 
sein  mögen,  darüber  fehlt  auch  die  dürftigste  Angabe,  so  dass  wir 
keinerlei  Vermuthung  Ausdruck  zu  geben  im  Stande  sind. 

Das  Mathematikerverzeichniss  vereinigt  nun  wieder  drei  Namen, 
von  welchen  zwei  uns  schon  bekannt  geworden  sind:  „Amyklas  von 
Heraklea,  einer  von  Piatons  Gefährten,  und  Menächmus,  der  Schüler 
des  Eudoxus  und  auch  mit  Piaton  zusammenlebend,  und  sein  Brader 
Diuostratus    machten  die   gesammte  Geometrie  noch   vollkommener." 

Ueber  Amyklas  und  seine  Verdienste  wissen  wir  gar  nichts. 
Menächmus^)  war  jener  Würfelverdoppler ,  welcher  Parabel  und 
Hyperbel  bei  der  Lösung  seiner  Aufgabe  benutzte.  Wir  haben  seine 
Auflösungen  durch  Eutokius  kennen  gelernt  (S.  217)  und  ims  aus 
denselben  klar  zu  machen  gesucht,  wie  viel  Kenntnisse  aus  der  Lehre 
von  den  Kegelschnitten  Menächmus  bereits  besessen  haben  muss. 
Wir  erinnern  uns  aus  demselben  Berichte  des  Eutokius,  dass  Isidorus 
von  Milet  einen  Parabelzirkel  erfunden  hat.  Nun  kommt  allerdings 
in  dem  oft  benutzten  Briefe  des  Eratosthenes  der  Satz  vor  (S.  199), 
die  Zeichnungen  der  verschiedenen  Würfelverdoppler  hätten  sich  nicht 
leicht  mit  der  Hand  ausführen  und  in  Anwendung  bringen  lassen 
„ausser  etwa  einigermassen  die  des  Menächmus,  doch  auch  nur  müh- 
sam". Man  hat  daraus  den  Schluss  gezogen,  Menächmus  habe  bereits 
gewisse  Vorrichtungen  zur  Zeichnung  seiner  Curven  gekannt,  und 
unmöglich  ist  diese  Deutmig  nicht.  Einen  eigentlichen  Widerspruch 
gegen  die  bei  Eutokius  vorkommende  Bemerkung  bildet  sie  gewiss 
nicht,  da  erstens  die  Vorrichtungen  des  Menächmus  keine  Zirkel  ge- 
wesen zu  sein  brauchen  und  zweitens  Eutokius  nicht  sagt,  dass  man 
vor  der  Erfindung,  die  er  seinem  Lehrer  nachrühmt,  Parabel  und 
Hyperbel  nicht  mechanisch  habe  zeichnen  können.  Dass  die  Namen 
Parabel  vmd  Hyperbel  jüngeren  Datums  als  Menächmus  sind,  haben 
wir  betont.  Sie  gehören  dem  Apollonius  von  Pergä  an.  Die 
Namen,  welche  vorher  in  Uebung  waren,  gehen  ebenso  wie  die  Ent- 
stehung jener  Curven  aus  einer  durch  Eutokius  in  seinem  Commen- 
tare  zu  Apollonius  uns  erhaltenen  Stelle  des  Geminus  hervor^).     Die 


')  Max  C.  P.  Schmidt,  Die  Fragmente  des  Mathematikers  Menächmus 
in  der  Zeitschrift  „Philologus"  (1882)  Bd.  1,  2,  S.  72—81.  ^)  Apollouii  Co- 
nica  (ed.  Heiberg).     Leipzig,  1891—1893.     II,  168. 


232  11-  Kapitel. 

Alten  kannten  nur  grade  Kreiskegel  und  definirten  dieselben  als 
durch  die  Umdrehung  eines  rechtwinkligen  Dreiecks  um  die  eine 
seiner  Katheten  entstanden.  Sie  unterschieden  aber  drei  Gattungen 
solcher  Kegel,  je  nachdem  die  Umdrehungsaxe  mit  der  Hypotenuse 
des  den  Kegel  erzeugenden  Dreiecks  einen  Winkel  machte,  der  kleiner, 
gleich  oder  grösser  als  die  Hälfte  eines  rechten  Winkels  war.  Der 
Winkel  an  der  Spitze  des  Kegels  wurde  natürlich  doppelt  so  gross, 
also  in  den  drei  Fällen  spitz,  recht  oder  stumpf.  Nun  schnitt  man 
jeden  Kegel  durch  eine  zur  Kegelseite,  d.  h.  zur  Hypotenuse  des  er- 
zeugenden Dreiecks  senkrechte  Ebene  und  erhielt  so  die  dreierlei 
Curven,  welche  ihrer  Hervorbringung  gemäss  Schnitt  des  spitz- 
winkligen, des  rechtwinkligen  und  des  stumpfwinkligen 
Kegels  genannt  wm'den.  Schon  Demokritus  von  Abdera  (S.  180) 
scheint  Kegel  durch  dem  Grundkreise  parallele  Ebenen  durchschnitten 
zu  haben.  Die  bei  sonstigen  Schnitten  auf  der  Kegeloberfläche  her- 
vortretenden Curven  hat  er  indessen  wohl  kaum  beobachtet,  da  wieder 
Geminus  in  einer  anderen  durch  Proklus  uns  aufbewahrten  Stelle 
versichert,  Menächmus  habe  die  Kegelschnitte  erfunden^).  Eben  das- 
selbe geht  auch  aus  einer  Bemerkung  des  Eratosthenes  hervor.  In 
jenem  Epigramme  nämlich,  mit  Avelchem  er  seinen  Brief  über  die 
Würfelverdoppelung  beschliesst,  und  in  welchem  er  Eudoxus  den 
Göttlichen  nennt,  wie  wir  oben  sagten,  spricht  er  von  den  aus  dem 
Kegel  geschnittenen  Triaden  des  Menächmus. 

Menächmus,  der  Entdecker  der  Kegelschnitte  und  einiger  ihrer 
Haupteigenschaften,  scheint  aber  nicht  im  Zusammenhange  von  den- 
selben gehandelt  zu  haben.  Wenigstens  sagt  uns  Pappas,  dass  ein 
gewisser  Aristäus  der  Aeltere  zuerst  über  die  Elemente  der  Kegel- 
schnitte fünf  Bücher  herausgab.  An  einer  zweiten  Stelle  erzählt  er 
uns,  dass  Euklid  dem  Aristäus  nachgerühmt  habe,  dass  er  sich  durch 
die  Herausgabe  der  Kegelschnitte  verdient  gemacht  habe.  Eine  dritte 
Stelle  des  Pappus  bestätigt  endlich,  was  wir  vorher  nach  Geminus 
über  die  Namen  sagten,  indem  es  dort  heisst,  Aristäus  und  alle 
anderen  Mathematiker  vor  Apollonius  nannten  die  drei  Kegelschuitt- 
linien  den  Schnitt  des  spitzwinkligen,  rechtwinkligen  und  stumpf- 
winkligen Kegels^).  Demselben  Aristäus  rühmt  Pappus  an  der  gleichen 
Stelle  auch  noch  nach,  dass  er  die  bis  jetzt  einzig  vorhandenen  fünf 
Bücher  körperlicher  Oerter  in  Zusammenhang  mit  den  Kegel- 
schnitten verfasst  habe,  und  Hypsikles  weiss  im  zweiten  vorchrist- 
lichen Jahrhundert,  dass  er  eine   Vergleichung    der    fünf   regel- 

')  Proklus  (ed.  Friedlein)  pag.  111.     ')  Alle  drei  Stellen  bei  Pappus, 
VII,  Praefatio  (ed.  Hultscli)  672,  676  und  wieder  672. 


Die  Alitidemie.     Aristoteles. 


233 


massigen  Körper  verfasste^).  Das  Zeitalter  des  Aristäus  des 
Aelteren  lässt  sich  aus  diesen  Angaben  ziemlich  genau  ableiten. 
Er  muss  mit  seinem  Werke  über  die  regelmässigen  Körper  später 
als  Theaetet,  der  ziierst  über  diesen  Gegenstand  schrieb,  mit  seinem 
Werke  über  die  Kegelschnitte  später  als  Menächmus,  der  diese  Curven 
entdeckte,  früher  als  Euklid,  der  das  Werk  lobte,  aufgetreten  sein. 
Mau  wird  folglich  keinenfalls  weit  fehlgehen,  wenn  man  die  schrift- 
stellerische Thätigkeit  des  Aristäus  auf  die  Jahrzehnte  um  320  be- 
stimmt. Das  IMathematikerverzeichniss  schweigt  auffallender  Weise 
über  diesen  ohne  allen  Zweifel  hervorragenden  Mann,  und  auch  die 
anderen  Quellen  lassen  uns  im  Stiche,  wenn  wir  die  Frage  aufwerfen, 
wer  wohl  der  Aristäus  der  Jüngere  war,  in  Gegensatz  zu  welchem 
Pappus  von  dem  Aelteren  redet? 

.Menächmus  muss,  wie  wir  soeben  begründet  haben,  vor  Aristäus 
gesetzt  werden.  Der  Zeit  nach  könnte  er  mithin  leicht  Mathematik- 
lehrer Alexanders  des  Grossen  gewesen  sein,  wie  in  einem  allerdings 
an  sich  wenig  glaubwürdigen  Geschichtchen  erzählt  wird"). 

Dinostratus,  der  Bruder  des  Menächmus,  bediente  sich  Pappus 
zufolge  zur  Quadrirung  des  Kreises  jener  krummen  Linie,  deren  Er- 
findung wir  für  Hippias  von  Elis  in  Anspruch  nehmen  mussten,  und 
welche  muthmasslich  nur  von  ihrer  neuen  Anwendung  den  Namen 
der  Quadratrix  erhielt  (S.  183).  Auch  über  das  dabei  eingeschlagene 
Verfahren  gibt  Pappus  uns  erwünschte  Auskunft^).  Es  wird  nämlich 
zunächst  die  Länge  des  Kreisquadranten  gesucht  und  alsdami 
der  Inhalt  des  Kreises  als  Hälfte  des  Rechtecks  berechnet,  welches 
die  Kreisperipherie,  oder  das  Vierfache  des  Quadranten,  zur  Grund- 
linie und  den  Kreishalbmesser  zur  Höhe  hat.  Jene  Länge  des  Qua- 
dranten aber  ist  erstes  Glied  einer  stetigen 
geometrischen  Proportion,  deren  Mittelglied 
der  Halbmesser  und  deren  letztes  Glied 
die  Entfernung  des  Kreismittelpunktes  von 
dem  Endpunkte  der  Quadratrix  ist  (Fi- 
gur 40).  Wäre  nicht,  wie  behauptet  wird, 
BEzJ  :  r^  =  rzJ  :  F®,  so  wäre  etwa 
BEzl  :  r^  =  r^  :  rX  und  FK  >  r&. 
Man  beschreibe  mit  F  als  Mittelpunkt  und 
PK  als  Halbmesser  einen  zweiten  Qua- 
dranten ZHK,  welcher  die  Quadratrix  in  H  schneidet.  Da  die  Pro- 
portionalität der  Quadranten  und  ihrer  Halbmesser  BEzi  :  ZHK 
=  r^  :  FK  zur  Folge  hat,  so  verbindet  sich  dieses  Verhältniss  mit 


')  Hypsikles,  Buch  von  den  fünf  regelmässigen  Körpern^  Satz  2.     ^)  Vergl. 
Bretschneider  162—163.     ^)  Pappus  IV,  26  (ed.  Hultsch)  pag.  256. 


234 


11.  Kapitel. 


dem  Vorhergeliendeu  zu  ZHK=r^  =  Br.  Wegen  der  Gruiid- 
eigenschaft  der  Quadratix  ist  aueli  Bogen  BE/I :  Bogen  E^  =  BF:  Hyl 
und,  weil  die  concentrischen  Quadranten  BE^^  ZHK  durcli  den 
Halbmesser  FHE  geschnitten  sind,  ist  ferner  Bogen  BE^  :  Bogen 
j^z/=  Bogen  ZifüC:  Bogen  i/üT  =  ß  F :  Bogen  HK.  Daraus  folgt 
wieder  durch  Verbindung  zweier  Verhältnisse 
Bogen  HK  =  HA ,  was  unmöglich  ist.  Die 
Annahme,  dass  der  Punkt  K  zwischen  F  und  & 
fiele,  mithin  FK  <  r&  wäre  (Figur  41)  führt 
gleichfalls  zu  Widersprechendem.  Man  be- 
schreibt wieder  mit  F  als  Mittelpunkt  und  FK 
als  Halbmesser  einen  Quadranten,  so  muss 
Avieder  BEA  :  ZMK  =  BF:  FK  sich  verhalten. 
Voraussetzungsmässig  ist  BEzJ :BF=  BF:  FK, 
mithin  Z MK  =  BF.  Ferner  findet  das  Verhältniss  statt  Bogen 
ZMK  :  Bogen  MK  =  Bogen  BEzJ  :  Bogen  Ezl  und,  weil  BH& 
Quadratrix  ist,  auch  Bogen  BEzJ  :  Bogen  EJ  =  BF:  HK,  folglich 
Bogen  ZMK  :  Bogen  MK  =  BF:  HK.  In  dieser  Proportion  ist,  wie 
oben  gezeigt  wurde,  das  erste  und  dritte  Glied  übereinstimmend,  also 
muss  das  Gleiche  für  das  zweite  und  vierte  Glied  stattfinden,  d.  h. 
es  muss  Bogen  MK  =  HK  sein,  und  das  ist  nicht  möglich.  Der 
Punkt  K,  dessen  Entfernung  vom  Mittelpunkte  F  das  Schlussglied 
der  Proportion  bildet,  deren  Anfangsglied  die  Quadrantenlänge  und 
deren  Mittelglied  der  Halbmesser  ist,  kann  also  weder  rechts  noch 
links  von  &  fallen  und  muss  deshalb  &  selbst  sein. 

Dieser  Beweis  ist  der  erste  indirekte  Beweis,  welchem  wir  be- 
gegnet sind,  wenn  wir  auch  keineswegs  annehmen,  hier  sei  wirklich 
zuerst  die  Zurückführung  auf  Widersprüche  vorgenommen  worden. 
Die  analytische  Methode,  das  haben  wir  ja  gesehen,  musste  den  Be- 
weis aus  dem  Gegeiitheil  bevorzugen,  als  denjenigen,  der  eine  nach- 
folgende Synthese  entbehrlich  machte  (S.  208),  und  so  wird  auch 
wohl  spätestens  mit  dieser  Methode  der  apagogische  Beweis  entstanden 
sein  —  spätestens,  denn  es  ist  keineswegs  unmöglich,  dass  er  zum 
Zwecke  der  dem  Hippokrates  schon  nicht  fremden  Exhaustion  er- 
funden worden  wäre.  Zu  dem  bewiesenen  Satze  selbst  wollen  wir 
noch  besonders  hervorheben,  was  wir  oben  gelegentlich  gesagt  haben. 
Der  Name  der  Quadratrix  darf  uns  nicht  irren,  als  ob  es  hier  wirk- 
lich um  eine  Quadratur  sich  handelte.  Diese  folgt  erst  in  zweiter 
Linie.  Eine  Rectification  des  Kreisquadranten  ist  vielmehr  vor- 
genommen, und  zwar  dürfte  es  das  erste  Mal  gewesen  sein,  dass 
diese  Aufgabe  behandelt  wurde,  um  welche  von  jetzt  an  die  Zahl  der 
grossen  Probleme  der  Geometrie  vermehrt  ist. 


Die  Akademie.     Aristoteles.  235 

„Theyclius  von  Magnesia  sclieint  sowolil  in  der  Mathematik 
als  auch  in  der  übrigen  Philosophie  bedeutend  zu  sein;  er  schrieb 
auch  sehr  gute  Elemente,  wobei  er  vieles  Specielle  verallgemeinerte. 
Ganz  ebenso  war  Kyzikenus  von  Athen  oder  Athenaeus  von 
Kyzikus,  denn  die  griechische  Form  6  Kvt,ixrjv6g  '^d-'^vaiog  kann 
beide  Bedeutungen  haben  und  ist  bald  so,  bald  so  übersetzt  worden^), 
um  die  nämliche  Zeit  lebend,  sowohl  in  den  anderen  Wissenschaften 
als  ganz  besonders  auch  in  der  Geometrie  berühmt.  Alle  diese  ver- 
kehrten in  der  Akademie  mit  einander,  indem  sie  ihre  Untersuchungen 
gemeinschaftlich  anstellten.  Hermotimus  von  Kolophon  führte 
das  früher  von  Eudoxus  und  Theaetet  Gefundene  weiter  aus,  ent- 
deckte vieles  zu  den  Elementen  Gehörige  und  schrieb  Einiges  über 
die  Oerter.  Philippus  von  Mende,  des  Piaton  Schüler  und  von 
ihm  den  Wissenschaften  zugeführt,  stellte  nach  Piatons  Anleitung 
Untersuchungen  an  und  nahm  sich  das  zur  Bearbeitung,  wovon  er 
glaubte,  dass  es  mit  Piatons  Philosophie  zusammenhänge.  Die  nun 
die  Geschichte  geschrieben  haben,  führten  bis  zu  diesem  Punkte  die 
Entwicklung  der  Wissenschaft  fort." 

So  der  Schluss  des  alten  Mathematikerverzeichnisses.  Von  den 
vier  Männern,  welche  hier  genannt  sind,  ist  einer  uns  schon  bekannt: 
Philippus  von  Mende.  Es  ist  kaum  einem  Zweifel  unterworfen, 
dass  er  derselbe  ist,  wie  Philippus  Opuntius  (von  Opus)^'),  dass 
er  ein  bedeutender  Astronom  war,  zuerst  wahrscheinlich  mit  optischen 
Untersuchungen  sich  beschäftigte  und  insbesondere  den  Regenbogen 
als  Brechungserscheinung  erkannte.  Von  den  Arbeiten  über  Viel- 
eckszahlen war  (S.  158)  die  Rede.  Auch  die  Literaturgeschichte  ist 
unserem  Philippus  zu  Dank  verpflichtet,  als  demjenigen,  der  die  12 
Bücher  Gesetze  des  Piaton  herausgab  und  ein  13.  Buch,  die  sogenannte 
Epinomis,  als  Anhang  verfasste.  Von  den  drei  übrigen  Persönlich- 
keiten dagegen  wissen  wir  nichts,  wenn  wir  von  dem  sehr  allgemein 
gehaltenen  Ausspruche  des  Verzeichnisses  selbst  absehen,  Hermotimus 
habe  über  die  Oerter  geschrieben.  Ein  geometrischer  Ort  im  Allge- 
meinen ist  der  Inbegriff  von  Punkten,  welche  insgesammt  gCAvisse 
Bedingungen  erfüllen,  die  hinwiederum  durch  keinen  Punkt  ausser- 
halb des  geometrischen  Ortes  erfüllt  werden.  Pappus  sagt  uns  weiter, 
dass  man  verschiedene  Arten  von  Oertern  unterschied^).  Ebene 
Oerter,  roTtot  sjiLTisdoL,  wurden  die  genannt,  welche  gerade  Linien 
oder  Kreislinien  sind;  körperliche  Oerter,  ro';roi  Gtsqsol,  die,   welche 

^)  Bretschneider  hat  die  erste,  Friedlein  die  zweite  Uebersetzung  an- 
genommen. ')  Aug.  Böckh,  Ueber  die  vierjährigen  Sonnenkreise  der  Alten 
(Berlin  1863)  S.  34—40.  ^)  Pappus  VIT,  Praefatio  (ed.  Hultsch)  pag.  662 
und  672. 


236  11-  Kapitel. 

Kegelschnitte  sind;  lineare  Oerter,  roTtoL  yQa^i^imn,  die  weder  gerade 
Linien,  nocii  Kreislinien,  noch  Kegelselinitte  sind.  Es  muss  dabei 
einigermassen  auffallen,  dass  nach  einer  Nachricht,  die  wir  ebendem- 
selben Pappus  verdanken,  Aristäus  der  Aeltere  in  zwei  verschiedeneu 
Schriften  über  Kegelschnitte  und  über  körperliche  Oerter  geschrieben 
haben  soll.  Man  muss  wohl  annehmen,  dass  das  eine  Mal  sein  Zweck 
dahin  ging,  Eigenschaften  der  Kegelschnitte  auseinander  zu  setzen, 
das  andere  Mal  Aufgaben  zu  lösen,  bei  denen  Kegelschnitte  als  Mittel 
zur  Auflösung  dienten. 

Wenn  von  Allen  zugleich  behauptet  wird,  sie  hätten  in  der 
Akademie  verkehrt,  so  kann  dieser  Verkehr  auch  stattgefunden  haben, 
nachdem  der  Stifter  dieser  Schule  gestorben  war.  Piatons  unmittel- 
barer Nachfolger  war  Speusippus,  Sohn  der  Potoue,  der  Schwester 
Piatons.  Er  schrieb  über  die  pythagoräischen  Zahlen,  und  ein  Bruch- 
stück dieses  artigen  Büchleins  —  ßißUdiov  yXacpvQÖv  —  hat  sich 
nebst  dieser  lobenden  Benennung  bei  einem  späten  Schriftsteller  er- 
haltenO-  Es  ist  darin  von  linearen  Zahlen,  von  vieleckigen  Zahlen, 
von  Dreiecken,  von  Pyramiden  die  Rede,  so  dass  dadurch  der  alt- 
pythagoräische  Ursprung  aller  dieser  arithmetischen  Begriffe  immer 
unzweifelhafter  wird.  Zweiter  Nachfolger  Piatons  war  dann  Xeno- 
krates  (geboren  um  397,  gestorben  um  314),  der  Avahrscheinlich  339 
V.  Chr.  die  Leitung  der  Akademie  übernahm.  AVir  haben  (S.  203) 
dessen  bekannten  Ausspruch  über  die  Mathematik  als  Handhabe  der 
Philosophie  angeführt.  Wir  haben  (S.  108)  erwähnt,  dass  er  mög- 
licherweise eine  historische  Schrift  über  die  Geometer  verfasst  hat, 
welche,  wie  wir  jetzt  nach  Diogenes  Laertius  ergänzen,  aus  fünf 
Büchern  bestand.  Noch  andere  vielleicht  mathematische  Schriften 
von  ihm  werden  uns  durch  den  gleichen  Gewährsmann  genannt^) 
Leider  sind  es  nur  Ueber Schriften,  die  auf  uns  gelangt  sind,  ohne 
selbst  die  leiseste  Andeutung  über  den  Inhalt.  Nur  über  eine  Lei- 
stung des  Xenokrates  ist  uns  eine  kurze  Notiz  erhalten,  welche  be- 
dauern lässt,  dass  sie  so  kurz  ist.  Er  habe  auch  gezeigt,  sagt  Plu- 
tarch,  dass  die  Anzahl  der  aus  allen  Buchstaben  zusammensetzbaren 
Silben  1002  000  000  000  betrage^).  Die  Frage  ist  eine  wesentlich 
combiuatorische.  Combinatorisch  ist,  wenn  man  will,  bis  zu  einem 
gewissen  Grade  die  Bemerkung  Piatons  von  den  59  Theilern,  welche 


^)  Theologuuiena  Arithmeticae  (ed.  Ast).  Leipzig  1817,  pag.  61 — 62.  Eine 
mit  Erläuterungen  versehene  Uebersetzung  der  ganzen  Stelle  bei  P.  Tannery, 
Pour  riiistoire  de  la  scieuce  Hellene,  pag.  386—390.  -)  Diogenes  Laertius 
IV,  13.  ^)  Plutarchus,  Quaest.  Conviv.  VIII,  9,  13:  StvoKQccrrjg  Si:  zov  xätv 
cvXXa^ihv  ccQi^iibv  ov  ru  6rQi%tLa  ynyvviitva  TtQog  allrjXa  TtctQ^x^^  l.l^'Ql(x^cov  ani- 


Die  Akademie.     Aristoteles.  237 

in  5040  enthalten  seien  (S.  213).  Allein  dort  schien  es  uothwendig 
zuzugeben,  dass  eine  empirische  Zählung  zu  diesem  Ergebnisse  ge- 
führt haben  werde.  Bei  der  Aufgabe  des  Xenokrates  schliesst  die 
Grösse  der  Zahl  jede  Zählung,  ihre  Abweichung  von  einer  runden 
Zahl  jede  allgemein  kingeworfene  Abschätzung  aus.  Xenokrates  muss 
gerechnet,  nach  einer  combinatorischen  Formel  gerechnet  haben,  und 
wenn  dieselbe  auch  offenbar  unrichtig  gewesen  sein  muss,  so  wäre 
es  nicht  weniger  wissenswerth,  die  Formel  und  ihre  Ableitung  zu 
kennen.  Eine  Wiederherstellung  derselben  aus  jener  Zahl  ist  uns 
nicht  gelungen. 

Suchen  wir  ganz  kurz  zusammenfassend  unserem  Gedächtnisse 
einzuprägen,  welcherlei  Bedeutung  Piaton,  seine  ausserhalb  des  Pytha- 
goräismus  stehenden  Vorgänger  und  seine  eigenen  Schüler  für  die 
Entwicklung  der  Mathematik  besassen.  Die  Mathematik  gewinnt  in 
dieser  Zeit  an  Umfang  in  einem  zweifachen  Sinne  dieses  Ausdrucks. 
Der  Umfang  nimmt  zu  durch  neu  entdeckte  Sätze  und  Methoden. 
Der  Umfang  nimmt  zu  durch  die  Zahl  der  Persönlichkeiten,  die  mit 
Mathematik  sich  beschäftigen.  Die  letztere  Zunahme  begründet  sich 
durch  die  Nothwendigkeit,  durch  die  Mathematik  hindurch  zur 
Philosophie  zu  gelangen.  Die  Neuentdeckungen  gehören  zu  einem 
Theile  den  Elementen  an,  welche  seit  Hippokrates  in  wiederholter 
Ausarbeitung  durch  Leon  und  durch  Theydius  sich  wesentlich  ver- 
vollkommnen. Die  philosophisch  begründenden  Kapitel  der  Mathe- 
matik bilden  sich.  Definitionen  werden  ausgesprochen.  Methoden 
werden  erfunden.  Fragen  nach  der  Möglichkeit  des  Geforderten,  an 
die  man  früher  kaum  dachte,  bilden  jetzt  eine  unbedingte  Voraus- 
aussetzung. Aber  diese  Methoden,  vornehmlich  die  Analyse  und  der 
Diorismus,  äussern  ihre  hauptsächliche  Wichtigkeit  in  der  Lehre  von 
den  Oertern,  in  der  höheren  Mathematik  des  Alterthums,  welcher 
der  andere  Theil  der  Neuentdeckungen  augehört.  Es  sind  der  Haupt- 
sache nach  drei  Probleme,  durch  welche  die  höhere  Mathematik,  der 
Zirkel  und  Lineal  nicht  genügen,  hervorgerufen  wird:  die  Quadratur 
des  Kreises,  in  der  Form,  wie  Dinostratus  sie  behandelt,  die  ßectifi- 
cation  mit  einschliesseud,  die  Dreitheilung  des  Winkels,  die  Ver- 
doppelung des  Würfels.  Die  beiden  letzten  Probleme  führen  zur 
Erfindung  mannigfacher  Curven,  unter  welchen  die  Kegelschnitte 
durch  die  später  gewonnene  Ausbildung  ihrer  Lehre  an  Wichtigkeit 
hervorragen.  An  sich  aber  sind  sie  kaum  merkwürdiger  als  jene 
anderen  krummen  Linien,  von  denen  eine,  durch  Archytas  zum  Zwecke 
der  Würfelverdoppelung  ersonnen,  sogar  eine  Linie  doppelter  Krüm- 
mung ist.  Die  Kreisquadratur  hat  noch  eine  besondere  Seite,  mittels 
deren   die  höhere  Mathematik  des  Alterthums  mit    der  der  Neuzeit 


238  11-  Kapitel. 

sich  berührt.  Sie  erfordert  Infinitesimalbetrachtungen.  Das  Unend- 
lichgrosse wie  das  Unendlichkleine  sind  dem  Alterthume  keineswegs 
fremd.  Nur  wagte  man  nicht  —  zunächst  vielleicht  aus  Scheu  vor 
Angriffen,  wie  die  eleatische  Schule  sie  übte  —  eine  unmittelbare 
Benutzung  des  Unendlichen  sich  zu  gestatten.  Die  mittelbare  Methode 
der  Zurückführung  auf  das  Unmögliche,  später  für  diese  Gattung  von 
Aufgaben  unter  dem  Namen  der  Exhaustion  bekannt,  diente  zum 
Ersätze  und  zeigte  sich  als  so  wirksam,  dass  von  nun  an  ein  anderes 
Beweisverfahren  gar  nicht  mehr  gestattet  worden  wäre.  So  bleibt 
der  Form  nach  die  gesammte  Mathematik  einheitlich  gestaltet  als 
Geometrie,  ohne  dass  ein  äusserer  Unterschied  der  Beweisführung 
zwischen  niederer  und  höherer  Geometrie  obwaltete.  Auch  die  Arith- 
metik fügt  sich  diesem  einheitlichen  Zusammenhange,  sie  nimmt  mehr 
und  mehr  ein  geometrisches  Gewand  an,  dessen  sie  auch  in  dem  nun 
folgenden  Jahrhunderte,  in  der  Glanzperiode  griechischer  Mathematik, 
sich  nicht  entkleiden  wird. 

Mit  diesem  Ueberblicke  könnten  wir  füglich  dieses  Kapitel 
schliessen.  Wir  sollten  es  vielleicht.  Ganz  äusserliche  Gründe  be- 
stimmen uns  einen  kurzen  Anhang  nachzuschicken  und  in  demselben 
Dinge  zur  Sprache  zu  bringen,  die  zur  Bildung  eines  eigenen  Kapitels 
stofflich  nicht  ausreichend  den  einheitlichen  Charakter  des  folgenden 
Kapitels  nur  noch  viel  mehr  entstellen  würden,  wenn  wir  vorzögen 
sie  dorthin  zu  verweisen.  Wir  meinen  die  mathematische  Bedeutung 
von  Aristoteles  und  seinen  nächsten  Schülern. 

Aristoteles^)  ist  384  geboren,  322  gestorben.  Seine  Vater- 
stadt Stagira  lag  in  der  thrakischen,  aber  grösstentheils  von  Griechen 
bewohnten  Landschaft  Chalkidike;  sein  Vater  war  Leibarzt  des 
Königs  Amyntas  von  Makedonien.  Diese  beiden  Erbüberlieferungen 
beeinflussten  sein  Leben.  Griechenland  hat  ihn  gebildet,  durch  Make- 
doniens Könige  hat  er  einen  wesentlichen  Theil  seiner  grossartigen 
Kulturmission  ausgeübt.  Aristoteles  war  im  18.  Jahre  seines  Lebens 
in  die  platonische  Schule  in  Athen  eingetreten,  wo  er  Mitschüler  des 
Xenokrates  war,  und  verliess  diese  Stadt,  in  welcher  er  übrigens 
auch  selbst  eine  Rednerschule  im  Gegensatze  zur  Akademie  eröffnete, 
im  Jahre  347  nach  Piatons  Tode.  Von  343  bis  340  etwa  war  er 
als  Erzieher  Alexanders  des  Grossen  am  makedonischen  Hofe,  ver- 
wandte dann  die  nächsten  Jahre  zur  Abfassung  von  für  seinen  Zög- 
ling bestimmten  Schriften  und  eröffnete  etwa  334  in  Athen  bei  dem 
Tempel  des  Apollo  Lykeios  seine  Vorträge.  Lustwandelnd  in  den 
Baumgängen    des    anstossenden  Gartens    wurden   die  Peripatetiker 

')  Vergl.  Zeller,  Die  Philosophie  der  Griechen.     Bd.  U,  2  S.  1  flgg. 


Die  Akademie.     Aristoteles.  239 

die  zahlreichste  Philosophenschule.  Die  Beziehungen  des  Aristoteles 
zu  Alexander  blieben  auch  aus  der  Ferne  die  besten,  bis  328  die 
Leidenschaftlichkeit  des  aufbrausenden  Fürsten  einen  unheilvollen 
Riss  hervorbrachte.  Das  hinderte  freilich  nicht,  dass  die  nach 
Alexanders  Tode  322  sich  aufraffenden  Athener  Aristoteles  mit  ihrem 
Hasse  bedrohten.  Er  floh  nach  Chalkis  und  starb  dort  innerhalb 
Jahresfrist. 

Wir  haben  von  den  Leistungen  des  grossen  Stagiriten  hier  nur 
einen  kleinsten  Bruchtheil  zu  besprechen.  Seine  astronomischen, 
seine  physikalischen,  seine  naturbeschreibenden  Schriften  kümmern 
uns  als  solche  nicht.  Seine  eigentlich  philosophischen  Werke  haben 
für  uns  nur  mittelbare  Bedeutung.  So  haben  wir  dessen,  was  er  in 
seiner  Physik  über  das  Unendlichgrosse  und  das  Unendlichkleine  sagt, 
schon  früher  (S.  191)  gedacht,  und  mit  Bewunderung  bei  ihm  eine 
Auffassung  erkannt,  welche  den  Anschauungen  unserer  eigenen  Zeit 
recht  nahe  kommt. 

Man  könnte  vielleicht  erwarten,  dass  wir  in  den  Schriften  des 
Aristoteles  die  zahlreichen  Beispiele  absuchten,  welche  der  Geometrie 
und  der  Arithmetik  entnommen  sind^).  Wir  werden  uns  dieser  Mühe 
nicht  unterziehen,  denn  nur  verhältnissmässig  wenige  dieser  Stellen 
besitzen  eine  geschichtliche  Bedeutsamkeit.  Auf  Einiges  durften  wir 
hinweisen,  als  wir  mit  der  Mathematik  der  Pythagoräer  uns  be- 
schäftigten, so  insbesondere  auf  die  Erklärung  des  Gnomon  (S.  151), 
auf  das  Vorkommen  des  Wortes  Dreieckszahl  (S.  157),  auf  den  Be- 
weis der  Irrationalität  von  ]/2  (S.  170),  welche  uns  werthvoll  waren. 
Auf  Anderes  wollen  wir  jetzt  die  Aufmerksamkeit  lenken,  an  den 
viel  häufigeren  uns  unwichtig  scheinenden  Stellen  mit  Schweigen 
vorübergehend.  Wir  erwähnen  zunächst,  dass,  während  bei  Piaton 
der  Gegensatz  der  Rechenkunst  und  der  Zahlenlehre,  Logistik  und 
Arithmetik,  scharf  imd  bestimmt  vorhanden  war,  erst  bei  Aristoteles 
ein  ähnlicher  Gegensatz  zwischen  der  Feldniesskunst  und  der  wissen- 
schaftlichen Raumlehre,  Geodäsie  und  Geometrie,  nachweisbar 
ist^).  Wir  können  anführen,  dass  Aristoteles  weiss,  dass  eine  cylin- 
drische  Rolle,  welche  durch  eine  Ebene  parallel  oder  geneigt  zur 
Endfläche  geschnitten  wird,  im  aufgerollten  Zustande  das  eine  Mal 
eine  grade  Linie,  das  andere  Mal  eine  Curve  zeigt  ^),  dass  ihm  somit 


*)  Eine  derartige  wenn  auch  niclit  vollständige  Zusammenstellung  hat  ein 
bologneser,  dem  Jesuitenorden  angehöriger  Professor  der  Mathematik  Bian- 
cani  (Blancanus)  unter  dem  Titel  Armotelis  loca  mathematica  1615  veröffent- 
licht. °)  Aristoteles,  Metaphys.  II,  2  aficc  Ss  ovdh  tovto  aXrj&ig,  cog  i}  ytco- 
daiaia  räv  ciL6&i]tü)V  ioTi  ^tyt&üv  yiul  cp&aQröäv.  ^)  Aristoteles  Problem. 
XVI,  6. 


240  11-  Kapitel. 

der  Cylindersclinitt  neben  dem  Kegelschnitte  schon  bis  zu  einem 
gewissen  Grade  merkwürdio-  war.  Wir  können  hinweisen  auf  Ari- 
stoteles  als  vermuthlich  den  ersten,  der  die  so  bedeutsame  Frage 
sich  vorlegte,  warum  wohl  nahezu  alle  Menschen  nach  der  Grund- 
zahl 10  zählen,  und  der  in  der  Fingerzahl  unserer  Hände  den  Grund 
erkannte^).  Wir  finden  auch  bei  Aristoteles  den  Keim  zu  einem 
Gedanken,  der  der  fruchtbarsten  einer  für  die  ganze  Mathematik  ge- 
worden ist.  Aristoteles  bezeichnete  nämlich  unbekannte  Grössen, 
und  zwar  nicht  bloss  Längen,  durch  einfache  Buchstaben  des  Alpha- 
betes^). Eine  Stelle  lautet  z.  B.:  Wenn  A  das  Bewegende,  B  das  Be- 
wegtwerdende, T  aber  die  Länge,  in  welcher  es  bewegt  worden  ist, 
und  /i  die  Zeit  ist,  in  welcher  es  bewegt  worden  ist,  so  wird  die 
gleiche  Kraft  wie  A  in  der  gleichen  Zeit  auch  die  Hälfte  des  J5 
doppelt  so  weit  als  F  bewegen,  oder  auch  in  der  Hälfte  der  Zeit  A 
gerade  so  weit  als  T.  Man  hat  in  diesen  und  ähnlichen  Sätzen  der 
Physik  des  Aristoteles  die  Ahnung  des  Principes  der  virtuellen 
Geschwindigkeit  gefunden''). 

Andere  mechanische  Betrachtungen  hat  Aristoteles  in  einem  be- 
sonderen Werke*)  niedergelegt,  bei  welchem  wir  einen  Augenblick 
verweilen  müssen.  Die  Echtheit  der  Mechanik  des  Aristoteles  ist 
allerdings  mehrfach  geleugnet  worden,  und  unter  den  Zweiflern  be- 
finden sich  Männer,  die,  wenn  auch  dem  Inhalte  jenes  W'erkes  gegen- 
über Laien,  jedenfalls  mit  der  Ausdrucksweise  des  vermutheten  Ver- 
fassers aufs  Genaueste  bekannt  waren ^).  Wir  besitzen  selbst  die 
sprachlichen  Kenntnisse  nicht  in  dem  Maasse,  welches  erforderlich 
wäre  um  über  die  Berechtigung  oder  Nichtberechtigung  der  Aus- 
scheidung der  Mechanik  zu  entscheiden.  So  viel  dürfte  indessen  zu 
behaupten  sein,  dass  die  Mechanik  im  aristotelischen  Geiste  verfasst 
ist,  dass  ein  innerer  Widerspruch  gegen  andere  Schriften  des  grossen 
Gelehrten  nicht  nachgewiesen  ist.  Behaupten  darf  man  auch,  dass 
die  Möglichkeit  einer  aristotelischen  Mechanik  ebensowenig  geleugnet 
werden  kann  als  die  geistige  Bedeutsamkeit "  der  unter  diesem  Titel 
auf  uns  gekommenen  Schrift, 

1)  Aristoteles  Problem.  XV.  -)  Aristoteles,  Pliysic.  VII  und  VIII 
passim  z.  B.  Bd.  I,  pag.  240 — 250  der  Aristoteles-Ausgabe  der  Berliner  Akademie. 
^)  Poggendorff,  Geschichte  der  Physik.  Leipzig,  1879,  S.  242.  '')  Aristotelis 
Quacstiones  mechanicae  ed.  J.  P.  van  Cappelle.  Amsterdam,  1812.  Vergl.  auch 
eine  Abhandlung  von  Burja,  Sur  les  connaissances  mathematiques  d'Aristote  in 
den  Memoires  de  Vacademie  de  Berlin  für  1790  und  1791  und  besonders  Fr.  Th. 
Po  seiger:  lieber  Aristoteles  mechanische  Probleme,  eine  in  der  Berliner 
Akademie  am  9.  April  1829  gelesene  Abhandlung  (Berlin  1831).  ^)  Vergl.  z.  B. 
Brandis,  Geschichte  der  Entwicklungen  der  griechischen  Philosophie  und  ihrer 
Nachwirkungen  im  römischen  Reiche.     Berlin,  1862.     \,  396. 


Die  Akademie.     Aristoteles.  241 

Eine  Mechanik  konnte  Aristoteles  schreiben.  Es  war  zu  seiner 
Zeit  schon  eine  solche  von  Archytas  von  Tarent  vorhanden 
(S.  223),  der  sich  bei  dieser  seiner  methodischen  Behandlung  der 
Mechanik  geometrischer  Grundsätze  bediente^).  Es  waren  auch  von 
der  elea tischen  Schule  aus  gegen  die  ganze  Bewegungslehre  An- 
griffe erfolgt  (S.  187),  die  es  nicht  unwahrscheinlich  machen,  dass 
Aristoteles,  der  seine  allgemeinen  Abweisungen  jener  Zenonischen 
Lehren  in  einer  besonderen  Schrift  über  untheilbare  Linien  weit- 
läufiger ausführte,  ergänzend  auf  positive  Weise  zeigen  wollte,  wie 
die  als  möglich  und  als  wirklich  behauptete  Bewegung  vor  sich  gehe. 
Dazu  kam  aber  ein  anderer  Zweck,  welcher  den  mechanischen  Pro- 
blemen des  Aristoteles  —  so  lautet  der  eigentliche  Titel  der  Schrift 
—  eine  besondere  dialektische  Bedeutung  giebt  und  damit  deren 
Echtheit  gewährleistet.  Es  sollten  Aporien  aufgestellt  werden,  d.  h. 
Fragen  der  Mechanik  gesammelt  werden,  welche  Widersprüche  zu 
enthalten  scheinen,  und  deren  Behandlung  erweisen  sollte,  wie  solche 
scheinbare  Widersprüche  sich  lösen  lassen^). 

Die  sogenannte  Mechanik  des  Aristoteles  würde,  sagen  wir, 
seines  Namens  nicht  unwürdig  sein.  Ein  Schriftsteller  des  XVIII.  S. 
hat  zwar  darüber  so  ziemlich  das  entgegengesetzte  Urtheil  gefällt*^), 
dürfte  jedoch  damit  vermuthlich  allein  stehen.  Ein  Werk,  in  welchem 
die  Zusammensetzung  rechtwinklig  zu  einander  wirkender  Kräfte  be- 
lehrt ist*),  in  welchem  ausdrücklich  die  an  dem  Hebel  anzubringenden 
sich  im  Gleichgewicht  haltenden  Lasten  den  Längen  der  Hebelarme 
umgekehrt  proportional  gefunden  werden^),  in  welchem  als  Grund 
dafür  der  grössere  Kreisbogen  genamit  ist,  durch  welchen  die  vom 
Stützpunkte  des  Hebels  weiter  entfernte  Last  sich  bewegen  muss: 
ein  solches  Werk  ist  wahrlich  keines  antiken  Schriftstellers  un- 
würdig, mögen  auch  einige  Fragen  in  demselben  nicht  richtig  beant- 
wortet sein. 

Zu  diesen  nicht  richtig  beantworteten  Fragen  gehört  eine,  welche 
schon  überhaupt  gestellt  zu  haben  einen  feinen  mathematischen  Geist 
verräth.  Es  seien  (Figur  42)  zwei  concentrische  Kreise  eßrj  und 
dy^.  Rollt  der  kleinere  Kreis  allein  auf  der  Geraden  t^G,  so  wird 
rjx  seinem  Quadranten    gleich;    mithin,    wenn  ß  nach   x   gekommen 


')  Diogenes  Laertius  VIII,  83.  '^)  Poselger  1.  c.  S.  6.  ^)  Montucla, 
Histoire  des  niathematiques  (II.  edition)  I,  187.  *)  Der  Satz  von  dem  Parallelo- 
gramm der  Kräfte  in  der  hier  angegebenen  Beschränkung  blieb  bekannt.  So 
führt  ihn  beispielsweise  Proklus  (ed.  Friedlein  pag.  106  lin.  3—6)  an.  Vergl. 
Majer,  Programm  des  Stuttgarter  Gymnasiums  für  1880  —  81,  S.  13  und  24. 
^)  Qiiaest.  mechan.  cap.  IV,  pag.  29.  Burja  hat  1.  c.  diese  Stelle  miss verstanden, 
wie  van  Cap  pelle  in  seineu  Anmerkungen  S.  183  mit  Recht  bemerkte. 

Cantor,  Geschichte  der  Matliematik  T.     2.  Aufl.  10 


242 


11.  Kapitel. 


/               ^ 

_^^ 

\ 

1         * 

V 

l. 

l  v^ 

-^-^         ae  y 

/ 

0 

\        ^ 

/ 

^ 


Fig.  42. 


ist,  wird  die  ^a  senkrecht  auf  -»jG  stehen.  Rollt  der  grössere  Kreis 
allein  auf  der  Geraden  ^t,  so  wird  t,i  seinem  Quadranten  gleich; 
mithin  steht  die  ya  senkrecht  auf  't,i,  wenn  y  nach  l  gekommen  ist. 
j  Nun    seien     die     heiden 

concentrischen  Kreise  zu 
einem  Rade  verbunden. 
Jetzt  stellen  a  ß  und  a  y 
eine  starre  Linie  vor, 
die  nicht  getrennt  wer- 
den kann,  und  es  muss 
folglich  beim  Rollen  des 
inneren  Radkreises  längs 
rjQ  schon,  wenn  /3  in  jc 
angekommen  ist,  y  in  X 
angekommen  sein,  also 
der  Bogen  t,y  einmal  der  Strecke  ^i,  einmal  der  Strecke  ^A  gleich 
sein.  Dieses  Paradaxon  wusste  allerdings  Aristoteles  nicht  zu  lösen, 
und  er  hatte  darin  Nachfolger  bis  in  das  XVII.  S.  n.  Chr.  Erst 
rationelle  Zerlegung  der  zusammengesetzten  Kreisbewegung  konnte 
zur  richtigen  Erkenntniss  führen,  dass  in  der  That  das  Wälzen  einer 
Curve  auf  einer  Geraden  nicht  immer  die  Gleichheit  des  krumm- 
linigen und  des  gradlinigen  Stückes  zur  Folge  haben  müsse,  die  nach 
einander  zur  Deckung  kommen^). 

Bei  Aristoteles  sind  wir  auch  wohl  berechtigt  Kenntnisse  jenes 
Kapitels  der  allgemeinen  Wissenschaftslehre  vorauszusetzen,  von 
welchem  wir  bei  Xenokrates  die  ersten  uns  zur  Kenntniss  gekom- 
menen Spuren  bemerkten.  Wir  meinen  die  Combinatorik.  Aristo- 
teles hat  die  Dialektik  der  Sophisten  zur  eigentlichen  Syllogistik 
ausgebildet,  und  die  verschiedenen  Arten  von  Schlüssen,  welche  er  in 
Auseinandersetzung  dieser  Lehre  unterscheidet,  erschöpfen  in  der  That 
sämmtliche  Möglichkeiten.  Es  ist  somit  hier  thatsächlich  eine  Auf- 
zählung der  Combiuationen  gewisser  Elemente  in  ihrer  Vollständig- 
keit gegeben.  Später  zählte  man  auch  die  Gebilde  logisch  möglicher 
Begriffszusammenstellungen.  Der  Stoiker  Chrysippus,  welcher  282 
bis  209  lebte,  hat  die  Zahl  der  aus  10  Grundannahmen  möglichen 
Vereinigungen  auf  über  eine  Million  veranschlagt.  Allerdings  setzt 
Plutarch,  der  uns  die  Sache  erzählt,  hinzu,  die  Arithmetiker  seien  mit 
Chrysippus  keineswegs  einverstanden,   und  Hipparch,    der   zu   den 


*)  Ueber  das  Rad  des  Aristoteles  vergl.  Klügel,  Mathematisches 
Wörterbuch  (fortgesetzt  von  Mo  11  weide)  Bd.  IV,  S.  171—174  unter:  Rad,  ari- 
stotelisches. 


Die  Akademie.     Aristoteles.  243 

Arithmetikern  gehöre,  habe  gezeigt,  dass,  wenn  man  die  Axiome  be- 
jahend ausspreche  103  049,  wenn  man  sie  verneinend  benutze  310952 
Verbindungen  entstehen^).  Wir  stehen  der  Bedeutung  dieser  Zahlen 
grade  so  verständnisslos  gegenüber,  wie  früher  bei  Xenokrates  seiner 
Zahl  möglicher  Silbeu.  Wir  ziehen  aber  aus  den  Zahlen  selbst  die 
gleiche  Folgerung,  dass  den  Griechen  combinatorische  Fragen  nicht 
vollständig  fremdartig  waren,  und  dass  sie  auf  irgend  eine  Weise 
Formeln,  mit  grösster  Wahrscheinlichkeit  falsche  Formeln,  zu  deren 
Beantwortung  benutzten. 

Bei  einem  Schüler  des  Aristoteles  begegnen  wir  gleichfalls  prak- 
tischer Combinatorik  in  der  Gestalt  einer  vollständigen  Aufzählimo- 
aller  Möglichkeiten  der  Vereinigung  gewisser  Elemente.  Wir  denken 
dabei  an  Aristoxenus  von  Tarent,  den  Erfinder  der  aus  Längen 
und  Kürzen  zusammengesetzten  Versfüsse. 

Ein  anderer  Schüler  des  Aristoteles,  Dikaearchus,  hat  sich 
möglicherweise  schon  der  Dioptra  bedient,  einer  feldmesserischen 
Vorrichtung,  von  welcher  im  18.  Kapitel  ausführlich  die  Rede  sein 
wird.  Die  Worte  des  Theon  von  Smyrna^):  „Der  Höhenunterschied 
der  höchsten  Berge  von  den  tiefsten  Orten  der  Erde  beträgt  nach 
der  Senkrechten  10  Stadien,  wie  Eratosthenes  und  Dikaearch  o-e- 
gefunden  zu  haben  behaupten,  und  so  bedeutende  Grössen  werden 
durch  W^erkzeuge  imtersucht  mit  Hilfe  von  Dioptern,  welche  aus 
den  Abständen  die  Grössen  messen"^),  lassen  wenigstens  die  Deutung 
zu,  als  ob  die  Bemerkung  der  zweiten  Hälfte  des  Satzes  auch  schon 
auf  die  Zeit  der  genannten  Geodäten,  und  nicht  erst  auf  die  Geo-en- 
wart  des  Schriftstellers  sich  bezöge. 

Unter  den  anderen  ältesten  Peripatetikern  nennen  wir  Theo- 
phrastus  von  Lesbos  und  Eudemus  von  Rhodos,  deren  Ersteren 
Aristoteles  selbst  zu  seinem  Nachfolger  ernannte.  Beide  haben,  wie 
im  4.  Kapitel  erzählt  worden  ist,  historisch-mathematische  Schriften 
angefertigt,  deren  Inhalt  wir  jetzt  annähernd  schätzen  können,  da 
er  grade  so  weit  reichen  konnte,  als  wir  in  unseren  bisherigen  auf 
Griechenland  bezüglichen  Auseinandersetzungen  erörtert  haben.  Mit 
der  Schätzung  dieses  Inhaltes  steigert  sich  das  Bedauern  über  den 
Verlust  jener  umfangreichen  Schriften.  Theophrast  und  Eudemus 
waren    für    Jahrhunderte    die    Letzten,    welche    der  Geschichte    der 


')  Plutarclius,  Quaestion.  Convivial.  VIII,  9,  11   und  12    sowie    auch  De 
Stoicorum   repugnantiis  XXIX,   3    und   5.     *)  Theo    Smyrnaeus    (ed.    Hiller 
Leipzig  1878)  pag.  124 — 25.  ^)  v.al    ÖQyavt,Kwe    Sh   ralg    xa    i|    ccnoatriiiäTav 

tisyä&T]  (itTQOvaaLg  dioittQaig  Tr}Xi%avra  &tcüQSi:tat,.  Auf  diese  Stelle  und  die  in 
ihr  vielleicht  enthaltene  frühe  Datierung  der  Dioptra  hat  P.  Tannery  auf- 
merksam gemacht. 

IG* 


244  12.  Kapitel. 

Mathematik  eigene  Werke  zuwandten,  oder  es  haben  doch  ihre  Nach- 
folger, wenn  sie  welche  hatten,  nicht  gewagt  weiter  als  sie  in  der 
Zeit  des  Berichteten  hinabzusteigen.  Das  liegt  in  den  Worten,  die 
uns  (S.  235)  den  Schluss  des  Mathematikerverzeichnisses  bildeten: 
„Die  nun  die  Geschichte  geschrieben  haben,  führten  bis  zu  diesem 
Punkte  die  Entwicklung  der  Wissenschaft  fort."  Mag  dieser  Aus- 
spruch dem  Verfasser  jenes  Verzeichnisses  angehören,  mag  er  ein 
Zusatz  des  Proklus  sein,  jedenfalls  nahm  dieser  ihn  unverändert  auf 
und  bezeugt  damit  die  Thatsache  selbst.  Zugleich  hat  man  aber  in 
jenen  Worten  einen  Beweggrund  gefunden  das  Mathematikerverzeich- 
niss  als  von  Eudemus  herrührend  anzusehen,  eine  Meinung,  zu 
welcher  auch  wir  uns  bekennen. 


12.  Kapitel. 
Alexandria.     Die  Elemente  des  Euklid. 

Athen  sank  von  seiner  Höhe.  Der  junge  makedonische  Fürst, 
der  mit  18  Jahren  in  der  Schlacht  bei  Chäronea  den  ersten  Sieg 
erfocht,  der  mit  33  Jahren  aus  dem  Leben  schied  den  Beinamen  des 
Grossen  hinterlassend,  ein  Bezwinger  der  damals  bekannten  Welt, 
hatte  auch  die  Wissenschaft  genöthigt  seinen  Befehlen  zu  gehorchen. 
In  der  eigenen  Heimath  ihr  einen  Wohnsitz  anzuweisen,  daran  dachte 
er  nicht.  Er  mochte  empfinden,  dass  die  rauhe  Natur  des  Landes 
und  der  Menschen  nicht  dazu  angethan  waren  einen  Bildungsmittel- 
punkt abzugeben.  Dafür  erwuchs  ein  solcher  in  der  jungen  Stadt, 
welche  Alexander  auf  der  Landzunge  gründete,  die  zwischen  dem 
Mittelmeere  und  dem  mareotischen  See  bis  zum  Nilkanal  von  Kano- 
pus  sich  erstreckt.  Als  grosse  ägyptische  Hauptstadt  sollte  sie  den 
Besitz  des  eben  unterworfenen  Aegyptens  sichern.  Li  Form  eines 
ausgebreiteten  makedonischen  Reitermantels  war  der  Plan  der  Stadt 
entwoisfen.  Den  Namen  fährte  sie  nach  dem,  dessen  Machtgebot  sie 
entstehen  Hess,  Alexandria^). 

Hauptstadt  Aegyptens  hatte  Alexandria  alle  Anlage  das  zu 
werden,  als  was  Alexander  selbst  sie  vielleicht  dachte,  die  Haupt- 
stadt einer  Weltmonarchie  von  kulturbringendem  Charakter,  einer 
Monarchie,  welche  die  verschiedenst  gearteten  Völker  einander  näher 

')  Ueber  die  alexandrinische  Entwicklung  vergl.  die  Abhandlung  „Alexan- 
driner" von  R.  Volkmann  in  Pauly's  Realencyklopädie  der  classischen  Alter- 
thum.swissen3chaft  (II.  Auflage)  mit  reichen  Quellenangaben  alter  und  neuer 
Literatur,  und  besonders  Fr.  Susemihl,  Geschichte  der  griechischen  Literatur 
in  der  Alexandrinerzeit  (Ijeipzig,  1891—92). 


Alexandria.    Die  Elemente  des  Euklid.  245 

bringen,  ihre  Gegensätze  ausgleichen,  ihnen  allen  den  Schliff  grie- 
chischer Feinheit  gemeinsam  machen  sollte.  Wir  brauchen  gewiss 
nicht  auseinanderzusetzen,  wieso  gerade  in  Aegypten  der  geeignete 
Ort  für  die  Anlegung  einer  solchen  Hauptstadt  sich  fand.  Haben  wir 
doch  in  der  Wissenschaft,  auf  deren  Geschichte  es  uns  allein  an- 
kommt, Aegypten  als  ein  Mutterland,  wenn  nicht  als  das  Mutter- 
land, erkennen  dürfen.  Gereift  und  gekräftigt  kehrte  die  Mathematik 
nach  dem  Lande  ihres  Entstehens  zurück,  und  es  war,  als  ob  die 
Sage  von  dem  Riesen,  der  die  Muttererde  berührend  aus  ihr  neue 
Stärke  zieht,  zur  Wahrheit  werden  sollte.  Hier  auf  ägyptischem 
Boden  erprobten  sich  Kräfte,  wie  sie  bisher  der  Mathematik  noch 
nicht  zugewandt  worden  waren. 

Eine  in  der  Weltgeschichte  mehr  als  einmal  sich  wiederholende 
Erfahrung  lehrt,  dass  es  in  der  Wissenschaft  eine  Mode  gibt.  Sie 
pflegt  nicht  ohne  Grund  aufzutreten,  sie  entstammt  nicht  gerade  den 
Launen  eines  unberechenbaren  Geschmackes,  aber  sie  ist  vorhanden, 
und  ihrem  Gesetze  beugen  sich  die  hervorragendsten  Geister  in  dem 
Sinne,  dass  sie  vorzugsweise  der  Modewissenschaft  sich  widmen.  So 
gibt  es  Zeiten,  in  welchen  theologische  Geisteskämpfe  die  grossen 
Mäimer  beschäftigen,  und  Zeiten,  in  welchen  der  Kriegsruhm  nur  die 
Wissenschaft  des  Krieges  des  Denkers  würdig  macht;  Zeiten,  in 
welchen  vorzugsweise  die  Rechtsbildung  gelingt,  Zeiten,  die  zur  Ent- 
wicklung des  Schönen  dem  Gedanken  und  der  Ausführung  nach 
führen.  Das  war  in  dem  Athen  des  Perikles  der  Fall  gewesen,  das 
hatte  in  der  Schule  Piatons  nachgelebt.  Aristoteles  und  die  Peripa- 
tetiker  verbreiteten  ein  vielfach  gediegeneres,  vielfach  nüchterneres 
Wissen,  und  Nüchternheit  um  nicht  zu  sagen  Trockenheit  ist  der 
Stempel,  welcher  der  ganzen  alexandrinischen  Literaturperiode  auf- 
gedrückt ist,  einer  Zeit,  welche  man  etwa  von  den  Jahrzehnten  nach 
dem  Tode  Alexanders  des  Grossen  bis  kurz  vor  die  Einverleibung 
Alexandrias  in  das  römische  Reich,  etwa  von  300  bis  50  v.  Chr., 
durch  volle  250  Jahre  zu  rechnen  hat. 

Aegypten  war  unter  den  Feldherrn,  die  das  Erbe  des  ver- 
storbenen Weltbeherrschers  unter  einander  theilten,  dem  geistig 
hervorragendsten,  Ptolemäus,  Sohn  des  Lagus,  zugefallen,  und  er,  der 
als  Ptolemäus  Soter  305  den  Königstitel  annahm,  wie  seine  beiden 
Nachfolger  Ptolemäus  Philadelphus  (285 — 247)  und  Ptolemäus 
Euergetes  (247 — 222),  welcher  letztere  durch  die  adulitische  Li- 
schrift  wie  durch  das  mit  ihr  in  bestimmten  Einzelheiten  überein- 
stimmende Edikt  von  Kanopus  (S.  40)  als  mächtiger  Eroberer 
ebenso  wie  als  Freund  der  Wissenschaften  bezeugt  wird,  begründeten 
das  Ptolemäerreich.     Unter  ihnen   wurde  Alexandria  vollends,   wozu 


246  !'-•  Kapitel. 

die  Aulage  schon  gegeben  war,  zum  Sitze  der  exakten  Wissenschaften 
und  der  Grammatik,  zum  Aufbewahrungsorte  der  grossen  alexandri- 
uischen  Bibliothek,  zum  Mittelpunkte,  wohin  Alles  strömte,  wer  nur 
in  den  Wissenschaften  lernend  oder  lehrend,  sich  oder  Andere  för- 
dern wollte.  Fand  er  doch  dazu  in  Alexandria  das  sogenannte 
Museum,  einen  Verein  gelehrter  Männer,  denen  aus  königlichen  Mit- 
teln ein  ehrenvoller  Unterhalt  gewährt  wurde.  Die  drei  ersten  Pto- 
lemäer  gaben,  wie  gesagt,  den  Anstoss  zu  dieser  wissenschaftlichen 
Entwicklung.  Ptolemäus  Euergetes  insbesondere  vermehrte  aufs  Be- 
deutsamste die  Bibliothek,  zu  welcher  er  den  ganzen  Bücherschatz 
beifügte,  der  einst  Aristoteles  und  Theophrastus  angehört  hatte. 
Aber  auch  die  späteren  Ptolemäer  Hessen  nicht  von  der  Unter- 
stützung der  Gelehrten,  welche  in  ihrem  Hause  ebenso  herkömmlich 
o-eworden  war,  wie  Unzucht  und  Verwandtenmord. 

Der  .erste  der  grossen  Mathematiker,  welche  uns  in  dem  mit  der 
Reo-ierung  des  Ptolemäus  Soter  anhebenden  Jahrhunderte  begegnen, 
und  welche  sä,mmtlich  in  Alexandria  blühten  oder  zu  Alexandria  in 
Beziehung  traten,  war  Euklid •).  Proklus  erzählt  an  das  Mathe- 
matikerverzeichniss  anknüpfend  sein  Auftreten  in  der  Wissenschaft: 
„Nicht  viel  jünger  aber  als  diese  ist  Euklides,  der  die  Elemente 
zusammenstellte,  vieles  von  Eudoxus  Herrührende  zu  einem  Ganzen 
ordnete  und  vieles  von  Theaetet  Begonnene  zu  Ende  führte,  überdies 
das  von  den  Vorgängern  nur  leichthin  Bewiesene  auf  unwiderlegliche 
Beweise  stützte.  Es  lebte  aber  dieser  Mann  unter  dem  ersten  Ptole- 
mäer. Archimed  nämlich  gedenkt  beiläufig  auch  in  seinem  ersten 
Buche  des  Euklid,  imd  man  sagt  ferner,  Ptolemäus  habe  ihn  einmal 
gefragt,  ob  es  nicht  bei  geometrischen  Dingen  einen  abgekürzteren 
Weg  als  durch  die  Elemente  gebe;  er  aber  ertheilte  den  Bescheid, 
zur  Geometrie  hin  gebe  es  keinen  geraden  Pfad  für  Könige.  Er  ist 
somit  jünger  als  die  Schüler  Piatons,  älter  als  Eratosthenes  und 
Archimed;  denn  diese  sind  Zeitgenossen,  wie  Eratosthenes  angibt. 
Seiner  wissenschaftlichen  Stellung  nach  ist  er  Platoniker  und  dieser 
Philosophie  angehörig,  daher  er  denn  auch  als  Endziel  seines  ganzen 


*)  Ueber  Euklid  vergl.  David  Gregory 's  Vorrede  zu  seiner  grossen 
Euklidausgabe  (Oxford,  1702).  Fabricius,  BibUotheca  Graeca  edit.  Harless 
(Hamburg,  1795)  IV,  44 — 82.  Gartz,  De  interpretibus  et  explanatmihus  Euclidis 
Ardbicis  (Halle,  1823).  Der  von  Lacroix  verfasste  Artikel  Euclide  in  der  Bio- 
graphie universelle.  M.  Cantor,  Euklid  und  sein  Jahrhundert  im  Supplement- 
heft zu  Bd.  XII  der  Zeitschr.  Math.  Phys.  (Leipzig,  1867).  Hankel  381-404. 
Heiberg,  Literargeschichtliche  Studien  über  Euklid  (Leipzig,  1882).  Zur  Ab- 
kürzung citiren  wir  die  letztgenannte  Schrift  künftig  als  Heiberg,  Euklid- 
studien. 


Alexandria.     Die  Elemente  des  Euklid.  247 

Elementarwerkes    die     Constructiou    der     sogeiiannten    platouischen 
Körper  hinstellte^). 

Viel  mehr^  als  in  diesen  Sätzen  ausgesproclien  ist,  wissen  wir 
nicht  über  die  Lebensumstände  des  Schriftstellers,  dessen  Elemente 
unmittelbar  oder  mittelbar  die  Grundlage  der  gesammten  Geometrie 
bis  auf  unsere  Zeit  geworden  sind.  Nicht  einmal  das  Vaterland  des 
Euklid  steht  fest,  wenn  wir  nicht  der  Angabe  eines  syrischen  Be- 
richterstatters, des  Abulpharagius,  unbedingten  Glauben  schenken 
wollten,  welcher  ihn  einen  Tyrer  nennt;  das  wird  aber  Niemand 
mehr  einfallen,  seit  nachgewiesen  worden  ist'"^),  dass  jene  ganze  Nach- 
richt aus  einer  missverstandenen  Stelle  einer  Schrift  des  Hypsikles 
stammt,  welche,  wie  im  17.  Kapitel  auseinandergesetzt  werden  wird, 
irrigerweise  Euklid  zugewiesen  wurde.  Andere  wollen  Euklid  in 
Aegypten  geboren  sein  lassen.  Noch  Andere,  aber  sicherlich  mit 
Unrecht,  verwechseln  ihn  mit  Euklides  von  Megara,  dem  Zeitgenossen 
Piatons,  welcher  rund  100  Jahre  früher  lebte.  Auffallend  genug 
findet  sich  dieser  Irrthum  schon  bei  einem  Schriftsteller  aus  dem 
Zeitalter  des  Tiberius,  bei  Valerius  Maximus.  Auch  Geburts-  und 
Todesjahr  des  Euklid  sind  durchaus  unbekannt,  und  nur  die  Blüthe- 
zeit^)  um  300  etwa  wird  durch  den  ersten  Ptolemäer,  unter  welchen 
sie,  wie  wir  durch  Proklus  erfahren  haben,  gefallen  sein  soll,  be- 
zeugt. Von  seinem  Charakter  hat  sich  bei  Pappus  eine  höcht  liebens- 
würdige Schilderung  erhalten.  Er  sei  sanft  und  bescheiden,  voll 
^^'ohlwollen  gegen  Jeden,  der  die  Mathematik  irgend  zu  fördern  im 
Stande  war,  gewesen  und  habe  absichtlich  an  früheren  Leistungen 
so  wenig  als  möglich  geändert^).  Pappus  gibt  auch  ausdrücklich  an, 
dass  Euklid  in  Alexandria  gelebt  habe. 

Schriften  des  Euklid  sind  uns  mehrfach  erhalten.  Das  Haupt- 
werk bilden  die  Elemente,  gtolxcIcc.  Wir  müssen  annehmen,  dass 
es  an  Bedeutung  allen  früheren  Elementarwerken  weit  überlegen  war. 
So  schildert  es  uns  Proklus  und  die  Bestätigung  des  Urtheils  liegt 
in  der  Thatsache,  dass  alle  Bücher  seiner  Vorgänger  in  dem  Kampfe 
um  das  Dasein  untergegangen  sind,  dass  von  Elementen,  die  durch 
einen  Griechen  nach  Euklid  verfasst  worden  wären,  nirgends  ein 
Wort  gesagt  ist,  dass  vielmehr  er  ausschliesslich  gemeint  zu  sein 
scheint,  wo  griechische  Schriftsteller  später  von  dem  Elementen- 
schreiber schlechtweg  reden,  ohne  einen  Namen  zu  nennen "). 

')  Proklus  (ed.  Friedlein)  68.  *)  Heiberg,  Euklid studien  S.  4.  ^)  Tsyovs 
heisst  es  bei  Proklus  und  dieses  bedeutet  hier  sicherlich  „blühte"  und  nicht 
„ward  geboren".  Vergl.  E.  Roh  de  „riyovs  in  den  Biographica  des  Suidas" 
Rheinisches  Museum  für  Philologie  XXXIII  neuer  Folge,  161—220  (1878). 
*)  Pappus  VII,  praefatio   (ed.    Hultsch)    676  flgg.         •;  So  Archimed,    De 


248  12.  Kapitel. 

Die  in  13  Bücher  gegliederten  Elemente  des  Euklid  zerfallen  in 
vier  Haupttheile.  Erstens  behandeln  sie  Raumgebilde,  welche  auf 
einer  Ebene  gezeichnet  sind  und  das  Verhältniss  ihrer  gegenseitigen 
Grösse,  die  theils  gleich,  theils  imgleich  ist.  Im  ersteren  Falle  ge- 
nügt der  Nachweis  der  Identität,  im  letzteren  verlangt  man  etwas 
mehr:  man  will  die  Ungleichheit  messen.  Dazu  aber  dient  die  Zahl, 
das  Maass  einer  jeden  Grösse,  und  folglich  wird  es  Bedürfniss, 
Untersuchungen  über  die  Zahl  anzustellen.  Damit  ist  der  zweite 
Haupttheil  des  Werkes  erfüllt.  Die  vollständig  bestimmte  Zahl 
reicht  indessen  nicht  aus,  um  alle  Grössen  zu  messen,  welche  der 
geometrischen  Betrachtung  unterworfen  werden.  Es  gibt  vielmehr 
Raumgebilde,  seien  es  nun  Längen  oder  Flächen,  welche  mit  der 
Grösseneinheit  derselben  Art  kein  genau  angebbares  gemeinsames 
Maass  besitzen,  ohne  dass  sie  deshalb  aufhören  selbst  Grössen  zu 
sein.  Man  nennt  sie  nur  im  Gegensatze  zu  dem  genau  Messbaren 
mit  der  Einheit  incommeusurabel.  Die  Betrachtung  solcher  Incom- 
mensurabilitäten  ist  somit  unerlässlich,  sie  bildet  den  dritten  Haupt- 
theil des  Ganzen.  Endlich  im  vierten  Theile  verlässt  die  Betrach- 
tung das  bisher  eingehaltene  Feld  der  Zeichnungsebene,  die  Verhält- 
nisse des  allgemeinen  Raumes  werden  untersucht,  die  gegenseitige 
Lage  und  Grösse  von  Flächen  und  Körpern  werden  besprochen.  Das 
ist  freilich  nur  der  ganz  allgemeine  Inhalt  des  Werkes^),  es  dürfte 
sich  empfehlen  näher  auf  die  Einzelheiten  desselben  einzugehen. 

Im  I.  Buche  handelt  Euklid  von  den  Grundbestandtheilen  grad- 
liniger Figuren  in  der  Ebene,  von  geraden  Linien,  welche  sich  ent- 
weder schneiden  und  mit  einer  dritten  Linie  ein  Dreieck  bilden,  über 
dessen  Bestimmtheit  durch  gewisse  Stücke  gesprochen  wird  —  Con- 
gruenz  der  Dreiecke  —  oder  welche  sich  nicht  treffen,  so  weit 
man  sie  verlängert  —  Parallellinien.  Um  mit  Hilfe  der  Parallel- 
linien eine  Figur  zu  erzielen  bedarf  es  zweier  schneidenden  Geraden, 
uud  so  entsteht  das  Viereck,  insbesondere  das  Parallelogramm, 
sofern  die  Schneidenden  selbst  unter  sich  parallel  sind.  Die  Eigen- 
schaften der  Parallelogramme  vereinigt  mit  denen  der  Dreiecke  führen 
zum  Begriffe  von  Figuren,  welche  aus  an  und  für  sich  identischen 
Theilen  bestehen,  aber  nicht  in  identischer  Weise  zur  gegenseitigen 
Deckung    gebracht    werden    können,    Gleichheit    von    nichtcon- 

sphaera  et  cylindro  I,  6  (ed.  Heiberg  I,  24)  wahrscheinlich  mit  Beziehung-  auf 
Euklid  XII,  2.  Diese  Stelle  dürfte  Proklus  im  Auge  gehabt  haben,  als  er  zuiu 
Beweis,  dass  Archimed  später  als  Euklid  lebte,  sagte,  dass  dieser  jenen  in 
seinem  ersten  Buche  ei-wähne. 

')  In  diesen  klaren  Umrissen  hat  ihu  z.  B.  Gregory  in  der  Vorrede  seiner 
Euklidausgabe  entworfen. 


Alexandria.    Die  Elemente  des  Euklid.  249 

gruenten  Fläclienräumen.  Bei  solchen  Fläclien  kommt  es  also 
darauf  au  die  identischeu  Theile  abzusondern,  in  anderer  Weise  zu- 
sammeuzufügeu,  und  so  lehrt  der  44.  Satz  an  eine  gegebene  gerade 
Linie  unter  gegebenem  Winkel  ein  Parallelogramm  anzulegen,  TtccQa- 
ßäKksiv,  welches  einem  gegebenen  Dreiecke  gleich  sei;  es  lehrt  der 
45.  Satz  die  Verwandlung  jeder  gradlinigen  Figur  in  ein  Parallelo- 
gramm von  gegebenen  Winkeln,  bis  im  47.  und  48.  Satze  das  Buch 
mit  dem  interessantesten  Falle  einer  derartigen  Umwandlung,  mit 
dem  pythagoräischen  Lehrsatze  und  dessen  Umkehrung  abschliesst. 
Das  IL  Buch  ist  gewissermassen  ein  Zusatz  zu  dem  pythago- 
räischen Lehrsatze.  In  ihm  wird  die  Herstellung  eines  Quadrates 
aus  Quadraten  und  Rechtecken  in  den  verschiedensten  Combinationen, 
theils  als  Summe,  theils  als  Differenz  gelehrt,  bis  auch  wieder  eine 
Zusammenfassung  in  der  Aufgabe  erfolgt,  ein  jeder  gegebenen 
gradlinigen  Figur  gleiches  Quadrat  zu  zeichnen.  Zugleich 
lässt  aber  dieses  Buch  eine  andere  Auffassung  zu,  welche  mit  der 
doppelten  Bedeutung  des  pythagoräischen  Satzes  in  Verbindung  steht. 
Wir  wissen,  dass  dieser  Satz,  sofern  er  der  Arithmetik  angehört, 
besagt,  dass  es  zwei  Zahlen  bestimmter  Art  gebe,  welche  als  Summe 
eine  dritte  Zahl  liefern  von  gleicher  Art  wie  die  beiden  Posten.  Als 
Zusatz  zu  dem  pythagoräischen  Lehrsatze  in  diesem  Sinne  lehrt  das 
2.  Buch  die  Rechnung  insbesondere  die  Multiplikation  mit  additiv 
und  subtraktiv  zusammengesetzten  Zahlen.  In  moderner  Schreibweise 
heissen  die  10  ersten  Sätze  alsdann: 

1)  ah  -\-  ac  -\-  ad  -\-  •••  =  a  (b -\-  c-\-  d-\ )    2)ah-\-a(a  —  h)  =  a^ 

3)  ah  =  h  (a  —  h)-{-¥     4)  a^  =  h^  ■}-  {a  —  ly  +  26  (a  —  h) 

7)  a-  +  &■-  =  2a6  +  (a  -  hf     8)  4ah  +  (a  —  hf  =  (a  +  hf 
9)  (a  -  ö)^  +  Z>^  =  2  (f )' +  2  (f  -  &)' 

10)  {a  -{-hy  +  ¥  =  2  (f )'  +  2  (I  +  h)'- 

Als  11.  Satz  erscheint  die  Aufgabe  des  goldenen  Schnittes.  Ihre 
geometrische  Beziehung  zur  Construction  des  regelmässigen  Fünfecks 
haben  wir  früher  (S.  166)  besprochen.  Arithmetisch,  oder  vielmehr 
algebraisch  aufgefasst  ist  die  Tragweite  der  Aufgabe  „eine  gegebene 
Strecke  so  zu  schneiden,  dass  das  aus  dem  Ganzen  und  einem  der 
beiden  Abschnitte  gebildete  Rechteck  dem  Quadrate  des  übrigen  Ab- 
schnittes gleich  sei"  dahin  zu  bestimmen,  dass  eine  Auflösung  der 
Gleichung  a  {a  —  x)  =  x",  beziehungsweise  der  Gleichung  x--{-a  x  =  a^ 


250  12.  Kapitel. 

gesucht  wird^).     Euklid    findet  ^y  ==  T/a^  -|-  y^j    —  ^  und  beweist 

die  Richtigkeit  dieser  Auflösung  durch  folgende  Schlüsse,  bei  deren  Dar- 
stellung wir  uns  die  einzige  Aenderung  gestatten,  dass  wir  die  geo- 
metrisch klingenden  Wörter  in  algebraische  Buchstaben  und  Zeichen  um- 

setzen.    Wegen  6)  ist  («  +  (j/a^  +  (f)"  -  |))  (j/^^^^ -  '^ 

+ (I) = (f + iV^^W  - 1)) = iV^^)^  (:)  ■ 

Man  zieht  auf  beiden  Seiten  l^j   ab,  so  bleibt  ( «  -f-  (1/«^  +  (5)  —  -) ) 

(1/«^  +  (2)  — ö)  =  ^^  ^^^  zieht  man  weiter  rt(l/rt-  -\-  ("j  — ^j 
auf  beiden  Seiten  ab,  so  bleibt 

Das  III,  Buch  wendet  sich  zu  der  einzigen  krummen  Linie, 
welche  der  Behandlung  unterzogen  wird,  zum  Kreise  und  zu  den 
Sätzen,  welche  auf  Berührung  zweier  Kreise,  oder  eines  Kreises 
und  einer  Geraden  sich  beziehen.  Alsdann  folgen  Betrachtungen  über 
die  Grösse  von  Winkeln  und  mit  denselben  irgendwie  in  Verbin- 
dung stehenden  Kreisabschnitten.  Insbesondere  der  16.  Satz  ist  im 
III.  oder  IV.  S.  schon  Gegenstand  beiläufiger  Erörterung,  in  späteren 
Zeiten  Ausgangspunkt  interessanter  Streitigkeiten  zwischen  Gelehrten 
des  XVI.  und  XVII.  S.  geworden  und  dadurch,  aber  auch  durch 
seinen  Inhalt  bemerkenswerth.  Er  behauptet  nämlich,  der  Winkel, 
welchen  der  Kreisumfang  mit  einer  Berührungslinie  bildet,  sei  kleiner 
als  irgend  ein  gradliniger  spitzer  Winkel.  Dieser  gemischtlinige 
Winkel  heisst  bei  Proklus")  hornförmiger  Winkel,  yavia  otsQaroELd'^gy 
ein  Name,  der  bei  Euklid  noch  nicht  vorkommt.  In  den  Definitionen, 
welche  den  einzelnen  Büchern  vorausgeschickt  werden,  ist  sogar  von 
ihm  keine  ausdrückliche  Rede.  Im  ersten  Buche  heissen  die  8.  und 
0.  Definition:  „Ein  ebener  Winkel  ist  die  Neigung  zweier  Linien 
gegen  einander,  wenn  solche  in  einer  Ebene  zusammenlaufen  ohne  in 
einer  geraden  Linie  zu  liegen.  Sind  die  Linien,  die  den  Winkel  ein- 
schliessen,  gerade,  so  heisst  derselbe  ein  geradliniger  Winkel."  Dazu 
ergänzt  die  7.  Definition  des  III.  Buches:  „Der  Winkel  des  Abschnittes 
ist  der  vom  Umkreise  und  der  Grundlinie  eingeschlossene  Winkel", 
aber  den  Winkel,  wenn  man  von  einem  solchen  reden  darf,  auf  der 


')  Diese  Auffassung  der  Aufgabe  II,  11  dürfte  zuerst  bei  Arneth,  Ge- 
schichte der  reinen  Mathematik  (Stuttgart,  1852)  iS.  102  zu  finden  sein. 
-)  Proklus  (edit,  Fried  lein)  pag.  104  und  öfters. 


Alexandria.    Die  Elemente  des  Euklid.  251 

convexen  Bogenseite  gegen  die  Berühruugslinie  hin  erläutert  der 
Verfasser  nicht.  Endlich  schliesst  das  ÜI.  Buch  mit  den  einzeln  be- 
trachteten Fällen  zweier  Geraden,  die  sich  gegenseitig  und 
ebenso  einen  Kreis  schneiden,  und  aus  deren  Abschnitten  ge- 
wisse Rechtecke  zusammengesetzt  werden,  welche  Flächengleichheit 
besitzen. 

Der  Schüler  wird  nun  im  IV.  Buche  weiter  mit  den  Figuren  be- 
kannt gemacht,  welche  entstehen,  wenn  mehr  als  zwei  Gerade  mit 
dem  Kreise  in  Verbindung  treten.  Er  lernt  die  dem  Kreise  ein- 
und  umschriebenen  Vielecke  insbesondere  die  regelmässigen 
Vielecke  kennen.  Unter  diesen  ist  das  Fünfeck,  und  dessen  Con- 
struction  macht  die  erste  Anwendung  des  im  IL  Buche,  wie  wir  ent- 
wickelten, zu  anderem  Zwecke  gelehrten  goldenen  Schnittes  noth- 
wendig.  Das  IV.  Buch  kommt  an  den  äussersten  mit  den  bisherigen 
jVIitteln  erreichbaren  Zielpunkten  an.  Die  Gleichheit  von  Strecken 
und  Flächenräumen  ist  nach  allen  Seiten  erörtert. 

Nun  kommt  die  Ungleichheit  in  Betracht,  insofern  sie  gemessen 
werden  kann,  imd  zwar  ist  diese  Messung  eine  zweifache,  eine  geo- 
metrische und  eine  arithmetische.  Beide  beruhen  auf  der  Lehre  von 
den  Proportionen,  welche  deshalb  in  dem  5.  Buche  an  dem  Sinn- 
bilde gerader  Linien  in  vollständiger  Ausführlichkeit  dargelegt  wird. 
Die  im  Verhältnisse  aufgefassten  Grössen  sind  als  Linien  gezeichnet, 
damit  nicht  hier  schon  der  Schwierigkeit  zu  begegnen  sei,  eine 
Unterscheidung  zu  treffen,  je  nachdem  Commensurables  oder  Incom- 
mensurables  auftritt.  Die  Linien  sind  aber  nur  nebeneinander  ge- 
zeichnet, ohne  Figuren  zu  bilden,  damit  man  einsehe,  wie  es  sich 
hier  um  Allgemeineres  handle  als  um  die  Vergleichung  geometrischer 
Gebilde. 

Erst  das  VI.  Buch  zieht  die  geometrischen  Folgerungen  aus  dem 
im  V.  Buche  Erlernten.  Die  Aehnlichkeit  von  Figuren  geht  aus 
der  Proportionenlehre  hervor  und  dient  selbst  wieder  dazu  Propor- 
tionen an  geometrischen  Figuren  zur  Anschauung  zu  bringen.  Dabei 
kommt  der  Begriff  des  zusammengesetzten  Verhältnisses  vor, 
welcher  später  (vergl.  20.  Kapitel)  von  grosser  Bedeutung  wurde. 
Im  23.  Satze  des  VI.  Buches  ist  von  dem  Verhältnisse  je  zweier 
gleichliegenden  Seiten  zweier  Parallelogramme  mit  gleichen  Winkeln 
die  Rede,  und  die  Flächen  der  Parallelogramme,  heisst  es  weiter, 
stehen  in  einem  Verhältnisse,  welches  aus  dem  der  Seiten  zusammen- 
gesetzt ist^).     Auch  Archimed,  wir  wollen  das  gleich  hier  erwähnen. 


*)  Xöyog  avyyistfiivog  iv.  (tcöv)  räv  tiIsvq&v  (loycov).    Eudidis  Elementa  (ed. 
Heiberg,   Leipzig,  1883—88)  II,  146  lin,  14. 


252  12.  Kapitel. 

liat  mehrfacli  mit  zusamuieugesetzten  Verhältnissen  zu  tliun,  Aveun 
auch  in  von  der  euklidischen  Redewendung  etwas  abweichendem 
Wortlaute^).  Einen  Satz  und  zwei  Aufgaben  dieses  Buches,  welche 
die  Bezeichnung  als  Satz  27.,  28.,  29.  führen,  müssen  wir  besonders 
erwähnen.  Satz  27.  enthält  das  erste  Maximum,  welches  in  der 
Geschichte  der  Mathematik  nachgewiesen  worden  ist,  und  welches  als 
Function  geschrieben  besagen  würde:  x  {a  —  x)  erhalte  seinen  grössten 
Werth    durch    x  =      .     In   den   beiden    darauf   folgenden    Aufgaben 

hat  man  die  Auflösungen  der  beiden  Gleichungen  x  {a  —  x)  =  h^ 
und  x  (n  -\-  x)  ==  h^  erkannt.  Der  27.  Satz  erscheint  bei  der  unmittel- 
baren Aufeinanderfolge   von  27.    und   28.  unzweifelhaft   als  der  Dio- 

rismus   des   letzteren.     Es  darf  eben  V^  nicht  grösser  sein   als   (--)  , 

wenn  die  Aufgabe  lösbar  sein  solP).  Geometrisch  ausgesprochen 
haben  die  beiden  Aufgaben  in  Satz  28.  und  29.  gleichfalls  einen, 
wie  spätere  Erörterungen  uns  lehren  sollen,  hochwichtigen  Inhalt. 
Es  handelt  sich  um  die  Anlegung  eines  einem  gegebenen  Parallelo- 
gramme gleichwinkligen  Parallelogrammes  an  eine  grade  Linie,  wel- 
ches um  so  viel  grösser  (kleiner)  an  Fläche  als  eine  gleichfalls  ge- 
gebene Figur  sei,  dass  wenn  so  viel  abgeschnitten  (zugesetzt)  wird, 
als  nöthig  ist  um  Flächengleichheit  zu  erzielen,  dieses  Stück  selbst 
dem  erstgegebenen  Parallelogramme  ähnlich  werde.  Euklid  drückt 
diese  Forderung  durch  die  Worte  aus,  der  Flächeninhalt  F  solle  au 
der  Linie  AB  Etwas  übrig  lassen,  ikXsLTtsi,  oder  darüber  hinaus- 
fallen, vTteQßdX^SL. 

Das  VII.,  VIII.  und  IX.  Buch  beschäftigen  sich  mit  der  Lehre 
von  den  Zahlen.  Der  nächste  Zweck  ist  das  arithmetische  Messen 
der  Ungleichheit,  also  diejenigen  Folgerungen  aus  der  Proportionen- 
lehre zu  ziehen,  welche  an  Zahlengrössen  hervortreten.  Allein  dainit 
verbindet  Euklid,  vielleicht  weil  nirgend  eine  passendere  Gelegenheit 
sich  finden  Avird,  eine  Zusammenstellung  aller  ihm  bekannten  Eigen- 
schaften der  ganzen  Zahlen.  Rechnungsoperationen  mit  denselben 
hat  er,  Avie  wir  uns  erinnern,  schon  im  II.  Buche  ausführen  lassen. 
Das  VII.  Buch  beginnt  mit  der  Unterscheidung  von  theilerfremden 
Zahlen  und  solchen,  welche  ein  gemeinsames  Maass  besitzen, 
und  mit  der  Auffindung  dieses  letzteren.  Euklid  findet  dasselbe  voll- 
ständig in  der  heute  noch  üblichen  Weise  durch  fortgesetzte  Theilung 


')  6  Xöyog  Tfjs  A  TtQÖg  tr}v  B  cvvfjTtTai  1«  t£  tov ,  ov  't%ti  f]  F  itQog  trjv  d 
Kccl  7]  E  TtQog  ti]v  Z.  Arcliimedes  (ed.  Heiberg)  I,  212  lin.  19 — 21  und 
häufiger.  ^)  Diese  Auffassung  zuerst  vertreten  bei  Matthiessen,  Grundzüge 
der  antiken  und  modernen  Algebra  der  litteralen  Gleichungen.  Leipzig,  1878, 
S.  926—931. 


Alexandria.     Die  Elemente  des  Euklid.  2oB 

des  letztmaligen  Divisors  durch  den  erhaltenen  Rest,  mithin,  wenn 
wir  es  nicht  scheuen  auch  moderne  Namen  zu  gebrauchen,  wo  moderne 
Verfahren  angewandt  sind,  durch  einen  Kettenbruchalgorithmus. 
Dann  ist  von  Zahlen  die  Rede,  welche  dieselben  Theile  anderer 
Zahlen  sind,  wie  wieder  andere  von  vierten,  und  damit  ist  also  die 
Zahlenproportion  eingeführt.  Abgesehen  von  den  vielen  neuen 
Proportionen,  welche  in  der  mannigfaltigsten  Weise  aus  den  erst- 
gegebenen abgeleitet  werden,  führt  der  Satz  von  der  Gleichheit  der 
Produkte  der  inneren  und  der  äusseren  Glieder  einer  Proportion  auf 
die  Theilbarkeit  eines  solchen  Produktes  durch  einen  der  Faktoren 
des  anderen  Produktes  und  zur  Theilbarkeit  überhaupt  Der  Rück- 
weg zur  Untersuchung  theilerfremder  Zahlen  ist  damit  gewonnen, 
und  den  Schluss  des  Buches  bildet  die  Auffindung  des  kleinsten 
gemeinsamen  Dividuums  gegebener  Zahlen. 

Das  VIII.  Buch  setzt  die  Lehre  von  den  Proportionen  fort, 
indem  es  zu  Gliedern  der  Proportion  nur  solche  Zahlen  wählt,  welche 
selbst  Produkte  sind,  und  zwar  zum  Theil  Produkte  aus  gleichen 
Faktoren.  An  die  früheren  geometrischen  Lehren  erinneru^eben  noch 
die  Benennungen,  welche  in  diesem  Buche  zur  Anwendung  gelangen: 
Flächenzahlen,  ähnliche  Flächenzahlen,  Quadratzahlen,  Körperzahlen, 
Kubikzahlen,  lauter  Wörter,  deren  Erklärung  wir  in  früheren  Kapiteln 
zu  geben  Gelegenheit  hatten.  Vieleckszahlen  anderer  Art  als  die 
Quadratzahlen  kommen  bei  Euklid  nicht  vor. 

Das  IX.  Buch  setzt  gleichfalls  denselben  Gegenstand  fort,  geht 
indessen  dadurch  wieder  zu  anderweitigen  Betrachtungen  über,  dass 
es  besondere  Rücksicht  auf  etwa  in  einer  Proportion  vorkommende 
Primzahlen  nimmt.  Bei  dieser  Gelegenheit  wird  nämlich  ziemlich 
ausser  allem  Zusammenhange  als  20.  Satz  bewiesen,  dass  die  Menge 
der  Primzahlen  grösser  sei  als  jede  gegebene  Menge  der- 
selben, wofür  wir  kürzer  sagen,  dass  es  unendlich  viele  Primzahlen 
gibt.  Noch  weniger  Zusammenhang  ist  von  dem  20.  Satze  zu  den 
ihm  nachfolgenden  Sätzen  wahrnehmbar.  Mancherlei  Eigenschaften 
grader  und  ungrader  Zahlen,  von  deren  Summen  und  deren  Pro- 
dukten werden  erörtert,  bis  der  35.  Satz  die  Summiruug  der 
geometrischen  Reihe  lehrt  und  auf  diejenige  geometrische  Reihe 
angewendet,  welche  von  der  Einheit  beginnend  durch  Verdoppelung 
der  Glieder  weiterschreitet,  endlich  im  36.  Satze  wieder  zu  den  Prim- 
zahlen zurückführt  und  so  das  Bewusstsein  erweckt,  wie  Euklid  bei 
scheinbarem  Abspringen  von  seinem  Thema  es  immer  unverrückt 
im  Auge  behält.  Jener  36.  Satz  gibt  nämlich  an,  die  Summe  der 
Reihe  1  -f  2  +  4  -j-  8  •  •  •  sei  mitunter  eine  Primzahl.  Dieses  tritt 
z.  B.   ein,    wenn    die  Reihe    aus  2,    aus   3,    aus  5  Gliedern   besteht. 


254  12.  Kapitel. 

Werde  diese  die  Summe  darstellende  Primzahl  mit  dem  letzten  in 
Betracht  gezogenen  Gliede  der  Reihe  vervielfacht,  so  entstehe  eine 
vollkommene  Zahl  (eine  Zahl,  welche  der  Summe  aller  ihrer 
Theiler  gleich  ist). 

Im  X.  Buche  ist  der  dritte  Haupttheil  des  euklidischen  Werkes 
behandelt,  die  Lehre  von  den  Incommensurablen,  und  auf  die 
grosse  Bedeutung,  die  dem  Umstände  beizumessen  ist,  dass  diesem 
Gegenstande  ein  ganzes  Buch  gewidmet  ist,  kommen  wir  im  fol- 
genden Kapitel  zurück.  An  der  Spitze  des  Buches  steht  der  Satz, 
welcher  bei  Euklid  die  Grundlage  der  Exhaustionsmethode  bildet, 
der  Satz:  „Sind  zwei  ungleiche  Grössen  gegeben,  und  nimmt  man 
von  der  grösseren  mehr  als  die  Hälfte  weg,  von  dem  Reste  wieder 
mehr  als  die  Hälfte  und  so  immer  fort,  so  kommt  man  irgend  einmal 
zu  einem  Reste,  welcher  kleiner  ist  als  die  gegebene  kleinere  Grösse." 
Dieser  Satz,  wesentlich  verschieden  von  dem,  dessen  sich  (S.  229) 
Eudoxus  und  vielleicht  schon  Hippokrates  zu  ähnlichen  Zwecken  be- 
diente, ist  in  dieser  Form  vielleicht  Euklids  Eigeuthum,  vielleicht 
auch  dessen,  von  welchem  das  X.  Buch  der  Hauptsache  nach  her- 
rührt. Fürs  Erste  freilich  zieht  Euklid  keine  Folgerung  aus  ihm, 
nicht  einmal  die,  welche  man  vor  allen  Dingen  erwarten  sollte,  dass 
wenn  zwei  Grössen  incommensurabel  sind,  man  immer  ein  der  ersten 
Grösse  Commensurables  bilden  könne,  welches  von  der  zweiten  Grösse 
sich  um  beliebig  Weniges  unterscheide.  Statt  dessen  sind  zwar  geist- 
volle aber  doch  nach  unseren  Begriffen  masslos  weitläufige  Unter- 
suchungen ^)  darüber  angestellt,  unter  welchen  Voraussetzungen  Grössen 
sich  wie  gegebene  Zahlen  verhalten,  also  commensurabel  sind,  und 
unter  welchen  Voraussetzungen  keine  solche  Zahlen  sich  finden  lassen, 
die  Grössen  also  incommensurabel  sind.  Ein  besonderes  Gewicht 
legt  Euklid  auf  die  Irrationalzahlen,  deren  er  vielfältig  unter- 
schiedene Formen  aufzählt.  Dabei  ist  zu  beachten,  dass  das  Incom- 
mensurabe,  uöv^iietqov,  des  Euklid  sich  mit  unserem  Begriffe  der 
Irrationalzahl  deckt,  während  sein  Rationales,  Qr^vov,  und  Irrationales, 
akoyov,  von  dem,  was  wir  unter  diesen  Wörtern  verstehen,  abweicht. 


')  Vergl.  Nesselmann,  Die  Algebra  der  Griechen  S.  165 — 182.  Diesem 
Werke  entnehmen  wir  auch  die  Uebersetzungen  der  Namen  der  verschiedenen 
Formen  von  Irrationalzahlen.  Wie  schwer  auch  geistreiche  Mathematiker  sich 
oft  in  diesem  X.  Buche  zuiecht  zu  finden  vermochten,  dafür  dient  als  Beispiel 
ein  durch  A.  Favaro  (Galileo  Galilei  e  lo  studio  di  Padova  II,  267)  veröffent- 
lichter Brief  von  Benedetto  Castelli.  Unter  dem  1.  April  1607  schrieb 
dieser  an  Galilei,  er  sei  bei  dem  40.  Satze  des  X.  Buches  stecken  geblieben 
suffocato  dalla  moUitudine  de  vocaboli,  profonditä  delle  cose  e  difficoltä  di  dc- 
monstrationi. 


Alexandria.     Die  Elemente  des  Euklid.  255 

Rational  ist  ihm  das  an  sich  und  das  in  der  Potenz  Messbare,  d.  h. 
diejenigen  Linien  sind  rational,  welche  selbst  durch  die  Längen- 
einheit oder  deren  Quadratfläche  durch  die  Flächeneinheit  genau  aus- 
messbar  sind,  also  a  sowohl  als  }/«,  während  das  Wort  irrational 
für  jeglichen  mit  Wurzelgrössen  behafteten  Ausdruck  ausser  der  ein- 
fachen Quadratwurzel  )/a  Anwendung  findet.  Demgemäss  ist  das  Pro- 
dukt a  mal  ]/6  oder  )/«  mal  ]/?>  bei  Euklid  irrational,  weil  jedes 
dieser  beiden  Produkte  als  Produkt  schon  eine  Fläche  bedeutet,  also 
nicht  mehr  „in  der  Potenz  messbar"  sein  kann.  Irrational  ist  um  so 
mehr  die  Linie,  welche  a  •  Yb  oder  ]/«  •  |/6  als  Quadrat  besitzt,  d.  h. 

T/a  Yh  und  )/«&  und  diese  Gattung  von  Irrationalitäten  heisst  ^Börj, 

die  Mediallinie.  Addition  und  Subtraktion  zweier  Längen,  von 
denen  mindestens  eine  incommensurabel  ist,  gibt  die  Irrationalität 
von  zwei  Benennungen,  y  ix  dvo  ovo^dtcov,  und  die  durch  Abschnitt 
Entstandene,  cctioxo^yi,  d.  h.  die  Binomialen  a  -\-  "j/ö  oder  j/a  -|-  "j/ft 
und  die  Apotomen  a  —  ]/?>  oder  "j/a  —  h  oder  ]/a  —  ]/&.  Wir 
würden  allzu  weitschweifig  werden  müssen,  wenn  wir  alle  Verbin- 
dungen zwischen  diesen  Medialen,  Binomialen  und  Apotomen  erörtern 
wollten,  welche  in  dem  X.  Buche  vorkommen.  Statt  dessen  nur  die 
Bemerkung,  dass  wir  hier  wieder  ein  Beispiel  praktischer  Combina- 
torik  vor  uns  haben,  indem  alle  Verschiedenheiten  berücksichtigt  sind, 
die  überhaupt  eintreten  können.  Eines  freilich  ist  vorausgesetzt,  dass 
nämlich  nur  Wiederholungen  von  Quadratwurzelausziehungen  vor- 
kommen, dass  also  sämmtliche  im  X.  Buche  behandelten  Irrationali- 
täten der  Construction  mit  Hilfe  von  Zirkel  und  Lineal  unterworfen 
sind,  imd  solche  Irrationalitäten  sollen  uns  von  nun  an  euklidische 
Irrationalitäten  heissen,  wie  sie  thatsächlich  in  späterer  Zeit  ge- 
nannt worden  sind.  Wir  heben  zwei  Sätze  des  X.  Buches  besonders 
hervor,  das  erste  Lemma,  welches  auf  Satz  29.  folgt,  und  welches 
zwei  Quadratzahlen  bilden  lehrt,  deren  Summe  wieder  Quadratzahl 
ist,  und  den  letzten  Satz  des  Buches  von  der  gegenseitigen  Incom- 
mensurabilität  der  Seite  und  der  Diagonale  eines  Quadrates.  Letz- 
teren Satz  haben  wir  nebst  seinem  muthmasslich  altpythagoräischen 
Beweise  daraus,  dass  sonst  Grades  und  üngrades  einander  gleich 
wären,  schon  (S.  170)  besprochen.  Die  Herstellimg  rationaler  recht- 
winkliger Dreiecke  ist  uns  auch  kein  neuer  Gegenstand.  Methoden 
des  Pythagoras  (S.  173)  und  des  Piaton  (S.  211)  sind  uns  bekannt 
geworden,  jene  von  ungraden,  diese  von  graden  Zahlen  ausgehend. 
War  nämlich  aus  d^  =  W  -\-  c^  die  Folgerung  c^  =  (a  +  h)  (a  —  h) 
gezogen,  und  daraus  die  weitere  Folgerung,  dass  a  -\-  b  und  a  —  b 
ähnliche  Flächenzahlen  sein   müssen,    so  nahmen  wir  an,    dass   jene 


256  12-  Kapitel. 

Männer  die  besonders  einfachen  Versuche  angestellt  hätten,  einmal 
a  —  b  =  1  und  einmal  a  —  b  =  2  zu  setzen.  Das  Verfahren  des 
Euklid  kann  als  Bestätigung  unserer  Vermuthungen  gelten.  Nach 
der  besonderen  Annahme  konnte  und  musste  man  dazu  übergehen 
für  a  -\-  b  und  a  —  b  irgend  welche  ähnliche  Flächenzahlen  zu 
wählen,  und  dieses  that  Euklid.  Er  lässt  ähnliche  Flächenzahlen, 
d.  h.  solche,  welche  proportionirte  Seiten  haben  (Definition  21.  des 
VII.  Buches),  und  deren  Produkt  eine  Quadratzahl  geben  muss 
(Satz  1.  des  IX.  Buches),  bilden,  etwa  a  •  ß^  und  a  •  y\  und  verlangt 
dabei,  dass  beide  grade  oder  beide  ungrade  seien,  damit  ihr  Unter- 
schied halbirbar  ausfalle.  Unter  dieser  Voraussetzung  wird  sodann 
aß'-af-\-  (^-ß'-^vy  =  (^ll±^y^  ^iti^i^  si^d  die  Seiten  des 

rechtwinkligen  Dreiecks  aßy,  — — ^ ,  7" — --  gefunden. 

Wir  haben  noch  den  Inhalt  des  letzten  Haupttheiles  der  eukli- 
dischen Elemente  anzugeben,  der  in  dem  XL,  XII.  und  XIII.  Buche 
enthaltenen  Stereometrie.  Im  XL  Buche  beginnt  diese  Lehre  genau 
in  der  Weise,  wie  sie  auch  heute  noch  behandelt  zu  werden  pflegt, 
mit  den  Sätzen,  welche  auf  parallele  und  senkrechte  grade 
Linien  und  Ebenen  sich  beziehen,  woran  Untersuchungen  über 
Ecken  sich  schliessen.  Alsdann  wendet  sich  der  Verfasser  zu  einem 
besonderen  Körper,  dem  Parallelopipedon  und  geht  nur  in 
dem  letzten  Satze  des  Buches  zu  dem  allgemeineren  Begriffe  des 
Prisma  über. 

Das  XII.  Buch  enthält  die  Lehre  von  dem  Maasse  des  körper- 
lichen Inhaltes  der  Pyramide,  des  Prisma,  des  Kegels,  des  Cylin- 
ders  und  endlich  der  Kugel.  Eine  wirkliche  Berechnung  findet  sich 
allerdings  bei  Euklid  nie,  weder  wo  von  Flächeninhalten  noch  wo 
von  Körpermaas sen  die  Rede  ist,  und  namentlich  bei  solchen  Raum- 
gebilden, zu  deren  Erzeugung  Kreise  oder  Kreisstücke  beitragen,  ist 
nirgend  angegeben,  wie  man  eigentlich  zu  rechnen  habe.  Sollte  die 
Ausrechnung  des  Kreisinhaltes  von  den  Aegyptern  bis  zu  Euklid 
verloren  secjangen   seinV     Die  Unwahrscheinlichkeit    dieser  Annahme 

OD  O 

der  mehrfachen  Beschäftigung  mit  der  Quadratur  des  Kreises  bei 
Anaxagoras,  bei  Antiphon,  bei  Bryson,  bei  Hippokrates  gegenüber 
wird  vollends  für  einen  in  Alexandria  lebenden  Mathematiker  zur 
Unmöglichkeit.  Aegypten,  welches  das  Althergebrachte  mit  Zähig- 
keit festhielt,  welches  ein  Exemplar  des  Rechenbuches  des  Ahmes 
noch  mehr  als  2000  Jahre  später  als  Euklid  uns  unversehrt  über- 
liefert hat,  war  nicht  das  Land,  in  welchem  so  unbedingt  Nothwen- 
diges  wie  die  Kreisrechnung  vergessen  wurde,  und  ebensowenig  lässt 


Alexandria.     Die  Elemente  des  Euklid.  257 

sich  armehmen,  dass  die  ägyptische  Geometrie  den  griechischen  Ge- 
lehrten, welche  unter  dem  Schutze  des  ägyptischen  Königs  sich  dort 
aufhielten,  unbekannt  hätte  bleiben  können.  Wir  stehen  vielmehr 
hier  vor  einer  absichtlichen  Weglassung,  vor  einem  grundsätzlichen 
Widerstreite  zwischen  Geometrie  und  Geodäsie.  Letztere, 
deren  Vorhandensein  zur  Zeit  des  Aristoteles  wir  (S.  230)  hervor- 
gehoben haben,  war  ihrem  Wesen  nach  eine  rechnende  Geometrie. 
In  der  eigentlichen  oder  theoretischen  Geometrie  war  Rechnung  als 
solche  ausgeschlossen.  Aristoteles  hat  ausdrücklich  gesagt:  „Man 
kann  nicht  Etwas  beweisen,  indem  man  von  einem  anderen  Genus 
ausgeht,  z.  B.  nichts  Geometrisches  durch  Arithmetik.  .  .  Wo  die 
Gegenstände  so  verschieden  sind,  wie  Arithmetik  und  Geometrie,  da 
kann  man  nicht  die  arithmetische  Beweisart  auf  das,  was  den  Grössen 
überhaupt  zukommt,  anwenden,  wenn  nicht  die  Grössen  Zahlen  sind, 
was  nur  in  gewissen  Fällen  vorkommen  kami"^).  Der  Ausdruck,  die 
Grössen  seien  nur  in  gewissen  Fällen  Zahlen,  bezieht  sich  vermuth- 
lich  auf  irrationale  Strecken,  welche  als  Nichtzahlen  galten,  und 
dieser  Ausnahme  zu  Liebe  dürfte  das  V.  Buch  der  Elemente  ent- 
standen sein.  Was  aber  von  den  Beweisen  gesagt  ist,  scheint  auch 
auf  Rechnungsoperationen  ausgedehnt  worden  zu  sein.  So  zeigt  also 
Euklid  in  diesem  XII.  Buche  nur,  dass  Kreise  wie  die  Quadrate  ihrer 
Durchmesser  sich  verhalten,  was  Hippokrates  von  Chios  schon  wusste; 
er  zeigt,  dass,  wie  die  Pyramide  der  dritte  Theil  des  Prisma  von 
gleicher  Höhe  und  Grundfläche  ist,  ein  ganz  gleichlautender  Satz  für 
Kegel  und  Cylinder  stattfindet,  was  Eudoxus  von  Knidos  schon  er- 
kannt hatte;  er  schliesst  mit  dem  Satze,  dass  Kugeln  im  dreifachen 
Verhältnisse  ihrer  Durchmesser  stehen.  Euklid  benutzt  zum  Beweise 
dieser  Sätze  den  an  der  Spitze  des  X.  Buches  stehenden  Satz  von  der 
Möglichkeit  durch  fortgesetzte  Halbiruug  einen  beliebigen  Grad  der 
Kleinheit  zu  erreichen.  Geben  wir  als  Beispiel  seines  Verfahrens 
den  Satz  vom  Kreise,  wobei  wir,  wie  schon  öfter,  zur  bequemeren 
Uebersicht  uns  moderner  Zeichen  bedienen,  im  Uebrigen  aber  uns 
genau  an  Satz  2.  des  XU.  Buches  anschliessen.  Vorausgeschickt  ist 
der  Satz,  dass  die  Flächen  ähnlicher  in  zwei  Kreise  eingeschriebener 
Vielecke  sich  wie  die  Quadrate  der  Durchmesser  der  betreffenden 
Kreise  verhalten.  Heissen  nun  K^  und  ÜT^  die  beiden  Kreisflächen, 
deren  Durchmesser  d^  und  d^  sind,  so  sei  angenommen,  dass  K^  :  üCg 
in  kleinerem  Verhältnisse  stehen  wie  ö^^  :  62^.  Sicherlich  gibt  es 
eine  Oberfläche  Sl,  welche  dem  Verhältnisse  Ki  :  Si  =  dj^  :  d^^  ge- 
nügt,   und    weil   K^  :  K.^  '^  K^  :  Sl,    so    wird    K.2>  Sl    sein    müssen. 


')  Aristoteles,  Analyt.  x^ost.  I,  7.  75,  a. 

Cantoe,  Geschichte  der  Matliematik  I.    2.  Aufl.  17 


258  12.  Kapitel. 

Dann  ist  es  aber  unmöglich,  dass  dasselbe  Verhältniss  dj^ :  d./  auch 
obwalte  zwisclien  einer  Fläche,  die  kleiner  ist  als  K^  und  einer 
anderen,  die  grösser  ist  als  Sl,  und  gleichwohl  lässt  sich  das  Vor- 
handensein eines  solchen  unmöglichen  Verhältnisses  unter  der  ge- 
machten Voraussetzung  nachweisen  und  damit  die  Unzulässigkeit  der 
Voraussetzung  selbst.  Denn  beschreibt  man  in  K^  und  K2  einander 
ähnliche  Vielecke  Q^  und  0.^,  so  ist  jedenfalls  0^  :  ^g  =  ^1^ '  ^2^  ^^^ 
zugleich  ^1  <  Ky  Es  genügt  also  noch  zu  zeigen,  dass  es  ein  0.^ 
gibt,  welches  grösser  als  Sl  und  kleiner  als  K.^  ist,  und  dazu  wird 
die  Exhaustion  angewandt.  Ein  dem  Kreis  umschriebenes  Quadrat 
ist  offenbar  grösser  als  der  Kreis  und  zugleich  genau  doppelt  so 
gross  als  das  dem  Kreise  eingeschriebene  Quadrat.  Mithin  ist  letz- 
teres grösser  als  die  halbe  Kreisfläche,  oder  unterscheidet  sich  von 
der  Kreisfläche  um  weniger  als  deren  Hälfte.  Wird  in  jedem  der 
vier  diesen  Unterschied  bildenden  Kreisabschnitte  der  Bogen  halbirt 
und  mit  dem  Halbirungspunkte  und  den  Endpunkten  als  Spitzen  ein 
Dreieck  gebildet,  so  ist  dieses  die  Hälfte  eines  Rechtecks,  innerhalb 
welches  der  Kreisabschnitt  eingeschlossen  liegt,  also  grösser  als  die 
Hälfte  des  Abschnittes.  Das  entstandene  Achteck  unterscheidet  sich 
somit  von  dem  Kreise  um  weniger  als  den  vierten  Theil  desselben. 
Ebenso  wird  zu  zeigen  sein,  dass  der  Unterschied  zwischen  dem 
regelmässigen  Vielecke  von   16  Seiten  und  seinem  Umkreise  geringer 

als  —  der  Kreisfläche  ist.    Bei  jedesmaliger  Verdoppelung  der  Seitenzahl 

des  Vielecks  wird  der  Flächenunterschied  desselben  gegen  den  Kreis 
mehr  als  nur  halbirt,  und  schon  immerwährende  Halbirung  genügt 
nach  dem  Satze  der  Exhaustion,  um  jede  beliebige  Grenze  der  Klein- 
heit zu  erreichen.  Es  ist  also  damit  sicher  gestellt,  dass  endlich 
ein  Vieleck  Q^  erscheinen  muss ,  dessen  Fläche  sich  von  der  des 
Kreises  um  weniger  als  z/  unterscheidet,  wenn  J  =  K^  —  ^  ist, 
und  das  ihm  ähnliche  dem  Kreise  K^  eingeschriebene  Vieleck  ist 
jenes  zugehörige  ^^,  welches  den  ersten  Widerspruch  liefert.  Dass 
ein  zweiter  Widerspruch  aus  der  Annahme  ÜT,  :  ÜT^  >  d^ :  dg^  hervor- 
geht, und  dass  dieser  Widerspruch  gleichfalls  mit  Hilfe  des  Satzes 
von  der  Exhaustion  klargestellt  wird,  bedarf  nicht  erst  der  ausführ- 
lichen Auseinandersetzung.  Keine  dieser  beiden  Annahmen  findet 
also  statt,  sondern  nur  die  zwischen  ihnen  liegende  K^:K.^  =  d^^: d/. 
Das  ist  der  von  Euklid  eingeschlagene  Weg,  der  in  jedem  einzelnen 
Falle  mit  aller  Strenge  in  ermüdender  Einförmigkeit  eingehalten 
wird,  ohne  dass  jemals  eine  Abkürzung  des  Verfahrens  für  statthaft 
angesehen  würde. 

Das  XHl.  Buch  endlich  kehrt  zu  einem  Geijeustande  zurück,  dem 


Alexandria.     Die  Elemente  des  Euklid.  259 

das  IV.  Buch  theilweise  gewidmet  war.  Es  handelt  von  den  regel- 
mässigen einem  Kreise  eingeschriebenen  Vielecken,  ins- 
besondere von  den  Fünfecken  und  Dreiecken.  Dann  aber  benutzt  es 
diese  Figuren  als  Seitenflächen  von  Körpern,  welche  in  eine  Kugel 
eingeschrieben  werden  und  schliesst  mit  der  wichtigen  Bemerkung, 
dass  es  keine  weiteren  regelmässigen  Körper  geben  könne 
als  die  fünf  zuletzt  erwähnten,  nämlich  das  Tetraeder,  das  Octaeder, 
das  Ikosaeder,  die  von  Dreiecken  begrenzt  sind,  den  Würfel,  dessen 
Seitenflächen  Quadrate  sind,  das  Dodekaeder,  welches  von  Fünfecken 
eingeschlossen  ist. 

Wir  haben  von  diesem  merkwürdigen  Werke  einen  weit  aus- 
führlicheren Auszug  hier  mitgetheilt  als  von  den  meisten  der  bisher 
besprochenen.  Die  Wichtigkeit  des  Werkes  rechtfertigt  unser  Ver- 
fahren. Sie  rechtfertigt  zugleich  die  Frage  nach  dem  Zwecke,  welchen 
Euklid  bei  der  Niederschrift  im  Auge  hatte.  Proklus  sagt  uns,  wie 
wir  oben  (S.  247)  erwähnten,  Euklid  habe  als  Endziel  seines  ganzen 
Elementarwerkes  die  Construction  der  sogenannten  platonischen  Körper 
hingestellt^).  Dass  dieses  unrichtig  ist  bedarf  für  den,  der  auch  nur 
unseren  Auszug  mit  einiger  Aufmerksamkeit  gelesen  hat,  keiner  Aus- 
einandersetzung. Die  künstlerisch  vollendete  Gliederung  des  Werkes 
machte  es  möglich,  dass  es  in  dem  einen  Gipfelpunkte  abschloss,  aber 
der  Zweck  des  Werkes  war  nur  durch  dessen  ganzen  Verlauf  gegeben 
und  erfüllt.  Die  13  Bücher  der  Elemente  sind  sich  selbst 
Zweck.  „Elemente  werden  die  Dinge  genannt,  deren  Theorie  hin- 
durchdringt zum  Verstehen  der  anderen,  und  von  welchen  aus  die 
Lösung  ihrer  Schwierigkeiten  uns  gelingt"^).  So  sagt  derselbe 
Proklus  an  einer  anderen  Stelle  mit  viel  treuerer  Wiedergabe  dessen, 
was  beabsichtigt  war.  Euklid  wollte,  wie  die  übrigen  Elementen- 
schreiber vor  ihm  es  schon  versucht  hatten,  eine  vollständige  Ueber- 
sicht  aller  Theile  der  Mathematik  geben,  welche  in  den  folgenden 
Theilen  der  Wissenschaft  zur  Anwendung  kommen,  wollte  zugleich 
die  encyclopädisch  zusammengestellten  und  geordneten  Dinge  auf 
strenge  Beweise  stützen,  welche  einen  Zweifel  nicht  aufkommen 
lassen,  sondern  vielmehr  gestatten  wie  in  eine  Rüstkammer  blind- 
lings dorthin  zu  greifen  mit  der  Gewissheit  stets  eine  tadellose  Waffe 
zu  erfassen. 

Wie  weit  wir  Euklid  als  selbständigen  Verfasser  seines  Werkes 
zu  bezeichnen  haben,  ist  kaum  zu  sagen.  Jeder  Verfasser  eines 
Handbuches  irgend  eines  Theiles  der  Mathematik  ist  von  seihen  Vor- 


^)  Proklus  (ed.  Friedlein)  G8  rf;?  cvintdaiqg  crrotj^ftcofffcas  rslog  TiQOta- 
zi'lGaro  T]]v  x&v  %<xXov^bvo}v  niatovizibv  cxTj^drcov  ciazuoiv.  ^)  Proklus  (ed. 
Friedlein)  72,  3-6. 

17* 


200  12.  Kapitel. 

gängern  abhängig,  und  n:an  muss  die  Scliriften  der  letzteren  kennen, 
um  abzuscliätzen,  wie  weit  er  von  den  vorgetretenen  Bahnen  sich 
entfernte.  Euklid  war  ohne  allen  Zweifel  ein  grosser  Mathematiker. 
Dieses  ürtheil  werden  die  übrigen  Schriften,  die  er  verfaast  hat, 
rechtfertigen.  Damit  stimmt  auch  die  Bewunderung,  welche  alle 
Zeiten  seinem  vorzugsweise  bekannt  gewordenen  Elementenwerke 
entgegenbrachten,  überein,  und  der  von  uns  schon  hervorgehobene 
Umstand,  dass  im  Schatten  dieses  Riesenwerkes  die  früher  vorhandenen 
ähnlichen  Erzeugnisse  verkümmerten  und  zu  Grunde  gingen,  spätere 
nicht  entstehen  konnten.  Auch  die  wenigen  Beweise,  deren  Ursprung 
mit  Bestimmtheit  auf  Euklid  sich  zurückführt  —  wir  erinnern  an 
den  Schulbeweis  des  pythagoräischen  Lehrsatzes  —  lassen  in  Euklid 
den  feinen  geometrischen  Kopf  erkennen.  Ein  grosser  Mathematiker 
wird  auch  da,  wo  er  Anderen  folgt,  seine  Eigenthümlichkeit  nicht 
ganz  verleugnen,  und  so  war  es  sicherlich  auch  bei  Euklid.  Aber 
wo  haben  wir  diese  Eigenthümlichkeit  zu  suchen?  Das  ist  und  bleibt 
wohl  eine  unbeantwortbare  Frage,  um  so  unbeantwortbarer  als  Pappus, 
wie  wir  gleichfalls  schon  (S.  247)  hervorgehoben  haben,  den  Euklid 
geradezu  wegen  seiner  pietätvollen  Anlehnung  an  ältere  Schriftsteller 
lobt,  und  wenn  Pappus  dabei  allerdings  ein  anderes  Werk  des  Euklid 
im  Auge  hat,  so  dürfte  sich  diese  Charaktereigenschaft  auch  in  den 
Elementen  nicht  verleugnet  haben. 

Wir  sind  sogar  thatsächlich  im  Stande  einige  und  nicht  un- 
wesentliche Stelleu  des  grossen  Werkes  anzugeben,  in  welchen,  wie 
wir  schon  früher  sahen,  Euklid  nicht  selbständig  gearbeitet  hat. 
Das  V.  Buch  gehört,  wie  wir  (S.  228)  einem  alten  Scholiasten  nach- 
erzählt haben,  dem  Eudoxus  an.  Von  ebendemselben  stammen 
nach  aller  Wahrscheinlichkeit  die  fünf  ersten  Sätze  des  XIII.  Buches. 
Spuren  von  Vorarbeiten  des  Theaetet  sind  (S.  224)  im  X.  Buche 
nicht  zu  verkennen.  Das  stimmt  gleichfalls  mit  der  Aussage  des 
Proklus  überein,  dass  Euklid  „vieles  von  Eudoxus  Herrührende  zu 
einem  Ganzen  ordnete  und  vieles  von  Theaetet  Begonnene  zu  Ende 
führte"  (S.  246).  Eben  diese  alten  Spuren  geben  uns  aber  Veran- 
lassung zur  Untersuchung  einer  anderen  Frage. 

Die  Form  des  V.,  des  X^,  des  XIII.  Buches  ist  von  der  der 
anderen  Bücher  nicht  im  mindesten  verschieden.  Höchstens  könnte 
man  betonen,  dass,  während  sonst  überall  nur  synthetisch  verfahren 
ist^  die  fünf  ersten  Sätze  des  XIII.  Buches  Analyse  und  Synthese 
verbinden.  Aber  auch  bei  ihnen  ist  die  Form,  welche  man  eukli- 
dische Form  zu  nennen  pflegt,  gewahrt.  Der  Lehrsatz  ist  aus- 
gesprochen, die  Vorschrift  was  an  der  Figur  vorgenommen  werden 
soll  ist  ertheilt,  der  Beweiss  schliesst  sich  an.     Und  in  anderen  Fällen 


Alexandria.     Die  Elemente  des  Euklid.  261 

ist  eine  Aufgabe  gestellt.  Ihr  folgt  die  Auflösung,  dieser  die  zum 
Beweise  der  Richtigkeit  der  Auflösung  nöthigen  Vorbereitungen  durch 
Ziehen  von  Hilfslinien  u.  s.  w.  und  endlich  der  Beweis  selbst.  „Was 
zu  beweisen  war",  otccq  idst  ösit,at  (quod  erat  demonstrandum)  ist 
die  Schlussformel  des  Lehrsatzes  oder  Theorems,  bei  welchem  es 
sich  um  den  Nachweis,  c(n:6dei^iv,  des  Behaupteten  handelt,  und  die 
Aufgabe,  das  Problem,  bei  welchem  es  auf  die  Ausführung,  xara- 
öxsvrjv,  des  Geforderten  ankommt,  hat  eine  ganz  ähnliche  Schluss- 
formel: „Was  zu  machen  war",  otzsq  sdst  jtoLrjöai  (quod  erat  facien- 
dum).  Euklid  habe  diese  Schlussformeln  benutzt,  sagt  uns  Proklus^), 
und  der  Augenschein  bestätigt  es.  Aber  rühren  diese  Schlussworte, 
rührt  die  ganze  Form  von  Euklid  her? 

Wir  bezweifeln  es  auf's  Allerhöchste.  Wir  haben  in  dem  Uebungs- 
buche  des  Ahmes  eine  Sammlung  von  Beispielen  kennen  gelernt, 
deren  griechische  Nachbildung  in  Inhalt  und  Form,  insbesondere  in 
letzterer,  uns  auf  alexandrinischem  Boden  begegnen  wird.  „Mache  es 
so"  heissen  die  regelmässig  wiederkehrenden  Worte  jener  Uebungs- 
bücher.  Wir  haben  (S.  42  und  71)  davon  gesprochen,  dass  ägyp- 
tische Lehrbücher  neben  den  Uebungsbüchern  vorhanden  gewesen 
sein  müssen.  Werden  sie  weniger  eine  herkömmliche  unabänderliche 
Form  besessen  haben  als  alles  Andere  in  dem  Lande  der  sich  stets 
gleich  bleibenden  Ueberlieferungen?  Und  sind  jene  euklidischen 
Schlussworte  für  Lehrsätze  und  -Aufgaben  nicht  von  anheimelnder 
Aehnlichkeit  zu  dem  ägyptischen  „Mache  es  so"?  Ist  es  ferner  nicht 
in  hohem  Grade  wahrscheinlich,  dass  Eudoxus,  von  dem,  wie  wir 
sagten,  das  V.  Buch,  dass  Theaetet,  von  dem  Theile  des  X.  und  des 
XIII.  Buches  theilweise  wörtlich  übernommen  wurden,  der  gleichen 
Form  sich  schon  bedienten?  Ist  endlich  wohl  anzunehmen,  Euklid 
habe  eine  für  den  Unterricht,  soweit  er  Gedächtnisssache  ist,  un- 
gemein zweckmässige  Form  neu  erfunden,  und  diese  Form  sei  nur 
der  Geometrie,  keiner  anderen  Wissenschaft  zu  Gute  gekommen? 
Diese  Gründe  werden  zwar  noch  nicht  Gewissheit  hervorbringen; 
noch  immer  wird  von  Manchen  behauptet  werden,  der  Name  eukli- 
dische Form  sei  durchaus  gerechtfertigt,  denn  Euklid  sei  der  selb- 
ständige Erfinder  derselben;  aber  Andere  werden  ebenso  sicher  mit 
uns  der  Ueberzeugung  gewonnen  sein,  die  ägyptische  Form  eines 
Lehrbuches  der  Geometrie,  in  Griechenland  eingedrungen,  seit  über- 
haupt Geometrie  dort  gelehrt  wurde,  in  Alexandria  durch  die  neuer- 
dings ermöglichte  Kenntnissnahme  ägyptischer  Originalwerke  auf- 
gefrischt, habe  bei  Euklid  nur  ihre  vollendete  Abrundung  erlangt. 


')  Proklus  (ed.  Friedleiu)  81, 


262  12.  Kapitel. 

Eines  haben  wir  bei  Besprechung  dieser  Ursprungsfrage  still- 
schweigend vorausgesetzt:  dass  nämlich  dasjenige,  was  uns  hand- 
schriftlich als  die  Elemente  des  Euklid  überliefert  wurde,  in  der 
That  jenes  Werk  ist,  wie  es  unter  dem  Griffel  des  Verfassers  ent- 
stand. Zweifel  daran  wären,  trotz  der  ungemeinen  Verbreitung, 
deren  die  euklidischen  Elemente  im  Alterthum  sich  erfreuten,  oder 
vielleicht  eben  wegen  dieser  Verbreitung  nicht  unmöglich,  denn  grade 
häufig  abgeschriebene  Schriftstücke  verderben  leicht  durch  sich  fort- 
erbende und  durch  bei  jeder  Abschrift  neu  hinzutretende  Fehler, 
wenn  nicht  gar  durch  allmälige  Einschaltung  von  Randglossen,  welche 
nach  und  nach  in  den  Text  eindrangen,  dem  sie  als  Fremdlinge  nur 
angehören.  Euklids  Elemente  sind  in  antiken  Schriften  nicht  gar 
oft  erwähnt'),  aber  die  üebereinstimmung  der  genannten  Bücher- 
nummer mit  der  Ziffer,  welche  sie  in  den  Handschriften  führt,  ist 
meistentheils  vorhanden.  Uns  wenigstens  ist  nur  ein  Beispiel  des 
Gegentheils  bekannt,  welches  auf  römischem  Boden  im  27.  Kapitel 
zu  besprechen  sein  wird.  Fremde  spätere  Zusätze  sind  in  dem,  was 
man  die  Elemente  des  Euklid  nennt,  allerdings  vorhanden.  Eines 
solchen  machte  Theon  von  Alexandria  in  seiner  Ausgabe,  sxdoöig^ 
der  euklidischen  Elemente  am  Ende  des  VI.  Buches  sich  schuldig, 
Avie  er  selbst  in  seinem  Commentare  zum  1.  Buche  des  ptolemäischen 
Almagestes  erzählt^).  Aus  dieser  ungemein  wichtigen  Stelle  im  Zu- 
sammenhange mit  dem  Umstände,  dass  jener  Zusatz  des  Theon  seinem 
Inhalte  nach  sich  vollständig  mit  dem  Zusätze  zu  Satz  33.  des 
VI.  Buches  deckt,  geht  somit  hervor,  dass  es  eine  theonische 
Textausgabe  der  euklidischen  Elemente  ist,  deren  wir  uns  be- 
dienen, und  dass  wenn  auch  nicht  grade  zahlreiche,  doch  einige 
Aenderungen  durch  jenen  Schriftsteller  vom  Ende  des  IV.  S.  statt- 
gefunden haben  mögen. 

Theon  kann  es  vielleicht  gewesen  sein,  welcher  den  berüchtigten 
11.  Grundsatz  des  I.  Buches:  „Zwei  Gerade,  die  von  einer  dritten 
geschnitten  werden,  so  dass  die  beiden  imieren  an  einerlei  Seite 
lieecenden  Winkel  zusammen  kleiner  als  zwei  Rechte  sind,  treffen 
genugsam  verlängert  an  eben  der  Seite  zusammen"  an  diese  unpassende 
Stelle  brachte,  während  es  gar  kein  Grundsatz,  sondern  die  Um- 
kehrung des  Satzes  17.  des  I.  Buches  ist^),  und  dort  als  Folgerung 
ohne    Beweis    ausgesprochen    immer    noch    frühzeitig    genug    stehen 


^)  Untersuchungen  darüber  von  Savilius  abgedruckt  in  Gregory's  Vor- 
rede zu  seiner  Euklidausgabe.  Die  gleichen  Untersuchungen  mit  einigen  neuen 
Zuthaten  bei  Hankel  386  —  388.  ')  Comnientaire  de  Theon  sur  la  composition 
mathematique  de  Ptoletnee  ^dit.  Halma  I,  201.  Paris,  1821.  ^)  Das  erkannte 
schon  Saviliuä. 


Die  übrigen  Schriften  des  Euklid.  263 

würde,  um  bei  Satz  29.  des  I.  Buches  benutzt  zu  werden,  wie  es 
der  Fall  ist. 

Theon  mag  auch  die  Schuld  einiger  Definitionen  des  V.  und 
VI.  Buches  treffen,  welche  häufig  angegriffen  worden  sind'). 

Eine  Definition  des  V.  Buches,  nämlich  die  5.,  hat  freilich  un- 
schuldigerweise solche  Angriffe  erlitten,  veranlasst,  wie  im  folgenden 
Bande  besprochen  werden  muss,  durch  Uebersetzungsirrthümer  zweier 
Sprachen.  Diese  Definition  geht  offenbar  ursprünglich  auf  Zeiten 
zurück,  die  vor  Euklid  liegen.  Sie  will  erklären,  was  es  heisse, 
wenn  man  von  vier  Grössen  sage,  dass  sie  in  Proportion  stehen.  Da 
von  Grössen  die  Rede  ist  und  nicht  von  Zahlen,  so  musste  die  Defi- 
nition so  weit  gefasst  werden,  dass  auch  Incommensurables  ■  hinein- 
passte,  und  dieses  erreichte  der  Verfasser,  sei  es  Eudoxus  oder  wer 
sonst  gewesen,  indem  er  ausser  den  Grössen  J,  B,  jT,  ^  noch 
irgend  zwei  ganze   Zahlen   [i  und  v  sich   dachte   und    behauptete,  es 

sei  Jl :  B  =  F:  zJ,  wofern  immer  wenn  ^A=^vB  zugleich  auch 
^r^vJ.     Der  Wortlaut  ist  folgender:  „In  einerlei  Verhältuiss  sind 

Grössen  A,  B,  F,  z/,  die  erste  zur  zweiten  und  die  dritte  zur  vierten, 
wenn  von  beliebigen  Gleichvielfachen  der  ersten  und  dritten  A,  F 
und  beliebigen  Gleichvielfachen  der  zweiten  und  vierten  B,  A  die 
Vielfachen  der  ersten  und  dritten  zugleich  entweder  kleiner  oder 
eben  so  gross  oder  grösser  sind  als  die  Vielfachen  der  zweiten  und 
vierten  nach  der  Ordnung  mit  einander  verglichen." 


13.  Kapitel. 

Die  übrigen  Schriften  des  Euklid. 

Euklid  hat  neben  und  ausser  den  Elementen  noch  mehrfache 
andere  Schriften  verfasst,  die  uns  leider  nicht  sämmtlich  vollständig 
erhalten  sind.  So  ist  uns  von  einem  Werke,  welches  gewiss  höchst 
interessant  war,  nur  die  fast  mehr  als  nothdürftige  Schilderung  übrig 
geblieben,  die  Proklus  davon  mit  folgenden  Worten  gibt:  Auch  über- 
lieferte er  Methoden  des  durchdringenden  Verstandes,  mit  deren  Hilfe 
wir  den  Anfänger  in  dieser  Lehre  in  der  Aufsuchung  der  Fehlschlüsse 
üben  und  selbst  unbetrogen  bleiben  können.  Die  Schrift,  durch 
welche  er  uns  diese  Ausrüstung  verschafft,  betitelt  er  Trugschlüsse, 
fsvdccQLK.  Er  zählt  die  verschiedenen  Arten  derselben  der  Reihe 
nach  auf  und  übt  bezüglich  jeder  unseren  Verstand  in  allerlei  Lehr- 


')  Ausführliches  hierüber  bei  Hankel  389  —  401. 


2(34  13.  Kapitel. 

Sätzen,  indem  er   dem  Falschen  das  AValire   gegenüberstellt   und   den 
Beweis  des  Truges  mit  der  Erfahrung  zusammenhält^). 

Verloren  sind  auch  die  drei  Bücher  der  Porismen,  welche 
Euklid  verfasste,  deren  Inhalt  jedoch  aus  Spuren  in  genügender 
Weise  erkannt  werden  konnte,  um  eine  vermuthlich  in  der  Haupt- 
sache richtige  Wiederherstellung  zu  gestatten"^).  Mit  den  genamiten 
Spuren  hat  es  folgendes  Bewandtniss.  Pappus  hat  in  seiner  Mathe- 
matischen Sammlung,  von  welcher  schon  wiederholt  die  Rede  war, 
neben  eigenen  Untersuchungen  auch  vielfach  Auszüge  aus  fremden 
Schriften  gegeben,  welche  gleichzeitig  bis  zu  einem  gewissen  Grade 
erläutert  werden.  Unter  diesen  fremden  Schriften  befinden  sich  denn 
auch  die  euklidischen  Porismen,  von  welchen  im  VII.  Buche  der 
Sammlung  die  Rede  ist,  und  zu  deren  Verständniss  Pappus  eine  An- 
zahl von  Lemmen  mittheilt ^).  Freilich  wäre  der  Gebrauch,  welchen 
man  von  diesen  Hilfssätzen  allein  machen  könnte,  um  aus  ihnen  den 
Inhalt  des  Werkes,  zu  welchem  sie  erfunden  sind,  zu  erschliessen, 
kein  unbedingter.  Wir  besitzen  nämlich  auch  noch  Lemmen  des 
Pappus  zu  Werken,  deren  Urschrift  nicht  verloren  gegangen  ist,  und 
an  diesen  zeigt  sich,  dass  der  geometrische  Scharfsinn  des  Verfassers 
ihn  nicht  selten  weit  abseits  führte,  und  dass  er  sich  wohl  grade 
dadurch  verleiten  Hess  etwas  verschwenderisch  mit  der  Benennung 
Lemma  umzugehen.  Es  kommen  Sätze  bei  Pappus  vor,  welche  so 
gut  wie  in  gar  keiner  Beziehung  zu  den  Schriften  stehen,  als  deren 
Hilfssätze  sie  bezeichnet  werden,  und  wir  haben  zum  Voraus  keinerlei 
Gewähr  dafür,  dass  es  sich  mit  den  Hilfssätzen  zu  den  euklidischen 
Porismen  nicht  ebenso  verhalte.  Nachträglich  scheint  freilich  die 
gelungene  Wiederherstellung,  von  der  wir  sprachen,  und  welche  für 
das  tiefe  Eindringen  ihres  Verfassers  in  den  geometrischen  Geist  der 
Alten  ein  glänzendes  Zeugniss  ablegt,  jene  Gewähr  zu  liefern.  Es 
ist  schwer  an  einen  Zufall  zu  denken,  wo  die  Ergebnisse  vollste 
Uebereinstimmung  mit  den  38  Lemmen  des  Pappus,  mit  der  Inhalts- 
angabe der  drei  Bücher  Porismen,  wie  sie  bei  ebendemselben  sich 
findet,  mit  der  Erklärung  des  Wortes  Porisma  bei  Pappus  und  mit 
einer  solchen  bei  Proklus*)  zu  Tage  fördert. 

Der   sprachliche   Zusammenhang  des  Wortes  Porisma,   7c6qi6(ik, 


^)  Proklus  (ed,  Fried  lein)  70.  *)  Les  trois  livres  de  Porismes  d'Eudidc 
retablis  pour  la  premiere  fois  d' apres  la  notice  et  l(S  Icmmcs  de  Pappus  et  con- 
formcment  au  sentiment  de  R.  Simson  sur  la  forme  des  e'nonces  de  ces  propokitions 
^ar  M.  Chasles.  Paris,  1860.  Heiberg,  Euklidstudien  S.  56—79  sucht  aller- 
dings die  Behauptung  zu  begründen,  die  Chasles'sche  Wiederherstellung  der 
Porismen  sei  noch  keineswegs  als  endgiltig  anzusehen.  ^)  Pappus  (ed. 
Hultsch)  G48  sqq.     *)  Proklus  (cd.  Friedlein)  301  sqq. 


Die  übrigen  Schriften  des  Euklid.  265 

mit  TCiiQco,  mit  Pore,  mit  parare,  mit  forsclien,  mit  dem  Sanskrit- 
worte pri  Tf  lässt  einen  Grundbegriff  des  Vorwärtsbringens  wohl  er- 
kennen, doch  ist  damit  nur  die  eine  Bedeutung  von  Porisma  als 
Zusatz,  corollarium,  gegeben,  welche  gleichfalls  durch  das  Vor- 
kommen in  geometrischen  Schriften  bestätigt  wird.*  Porisma  als 
Kunstname  einer  besonderen  für  sich  bestehenden  Gattung  von  Sätzen 
wird  dadurch  um  nichts  klarer.  Von  diesen  sind  dagegen  ausdrück- 
liche Definitionen  vorhanden.  Pappus  in  der  Einleitung  zu  seinem 
VII.  Buche  sagt,  Porisma  sei  ein  Ausspruch,  bei  welchem  es  sich 
um  die  Porismirung  des  Ausgesprochenen  handle,  und  fügt  dieser 
Erklärung  durch  ein  fast  gleiches  Wort  die  Erläuterung  bei:  „Diese 
Definition  des  Porisma  wurde  von  den  Neueren  verändert,  welche 
nicht  Alles  finden  können,  sondern  auf  die  Elemente  gestützt  nur 
zeigen,  dass  das,  was  gesucht  wird,  vorhanden  ist,  nicht  aber  dieses 
selbst  finden.  So  schrieben  sie,  obschon  durch  die  Definition  selbst 
und  das  Erlernte  widerlegt,  mit  Bezug  auf  einen  Nebenumstand,  ein 
Porisma  sei  das,  was  zur  Hypothese  eines  Ortstheorems  fehle."  Eine 
weitere  Definition,  sagten  wir  oben,  gebe  Proklus.  Sie  enthält  gleich- 
falls zweierlei,  wenn  auch  nicht  dieselben  beiden  Unterscheidungen 
wie  Pappus  sie  trennt.  „Einmal  nennt  man  es  ein  Porisma,  wenn 
ein  Satz  aus  dem  Beweise  eines  anderen  Satzes  mit  erhalten  wird,  als 
Fund  oder  grade  vorhandener  Gewinn  bei  dem  Gesuchten,  zweitens 
aber  auch,  wenn  etwas  zwar  gesucht  wird,  aber  um  von  der  Erfin- 
dung Gebrauch  zu  machen  und  nicht  von  der  Entstehung  oder  der 
einfachen  Anschauung  ....  Man  hat  es  nicht  mit  der  Entstehung 
des  Gesuchten  zu  thun,  sondern  mit  dessen  Erfindung,  und  auch 
eine  blosse  Anschauung  genügt  nicht.  Man  muss  das  Gesuchte  in 
das  Gesichtsfeld  bringen  und  vor  den  Augen  ausführen.  Von  dieser 
Art  sind  auch  die  Porismen,  welche  Euklid  schrieb,  als  er  seine 
Bücher  der  Porismen  verfasste."  Diese  Erklärungen  haben  gewiss 
keinen  Anspruch  auf  den  Ruhm  unbedingter  Deutlichkeit,  aber  eines 
lassen  sie  erkennen:  dass  das  Wort  Porisma  allmälig  einen  anderen 
Sinn  annahm,  als  es  ursprünglich  besass.  Man  versteht  diese  Be- 
griffsverschiebung jetzt  gewöhnlich  so,  dass  die  verhältnissmässig 
jüngeren  Schriftsteller  —  jünger  im  Sinne  des  Pappus  gesagt  für 
diejenigen,  welche  auftraten,  seit  es  Elemente  gab  —  dabei  an  einen 
Nebenumstand  sich  hielten,  der  von  den  Alten  nicht  berücksichtigt 
wurde,  dass  aber  jedenfalls  zu  allen  Zeiten  das  Merkmal  untrüglich 
hervortrat,  dass  ein  Porisma  gewissermassen  eine  Verbindung  von 
Theorem  und  Problem  war,  ein  Theorem,  welches  ein  Problem 
anregte  und  einschloss.  Ein  sehr  allgemeines  Beispiel  davon 
bildet  auf  einem  der  Mathematik  durchaus  fremden  Gebiete  die  ärzt- 


266  13.  Kapitel. 

liehe  Diagnose.  Sie  ist  ein  wahres  Porisnia.  Sie  erhärtet  als  Theorem 
den  gegenwärtigen  Zustand  des  Kranken,  wobei  sie  ebensowohl  die 
bei  allen  Lidividuen  gemeinsamen  Erscheinungen  der  bestimmten 
Krankheitsform,  als  die  von  einem  Menschen  zum  anderen  veränder- 
lichen Naturkundgebungen  berücksichtigt.  Sie  schliesst  aber  auch 
ein  Problem  in  sich:  die  weitere  Entwicklung  des  Krankheitsprocesses 
vorauszusehen  und  womöglich  zu  leiten.  Sie  zeigt  sich  als  unvoll- 
ständig, so  lange  nicht  eben  dieses  Problem  seiner  Lösung  entgegen- 
geführt wird.  Uebersetzen  wir  nun  eben  diese  Gedankenfolge  in  die 
Sprache  der  Mathematik,  so  können  wir  sagen:  Ein  Porisma  ist 
jeder  unvollständige  Satz,  welcher  Zusammenhänge  zwi- 
schen nach  bestimmten  Gesetzen  veränderlichen  Dingen 
so  ausspricht,  dass  eine  nähere  Erörterung  und  Auf- 
findung sich  noch  daran  knüpfen.  Ein  schon  von  Proklus 
angegebenes  Beispiel  liefert  etwa  der  Satz,  dass,  wenn  ein  Kreis  ge- 
geben ist,  der  Mittelpunkt  desselben  immer  gefunden  werden  könne, 
denn  an  ihn  knüpft  sich  die  Aufgabe,  die  Construction  zu  ermitteln, 
durch  welche  man  den  Mittelpunkt  wirklich  erhält,  mit  Nothwendig- 
keit  an.  Oder  um  ein  zweites  den  Griechen  noch  durchaus  unver- 
ständliches Beispiel  zu  wählen,  so  ist  es  ein  Porisma,  wenn  man 
sagt:  Jede  rationale  ganze  algebraische  Function  einer  Veränderlichen 
könne  immer  in  einfachste  reelle  Faktoren  zerlegt  werden,  denn  an 
diesen  Satz  knüpft  sich  unmittelbar  die  weitere  Frage,  von  welchem 
Grade  jene  einfachsten  Faktoren  sein  werden,  sowie  die  mit  den 
Mitteln  gegenwärtiger  Algebra  nicht  lösbare  Aufgabe  in  jedem  ein- 
zelnen Falle  die  betreffenden  einfachsten  Faktoren  selbst  aufzufinden. 
Wenn  durch  diese  Auseinandersetzung  der  Begriff  des  Porisma  im 
älteren  Sinne  des  Wortes  zu  einiger  Klarheit  gelangt  sein  dürfte,  so 
können  wir  jetzt  auch  die  spätere  Bedeutung  des  Wortes  ins  Auge  fassen. 
Nachdem  man  nämlich  bemerkt  hatte,  dass  die  Veränderlichkeit 
mitunter  in  der  Ortsveränderung  von  Punkten  bestehe,  so  klammerte 
man  sich  an  diesen  Nebenumstand  fest  und  setzte  als  Regel,  dass 
das  Veränderliche  ausschliesslich  von  der  Art  sein  sollte, 
dass  man  es  mit  einem  mangelhaften  Ortstheoreme  zu  thuu 
habe.  Eines  der  berühmtesten  Porismen  in  diesem  Sinne,  welches 
bei  Pappus  sich  erhalten  hat'),  lautet  in  der  Sprache  heutiger  Geo- 
metrie etwa  so:  Schneiden  die  Linien  eines  vollständigen  Vierseits 
sich  in  sechs  Punkten,  von  denen  drei  in  einer  Geraden  liegende  ge- 
geben sind,  und  sind  von  den  drei  übrigen  Punkten  zwei  der  Bedin- 
gung unterworfen    je    auf  einer    gegebenen  Geraden   zu    bleiben,    so 


')  Pappus  VII,  praefatio  (ed.  Hultsch)  652  sqq. 


Die  übrigen  Schriften  des  Euklid.  267 

wird  aiicli  der  letzte  Punkt  eine  Gerade  zum  geometrisclien  Orte 
haben,  welche  aus  den  vorhandenen  Angaben  bestimmt  werden  kann. 
Man  sieht  augenblicklich,  erstens  dass  es  sich  hier  um  einen  geo- 
metrischen Ort  handelt,  zweitens  dass  in  der  Hypothese  die  Lage 
der  von  zwei  Punkten  beschriebenen  Geraden  nicht  näher  bezeichnet 
ist,  dass  also  an  der  Hypothese  etwas  fehlt,  drittens  dass  demgemäss 
auch  die  Folgerung  an  Bestimmtheit  zu  wünschen  übrig  lässt,  dass 
aber  viertens  die  Folgerung  zu  vollständiger  Bestimmtheit  ergänzt 
werden  kann,  indem  man  die  Lage  der  dritten  Geraden  zu  den  ge- 
gebenen Raumgebilden  in  Beziehung  setzt,  sie  als  eine  darzustellende 
Function  derselben  betrachtet.  Mit  anderen  Worten:  die  Ortsver- 
änderung eines  Punktes  ist  in  Abhängigkeit  gebracht  zu  den  Orts- 
veränderungen zweier  Punkte,  so  dass  sie  der  Art  nach  bestimmt 
ist,  der  Lage  nach  aber  erst  bestimmt  wird,  wenn  jene  Ortsverände- 
rungen der  beiden  anderen  Punkte,  so  wie  drei  feste  Punkte  wirklich 
gegeben  sind. 

Dieses  vollständiger  als  die  übrigen  erhaltene  Porisma  wurde, 
wie  wir  gleichfalls  durch  Pappus  wissen,  in  zehn  einzelnen  Fällen 
behandelt,  je  nach  der  Verschiedenheit  der  Lage  der  einzelnen  Punkte 
und  Geraden.  Man  erkemit  an  diesem  einen  Beispiele,  welche  ge- 
waltige Ausdehnung  eine  Sammlung  von  Porismen  gewinnen  konnte, 
wenn  die  theils  als  Bedingungen,  theils  als  Ergebnisse  in  jedem  Po- 
risma vorkommenden  geometrischen  Oerter  jeder  beliebigen  Gattung 
von  Raumgebilden  angehören  durften.  Euklid  legte  sich  die  frei- 
willige Beschränkung  auf,  nur  solche  Oerter  zu  benutzen,  deren 
Lehre  aus  seinen  Elementen  zur  Genüge  bekannt  war.  Li  den  beiden 
ersten  Büchern  seiner  Porismen  treten  nur  Gerade  auf,  in  dem  dritten 
Buche  ausser  solchen  auch  Kreise.  Trotz  dieser  engen  Beschränkung 
waren  171  Sätze  in  dem  Werke  enthalten,  welche  Pappus  je  nach 
den  Ergebnissen,  also  abseits  der  Bedingungen,  in  29  Gattungen  ab- 
getheilt  hat.  Eine  Gattung  war  es  z.  B.,  wenn  sich  herausstellte, 
dass  ein  Punkt  auf  einer  der  Lage  nach  bekannten  Geraden  liegen 
müsse-,  eine  zweite,  wenn  man  erfuhr,  dass  eine  gewisse  Gerade  in 
allen  ihren  Lagen  durch  einen  bestimmten  Punkt  gehen  müsse-,  eine 
dritte,  wenn  wieder  eine  bewegliche  Gerade  auf  zwei  gegebenen 
Geraden  Abschnitte  von  bestimmten  Produkten  bildete,  während  man 
bei  der  Aufstellung  jener  Gattungen  als  solcher  zunächst  davon 
absah,  welcherlei  Bedingungen  in  jener  ersten  Gattung  die  Bewegung 
des  Punktes,  in  den  beiden  anderen  die  Bewegung  der  Geraden  regeln. 
Von  dieser  Auffassung  ist  wenigstens  die  von  uns  schon  gerühmte 
Wiederherstellung  der  euklidischen  Porismen  ausgegangen,  auf  welche' 
für  die  genauere  Kenntniss  des  Gegenstandes  verwiesen  werden  muss. 


268  13.  Kapitel. 

Er  ist  trotz  des  Scliarfsinnes,  welchen  der  neue  Bearbeiter  als  Geo- 
meter  wie  als  Historiker  an  den  Tag  legte,  nicht  so  weit  über  allen 
imd  jeden  Zweifel  erhaben,  dass  wir  es  verantworten  könnten  über 
die  Ergebnisse  der  Wiederherstellung  unter  dem  Verfassernamen  des 
Euklid  zu  berichten.  Nur  Eines  entnehmen  wir  ihr  noch:  die  Ver- 
wandtschaft, welche  Euklids  Porismen  nach  zwei  Seiten  hin  besassen. 
Im  Hinblicke  auf  ihren  Inhalt,  auf  die  Lehre  von  der  veränderlichen 
Lage  grenzten  sie  an  die  sogenannten  geometrischen  Oerter;  in  ihrer 
Form  näherten  sie  sich  einem  andern  euklidischen  Werke,  den  Daten. 

Die  Daten^),  dsdo^svcc,  des  Euklid  sind  vollständig  auf  uns  ge- 
kommen, versehen  mit  einer  Vorrede  des  Marinus  von  Neapolis 
in  Palästina,  eines  Schülers  des  Proklus,  in  ihrer  Echtheit  bestätigt 
durch  eine  Beschreibung  des  Pappus,  welche  wenn  auch  nicht  in 
allen  Punkten,  doch  der  Hauptsache  nach  mit  unserem  Texte  über- 
einstimmt"). Was  man  unter  einem  Gegebenen,  öeöoiisvoVj  zu  ver- 
stehen habe,  sagt  Euklid  in  einer  Reihe  von  Definitionen,  welche  an 
der  Spitze  dieser  Schrift  stehen.  Der  Grösse  nach  gegeben  heissen 
Räume,  Linien  und  Winkel,  wenn  man  solche,  die  ihnen  gleich  sind, 
finden  kaim.  Ein  Verhältniss  heisst  gegeben,  wenn  man  ein  Ver- 
hältniss,  welches  mit  jenem  einerlei  ist,  finden  kann.  Der  Lage  nach 
gegeben  heissen  Punkte,  Linien  und  Winkel,  wenn  sie  immer  an  dem- 
selben Orte  sind  u.  s.  w.  Nach  diesen  Definitionen  folgen  95  (Pappus 
zufolge  nur  90)  Sätze,  in  welchen  nachgewiesen  Avird,  dass,  wenn 
gewisse  Dinge  gegeben  sind,  andere  Dinge  gleichzeitig  mitgegeben 
sind.  Zur  besseren  Einsicht  in  den  Gegenstand  heben  wir  einige 
Sätze  aus  den  verschiedensten  Theilen  der  Schrift  hervor. 

Satz  1.  Gegebene  Grössen  haben  zu  einander  ein  gegebenes 
Verhältniss. 

Satz  3.  Wenn  gegebene  Grössen,  wie  viele  ihrer  sein  mögen, 
zusammengesetzt  werden,  so  ist  ihre  Summe  gegeben. 

Satz  25.  Wenn  zwei  der  Lage  nach  gegebene  Linien  einander 
schneiden,  so  ist  ihr  Durchschnittspunkt  gegeben. 

Satz  40.  Wenn  in  einem  Dreiecke  jeder  Winkel  der  Grösse 
nach  gegeben  ist,  so  ist  das  Dreieck  der  Art  nach  gegeben. 

Satz  41.     Wenn  in  einem  Dreiecke  ein  Winkel  gegeben  ist  und 


*)  Eine  deutsche  Uebersetzimg  hat  J.  F.  Wurm  (Berlin,  1825)  heraus- 
gegeben, den  griechischen  Text  der  ersten  21  Sätze  nach  einem  münchner  Codex 
Fr.  Buchbinder  in  dem  Programm  der  Landesschule  Pforta  für  18GG:  Euklids 
Porismen  und  Data.  H.  Menge  bereitet  eine  Textausgabe  mit  lateinischer 
Uebersetzung  im  Anschlüsse  an  die  Heiberg'sche  Ausgabe  der  Elemente  vor. 
^)  Pappus  VII  (ed.  Hultsch)  pag.  638—640. 


Die  übrigen  Schriften  des  Euklid,  269 

die  um  diesen  ^inkel  liegenden  Seiten  ein  gegebenes  Verhältniss  zu 
einander  haben,  so  ist  das  Dreieck  der  Art  nach  gegeben. 

Satz  54.  Wenn  zwei  der  Art  nach  gegebene  Figuren  ein  ge- 
gebenes Verhältniss  zu  einander  haben,  so  haben  auch  ihre  Seiten 
zu  einander  ein  gegebenes  Verhältniss. 

Satz  58  und  59.  Wenn  ein  gegebener  Raum  einer  gegebenen 
graden  Linie  angefügt,  aber  um  eine  der  Art  nach  gegebene  Figur 
zu  klein,  skkeiTCov  (zu  gross,  vitBQßallov)  ist,  so  sind  die  Seiten  der 
Ergänzung  (des  üeberschusses)  gegeben. 

Satz  84  und  85.  Wenn  zwei  Gerade  einen  gegebenen  Raum 
unter  einem  gegebenen  Winkel  einschliessen  und  ihr  Unterschied 
(ihre  Summe)  gegeben  ist,  so  ist  jede  derselben  gegeben. 

Satz  89.  Wenn  in  einem  der  Grösse  nach  gegebenen  Kreise 
eine  der  Grösse  nach  gegebene  Gerade  gegeben  ist,  so  begrenzt  sie 
einen  Abschnitt,  welcher  einen  gegebenen  Winkel  fasst. 

Die  Vergleichung  dieser  Proben  mit  dem,  was  über  Porismen 
gesagt  wurde,  lässt  augenblicklich  die  angekündigte  Formverwandt- 
schaft erkennen.  Auch  hier  schliesst  das  Theorem,  in  dessen  Gewände 
die  Sätze  aufzutreten  pflegen,  ein  künftiges  Problem  ein,  und  die 
Beweisführung  erfolgt  fast  regelmässig  so,  dass  jenes  Problem  gelöst 
wird.  So  ist  in  dem  oben  angeführten  Satz  3.  die  Aufgabe  mit  ein- 
geschlossen, die  Summe  der  gegebenen  Grössen  auch  wirklich  zu 
finden,  und  in  der  That  wird  der  Satz  dadurch  als  richtig  erwiesen, 
dass  man  zwar  nicht  die  Summe  selbst,  denn  dieses  würde  nicht  in 
dem  Charakter  des  Buches  der  Gegebenen  liegen,  aber  eine  der  Summe 
gleiche  Grösse  darstellt.  Aber  auch  dafür  ist  umgekehrt  gesorgt, 
dass  man  nicht  Daten  und  Porismen  ganz  verwechseln  könne.  Da- 
gegen schützt  der  gewaltige  Unterschied  des  Inhaltes,  der  sich  kurz 
dahin  bezeichnen  lässt,  dass  bei  den  Daten  die  Bedingung  der  ver- 
änderlichen Grösse  wegfällt,  welche  zum  eigentlichen  Wesen  des 
Porisma  gehört  und  dessen  wissenschaftliche  Stellung  nach  unseren 
heutigen  Begriffen  zu  einer  weit  höheren  macht  als  die  der  Daten, 
deren  eigentliche  Berechtigung  uns  fast  zweifelhaft  erscheint,  weil  in 
ihnen  im  Grunde  nichts  steht,  was  nicht  schon  in  anderer  Form  und 
anderer  Reihenfolge  in  den  Elementen  steht  oder  wenigstens  stehen 
könnte. 

Die  Data,  kann  man  sagen,  sind  Uebungssätze  zur  Wiederauf- 
frischung der  Elemente;  die  Porismen  sind  Anwendungen  derselben 
von  selbständigem  Werthe.  Der  Stoff,  welcher  dem,  der  die  Daten 
auswendig  weiss,  zu  Gebote  steht,  führt  ihn  doch  nicht  über  die 
Elemente  hinaus;  der  Stoff,  welcher  in  den  Porismen  dem  Gedächt- 
nisse  sich    einprägt,    kommt   in  der  Lehre  von  den  Oerteru,   in  der 


270  13.  Kapitel. 

höheren  Mathematik  der  Griechen,  zur  Geltung.  Daten  kann  es  in 
frühester  Zeit  gegeben-  haben,  Porismen  im  euklidischen  Sinne  erst 
seitdem  der  Ortsbegriff  entstand. 

Die  nahen  Beziehungen  der  Daten  zu  den  Elementen  lassen  sich 
auch  auf  jenem  Gebiete  verfolgen,  welches  ein  gemischtes  ist,  insofern 
dort  Arithmetisches  und  Algebraisches  geometrisch  eingekleidet  er- 
scheinen. Vergleichen  wir  z.  B.  Satz  58.  und  59.  mit  den  Aufgaben 
in  Satz  28.  und  29.  des  VI.  Buches  (S.  252),  so  liegt  die  Wechsel- 
verbindung auf  der  Hand  ^).  Satz  84.  und  85.  lehren  aus  xy  =  V^ 
und  X  -[-  y  =  a  die  Wurzeln  der  beiden  Gleichungen,  oder,  was  auf 
dasselbe  hinausläuft,  die  Wurzel  der  quadratischen  Gleichung  x"  -f-  W 
=  ax  zu  finden^).  Wir  erinnern  dabei  an  den  11.  Satz  des  II,  Buches 
der  Elemente  (S.  250),  in  welchem  die  Gleichung  x^  -\-  ax  =  d" 
erkannt  wurde,  ein  besonderer  Fall  der  Gleichung  x"  -\-  ax  =  V^ 
des  29.  Satzes  des  VI.  Buches.  Wir  erinnern  an  die  Gleichung 
x^  =  ax  -{-  1/  des  28.  Satzes  des  VI.  Buches,  und  haben  jetzt  hier 
in  den  Daten  den  einzigen  noch  übrigen  Fall  x^  -\-  V^  =  ax  der 
quadratischen  Gleichung  mit  lauter  positiven  Gliedern  vor  uns.  Die 
Daten  sind  hier  die  nothwendige  Ergänzung  der  Elemente.  Der 
Schriftsteller,  der  beide  verfasste,  war  im  Besitz  der  Mittel  eine 
Wurzel  jeder  quadratischen  Gleichung,  welche  überhaupt  eine  reelle 
Lösung  zulässt,  zu  finden.  Darf  aber  das  Bewusstsein  hier  eine 
grosse  Gruppe  von  Problemen  vor  sich  zu  haben,  deren  Bedeutung 
nicht  nur  eine  geometrische  ist,  bei  Euklid  vorausgesetzt  werden? 
Die  geometrische  Form,  in  welcher  jene  Aufgaben  bei  Euklid  er- 
scheinen, würde  nicht  genügen,  jedes  algebraische  Bewusstsein  zu 
leugnen,  denn  jene  Form  werden  wir,  als  Ueberbleibsel  alter  Uebüng, 
bei  Schriftstellern  und  in  Zeiten  noch  vorwalten  sehen,  denen  mau 
wohl  eher  umgekehrt  das  geometrische  Bewusstsein  absprechen  darf 
Ist  aber  diese  kleine  Schwierigkeit  aus  dem  Wege  geräumt,  so  nehmen 
wir  keinen  Anstand  die  gestellte  Frage  voll  zu  bejahen.  Euklid  muss 
mit  numerischen  quadratischen  Gleichungen  zu  thun  gehabt  haben, 
denn  nur  daraus  lässt  sich  das  Entstehen  des  X.  Buches  seiner  Ele- 
mente erklären''),  und  das  ist  die  grosse  Bedeutung,  welche  wir 
(S.  254)  eben  diesem  Buche  zum  voraus  beigelegt  haben. 


^)  Matthiessen,  Grundzüge  der  antiken  und  modernen  Algebra  der 
litteralen  Gleichungen  ö.  928  —  929  hat  darauf  hingewiesen.  ^)  Darauf  dürfte 
Chasles,  Apert^u  hisioiique  siir  l'origine  et  le  developpement  des  methodes  en 
grometrie,  2,  Edition.  Paris,  1875,  pag.  11,  Note  2  oder  deutsche  Uebersetzung 
von  Sohncke.  Halle,  18.39,  S.  9,  Anmerkung  11  zuerst  aufmerksam  gemacht 
haben.  Dieses  Werk  heisst  bei  uns  künftig  Chasles,  Aper^'u  Inst.  ^)  Dieser 
feine   und    wichtige   Gedanke    ist    zuerst    ausgesprochen    bei    Zeuthen,    Die 


Die  übrigen  Schriften  des  EuMid.  271 

Wie  verhält  es  sich,  aber  mit  der  Fähigkeit  des  Euklid  auch  solche 
Gleichungen  zu  lösen,  welche  in  durchaus  anderem  Gewände  er- 
scheinen? In  einer  Sammlung  griechischer  Epigramme,  von  welcher  im 
23.  Kapitel  die  Rede  sein  vrird,  kommt  als  euklidisches  Problem 
eines  vor,  welches  in  deutscher  Uebersetzung  folgendermassen  lautet^): 

Esel  und  Maulthier  schritten  einher  beladen  mit  Säcken. 

Unter  dem  Drucke  der  Last  schwer  stöhnt'  und  seufzte  der  Esel. 

Jenes  bemerkt  ea  und  sprach  zu  dem  kummerbeladnen  Gefährten: 

„Alterchen,  sprich,  was  weinst  Du  und  jammerst  schier  wie  ein  Mägdlein? 

Doppelt  so  viel  als  Du  grad'  trüg'  ich,  gäbst  Du  ein  Maass  mir; 

Nähmst  Du  mir  eines,  so  trügen  wir  dann  erst  beide  dasselbe." 

Geometer,  Du  Kundiger,  sprich,  wieviel  sie  getragen. 

Wie  verhält  es  sich  mit  der  Berechtigung  dieser  Aufgabe,  den  ihr 
beigelegten  Namen  zu  führen?  Die  meisten  Schriftsteller  leugnen 
diese  Berechtigung  vollständig.  Jedenfalls  muss  man  zwei  Dinge 
hier  unterscheiden,  ob  Euklid  eine  derartige  Aufgabe  lösen  konnte 
und  ob  er  sie  so,  wie  sie  überliefert  ist,  löste  oder  gar  stellte.  An 
der  Möglichkeit  der  Lösung  wird  man  nicht  zweifeln.  Schon  Thy- 
maridas  hatte  (S.  148)  Gleichungen  ersten  Grades  mit  mehreren 
Unbekannten  von  einer  gewissen  Form  lösen  gelehrt,  und  Euklid 
dürfte,  seiner  Gewohnheit  nach  Alles  an  Linien  versinnlichend,  gesagt 
haben,  wenn  man  die  Last  des  Maulesels  durch  eine  Linie  Ä  dar- 
stellt, so  wird,  wenn  die  Längeneinheit  abgeschnitten  ist,  Ä  —  1  als 
übrige  Last  der  bereits  um  die  Einheit  vergrösserten  Last  des  Esels 
gleich  sein;  die  ursprüngliche  Last  des  Esels  war  also  Ä  —  2,  oder 
um  2  geringer  als  die  des  Maulthiers.  Nimmt  man  zu  Ä  noch  eine 
Längeneinheit  hinzu,  so  ist  J.  -|-  1  doppelt  so  gross  wie  das  um  die 
Einheit  verminderte  A  —  2,  oder  wie  Ä  —  3,  d.  h.  A  -\-  1  und 
2A  —  6  sind  gleiche  Längen;  daraus  folgt  A  -{-  1  =  A  -{-  A  und 
A  ^  1  nebst  A  —  2  =  5.  Solche  Schlüsse,  sagen  wir,  waren  Euklid 
vollständig  angemessen,  und  die  Durchführung  von  Satz  IL  des 
IL  Buches  der  Elemente,  die  wir  (S.  250)  als  Probe  vorgenommen 
haben,  dürfte  jedem  Zweifel  in  dieser  Beziehung  begegnen.  Ein  ganz 
Andres  ist  es,  ob  die  epigrammatische  Form  der  Räthselfrage 
von  Euklid  herstamme.  Aehnliche  Fragen  werden  uns  wiederholt 
begegnen,  theilweise  auch  auf  alte  Quellen  zurückgeführt.     Jedenfalls 


Lehre  von  den  Kegelschnitten  im  Alterthume  (deutsche  Ausgabe  von  R.  von 
F  ischer-Benzon.  Kopenhagen  1886),  S.  24 — 25.  S.  A.  Christensen,  Ueber 
Gleichungen  vierten  Grades  im  X.  Buch  der  Elemente  Euklids.  Zeitschr. 
Math.  Phys.  XXXIV,  Hist.-liter.  Abthlg.  S.  201—207  geht  uns  allerdings 
etwas  zu  weit. 

1)  Vergl.  Nesselmann,  Algebra  der  Griechen  S.  480. 


272  13.  Kapitel. 

dient  die  eine  Aufgabe  der  anderen  zur  Bestätigung,  oder  zur  ver- 
nichtenden Kritik.  .  Ist  die  eine  echt,  dann  kann  auch  die  andere 
echt  sein;  ist  die  eine  verhältnissmässig  späte  Unterschiebung  unter 
den  Namen  eines  Verfassers,  der  weniger  als  Verfasser,  denn  als 
Vertreter  mathematischer  Wissenschaft  gemeint  ist,  so  dass  eukli- 
disches Problem  nur  heissen  soll:  Problem,  wie  es  Euklid  zu  lösen 
im  Stande  war,  dann  dürfte  das  Gleiche  auch  für  die  andere  Auf- 
gabe gelten.  Wir  müssen  uns  enthalten  eine  Entscheidung  zu  treffen, 
zu  welcher  dem  Mathematiker  so  gut  wie  keine  bestimmenden  Gründe 
vorliegen.  Nur  die  vollständige  Verschiedenheit  des  Epigrammes  von 
allen  sonstigen  euklidischen  Schriften  lassen  wir  als  Gegengrund 
gegen  die  Echtheit  nicht  gelten.  Ein  GecHchtchen  ist  nun  einmal 
keine  Abhandlung.  Beide  müssen  von  einander  abweichen,  und  dass 
es  dem  Ernste  des  Mathematikers  nicht  widerspricht,  auch  einmal 
an  die  Scherzform  der  Poesie  sich  zu  wagen,  haben  Beispiele  aller 
Zeiten  bewiesen.  Zudem  würde  dieser  Gegengrund  vollends  schwinden, 
wenn  man  zu  der  eben  durch  ein  Wort  angedeuteten  Auffassung 
sich  bekennen  wollte,  Euklid  habe  die  Aufgabe  nicht  gestellt, 
sondern  gelöst,  und  sie  sei  deshalb  unter  seinem  Namen  bekannt 
geblieben. 

Proklus  berichtet '^)  noch  von  einer  weiteren  geometrischen  Auf- 
gabensammlung, welche  Euklid  verfasste  und  welche  den  Namen 
des  Buches  von  der  Theilung  der  Figuren,  Ttsgl  diaiQtGEcov 
ßißkCov^  führte'^).  Bis  in  die  zweite  Hälfte  des  XVI.  S.  war  diese 
Schrift,  abgesehen  von  den  Auszügen  aus  derselben,  von  denen  man 
nicht  wusste,  dass  sie  daher  stammten,  für  das  Abendland  verschollen. 
Da  fand  John  Dee  um  15G3  eine  arabische  Schrift  gleichen  Titels, 
welche  er,  Aviewohl  Mohammed  Bagdadinus  (so  lautet  der  Name 
in  der  uns  allein  bekannten  latiuisirten  Form)  als  Verfasser  genannt 
war,  für  euklidisch  hielt,  und  deren  lateinische  Uebersetzimg  er  an- 
fertigte, die  alsdann  in  die  Gregory'sche  Euklidausgabe  von  1702 
Aufnahme  fand.  Dee's  Vermuthung  hat  an  Wahrscheinlichkeit  ge- 
wonnen, seit  Woepcke  in  Paris  ein  zweites  arabisches  Bruchstück 
auffand,  welches,  mit  dem  Dee'schen  Manuscripte  wenn  auch  nicht 
wörtlich  doch  dem  Wesen  nach  übereinstimmend,  namentlich  eine 
Lücke  jenes  ersten  Textes  ergänzte.  Proklus  erwähnt  nämlich  aus- 
drücklich Sätze  über  die  Theilung  des  Kreises,  und   diese  fehlten  in 


^)  Proklua  (ed.  Friedlein)  pag.  69  und  144.  ^)  Vergl.  Gregory  in 
der  Vorrede  zu  seiner  Euklidausgabe.  Woepcke  im  Journal  Asiatique  für 
September  und  October  1851  und  ganz  besonders  Ofterdinger,  Beiträge 
zur  Wiederherstellung  der  Schrift  des  Euklid  über  die  Theilung  der  Figuren. 
Uhn,  1853. 


Die  übrigen  Schriften  des  Euklid.  273 

deai  Dee'sclieu ,  fanden  sich  in  dem  WoepcHe'schen  Bruchstücke. 
Nimmt  man  hinzu,  dass  in  letzterem  Euklid  als  Verfasser  gradezu 
genannt  ist,  so  wird  es  fast  zur  Gewissheit,  dass  hier  eine  Bearbeitung 
des  euklidischen  Textes  vorliegt.  Eine  wörtliche  Uebersetzung  anzu- 
nehmen hindern  einige  vorkommende  mathematische  Unrichtigkeiten, 
die  einem  Euklid  nicht  wohl  entstammen  können^).  Einige  Bei- 
spiele der  uns  erhaltenen  Aufgaben  sind  folgende.  Das  Dreieck  wie 
das  Viereck  werden  durch  eine  einer  gegebenen  Graden  parallele  Linie 
nach  gegebenem  Verhältnisse  getheilt.  Für  das  Fünfeck  ist  die  Auf- 
gabe nicht  ganz  so  allgemein  gestellt,  aber  immerhin  wird  die  Thei- 
lung  desselben  nach  gegebenem  Verhältnisse  verlangt,  sei  es  von 
einem  Punkte  einer  Fünfecksseite  aus,  sei  es  durch  eine  zu  einer 
Fünfecksseite  unter  gewissen  Voraussetzungen  parallele  Gerade.  End- 
lich schliesst  die  pariser  Handschrift,  wie  bemerkt,  die  Aufgaben  ein, 
eine  von  einem  Kreisbogen  und  zwei  einen  Winkel  bildenden  Geraden 
gebildete  Figur  durch  eine  Gerade  in  zwei  gleiche  Theile  zu  theilen, 
und  von  einem  gegebenen  Kreise 
einen  bestimmten  Theil  abzu- 
schneiden, Aufgaben,  zu  deren 
Lösung  ein  ziemlicher  Grad  geo- 
metrischer Gewandtheit  erforder- 
lich ist,  wenn  auch  die  Grund- 
lage derselben  durchaus  elemen- 
tarer Natur  bleibt.  Die  Figur 
ABT^  z.  B.  (Figur  43)  wird, 
wenn  E  die  Mitte  der  Sehne  5  z/ 
bezeichnet,  offenbar  durch  die  ge- 
brochene    Linie     AEF     halbirt. 

Wird  alsdann  EZ  parallel  zu  ^JT  gezogen,  so  haben  die  Dreiecke 
AZr  und  AEF  gleichen  Inhalt,  und  mithin  halbirt  auch  die  Gerade 
FZ  unsere  Figur. 

Einige  andere  Schriften  des  Euklid  können  als  die  geistige  Fort- 
setzung seiner  Porismen  betrachtet  werden,  indem  sie  sich  zur 
höheren  Mathematik  ihrer  Zeit  ordnen  lassen:  Vier  Bücher  über  die 
Kegelschnitte  und  zwei  Bücher  über  die  Oerter  auf  der  Ober- 
fläche. Das  letztgenannte  Werk,  die  ronot  ngog  iTticpävstav,  hat 
als  Spur  ausser  seinem  Titel  nur  vier  Lemmen  bei  Pappus  hinter- 
lassen^).    Wenn    man    daher    gemeint    hat,    Euklid    habe    in    diesen 


^)  Das  bemerkte  bereits  Savilius,  Praelectiones  tresdecim  in  principium 
Elementorum  Euclidis.  Oxford,  1621,  pag.  17.  ^)  Pappus  VII  propos.  '235  sqq. 
(ed.  Hultsch)  pag.  1004  sqq. 

Caktok,  Geschichte  der  Mathematik  I.  2.  Aufl.  18 


274  13.  Kapitel. 

Oertern  auf  der  Oberfläche  Umdreliuugs flächen  zweiten  Grades  be- 
handelt^), so  ist  diese  Vermuthung  nur  mit  äusserster  Vorsicht  zu 
wiederholen.  Grössere  Wahrscheinlichkeit  hat  für  uns  die  Auf- 
fassung^), jene  Oerter  beträfen  Curven  auf  Cylinderflächen,  vielleicht 
auch  auf  Kegelflächen. 

Das  Werk  über  die  Kegelschnitte  ist  gleichfalls  bei  Pappus  er- 
wähnt, welcher  sogar  behauptet,  die  vier  ersten  Bücher  des  ApoUonius 
stützten  sich  wesentlich  auf  diese  Vorarbeit  des  Euklid").  Man  wird 
dadurch  leicht  verleitet  den  Inhalt  der  Kegelschnitte  des  Euklid 
einigermassen  zu  überschätzen  und  insbesondere  einen  Zusammenhang 
mit  dem  44.  Satze  des  I.  Buches,  dem  28.  und  29.  Satze  des  VI.  Buches 
der  Elemente  zu  vermuthen,  der  doch  wohl  nicht  stattfindet.  Wir 
haben  diese  Sätze  (S.  249  und  252)  schon  erwähnt,  wir  haben  vorher 
(S.  160)  angekündigt,  wir  würden  bei  Gelegenheit  der  euklidischen 
Geometrie  auf  die  Wörter  Parabel,  Ellipse,  Hyperbel  und  deren 
Bedeutung  eingehen,  wir  müssen  jetzt  diese  Zusage  einlösen.  Wir 
nehmen  dabei  zur  grösseren  Einfachheit  der  Betrachtung  an,  dass 
die  Parallelogramme,  von  welchen  in  jenen  drei  Sätzen  der  Elemente 

die    Rede    ist,    immer    Rechtecke    seien: 
"^  bei     schiefwinkligen     Parallelogrammen 

wird  die  Behandlung  jener  Aufgaben 
langwieriger,  aber  keineswegs  wesentlich 
schwieriger. 

Es  sei  (Figur  44)  AB=p  eine 
gegebene  Länge  senkrecht  zu  A^El  auf- 
getragen; ist  nun  ferner  AT  gegeben,  so 


ffibt  es  immer  einen  einzigen  Punkt  z/ 


welcher  zur  Bildung  des  Rechteckes  ABZA  führt,  das  einen  be- 
kannten Flächenraum,  nämlich  den  des  Quadrates  über  AT,  oder 
über  der  der  AT  gleichen  AE,  besitzt.  Wählt  man  umgekehrt  bei 
bekanntem  AB  =j)  auf  der  Geraden  A%  einen  beliebigen  Punkt  z/, 
so  gibt  es  senkrecht  über  und  unter  A  die  Punkte  E,  E',  welche 
das  Quadrat  von  AE  {A  E')  dem  Rechtecke  aus  p  und  AA  gleich 
werden  lassen.  Werden  verschiedene  Punkte  A  gewählt,  so  nimmt 
auch  E  verschiedene  Lagen  an,  aber  immer  ist  das  an  AB  angelegte, 
nagaßaXXofxsvov ,  Rechteck  dem  Quadrate  über  AE  genau  gleich. 
Nennen  wir  nach  heutigem  Brauche  AA  =  x,  AE  =  y,  so  spricht 
sich  die  letzte  Bemerkung  symbolisch  y^  =  px  aus,  d.  h.  der  geo- 
metrische Ort  von  E,  wenn  wir  einen  solchen  durch  das  Fortrücken 
von  A  auf  A!^  erzeugt  denken,  ist  eine  Parabel. 

')Cha8les,    AperQU    hist.    273.     (Deutsch:    272.)       ^j  ygii^erg,    Euklid- 
studien    S.    81  —  83,     ")  Pappus  VII  Prooemium  (ed.  Hultsch)  pag.  G72. 


Die  übrigen  Schriften  des  Euklid. 


275 


Fig.  45. 


Ausser  dem  AB  =p  sei  (Figur  45)  auf  der  dazu  senkrechten 
A^  ein  Stück  AA  =  a  bekannt,  so  ist  ABKA  ein  durchaus  ge- 
gebenes Rechteck,  welchem  jedes  andere  Rechteck  ähnlich  ist,  dessen 
B  scegenüberliegende  Winkel- 
spitze  H  auf  der  Diagonale 
B  A  des  erstgenannten  Recht- 
ecks sich  befindet.  Ist  nun 
wieder  ein  Flächenraum  — 
das  Quadrat  über  AT  oder 
^E  —  gegeben,  so  wird  es 
einen  einzigen  Funkt  H  der 
BA  geben,  mit  dessen  Hilfe 
das  Rechteck  A/1H&  gleich 
jenem  Flächenraum  wird , 
oder  mit,  anderen  Worten,  welcher  es  möglich  macht,  dass  das  an 
AB  angelegte  Rechteck  ausser  dem  Theile  A®  von  AB,  welchen 
es  mit  dem  dem  Quadrate  von  AT  gleichen  Flächenraume  in  An- 
spruch nimmt,  noch  ein  Stückchen  &B  übrig  lässt,  iHsiTtsi,  über 
welchem  das  dem  Rechtecke  ABKA  ähnliche  kleine  Rechteck  &BZH 
steht.  Denken  wir  uns  auch  hier  die  Aufgabe  umgekehrt,  so  wird 
zu  jedem  Punkte  z/  ein  Punkt  E  senkrecht  über  ihm,  ein  Punkt  E' 
senkrecht  unter  ihm  gefunden  werden  können,  so  dass  das  Quadrat 
von  ^E  dem  jetzt  bekannten  Rechtecke  A^H&,  dessen  Eckpunkt 
//  auf  der  Diagonale  B  A  des  vollständig  gegebenen  Rechtecks  ABKA 
sich  befindet,  gleich  sei.  Auch  hier  ist  der  symbolische  Ausdruck 
übersichtlicher.  Ist  nämlich  ®B  =  a  p,  wo  a  eine  Zahl  bedeutet, 
so  muss  &H  =  a  ■  a  sein,  und 
die  Fläche  &  BZ  H  ist  =  a^  ■  ap. 
Mit  Hilfe  von  A^=x,  zJE  =  y 
werden  wir  also  schreiben  y'^  = 
px  —  a-  ■  o.p,  d.  h.  der  geome- 
trische Ort  von  £,  wenn  wir  einen 
solchen  durch  das  Wechseln  der 
Lage  von  A  erzeugt  denken,  ist 
eine  Ellipse. 

Entsprechen  (Figur  46)  die 
griechischen  sowohl  als  die  latei- 
nischen Buchstaben  denen  des 
vorigen  Falles  mit  dem  Unter- 
schiede, dass  AA=  a  jetzt  auf 
der  jenseitigen  Verlängerung  von  AlEl  aufgetragen,  im  üebrigen  aber 
der  Punkt  H  wieder  so   gewählt    wird,    dass  er  auf  der  verlängerten 

18* 


\ 

^                                   Ä 

S. 

B 

Fig.  46. 


276  13.  Kapitel. 

Diagonale  Jß  des  Rechtecks  ABKA  aus  den  Seiten  a  und  p  liegt 
dass  also  die  Reclitecke  ABKA  und  &BZH  einander  ähnlich  sind, 
und  das  Reckteck  AAH&  denselben  Flächenrauni  besitzt,  wie  das 
Quadrat  über  AT  oder  AE,  so  ist  dabei  die  Forderung  erfüllt,  dass 
das  an  AB  angelegte  Rechteck,  um  den  ihm  zuge\viesenen  Flächen- 
raum zu  erlangen,  über  AB  hinausreicht,  viCEQßaXlEi,  und  zwar  mit 
einem  dem  gegebenen  Rechtecke  ABKA  ähnlichen  Rechtecke.  Es  ist 
fast  überflüssig  aufs  Neue  hervorzuheben,  dass  man  auch  diese  Aufgabe 
so  umzukehren  im  Stande  ist,  dass  nicht  mehr  H  sondern  E,  be- 
ziehungsweise E',  gesucht  werden  und  die  Gleichung  tf  =px-{-cr-ap 
sich  erfüllen  soll.  Der  geometrische  Ort  von  E,  wenn  wir  einen  solchen 
durch  Wechsel  der  Lage  von  A  erzeugt  denken,  ist  eine  Hyperbel. 

Die  Dinge,  welche  wir  hier  auseinandergesetzt  haben,  lassen  sich 
in  grösster  Kürze  in  die  jetzt  verständliche  Ausdrucksweise  zusammen- 
fassen, dass  es  drei  geometrische  Aufgaben  der  Flächenanlegung 
gebe,  sämmthch  pythagoräischen  Ursprunges,  sämmtlich  in  Euklids 
Elementen  aufbewahrt,  bei  deren  Ausspruch  die  drei  Zeitwörter  vor- 
kommen, welche  den  Namen  der  Parabel,  Ellipse,  Hyperbel  zu 
Grunde  liegen.  Bei  Umkehrung  dieser  Aufgaben,  eine  Umkehrung 
aber,  welche  in  den  euklidischen  Elementen  nicht  vorkommt,  würden 
als  geometrische  Oerter  eben  jene  Curven  entstehen  müssen. 

Jetzt  sind  wir  im  Stande  die  Fragen  genauer  zu  stellen,  um 
deren  Beantwortung  willen  wir  grade  hier  auf  die  Aufgaben  pytha- 
goräischer  Flächenanlegung  näher  einzugehen  veranlasst  waren.  Hat 
Euklid,  von  dem  wir  wissen,  dass  er  über  Kegelschnitte  schrieb,  die 
Umkehrung  jener  Aufgaben,  für  die  der  Natur  der  in  ihnen  vorkom- 
menden Curven  nach  in  den  Elementen  kein  Platz  war,  überhaupt 
gekannt?  Haben  schon  vor  Euklid  die  Pythagoräer  das  Auftreten 
dieser  Curven  und  ihre  Eigenschaften  bemerkt,  die  freilich  nicht 
in  Form  der  drei  Gleichungen,  deren  wir  uns  bedienten,  um  kürzer 
sein  zu  dürfen,  aber  in  einem  geometrischen  Wortlaute  sehr  wohl 
von  einem  Griechen  verstanden  werden  konnten?  Hat  Euklid  erkannt, 
dass  diese  in  der  Ebene  erzeugten  Curven  dieselben  seien,  welche 
auf  dem  Mantel  geschnittener  Kegel  entstehen? 

Man  hat  diese  Fragen  verschiedentlich  beantwortet^).  Uns 
scheinen  sie  insgesammt  verneint  werden  zu  müssen.  Um  mit  der 
letzten  anzufangen,  so  hat  Euklid  die  Identification  der  Curven  von 
den  genannten  Eigenschaften,   die  sich  auf  Flächenanlegung  bezogen, 

')  Für  die  Bejahung  Arneth,  Geschichte  der  reinen  Mathematik  (Stutt- 
gart, 1862)  S.  92—93,  an  dessen  Darstellung  wir  uns  hier  vielfach  anlehnten 
ohne  seine  Folgerungen  zu  theilen  und  ganz  besonders  Zeuthen,  Die  Lehre 
von  den  Kegelschnitten  im  Alterthum. 


Die  übrigen  Schriften  des  Euklid.  277 

mit  Kegelsclinitten  keinesfalls  gekannt,  weil  nach  des  Pappus  aus- 
drückliclieni  Zeugnisse  Apollonius  erst  diese  doppelte  Entstelmngs- 
weise  entdeckte^).  Die  Bekanntschaft  der  Pythagoräer  mit  jenen 
Curven  werden  wir  gleichfalls  leugnen  dürfen,  wenn  wir  nur  zu  be- 
gründen vermögen,  dass  auch  die  erste  Frage  nicht  zu  bejahen  ist, 
dass  vielmehr  Euklid,  als  er  die  Elemente  schrieb,  von  jener  Um- 
kehr, von  den  dabei  entstehenden  krummen  Linien,  ganz  abgesehen 
von  ihrer  Uebereinstimmung  mit  Kegelschnitten,  nichts  wusste.  Das 
scheint  uns  daraus  zu  schliessen  gestattet,  weil  er  sonst  in  den  Ele- 
menten die  drei  Aufgaben,  welche  schon  um  ihres  gemeinsamen  Ur- 
sprungs bei  den  Pythagoräern  willen  bis  zu  einem  gewissen  Grade 
zusammengehörten,  wenn  sie  eine  weitere  Zusammengehörigkeit  da- 
durch an  den  Tag  gelegt  hätten,  dass  sie  alle  drei  zu  eigenthümlichen 
Curven  führten,  muthmasslich  nicht  getrennt  hätte. 

Es  ist  wohl  richtig,  dass  die  Sätze  28.  und  29.  des  VI.  Buches 
erst  behandelt  werden  konnten,  wo  der  Begriff  der  Aehnlichkeit  be- 
kannt war;  es  ist  eben  so  richtig,  dass  Satz  44.  des  I.  Buches  schon 
vor  dem  VI.  Buche  Verwerthung  fand;  aber  Euklid  war  nicht  der 
Mann,  dem  eine  kleine  Umformung  dieses  44.  Satzes  des  I.  Buches 
sonderliche  Mühe  verursacht  hätte,  so  dass  er  den  Sinn  desselben  in 
anderem  Wortlaute  im  VI.  Buche  neuerdings  neben  den  verwandten 
Aufgaben  wiederholen  konnte,  wie  er  es  mit  dem  goldenen  Schnitte 
gemacht  hat,  von  dem  bei  der  Uebersicht  der  Elemente  die  Rede 
war.  Euklid  lehrte  ihn  als  11.  Satz  des  IL  Buches;  er  wandte  ihn 
im  10.  Satze  des  IV.  Buches  an;  er  brachte  ihn  um  des  Zusammen- 
hanges willen  im  1.  Satze  des  XIII.  Buches  in  anderer  Form  noch 
einmal.  Das  Gleiche  wäre  für  Satz  44.  des  I.  Buches  zu  erwarten, 
wenn  der  Verfasser  der  Elemente  die  Parabel,  die  Ellipse,  die  Hyperbel 
als  Curven  in  der  Ebene  gekannt  hätte.  Dass  sie  als  solche  auch  in 
den  euklidischen  Büchern  von  den  Kegelschnitten  nicht  vorkommen 
konnten,  ist  durch  den  Titel  jener  Bücher  festgestellt,  und  so  scheint 
unser  nach  allen  Seiten  verneinendes  Urtheil  auf  ziemlich  sicheren 
Füssen  zu  ruhen. 

Wenn  wir  so  ausgeschlossen  haben,  was  in  den  vier  Büchern  der 
Kegelschnitte  nach  unserem  Dafürhalten  nicht  gestanden  haben  kann, 
so  wissen  wir  doch  von  mancherlei  Dingen,  die  dort  ihren  Platz 
finden  mussten.  Vor  Allem  werden  dort  diejenigen  Dinge  gestanden 
haben,  welche  Menächmus  schon  kannte,  insbesondere  werden  die 
Asymptoten  vorgekommen  sein,  mit  deren  Eigenschaften  Menächmus 
vertraut  war.     Vorgekommen    wird    auch    sein,    was   in    einer   Stelle 


')  Pappus,  VII  Prooemium  (ed.  Hui t seh)  674. 


278  •  13.  Kapitel. 

der  Phaenomena  wiederholt  ist,  dass  der  Schnitt,  welcher  einen 
Kegel  oder  einen  Cylinder  nicht  parallel  zur  Basis  Qitj  naga  rriv 
ßdöiv)  treffe,  der  Schnitt  eines  spitzwinkligen  Kegels  (vergl.  S.  232) 
sei,  welcher  einem  länglichen  Schilde,  Thyreo s  gleiche.  Offenbar 
ist  dieser  Satz  richtig  für  den  Cylinderschnitt,  nur  bedingt  richtig 
für  den  des  Kegels,  wenn  nämlich  der  Schnitt  beide  Kegelseiten 
trifft.  Die  Vermuthung,  Thyreos  sei  der  älteste  Name  der  Ellipse 
gewesen,  wiederholen  wir  mit  allem  Vorbehalte^).  Ob  AnAvendungen 
der  Kegelschnitte  auf  die  Verdoppelung  des  Würfels  bei  Euklid  ge- 
lehrt wurden,  ist  fraglich.  Es  wäre  auffallend,  wenn  er  an  so  wich- 
tigen älteren  Dingen  vorübergegangen  wäre;  es  wäre  auffallender, 
wenn  er  sich  dabei  aufhielt  mid  weder  Eratosthenes  noch  Eutokius 
in  ihrem  historischen  Berichte  über  das  delische  Problem  den  Namen 
des  Euklid  genannt  hätten;  von  der  auffallendsten  Erscheinung  zu 
schweigen,  die  darin  wieder  bestände,  wenn  Euklid  sich  keiner  ein- 
zigen der  antiken  höheren  Aufgaben  zugewandt  hätte,  er  der  mitten 
in  seiner  Zeit  lebend  wie  kaum  je  ein  anderer  ihre  Gesammtergeb- 
nisse  in  sich  vereinigte. 

Wir  haben  eine  einzelne  Stelle  der  Phaenomena^),  einer  astro- 
nomischen Schrift  Euklids  angeführt.  Wichtiger  ist  diese  Schrift 
noch  dadurch,  dass  in  ihr  Sätze  über  die  Kugellehre,  die  sogenannte 
Sphärik,  gesammelt  sind,  welche  zeigen,  welchen  Grad  der  Ent- 
wicklung dieser  Theil  der  Stereometrie  damals  schon  erreicht  hatte. 
Euklid  weiss,  dass  jede  Ebene  die  Kugel  in  einem  Kreise  schneidet. 
Er  weiss,  was  allerdings  auch  ein  kurz  vor  ihm  lebender  Astronom, 
Autolykus  von  Pitane^),  schon  ähnlich  aussprach,  dass  Kugel- 
kreise, die  sich  halbiren,  grösste  Kreise  sind.  Er  kennt  Eigenschaften 
von  Kreisen,  welche  durch  die  Pole  von  anderen  hindurchgehen.  Er 
weiss,  dass,  wenn  ein  grösster  Kugelkreis  zwei  gleiche  Parallelkreise 
schief  schneidet,  die  Abschnitte  der  letzteren  in  umgekehrter  Ordnung 
einander  gleich  sind  u.  s.  w.  Die  Frage  ist  von  grossem  Belaug, 
woher  diese  Kenntnisse  des  Autolykus,  des  Euklid  stammen  mögen? 
Man  hat  die  Vermuthung  gewagt"^),  bedeutende  Anfänge  einer  Sphärik 

')  Sie  rührt  von  Heiberg  her,  welcher  auch  auf  die  wichtige  Stelle  der 
Phaenomena  zuerst  aufmerk^sam  machte.  Vergl.  Heiberg,  Euklidstudien  S.  88. 
*)  Die  Phaenomena  sind  griechisch  herausgegeben  von  Gregory  in  seiner 
Euklidausgabe,  deutsch  von  A.  Nokk  in  einer  Freiburger  Programmbeilage  von 
1850.  Ueber  die  Echtheit  der  Phaenomena  vergl.  insbesondere  A.  Nokk  in 
seiner  Bruchsaler  Programmbeilage  von  1847  Ueber  die  Sphärik  des  Theodosius 
S.  17  flg.  Neueste  Untersuchungen  in  Heibergs  Euklidstudien.  ^)  Die 
erhaltenen  Schriften  des  Autolykus  hat  Fr.  Ilultsch  herausgegeben. 
Leipzig,  1885.  ■*)  Hultsch  in  der  Vorrede  zu  Autolykus  pag.  XII  mit  Berufung 
auf  Heiberg  und  P.  Tannery. 


Die  übrigen  Schriften  des  Euklid. 


279 


gingen  bis  auf  Eudoxiis  zurück.  Wir  wollen  keinen  Widerspruch 
erheben,  bemerken  aber,  dass  eigentliche  Beweisgründe  für  diese  Ver- 
muthung  nicht  vorhanden  sind. 

Von  dem  Gegensatze,  welcher  für  die  Griechen  zwischen  Geo- 
metrie und  Geodäsie  obwaltet,  war  (S.  239  und  257)  die  Rede.  In 
Dikaearch  haben  wir  (S.  243),  mag  er  von  der  Dioptra  Gebrauch 
gemacht  haben  oder  nicht,  einen  wirklichen  Geodäten  kennen  gelernt. 
Auch  von  Euklid  ist  uns  Feldmesserisches  in  einer  sogenannten 
Optik^)  erhalten,  und  über  die  vier  Kapitel  19,  20,  21,  22,  welche 
dadurch  von  hohem  Interesse  geworden  sind,  müssen  wir  berichten. 
Im  19.  Kapitel  ist  die  Höhemessung  mittels  des  Schattens  gelehrt, 
welche  wir  (S.  128)  als  die  des  Thaies  beschrieben  haben.  Im 
20.  Kapitel  wird  (Figur  47)  zur  Messung   der  Höhe   JB  ein  Spiegel 


Mg.  47. 


Fig.  18. 


^Z  benutzt,    der  auf  der  Erde   liegt.     Der  Messende  sieht,   wenn  F 

sein  Auge  ist,  den  Höhepunkt  A  in  i/;   wird  sodann  &H,  BH,  ©F 

gemessen,  so  lässt  AB  vermöge  der  Aehnlichkeit  der  Dreiecke  ABH 

und  F&H  sich  leicht  berechnen.     Aehnlichkeit  von  Dreiecken  führt 

im  21.  Kapitel  zur  Messung  einer  Tiefe  JzJ,  indem   (Figur  48)    der 

Messende  so  weit  sich  entfernt,  dass  sein  Auge 

E    den    Tiefpunkt    zl    an    dem    Rande    B    des 

Brunnens,    oder  was  es  nun  sein  mag,    vorüber 

erblickt.     Endlich  wird  wieder  mittels  Dreiecks- 

ähnliclikeit  im  22.  Kapitel  eine  entfernte  Länge 

gemessen    (Figur   49).     Die    z/JS   wird    der   zu 

messenden  AB  parallel  gezogen  (vielleicht  auch    J' 

vor  die  Augen  gehalten'?),    so  dass    FzIA    und 

FEB  Sehstrahlen  sind,   welche  in  A  imd  B   eintreffen.     Alsdann  ist 

FA:FA  =  AE:AB. 

Damit  sind  die  hier  zu  behandelnden  Schriften  des  Euklid  er- 
schöpft. Wohl  sind  noch  andere  ihm  zugeschriebene  Bücher  über 
Musik  und  ein  kleines  Bruchstück  mechanischen  Inhaltes  vorhanden; 
wohl  tragen  diese  Bücher  im  Ganzen  einen   geometrischen  Stempel; 


Fig.  49. 


^)  Der  griechische  Text  abgedruckt  in  Heibergs  Euklidstudien  S.  100 
bis  102,  eine  deutsche  Ueberarbeitung  bei  H.  Weissenborn,  Gerbert.  Berlin, 
1888.  S.  96—98. 


280  !*•  Kapitel. 

aber  sie  gehören  doch  allzuwenig  in  das  Bereich  unserer  Unter- 
suchungen, als  dass  sie  die  Entwicklung  der  Mathematik,  als  dass 
sie  nur  den  Grad  unserer  Werthschätzuug  ihres  wirklichen  oder  ver- 
meintlichen Verfassers  beeinflussen  könnten.  Wir  entschlagen  uns 
daher  gern  bei  schweigendem  Vorübergehen  der  Nothwendigkeit, 
wieder  mit  so  feinen  und  schwierig  zu  entscheidenden  Streitfragen 
der  Echtheit  oder  Unechtheit  uns  beschäftigen  zu  müssen. 


14.  Kapitel. 
Arcliimedes  und  dessen  geometrische  Leistungen. 

Wir  stehen  au  der  Schilderung  des  Schriftstellers,  welcher  der 
Zeit  nach  immittelbar  auf  Euklid  folgt,  dem  Gehalte  nach  dagegen 
Allen  den  Vorrang  abgewann,  die  im  Alterthum  mit  Mathematik  sich 
beschäftigt  haben.  Wir  brauchen  nach  dieser  in  wenigen  Worten 
enthaltenen  Würdigung  wohl  kaum  zu  sagen,  wen  wir  meinen.  Archi- 
medes  ist  einer  der  wenigen  Mathematiker  des  Alterthums,  welchen 
die  Nachwelt  zu  allen  Zeiten  nach  Gebühr  ihre  dankbare  Erinnerung 
zuwandte.  Er  hat  sogar  einen  eigenen  Biographen  in  Heraklides 
gefunden ,  einem  Schriftsteller  von  nicht  näher  zu  bestimmender 
Lebenszeit,  als  dass  er  jedenfalls  vor  das  VL  S.  zu  setzen  ist,  da 
Eutokios  aus  ihm  geschöpft  hat^),  es  sei  denn,  man  wolle  in  Hera- 
klides einen  Freund  des  Arcliimedes  wiedererkennen,  der  diesen  Namen 
führte,  und  von  welchem  in  dem  Buche  über  Schneckenlinien  wieder- 
holt die  Rede  ist"^).  Sei  dem,  wie  es  wolle;  das  vermuthlich  wichtige 
Quellenwerk  über  das  Leben  des  Archimedes  ist  uns  verloren,  und 
so  muss,  was  über  seine  persönlichen  Verhältnisse  zu  sagen  ist? 
aus  den  verschiedensten  Schriftstellern  zusammengesucht  werden^). 
Archimed  wurde  in  Syrakus  wahrscheinlich  287  v.  Chr.  geboren. 
Eine  Stelle  aus  einer  Schrift  des  Archimedes  0sidia  ds  tov  'Axovjia- 
TQog^),  der  man  keinen  guten  Sinn  abgewinnen  konnte,  und  die  man 
deshalb   für  verderbt  hält,    hat  zur  Vermuthung^)  geführt,    es  habe 


')  Archimedes  (ed.  Heiberg)  III,  266  citirt  Eutokius:  'HQayilstSr]g  iv 
TW  'jQxcfti^Sovg  ßLw.  -)  Archimedes  (ed.  Heiberg)  II,  2  und  6.  ^)  Die  Haupt- 
quellen sind  Plutarch  (vita  Marcelli),  Livius  XXV,  Cicero  (Tusculan. 
und  Verrin.),  Diodor,  Silius  Italiens,  Valerius  Maximus,  Tzetzes- 
Die  neuesten  Zusammenstellungen  in  Bunte,  Ueber  Archimedes  (Programm  der 
Realschule  zu  Leer,  Ostern  1877)  und  in  der  Koppenhagner  Doctordissertation 
von  1879:  J.  L.  Heiberg,  Quaestiones  Archimedeae.  *)  Archimedes 
(ed.  Heiberg)  II,  248  lin.  8.  ^)  F.  Blass  in  den  Astronomischen  Nachrichten 
CIV,  255. 


ArcMmedes  und  dessen  geometrische  Leistungen.  281 

ursprünglich  0sidia  tov  a^ov  TtatQog  geheissen,  und  der  Name  von 
Archimedes  Vater  sei  demnach  Pheidias  gewesen,  derselbe  habe 
sich  überdies  als  Astronom  verdient  gemacht.  Allerdings  ist  damit 
der  Zweifel  nicht  gehoben,  ob  Archimed,  wie  eine  Nachricht  meldet, 
dem  Könige  Hieron  verwandt,  ob  er,  nach  einer  anderen  Nachricht, 
von  niederer  Geburt  war.  Sein  nahes  fast  freundschaftliches  Ver- 
hältniss  zu  dem  Könige  steht  jedenfalls  ausser  Zweifel.  Wer  die 
Lehrer  des  Archimed  gewesen  sind,  ist  nicht  bekannt.  So  viel  gibt 
Diodor  an^),  und  ein  unbekannter  arabischer  Schriftsteller  bestätigt 
es,  dass  er  in  Aegypten  war,  er  wird  daher  jedenfalls  zu  den  Alexan- 
drinern in  Beziehung  getreten  sein.  Auch  von  einem  Aufenthalte 
Archimeds  in  Spanien  wird  erzählt.  Nach  Syrakus  zurückgekehrt 
lebte  er  dort  der  Wissenschaft,  deren  praktische  Anwendung  er  jedoch 
so  Avenig  verschmähte,  dass  grade  seine  Leistungen  in  der  Mechanik 
zu  denen  gehören,  welche  ihn  am  berühmtesten  gemacht  haben.  Vor 
Allem  waren  die  Dienste,  die  er  seiner  Vaterstadt  Syrakus  im  Kriege 
gegen    Rom    leistete,    geeignet,    seinem   Namen    Glanz    zu    verleihen. 

O     O  7       0  0/ 

Die  Bemühungen  des  Archimed  waren  es  ganz  allein,  so  erzählt 
Livius,  welche  die  Angriife  des  Marcellus  auf  die  belagerte  Stadt 
durch  zwei  Jahre  vereitelten.  Nur  durch  eine  Ueberrumpelung  von 
der  Landseite  aus  gelang  es  212  v.  Chr.  Syrakus  zu  nehmen,  und 
bei  dieser  Gelegenheit  starb  Archimed  im  Alter  von  75  Jahren^), 
ein  Opfer  der  Eohheit  eines  römischen  Soldaten,  welcher  ihn  nieder- 
machte, während  er  des  Tumultes  nicht  achtend  seine  geometrischen 
Figuren  in  den  Sand  zeichnete.  Ob  er  dabei  die  Worte  aussprach: 
jiciQo.  üEtpaXav  xat  ju?j  naQa  ygapL^äv,  jener  möge  lieber  den  Kopf 
als  die  Linien  ihm  verletzen,  oder  nur  um  Schonung  seiner  Figuren 
bat,  ccTioöTri'&L,  co  ävd-Qons,  to-O  diccyQd^^arog  fiov,  wie  ein  anderer 
Berichterstatter  in  jedenfalls  unrichtigem  Dialekte  ihn  ausrufen  lässt^), 
ist  ziemlich  gleichgiltig.  Marcellus,  der  römische  Feldherr,  empfand 
grosse  Trauer  über  den  Tod  des  berühmten  Gegners  und  liess  ihm 
ein  Grabmal  setzen  mit  einer  mathematischen  Figur  als  Inschrift,  wie 
jener  es  einst  selbst  angeordnet  hatte.  Das  Grabmal  scheint  indessen 
von  Archimeds  Landsleuten  schmählich  vernachlässigt  worden  zu 
sein,  da  Cicero,  der  es  bei  seinem  Aufenthalte  in  Syrakus,  wo  er 
75  V.  Chr.  als  Quästor  von  Sicilien  verweilte,  aufsuchte,  es  nur  mit 
Mühe  unter  dem  überwuchernden  Gestrüppe  entdeckte  und  an  der 
Inschrift   erkannte.     Es   liess  es   darauf   auf's  Neue  in  Stand    setzen. 


^)  Diodor  V,  37.  -)  Nach  Tzetzes.  Auf  dieser  Angabe  beruht  die 
Berechnung  seines  Geburtsjahres.  ^)  Die  erste  Redensart  nach  Zonaras,  die 
zweite  nach  Tzetzes. 


282  14.  Kapitel. 

Die  Schriften  Arcliimeds  ^)  sind  nur  zum  Theil  auf  ims  ge- 
kommen und  zudem  niclit  alle  im  reinen  unverderbten  griecliisclien 
Grundtexte.  Die  besterhaltenen  tragen  als  besonderes  Kennzeichen 
noch  an  sich,  dass  sie  im  dorischen  Dialekte  abgefasst  sind,  wodurch 
sie  auch  sprachliche  Wichtigkeit  besitzen.  Durch  Vergleichung  der 
Persönlichkeiten,  welche  in  den  einzelnen  Schriften  des  Archimed 
genannt  sind,  nämlich  des  Konon,  des  Zeuxippus,  des  Dositheus, 
des  Königs  Gelon,  durch  fernere  Vergleichung  der  nicht  allzuseltenen 
Benutzung  in  späteren  Schriften  von  Sätzen,  welche  in  früheren  be- 
wiesen worden  waren,  ist  es  gelungen  folgende  wahrscheinlich  zu- 
treffende Anordnung  der  vorhandenen  archimedischen  Schriften  nach 
ihrer  Entstehuugszeit  zu  erhalten:  1.  Zwei  Bücher  vom  Gleichgewichte 
der  Ebenen,  zwischen  welche  eine  Abhandlung  über  die  Quadratur 
der  Parabel  mitten  eingeschoben  ist.  2.  Zwei  Bücher  von  der  Kugel 
und  von  dem  Cylinder.  3.  Die  Kreismessung.  4.  Die  Schnecken- 
linien oder  Spiralen.  5.  Das  Buch  von  den  Konoiden  und  Sphäroiden. 
G.  Die  Sandeszahl.  7.  Zwei  Bücher  von  den  schwimmenden  Körpern. 
8.  Wahlsätze. 

Es  will  nicht  gut  angehen  wieder,  wie  wir  es  bei  Euklid  gethan 
haben,  den  Inhalt  dieser  Schriften  einzeln  und  der  Reihe  nach  durch- 
zusprechen. Dass  einer  solchen  Darstellung  nothwendigerweise  die 
Uebersichtlichkeit  abgeht",  wird  der  Leser  grade  in  den  Euklid  ge- 
widmeten Kapiteln  bemerkt  haben.  Dort  mussten  wir  aber  diese 
sonst  wesentliche  Bedingung  opfern,  weil  es  darauf  ankam  zu  zeigen, 
was  alles  unter  dem  Namen  Elemente  der  Geometrie  einbegriffen  wurde. 
Eine  ähnliche  Nothwendigkeit  wird  uns  im  18.  und  19.  Kapitel  noch 
zwingen,  die  für  uns  vielfach  unzusammenhängenden  Gegenstände, 
die  Herons  grosses  feldmesserisches  Werk  behandelte,  einzeln  zu 
nennen.  Archimed  aber  hat  kein  uns  erhaltenes  Sammelwerk  ge- 
schrieben. Er  verfasste  vorwiegend  einzelne  Abhandlungen,  in  denen 
er  zumeist  Neues,  von  ihm  selbst  Erdachtes  mittheilte,  und  da  wird 
es  für  die  Würdigung  der  Grösse  der  Entdeckungen  sich  als  zweck- 
mässiger empfehlen,  die  Gegenstände  aus  den  einzelnen  Abhand- 
lungen herauszureissen  und  nach  ihrem  Inhalte  zu  neuen  Gruppen 
zu  vereinigen.  Wir  werden  zu  reden  haben  von  den  Entdeckungen 
Archimeds  in  der  Geometrie  der  Ebene  und  des  Raumes,  in  der 
Algebra  und  Arithmetik,   endlich   im   Zahlcnrechuen,  wobei  wir  des 


')  Die  beste  ältere  Ausgabe  des  Textes  und  des  Commentars  von  Eutokius 
von  Askalon,  so  viel  davon  vorhanden  ist,  war  die  von  Torelli.  Oxford,  1792. 
Sie  wurde  weit  überholt  durch  die  Ausgabe  von  Heiberg  in  3  Duodezbänden, 
Leipzig,  1880 — 81.    Die  beste  deutsche  Uebersetzung  von  Nizze,     Sti-alsund,  1824. 


Archimedes  und  dessen  geomctrisclie  Leistungen.  283 

griechischen  Zahlenrechnens  überhaupt  gedenken  müssen,  wir  werden 
auch  nicht  umhin  können,  seine  mechanischen  Leistungen  in's  Auge 
zu  fassen. 

Vielleicht  beginnen  wir  am  besten  mit  einem  geometrischen 
Spielwerke.  Ein  Metriker  aus  dem  Jahre  500  etwa,  Atilius  Portu- 
natianus,  erzählt^)  von  dem  loculus  Archimedius.  Ein  elfen- 
beinernes Quadrat  war  in  14  Stücke  von  verschiedener  vieleckiger 
Gestalt  zerschnitten,  und  es  handelte  sich  darum  aus  diesen  Stücken 
das  ursprüngliche  Quadrat,  aber  auch  sonst  beliebige  Figuren  zu- 
sammenzulegen. Es  bleibe  dahingestellt,  ob  Archimed  wirklich  selbst 
dieses  Spiel  erdachte,  oder  ob  man  nur  als  archimedisch,  d.  h.  als 
sehr  schwierig  bezeichnen  wollte,  die  einzelnen  Gestaltungen  her- 
zustellen. 

Als  archimedisch  wird  auch  häufig  die  Definition  genannt,  die 
Gerade  sei  die  kürzeste  Entfernung  zweier  Punkte.  Diese 
Behauptung  ist  richtig  und  unrichtig,  je  nachdem. man  den  Nach- 
druck auf  den  Wortlaut  des  Satzes  oder  auf  seine  Eigenschaft  als 
Definition  legt.  Archimed  benutzt  den  Satz  allerdings  in  seinen 
Büchern  über  Kugel  und  Cylinder,  aber  er  beabsichtigt  keineswegs 
durch  ihn  die  Gerade  zu  erklären.  Er  nehme  an,  sagt  er  vielmehr 
ausdrücklich"-),  von  den  Linien,  welche  einerlei  Endpunkte  haben,  sei 
die  grade  Linie  die  kürzeste;  er  nehme  ferner  an,  von  Linien  in  einer 
Ebene,  die  mit  einerlei  Endpunkten  versehen  nach  einer  Seite  hin 
hohl  seien,  müsse  die  umschlossene  die  kürzere  sein. 

Als  geometrisch  interessant  bieten  sich  uns  femer  einige  Wahl- 
sätze. Das  unter  diesem  Titel  bekannte,  aus  15  Sätzen  der  ebenen 
Geometrie  bestehende  Buch  ist  aus  dem  Arabischen  in's  Lateinische 
übertragen  worden^).  Dass  es  in  der  Form,  wie  wir  es  besitzen, 
keinenfalls  von  Archimed  selbst  herrühren  kann,  dessen  Name  im 
4.  und  14.  Satze  genannt  ist,  während  in  anderen  Sätzen  andere 
ünzuträglichkeiten  nicht  zu  verkennen  sind,  ist  mit  Recht  bemerkt 
worden*).  Einige  Sätze  scheinen  uns  gleichwohl  archimedischen  Ur- 
sprunges zu  sein,  unter  welchen  namentlich  der  4.,  5.,  6.,  der  11., 
der  14.,  der  8,  hier  genannt  seien.  Satz  4.  —  6.  beschäftigen  sich  mit 
dem  Arbelos  (Figur  50),  einer  in  Gestalt  eines  Schusterkneifes  ge- 
krümmten Figur,  bestehend  aus  einem  Halbkreise,  über  dessen  Durch- 
messer   in    zwei    aneinanderstossenden    Abtheilungen    kleinere    Halb- 


^)  Veteres  Grammatici  (ed,  Putschius)  pag.  2684.  -)  Archimed 
(ed.  Heiberg)  I,  8—10,  (ed.  Nizze)  44.  ^)  Liber  assumptorum.  Archimed 
(ed.  Heiberg)  U,  428—446,  (ed.'  Nizze)  254  —  262.  *)  Heiberg,  Quaestioncs 
Äichimeikae,  24. 


284 


li.  Kapitel. 


Fig.  50. 


kreise  in  das  Innere  des  umschliessenden  Halbkreises  sich  erstrecken. 
Dass  Arcliimed  sicli  mit  dieser  Figur  bescliäftigt  habe,  ist  einer  Stelle 
des  Pappus^)  zu  entnehmen,  in  welcher  wenigstens  von  alten  Unter- 
suchungen über  sie  die  Rede 
ist.  Der  11.  Satz  besagt,  dass 
wenn  in  einem  Kreise  zwei 
Sehnen  sich  senkrecht  durch- 
schneiden, die  Quadrate  der  vier 
so  gebildeten  Abschnitte  zu- 
sammen dem  Quadrate  des 
Durchmessers  gleich  sein  müssen. 
Der  14.  Satz  lehrt  den  Flächen- 
inhalt des  Salin  on  messen,  der  Wogengestalt,  wie  man  den 
ausdrücklich  als  von  Archimed  herstammend  bezeugten  Namen 
vielleicht   übersetzen  darf^).     Diese  Figur  entsteht  (Figur  51),  weim 

über  und  unter  derselben  Geraden  als 
Richtung  des  Durchmessers  von  dem- 
selben Mittelpunkte  aus  aber  mit  ver- 
schiedenen in  beliebigem  Verhältnisse  zu 
einander  stehenden  Halbmessern  Halb- 
kreise beschrieben  werden,  zu  welchen 
noch  zwei  Halbkreischen  nach  der  Seite 
des  grossen  Halbkreises  hin  gerichtet 
über  dem  durch  den  nach  der  Jenseite 
sich  wölbenden  kleineren  Halbkreis  frei- 
gelassenen Stückchen  des  Durchmessers  treten.  Wird  durch  den 
Mittelpunkt  der  beiden  erstgezeichneten  Halbkreise  und  senkrecht  zu 
deren  Durchmesser  die  Strecke  A  B  gezeichnet,  so  ist  der  um  die- 
selbe als  Durchmesser  beschriebene  Kreis 
dem  Salinen  flächengleich.  Der  8.  Satz 
hat  folgenden  Inhalt.  Wenn  (Figur  52) 
eine  willkürliche  Sehne  AB  eines  Kreises 
verlängert  und  die  Verlängerung  BF  dem 
Halbmesser  des  Kreises  gleich  gemacht 
wird,  wenn  hiernächst  F  mit  dem  Mittel- 
punkte z/  des  Kreises  verbunden  und 
diese  Verbindungslinie  bis  zum  abermaligen  Durchschnitte  des  Kreises 
nach  E   verlängert    wird,   so   ist  der   Bogen  JE  das    Dreifache    des 


Fig.  52. 


1)  Pappus  Buch  IV,  19  (ed.  Hultsch)  Bd.  I,  pag.  208.  '')  Von  eälog  = 
das  Schwanken  des  hohen  Meeres?  Heiberg  in  seiner  Archimedausgabe  11,  443 
gibt  die  Ableitung  eilivov  =  Eppich,  mit  dessen  Blatt  er  in  der  Figur  eine 
Aehnlichkeit  erkennen  will. 


Archimedes  und  dessen  geometrische  Leistungen.  285 

Bogens  BZ.  Man  zielie  EH  parallel  zu  ^JS  und  die  Halbmesser 
^B  und  z/i/.  Der  Parallelismus  von  AB  und  EH  bringt  ^F  =  E 
hervor;  Gleichscbenkligkeit  von  Dreiecken  zeigt,  dass  -^  F  =  BzJF 
und  ^E  =  H.  Ferner  ^F^H=2E=2F=2B,zJFnnd'^BJH 
=  2B^F  also  are.  BH=  AE=?>BZ. 

Die  beiden  letzterwähnten  Sätze  haben,  wie  uns  scheint,  eine 
besondere  Tragweite  durch  die  Ziele,  auf  welche  Archimed  mit  ihrer 
Hilfe  hinsteuerte.  Bei  dem  8.  Satze,  glauben  wir,  dachte  er  an  die 
zu  vollziehende  Dreitheilung  des  Bogens  AE.  Sie  war  vermöge 
seines  Satzes  gelungen,  sobald  man  eine  Sehne  AB  versuchsweise 
fand,  deren  Verlängerung  bis  zur  Verbindungsgeraden  von  E  mit 
dem  Kreismittelpunkte  ^  die  Länge  des  Kreishalbmessers  besass. 
Die  vorerwähnte  Quadratur  des  Salinon  im  14.  Satze  wird  wohl 
nicht  minder  richtig  dahin  aufzufassen  sein,  dass  Archimed  im  An- 
schlüsse an  die  Arbeiten  des  Hippokrates  von  Chios  geometrisch 
versuchte,  den  Flächeninhalt  des  Kreises  mit  dem  anderer  Figuren 
in  Gleichheit  zu  setzen.  Nur  war  vielleicht  die  Absicht  beider  die 
entgegengesetzte.  Hippokrates  wollte  zuverlässig  aus  den  dem  Kreise 
gleichen  Figuren  die  Fläche  des  Kreises  ermitteln.  Archimed  beab- 
sichtigte möglicherweise  anderweitige  krummlinig  begrenzte  Figuren 
auf  den  als  bekannt  vorausgesetzten  Kreis  zurückzuführen. 

Bekannt  war  ihm  nämlich  allerdings  der  Kreis  durch  seine 
Kreismessung.  Diese  merkwürdige  Abhandlung  ist  nach  ihrem 
geometrischen  Gehalte  wie  mit  Hinsicht  auf  die  Geschichte  des 
Zahlenrechnens  der  höchsten  Beachtung  werth.  Wir  haben  es  fürs 
erste  nur  mit  dem  Geometrischen  zu  thun.  Archimed  geht  davon 
aus,  dass  er  beweist,  der  Kreis  sei  einem  rechtwinkligen  Dreiecke 
gleich,  dessen  eine  Kathete  die  Länge  des  Halbmessers,  die  andere 
die  des  Kreisumfangs  besitzt.  Wäre  dieses  Dreieck  kleiner  als  der 
Kreis,  so  müsste  irgend  ein  angebbarer  Unterschied  vorhanden  sein, 
und  es  wäre  möglich  durch  Einzeichnung  eines  Quadrates  in  den 
Kreis  und  fortgesetzte  Halbirung  der  Bogen  ein  Vieleck  zu  erlangen, 
welches  den  Kreis  bis  auf  gewisse  kleine  Abschnitte  erfüllte,  deren 
Summe  endlich  kleiner  als  jener  Ueberschuss  des  Kreises  über  das 
Dreieck  wäre.  Nennt  man  etwa  K,  V,  D  die  Inhalte  des  Kreises, 
des  Vielecks,  des  Dreiecks,  so  wäre  mithin  K^  F>-D,  zugleich 
aber  U  <.  P  sofern  U  den  Umfang  des  Vielecks,  P  die  Kreisperipherie 
bedeutet,  und  zwar  begründet  sich  diese  letztere  Ungleichung  aus 
jener  Annahme  über  die  Gerade  als  kürzeste  Entfernung  zweier 
Punkte,  von  der  oben  die  Rede  war.  Nun  ist  V  gleich  einem  recht- 
winkligen Dreiecke,  welches  als  grössere  Kathete  U,  als  kleinere 
die  Senkrechte  h  besitzt,  die  vom  Kreismittelpunkte   aus   auf  irgend 


286  14:.  Kapitel. 

eine  Seite  des  Vielecks  gefällt  war,  und  die  selbst  kleiner  als 
der  Kreislialbmesser  r  sein  muss.  Mit  anderen  Worten  F  =  —^  , 
J)  =  — —-  und    wegen     V^  D    aucli     U  •  h^  F  ■  r,    während    jeder 

Faktor  des  grösseren  Produktes  kleiner  ist  als  ein  ihm  entsprechen- 
der Faktor  des  kleineren  Produktes,  und  darin  liegt  ein  Widerspruch. 
Zu  einem  ferneren  Widerspruch  führt  auch  die  Annahme  K  <C  D. 
Ausgehend  von  dem  dem  Kreise  umschriebenen  Quadrate  wird  durch 
fortgesetzte  Verdoppelung  der  Seiteuzahl  ein  umschriebenes  Vieleck 
gefunden  werden  können,  dessen  Inhalt  V  der  Ungleichung  K<.  V'<.D 
genügen  muss,  während  sein  Umfang  U'  y-  P  ist,  und  die  Senkrechte 
h'  vom  Kreismittelpunkte  auf  die  Seiten  dieses  Vielecks   nothwendig 

U'    h'       P    r 
Ji'  =  r   sein    muss.     Trotzdem    müsste    hier  — ~ —  <  —^    sein    oder 

U'  <  P  und    doch  auch   V'  >  P.     Es   bleibt  also   nur  die  Annahme 

K  =  D  =     '       übrig.     Freilich  hat  man  die  an  die  Spitze  gestellte 

Voraussetzung,  es  gebe  eine  Gerade  von  der  Länge  P,  welche  als 
Seite  eines  rechtwinkligen  Dreiecks  auftreten  könne,  bemängelt.  Wir 
erinnern  daran,  dass  Dinostratus  die  gleiche  Annahme  schon  sich 
gestattet  hatte  (S.  233).  Auch  Eutokius  nimmt  Archimed  gegen 
den  angeführten  Vorwurf,  welcher  ihm  damals  schon  gemacht  worden 
war,  in  Schutz.  Er  habe  nichts  Unziemliches  ausgesprochen.  Die 
Kreislinie  sei  eine  Grösse  von  bestimmter  Abmessung,  der  irgend 
eine  Gerade  gleich  sein  müsse  und  es  sei  keineswegs  unstatthaft,  das 
Vorhandensein  jener  Geraden  in  einem  Satze  vorweg  zu  benutzen, 
noch  bevor  man  sie  finden  gelehrt  habe.  Allerdings  ist  nun  diese 
Auffindung  das  nächste  Problem  und  ihm  geht  jetzt  Archimed 
rechnend  zu  Leibe,  nach  einer  Methode  also,  welche  Euklid,  wie  wir 
(S.  256)  besprochen  haben,  sich  wahrscheinlich  untersagt  hätte,  nicht 
geometrisch,  sondern  geodätisch.  Archimed  sucht  zwei  Grenzen, 
zwischen  welche  er  das  Verhältniss  der  Kreisperipherie  P  zum  Durch- 
messer d  einschliessen  will  und  findet 

P:(2<3y:l  und  P:d>^^^:l. 

Wir    bemerken,    dass    Archimed    bei    seinem    früheren    Beweise 

K  =  — —  von  den  Quadraten  ausging,   welche  dem  Kreise   ein-  und 

umgeschrieben  werden  können,  wie  es  (S.  257)  Euklid  im  12.  Buche 
der  Elemente  gethan  hat  um  die  Proportionalität  von  Kreisinhalt  und 
Durchmesserquadrat  festzustellen,  wie  es  (S.  190)  schon  viel  früher 
Antiphon  gethan  hatte.     Bei   der  Aufsuchung  der  Zahlengrenzen  für 


Archimedes  und  dessen  geometrische  Leistungen.  287 

das  Verliältniss  des  Kreisumfanges  zum  Durclimesser  ging  Archimed 
dagegen  von  einem  ganz  anderen  Versuche  aus,  welcher  die  grössere 
Grenze  ihm  verschaffen  sollte.  Er  benutzte  dasjenige  gleichseitige 
Dreieck,  welches  seine  Spitze  im  Kreismittelpunkte  besitzt,  während 
die  dritte  dieser  Spitze  gegenüberliegende  Seite  Berührungslinie  an 
den  Kreis  ist.  Heisst  die  Seite  dieses  Dreiecks  a,  der  Kreishalb- 
messer   r,    so    ist    leicht    ersichtlich    a  ==  ^    und    r  :  —-  =  l/3  :  1. 

Archimed  behauptet  ohne  weitere  Begründung,  es  sei  r  :  --  ;>  265 :  153 

,       •  IT  1     •   >    /265\2        70  225  „  2  ,        i/ö-^    265        ^ 

und  wirklich  ist  [-)  =  -— -  =  3  -  ^—  also  fS  >  ^  •     Ferner 

ist  rt  :  —  =  306  :  153.     Die  beiden  Verhältnisse  vereinigt  geben  folg- 

lieh  (>•  -|-  a)  :  —  >  571  :  153.     Nun  kommt   eine  kleine   geometrische 

Betrachtung.  Wenn  (Figur  53)  die  A/l  den  Winkel  BAT  halbirt, 
so  ist  AB:  Jr=  BzJ:  /IT,  {AB  +  AF)-.  AT 

=  {B^  -\-  jr):^r  oder  (a  +  r)  :  r  =  |  :  AF. 
Aus  dieser  Proportion  folgt  weiter  r  :  A  F  == 
(r  -f-  «)  •  IT  >  571  :  153.      Dieses    Ergebniss    zu 

nachheriger  Benutzung  aufsparend  folgert  Archi- 
med weiter  r^ ;  AF^>blV:  153^  und  (r^  4-  zlF-) 

Piff  f)*? 

:  z^r^  >  (57P  4-  153^)  :  153^  oder  ^z/-2 :  z/r^  > 

349  450  :  153^  und  AA:  AF>  591-^  :  153.     Auch  diese  Zahlen  sind 

richtig  gewählt,  denn  (591^)'  =  349  428*^  <  349  450.     Der  Winkel 

AAF  wird  durch  die  AE  halbirt.  Dadurch  gewinnt  man  neue 
Proportionen  Azi  :  AF  =  AE  :  EF ,  dann  {AA -{- AF)  :  AF  = 
(AE  +  EF)  :  EF  und  {AA  -{-  A F)  :  {A E  -f  EF)  =  AF:  EF,  d.  h. 
{)'  -{-  A  A)  :  AF  =  r  :  EF.     Nun  erinnern  wir  uns  an 

r  :  z/r  >  571:  153 
nebst 

^z/:z/r>591-^:153. 


Die  Vereinigung  beider  Verhältnisse  gibt  (r  +  AA) :  AF>  1162g:  153 

oder  auch  r:EF>  1162^  :  153. 

Die  gewonnenen  Ergebnisse  stellen  wir  übersichtlicher  zusammen: 

r:ßr>265:  153 

r:  AF>  571:  153 

r:EF>  1162^:153 


288  14-  Kapitel. 

BF  ist  die  halbe  Sechsecksseite,  zJ  F  die  halbe  Zwölfecksseite,  EF 
die  haibe  Vierundzwanzigecksseite,  wenn  immer  die  regelmässigen 
dem  Kreise  umschriebenen  Vielecke  gemeint  sind.  Die  Umfange 
Z^'j   Ui2,   U^i  dieser  Vielecke  sind 

C/;  =  12  BF,  U,;  =-  24  BF,   f/^,  =  48  ^F 
und  somit  r  :  U^   >  265  :  1836 

r  :  f/,/  >  571  :  3672 

r-  f72;>  1162g:  7344. 

Archimed  setzt  nun  das  Verfahren  mit  Winkelhalbirung,  Verbindung 
von  Verhältnissen,  Einsetzen  von  nahezu  richtigeu,  aber  immer  etwas 
zu  kleinen  Quadratwurzelwerthen  fort  bis  zu 

r  :  R,^  >  4673^  :  29  376 
und  schliesst  daraus  umgekehrt 

U,^  :d<U  688  :  4673^  <  3y  :  1, 
da  aber  P  <  C/g^'  ist,  so  muss  um  so  sicherer 

P:  d  <.  3  Y  :  1   sein. 

Nun  kommt  die  entgegengesetzte  Aufgabe,  eine  untere  Grenze 
für  das  Verhältniss  des  Kreisumfanges  zum  Durchmesser  zu  finden 
an  die  Reihe,  und  hierzu  nimmt  Archimed  die  dem  Kreise  ein- 
geschriebenen Vielecke  zu  Hilfe,  indem  er,  wie  Antiphon  bei  einem 
seiner  Versuche,  das  eingeschriebene  gleichseitige  Dreieck  zum 
Ausgange  wählt,  dessen  Seite  sich  zum  Halbmesser  verhält  wie 
]/3:  1,  d.  h.  <  1351  :  780.     Winkelhalbiruugen  u.  s.  w.  führen  hier 

zu  C4c :  d  >  6336  :  2017^  >  ^^  =  1 

und  um  so  gewisser  zu    Pidy-  3     :  1. 

Nächst  dem  Kreise  beschäftigte  sich  Archimed  bei  seinen  geo- 
metrischen Untersuchungen  mit  den  Kegelschnitten.  Man  hat  wohl 
angenommen,  Archimed  habe  eine  uns  verloren  gegangene  Schrift 
Elemente  der  Kegelschnitte,  6T0L%£ia  iccoviKu,  verfasst.  Man 
hat  sich  dabei  auf  zwei  Stellen  gestützt,  die  eine  in  der  Abhandlung 
über  die  Quadratur  der  Parabel  Satz  3.^),  die  andere  in  dem  Buch 
von  den  Konoiden  und  Sphäroiden  Satz  4.^),  in  welchen  Archimed 
auf   ein    solches  Werk    verweist,    ohne    einen    Verfasser    zu    nennen. 


^)  Archimed  (ed.  Heiberg)  II,  300,  (ed.  Nizza)  13.     '■')  Archimed  (ed. 
Heiberg)  I,  302,  (ed.  Nizze)  158. 


Archimecles  und  dessen  geometrische  Leistungen.  289 

Das  that,  sagt  mau,  Archimed  nur,  wo  er  auf  eigeue  Arbeiten  zurück- 
griff.  So  richtig  diese  Behauptung  im  Allgemeinen  ist,  so  erinnern 
wir  uns  doch  einer  Ausnahme.  Archimed  beruft  sich,  wie  wir 
(S.  248)  hervorgehoben  haben,  im  6.  Satze  des  ersten  Buches  über 
Kugel  und  Cylinder^)  auf  die  Elemente  und  meint  damit  den  Ele- 
mentenschriftsteller, der  vorzugsweise  diesen  Namen  geführt  hat, 
Euklid.  Möglich,  dass  er  denselben  im  Sinne  hatte,  als  er  von  Ele- 
menten der  Kegelschnitte  sprach,  da  Euklid  bekanntlich  auch  über 
diesen  Gegenstand  ein  Werk  verfasst  hat'-).  Vielleicht  ist  eine  kleine 
Bestätigung  dieser  Vermuthung  folgendem  Umstände  zu  entnehmen. 
Pappus  gibt  nämlich  an,  die  vier  ersten  Bücher  der  Kegelschnitte 
des  Apollonius,  mit  welchen  wir  uns  bald  zu  beschäftigen  haben, 
stützten  sich  wesentlich  auf  die  Vorarbeiten  Euklids.  Bei  Apollo- 
nius finden  wir  aber  I,  20,  35,  46;  II,  5;  III,  17,  18,  die  Lehrsätze, 
welche  Archimed  als  in  den  Elementen  der  Kegelschnitte  enthalten 
benutzt. 

Mag  dem  sein,  wie  da  wolle,  jedenfalls  rühren  werthvoUe  Einzel- 
untersuchungen über  Kegelschnitte  von  Archimed  her.  Wir  legen 
nicht  grade  grosses  Gewicht  darauf,  dass  Archimed  dem  früher 
erwähnten  Satz  von  der  Entstehung  des  Schnittes  des  spitzwinkligen 
Kegels  den  dort  fehlenden  Zusatz  gab^),  die  gleiche  Curve  könne 
auf  dem  Mantel  eines  jeden  Kegels  erzeugt  werden,  aber  um  so 
höher  steht  seine  Qaadratur  der  Parabel.  Wir  haben  schon 
gesagt,  dass  diese  Abhandlung  zwischen  die  beiden  Bücher  vom 
Schwerpunkte  und  dem  Gleichgewichte  der  Ebene  eingeschaltet  er- 
scheint. Die  Methode,  deren  Archimed  sich  bedient,  um  zu  seinem 
Ziele  zu  gelangen,  ist  ihren  Hauptzügen  nach  folgende'').  Wird  ein 
Parabelabschnitt  durch  eine  durch  die  Mitte  der  denselben  bildenden 
Sehne  der  Axe  parallel  gezogene  Gerade  geschnitten,  so  ist  die  Be- 
rührungslinie an  die  Parabel  in  dem  Schnittpunkte  der  Sehne  selbst 
parallel.  Somit  ist  die  Senkrechte  aus  diesem  Schnittpunkte  auf  die 
Sehne  die  grösste  Senkrechte,  welche  überhaupt  aus  einem  Punkte 
innerhalb  des  gegebenen  Parabelbogens  auf  die  Sehue  gefällt  werden 
kann,  oder  dieser  Punkt  ist  als  höchster  Punkt  des  Parabelabs chnittes 
über  seiner  Sehne  zu  bezeichnen.  Daraus  folgt  weiter,  dass  der 
Parabelabschnitt  durchaus  eingeschlossen  ist  in  dem  Rechtecke,  wel- 
ches jene  Senkrechte  als  Höhe,    die  Sehne   nebst    der  ihr  parallelen 


^)  Archimed  (ed.  Heiberg)  1,  24  (ed.  Nizze)  48.  -)  Diese  Ansicht  ist 
auch  durch  Heiberg,  Die  Kenntnisse  des  Archimedes  über  Kegelschnitte 
(Zeitschr.  Math.  Phys.  XXV,  Histor.-literar.  Abtlg.  S.  42)  ausgesprochen  und 
theilweise  anders  begründet  worden.  '')  Archimed  (ed.  Heiberg)  I,  288,  (ed. 
Nizze  154).     *)  Archimed  (ed.  Heiberg)  H,  294—353,  ed.  (Nizze)  22—25. 

Cantok,  Geschichte  der  Mathematik   I.     2.  Aufl.  19 


290  14.  Kapitel. 

ßerührungslinie  als  Grundlinie  besitzt.  Bildet  man  nun  das  Dreieck, 
welches  die  Sehne  zur  Grundlinie,  den  genannten  Höhepunkt  als 
Spitze  besitzt,  und  welches  folglich  von  dem  ersten  Parabelabschnitte 
um  zwei  neue  kleinere  Abschnitte  sich  unterscheidet,  so  muss  das 
selbe  als  Hälfte  des  Rechteckes  und  als  eingeschrieben  in  den  Parabel- 
abschnitt grösser  sein  als  die  Hälfte  des  Abschnittes,  kleiner  als  sein 
Ganzes.  Man  kann  aber  auch  die  umgekehrte  Folgerung  ziehen  und 
die  Fläche  des  Abschnittes  grösser  als  das  betrejßfende  Dreieck, 
kleiner  als  das  Doppelte  desselben  nennen.  In  jeden  der  beiden 
neuen  kleineren  Abschnitte  wird  nach  ähnlicher  Regel  wieder  ein 
Dreieck  beschrieben,  deren  jedes  mehr  als  die  Hafte  des  ihn  enthal- 
tenden Abschnittes  einnimmt  und  genau  den  achten  Theil  des  ersten 
Dreiecks  als  Flächeninhalt  besitzt.  Es  ist  das  ein  Verfahren,  bei 
welchem  dasjenige  als  Muster  gedient  haben  mag,  dessen  Euklid  sich 
bediente  (S.  258),  um  zu  beweisen,  dass  Kreisflächen  sich  wie  die 
Quadrate    ihrer    Durchmesser    verhalten.     Der  Parabelabschnitt  wird 

1  .  1 

dadurch  in  zweiter   Annäherung  grösser  als    1~,  kleiner  als  l-^des 

ersten  Dreiecks,  welches  ihm  eingezeichnet  worden  war.  Nun  werden 
in  die  neuen  immer  kleineren  Parabelabschnitte  wieder  neue  Dreiecke 
beschrieben  und  dem  eben  Behaupteten  ähnliche  Folgerungen  ge- 
zogen. Nach  heutiger  Schreibweise  kommt  die  Reihenfolge  der  so 
zu    gewinnenden    Sätze    auf   die   Summiruug    der    unendlichen   Reihe 

1  -j-  — -  -|~  {—-)  -\-  (— j  -{-•••  hinaus,  deren  Anfangsglied  1  den  Flächen- 
inhalt des  ersten  Dreiecks ,  deren  Summe  den  Flächeninhalt  des 
ganzen  Parabelabschuittes  darstellt.  Archimed,  freilich  das  Unend- 
liche nur  mittelbar  in  seine  Betrachtungen  einbegreifend,  begnügt 
sich  mit  der  Summirimg   der  endlichen   geometrischen  Reihe,    deren 

letztes  Glied   wir  (^ j  nennen    wollen.     Deren    Summe    sei,    sagt    er, 

4 
nur  um  den  dritten  Theil  des  niedersten  Gliedes  kleiner  als  -„ ,  d.  h. 

also  =  -X ^  •  i-f)  .    Daran    schliesst   sich   der  apagogische  Theil 

des  Beweises,  welchen  wir  wiederholt  als  Ersatz  für  Unendlichkeits- 
betrachtungen   haben    eintreten    sehen.      Aus    der    Möglichkeit    den 

4 
Unterschied     zwischen     dem    Parabelabschnitte     und  -—   des   erstem- 

o 

gezeichneten  Dreiecks  kleiner  als  irgend  eine  angegebene  Grösse 
werden  zu  lassen,  folgt  die  doppelte  Unmöglichkeit,  dass  der  eine 
oder  der  ändere  Flächenraum  der  grössere  sei. 

Was  die  beideren  anderen  Kegelschnitte,   die  Hyperbel  und   die 
Ellipse  betrifft,  so  scheint  Archimed  der  ersteren  besondere  Aufmerk- 


Archimedes  und  dessen  geometrische  Leistungen.  291 

samkeit  nicht  zugewandt  zu  haben.  Dagegen  hat  er  die  Quadratur 
der  Ellipse  gefunden  und  zwischen  den  Untersuchungen  über  Ko- 
noide und  Si^häroide  als  Satz  5.  und  6.  eingeschaltet'). 

Die  merkwürdigste  uns  erhaltene  Schrift  des  Archimed  über 
einen  Gegenstand  der  ebenen  Geometrie  ist  das  Buch  von  den 
Schneckenlinien,  jisqI  Ultccov.  Die  Schneckenlinie  ist  die  erste 
krumme  Linie,  welche  durch  eine  doppelte  Gattung  von  Bewegungen 
und  von  bewegten  Elementen  zugleich  erzeugt  worden  ist.  Die 
Quadratrix  des  Hippias  benutzte  freilich  auch  eine  drehende  und  eine 
fortschreitende  Bewegung  zu  ihrer  Entstehung,  aber  die  bewegten 
Elemente  sind  doch  zwei  gerade  Linien,  deren  Durchs chnittsp unkt  die 
genannte  Curve  zum  Orte  hat.  Wir  halten  es  durchaus  nicht  für 
unmöglich,  dass  Archimed,  der  bei  seinen  Studien  mit  der  Quadratrix 
und  deren  Anwendungen  bekannt  geworden  sein  muss,  grade  durch 
die  Abhandlungen  des  Hippias  und  des  Dinostratus  über  ihre  Curve 
mehrfache  Anregung  gewann,  die  bei  einem  Archimed  zu  einem 
Fortschritte  für  die  Wissenschaft  werden  musste.  Ein  Fortschritt  war 
es,  wenn  Archimed  nicht  mehr  wie  Dinostratus  einfach  annahm,  dass 
die  Kreisfläche  einem  rechtwinkligen  Dreiecke  von  den  Katheten  r 
und  P  gleich  sei,  sondern  diese  Gleichheit  streng  bewies.  Eine  nicht 
geringere  Bereicherung  der  Wissenschaft  war  es,  als  er,  anstatt  die 
fortschreitende  Bewegung  einer  Geraden  mit  der  Drehung  einer 
zweiten  Geraden  zu  verbinden,  wie  Hippias  es  gethan  hatte,  darauf 
verfiel  jene  fortschreitende  Bewegung  einem  Punkte  beizulegen.  Die 
archimedische  Definition  sagt  ausdrücklich-):  „Wenn  eine  gerade 
Linie  in  einer  Ebene  um  einen  ihrer  Endpunkte,  welcher  unbeweg- 
lich bleibt,  mit  gleichförmiger  Geschwindigkeit  sich  bewegt,  bis  sie 
wieder  dahin  gelangt,  von  wo  die  Bewegung  ausging,  und  wenn  zu- 
gleich in  der  bewegten  Linie  ein  Punkt  mit  gleichförmiger  Geschwin- 
digkeit von  dem  unbewegten  Endpunkte  anfangend  sich  bewegt,  so 
beschreibt  dieser  Punkt  eine  Schneckenlinie  in  der  Ebene." 

Gehört  diese  Schneckenlinie,  die  archimedische  Spirale,  wie  man 
sie  gegenwärtig  zu  nennen  pflegt,  wirklich  Archimed  als  Erfinder 
an?  Man  hat  mit  sich  forterbendem  Irrthume  lange  behauptet,  nicht 
Archimed,  sondern  sein  Freund  Konon  habe  die  Spirale  erfunden 
und  die  sich  auf  dieselben  beziehenden  Sätze  entdeckt.  Letzteres  ist 
durchaus  unrichtig")  und  folglich  ersteres  nicht  hinlänglich  begründet. 
Archimed  hatte  vielmehr  jene  Sätze  an  Konon  zum  Beweise  geschickt. 


')  Archimed  (ed.  Heiberg)  I,  312—316,  (ed.  Nizze)  160—161.  ^)  Ar- 
chimed (ed.  Heiberg)  II,  10,  (ed.  Nizze)  118.  =>)  Das  hat  Nizze  S.  281  in 
seinen  kritischen  Anmerkungen  nachgewiesen. 

19* 


292  1^-  Kapitel. 

eine  Sitte,  welche  in  den  allerversehiedensten  Jahrhunderten,  aber 
stets  in  Zeiten  reger  mathematischer  Arbeit  uns  wieder  begegnen 
wird,  und  hatte  auch  nach  Konons  Tode  noch  viele  Jahre  gewartet 
„ohne  dass  irgend  Jemand  sich  mit  einer  dieser  Aufgaben  beschäftigt 
hätte"  ^).  Alsdann  erst  setzte  er  die  Beweise  in  der  Schrift  über  die 
Schneckeulinien  auseinander.  Wir  können  die  Gedrungenheit  der  Be- 
weise in  keinem  wiederholt  abkürzenden  Berichte  deutlich  machen. 
Wir  verweisen  auf  die  Abhandlung  selbst,  in  welcher  gerade  der 
moderne  Leser,  der  gewohnt  ist  Curven  von  der  Natur  der  Spiral- 
linien nur  mit  Hilfe  der  Infinitesimalrechnung  zu  untersuchen,  wäh- 
rend er  in  der  Lehre  von  den  Kegelschnitten  noch  heute  häufiger 
von  synthetisch  geometrischen  Anschauungsbeweisen  Gebrauch  macht, 
die  bewunderungswürdige  Gewandtheit  des  Archimed  in  der  Hand- 
habung einfachster  Hilfsmittel  staunend  erkennen  wird.  Einige  wenige 
leicht  abzuleitende  Proportionen  und  Ungleichheiten,  letztere  wieder 
unerlässlich  für  das  apagogische  Verfahren  der  alterthümlichen  Ex- 
haustion,  die  Zerlegung  des  Raumes  der  Schneckenlinie  in  Aus- 
schnitte, deren  jeder  kleiner  als  ein  äusserer,  grösser  als  ein  innerer 
Kreisausschnitt  ist,  das  ist  der  ganze  wissenschaftliche  Vorrath,  mit- 
tels dessen  die  Quadratur  der  Schneckenlinie  gefunden,  die  Berüh- 
rungslinie an  irgend  einen  Punkt  derselben  gezogen  wird. 

Manche  andere  Schriften  des  Archimed  würden  an  dieser  Stelle 
noch  zu  besprechen  sein,  wenn  sie  nicht  verloren  gegangen  wären. 
Kaum  dass  die  Ueberschriften  uns  durch  arabische  Berichterstatter 
erhalten  blieben^).  Ihnen  zufolge  verfasste  Archimed  ein  Buch  über 
das  Siebeneck  im  Kreise;  ein  anderes  beschäftigte  sich  mit  der 
gegenseitigen  Berührung  von  Kreisen;  ein  drittes  war  den 
Parallellinien,  ein  viertes  den  Dreiecken  gewidmet,  letzteres 
möglicherweise  auch  unter  anderem  Titel  noch  genannt.  Auch  Daten 
und  Definitionen   soll  Archimed  in   einem  Buche  vereinigt  haben. 

Unter  dem,  was  der  Verfasser  für  die  Geometrie  des  Raumes 
leistete,  ist  zunächst  eine  Untersuchung  zu  erwähnen,  von  der  wir 
nicht  einmal  wissen,  bei  welcher  Gelegenheit  und  in  welchem  Zu- 
sammenhange er  sie  angestellt  hat.  Die  Untersuchmig  selbst  da- 
gegen ist  von  Pappus,  dem  emzigen  Schriftsteller,  der  von  ihr  spricht, 
mit  genügender  Deutlichkeit  geschildert^),  dass  man  nach  ihm  darüber 
berichten  kann.  Euklid  hatte  die  Lehre  von  den  fünf  einzigen  regel- 
mässigen Körpern  erschöpfend  behandelt.  Archimed  erfand  zu  ihnen 
13  halbregelmässige    Körper,    welche    durch    regelmässige   Viel- 


^)  Archimed  (ed.  Ileiberg)  II,  2,  (ed.  Ni/,/,e)  IIG.     ^)  Heiberg,  Quac- 
sfiones  Archimedeae  29—30.     ^)  Pappus  V  (ed.  Tlult.sch)  3.50  sqq. 


Archimedes  und  dessen  geometrische  Leistungen.  293 

ecke  von  mehr  als  nur  einer  Gattung  begrenzt  werden.  Der  Anzahl 
nach  können  8,  14,  26,  32,  38,  62  oder  92  Grenzflächen  vorhanden 
sein.  Der  Art  nach  sind  es  3ecke,  4ecke,  öecke,  öecke,  8ecke,  lOecke 
und  12ecke,  welche  auftreten.  Bei  10  von  den  archimedischen  Kör- 
peru sind  nur  Flächen  zweierlei  Art,  bei  den  3  übrigen  dreierlei 
Flächen  vorhanden.  Kein  geringerer  Mathematiker  als  Kepler^)  hat 
zuerst  nach  Archimed  seine  Aufmerksamkeit  diesem  Gegenstande 
wieder  zugewandt,  worauf  aufs  Neue  eine  zweihuudertjährige  Pause 
eintrat,  bis  seit  Anfang  des  XIX.  S.  die  halbregelmässigen  Vielflächuer 
Eigenthum  der  elementaren  Stereometrie  geworden  sind. 

Archimed  selbst  stellte  von  allen  seinen  Entdeckungen  diejenigen 
am  höchsten,  welche  er  in  den  zwei  Büchern  von  der  Kugel  und 
dem  Cy linder  niedergelegt  hat.  Es  handelt  sich  darin  um  den 
Beweis  von  drei  neuen  Sätzen^):  1.  dass  die  Oberfläche  einer  Kugel 
dem  Vierfachen  ihres  grössten  Kreises  gleich  sei;  2.  dass  die  Ober- 
fläche eines  Kugelabschnittes  (die  Kugelcalotte)  so  gross  sei  als  ein 
Kreis,  dessen  Halbmesser  einer  geraden  Linie  vom  Scheitel  des  Ab- 
schnittes bis  an  den  Umfang  des  Grundkreises  gleich  sei;  3.  dass 
der  Cy  linder,  welcher  zur  Grundfläche  einen  grössten  Kreis  der 
Kugel  habe,  zur  Höhe  aber  den  Durchmesser  der  Kugel,  mit  anderen 
Worten  der  der  Kugel  umschriebene  Cylinder,  anderthalb  mal  so 
gross  sei  als  die  Kugel,  und  dass  auch  seine  Oberfläche  das  Andert- 
halbfache der  Kugeloberfläche  sei.  Ein  gewisser  Nikon  hat  in  Per- 
gamum  eine  Inschrift,  welche  diesen  Sätzen  galt,  in  Stein  hauen 
lassen^).  Dass  Archimed  grade  auf  diese  Sätze  einen  wohlberech- 
tigten Stolz  empfand,  geht  daraus  hervor,  dass  er  die  Kugel  mit  dem 
sie  umgebenden  Cylinder  auf  seinen  Grabstein  eingemeiselt  wünschte, 
und  dass  es  grade  diese  Figur  war,  an  welcher  Cicero  die  Begräb- 
nissstätte des  grossen  Mannes  erkannte.  Dieselbe  Figur  erhielt  sich, 
offenbar  zum  Gedächtnisse  Archiaaeds,  auf  Münzen  der  Stadt  Syrakus. 

Archimed  hat  in  demselben  Werke  über  Kugel  und  Cylinder,  im 
4.  und  5.  Satze  des  H.  Buches^),  noch  zwei  andere  die  Kugel  be- 
trefi'ende  Aufgaben  gestellt,  welche  ihn  geraume  Zeit  beschäftigten. 
Eine  Kugel  soll  durch  eine  Ebene  der  Art  geschnitten 
werden,  dass  Oberflächen  und  Körperinhalte  der  beiden 
so  gebildeten  Kugelabschnitte  in  gegebenem  Verhältnisse 
stehen.    Die  erstere  Aufgabe  hat,  sofern  die  Berechnung  der  Kugel- 


^)  In  der  Hartnonice  mundi.  ^)  Archimed  (ed.  Heiberg)  I,  2—4,  (ed. 
Nizze)  42.  ■')  Vergl.  Ideler  in  v.  Zach's  Monatlicher  Correspondenz  zur  Be- 
förderung der  Erd-  und  Hiramelskunde  XXIII,  257  und  Buzengeiger  ebenda 
XXIV,  572.     ■*)  Archimed  (ed.  Heiberg)  I,  210  sqq.,   (ed.  Nizze)  91  ^gg. 


294  1^-  Kapitel. 

calotte  vorher  bekarmt  ist,  wie  es  der  Fall  war,  keine  Schwierigkeit-, 
sie  führt  alsdann  auf  eine  rein  quadratische  Gleichung.  Anders  ver- 
hält es  sich  mit  der  zweiten  Aufgabe.  Sie  ist  nur  dann  lösbar, 
wenn,  wie  Archimed  ausdrücklich  sagt,  eine  Länge  gefunden  werden 
kann,  welche  in  die  Proportion  sich  einfügt,  die  in  Buchstaben 
(rt  —  x)  '.!)  =  c^  :  X-  lauten  würde,  wenn  also  eine  Lösung  der  kubi- 
schen Gleichung  x^  —  ax^  -\-  hc'  =  0  gefunden  werden  kann.  Archi- 
med geht  nun  noch  einen  grossen  Schritt  weiter,  er  gibt  den  Dio- 
rismus  der  Aufgabe.  Sie  sei,  sagt  er,  nicht  allgemein  möglich, 
sondern  unter  der  Voraussetzung  c  =  2  («  —  t)  nur  bei  Anwendung 
eines  a  —  c,  welches  selbst  grösser  als  h  ist.  Mit  anderen  Worten 
er  nennt  die  Gleichung  x^  —  ax^  -\-  -^  a^l)  =  0  lösbar  d.  h.  mit  einer 

positiven  Wurzel  versehen,  so  lange  6  <  — .  Beides,  so  fährt  Archi- 
med fort,  d.  h.  die  Nothwendigkeit  des  Diorismus  und  zugleich  die 
Construction  der  Aufgabe  unter  der  Annahme,  dass  jene  Bedinguug 
erfüUt  sei,  solle  am  Ende  seine  Analyse  und  Synthese  finden.  Es 
ist  undenkbar,  dass  Archimed  eine  so  bestimmte  Zusage  gegeben 
haben  sollte,  wenn  er  nicht  der  gestellten  Aufgabe  in  jeder  Be- 
ziehung Herr  gewesen  wäre.  Aber  wo  sind  die  versprochenen  Er- 
gänzungen? Schon  sehr  bald  nach  Archimed  zur  Zeit  des  Diokles 
waren  sie  verloren,  wie  wir  im  17.  Kapitel  sehen  werden.  Ob  eine 
von  Eutokius  im  VI.  S.  aufgefundene  alte  Handschrift  in  dorischer 
Mundart  wirklich,  wie  er  vermuthete,  der  Originalarbeit  des  Archi- 
med nachgebildet  war,  ist  mit  Bestimmtheit  nicht  zu  behaupten  noch 
zu  leugnen.  An  Wahrscheinlichkeit  fehlt  es  übrigens  der  Vermuthung 
des  Eutokius  um  so  weniger,  als  jene  Auflösung  sich  zur  Con- 
struction nur  einer  Parabel  und  einer  Hyperbel  bedient,  mithin 
Curven  benutzt,  welche  zur  Auflösung  einer  anderen  räumlichen 
Aufgabe,  der  Würfelverdoppelung,  ziemlich  lange  vor  Archimed,  wie 
wir  wissen,  bereits  in  Anwendung  waren. 

Mit  der  Geometrie  des  Raumes  hat  es  ferner  das  Buch  von 
den  Konoiden  und  Sphäroiden  zu  thun.  Archimed  kennt  unter 
diesen  Namen  die  Körper,  welche  durch  die  Umdrehung  einer  Pa- 
rabel, einer  Ellipse,  einer  Hyperbel  entstehen.  Er  theilt  diese  Um- 
drehungskörper durch  einander  parallele  gleich  weit  von  einander 
entfernte  ebeiTe  Schnittflächen  und  erhält  so  zwischen  je  zwei  Schnitt- 
ebenen ein  Körperelement,  das  von  einem  Cylinder  eingeschlossen 
einen  anderen  Cylinder  in  sich  enthält.  Die  Summirung  sämmtlicher 
grösserer  Cylinder  nebst  der  der  sämmtlichen  kleineren  Cylinder  wird 
somit  zwei  Grenzen  bilden,  zwischen  welchen  der  Körperinhalt  des 
gegebenen  Umdrehungskörpers  enthalten  ist,    und   welche  bei  gegeli- 


Archimedes  und  dessen  geometrische  Leistungen.  295 

seitiger  Amiäherimg  der  Sckaittfläclien  selbst  beliebig  wenig  von 
einander  unterschieden  sind.  Einige  auf  Widersprüche  führende  Ver- 
gleichungen  vollenden  wieder  die  Exhaustion,  und  so  wird  die  Kuba- 
tur der  genannten  Körper  gefunden. 

Gelegentlich  zeigt  dabei  Archimed  im  8.,  9.  und  10.  Satze  ^)^  wie 
zu  jeder  Ellipse  unendlich  viele  Kegel  und  Cylinder  gefunden  werden 
können,  auf  deren  Mantel  sie  sich  befindet,  offenbar  ein  Anfang 
dessen,  was  man  perspektische  Eigenschaften  krummer  Linien  zu 
nennen  pflegt. 

Wir  können  die  Entdeckungen  Archimeds  im  Gebiete  der  Raum- 
geometrie nicht  verlassen  ohne  zweier  falscher  Sätze  zu  gedenken, 
welche  er  absichtlich,  wie  er  ausdrücklich  sagt^),  seiner  Zeit  be- 
weislos in  die  Oeffentlichkeit  gab  „um  eben  solche  Leute,  die  da 
Alles  zu  finden  behaupten,  und  doch  nie  einen  Beweis  vorbringen, 
zu  überführen,  dass  sie  auch  einmal  etwas  Unmögliches  zu  finden 
verheissen  hätten".  Es  waren  Sätze,  die  sich  auf  den  Körperinhalt  von 
Kugelabschnitten  bezogen  imd  damit  unsere  Bemerkung  bestätigen, 
dass  Ai'chimed  sich  geraume  Zeit  mit  Fragen,  welche  auf  die  Durch- 
schneidung einer  Kugel  durch  eine  Ebene  sich  bezogen,  beschäftigte. 


15.  Kapitel. 
Die  übrigen  Leistungen  des  Archimedes. 

Wir  gehen  zu  Dingen  über,  welche  einen  algebraischen  Charakter 
tragen.  In  erster  Linie  haben  wir  einer  Gesellschaftsrechnung  zu 
gedenken,  welche  Archimed  anstellte,  und  welche  nicht  etwa  der 
Methode  des  Rechnens  halber,  die  schon  den  alten  Aegyptern  (S.  39) 
geläufig  war,  aber  wegen  des  Verfahrens,  durch  welches  Archimed 
die  zur  Rechnung  noth wendigen  Zahlen  sich  verschaffte,  zu  grosser 
Berühmtheit  gelangt  ist.  Wir  meinen  die  sogenannte  Kronenrech- 
nung. Vitruvius,  der  Schriftsteller  über  Architektur  im  auguste- 
ischen Zeitalter,  erzählt  die  Sache  folgendermassen^).  König  Hiero 
habe  von  einem  Goldarbeiter  eine  Krone  aus  Gold  anfertigen  lassen 
und  dieselbe  alsdann  dem  Archimed  übergeben,  um  zu  ermitteln,  ob 
nicht,  wie  man  zu  vermuthen  Grund  hatte,  der  Künstler  nur  Gold 
in  Rechnung  gebracht,  in  Wirklichkeit  aber  theilweise  Silber  zur 
Masse  hinzugethan  hatte.    Zufällig  sei  mm  Archimed  in  ein  Badhaus 

^)  Archimed  (ed.  Heiberg)  1,318—338  unter  Bezeichnung  der  betreffen- 
den Sätze  als  7.  8.  9,  (ed.  Nizze)  162—168.  ^)  Archimed  (cd.  Heiberg)  H, 
2—4,  (ed.  Nizze)  116.    •■')  Vitruvius  IX,  3. 


296  iö.  Kapitel. 

getreten  und  liabe  beim  Einsteigen  in  eine  mit  Wasser  ganz  an- 
gefüllte Wanne  bemerkt,  dass  ebensoviel  Wasser  auslief,  als  sein 
Körper  verdrängte.  Nun  schloss  Arcbimed  so:  die  Menge  des  ver- 
drängten Wassers  hängt  nur  von  der  Ausdehnung,  nicht  von  dem 
Gewichte  des  eingetauchten  Körpers  ab,  das  Gewicht  dagegen  ver- 
ändert sich  bei  gleicher  Ausdehnung  nach  der  Natur  des  Stoffes. 
Andere  Stoffe  werden  bei  gleicher  Ausdehnung  verschiedenes  Gewicht, 
bei  gleichem  Gewichte  verschiedene  Ausdehnungen  haben.  Bildet 
man  sonach  eine  reine  Goldmasse  und  eine  reine  Silbermasse,  beide 
von  genau  gleichem  Gewichte  mit  der  Krone,  so  wird  das  Silber  am 
meisten  Flüssigkeit  aus  einem  bis  zum  Rande  gefüllten  Gefässe  ver- 
drängen, nächstdem  die  aus  beiden  Metallen  gemischte  Krone,  das 
Gold  endlich  am  wenigsten.  Die  Schlüsse,  wenn  auch  noch  nicht  in 
der  hier  ausgeführten  Deutlichkeit,  scheinen  dem  Geiste  Archimeds 
sich  plötzlich  dargeboten  zu  haben.  Die  drei  Wassermengen  a,  x,  y, 
welche  durch  das  Silber,  die  Krone,  das  Gold  verdrängt  wurden, 
boten  das  Mittel  die  Mischungsverhältnisse  der  Krone  zu  berechnen. 
Wog  nämlich  die  Krone  h  Gewichtstheile,  worunter  s  Gewichtstheile 
Silber    und    (/   Gewichtstheile    Gold,    so    musste    erstlich   s  -^  g  =  Je 

sein.  Zweitens  verdrängte  aber  das  Silber  nur  -^  X  G  Raumtheile 
Wasser  und  das  Gold  -y  X  y  Raumtheile   derselben   Flüssigkeit,    die 

ganze  Krone  also       "T        Raumtheile,    oder   x    Raumtheile,   demnach 

war  auch  S6  -\-  gy  =  hx.    Die  beiden  Angaben  führten  dann  vereint 

in  Betracht  gezogen  zu  s  =  ^  X  Ic.     In    der   Freude    über    diese 

Entdeckung  sei  Archimed  unbekleidet  in's  Freie  und  nach  seiner 
Wohnung  gelaufen  mit  dem  Rufe:  ich  habe  es  gefunden,  svQrjxa 
evQrixcc.  Eine  zweite  Auffassung  findet  sich  in  einem  Lehrgedichte 
„lieber  die  Gewichte  und  Maasse",  welches  man  wohl  dem  Gramma- 
tiker Priscianus  zuschrieb,  eine  Meinung,  von  welcher  man  aber  all- 
gemein zurückgekommen  ist,  um  die  Entstehung  des  Gedichtes  etwa 
auf  das  Jahr  500  zu  verlegen^).  Dort  ist  nämlich  die  Auffindung 
des  specifischen  Gewichtes  eines  Stoffes,  auf  welche  allein  es  an- 
kommt, an  eine  doppelte  Abwägung  geknüpft.  Wird  die  zu  prüfende 
Substanz  einmal  im  Freien  und  das  zweite  Mal  in  Wasser  eingetaucht 
gewogen,  so  wird  sie  das  zweite  Mal  so  viel  von  ihrer  Gewichts- 
wirkung auf  den  Wagebalken,  an  welchem  sie  hängt,  einbüssen,  als 


^)  Scrijitores  metrologici  Bomani  (ed.  Hultsch)  pag.  88  sqq.  Die  auf  die 
Kronenrechnung  bezügliche  Stelle  v.  124 — 208.  Ueber  die  Datirung  vergl. 
Hultsch's  Prolegomena  §  118. 


Die  übrigen  Leistungen  des  Archimedes.  297 

das  Gewicht  der  durch  sie  verdrängten  Flüssigkeitsmenge  beträgt. 
Mau  wird  folglich  in  dem  Verhältnisse  des  ursprünglichen  Gewichtes 
zu  dem  Gewichtsverluste  das  specifische  Gewicht  des  Stoffes  besitzen, 

und  man  findet  6'  =  -~-.-  xJc,  wenn  s',  k',  g'    die  Gewichtsverluste 

im  Wasser  der  an  Gewicht  ausserhalb  des  Wassers  gleichen  Mengen 
Silber,  Kronenmetall  und  Gold  bedeuten.  Welche  von  den  beiden 
Methoden  also  Archimed  auch  anwandte,  und  die  Wahrscheinlichkeit 
für  die  eine  wie  für  die  andere  zu  erörtern  gehört  der  Geschichte 
der  Physik  an,  die  Rechnung  als  solche  war  immer  die  gleiche,  war, 
wie  wir  zum  Voraus  bemerkten,  eine  Gesellschaftsrechnung,  der- 
gleichen ähnliche  wenn  auch  nicht  völlig  übereinstimmende  im 
Uebungsbuche  des  Ahmes  erledigt  sind. 

Dem  Archimed  wird  ferner  eine  unbestimmte  Aufgabe  zu- 
geschrieben, welche  in  Distichen  abgefasst  unter  dem  Namen  des 
Riuderproblems  bekannt  ist^).  Es  handelt  sich  um  die  Auf- 
findung von  vier  Unbekannten  in  ganzen  Zahlen  mittels  dreier 
zwischen  ihnen  gegebenen  Gleichungen  vom  ersten  Grade.  Zu  dieser 
ursprünglichen  Form  des  Problems  sind  alsdann  in  späterer  Ueber- 
arbeitung,  wie  es  scheint,  noch  anderweitige  Zusätze  getreten,  welche 
zu  ihrer  Berücksichtigung  Kenntnisse  in  der  Lehre  von  den  Quadrat- 
zahlen und  von  den  Dreieckszahlen  voraussetzen,  welche  wir  wohl 
berechtigt  sind,  einem  Archimed  als  zugänglich  anzunehmen,  wenn 
schon  Philippus  Opuntius  (S.  158)  über  vieleckige  Zahlen  schreiben 
konnte.  Bezüglich  der  Echtheit  dieses  Problems  sind  die  Ansichten 
getheilt.  Der  letzte  Schriftsteller,  der  in  eingehender  Weise  mathe- 
matisch wie  philologisch  mit  Archimed  sich  beschäftigt  hat,  steht 
nicht  an,  das  Gedicht,  wie  es  erhalten  ist,  als  archimedisch  anzu- 
erkennen^). Wir  selbst  enthalten  uns  eines  bestimmten  Urtheils, 
wie  wir  (S.  272)  uns  entschieden,  die  Frage  nach  der  Echtheit  des 
sogenannten  euklidischen  Problems  als  eine  offene  zu  betrachten.  Zu 
einem  Ergebnisse  kommen  wir  allerdings  auch  hier:  dass  nämlich 
ein  Grund  das  Rinderproblem  darum  für  untergeschoben  zu  erklären, 
weil  Archimed  es  nicht  habe  lösen  können,  in  keiner  Weise  vorliegt. 


')  Aeltere  Ansichten  über  das  Rindei'problem  bei  Nesselmann,  Algebra 
der  Griechen  S.  481 — 491  wissen  einen  nur  halbwegs  erträglichen  Sinn  nicht 
herauszubringen.  Dieses  gelang  Vincent  in  dem  als  Anhang  zu  den  Nouvelles 
annales  de  maihematiq^ies  T.  XV  (Paris,  1856)  erschienenen  Bulletin  de  hiblio- 
graphie  etc.  I,  39  ügg.'  Einen  anderen  Sinn  haben  die  Verfasser  der  neuesten 
Abhandlung  Krumbiegel  und  Amthor  „das  Problema  hovinum  des  Archimed" 
ermittelt.  Vergl.  Zeitschr.  Math.  Phys.  Bd.  XXV.  Histor.-literar.  Abtheilung 
(1880).     2)  Heiberg,  Quaestiuixs  Archimedeae  26. 


298  lö.  Kapitel. 

Eine  Beschäftigimg  mit  Quadratzablen  ist  Arcliimed  jedenfalls 
uachzuriilimeu.  Er  hat  jedenfalls  in  dem  Buche  von  den  Schnecken- 
linien die  Summirung  der  aufeinander  folgenden  Quadrät- 
zahlen  von  1  anfangend  gelehrt  und  bewiesen.  Er  kleidet  die 
Summenformel  in  folgenden  Satz:  „Weim  man  eine  willkürliche  An- 
zahl von  Linien  annimmt,  die  nach  einander  gleiche  Unterschiede 
haben ,  so  dass  die  kleinste  dem  Unterschiede  selbst  gleich  ist,  und 
wenn  eine  eben  so  grosse  Anzahl  anderer  Linien  angenommen  wird, 
welche  einzeln  der  grössten  von  jenen  gleich  sind,  so  wird  die 
Summe  aller  Quadrate  von  denen,  welche  der  grössten  gleich  sind, 
nebst  dem  Quadrate  der  grössten  selbst  und  dem  Rechtecke  unter 
der  kleinsten  und  einer  Linie,  welche  so  gross  ist  als  die  Summe 
aller  um  gleiche  Unterschiede  verschiedener,  dreimal  so  viel  be- 
tragen als  die  Summe  aller  Quadrate  der  um  gleiche  Unter- 
schiede verschiedenen  Linien"^).     In  Zeichen   geschrieben  heisst  das 

3[«^  +  (2rt)'  +  (3a)'  H h  (na)-]  =  («  +  1)  (««)-  -f  a  (a  -f  2a  + 

3a  -}-•••  -f-  na).  Da  Archimed,  wie  aus  dem  Beweise  sich  ergeben 
wird,  die  Summenformel  der  arithmetischen  Reihe  anzuwenden  wusste,  so 
ist  es  einigermassen  auffallend,  dass  er  nicht  a  -j-  2a  -j-  3a  -| \-  na  zu 

— — ^ vereinigte,  um  schliesslich  a^  -j-  (2ay  -{-  (3a)'-^  -| -f-  (na)'^ 

=  — ^^ —         ^ — ~ — - —  zu  erhalten.     Wir  erkennen  daraus ,  dass  ein 

b  ' 

so  lautender  Satz  bei  Archimed  nicht  vorkommt,  wie  sehr  man  sich 
hüten  muss  den  Schluss,  dieser  oder  jener  Schriftsteller  konnte  so 
oder  so  schliessen,  hat  es  also  gethan,  anzuwenden,  wenn  nicht  be- 
sondere anderweitige  Gründe  für  jenen  Schluss  vorhanden  sind. 
Noch  eine  Bemerkung  drängt  sich  auf.  Wir  sagten  Archimed  habe 
die  Summirung  der  Quadratzahlen  vollzogen,  und  in  dem  Wortlaute 
seines  Satzes,  wie  seines  Beweises,  kommen  nur  Linien  vor.  Allein 
es  sind  unzusammenhängeude  Linien,  wie  sie  im  V.  Buche  der  eukli- 
dischen Elemente  zur  Versinnlichung  von  Zahlen  dienen,  und  haben 
hier  gleichfalls  keine  andere  Bedeutung.  Wir  lassen  nun  den  Be- 
weis folgen,  an  welchem  Avir  keine  andere  Veränderung  vornehmen, 
als  dass  wir  Archimeds  Worte  in  Zeichen  übersetzen.  Es  ist 
na  =  (n  —  1)  a  +  la  =  (w  —  2)  a  -\-  2a  ==  {n  —  3)  a  +  3a  =  •••  = 
la  -f-  (n  —  1)  a.  Quadrirt  man  alle  diese  unter  sich  gleichwerthigen 
Formen  von  na,  so  erhält  man  ebenso  viele  verschiedene  Formen  von 
(naf,  nämlich  (naf  =  ((m  —  1)  af  -\-  (laf  -^  2  ■  (n  —  1)  a  -  la 
=  {{n  -  2)  af  +  (2ay  -f-  2  (n  -  2)  a  ■  2a  =  ((ji  —  3)  a)^  -f  (3a)- 
-f  2  •  (w  —  3)  a  .  3a  =  •  • .  =  (laj^-f-  {ju  —  1)  a)^  +  2  •  la  •  {n  —  1)  a. 


')  Archimed  (cd.  Heiberg)  11,  31—40,  (ed.  Nizze)  125— 1'28. 


Die  übrigen  Leistungen  des  Archimedes.  299 

Jede  solche  Form  besteht  aus  zwei  quadratischen  Gliedern  und  einem 
doppelten  Produkte.  Addirt  mau  die  sämmtlichen  Formen  nebst 
'2 (na)'  =  (na)'^  -{-  (nci)'-^  imd  ordnet  die  quadratischen  Glieder  erst 
fallend  dann  steigend,  imd  die  doppelten  Produkte  nach  fallendem 
erstem  Faktor,  so  entsteht  (n  -\-  1)  (na)'  =  (iiay  +  ((w  —  1)  d)^ 
+  (0^  -  2)  a)'  +  •  •  •  +  (1«)^  +  (1«)-^  +  .  .  .  +  ((n  -  2)  af 
+  (m  —  1)  cif  +  (nrt)"-  +  2  \(ji  —  1)  a  •  la  +  (n  —  2)  a  •  2a 
-j-  •  •  •  +  la  (n  —  1)  «]•     Addirt   man   ferner    auf  beiden    Seiten 

a(a-\-2a-\ \-  na),  so  erhält  man  (n  -\-  1)  (;^rt)^  -{-  a(a  -\-  2a  -{-  ■  " 

+  na)  =  2  [a^-{-(2ay  -\ (-  («a)-]  +  2  [(«  -  l)a  •  la  +  (n  -  2) 

a  •  2a  -\-  ••  •  +  1«  •  0^  —  1)  '*]  +  «  [«  +  2«  -|-  •  •  •  +  na\.  Damit 
der  zu  Anfang  ausgesprochene  Satz  bewiesen  sei,  bedarf  es  also  nur 
noch  Eines:  es  muss  gezeigt  werden,  dass  a^  +  (2«)^  +  •"  +  (««)"^ 
=  2  [(li  —  1)  a  .  la  +  (m  —  2)  a  •  2«  +  •  •  •  +  la  •  («  —  1)  a] 
-|-  a  [a  +  2a  -j-  •  •  •  -j-  i?o]  sei.  Die  beiden  Ausdrücke  rechts  vom 
Gleichheitszeichen  sind  aber  a  ■  Ä  und  a  •  B  oder  vereinigt  a  (tI  -{-  B), 

wobei 

^  =  2  (^2  —  1)  a  +  4  (w  —  2)  a  H 1-  (2n  —  2)  •  la 

5  =  «a  -I-  (n  —  1)  «  -f  («  _  2)  a  H i-  la 

A  -\-  B  =  1  ■  na  A-  o  '  {n  —  1)  a  +  5-(n  —  2)  a-i h  (2«—  1)  •  1« 

(J.  +  iO-«=«[l-»«-f-3-(w  — l)a  +  5.(H— 2)aH [-(2n—l)-la]  =  B. 

Von  den  w  Quadraten,  als  deren  Summe  B  zu  beweisen  ist,  wird  nun 
das  höchste  (na)^  umgeformt  in  a  (l  ■  7ia  -\-  {n  —  1)  wa).  Aber  die 
arithmetische  Reihe  (n  —  1)  a  -\-  (n  —  2)  a  -|-  ■•■  -\-  la  hat  als  Summe 

1 ,    eine  Formel,    welche  demnach,    wie   oben  angekündigt, 

von  Archimed  benutzt  wird.  Demnach  ist  (n  —  1)  na  =  2  [(« —  l)a 
+  («  —  2)  a  +  • .  •  +  Irt]  imd  (naf  =  a  [1  -  na  -^  2  (n  —  1)  a 
-f- 2  («  —  2)  a -f- ••  •  +  2- la].  Ziehen  wir  diesen  Werth  von  B 
ab,  so  bleibt  ein  Rest  2?^  ähnlicher  Form  wie  i?,  nämlich  a  [l-(« — l)a 

+  3  ()i  —  2)  a  H +  (2n  —  3)  •  1  a]  =  B,.    Nun  könnte  ({n  —  1)  a)^ 

umgeformt  und  von  i?j  abgezogen  werden,  wodurch  ein  Rest  i?2  ent- 
stünde, dem  o-egenüber  das  Verfahren  fortzusetzen  ist.  Schliesslich 
bleibt  nichts  übrig,  es  ist  also  a^  -\-  (2a)'^  -j-  ••■•  -|-  (iiay  =  B,  wie 
zu  beweisen  war. 

Wir  haben  vorher  bei  der  archimedischen  Aufgabe  von  der  durch 
eine  Ebene    geschnittenen   Kugel   die    kubische   Gleichimg  x^  —  ax^ 

_|-  -^-  a^J)=^0  angeschrieben  (S.  294),  zu  welcher  diese  Aufgabe  führt. 
Wir  haben  dieses  zur  deutlicheren  Einsicht  in  die  Frage  für  unsere 
an  die  Gleichuugsform  gewohnten  Leser  gethan.  Man  muss  sich 
jedoch  wohl  hüten  das,  was  wir  dort  thateu,  als  den  gleichen  Ge- 
sichtspunkten   entsprechend    zu    betrachten,    wie    das,    was    uns    bei 


300  iö.  Kapitel. 

unserer  letzten  Darstellung  der  Summirung  aufeinanderfolgender 
Quadratzahlen  leitete.  Wir  haben  hier  nur  Zeichen  statt  der  Worte 
gesetzt,  den  archimedischen  Gedanken  in  keiner  Weise  verändernd. 
Wir  haben  dort  eine  Gleichung  aus  einer  Proportion  entwickelt. 
Archimed  hätte  eine  solche  Entwicklung  dem  ganzen  Zustande  der 
damaligen  Wissenschaft  gemäss,  welche  Körperzahlen  kamite,  vor- 
nehmen  können,    aber  er    hat   es    nicht  gethan.     Er  blieb   bei  der 

Proportion   («  —  x)  :  h  =  ^  a^  :  x^   stehen,    und   wir   würden   in   ihn 

hineinlesen,  was  er  nicht  gewusst  zu  haben  scheint,  wenn  wir  auch 
nur  annähmen,  Archimed  habe  eine  wesentliche  Aehnlichkeit  zwischen 
seiner  Aufgabe  und  der  Aufgabe  der  Würfelverdoppeluug,  geschweige 
denn  zwischen  ihr  und  der  Aufgabe  der  Winkeldreitheilung  bemerkt. 
Die  Würfelverdoppelung  verlangte  die  Einschaltung  zweier  geome- 
trischer Mittelglieder  zwischen  gegebenen  Grössen;  von  einer  der- 
artigen Einschaltung  ist  bei  der  archimedischen  Kugeltheilung  nicht 
die  Rede,  mag  man  auch,  um  die  Unbekannte  nach  innen  zu  bringen, 

die  Proportion    in  der  Form  h  :  (a  —  x)  =  x^ :  —  oder  in  der  Form 

h  :  x^  ■=  (a  —  x)  :  ^r-  schreiben. 

Wir  müssen  hier  vielleicht  einem  Vorwurfe  begegnen,  den  man 
uns  darüber  machen  könnte,  dass  wir,  als  wir  es  mit  Euklid  und 
dessen  durch  quadratische  Gleichungen  darstellbaren  Aufgaben  zu 
thun  hatten,  nicht  auch  so  streng  an  den  Wortlaut  des  griechischen 
Schriftstellers  uns  halten  zu  müssen  glaubten.  Wahr  ist  es,  es  wäre 
vorsichtiger  gewesen  auch  dort  nicht  als  Gleichung  zu  schreiben, 
was  nur  eine  Proportion  war,  allein  wir  können  doch  Einiges  her- 
vorheben, welches  einen  grundsätzlichen  Unterschied  zwischen  der 
euklidischen  und  der  archimedischen  Aufgabe  bedingt  und  dadurch 
auch  eine  formelle  Verschiedenheit  der  Darstellung  gestattet,  ganz 
abgesehen  davon,  dass  wir  wenigsten  nicht  versäumt  haben  (S.  270), 
uusern  Zweifel  darüber  zu  äussern,  ob  Euklid  eine  Ahnung  von  dem 
algebraischen  Inhalte  seiner  Aufgaben  gehabt  habe.  Quadratische 
und  kubische  Aufgaben  —  man  gestatte  uns  diese  leicht  ver- 
ständlichen, wenn  auch  sonst  nicht  grade  üblichen  Benennungen  ^ 
sind  geometrisch  gewaltig  verschieden.  Die  quadratische  Aufgabe 
gehört  den  Elementen  in  dem  geometrischen  Sinne  des  Wortes  an. 
Sie  lässt  sich,  sofern  Nichtbeachtung  des  Diorismus  nicht  Grössen 
als  gegeben  wählen  Hess,  welche  jede  reelle  positive  Lösung  aus- 
schliessen,  jedesmal  durch  Zirkel  und  Lineal  bewältigen.  Die  kubische 
Aufgabe  ist  durch  die  Elemente  nicht  lösbar.  Sie  bedarf  besonderer 
Curven,    deren    Eigenschaften   in    besonderen   Schriften    erörtert   zur 


Die  übrigen  Leistungen  des  Archimedes.  301 

Zeit,  als  Archimed  lebte,  überliaupt  erst  anfingen  genau  studirt  zu 
werden  und  die  höhere  Geometrie  bildeten.  Man  darf  daher  wohl 
einen  Unterschied  machen  zwischen  der  Tiefe,  bis  zu  welcher  Euklid 
und  Archimed  in  das  eigentliche  Wesen  quadratischer  und  kubischer 
Aufgaben  einzudringen  vermochten.  Daneben  ist  auch  für  rech- 
nendes Verfahren  ein  nicht  minder  -gewaltiger  Unterschied  zwischen 
quadratischen  und  kubischen  Aufgaben,  die  einem  Griechen  gestellt 
waren.  Die  Ausziehung  der  Kubikwurzel  durch  Umkehrung  des  Ver- 
fahrens, welches  zur  Erhebung  auf  die  dritte  Potenz  führt,  also  von 
der  Formel  (a  +  ßY  =  cc^  -{-  2  cc^  ß  -\-  o  a  ß^  -\-  ß^  ausgehend,  hat,  wie 
wir  vorgreifend  bemerken  dürfen,  kein  griechischer  Schriftsteller  des 
Alterthums  oder  des  Mittelalters  jemals  gelehrt;  ob  ein  anderes 
Rechnungsverfahren  zu  dem  gleichen  Zwecke  angewandt  wurde, 
müssen  wir  hier  noch  dahingestellt  sein  lassen.  Eine  Ausziehung 
von  Quadratwurzeln  dagegen  durch  Rechnung,  und  zwar  auch  bei 
solchen  Zahlen,  welche  nur  eine  Annäherung  an  den  wahren  Werth 
gestatten,  hat  die  griechische  Mathematik  vielleicht,  wie  wir  (S.  211) 
sahen,  schon  seit  Piaton  besessen,  jedenfalls  hat  Archimed  in  seiner 
Kreismessung  den  Beweis  geliefert,  dass  er  im  Besitze  sehr  voll- 
kommener Methoden  zur  Auffindung  solcher  Wurzelwerthe  gewesen 
sein  muss.  Damit  ist  aber,  wie  zum  Schlüsse  dieser  Ausführungen 
hingeworfen  werden  mag,  zugleich  auch  die  (S.  271)  schon  begrün- 
dete Behauptimg  vollends  gesichert,  dass  man  in  sehr  früher  Zeit 
bei  den  Griechen  cjuadratische  Aufgaben  rechnend  löste,  d.  h.  that- 
sächlich  mit  quadratischen  Gleichungen  sich  beschäftigte,  denn  wie 
wäre  man  sonst  zu  Methoden  der  Quadratwurzelausziehung  gelaugt, 
die  das  leisteten,  was  z.  B.  von  Archimed,  zu  dessen  Arbeiten  wir  so 
zurückkehren,  geleistet  worden  ist? 

Archimed  hat  in  seiner  Kreismessung  eine  ganze  Anzahl  von 
angenäherten  Quadratwurzeln  berechnen  müssen.  Er  hat  da- 
bei   erkannt,    dass   —^  >  V'd  >  j^,    dass  1/349450  >  591—,    dass 

]/l373943^>  1172y,  dass   ]/d4.12\32^  >  2339-^.     Wie  hat 

er  diese  Zahlen  gefunden?  Die  Frage  ist  vielfach  aufgeworfen,  ver- 
schiedentlich beantwortet  worden^).      Man    kann    wohl    sagen,    dass 


^)  Zusammenstellungen  der  auf  diesem  Gebiete  ausgesprochenen  Mei- 
nungen bei  S.  Günther,  Antike  Näherungsmethoden  im  Lichte  moderner 
Mathematik  (in  den  Abhandlungen  der  k.  böhmischen  Gesellschaft  der  Wissen- 
schaften VI.  Folge,  9.  Band,  Prag,  1878)  und  bei  Heiberg,  Quaestiones  Archi- 
mcdeae  60 — 66.  Bei  Letzterem  auch  das  bei  dem  Ersteren  fehlende  Referat 
über  Abhandlungen    von  Mollweide   (1808)   und   Oppermann  (1875).     Uebor 


302  15.  Kapitel. 

sämmtliche  Versuclie  in  einem  Punkte  zusammentreffen,  nämlicli  in 
dem  Bestreben,  ein  mehr  oder  weniger  bewusstes  Zusammentreffen 
der  Methode  des  Arcbimedes  mit  dem  modernen  Kettenbruchverfahren 
nachzuweisen,  d.  mit  den  Formeln 


'         '  '     2a  -j-  b 

Tä  -\-  ■ . 

und 

Va^  —  h  =  a  —  —-■       , 

Ya  —  h 

2ffl  —  •  . 

Nun  ist  von  vornherein  zuzugeben,  dass  der  Näher ungswerth 

2  +  j_ 

2  +  -.. 

bei  griechischen  Schriftstellern  mit  aller  Bestimmtheit  auftritt,  wie 
wir  bei  der  näheren  Betrachtung  des  Werkes  des  Theon  von  Smyrua 
im  21.  Kapitel  erkennen  werden.  Es  ist  ferner  (S.  253)  darauf  hin- 
gewiesen worden,  dass  die  Art  und  Weise,  in  welcher  Euklid  den 
grössten  gemeinschaftlichen  Theiler  zweier  ganzer  Zahlen  aufsucht, 
einen  vollständigen  Kettenbruchalgorithmus  darstellt,  und  dennoch 
können  wir  die  Frage,  wie  eigentlich  Archimed  verfuhr,  noch  nicht 
als  vollständig  beantwortet  erachten.  Die  Werthe,  welche  Archimed 
als  angenäherte  Quadratwurzeln  benutzt,  andere  Werthe,  die  bei 
späteren  griechischen  Schriftstellern  auftreten,  entstehen  nämlich, 
mit  Ausnahme  der  von  uns  schon  betonten  1/2  und  einer  weiteren 
Ausnahme,  nicht  aus  den  obigen  Kettenbruchformeln,  es  sei  denn, 
dass  man  sie  auf  ein  Prokrustesbett  spannte,  wie  wir  es  nicht  ver- 
antworten zu  können  glauben.    Die  erwähnten  archimedischen  Werthe 

von  ]/3  z.  B.  entstehen  nicht  aus  1/4  —  1=2  —  X  _  i  ?  ^^^~ 


dem  die  aufeinanderfolgenden  Näherungsbrüche  dieses  Kettenbruches 
sind  2,  -  ,  — ,  — ,  -^  •  •  •,  unter  welchen  wir  —  hervorheben  als 
die  weitere  Ausnahme,   von  welcher  soeben  die  Rede  war,  da  dieser 


die  Abhandlung  Mollweide 's  vergl.  auch  einen  Bericht  von  Gauss  in  den 
Göttinger  gelehrten  Anzeigen  vom  9.  Januar  1808.  Spätere  Arbeiten  von  Hun- 
ratli,  Die  Berechnung  irrationaler  Quadratwurzeln  vor  der  Herrschaft  der 
Decimalbrüche  (Kiel,  1884)  unter  anderen  haben  unserer  Ansicht  nach  die  Frage 
immer  noch  nicht  geklärt.  ' 


Die  übrigen  Leistungen  des  Archimedes.  303 

Werth  für  ]/3  in  der  That  gescliiclitlicli  nachweisbar  bei  Griechen 
vorkommt,  wie  das  19,  Kapitel  uns  lehren  wird.  Wir  lassen  also 
die  Frage  nach  der  Art  und  Weise,  in  welcher  Archimed  seine 
Quadratwurzeln  fand,  offen,  soviel  zugestehend,  dass  bestimmte  Bei- 
spiele auf  Anwendung  von  Kettenbruchformehi  bei  anderen  Schrift- 
stellern hinweisen,  die  somit  jener  Formeln  sich  bedient  haben  werden, 
wenn  auch  natürlich  nicht  als  Kettenbrüche,  an  deren  Vorhanden- 
sein nicht  zu  denken  ist,  bevor  eine  Schreibweise  der  Brüche  durch 
räumlich  unterscheidbare  Zähler  und  Nenner  sich  verbreitet  hatte. 

Es  ist  nur  ein  unglücklicher  Zufall,  dass  wir  über  die  Wurzel- 
ausziehungsmethoden  Archimeds  im  Dunkeln  tappen.  Eutokius,  der 
einen  Commentar  zur  archimedischen  Kreismessung  geschrieben  hat, 
sagt,  wo  er  an  die  Quadratwurzel werthe  kommt:  „Wie  man  aber  die 
Quadratwurzel,  die  einer  gegebenen  Zahl  sehr  nahe  kommt,  finden 
könne,  ist  von  Heron  in  seinem  metrischen  Werke  gezeigt  worden, 
ebenso  von  Pappus,  Theon  und  mehreren  anderen  Exegeten  der 
grossen  Zusammenstellung  des  Klaudius  Ptolemäus.  Es  ist  daher 
nicht  nöthig  Untersuchungen  über  diesen  Gegenstand  anzustellen,  da 
Freunde  der  Mathematik  bei  Jenen  darüber  nachlesen  können"  ^). 
Von  allen  diesen  Schriften,  auf  welche  Eutokius  verweist,  ist  nur 
eine  erhalten,  der  letztgenannte  Commentar  des  Theon  zu  dem  so- 
genannten Alraageste.  Auch  von  diesem  wird  später  im  24.  Kapitel 
zu  handeln  sein.  Wir  bemerken  hier  nur  vorgreifend,  dass  Theon 
die  heute  noch  übliche  Schulmethode  lehrt  mit  der  einzigen  Ab- 
änderung, welche  durch  die  Anwendung  von  Sexagesimalbrüchen 
statt  der  gegenwärtig  benutzten  Decimalbrüche  bedingt  ist.  Wir  be- 
merken ferner,  dass  die  archimedischen  Werthe  sich  nach  dieser 
Methode  gleichfalls  nicht  bestätigen  lassen,  indem  nach  ihr 

]/349  650>59l|,    |/l  373  943  g  >  1172-^, 

dagegen  allerdings        j/ö  472  132  ^  >  2339  ^ 

gefunden  worden  wäre,  die  beiden  ersten  in  den  Brüchen,  also  da 
wo  das  eigentliche  Annäherungsverfahren  erst  beginnt,  von  den  ar- 
chimedischen Werthen  abweichend. 

Versagt  uns  der  Commentar  des  Eutokius  den  Dienst,  wo  wir 
seiner  am  dringendsten  bedürfen,  so  lässt  er  uns  doch  nicht  ganz 
ohne  Ausbeute.  Er  vollzieht  auf's  ausführlichste  mehrere  Multi- 
plikationen, und  diese  Stellen  gehören  zu  den  bedeutsamsten  für 
die  Kenntniss  s;riechischer  Rechenkunst.     Der  Gebrauch  der  Stamm- 


1)  Archimed  (ed.  Heiberg)  III,  270. 


304  15.  Kapitel. 

brüclie  (S.  118)  beim  wirklichen  Recliiien  gebt  daraus  aufs  Unzwei- 
deutigste hervor,  dann  aber  auch,  dass  die  Griechen  bei  ihren  Mul- 
tiplikationen im  Wesentlichen  der  gleichen  Methode  sich  bedienten, 
der  wir  noch  heute  folgen,  nur  dass  sie  bezüglich  der  Anordnung 
der  Theilmultiplikationen  den  entgegengesetzten  Weg  einschlugen. 
Sie  fingen  nämlich  mit  dem,  was  wir  die  Ziffer  höchsten  Ranges  im 
Multiplikator  nennen,  an  und  stiegen  dann  zu  den  niedrigeren  Stellen 
herab,  sie  beobachteten  die  gleiche  Reihenfolge  innerhalb  der  Theile 

des  Multiplikandus.     So  wird  z.  B.  2016—  folgendermassen    quadrirt. 

Es  ist  2000.2000  =  4000000,  2000.10  =  20000,  2000.6  =  12  000, 

2000  •  ^  =  333^;  10  .  2000  =  20  000,  10  .  10  =  100,  10  .  6  =  60, 

10  ■  4-  =  ll4-;    6  •  ^000  =  12000,    6  .  10  =  00,    6  .  6  =  36, 

6.i  =  l;   A.2000  =  333|,    1.10=li-i-,    | .  6  =  1,  {- ■  i- 

=  —  und  alle  diese  Theilprodukte  vereinigt  geben  4064928^  • 

Man  könnte  bei  diesem  Fortschreiten  von  den  grösseren  Theilen 
der  Zahlen  zu  immer  kleineren  an  die  mehrerwähnte  Stelle  des 
Herodot^)  denken,  dass  die  Hellenen  beim  Rechnen  die  Hand  von 
links  nach  rechts  bewegen.  Links  befand  sich  (S.  123)  auf  der 
Rechentafel  mit  Speeren  den  Rechner  senkrechten  Kolumnen  die  höchste 
Rangstelle.  Man  dürfte  auch  die  Vermuthung  aussprechen,  die  Ver- 
einigung der  Theilprodukte,  welche  als  vollzogen  gedacht  wird,  ohne 
zu  erklären,  wie  man  dabei  verfuhr,  sei  auf  der  Rechentafel  erfolgt, 
deren  Gebrauch  zur  Zeit  des  Polybius,  mithin  nur  ein  halbes  Jahr- 
hundert nach  Archimed  (S.  122)  wir  uns  in's  Gedächtniss  zurück- 
rufen. Jedenfalls  ist  dieses  griechische  Rechnen  innerhalb  und  mit 
Benutzung  des  Zehnerzahlensystems  ein  ungeheurer  Fortschritt  gegen- 
über dem  ägyptischen  Verfahren  der  Multiplikation  und  Division, 
welches  fast  nur  fortgesetzte  Verdoppelungen  und  Halbirungen  nebst 
additiver  Vereinigung  so  gewonnener  Ergebnisse  benutzte.  In 
Griechenland  selbst  wurden  übrigens  nach  Aussage  eines  Scholiasten 
zum  Charmides  des  Piaton  beide  Methoden  gelehrt,  denn  anders 
sind  die  Ausdrücke  hellenische  und  ägyptische  Methoden  der  Midtipli- 
Imtion  und  Division  nicht  zu  verstehen^). 

Wir  nannten  die  hier  erwähnten  Stellen  des  Eutokius  als  zu  den 
bedeutsamsten  für  die  Kenntniss  griechischer  Rechenkunst  gehörend. 
Vieles    ist    leider    verloren    gegangen.      Unter     den    Schriften    des 


')  Herodot  II,  36.        -)  P.  Tannery,  La  gt'omotrie  grecqne  etc.  pag.  49 
hat  zuerst  auf  diese  wichtige  Stelle  hingewiesen. 


Die  übrigen  Leistungen  des  Archimefles.  305 

Xenokrates,  welche  wir  mir  dem  Titel  nach  kennen^)  (S.  236), 
soll  eine  Logistik  gewesen  sein.  Ein  Rechenmeister  Apollo dorus 
wird  uns  genannt  (S.  168).  Von  der  Logistik  des  Magnus  erwähnt 
Eutokius  Rühmendes  am  Schlüsse  seines  Commentars  zur  archi- 
medischen Kreismessung-).  Eine  Schrift,  welche  in  griechischer 
Sprache  von  dem  Rechnen  auf  dem  Rechenbrette  handelte,  war  im 
XVIIL  Jahrh.  noch  in  der  S.  Marcusbibliothek  in  Venedig  vorhanden, 
ist  aber  inzwischen  abhanden  gekommen  oder  verlegt,  so  dass  sie  in 
den  Handschrifteuverzeichnissen  der  genamiten  Bibliothek  nicht  mehr 
vorkommt"^).  Aber  was  lässt  mit  so  dürftigen  Angaben  sich  machen? 
Sogar  die  Lebenszeit  dieser  Schriftsteller  mit  Ausnahme  des  Xeno- 
krates  ist  in  tiefstes  Dunkel  gehüllt.  Es  ist  sehr  Avahrscheinlich, 
dass  Archimed  selbst  ein  Buch  verfasst  hat,  welches  mit  der  Rechen- 
kunst sich  beschäftigte.  Zu  dieser  Vermuthung  geben  wenigstens 
einige  Bruchstücke  und  deren  Titel  Veranlassung.  Die  Schrift  hiess 
die  Grund  züge,  aQ^aC^  und  war  dem  Zeuxippus  zugeeignet*). 
Archimed  lehrte  darin  unter  Anderen  das  dekadische  Zahlensystem 
in  übersichtlicher  Gliederung  weit  über  die  Grenzen  derjenigen  Zahlen 
ausdehnen,  mit  welchen  man  insgemein  zu  thun  hat.  Archimed  fasst 
nämlich  acht  aufeinander  folgende  Rangordnungen  in  eine  Oktade 
zusammen^).  Die  erste  Oktade  geht  also  von  der  Einheit  bis  zur 
Myriade  der  Myriaden,  d.  h.  bis  zu  100  000  000,  welche  Zahl  die  Ein- 
heit der  zweiten  Oktade  bildet.  Die  Einheit  der  dritten  Oktade  ist 
ihm  folglich  die  Zahl,  welche  wir  durch  Eins  mit  2  mal  8  oder  mit  16 
Nullen  schreiben.  Die  Einheit  der  26.  Oktade  ist  in  unserer  Schreib- 
weise 1  mit  25  mal  8,  d.  h.  mit  200  Nullen.  Diese  Oktaden  setzt 
Archimed  fort  bis  zur  10  000  mal  10  000  sten  und  sämmtliche  Zahlen 
bis  zur  höchsten  dieser  letzten  Oktade  bilden  die  erste  Periode. 
An  sie  schliesst  sich  aber  eine  neue  zweite  Periode,  deren  Einheit 
folglich  nach  unserer  Zahlenschreibweise  eine  1  mit  800  Millionen 
Nullen  ist!  Es  schwindelt  Einem  bei  dem  Gedanken,  auch  mit  dieser 
zweiten  Periode  von  10  000  mal  10  000  Oktaden  die  Zahlenreihe  nicht 
abgeschlossen  zu  finden,  sondern  vielmehr  die  Möglichkeit  zugeben 
zu  müssen,  noch  höhere  Perioden  oder  gar  höhere  Gruppenordnungen 
als  die  Perioden  selbst  zu  bilden. 

Für  die  Richtigkeit  dieses  Auszuges  bürgt,  dass  er  von  Archimed 


*)  Diogenes  Laertius  VIII,  12.  ^)  Archimed  (ed.  Heiberg)  III,  302. 
^)  Privatmittheihmg  des  Grafen  Soianzo  in  Venedig  auf  die  Anfrage  des  Ver- 
fassers nach  dem  Abacus  in  Graeco,  von  welchem  Bern,  de  Montfaucon, 
Bibliotheca  bibliothecarum  manuscriptarum  I,  468  D  spricht.  *)  Archimed 
(ed.  Heiberg)  II,  242,  246,  (ed.  Nizze)  209,  212.  '■>)  Archimed  (ed.  Heiberg) 
II,  266  sqq.,  (ed.  Nizze)  217. 

Cantor,  Gesohiclite  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  20 


306  15-  Kapitel. 

in  eigener  Person  herrührt.  Er  gibt  ihn  uns  in  einer  vollständig 
erhaltenen  Abhandlung,  der  Sandrechnung,  tl^aii^Lrrjg  (lateinisch: 
arenarii(s).  In  ihr  ist  die  Aufgabe  gestellt  eine  Zahl  anzugeben, 
welche  grösser  sei  als  die  Zahl  der  Sandkörner,  die  eine  Kugel  fassen 
würde,  deren  Halbmesser  die  Entfernung  des  Erdmittelpunktes  von 
dem  Fixsternhimmel  wäre.  Vorausgesetzt  nun,  dass  10  000  Sand- 
körner hinreichen  ein  Körnchen  von  der  Grösse  eines  Mohnkornes 
zu  liefern,  und  dass  der  Durchmesser  eines  Mohnkornes  nicht  kleiner 
als  der  40.  Theil  einer  Fingerbreite  sei,  vorausgesetzt  ferner,  dass 
der  Weltdurchmesser  kleiner  als  10  000  Erddurchmesser,  der  Erd- 
durchmesser endlich  kleiner  als  eine  Million  Stadien  sei,  findet 
Archimed  eine  Zahl,  welche  die  Sandkörnerzahl  einer  der  Weltkugel 
gleich  gedachten  Sandkugel  überschreitet  in  1000  Einheiten  der 
7.  Oktade  der  1.  Periode.  Ja  Archimed  geht  noch  weiter.  Er  nimmt 
nach  astronomischen  Anschauungen  des  Aristarchus  von  Samos^) 
die  Weltkugel,  die  er  alsdann  Fixsternkugel  nennt,  noch  grösser 
an  und  erkennt,  dass  Sandkörner  1000  Myriaden  der  8.  Oktade 
an  Zahl  mehr  als  nur  ausreichen  würden,  selbst  diese  Fixsternkugel 
zu  bilden"'^). 

Was  ist  die  Bedeutung  dieser  eigenthümlichen  Aufgabe?  Mannig- 
fache Vermuthungen  sind  darüber  ausgesprochen  worden.  Man  hat 
vielleicht  nicht  ganz  unglücklich  versucht  den  Zweck  der  Schrift  in 
jenem  Bruchstücke  der  Grundzüge  zu  finden.  Mit  anderen  Worten 
man  hat  es  als  einzigen  Zweck  der  Sandrechnung  bezeichnet,  ein 
Beispiel  davon  zu  liefern,  wie  man  die  Aussprache  der  Zahlen  von 
einer  gewissen  Höhe  an  bedeutend  vereinfachen  und  dabei  eine  Ein- 
sicht in  die  Art  ihres  Wachsthums  gewähren  könne.  Neben  diesem 
Zwecke  hat  man  einen  anderen  wichtigeren  zu  erkennen  geglaubt, 
die  Sandrechnung  sei  dazu  bestimmt,  die  arithmetische  Ergänzung 
der  geometrischen  Exhaustionsmethode  zu  bilden.  Dem  Uneiidlich- 
kleinen  gegenüber  ist  das  Unendlichgrosse  der  zweite  Pol  des  Un- 
endlichkeitsbegrifPes,  wenn  wir  so  sagen  dürfen;  um  beide  dreht  sich 
die  ganze  Infinitesimalrechnung.  Will  man  aber  beide  Gegensätze 
deutlicher  hervortreten  lassen,  so  eignen  sich  geometrische  Betrach- 
tungen nahezu  zusammenfallender  Raumgebilde  vorzugsweise  dazu, 
das  Unendlichkleine  zu  versinnlichen,  während  das  Unendlichgrosse 
unmöglich  an  Figuren  zu  begreifen  ist,  welche  dem  Auge  innerhalb 
des  Raumes  begrenzt  erscheinen.  Nur  durch  die  Zahl  wird  es  dem 
Verständnisse  näher  gebracht.     Man  kann  zeigen,   dass  jede  noch  so 


')  Vergl.  über  diesen  Wolf,  Geschichte  der  Astronomie  35 — .'57.     ")  Archi- 
med (ed.  Heiberg)  JI,  290,  (cd.  Nizze)  22^. 


Die  übrigen  Leistungen  des  Archini edes.  307 

grosse,  aber  gegebene  Zahl  durch  eine  im  Uebrigen  nicht  näher  be- 
stimmte Zahl  überstiegen  werden  kann,  mau  kann  über  jede  noch 
so  ferne  Grenze  dabei  als  zu  nahe  gelegen  hinausgehen.  Das  grade 
hat  Archimed  in  seiner  Sandrechnung  geleistet. 

Ist  die  Frage  nach  dem  Zwecke  der  Sandrechnung  schon  eine 
schwierige,  so  ist  die  Frage  nach  ihrer  Heimath  womöglich  noch 
weniger  sicher  zu  beantworten.  Auf  der  einen  Seite  ist  unzweifelhaft 
die  philosophische  wie  die  mathematische  Erkenntniss  des  Unend- 
lichen ein  Gegenstand  griechischer  Forschung  schon  in  einer  Zeit 
gewesen,  die  um  reichlich  ein  Jahrhundert  vor  Archimed  liegt.  Auf 
der  anderen  Seite  ist  die  griechische  Denkart  im  Ganzen  so  über- 
trieben grosser  Zahlen  nicht  gewohnt.  Nicht  vor,  nicht  nach  Archi- 
med finden  wir  Aehnliches  in  griechischer  Sprache.  Man  könnte 
erwidern,  nicht  vor,  nicht  nach  Archimed  finde  man  unter  den  grie- 
chischen Schriftstellern  einen  Archimed!  Allein  auch  eine  andere  Aus- 
kunft ist  nicht  unmöglich.  Es  könnte  hier  ein  auswärtiges  Problem 
vorliegen,  welches  Archimed  irgend  wie,  irgend  wo  einmal  zu  Ohren 
gekommen  wäre,  welches  er  mit  seinem  allumfassenden  Geiste  auf- 
nahm und  im  Sinne  seiner  Absicht,  die  vielleicht  von  der  des  ur- 
sprünglichen Stellers  der  Aufgabe .  himmelweit  verschieden  war,  be- 
handelte. Man  möchte  fast  für  diese  Auffassung  auf  die  einleitenden 
Sätze  der  Sandrechnung  verweisen:  „Manche  Leute  glauben,  König 
Gelon,  die  Zahl  des  Sandes  sei  von  unbegrenzter  Grösse.  Ich  meine 
nicht  des  um  Syrakus  und  sonst  noch  in  Sicilien  befindlichen,  son- 
dern auch  dessen  auf  dem  ganzen  festen  Laude,  dem  bewohnten  und 
unbewohnten.  Andere  gibt  es  wieder,  welche  diese  Zahl  zwar  nicht 
für  unbegrenzt  annehmen;-  sondern  nur  dass  noch  keine  so  grosse 
Zahl  jemals  genannt  sei,  welche  seine  Menge  übertrifft.  Wenn  sich 
nun  eben  diese  einen  so  grossen  Sandhaufen  dächten,  wie  die  Masse 
der  ganzen  Erde;  dabei  sämmtliche  Meere  ausgefüllt  und  alle  Ver- 
tiefungen der  Erde  so  hoch  wie  die  höchsten  Berge,  so  würden  sie 
gewiss  um  so  mehr  glauben,  dass  keine  Zahl  zur  Hand  sei,  die 
Menge  derselben  noch  zu  überbieten.  Ich  aber  will  mittels  geo- 
metrischer Beweise,  denen  Du  beipflichten  wirst,  zu  zeigen  versuchen, 
dass  unter  den  von  mir  benannten  Zahlen,  welche  sich  in  meiner 
Schrift  an  den  Zeuxippus  befinden,  einige  nicht  nur  die  Zahl  eines 
Sandhaufens  übertreffen,  dessen  Grösse  der  Erde  gleichkommt,  wenn 
sie  nach  meiner  Erklärung  ausgefüllt  ist,  sondern  auch  die  eines 
solchen,  dessen  Grösse  dem  Weltalle  gleich  ist."  So  der  Anfang  der 
Abhandlung,  und  man  wird  zugeben  müssen,  dass  Archimed  in  ihm 
die  eigenthümliche  Gruppirung  und  Benennung  der  grossen  Zahlen 
für  sich  in  Anspruch    nimmt,   aber   keineswegs   den   Gedanken  eines 

20* 


308  l-'i-  Kapitel. 

der  Erdkugel  gleichen  Sandhaufens  selbst  als  einen  neuen  bezeichnet, 
welchen  noch  Niemand  vor  ihm  geäussert  habe. 

Wir  haben  (S.  283)  zugesagt,  auch  die  Kenntnisse  Archimeds 
im  Gebiete  der  Mechanik  in  das  Bereich  unserer  Darstellung  zu 
begreifen.  Bei  Archimed  war  mehr  als  bei  iro-end  früheren  Schrift- 
stellern  die  Mechanik  der  Geometrie  eng  verschwistert.  Geometrische 
Betrachtungen  feinster  Art  standen  ihm  im  Dienste  der  Mechanik, 
mechanische  Lehren  wurden  aber  auch  zur  Beweisführung  geome- 
trischer Sätze  von  ihm  angewandt.  Wir  haben  wiederholt  von  der 
Stellung  der  Abhandlung  über  die  Quadratur  der  Parabel  mitten 
zwischen  den  beiden  Büchern  vom  Gleichgewicht  der  Ebenen 
gesprochen,  und  diese  Stellung  ist  kennzeichnend  nach  beiden  Seiten 
hin.  Eine  Stetigkeit  des  Inhaltes  vom  I.  Buche  zur  Zwischenabhand- 
lung,  von  dieser  zum  IL  Buche  ist  unverkennbar,  so  unverkennbar, 
dass  es  schwer  wird  zu  sagen,  welcher  einzelne  Satz  für  Archimed 
mit  der  Geltung  eines  mechanischen,  welcher  mit  der  eines  geome- 
trischen Satzes  versehen  ist.  Es  handelt  sich  in  der  ganzen  Schrift 
um  Schwerpunktsbestimmungen,  welche  auf  Grund  des  Satzes^) 
gefunden  werden,  dass  der  Schwerpunkt  einer  aus  zwei  gleich  schweren 
nicht  denselben  Schwerpunkt  besitzenden  Grössen  zusammengesetzten 
Grösse  in  der  Mitte  derjenigen  geraden  Linie  liegen  muss,  welche 
die  Schwerpunkte  der  beiden  Theile  verbindet,  zu  welchem  der  andere 
bereits  in  der  aristotelischen  Mechanik  (S.  241)  enthaltene  Satz-) 
kommt,  dass  commensurable  wie  incommensurable  Grössen  im  Gleich- 
gewicht stehen,  sobald  sie  ihren  Entfernungen  von  dem  Stützpunkte 
des  Hebels,  an  welchem  sie  wirkend  gedacht  sind,  umgekehrt  propor- 
tionirt  sind.  So  findet  Archimed  den  Schwerpunkt  eines  Parallelo- 
grammes,  eines  Dreiecks,  eines  Paralleltrapezes  und  hat  damit  das 
nöthige  Material,   um  nun   endlich  bis   zum  17.  Satze   der  Zwischen- 

P  abhaudlung  mechanisch  die  Quadratur 
der  Parabel  abzuleiten'^),  von  deren  sich 
alsdann  noch  anknüpfender  geometrischen 
Begründung  wir  im  vorigen  Kapitel  ge- 
sprochen haben.  Der  Gang  ist  in  aller 
Kürze  folgender.  Zuerst  (Figur  54)  wird 
an  dem  gleicharmigen  in  B  gestützten 
Hebel  ABT  ein  Dreieck  Tz/i/  mit  den 
Befestigungspunkten  B  und  Fan  dem  Wag- 


^)  Gleichgewicht  der  Ebenen  Buch  I,  Satz  4  (ed.  Heiberg)  II,  14G,  (ed. 
Nizze)  2.  -)  Gleichgewicht  der  Ebenen  Buch  I,  Satz  G  und  7,  (ed.  Heiberg) 
n,  152—160,  (ed.  Nizze)  3—5.  ^)  Archimed  (ed.  Heiberg)  H,  308— 3.3G,  (ed. 
Nizze)  12—22. 


I 


Die  übrigen  Leistungen  des  Aichimctlcs. 


309 


jB  E 


IT  r 


balken  ßF  aufgeliäiigt  gedacht.  Es  wird  gezeigt,  dass  dieses  Dreieck 
mit  einer  in  A  aufgehängten  Figur  Z  in  Gleichgewicht  ist,  wenn  Z  der 
dritte  Theil  des  Dreiecks  TA  H  ist.  Des  Weiteren  wird  (Fig.  55)  ein  Pa- 
ralleltrapez aufgehängt  gedacht,  dessen 
nicht  parallele  Seiten  sich  in  F"  schnei- 
den, während  die  parallelen  Seiten 
senkrecht  gegen  den  Wagbalken  sind. 
Für  die  diesem  Trapeze  AKPT  bei 
A  das  Gleichgewicht  haltende  Figur 
Z   wird  bewiesen,    dass   sie   zwischen 


EE 


BF 


zwei     Grenzen,     dem    ^-^-  und    dem 

BH 
BF 


fachen  des  Trapezes  enthalten  ist. 


Fig.  55. 


Jetzt  geht  Archimed  (Figur  56)  zur 
Aufhängung  eines  Parabelabschnittes 
über.  Er  hat  schon  im  Eingange  der 
Abhandlmig  einige  Eigenschaften 
dieser  Curve  erwähnt.  Er  zeigt  nun, 
dass  wenn  die  den  Abschnitt  bildende 
Sehne  BF  in  beliebig  viele  gleiche 
Theile  gethcilt  wird,  wenn  aus  jedem 
Theilpunkte  eine  Parallele  zu  KzJ  und 
aus  den  Schnittpunkten  dieser  Pa- 
rallelen mit  der  Parabel  Verbindungs- 
linien nach  r  gezogen  werden,  welche 
man  noch  jenseits  des  Parabelpunktes 

Ijis  zur  nächsten  Parallelen  verlängert,  der  Parabelabschnitt  alsdaim 
als  zwischen  zwei  Summen  von  trapezartigen  Stücken  enthalten  sich 
kundgibt.  Durch  Aufsuchen  der  jedem  Trapezchen  in  A  das  Gleich- 
gewicht haltenden  Figur,  sowie  durch  Verbindung  der  beiden  ge- 
nannten Gleichgewichtssätze  für  das  Dreieck  und  das  Trapez  ergibt 
sich  endlich  der  Parabelabschnitt  als  Drittel  des  grossen  Dreiecks 
BFA.  Andrerseits  ist  unter  der  Voraussetzung,  es  sei  EM&  die  der 
BF  parallele  Berühruugslinie  an  die  Parabel,  M  die  Mitte  von  11 A , 
H  die  Mitte  von  BT  und  ^  die  Mitte  von  FA,  folglich  HM=~- 

4 

Daraus  ergibt  sich,  dass  der  Parabelabschnitt  —  des  kleinen  Dreiecks 
BMF  ist,  wie  erwiesen  werden  sollte.  Im  II.  Buche  des  Gleich- 
gewichts der  Ebenen  geht  dann  Archimed  dazu  über,  den  Schwer- 
punkt des  parabolischen  Abschnittes  zu  finden. 

Noch  gewaltiger  förderte  Archimed  die  Erkenntniss  der  Gesetze 
gegenseitigen  Druckes  flüssiger  und  fester  Körper.     Er  entdeckte  das 


310  15.  Kapitel. 

nach  ihm  benamite  hydrostatische  Principe),  welches  als  Lehr- 
satz gekleidet  von  ihm  folgendermassen  ausgesprochen  wurde:  Jeder 
feste  Körper,  welcher,  leichter  als  eine  Flüssigkeit,  in  diese  eingetaucht 
wird,  sinkt  so  tief,  dass  die  Masse  der  Flüssigkeit,  welche  so  gross 
ist  als  der  eingesunkene  Theil,  ebenso  viel  wiegt,  wie  der  ganze 
Körper-).  Daraus  folgt  ein  Aveiterer  Satz:  Wenn  ein  Körper,  leichter 
als  eine  Flüssigkeit,  in  diese  getaucht  wird,  so  verhält  sich  sein  Ge- 
wicht zu  dem  einer  gleich  grossen  Masse  Flüssigkeit,  wie  der  einge- 
sunkene Theil  des  Körpers  zum  ganzen  Körper^).  Dieser  Satz  bildet 
selbst  die  wissenschaftliche  Definition  des  specifischen  Gewichtes  für 
solche  Stoffe,  die  leichter  als  die  zur  Dichtigkeitseinheit  gewählte 
Flüssigkeit  sind. 

Das  specifische  Gewicht  dichterer  Körper  hatte  Archimed, 
wie  wir  (S.  296 — 297)  besprochen  haben,  bei  seiner  Kronenrechnung 
zu  benutzen  verstanden.  Wir  lehnten  es  dort  ab,  zu  entscheiden, 
welcher  von  den  beiden  berichteten  Methoden  Archimed  sich  that- 
sächlich  bediente.  Auch  jetzt,  wo  der  Zusammenhang  mit  den  Büchern 
von  den  schwimmenden  Körpern  uns  nahe  legen  würde,  von  jener 
unparteiischen  Zwischenstellung  uns  zu  entfernen,  sprechen  wir  nur 
mit  besonderem  Vorbehalte  unsere  persönliche  Meinung  über  jene 
Frage  aus.  "Die  Methode  mehrfacher  Abwägungen  Hess  jedenfalls 
ein  genaueres  Ergebniss  finden  als  die  Methode  der  Abmessung  der 
auslaufenden  Flüssigkeit,  und  grade  deshalb  scheint  uns,  da  nun  ein- 
mal beide  Methoden  berichtet  werden,  beide  also  mindestens  zur 
Zeit,  als  der  Berichterstatter  lebte,  wahrscheinlich  aber  viel  früher, 
bekannt  gewesen  sein  müssen,  die  letztgenannte  Methode  die  erst- 
erfundene gewesen  zu  sein^).  Der  Gedankengang  ist  doch  wohl  der 
natürlichere,  dass  dem  Archimed  zuerst  unmittelbare  Messung  des 
verdrängten  Wassers  vorschwebte,  und  dass  erst  später,  sei  es  durch 
ihn  selbst,  sei  es  durch  Nachfolger,  das  mittelbare  Verfahren  er- 
funden wurde,  nachdem  die  praktische  Unausführbarkeit  erkannt  war, 
das  verdrängte  Wasser  vollständig  und  genau  aufzufangen  und  zu 
messen.  Sei  dem  nun,  wie  da  wolle,  jedenfalls  hat,  wie  wir  schon 
andeuteten,  die  Kronenrechnung  frühzeitig  ein  verdientes  und  unge- 
wöhnliches   Aufsehen    verursacht.     Vitruvius    nennt    sie    neben    der 


^)  Ueber  das  hydrostatische  Princip  vergl.  Ch.  Thurot,  EecJierches  histo- 
riques  svr  le  princijJC  d'ÄrcMmcde  in  der  Bevue  Areheologique  1869.  ^)  Archi- 
med, Von  schwimmenden  Körpern  Buch  I,  Satz  5  (ed.  Heiberg)  IV,  367,  (ed. 
Nizze)  227.  *)  Archimed,  Von  schwimmenden  Körpern  Buch  II,  Satz  1  (ed. 
Heiberg)  II,  375,  (ed.  Nizze)  232.  *)  Montncla,  Ilistoire  des  Mathematiqucs 
I,  229  vertritt  die  entgegengesetzte  Ansicht  und  Thurot  scheint  ihm  zu  folgen, 
wenn  er  sich  auch  nicht  ho  bestimmt  ausspricht. 


Die  übrigen  Leistungen  des  Archimedes.  311 

Iiicommeiisurabilität  der  Diagonale  eines  Quadrates  und  neben  dem 
j)ythagoräischen  Dreiecke  aus  den  Seiten  'P>,  4,  5  in  gleicher  Linie. 
Sie  stellen  ihm  gemeinschaftlich  die  drei  grössten  mathematischen 
Entdeckungen  dar^).  Proklus  erzählt,  König  Gelon  habe  im  Hinblick 
auf  die  Kronenrechnung  gesagt,  er  werde  hinfort  nichts  bezweifeln, 
was  Archimed  behaupte"'^). 

Dasselbe  geflügelte  Wort,  erzählt  Proklus  weiter,  werde  auch 
auf  König  Hiero  zurückgeführt,  und  knüpfe  sich  an  eine  andere 
mechanische  Leistung,  welche  dem  Laien  noch  wunderbarer  vor- 
kommen musste,  weil  ihm  selbst  eine  unbegreifliche  Handlung  er- 
möglicht wurde.  Archimed  habe  nämlich  mit  Hilfe  von  eigenthüm- 
lich  zusammengesetzten  Herrichtungen  es  fertig  gebracht,  dass  König 
Hiero  ganz  allein  ein  schweres  Schiff  von  Stapel  lassen  konnte.  Ob 
die  Herrichtung  der  Hauptsache  nach  ein  Flaschenzug^),  tgiönuGrog, 
war,  ob  eine  Spirale'),  fli|,  sie  darstellte,  ist  ziemlich  gleichgiltig. 
Jedenfalls  ist  der  Name  des  Archimed  für  alle  Zeiten  mit  dem  einer 
dritten  Gattung  von  Vorrichtungen,  mit  der  Schraube^),  xo^Xia, 
verbunden  geblieben,  welche  er  als  Wasserhebewerk  benutzte,  und 
das  ihm  innewohnende  Bewusstsein  der  grossen  Leistungsfähigkeit 
seiner  Maschinen  spiegelt  sich  in  dem  stolzen  Worte:  Gib  mir  wohin 
ich  gehen  kann,  und  ich  setze  die  ganze  Erde  in  Bewegung^),  Tcä  ßco 
xal  xaQiGtiavL  rar'  yccv  xLvyjöco  7tä6av,  oder  gib  mir  wo  ich  stehe 
und  ich  bewege  die  Erde')  dog  uol  nov  Grcä  aal  xivä  rr^v  yrjv. 

Wir  übergehen  das,  was  von  einem  vielleicht  durch  eine  Art 
Gebläse  oder  durch  Wasserkraft  in  Bewegung  gesetzten  Himmels- 
globus^) des  Archimed  erzählt  wird,  was  sich  auf  ein  für  König 
Hiero  erbautes  grosses  Schiff  mit  20  Ruderbänken^),  was  sich  auf 
die  Brenn  spie  gel  bezieht,  mittels  deren  Archimed  bei  der  Römer- 
belageruug  die  feindlichen  Schiffe  in  Brand  gesetzt  haben  soU^"). 
Das  sind  Gegenstände,  die  noch  weniger  als  die  zuletzt  besprochenen 
der  Geschichte  der  Mathematik  augehören,  und  die,  mag  an  ihnen 
wahr  sein,  was  da  wolle,  die  Verdienste  Archimeds  für  unsere  Zwecke 
weder  erhöhen,  noch  beeinträchtigen. 

1)  Vitruvius  IX,  1—3.  '-)  Proldus  (ed.  Friedlein)  63.  ^)  Tzetzes  II, 
35.  *)  Athenaeus  V  p.  217.  ^)  Diodor  I,  34  und  V,  37.  ")  Tzetzes  II, 
130.  ')  Pappus  VIII,  11  (ed.  Hultsch)  1060.  «)  Bunte,  Leerer  Gymnasial- 
programni  von  1877,  S.  15 — 18  und  Hultsch,  Uelier  den  Himmelsglobus  des 
Archimedes.  Zeitschr.  Math.  Pliys.  XXII,  Histor.-literar.  Abtheilung  106  (1877). 
'•')  Athenaeus  V,  pag.  207.     '")  Eeiberg,  Quacstioncs  Archimedeae  39—41. 


312  Iß-  Kapitel. 

16.  Kapitel. 
Eratostlieiies.     Apolloiiius  von  Pergä. 

Etwa  11  Jahre  nach  der  Geburt  des  Arcbimedes,  im  Jahre  276 
oder  275  wurde  in  Kyrene,  der  therischen  Kolonie  an  der  Nordküste 
Afrikas,  Eratosthenes,  Sohn  des  Eglaos  geboren^).  Er  verbrachte 
den  grössten  Theil  seines  Lebens  in  Alexandria.  Dort  ward  er  er- 
zogen unter  der  Leitung  seines  Landsmannes  Kallimachus,  des 
gelehrten  Vorstehers  der  grossen  Bibliothek,  sowie  eines  anderen 
sonst  unbekannten  Philosophen  Lysanias.  Dann  wandte  er  sich  nach 
Athen,  wo  er  der  Schule  der  Platoniker  sich  näherte,  sodass  er  selbst 
als  Platoniker  bezeichnet  wird,  und  wo  er  wahrscheinlich  auch  zu- 
erst in  das  Studium  der  Mathematik  eindrang.  Ptolemaeus  Euergetes 
— ■  der  dritte  Ptolemäer,  wie  Suidas  erzählt,  dem  die  Notizen  für  das 
Leben  des  Eratosthenes  fast  ausschliesslich  zu  verdanken  sind  — 
berief  Eratosthenes  wieder  nach  Alexandria  zurück  als  Nachfolger 
seines  Lehrers  Kallimachus  in  der  Vorstandsstellung  bei  der  Biblio- 
thek, und  von  da  an  scheint  sein  Verhältniss  zu  diesem  Fürsten  wie 
zur  Fürstin  Arsinoe  ein  besonders  freundschaftliches  geworden  zu 
sein.  Es  ist  folglich  keinerlei  Grund  vorhanden  anzunehmen,  Era- 
tosthenes sei  in  späteren  Jahren  von  der  Bibliothek  entfernt  ins 
Elend  gerathen,  wenn  auch  andrerseits  die  Nachrichten  allzu  über- 
einstimmend sind  um  sie  zu  verwerfen,  dass  Eratosthenes  augen- 
leidend, vielleicht  sogar  erblindet,  seinem  Leben  ungefähr  194  v.  Chr. 
durch  freiwilligen  Hungertod  ein  Ende  machte. 

Die  wissenschaftliche  Bedeutung  des  Eratosthenes  war  eine 
maimigf altige.  Das  Hauptgewicht  scheint  er  selbst  auf  seine  litera- 
rische und  grammatische  Thätigkeit  gelegt  zu  haben,  wenigstens  gal) 
er  sich  den  Beinamen  des  Philologen.  Allein  auch  in  den  meisten 
anderen  Lehrgegenständen  trat  Eratosthenes  als  Schriftsteller  auf,  wie 
die  erhaltenen  Ueberschriften  seiner  Werke  bezeugen,  und  sicherlich 
nicht  mit  Unrecht  nannten  ihn  deshalb  die  Schüler  des  Museums 
Pentathlon,  den  Kämpfer  in  allen  fünf  Fe  cht  weisen,  welche  bei 
den  Kampfspielen  in  Gebrauch  waren.  Um  diese  Vielseitigkeit  zu 
kemizeichuen  mag  nur  der  Schrift  über  das  Gute  und  Böse  neben 
der  Erdmessung,  des  Werkes  über  die  Komödie   neben  der  Geo- 


')  Vergl.  Fabricius,  Bibliotheca  Graeca  (ed.  Harless)  IV,  120—127. 
Eratosthcnis  geographicorum  fragmenta  (ed.  Seidel)  Göttingen,  1789.  G.  Bern- 
hardy,  Eratosthenica.  Berlin,  1822  und  desselben  Verfassers  Artikel  Eratos- 
thenes in  Er  seh  und  Grubers  Encyklopädie.  Eratoslhenis  Carminum  reliquiac 
(ed.  Hiller)  Leipzig,  1872. 


Eratosthenes.     Apollonius  von  Pergä.  31  o 

graphie,  der  Chronologie   neben  dem  Buche    über   die  Würfel- 
verdoppelung gedacht  sein. 

In  der  Erdmessung  war  zum  ersten  Male  von  einem  Griechen 
der  Versuch  gemacht  die  Grösse  der  Erde  genau  zu  bestimmen.  Er 
fand  den  Grad  zu  126  000  Meter,  während  die  wahre  Länge  des 
Breitengrades  in  Aegypten  110  802,6  Meter  beträgt,  so  dass  also 
Eratosthenes  bei  seiner  Schätzung  um  fast  \2>^/^  Procent'  irrte,  ein 
Irrthum,  den  man  aber  nicht  so  beträchtlich  finden  Avird,  wenn  man 
erwägt,  dass  dem  Eratosthenes  dabei  höchstens  bis  zur  zweiten 
Katarakte  wirkliche  Landesvermessungsergebnisse  zu  Gebote  standen, 
während  er  für  das  obere  Land  bis  zu  den  Nilkrümmungen  und  nach 
Meroe  von  den  ganz  unbestimmten  Angaben  der  wenigen  Reisenden 
abhängig  war,  welche  die  Hauptstationen  und  ihre  Entfernungen  in 
Tagesmärschen  aufgezeichnet  hatten^). 

Den  erhaltenen  Bruchstücken  der  Geographie  hat  man  ent- 
nommen, dass  Eratosthenes  nicht  nur  eine  klare  Beschreibung  des 
Vorhandenen  lieferte,  sondern  auch  allgemeine  Betrachtungen  über 
das  Werden  und  die  Ursachen  der  Veränderungen  der  Erdoberfläche 
mit  Glück  gewagt  hat^). 

Für  die  Chronologie  ist  seit  Auffindung  des  Ediktes  von 
Kanopus  ein  Inhalt  bekannt  geworden,  an  welchen  Niemand  früher 
dachte,  Niemand  denken  koimte.  Wir  haben  gelegentlich  (S.  40) 
von  dieser  Verordnung  gesprochen.  Die  in  Kanopus,  nur  wenige 
Wegstunden  von  Alexandria  entfernt,  versammelte  Priesterschaft  ver- 
kündete unter  dem  Datum  des  19.  Tybi  des  9.  Regierungsjahres 
Ptolemaeus  IIL,  Euergetes  I.  d.  i.  am  7.  März  238  v.  Chr.  den  BefehP), 
dass  „damit  auch  die  Jahreszeiten  fortwährend  nach  der  jetzigen 
Ordnung  der  Welt  ihre  Schuldigkeit  thun  und  es  nicht  vorkomme, 
dass  einige  der  öffentlichen  Feste,  Avelche  im  Winter  gefeiert  werden, 
einstens  im  Sommer  gefeiert  werden,  indem  der  Stern  um  einen  Tag 
alle  vier  Jahre  weiterschreitet,  andere  aber,  die  im  Sommer  gefeiert 
werden,  in  späterer  Zeit  im  Winter  gefeiert  werden,  wie  das  sowohl 
früher  geschah,  als  auch  jetzt  wieder  geschehen  würde,  wenn  die 
Zusammensetzung  des  Jahres  aus  den  360  Tagen  und  den  5  Tagen, 
welche  später  noch  hinzuzufügen  gebräuchlich  wurde,  so  fortdauert, 
von  jetzt  an  1  Tag  als  Fest   der  Götter  Euergeten   alle  4  Jahre  ge- 

')  Lepsius,  Das  Stadium  und  die  Gradmessung  des  Eratosthenes  auf 
Grundlage  der  ägyptischen  Maasse  (in  der  Zeitschr.  f.  ägypt.  Sprache  und 
Alterthumskunde  1877,  1.  Heft).  ^)  Alex.  v.  Humboldt,  Kosmos  II,  208  und 
die  zugehörige  Anmerkung  S.  435.  Berger,  Die  geographischen  Fragmente 
des  Eratosthenes  neu  gesammelt,  geordnet  und  besprochen.  Leipzig,  1880. 
^)  Lepsius,  Das  bilingue  Dekret  von  Kanopus.     Berlin,  1866.  Bd.  I. 


314  16.  Kapitel. 

feiert  werde  hinter  den  5  Epagomenen  und  vor  dem  Neuen  Jahre, 
damit  Jedermann  wisse,  dass  das,  was  früher  in  Bezug  auf  die  Ein- 
richtung der  Jahreszeiten  und  des  Jahres  und  das  hinsichtlich  der 
ganzen  Himmelsordnuug  Angenommene  fehlte,  durch  die  Götter 
Euergeten  glücklich  berichtigt  und  ergänzt  worden  ist."  Ob  Era- 
tosthenes  selbst  diese  wichtige  chronologische  Neuerung  veranlasste, 
ist  unsicher.  Kallimachus  soll  nämlich  um  die  CXXXV.  oder 
CXXXVI.  Olympiade  gestorben  sein.  Der  Anfang  der  ersteren  war 
240,  der  der  zweiten  236.  Zwischen  beide  Anfänge  fällt  das  Edikt 
von  Kanopus.  Da  nun  Eratosthenes  erst  nach  dem  Tode  des  Kalli- 
machus wieder  nach  Alexandria  zurückkehrte,  so  hängt  es  wesentlich 
von  der  genauen  Bestimmung  dieses  Todesjahres  ah,  ob  Eratosthenes 
bei  Erlass  des  Ediktes  zur  Stelle  war  oder  nicht.  Aber  sei  dem, 
wie  da  wolle,  irgend  eine  Beziehung  zwischen  der  Schaltjahreinrich- 
tung und  der  Chronologie  des  Eratosthenes  wird  nicht  wohl  von  der 
Hand  zu  weisen  sein.  Wir  machen  zugleich  darauf  aufmerksam,  dass 
von  dieser  merkwürdigen  Thatsache  des  Vorhandenseins  eines  ägyp- 
tischen Schaltjahres  in  der  frühen  Ptolemäerzeit  der  Alterthums- 
forschung  vor  Auffindung  des  Ediktes  selbst  nicht  eine  Silbe  be- 
kannt war.  Nicht  die  leiseste  Anspielung  auf  diese  jetzt  durchaus 
feststehende  bedeutsame  Reform  kommt  in  uns  erhaltenen  alexandri- 
nischen  Schriften  vor,  ein  Wink,  nicht  gar  zu  viel  auf  das  negative 
Zeugniss  fehlender  Belege  für  eine  an  sich  wahrscheinliche  Vermu- 
thung  zu  vertrauen. 

Ueber  alle  diese  Schriften  müssen  kurze  Andeutungen  hier  ge- 
nügen. Bevor  wir  zum  Briefe  über  die  Würfelverdoppelung  und 
damit  zur  mathematischen  Seite  der  Thätigkeit  des  Eratosthenes 
übergehen,  Avollen  wir  nur  eines  weitereu  Beinamens  noch  gedenken, 
unter  welchem  er  mitunter  vorkommt.  Man  nannte  ihn  nämlich 
Beta.  Die  Bedeutung  dieses  Beinamens  ist  sehr  zweifelhaft.  Die 
Einen  wollen,  er  habe  ihn  deshalb  erhalten,  weil  er  der  zweite  Vor- 
steher der  grossen  Bibliothek  gewesen  sei.  Allein  dieses  ist  eines- 
theils  unrichtig,  wenn,  wie  sonst  angenommen  wird,  Zenodotus  der 
erste,  Kallimachus  der  zweite,  Eratosthenes  also  erst  der  dritte  Vor- 
steher war,  anderntheils  ist  nirgends  eine  Spur  zu  finden,  dass  Zeno- 
dotus oder  auch  Kallimachus  etwa  Alpha,  oder  einer  der  Nachfolger 
des  Eratosthenes  Gamma  oder  Delta  genannt  worden  wäre.  Wahr- 
scheinlicher ist  die  andere  Ableitung,  wonach  das  Wort  Beta  ihn 
als  zweiten  Piaton  kennzeichnen  sollte,  oder  allgemeiner  als  den- 
jenigen, der  überall  den  ZAveiten  Rang  wenigstens  sich  zu  erobern 
wusste,  wenn  der  erste  Rang  auch  ehrfurchtsvoll  den  Altvordern 
eingeräumt   werden   muss.     Endlich    kommt    noch  in   Betracht,    dass 


Eratosthenes.     ApoUonius  von  Pergä. 


315 


Buchstaben  als  Beiaameu,  und  zwar  unter  den  seltsamsten  Begrün- 
dungen, auch  anderweiti«;  bei  den  Griechen  uru  das  Jahr  200  v.  Chr. 
vorkommen.  So  wird  ein  Astronom  Apollonius,  der  zur  Zeit  des 
Königs  Ptolemaeus  Philopator  sich  mit  Untersuchungen  über  den 
Mond  beschäftigte  und  dadurch  sich  weithin  bekannt  machte,  als 
Epsilon  bezeichnet;  denn  der  Buchstabe  6  sehe  der  Gestalt  des 
Mondes  gleich^). 

Der  Brief  über  die  Würfelverdoppelung  ist  von  uns  be- 
reits mehrfach  benutzt  worden.  Dem  Anfange  desselben  entnahmen 
wir  (S.  199)  die  Geschichte  der  Entstehung  jenes  Problems.  Als 
wir  von  Eudoxus  und  Menächmus  und  ihren  Würfelverdoppelungen 
redeten  (S.  217  und  218),  bezogen  wir  uns  auf  ein  Epigramm^), 
welches  den  Schluss  des  Briefes  bildet.  Der  Haupttheil  des  Briefes 
lehrt  selbst  eine  Verdoppelung  des  Würfels  unter  Anwendung  eines 
eigens  dazu  erfundenen  Apparates,  des  Mesolabium,  wie  es  genannt 
wurde,  weil  es  dabei  auf  die  Auffindung  zweier  geometrischer  Mittel 
zwischen  zwei  gegebenen  Grössen  und  zwar  durch  Bewegungsgeo- 
metrie (S.  215)  ankam  ^).  Das  Mesolabium  bestand  aus  drei  einander 
gleichen  rechtwinkligen  Täfelchen  von  Holz,  Elfenbein  oder  Metall, 
welche  zwischen  zwei  mit  je  drei  Rinnen  versehenen  Linealen  ein- 
geklemmt in  diesen  Rinnen  über  einander  weg  verschoben  werden 
konnten.  Die  Anfangslage  ist  in 
der  Figur,  welche  Eutokius  in 
seinem  Commentare  zu  Archimeds 
Büchern  von  der  Kugel  und  dem 
Cylinder,  wo  der  ganze  Brief  des 
Eratosthenes  eingeschaltet  sich 
findet,  beigibt,  mit  den  Buchstaben 
(Figur  57)  AEZA,  AZHI,  I&H^ 

versehen,  wobei,  wie  wir  im  Vorübergehen  bemerken,  der  Buchstabe 
I  auffallen  mag.  Auch  in  der  in  dem  gleichen  Commentare  erhaltenen 
Figur  zur  Würfelverdoppelung  des  Archytas  (S.  215  Fig.  36)  kommt 


^)  Ptolemaeus  Hephaestio  bei  Photius  cod.  CXC.  ')  Hiller  in 
seiner  Ausgabe  der  poetischen  Fragmente  des  Eratosthenes  hält  aus  sprach- 
lichen Gi'ünden  das  Schlussepigramm  sowie  vielleicht  den  ganzen  Brief  für  un- 
echt. Die  sprachliche  Form  geben  wir  deshalb  preis,  da  wir  uns  nicht  be- 
rechtigt glauben  auf  diesem  Gebiete  zu  widersprechen,  den  Inhalt  aber  halten 
wir  der  wesentlichen  Uebereinstimmung  wegen  mit  Allem,  was  wir  wissen,  nach 
wie  vor  für  echt.  ^)  Den  Namen  des  Mesolabium  kennen  wir  aus  Vitruvius 
IX,  3  und  aus  Pappus  III,  4  (ed.  Hultsch)  54.  Die  Beschreibung  des  Appa- 
rates bei  Pappus  III,  5  (ed.  Hultsch)  56  sq.  weicht  in  Einzelheiten,  aber  nicht 
in  dem  Hauptgedanken  von  dem  eratosthenischen  Briefe  ab  und  bestätigt  so 
unsere  in  der  vorigen  Anmerkung  ausgesprochene  Meinung. 


316 


16.  Kapitel. 


ein  /  vor,  während  wir  (ß.  195)  bemerkt  haben,  dass  Euklid  gruud 
sätzlich  diesen  Buchstaben  vermeide.  Wohl  möglich,  dass  diese  Sitte 
zur  Zeit  des  Eudemus,  dessen  Aufzeichnungen  Eutokius  das  Ver- 
fahren des  Archytas  entnimmt,  uoch  nicht  aufgekommen  war.  Für 
das  Vorkommen  des  I  in  einer  Figur  des  Eratosthenes  wissen  wir 
keine  andere  Erklärung,  als  dass  an  dem  ursprünglichen  Texte 
mancherlei,  wenn  auch  den  Inhalt  wenig  berührende  Aenderungen 
vorgenommen  worden  sein  müssen,  von  denen  unter  anderen  die 
Buchstaben    der    einen  Figur    betroffen    wurden.     War  nun  y^E   die 

grössere,  z/@  die  kleinere  Linie, 
zwischen  welche  die  beiden  mittleren 
Proportionalen  einzuschalten  waren, 
so  musste  man  (Figur  58)  die  Recht- 
eckchen so  verschieben,  dass  das  erste 
einen  Theil  des  zweiten,  dieses  einen 
Theil  des  dritten  verbarg  und  zwar 
der  Art,  dass  die  von  A  nach  ^  ge- 
zogene Grade  durch  die  Punkte  B,  F  hindurchging,  von  welchen  an 
die  Diagonalen  des  zweiten  und  dritten  Rechteckchens  sichtbar  waren; 
die  BZ  und  FH  sind  alsdann,  wie  leicht  zu  beweisen  ist,  die  beiden 
gesuchten  mittleren  Proportionallinien.  Eratosthenes  schlug  diese 
seine  Erfindung  so  hoch  an,  dass  er  zum  ewigen  Gedächtnisse  der- 
selben ein  Exemplar  als  Weihgeschenk  in  einem  Tempel  aufhängen 
Hess.  Die  von  ihm  selbst  entworfene  Inschrift,  welche  die  Gebrauchs- 
anweisung enthielt,  soll  das  mehrgenannte  Schlussepigramm  des  era- 
tosthenischen  Briefes  sein. 

Ob  ein  von  Pappus  an  zwei  Stellen^)  erwähntes  Werk  des  Era- 
tosthenes über  Mittelgrössen,  TtSQi  ^söorrircov  oder  tojcoi  ngog 
^sootrjras,  sich  gleichfalls  auf  die  Würfelverdoppelung  bezog,  ist 
ungewiss.  Wäre  dem  so,  so  würde  daselbst  möglicherweise  eine 
geometrische  Lösung  gelehrt  worden  sein,  da  Pappus  das  eine  Mal 
bemerkt,  diese  Schrift  stehe  mit  den  linearen  Oertern  ihrer  ganzen 
Voraussetzung  nach  in  Zusammenhang. 

Noch  geringfügiger  sind  die  Spuren  eines  weiteren  Werkes  des 
Eratosthenes,  welche  auf  wenige  unbedeutende  Citate  bei  Theon  von 
Smyrna-)  sich  beschränken.  Weim  auch  der  Schluss  gerechtfertigt 
sein  mag,  in  jenem  Werke  sei  von  den  Proportionen  und  sonstigen 
arithmetischen  Fragen  die  Rede  gewesen,  so  schwebt  doch  die  Be- 
hauptung^) ganz  in  der  Luft,  sie  habe  den  Titel  Arithmetik  geführt. 

^)  Pappus  VII,  Prooemium  (ed.  Hultsch)  636  und  662.  ^)  Theon 
Smyrnaeus  (ed.  Hiller)  82,  107,  111.  '')  Fabricius,  Bihliotheca  gracca  (ed. 
Halles s)  IV,  121.  i 


Eratosthenes.     Apollonius  von  Pergä.  317 

Vielleicht  gehört  ebendahin  ein  Bruchstück,  welches  bei  Niko- 
machus  von  Gerasa  und  in  dem  Commentare  zu  dessen  Arithmetik 
von  Jamblichus  sich  vorfindet^).  Vielleicht  aber  bildet  auch  dieses 
Bruchstück  einen  Theil  einer  besonderen  Schrift,  welche  den  Titel 
des  Siebes  führte.  Das  Sieb,  mGxlvov  (lateinisch:  crihruni  Era- 
tosthenis)  ist  eine  Methode  zur  Entdeckung  sämmtlicher  Primzahlen. 
Man  schreibt,  so  lautet  die  Regel,  alle  ungraden  Zahlen  von  der  3 
an  der  Reihe  nach  auf.  Man  streicht  nun  jede  dritte  Zahl  hinter 
der  3  durch,  so  sind  die  Vielfachen  der  3  entfernt.  Dann  geht  man 
zur  nächsten  Zahl  5  über  und  streicht  jede  fünfte  Zahl  hinter  ihr 
durch  ohne  Rücksicht  darauf,  ob  sie  schon  durch  einen  früheren 
Strich  vernichtet  ist  oder  nicht,  so  sind  die  Vielfachen  der  5  ent- 
fernt. Fährt  man  weiter  so  fort,  indem  man  beim  Abzählen  und 
Durchstreichen  die  bereits  durchstrichenen  Zahlen  den  unberührten 
gleichachtet  und  nur  den  Unterschied  macht,  dass  man  keine  durch- 
strichene  Zahl  als  Ausgangspunkt  einer  neuen  Aussiebung  benutzt, 
so  bleiben  schliesslich  nur  die  Primzahlen  übrig.  Sämmtliche  zu- 
sammengesetzte Zahlen  dagegen  sind  vernichtet,  und  am  Anfange 
fehlt  auch  noch  die  Primzahl  2,  welche  Jamblichus,  weil  sie  grad 
sei,  nicht  unter  die  Primzahlen  gerechnet  wissen  will,  trotzdem  Euklid 
sie  fehlerhafter  Weise  dorthin  verwiesen  habe"-). 

Die  Siebmethode  des  Eratosthenes  ist  grade  keine  solche,  zu 
deren  Ersinnung  ein  übermässiger  Scharfsinn  gehörte.  Trotz  dessen 
glauben  wir  sie  ihrer  geschichtlichen  Stellung  wegen  für  einen  ziem- 
lich bedeutenden  Fortschritt  in  der  Zahlentheorie  halten  zu  müssen. 
Man  erwäge  nur,  wie  die  Sache  der  Zeitfolge  nach  liegt.  Zuerst 
unterschied  man  Primzahlen  von  zusammengesetzten  Zahlen  und 
leitete  wohl  manche  Eigenschaften  der  letzteren  aus  den  ersteren 
ab.  Der  zweite  Schritt  war  der,  dass  Euklid  zeigte,  wie  die  Anzahl 
der  Primzahlen  unendlich  sei,  wie  es  folglich  nicht  möglich  sei,  alle 
Primzahlen  zu  untersuchen.  Jetzt  erst  gewinnt  es  als  dritter  Schritt 
Bedeutung,  wenn  Eratosthenes  zeigt,  wie  man  wenigstens  im  Stande 
sei,  die  Primzahlen,  so  weit  man  in  der  Zahlenreihe  gehen  will,  zu 
entdecken,  und  somit  der  Unausführbarkeit  der  Darstellung  sämmt- 
licher Primzahlen  eine  von  der  Willkür  des  Rechners  abhängende 
untere  Grenze  zu  setzen.  An  und  für  sich  hätte  die  Erfindung  des 
Eratosthenes  ebensogut  vor  als  nach  Euklid  gemacht  werden  können; 
nur,    meinen  wir,   wäre    ihr   wissenschaftlicher  Werth    geringfügiger 


')  Nicomachus  (ed.  Ho  che)  -29  ä.gg.  Jamblichus  in  Nicomachi  arith- 
inelicam  (ed.  Tennulius)  41,  42.  -)  Jamblichus  in  Nicomachi  arithmeticam 
(ed.  Tennulius)  42. 


318  16-  Kapitel. 

«•eweseu,  wenn  sie  älter  war.  Damals  hätte  das  Sieb  ein  verunglückter 
Versuch  sein  können  die  genaue  Anzahl  der  Primzahlen  zu  ermitteln. 
Jetzt  dagegen,  nach  Euklid,  konnte  es  nur  eine  Methode  sein,  bei 
deren  Aussinuuug  man  von  Anfang  au  grade  das  beabsichtigte,  was 
sie  zu  leisten  im  Stande  ist.  Darin  aber  schon  liegt  ein  Zeugniss 
höherer  Vollkommenheit,  wenn  Methoden  zu  bestimmten  Zwecken 
gesucht  und  auch  wirklich  gefunden  werden. 

Das  Jahrhundert  von  300  bis  200  v.  Chr.,  welches,  weil  am 
Anfang  desselben  Euklid  blühte,  das  Jahrhundert  des  Euklid  genannt 
werden  kann,  schloss  würdig  ab  mit  Apollonius  von  Pergä^).  Den 
Beinamen,  der  ihn  von  ausserordentlich  vielen  bekannten  Männern, 
welche  gleichfalls  Apollonius  heissen,  unterscheiden  soll,  führt  er 
nach  seinem  Heimathsorte,  einer  Stadt  in  Pamphilien.  Ob  er  mit 
dem  früher  erwähnten  Astronomen,  dem  der  Beiname  Epsilon  beige- 
legt wurde,  zusammenfällt  oder  nicht,  steht  in  Zweifel.  Die  Lebens- 
zeit der  beiden  ist  allerdings  übereinstimmend.  Apollonius  von 
Pergä  wurde  während  der  Regierung  des  Ptolemaeus  Euergetes  ge- 
boren und  hatte  seine  Blüthezeit,  gleich  jenem  Astronomen,  während 
der  bis  205  dauernden  Regierung  des  Ptolemaeus  Philopator.  Eine 
fernere  üebereinstimmung  könnte  man  darin  finden,  dass  auch  von 
Apollonius  von  Pergä  bekannt  ist,  dass  er  mit  Sternkunde  sich  be- 
schäftigte. Wenigstens  geht  die  beste  Lesart  einer  Stelle  des  1.  Ka- 
pitels des  XII.  Buches  des  ptolemäischen  Almagestes  dahin,  dass 
Apollonius  von  Pergä  über  den  Stillstand  und  die  rückläufige  Be- 
wegung der  Planeten  geschrieben  habe,  und  sie  mit  Hilfe  der  Epi- 
cyklen  zu  erklären  suchte.  Ein  freilich  nur  negativer  Gegeugrund 
liegt  darin,  dass  Ptolemäus  von  den  Untersuchungen  über  den  Mond 
gar  nichts  sagt,  welche  doch  grade  die  vorzüglichste  Leistung  des 
Apollonius  Epsilon  gebildet  haben  müssen. 

Von  den  Lebensverhältnissen  des  Apollonius  von  Pergä  ist  nichts 
weiter  bekannt,  als  dass  er  schon  als  Jüngling  nach  Alexandria  kam, 
wo  er  seine  mathematische  Bildung  von  den  Nachfolgern  des  Euklid 
erhielt.     Ein  bestimmter  Lehrer  wird  nicht  genannt.     Später  ist  ein 


})  Das  Material  für  die  Biographie  des  Apollonius  von  Pergä  ist  zusammen- 
gestellt in  der  Vorrede  von  Halley's  Ausgabe  der  Kegelschnitte  des  Apollonius 
(Oxford,  1710).  Vergl.  auch  Fabricius,  Biblioth.  Gracca  (ed.  Harless)  IV, 
102—203.  Montucla,  Uistoire  des  matliematiqucs  I,  245—253.  Ter  quem, 
Notice  hibliograpliique  sur  Apollonius  in  den  Nouvelles  annales  des  matJtematiques 
(1844)  111,  350—352  und  474—488,  endlich  die  Vorrede  von  H.  Balsam  zu 
seiner  deutschen  Bearbeitung  (nicht  üebersetzung)  der  Kegelschnitte  des  Apol- 
lonius von  Pergä.  Berlin,  1861.  Die  neueste  Ausgabe  der  vier  ersten  griechisch 
erhaltenen  Bücher  der  Kegelschnitte  des  Apollonius  nebst  ihren  Couimcntatoren 
ist  die  von  Heiberg  in  2  Duodezbänden.     Leipzig,  1891—93. 


Eratosthenes.     ApoUonius  von  Pergä.  319 

Aufenthalt  in  Pergamum  gesichert,  wo  ApoUonius  einem  gewissen 
Eudemus  befreundet  war,  welchem  er  mit  Wachrufung  der  Erinne- 
rung an  jenes  Zusammenleben  sein  Hauptwerk,  die  acht  Bücher 
der  Kegelschnitte,  Jicoviaä,  widmete. 

Zeitgenossen  und  Nachkommen  bewunderten  dieses  Werk  und 
ehrten  dessen  Verfasser  durch  den  Beinamen  des  grossen  Mathe- 
matikers. So  erzählt  ausdrückHch  Geminus,  dessen  Bericht  Eutokius 
in  seinem  Commentare  zu  den  vier  ersten  Büchern  der  Kegelschuitte 
des  ApoUonius  uns  aufbewahrt  hat^).  Eutokius  will  damit  den  Un- 
grund  des  Vorwurfes  darlegen,  welchen  Heraklides,  der  Biograph  des 
Archimed  (S.  280)  gegen  ApoUonius  ausspricht,  als  habe  derselbe 
nur  einen  literarischen  Raub  an  noch  unveröffentlicht  gebliebenen 
Schriften  des  Archimed  begangen.  Mit  gleichem  Rechte  lässt  der 
Bericht  des  Geminus  sich  gegen  die  früher  (S.  274)  erwähnte  Be- 
hau j)tung  des  Pappus  verwerthen,  als  stützten  sich  die  vier  ersten 
Bücher  des  ApoUonius  wesentlich  auf  die  Kegelschnitte  des  Euklid-). 
ApoUonius  wird  gewiss  so  wenig  wie  ein  Schriftsteller  irgend  einer 
Zeit  und  irgend  eines  Volksstammes  versäumt  haben  die  Vorarbeiten 
auf  dem  Gebiete,  welches  er  zu  behandeln  wünschte,  kennen  zu 
lernen.  Er  wird  sicherlich  von  den  Vorarbeiten,  insbesondere  wenn 
sie  von  einem  Euklid,  einem  Archimed  herrührten,  Vortheil  gezogen 
haben;  er  sagt  auch  nirgends  in  seinen  Schriften,  dass  das  Ganze 
seiner  Kegelschnitte  sein  ausschliessliches  Eigenthum  sei.  Aber  von 
der  Benutzung  fremder  Vorarbeiten  als  Grundlage,  als  untere  Voraus- 
setzung eines  Werkes  zu  unrechtmässiger  Aneignung  fremder  Ent- 
deckungen ist  doch  eine  uuermessliche  Kluft,  und  es  fäUt  schwer 
einem  Manne  von  der  sonst  allseitig  anerkannten  Bedeutung  des 
ApoUonius  letztere  Handlung  zuzutrauen.  Zwei  ganz  grundlegende 
Neuerungen  haben  wir  überdies  unter  allen  Umständen  dem  ApoUonius 
zuzuschreiben. 

Geminus  sagt  ausdrücklich,  wie  uns  Eutokius  an  der  oben  er- 
wähnten Stelle  berichtet,  die  Alten  hätten  nur  gerade  Kegel  ge- 
schnitten und  die  Schnitte  stets  senkrecht  zur  Seite  des  Kegels 
geführt,  worauf  sie  je  nach  dem  Winkel  an  der  Spitze  des  Kegels 
den  Schnitt  des  spitzwinkligen,  des  rechtwinkligen,  des  stumpfwink- 
ligen Kegels  unterschieden  (S.  232).  ApoUonius  dagegen  habe  ge- 
zeigt, dass  alle  diese  Schnitte  an  einem  einzigen  Kegel  hervor- 
gebracht werden  können,  und  dass  man  zu  diesem  Schnitte  ebenso 
wie    den    geraden    Kegel    auch    den    schief  stehenden    verwenden 


')  ApoUonius,    Conica    (ed.  Heiberg)   II,  170.     ^)  Pappus,   VII  Pro- 
oemium  (ed.  Hultsch)  G72. 


320  l^'  Kapitel. 

könne.  Wir  sehen  also,  dass  Apollouius  das  vervollständigte,  was 
Euklid  (S.  278),  was  Archimed  (S.  289)  nur  von  der  Ellipse  wussten, 
dass  sie  auf  jedem  —  jetzt  nachdem  wir  den  Bericht  des  Geminus 
kennen,  müssen  wir  mit  einer  weiteren  Einschränkung  sagen:  auf 
jedem  graden  —  Kegel  herausgeschnitten  werden  kann.  Gegen 
Geminus  anzunehmen,  dass  auch  jene  schon  alle  Kegelschnitte  auf 
jedem  Kegel  hervorzubringen  im  Stande  gewesen  seien,  ist  eine  Be- 
hauptung, welche  auf  keinerlei  alten  Bericht  sich  stützt. 

Von  der  anderen  Neuerung  wissen  wir  durch  Pappus^),  der 
gleichzeitig  auch  das  von  Geminus  Mitgetheilte  bestätigt.  Apollonius 
habe,  wie  er  die  Herstellbarkeit  jedes  Kegelschnittes  auf  der  Ober- 
fläche eines  jeden  Kegels  erkannte,  für  dieselben  neue  Namen  ein- 
geführt, und  zwar  die  Namen  Ellipse,  Parabel,  Hyperbel  mit 
Rücksicht  auf  gewisse  Eigenschaften  der  Flächenaulegung. 

Wir  haben  auf  diese  mit  äusserster  Bestimmtheit  ausgesprochene 
Angabe  uns  gestützt,  um  (S.  277)  Euklid  die  Kenntniss  abzusprechen, 
dass  die  pythagoräischen  Sätze  von  Flächenanlegungen  zu  Kegel- 
schnitten als  geometrischen  Oertern  führen  konnten.  Mit  Rücksicht 
auf  die  gleiche  Stelle  hat  man  gewiss  mit  Recht  die  Zuverlässigkeit 
einiger  archimedischen  Handschriften  in  Zweifel  gezogen^),  in  welchen 
die  Wörter  Parabel  und  Ellipse  statt  des  Schnittes  des  rechtwinkligen 
und  spitzwinkligen  Kegels  vorkommen.  Der  Name  der  Parabel  ins- 
besondere erscheint  nur  in  der  Ueberschrift  der  Abhandlung  über  die 
Quadratur  dieser  Curven,  und  auch  wo  der  Name  der  Ellipse  im 
fortlaufenden  Texte  der  Abhandlung  von  den  Konoiden  und  Sphäroiden 
dreimal  sich  vorfindet,  dürfte  eine  späte  Einschiebung  durch  Abschreiber, 
welche  den  Wortlaut  ganz  unbeschadet  des  Sinnes  abkürzen  zu  dürfen 
meinten,  anzunehmen  sein. 

Hat  aber  Apollonius  zuerst  die  Entstehung  aller  Kegelschnitte 
an  jedem  Kegel,  zuerst  die  Eigenschaften  derselben  erkannt,  die  wir 
heutigen  Tages  aus  den  Scheitelgleichungen  der  drei  Kegelschnitte 
herauszulesen  gewohnt  sind,  dann  ist  seine  Bearbeitung  der  Kegel- 
schnitte unzweifelhaft  ein  Originalwerk,  mögen  auch  noch  so  viele 
Lehrsätze  in  den  vier  ersten  Büchern  vorkommen,  die  von  Euklid, 
wenn  nicht  schon  von  Menächmus  und  Aristäus  dem  Aelteren  ge- 
kannt waren.  Zwei  andere  Vorgänger  nennt  übrigens  Apollonius 
selbst  in  der  Vorrede  zum  IV.  Buche ^):  Konon  von  Samos  und 
Nikoteles   von  Kyrene,    deren  ersterer  uns  schon  als  geistreicher 


^)  Pappus  VII,  Prooemium  (ed.  Hultsch)  674.  =*)  Archimed  (ed. 
Nizze)  285.  Die  entgegengesetzte  Meinung  bei  Chasles,  -4pe?-fw  Mst.  17  in 
der  Anmerkung  (Deutsch  15).     '')  Apollouius,  Conica  (ed.  Heiberg)  II,  2. 


Eratosthenes.     Apollonius  von  Pergä.  321 

Freund  des  Archimed  bekannt  geworden  ist,  wenn  auch  der  Um- 
stand, dass  seine  Schriften  uns  sämnitlich  verloren  sind,  uns  abhielt, 
ihm  eine  besondere  Stelle  ausführlicher  Beachtung  zu  gewähren. 
Hätten  wir  doch  nur  berichten  können,  dass  er  in  Samos  geboren, 
in  Alexandrien  lebte,  aber  auch  in  Italien  und  Sicilien  astronomische 
Beobachtungen  anstellte,  dass  er  um  246  das  Haupthaar  der  Berenike, 
der  Gemahlin  des  Ptolemaeus  Euergetes,  unter  die  Sterne  versetzte '). 
Gehen  wir  nun  mit  raschen  Schritten  an  dem  Inhalte  der  Kegel- 
schnitte des  Apollonius  vorüber^).  Im  I.  Buche  wird  nach  der  all- 
gemeinen Definition  des  Kegels  als  der  Oberfläche,  die  durch  eine 
Gerade  sich  erzeugt,  welche  um  eine  Kreisperipherie  herumgeführt 
wird,  während  sie  zugleich  durch  einen  festen,  ausserhalb  der  Ebene 
der  Kreisperipherie  liegenden  Punkt  geht,  die  so  erhaltene  Fläche 
durch  Ebenen  geschnitten.  Jeder  Schnitt  durch  den  festen  Punkt, 
d.  h.  durch  die  Spitze  des  Kegels,  erzeugt  ein  Dreieck,  und  liegt  in 
dieser  Schnittebene  auch  die  Axe  des  Kegels,  die  Verbinduugsgerade 
der  Spitze  zum  Mittelpunkte  des  bei  der  Erzeugung  des  Kegels  mit- 
wirkenden Kreises,  so  entsteht  das  Axendreieck.  Nun  wird  vor- 
geschrieben, neue  Schnittebenen  senkrecht  zum  Axendreiecke  zu 
führen,  und  Apollonius  zeigt,  wie  je  nach  der  Richtung  dieser 
Schnitte  zur  Seite  des  Axendreiecks  die  verschiedenen  Kegelschnitts- 
curven  auf  der  Kegeloberfläche  erscheinen.  Die  Durchschnittslinie  der 
Schnittebene  mit  dem  Axendreiecke  ist  jedesmal  ein  Durchmesser 
des  Kegelschnittes,  d.  h.  sie  halbirt  alle  Sehnen  des  Kegelschnittes, 
welche  unter  sich  und  einer  jedesmal  bestimmten  Geraden  parallel 
gezogen  werden.  Der  Punkt,  in  welchem  der  Durchmesser  die  Ober- 
fläche des  Kegels  trifft,  ist  der  Scheitel  des  Kegelschnittes.  Durch 
diesen  Scheitel  wird  nun  in  der  Schnittebene,  also  senkrecht  zum 
Axendreiecke  und  parallel  zu  dem  durch  den  Durchmesser  halbirten 
Sehnensysteme  eine  Gerade  errichtet,  deren  Länge  durch  gewisse 
Methoden  geometrisch  bestimmt  wird,  und  welche  jenes  ^)  darstellt, 
jene  Länge,  an  welche  nach  unseren  früheren  Auseinandersetzungen 
(S.  274)  ein  gewisser  Flächenraum  in  Gestalt  eines  Parallelogrammes 
angelegt  werden  soll.  Diese  Linie,  welche  man  in  moderner  Sprache 
den  Parameter  des  Kegelschnittes  nennt,  heisst  bei  Apollonius 
schlechtweg  die  Errichtete,  vQ&ia,  ein  Name,  der  alsdann  in  den 
lateinischen  Uebersetzungen  zum  latus  rectum  geworden  ist.  Man 
sieht  leicht   ein,    dass  Apollonius   mittels    dieser  Vorschriften   genau 


^)  A.  Böckh,  Ueber  die  vierjährigen  Sonnenkreise  der  Alten  S.  28 — 29. 
-)  Eine  sehr  hübsche  Zusammenstelkmg  von  Housel  in  Liouville's  Journal 
des  Mathematiques  (1858)  XXIII,  153—192. 

Camor,  Gescliichte  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  21 


322  16.  Kapitel, 

die  bleichen  Linien  ziehen  lässt,  deren  mau  noch  heute  bei  Anwen- 
düng  der  Methoden  der  analytischen  Geometrie  sich  bedient.  Es  ist 
ein  förmliches  Coordinateusjstem  gezeichnet,  dessen  Anfangspunkt 
auf  dem  Kegelschnitte  selbst  liegt,  dessen  Abscissenaxe  ein  Durch- 
messer des  Kegelschnittes,  und  dessen  Ordinatenaxe  die  jenem  Durch- 
messer conjugirte  Berührungslinie  im  Coordinatenanfangspunkte  ist. 
Diese  gegebenen  Elemente  handhabt  nun  Apollonius  in  griechischer 
Weise.  Er  rechnet  natürlich  nicht  mit  Formehi  und  Gleichungen, 
wie  wir  es  thun,  aber  er  verknüpft  und  verbindet  Proportionen  von 
Längen  und  von  Flächenräumen,  welche  nur  einen  anderen  Ausdruck 
des  in  den  Gleichungen  der  Kegelschnitte  enthaltenen  Gedankens 
darstellen,  um  zu  den  gleichen  Folgerungen  zu  gelangen.  Läuft  der 
Schnitt  der  Seite  des  Kegels  parallel,  so  kann  nur  von  einem  Scheitel 
der  Parabel  die  Rede  sein.  Im  entgegengesetzten  Falle  wird  ausser 
dem  einen  Schenkel  des  Axendreiecks  auch  der  zweite  entweder  selbst 
oder  in  seiner  Verlängerung  über  die  Spitze  des  Kegels  hinaus  durch 
den  Schnitt  getroffen,  und  so  entsteht  ein  zweiter  Scheitel  der  Curve 
bei  der  Ellipse,  ein  Scheitel  der  Gegencurve  bei  der  Hyperbel.  Die 
Entfernung  der  beiden  Scheitel  begrenzt  die  Länge  des  Durch- 
messers. In  der  Mitte  zwischen  beiden  ist  der  Mittelpunkt  der 
Curve,  d.  h.  ein  Punkt,  in  welchem  alle  durch  ihn  gezogenen 
Sehnen  halbirt  sind.  Mit  dem  Mittelpunkte  tritt  auch  der  Begriff 
des  dem  ersten  Durchmesser  conjugirten  Durchmessers  auf,  der  eine 
gleichfalls  begrenzte  Länge  besitzt,  wenn  auch  bei  der  Hyperbel  die 
Begrenzung  nicht  äusserlich  sichtbar  ist.  Zwei  zu  einander  senk- 
rechte conjugirte  Durchmesser  werden  Axen  genannt.  Apollonius 
knüpft  daran  ferner  Betrachtungen  über  die  Berührungslinie  an 
irgend  einen  Punkt  eines  Kegelschnittes  und  über  die  Vielheit  von 
Paaren  conjugirter  Durchmesser,  welche  möglich  sind. 

In  dem  IL  Buche  sind  zunächst  Eigenschaften  der  Asymptoten 
der  Hyperbel  auseinandergesetzt,  d.  h.  der  Linien,  welche  den 
Hyperbelarmen  sich  mehr  und  mehr  nähern,  ohne  mit  denselben  zu- 
sammenzutreffen. Die  geometrische  Definition  ist  folgende:  Man 
ziehe  an  einen  Hyperbelpunkt  eine  Berührungslinie,  trage  auf  der- 
selben die  Länge  des  ihr  parallelen  Durchmessers  auf  und  verbinde 
den  so  gefundenen  Punkt  mit  dem  Mittelpunkt  der  Hyperbel  gerad- 
linig, diese  Gerade  wird  eine  Asymptote  sein.  Aus  den  übrigen 
Sätzen  des  II.  Buches  mag  noch  hervorgehoben  werden,  dass  die 
Gerade,  welche  den  Durchschnittspunkt  zweier  Berührungslinien  mit 
der  Mitte  der  Berührungssehne  verbindet,  ein  Durchmesser  des  Kegel- 
schnittes ist,  sowie  der  andere,  dass  in  jedem  Kegelschnitte  nur  ein 
einziges  senkrechtes  Axenpaar  existirt. 


Eratosthenes.     Apollonius  von  Pergii.  323 

In  dem  III.  Buche  bilden  die  ersten  44  Sätze  einen  besonderen 
Abschnitt,  dessen  Charakter  schon  in  dem  1.  Satze  sich  dahin  aus- 
weist, dass  hier  Verhältnisse  von  Produkten  aus  Tangenten 
und  Sekanten'  der  Kegelschnitte  auftreten.  Jener  erste  Satz 
heisst  etwa  folgeudermassen:  Es  seien  M^  und  M.j  zwei  Punkte  eines 
Kegelschnittes,  dessen  Mittelpunkt  in  0  liegt  (bei  der  Parabel  wäre 
0  unendlich  entfernt,  und  somit  die  OJij  mit  O3I2  und  mit  der 
Axe  der  Parabel  parallel);  die  Berührungslinien  in  beiden  Punkten 
seien  M^Tj^  und  M.^T^,  indem  T^  den  Durchschnitt  der  Berührungs- 
linie an  ilfj  mit  der  OM2  bezeichnet,  und  eine  ähnliche  Definition 
für  Tg  gilt;  die  M^T^^  und  die  71^2^2  schneiden  einander  in  M.  Als- 
dann sind  die  Dreiecke  M^T.^^i  und  M<^T^B,  flächengleich.  Die  fol- 
genden Sätze  stützen  sich  auf  diesen  ersten,  und  lassen  sich,  in  so 
vielfältiger  Theilung  sie  auch  im  Originale  ausgesprochen  sind,  in 
zwei  Hauptsätze  zusammenfassen.  Der  eine  Satz,  dass,  wenn  von 
einem  Punkte  zwei  Sekanten  gezogen  werden,  das  Produkt  der  Ent- 
fernungen des  Ausgangspunktes  nach  den  beiden  Schnittpunkten  der 
einen  Sekante  dividirt  durch  dasselbe  Produkt  in  Bezug  auf  die 
zweite  Sekante  einen  Quotienten  gibt,  der  sich  nicht  verändert,  wenn 
man  von  irgend  einem  anderen  Ausgangspunkte  ein  den  ersten 
Sekanten  paralleles  Sekantenpaar  construirt.  Der  zweite  Satz,  dass 
eine  Sekante,  aus  deren  einem  Punkte  man  zwei  Berührungslinien 
zieht,  durch  diesen  Ausgangspunkt,  den  Durchschnitt  mit  der  Be- 
rührungssehne und  die  beiden  Durchschnittspuukte  mit  dem  Kegel- 
schnitte eine  harmonische  Theilung  darbietet^).  Noch  einige  auf 
Flächen  bezügliche  Wahrheiten  schliessen  sich  ziemlich  naturgemäss 
an,  wie  z,  B.  dass  die  Dreiecke,  welche  durch  die  Asymptoten  und 
nirgend  eine  Berührungslinie  der  Hyperbel  gebildet  werden,  einen 
Constanten  Flächeninhalt  haben,  da  derselbe  Satz,  anders  ausgesprochen, 
dahin  gehen  würde,  dass  jede  Berührungslinie  der  Hyperbel  auf  den 
Asymptoten  Stücke  von  constantem  Produkte  abschneide.  Alsdann 
kommt  der  Verfasser  in  dem  45.  Satze  zu  den  Punkten,  welche  er 
örj^sta  BJC  rrjs  ^uQaßolijg  nennt,  eine  Bezeichnung,  welche  schwierig 
zu  verdeutschen  ist,  da  Punkte,  die  bei  der  Anlegung  ent- 
stehen, kaum  den  Anspruch  erheben  können,  nur  einigermassen 
einen  Begriff  davon  zu  gewähren,  welche  Punkte  gemeint  sind;  es 
sind  aber  die  Brennpunkte  der  Ellipse  und  Hyperbel,  während  der 
Brennpunkt  der  Parabel  in  dieser  Zeitperiode  noch  nicht  vorkommt. 
Die  Definition  der  Brennpunkte  bei  Apollonius  und  die  Eigenschaften, 


')  Apollonius  benutzt  dabei  allerdings  noch  nicht  das  Wort:   harmonische 
Theilung,  sondern  schreibt  den  Satz  als  Proportion. 

21* 


324  Iß-  Kapitel. 

welche  er  besonders  hervorhebt,  sind  folgende:  ein  Brennpunkt  ist 
ein  Punkt,  der  die  grosse  Axe  in  zwei  Theile  theilt,  deron  Rechteck 
einem  Viertel  der  Figur  gleich  ist;  unter  Figur  aber  ist  das  Recht- 
eck des  Parameters  mit  der  grossen  Axe  zu  verstehen,  oder,  was  dem 
Werthe  nach  gleichbedeutend  ist,  das  Quadrat  der  kleinen  Axe.  Wenn 
man  das  Stück  einer  Berührungslinie,  welches  zwischen  den  beiden 
Senkrechten  zur  grossen  Axe  in  den  Endpunkten  derselben  ab- 
gegrenzt ist,  zum  Durchmesser  eines  Kreises  nimmt,  so  schneidet 
dieser  Kreis  die  grosse  Axe  in  den  Brennpunkten.  Die 
4  Punkte,  welche  der  Art  bestimmt  sind,  nämlich  2  Brennpunkte 
und  2  Punkte  einer  Berührungslinie  werden  paarweise  verbunden,  je 
ein  Punkt  der  Berührungslinie  mit  dem  einen,  der  andere  mit  dem 
anderen  Brennpunkte.  Diese  Verbindungsgeraden  nennt  man  con- 
jugirte  Linien.  Sie  schneiden  einander  auf  der  Normallinie, 
d.  h.  auf  der  Senkrechten,  welche  zur  Berührungslinie  im  Berührungs- 
punkte errichtet  ist.  Nun  folgt  der  Satz  über  Winkelgleichheit 
für  die  Winkel,  welche  die  Normallinie  mit  den  beiden  Brennstrahlen 
des  Berührmigspuuktes  bildet-,  ferner  der  Satz,  dass  die  Fusspunkte 
der  Senkrechten  von  den  Brennpunkten  auf  Berührungslinien  sämmt- 
lich  in  einer  um  die  grosse  Axe  als  Durchmesser  beschriebenen 
Kreisperipherie  liegen;  endlich  der  Satz  von  der  coustanten 
Summe,  beziehungsweise  Differenz  der  Brennstrahlen.  Alle 
diese  Wahrheiten  entwickelt  Apollonius  der  Reihe  nach  in  dem 
in.  Buche,  welches  dadurch  fast  für  sich  allein  den  Charakter  einer 
elementaren  Kegelschnittslehre  gewinnt. 

Waren  die  drei  ersten  Bücher  dem  Eudemus  gewidmet,  so  be- 
ginnt das  IV.  Buch  mit  einem  Sendschreiben  an  Attalus,  in  wel- 
chem der  Tod  jenes  Freundes  beklagt,  nebenbei  aber  auch  der  InhalU 
des  beigefügten  Buches  kurz  dahin  bezeichnet  wird,  es  beschäftige 
sich  mit  der  Frage,  wie  viele  Punkte  Kegelschnitte  mit 
Kreisperipherien  und  mit  anderen  Kegelschnitten  gemein 
haben  können,  ohne  ganz  und  gar  zusammenzufallen.  Apollonius 
weiss  dabei  sehr  wohl  eine  Berührung  von  einer  Durchschneidung 
zu  unterscheiden.  Er  hebt  z.  B.  hervor,  dass  2  Kegelschnitte  4  Durch- 
schnitttpunkte  haben  können,  oder  2  Durchschnittspunkte  und  1  Be- 
rührungspunkt oder  2  Berührungspunkte;  ferner  dass  2  Parabeln  nur 
1  Berührungspunkt  haben  können,  ebenso  Parabel  und  Hyperbel, 
wenn  die  Parabel  die  äussere  Curve  ist,  ebenso  Parabel  und  Ellipse, 
wenn  die  Ellipse  die  äussere  Curve  ist  u.  s.  w. 

Es  ist  einleuchtend,  dass  die  Sätze  dieses  IV.  Buches  für  die 
Griechen  eine  viel  höhere  Bedeutung  hatten  als  für  neuere  Mathe- 
matiker.   Waren  es  doch  grade  die  Durchschnittspunkte  der  Curven, 


Eratosthenes.     ApoUonius  von  Pergä.  325 

deren  zum  Zwecke  der  Würfelverdoppelung  nothwendige  Ermitteluug 
die  Curven  selbst  hatten  untersuchen  oder  gar  erfinden  lassen.  Die 
Methode,  nach  welcher  Apollonius  die  Punkte  bestimmt,  welche  zwei 
Curven  gemeinsam  sind,  kommt  auf  eine  apagogische  Beweisführung 
hinaus,  die  sich  grossentheils  auf  das  Lemma  des  IIl.  Buches  bezüg- 
lich der  harmonischen  Theilung  stützt.  So  musste  das  IV.  Buch  der 
Form  und  dem  ganzen  Inhalte  nach  gleichmässige  Verbreitung  mit 
den  3  ersten  Büchern  gewinnen,  deren  Abschluss  es  gewissermasseu 
für  solche  Mathematikstudirende  bildete,  welche  von  der  damaligen 
höheren  Mathematik  grade  das  in  sich  aufnehmen  wollten,  was  bis 
zur  Lösung  der  delischen  Aufgabe,  diese  mit  inbegriffen,  nothwendig 
war.  Ja  diese  innere  Zusammengehörigkeit  engerer  Art  der  4  ersten 
Bücher  bewährte  sich  geschichtlich  auch  dadurch,  dass  nur  sie  im 
griechischen  Texte  sich  erhielten,  während  das  V.,  VI.  und  VII.  Buch 
erst  in  der  Mitte  des  XVII.  S.  aus  einer  arabischen  Uebersetzung  be- 
kannt wurden,  das  VIII.  Buch  sogar  als  ganz  verloren  Avird  betrachtet 
werden  müssen. 

Das  V.  Buch  lässt  die  vorhergehenden  weit  hinter  sich.  Apollo- 
nius erhebt  sich  bewusstermasseu  hoch  über  seine  Zeit,  indem  er 
Sätze  über  die  längsten  und  kürzesten  Linien,  die  von  einem 
Punkte  an  den  Umfang  eines  Kegelschnittes  gezogen  werden  können, 
hier  vereinigt.  Es  hätten,  so  erklärt  Apollonius  in  einleitenden  an 
Attalus  gerichteten  Worten,  Mathematiker,  welche  vor  ihm  und  zu 
seiner  Zeit  lebten,  die  Lehre  von  den  kürzesten  Linien  gleichfalls 
behandelt,  aber  ihre  Behandlungsweise  muss  nach  Inhalt  und  Zweck 
eine  andere  als  die  des  V.  Buches  der  Kegelschnitte  gcAveseu  sein. 
Dem  Inhalte  nach  begnügten  sie  sich  mit  einer  geringeren  Anzahl 
von  Sätzen,  und  ihren  Zweck  fanden  sie  in  dem  Diorismus  zu  ge- 
stellten Aufgaben.  Wir  haben  bei  Euklid,  bei  Archimed  Beispiele 
solcher  Maximal-  und  Minimalwerthe  auftreten  sehen,  und  die  ge- 
ringste  Ueberlegung  führt  zum  Bewusstsein,  dass  fast  jeder  Diorismus 
neben  die  Bedingung,  unter  welcher  eine  Aufgabe  gelöst  werden 
kann,  den  Grenzwerth  stellen  wird,  bis  zu  welchem  eine  in  der  Auf- 
gabe vorkommende  Grösse  Avachsen  oder  abnehmen  darf,  ohne  die 
Ausführbarkeit  zu  gefährden.  Aufgaben  grösster  und  kleinster 
Werthe  mussten  also  vorkommen  und  wurden  gelöst,  ohne  dass  man 
darüber  sich  klar  gcAvesen  wäre,  dass  man  hier  eine  eigenartige, 
auch  ausser  ihrer  zum  Diorismus  führenden  Wirkung  bedeutsame 
Gattung  von  Fragen  behandelte.  Apollonius  dagegen  schliesst  jene 
Einleitung  zum  V.  Buche  mit  den  Worten:  „Das  so  Behandelte  ist 
für  die  dieser  Wissenschaft  Beflissenen  besonders  nothwendig,  sowohl 
zur  Eintheilung  und  zum  Diorismus,    als    zur  Construetion  der  Auf- 


326  16.  Kapitel. 

gaben,  abgesehen  davon,  dass  dieser  Gegenstand  zu  den 
Dino"en  gehört,  welche  würdig  sind,  um  ihrer  selbst  willen 
betrachtet  zu  werden."  Die  Art  vollends,  in  welcher  Apollonius 
Einzelfälle  dieses  Gebietes  unterscheidet  und  durch  deren  Zusammen- 
fassung die  Gesammtheit  der  Möglichkeiten  erschöpft,  die  merkwttr- 
dio'e  Verschlungenheit,  man  kann  fast  sagen  Unnatürlichkeit  der  Be- 
weise sind  bewunderungswürdig  nicht  minder  als  wunderlich.  Man 
kann  kaum  umhin  zu  argwohnen,  was  zu  glauben  man  doch  nicht 
wagen  darf,  dass  Apollonius  irgend  geheime  Methoden  besass,  um 
diejenigen  Sätze  zu  entdecken,  deren  künstliche  Beweise  er  erst  nach- 
träglich aufsuchte.  Was  Apollonius  aus  der  Lehre  vom  Grössten 
und  Kleinsten  kennt,  das  sind,  wie  gesagt,  insbesondere  die  längsten 
und  kürzesten  Linien,  welche  aus  irgend  einem  Punkte  der  Ebene 
nach  einem  Kegelschnitte  gezogen  werden  können,  Linien,  welche 
Apollonius  zuerst  für  die  Fälle  bestimmt,  in  denen  der  gegebene 
Punkt  auf  der  Axe  liegt,  und  die  Construction  durch  Abschnitte  er- 
folgen kann,  die  selbst  auf  der  Axe  des  Kegelschnittes  auftreten. 
Dann  folgt  eine  Reihe  von  Sätzen,  die  etwa  mit  dem  modernen  Be- 
griffe der  Subnormalen  sich  beschäftigen.  Die  Constanz  dieser  Strecke 
bei  der  Parabel  wird  bewiesen.  Später  gelangt  Apollonius  zu  dem 
Nachweise,  dass  die  am  Anfange  des  Buches  besprochenen  grössten 
und  kleinsten  Linien  Normallinien  zum  Kegelschnitte  sind,  dass  also 
auch  die  Aufgabe  im  Früheren  zur  Lösung  vorbereitet  ist:  von  irgend 
einem  Punkte  einer  Ebene  Normalen  zu  einem  in  der  Ebene  befind- 
lichen Kegelschnitte  zu  zeichnen.  Er  geht  an  die  Aufgabe  selbst 
heran  und  findet  eine  Construction,  bei  welcher  von  Durchschnitten 
mit  Hyperbeln  Gebrauch  gemacht  ist.  Lidem  er  nun  sich  bewusst 
wird,  dass  in  der  Zahl  der  Senkrechten,  welche  von  einem  Punkte 
aus  nach  einem  Kegelschnitte  gezogen  werden  können,  keine  Willkür 
herrscht,  dass  dieselbe  vielmehr  einestheils  von  der  Art  des  Kegel- 
schnittes, anderntheils  von  der  Lage  des  gegebenen  Ausgangspunktes 
abhängt,  findet  er,  dass  in  dieser  Beziehung  gewisse  Punkte  eine  Aus- 
nahmestellung einnehmen.  Diese  Punkte,  aus  welchen  man  nach 
dem  gegenüberliegenden  Theil  des  Kegelschnittes  nur  eine  Normale 
ziehen  kann,  sind  die  Krümmungsmittelpunkte,  deren  Vorhandensein 
somit  Apollonius  bekannt  war,  so  fremd  ihm  der  Begriff  der  Krüm- 
mung geblieben  ist.  Möglicherweise  ist  es  sogar  nicht  zu  weit  ge- 
gangen, wenn  man  annimmt,  Apollonius  habe  die  stetige  Aufeinander- 
folge der  Krümmungsmittelpunkte  geahnt,  d.  h.  jene  Curve  geahnt, 
wenn  auch  nicht  untersucht,  welche  wegen  anderer  Eigenschaften 
den  Namen  der  Evolute  erhalten  hat. 

Das  VL  Buch  handelt  von  gleichen   und  ähnlichen  Kegel- 


Eratosthenes.     Apollonius  von  Pergä.  327 

schnitten,  sofern  dieselben  auf  geraden  einander  ähnlichen  Kegeln 
auftreten.  Am  Schlüsse  wird  sogar  die  Aufgabe  behandelt,  durch 
einen  gegebenen  Kegel  eine  Schnittfläche  zu  legen,  welche  eine  gleich- 
falls gegebene  Ellipse  erzeugen  soll. 

Zwischen  dem  VII.  und  dem  VIII.  Buche  scheint  wieder  ein 
engerer  Zusammenhang  stattgefunden  zu  haben,  wie  uns  Apollonius 
selbst  versichert.  In  seiner  Zuschrift  sagt  er,  das  VII.  Buch  be- 
schäftige sich  mit  Sätzen,  welche  zu  Bestimmungen  führen,  das 
VIII.  Buch  enthalte  wirklich  bestimmte  Aufgaben  über  Kegelschnitte. 
Auch  aus  Pappus  lässt  eine  solche  Zusammengehörigkeit  der  beiden 
Bücher  sich  folgern.  Derselbe  theilt  nämlich  eine  ziemlich  beträcht- 
liche Zahl  von  Lemmen  zu  den  Kegelschnitten  des  Apollonius  mit. 
Die  Lemmen  zu  allen  übrigen  Büchern  sind  nach  den  Büchern  ge- 
sondert; nur  die  Lemmen  zum  VII.  und  VIII.  Buche  sind  vereinigt'). 
Auf  diese  Grundlage  hin  hat  man  sogar  eine  Wiederherstellung  des 
verlorenen  VIII.  Buches  versucht"),  welche  indessen  doch  zu  unsicher 
scheint,  um  näher  besprochen  zu  werden.  Wir  begnügen  uns  mit 
der  Bezeichimng  einiger  interessanten  Theorien  aus  dem  erhaltenen 
VII.  Buche.  In  ihm  finden  sich  die  Sätze  über  complementäre 
Sehnen,  welche  conjugirten  Durchmessern  parallel  laufen,  in  ihm 
die  Sätze  über  die  constante  Summe  der  Quadrate  conjugirter 
Durchmesser,  in  ihm  die  Entwicklung  des  Flächenraumes  jener 
Parallelogramme,  deren  zwei  aneinanderstossende  Seiten  die 
Hälften  zweier  conjugirter  Durchmesser  sind.  Auch  diese  Sätze,  be- 
greiflicherweise geometrisch  und  nicht  durch  Rechnung  abgeleitet, 
erfordern  bei  Apollonius  die  Unterscheidung  zahlreicher  Einzelfälle, 
bei  welcher  er  wiederholt  die  Gewandtheit  an  den  Tag  legt,  welche 
man  schon  in  den  früheren  Büchern  bewunderte. 

Dieses  in  Kürze  der  Inhalt  des  merkwürdigen.  Werkes,  wobei 
wir  uns  gegen  die  verlockende  Versuchung,  noch  mehr  hinein  zu  lesen 
als  Apollonius  gesagt  hat,  zu  wappnen  gesucht  haben.  Auch  der 
von  uns  angegebene  nackte  Inhalt  ist  sehr  wohl  geeignet,  unsere 
Neugier  anzuregen,  inwieweit  derselbe  Mathematiker  seinen  erfinde- 
rischen Geist  auch  noch  anderen  Gebieten  unserer  Wissenschaft  zu- 
wandte. Leider  können  wir  diese  Neugier  nicht  vollauf  befriedigen. 
Wir  wissen  von  solchen  anderen  Arbeiten  nur  eben  genug,  um  die 
Vielseitigkeit  des  Apollonius  zu  ahnen,  aber  bei  weitem  nicht  so 
viel,    um    den    Werth    der    Untersuchungen    abschätzen    zu    können. 


>)  Pappus  Vir,  298— 311,(ed.Hultsch)990— 1004.  «)  Halley  S.  137— 169 
der  zweiteu,  mit  dem  V.  Buche  anfangenden,  Abtheilung  seiner  Ausgabe  der 
Kegelschnitte. 


328  ^^-  Kapitel. 

deren  Titel  nur  bei  Pappus')  mehrentlieils  sich  erhalten  haben,  und 
die  Vermuthung  zu  einer  wahrscheinlichen  machen,  dass  Anwendungen 
der  Kegelschnitte  auf  bestimmte  geometrische  Aufgaben  in  denselben 
behandelt  wurden.  Die  Titel  dieser  verloren  gegangenen  Schriften 
sind:  Berührungen,  tcsqI  ircarpäv  (de  tactionibus)-^  ebene  Oerter, 
iniTisdoi  TOTiot  (loci  plani)-^  Neigungen,  nsQl  vevaecov  (de  inclina- 
tionihns)]  Raumschnitt,  Ttsgl  ^^co^tou  ccTCoto^ijg  (sectio  spatii)'^  be- 
stimmter Schnitt,  TtsQL  dicoQLöfievrig  roiirjg  (sectio  determinata). 
Hypsikles  führt  ausserdem,  wie  wir  im  nächsten  Kapitel  zu  besprechen 
haben,  eine  Schrift  des  Apollonius  über  die  in  dieselbe  Kugel 
eingeschriebenen  Dodekaeder  und  Ikosaeder  an,  Proklus  eine 
Ttsgl  Toi)  xo^Ato-u^)  von  gänzlich  unbekanntem  Inhalte  und  ein  Schrift- 
steller, den  wir  im  24.  Kapitel  als  Verfasser  einer  Schrift  über 
Brennspiegel  kennen  lernen  werden,  nennt  eine  Abhandlung  des 
Apollonius  gleichen  Titels"^):  Ueber  Brennspiegel,  tcsqI  nvQicov. 
Die  Bedeutung  einer  solchen  Schrift  für  die  Geschichte  der  Geo- 
metrie ist  nicht  zu  unterschätzen.  Wir  sahen  (S.  323),  dass  Apollo- 
nius nur  von  den  Brennpunkten  derjenigen  Curven  handelte,  welche 
solche  paarweise  besitzen.  Dass  auch  die  Parabel  einen  Brennpunkt 
habe,  konnte  nicht  wohl  früher  bemerkt  werden,  als  bis  man  einer 
halben  Ellipse,  einer  halben  Hyperbel  mit  ihrem  Brennpunkte  ein 
gewisses  Interesse  abgewonnen  hatte,  und  das  war  vielleicht  bei  Ge- 
legenheit optiscjier  Untersuchungen,  d.  h.  eben  in  Abhandlungen  über 
Brennspiegel.  Damit  soll  freilich  weder  ausgesprochen,  noch  schlecht- 
weg geleugnet  werden,  dass  Apollonius  bereits  diesen  Portschritt 
vollzog.  Gewiss  ist  vielmehr  für's  Erste  nur,  dass  Pappus'^)  gegen 
Ende  des  III,  nachchristlichen  Jahrhimderts  den  Brennpunkt  der 
Parabel  kannte. 

Nur  eine  einzige  Schrift,  die  2  Bücher  vom  Verhältniss- 
schuitt,  tcsqI  Xoyov  dnoro^ylg  (de  sectione  rationis)  ist  in  arabischer 
Sprache  der  Neuzeit  überblieben  und  aus  dieser  übersetzt  worden''). 
Die  Aufgabe  des  Verhältnissschnittes  ist  folgende:  Es  sind  zwei  un- 
begrenzte Gerade  in  derselben  Ebene  der  Lage  nach  gegeben,  ent- 
weder gegenseitig  parallel    oder  einander   schneidend,    und    in   jeder 

')  Pappus  Vll,  Prooemium.  ''■)  Proklus  (ed.  Friecllein)  105.  ^)  Vergl. 
die  Zeitschrift  Hermes,  Bd.  XVI,  S.  271— 72.  ")  Pappus  VII,  318  (ed.  Hultsch 
pag.  1012,  lin.  24  sqq.).  ^)  Edw.  Beriiard  fand  die  ziemlich  verderbte  Hand- 
schrift am  Ende  des  XVII.  S.  und  begann  dieselbe  in's  Lateinische  zu  über- 
setzen. Als  er  kaum  den  zehnten  Thcil  bewältigt  hatte,  gab  er  die  Arbeit  auf. 
Nun  vollendete  der  des  Arabischen  vorher  unkundige  Halley  die  Uebersetzung, 
des  von  Bernard  hinterlassenen  Bruchstückes  als  Grammatik  und  Wörterbuch 
sich  bedienend.  Halley's  Ausgabe  von  1706;  eine  deutsche  Ausgabe  von  Aug. 
Richter.     Elbing,  1836. 


Eratosthenes.     Apollonius  von  Per{?ä.  329 

derselben  ist  ein  Punkt  gegeben,  aucb  ist  ein  VerliUltniss  und  über- 
dies ein  Punkt  ausserhalb  der  Linien  gegeben;  man  soll  durch  den 
gegebenen  Punkt  eine  Gerade  ziehen,  welche  von  den  der  Lage  nach 
gegebenen  Geraden  Stücke  abschneide,  deren  Verhältniss  dem  ge- 
gebenen  gleich  sei.  Man  erkennt  leicht,  dass  diese  Aufgabe  durch 
einen  grossen  ßeichthum  an  Fällen  sich  auszeichnet,  je  nach  der 
Lage  des  Punktes  ausserhalb  der  beiden  Geraden  zu  diesen  Geraden 
selbst  und  zu  der  durch  die  beiden  auf  den  Geraden  gegebenen 
Punkten  gezogenen  Transversalen,  und  ferner  je  nach  der  Richtung, 
in  welcher  jene  in  Verhältniss  tretenden  Stücke  von  den  gegebenen 
Punkten  aus  liegen  sollen.  Das  ist'  dem  geometrischen  Charakter 
des  Apollonius  so  recht  angemessen. 

Wir  nannten  oben  eine  ganze  Reihe  von  Schriften  als  verloren, 
ohne  dass  man  erheblich  mehr  als  deren  Titel  kenne.  Bei  dem 
Raumschnitte  war  die  Aufgabe  dahin  gestellt,  dass  während  eben 
dieselben  Geraden  und  derselbe  Punkt  wie  beim  Verhältnissschnitte 
gegeben  waren,  die  zu  ziehende  Gerade  Stücke  abschneiden  musste, 
welche  ein  der  Fläche  nach  gegebenes  Rechteck  bildeten^).  Die  all- 
gemeinste Aufgabe  der  Neigungen^),  von  welcher  Apollonius  die 
leichteren  Fälle  behandelte,  bestand  darin:  zwischen  zwei  der  Art 
und  der  Lage  nach  gegebenen  Linien  eine  gegebene  Strecke  so  ein- 
zuzeichnen, dass  sie  verlängert  durch  einen  gegebenen  Punkt  ging. 
In  den  Berührungen  war  die  sogenannte  Berührungsaufgabe 
des  Apollonius  behandelt,  d.  h.  die  Aufgabe,  einen  Kreis  zu 
zeichnen,  der  drei  Bedingungen  genüge,  deren  jede  darin  bestehen 
kann,  durch  einen  gegebenen  Punkt  zu  gehen,  oder  eine  gegebene 
Gerade,  oder  einen  gegebenen  Kreis  zu  berühren^).  Aus  der  Schrift 
von  den  Berührungen  kennen  wir  ferner  möglicherweise  eine  That- 
sache,  welche  interessant  genug  ist,  da  sie  das,  was  wir  früher 
(S.  136  und  242)  von  Spuren  combinatorischer  Betrachtungen  bei 
griechischen  Schriftstellern  anmerken  durften,  zu  ergänzen  geeignet 
ist.  Bei  der  über  den  eigentlichen  Urheber  herrschenden  Unsicher- 
heit ziehen  wir  indessen  vor,  den  Gegenstand  im  22.  Kapitel  bei 
Pappus  zur  Rede  zu  bringen. 

Auch  dem  rechnenden  Theile  der  Mathematik  hat  Apollonius, 
wie  wir  durch  Eutokius  wissen,  seine  Aufmerksamkeit  zugewandt. 
Eutokius  sagt  uns  nämlich  in  dem  mehrfach  bereits  benutzten  Com- 
mentare  zur  archimedischen  Kreismessung:  So  viel  in  meinen  Kräften 
stand,  habe  ich  nun  die  von  Archimedes  angegebenen  Zahlen  einiger- 
massen  erläutert.    Wissenswerth  ist  aber  noch,  dass  auch  Apollonius 


Pappus  VII  ed.  Hultsch  p.  640.      ^)  Ebenda  p.  670.      ^)  Ebenda  p.  644. 


330  16.  Kapitel. 

von  Pergä  in  seinem  Okytokion  dasselbe  durch  andere  Zahlen  be- 
wiesen hat,  wodurch  er  sich  der  Sache  noch  mehr  näherte''^).  Wir 
haben  hier  die  Lesart  cokvtoxlov  aufgenommen,  welche  durch  zwei 
Pariser  Handschriften  verbürgt  auffallend  genug  lange  Zeit  durch 
das  sprachlich  ganz  räthselhafte  Wort  coKvtoßüOv  verdrängt  war. 
Vollständigen  Einblick  in  die  Art,  wie  Apollonius  seine  Kreis messung 
vollzog,  die  noch  genauer  als  die  des  Archimed  gewesen  sein  muss, 
erhalten  wir  freilich  auch  durch  den  Namen  Okytokion  keineswegs. 
Dem  Wortlaute  nach  übersetzt  sich  dieser  Titel  als  Mittel  zur 
Schnellgeburt,  es  handelte  sich  also  höchst  wahrscheinlich  um 
raschere  Rechnungs verfahren,  aber  wie  dieselben  zu  dem  oben  ge- 
nannten Ziele  führten,  darüber  sind  wir  doch  nicht  besser  aufgeklärt. 
Die  Muthmassung-),  Apollonius  habe  den  NäherungSAverth  3r  =  3,1410 
herausgerechnet,  der,  wie  wir  im  30.  Kapitel  sehen  werden,  in  Indien 
bekannt  war,  schwebt  ziemlich  in  der  Luft. 

Eine  dem  gewöhnlichen  griechischen  Verfahren  gegenüber  ein- 
fachere und  dadurch  abgekürzte  Multiplikation  des  Apollonius, 
welche  daher  möglicherweise  einen  Abschnitt  des  Okytokion  bildete, 
kennen  wir  aus  Pappus.  In  dem  auf  uns  gekommenen  Bruchstücke 
des  zweiten  Buches  seiner  Sammlung '*)  berichtet  Pappus  von  zwei  zu- 
sammenhängenden, aber  doch  begrifflich  zu  trennenden  Gegenständen. 

Erstens  entnehmen  wir  seinem  Berichte,  dass  Apollonius  in  ähn- 
licher Weise  wie  Archimed  die  Zahlen  in  Gruppen  zu  theilen  wusste, 
welche  eine  leichtere  Aussprache  und  zugleich  eine  grössere  Ueber- 
sichtlichkeit  gewährten,  als  sie  ohne  Gruppirung  zu  erreichen  ge- 
wesen wäre.  Es  ist  derselbe  Gedanke,  der  beiden  Schriftstellern 
gleichmässig  vorschwebte,  ja  es  ist  eigentlich  dieselbe  Gruppirung, 
welche  wir  von  beiden  gelehrt  finden.  Denn  wenn  auch  Archimed 
(S.  305)  Oktaden  bildete,  während  Apollonius  sich  mit  Tetraden 
begnügte,  so  ist  doch  die  Gleichheit  des  Princips  dadurch  hergestellt, 
dass  zwei  Tetraden  des  Apollonius  neben  einander  geschrieben  nach 
moderner  Bezeichnung  der  Zahlen  einer  Oktade  des  Archimed  gleich- 
kommen, dass  Archimed  also  nur  eine  höhere  Gruppeneinheit  annahm 
als  Apollonius,  aber  eine  Einheit,  aus  welcher  die  des  Apollonius, 
als  in  jener  enthalten,  sich  leicht  ableiten  Hess,  ebenso  wie  es  denk- 


^)  Archimedes  (ed.  Torelli)  216  und  452,  die  Varianten  der  Pariser 
Handschriften.  Torelli  benutzte  sie  in  seiner  Uebersetzung.  Neuerdings  wurde 
dann  durch  Knoche  und  Maerker  im  Herforder  Gyranasialprogratnm  für  1854 
auf  diese  Lesart  hingewiesen,  sowie  von  M.  Schmidt  in  Mützell's  Zeitschrift 
für  die  Gymnasialwissensch.  18.55,  S.  805.  Vergl.  auch  Archimedes  (ed.  Hei- 
berg) III,  800.  *)  Recherches  sur  l'histoire  de  Tastronomie  ancienne  par  Paul 
Tannery.  Paris  1893,  pag.  67—68.       ^}  Pappus  II  (ed.  Hultsch)  2-29. 


Eratosthenes.     ApoUonius  von  Pergä.  331 

bar  ist,  dass  beide  Gruppirimgen  unabhängig  von  einander  aus  dem 
griechischen  Sprachgebrauche  hervorgehen  konnten,  welchem  die 
Myriade  das  letzte  unzusammengesetzte  Zahlwort,  die  Myriade  der 
Myriaden  das  letzte  einfach  zusammengesetzte  Zahlwort  war.  Die 
Namen,  welche  ApoUonius  für  seine  Tetraden  benutzt,  sind  für  die 
erste  Tetrade,  welche  von  1  bis  9999  sich  erstreckt,  der  Name  der 
Einheiten;  dann  folgt  die  Tetrade  der  Myriaden;  auf  diese  die  der 
doppelten  Myriaden,  der  dreifachen,  vierfachen  u.  s.  w.  Myriaden,  bis 
zur  xten  Myriade  als  allgemeine  Bezeichnung  einer  beliebigen 
Höhe^),  wobei  wir  freilich  dahingestellt  sein  lassen  müssen,  ob  diese 
au  sich  hochbedeutsame  Allgemeinheit  ApoUonius  oder  dem  Berichte 
des  Pappus  eigenthümlich  ist.  • 

Mit  diesen  Zahlen  werden  nun  zweitens  Multiplikationen  aus- 
geführt, und  dabei  ist  die  Vorschrift  gegeben,  die  Multiplikation 
irgend  welcher  Zahlen  auf  die  ihrer  Wurzelzahlen,  jtvd-^sve^,  zurück- 
zuführen. Das  Wort  Pythmen  findet  sich  in  einer  arithmetischen 
Bedeutung  schon  bei  Piaton -),  ob  aber  genau  in  derselben  wie  bei 
ApoUonius,  ist  bei  dem  vielbestrittenen  Sinne  der  platonischen  Stelle 
nicht  zu  erhärten.  Bei  Pappus^)  bedeuten  Pythmenes  die  kleinsten 
Zahlen,  in  welchen  ein  Verhältniss  angegeben  ist.  ApoUonius  ver- 
stand unter  der  Wurzelzahl  die  Anzahl  der  Zehner  oder  der  Hun- 
derter, die  in  einer  nur  aus  Zehnern,  beziehungsweise  nur  aus  Hun- 
dertern bestehenden  Zahl  enthalten  sind.  So  ist  5  der  Pythmen  von 
50  wie  von  500,  7  der  Pythmen  von  70  wie  von  700  u.  s.  w. 
Wurzelzahlen  von  Tausendern,  Zehntausendern  u.  s.  w.  kommen 
wenigstens  unter  den  mit  einander  zu  vervielfachenden  Zahlen  nicht 
vor.  Der  Grund  dafür,  wie  für  das  Hervorheben  der  anderen 
Pythmenes  liegt  in  der  uns  bekannten  griechischen  alphabetischen 
Bezeichnung  der  Zahlen  (S.  117  — 118).  Die  moderne  Ziffernschrift 
lässt  sofort  3  als  die  Wurzelzahl  von  30,  von  300,  von  3000  er- 
kennen. Ebenso  war  dem  Griechen  ein  leicht  ersichtlicher  Zusammen- 
hang zwischen  y  und  ^y,  nicht  aber  zwischen  y  und  A,  zwischen  y 
und  T  geboten,  letzterer  musste  erst  gezeigt  werden.  Vielleicht 
haben  wir  unseren  Lesern  durch  die  Wahl  des  Wortes  zeigen  einen 
Hinweis  gegeben,  wie  der  Gedanke  an  die  Pythmenes  bei  einem 
Griechen  entstehen  konnte:  nicht  wenn  er  die  schriftliche  Aufzeich- 
nung der  Zahlen  vor  sich  sah,  wohl  aber  wenn  er  ihren  Wortlaut 
hörte.     Der    Aehnlichklang    von   zQSig,  tQidxovra,    zQiaxoöLOt    sagte 

')  Pappus  (ed.  Hultsch)  4.  dntlfj  (iVQiag;  6.  tQinlf]  iivQi'ag;  20.  ivvccnlfj 
livQiag;  18.  fMVQidStg  d^mvvfioi.  tm  m,  für  die  m  fache  (nicht  die  20fache)  My- 
riade oder  für  10  000  auf  die  xte  Potenz.  ^)  Piaton,  Staat  VIII,  546  C  av  ini- 
zqtzog  Ttv&fi'^v.       ^)  Pappus  III  ed.  Hultsch  pag.  80. 


332  16.  Kapitel. 

ihm,  was  au  y,  A,  r  erst  gezeigt  werden  musste,  und  so  glauben 
wir  nicht  irre  zu  gehen,  wenn  wir  in  den  Pythmenes  eine  Frucht 
des  mündlichen  Rechenunterrichtes,  nicht  schriftlicher  Erörterung 
erblicken.  Sei  dem,  wie  da  wolle,  jedenfalls  vollzog  Apollonius  die 
Multiplikation  nunmehr  an  den  Pythmenes,  und  die  Ordnung  des 
jedesmaligen  Produktes  wird  aus  der  Anzahl  der  Faktoren  unter  be- 
sonderer Berücksichtigung,  wie  viele  derselben  Zehner,  wie  viele 
Hunderter  waren,  abgeleitet.  Eine  Unterscheidung  von  zahlreichen 
Einzelfällen,  die  dabei  vorkommen,  kann  uns  bei  Apollonius  am 
wenigsten  überraschen;  wir  bemerken  sie  auch  nur  mit  der  aus- 
gesprochenen Absicht  gelegentlich  wieder  daran  zu  erinnern. 
«  Endlich   müssen    wir   noch    einer    Arbeit    des    Apollonius    über 

Irrationalg rossen  gedenken,  von  welcher  schwache  Spuren  in 
einer  arabischen  Handschrift  entdeckt  worden  sind^).  Wir  haben 
(S.  254 — 255)  über  das  X.  Buch  der  euklidischen  Elemente  und 
über  die  dort  unterschiedenen  Irrationalitäten,  die  Medialen,  die 
Biuomialen  und  die  Apotomen  berichtet.  Zu  diesem  X.  Buche  hat 
ein  griechischer  Schriftsteller  Erläuterungen  geschrieben,  deren  Ueber- 
setzung  in  das  Arabische  aufgefunden  worden  ist.  Wer  der  Verfasser 
war,  darüber  ist  volle  Bestimmtheit  nicht  vorhanden,  wenngleich 
die  Wahrscheinlichkeit  dafür  spricht,  man  habe  es  hier  mit  dem 
Überliefertermassen  gleich  dieser  Uebersetzung  aus  zwei  Büchern  be- 
stehenden Commentare  zum  X.  Buche  der  Elemente  von  Vettius 
Valens,  einem  byzantinischen  Astronomen  aus  dem  IL  S.  n.  Chr. 
zu  thun.  Dieser  Commentator  erzählt,  die  Irrationalgrössen  hätten 
ihren  Ursprung  in  der  Schule  des  Pythagoras  gehabt.  Theaetet  habe, 
nach  den  Mittheilungen  des  Eudemus,  die  Lehre  vervollkommnet, 
indem  er  Irrationalgrössen  unterschied,  die  durch  Multiplikation, 
durch  Addition  und  durch  Subtraktion  unter  einander  verbunden 
eine  verwickeitere  Form  besassen.  Euklid  habe  vollends  Ordnimg 
in  den  Gegenstand  gebracht  durch  genaue  Bestimmung  und  Schei- 
dung der  verschiedenen  Gattungen  von  Irrationalitäten.  Dieser  Be- 
richt stipinit  soweit  durchaus  mit  unseren  aus  anderen  Quellen  ge- 
schöpften Mittheilungen  ül)erein  und  bestätigt  dieselben,  wie  andrerseits 
ihm  selbst  dadurch  eine  um  so  grössere  Glaubwürdigkeit  erwächst. 
Der  Commentator  fährt  fort:  „Apollonius  war  es,  welcher  neben  den 
geordneten    {tEtay^svog    des    Proklus)    Irrationalgrössen    das    Vor- 

')  Woepcke,  Essai  d'une  restitution  de  travaux  perdus  d' Apollonius  sur 
les  quantites  irrationelles  d'aprcs  les  indications  tirces  d'un  manuscrit  arabe  in 
den  Memoires  presentcs  ä  Vacademic  des  sciences  XIV,  658  — 7'JO.  Paris,  185ü. 
Vorgl.  auch  den  Bericht  von  Chasles  über  diese  Abhandhing  in  den  Compt. 
Kend.  XXXVII,  553—508  (17.  October  1853). 


Die  Epigonen  der  grossen  Mathematiker.  333 

lianclensein  der  ungeordneten  (ärcxKtog)  nacliwies  nnd  durch  ge- 
naue Methoden  eine  grosse  Anzahl  derselben  herstellte."  Jetzt  folgt 
der  eigentliche  Commentar,  dem  freilich  die  Klarheit,  welche  man 
von  einem  derartigen  Werke  zu  fordern  berechtigt  ist,  gar  sehr  ab- 
geht. Selbst  der  Versuch  aus  ihm  herauszulesen,  worin  die  bedeu- 
tende Erweiterung  bestand,  welche  Apollonius  zu  verdanken  ist,  mit 
anderen  Worten,  was  man  unter  ungeordneten  Irrationalgrössen  zu 
verstehen  habe,  ist  trotz  allen  aufgewandten  Scharfsinnes  nur  Ver- 
'such  geblieben  und  hat  eine  blosse  Vermuthung  zu  Tage  gefördert. 
Eine  Erweiterung  meint  man  demgemäss,  könne  nach  zwei  Rich- 
tungen hin  stattgefunden  haben;  es  könne  statt  der  aus  zwei  Theilen 
bestehenden  Binomialen  oder  Apotomen  eine  additive,  beziehungs- 
weise subtraktive  Verbindung  von  mehr  als  zwei  Quadratwurzeln  in 
Untersuchung  genommen  worden  sein;  es  könne  auch  um  Ausziehung 
von  Wurzeln  mit  höheren  Wurzelexponenten  als  2  sich  gehandelt 
haben,  oder  anders  ausgesprochen,  um  die  Einschaltung  von  2,  3,  ...n 
mittleren  geometrischen  Proportionalen  zwischen  zwei  gegebenen 
Grössen,  d.  h.  um  Aufgaben,  von  welchen  das  delische  Problem  den 
einfachsten  Fall  darstellt. 


17.  Kapitel. 
Die  Epigonen  der  grossen  Mathematiker. 

In  den  fünf  letzten  Kapiteln  haben  wir  uns  mit  den  grossen 
Mathematikern,  welche  das  Jahrhundert  von  300  bis  200  etwa  durch 
ihre  Thätigkeit  erfüllten,  bekannt  zu  machen  gesucht.  Zusammen- 
fassende Uebersichten,  wie  wir  sie  anderen  Kapiteln  wohl  als  Schluss 
dienen  Hessen,  waren  hier  nicht  zu  geben.  Haben  wir  doch  überhaupt 
auf  das  Nothwendigste  und  Wichtigste  uns  beschränken  müssen,  so 
dass  unsere  ganze  Darstellung  gewissermassen  als  die  vielleicht  ver- 
misste  Zusammenfassung  zu  gelten  hat.  Nur  das  sei  noch  besonders 
hervorgehoben,  dass  Euklid,  Archimed,  Eratosthenes  und 
Apollonius  die  Mathematik  auf  eine  Stufe  förderten,  von  welcher 
aus  mit  den  alten  Hilfsmitteln,  insbesondere  ohne  Erweiterung  der 
Infinitesimalbetrachtungen  zu  einer  allgemeinen  Methode,  was  die 
Exhaustion  nicht  war,  wenn  sie  es  auch  hätte  sein  können,  ein  Höher- 
steigen nicht  möglich  war.  Zur  Infinitesimalmethode,  wie  zur  mathe- 
matischen Allgemeinheit  überhaupt  war  der  griechische  Geist  mit 
vereinzelten  Ausnahmen,  zu  welchen  vermuthlich  Apollonius  gerechnet 
werden  darf,  nicht  angethan.  Das  ist  ein  Erfahrungssatz,  welcher 
wesentlich  auf  dem  Fehlen  allgemeiner  Methoden  beruht.    War  aber 


334  17.  Kapitel. 

oline  sie  ein  weiteres  Steigen  nicht  möglich,  so  war  der  erreichte 
Gipfel  nach  allen  Richtungen  hin  gar  bald  durchforscht.  Es  blieb 
nur  ein  Abwärtsgehen  und  bei  deru  Abwärtsgehen  ein  Anhalten  da 
und  dort,  ein  Umsichschauen  nach  Einzelheiten  übrig,  an  welchen 
man  beim  jähen  Aufwärtsklimmen  vorher  vorübergeeilt  war.  Damit 
ist  die  Zeit  gekennzeichnet,  zu  deren  Betrachtung  wir  in  diesem 
Kapitel  übergehen. 

Die  Elemente  der  Planimetrie  waren  erschöpft.  Sie  blieben, 
was  Euklid  aus  ihnen  gemacht  hatte,  abgesehen  von  Zuthaten,  die 
der  Lehre  von  den  grössten  und  kleinsten  Werthen  entstammten. 
Auch  die  Lehre  von  den  Kegelschnitten  konnte  nach  ApoUonius  eine 
wesentliche  Ergänzung  nicht  finden.  In  der  Stereometrie  blieb  da- 
gegen nach  Euklid  und  selbst  nach  Archimed  noch  manches  zu  thun. 
Am  meisten  war  von  theoretisch  Neuem  in  der  Lehre  von  den  von 
Kegelschnitten  verschiedenen  Curven  zu  finden,  einem  Gebiete,  zu 
dessen  Bearbeitung  Archimeds  Spiralen  entschieden  aneifern  mussten. 
Und  endlich  war  die  rechnende  Geometrie  ein  Gegenstand,  an  wel- 
chem Archimeds  Kreisrechnung  auch  verwöhnten  Geistern  Geschmack 
beigebracht  haben  mochte.  Das  sind  die  Felder,  auf  denen  die 
Epigonen  sich  tummelten,  deren  Bewegungen  wir  uns  zu  vergegen- 
wärtigen haben. 

Die  meisten  Schriftsteller  freilich,  die  wir  hier  nennen  werden, 
sind  ihrer  Lebenszeit  nach  höchst  unbestimmt.  Von  Einigen  ist  es, 
wie  wir  selbst  erklären,  zweifelhaft,  ob  sie  mit  Recht  grade  in 
diesem  Kapitel  zur  Rede  kommen.  Am  sichersten  ist  dieses  wohl 
für  Nikomedes  und  Diokles  anzunehmen,  die  Erfinder  der  Con- 
choide  und  der  Cissoide,  mithin  zweier  Curven,  deren  Namen  Geminus 
um  das  Jahr  70  v.  Chr.  kannte^),  die  also  zu  dieser  Zeit  jeden- 
falls vorhanden  waren,  während  andrerseits  Nikomedes  nach  dem 
Berichte  des  Eutokius"-)  sich  im  Vergleiche  zu  Eratosthenes  mit 
seiner  Erfindung  brüstete,  also  sicherlich  auch  nicht  früher  als  um 
das  Jahr  200  etwa  gelebt  haben  kami. 

Die  Conchoide  oder  Muschellinie  des  Nikomedes  ist  der 
geometrische  Ort  eines  Punktes,  dessen  geradlinige  Verbindung  mit 
einem  gegebenen  Punkte  durch  eine  gleichfalls  gegebene  Gerade  so 
geschnitten  wird,  dass  das  Stück  zwischen  der  Schneidenden  und  dem 
Orte  eine  gegebene  Länge  besitzt.  Je  nach  dem  Grössenverhältnisse 
des  Abstandes  des  gegebenen  Punktes  von  der  gegebenen  Geraden 
und  der  Conchoide  besitzt  letztere  3  verschiedene  Formen,  doch  ist 
kaum  anzunehmen,   dass   die  Griechen  diese  Formen   kannten,    deren 


')  Proklus  (ed.  Friedlein)  177.     -)  Archimedcs  (ed.  Heiberg)  III,  114. 


Die  Epigonen  der  grossen  Matliematiker. 


335 


wesentlichste  Verschiedeulieit  auf  dem  Zweige  der  Curve  beruht, 
welcher  von  der  festen  Schneidenden  aus  gesehen  auf  derselben  Seite 
wie  der  feste  Punkt  liegt,  und  von  diesem  Zweige  ist  überhaupt 
nicht  die  Rede.  Allerdings  wird,  falls  diese  Meinung  als  richtig  gilt, 
vollends  unverständlich,  was  Pappus  in  seinem  IV.  Buche  die  zweite, 
dritte  und  vierte  Conchoide  genannt  haben  mag,  die  zu  anderen 
Zwecken  als  die  erste  benutzt  worden  seien  ^).  Nikomedes  nannte, 
wie   wir   durch  Eutokius    und  Pappus 


wissen,    den  festen  Punkt  Pol,  :t6Xov. 


Fig.  59. 


Er  erfand  auch,  wie  beide  Bericht- 
erstatter uns  melden,  eine  Vorrichtung 
zur  Zeichnung  der  Conchoide,  die  aus 
der  Figur  sofort  verständlich  ist 
(Figur  59).  Sie  bestand  aus  3  mit- 
einander verbundenen  Linealen.  Zwei 
derselben  waren  senkrecht  zu  einander 
fest  vereinigt,  und  während  das  eine 
fast  seiner  ganzen  Länge  nach  durch 
eine  Ritze  durchbrochen  war,  trug  das  andere  ein  kleines  rundes 
Zäpfchen.  Das  durchbrochene  Lineal  stellte  die  feste  Gerade,  das 
Zäpfchen  auf  dem  anderen  stellte  den  Pol  der  Muschellinie  vor.  Das 
dritte  Lineal  trug  unweit  des  spitzen  Endes  ein  Zäpfchen  ähnlich 
dem  Pole,  etwas  weiter  davon  entfernt  eine  Ritze  ähnlich  der  auf 
der  festen  Geraden;  die  Entfernung  des  Zäpfchens  von  der  Spitze 
stellte  den  gleichbleibenden  Abstand  vor.  Offenbar  musste  nun  die 
Spitze  dieses  dritten  Lineals  eine  Muschellinie  beschreiben,  wenn  das 
Lineal  selbst  alle  möglichen  Lagen  annahm,  deren  es  fähig  war, 
während  sein  Zäpfchen  in  der  Ritze  der  festen  Geraden  sich  befand 
und  seine  Ritze  das  als  Pol  dienende  Zäpfchen  einschloss. 

Nikomedes  hat  gezeigt:  1.  dass  die  Muschellinie  der  festen 
Geraden  sich  mehr  und  mehr  nähert^);  2.  dass  jede  zwischen  der 
festen  Geraden  und  der  Muschellinie  gezogene  Gerade  die  Muschel- 
linie schneiden  muss;  3.  dass  mittels  der  Muschellinie  die  Aufgabe 
der  Würfelverdoppelung  gelöst  werden  kann. 

Den  Ideengang  seiner  Auflösung  und  seines  Beweises  lassen  wir 
hier  folgen,  wobei  wir  nur  diejenigen  geringfügigen  Abänderungen 
vornehmen,  welche  nothwendig  sind,  um  statt  eines  Rechnens  mit 
Proportionen  das  uns  geläufigere  Rechnen  mit  Gleichungen  einzu- 
führen.    Aus  den  Strecken   ak  =  2a  und   aß  =^  2h   wird  (Figur  00) 


')  Pappus    (ed.  Hultsch)    244.         ")  Proklus    (ed.   Friedlein)    177    ist 
geradezu  von  der  Asymptote  der  Conchoide  die  Rede. 


336 


17.  Kapitel. 


das  Rechteck  aßyX  gebildet  und  ßy  um  weitere  2«  nach  rj  ver- 
längert. Ausserdem  wird  in  der  Mitte  e  von  ßy  die  st,  senkrecht  zu 
ßy   errichtet   und   deren  Endpunkt  t,    durch   y^  =  ßd  =  h  bestimmt. 

Somit  ist  auch  rj  l  gegeben,  und 
ihr  parallel  wird  durch  y  die  y9 
gezogen.  Diese  letztere  wird  als 
feste  Gerade,  t,  als  Pol,  h  als  Ab- 
stand benutzt  und  die  Muschel- 
linie construirt,  Avelche  die  Ver- 
längerung von  ßy  in  yc  schneidet, 
d.  h.  welche  6>c  ==  &  werden  lässt. 
Verbindet  man  nun  endlich  'k  mit 
X  und  verlängert  a  k  bis  zum 
Durchschnitte  ^  mit  der  ver- 
längerten   aß,    setzt    man    dabei 

a^  =  x,  yy,  =  y, 
so    ist    2a  :  X  ==  X  :  y  =  y  :  21), 
und    die  Aufgabe,    zwischen    2a 
und  26   zwei  mittlere  Proportionalen   einzuschalten,  ist   gelöst.     Aus 
den  Dreiecken  aX^i,   yxX  folgt  nämlich'^—  =  —    und  x  = 


yjt 


'ia  y  y 

Daraus  erkennt   man    t,Q  =  x  und  folglich  t,ii  =  x  -\- h. 

Nun    ist    st,   Kathete    zweier    rechtwinkliger   Dreiecke    yls    und   x^f. 

Das  erstere  hat  yt,==h  als  Hypothenuse,  yt  =  a  als  zweite  Kathete. 

Das  zweite  hat  %t,  =  x  -\-  h  als  Hypotenuse,  Tis  =  y  -]-  a  als  zweite 

Kathete.     Mithin  ist  h^  —  a^  ^  {x -\-  hf  —  {y  +  af  oder  x(x  -{- 2  h) 

=  V  (v  -f-  2  a)  und  —  =  ~T^,  •     Man  kennt  ferner  denselben  Bruch 
<^  \J    I         J  y         a;_j_2ö 

^^—^-^T  =  rA  =  -^  =  Ft  wegen  der  Aehnlichkeit  der  Dreiecke  ßxu 
x-\-2o        ßfi         yl         2b        ^  f    f~ 

und  yxL  Man  weiss  also  auch  —  =  -"itj  2h x  =  ir.  Diese  Glei- 
chung  abgezogen  von  dem  vorher  gefundenen  x  (x  -\- 2h)  =  y  {jd  -\- 2 a) 
lässt  x^  =  2ay  zum  Reste,  und  die  Umstellung  der  beiden  Glei- 
chungen x'^  =  2ay,  y^  =  2hx  in  Proportionen  liefert  das  verlangte 
2 a  :  X  =  X  :  y  =  y  :  2h.  Auflösung  und  Beweis  sind  gleichmässige 
Zeugnisse  für  den  Scharfsinn  des  Erfinders,  der  schon  um  des  oben 
beschriebenen  Conchoidenzeichners  willen  einen  rühmlichen  Platz  in 
der  Geschichte  der  Mathematik  verdient. 

Der  Zirkel,  als  Hilfsmittel  geometrischen  Zeichnens,  wurde  von 
den   Alten    auf   den    Neffen    des    Dädalus    zurückgeführt^),    wohl 

')  Ovid,  Metam.  VIII,  247 — 49:  Primus  et  ex  uno  duo  ferrea  brachia  nodo 

Vinxit,  ut,  aequali  spatio  distantibus  illis, 
Altera  pars  sta  rat,  para  altera  duceret  orbem. 


Die  Epigonen  der  grossen  Mathematiker.  337 

denselben  Talus,  auf  welchen  schon  (S.  Iö2)  für  andere  Erfindungen 
verwiesen  worden  ist,  d.  h.  auf  einen  mythischen  Ursprung.  Die 
Vorrichtungen  des  Piaton  und  des  Eratosthenes  zur  Würfelver- 
doppelung beruhen  auf  Geschicklichkeit  des  Benutzers,  der  versuchs- 
weise gewisse  Lagenverhältnisse  der  Theile  der  Apparate  hervor- 
bringen musste.  Etwaige  Mittel  die  Kegelschnitte  zu  zeichnen  sind, 
Avenn  Menächmus  wirklich  dergleichen  besass  (S.  231),  nicht  zu 
unserer  Kenntniss  gelangt.  Die  Quadratrix,  die  Hippopede,  die  Spirale 
mechanisch  zu  zeichnen  gab  es  kein  Mittel.  So  ist  die  Muschellinie 
des  Nikomedes  neben  der  Geraden  und  dem  Kreise  die  älteste  Linie, 
von  deren  mechanischer  Construction  in  einem  fortlaufenden  Zuge 
wir  genügenden  Bericht  besitzen. 

Dieselbe  Muschellinie  hat  auch  zur  Auflösung  einer  anderen 
Aufgabe,  nämlich  zur  Dreitheilung  des  Winkels  Anwendung  gefunden. 
Soll  man  den  Worten  des  Pappus  Glaube  schenken,  so  hätte  dieser 
sich  jene  Anwendung  zuzuschreiben^).  Dagegen  sagt  Proklus  aus- 
drücklich, Nikomedes  habe  mit  Hilfe  der  Muschellinie  jeden  Winkel 
in  drei  gleiche  Theile  zerlegt"),  und  so  glauben  wir  es  gerechtfertigt 
hier  von  dieser  Anwendung  zu  reden. 

Wir  wissen,  dass  Archimed  (S.  284)  die  Dreitheilung  des  Winkels 
auf  die  Zeichnung  einer  Geraden  von  einem  gegebeneu  Punkte  aus 
zurückführte,  welche  einen  Kreis  und  eine  Gerade  so  schneiden  sollte, 
dass  die  zwischen  beiden  Schnittpunkten  liegende  Strecke  einer  ge- 
gebenen gleich  werde.  Konnte  man  hier  den  Kreis  durch  noch  eine 
Gerade  ersetzen,  so  war  die  Aufgabe  nur  noch:  von  einem  Punkte 
aus  durch  eine  gegebene  Gerade  hindurch  bis  zum  Durchschnitte  mit 
einer  zweiten  gegebenen  Geraden  eine  Gerade  zu  zeichnen,  welche 
zwischen  beiden  Durchschuittspunkten  einen  bekannten  Abstand  zeige, 
und  das  gelingt  mit  Hilfe  der  Muschellinie,  deren  Pol  der  gegebene 
Punkt,  deren  feste  Gerade  die  erste  gegebene  Gerade,  deren  gleich- 
bleibender Abstand  die 
gegebene  Strecke  ist.  ' 
Pappus  hat  uns  eine  der- 
artige Umformung  über- 
liefert^). Es  sei  (Fig.  61) 
aßy  der  in  drei  gleiche 
Theile  zu  theilende  spitze  Winkel.  Von  a  aus  wird  ay  senkrecht 
zu  ßy  gezogen  und  das  Rechteck  ayßt,  vollendet.  Die  ßs  dritttheilt 
nun   den    gegebenen  Winkel,    wenn    die   Strecke   da    zwischen    ihren 


Fig.  fil. 


1)  Pappus  IV,   27  (ed.   Hultsch)   246.     -)  Proklus  (ed.  Friedlein)  272. 
=>)  Pappus  IV,  38,  (ed.  Hultsch)  274. 

Cantoh,  Geschichte  der  Mathematik  I.    2,  Aufl.  22 


338  17.  Kapitel. 

Durcliscilnitten  mit  der  ay  und  der  Verlängerung  der  ^u  doppelt  so 
gross  ist  wie  aß.     Weil  nämlich^« df  ein  rechtwinkliges  Dreieck,  so 

wird,  wenn  7]  der  Mittelpunkt  der  Hypotenuse  de  ist,  -   =  dt}  =  rjs 

=  rja  sein.  Folglicli  sind  zwei  gleichschenklige  Dreiecke  aßrj  und 
a)j£  in  der  Figur  vorhanden.  Da  überdies  -^  arjß  Aussenwinkel  des 
Dreiecks  arjs  ist,  und  ßs  als  Transversale  mit  den  Parallelen  ^£,  ßy 
gleiche    Wechselwinkel    bildet,    so    ist    -^  aßs  =  arjß  =  rjsa -\- rjas 

=  2fi8a  =  28ßy,  d.  h.  aßy  =  ^^  • 

Ist  die  Annahme  wirklich  gerechtfertigt,  dass  diese  Auflösung, 
oder  eine  ihr  alsdann  jedenfalls  sehr  ähnliche,  bereits  dem  Nikomedes 
zuzuschreiben  sei,  so  bietet  es  ein  eigenthümliches  Interesse,  dass  hier 
die  Aufgabe  der  Würfelverdoppelung  und  die  der  Dreitheilung  des 
Winkels  mit  Hilfe  derselben  Curve  bewältigt  werden,  wie  sie,  modern 
ausgedrückt,  beide  auf  Gleichungen  dritten  Grades  sich  zurückführen 
lassen.  Sollte  ein  dunkles  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit  beider 
Probleme  bei  den  griechischen  Mathematikern  nach  Archimed  zu  den 
Möglichkeiten  gehören?  Müssen  wir  doch  auch  eine  ideelle  Zusammen- 
gehörigkeit zwischen  der  allgemeinen  Theilimg  des  Kreisbogens  und 
seiner  Rectification  zugestehen,  welche  beide,  wie  wir  wissen,  mittels 
der  Quadratrix  vollzogen  wurden. 

Der  Zeit  nach  nur  wenig  von  Nikomedes  entfernt  dürfen  wir 
Diokles  setzen,  den  gleichfalls  oben  genannten  Erfinder  der  Cissoide 
oder  Epheulinie.  Er  muss  früher  gelebt  haben  als  Geminus,  der 
diese  seine  Curve  neben  der  Muschellinie  nennt;  er  muss  aber  auch 
später  als  Archimed  angesetzt  werden,  mit  dessen  Aufgabe  von  der 
Durchschneidung  einer  Kugel  durch  eine  Ebene  zu  gegebenem  Ver- 
hältnisse der  beiden  Kugelabschnitte  er  sich  beschäftigte  in  der  An- 
nahme, Archimed  selbst  habe  sein  auf  diese  Aufgabe  bezügliches 
Versprechen  nicht  eingelöst^)  (S.  294).  Er  hat  die  Aufgabe  mit  Hilfe 
zweier  Kegelschnitte  in  seinem  Werke  tieqI  nvQscav  gelöst,  aus 
welchem  Eutokius  sie  entnahm-)  und  aus  demselben  Werke  theilt 
der  gleiche  Berichterstatter  die  Definition  der  Cissoide  und  deren 
Anwendung  zur  Würfel  Verdoppelung  uns  mit^).  Der  Name  jenes 
Werkes  lässt  den  Inhalt  erkennen.  Das  Wort  jivgi.ov  bedeutet,  wie 
wir  (S.  328)  gesehen  haben,  Brennspiegel,  und  in  einem  Buche  über 
Brennspiegel  konnte  es  auf  die  Grösse  sphärischer  Abschnitte,  sowie 
auf  deren  Vergrösserung  unter  Beibehaltung  der  Gestalt  ankommen. 
Was    über    eine    arabische  Uebersetzung  des  Werkes  des  Diokles  in 


')  Archimed   (ed.  Heiberg)  III,   152.       ^)  Ebenda  III,  188.       =>)  Ebenda 
III,  78—80. 


Die  Epigonen  der  grossen  Mathematiker. 


339 


einer  Handschrift  des  Escorial  angegeben  ist'),  dürfte  auf  den  Bericlit 
des  Eutokius  sich  beschränken-). 

Diokles  lässt  seine  Cissoide  in  durchaus  anderer  Weise  entstehen, 
als  es  gegenwärtig  gebräuchlich  ist.  Man  soll  (Figur  62)  in  einem 
Kreise  zwei  zu  einander  senk- 
rechte Durchmesser  aß  und  yd 
ziehen.  Werden  symmetrisch  zu 
aß  zwei  Gerade  rj^,  xs  senk- 
recht auf  yd  errichtet  und  6 
mit  dem  Endpunkte  s  der  einen 
Senkrechten  verbunden,  so  liegt 
der  Durchschnittspunkt  9  dieser 
Verbindungslinie  mit  der  anderen 
Senkrechten,  gleichwie  der  ähn- 
lich ermittelte  Punkt  o  u.  s.  w. 
auf  der  Cissoide.  Zugleich 
findet  die  fortlaufende  Propor- 
tion statt  yy]:tjt,=^'rj^:r]d  = 
rjd  :  7}Q. 

Der  erste  Theil  dieser  Proportion  ist  augenscheinlich  richtig, 
weil  i]^  als  Senkrechte  von  einem  Peripheriepunkt  auf  den  Durch- 
messer das  geometrische  Mittel  der  Theile,  in  welche  sie  den  Durch- 
messer theilt,  ist.  Weil  auch  xs  eine  solche  Senkrechte  ist,  muss 
ebenso  yx  :  xs  =  xs  :  xö  sein.  Ferner  sind  die  Dreiecke  xed,  rjQd 
ähnlich  und  darum  xs:  xd  =  7}Q:  7]d,  folglich  auch  yx  :  xe  =^  t]Q  :  )]d 
und  nicht  minder  xe  :  xy  =  rid  :  rjQ.  Berücksichtigt  man  endlich 
xs  =  r}^,  yx  =  rjd,  so  nimmt  die  letztgeschriebene  Proportion  die 
Form  rj^  :  i]ö  =^  -ijd  :  r^Q  a.n,  und  die  zu  Anfang  behauptete  fortlaufende 
Proportion  ist  nachgewiesen,  d.  h.  zwischen  yrj  und  7^9,  die  in  der 
Figur  senkrecht  zu  einander  gezogen  erscheinen,  sind  die  7]  t,  und  rj  d 
als  die  beiden  mittleren  Proportionalen  eingeschaltet. 

Nun  kann  man  auch  zwischen  irgend  zwei  Strecken  a,  h  zwei 
mittlere  Proportionalen  einschalten.  Man  zeichnet  einen  beliebigen 
Kreis  mit  zugehöriger  Cissoide.  Man  sucht  auf  dem  vertikalen  Durch- 
messer aß  den  Punkt  7t  nach  Massgabe  der  Proportion  yl  -.  In  =  a  -.h 
und  zieht  die  y7i,  welche  bis  zum  Durchschnitte  9  mit  der  Cissoide 
verlängert  wird.  Sofort  zeigt  sich,  dass  auch  yi]  :  rjQ  =  u  :h  ist. 
Es    brauchen  daher  nur    die    Strecken  rj^  und  r^d,    welche   zwischen 


^)  Wenrich,  De  auctorum  Graecorum  versionibus  et  commentariis  Syriacis, 
Arahicis,  Armenicis  Persicisque.  Leipzig,  1842,  pag.  197.  *)  Heiberg  in 
Zeitschr.  Math.  Phys.  XXVIII,  Hist.-literar.  Abtlg.  S.  128,  Note. 

22* 


340  17.  Kapitel. 

yrj,  rjQ  als  mittlere  Proportionalen  bekannt  geworden  sind,  in  dem 
Verhältnisse  yy]  :  a  verändert  zu  werden,  um  die  Lösung  der  Aufgabe 
zu  erbalten. 

Ein  dritter  Geometer  der  gleichen  Zeit  etwa  dürfte  Perseus 
gewesen  sein.  Wir  werden  ihn  nicht  leicht  für  älter  als  die  alexan- 
drinische  Schule  halten,  weil  Proklus,  der  seiner  gedenkt,  dieses  wohl 
irgend  bemerkt  haben  würde,  um  die  Lücke  in  dem  alten  Mathe- 
matikerverzeichnisse, in  welchem  sein  Name  nicht  vorkommt,  aus- 
zufüllen. Später  als  zwischen  200  und  100  kann  er  aber  auch  nicht 
gelebt  haben,  wie  wir  aus  folgendem  Umstände  entnehmen.  Eine 
Spire  war,  wie  wir  (S.  230)  besprochen  haben,  eine  wulstartige 
Oberfläche.  Heron  von  Alexandria  definirt  sie,  wie  wir  damals  sahen, 
als  Umdrehungsfläche  erzeugt  durch  Drehung  eines  Kreises  um  eine 
nicht  durch  seinen  Mittelpunkt  hindurchgehende  Axe^)  und  setzt 
hinzu:  „Aus  den  Schnitten  derselben  entstehen  gewisse  eigenthümliche 
Curven."  Daraus  geht  hervor,  dass  zu  Herons  Zeit  Schnitte  jener 
Oberflächen  bereits  vorgenommen  worden  waren,  und  Geminus  er- 
gänzt diese  Mittheiluug  zur  Brauchbarkeit  für  unseren  gegenwärtigen 
Zweck  durch  die  Angabe^),  die  spirischen  Schnitte  seien  von 
Perseus  erdacht.  Es  ist  bis  zu  einem  gewissen  Grade  wahrscheinlich, 
dass  damit  jene  Schnitte  gemeint  sind,  die  wir  an  der  oben  ange- 
führten Stelle  im  Zusammenhange  mit  der  Hippopede  des  Eudoxus 
beschrieben  haben.  Schnitte  also,  welche  auf  dem  Wulste  durch  eine 
der  Durchgangsaxe  parallele  Ebene  hervorgebracht  wurden,  wobei  die 
Entfernungen  des  Schnittes  und  des  Mittelpunktes  des  die  Spire  er- 
zeugenden Kreises  von  der  Drehungsaxe  die  unterscheidenden  Merk- 
male für  die  einzelnen  spirischen  Curven  lieferten.  Bemerken  wir 
noch,  dass  eine  Untersuchung  solcher  Curven  der  Zeit,  in  welche 
wir  Perseus  setzen,  angemessen  erscheint,  so  ist  damit  das  Wenige 
erschöpft,  was  wir  über  diesen  Schriftsteller  sagen  können,  dessen 
Heimath  imd  sonstige  persönliche  Verhältnisse  uns  genau  ebenso 
unbekannt  sind,  wie  die  des  Nikomedes,  des  Diokles. 

Ebenso  verhält  es  sich  mit  Zenodorus^),   dem  Verfasser  eines 


')  Heron,  Definit.  98  (ed.  Hultsch)  27,  bestätigt  durcli  Proklus  (od. 
Friedleiii)  119.  *)  Proklus  (ed.  Friedlein)  111—112.  ^)  Vergl.  Nokk, 
Programm  des  Freiburger  Lyceums  von  1860  und  unsere  Besprechung  des 
II.  Bandes  des  Pappus  (ed.  Hultsch)  in  der  Zeitschr.  Math.  Phys.  XXII  (1877), 
Histor.-literar.  Abthlg.  173 — 174.  Eine  Verwechslung  des  Zenodorus  mit  einem 
bei  Proklus  genannten  Zenodotus,  welche,  so  lange  die  Friedlein'sche  Proklus- 
ansgabe  noch  nicht  vorhanden  war,  zu  entschuldigen  gewesen  sein  dürfte,  ver- 
anlasste 'uns  früher  zu  gegenwärtig  ganz  unhaltbaren  Zeitbestimmuugen  für 
Zenodorus. 


Die  Epigonen  der  grossen  Mathematiker.  341 

höchst  interessanten  Buches  über  Figuren  gleichen  Umfanges. 
Die  Grenzen,  in  welche  sein  Leben  eingeschlossen  werden  kann,  sind 
als  feststehende  obere  Grenze  die  Zeit  des  Archimed,  dessen  Name 
bei  ihm  vorkommt,  als  mit  an  Sicherheit  grenzender  Wahrscheinlich- 
keit anzugebende  untere  Grenze  die  Zeit  des  Quintilian,  der  von  den 
Dingen  redet,  welche  in  der  Abhandlung  des  Zenodorus  vorkommen, 
wenn  auch  ohne  ilin  selbst  zu  nennen.  Quintilian,  mit  welchem  wir 
es  im  26.  Kapitel  zu  thun  haben  werden,  lebte  35 — 95  n.  Chr.  Dem- 
gemäss  würde  die  Thätigkeit  des  Zenodorus  etwa  zwischen  200  v.  Chr. 
und  90  n.  Chr.  fallen.  Man  hat  aber  wohl  mit  Recht  darauf  auf- 
merksam gemacht,  dass  seine  etwas  breite  Schreibart  ihn  als  nicht 
allzuweit  nach  Euklid  lebend  betrachten  lasse  ^),  und  demzufolge 
nehmen  wir  keinen  Anstand  ihn  hier  zu  behandeln.  Die  Abhandlung 
des  Zenodorus  ist  uns  in  mehrfacher  Ueberlieferung  erhalten.  Ein- 
mal finden  sich  die  Sätze  über  Figuren  gleichen  Umfanges  ohne 
Angal^e  ihres  Erfinders  bei  Pappus  im  V.  Buche  seiner  mathema- 
tischen Sammlung^),  zweitens  stehen  dieselben  in  dem  Commentare 
des  Theon  von  Alexandria")  zum  I.  Buche  des  ptolemäischen  Alma- 
gestes.  Bei  Theon  ist  ausdrücklich  Zenodorus  als  Verfasser  der  aus- 
zugsweise mitgetheilten  Abhandlung  genannt,  und  Proklus  bestätigt 
mittelbar  dieser  Namensnennung.  Es  sagt  uns  nämlich,  das  Viereck 
mit  einspringendem  Winkel  heisse  hohlwinklig,  xoiloyowiov,  nach 
Zenodorus'*),  und  dieses  Wort  in  der  angegebenen  Bedeutung  kommt 
wirklich  in  Theons  Auszuge  vor.  Wir  können  drittens  auf  eine 
Abhandlung  in  griechischer  Sprache  über  die  Figuren  gleichen  Um- 
fanges hinweisen,  welche  den  Namen  keines  Verfassers  als  Ueber- 
schrift  trägt  und  in  wesentlicher  Uebereinstimmung  mit,  wahrschein- 
lich in  einem  Abhängigkeitsverhältnisse  zu  Zenodorus  steht'),  von 
Nachbild'ungen  in  anderen  Sprachen  zu  schweigen.  Von  den  vierzehn 
Sätzen  des  Zenodorus,  welche  fast  gleichlautend  bei  Pappus  und  bei 
Theon  sich  erhalten  haben,  mögen  der  1.,  2.,  6.,  7.  und  14.  hier  einen 
Platz  finden:  1.  Unter  regelmässigen  Vielecken  von  gleichem  Um- 
fange hat  dasjenige  den  grösseren  Inhalt,  welches  mehr  Winkel  hat. 
2,  Der  Kreis  hat  einen  grösseren  Inhalt  als  jedes  ihm  isoperimetrische 
regelmässige  Vieleck.  6.  Zwei  -ähnliche  gleichschenklige  Dreiecke 
auf  ungleichen  Grundlinien  sind  zusammen  grösser  als  zwei  auf  den 
nämlichen  Grundlinien  gleichschenklige  Dreiecke   zusammen,    welche 


1)  Pappus  (ed.  Hultsch)  1190.  -)  Pappus  V,  pars  1  (ed.  Hultsch), 
308  sqq.  ^)  Theon  d'Alexandrie  (ed.  Halma.  Paris,  1821)  33  sqq.  Zum 
besseren  Vergleich  mit  der  Wiedergabe  durch  Pappus  auch  abgedruckt  bei 
Pappus  (ed.  Hultsch)  1190  —  1211.  *)  Proklus  (ed.  Friedlein)  165. 
^)  Pappus  (ed.  Hultsch)  1138—1165. 


34'^  17.  Kapitel. 

unter  sich  un'ähnlicli  sind,  aber  mit  jenen  älinlichen  gleiclien  Ge- 
sammtumfang  haben.  7.  Unter  den  isoperimetrischen  n- ecken  hat 
das  reo"elmässige  den  grössten  Inhalt.  14.  Unter  den  Kreisabschnitten, 
welche  gleich  grosse  Bogen  haben,  ist  der  Halbkreis  der  grösste. 
Im  Räume  hat  die  Kugel  bei  gleicher  Oberfläche  den  grössten  Inhalt. 
Die  theoretische  Bedeutsamkeit  dieser  Sätze,  welche  einen  durchaus 
neuen  geometrischen  Gegenstand  behandeln,  der  nach  rückwärts  nur 
an  die  Vielecke  wachsender  Seitenzahl  in  der  Kreisrechnung  des 
Archimed  und  an  die  Lehre  von  den  grössten  und  kleinsten  Werthen 
bei  Apollonius  anknüpft,  liegt  auf  der  Hand,  und  es  ist  nur  um 
so  mehr  zu  bedauern,  dass  unser  Wissen  von  ihrem  Erfinder 
so  dürftig  ist. 

Wir  nennen  weiter  immer  noch  auf  blosse  Wahrscheinlichkeits- 
gründe uns  stützend  im  Jahrhunderte  zwischen  200  und  100: 
Hypsikles  von  Alexandria.  Seine  Leistungen  liegen  auf  ver- 
schiedenen Gebieten.  Die  Handschriften  des  Euklid  enthalten  mehr- 
fach nach  den  13  Büchern  der  Elemente  noch  zwei  Bücher  stereo- 
metrischen Inhaltes,  welche  als  XIV.  und  XV.  Buch  der  Elemente, 
oder  als  die  beiden  Bücher  des  Hypsikles  von  den  regelmässigen 
Körpern  benannt  zu  werden  pflegen.  Neuere  Untersuchungen^) 
haben  einen  solchen  Gegensatz  im  Werth  und  Inhalt  der  beiden 
Bücher  aufgedeckt,  dass  sie  noth wendig  verschiedenen  Verfassern 
überwiesen  werden  müssen,  und  zwar  das  erste  dem  Hypsikles,  das 
zweite  einem  mehrere  Jahrhunderte  n.  Chr.  lebenden  Schriftsteller. 
Wir  haben  es  demgemäss  hier  mit  dem  ersten  Buch  allein  zu  thun, 
welches  aus  folgenden  sechs  Sätzen  über  die  regelmässigen  Körper'') 
besteht:  1.  Die  vom  Mittelpunkt  eines  Kreises  auf  die  Seite  des  eiur 
geschriebenen  regelmässigen  Fünfecks  gefällte  Senkrechte  ist  die 
halbe  Summe  des  Halbmessers  und  der  Seite  des  eingeschriebenen 
regelmässigen  Zehnecks.  2.  Einerlei  Kreis  fasst  des  in  einerlei  Kugel 
beschriebenen  Dodekaeders  fünfseitige  und  Ikosaeders  dreiseitige 
Grenzfläche.  3.  Die  Oberfläche  des  Dodekaeders  sowie  des  Ikosaeders 
sind  beide  dem  30 fachen  Rechtecke  gleich,  welches  aus  der  Seite  des 
Körpers  und  der  aus  dem  Mittelpunkte  einer  Grenzfläche  auf  die 
Seite    gefällten    Senkrechten    gebildet    wird.     4.    Die    Oberfläche    des 


')  Der  Erste,  welcher  die  Verschiedenheit  beider  Bücher  erörternd  sie 
zwei  verschiedenen  Autoren  beilegte,  war  Friedlein  im  Bulletino  Boncom- 
pagni  1873,  49.3—529.  Ihm  folgte  Th.  H.  Martin  ebenda  1874,  263-266. 
*)  Gewöhnlich  werden  7  Sätze  angenommen,  aber  der  7.  Satz  (Zwei  nach 
stetiger  Proportion  geschnittene  Gerade  verhalten  sich  wie  ihre  grösseren  Ab- 
schnitte) ist  oifenbar  kein  Satz  für  sich,  sondern  nur  Theil  des  Beweises  des 
6.  Satzes. 


Die  Epigonen  der  grossen  Mathematiker.  343 

Dodekaeders  verhält  sich  zur  Oberfläche  des  Ikosaeders,  wie  die  Seite 
des  Würfels  zur  Seite  des  Ikosaeders.  5.  Die  Seite  des  Würfels  ver- 
hiilt  sich  zur  Seite  des  Ikosaeders,  wie  sich  die  Hypotenusen  zweier 
rechtwinkligen  Dreiecke  verhalten,  welche  eine  Kathete  gemeinschaft- 
licli  und  als  andere  Kathete  den  grösseren  beziehungsweise  den 
kleineren  Abschnitt  besitzen,  der  entsteht,  indem  die  gemeinschaft- 
liche Kathete  nach  stetiger  Proportion  geschnitten  ist.  6.  Der  Körper 
des  Dodekaeders  verhält  sich  zum  Körper  des  Ikosaeders  wie  die 
Seite  des  Würfels  zur  Seite  des  Ikosaeders.  Diese  Sätze,  deren  Wort- 
laut wir  bei  dem  1.,  3.,  5.  Satze  etwas  mundgerechter  zu  fassen  uns 
erlaubt  haben  als  in  den  gewöhnlichen  Uebersetzungen,  bilden  ein 
einheitliches  Ganzes,  welches  seinem  Verfasser  wohl  Ehre  macht, 
imd  lassen  nicht  zu,  dass  mau  jenes  andere  früher  gleichfalls  Hyp- 
sikles  zugeschriebene  Buch  damit  in  Verbindung  setze,  welches  aus 
sieben  Aufgaben  besteht,  die  Construction  eines  Tetraeders  in  einen 
Würfel,  eines  Oktaeders  in  ein  Tetraeder,  eines  Oktaeders  in  einen 
Würfel,  eines  Würfels  in  ein  Oktaeder,  eines  Dodekaeders  in  ein 
Ikosaeder  zu  vollziehen,  die  Zahl  der  Ecken  und  der  Seiten,  endlich 
die  gegenseitigen  Neigungen  der  Grenzflächen  in  den  fünf  regel- 
mässigen Körpern  zu  finden.  Ueber  den  Verfasser  des  ersten  Buches 
gibt  dessen  Einleitung  einige  Auskunft.     Ihr  Wortlaut  ist^): 

Basylides  von  Tyrus,  mein  lieber  Protarch,  kam  einst  nach 
Alexandria,  war  an  meinen  Vater  wegen  beider  gemeinschaftlicher 
Liebe  zur  Mathematik  empfohlen,  und  brachte  die  meiste  Zeit  seines 
Aufenthaltes  in  dem  Umgange  mit  ihm  zu.  Als  sie  eines  Tages  des 
Apollonius  Schrift  über  Vergleichung  des  in  einerlei  Kugel  be- 
schriebenen Dodekaeders  und  Ikosaeders  und  deren  Verhältnisse  zu 
einander  durchgingen,  so  schien  ihnen  der  Vortrag  des  Apollonius 
nicht  ganz  richtig  zu  sein,  und  sie  schrieben,  wie  mir  mein  Vater 
sesagt  hat,  ihre  Verbesserungen  nieder.  Nach  der  Zeit  fiel  mir 
jedoch  eine  andere  von  Apollonius  herausgegebene  Schrift  in  die 
Hände,  welche  eine  richtige  Auflösung  der  erwähnten  Aufgabe  ent- 
hält, deren  Untersuchung  mir  ein  ausnehmendes  Vergnügen  gewährt 
hat.  Das  von  Apollonius  herausgegebene  Werk  kann  jeder  selbst 
nachsehen,  da  es  überall  zu  haben  ist,  weil  man  es  für  eine  sorg- 
same Arbeit  hielt.  Dasjenige  aber,  was  ich  nachher  aufgesetzt  habe, 
glaube  ich  Dir  wegen  Deiner  vorzüglichen  Einsicht  in  allen  Wissen- 
schaften, besonders  aber  in  der  Geometrie,  als  einem  kundigen  Be- 
urtheiler  meines  Vortrags  zuerst  vorlegen  zu  müssen:  in  der  gewissen 


*)  Vergl.   z.  B.  Euklids  Elemente    fünfzehn  Bücher   aus    dem    Griechischen 
übersetzt  von  Johann  Friedrich  Lorenz.     Halle.     S.  425 — 426. 


344  17.  Kapitel. 

Erwartung,  dass  Du  sowohl  aus  Freundschaft  für  meinen  Vater,  als 
aus  Wohlwollen  gegen  mich,  geneigt  sein  wirst  meinem  Versuche 
Deine  Aufmerksamkeit  zu  schenken.  Doch  es  ist  Zeit,  dass  ich 
meine  Vorrede  schliesse  und  zur  Sache  selbst  komme. 

Es  war  offenbar  eine  Jugendarbeit,  welche  Hypsikles  mit  diesen 
Worten  dem  noch  lebenden  Freunde  seines  Vaters  widmete.  Seine 
Mittheilungen  geben  uns  Auskunft  über  eine  sonst  unbekannte  Schrift 
des  Apollonius  und  wurden  in  diesem  Sinne  von  uns  (S.  328)  benutzt. 
Araber  haben,  so  lange  das  Buch  noch  als  von  Euklid  herrührend 
betrachtet  wurde,  aus  den  Anfangsworten  herausgelesen,  Euklid 
stamme  aus  Tyrus  (S.  247).  Man  hat  aber  aus  derselben  Vorrede 
auch,  wie  uns  scheint,  richtige  Folgerungen  auf  die  Lebenszeit  des 
Hypsikles  gezogen^).  Der  Vater  des  Hypsikles,  welcher  eine  Abhand- 
lung des  Apollonius  noch  nicht  kannte,  welche  dem  Sohne  nachher 
bekaimt  war  und  zu  dessen  Lebzeiten  „überall  zu  haben"  war,  muss 
ein  älterer  Zeitgenosse  des  Apollonius  gewesen  und  gestorben  sein, 
bevor  dessen  verbesserte  zweite  Abhandlung  zur  Veröffentlichung  ge- 
langte. Da  nun  Apollonius  etwa  200  gestorben  ist,  so  mag  Hyp- 
sikles etwa  180  seine  Abhandlung  geschrieben  haben,  eine  Zeitbe- 
stimmung, zu  welcher  uns  gleich  nachher  noch  eine  kleine  Bestätigung 
zu  gut  kommen  wird. 

Eine  zweite  Abhandlung  des  Hypsikles,  welche  sich  erhalten  hat, 
ist  das  Buch  von  den  Aufgängen  der  Gestirne,  dvacpoQixos^). 
Auf  den  astronomischen  Inhalt  dieses  äusserst  dürftigen  Werkchens 
von  nur  sechs  Sätzen,  auf  dessen  etwaige  Verschlimmbesserung  durch 
einen  Astrologen  haben  wir  nicht  einzugehen,  es  sei  denn  um  zu  be- 
merken, dass  die  Methode  desselben  Berechtigung  nur  zu  einer  Zeit 
hatte,  zu  welcher  trigonometrische  Betrachtungsweisen  noch  nicht 
erdacht  waren,  und  dass  andererseits  als  wichtige  Neuerung  in  den 
Aufgängen  des  Hypsikles  die  Eintheilung  des  Kreisumfanges 
in  360  Grade  benutzt  ist.  Autolykus,  ein  astronomischer  Schrift- 
steller kurz  vor  Euklid  (S.  278),  hat  diese  Gradeintheilung  noch 
nicht.  Ebensowenig  scheint  sie  Eratosthenes  gekannt  zu  haben, 
wenn  es  richtig  ist^),  dass  er  sich  eines  so  unbequemen  Ausdruckes 

wie  „^„  des  Kreisumfanges"  bediente,  während  andererseits  die  That- 

*)  Vossius,  De  scientiis  vuithematicis  pag.  328  (Amsterdam,  1650).  Bret- 
schneider  182.  Falsche  Ansichten  bei  Fabricius,  Bibliotheca  Graeca  (edit. 
Harless)  IV,  20,  bei  Montucla,  Histoire  des  mathematiqucs  I,  315,  bei  Nessel- 
mann, Algebra  der  Griechen  246  ügg.  ^)  Des  Hypsikles  Schrift  Anaphorikos 
ist  im  Osterprögramm  1888  des  Gymnasiums  zum  heiligen  Kreuz  in  Dresden 
von  K.  Manitius  herausgegeben  worden.  '•')  Montucla,  Histoire  des  mathc- 
matiques  I,  304.     Wolf,  Geschichte  der  Astronomie  S.  130. 


Die  Epigonen  der  grossen  Mathematiker.  345 

Sache  seiner  vollzogenen  Gradmessung  (S.  313)  uns  wieder  stutzig 
machen  kann.  Starb  nun  Eratosthenes  um  194  und  ist  seine  Be- 
nutzung jener    unbequemen  —  richtig    auf   das   Jahr  220    bestimmt, 

schrieb  dann  Hypsikles  um  180,  so  ist  die  Zeit  der  Einführung  der 
Gradeintheilung  des  Kreises,  also  muthmasslich  auch  des  davon  un- 
trennbaren babylonischen  Sexagesimalsystems  in  Alexandria  in  sehr 
enge  Grenzen  gebracht.  Von  den  sechs  Sätzen  des  Anaphorikos  sind 
die  drei  ersten  arithmetischen  Inhalts  und  rechtfertigen  unser  auch 
nur  beiläufiges  Verweilen  bei  dem  Schriftchen.  In  moderner  Aus- 
spräche  sagen  sie,  dass  in  einer  arithmetischen  Reihe  von  grader 
Gliederzahl  die  Summe  der  zweiten  Hälfte  der  Glieder  die  der  ersten 
Hälfte  um  ein  Vielfaches  des  Quadrates  der  halben  Gliederzahl  über- 
treffe^), dass  die  Summe  einer  •  arithmetischen  Reihe  bei  ungerader 
Gliederzahl  gleich  dem  Produkte  der  Gliederzahl  in  das  mittlere 
Glied,  bei  grader  Gliederzahl  gleich  dem  Produkte  der  halben  Glieder- 
zahl in  die  Summe  der  beiden  mittleren  Glieder  sei. 

Bei  so  elementaren  Kenntnissen  blieb  aber  Hypsikles  nicht  stehen. 
Vielmehr  war  ihm  die  allgemeine  Definition  der  Vielecks  zahlen 
bekannt,  welche  er  in  die  Worte  kleidete:  „Wenn  beliebig  viele 
Zahlen  von  der  Einheit  an  von  gleichem  Unterschiede  sind,  und 
dieser  Unterschied  1  ist,  so  ist  die  Summe  eine  dreieckige  Zahl;  ist 
der  Unterschied  2,  so  ist  die  Summe  eine  viereckige  Zahl,  für  3  eine 
fünfeckige;  die  Anzahl  ihrer  Winkel  ist  um  2  grösser  als  der  Unter- 
schied, und  ihre  Seiten  sind  der  Anzahl  der  vorgelegten  Zahlen  gleich." 
So  berichtet  Diophant  im  8.  Satze  seiner  Schrift  über  die  Polygonal- 
zahlen, von  welcher  im  23.  Kapitel  die  Rede  sein  wird.  Diophant 
nennt  als  seine  Quelle:  Hypsikles  tv  oqc).  Die  Uebersetzer  dürften 
mit  Recht  diesen  Ausdruck  deutsch  durch  „in  einer  Definition^'  über- 
tragen haben,  da  Zqo^  neben  der  Bedeutung  Grenze  (lateinisch:  ter- 
minus  oder  limes)  oder  Reihenglied  unzweifelhaft  auch  die  Bedeutung 
der  Begrenzung  eines  Begriffes,  d.  h.  einer  Definition  besitzt.  Bei 
welcher  Gelegenheit  Hypsikles  sich  jener  Definition  der  Vieleckszahlen 
bedient  haben  mag,  wissen  wir  durchaus  nicht. 

Wir  schliessen  dieses  Kapitel  mit  der  Nennung  des  einzigen 
Schriftstellers,  für  dessen  Leben  etwas  genauere  Angaben  bekannt 
sind.  Wir  meinen  Hipparch,  der  zwischen  161  und  126  v.  Chr. 
astronomische  Beobachtungen  anstellte'-).    Er  ist  in  Nicäa  in  Bithynien 


^)  Ist  a  das  erste  Glied,  d  die  Diiferenz,  2«  die  Gliederzahl,   so  sind  die 

,    . ,          •                        ,    (3«  —  l)nd        ,           ,    (*i  —  1)'^^     j  TT  i        !-•  j 

beiden    Summen    na  A- —   und  na  -{- -~ —  ,   deren    Unterschied 

2  2 

dn"^  ist.     ^)  Wolf,  Geschichte  der  Astronomie  S,  45,  Anmerkung  1. 


346  17.  Kapitel. 

geboren.  Er  beobachtete  auf  der  Insel  Rhodos,  vielleicht  auch  in 
Alexandria.  Seine  hervorragendsten  Verdienste  rühmt  die  Geschichte 
der  Astronomie,  welcher  er  als  Schöpfer  einer  wissenschaftlichen 
Sternkunde  gilt.  Er  war  aber  auch  der  Urheber  eines  Theiles  der 
Wissenschaft,  welcher  das  Grenzgebiet  zwischen  Astronomie  und  Geo- 
metrie bildet,  der  Trigonometrie,  und  berechnete  eine  Sehnen- 
tafeP).  Leider  wissen  wir  von  dieser  Leistung  nur  durch  ein 
berichtigendes  Wort  eines  späten  Schriftstellers,  des  Theon  von 
Alexandria,  der  um  365  schrieb,  und  können  also  dieses  Kapitel 
griechischer  Mathematik  nicht  in  seinen  Ursprüngen  verfolgen.  Jeden- 
falls aber  stimmt  die  Erfindung  trigonometrischer  Betrachtungen  etwa 
150  V.  Chr.  mit  der  Nothwendigkeit  überein,  zu  welcher  wir  weiter 
oben  aus  anderen  Gründen  gelangt*  waren,  dem  Anaphorikos  des 
Hypsikles  kein  späteres  Datum  als  das  von  180  beilegen  zu  dürfen. 
Von  Hipparchs  Verdiensten  um  Einführung  der  geographischen 
Länge  und  Breite^)  reden  wir  im  nächsten  Kapitel'^). 

Wir  sind  einem  Hipparch  „der  zu  den  Arithmetikern  gehörte" 
begegnet  (S.  243),  von  welchem  combinatorische  Berechnungen 
uns  mitgetheilt  wurden.  Wir  haben  keinen  Grund  in  diesem  Schrift- 
steiler,  der  nach  Chrysippus  (282 — 209)  lebte,  einen  anderen  als  den 
Astronomen  zu  vermuthen.  Wir  glauben  ebenso  auch  an  die  Richtig- 
keit arabischer  Angaben,  denen  zufolge  Hipparch  als  Schriftsteller 
über  quadratische  Gleichungen  aufgetreten  wäre*^).  Eine  Sehnen- 
tafel setzt  zu  ihrer  Berechnung  arithmetische  wie  algebraische  Ge- 
wandtheit geradezu  voraus. 

Wir  haben  dieses  Kapitel  mit  Nennung  der  Gebiete  begonnen, 
auf  welchen  wir  die  Thätigkeit  der  Schriftsteller  im  Jahrhunderte 
von  200  bis  100  ungefähr  entfaltet  sehen  würden.  Unsere  Darstel- 
lung ist  mit  unserer  Ankündigung  in  Einklang  geblieben.  Niko- 
medes,  Diokles,  Perseus  waren  für  uns  die  Männer,  welche  der  Curven- 
lehre  sich  widmeten.  Zenodorus  widmete  den  planimetrischen  Lehren 
vom  Grössten  und  Kleinsten  seine  Kräfte.  Hypsikles  vervollkommnete 
die  Stereometrie  und  führte  durch  das,  was  wir  aus  der  Arithmetik 
von  ihm  wissen,  den  Beweis,  dass  auch  dieser  Theil  der  Mathematik 
in  dem  Jahrhunderte,  welches  auf  das  des  Euklid  folgte,  nicht  ver- 
nachlässigt wurde.  Hipparch  bestätigte  uns  in  dieser  letzten  Ueber- 
zeugung,  der  rechnende  Astronom,  welcher  den  naturgemässen  Ueber- 


*)  Wolf,  Geschichte  der  Astronomie  S.  111.  ^)  Ebenda  S.  153.  =')  Berger, 
Die  geographischen  Fragmente  des  Hijiparch.  Leipzig,  1870.  ■*)  Vergl.  L'algihrc 
d'Ovinr  Älkhayyämi  (ed.  Woepcke)  Paris,  1851,  Trcface  XI  und  Journal  Asia- 
tique  Serie  5,  T.  V,  pag.  251 — 253. 


Heron  von  Alexandria.  347 

gang    zu    dem    rechnenden   Feldmesser    bildet,    der    nunmehr    unsere 
Aufmerksamkeit  auf  sich  zieht. 


18.  Kapitel.  ^ 

Heroii  von  Alexandria. 

Um  das  Jahr  100  v.  Chr.  etwa  blühte  Heron  von  Alexandria^). 
Die  Heimath  dieses  Mathematikers  und  Physikers  geht  aus  der  Ueber- 
schrift  mehrerer  seiner  uns  erhaltenen  Abhandlungen  hervor,  wird 
auch  durch  Pappus  und  durch  einen  Anonymus,  der  um  das  Jahr 
938  in  Byzanz  lebte,  bestätigt,  welche  beide  von  eineni  Heron  von 
Alexandria  zu  reden  wissen.  Herons  Lehrer  war,  wie  jener  Anony- 
mus' von  Byzanz  berichtet,  Ktesibius,  und  diese  Angabe  findet 
gleichfalls  Bestätigung  sowohl  dadurch,  dass  Proklus  den  Heron  zu- 
gleich mit  Ktesibius  als  Erfinder  wunderbarer  auf  Luftdruck  be- 
ruhender Vorrichtungen  erwähnt,  als  wieder  durch  die  Ueberschrift 
einer  Abhandlung,  welche  ihren  Verfasser  „Heron  des  Ktesibius" 
nennt,  eine  Verbindung  zweier  Namen,  welche  von  alten  Zeiten  her 
nicht  bloss  dem  Verhältnisse  von  Sohn  und  Vater,  sondern  auch  dem 
von  Schüler  und  Lehrer  entsprach.  Ktesibius  als  Lehrer  des  Heron 
ist  aber  ein  Zeugniss  für  das  Zeitalter,  in  welchem  dieser  gelebt 
haben  muss.  Ktesibius'-),  nach  einer  Angabe  in  Alexandria  geboren, 
nach  den  Meisten  nur  dort  ansässig,  während  Askra  sein  Geburtsort 
war,  hatte  als  •  Sohn  eines  Bartscheerers  sich  zuerst  dem  Gewerbe 
seines  Vaters  widmen  müssen,  war  aber  als  geistvoller  Erfinder  physi- 
kalischer Apparate,  z.  B.  einer  Wasserorgel,  einer  Wurfmaschine, 
welche  Geschosse  unter  Anwendung  zusammengepresster  Luft  schleu- 
derte, zu  hohem  Ansehen  gelangt.  Seine  Blüthe  fiel  in  die  Regierung 
von  Ptolemaeus  IX.,  Physkon  (der  Schmerbauch)  oder  Euergetes  IL 
genannt,  d.  h.  innerhalb  des  Zeitraums  von  170  bis  117,  und  somit 
dürfte    die    Wirksamkeit    eines    Schülers    des    Ktesibius    nicht    leicht 


^)  Ueber  Heron  vergl.  Venturi,  Commentari  sopra  Ja  storia  et  le  teorie 
deU'ottica,  tomo  I.  Bologna,  1814.  Th.  H.  Martin,  Bccherches  sur  la  vie  et 
les  ouvrages  d' Heron  d'Alexandrie  etc.  im  IV.  Bande  der  Memoires  presente's  par 
divers  savants  ä  Vacademie  des  inscnptions  et  helles  lettres:  Serie  I.  Sujets  divers 
d'eiudition.  Paris,  1854.  Cantor,  Die  römischen  Agrimensoren  und  ihre  Stel- 
lung in  der  Geschichte  der  Feldmesskunst.  Leipzig,  1875.  Die  geometrischen 
griechischen  Texte  herausgegeben  von  Hultsch:  Heronis  Alexandrini  geornetri- 
corum  et  stereometricorum  reliquiae.  Berlin,  1864,  theilweise  auch  von  Vincent 
in  den  Notices  et  extraits  des  mannscrits  de  la  bibliotheque  imperiale  Tome  XIX, 
Partie  2.     Paris,  1858.     ^)  Agrimensoren,  9  und  16. 


348  18-  Kapitel. 

frülier  als  120,  iiiclit  leicht  später  als  80  gesetzt  werden  dürfen. 
Ein  zweites  Zeugniss^)  für  das  Zeitalter  'des  Herou  hat  man  mit 
grosser  Wahrscheinlichkeit  einer  Schrift  des  Heron  selbst  zu  ent- 
nehmen gewusst.  Dort  sind  Beobachtungen  an  zwei  weit  von  ein- 
ander entlegenen  Standorten  zu  einem  geodätischen  Beispiele  vereinigt 
und  als  diese  Standorte  sind  Alexandria  und  Rom  gewählt.  Ptole- 
maeus  XIII.  Neos  Dionysius  war  aber  der  erste  ägyptische  König, 
welcher  im  Jahre  81  durch  die  Römer  eingesetzt  wurde.  Von  da 
an  waren  alle  Augen  in  Alexandria  nach  Rom  gerichtet,  während 
vorher  mit  grösserer  Wahrscheinlichkeit  als  an  sich  beliebiger  Ort 
in  einem  blossen  Beispiele  Rhodos,  vielleicht  auch  Athen  gewählt 
worden  wäre,  so  dass  das  Datum  jener  einen  Abhandlung  dadurch 
fast  mit  Gewissheit  bis  etwa  zum  Jahre  80  herabrückt.  Die  Zu- 
sammenfassung der  beiden  Momente  lässt  es  zu,  so  wie  wir  es-  ge- 
than  haben,  die  Blüthe  Herons  von  Alexandria  auf  das  Jahr  100  an- 
zusetzen, 6in  oder  zwei  Jahrzehnte  nach  aufwärts  oder  abwärts  als 
Grenzen  freigegeben. 

Dieser  Heron  war  allem  Anscheine  nach  der  einzige  seines 
Namens,  welcher  in  der  Geschichte  der  Mathematik  einen  Platz  ver- 
dient. Pappus,  der  an  verschiedenen  Stellen  von  Heron  redet,  nennt 
ihn  Heron  schlechtweg  oder  Heron -von  Alexandria.  Proklus,  pedan- 
tisch genau  in  Vermeidung  der  Verwechslungen  von  Schriftstellern, 
wo  dieselben  möglich  wären,  wie  wir  (S.  181)  gesehen  haben,  redet 
zweimal  von  dem  Mechaniker  Heron,  viermal  vorher  und  nachher 
von  Höron  schlechtweg,  und  unter  diesen  vier  Stellen  ist  gerade  die- 
jenige, in  welcher  Heron  mit  Ktesibius  zusammen  genannt  ist,  so 
dass  Heron  ohne  Beinamen  bei  Proklus  jedenfalls  derselbe  ist  wie 
Heron  der  Mechaniker  oder  der  Schüler  des  Ktesibius.  Eutokius  in 
seinen  Erläuterungen  zur  archimedischen  Kreismessung  (S.  303)  redet 
gleichfalls  nur  von  Heron,  als  wenn  es  eben  nur  einen  solchen  all- 
bekannten mathematischen  Schriftsteller  gäbe. 

Dazu  kommt  die  Unmöglichkeit  einen  anderweitigen  Mathematiker 
oder  Mechaniker  Herou  irgendwie  geschichtlich  unterzubringen.  Der 
Schriftsteller,  welchen  man  ehedem  als  Heron  den  Jüngeren  zu 
bezeichnen  pflegte,  ist  der  vorerwähnte  Byzantiner  des  X.  S.,  welcher 
selbst  Heron  von  Alexandria  citirt,  und  dem  den  gleichen  Namen 
beizulegen  auch  nicht  der  geringste  Grund  vorliegt.  Heron,  der 
Lehrer  des  Proklus,  Aveleher  in  dem  zweiten  Viertel  des  V.  S. 
lebte,  hat  überhaupt  keine  bekannt  gewordene  mathematische  Schrift 
verfasst;    ihn  hat   Proklus    insbesondere   sicherlich   bei  keiner   seiner 


')  Martin,  Becher  dies  sur  la  vie  etc.  pag.  91. 


Heron  von  Alexandria.  349 

Aüführungeü  im  Sinne  gehabt,  sonst^würde  der  überaus  pietätvolle 
Schüler  für  ihn  eine  andere  Bezeichnung  als  das  einfache  Heron, 
oder  Heron  der  Mechaniker  gewählt  haben.  Heronas,  der,  wie 
Eutokius  erzählt,  einen  Commentar  zu  Nikomachus  schrieb,  mithin 
zwischen  den  von  ihm  erläuterten  Schriftsteller  und  den,  der  seiner 
erwähnt,  zwischen  das  H.  und  VI.  S.,  fällt,  ist  eine  im  Uebrigen 
durchaus  unbekannte  Persönlichkeit,  so  dass  es  eine  leichtfertige  Ver- 
muthung  wäre  in  ihm  den  Verfasser  solcher  Schriften  erkennen  zu 
wollen,  welche  als  von  Heron  verfasst  bezeichnet  sind. 

So  einfach  sich  demnach  die  sogenannte  heronische  Frage, 
d.  h.  die  Frage  nach  dem  Verfasser  der  mathematischen  und  physi- 
kalischen Schriften,  welche  einem  Heron  beigelegt  werden,  zu  lösen 
scheint,  so  sind  doch  noch  Schwierigkeiten  vorhanden,  wie  nicht 
anders  zu  vermuthen,  da  ja  sonst  Wunder  nehmen  dürfte,  dass  über- 
haupt jemals  eine  heronische  Frage  entstand.  Die  Handschriften  der 
als  herouisch  bekamiten  Bücher  sind  ziemlich  späten  Ursprungs  und 
verschiedenen  Inhaltes.  Kaum  eine  ist  mit  einer  anderen  zur  vollen 
Deckung  zu  bringen.  Bald  fehlt  eine,  bald  eine  andere  Abhandlung, 
und  zum  Ersätze  findet  sich  wieder  in  der  zweiten  Handschrift,  was 
man  in  der  ersten  vergeblich  suchte.  Schon  dadurch  ist  vollgültige 
Gewissheit  über  die  Echtheit  aller  Stücke  erheblich  erschwert.  Dazu 
kommt  die  sichere  Unechtheit  mancher  Stücke.  Ein  alle  Spuren  des 
Verfalles  der  Literatur  an  sich  tragendes  Griechisch,  Maasse  eines 
späten  Zeitalters,  Erwähnungen  von  Schriftstellern,  die  wie  Modestus 
und  Patrikius  am  Ende  des  IV.  S.  n.  Chr.  gelebt  haben,  können 
unmöglich  dem  Heron  von  Alexandria  um   100  v.  Chr.  angehören. 

Mau  hat  neuerdings  die  Lösung  aller  dieser  Schwierigkeiten 
darin  zu  finden  sich  geeinigt,  dass  man  die  Schriften  des  Heron  im 
Grossen  und  Ganzen  als  echt  in  unserm  Sinne,  d.  h.  als  dem  früher 
sogenannten  älteren  Heron  aus  dem  Jahre  100  v.  Chr.  angehörig 
erkennt,  dass  man  aber  annimmt,  diese  Schriften  seien  wesentlich 
verderbt  worden.  Sie  seien,  behauptet  man,  ungemein  verbreitet,  in 
zahllosen  Abschriften  und  Auszügen  vorhanden  gewesen.  Nun  habe 
bald  dieser,  bald  jener  Anfertiger  später  Exemplare  Randbemerkungen 
der  mannigfachsten  Art,  wie  sie  seiner  Lebenszeit  angemessen  schienen, 
beigefügt  und  noch  spätere  unwissende  Abschreiber  haben  bald* 
solche  Randbemerkungen  in  den  Text  herübergezogen,  bald  ihnen 
unverständlich  gewordene  Stellen  weggelassen.  So  sei  die  gegen- 
wärtige Gestalt  der  Schriften  Herons  entstanden.  Man  sei  berechtigt 
alle  als  echt,  wie  alle  als  unecht  zu  bezeichnen,  als  echt  dem  Ur- 
sprünge nach,  als  unecht  vermöge  ihrer  keineswegs  unbedeutenden 
Verschlimmbesserungen. 


350  18.  Kapitel. 

Die  Schriften  Herous  sind  tlieils  physikalischen,  theils  mathe- 
matischen Inhaltes.  Wenn  wir  uns  auch  bei  Erörterung  jener  ersten 
Gruppe,  so  weit  nicht  Mathematisches  in  ihnen  zur  Rede  kommt, 
hier  grimdsätzlich  enthalten,  so  können  wir  doch  nicht  umhin  auf 
eine  schriftstellerische  Eigenthümlichkeit  Herons  hinzuweisen,  welche 
in  ihnen  vorzüglich  zu  Tage  tritt,  und  auch  in  den  Schriften,  welche 
unsere  Auseinandersetzung  fordern,  sich  nicht  verleugnet,  Heron  be- 
gnügt sich  niemals  mit  bloss  theoretischen  Erörterungen.  Er  schreitet 
von  der  wissenschaftlichen  Grundlage  aus  zur  Anwendung,  und  zwar 
meistens  zu  einer  doppelten  Anwendung:  neben  dem  Nutzen  für  die 
menschliche  Gesellschaft  erscheint  auch  das  Vergnügen  des  Einzelnen 
ihm  werth  die  Fürsorge  des  Gelehrten  in  Anspruch  zu  nehmen. 

An  der  Grenze  zwischen  Physik  und  Mathematik  liegen  die 
streng  mechanischen  Schriften,  welche  Heron  von  Alexandria  verfasst 
hat.  Ein  Werk  über  die  Mechanik  wird  uns  genannt,  ein  zweites, 
der  Gewichtezieher,  welches  die  von  Archimed  gestellte  Aufgabe 
zu  lösen  sucht,  eine  gegebene  Last  mittels  einer  gegebenen  Kraft  in 
Bewegung  zu  setzen.  Von  beiden  sind  bei  Pappus  ziemlich  umfang- 
reiche Ueberreste  erkannt  worden,  die  indessen  wenig  Gelegenheit 
für  uns  bieten,  Bemerkungen  daran  zu  knüpfen. 

Ein  Buch  über  angewandte  Mechanik  ist  es,  welches  uns  zuerst 
den  Geometer  Heron  von  achtunggebietender  Seite  kennen  lehren 
wird.  Er  handelt  darin  von  der  Anfertigung  von  Geschützen*). 
Er  lehrt,  dass,  wenn  eine  dreifach  stärkere  Kraft  erzielt  werden  will, 
die  den  Geschossen  ihre  Bewegung  ertheilende  Sehne  dreifach  stärkere 
Spannung  erleiden  muss.  Diese  ihr  zu  verschaffen,  während  die 
ganze  Gestalt  des  Geschützes  sich  ähnlich  bleibt,  muss  ein  gewisser 
cyliudrischer  Theil  desselben  unter  der  gleichen  geometrischen  Be- 
dingung, die  für  das  Ganze  gilt,  dreimal  grösser  werden.  Nun  ver- 
halten sich  ähnliche  Cylinder  wie  die  Kuben  einer  Abmessung,  z.  B. 
des  Durchmessers,  also  muss  sich  hier  verhalten  d^^ :  r/g''  =  1:3  (all- 
gemeiner wie  1  :  7i).  Das  ist  die  delische  Aufgabe  der  Würfel  Ver- 
doppelung in  verallgemeinerter  Form.  Heron  löst  deshalb  hier  in 
einem  Buche  praktischen  Inhaltes  die  theoretische  Aufgabe,  zwischen 
zwei  gegebene  Längen  zwei  mittlere  geometrische  Proportionalen 
'einzuschalten.  Seine  Auflösung  ist  eine  vollkommen  gesicherte,  indem 
sie  ausdrücklich  als  heronisch  benannt  auch  von  Pappus  aufbewahrt 
worden  ist  und  an  beiden  Orten  so  genau  zusammentrifft,  dass  sogar 
die  Figur  bei  Pappus  fast  durchaus  mit  der  in  der   heronischen  Ab- 


')  "Hpcoros  KtrjaLßi'ov  ßtlonoiiticc  abgedruckt  in  dem  von  Thevenot  heraus- 
gegebenen Bande :.  Ftieres  mathematici.    Paris,  1693. 


Heron  von  Alexandria. 


351 


handlung  (Figur  63)  überein stimmt^).  Der  einzige  Unterschied  be- 
stellt darin,  dass  bei  Pappus  die  Gerade  Qr}  fehlt  und  demzufolge 
der  Punkt  rj  gar  nicht  und  Herons  Punkt  9  durch  rj  als  den  im 
Alphabete  auf  ^  folgenden  Buchstaben 
bezeichnet  ist.  Die  zwei  mittleren 
geometrischen  Proportionalen  sollen 
zwischen  die  beiden  Strecken  ccß,  ßy 
eingeschaltet  werden.  Man  bildet  aus 
den  gegebenen  Strecken  das  Rechteck 
ccßydj  dessen  beide  gleichen  einander 
in  6  halbirenden  Diagonalen  gezogen 
werden.  Ein  um  die  Ecke  ß  sich 
drehendes  Lineal  wird  alsdann  empi- 
risch in  die  Lage  gebracht,  dass  seine 
Durchschnitte  mit  den  Verlängerungen 
von  da  und  dy,  nämlich  ^  imd  £,  gleich- 
weit von  9  abstehen,  so  ist  aß  :  at, 
=  a^:  ys  =  ys  :  yß.  Die  Zeichnung 
der    Hilfslinien    Qs,  9^,  Qrj    (letztere 

senkrecht  auf  ad)  lässt  erkennen  9^"  ==  Qr}^  -\-  {riu  -j-  cct)'  =  Qyf 
-f  iqa^  -\-  at,{2'r}a  -f-  a^)  =  Qa^  -{-  a^-ö^.  Entsprechend  dieser  ersten 
Gleichung  Q^^  =  Qa'^  -\-  at,  -  d^  muss  zweitens  Qa'^  =  Qy^-\-ys-de 
sein.  Nun  ist  9^  =^  9£  vorausgesetzt,  es  ist  ferner  9a  =  Qy,  folglich 
muss  auch  a^  ■  ö^  =  ys  •  de  sein  und  a^:  ys  =  ds  :  d^.  Nun  ist 
weiter  aß  :  a^  =  de  :  dt,  und  de  :  dt,  =  ye  :  ßy,  also  endlich  aß  :  at, 
=  at,  :  ye  =  ys  :  ßy,  was  zu  beweisen  war. 

Wir  gehen  zu  den  eigentlich  mathematischen  Schriften  des  Heron 
über.  Man  kennt  von  ihm  einige  wenige  Aussprüche  elementaren 
Inhaltes  und  Beweise  zweier  Sätze  aus  dem  ersten  Buche  der  eukli- 
dischen Elemente,  die  sich  in  dem  oft  benutzten  Commentare  des 
Proklus  vorfinden.  Man  kennt  Definitionen  in  grösserer  Zahl,  welche 
als  heronisch  in  den  Handschriften  vereinigt  sind.  Man  kennt  Bücher, 
welche  die  Titel  führen:  Geometrie,  Geodäsie,  Stereometrie,  Aus- 
messungen, Buch  des  Landbaues.  Man  kennt  eine  Abhandlung  von 
der  Dioptra.  Was  oben  über  die  Handschriften  im  Allgemeinen  ge- 
sagt ist,  gilt  mit  nur  geringen  Abänderungen  von  diesen  Eiuzel- 
schriften.  Wir  meinen  dieses  so,  dass  nicht  jede  Abhandlimg  von 
jeder  anderen  durchaus  verschieden  ist.  üebereinstimmungen  des 
Lihaltes  finden  zwischen  Schriften  von  abweichender  Ueberschrift 
statt.     Daneben  finden  sich  Widersprüche,  die  es  mitunter  zweifelhaft 


1)  Vergl.  Veteres  wathematici  pag.  142  mit  Pappus  (ed.  Hultsch)  63. 


352  18.  Kapitel. 

erscheinen  ilassen,  ob  es  möglicli  sei,  dass  Heron  das  eine  Mal  so, 
das  andre  Mal  so  gesagt  habe.  Dann  ist  wieder  die  Form  auch  bei 
widersprechendem  Inhalte  so  durchaus  die  gleiche,  dass  ein  Zweifel 
am  gemeinsamen  Ursprünge  kaum  aufkommen  kann. 

Eine  um  so  wichtigere  Frage  ist  deshalb  die,  ob  man  einen  ur- 
sprünglichen Zusammenhang  aller  geometrischen  Schriften  Herons 
anzunehmen  habe,  oder  ob  es  von  Anfang  an  lauter  gesonderte  Werke 
waren.  Beide  Meinungen  haben  ihre  Vertreter  gefunden,  für  keine 
von  beiden  liegen  eigentliche  Beweisgründe  vor.  *Wir  stimmen  der 
Ansicht  bei  ^),  es  sei  ein  einziges  grosses  geodätisches  Werk  gewesen. 
Welches  Heron  vielleicht  veranlasst  durch  den  Beherrscher  Aegypteus 
geschrieben  habe;  es  sei  ein  officielles  Lehrbuch  der  Feld- 
messung von  ihm  verfasst  worden,  geeignet  die  alten  Vorschriften, 
deren  Mangelhaftigkeit  man  täglich  mehr  erkennen  musste,  und  die 
gleichwohl,  wie  wir  den  Tempelinschriften  von  Edfu  (S.  68 — 69) 
entnehmen  konnten,  zu  Herons  Lebzeiten  noch  immer  in  voller 
Uebung  waren,  zu  verdrängen  und  neben  sie  bessere,  genauere,  aber 
noch  immer  der  Berechnung  leichte  Bahnen  eröffnende  Regeln  zu 
stellen.  Dieses  grosse  Werk  zerfiel  dann,  glauben  wir,  unter  den 
Händen  der  Abschreiber  und  Abkürzer  in  einzelne  Abhandlungen, 
je  nachdem  bald  das  Eine,  bald  das  Andere  vorzugsweise  ausge- 
zogen wurde. 

Man  hat  hauptsächlich  die  Verschiedenartigkeit  des  Inhaltes  der 
kleineren  geometrischen  Schriften  zur  Stütze  der  Meinung  verwerthet, 
diese  Dinge  könnten  nicht  ursprünglich  einem  einzigen  Werke  als 
Bestandtheile  angehört  haben.  Wir  können  diesem  Einwurfe  zu  be- 
gegnen auf  jüngere,  auf  ältere  Aehnlichkeiten  hindeuten.  Spätere 
Nachahmungen  waren  bestrebt  in  ein  Ganzes  zu  vereinigen,  was  in 
heronischen  Schriften  verzettelt  vorlag;  sollte  das  geschehen  sein 
ohne  damals  wache  Ueberlieferung  einstmaliger  Zusammengehörigkeit? 
Wir  haben  das  Uebungsbuch  des  Ahmes  in  seinem  bunten  Inhalte; 
sollte  es,  das,  wie  wir  noch  sehen  werden,  in  der  sprachlichen 
Form  als  Muster  beibehalten  wurde,  im  Uebrigen  nicht  nachgeahmt 
worden  sein? 

Ahmes  gab  ein  Rechenbuch  heraus.  Ihm  war  die  eigentliche 
Feldmessung,  wenn  sie  auch  wichtige  und  häufig  vorkommende  Rechen- 
beispiele bot,  immerhin  etwas  Nebensächliches.  Nichtsdestoweniger 
fanden  wir  bei  ihm  die  Berechnung  des  Flächen-  und  des  Körper- 
raumes   geometrischer    Gebilde    und    Maassvergleichungen.      Beides 

^)  Metrolggicorum  scriptorum  reliquiae  (ed.  Hui t seh,  Leipzig,  1864—66), 
T.  I.  FröleQomena  pag.  15,  Note  U.     Agrimensoren  30—31  und  36. 


Heron  von  Alexanclria.  353 

durfte  ein  Schriftsteller,  dem  nachgrade  die  Feldmessung  Hauptsache 
geworden  war,  um  so  weniger  vermissen  lassen.  Daneben  musste 
dieser  aber  auch  noch  Anderes  geben,  falls  man  einmal  gewohnt 
war,  in  einem  einzigen  Buche  Antwort  auf  alle  Fragen  zu  suchen, 
welche  das  praktische  Bedürfniss  stellen  liess.  Er  musste  Auskunft 
geben  über  die  Operationen  der  Feldmessung  selbst  im  weitesten 
Sinne  des  Wortes.  Er  musste,  wenn  das  Werk  zu  einer  Zeit  und 
an  einem  Orte  geschrieben  wurde,  wo  eine  wissenschaftliche  Geo- 
metrie Volkseigenthum  geworden  war,  Definitionen  der  vorkommenden 
llaumgrössen  und  Beweise  wenigstens  für  solche  Formeln  geben,  die 
neu  waren,  und  deren  Richtigkeit  nicht  ohne  weiteres  einleuchtete. 
Insbesondere  aber  durfte  der  Nachahmer  alter  ägyptischer  Muster- 
werke, mochten  die  Zielpunkte  sich  einigermassen  verschoben  haben, 
doch  unter  keiner  Bedingung  die  Rechnungsaufgaben  als  solche 
ganz  vernachlässigen.  Auch  algebraische  Aufgaben  werden  uns  bei 
ihm  nicht  unerwartet  sein,  und  unerwartet  wieder  nicht  Vorschriften 
zur  Vollziehung  bestimmter  Rechnungsoperationen,  wenn  nur  erstere 
in  näherer  oder  fernerer  Beziehung  zur  rechnenden  Geometrie  stehen, 
weim  nur  letztere,  z.  B.  die  Quadrat wurzelausziehung,  grade  in  der 
rechnenden  Geometrie  ihre  vorzugsweise  Anwendung  finden. 

So  ist  es  uns  gelungen  ein  —  ob  festes  lassen  wir  dahin  ge- 
stellt sein  —  geistiges  Band  um  Gegenstände  zu  schlingen,  welche 
der  Vereinigung  zu  widerstreben  schienen,  und  genau  diese  Gegen- 
stände sind  es,  über  welche  Heron  geschrieben  hat.  Die  Maassver- 
gleichungen, soweit  sie  alt  sein  können,  sind  neben  und  mit  den 
Berechnungen  der  Flächen  und  Körper  in  der  Geometrie  und  Stereo- 
metrie enthalten.  Die  Lehre  von  der  Feldmessung  selbst  liefert  die 
Abhandlung  über  die  Dioptra.  Die  Definitionen  haben  wir  erwähnt. 
Beweise  sind  bei  Proklus  aufbewahrt  gefunden  worden;  einen  Beweis, 
und  zwar  den  der  berühmten  heronischen  Formel  für  den  Dreiecks- 
inhalt aus  den  drei  Seiten,  werden  wir  der  Abhandlung  über  die 
Dioptra  noch  zu  entnehmen  haben.  Algebraisches  muss  aus  ver- 
schiedenen heronischen  Schriften  zur  Besprechung  gezogen  werden, 
und  wenn  wir  über  die  Methode  der  Quadratwurzelausziehimg,  über 
welche  Heron,  wie  wir  wissen  (S.  303),  schrieb,  nicht  berichten,  so 
unterbleibt  es  nur  aus  bedauernswerther  Nothwendigkeit,  weil  diese 
zu  Eutokius  Zeiten  allgemein  zugänglichen  Kapitel  aus  dem  geome- 
trischen Werke  des  Heron,  als  dessen  Bestandtheile  sie  von  Eutokius 
ausdrücklich  bezeichnet  werden,  heute  durchaus  verschwunden  sind. 
Es  muss  jedenfalls  eine  gute  Methode  gewesen  sein,  über  welche 
Heron  verfügte,  da  die  bei  ihm  massenhaft  auftretenden  Quadrat- 
wurzelausziehungen   durchgehends   sehr  nahe    richtig   sind.     Wir   er- 

Cantoe,  Geschichte  der  Mathematik  I.    2.  Aufl.  23 


354  18.  Kapitel. 

wähnen  endlich  noch,  dass  in  den  Definitionen  selbst,  wie  man  er- 
kannt hat'),  von  Vorbemerkungen  zu  den  Elementen  der  Arithmetik, 
sowie  von  Vorbemerkungen  zu  den  Elementen  der  Geometrie  die 
Rede  ist. 

Ob  letztere  insbesondere  auch  dem  grossen  geodätischen  Werke 
Herons  angehörten,  oder  ob  sie  einen  Theil  eines  Commentars  zu 
den  Elementen  des  Euklid  bildeten,  ist  zweifelhaft,  wenn  auch 
über  die  Thatsache  selbst,  ob  Heron  überhaupt  einen  solchen  Com- 
mentar  verfasste,  keine  Unsicherheit  mehr  herrscht.  Zum  voraus 
klang  es  weder  wahrscheinlich,  dass  in  verhältnissmässig  so  früher 
Zeit  Commentare  zu  Euklid  geschrieben  worden  sein  sollten,  noch 
ist  eine  erläuternde  schriftstellerische  Thätigkeit  einem  Manne  wie 
Heron  zuzutrauen,  der  die  Gewohnheit  besass  fast  nirgend  einen  Vor- 
gänger zu  nennen^).  Aber  kein  Zweifel  kann  dagegen  stichhalten,  dass 
in  einem  arabischen  Commentare  zu  den  Elementen  des  Euklid  ganze 
Stücke  aus  ähnlichen  Schriften  des  Heron  und  des  Simplicius  sich  er- 
halten haben,  welche  folglich  jenem  Araber  vorgelegen  haben  müssen^). 
Bevor  wir  mit  diesen  vorläufigen  Bemerkungen  abschliessen  ist 
eine  letzte  Frage  zu  stellen:  War  Heron  der  erste,  der  einzige 
griechische  Schriftsteller  über  Geodäsie?  Eine  befriedigende 
Antwort  können  wir  nicht  geben.  Ursprünglich,  das  lehrt  die  über- 
einstimmende Ueberlieferung  aller  Völker,  ging  die  Feldmesskunst 
der  eigentlichen  wissenschaftlichen  Geometrie  als  theoretische  Raum- 
lehre voraus  und  Hess  sie  erfinden.  Dann  aber  scheint  bei  den 
griechischen  Schriftstellern  wenigstens  die  Geometrie  weitaus  häufiger 
als  der  praktische  Theil  bearbeitet  worden  zu  sein,  wie  schon  daraus 
hervorgeht,  dass  das  Wort  Geodäsie  überhaupt  erst  seit  der  Zeit 
des  Aristoteles  (S.  239)  in  der  griechischen  Literatur  nachgewiesen 
werden    kann.     Begann    man    damals    geodätische    Schriften    in    dem 


')  Diese    Bemerkung     hat    Martin     gemacht.     Vergl.    Agrimensoren    37. 

*)  In  den   geometrischen  Schriften  kommen  nur   folgende  Namen  vor:    Archi- 

med,  Dionysius,  Euklid,   Modestus,  Patrikius,  Piaton,  Pythagoras. 

Von  diesen  sind  Modestus  und  Patrikius  jedenfalls  sp'ätere  Einschaltungen. 

Dionysius   kommt  nur  als  Anrede  in   der  Einleitung   zu  den  Definitionen  vor, 

während  die  Echtheit  der  Definitionen   selbst  mehr  als   die  irgend    einer  hero- 

nischen    Schrift    angezweifelt    wird.      So    bleiben    nur    Archimed,    Euklid, 

Piaton,  Pythagoras  übrig.     Auch  diese  Citate  können  unmöglich  sämmtlich 

22 
echt  seui,    da  z.  B     für    den  Werth  n  =  -_-    in    der    Geometria    (ed.    Hultsch) 

pag.  136  1.  5—11  auf  Archimed  und  ebenda  pag.  115  1.  7 — 10  auf  Euklid 
verwiesen  ist.  Letzteres  Citat  stammt  sogar  aus  der  ältesten  sonst  zuver- 
lässigsten Handschrift  der  Geometria.  ^)  Martin,  Becherches  sur  la  vie  etc. 
pag.  96  hat  auf  die  arabische  Handschrift  der  leidener  Bibliothek  hingewiesen. 
Besthorn  und  Heiberg  haben  ihre  Herausgabe  begonnen  (Kopenhagen  1893). 


Heron  von  Alexandria.  355 

Sinne,  in  welcliem  wir  von  einer  Geodäsie  Herons  reden,  zu  verfassen? 
Waren  in  Alexandria  ägyptische  Musterwerke  aus  verhältnissmässig 
junger  Zeit  vorhanden?  Wir  möchten  namentlich  die  letztere  Frage 
lieber  bejahen  als  verneinen.  Erhalten  ist  uns  freilich  nur  eine  Spur 
solcher  Schriften  in  der  Optik  Euklids  (S.  279),  aber  ist  es  denn 
mit  den  Elementenwerken  vor  Euklid  nicht  noch  schlimmer  gegangen? 
Was  wüssten  wir  von  einem  Hippokrates  von  Chios,  von  einem  Leon, 
von  einem  Theydius,  wenn  nicht  ein  Commeutator  des  letzten  und 
grössten  Elementenschreibers,  wenn  nicht  Proklus  uns  darüber  be- 
richtete?  Heron  hat  nun  keinen  Proklus  gefunden,  was  bei  der  prak- 
tisch hohen,  philosophisch  aber  geringfügigen  Bedeutung  seiner 
Schriften  uns  nicht  einmal  in  Erstaunen  setzen  kann,  und  so  sind 
wir  auf  die  einfache  Thatsache  beschränkt,  dass  wir  unter  Herons 
Namen  Werke  von  hoher  Vollendung  vor  uns  sehen,  Werke,  welche, 
soweit  es  sich  um  Berechnungen  handelt,  allerdings  an  den  theore- 
tischen Vorarbeiten  eines  Euklid  und  Archimed  meistens  ausreichende 
Begründung  finden,  welche  aber  auch  die  Kunst  der  Feldmessung, 
wir  meinen  die  eigentlichen  messenden  und  ortsbestimmenden  Arbeiten 
auf  dem  Felde,  so  vortrefflich  darstellen,  dass  wir  uns  nicht  denken 
können,  es  sei  hier  unvorbereitet,  unvermittelt  eine  ganz  neue  Kunst 
beschrieben.  Wir  stellen  uns  damit  keineswegs  in  Widerspruch  zu 
unserer  früheren  Behauptung,  das  Werk  des  Heron  sei  nothwendig 
gewesen,  um  mit  dem  alten  Schlendrian  vererbter  Unzulänglichkeit 
aufzuräumen.  Wir  leugnen  nicht  das  Ueberragen  Herons  über  seine 
Vorgänger,  wenn  wir  an  Vorgänger  glauben.  Es  gab  Feldmesser 
Jahrtausende  vor  Heron  in  Aegypten,  Seilspanner,  Harpedonapten, 
wie  der  alte  Grieche  (S.  62)  sie  nannte,  und  an  welche  wir  gleich 
nachher  uns  erinnern  wollen.  Sie  müssen  gewisse  Vorschriften,  wie 
mau  zu  verfahren  habe,  unter  sich  vererbt  haben.  Ihr  Erbe  muss  auf 
Heron  gelangt  sein.  Ohne  Zweifel  hat  er  auch  in  diesem  praktischen 
Theile  es  an  wesentlichen  Verbesserungen  nicht  fehlen  lassen.  Ihm, 
wenn  er  nicht  in  Dikaearch  und  Eratosthenes  Vorgänger  hatte 
(S.  243),  ist  vielleicht  die  Erfindung  der  Dioptra  zuzuschreiben, 
während  man  früher  mit  mangelhafteren  Vorrichtungen  sich  begnügte, 
aber  Vorrichtungen  hatte  man,  z.  B.  den  sogenannten  Stern,  und 
deren  Gebrauch  muss,  wir  wiederholen  es,  eine  ältere  mündlich  oder 
schriftlich  überlieferte  Feldmesskunst  gelehrt  haben.  Der  letzte  geo- 
dätische Schriftsteller  blieb  Heron  allerdings  für  lange  Zeit.  Euklid 
und  Heron  waren  nachgrade  ihrer  Persönlichkeit  beinahe  entkleidet 
worden.  Sie  waren  Titel  von  Schulbüchern  geworden,  welche  auch 
zu  Völkern  drangen,  die  in  anderen  Sprachen  als  in  der  griechischen 
dachten  und  redeten.     Mochten  in   diesen  „Euklid"    der  Theoretiker, 

23* 


356  18.  Kapitel. 

in  diesen  „Heron''  der  Praktiker  Dinge  eingedrungen  sein,  an  welclie 
der  lebende  Euklid,  der  lebende  Heron  nie  gedacht  hatte,  für  die 
Naebkommen  blieb  es  der  „Euklid",  der  „Heron".  Ja,  es  ist  gar 
nicht  unmöglich,  dass  bei  derartigem  neben  einander  hergehenden 
Gebrauche  aus  dem  „Euklid'  dieses  oder  jenes,  z.  B.  Definitionen,  in 
den  „Heron"  überging;  auch  das  Entgegengesetzte  wäre  möglich, 
wenn  es  gleich  an  Beispielen  dafür  uns  fehlt,  aber  die  heronische 
Dreiecksformel  etwa  hätte  ganz  gut  in  eine  Handschrift  des  Euklid 
sammt  ihrem  Beweise  eindringen  können. 

Gehen  wir  nun  zur  Feldmesskunst  des  Herou  über,  wie  sie 
in  der  Abhandlung  über  die  Dioptra')  l)eschrieben  ist,  und  beginnen 
wir  mit  der  Schilderung  der  Dioptra  selbst.  Sie  bestand  aus  einem 
4  Ellen  laugen  Lineal,  welches  an  beiden  Enden  Plättchen  zum  Hin- 
durchvisiren,  oder,  wie  man  heute  sagt,  Dioptervorrichtungen  trug. 
Sie  ruhte  auf  einer  kreisrunden  Scheibe,  auf  welcher  sie  in  Drehung 
versetzt  werden  konnte,  und  eine  vertikale  Drehung  war  mit  der 
Scheibe  auf  einem  die  ganze  Vorrichtung  tragenden  Fusse  ermöglicht. 
Wir  dürfen  in  der  Dioptra  den  Keim  des  Theodoliths  der  neueren 
Feldmesskunst  erkennen.  Sie  diente  zum  Abstecken  von  Geraden  in 
den  mannigfachsten  Richtungen,  wenn  auch  eine  Winkelmessung  auf 
dem  Felde  nicht  stattfand.  Um  eine  Senkrechte  zu  einer  gegebenen 
Richtung  sich  zu  verschaffen,  dienten  zwei  kleine  Zäpfchen  auf 
der  Dioptrascheibe,  bis  zu  welchen  die  Dioptra  gedreht  werden 
musste,  um  einen  rechten  Winkel  zu  erhalten.  Den  oben  erwähnten 
vorheronischen  Stern  bildeten  zwei  in  horizontaler  Ebene  sich  recht- 
winklig schneidende  Lineale,  also  eine  Art  von  Winkelkreuz.  Die 
Vorrichtung  zum  Hindurchvisiren  aber  fehlte,  und  ebenso  fehlten 
verschiedene  Hilfsapparate,  die  mit  der  Dioptra  in  Verbindung 
standen.  Bei  ihr  war  die  vertikale  Stellung  des  Fusses  verbürgt 
durch  einen  herabhängenden  Bleisenkel,  welcher  längs  einer  auf 
dem  Fusse  eingeritzten  Geraden  seinen  Verlauf  nehmen  musste.  Die 
Horizontalität  der  Scheibe  entnahm  man  einer  Wasser  wage.  Statt 
beider  mussten  bei  dem  Sterne  Bleisenkel  dienen,  welche  an  den 
4  Enden  des  Winkelkreuzes  hingen,  welche  aber,  wie  Heron  tadelnd 
hervorhebt,  namentlich  bei  einigermassen  stark  gehendem  Winde, 
nicht  leicht  zur  Ruhe  kamen  und  somit  die  Brauchbarkeit  des  Appa- 
rates, welche  von  der  gesicherten  richtigen  Aufstellung  untrennbar 
ist,  wesentlich  verringerten.     Mit  Hilfe  der  Dioptra  und  abgetheilter 

')  "Hgcovog  'JXt^ccvSQtwg  TctQl  diönzgag  abgedruckt  mit  französischer  Ueber- 
setzung  von  Vincent,  mit  den  Anmerkungen  von  Venturi  und  Vincent  in 
den  Notices  et  exlraits  des  mamiscrits  de  Ja  bibliothlque  imperiale  XIX,  2 
(Paris,  1858). 


Heron  von  Alexandiia.  357 

selbst  mit  Bleisenkel  versehener  Signalstangen  wurden  die  wich- 
tigsten Aufgaben  auf  dem  Felde  gelöst.  Nivellirungen  5  Absteckung 
einer  Geraden  zwischen  zwei  Punkten,  deren  keiner  von  dem  anderen 
aus  gesehen  werden  kann;  Bestimmung  der  Entfernung  eines  sicht- 
baren aber  unzugänglichen  Punktes;  Auffindung  der  Breite  eines 
Flusses,  ohne  ihn  zu  überschreiten;  Auffindung  der  Entfernung  zweier 
Punkte,  die  beide  sichtbar,  beide  unzugänglich  sind;  Absteckung  einer 
Senkrechten  zu  einer  unzugänglichen  Geraden  in  einem  unzugäng- 
lichen Punkte  derselben;  Bestimmung  der  Höhe  eines  entfernten 
Punktes  über  dem  Standorte  des  Beobachters;  Aufnahme  eines  Feldes; 
Wiederherstellung  der  mit  Ausnahme  von  2  oder  3  durch  Grenz- 
steine gesicherten  Punkten  verloren  gegangenen  Umfriedigung  eines 
Feldstückes  unter  Anwendung  des  vorhandenen  Planes:  das  dürften 
etwa  die  interessantesten  Aufgaben  sein,  welche  Heron  in  seiner 
Schrift  von  der  Dioptra,  welche  wohl  den  praktischen  Theil  seines 
geodätischen  Werkes  bildete,  behandelt  hat,  bei  späteren  Aufgaben 
stets  früher  gelehrte  Operationen  benutzend,  wodurch  das  Einheit- 
liche dieser  Abhandlung  sich  erweist. 

Es  würde  zu  weit  führen,  wollten  wir  genau  schildern,  in  welcher 
Weise  Heron  jedesmal  verfährt.  Nur  die  beiden  letztgenannten  Auf- 
gäben müssen  aus  besonderen  Gründen  hier  zur  Rede  kommen.  Die 
Aufnahme  eines  Feldes  erfolgt  durch  Absteckung  eines  Rechteckes, 
welches  3  seiner  Eckpunkte  auf  der  Umgrenzung  selbst  besitzt.  Die 
Seiten  dieses  Rechteckes  werden  nun  freilich  mit  den  Grenzen  des 
Feldes  nicht  zusammentreffen,  aber  die  zwischenliegenden  Greuz- 
strecken  bestimmen  sich  durch  die  senkrechten  Entfernungen  ein- 
zelner Punkte  derselben  von  den  Rechtecksseiten  unter  genauer  Be- 
merkung derjenigen  Pmikte  der  Rechtecksseiten,  in  welche  jene  meist 
kleinen  Senkrechten  eintreffen.  Der  geschickte  Feldmesser  wird, 
nach  Herons  ausdrücklicher  Vorschrift,  es  so  einzurichten  wissen, 
dass  die  Grenze  zwischen  zwei  zur  Bestimmung  ihrer  Endpunkte 
dienenden  Senkrechten  leidlich  gradlinig  aussieht.  Wenn  wir  noch 
so  vorsichtig  uns  davor  hüten  wollen,  neue  Gedanken  in  alte 
Methoden  hineinzulesen,  hier  müssen  wir  ein  bewusstes  Verfahren 
mit  rechtwinkligen  Coordinaten  erkennen.  Nicht  als  ob  wir  be- 
haupten wollten,  Heron  habe  nach  einem  gemeinsamen  Gesetze  ge- 
sucht, welchem  die  vertikalen  und  horizontalen  Entfernungen  zu 
bestimmender  Punkte  von  gegebenen  Linien  gehorchen,  das  thut 
nicht  einmal  die  moderne  Feldmesskuust,  welche  sehr  wohl  empi- 
rische Linien  von  geometrischen  Curven  zu  unterscheiden  weiss. 
Aber  denken  wir  daran,  dass  Hipparch  (S.  346)  die  Erde  mit 
Coordinaten  überzog,    welche   die  Lage  jedes  Punktes   derselben    be- 


358 


18.  Kapitel. 


stimmen  sollten,  class  dieser  die  Breite  von  dem  Aequator,  die  Länge 
von  dem  Meridiane  von  Rhodos,  mithin  von  ganz  genau  definirten 
Anfangslagen  beginnen  und  messen  liess,  so  werden  wir  in  Herons 
Verfahren  die  Wiederholung  auf  kleinerem  Felde  finden  von  dem, 
was  sein  etwas  älterer  Zeitgenosse  für  die  Erde  in  ihrer  Gesammt- 
oberfläche  gelehrt  hat,  beide  vielleicht  abhängig  von  uralten  Vor- 
bildern, aber  über  jene  hinausgehend.  Wir  erinnern  daran,  dass  um 
1400  die  ägyptischen  Bildhauer  unter  König  Seti  I.  die  mit  Bildwerk 
zu  versehenden  Wände  zunächst  mit  einem  Netze  kleiner  Quadrate 
überzogen  (S.  66).  Das  waren  auch  Coordinaten.  Aber  ob  und  wie 
Linien  der  beabsichtigten  Figuren  in  diese  Quadratchen  hineinfielen, 
dürfte  an  sich  unerheblich  gewesen  sein.  Vermuthlich  sollten  nur  bei 
der  Ausführung  im  Grossen  dieselben  Verhältnisse  beibehalten  werden, 
welche  der  Künstler  in  seiner  Handskizze  dem  Augenmaasse  oder  der 
Uebung  nach  sich  vorgezeichnet  hatte.  Jetzt  entwarf  Heron  kleinere 
rechtwinklige  Figuren  zu  bestimmtem  Zwecke  und  wählte  Zahl  und 
Entfernung  der  Senkrechten  in  bewusster  Beliebigkeit.  Früher  war 
es  eine  zufällige,  jetzt  eine  absichtliche  Bestimmung  einzelner  Punkte 
mittels  senkrecht  zu  einander  gezeichneter  Strecken. 

Nicht  minder  lehrreich  ist  für  uns  die  Rückübertragung  des 
gezeichneten  Planes  auf  das  Feld,  wenn  nur  einige  Punkte  desselben 
gegeben  sind.    Erhalten  seien  (Figur  64)  die  Grenzsteine  a,  /3,  deren 

Inschriften  gestatten,  sie  auf  dem  Plane 
zu  identificiren;  gesucht  werden  die 
beiden  Hauptrichtungen  auf  dem  Felde, 
welche  zu  einander  senkrecht  dem 
ganzen  Plane  als  Grundlage  dienen,  so 
d^ss  wenn  z.  B.  ay  einer  dieser  Haupt- 
richtungen gleichlaufend  und  ßd  zu^  ihr 
senkrecht  wäre,  die  Längen  ad,  ßd  mit 
den  Inschriften  der  beiden  Grenzsteine 
in  Einklang  stehen.  Jedenfalls  kann  man  auf  dem  Felde  aß  ab- 
stecken und  auf  dieser  Strecke  einen  Punkt  e  ziemlich  nahe  bei  a 
sich  genau  bemerken.  Nun  ist  auf  dem  Plane  das  Dreieck  ccßd  be- 
kannt und  vermöge  der  erfolgten  Abmessung  von  aß  auch  das  Ver- 
hältniss  der  Längen  auf  dem  Plane  zu  denen  auf  dem  Felde.  Das 
Dreieckchen  aet,  muss  dem  aßd  ähnlich  sein,  aus  der  gemessenen 
Länge  as  folgen  daher  durch  Rechnung  die  Längen  von  a^  und  ^E} 
welche  auf  einem  Seile  qöt  durch  Strichelchen  angemerkt  werden. 
Nun  befestigt  man  dieses  Seil  mit  ^  in  a,  mit  r  in  £  und  spannt  es 
in  a  an,  so  wird  bei  6  ein  rechter  Winkel  entstehen  und  ^  gefunden 
sein    und    damit    zugleich    die    Richtung    a^öy.     Das    geschichtlich 


<r    t 


Fig.  Gl. 


Heron  von  Alexandria.  359 

Bedeutsame  bei  diesem  Verfahren  besteht  darin,  dass  der  rechte 
Winkel  durch  Anspannung  eines  Seiles  gewonnen  wird,  welches 
mit  zwei  durch  Striche  oder  Knoten  bezeichneten  Stellen  an  zwei 
Pflöcken  im  Boden  befestigt  wurde.  Das  ist  ja  nichts  anderes  als 
die  ägyptische  Seilspannung  (S.  63  —  65)  bei  der  Grundstein- 
legung der  Tempel,  ein  Verfahren,  welches,  wie  wir  wissen,  vielleicht 
schon  zur  Zeit  des  Königs  Amenemhat  I.  um  das  Jahr  2300  nicht 
wesentlich  anders  geübt  worden  war  als  237  bei  der  Gründung  des 
■  Tempels  von  Edfu.  Damit  gewinnt  aber  auch  die  Vermuthung 
einigen  Halt:  im  Jahre  237  werde  man  etwa  so  verfahren  sein,  wie 
im  Jahre  100,  und  das  letztere  uns  genau  bekannte  Verfahren  sei 
mit  einigen  Abänderungen,  wie  wir  früher  auszusprechen  wagten,  in 
ältester  Zeit  bereits  zur  Erlangung  rechter  Winkel  benutzt  worden. 
Natürlich  können  die  damals  angenommenen  Zahlen  für  die  gegen- 
seitigen Entfernungen  der  drei  Knoten  hier,  wo  es  sich  um  Her- 
stellung eines  einem  bestimmten  rechtwinkligen  Dreiecke  ähnhchen 
Dreiecks  handelt,  nicht  zur  Bestätigung  kommen.  Noch  eine  Ver- 
änderung ergab  sich,  wie  wir  finden,  im  Laufe  der  Jahrhunderte. 
Demokritus  nannte  die  Seilspanner  Harpedonapten,  das  Seil  selbst 
also  Harpedon  mit  einem  Worte,  dessen  Klang  schon  den  ägypti- 
schen Ursprung  verräth.  Zu  Herons  Zeit  führte  das  aus  Binsen  ge- 
flochtene Seil  den  griechischen  Namen  Schoinion  und  wurde,  wie 
Heron  in  der  Geometrie  sagt^),  abwechselnd  mit  dem  Rohre,  Kala- 
mos,  zu  Messungen  benutzt.  Wir  bemerken  hierzu  beiläufig,  dass 
y.dla^og  und  das  dem  (3%oivCov  nahe  verwandte  öx^tvog  neben  der 
allgemeinen  Bedeutung  Messstab  und  Messschnur  auch  die  besonderer 
und  zwar  unter  einander  verschiedener  Maasse  besitzen. 

Wir  haben  noch  bei  einem  Paragraphe  der  Schrift  über  die 
Dioptra  zu  verweilen,  bei  demjenigen,  der,  wie  wir  schon  sagten, 
den  Beweis  für  die  sogenannte  heronische  Dreiecks  forme!  lie- 
fert^). Das  Dreieck  aßy  erweist  sich  (Figur  65)  bei  Einbeschreibung 
des  Kreises  mit  dem  Halbmesser  r]€  als  gleich  dem  Doppelten  eines 
Dreiecks  mit  diesem  Halbmesser  als  Höhe  und  dem  halben  Umfang 
von  aßy  oder  mit  y9,  als  Grundlinie  (sofern  ßQ  =  aö  genommen  ist). 
Nun  wird  die  Hilfsconstruction  rjX  senkrecht  zu  rjy,  ßk  senkrecht 
zu  ßy  und  yl  vollzogen  nebst  den  Halbmessern  tjd,  rie,  ')]t,  des  ein- 
geschriebenen Kreises  und  den  Verbindungsgeraden  rja,  rjß,  7]y  seines 
Mittelpunktes  mit  den  Endpunkten  des  Dreiecks.  Weil  <^  yrjl  = 
yßl==  90",  muss  yl  der  Durchmesser  des  umschriebenen  Kreises  für 


')  Heron  (ed.  Hultsch)  43,       ^)  Vergl.  Hultsch,   Der  heronische  Lehr- 
satz über  die  Fläche  des  Dreiecks  in  der  Zeitschr.  Math.  Phys.  IX,  225 — 249. 


360 


18.  Kapitel. 


die    beiden  Dreiecke  ytjX    und   yßX  sein,  d.  li.  yrjßl  ist  ein  Sehnen- 

viereck  und 

^yriß-\-yXß=  180'. 

Aber  -^  yr]ß  =  y  rj  s  +  st]ß  =  -^  +  ^|-,   und  addirt  man  dazu 

noch  ccrjd  =  -^  und  berücksichtigt  ^tjs  -\-  sriÖ  +  Örjt,  =  360",    so 

zeigt  sieh  auch 

*  ^yr;/3  +  ß7?d=  180°, 

folglich 

ferner  ^  yßX  =  90"^  =  adr], 
folglich  sind  die  Dreiecke 
/3yA,  (3a>;  ähnlich  undßy:  ßk 
=  da:dr}  oder,  was  dasselbe 
ist,  =  |3G  :  ?^£,  somit 

ßQ  7]f 

Aber  aus  der  leicht  ersicht- 
lichen AehnKchkeit  der  Drei- 
ecke   ßlx,    £y]x    folgt    auch 

Fig-  65.  ßi  k3  .        yß  xß 

-—  =  -^  ,  mithin  ^~  =  -  • 
?;£  fx'  p6  ex 

Durch  Addition  der  Einheit  auf  beiden  Seiten  des  Gleichheitszeichens 


;^  - 


^«Ig^^  P  =  r!«^^^yF$e 


yt-fß 


ye^ 


oder     -     .  ^ 


ye  ■  tß 


und  daraus 


(;^9  •  T^f)'-  =  y£  •  £/3  •  /39  •  y9.     Nun  war  der  Flächeninhalt  des   Drei- 


ecks aßy  (als  des  doppelten  des  Dreiecks  yr]Q)  =  2 


y9  •  7]f 


=  yQ-rj£ 


und  somit  ist,  wenn  man  die  Fläche  des  Dreiecks  aßy  durch  z/  be- 
zeichnet, z/  =  Yys  •  sß  •  ßQ  •  yB .  Setzt  man  endlich  aß  =  c,  ay  =  h, 
ßy  =  a,  so  lassen  die  Faktoren  unter  dem  Wurzelzeichen  sich  leicht 
anders  ordnen  und  schreiben,  so  dass 


-t- 


-\-h  -\-  c     a-f&  —  c 


fc  +  c     —  a-\-b  -^c 


2  2  2 

entsteht,  eben  die  Formel,  die  Herons  Namen  führt.  Ob  sie  ihm 
angehört,  d.  h.  ob  Heron  hier  eine  eigene  oder  fremde  Erfindung 
mittheilt,  ist  nicht  vollständig  festzustellen.  Heron  ist,  wie  wir 
sahen,  kein  Freund  von  Citaten,  und  so  wäre  es  möglich,  dass  er 
einen  zu  seiner  Zeit  schon  anderweitig  bekannten  Satz  hier  vortrüge. 
Den  Beweis  dürfen  wir  wohl  mit  grösserer  Sicherheit  sein  Eigen- 
thum  nennen,  Aveil  sonst  kein  Grund  abzusehen  wäre,  warum  er  ihn 
mittheilte.     Da    überdies   Heron   in   jeder    Beziehung    der   Mann    ist, 


Heron  von  Alexandria.     (Fortsetzung.)  361 

dem  man  die  Erfindung  auch  des  Satzes  füglicli  zutrauen  darf,  so  ist 
und  bleibt  vms  die  Formel  die  beronische,  so  lange  ein  früherer  Er- 
finder nicht  wahrscheinlich  gemacht  wird. 


19.  Kapitel. 
Heron  von  Alexandria.     (Fortsetzung.) 

Von  der  Abhandlung  über  die  Dioptra  wenden  wir  uns  zu  einem 
raschen  Ueberblicke  über  die  anderen  Schriften,  um  die  Reihenfolge 
wenigstens  kennen  zu  lernen,  in  welcher  hier  die  einzelnen  Formeln 
auftreten. 

Geonietrische  Definitionen,  zwischen  welche  eine  historische  Notiz 
über   den   Ursprung   der  Geometrie   mit  Hinblick   auf  den  jährlichen 
Austritt    des  Nils    eingeschaltet   ist,    und   eine   Maasstabelle   eröfixien 
das  Buch  der  Geometrie.    Nach  diesen  kommt  die  Berechnung  von 
Quadraten  und  Rechtecken,    deren  Fläche    und   deren   Diagonale   ge- 
sucht   wird.      Das«  rechtwinklige    Dreieck    folgt,    auf   dieses    die    an- 
einanderhängenden  Dreiecke,    das  gleichseitige,    das   gleichschenklige, 
das    beliebige    Dreieck.      Beim    rechtwinkligen    Dreiecke    werden    die 
Methoden  des  Pythagoras    und   des  Piaton  zur  Auffindung  rationaler 
Seitenlängen  gelehrt;    beim   beliebigen  Dreiecke  wird   die  Senkrechte 
von  der  Spitze  auf  die  Grundlinie  gefällt  und  unterschieden,  ob  "diese 
Senkrechte    die  Basis    selbst    trifi't    und   Abschnitte   auf  ihr  erzeugt, 
oder   ob  sie  jenseits   der  Basis   eintrefi^end  eine  üeberragung  hervor- 
bringt;   es   wird  aber  auch  die    heronische    Formel    unmittelbar    an- 
gewandt,   welche    ohne    Durchgang    durch    die   Berechnung    des    Ab- 
schnittes,    beziehungsweise     der    Üeberragung     und     der     Höhe     die 
Dreiecksfläche   sofort    aus    den    drei   Seiten    ableitet.     Nun    folgt   die 
Rückkehr  zum  Vierecke    und    zu    den    mannigfaltigsten   Zerlegungen 
einer  Figur  durch  Hilfslinien.    Quadrate  in  gleichschenklige  Dreiecke 
eingezeichnet,    Rhomben  oder  verschobene  Quadrate,  Rechtecke,  Pa- 
rallelogramme,  rechtwinklige  Trapeze,   gleichschenklige  Trapeze,   be- 
liebige Vierecke   werden  so   der  Berechnung  unterzogen.     Nach  den 
gradlinig  begrenzten  Figuren  wendet  Heron  sich  zum  Kreise  und  zu 
dessen  Theilen.     Durchmesser,    Umfang,    Inhalt  des   Kreises   werden 
gegenseitig  aus  einander  abgeleitet.    Die  Fläche  eines  Kreisabschnittes 
und  die  Länge  seines  Bogen  s  werden  aus   der  Sehne   und  Höhe   des 
Abschnittes  ermittelt,    und  auch   der  Ring  zwischen  zwei   concentri- 
schen  Kreisen  wird  berechnet.     Vom  Kreise   kehrt  der  Verfasser  zu 
den  regelmässigen  Vielecken  zurück,  indem  er  Formeln  gibt,  welche 
die    Flächen    dieser    Vielecke    vom    Fünfecke    bis    zum   Zwölfecke 


362  19-  Kapitel. 

aus  der  Seitenlänge  finden  lehren.  Damit  dürfte  der  richtige  Text 
im  Ganzen  abschliessen,  indem  das  noch  folgende  Stück  (fünf  Seiten 
der  Druckansgahe  füllend)  ziemlich  unzweifelhaft  als  unecht  sich  er- 
weist. Dort  ist  nämlich  eine  dem  Patrikius,  also  einem  sehr  späten 
Schriftsteller,  angehörende  Vorschrift,  dort  die  Wiederholung  der 
Vorschriften  für  die  Vielecksberechnung,  die  Wiederholung  der  ge- 
schichtlichen Bemerkung  über  den  Ursprung  der  Geometrie  mit  kaum 
erwähnenswerthen  Varianten,  dort  am  Schlüsse  wieder  eine  Maass- 
tabelle zu  finden. 

Eine  andere  Schrift  heisst  Geodäsie.  Auch  sie  beginnt  mit 
Definitionen,  mit  einer  historischen  Notiz,  mit  Maass vergleich ungen; 
auch  sie  berechnet  den  Flächeninhalt  von  Quadraten  und  Rechtecken, 
bevor  sie  zum  Dreiecke  sich  wendet,  und  zwar  wieder  zum  recht- 
winkligen Dreiecke,  welches  nach  Pythagoras  und  Piaton  aus  ganz- 
zahligen Seiten  bestehen  kann,  zu  deü  aneinanderhängenden  Dreiecken, 
zu  dem  gleichseitigen,  zu  dem  beliebigen  Dreiecke,  bei  welchem  die 
heronische  Formel  den  Schluss  bildet. 

Die  sogenannte  Stereometrie  ist  begreiflicherweise  Avesentlich 
anderen  Inhaltes.  Hier  sind  es  Rauminhalte  von  Körpern  und  Körper- 
oberflächen, welche  den  Gegenstand  der  Berechnungen  bilden.  Die 
Kugel,  der  Kegel,  der  abgestumpfte  Kegel,  der  in  langgestreckter 
Form  bald  Obelisk,  bald  Säule  heisst,  der  Cy linder  geben  Beispiele, 
bevor  zu  den  allseitig  eben  abgegrenzten  Körpern:  Würfel,  Parallelo- 
pipedon,  Keil  übergegangen  wird,  als  dessen  nicht  ganz  deutlich  be- 
schriebene Sonderfälle  wohl  der  Huf,  der  Mäuseschwanz,  der  Ziegel 
zu  betrachten  sind.  Fast  eben  diese,  aber  auch  andere  eben  begrenzte 
Körper  erscheinen  sofort  noch  einmal  als  Pyramiden  mit  quadratischer, 
mit  rechteckiger,  mit  gleichseitig  dreieckiger,  mit  rechtwinklig  drei- 
eckiger Grundfläche,  jede  derselben  sowohl  ganz  als  abgestumpft  der 
Untersuchung  unterworfen.  Dann  kommen  mancherlei  der  Praxis, 
aber  nicht  der  eigentlichen  Stereometrie  angehörige  Körperformen 
an  die  Reihe.  Von  dem  Inhalt  einer  Muschel,  einer  Schale,  von 
dem  Umfange  eines  Amphitheaters  und  von  der  Menschenmenge, 
welche  ein  Zuschauerraum  fassen  kann  unter  der  Annahme,  dass  die 
Bänke  sich  nach  dem  Gesetz  einer  arithmetischen  Reihe  verjüngen, 
von  Speisesälen  und  Badezimmern,  von  Brunnen,  von  Kufen  und 
Butten,  von  Transportschiffen  ist  die  Rede,  und  wo  man  bei  der 
Berechnung  über  die  aus  den  Namen  nicht  mit  genügender  Klarheit 
hervorgehende  Gestalt  sich  Raths  erholen  will,  lässt  jene  uns  meisten- 
theils  erst  recht  im  Stiche. 

Eine  zweite  Sammlung  mit  der  Ueberschrift  als  Stereometrie 
und    dem  Verfassernamen  Herons   gibt  auch    nur    meist   zweifelhafte 


Heron  von  Alexandria.     (Fortsetzung.)  363 

Ergebnisse,  bald  mit  denen  der  ersten  Sammlung  übereinstimmend, 
bald  ihnen  widersprechend.  Die  Reihenfolge  ist  dahin  verändert, 
dass  hier  räthselhafte  Körperformen,  die  selbst  nicht  durchweg  die 
gleichen  wie  die  der  ersten  Sammlung  sind,  die  Reihe  eröffnen. 
Zwischendrein  ist  die  Messung  der  Höhe  einer  Säule  mittels  ihres 
Schattens  angegeben,  das  erstmalige  Auftreten  dieser  von  Thaies 
(S.  128)  herrührenden  Methode  in  einem  geometrischen  Werke.  Die 
Schatten  der  Säule  sowie  eines  seiner  Länge  nach  bekannten  Stabes 
werden  gemessen,  und  dann  Avird  die  Proportion  Stabschatten  :  Säulen- 
schatten =  Stab  :  Säule  in  Anwendung  gebracht.  Nun  folgen  erst 
Pyramiden,  und  zwar  solche  auf  rechtwinklig  dreieckiger  oder  gleich- 
seitig dreieckiger  Grundlage  und  solche,  deren  Grundflächen  regel- 
mässige Fünfecke,  Sechsecke  und  Achtecke  sind.  Nach  einer  unver- 
ständlichen Stufenpyramide  kommt  der  Satz,  dass  jede  Pyramide  der 
dritte  Theil  des  Prisma  von  gleicher  Grundfläche  und  Höhe  ist, 
worauf  mit  der  Berechnung  einer  abgestumpften  Pyramide  auf  recht- 
eckiger Grundfläche  unter  dem  Namen  Altarstufe  und  mit  der  gegen- 
seitigen Multiplikation  von  Längenmaassen  zu  Flächenmaassen  diese 
Stereometrie  abschliesst. 

Ausmessungen  haben  wir  den  Titel  ^£TQi]6£ig  eirier  weiteren 
Schrift  heronischen  Namens  übersetzt,  welche  ungleich  den  vorigen, 
denen  doch  annähernd  gleichartige  Probleme  zum  Gegenstande  dienen, 
bald  Flächen,  bald  Körperinhalte  durch  einander  gewürfelt  in  zwei- 
maliger Abwechslung  darbietet.  Zuerst  erscheinen  nämlich  Körper, 
dann  Flächen,  dann  wieder  Körper,  zuletzt  Flächen.  Wir  heben  aus 
der  wirren  Sammlung  nur  hervor,  dass  auch  hier  wieder  Körper 
eigener  Art  auftreten,  zu  deren  Verständniss  noch  gar  manches  fehlt, 
und  dass  zwischen  die  Inhaltsberechnungen  auch  Brunnenaufgaben 
eingeschaltet  sind,  d.  h.  Aufgaben,  in  welchen  die  Zeit  gesucht  wird, 
bimien  welcher  eine  Cisterne  durch  mehrere  Röhren  gefüllt  werden 
kann,  wenn  man  weiss,  wie  lange  die  Füllung  durch  jede  einzelne 
Röhre  dauern  würde. 

Die  letzte  heronische  Sammlung,  das  Buch  des  Landbaues, 
ysr^TCovLxov  ßißXiov,  geht  aus  von  Definitionen.  Ihnen  folgen  Flächen- 
ausmessungen mancherlei  Vierecke  und  Dreiecke,  wobei  die  Vierecke 
den  Dreiecken  vorangehen,  sowie  rechnende  Auflösung  von  Aufgaben, 
in  welchen  Kreise  vorkommen.  Nach  Ausrechnung  der  Pyramiden 
auf  quadratischer  Grundfläche  kehrt  die  Sammlung  zu  ebenen  Auf- 
gaben, zu  den  Durchmessern  der  dem  regelmässigen  Fünfecke  und 
Sechsecke  umschriebenen  Kreise  zurück.  Wieder  erscheinen  Auf- 
gaben, welche,  dem  Gegenstande  nach  unerwartet,  Einschaltungen 
sein  könnten,    und  die   sich  auf  die  Auffindung  von  Rechtecken  be- 


364  10.  Kapitel. 

ziehen,  deren  umfange  soAvie  deren  Inhalt  in  gegebenem  Zahlenver- 
hältnisse stehen  sollen,  Aufgaben,  welche  also  eigentlich  zahleu- 
theoretischer  Natur  freilich  in  planimetrischer  Einkleidung  sind,  so 
dass  die  Unterbrechung  des  Gedankenganges  nicht  allzu  auffällig  und 
die  Rückkehr  zu  wirklich  geometrischen  Aufgaben  vom  Rhombus, 
vom  Rechtecke,  von  regelmässigen  Vielecken,  von  Kreisen  eine  leichte 
ist.  Nur  einmal  gegen  das  Ende  der  Sammlmig  kehren  stereome- 
trische Aufgaben  wieder,  welche  aber  auf  Fässer  und  Fruchtmaasse 
eigenthümlicher  Gestalt  bezüglich  dem  Buche  des  Landbaues  nicht 
ganz  unangemessen  erscheinen.  Den  Schluss  bilden  Vergleichungen 
zwischen  Kubikfussen  und  Fruchtmaassen. 

Das  ist  in  dürftiger,  keineswegs  erschöpfender,  aber  eben  des- 
halb vielleicht  übersichtlicher  Zusammenstellung  die  Reihenfolge  der 
Gegenstände ,  welche  in  den  verschiedenen  Schriften ,  die  Herons 
Namen  tragen,  behandelt  sind.  Durch  diese  Zusammenstellung  dürfte 
um  so  wahrscheinlicher  gemacht  werden,  was  wir  über  das  muth- 
massliche  grosse  Werk  Herons  und  dessen  für  unsere  modernen  Be- 
griffe höchst  ungleichartigen  Inhalt  gesagt  haben,  denn  mit  Aus- 
nahme der  praktischen  Operationen,  deren  Darstellung,  abgesehen 
von  der  selbst  eine  Ausnahme  bildenden  Schattenmessung  in  der 
zweiten  stereometrischen  Schrift,  nur  in  der  Abhandlung  über  die 
Dioptra  enthalten  ist,  bieten  die  als  heronisch  betitelten  Bücher 
meistens  die  ganze  Reichhaltigkeit  des  bunten  Mancherlei,  welches 
wir  dort  vereinigt  glauben. 

Wir  haben  nun  noch  ziemlich  viele  Einzelheiten  hervorzuheben. 
In  erster  Linie  bemerken  wir,  dass  Herons  Geometrie  jeden- 
falls in  zwei  Ausgaben  vorhanden  war,  und  dass  manche  Ver- 
schiedenheiten zwischen  den  einzelnen  Sammlungen  darin  ihre  Er- 
klärung finden  dürften,  dass  dem  einen  Zusammensteller  die  eine, 
dem  andern  die  andere  Ausgabe,  wieder  einem  dritten  beide  Aus- 
gaben vorlagen.  Dafür  ist  schon  darin  ein  Beweis  vorhanden,  dass 
in  der  Ausmessung  der  Vielecke^)  die  Berechnung  der  Fläche  des 
Fünfecks  und  des  Sechsecks  nach  zwei  Vorschriften  gelehrt  wird. 
Die  Fläche  des  Fünfecks  sei  das  Quadrat  der  Seite  12 mal  genommen 
und  durch  7  getheilt:  nach  einem  andern  Buche  des  Heron 
finde  man  sie,  wenn  man  das  Quadrat  der  Seite  mit  5  vervielfache 
und  durch  3  theile.  Das  Sechseck  habe  zur  Fläche  das  Quadrat  der 
Seite   13mal   genommen   und   durch    5   getheilt;    anders    in    einem 

anderen  Buche,  wo  die  Vorschrift  sei       und  —  des  Seitenquadrats 

ßfach    anzusetzen.      Eine    dem    andern    Buche    entnommene    Stelle 


')  Heron,  Geometria  102  (od.  Hultsch)  pag.  134. 


Heron  von  Alexandria.     (Fortsetzung.)  365 

über  den  Kreis  besprechen  wir  noch  in  diesem  Kapitel  in  anderem 
Zusammenhange.  •  Weitere  Beweise  werden  wir  bei  Nachahmern 
Herons  auf  anderem  Boden  liefern  können. 

Von  der  Form  Herons  können  wir  kurz  sagen,  sie  sei  voll- 
ständig ägyptisch,  und  manches  liest  sich  geradezu  wie  eine  Ueber- 
setzung  ähnlicher  Dinge  aus  dem  Rechenbuch  des  Ahmes.  „Mache 
es  so"  waren  fast  regelmässig  die  Worte,  in  welche  Ahmes  seine 
Auflösungen  einkleidete  (S.  24)  und  „Mache  es  so",  rcoCsi  ovrojg, 
sagt  Heron  zu  demselben  Zwecke.  Eine  eigentliche  Vorschrift  findet 
sich  bei  Ahmes  nur  in  den  seltensten  Fällen  (S.  23);  kaum  anders 
bei  Heron,  der  dem  Leser  meistens  auch  die  Pflicht  auferlegt,  aus  den 
vielfältigen  Beispielen  für  ein  und  dieselbe  Aufgabe  sich  eine  Regel 
herauszuschälen.  Merit  heisst  bei  Ahmes  die  obere  Linie  einer  ffe- 
zeichneten  Figur  (S.  55);  Scheitelhnie,  xoQVfp-q,  nennt  sie  Heron 
und  definirt  gradezu,  Scheitellinie  sei  die  oberhalb  der  Grundlinie 
hingelegte  Gerade^).  Das  gleichschenklige  Paralleltrapez  war  seit 
Ahmes  bis  zu  den  Edfüinschriften  eine  von  den  Aegyptern  bevor- 
zugte Figur  (S.  56  und  66);  Heron  widmete  derselben  Figur  in  der 
Geometrie  neun  aufeinanderfolgende  KapiteP).  Ahmes  zerlegte  Figuren 
durch  Hilfslinien  in  Figuren  einfacherer  Natur,  wie  es  scheint,  wenn 
auch  die  genaue  Uebersetzung  der  betreffenden  Aufgaben  noch  nicht 
möglich  ist;. die  Tempelvorsteher  von  Edfu  übten  dieselbe  Zerlegung 
bei  Berechnung  ihrer  Felder;  Heron  bedient  sich  der  Zerlegung 
durch  Hilfslinien  zur  Messung  von  unregelmässig  begrenzten  Grund- 
stücken in  der  Abhandlung  von  der  Dioptra,  löst  gleicherweise  ver- 
schiedentliche  planimetrische  Aufgaben  in  der  Geometrie.  Bei  den 
Aegyptern  heisst  das  Wort  Qa,  dessen  Hieroglyphe  ein  die  Arme  in 
die  Höhe  streckendes  Männchen  ist,  sowohl  Höhe  als  allgemeiner  die 
grösste  Ausdehnung  eines  Raumgebildes  (S.  58);  genau  dasselbe  gilt 
für  das  Wort  ^af'Jxog  der  Alexandriner^),  bei  Heron  steht  sodami  der 
grösseren  Höhenabmessung  die  Breite,  %Xdrog,  als  geringfügigere  Aus- 
dehnung gegenüber,  wie  besonders  deutlich  aus  einer  Stelle  seiner 
Geometrie  hervorgeht,  wo  nach  Einzeichnung  zerlegender  Hilfslinien 
in  eine  Figur,  ohne  dass  eine  Drehung  vorgenommen  wäre,  plötzlich 
Höhe  heisst,  was  in  der  migetheilten  Figur  Breite  war^),  offenbar 
nur  deswegen,  weil  durch  die  Theilung  die  wirkliche  Höhe  abnahm, 
so   dass    sie    geringer    als    die  imverändert  gebliebene   Breite   wurde. 


')  Heron,  Geometria  3  (ed.  Hnltsch)  pag.  44  KOQV(pi]  Ss  teriv  i]  siil  ry 
ßäaei  tniTid-t^svr]  Ev&fta.  ^)  Heron,  Geometria  72—80  (ed.  Hultsch)  pag. 
103—108.  ^)  In  der  Geographie  des  Ptolemäus  I,  C  (ed.  Halma)  pag.  17  heisst 
es  ausdrücklich  ncc^^ölov  (ihv  rf/  [lei^ovt  xwv  diaczdoi^wv  TtQOGänxo^tv  xb  ^ifj-Aoq. 
*)  Heron,  Gtomeiriu  47,  48  (ed.  Hultsch)  pag.  88. 


366  19-  Kapitel. 

Bei  Ahraes  war  von  Flächen  zuerst  das  Quadrat,  dann  das  Dreieck, 
dann  das  aus  dem  Dreiecke  durch  Abstumpfung,  gewonnene  Trapez 
zur  Ausmessung  gebracht  (S.  56);  in  den  Edfuinschriften  ergab  sich 
eine  Veränderung  dahin,  dass  das  Dreieck  als  Trapez  mit  einer  ver- 
schwindenden Seite  aufgefasst  wurde  (S.  69);  Heron  bleibt  dem  Bei- 
spiele des  Ahmes  getreuer  als  selbst  die  priesterlichen  Landsleute: 
bei  ihm  geht,  wie  wir  bei  flüchtiger  Schilderung  der  Reihenfolge  der 
in  seinen  Schriften  behandelten  Gegenstände  wiederholt  bemerken 
mussten,  die  Flächenausmessung  des  Quadrats,  demnächst,  auch  des 
Rechteckes  voraus;  ihnen  folgt  das  Dreieck  in  seinen  verschiedenen 
Formen,  und  nach  diesem  kehrt  die  Betrachtung  zum  Trapeze  und 
zu  andern  Vierecken  zurück,  dieselben  zwar  nicht  als  abgestumpfte 
Dreiecke  untersuchend,  aber  Verwandlungen  und  Theilungen  durch 
Hilfslinien  mannigfach  vornehmend,  wie  wir  schon  betont  haben. 
Ahmes  hat,  worauf  wir  wiederholt  gleichfalls  aufmerksam  machen, 
Maassvergleichungen    (S.  52),    Heron    desgleichen.       Ahmes    bedient 

2 
sich   ausschliesslich    der    Stammbrüche,    zu    welchen    auch  —  gezählt 

wird  (S.  24);  Heron  verfährt  vorzugsweise  ebenso,  wenn  er  auch  im 
Stande  ist,  Brüche  mit  beliebigem  Zähler  und  Neuner  in  Rechnung 
zu  bringen,  ohne  sie  vorher  in  eine  Summe  von  Stammbrüchen  zu 
zerlegen.    Die  Hauaufgabe  Nr.  28.  des  Ahmes  (S.  37)  hat  den  Wort- 

2.1  .  .  '.  '  • 

laut  „—  hinzu,  -^  hinweg  bleibt  10  übrig";   wir  erklärten   sie  durch 

2  12 

(po  4"  -s-»^) ^(^  +  ~^)=  10;    man    vergleiche   damit    etwa   die 

Art,  wie  in  den  Ausmessungen  ein  Kreisbogen  aus  Sehne  und  Höhe 
desselben  berechnet  wird^):  „Es  sei  ein  Abschnitt,  und  er  habe  die 
Grundlinie  von  40  Fuss,  die  Höhe  von  10  Fuss;  seinen  Umfang  zu 
finden.  Mache  es  so.  Füge  immer  Durchmesser^)  und  Höhe  zu- 
sammen.    Es    entstehen    50    Fuss.     Nimm    allgemein    davon  --  weg. 

Es    ist    12--'     Rest  37—-    Zu  diesen  füge  allgemein  —    hinzu.       Es 

ist  9—---    Setze  zusammen.    Es  sind  Fusse  46—  —  —  -   So  viel  misst 

4:        O  Z        4:        O 

der  Umfang  des  Abschnittes.  Wir  haben  aber  ein  Viertel  weg- 
genommen und  ein  Viertel  hinzugefügt,  weil  ein  Viertel  der  Theil  ist 
der  Höhe  von  der  Grundlinie."  Als  Gleichung  übersieht  sich  diese 
Vorschrift  noch  deutlicher  in  ihrer  Aehulichkeit  zu  der  Ausdrucks- 
weise des  Ahmes.     Sie  lautet 


')  Heron,  Mensurae  33  fitT^rjcig  tTf'eou  xfirniarog  (ed.  Hultsch)  pag.  199 
bis  200.       *)  Soll  heissen:  Gi-uiuUiuie. 


Heron  von  Alexandria.     (Fortsetzung.)  367 

£  =  [(s  4-  /O  -li^  +  ^O]  +  ~  [(^  +  ^0  -  T  (^  +  ^'\ 

wenn  s  die  Seline,  h  die  Höhe,  B  die  Bogenlänge  des  betreffenden 
Abschnittes  bedeutet. 

Alle  diese  Aehnlichkeiten  vereinigt  dürften  jeglichen  Zweifel  an 
einer  unmittelbaren  Abhängigkeit  Herons  von  altägyptischen  Form- 
gewohnheiten vernichten.  Was  wir  früher  (S.  261)  schon  ankün- 
digten, hat  sich  bestätigt:  die  Form  der  arithmetisch-geometrischen 
Beispielssammlung,  eine  in  sich  abgeschlossene  von  der  anderer  Werke 
sich  wesentlich  unterscheidende  Form  ist  durch  und  durch  ungrie- 
chisch, ist  altägyptisch,  und  damit  gewinnt  die  andere  Vermuthuug 
erneuerte  Wahrscheinlichkeit,  es  dürfte  mit  der  Form  des  theoretisch- 
geometrischen Lehrbuches,  mit  der  Form  der  Elemente,  sich  ganz 
ebenso  verhalten. 

Ein  Anderes  freilich  gilt  für  den  Inhalt  der  heronischen  Samm- 
lungen, welcher  näher  in  Erwägung  gezogen  neben  mancher  über- 
raschenden Aehulichkeit  auch  manche  bei  den  Fortschritten,  welche 
die  Geometrie  gemacht  hatte,  ziemlich  selbstverständliche  Ab- 
weichungen von  dem  ägyptischen  Verfahren  offenbart.  Von  über- 
raschender   Aehnlichkeit    ist    die    Anwendung    der    beiden    Formeln 

^^^^  X  ^  und  "Ljt^  X  ^_^  (S.  69)  zur  Auffindung  der  Fläche 

eines  Dreiecks  oder  Vierecks,  welche  wir  in  den  Ausmessungen  und 
in  dem  Buche  des  Landbaues  wiederfinden^).  Dass  Heron  sie  gelehrt 
haben  sollte,  war  uns  früher  so  unglaublich,  dass  wir  dieselben  für 
EinSchiebungen  eines  Compilators  hielten.  Man  hat  uns  entgegnet"), 
es  sei  für  Heron  umgekehrt  gradezu  unmöglich  gewesen,  in 
Aegypten  in  einer  vollständigen  Sammlung  von  geometrischen  Rech- 
uungsverfahren  jene  Formeln  wegzulassen,  und  wir  gestehen  zu,  dass 
diese  Umkehrung  der  geschichtlichen  Wahrheit  wohl  näher  kommen 
dürfte  als  unsere  erste  Meinung.  Wir  neigen  nunmehr  selbst  der 
Auffassung  zu,  auch  diese  theoretisch  zwar  unhaltbaren,  praktisch 
aber  mitunter  ganz  erträglichen  Näherungsverfahren  habe  Heron 
neben  den  theoretisch  richtigen  Formeln  gelehrt,  die  meistens  nicht 
unmittelbar  zum  Ziele,  d.  h.  zur  Kenntniss  der  verlangten  Flächen- 
räume führten,  sondern  vorher  die  Berechnung  von  Hilfsstrecken,  als 
Höhen  und  dergleichen  nöthig  machten.  Vielleicht  mag  sogar  die 
vorzugsweise  sogenannte  heronische  Dreiecksformel  ihre  Entdeckung 


^)  Die  Dreiecksformel  in  den  Mensurae  (ed.  Hultsch)  pag.  207,  lin.  1—5; 
die  Vierecksformel  in  dem  Liber  Geeponicus  (ed.  Hultsck)  pag.  212,  lin.  15 — 21. 
^)  Agrimensoren  4.S  und  dagegen  S.  Günther  in  der  Beilage  zur  Allgemeinen 
Zeitung  Nr.  81,  vom  21.  März  1876,    * 


368  19-  Kapitel. 

dem  Bedürfnisse  verdankt  haben  aus  den  drei  Dreiecksseiten  un- 
mittelbar, aber  richtiger  als  mittels  --^^^ — ^  X  ^  ^i©  Dreiecksfläche 
zu  gewinnen. 

Einen  wesentlichen  Nachtheil  besass  freilich  in  den  Augen  des 
handwerksmässigen  Feldmessers  die  heronische  Formel  gegenüber  von 
der  der  Aegypter:  sie  verlangte  eine  Wurzelausziehung.  Die  Aus- 
führung dieser  Operation  überschritt,  wie  wir  wissen,  die  Höhe  des 
gemeinen  Rechnens.  Schriftstellerische  Arbeiten  wurden  ihr  ge- 
widmet, von  deren  einstigem  Vorhandensein  wir  Kenntniss  erlangt 
haben,  wenn  sie  auch  selbst  uns  verloren  sind.  Um  eine  solche 
Vielen  Missbehagen  erzeugende  Rechnungsaufgabe  herumzukommen 
war  fast  Noth wendigkeit,  wenn  Praktiker  mit  der  Ausführung  be- 
traut gewesen  wären,  und  so  blieben  Näherungswerthe  für  häufig 
auftretende  ein  für  alle  Mal  berechnete  Quadratwurzeln  in  Gebrauch. 

Wir  haben  in  |/2  =  —  ein  Beispiel  kennen  gelernt,  welches  (S.  211) 
vielleicht  schon  zu  Piatons  Zeit  in  Uebung  war,  wir  haben  auch 
j/S  ==  —  hervorgehoben,  auf  dessen  Entstehung  wir  (S.  302)  viel- 
leicht einiges  Licht  werfen  durften.  Beide  Näherungswerthe  hat 
Heron  selbst  anzuwenden  nicht  verschmäht,  er,  der  doch  imter  die 
Schriftsteller  zählt,  die  über  Ausziehung  der  Quadratwurzeln  schrieben. 

Den  Näherungswerth  "|/2  =  -  glauben  wir  im  Buche  des  Land- 
baues an  zwei  verschiedenen  Stellen  zu  erkennen^).  Die  erstere  Stelle 
behandelt  das  rechtwinklige  Dreieck  von  den  Seiten  30,  40,  50,  bei 
welchem  50  =  ]/3Ö^  +  40"  sei;  aber,  heisst  es  weiter,  es  ist  auch 
50  =  (30  -{-  40)  •  5  •  -y-      Will    man    diese  Ausrechnung   nicht   für 

haaren  Unsinn  nehmen,  so  kann  man  ihre  Entstehung  nur  folgender- 
massen  erklären.    Im  gleichschenklig  rechtwinkligen  Dreiecke  von  den 

Seiten  c,  c,  h  ist  /^  ==  c •  ]/2  ==  —4:  ==  ^^  ^  =  ip  -\-  c)  •  5  •  y  Daraus 

Avurde  tiun  weiter  geschlossen,  dass  auch  bei  ungleichen  Katheten  Cj 
und  Cjj  gerechnet  werden  dürfe  h  =  {c^^  -\-  c.^  •  b  •  ,  ein  Schluss,  der 
uns  bei  Leuten,  die  gewohnt  waren,  in  ungerechtfertigter  Weise 
arithmetische  Mittel  ungleicher  Seiten  einer  Figur  in  Rechnung  zu 
ziehen,  nicht  sonderlich  auffallen  kann.  Die  andere  Stelle  werden 
wir  weiter  unten  besprechen. 

Die  Anwendung,  welche  Heron  von  ]/3  ==    ^  macht,  tritt  bei  den 

')  Heron,  Liher  Geeponicus  50  und  152—153  (od.  Hultsch)  pag.  212,  liu. 
28—30  und  pag.  226,  lin.  9—16. 


Heron  von  Alexandria.     (Fortsetzung.)  369 

auf  das  gleichseitige  Dreieck  bezügliclieii  Aufgaben  hervor.   Die  Höhe 
desselben  ist    offenbar    gleich   dem  Produkte   der  Seite  in  -^]/3  und 


2 


13  .  "2     1. 

dafür    setzt  Heron  j^,  sei  es  nun,   dass  er  dafür   ^   ,-,   sei   es,    dass 


er  1  —  —  —  o«    dafür  schreibt.     Die  Höhe  des   gleichseitigen  Drei- 

10  30  °  ° 

ecks,  sagt  er  ausdrücklich^),   sei  1  —  —  —  «a^^^  ^^^  Seite,  und  die 

andere  Werthform  ist  in  der  wiederholt  auftretenden  Angabe  ent- 
halten,   die  Fläche  des   gleichseitigen  Dreiecks,    mithin  das  Produkt 

der  Seite  in  die  halbe  Höhe,  sei  -^tt     vom     Quadrat     der    Seite^). 

o    10  ^ 

Namentlich  die  Form  der  letzteren  Vorschrift  kehi-t  bei  Nachahmern 
Herous  fortwährend  wieder. 

Für  spätere  Vergleichungen  müssen  wir  auch  die  bei  Heron  vor- 
kommenden aneinanderhängenden  rechtwinkligen  Dreiecke^), 
TQiycova  oQQoyavLCi  rjvanava'^),  uns  bemerken,  worunter  muthmass- 
lich  zwei  rechtwinklige  Dreiecke  mit  rationalen  Seiten  gemeint  sind, 
welche  eine  Kathete  gleich  haben,  und  an  dieser  zusammenstossen, 
so  dass  die  beiden  andern  Katheten  als  gegenseitige  gradlinige  Fort- 
setzungen von  einander  erscheinen. 

Bei  der  Dreiecksberechnimg  finden  der  Abschnitt,  aTtoro^i], 
und  die  Ueberragung,  sxßXrjQstaa,  häufige  Anwendung.  Bedeuten 
h  die  Grundlinie,  a,  c  die  beiden  anderen  Seiten  des  Dreiecks  und 
a,  e  den  Abschnitt,  die  Ueberragung  von  der  einen  oder  der  anderen 

Richtung  her   an   a  anstossend,   so   rechnet  Heron  a  =  —  ^ 

^  2&         ' 

c"  —  b-  —  a- 


2b 
Bezüglich  der  Vielecke  erwähnten  wir  Formeln,  welche  die  Fläche 
des  regelmässigen  Vielecks  als  Produkt  des  Quadrates  der  Seite  in 
gewisse  Zahlengrössen  finden  lassen.  Jedenfalls  scheint  das  über- 
einstimmende Auftreten  wenigstens  einiger  dieser  Formeln  in  den 
3  Sammlungen  der  Geometrie,  der  Ausmessungen  und  des  Buches 
des  Landbaues  ^')  genügende  Gewähr  für  den  echt  heronischen  Ur- 
sprung, und  somit  haben  wir  hier  die  ältesten  auf  uns  gekommenen 


^)  Heron,  Gcometria  15  (ed.  Hultsch)  pag.  58,  lin.  26—28.  ^)  Heron 
Geometria  14  und  Geodaesia  13  (ed.  Hultsch)  pag.  58  und  147.  '')  Heron 
Geometria  13,  4  und  Geodaesia  12,  4  (ed.  Hultsch)  pag.  58  und  147.  ■^)  Das 
selten  vorkommende  ■i)V(on,hov  ist  von  evöat  abzuleiten,  welches  selbst  von  tv 
(eins)  abstammt  und  vereinigen  heisst.  ^)  Heron,  Geometria  102,  Mensuroe 
51—53,  Liber  Gec2wnicus  75—77  und  172  —  179  (ed.  Hultsch)  pag.  134  206 
218,  229. 

Cantok,  Geschichte  der  Mathematik  I.  2.  AuH.  04 


370  19-  Kapitel. 

trigonometrischen  Formeln  vor  uns.  Heisst  F,^  die  Fläche  des 
regelmässigen  n  ecks  von  der  Seite  a„  und  c„  der  Zahlencoefficient, 
mit  welchem  «„^  vervielfacht  werden  muss  um  die  Gleichung 

n                180" 
zu  liefern,  so  ist,  wie  man  leicht  einsieht,  c„  =    -  •  coto- •      Be- 

7  7  '  4  "         W 

rechnet  mau  darnach  die  aufeinanderfolgenden  c  auf  je  6  Decimal- 
stellen  und  stellt  daneben  die  heronischen  Werthe  in  ihrer  ursprüng- 
lich auftretenden  Form  und  daneben  gleichfalls  in  Decimalbrüche  von 
6  Stellen  umgewandelt,   so  erhält  man  nach  Heron: 

Cg  =  1^  =  0,433  333  richtig  ist  c.^  =  0,433  012 

c^  =  1  =  1,000  000  C4  =  1,000000 

Cg  =  Y  =  1,714  285  und  =  y  =  1,666  666  Cg  =  1,720477 

1  ^ 
Cß  =  y  =  2,600000  Cg  =  2,598  176 

c,  =^=  3,583  333  c^  =  3,633  910 

Cg  =  ^  =  4,833  333  c«  =  4,828  427 

Cy  =  y  =  6,375  000   und  =  'f  —  6,333  333  c^  =  6,181  824 

Cio  =  Y  ==  7,500  000  c,o  =  7,694  208 

c^i  ==  y  =  9,428  571  c,,  =  9,370  872 

^2  =  Y  =  11,250  000  c,2  =11,196  152 

wodurch  die  meistens  recht  genügende  Annäherung  hervortritt.  Dass 
Heron  solche  Rechnungen  vollziehen  konnte,  setzt  uns  nicht  in  Er- 
staunen; wissen  wir  doch  (S.  346),  dass  Hipparch  eine  Sehnentafel 
berechnet  hatte,  d.  h.  dass  die  Coefficienten  /i„  bekannt  waren,  mit 
deren    Hilfe    «„  =  ]c„  •  r   war,    wo    r    den    Kreishalbmesser    bedeutet. 

Nun  ist  c„  =  -.-]/ 1 — 2   —  1?    ^^^^  so    war  der  Theil    der  Rechnung, 

welcher  für  Heron  übrig  war,  bei  seiner  Gewandtheit  im  Ausziehen 
von  Quadratwurzeln  ein  verhältnissmässig  unbedeutender.  Eine  Ab- 
änderung der  Hipparchischen  Ergebnisse,  welche  Heron  vornahm,  ist 
von  geschichtlicher  Bedeutung.  Hipparch  und  schon  vor  ihm  Hypsikles 
bedienten  sich  (S.  344)  der  Sexagesimalbrüche ,  Heron  der  gewöhn- 
lichen Brüche.  Das  beweist  uns, .  was  auch  anderwärts  sich  bestätigt, 
dass  die  Sexagesimalbrüche  bei  den  Griechen  dem  gewöhnlichen 
Leben  fremd  blieben,    dass  sie  von  Anfang   an  waren,    als  was  man 


Heron  von  Alexandria.     (Fortsetzung.)  371 

sie  später  noeli  benannte:  astronomisclie  Brüche,  dass  überliaupt 
die  Trigonometrie  zunächst  ein  Kapitel  der  Astronomie  bildete  und 
keineswegs  dazu  diente,  auch  auf  der  Erde  Dreiecke  oder  aus  Drei- 
ecken  zusammengesetzte   Figuren   einer  Berechnung   zu   unterwerfen. 


Wir  haben   die  Formel  c„  =  xj/ F~^  —  ^   angeschrieben.      Ob 

Heron  sich  ihrer  zur  Auffindung  seiner  Coefficienten  c  wirklich  be- 
diente, ob  er  überhaupt  diese  Coefficienten  mittelbar  der  Sehnentafel 
entnahm  oder  sie  in  irgend  einer  Weise  unmittelbar  ableitete,  darüber 
fehlt  uns  jede,  auch  die  leiseste  Andeutung.  Man  sollte  sagen,  die 
eigenthümliche  Formel  (S.  367)  zur  Auffindung  der  Bogenlänge  aus 
Sehne  und  Höhe  eines  Kreisabschnittes  müsse  auf  die  Spur  von 
Herons  Verfahren  führen  können,  doch  ist  uns  das  Errathen  nicht 
gelungen. 

Ausser  dem  Flächeninhalt  des  regelmässigen  necks  war  unter 
allen  Umständen  der  Halbmesser  r,  der  Durchmesser  d  des  umschrie- 
benen   Kreises    von   Wichtigkeit.      Offenbar    lehrte    die    Sehnentafel 

durch  einfaches  Nachschlagen  a„  =  ^^ —  und  so  wird  der  heronische 
Ursprung  der  im  Buch  des  Landbaues  sich  vorfindenden^)  Formeln 
a„  =  —  und  d  ==  —^,  noch  dazu  durch  einen  Mangel  an  Folge- 
richtigkeit bei  n  =  8  entstellt,  indem  es  a^  =  —  heisst,  ungemein 

verdächtig.  Nur  bei  «  =  6  ist  a^  =  r  =  — ,  aber  die  Ausdeh- 
nung dieses  einen  zufälligen  Ergebnisses  zur  allgemeinen  Formel 
kann  Heron  unmöglich  verschuldet  haben.  Wir  können  die  Ueber- 
zeugung  dieser  Unmöglichkeit  selbst  durch  Erinnerung  an  zwei 
andere  Angaben  Herons  über  das  regelmässige  Achteck  stützen, 
welche  ohnehin  der  Erörterung  unterzogen  werden  müssen. 

In  demselben  Buche  des  Landbaues,  in  welchem  die  falschen 
Formeln  sich  breit  machen,  ist  nur  wenige  Seiten  später  die  Regel 
gegeben'"^),  man  solle  zur  Construction  eines  regelmässigen  Achteckes 
sich  eines  Quadrates  mit  seinen  Diagonalen  bedienen.  Die  Hälfte 
der  Diagonale  von  jedem  Endpunkte  des  Quadrates  aus  auf  den 
beiden  in  ihm  zusammentreffenden  Seiten  des  Quadrates  aufgetragen 
liefern  8  Punkte,  welche  mit  einander  verbunden  das  regelmässige 
Achteck  geben. 

Eine  zweite  Angabe   über   das   regelmässige  Achteck  findet  sich 


*)  Heron,    Liber    Geeponicua    146  —  164    (ed.    Hultsch)    pag.    225—228. 
^)  Ileron,  Liher  Geeponicus  199  ^ixqriCLq  ÖKtccywvov  (ed.  Hultscli)  pag.  231. 

24* 


372  19.  Kapitel. 

in  der  zweiten  stereometrischen  Sammlung^),  wo  bei  Gelegenheit  der 
Ausmessung  des  Körperinlialtes  der  Pyramide  auf  achteckiger  Grund- 
fläche von  der  Formel  (jf  =  (l^^  (l)'  +  y)'+  ft)'  ^^ebrauch 
gemacht  wird. 

Bevor   wir  den  Zusammenhang  dieser   beiden  richtigen  Behaup- 
tungen nachweisen,  wollen  wir  zeigen,  dass  die  letztere  mittels  eines 


bd 
12 


Rechenfehlers    zu    der    einen    abweichenden    Achtecksformel   a^  =  — 
im  Buche  des  Landbaues  Anlass  gab.     Setzen  wir  nämlich  ]/2  =  — , 

so  w..d  (y'sl)^  +ß+  (|J=  (]- .  ;•  +  f )'  +  (1)^  1 

=  —  (--)    =(— ^1    und    da    dieser  Werth    das    Quadrat    von^ 

5 
sein  soll,   so  ist  «s  =  Ts  ^*     Daraus  kann   aber   sehr,  leicht  irrthüm- 

p.      ♦ 

lieh  öo  ==  — d  entstanden  sein.     Gibt  man  uns  dieses  zu,  so  ist  hier 

»  12  ' 

IT 

die   zweite  Anwendung  von  ]/2  =  —  bei  Heron  nachgewiesen,  welche 

wir  (S.  368)  angekündigt  hatten. 

Man  könnte  freilich   einen  Einwand  erheben,    indem   man  sagte 

13       '  24  29 

d  ==  -^  a^   führe   zu  F^  =  ^  a^,  während    doch  Heron  F^  =  ~  a^ 

rechne.  Allein  dieser  Widerspruch  scheint  uns  geduldet  werden  zu 
müssen.  Wir  geben  nämlich  zu  bedenken,  dass  weder  d  noch  F^ 
genau  richtig,  sondern  nur  angenähert  berechnet  sind,  und  dass  die 
Einsetzung  eines  Näherungswerthes  in  eine  zweite  Näherungsformel 
nicht  immer  zu  den  gleichen  Ergebnissen  führt,  wenn  sie  in  einem 
früheren    oder    in    einem    späteren    Augenblicke    erfolgt.      Jedenfalls 

weicht  Cg  =  ~|  =  4,833  333  von  dem  wahren  Werthe  Cg  =  4,828  427 

24 

weniger  ab   als  Cg  ==  —  =  4,800  000. 

Die  beiden  richtigen  Behauptungen  über  das  Achteck  lassen  nun 
eine  Ableitung  mit  Hilfe  einer  und  derselben  Figur  zu,  welche  ein  Ein- 
wohner Aegyptens  oft  zu  sehen  in  der  Lage  war,  und  deren  Anblick 
einen  Mathematiker  umgekehrt  auf  die  Erfindung  jener  beiden  Sätze 
bringen  konnte.  Die  Figur,  welche  wir  meinen,  ist  die  (Figur  9) 
zweier  einander  symmetrisch  durchsetzender  Quadrate,  ein,  wie  wir 
uns    erinnern    (S.  QQ),    häufiges    Gewebemuster.      Dass    die    Schnitt- 


')  Heron,  Stereotnetrica  II,  37   nvQCCfii'öa    ItcX  o-araymvov   ßäascog   ßBßrjKvtav 
(i^TQycat,  (ed.  Hnltsch)  pag.  184,  lin.  10-17. 


Heron  von  Alexandria.     (Fortsetzung.)  373 

punkte  dieser  Quadratseiten  ein  regelmässiges  Achteck  in  der  Figur 
erscheinen  lassen,  ist  augenscheinlich.  Eines  Beweises  bedarf  (Fig.  66) 
nur  die  Behauptung  aß  ==■  ßy  und  ferner  die 
zwischen  ay  =  ^  und  yd  =  ^y  aufgestellte  Glei- 
chung. Der  Achteck winkel  bei  y  ist  135°,  dessen 
Hälfte  c<yß,  mithin  Ql-^.  Ferner  ist  der  Win- 
kel aßy  die  Hälfte  eines  rechten  Winkels  oder 
45'',  und  demnach  yaß  =  180°—  67^°  —  45° 
=  67-^°  =  ayß,  folglich  aß  =  ßy.    Zweitens  ist  ^"^-  ^^■ 

ay'^  =  a^^  -(-  yd^.  Dabei  ist  a8  =  ß8  =  ߣ  -\-  ^8  =  ße  -\-  y8  und 
^£2  _  ^^2  _|_  ^^2  _  2^6^  _  2y8%  mithin  «/  =  (l/27ö^  +  y^y 
-\-  yd'^ y  was  zu  beweisen  war.  Wir  werden  im  26.  Kapitel  noch 
deutlicher  erkennen,  dass  in  der  That  ein  dem  hier  gegebenen  Beweise 
sehr  ähnlicher  von  unserer  Figur  ausgehender  Gedankengang  zu  den 
beiden  heronischen  Sätzen  vom  Achtecke  geführt  haben  muss.  Wenn 
wir  heronische  Sätze  sagen,  so  meinen  wir  begreiflicherweise  solche, 
die  uns  am  frühsten  bei  Heron  begegnen,  ohne  Herons  Erfindung 
für  die  möglicherweise  noch  älteren  Wahrheiten  ausdrücklich  in  An- 
spruch zu  nehmen. 

Haben  wir  hier  eine,  wie  sich  herausstellte,  wichtige  Zwischen- 
bemerkung aus  der  zweiten  stereometrischen  Sammlung  in  Betracht 
ziehen  dürfen,  so  liefern  uns  die  eigentlich  stereometrischen  Angaben 
als  solche  im  Allgemeinen  wenig  Ausbeute.  Es  mag  ja  immerhin 
sein,  dass  eine  Vorschrift,  welche  in  den  Ausmessungen  sich  findet'), 
eine  nicht  regelmässige  Oberfläche,  etwa  die  einer  Bildsäule  zu 
messen,  indem  mau  Leinwand  oder  Papier  herumwickle,  welches  dann 
ausgebreitet  als  Maass  diene,  uralten  Ursprung  verrathe,  viel  wird 
mit  diesem  Bewusstsein  nicht  gewonnen  sein.  Dass  wir  aber  den 
stereometrischen  Aufgaben  so  wenig  abgewinnen  können,  hat  einen 
zweifachen  Grund.  Bald  steht  ungenügende  Verständniss,  welche 
Körper  eigentlich  gemeint  seien,  hindernd  im  Weg,  bald  die  That- 
sache,  dass  recht  viele  Rechnungsergebnisse,  auch  wo  sie  verständ- 
lich sind,  sich  als  falsch  erweisen.  Der  Diorismus,  ob  eine  Aufgabe 
wie  die  gestellte  überhaupt  möglich  sei,  ist  nicht  selten  versäumt. 
So  ist  z.  B.  eine  abgestumpfte  Pyramide  mit  rechteckiger  Grund- 
fläche zur  Ausrechnung  vorgelegt'*^),  deren  untere  Fläche  aus  den 
Seiten  14  und  20,   die  obere  aus  den  Seiten  2  und  4  gebildet  wird. 


^)  Heron,  Mensur ae  46  (ed.  Hui t seh)  pag.  204.     ^)  Heron,  Stereometrica 
I,  35  (ed.  Hultsch)  pag.  163. 


374  19.  Kapitel. 

wäkrend  dieser  Körper  bei  maugelnder  AelmlicKkeit  der  beiden 
Flächen  gar  nicbt  als  Pyramidenstumpf  aufgefasst  werden  kann-,  der 
Körper  gebort  vielmebr  zu  denjenigen,  welche  deutsche  Stereometer 
Obelisken  zu  nennen  pflegen.  Die  räumliche  Ausmessung  der 
Obelisken  findet  allerdings  nach  der  gleichen  Formel  statt,  als  hätte 
man  es  mit  einem  Pyramideustumpf  zu  thun,  doch  glauben  wir 
kaum,  dass  Heron  dieses  schon  wusste  und  die  Worte  TtvQanlg 
KoXovQog  sl'rovv  rj^Ltsl^g  (abgestumpfte  oder  halbfertige  Pyramide) 
in  der  Meinung  gebrauchte,  es  sei  hier  von  zweierlei  die  Rede. 
Wer  so  weit  zu  gehen  geneigt  wäre,  müsste  jene  Worte  übersetzen: 
von  Pyramidenstumpfen  und  ihnen  nur  verwandten  Gestaltungen. 

Unmittelbar  vor  dieser  Stelle  ist  eine  andere^),  bei  welcher  der 
mangelnde  Diorismus  zum  erstmaligen  Erscheinen  einer  Quadrat- 
wurzel aus  einer  negativen  Zahl  geführt  hat,  welches  in  der 
Geschichte  der  Mathematik  hat  nachgewiesen  werden  können.  Der 
Körpef inhalt  I  einer  abgestumpften  Pyramide  von  quadratischer  Grund- 
fläche wird  gesucht.  Nennt  man  nun  a^^  die  Seite  des  unteren 
grösseren,  «2  die  Seite  des  oberen  kleineren  Quadrates,  h  die  Kante 
des  Pyramiden  stumpfes,  H  dessen  senkrechte  Höhe,  Ji,  die  Höhe  einer 
der  parallelotrapezischen  Seitenflächen,  so  ist  offenbar 


h 


^  yj,^  _  {"^y,  H = ]/h^  -  {^~-^y 


oder  auch  H=yk^  —  "i"  ('^i  —  ^2)^ 

und  endlicli  I=H-  \i(^^y  +  |  (^^^^^ 


Eine  Ableitung  dieser  Formel  findet  so  wenig  statt  wie  die  irgend 
einer  anderen  (mit  Ausnahme  der  in  der  Abhandlung  über  die  Dioptra 
bewiesenen  heronischen  Dreiecksformel),  aber  sie  wird  in  einem  ersten 
Beispiele,  in  welchem  a^  =  10,  «2  =  2,  h  =  9  gewählt  ist,  mit 
gutem  Erfolge  angewandt.     Es  erscheint  nämlich 


J2-=]/92  —  i-  (10  —  2)2  =  7 

und  daraus  7=  7  [('± t?)^  +  ^  {^f]  =  2B9|. 
Der  Grund  der  Brauchbarkeit  liegt  darin,  dass,  wie  es  aus  der  Formel 
für  H  hervorgeht,  k^  >  --  (a^  —  a^^Y  sein  muss  und  bei  den  an- 
gewandten Zahlenwerthen  auch  ist.  Geometrisch  heisst  das:  ein 
Pyramidenstumpf  mit  quadratischen  Grundflächen  existirt  nur  dann, 
wenn    bei  senkrechter  Projicirung  der  oberen  Fläche   auf  die  untere 

')  Heron,  Stereometrica  I,  33  und  34  (ed.  Hultsch)  pag.  162  —  163. 


Heion  von  Alexandria.     (Fortsetzung,)  375 

zwischen  zwei  benaclibarteu  Eckpunkten  der  ursprünglicli  unteren 
Fläche  und  der  Projektion  eine  Entfernung  obwaltet,  die  kleiner  ist 
als  die  Kante  des  verlangten  Stumpfes.  In  einem  zweiten  Beispiele 
mit  a^  =  28,    a.^  =  4,    Z;  =  15  findet  dieses  aber  nicht  statt;    es  ist 

vielmehr  15^  <  ^  (28  —  4)1  Der  Rechner,  der  an  der  Formel,  welche 
H  unmittelbar  aus  «j,  a^,  l'  liefert,  diese  Schwierigkeit  bemerkt  haben 
mag  und   sich   ihr  nicht  gewachsen  fühlte,    suchte   sich  durch  einen 

Umweg  über  h  zu  helfen.    Er  rechnete  h  =l/l5"- —  ( — ^^j    =  9, 

worauf  er  H  =1/  \^^ — ')    ~  ^^^  ^=  V^  =  8  weniger  —  setzte.  Mit 

anderen  Worten:  die  von  Rechtswegen  negative  Differenz  81  —  144 
unter  dem  Quadratwurzelzeichen  wird  zur  absoluten  Differenz  der 
beiden  Zahlen  81  und  144;  es  wird  ]/  —  1  =  1  gesetzt.  Ob  dieser 
Rechner  Heron  war,  ob  damals  die  Stereometrie  noch  immer  ein 
weniger  übliches  Kapitel  mathematischer  Untersuchungen  bildete  und 
insofern  einem  so  hervorragenden  Manne  der  Fehler  den  Diorismus 
vernachlässigt  zu  haben  begegnen  konnte,  oder  ob  hier  Unwissen- 
heit der  Abschreiber  sündigte,  dürfte  nicht  zur  Entscheidung  ge- 
bracht werden  können.  Welche  von  beiden  Annahmen  aber  auch 
der  Wahrheit  entsprechen  mag,  unter  allen  Umständen  haben  wir 
hier  das  älteste  Auftreten  des  sogenannten  Imaginären  vor  uns. 

Wenden  wir  uns  zu  den  Beispielen,  in  welchen  der  Kreis  vor- 
kommt, so  tritt  die  Verhältnizszahl  jc,  welche  fast  bei  allen  solchen 
Kreisaufgaben  eine  Rolle  spielt,  in  zweifachem  Werthe  auf.    Weitaus 

22  .      ' 

am  häufigsten  ist  ;t  =  -y  angenommen,  aber  im  Buche  der  Aus- 
messungen^) ist  regelmässig  7t  =  o.  Wir  haben  (S.  101)  den  baby- 
lonischen Ursprung  dieses  Werthes  zu  begründen  gesucht.     Und  der 

ägyptische  Werth,  kann  man  fragen,  n  =  i—j  ,  welchen  Ahmes  an- 
gewandt hat  (S.  57),  kommt  er  nirgend  vor?  Nein,  und  wenn  es 
auch  insgemein  misslich  ist,  negative  Erscheinungen  erklären  zu 
wollen,    hier  wären   wir    am  wenigsten  in  Verlegenheit,    einen    eiu- 

22  /16\2 

leuchtenden  Grund  anzugeben.     Die  Neuerung  n  =^  y  statt  jr  =  (— j 

war  durch  die  grössere  Genauigkeit  der  Ergebnisse  bedeutsam,  aber 
was  die  Rechnungsausführung  betrifft,  kaum  redenswerth.  Ob  der 
Praktiker  mit  dieser  oder  mit  jener  gebrochenen  Zahl  vervielfachte, 
das  konnte  ihm  gleich  sein.  Ei  musste  aus  Bequemlichkeit  alte  und 
neue  angenäherte  Dreiecks-  und  Vierecksformehi  ohne  Wurzelausziehung 


')  Heron,  Mensur ae  (ed.  Hultsch)  pag.  188  sqq. 


376  19-  Kapitel. 

festzuhalten  siiclieu,  um  jeuer  für  ihu  scliwierigeu  Rechumigs- 
operation  zu  entgeheu.     Er  musste  jr  =  3  als  gauzzahligen  Multipli- 

256 
kator  vorzieheu.     Aber  class   er   nicht  auf  %  =  ^  zu   Gunsten  von 

7t  =  Y  verzichten  sollte,  dafür  gab  es  gar  keinen  Grund. 

Eine  Stelle,  welche  auf  den  Kreis  sich  bezieht,  verdient  aus 
mehrfachen  Gründen  eine  nähere  Besprechung.  Es  ist  dieselbe  Stelle, 
welcher  wir  (S.  365)  im  voraus  unsere  Aufmerksamkeit  zusicherten, 
als  wir  von  der  zweiten  Ausgabe  der  Geometrie  Herons  sprachen^). 
Es  handelt  sich  um  Berechnung  des  Kreisdurchmessers  d  aus  der 
Summe  S  der  in  einer  Zahl  vereinigten  Kreisfläche  K,  Peripherie  P 
und  Durchmesser  d  selbst.  Die  Thatsache  der  durch  S  angedeuteten 
Summenbildung  ist  an  sich  eine  höchst  merkwürdige.  Eine  Flächen- 
grösse  und  zwei  Läugenausdehnungen  zu  vereinigen  Aviderspricht  dem 
geometrischen  Bewusstsein  und  ist  nur  denkbar,  wenn  wir  zugeben, 
dass  Heron  hier  auf  durchaus  algebraischem  Boden  stand,  dass 
ihm  die  Zahleuwerthe  als  solche  und  ohne  Rücksicht  auf  ihren  geo- 
metrischen Ursprung  dienten.  Unter  dieser  Voraussetzung  gestattet 
aber  Herons  Rechnungsergebniss  sein  Verfahren  rückwärts  zu  er- 
gänzen.   Er  rechnet  d  = ^V^ —  •    Bekanntlich  i^i  K  =  -?-  d^, 

o  11  4      ' 

P  =  Ttd,  folglich  ist  S=^K-^P-j-d='^d'-{-(7C-{-  l)d,  und  er- 
setzt  mau  n  hierni  durch  ^ ;  ^o  ist  die  nach  d  quadratische  Gleichung 

ih,P^fd=S 

der  Auflösung  unterbreitet.  Nun  sind  von  vorn  herein  zwei  Wege 
zur   Aullösung    vorhanden.     Entweder    man    dividirt    die    Gleichung 

durch  —T  um  eine  neue  Gleichung  zu  erhalten,  in  welcher  das  quadra- 
tische Glied  den  Coefficienten  1  besitzt,  oder  man  vervielfacht  die 
Gleichung  mit  einer  derartigen  ganzen  Zahl,  dass  im  Produkte  das 
quadratische  Glied  einen  ganzzahligeu  quadratischen  Coefficienten  be- 
sitze, während  auch  im  Uebrigen  nur  ganzzahlige  Coefficienten  auf- 
treten. Den  letzteren  Weg  wird  vorziehen,  wer  das  Rechnen  mit 
Brüchen  so  lange  als  möglich  hinausschiebt.  Befolgen  wir  ihn,  so 
haben  wir  mit  14  mal  11  zu  vervielfachen  und  erhalten  121  d^ -\- 
6md  =  154.S',    daraus    ferner    121(^-  +  638f?  +  841  =  1545'  +  841 


')  Heron,  Geometria  lül,  7— i)  (ed.  Hultsch)  pag.  133,  lin.  10—23.  Das 
ganze  Kapitel  101  trägt  in  der  ältesten  und  besten  Handschrift  den  Titel: 
OQog  kv-kXov  ivQsd'tig  tv  aXXoi  ßißluo  rov  'Hqwvos. 


Heron  von  Alexandria.     (Fortsetzung.)  377 

oder  (Ud  -{-  29)'  =  1545  +  841.  Daraus  entstellt  der  Reihe  nacli 
11  ^  +  29  =  yi54/S+  84l,  11  d  =  1/154 >S+  841  -«  29,  endlich  mit 

Heron  d  = -^^ — ~. — Damit  ist   also   der  Beweis   geliefert, 

dass  jedenfalls  Heron  die  unreine  quadratische  Gleichung 
dx'^  -^  J)X  =  c  bereits  als  Rechnungsaufgabe  betrachtete, 
wenn  man  Euklid  (S.  271)  und  Archimed  (S.  301)  diese  Kenntniss 
zuzugestehen  sich  nicht  entschliessen  wollte.  Von  Heron  steht  es 
jetzt  fest,  dass  er  die  unreine  quadratische  Gleichung  ax^  -\-  hx  ^^  c 
zu  lösen  verstand,  und  dass  die  Ergänzung  zu  einem  vollständigen 
Quadrate  auf  beiden  Seiten  des  Gleichheitszeichens  so   erfolgte,    dass 

iax  +   ,7)  =  «c  -}-  (v)    gesetzt  wurde,  woraus 


i/-+(ir-i 


X  = 

a 

gefolgert  wurde,  nachdem  schon  am  Anfange,  wenn  nöthig,  solche 
Multiplikationen  vorgenommen  waren,  welche  a,  b,  c  zu  ganzen  Zahlen 
zu  macheu  sich  eigneten. 

Allerdings  setzen  diese  Schlüsse,  deren  grosse  Tragweite  Niemand 
verkennen  wird,  Eines  voraus:  dass  Heron  wirklich  der  Urheber  der 
besprochenen  Aufgabe  sammt  ihrer  Auflösung  war.  Wir  sehen  jedoch 
keine  Veranlassung  dieser  Voraussetzung  zu  widersprechen.  Wir 
haben  zu  zeigen  gesucht,  dass  schon  Euklid  unreine  quadratische 
Gleichungen,  allerdings  in  vollständig  geometrischem  Gewände,  nicht 
fremd  waren.  Die  Aufgabe ,  an  welche  wir  gegenwärtig  unsere 
Folgerungen  knüpften,  steht  in  derjenigen  Sammlung  heronischer 
Schriften,  welche  die  verhältnissmässig  grösste  Zuverlässigkeit  be- 
sitzt. Sie  stammt  aus  dem  anderen  Buche  Herons,  in  welchem 
wie  wir  im  26.  Kapitel  sehen  werden,  höchst  wahrscheinlich  noch 
eine  Aufgabe  enthalten  war,  bei  der  es  gleichfalls  auf  die  Summe 
zweier  Stücke,  gleichfalls  auf  eine  quadratische  Gleichung  ankam. 
Sie  steht  mitten  unter  anderen  Aufgaben  vollkommen  heronischen 
Gepräges.  Sie  ist  so  gefasst,  dass  erst  eine  kleine  Ueberleguug  die 
Ueberzeuguug  beibringen  kann,  dass  die  Stelle  überhaupt  richtig  ist 
und  auf  einer  quadratischen  Gleichung  beruht,  ein  in  unseren  Augen 
sehr  schwer  wiegender  Grund  spätere  Einschieb ung  auszuschliessen. 
Und  zu  allen  diesen  die  bestimmte  Aufgabe  betreffenden  Erwäeruugen 
kommt  eine  allgemeine  Erscheinung  hinzu,  deren  Erwähnuug  wir  ab- 
sichtlich bis  zum  Schlüsse  dieses  Kapitels  aufgeschoben  haben,  weil 
sie  den  abschliessenden  Bemerkungen  über  Herons  schriftstellerische 
Thätigkeit    schon   angehört:    die  Entwicklungen  Herons   sind  in  den 


378  20.  Kapitel. 

verschiedensten  Kapiteln  so  aneinander  gereiht,  dass  man  sich  dem 
Gedanken  nicht  verschliessen  kann,  jeuer  Mathematiker  habe  eine 
Formel  aus  der  anderen  gleichungsmässig  hergeleitet,  nicht  eine  jede 
für  sich  geometrisch  ermittelt,  und  diese  Ueherzeugung  bricht  sich 
insbesondere  bei  den  Aufgaben  Bahn,  in  welchen  der  Kreis  in  Be- 
tracht kommt. 

So  haben  wir  mit  steigender  Achtung  die  Leistungen  Herons 
von  Alexandria  durchmustert,  des  Mannes,  der  es  reichlich  verdiente, 
dass  seine  Schriften  als  Lehrgebäude  der  Geodäsie  durch  viele,  viele 
Jahrhunderte  unmittelbar  oder  mittelbar  ihre  Wirksamkeit  behielten. 
Er  ist  und  bleibt  uns  der  vorzugsweise  Vertreter  antiker  Feldmess- 
kunst und  Feldmesswissenschaft,  wenn  ersteres  Wort  uns  die 
Lehre  von  den  eigentlichen  feldmesserischen  Operationen,  letzteres 
die  von  den  anzuwendenden  Formeln  bedeuten  soll.  Er  ist  uns 
aber  auch  der  Vertreter  einer  entwickelten  Rechenkunst  bis  zur 
Ausziehung  von  Quadratwurzeln,  der  Vertreter  einer  eigentlichen 
Algebra,  soweit  von  einer  solchen  ohne  Anwendung  symbolischer 
Zeichen  die  Rede  sein  kann,  bis  zur  Auflösung  unreiner  quadratischen 
Gleichungen  einschliesslich. 


20.  Kapitel. 
Geometrie  und  Trigonometrie  bis  zu  Ptolemäus. 

Kurze  Zeit  nach  der  Blüthe  des  hervorragenden  Geodäten,  mit 
welchem  wir  uns  in  zwei  Kapiteln  beschäftigt  haben,  lebte  wahr- 
scheinlich Gemiuus  von  Rhodos.  Er  schrieb  eine  Einleitung  in 
die  Astronomie,  sigccycoyr]  sig  xa  cpatvo^ieva,  welche  zwar  erhalten 
ist^),  aber  um  ihres  eigentlichen  Inhaltes  willen  uns  nicht  weiter  be- 
schäftigen darf,  als  dass  wir  bemerken,  dass  darin  eine  gute  Dar- 
stellung der  Sonnentheorie  des  Hipparch  sich  findet"^),  allerdings  ohne 
dass  der  Name  ihres  Urhebers  dabei  genannt  wäre.  Ausserdem  ver- 
fasste  er  ein  leider  verlorenes  mathematisches  Werk  von  fast  unbe- 
kanntem Titel  und  Lihalte.  Unser  Bedauern  über  den  Verlust  gründet 
sich  auf  etwa  Iß  Stellen,  in  welchen  Proklus  in  seinem  Commentare 
zu  den  euklidischen  Elementen  aus  Geminus  geschöpft  hat,  auf 
andere,  die  bei  Eutokius  sich  erhalten  haben,  und  deren  zum  Theil 
geschichtlich    werthvoUen    Inhalt    wir    verschiedentlich    zu    benutzen 

')  Dieses  Werk  ist  mehrfach  gedruckt,  z.  B.  mit  französischer  Uebersetzung 
von  Halma  in  dessen  Ausgabe  des  Ptolemäus  hinter  dem  Kanon  desselben. 
Paris,  1819.     "'')  Wolf,  Geschichte  der  Astronomie  S.  201. 


Geometrie  und  Trigonometrie  bis  zu  Ptolemäus.  379 

Gelegenheit  fanden.  Ein  eigentlich  mathematiscli-liistorisclies  Werk 
hat  freilich  Geminus  gewiss  nicht  geschrieben,  wenn  man  auch  früher 
dieser  Annahme  zuneigte^).  Das  ist  aus  dem  Mathematikerverzeich- 
nisse bei  Proklus  gefolgert  worden").  Wenn  Proklus  dort  erklärt, 
die  Schriftsteller  über  Geschichte  der  Mathematik  hätten  die  Ent- 
wicklung bis  dahin,  d.  h.  bis  kurz  vor  Euklid  geschildert,  wenn  er 
dann  in  demselben  Commentare  aus  Geminus  Auszüge  gibt,  welche 
für  die  Zeitbestimmung  des  Nikomedes,  des  Diokles,  des  Perseus  ver- 
werthbar  waren,  so  ist  eben  das  Werk  des  Geminus  eine  Geschichte 
nicht  gewesen.  Auch  die  nähere  Prüfung  der  Notizen  aus  Geminus 
selbst  würde  zu  der  gleichen  Schlussfolgerung  führen.  Sie  sind 
gewiss  nicht  von  der  Art,  wie  man  sie  in  einem  Geschichts werke 
suchen  würde,  sie  haben  ihre  Bedeutsamkeit  für  historische  Zwecke 
nur  dadurch  erlangt,  dass  in  ihnen  Namen  vorkommen,  dass  also 
die  Träger  dieser  Namen,  beziehungsweise  die  Erfinder  krummer 
Linien,  welche  Geminus  nennt,  früher  als  er  gelebt  haben  müssen, 
dass  seine  genau  ermittelte  Lebenszeit  daher  eine  untere  Grenze  für 
die  Anderer  bildet. 

Um  so  nothwendiger  ist  es  in  dieser  Ermittelung  jeden  Zweifel 
auszuschliessen.  Man  hat  die  Zeit,  zu  welcher  Geminus  schrieb, 
regelmässig  dem  6.  Kapitel  seiner  Einleitung  in  die  Astronomie  ent- 
nommen. Dort  heisst  es^):  Die  Griechen  nehmen  auf  die  Aegypter 
und  Eudoxus  sich  stützend  an,  das  Isisfest  treffe  mit  dem  kürzesten 
Tage  überein.  Das  ist  vor  120  Jahren  einmal  so  gewesen,  aber  alle 
vier  Jahre  verschiebt  sich  die  Uebereinstimmung  um  einen  Tag  und 
beträgt  jetzt  einen  Monat. 

Der  Nutzen,  welcher  aus  dieser  Angabe  zu  ziehen  sein  kann, 
ist  augenscheinlich.  Weiss  man,  wann  das  Fest  der  Isis  nach  ägyp- 
tischem Kalender  stattfand,  weiss  man  ferner,  wann  das  betreffende 
ägyptische  Datum  genau  auf  das  Wintersolstitium  fiel,  so  hat  mau 
von  dem  so  gewonnenen  Jahre  nur  120  Jahre  weiter  zu  zählen,  um 
zu  der  Zeit  zu  gelangen,  zu  welcher  Geminus  seine  Einleitung  in 
die  Astronomie  verfasste.  Diese  Rechnung  hat  man  angestellt  und 
ist  zu  zwei  sehr  von  einander  abweichenden  Ergebnissen  gekommen. 
Ein  gelehrter  Chronologe,  Mitglied  des  Jesuitenordens  am  Anfange 
des  XVn.  S.,  Denis  Petau*),  hat  in  dem  Isisfeste  die  Feier  der  Auf- 


')  Montucla,  Histoire  des  Maihematiques  I,  266.  ^)  Nesselmann, 
Algebra  der  Griechen  6.  '')  Unsere  Uebersetzung  ist  nicht  wörtlich,  kürzt  viel- 
mehr die  Stelle  wesentlich  ohne  jedoch  den  Sinn  zu  verändern.  Vergl.  ed. 
Halma  pag.  43.  *)  Petavius,  De  doctrina  temporum  (Paris,  1627),  Lib.  II, 
cap,  6,  §  4  und  desselben  Verfassers  Uranologion  sive  systema  variorum  autorum 
qui  de  spliaera  ac  sideribus  eorum   motibus  graece  commentaU  sunt    (Paris,  1630) 


380  20.  Kapitel. 

finduiig  des  Osiris  erkannt,  welche  in  Aegypten  vom  17.  bis  zum 
20.  Atlijr  begangen  wurde.  Diese  Feier,  d.  h.  der  17.  Athyr,  fiel 
197  auf  das  Wintersolstitium  und  die  Abfassung  der.  Einleitung  in 
die  Astronomie  120  Jahre  später  auf  77  v.  Chr.  Dagegen  hat  am 
Ende  des  XVII.  S.  ein  anderer  Gelehrter,  Bonjour,  folgende  Ansicht 
begründet^).  Nach  römischer  Ueberlieferung  ist  ein  Isisfest  vom 
1.  bis  zum  5.  Athyr  gefeiert  worden;  der  1.  Athyr  fiel  257  auf  das 
Wintersolstitium,  und  somit  geben  120  Jahre  weiter  die  Jahreszahl 
137,  in  welcher  Geminus  geschrieben  haben  muss.  Mit  davon  ver- 
schiedenen Gründen  ist  ein  späterer  Forscher  gleichfalls  zu  dem  Jahre 
140  gekommen,  auf  welches  die  Blüthe  des  Geminus  zu  setzen  sei^). 
Zwischen  diesen  beiden  Möglichkeiten  hat  man  sich  zu  entscheiden, 
und  wir  tragen  Bedenken  Geminus,  welcher  nach  Hipparch  gelebt 
haben  muss,  um  dessen  Sonnentheorie,  wie  wir  zu  Ajifang  bemerkten, 
deutlich  darzustellen,  der  auch  Hipparch  in  seiner  Einleitung  in  die 
Astronomie  einmal  mit  Namen  nennt ^),  während  die  Beobachtungen 
Hipparchs  von  161  bis  126  fallen,  früher  als  77  als  Schriftsteller 
anzunehmen*).  Das  zweite  Datum,  dem  wir  in  unserer  Anordnung 
des  Stoffes  folgten,  indem  wir  sonst  Geminus  vor  Heron  hätten 
nennen  müssen,  steht  auch  im  Einklang  mit  anderen  Umständen, 
die  für  sich  allein  nicht  entscheidend  gewesen  wären.  Geminus  nennt 
in  seiner  Einleitung  in  die  Astronomie  Eratosthenes'*),  der  etwa 
194  starb,  den  Geschichtsschreiber  Polybius"),  dessen  Universal- 
geschichte, föTOQi'a  xc(QoXi%>],  bis  146  herabreicht,  Krates  den  Gram- 
matiker^), wahrscheinlich  denjenigen  dieses  Namens,  der  aus  Mallus 
167  nach  Rom  kam,  wo  er  etwa  144  starb,  den  Philosophen  Boethus, 
welcher  einen  Commentar  zu  Aratus  geschrieben  haben  muss*'),  den 
man  aber   nicht    bestimmt  zu    identificiren  vermag;    sie   alle    kömien 


in  den  Anmerkungen  zu    der    dort    abgedruckten   Schrift  des  Geminus    au   dem 
betreffenden  Orte. 

^)  Bonjour,  De  nomine  Josephi  a  Pharaone  iinposito.  Rom,  169G.  Vergl. 
eine  Besprecbung  dieses  Buches  von  Heinr.  Pipping  in  den  Acta  Eruditonim 
für  1697,  pag.  G  sqq.  ")  H.  Brandes,  Ueber  das  Zeitalter  des  Astronomen 
Geminus  und  des  Geographen  Eudoxus  in  den  Jahn'schen  Jahrbüchern  XIIl, 
Supplement  S.  199—230,  besonders  219.  ^)  Elqayayri  %.  x.  l.  (ed.  Halma) 
pag.  19.  *)  Auch  Aug.  Böckh,  Ueber  die  vierjährigen  Sonnenkreise  der  Alten. 
Berlin,  1868,  S.  8  flgg.  und  S.  200  ?^gcr_  hat  sich  in  ausführlicher  Begründung 
für  diese  Meinung  entschieden.  Dagegen  vermuthet  F.  Blass,  Dissertatio  de 
Gemino  et  Posidonio  (Kiel  1883)  eine  noch  spätere  Lebenszeit  des  Geminus,  nur 
durch  das  IL  nachchristliche  Jahrhundert  als  terminus  cid  quem  begrenzt,  weil 
Geminus  bei  Alexander  Aphrodisiacus  genannt  ist.  ^)  Ed.  Halma  pag.  44. 
'■)  Ed.  Halma  pag.  67.  ')  Ed.  Halma  pag.  30,  31,  32,  66.  »)  Ed.  Halma 
pag.  76. 


Geometrie  und  Trigonometrie  bis  zu  Ptolemäus.  381 

im  Jahre  137  eben  so  gut  wie  im  Jahre  77  genannt  worden  sein. 
Auch  darauf  wird  man  kein  zu  grosses  Gewicht  legen  dürfen,  dass 
die  Beobachtungen,  von  welchen  Geminus  Gebrauch  macht,  auf  Rhodos, 
Alexandria  und  Rom  Bezug  nehmen.  Ein  Alexandriner,  das  haben 
wir  (S.  348)  erörtert,  würde  kaum  schon  137  Rom  seine  Aufmerk- 
samkeit in  so  hohem  Grade  gewidmet  haben,  anders  ein  Rhodier, 
nachdem  seine  Landsleute  die  Bundesgenossen  der  Römer  seit  dem 
syrischen  Kriege  im  Jahre  190  v.  Chr.  waren.  Aber  Folgendes  gibt 
endgiltig  den  Ausschlag.  Nach  einer  Angabe  des  Simplicius  im 
Commentare  zum  IL  Buche  der  aristotelischen  Physik  fertigte  Gemi- 
nus einen  Commentar  zu  den  ^stscoQoloyixd  des  Posidonius  ^). 
Nun  gab  es  allerdings  einen  Posidonius  von  Alexandria,  Schüler  des 
259  verstorbenen  Zeuon,  aber  ihn  würde  Simplicius  nicht  ohne 
sonstige  Bezeichnung  nur  Posidonius  genannt  haben.  Dazu  musste 
die  Persönlichkeit  eine  allgemein  bekannte  sein,  und  von  einer 
solchen  haben  wir  Kenntniss:  Posidonius  von  Rhodos'),  der  Lehrer 
Ciceros,  der  Freund  des  Pompeius,  der  auf  der  Insel  Rhodos  ge- 
storben ist,  auf  welcher  Geminus  allem  Anscheine  nach  lebte.  Dieser 
Posidonius  wird  frühstens  um  das  Jahr  90  als  Schriftsteller  aufge- 
treten sein,  und  wer  aus  seinem  Werke  einen  Auszug  machte,  kann 
nur  77,  nicht  137  eine  Einleitung  in  die  Astronomie  verfasst  haben. 
Damit  stimmt  aber  endlich  noch  eine  Thatsache  überein.  Die 
120  Jahre  rückwärts  von  Geminus  fallen  entweder  auf  257  oder 
auf  197.  Nach  der  erstereu  Annahme  würde  das  Edikt  von  Kanopus 
vom  7.  März  238  die  120  Jahre  unterbrochen  und  vermöge  der  in 
ihm  angeordneten  Einrichtung  des  Schaltjahres,  so  lange  oder  so 
kurz  es  in  Giltigkeit  war,  die  SOtägige  Verschiebung  des  Isisfestes 
binnen  120  Jahren  zu  einer  Unwahrheit  gemacht  haben.  Rechnet 
man  dagegen  jene  120  Jahre  von  197  an,  so  ist  dem  nicht  so.  Man 
hat  vielmehr  alsdann  eine  Grenze  gewonnen,  wie  lange  das  Edikt 
von  Kanopus,  von  welchem  man  ohnedies  weiss,  dass  es  in  Ver- 
gessenheit gerieth,  wirksam  gewesen  sein  kann:  von  238  an  höch- 
stens durch  40  Jahre  hindurch. 

Eine  Voraussetzung  liegt  allerdings  unserer  bisherigen  Darstel- 
lung zu  Grunde:  dass  es  nur  einen  Geminus  gab  und  nicht  deren 
zwei,  einen  bedeutenden  Mathematiker  und  einen  nichts  weniger  als 
hervorragenden  Astronomen^).  Wer  dieser  Meinung  sich  anschliesst, 
verzichtet    auf   die    Ausnutzung    der    Eisagoge    zur    Bestimmung    der 


*)  Aug.  Böckh  1.  c.  S.  13.  ^)  Wolf,  Geschichte  der  Astronomie  S.  167. 
3)  Vergl.  K.  Manitiua,  Des  Geminos  Isagoge,  Sonderabdruck  aus  den  Commen- 
tationes  Fleckeisenianae  (Leipzig,  1890)  mit  der  Besprechung  der  Abhandlung 
in  Zeitschr.  Math.  Phys.  XXXVI.  Histor.-literar.  Abtlg.  S.  96—97. 


382  20.  Kapitel. 

Lebenszeit  des  Mathematikers  Geminus  und  kann  daher  unseren  Ent- 
wicklungen nicht  den  geringsten  Werth  beilegen.  Wir  vermögen 
uns  von  dem  erhobenen  Zweifel  nicht  beirren  zu  lassen  und  glauben 
nach  wie  vor  an  die  Uebereinstimmung  des  Mathematikers  mit  dem 
Astronomen.  Wer  Geminus  war,  ist  nicht  bekannt.  Der  Name  be- 
sitzt einen  entschieden  römischen  Klang,  und  wenn  auch  die  Recht- 
schreibung Fs^Lvogj  deren  Proklus  wie  Pappus  sich  bedient,  der 
römischen  Aussprache  widerspricht,  so  kann  eine  Ausgleichung  darin 
gefunden  werden,  dass  Simplicius  den  Ton  auf  die  erste  Silbe,  rsfxt- 
vog,  legt.  Man  hat  demzufolge  in  Geminus  wohl  den  Freigelasseneu 
eines  edlen  Römers  erkennen  wollen. 

Das  mathematische  Hauptwerk  des  Geminus  kann  vielleicht  den 
Titel:  lieber  die  Anordnung  der  Mathematik  geführt  haben ^).  Von 
dessen  Inhalt  haben  wir  in  negativer  Weise  behauptet,  er  sei  nicht 
wesentlich  geschichtlich  gewesen.  Proklus  entnimmt  ihm  gern  die 
Entscheidung,  wo  es  sich  um  Streitfragen  mehr  allgemein  logischer 
als  mathematischer  Natur  handelt,  um  geometrische  Erklärungen, 
Grundsätze  und  dergleichen.  Eine  einzige  geometrische  Entdeckung 
des  Geminus  kennen  wir  aus  Proklus^):  „Unter  den  auf  Körpern  con- 
struirten  Linien  sind  die  einen  in  ihren  Theilen  gleich  und  ähnlich 
wie  die  cylindrischen  Schraubenlinien,  andere  dagegen  nicht,  nämlich 
alle  übrigen.  Es  ergibt  sich  nun  aus  diesen  Unterschieden,  dass  es 
nur  drei  Linien  gibt,  welche  in  allen  ihren  Theilen  gleich  und  ähn- 
lich sind,  die  Gerade,  der  Kreis  und  die  cylindrische  Schraubenlinie, 
von  denen  zwei  ganz  in  der  Ebene  liegende  einfache  sind,  eine  aber 
eine  gemischte  ist  und  auf  einem  Körper  liegt.  Auch  dies  beweist 
ganz  klar  Geminus,  indem  er  noch  hinzufügt,  dass  wenn  an  eine 
solche  in  allen  Theilen  gleich  und  ähnliche  Linie  von  einem  Punkte 
aus  zwei  Gerade  gezogen  werden,  die  mit  ihr  gleiche  Winkel  bilden, 
diese  Geraden  einander  gleich  sind." 

Muthmasslich  darf  als  mit  Geminus  annähernd  gleichaltrig 
Theodosius  von   Tripolis^)  genannt  werden.     Wenigstens  kommt 


')  Pappus  VIII,  3  (ed.  Hultsch)  102G  heisst  es:  Fs^ivog  6  ncc&T]fiuTiKbg 
Iv  TW  neQi  tfjg  xS>v  (la&rjiicczcov  tä^scog.  ')  Proklus  (ed.  Friedlein)  112—113. 
Bretschneider  177.  ^)  Vergl.  Fabricius,  BibliotJieca  Graeca  (ed.  Harless) 
IV,  21.  Die  Sphärik  ist  griechisch  mit  lateinischer  Uebersetzung  von  Pena 
(Paris,  1558)  herausgegeben.  Eine  deutsche  Uebersetzung  von  Ernst  Nizze, 
Stralsund,  182G.  Von  eben  demselben  eine  griechische  Textausgabe  mit  latei- 
nischer Uebersetzung,  Berlin,  1852.  WerthvoUe  Untersuchungen  bei  Nokk, 
Ueber  die  Sphärik  des  Theodosius,  Programm  des  Bruchsaler  Gymnasiums  1847. 
Hultsch  hat  im  X.  Bande  der  Abhandlungen  der  philol.-hist.  Classe  der  Königl. 
Sachs.    Gesellsch.    d.   Wissensch.    zu  Leipzig    (1887)    Schollen   zur    Sphärik    des 


Geometrie  und  Trigonometrie  bis  zu  Ptolemäus,  383 

der  Name  dieses  von  Ptolemäus  benutzten  Mathematikers  und  Astro- 
nomen bei  Strabon  und  Vitruvius  vor^  so  dass  er  vor  Christi  Geburt 
gelebt  haben  muss,  und  dem  Gegenstande  seiner  Untersuchungen 
nach  etwa  im  letzten  Jahrhunderte  dieser  Zeit.  Seine  Heimath  Tri- 
poKs  lag  an  der  phönikischen  Küste.  Seine  Sphärik  in  drei  Büchern 
ist  eine  ziemlich  vollständige  Geometrie  der  Kugeloberfläche  mit 
Ausschluss  des  messenden,  also  trigonometrischen  Theiles.  Er  stützt 
sich,  ohne  seine  Vorgänger  zu  nennen,  vielfach  auf  dieselben,  wie  es 
bei  dem  Verfasser  eines  Lehrbuches  Sitte  war,  auch  wohl  noch  ist. 
Insbesondere  hat  die  Abhängigkeit  von  den  Phaenomena  Euklids 
(S.  278)  nachgewiesen  werden  können^).  Wir  bemerken,  dass  die 
Vermuthung  gleichfalls  ausgesprochen  worden  ist"),  der  Mathematiker 
Theodosius  sei  von  Theodosius  von  Tripolis  verschieden.  Er  stamme 
vielmehr  aus  Bithynien  und  sei  Landsmann  sowohl  als  Zeitgenosse 
des  Hipparch  (S.  345)  gewesen. 

Auch  Dionysodorus  wird  von  Strabon'')  und  von  Plinius*) 
genannt,  muss  also  vor  Christus  gelebt  haben.  Strabon  berichtet, 
Amisus  im  Pontus  am  asiatischen  Südufer  des  schwarzen  Meeres  sei 
seine  Heimath  gewesen.  Plinius  weiss  eine  Wundergeschichte  zu 
erzählen,  in  welcher  er  eine  Rolle  spielt.  Dem  Mathematiker  dürfte 
die  Lösung  der  archimedischen  Aufgabe  der  Kugeltheilung  nach  ge- 
gebenem Verhältnisse  der  Abschnitte  interessant  sein,  zu  welcher 
Dionysodorus,  nach  den  Mittheilungen  des  Eutokius''),  den  Durch- 
schnitt einer  Parabel  mit  einer  Hyperbel  benutzte. 

Sicherlich  nach  Christi  Geburt  lebte  Serenus  von  Antissa, 
von  welchem  uns  zwei  Abhandlungen  erhalten  sind.  Er  selbst  g-ibt 
zur  Bestimmung  seines  Zeitalters  nur  durch  eine  Bemerkung  einen 
wenig  ergiebigen  Beitrag.  Er  sagt  nämlich  im  16.  Satze  seines 
Cylinderschnittes,  er  habe  Erklärungen  zu  den  Kegelschnitten  des 
Apollonius  herausgegeben.  Man  hat  nun  wahrscheinlich  machen 
wollen,  dass  seine  Lebenszeit  dieser  oberen  durch  Apollonius  darge- 
stellten Grenze  ziemlich  nahe  gelegen  habe*').  Antissa  auf  der  Lisel 
Lesbos,  die  Heimath  des  Serenus,  wurde  167  v.  Chr.  von  den  Römern 
aufs  Gründlichste  zerstört,  Serenus  müsse  also  vor  dieser  Zerstörung 
gelebt  haben.     Dagegen  hat  mit  Recht  der  Einwand  erhoben  werden 


Theodosius  herausgegeben,  welche  theils  dem  zehnten  nachchristlichen  Jahr- 
hundert angehören,  theils  mindestens  bis  zum  dritten  Jahrhundei-t  zurück- 
gehen. 

*)  Nokk  1.  c.  und  Heiberg,  Euklidstudien  S.  43-46.  *)  Becherches  svr 
l'histoire  de  l'astronomie  ancienne  par  Paul  Tannery.  Paris,  1893,  pag.  36 — 37 
^)  Strabo  XU,  3.  *)  Plinius,  Historia  naturalis  II,  109.  ^)  Archimed 
(ed.  Heiberg)  III,  180  sqq.     ")  Bretschneider  183. 


384  20.  Kapitel. 

können^),  Serenus  sei  selbst  eiu  römischer^  vollständig  ungriecliisclier 
Name,  dessen  Träger  falle  also  nicht  in  das  alte,  sondern  in  das 
neue  Antissa,  welches  zu  Strabous  Zeiten  wieder  aufgebaut  gewesen 
sei^).  In  welches  Jahrhundert  nach  dieser  Wiederherstellung  von 
Antissa  Serenus  zu  setzen  ist,  darüber  ist  allerdings  gar  keine  An- 
gabe vorhanden.  Er  wird  nur  ein  einziges  Mal  genannt:  von  Marinus, 
dem  Herausgeber  der  euklidischen  Daten  ^),  der  als  Nachfolger  des 
Proklus  am  Ende  des  V.  oder  am  Anfange  des  VI.  S.  jene  Vorrede 
schrieb,  in  welcher  Serenus  vorkommt.  Dieser  unteren  Grenze  wird 
man  wegen  des  Charakters  der  von  Serenus  hinterlassenen  Schriften 
nicht  allzunahe  kommen  wollen.  Dagegen  wollen  wir  ebensowenig 
auch  nur  eine  persönliche  Meinung  über  das  Jahrhundert,  in  welchem 
Serenus  wirklich  gelebt  hat,  dadurch  aussprechen,  dass  wir  seiner 
hier,  als  an  der  Schwelle  der  möglichen  Zeit  gedenken. 

Die  beiden  Abhandlungen  des  Serenus*)  haben  zum  Inhalte  den 
Schnitt  des  Cylinders  und  den  Schnitt  des  Kegels.  Der  Schnitt 
des  Kegels  ist  die  unbedeutendere  von  beiden  Schriften.  Serenus 
beschäftigt  sich  darin  mit  solchen  Schnittebenen,  welche  durch  die 
Spitze  des  Kegels  gelegt  ein  Dreieck  auf  dem  Kegelmantel  erzeugen, 
weil  keiner  seiner  Vorgänger  sich  um  diese  Dreiecke  gekümmert  habe. 
Von  einigem  Interesse  ist  höchstens,  dass  dabei  die  Frage  nach  dem 
grösstmöglichen  Inhalte  der  so  entstehenden  Dreiecke  auftaucht. 
Der  Schnitt  des  Cylinders  lehrt  zunächst,  dass  die  den  Cylinder 
schneidende  Ebene  auf  dessen  Mantel  eine  Ellipse  hervorbringe  und 
löst  alsdann  Aufgaben,  wie  die  in  Satz  22.  und-  23.  Zu  einem  ge- 
gebenen Kegel  (Cylinder)  einen  Cylinder  (Kegel)  zu  finden  und  beide 
durch  eine  und  dieselbe  Ebene  so  zu  schneiden,  dass  der  Schnitt 
ähnliche  Ellipsen  bilde.  Von  Sätzen,  die  bewiesen  werden,  heben 
wir  hervor:  Satz  31.  Gerade  Linien,  welche  aus  demselben  Punkte 
ausgehend  eine  cylindrische  Oberfläche  berühren,  haben  sämmtlich 
die  Berührungspunkte  in  den  Seiten  eines  einzigen  Parallelogramms, 
und  Satz  34.  Alle  Geraden,  welche  aus  demselben  Punkte  als  Be- 
rührungslinien an  einen  Kegelmantel  gezogen  werden,  haben  ihre 
Berührungspunkte  in  den  Seiten  eines  einzigen  Dreiecks.  Endlich 
sei  bemerkt,   dass   im   Satz  33.   ganz  gelegentlich  die   Grundlage  zu 


')F.  Blass  in  Fleckeisen  und  Masius,  Neue  Jahrbücher  f.  Philolog. 
u.  Pädagog.  (1872),  ßd.  105,  S.  34.  «)  Strabon  XIII,  2.  =>)  Euklid  (ed. 
Gregory)  pag.  457.  ■*)  Der  griechische  Text  ist  als  Anhang  zur  Halley'schen 
Ausgabe  der  Kegelschnitte  des  Apollonius  gedruckt.  Deutsche  Ueber- 
setzungen  hat  E.  Nizzc  als  Prograrambeilagen  des  Stralsunder  Gymnasiums 
veröffentlicht:  Ueber  den  Schnitt  des  Cylinders  1800.  lieber  den  Schnitt  des 
Kegels  1861. 


Fig.  C7. 


Geometrie  und  Trigonometrie  bis  zu  Ptolemäus.  385 

dem  geschaffen  wird,   was  mit  modernem  Namen  die  Lehre  von  den 
Harmonikaien    genannt    zu  werden    pflegt.     Es    wird    nämlich   be- 
hauptet,   dass   wenn    (Figur  67)  von    d  aus   die    dsi]^   zum  Schnitte 
eines      Dreiecks 
aßy    gezeichnet 
und  1]  so  auf  ihr 
gewählt      wird , 
dass     ds  :  dt,  = 
sr}'.'!]^    und   die 
Gerade    arj    ge- 
zogen wird,  als- 
dann jede    neue    ^ 
von  d  ausgehende 

Transversale  dx^iU  das   entsprechende  Verhältniss   dx  :  ö ^  =  x?.  :  Xa 
bieten  werde. 

Ausser  diesen  beiden  Abhandlungen  hat  Serenus  noch  Hilfssätze 
verfasst,  aus  welchen  ein  geometrischer  Satz  über  Winkel  im  Kreise 
mit  excentrischem  Scheitelpunkte  aber  auf  gleichen  Bögen  aufstehend 
in  einer  Handschrift  des  astronomischen  Theiles  des  Werkes  Theons 
von  Smyrna  aufgefunden  worden  ist^).  Könnte  man  annehmen, 
Theon  habe  selbst  den  Serenus  benutzt,  so  würde  durch  die  bekannte 
Lebenszeit  dieses  Schriftstellers  eine  untere  Zeitgrenze  mit  dem 
Jahre  130  etwa  angegeben  sein;  doch  wäre  jene  Annahme  durchaus- 
willkürlich.  Man  hat  vielmehr,  wie  bemerkt  worden  ist,  wohl  nur 
an  eine  Vereinigung  ähnlicher  Dinge  in  einer  Handschrift  zu  denken, 
ohne  dass  festgestellt  wäre,  wer  es  gewesen  sein  mag,  der  von  jenem 
Satze  aus  den  Lemmen  des  Serenus  eine  astronomische  Anwen- 
dung machte. 

Festen  chronologischen  Boden  unter  den  Füssen  gewinnen  wir 
mit  Menelaus  von  Alexandria.  Zwei  in  Rom  angestellte  Be- 
obachtungen dieses  Astronomen  aus  dem  ersten  Regierungsjahre 
Trajans,  d.  h.  aus  dem  Jahre  98  n.  Chr.,  sind  im  Almageste  er- 
halten-), und  so  kann  über  die  Zeit  der  wissenschaftlichen  Thätig- 
keit  des  Menelaus  kein  Zweifel  stattfinden. 

Er  verfasste  sechs  Bücher  über  die  Berechnung  der  Sehnen, 
welche  aber  gleich  dem  ähnlichen  Werke  seines  Vorgängers  Hipparch 
verloren  gegangen  sind.  Seine  drei  Bücher  der  Sphärik  sind  im 
griechischen  Originaltexte  gleichfalls  nicht  bekaimt,  doch  sind  ein- 
ander gegenseitig  bestätigende  arabische  und  hebräische  Uebersetzungen 

')  Theonis  Smyrnaei  Über  de  astronomia  ed.  Th.  H.  Martin.  Paris,  1849, 
pag.  340  und  Martins  Bemerkungen  pag.  79—81.  -)  Ptolemaei  Almagestum 
VII,  3  (ed.  Halma)  -T.  II,  pag.  25  und  27. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik  I.     "2.  Aufl.  25 


386  20.  Kapitel. 

aufgefunden  worden,  nach  welchen  weitere  lateinische  Uebersetzungen 
sich  herstellen  liessen,  welche  mehrfach  herausgegeben  sind').  Die 
Sphärik  des  Menelaus  ist  im  Gegensatze  zu  der  des  Theodosius  eine 
Art  von  sphärischer  Trigonometrie.  In  ihr  finden  sich  schon  die 
Sätze,  dass  in  jedem  sphärischen  Dreiecke  die  Summe  der  drei  Seiten 
kleiner  als  ein  Grössterkreis  der  Kugel,  die  Summe  der  drei  Winkel 
grösser  als  zwei  Rechte  sein  muss;  dass  gleichen  Seiten  desselben 
sphärischen  Dreiecks  gleiche,  ungleichen  Seiten  ungleiche  Winkel, 
und  zwar  den  grösseren  Seiten  die  grösseren  Winkel  gegenüberstehen. 
In  ihr  finden  sich  die  hauptsächlichsten  Congruenzsätze  sphärischer 
Dreiecke,  der  Satz,  dass  die  drei  Hauptbögen,  welche  die  Winkel 
eines  sphärischen  Dreiecks  halbiren,  sich  in  einem  gemeinschaftlichen 
Durchschnittspunkte  treffen,  sowie  der  Satz,  dass  der  Hauptbogen, 
welcher  einen  Winkel  eines  sphärischen  Dreiecks  halbirt,  die  dem 
Winkel  gegenüberliegende  Seite  so  schneidet,  dass  die  Sehnen  der 
verdoppelten  Abschnitte  im  gleichen  Verhältnisse  stehen,  wie  die 
Sehnen  der  gleichfalls  verdoppelten  jeweils  anliegenden  Seiten.  Dazu 
kommen  die  Sätze  über  Transversalen  im  ebenen  und  im  sphärischen 
Dreiecke,  welche  man  jetzt  gemeiniglich  unter  dem  Namen  der 
Sätze  des  Menelaus  zu  bezeichnen  pflegt.  Der  planimetrische 
Satz  spricht  sich  dahin  aus,  dass  bei  Durchschneidung  der  drei  Seiten 
eines  ebenen  geradlinigen  Dreiecks  durch  eine  Gerade  Abschnitte  er- 
.scheinen,  welche  das  gleiche  Produkt  aus  je  drei  Abschnitten,  die 
keinen  Endpunkt  gemein  haben,  hervorbringen;  der  sphärische  Satz 
verändert  diesen  Anspruch  nur  dahin,  dass  die  Abschnitte  der  Bögen 
durch  die  Sehnen  der  verdoppelten  Abschnitte  ersetzt  werden. 
Menelaus  selbst  hat  freilich  so  wenig  wie  seine  Nachfolsjer  bis  in 
das  XVI.  S.  seine  Sätze  in  dieser  Weise  ausgesprochen.  Es  heisst 
niemals  a^  •  a^  •  a^  =  h^  -  h.^  ■  h^  oder  das  Parallelopipedon  der  be- 
treffenden Abschnitte  habe  gleichen  Inhalt,  sondern  das  Verhältniss 
^h  '  \  =  ^*i  ■  ^^3  •  <^2  ■  %  ist  gebildet  und  so  ausgesprochen,  dass  gesagt 
wird,  öj  stehe  zu  h^  in  dem  zusammengesetzten  Verhältnisse 
von  62  zu  f/jj  und  von  h^  zu  «g.  Der  Name,  unter  welchem  der  Satz 
bekannt  blieb,  ist  der  des  Satzes  von  den  sechs  Grössen,  reguin 
sex  quantitatum.  Das  Vorkommen  zusammengesetzter  Verhältnisse 
bei  Euklid  und  Archimed  ist  uns  (S.  251)  bekannt  geworden. 

Menelaus  hat  auch  in  der  Curveulehre  sich  Verdienste  erworben. 
Er  hat,  wie  Pappus  ungemein  kurz  sich  fassend  und  deshalb  für  uns 
sehr    fruchtlos    erzählt^),    einer    krummen  Linie,    mit  welcher  vorher 


')  Die  beste  Uebersetzung  von  Hallcy.     Oxford,  17.'>8.     -)  Pappus  IV,  30, 
(ed.  llultsch)  pag.  270 


Geometrie  und  Trigonometrie  bis  zu  Ptolemäüs.  387 

zwei  uns  gäuzlicli  unbekannte  Geometer  Demetrius  von  Alexan- 
dria und  Philo  von  Tyana  sich  beschäftigten,  seine  besondere 
Aufmerksamkeit  zugewandt  und  derselben  den  Namen  der  ausser- 
gewöhulichen  oder  seltsamen,  7taQddoi,os  ygaiifi^,  beigelegt. 

Klaudius  Ptolemäüs  führte  zu  Ende,  was  Hipparch  und 
Menelaus  vor  ihm  begonnen  hatten.  Er  schuf  für  den  astronomischen 
Gebrauch  eine  Trigonometrie  von  so  vollendeter  Form,  dass  sie  weit 
über  ein  Jahrtausend  nicht  überboten  wurde  und  nicht  weniger  als 
die  unter  dem  Namen  des  ptolemäischen  Weltsystems  bekannte  Lehre 
von  den  Bewegungen  der  Gestirne  aber  mit  besserem  Erfolge  die 
Wissenschaft  beherrschte.  Beides,  das  astronomische  und  das  trigono- 
metrische Lehrgebäude,  ist  vereinigt  in  den  13  Büchern  der  grossen 
Zusammenstellung,  iisyccXt]  övvxa^ig^).  Als  dieses  Werk  später, 
wie  wir  im  32.  Kapitel  zu  schildern  haben  werden,  aus  dem  Grie- 
chischen ins  Arabische,  aus  dieser  Sprache  noch  später  ins  Lateinische 
übersetzt  wurde,  erhielt  es  den  durch  Zusammenschweissung  des 
arabischen  Artikels  al  mit  dem  griechischen  Superlativ  ^eyiötog 
gebildeten  Bastardnamen  Almagest,  unter  welchem  es  meistens  be- 
kaimt  ist,  und  dessen  auch  wir  uns  bedienen,  einigemal  weiter  oben 
schon  vorgreifend  bedient  haben. 

Im  Almageste  sind  viele  astronomische  Beobachtungen  ver- 
werthet,  theils  dem  Ptolemäüs  eigen thümliche,  theils  von  Anderen 
herrührend.  Die  späteste  der  so  aufgenommenen  Datirungen  ist  die 
einer  Venusbeobachtung  aus  dem  14.  Regierungsjahre  des  Antoninus, 
also  aus  dem  Jahre  151,  und  die  Abfassung  des  Almagestes  muss 
somit  später  fallen.  Andrerseits  ist  die  frühste  eigene  Beobachtung 
des  Ptolemäüs,  von  der  wir  wissen,  im  Jahre  125  angestellt  und 
damit  erreichen  wir  als  engste  Grenzen  seiner  Wirksamkeit  die 
Jahre  125  bis  151.  Das  ist  aber  neben  einem  Aufenthalte  in 
Alexandria  auch  alles,  was  wir  von  den  persönlichen  Verhältnissen 
des  Ptolemäüs  mit  Gewiasheit  aussagen  kömien.  Nach  sj)äter  aus 
arabischer  Quelle  geflossener  Angabe^)  wäre  Ptolemäüs  in  Alexandria 
geboren  und  aufgewachsen;  er  sei,  heisst  es  dort,  78  Jahre  alt  ge- 
worden; auch  weiss  der  Bericht  von  seiner  hellen  Farbe,  seineu 
kleinen  Füssen,  einem  rothen  Muttermale  an  der  rechten  Kinnlade, 
dem  schwarzen  dichten  Barte,   seinen  Lebensgewohnheiten  und  Cha- 


')  Die  beste  Ausgabe  ist  die  von  Halma  unter  Beigabe  einer  franzö- 
sischen Uebersetzung  in  zwei  Quavtbilnclen  veranstaltete.  Paris,  1813  — 16. 
Wichtige  Untersuchungen  über  den  Almagest  namentlich  nach  seiner  astrono- 
mischen Bedeutung  in  JReeherches  sur  Vhistoire  de  l'astronomie  par  Paul  Tan- 
ne ry.  Paris,  1893.  ^)  B.  Boncompagni,  Bella  rita  e  dcllc  opcre  cli  Gherardo 
Cremoncse  etc.     Roma,  1851,  pag,  16  —  17. 

25* 


388  20.  Kapitel. 

raktereigenschaften  so  viel  zu  erzählen,  dass  man  sehr  in  Zweifel 
geräth,  soll  man  der  Genauigkeit  trauen  oder  der  Uebergenauigkeit 
misstrauen.  Meistens  entschliesst  man  sich  zu  letzterem  und  gibt 
zu,  dass  sogar  über  den  Geburtsort  des  Ptolemäus  völlige  Ungewiss- 
heit  herrsche. 

Wir  haben  es  hier  zunächst  mit  dem  9.  Kapitel  des  I.  Buches 
des  Almagestes  zu  thun,  dem  wir  die  Berechnung  einer  Sehnentafel 
zu  entnehmen  haben  ^).  Ptolemäus  theilt  den  Kreisumfang  in 
360  Theile,  r^riiiara,  und  jeden  dieser  Theile  halbirt  er  zunächst 
nochmals.  Ferner  theilt  er  den  Durchmesser  des  Kreises  gleichfalls 
und  zwar  in  120  Theile,  T[i7j^ara,  setzt  aber  hier  die  Theilung  so- 
gleich sexagesimal  fort.  Die  Unterabtheilungen  bringen  60  erste, 
60  zweite  Theile  hervor,  welche  in  den  lateinischen  Uebersetzungen 
zu  partes  minutae  primae  und  partes  minutac  secundae  wurden,  woraus 
andere  Sprachen  ihre  Minuten  und  Sekunden  hernahmen.  Ein 
Neues  hat  Ptolemäus  mit  diesen  Theilungen  gewiss  nicht  gegeben. 
Wie  die  Gradein  theilung  des  Kreises  über  Geminus,  über  Hipparch 
bis  auf  Hypsikles  in  Alexandria  verfolgbar  nach  Babylon  als  Mutter- 
land hinweist,  so  dürfte  Aehnliches  für  die  Theilung  des  Kreishalb- 
messers nach  sexagesimaler  Grundzahl  gelten  müssen,  die  jedenfalls 
seinen  alexandrinischen  Vorgängern  bekannt  gewesen  sein  wird.  Das 
Verdienst  des  Ptolemäus  liegt  dagegen  in  seiner  Sehnenberechnung 
selbst.  Theon  von  Alexandria,  der  Commentator  des  Almagestes, 
sagt  uns  ausdrücklich"),  Hipparch  habe  die  Lehre  von  den  Sehnen 
in  12  Büchern  und  Menelaus  in  sechs  Büchern  abgehandelt,  man 
müsse  aber  erstaunen,  wie  bequem  Ptolemäus  mit  Hilfe  weniger  und 
leichter  Sätze  ihre  Werthe  gefunden  habe.  Den  Ausgangspunkt 
bildet  der  sogenannte  ptolemäische  Lehrsatz  vom  Sehnenvier- 
eck'), dass  das  Produkt  der  Diagonalen  der  Summe  der  Produkte 
je  zweier  einander  gegenüberliegender  Seiten  gleich  sei,  und  neben 
diesem  Satze  die  Kenntniss  einiger  ganz  bestimmter  Sehnen,  nämlich 
der  Seiten  der  regelmässigen  dem  Kreise  eingeschriebenen  Dreiecke, 
Vierecke,  Fünfecke,  Sechsecke,  Zehnecke  als  der  Sehnen  von  Bögen 
von  120,  von  00,  von  72,  von  60,  von  36  Bogengraden  jedesmal  in 
Theilen  des  Durchmessers,  beziehungsweise  des  Halbmessers  des 
Kreises  dargestellt. 

Nun  folgt  aber  aus  den  Sehnen  zweier  Bögen  die  Sehne  ihres 
Unterschiedes,  aus   der   Sehne  eines   Bogens   die   Sehne   des   halb  so 

')  Ein  vortrefflicher  Auszug  von  L.  Ideler  unter  dem  Titel:  „Ueber  die 
Trigonometrie  der  Alten"  in  Zachs  Monatlicher  Correspondenz  zur  Beförderung 
der  Erd-  und  Himmelskundc  (Juli  1812).  Bd.  XXVI,  3—38.  °)  Theon  Alexan- 
drinns  (ed.  Halma)  I,  pag.  HO.     ■')  Almagest  (ed.  Halma)  1,  P^g-  29. 


Geometrie  und  Trisronometrie  bis  zu  Ptolemäus. 


389 


Fig.  68. 


grossen  Bogeus,  aus  den  Sehnen  zweier  Bögen  die  Sehne  ihrer 
Summe. 

Die  Beweise  der  betreffenden  Sätze  bestehen  dem  Sinne  nach 
in  Folgendem.  Aus  (Figur  68)  aß  und  ay  soll  ßy  gefunden  werden. 
Man  zieht  von  a  aus  den  Durchmesser  aö, 
der  also  120  Theile  enthält  und  vollendet 
das  Sehnenviereck  aßyö  nebst  seinen  Dia- 
gonalen. Nun  ist  yd  =  1/120^  —  ay^,  ßd 
=  /l202  —  aß^,  ay  ■  ßÖ  =  ad  ■  ßy  -j-  aß  ■ 
yd  oder  ay  •  1/120^  —  aß''  =  120  •  ßy  + 
aß  '  ]/l20^  —  ay^,  woraus  ßy  gefunden 
werden  kann. 

Soll  ferner  (Figur  69)  aus  ßy  die  ' 
Sehne  yÖ  des  halb  so  grossen  Bogens  er- 
mittelt werden,  so  zieht  man  den  Durch- 
messer ay,  ausserdem  aß,  ad,  ßd, 
schneidet  auf  dem  Durchmesser  ay  das 
Stück  ae  =  aß  ab,  zieht  ds  und  endlich 
d^   senkrecht    zum   Durchmesser    ay.     Die 

Dreiecke  ßad,  sad  sind  nun  congruent,  weil  die  beiden  gleichen  in 
a  ihre  gemeinschaftliche  Spitze  besitzenden  Winkel  von  gleichen 
Seiten  gebildet  werden.  Demgemäss  sind  auch  die  dritten  Seiten 
gleich  ßd  =  de,  und  da  überdies  ßd  =  dy  als  Sehnen  gleicher 
Bögen,   so  ist  das  Dreieck  dsy   gleichschenklig,   und  die  Senkrechte 

d^    auf    dessen    Grundlinie    halbirt    dieselbe    d.    h.    es    ist    ^y  =-  ^ 


e  ^  r 


Fig.  69. 


ay  —  aa         120 
"^  2  "^ 


aß 


QO—  lyi2(ß  —  ßy'.     Ferner     sind     die 

beiden    rechtwinkligen    einen    spitzen    Winkel    gemeinschaftlich    ent- 
haltenden Dreiecke  yd^,  yad  ähnlich,  also 
t^y  :  yd  =  yd  :  ay  und 


4|/120^-M, 


j;d^  =  aj;.^j;=120[60  ^ 

woraus  endlich  yd  sich  ergiebt. 

Die  letzte  Aufgabe  ist  die,  (Figur  70) 
aus  den  Sehnen  aß  und  ßy  die  Sehne  ay 
zu  finden.  Zu  diesem  Zwecke  werden  die 
Durchmesser  ad  und  ßs,  ausserdem  ßd, 
dy,  ys  und  ds  gezogen,  welche  letztere 
wegen  der  Congrueuz  der  Dreiecke  aß^,  det,  der  aß  gleich  sein 
muss.  Der  auf  das  Sehnenviereck  ßyds  angewandte  ptolemäische 
Lehrsatz  liefert  nunmehr  ßd-ys  =  ßy-ds-\-ßs'yd  oder 


Fig.  70. 


390 


20.  Kapitel. 


-^120'^  —  aß^ .  yV20'  —  ßf  =  /3;/  •  ß/i  +  120  •  l/l20"^  -  ay^, 
wodurch  ay  bestimmt  ist. 

Zu  den  als  bekannt  vorausgesetzten  Sehnen  zurückkehrend  erhält 
demnach  Ptolemäus  aus  den  Sehnen  von  72"  und  von  GO'^  die  von 
72*^ — 60"  oder  von  12".    Wiederholte  Halbirung  des  Bogens  lehrt  als- 

n  1  0  3  0 

dann  die  Sehne  von  Q^,  von  o",  von  1  ,^  ,  von  —    kennen.     Ptolemäus 
beabsichtigt    aber   die  Sehnen  der  um   je         Grad    steigenden  Bögen 

in  eine  Tabelle  zu  vereinigen,  er  bedarf  also  dazu  in  erster  Linie 
der  Kenntniss  der  Sehne  von  1",  und  dazu  verhilft  ihm  ein  Verglei- 
chungssatz von  höchster  Eleganz.  Es  seien 
(Figur  71)  zwei  Bögen  aß,  ßy  desselben 
^y  Kreises  gegeben,  deren  letzterer  grösser  als 
der  erstere,  und  es  seien  die  Sehnen  der 
einzelnen  Bögen  sowie  der  Summe  der  beiden 
gezogen,  wobei  wir  zur  Unterscheidung  der 
Bögen  und  Sehnen  jene  z.  B.  als  arcus  ctß, 
diese  als  chorda  aß  oder  als  aß  schlechtweg 
bezeichnen  wollen.  Der  Winkel  bei  ß  werde 
durch  die  ßd  halbirt-,  da  und  dy  werden  ge- 
zogen, auch  dt,  senkrecht  zu  ay,  und  mit  ds  d.  h.  mit  der  Entfer- 
nung des  Punktes  Ö  vom  Durchschnitte  der  ßd  mit  der  ay  als  Halb- 
messer und  mit  d  als  Mittelpmikt  wird  ein  Kreisbogen  beschrieben, 
der  einestheils  die  da  anderntheils  die  d'^,  selbst  oder  in  ihrer  Ver- 
längerung, in  rj  und  6  schneidet.  Nach  dem  bekannten  Satze  von 
der  Halbirung  einer  Dreiecks  winkeis  ist  aß  :  ßy  =  ae  :  ey,  aber 
aß  <  ßy,  also  auch  ae  <.  sy  d.  h.  as  ist  weniger  als  die  Hälfte  von 
ay,  e  fällt  zwischen  a  mid  t,  und  es  ist  demzufolge  da  >  de  >  d^, 
woraus  weiter  folgt,  dass  r}  auf  da  selbst,  Ü  auf  der  Verlängerung 
von  dt,  liegen  muss.  Dann  ist  aber  der  Kreissektor  dit]  kleiner  als 
das  Dreieck  dea,  und  der  Kreissektor  dsQ  grösser  als  das  Dreieck 
de^.     Aus  diesen  Vergleichungen  folgen  die  beiden  anderen: 

Dreieck  dt^       Sektor  did         -.   Dieicck  dt'Q       Dreieck  dt^ 
Sektor  dtr]        Sektor  dn]  Sektor  ö^T;        Dreieck  8ta' 

aus  deren  Verbindung  hervorgeht,  dass 


Dreieck    dt^       Sektor  dtd 
Dreieck  Stcc       Sektor  ötr] 


.  1        Dreieck  dtt 
Aber  ^ -^^i    . 

Dreieck  dta 


t'S         1  Sektor  dtQ 

und  „  ,1 ^^ — 

ta  Sektor  der} 


arcus  td 


arcus  t7} 
arcus  £0 


D 


le     jjewomiene 


Ungleichung   heisst    also    auch    *  -  < 

°  ^  tcK       arcus  f  1] 

Einheit  hinzugefügt  und  alsdann  verdoppelt,  so  entsteht 


Wird    beiderseits  die 


Geometrie  und  Trigonometrie  bis  zu  Ptolemäus.  391 

ay        2  arcns  ?;6 
tci  arcus  stj 

Nuu  vermindert  mau  wieder  beiderseits  um  die  Einheit  und  gewinnt 

1       -j.   y«    ^  arcus  Gf  +  arcus  0??        ^        ,  .,        ye         By         . 

damit  —  < •     Da  aber  weiter   ^—  =   -^  und 

as  arcus  rjf  ae         aß 

arcus  0£  +  arcus  Gtj  *^  ß^y  arcus  ßy 

arcus  7J5  <^  ^Sa         arcus  «ß' 
so  ist  endlich 

chorda  ßy  arcus  ßy 

cborda  orß  arcus  aß 

d.  h.   der   Quotient  der  grösseren   Sehne   durch  die   kleinere 

Sehne    ist    kleiner    als    der    Quotient    der    von    den    Sehneu 

bespannten    Bögen^).     Werden  nun  Sehne  und  Bogen  von  P  mit 

10  30  .  _-        , 

denen  von  1 ;-    und  von  —    verglichen,  so  ergibt  sich 

chorda  l"*    ^  arcus  l**         ,  chorda  \\^    ^  arcus  It" 

<r und =^  <C —  • 

chorda  f^"        arcus  f°  chorda  l"  arcus  1" 

.  ,        arcus  1"  4      arcus  IJ^"  H  ,  •,    i   •  i  ^  *- 

Aber ^7,  =  — ,  fr  =  —  und  somit  leicht 

arcus  1"  3  '    arcus  1'^  2 

2  1  "  A         4  30 

-^  chorda  1  „    <  chorda  1"  <  —  chorda       • 

Die  beiden  äusseren  Werthe  heissen  nuu  bis  in  den  Sekunden  über- 
einstimmend 1  •  2'  •  50",  und  somit  wird  mit  einer  Genauigkeit,  welche 
die  Sekunden  noch  zuverlässig  erscheinen  lässt,  auch  der  dazwischen 
liegende   Werth    chorda  P  =  1  •  2'  •  50"   sein    müssen.     Jetzt  ist    die 

Sehne  von  1°  und  die  von  1—  ,  folglich  auch  die  »Sehne  von  — -    be- 

1  0 
kannt,  und  die  Sehnen  aller  um  je  -^    wachsenden  Bögen  von  0  bis 

180''  einschliesslich  können  gefunden  werden. 

Sie  alle  hat  Ptolemäus  in  seiner  Sehnentafel  vereinigt,  grössere 
Bögen  ausschliessend.  Er  thut  dieses  nicht  etwa,  weil  die  Sehne, 
die  einen  Bogen  bespannt,  der  grösser  als  der  Halbkreis  ist,  zugleich 
auch  zu  einem  anderen  kleineren  Bogen  gehört,  der  den  ersten  zu 
einem  ganzen  Kreise  ergänzt,  sondern  weil  Bögen,  die  grösser  als  der 
Halbkreis  sind,  bei  ihm  überhaupt  nicht  vorkommen.  Wenigstens 
führt  er  diesen  letzten  Grund  ausdrücklich  an"'),  während  wir  den 
erstgenannten  nicht  bei  ihm  finden.  Für  die  Auffindung  der  Sehnen 
von  Bögen,    welche    zwischen   zwei  in   der  Tabelle    befindlichen  ent- 


^)  Dem  Gedächtnisse  kann  man  diesen  Satz  des  Ptolemäus  besser  in  der 
fast  in  die  Sinne  fallenden,  bei  dem  Erfinder  jedoch  liicht  vorkommenden  Form 
einprägen,  dass  der  Quotient  des  grösseren  Bogens  durch  seine  Sehne  grösser 
sei  als  der  Quotient  des  kleineren  Bögens  durch  seine  Sehne.  ^)  Almagest  I, 
11  (ed.  Halma)  I,  pag.  51:  nal  sni  x&v  s^i)g  8h  Xufißavo^tvwv  iteQKptQU&v  xh 
öfioLOv  vTiayiovsad'co  (sc.  sXdccova  tlvai  j]^iyivv.lCov) . 


392  20.  Kapitel. 

halten  sind,  sorgt  eine  weitere  Kolumne  der  Proportionaltheile  oder, 
wie  Ptolemäus  sagt,  der  Sechzigstel,  i^rjaoötcöv,  indem  angenommen 
wird,    dass    die  Veränderung    der   Seimen    der   Bögen   innerhalb   der 

1  0  1  0 

tabellarischen  Angabe  von  ^  zu  ---  oder  von  30  zu  30'  der  Ver- 
änderung der  Bögen  proportional  sei.  So  steht  beispielsweise  neben 
dem  Bogen  20°  0'  die  Chorde  20  .  50  .  16,  neben  dem  Bogen  20"  30' 
die  Chorde  21  .  21  .  12.  Der  Zunahme  des  Bogens  um  30'  entspricht 
eine  Zunahme  der  Chorde  um  0  .  30  .  56,  mid  findet  diese  im  Ver- 
hältnisse der  Bogenzunahme  statt,  so  ist  der  mittlere  Zuwachs  der 
Chorde  0  .  1  .  1  .  52  für  Jede  Minute,  um  welche  der  Bogen  zwischen 
20*^  und  20°  30'  zunimmt.  Diese  Zahl  0  .  1  .  1  .  52  steht  denn  auch 
in  der  dritten  Kolumne  neben  den  Zahlen  20  .  0  der  ersten,  20 .  50 .  16 
der  zweiten  Kolumne.  Ein  Beweis  für  diese  angenommene  Propor- 
tionalität in  engem  Bereiche  ist  dagegen  nicht  vorhanden'). 

War  das  9.  Kapitel  der  Entwerfung  der  Sehneutafel  gewidmet, 
so  ist  im  11.  Kapitel  die  Trigonometrie,  und  zwar  hauptsächlich 
die  sphärische  Trigonometrie  enthalten,  sich  aufbauend  auf  den 
Sätzen  des  Menelaus,  die  hier  ohne  Quellenangabe  vorkommen^),  so 
dass  man  sie  lange  für  Erfindungen  des  Ptolemäus  hielt,  bis  im 
XVII.  S.  Pater  Mersenne  sie  ihrem  Urheber  zurückerstattete^).  Der 
Haupsatz  der  ebenen  Trigonometrie,  dass 
im  Dreiecke  zwei  Seiten  sich  verhalten  wie  die 
Sehnen  der  doppelten  Bögen,  welche  die  den 
Seiten  gegenüberliegenden  Winkel  messen,  ist 
allerdings  nicht  deutlich  ausgesprochen,  son- 
dern nur  in  anderen  Sätzen  inhaltlich  mit  ent- 
halten. Vollständiger  sind  die  Sätze  der  sphä- 
rischen Trigonometrie  angegeben.  Dem 
Wortlaute,     aber    nicht    dem    Gedanken    nach 

Fig.  72.  .   .  ' 

modernisirt  lautet   seine  Darstellung  etwa  fol 
gendermassen ').     Wenn  Ptolemäus  (Figur  72 j   das  bei  //  rechtwink- 
lige Dreieck  AHB  berechnen  will,    so  coustruirt  er  den  Pol  P  von 
AH,  dann  den  zu  A  als  Pol  gehörigen  Aequator  PB'I£,  der  in  i>*',  H' 


^)  Ideler  1.  c.  23  hat  die  Richtigkeit  der  ptolemäischen  Zahlen  geprüft 
und  hat  gefunden,  dass  sie  auf  5  Decimalstelkn  genau  sind.  -)  Almagest 
(ed.  Halma)  I,  pag.  50  der  Satz  für  das  ebene  Dreieck,  pag.  55  der  Satz  für 
das  sphärische  Dreieck.  ^)  Vergl.  Chasles,  Apercu  Jiist.  293,  Deutsch  -289. 
Chasles  selbst  ist  geneigt,  die  Sätze  auch  dem  Menelaus  wieder  abzusprechen 
und  hält  Euklid  für  den  Erfinder,  in  dessen  Porismen  sie  vorgekommen  seien 
*)  Wir  entnehmen  diese  Zusammenfassung  fast  wörtlich  aus  Hankel  S.  285 — 286, 
Anmerkung,  da  wir  es  kaum  für  möglich  halten,  eine  bündigere  und  übersicht- 
lichere Darstellung  zu  liefern. 


Geometrie  und  Trigon«metrie  bis  zu  Ptolemäus.  393 

die  verlängerten  Seiten  AB,  AH  schneidet.-  Somit  wird  B'H'  =  a 
und  alle  in  der  Figur  vorkommenden  Bögen  lassen  sich  durch  a,  h, 
1i,  a  und  deren  Complemente  ausdrücken.  Nun  kann  der  Satz  des 
Menelaus  viermal  angewandt  werden,  nämlich  auf  die  Dreiecke  ABU, 
PBB',  PHH',  AB'H.  Die  zugehörigen  Transversalen  sind  in 
gleicher  Ordnung  PB'II',  AIIH',  B'BA,  PBH,  und  die  Anwendung 
des  Satzes  von  den  sechs  Grössen  liefert  die  vier  Gleichmigen: 

1 .  cos  h  =  cos  a  .  cos  b  oder  cos  Ji,  =  cos  a  .  cos  b 

2.  sin  a  =  sin  a  .  sin  h  oder  sin  a  =  sin  h  .  sin  a 

3.  cos  a  .  sin  b  .  sin  «  =  cos  cc  .  sin  a  oder  tng  a  =  sin  .  ö  .  tng  a 

4.  sin  b  .  cos  h  =  cos  b  .  cos  a  .  sin  Jb  oder  tng  b  =  cos  k  .  tng  h. 

Die  Beweise  hat  Ptolemäus  nicht  immer  gegeben  und  die  Commen- 
tatoren  haben  nicht  unterlassen,  hier  die  sehr  nöthigen  Ergänzungen 
eintreten  zu  lassen^). 

Die  Trigonometrie  als  Kapitel  des  I.  Buches  des  Almagestes  be- 
handelt, entspricht  vollständig  dem,  was  wir  (S.  371)  schon  andeuteten. 
Die  Trigonometrie  ist  wesentlich  zu  astronomischen  Zwecken  ent- 
standen, so  dass  die  sphärische  Trigonometrie  nothweudiger  und  dem- 
zufolge auch  früher  ausgebildet  war  als  die  ebene  Trigonometrie. 
Eine  ebene  Trigonometrie  im  Dienste  der  theoretischen  Planimetrie' 
ist  dem  Alterthume  eben  so  fremd  wie  eine  solche  im  Dienste  feld- 
messerischer Untersuchungen,  wenn  man  von  der  einzigen  Ausnahme 
der  Zahlenformeln  Herons  für  den  Flächeninhalt,  regelmässiger  Viel- 
ecke absieht.  Die  Thatsache  mag  uns  beim  ersten  Anblicke  auffallen, 
eine  Erklärung  derselben  scheint  nicht  schwer  zu  sein.  Trigono- 
metrische Ausdrücke  als  Durchgangspunkte,  von  welchen  man  wieder 
zu  anderen  Grössengattungen  gelangen  will,  sind  nicht  denkbar,  so 
lange  noch  keine  ausgebildete  Zeichensprache  der  Mathematik  vor- 
handen ist.  Bis  dahin  liefern  trigonometrische  Ausdrücke  mit  Hilfe 
von  Sehnentafeln  in  Zahlen  umgesetzt  nur  näherungsweise  richtige 
Ergebnisse.  Der  wissenschaftliche  Geometer  war  aber  abgeneigt,  sich 
mit  einer  blossen  Annäherung,  und  sei  sie  noch  so  nahe,  zufrieden 
zu  geben.  Der  unwissenschaftliche  Feldmesser  war  abgeneigt,  das 
Wissen  sich  zu  erwerben,  welches  zur  Erlernung  des  trigonometrischen 
Rechnens  unerlässlich  war.  So  überliessen  beide  die  missachteten 
oder  gescheuten  Verfahrungsweisen  der  Trigonometrie  dem  Astro- 
nomen, der  weniger  heikel  als  der  Eine,  weniger  denkfaul  als  der 
Andere  der  guten  Ergebnisse  dieser  Näherungsmethoden  sich  freute 
und  bediente. 


^)  Theon  Alexandrinus  (ed.  Halma)  I,  pag.  243  sqq. 


394  20.  Ka^iitel. 

Gehören  die  übrigen  Bücher  des  Alniagestes  der  Geschichte  der 
Astronomie  an-^),    und  ist  für    uns    höchstens  noch   ein  Werth  von 

TT  =  3  .  8  .  30   d.  h.  =  3—  ^j^T^^r  =  3—7:  =  3,141  666  .  .  .  benierkens- 

werth '^),  so  hat  die  Entwicklungsgeschichte  der  Mathematik  den 
Namen  des  Ptolemäus  noch  wegen  anderer  Werke  aufzubewahren, 
die  theilweise  wieder  für  sie  und  für  andere  Disciplinen  ein  gemein- 
sames Interesse  besitzen,  theilweise  rein  mathematisch  sind. 

Wir  reden  hier  zuerst  von  der  mathematischen  Geographie 
des  Ptolemäus^).  Wir  erinnern  uns,  dass  Hipparch  (S.  357)  die 
Punkte  der  Erde  durch  Coordinaten  der  Länge  und  Breite  bestimmte. 
Er  ging  von  dem  Meridiane  von  Rhodos  als  Anfang  für  die  Längen 
aus.  Marin  US  von  Tyrus  im  ersten  Jahrhunderte  n.  Chr.  dürfte 
den  Anfangsmeridian  nach  den  canarischen  Inseln  verlegt  haben, 
dem  damals  äussersten  nach  Westen  gelegenen  bekannten  Punkte^). 
Ptolemäus  folgte  auf  Marinus  und  fusst  in  vielen  Dingen  auf  dessen 
Untersuchungen,  in  andern  ihn  tadelnd  und  verbessernd.  Auch  ihm 
heissen  die  Ausdehnungen  von  Ost  nach  West  und  von  Nord  nach 
Süd  Länge,  ^rixog,  und  Breite,  jcAarog,  weil  die  Erde,  wie  Jeder- 
mann zugestehe,  mehr  Ausdehnung  in  der  ersten  als  in  der  zweiten 
Abmessimg  besitze,  und  Länge  eben  die  grössere  Abmessung  (S.  365) 
bezeichne  ^).  So  hat  sich  also  das  Coordinatenbewusstsein  in  seiner 
geographischen  Anwendung  fortwährend  erhalten. 

Ptolemäus  ging  aber  vielleicht  in  dem  Bewusstsein,  dass  man 
auf  gewisse  Grundrichtungen  sich  beziehen  müsse,  noch  Aveiter.  Wir 
denken  dabei  an  eine  Notiz,  welche  wir  Simplicius,  dem  bekannten 
Erklärer  des  Aristoteles,  schulden.  In  den  Erläuterungen  zum 
I.  Buche  vom  Himmel  berichtet  er,  Ptolemäus  habe  über  die  Aus- 
dehnungen, jcsqI  diaötaasav,  geschrieben  und  dort  gezeigt,  dass 
nur  drei  Ausdehnungen  eines  Körpers  möglich  seien.  Bei  der  Un- 
bestimmtheit dieser  Angabe  müssen  wir  allerdings  dahingestellt  sein 
lassen,  ob  man  glauben  will,  es  seien  in  jener  Schrift  Gedanken 
enthalten  gewesen,  welche  dem  Begriffe  von  Raumcoordinaten 
nahe  kommen. 

Wieder  an  Hipparch  sich  anlehnend,  lehrte  Ptolemäus  in  der 
Geographie  die  Anfertigung  von  Landkarten,  mid  das  24.  Kapitel 
des  I.  Buches*^)  ist  wohl  das  älteste   erhaltene  Schriftstück,   welches 

')  Wolf,  Geschichte  der  Astronomie  S.  61 — 63,  eine  sehr  hübsche  üeber- 
äicht  über  den  Inhalt  des  Almagestes.  ^)  Almagest  VI,  7  (ed.  Halma). 
*)  Traue  de  Geographie  de  Claude  Ptolcmce  d'Alexandrie  (edit.  Halma).  Paris, 
1828.  *)  Wolf,  Geschichte  der  Astronomie  S.  153.  ^)  Ptolcmee,  Geographie 
(ed.  Halma)  pag.  17.      •*)  Ftolemee,  Geographie  (ed.  Halma)  pag*.  59. 


Geometrie  und  Trigonometrie  bis  zu  Ptolemüus.  395 

in  seiner  Ueberschrit't  als  der  Abbildung  der  bewohnten  Erde  anf 
einer  Ebene  gewidmet  bezeichnet  ist,  so  dass  die  Maasse  der  Lagen- 
verhältnisse auf  der  Kugel  beibehalten  werden  sollen.  Verschiedene 
Projektionsmethoden  werden  hier  gelehrt,  mit  welchen  Ptolemäus 
auch  in  zwei  anderen  Schriften,  dem  Planisphaerium  und  dem 
Analemma,  sich  beschäftigt  hat^).  Ptolemäus  benutzt  vorzüglich 
die  Projektion,  bei  welcher  das  Auge  als  im  Pole  befindlich  gedacht 
wird  und  die  Aequatorialebene  die  Zeichnungsebene  bildet,  die  Pro- 
jektion also,  Avelcher  Aiguillon  1613  den  Namen  der  stereographi- 
schen beigelegt  hat. 

Schriften  des  Ptolemäus  über  die  Harmonielehre,  d.  h.  über  die 
Verhältniss(?,  welche,  wie  man  heute  sagen  würde,  zwischen  den 
Schwingungszahlen  der  einzelnen  Töne  stattfinden,  und  über  Optik-) 
begnügen  wir  uns  zu  nennen,  da.  sie  der  Geschichte  der  Mathematik 
nicht  angehören.  Von  Arbeiten  über  Mechanik  wissen  wir  nur  ülier- 
haupt,  dass  sie  vorhanden  waren;  Pappus  erwähnt  ihrer  in  seinem 
Vlll.  Buche,  Eutokius  in  seinen  Erläuterungen  zu  der  archimedi- 
schen Schrift  über  das  Gleichgewicht. 

Dagegen  hat  uns  Proklus  Auszüge  aus  einem  reingeometrischen 
Buche  des  Ptolemäus  überliefert^),  welche  verdienen,  dass  wir  bei 
ihnen  verweilen.  Aus  diesen  Auszügen  geht  hervor,  dass  Ptolemäus 
jedenfalls  der  erste  Mathematiker  war,  von  welchem  bekannt  ge- 
worden ist,  dass  er  das  sogenannte  11.  Axiom  des  Euklid  nicht 
als  selbstverständlich  betrachtet  wissen  wollte,  dass  er  die  zahllose 
Reihe  derer  eröfiiiet  hat,  welche  durch  Versuche  die  Parallelentheorie 
zu  beweisen  vergeblich  sich  abmühten,  bis  im  XIX.  S.  der  unendlich 
viel  kühnere  Versuch  auftauchte,  die  Parallelentheorie  als  anfechtbar 
zu  erklären  und  eine  Geometrie  zu  schaffen,  welche  von  ihr  absehend 
als  anti- euklidische  oder  absolute  Geometrie  Geltung  beansprucht. 
Ptolemäus  beweist  zunächst,  dass  Gerade,  welche  durch  eine  Trans- 
versale so  geschnitten  werden,  dass  die  Winkel  auf  derselben  Seite 
der  Transversalen  und  auf  entgegengesetzten  Seiten  der  Geschnittenen 
sich  zu  zwei  Rechten  ergänzen,  parallel  sein  müssen,  d.  h.  sich  nicht 
treffen  (Fig.  73).  Gesetzt  aß  und  yd  schnitten  sich  in  x,  während 
die  Winkel  ß^r]  und  drj^  sich  zu  zwei  Rechten  ergänzen.  Wegen 
des  Satzes  über  Nebenwinkel  werden  auch  die  Winkel  a^rj  und  yrj^ 


')  Diese  Abhandlungen  hat  Commandinus  1558  und  1562  übersetzt  und 
herausgegeben.  ^)  Vergl.  Poudva,  Histoire  de  la  perspective.  Paris,  1864, 
pag.  28  —  32.  Eine  früher  als  Ptolemäus,  De  specuUs  bezeichnete  Katoptrik 
ist  nicht  von  Ptolemäus,  sondern  von  Heron.  S.  Agrimensoren  18 — 19.  ^)  Prok- 
lus (ed.  Friedlein)  362—368.  Vergl.  L.  Majer,  Proklos  über  die  Petita  und 
Axiomata  bei  Euklid.     Tübingen,  Gymnasialprogramm  1875. 


396  20.  Kapitel. 

sich  zu  zwei  Rechten  ergänzei),  und  folglich  wird  auch  auf  der  Seite, 
wo  a  und  y  steht,  ein  Durchschnitt  der  beiden  Geraden  in  A  statt- 
finden. Die  Geraden  aß  und  yd 
schneiden  sich  also  zweimal  in  x 
und  A,  ohne  zusammenzufallen, 
d.  h.  sie  schliessen  einen  Raum 
ein,  was  nicht  möglich  ist.  So 
wenig  gegen  diesen  Beweis  sich 
einwenden  lässt,  so  wenig  zutref- 
fend ist  der  Beweis,  den  Ptole- 
Fig.  73.  maus  von  dem  umgekehrten  Satze 

liefert,  dass  bei  wirklich  voraus- 
gesetztem Parallelismus  die  entsprechenden  Winkel  auf  derselben  Seite 
der  Transversalen  sich  zu  zwei  Rechten  ergänzen  müssen.  Die  beiden 
ai;  und  yr}j  sagt  er  nämlich,  sind  nicht  weniger  parallel  als  die  ^ß 
und  rjd.  Wäre  also  die  Summe  der  Winkel  ß^r}  und  dtjt,  mehr  oder 
weniger  als  zwei  Rechte,  so  müsste  genau  das  Gleiche  für  die  Summe 
der  Winkel  a^r}  und  yi^^  gelten.  Die  vier  Winkel  zusammen  müssten 
also,  sei  es  nun  mehr,  sei  es  weniger  als  vier  Rechte  betragen,  wäh- 
rend sie  als  zwei  Paar  Nebenwinkel  genau  vier  Rechten  gleich  sind. 
Wie  Ptolemäus  die  euklidischen  Elemente  in  der  Theorie  der 
Parallellinien  für  ergänzungsbedürftig  hielt,  so  scheint  es  damals  auch 
mit  anderen  Büchern  des  darum  nicht  minder  bewunderten  Werkes 
gegangen  zu  sein.  Wir  bringen  in  Erinnerung  (S.  332),  dass  im 
n.  S.  der  byzantinische  Astronom  Vettius  Valens  einen  aus 
2  Büchern  bestehenden  Commentar  zum  X.  Buche  der  euklidischen 
Elemente  verfasste,  dessen  arabische  Uebersetzung  sich  möglicher- 
weise erhalten  hat. 

Die  Schriftsteller,  mit  welchen  wir  in  diesem  Kapitel  bekannt 
geworden  sind,  zeigen  uns  eine  gewisse  Gleichartigkeit  unter  sich  und 
mit  denjenigen,  welche  in  dem  17.  Kapitel  besprochen  wurden. 
Wieder  haben  wir  es  mit  Geometem  zu  thun,  welche  der  Curven- 
lehre  ihre  Aufmerksamkeit  zuwandten,  welche  die  Stereometrie  aus- 
bildeten, von  allen  Körpern  hauptsächlich  die  Kugel  beachtend,  welche 
der  rechnenden  Geometrie  die  Vollendung  zur  Trigonometrie  gaben, 
indem  sie  gewisse  Linien  berechneten  und  tabellarisch  zusammen- 
stellten, welche  zu  gewissen  Winkeln  gehörten.  Die  Sehnentabelle 
ist  —  wir  können  uns  nicht  versagen,  unsere  Augen  so  weit  nach 
rückwärts  zu  werfen  —  die  für  lange  Zeit  letzte  Entwicklung  eines 
alten  Keimes.  Das  Seqt  genannte  Verhältniss  des  Ahmes  wuchs 
dazu  heran,  und  es  scheint  fast,  als  ob  die  ganze  Entwicklung  auf 
ägyptischem  Boden  vor  sich  ging. 


Geometrie  und  Trigonometrie  bis  zu  Ptolemäus.  397 

Ist  aber  eine  Art  von  Gemeinsamkeit  der  Mathematiker  von 
Nikomedes  und  Diokles  bis  auf  Menelaus  und  Ptolemäus,  von  200 
V.  Chr.  bis  150  nach  Chr.  nicht  zu  verkennen,  so  ist  es  nicht  minder 
nothwendig,  auf  allgemeine  kulturhistorische  Veränderungen  hinzu- 
weisen, welche  innerhalb  dieser  Zeit  eintraten,  und  welche  nunmehr 
beginnen  werden  auf  dem  Gebiete,  welches  wir  zu  unserem  Arbeits- 
felde ausgewählt  haben,  sich  deutlich  bemerkbar  zu  machen.  In  der 
Einleitung  zum  12.  Kapitel  haben  wir  (S.  240)  die  alexandrinische 
Literaturperiode  ihrem  allgemeinen  Charakter  nach  kurz  umrissen. 
Wir  haben  als  untere  Grenze  derselben  die  Einverleibung  Alexandrias 
in  das  römische  Reich  bezeichnet  in  der  Mitte  des  ersten  vorchrist- 
lichen Jahrhunderts.  Ueber  diese  Grenze  hat  uns  das  hier  ab- 
schliessende Kapitel  hinübergeführt  und  noch  über  eine  andere  von 
weltgeschichtlich  grösster  Bedeutung.  Geminus  77  v.  Chr.,  Ptolemäus 
150  n.  Chr.  bilden  Anfang  und  Schluss  unseres  Kapitels.  Müssen 
wir  erst  sagen,  was  zwischen  beiden  Jahreszahlen  liegt?  Und  den- 
noch war  die  Entstehung  des  Christenthums  für  die  Geschichte 
unserßr  Wissenschaft  ein  zunächst  fast  nebensächliches  Ereigniss, 
weit  geringfügiger  in  seinen  unmittelbaren  Einwirkungen  als  jene 
Machtverschiebung,  die  wir  schon  andeuteten.  Rom  kommt  in  den 
feldmesserischen  Beispielen  des  Heron,  in  den  astronomischen  Be- 
obachtungen des  Geminus  vor.  Auch  Menelaus  beobachtete  in  Rom. 
Ptolemäus  entnahm  seine  Datirungen  den  Regierungsjahren  römi- 
scher Kaiser.  Daran  erkennen  wir  äusserlich,  dass  neue  staatliche 
Combinationen  innerhalb  des  Lebens  grade  der  Männer  sich  gebildet 
haben,  welche  wir  in  diesem  Kaj^itel  friedlich  nach  einander  betrach- 
teten. Solche  weltgeschichtliche  Thatsachen  dürfen  auch  in  der 
historischen  Darstellung  einer  Wissenschaft  nicht  mit  Schweigen 
übergangen  werden.  Die  Entwicklung  der  Wissenschaft  knüpft  sich 
■an  die  Träger  der  Wissenschaft,  die  Träger  der  Wissenschaft  ge- 
hören als  Menschen  ihrer  Zeit  an.  Deutlicher  oder  in  verwischteren 
Spuren  wird  die  Zeit  auch  in  der  Wissenschaft  zu  erkennen  sein. 
Ueberblicken  wir  darum  in  raschestem  Fluge  die  allgemeinen  Ver- 
hältnisse. Wir  gelangen  damit  zugleich  zu  denjenigen  mathemati- 
schen Dingen,  deren  Erörterung  uns  der  Zeit  nach  etwas  zurück- 
greifend nunmehr  obliegt. 


398  21-  Kapitel. 

21.  Kapitel. 
Nenpytliagoräisclie  Arithmetiker.     Nikomachus.     TLeon. 

Rom  hatte  uach  und  iiacli  in  Italien  das  unbestrittene  Ueber- 
gewiclit  über  die  Mitbewohner  des  Landes  südlich  von  den  Alpen 
errungen.  Der  Tod  des  Archimed  knüpft  sich  für  uns  an  die  Er- 
oberung von  Syrakus,  das  Todesjahr  des  Apollonius  war  es  ungefähr, 
in  welchem  Rom  mit  Macedonien  handgemein  wurde  und  den  Sieg 
bei  Kynoskephalä  erfocht.  Zehn  Jahre  später  und  der  syrische  Krieg 
gegen  Antiochus  den  Grossen  war  geschlagen.  Die  seegeübten  Be- 
wohner der  Insel  Rhodos  wie  die  Krieger  von  Pergamum  waren  den 
Römern  zur  Seite  gestanden  und  fühlten  von  jetzt  an  den  Einfluss 
der  mächtigen  Weltbefreier,  wie  man  die  Römer  noch  nannte.  Deut- 
licher wurde  das  Streben  des  die  Stellung  als  Weltmacht  sich  er- 
obernden Staates,  als  um  150  die  Nebenbuhlerschaft  Karthago»  ver- 
nichtet ward,  und  mehr  und  mehr  drängte  sich  in  dem  nun  folgenden 
Jahrhunderte  römischer  Wille  den  orientalischen  Ländern  mit  Ein- 
schluss  Aegyptens  auf.  Gegen  Aegypten  selbst  führte  Cäsar  im 
Jahre  47  seine  Truppen  zum  alexandrinischen  Kriege,  und  der 
Eroberimg  der  Stadt  leuchtete  mit  bildungsfeindlicher  Flamme  der 
Brand  des  Brucheiou. 

Wir  haben  von  dem  grossartigen  Sammeleifer  der  ersten  Ptole- 
mäer  gesprochen.  Ihnen  fast  voraus  war  die  Gier,  mit  welcher  König 
Attalus  von  Pergamum  Bücher  sich  zu  verschaffen  suchte,  und  diese 
Wettbewerbung  soll  die  Ursache  nachweisbar  vorgekommener  Fäl- 
schungen gewesen  sein.  Im  11.  vorchristlichen  Jahrhunderte  tauchten 
plötzlich  Schriften  auf,  von  welchen  der  sein  sollende  alte  Verfasser 
nie  eine  Ahnung  gehabt  hatte,  und  welche  wissenschaftlich  nur  so 
weit  Verwerthung  finden  können,  als  sie  den  Beweis  liefern,  dass 
man  im  II.  S.  mit  den  Dingen  bekannt  war,  die  den  Inhalt  derselben 
bilden.  Durch  Ankäufe  echter  und  unterschobener  Schriften  wuchs 
die  alexandrinische  Bibliothek  so,  dass  sie  in  einem  Gebäude  nicht 
mehr  Platz  fand.  Nachdem  das  Brucheion  in  der  Nähe  des  Hafens 
angefüllt  war,  legte  man  eine  zweite  Sammlung  im  Tempel  des 
Serapis  an.  Jene  erste  Hauptsammlung  war  es,  die  der  Peuersbrunst 
zum  Opfer  fiel,  die  mit  mehr  als  400  000  Bänden  das  vernichtende 
Element  nährte. 

Das  war  ein  harter  Schlag  für  die  Wissenschaft  ujid  deren 
alexandrinische  Vertreter.    Bis  zu  einem  gewissen  Grade  wurde  zwar 


Neupythagoräische  Arithmetiker.  Nikomachus.  Theon.  399 

Ersatz  geboten.  Der  römerfreundliche  König  von  Pergamum,  Atta- 
lus  III.,  liatte  sterbend  im  Jahre  133  v.  Chr.  den  römischen  Senat 
zum  Erben  seiner  Schätze  eingesetzt,  und  Antonius  ttberliess  die  per- 
gamenische  Büchersammlung  der  Stadt,  welche  durch  die  Reize  Kleo- 
patras  an  ihm  einen  Gömier  gewonnen  hatte.  So  war  aufs  neue 
eine  grossartige  Bibliothek,  jetzt  im  Serapeion,  vereinigt.  War  die 
grammatische  Thätigkeit,  welche  wir  bei  unserem  früheren  Berühren 
der  alexandrinischen  Wissenschaft  als  im  Museum  vorzugsweise  neben 
und  wohl  vor  der  Mathematik  gepflegt  nannten,  eine  solche,  die  als 
Stoff  ihrer  Untersuchung  ältere  Schriften  verwerthen  musste,  so  mag 
jetzt,  nachdem  man  gesehen,  wie  ein  Unglücksfall  unschätzbar  vieles 
zerstört  hatte,  mehr  noch  als  zuvor  eine  Neigung  erwacht  sein,  durch 
Erläuterungen  und  Zusammenstellungen  die  alte  Wissenschaft  in 
Sicherheit  zu  bringen.  Andere  Momente  waren  gleichfalls  vorhanden, 
anderen  Beweggründen  entstammend,  aber  für  unsere  Zwecke  mit  der 
commentirenden  Thätigkeit  zusammenfallend. 

Alexandria  war  der  Ort,  wo  Heleneuthum,  wo  Aegyptisches,  wo 
aber  auch  Asiatisches  sich  begegneten.  Assyrier,  Inder,  Hebräer 
trafen  dort  ein,  ihre  ältere  oder  jüngere  Bildung  mit  sich  bringend, 
austauschend,  ergänzend.  Was  bei  einem .  solchen  Zusammenströmen 
Weitgereister  einzutreffen  pflegt,  fehlte  auch  hier  nicht.  Der  Wissens- 
durst schöpfte  mit  noth wendigem  Eklekticismus  bald  da,  bald  dort; 
das  Wunderbarste  übte  die  grösste  Anziehung;  man  fühlte  sich  ver- 
sucht, selbst  nach  jenen  Gegenden,  dem  Schauplatze  märchenhafter 
Erzählungen,  aufzubrechen;  man  gewann  aber  auch  neues  Interesse 
an  Solchen,  die  ehedem  gleiche  Reisen  ausgeführt  hatten,  denen  man 
zu  den  wirklich  erlebten  Abenteuern  neue  hinzudichtete.  Die  Phan- 
tasie gewann  das  Uebergewicht  über  den  nüchtern  denkenden  Ver- 
stand. Die  Dialektik  des  Aristoteles  entsprach  den  Neigungen  nicht 
mehr  in  dem  Maasse  wie  Piatons  die  Einbildungskraft  anregende 
und  voraussetzende  Schriften.  Piaton  als  Schriftsteller,  Pythagoras 
als  Persönlichkeit  zu  verehren  wurde  allgemeiner  und  allgemeiner. 
Ein  gewisser  mystischer  Pythagoräismus,  von  Wissenschaft  freilich 
weit  entfernt,  war  nie  gänzlich  verschollen.  Er  erholte  sich  zu 
neuem,  kräftigem  Leben.  Die  neue  Akademie  bildete  sich  heran, 
die  Neupythagoräer  entstanden.  Sie  studirten,  sie  erläuterten 
Piaton  im  pythagoräischen  Sinne,  so  weit  derselbe  zu  ermitteln  war. 

So  kamen  selbstverständlich  auch  diejenigen  mathematischen 
Forschungen  wieder  in  eifrigere  Uebung,  welche  schon  vorher  vor- 
handen gegen  die  Geometrie  zurückgetreten  waren,  wemi  auch  ein 
Verschwinden  derselben  nicht  behauptet  werden  kann.  Die  pytha- 
goräische  Arithmetik  wurde  jetzt  Mode  in  dem  Sinne,  wie  wir  dieses 


400  21.  Kapitel. 

Wort  schon  einmal  (S.  245)  gebraucht  haben.  Männer  wie  Niko- 
machus,  wie  Theon  standen  auf. 

Nikomachus  war  in  Geras a  zu  Hause,  einem  Orte,  der  wahr- 
scheinlich in  Arabien  zu  suchen  ist^).  Er  nennt  in  einer  musika- 
lischen Abhandlung  Thrasyllus,  womit  jedenfalls  der  unter  der 
Regierung  des  Tiberius  lebende  Platoniker  aus  Mende  gemeint  ist, 
er  kann  also  nicht  früher  als  etwa  30  n.  Chr.  geschrieben  haben. 
Ihn  übersetzte  Appuleius  von  Madaura  unter  den  Antoninen  ins 
Lateinische^),  und  damit  ist  als  untere  Grenze  das  Jahr  150  etwa 
gewonnen.  Gemeiniglich  setzt  man  Nikomachus  von  Gerasa  auf 
einen  mittleren  Zeitpunkt  zwischen  diese  Grenzen,  um  das  Jahr 
100  n.  Chr.,  denkt  ihn  also  etwa  als  Zeitgenossen  des  Menelaus 
von  Alexandria. 

Nikomachus  war  als  Pythagoräer  bekannt^),  als  Arithmetiker  be- 
rühmt. Neben  der  Thatsache  einer  Uebersetzung  so  kurz  nach  dem 
Erscheinen  des  Werkes,  wie  die  des  Appuleius,  ist  der  Ausspruch  des 
Lucian  dafür  bemerkenswerth,  der  um  160  etwa  einen  Rechner  nicht 
besser  zu  beloben  wusste  als  mit  den  Worten,  er  rechne  wie  Niko- 
machus von  Gerasa*),  und  auch  von  Commentaren  zu  den  Büchern 
des  Nikomachus,  welche  deren  grosse  Berühmtheit  verbürgen,  werden 
wir  weiter  unten  zu  reden  haben. 

Die  musikalischen  Schriften  des  Nikomachus  werden  wir  nicht 
zu  betrachten  haben,  so  wenig  wir  andere  Musiker  in  das  Bereich 
unserer  Besprechung  ziehen.  Uns  kümmert  in  erster  Linie  nur  die 
„Einleitung  in  die  Arithmetik  in  zwei  Büchern"''),  sigayioyrj 
aQiQ^r]Tijctj,  eben  jenes  von  Appuleius  bald  übersetzte  Werk,  dessen 
geschichtliche  Stellung  wir  zu  erörtern  haben.  Ein  Schriftsteller 
au&  dem  Anfange  des  VIL  S.,  Isidorus  von  Sevilla,  hat  behauptet, 
Nikomachus  habe  weitläufiger  auseinandergesetzt,  was  Pythagoras 
über  die  Zahlenlehre  schrieb").  Wir  sind  weit  entfernt,  an  die  über- 
treibungslose Wahrheit  dieser  Aussage  zu  glauben,  allein  eben  so  ge- 
wiss scheint  uns,  dass  von  dem  Inhalte  der  Einleitung  in  die  Arith- 
metik vieles    auf  ältere  und  älteste  Quelle  zurückzuführen  sein  wird. 


')  Die  Stellen,  welche  diese  Annahme  unterstützen  vergl.  bei  Nessel- 
mann, Die  Algebra  der  Griechen  S.  189,  Note  33.  ^)  So  berichtet  Cassio- 
dorius.  Die  Uebersetzung  selbst  ist  verloren.  ^)  Pappus  III,  18  (ed.  Hultsch) 
pag.  84  Nim^axog  6  Uv&ayoQLKÖg.  *)  &Qi.&(Ji£tLg  utg  Nt-yiöfiaxog  6  rBQccaiqvog. 
'•")  Schon  1538  in  Paris  gedruckt,  ist  sie  1817  zugleich  mit  dem  anonymen  Buche 
&ioloyov(itv(x  xfjg  ccQL&fijjri'nfig  durch  Ast  herausgegeben,  dann  18G6  durch 
Ho  che.  Wir  citiren  nach  letzterer  Ausgabe.  ^)  Isidorus  Ilispaliensis, 
Origines  III,  2:  Numeri  disciplinam  apud  Graecos  Pythagoram  auiumant  con- 
scripsisse  ac  deinde  a  Nicomacho  diffusius  esse  dispositam,  quam  apud  Lalinos 
primus  Appuleius  deinde  Bocthius  transtulerunt.  . 


Neupythagoräische  Arithmetiker.  Nikomachus.  Theon.  401 

Nikomaclius  ist  tins  auf  aritlimetisc]iem  Gebiete  das,  was  uns  Euklid, 
was  uns  Heron  für  die  Elemente  der  theoretischen,  der  praktischen 
Geometrie  gewesen  ist.  Er  ist  der  erste  Schriftsteller,  von  dem  wir 
wissen,  dass  er  die  arithmetischen  Lehren  als  solche  zu  einem  Lehr- 
körper zusammenstellte.  Euklid  hatte  auch  Arithmetisches  behan- 
delt, aber  als  Einschaltung  zwischen  geometrische  Untersuchungen 
und  in  geometrischer  Einkleidung.  Anders  Nikomachus.  Er  hat  die 
Zahleulehre  für  sich  behandelt,  und  wenn  er  auch  schon  vorhan- 
denen Stoff  sicherlich  nicht  verschmähte,  wenn  er  ebenso  auch  die 
Gewohnheit  griechischer  Mathematiker  nicht  so  weit  abzustreifen 
vermochte,  dass  er  geometrische  Begriffe  gänzlich  aus  seiner  Dar- 
stellung verbannte,  er  hat  doch  nicht  fortwährend  mit  Linien  oder 
höchstens  beiläufig  mit  Zahlen  zu  thun.  Er  ist,  wenn  wir  so  sagen 
dürfen,  der  Elementenschreiber  griechischer  Arithmetik.  Er  hat  eine 
Liebhaberei,  von  welcher  wir  unsere  Leser  in  Kenntniss  setzen 
müssen.  Er  sucht  so  viel  als  möglich  nach  Dreitheilungen,  auch 
wo  dieselben  nur  mit  einem  gewissen  Zwange  erlaugt  werden  können. 
Die  au  sich  gerechte  Bemängelung,  die  manchen  seiner  Eintheilungen 
geworden  ist,  musste  stets  an  diese  Thatsache  anknüpfen^),  eine 
Thatsache  freilich,  deren  nähere  Besprechung  durchaus  der  Geschichte 
der  Philosophie  und  der  Theologie  angehört,  welche  mit  dem  Ur- 
sprünge und  der  Entwicklung  des  Trinitätsbegriffes  sich  abzufinden 
haben.  Nach  dieser  Vorbemerkung  berichten  wir  in  aller  Kürze  über 
die  Einleitung  in  die  Arithmetik^).  Unsere  Leser  werden,  auch  ohne 
dass  wir  sie  besonders  aufmerksam  machen,  ohne  Zweifel  vieles  er- 
kennen, was  wir  in  früheren  Kapiteln  dem  Werke  des  Nikomachus 
entlehnten,  um  es  für  Pythagoras  und  seine  Schule  bis  auf  Platou 
und  dessen  nächste  Nachfolger  in  Anspruch  zu  nehmen. 

Die  Zahlen  sind  nach  Nikomachus  grade  und  ungrade,  jede 
selbst  von  drei  verschiedenen  Gattungen.  Die  graden  Zahlen  sind 
nämlich  1.  grademalgrad,  ägticcxig  ccqtloi,,  d.  h.  führen  durch  fort- 
währende Halbirung  auf  die  Einheit  zurück;  oder  sie  sind  2.  grade- 
ungrad,  ccQtiOTtsQitToi,,  d.  h.  führen  durch  einmalige  Halbirung  auf 
eine  ungrade  Zahl;  oder  sie  sind  3.  ungradegrade,  TtsQLööaQtLOL,  d.  h. 
führen  durch  mehrmals  fortgesetzte  Halbirung  auf  eine  ungrade  Zahl. 
Die  ungraden  Zahlen  sind  1.  uuzusammengesetzte  Primzahlen, 
2.  zusammengesetzte  Sekundärzahlen,  3.  unter  sich  theilerfremde 
Zahlen.     Unter    den    graden   Zahlen   Avird    eine    neue   Gruppiruug   in 

^)  So  Nessel  mann,  Algebra  der  Griechen  S.  195:  „Nikomachus  hätte 
sicherlich  diesen  Fehler  nicht  begangen,  wenn  er  nicht  der  Analogie  wegen 
durchaus  drei  Theile  hätte  herausbringen  wollen."  ^)  Ein  ausführlicher  Auszug 
bei  Nesselmann  1.  c.  S.  191—216. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik   I.     2.  Aufl.  26 


402  21.  Kapitel. 

1.  vollkommene,  2.  überschiessende,  3.  mangelhafte  Zahlen  vor- 
genommen. Von  zwei  gemeinsam  betrachteten  Zahlen  ist  die  Grössere 
entweder  ein  Vielfaches  der  Kleineren,  die  alsdann  selbst  Unterviel- 
faches der  Grösseren  ist,  oder  nicht.  Im  letzteren  Falle  werden  die 
Namen  angegeben,  welche  jedesmal  der  Grösseren,  beziehungsweise 
der  Kleinereu  gegenüber  von  der  anderen  beigelegt  werden,  Namen, 
die  jedes  beliebige  Verhältniss  ausdrücken  können,  die  aber  ganz  be- 
sondere, später  auch  in  die  lateinische  Sprache  übergegangene  Formen 

erhalten,  wenn  das  Verhältniss   wie   1   zu  n  -\ n~T  oder  wie  1  zu 

'  '    m  -f-  1 

n  -\ ,-—  ist,  wo  n  sowohl  als  m  ganze  Zahlen  bedeuten,  die  min- 

destens  der  Einheit  gleich  sind.  Um  die  Sache  recht  klar  zu  machen, 
bedient  sich  Nikomachus  einer  schachbrettartig  aus  100  Feldern  be- 
stehenden Tafel  ^).  Die  erste  Horizontalzeile  enthält  einfach  die 
Zahlen  1  bis  10,  die  zweite  die  Doppelten  derselben,  2,  4  bis  20, 
die  dritte  die  Dreifachen,  3,  6  bis  30  und  so  fort;  endlich  die  zehnte 
Horizontalzeile  enthält  die  Zehnfachen  jener  Zahlen  oder  10,  20  bis 
100.  Sieht  man  die  Tafel  als  aus  zehn  Vertikalkolumnen  bestehend 
an,  so  gleicht  jede  Vertikalkolumne  ganz  genau  und  Zahl  für  Zahl 
der  entsprechend  bezifferten  Horizontalzeile,  die  erste  der  ersten,  die 
zweite  der  zweiten,  die  zehnte  der  zehnten.  Wir  halten  uns  bei 
dieser  Beschreibung  etwas  länger  auf,  weil  die  Benutzbarkeit  der 
Tafel  als  Einmaleinstabelle  einleuchtet.  Das  Produkt  zweier  eiu- 
ziffriger  Zahlen  steht  an  der  Kreuzungsstelle  der  durch  die  beiden 
Faktoren  bezifferten  Zeile  und  Kolumne.  Ausserdem  stehen  zwei 
Zahlen  derselben  Kolumne  je  in  dem  gleichen  Verhältnisse  wie  die 
ihre  Zeile  eröffnenden  Zahlen.  Alle  diese  verschiedenen  Verhältnisse 
lassen  sich  aber  aus  einer  Terne  von  Einheiten  durch  eine  gewisse 
Reihenfolge  von  Verbindungen  hervorbringen,  welche  symbolisch  ge- 
schrieben darauf  hinauslaufen,  dass  aus  den  drei  Zahlen  a,  h,  c  die 
drei  neuen  Zahlen  a,  a  -\-  h,  a  -{-  2b  -\-  c  gebildet  werden  sollen,  ein 
Bildungsgesetz,  welches  der  moderne  Mathematiker  mit  einigem 
Staunen  als  das  gleiche  erkennen  wird,  das  anderthalb  Jahrtausende 
später  zu  den  Grössen  x,  x  -\-  /Jx,  x  -\-  2  Jx  -\-  A^x  führte.  Der 
Reihe  nach  erhält  man: 

1,  1,  1 

1,  2,  4  oder  die  Verdoppelungen, 

1,  3,  9  oder  die  Verdreifachungen, 

1,  4,  IG  oder  die  Vervierfachungen,  u.  s.  w. 


')  Nicomachi,  Introductio  etc.  (ed.  Ho  che)  pag.  51. 


Neupythagoräisclie  Arithmetiker.  Nikomaclius.  Theon.  403 

Schreibt  man  eine   dieser  Reihen  z.  B.    die  der  Verdoppelungen 
rückläufig  4,  2,  1,    d.  h.   benutzt  man  bei  gleichem  Bilduugsgesetze 
wie  oben  a  =  4,  h  =  2,  c  =  1,  so  entsteht  als  neue  Reihe 
4,  6,  9  oder  die  Veranderthalbfachungen  u.  s.  w. 

Im  zweiten  Buche  ist  die  Lehre  von  den  figurirten  Zahlen  und 
daran  sich  anschliessend  die  von  den  Proportionen  enthalten.  Die 
figurirten  Zahlen  erscheinen  als  vieleckige  und  als  körperliche 
Zahlen.  Die  vieleckigen  Zahlen  sind  solche,  welche  durch  einzelne 
Punkte  dargestellt  ein  regelmässiges  Vieleck  zu  bilden  im  Staude 
sind.  Vielecke  auf  einander  gehäuft  bilden  einen  Körper,  und  so 
wird  der  Sinn  der  körperlichen  Zahl  erkennbar,  die  freilich  zunächst 
nichts  mit  dem  Produkte  dreier  Faktoren  gemein  hat,  welches  Platou 
als  Körperzahl  bezeichnet,  wenn  auch  Nikomachus  in  zweiter  Linie 
auf  diese  Begriffsbestimmung  zurückkommt.  Aehnlich  geht  es  schon 
vorher  mit  der  Plächenzahl,  welche  für  Nikomachus  nicht  wie  für 
Piaton  ein  Produkt  zweier  Faktoren  bedeutet,  während  nachträglich 
diese  Bedeutung  doch  eingeführt  wird.  Jede  vieleckige  Zahl  ist  bei 
Nikomachus,  wie  bei  Hypsikles,  Summe  einer  mit  1  beginnenden 
arithmetischen  Reihe,  deren  Differenz  stets  um  2  kleiner  ist  als  die 
Eckenzahl,  und  diese  erzeugende  arithmetische  Reihe  heisst  auch  die 
Reihe  der  Gnomonen  der  betreffenden  Vieleckszahlen,  weil  jede  neu 
hinzutretende  Gnomonzahl  die  Vieleckszahl  nur  in  die  nächsthöhere 
ähnlicher  Art  verwandelt.  Eine  beliebige  «eckszahl  mit  der  an  Rang 
um  1  niedrigeren  Dreieckszahl  vereinigt  gibt  stets  die  n  -{-  1  ecks- 
zahl  gleichen  Ranges.  So  ist  z.  B.  die  vierte  Sechseckszahl  28,  die 
dritte  Dreieckszahl  6,  deren  Summe  28  +  6  =  34  wird  die  vierte 
Siebeneckszahl  sein.  —  Die  Summe  auf  einander  folgender  ungrader 
Zahlen  von  der  1  an  bildet,  der  vorher  angegebenen  Regel  für  Viel- 
eckszahlen gemäss,  eine  Quadratzahl.  Die  Summe  auf  einander  fol- 
gender grader  Zahlen  von  der  2  an  bildet  eine  heteromeke  Zahl.  — 
Die  Kubikzahlen  erscheinen  als  Summen  auf  einander  fol- 
gender ungrader  Zahlen^),  und  zwar  ist  die  erste  Kubikzahl  der 
ersten  Ungraden  gleich:  1^=  1;  die  zweite  Kubikzahl  entsteht  als 
Summe  der  zwei  folgenden  Ungraden:  2^  =  3  -j-  5;  die  dritte  Kubik- 
zahl als  Summe  der  drei  nachfolgenden  Ungraden :  3^  =  7  +  9 
-[-11  u.  s.  w.^).  Dieser  durch  seine  Verwendung  zur  Summirung 
der  Kubikzahlen  selbst,  wie  wir  im  26.  Kapitel  sehen  werden,  un- 
gemein interessante  Satz    dürfte  wohl  von  Nikomachus   herrühren^). 

*)  Nicomachi  Introductio  etc.  (ed.  Hoche)  pag.  119,  lin.  12 — 18.  °)  Die 
aligemeine  Formel,  welche  Nikomachus  nicht  gekannt  zu  haben  scheint,  ist 
"^  =  («-  — 11  -\-  1)  -}-  (n^  —  n  -{-  ii) -{-  ■  ■  -^  (n^  -f  n  —  1).  '^)  So  nimmt  auch 
Nesselmann  S.  210  an. 

26* 


404  21.  Kapitel. 

—  Die  Proportioneiilelire  zählt  alsdann  als  die  drei  wichtigsten 
Proportionen,  die  arithmetische,  geometrische,  harmonische  auf,  an 
welche  die  sieben  andern  sich  anschliessen,  über  die  wir  (S.  227) 
uns  verbreitet  haben.  Den  Schluss  des  Ganzen  bildet  die  vollkom- 
menste Medietät,  ^söorrjg  rs^iSLordtrj,  die  nichts  anderes  ist  als  die 
musikalische,  welche  Jamblichus  zufolge  Pythagoras  aus  Babylon 
mitbrachte  (S.  155). 

Ausser  der  Einleitung  in  die  Arithmetik  muss  Nikomachus  auch 
eine  solche  in  die  Geometrie  geschrieben  haben,  von  welcher  uns 
aber  nur  eine  Erwähnung  bei  Nikomachus  bekannt  ist^).  Vielleicht 
ist  eine  Vermuthung  über  deren  Inhalt  statthaft,  zu  welcher  wir  im 
27.  Kapitel  gelangen  werden. 

Ein  aus  arabischen  Quellen  schöpfender  Schriftsteller  des  XII.  S., 
Ocreatus,  spricht  von  einer  regula  Nichomachi,  welche  die  Quadrirung 
einziffriger  Zahlen  vollziehen  lässt.  Soll  man  a^  finden,  so  zieht  man 
a  von  10  und  die  Differenz  d  =  10  —  a  wieder  von  a  ab.  Weil  nun 
(a  —  d)  •  {n  -\-  d)  =  a'^  —  d'^,  so  ist  auch  a^  =  {a  —  rf)  •  (a  -j-  d)  -\-  d^ 
oder  wegen  a  -\-  d  =  \0  in  diesem  Falle  «-  =  10.  {a  —  d)  -\-  d^  und 
das  ist  die  Regel  des  Nikomachus.  Bei  Nikomachus  selbst  ist  sie 
als  sehr  schöne  und  von  den  Meisten  übersehene  Eigenschaft  der 
stetigen  arithmetischen  Proportion  dahin  ausgesprochen,  das  Quadrat 
des  Mittelgliedes  werde,  wenn  man  das  Produkt  der  äusseren  Glieder 
davon  abziehe,  gleich  dem  Quadrate  der  constanten  Differenz-). 

Nikomachus  scheint  ferner  eine  Schrift  über  mystische  Bedeutung 
der  Zahlen,  über  Zahlentheologie  mag  der  Titel  gewesen  sein, 
verfasst  zu  haben,  und  sie  dürfte  auszugsweise  oder  erweitert  einem 
gleichnamigen  Buche  zu  Grunde  liegen,  welches  im  23.  Kapitel  ge- 
nannt werden  wird;  der  Geschichte  der  Mathematik  gehören  diese 
Dinge  kaum  an. 

Theon  von  Smyrna  ist  nach  aller  Wahrscheinlichkeit  der- 
selbe, welchen  Ptolemäus  als  den  Mathematiker  Theon  bezeichnet"*), 
indem  er  vier  durch  denselben  in  den  Jahren  128  und  132  vorgenom- 
mene Beobachtungen  des  Merkur  und  der  Venus  benutzt.  Der  Com- 
mentator  des  Almagestes,  Theon  von  Alexandria,  erklärt  nämlich 
jenen  Mathematiker  Theon  als  den  alten  Theon,  x6v  naXatov  &£cova, 
als    ob   ein    Missverständniss    nicht   möglich    wäre').      Unser   Theon 

■)  Nicomacbi  Introductio  etc.  (ed.  Hoche)  pag.  83,  lin.  4:  iv  rfj  yeco- 
li(TQiv.fi  TtdQadCSorai  tigayojyfj.  ')  Nicomachi  Introductio  etc.  (ed.  Hoche) 
pag.  125,  lin.  18 — 21:  tri  t6  yXcccpvQwzccrov  v.al  rot»?  nolXovg  Xthßög,  xo  vTtb 
x&v  av.Q03v  yiv6{iEV0V  cvyHQt-pöfitvov  xü  anb  xov  (isaov  tlaxxov  avxov  svqlcksxui 
TW  vnb  x&v  diacpoQ&v.  ^)  Alinagest  IX,  9;  X,  1  und  X,  2.  *)  Die  betreffende 
Stelle  ist  abgedruckt  bei  Nesselmann,  Algebra  der  Griechen  S.  224,  Note  öS. 


Neupythagoräisclie  Arithmetiker.  Nikomachus.  Theon.  405 

selbst  erwähnt  als  jüngsten  Schriftsteller  noch  den  Thrasyllus,  der, 
wie  wir  bei  Bestimmung  der  Lebenszeit  des  Nikomachus  bemerkten, 
in  die  Regierung  des  Tiberius  fällt,  und  den  Adrastus,  der  wohl  noch 
etwas  später  gelebt  hat^). 

Wir  haben  (S.  144)  schon  zu  schildern  gehabt,  welcherlei  Inhalt 
Theon  von  Smyrna  seinem  Werke  ausgesprochenermassen  geben  wollte. 
Er  beabsichtigte  vorzutragen,  was  von  mathematischen  Kenntnissen 
für  das  Studium  Piatons  nothwendig  sei.  Er  ging  dabei  aus  von 
der  Arithmetik  mit  Inbegriff  der  musikalischen  Zahlenverhältnisse, 
darauf  sollte  die  Behandlung  der  Geometrie,  der  Stereometrie,  der 
Astronomie,  der  Musik  der  Welten  folgen.  Man  hat  daraus  lange 
Zeit  die  Vermuthung  geschöpft,  es  seien  fünf  Bücher  ziemlich  gleichen 
Umfanges  gewesen,  welche  das  Werk  des  Theon  von  Smyrna  bildeten, 
und  diese  Vermuthung  fand  eine  Art  von  Begründung  in  dem  Um- 
stände, dass  zwei  verschiedene  umfangreiche  Bruchstücke  sich  vor- 
fanden, das  eine  vorzugsweise  arithmetischen,  das  andere  vorzugsweise 
astronomischen  Inhaltes.  Beide  wurden  getrennt  herausgegeben^). 
In  dem  einen  glaubte  man  das  erste,  in  dem  zweiten  das  vierte  Buch 
zu  erkennen.  Man  vermisste  drei  ganze  Bücher  von  ähnlichem  Cha- 
rakter: der  Geometrie,  der  Stereometrie,  der  Musik  der  Welten  ge- 
widmet. Wir  sind  nicht  dieser  Meinung  und  stehen  in  unserer 
durchaus  abweichenden  Ansicht  auch  nicht  vereinzelt^).  Wir  er- 
kennen vielmehr  in  jenen  beiden  Fragmenten  das  ganze  Werk  Theons. 
Nach  einer  philosophischen  Einleitung  erscheinen  Eintheilungen  der 
Zahlen  in  Gattungen  ähnlicher  Art,  wie  sie  bei  Nikomachus  uns  be- 
kamit  wurden.  Da  ist  von  der  Entstehung  der  Quadratzahl  als 
Summe  ungrader  Zahlen,  aber  auch  als  Summe  von  je  zwei  Dreiecks- 
zahleu,  von  Viereckszahleu  und  Pyramidalzahlen,  von  vollkommenen 
Zahlen  und  Verwandtem  die  Rede,  darunter  von  zwei  Gegenständen, 
denen  wir  nachher  besondere  Aufmerksamkeit  schenken  wollen.  Daran 
knüpfen  sich  Kapitel  über  die  Tonzahlen  untermischt  mit  weitläufig 


^)  Vergl.  Th.  H.  Martin  in  der  Abhandlung,  welche  seiner  Ausgabe  der 
astronomischen  Abtheilung  von  Theons  Werke  (Paris,  1849)  als  Einleitung  dient 
pag.  6 — 12.  IMartin  bezweifelt  die  Identität  des  Theon  von  Smyrna  mit  dem 
von  Ptolemäus  genannten  Mathematiker,  setzt  ihn  aber  in  die  gleiche  Zeit, 
worauf  es  uns  schliesslich  allein  ankommt.  -)  Die  sogenannte  Arithmetik  von 
Bullialdus.  Paris,  1644  und  von  De  Gelder.  Leiden,  1827,  die  sogenannte 
Astronomie  von  Martin.  Paris,  1849.  ^)  Prof.  E.  Hiller,  welchem  wir 
unsere  Ansicht  brieflich  darlegten,  theilte  uns  mit,  dass  er  die  genau  gleiche 
in  seiner  Bonner  Habilitationsschrift  (1869),  welche  ungedruckt  geblieben  ist, 
ausgesprochen  und  begründet  habe.  Diese  Auffassung  liegt  auch  der  durch  ihn 
besorgten  Ausgabe  des  Theon  von  Smyrna  (Leipzig,  1878),  nach  welcher  wir 
'citiren,  zu  Grunde. 


406  21.  Kapitel. 

ausgespomieuen  zahlensymbolisclieii  Tüfteleien,  die  aiicli  schon  in  der 
ersten  Abtlieikmg  spukten,  untermischt  mit  Erörterungen  über  die 
verschiedenen  Proportionen.  In  kurzen  kaum  mehr  als  einige  Wort- 
erklärungen bietenden  Abschnitten  ist  von  Geometrie  imd  von  Stereo- 
metrie die  Rede^).  Weitaus  am  ausführlichsten  ist  alsdann  die 
Astronomie  behandelt,  vielleicht  in  diesem  mangelnden  Ebenmaasse 
der  Ansicht  förderlich,  dass  Theon  von  Smyrna  vorzugsweise  Astro- 
nom, mithin  der  von  Ptolem'aus  genannte  Beobachter  war.  Die 
Schlussworte  heissen :  „Das  sind  die  nothweudigsten  Dinge  und  vor- 
zugsweise aus  der  Astronomie  zur  Kenutnissnahme  platonischer 
Schriften.  Da  wir  aber  sagten,  die  Musik  und  Harmonie  sei  theils 
an  Instrumenten,  theils  an  Zahlen,  theils  am  Weltall,  und  dass  wir 
über  die  Musik  der  Welten  das  Nothwendige  nach  der  Astronomie 
angeben  würden  —  denn  auch  Piaton  sagt,  sie  sei  die  fünfte  Wissen- 
schaft nach  Arithmetik,  Geometrie,  Stereometrie,  Astronomie  —  so 
ist  auch  darüber  mitzutheilen,  was  hauptsächlich  Thrasyllus  zeigte 
zugleich  mit  dem,  was  wir  früher  selbst  ausgearbeitet  haben."  Diese 
Sätze  machen  auf  uns  den  Eindruck,  als  wenn  sie  einem  Werke, 
nicht  bloss  einem  Abschnitte  als  Schluss  gedient  hätten,  als  ob 
Theon  die  zuletzt  versprochene  weltharmonische  Erörterung  sich 
vorbehalten  hätte.  Mag  dem  nun  sein  wie  da  wolle,  wesentliche 
Lücken  zwischen  dem  Erhaltenen  können  wir  uns  unter  keinen  Um- 
ständen entschliessen  anzunehmen;  höchstens  könnten  wir  uns  dazu 
verstehen,  an  eine  Umstellung  mancher  Kapitel  zu  glauben,  da  es 
eigenthümlich  sich  ausnimmt,  wie  Theon  verschiedentlich  auf  früher 
Besprochenes  zurückkommt,  ohne  dass  eine  künstlerische  Anordnung 
des  Werkes  die  Wiederholung  erforderte.  Vielleicht  sind  solche 
Mängel  auch  der  geringeren  Befähigung  Theons  anzurechnen.  Theon 
war  bei  weitem  kein  Nikomachus!  Seiner  Zusammenstellung  fehlt 
nach  Form  und  Inhalt  die  Folgerichtigkeit.  Erwähnen  wir  ein  Bei- 
spiel, welches  geschichtlichen  Werth  besitzt. 

„Die  Einheit  ist  nicht  Zahl,  sondern  Anfang  der  Zahl"  sagt 
Theon  ^),  den  pythagoräischen  Gedanken  deutliclier  als  irgend  ein 
anderer  Grieche  aussprechend;  das  hindert  ihn  aber  nicht  1  neben 
3,  5  ...  als  ungrade  ZahP)  oder  mit  nachfolgenden  2,  3,  4  .  .  .  in 
der  natürlichen  Zahlenreihe  auftreten  zu  lassen'*). 

Es  fällt  uns  nach  dieser  nicht  sehr  hohen  Meinung,  welche  wir 


^)  Theon  Smyrnaeus  (ed.  Hiller)  pag.  111,  lin.  14  —  pag.  113,  lin.  8 
und  pag,  117,  lin.  12  —  pag.  118,  lin.  3.  Die  erstere  Stelle  enthält  plani- 
metrische  und  stereometrische  Definitionen,  die  letztere  die  geometrische  Con- 
struction  eines  geometrischen  Mittels.  ,*)  Theon  (ed.  Hiller)  pag.  24,  lin.  23., 
3)  Theon  pag.  28,  5  und  32,  11.      *)  Theon  pag.  33,  4. 


Neupythagoräische  Arithmetiker.  Nikomachus.  Theon.  407 

von  Theon  besitzen,  schwer  in  ihm  den  Erfinder  bedeutsamer  arith- 
metischer Neuerungen  zu  sehen,  und  damit  wächst  umgekehrt  die 
historische  Benutzbarkeit  seiner  Angaben  für  alte  Zeiten.  Aelteren 
Datums  dürften  daher  auch  die  Dinge  sein,  auf  welche  zurückzu- 
kommen wir  oben  zugesagt  haben.  Jede  Quadratzahl,  sagt  uns 
Theon  ^),  ist  entweder  selbst  oder  nach  Verminderung  um  eine  Ein- 
heit durch  3  wie  auch  durch  4  theibar,  und  so  entstehen  vier  Arten 
von  Quadratzahlen  durch  Vereinigung  jener  beiden  selbständigen  je 
zwei  Unterarten  bedingenden  Unterscheidungen.  Es  ist  ziemlich 
gleichgiltig,  wann  man  diesen  Satz  entdeckte,  der  freilich  der  Lehre 
von  den  quadratischen  Resten  angehört,  aber  eine  grosse  praktische 
Bedeutung  nicht  besitzt. 

Ganz  anders  verhält  es  sich  mit  den  Seiten-  und  Diametral- 
zahlen, nXevQa  und  6icc(istqos,  mit  welchen  Theon  sich  beschäf- 
tigt-). Die  Entstehung  dieser  Zahlen  ist  folgende.  Ausgehend  von 
zwei  Einheiten  bildet  Theon  neue  Zahlen,  indem  er  einmal  die  beiden 
gegebeneu  Zahlen  addirt  1  +  1=2  und  das  anderemal  das  Dop- 
pelte der  einen  Zahl  zur  anderen  fügt  2-l-|-l=3.  Es  soll  hier  nicht 
versäumt  werden,  auf  Aehnliches  bei  Nikomachus  (S.  402)  erinnernd 
zurückzuverweisen.  Von  den  beiden  so  gewonnenen  Zahlen  heisst 
ihm  die  kleinere  2  die  Seite,  die  grössere  3  die  Diametralzahl.  Diese 
Bildungsweise  wird  alsdann  fortgesetzt,  indem  die  Summe  einer  Seite 
und  ihrer  Diametralzahl  die  folgende  Seite,  die  Summe  der  doppelten 
Seite  und  der  Diametralzahl  die  folgende  Diametralzahl  liefert. 
Heissen  etwa  alle  Seiten  a,  alle  Diametralzahlen  d  mit  jedesmal  beizu- 
fügender Ordnungszahl,  so  ist  das  Bildungsgesetz  a^j  _  j  +  d„  _  i  =  «,j 
und  2a„_i-|-  ön  —  i  =  dn-  Das  Quadrat  einer  jeden  Diametralzahl, 
behauptet  nun  Theon,  unterscheidet  sich  von  dem  doppelten  Quadrate 
der  zugehörigen  Seite  nur  um  eine  Einheit,  um  welche  bald  die 
eine,  bald  die  andere  Zahl  abwechselnd  grösser  ist.  Einen  Beweis 
für  diesen  Lehrsatz: 

dj  =  2an^  +  1 

wird  man  bei  Theon  vergeblich  suchen,  richtig  aber  ist  er,  wie  die 
Werthe  a^  =  1,  ö^  =  1;  a.^  =  2,  d^  =  3;  a^  =  5,  d.^  =  7;  a^  =  12, 
^4  ^=  17  u.  s.  w.  zeigen.  Allgemein  folgt  aus  den  Definitions- 
gleichungen für  an  und  dn,   dass 

')  Theon  pag.  35,  17  etc.  ^)  Theon  pag.  43,  5  etc.  Nesselmann, 
Algebra  der  Griechen  S.  228 — 231  hat  eine  von  unserer  Auffassung  verschiedene 
Erklärung  dieser  Stelle.  Mit  uns  stimmt  dagegen  überein  Unger  in  einem  Er- 
furter Gymnasialprogramm  von  1843:  Kurzer  Abriss  der  Geschichte  der  Zahleu- 
lehre von  Pythagoras  bis  auf  Diophant  S.  17 — 19. 


408  21.  Kapitel. 

d^  =  4afj_i  -f-  4an-i  d^-i  +  ^«-i 

2«,!  —  öl  =  —  (2af_i  —  ^f_i) 

und  durch  Fortsetzung  der  gleichen  Schlussart: 

2 an'  —  d,'  =  (-  l)"-'{2a,'-  d,')  =  (-  1)"-' (2  -  1)  =  (-  ly-^ 
und 

d,;'=2aj+{-iy. 

Jedenfalls    kann    man    aus    dem  als    wahr  angenommenen   Satze    die 

*«     .  .  /-  . 

Folgerung  ziehen,  dass  -^  sich  nur  wenig  von  ]/2  unterscheide,  dass 

n 
1  ^         7        17 

also  -  ,  -^,  ~ir,  ^x  u.  s.  w.    auf    einander    folgende    Näherungswerthe 

von  |/2  sein  müssen.  Jedenfalls  deuten  ferner  die  Namen  Seiten- 
und  Diametralzahl  mit  ihren  Beziehungen  zur  Seite  und  Diagonale 
eines  Quadrates  darauf  hin,  dass  Theon  sich  dieser  Anwendung  be- 
wusst  war.  Um  so  wahrscheinlicher  wird  die  Vermuthung,  mau 
werde  bei  Erfindung  seines  Satzes  von  einem  wesentlich  geometri- 
schen Gedankengange  geleitet  worden  sein.  Mau 
hat  an  folgende  Entwicklung  gedacht').  Es  sei 
(Figur  74)  ABT  ein  gleichschenklig  rechtwink- 
liges Dreieck  mit  den  Seiten  a„_i,  a,i^i,  d„_i. 
Werden  nun  die  beiden  Katheten  jede  um  dn—  i  ver- 
längert, so  entsteht  das  neue  gleichschenklig  recht- 
winklige Dreieck  A/iE  mit  den  Seiten  «„,  a„,  d\. 
Voraussetzuügsmässig    ist    «„  =  «„_i  -}-  d„_i, 

aber  aus  der  Figur  sieht  man  dann  sofort,  dass 

7 
8n  =  2aa—\-\-8a  —  \    sciu  muss.     Wir  haben  —  mehrfach  als  muth- 

masslich   seit    Piaton    bekannten    Näherungswerth    von  )/2   auftreten 

17       .  . 

sehen.  Der  darauf  folgende  Bruch  -~  wird  im  30.  Kapitel  uns  er- 
innerlich werden  müssen.  Dadurch  wächst  die  Wahrscheinlichkeit, 
dass  man  der  erwähnten  Folgerung  von  dem  Zusammenhange  zwischen 

■)/2  und     "    sich  bewusst  war,  wenn  die  Folgerung  selbst  bei  Theon 

auch  nicht  gezogen  ist.  Berücksichtigt  man  weiter,  dass  die  Bildungs- 
gesetze der  Seiten  und  der  Diametralzahlen  genau  dieselben  sind, 
welche  die  Nenner  und  Zähler  der  aufeinanderfolgenden  Näherungs- 
brüche für  den  Kettenbruch 


')  P.  Bergh  in  Zeitschr.  Math.  Thys.  XXXI.    Histor.-litcrar.  Abtlg.  S.  135. 


Sextus  Julius  Africanus.    Pappus  von  Alexandria.  409 

1  +  l_ 

•2  +£ 

2  +1 

•2   +   •• 

entstehen  lassen,  so  wird  man  wolil  zu  der  (S.  d02)  ausgesprochenen 
Behauptung  genöthigt,  die  Griechen  seien  natürlich  nicht  der  Form 
nach ,  aber  der  Sache  nach  mit  der  Kettenbruchentwicklung  von  ]/2 
und  mit  dem  Gesetze  der  Näherungsbrüche  dieses  Kettenbruches  be- 
kannt gewesen.  Wir  brauchen  nun  nicht  mehr  zu  sagen,  wie  wichtig 
es  wäre,  darüber  unterrichtet  zu  sein,  ob  auch  die  Bildung  der  Seiten 
und  der  Diametralzahleu,  wie  sie  bei  Theon  sich  vorfindet,  vorplato- 
nischen Ursprunges  war? 


22.  Kapitel. 
Sextus  Julius  Africanus.    Pappus  von  Alexandria. 

Wir  gelangen  zum  III.  S.  nach  Christi  Geburt.  Um  die  Zeit 
des  Kaisers  Alexander  Severus,  welcher  220 — 230  regierte,  schrieb 
Sextus  Julius  Africanus  seine  Kasten.  Der  römische  Name 
des  Schriftstellers  würde  ihm  in  einem  anderen  Kapitel  seinen  Platz 
anweisen,  wenn  nicht  die  griechische  Sprache,  deren  er  sich  bediente, 
uns  veranlasste,  seiner  hier  zu  gedenken.  Kesten  bedeutet  wörtlich 
„mit  der  Nadel  Durchstochenes"  und  als  Titel  eines  W^erkes  soll  das 
wohl  so  viel  sagen  als  „Aneinandergeheftetes".  Aneinandergeheftete 
Bemerkungen  der  verschiedensten  Art  sind  es  auch,  die  Sextus  Julius 
Africanus  dort  vereinigt  hat,  und  fast  zufällig  befinden  sich  darunter 
auch  zwei  Stellen,  von  welchen  die  Geschichte  der  Mathematik  Nutzen 
zu  ziehen  hat. 

Das  XXXI.  Kapitel  der  Kesten^)  beschäftigt  sich  mit  praktischer 
Kriegsgeometrie,  insbesondere  mit  der  Auffindung  der  Breite  eines 
Flusses,  dessen  jenseitiges  Ufer  vom  Feinde  besetzt  ist,  und  mit 
der  Auffindung  der  Höhe  der  Mauern  einer  belagerten  Stadt,  um 
darnach  im  voraus  die  Grösse  der  herzustellenden  Kriegsmaschinen, 
Thürme  ü.  s.  w.  ermessen  zu  können.  Grundlage  des  ganzen  Ver- 
fahrens ist  ein  geometrischer  Satz,  dessen  Beweis,  wie  der  Verfasser 
sagt,  nur  von  dem  I.  Buche  der  euklidischen  Elemente  abhängt,  der 
Satz  nämlich,  dass  sämmtliche  Seiten  eines  rechtwinkligen  Dreiecks 
halbirt    erscheinen,    wenn   aus   der  Mitte    einer  Kathete    parallel  zur 


')  Notices  et  extraits  des  mamiscrits  de  Ja  Bibliotheque  imperiale.  Tome 
XIX,  Partie  2.  Paris,  1858,  pag.  407—415  ist  der  Text  nebst  französ.  Ueber- 
setzung  von  Vincent  abgedruckt.     Vergl.  Agrimensoren  S.  110  ägg. 


410 


22.  Kapitel. 


Fig.  75 


anderen  eine  Gerade  nach  der  Hypotenuse,  und  aus  deren  Durch- 
schnittspunkte wieder  eine  neue  Parallele  zur  ersten  Kathete  bis 
zum  Durchschnitte  mit  der  zweiten  gezogen  wird  (Figur  75).    Sei  aß 

die  erste  Kathete  und  ausser 
den  vorgeschriebenen  ds,  s^ 
noch  die  Hilfslinie  d^  gezogen. 
ad  ==  dß,  dß  =  et,  als  Parallele 
zwischen  Parallelen,  folglich 
auch  ad  41^  e^,  und  somit  treten 
in  der  Figur  zwei  Parallelo- 
gramme auf  ysö^,  dßs^,  ver- 
möge deren  Ö£  =  y^  =  ßt,  mid 
d^  =  ey,  während  (aus  dem  in 
dem  Beweise  nicht  genannten 
Parallelogramme  ad^s  folgend)  auch  dt,  =  as  ist.  Von  diesem  Satze 
aus  wird  die  Breite  eines  Flusses  gemessen.  Liegt  «  am  feindlichen 
Ufer  (Figur  76),  während  ss  die  diesseitige  Uferlinie  bezeichnet,  so 
stellt  man  die  Dioptra  in  i  auf,  weiter  vom  Flusse  entfernt  als  der 
Fluss  breit  ist  und  visirt  sowohl  (senkrecht  zur  Flusslinie  ss,  was 
aber  nicht  ausdrücklich  gesagt,  sondern  nur  aus  der  Figur  zu  ent- 
nehmen ist)  nach  a,  als  rechtwinklig  zu  dieser  ersten  Linie  nach  i», 
so  dass  dabei  der  Punkt  x  in  der  Mitte  von  iv  gewonnen  wird. 
Steckt  man  nun  von  v  aus  die  Richtung  va,  von  jc  aus  xQ  ^  la 
und  endlich  Op  It  tv  ab,  so  ist  at  doppelt  so  gross,  aQ  genau 
gleich  gross  mit  lq  und  lässt  nach  Abziehung  von  q?Q  die  ge- 
suchte acp  übrig.  Man  kann  als  wesentlich  bei  dieser  Methode 
auffassen,  dass  die  gesuchte  Breite,  beziehungsweise  eine  ihr  gleiche 
Breite,  wirklich  auf  dem  Felde  dargestellt  wird.  Man  kann  bei  dem 
uns  erhaltenen  Berichte  auf  die  von  allen  geometrischen  Gewohn- 
heiten abweichende  Buchstabengebuug  für  die  einzelnen  Punkte  hin- 
weisen. Nicht  nur,  dass  t  nicht  vermieden  ist,  das  hörte  überhaupt 
um  die  Zeit,  in  welcher  wir  uns  befinden,  auf,  und  noch  spätere 
Geometer  ersten  Ranges  benutzen  unterschiedlos  t  wie  andere  Buch- 
staben, es  ist  überhaupt  kein 
System  zu  erkennen,  nach  welchem 
a,  £,  7],  G,  i,  x^  Qj  V,  (p  als  Buchstaben 
an  eine  Figur  gewählt  worden  sein 
mögen.  Das  war  anders  in  der  vor- 
hergehenden Figur,  anders  in  der 
folgenden  (Figur  77),  an  welcher 
unmittelbar  anschliessend  eine  von  Dreiecksähnlichkeiten  ausgehende 

Man   soll  längs 


Fig.  77. 


Methode   die  Flussbreite   zu   messen   gelehrt   wird 


Sextus  Julius  Africanus.     Pappus  von  Alexandria.  411 

dem  Flusse  in  der  gemessenen  Linie  ßy  einhergehen  und  dabei  einen 
massiven  rechten  Winkel  von  augenscheinlich  ziemlich  bedeuten- 
der Grösse,  der  das  Kennzeichnende  des  Verfahrens  bildet,  und  uns 
wiederholt  begegnen  wird,  mitnehmen.  Auf  dem  einen  Schenkel 
dieses  rechten  Winkels  in  s  ist  überdies  eine  Signalstange  senk- 
recht zur  Ebene  des  rechten  Winkels  befestigt.  Wird  nun  y  so  ge- 
wählt, dass  jene  Signalstange  bei  e  mit  dem  den  Punkt  a  bezeich- 
nenden Gegenstande  und  dem  Standpunkt  y  in  einer  Geraden  liegt, 
so  ist  aus  der  Aehnlichkeit  der  Dreiecke  ßy  :  yd  =  ocß  :  ed,  mithin 
aß  gefunden.  Dieselbe  Figur,  so  beschliesst  der  Verfasser  dieses 
interessante  Kapitel,  dient  die  Höhe  einer  Mauer  von  weitem  zu 
messen.  Die  Dioptra  wird  dazu  in  Ö  als  ds  aufgestellt  und  ihr 
Lineal  in  die  Neigung  aa  gebracht,  wo  a  einen  Punkt  des  oberen 
Mauerrandes  bedeutet.  Die  rückAvärtsige  Verlängerung  dieser  Rich- 
tung Ea  nach  y  lehrt  yÖ  neben  dem  bekannten  da  und  neben  dem 
nach  der  vorigen  Aufgabe  ermittelten  yß  finden  und  nun  ist  yd'.ds 
=  yß :  ßcc.  Der  Schüler  Herons  ist  hier  unverkennbar,  und  die 
Paragraphe  von  dessen  Abhandlung  über  die  Dioptra,  an  welche  das 
angegebene  Verfahren  sich  anlehnt,  haben  nachgewiesen  werden 
können,  wenn  auch  der  massive  rechte  Winkel  bei  Heron  nicht  vor- 
zukommen scheint. 

Das  LXXVL  Kapitel  der  Kesten^)  lehrt  eine  Art  von  Feuer - 
telegraphie  kennen.  Die  Römer  hätten,  so  erzählt  der  Sammler, 
an  leicht  sichtbaren  Plätzen  drei  Signalstangen  aufgerichtet,  je  eine 
links,  eine  rechts,  eine  in  der  Mitte.  Au  jeder  Stange  konnten  bis 
zu  neun  Fackeln  befestigt  werden,  und  zwar  bedeuteten  dieselben 
Einer,  wenn  sie  an  der  Stange  links,  Zehner,  wenn  sie  an  der  mitt- 
leren Stange,  Hunderter,  wenn  sie  an  der  Stange  rechts  befestigt 
wurden.  Sie  sollten  nämlich  von  weitem  gesehen  werden,  und  für 
den  gegenüberliegenden  Beobachter  kehrt  sich  natürlich  rechts  in 
links,  links  in  rechts,  so  dass  die  Ordnung  der  Zahlenwerthe  ihm 
von  rechts  nach  links  zunehmend  erscheint,  wie  es  z.  ß.  auch  bei 
der  Salaminischen  Tafel  (S.  123)  der  Fall  war.  Zahlen  als  solche 
sollten  freiHch  nicht  mitgetheilt  werden.  Man  machte  von  den  Zahlen 
Gebrauch,  um  Buchstaben  des  griechischen  Alphabetes  zu  erkennen 
zu  geben,  deren  jeder  je  einen  der  Werthe  1  bis  9,  10  bis  90  oder 
100  bis  900  besitzt,  und  so  konnten  an  der  richtigen  Stange  sichtbar 
gemachte  Fackeln  die  Buchstaben  eines  Wortes,  eines  Satzes  nach 
und  nach  dem  entfernten  Freunde  bekannt  machen. 


^)  Vergl.  Vincent  in  den  Compies  Bendus  de  l'acadernie  des  sciences  vom 
3.  Januar  1842,  XIV,  43,  und  Friedlein  im  BulUtino  Boncompagni  1868, 
pag.  49—50. 


412  22.  Kapitel. 

Eine  Sammlung  ganz  anderen  wissenscliaftliclien  Werthes  ist 
die  des  Pappus  von  Alexandria,  eines  Schriftstellers,  der  muth- 
masslick  dem  Ende  des  III.  S.  angehört  hat^).  Wir  besitzen  über 
seine  Lebenszeit  überhaupt  nur  zwei,  beide  aber  bestimmt  lautende 
und  einander  gradezu  widersprechende  Angaben,  beide  selbst  aus  der 
gleichen  Zeit,  nämlich  aus  dem  X.  S.  Die  Leidner  Bibliothek  besitzt 
eine  in  den  Jahren  913  —  920  angefertigte  Handschrift  der  theonischen 
Handtafeln,  welche  am  Rande  der  Regentenliste  verschiedene  literär- 
geschichtliche  Glossen  aus  der  Zeit  der  ersten  Niederschrift  besitzt. 
So  steht  neben  der  Regierung  des  Diokletian  die  Bemerkung:  enl 
xovrov  6  UccTtog  syQaipsv,  unter  diesem  schrieb  Pappus.  Dass  der 
Name  hier  nur  mit  einem  tc  geschrieben  auftritt,  kann  uns  nicht 
beirren.  In  der  Mitte  des  Namens  bricht  nämlich  die  Zeile  ab  und 
macht  eine  Spaltung  in  Ild  und  Ttog  nothwendig,  wobei  leicht  ein  jt 
verloren  gegangen  sein  kann,  für  welches  in  der  ersten  Zeile  etwa 
kein  Platz  mehr  vorhanden  war.  Ausserdem  ist,  wenn  der  Mathe- 
matiker Pappus  nicht  gemeint  sein  wollte,  kein  Schriftsteller  gleichen 
oder  nur  wenig  abweichenden  Namens  aus  der  Zeit  des  Diokletian 
bekannt.  Dieser  regierte  284  bis  305,  folglich  wäre  Pappus  in  die- 
selbe Zeit  zu  setzen.  Dem  gegenüber  steht  unvermittelt,  was  Suidas, 
der  bekannte  Lexikograph,  an  zwei  sachlich  übereinstimmenden 
Stellen  sagt.  Unter  Theon  heisst  es  bei  ihm,  er  sei  Zeitgenosse  des 
Pappus,  der  wie  er  in  Alexandria  zu  Hause  gewesen  sei,  und  beide 
hätten  unter  der  Regierung  des  älteren  Theodosius  gelebt.  Unter 
Pappus  heisst  es,  er  habe  unter  der  Regierung  des  älteren  Theodo- 
sius gelebt,  zur  Zeit,  als  auch  der  Philosoph  Theon  in  seiner  Blüthe 
stand,  welcher  über  den  Kanon  des  Ptolemäus  schrieb.  Die  Werke 
des  Pappus  seien  eine  Erdbeschreibung,  ein  Commentar  zu  den  vier 
Büchern  der  grossen  Zusammenstellung  des  Ptolemäus,  ferner  über 
die  libyschen  Flüsse  und  über  Traumdeutung.  Auch  diese  Angabe 
ist  von  bestimmtester  Klarheit.  Theon  hat,  wie  wir  aus  seinem 
chronologischen  Werke  selbst  entnehmen,  jedenfalls  372  noch  gelebt; 
Theodosius  I.  regierte  379 — 395;  diese  Zahlen  stimmen  zu  einander, 
und  folglich  wäre  Pappus  wie  Theon  an  das  Ende  des  IV.  S.  zu 
setzen,  was  auch  alle  Geschichts werke  der  Mathematik  ohne  Anstand 
gethan  haben.  Wenn  wir  gleichwohl  der  Meinung  folgen,  welche 
den  älteren  Zeitpunkt  für  Pappus  als  zutreffend  erachtet,  so  leitet 
uns  folgender  Gedanke.  Bei  zwei  einen  Widerspruch  enthaltenden 
gleichzeitigen  Ajigaben   müssen  wir  einestheils    uns  fragen,    ob    und 

1)  Vergl.  Zeitschr.  Math.  Phys.  XXI,  Histor.-liter.  Abthlg.  S.  70  &gg.  (1876) 
über  die  Lebenszeit  und  die  Handschriften  des  Pappus.  In  Bezug  auf  letztere 
diente  die  Einleitung  zu  Hultschs  Pappusausgabe  als  Quelle. 


Sextus  Julius  Africanus.     Pappus  von  Alexandria.  413 

wie  ein  Irrthuin  des  einen,  beziehungsweise  des  anderen  Gewährs- 
mannes Erklärung  finden  kann,  müssen  wir  anderntheils  überlegen, 
ob  innere  Gründe  die  eine  oder  die  andere  Meinung  unterstützen. 
Die  Behauptung  des  Schreibers  des  Leidner  Codex  ist  nun,  wenn 
falsch,  auf  keine  Weise  zu  verstehen.  Suidas  könnte  dagegen  da- 
durch zu  seinem  Irrthume  gelangt  sein^),  dass  in  seiner  Quelle  die 
beiden  Schriftsteller  Pappus  und  Theon  von  Alexandria  ihrer  Heimath, 
ihrer  verwandten  literarischen  Thätigkeit  wegen  unmittelbar  hinter 
einander  aufgeführt  waren,  oder  aber  dadurch,  dass  er  einen  aus  den 
Erläuterungen  des  Pappus  und  des  Theon  gemischt  zusammenge- 
setzten Commentar  zum  Almageste  vor  Augen  hatte,  eine  Möglich- 
keit, die  im  24.  Kapitel  sich  uns  ergeben  wird,  und  dass  er  nun  auf 
eine  gar  nicht  angegebene,  weil  überhaupt  nicht  vorhandene  Gleich- 
zeitigkeit der  beiden  Erklärer  schloss.  Als  unterstützend  dienen 
folgende  Gesichtspunkte.  Suidas  war  mit  des  Pappus  Werken  nicht 
aufs  beste,  bekannt.  Er  nennt  unter  denselben  gar  nicht  dasjenige, 
welches  allein  in  einiger  Vollständigkeit  sich  erhalten  hat,  und  welches 
genügt,  um  unsere  Bewunderung  des  Verfassers  zu  rechtfertigen.  Der 
andere  Berichterstatter  ist  in  seinem  Schweigen  entschuldigt,  weil 
er  gar  kein  Werk  des  Pappus  mit  Namen  anführt.  Ferner  wäre  es 
sehr  auffallend,  wenn  Pappus  und  Theon  an  dem  gleichen  Orte  lebend 
zur  selben  Zeit  einen  Commentar  zu  demselben  Werke,  dem  Alma- 
geste des  Ptolemäus,  geschrieben  hätten.  Weit  wahrscheinlicher 
wird  diese  Thatsache,  wenn  Pappus  hundert  Jahre  vor  Theon  von 
Alexandria  schrieb.  Fraglich  erscheint  dabei,  ob  Pappus  den  ganzen 
Almagest  erklärt  haben  mag,  oder  nur  vier  Bücher.  Die  Vermuthung, 
es  habe  bei  Suidas  ursprünglich  ir=  13  Bücher  geheissen,  der  wirk- 
lichen Bücherzahl  des  Almagestes  entsprechend,  und  daraus  sei  zJ  = 
4  Bücher  verschrieben  worden-),  ist  ausgesprochen  worden  und  hat 
manche  Wahrscheinlichkeit,  nachdem  es  sich  erwiesen  hat,  dass 
Pappus  jedenfalls  zum  ersten,  zum  fünften  und  zum  sechsten  Buche 
des  Almagestes  einen  Commentar  verfasste,  dass  der  zum  fünften 
und  sechsten  Buch  gehörende  Theil  sich  noch  erhalten  hat'').  Wahr 
ist  es,  dass  Theon  seinen  Vorgänger  niemals  genannt  hat  ausser  in 
üeberschriften,  deren  Ursprung  ja  immer  zweifelhaft  ist.  Mag  aber 
Theon  100  oder  ein  paar  Jahre  nach  Pappus  gelebt  haben,  so  ist 
dieses  Schweigen  gleich  auffallend,  zu  derselben  Zeit  auch  gleich 
einfach  damit  zu  erklären,  dass  Theon  den  Pappus   recht  fleissig  be- 

^)  Diese  Hypothese  rührt  von  Usener  her.  Neues  Rheiuisches  Museum 
1873,  Bd.  XXVIII,  S.  403.  ^)  So  glaubt  Hultsch  pag.  VIII,  Anmerkung  3  der 
Praefatio,  welche  den  dritten  Band  seiner  Pappusausgabe  eröffnet.  ^)  Hultsch 
1.  c.  pag.  XIV. 


414  22.  Kapitel. 

nutzte.  Es  bildet,  wie  uns  von  philologisclier  Seite  versichert  wird, 
sradezu  eine  EigenthümKchkeit  der  Commentatoren  des  IV.  S.  etwa 
ein  wahres  Plünderuugssystem  an  älteren  Schriftstellern  auszuüben, 
welche  niemals  genannt  werden,  so  dass  nur  in  einzelnen  Fällen  ein 
glückliches  Ohngefähr  es  möglich  gemacht  hat,  diesen  unrechtmässigen 
Aneignungen  auf  die  Spur  zu  kommen.  So  nehmen  wir  also  an, 
Pappus  habe  an  der  Schwelle  vom  III.  zum  IV.  S.  gelebt  und 
geschrieben. 

Ob  ein  Citat  bei  Proklus^)  dahin  zu  deuten  ist,  dass  Pappus 
gleich  Heron  an  der  Spitze  einer  Schule  stand,  mag  dahingestellt 
bleiben.  Nach  griechischem  Sprachgebrauche  kann  oi  tisqI  "Hfjcova 
%al  nännov  unzweifelhaft  diese  Bedeutung  einschliessen,  die  Worte 
können  aber  auch  Heron  und  Pappus  allein  bezeichnen  sollen,  und 
letzteres  wohl  noch  häufiger  als  ersteres.  Unter  den  Schriften, 
welche  Pappus  verfasste,  fanden  seine  Bemerkungen  zum  Almageste 
mehrfache  Erwähnung.  Wir  erinnern  daran,  dass  (S.  303)  Eutokius 
auch  sie  unter  den  Schriften  genannt  hat,  welche  über  die  Aus- 
ziehung von  Quadratwurzeln  zu  Rathe  gezogen  werden  können. 
Pappus  selbst  spricht  von  einem  Commentare,  welchen  er  zu  dem 
Analemma  des  Diodorus  angefertigt  habe^).  Von  jenem  Schrift- 
steller ist  zwar  auch  bei  Anderen  wiederholt  die  Rede^),  jedoch  ohne 
dass  dadurch  sein  Zeitalter  oder  der  Inhalt  seiner  Schrift  genauer 
bekannt  würde;  deren  Titel  stimmt  allerdings  mit  demjenigen  eines 
Buches  des  Ptolemäus  überein,  in  welchem  (S.  395)  von  Projektionen 
gehandelt  ist.  Eine  weitere  schriftstellerische  Leistung  des  Pappus 
bildete  ein  Commentar  zu  den  euklidischen  Elementen,  von  welchen 
Bruchstücke,  insbesondere  eine  von  Eutokius'*)  erwähnte  Bemerkimg, 
in  einem  Vaticancodex  aufgefunden  worden  sind^).  Diesem  Commen- 
tare dürfte  eine  Anzahl  von  Bemerkungen  entnommen  sein,  welche 
bei  Proklus  sich  erhalten  haben,  und  deren  eine  verdient,  dass  wir 
ihrer  erwähnen. 

Pappus  habe,  berichtet  Proklus*'),  Einspruch  gegen  den  Satz  er- 
hoben, dass  der  Winkel,  der  einem  Rechten  gleich  sei,  immer  selbst 
ein  Rechter  sein  müsse.  Er  stellte  nämlich  (Figur  78)  zwei  gleich 
lange  Gerade  aß,  ßy  senkrecht  zu  einander  und  beschrieb  über  jede 


1)  Proklus  (ed.  Friedlein)  429,  13.  ^)  Pappus  IV,  27  (ed.  Hultsch) 
pag.  246.  *)  Vergl.  Hultsch s  Praefatio  zum  III.  Bande  seiner  Pappusaus- 
gabe  IX  —  XI.  *)  Archimed  (ed.  Heiberg)  III,  34  in  dem  Commentare  des 
Eutokius  lieisst  es:  si'Qrjzcci.  kccI  Uännai  dq  xo  int6fivi](icc  rwv  Gzoixticov.  ^)  Hei- 
berg, Om  scholierne  til  Euldids  Elementer  in  den  Vidensk.  Selsk.  Skr.  6. 
Raekke,  historisk.  og  philosophisk.  Afd.  II,  3.  Kjöbnhavn,  1888,  pag.  297. 
«)  Proklus  (ed.  Friedlein)  190. 


Sextus  Julius  Africanus.    Pappus  von  Alexandria.  415 

derselben  einen  Halbkreis.  Da  diese  Halbkreise  sieb  decken,  müssen 
die  Winkel  ccßs,  yßt,  vollkommen  gleicb  sein.  Wird  sodann  von 
dem  recbten  Winkel  aßy  der  eine  jener  identiscben  Winkel  weg- 
genommen, der  andere  beigefügt,  so  muss  also 
ein  Etwas  entsteben,  welcbes  einem  recbten 
Winkel  wieder  gleicb  ist,  obne  dass  man  docb 
sagen  könnte,  dieser  Winkel  eßt,  sei  ein  recbter 
Winkel.  Diese  Betracbtung  über  nicbt  grad- 
linige Winkel  ist  das  Vorbild  späterer  Spitz- 
findigkeiten äbnlicben  Inbaltes  geworden  (S.  250). 
Das  matbematiscbe  Werk  des  Pappus, 
welcbes  auf  uns  gekommen  ist,  und  welcbes  merkwürdigerweise  durcb 
keine  bekannt  gewordene  Erwäbnung  von  Seiten  irgend  eines  Matbe- 
matikers  oder  sonstigen  Scbriftstellers  in  seinem  Vorbandensein  be- 
stätigt wird,  fübrte  den  Namen  der  Sammlung,  ßvvayayri,  und  be- 
stand aus  acbt  ßücbern^).  Titel  und  Eintbeilung  verbürgt  uns  eine 
vatikanische  Pappus-Handscbrift  aus  dem  XH.  S.,  welcbe  selbst  sämmt- 
licben  übrigen,  keineswegs  seltenen  Abschriften  unmittelbar  oder 
mittelbar  zu  Grunde  liegt.  Der  Charakter  dieser  Sammlung  besteht 
darin,  dass  Pappus  den  Inhalt  von  zu  seiner  Zeit  hochgeschätzten 
mathematischen  Schriften  kurz  angibt  und  zu  denselben  erklärende, 
aber  auch  erweiternde,  oftmals  nur  den  allerlosesten  Zusammenbano- 
mit  dem  grade  in  Rede  Stehenden  wahrende  Sätze  hinzufügt.  Diese 
Beziehung,  oder  fast  besser  diese  Beziehungslosigkeit  lassen  uns  die 
Sätze  erkennen,  von  denen  Pappus  uns  sagt,  dass  sie  zu  Werken  ge- 
hören, welche,  wie  die  Kegelschnitte  des  ApoUonius  von  Pergä,  auf 
uns  gekommen  sind  und  den  Vergleich  gestatten.  Die  Freiheit,  welche 
Pappus  sich  demgemäss  bei  seinen  Zusätzen  gestattet  hat,  die  Genauig- 
keit, deren  er  daneben  bei  übersichtlichen  Inhaltsangaben  sich  be- 
fleissigte,  machen  den  doppelten  Werth  seiner  Sammlung  aus.  Jene 
Gewissenhaftigkeit,  welche  wir  als  zweite  Tugend  des  Pappus  er- 
wähnten, macht,  dass  seine  Sammlung  als  Ersatz  für  werthvolle  im 
Urtexte  verloren  gegangene  Abhandlungen  dienen  kann,  so  dass  wir 
nach  dem  Vorgänge  aller  Schriftsteller  über  Geschichte  der  Mathe- 
matik keinen  Anstand  nahmen,  sie  im  Verlauf  dieses  Bandes  wieder- 
holt zu  solchem  Zwecke  zu  benutzen.     Jene  Selbständigkeit,  die  wir 


^)  Eine  lateinische  Uebersetzung  durch  Commandinus  erschien  1588, 
dann  in  mehrfachen  neuen  Abdrücken  bis  1602.  C.  J.  Gerhardt  gab  1871  das 
VII.  und  VIII.  Buch  im  Urtexte  mit  nicht  tadelloser  deutscher  Uebersetzung 
heraus.  Eine  vortreffliche  Textausgabe  mit  lateinischer  Uebersetzung  und 
reichhaltigen  Anmerkungen  veranstaltete  Fr.  Hultsch  in  3  Bänden.  Berlin, 
1875,  1877,  1878. 


416  22.  Kapitel. 

zuerst  rütmend  betonten,  liat  uns  Dinge  geliefert,  die,  tlieils  nicht 
anderweitig  rückwärts  verfolgbar,  theils  von  Pappus  ausdrücklicb  für 
sich  in  Anspruch  genommen,  den  zuverlässigen  Beweis  für  die  hohe 
Meisterschaft  des  Verfassers  insbesondere  in  solchen  geometrischen 
Untersuchungen  liefern,  welche  unser  Jahrhundert  unter  dem  Namen 
der  neueren  oder  der  höheren  synthetischen  Geometrie  kennt. 

Welchen  Gang  Pappus  bei  Ausarbeitung  sein,er  Sammlung  ein- 
schlug, ob  er  überhaupt  einen  bestimmten  Gedanken  planmässiger 
Reihenfolge  zu  Grunde  legte,  ist  mit  Sicherheit  nicht  zu  ermitteln, 
weil  das  erste  Buch  und  die  muthmasslich  grössere  Hälfte  des 
zweiten  Buches  verloren  gegangen  ist,  die  Darstellung  sich  mithin 
auf  die  übrigen  Bücher  beschränken  muss.  Dabei  ist  überdies  vor- 
ausgesetzt, dass  alle  vorhandenen  Bücher  Pappus  angehören.  Aller- 
dings nimmt  man  dieses  gegenwärtig  an,  und  ein  vereinzelter  Ver- 
such^) nur  das  IIT.  und  IV.  Buch,  welche  ursj^rüuglich  ein  einziges 
gebildet  hätten,  dann  das  VIT.  und  das  VIII.  Buch  Pappus  zuzu- 
schreiben, alles  Uebrige  als  unechte  spätere  Einschaltung  auszuscheiden, 
ist,  soviel  wir  wissen,  ohne  jegliche  Beistimmung  geblieben. 

Der  vorhandene  Ueberrest  des  IL  Buches  enthält  die  Multipli- 
kationsmethode des  Apollonius  von  Pergä. 

Im  III.  Buche  sind  vier  verschiedene  Abhandlungen  vereinigt. 
Die  erste  beschäftigt  sich  mit  der  Aufgabe  zwischen  zwei  gegebenen 
Längen  zwei  mittlere  geometrische  Proportionalen  einzuschalten  nach 
Methoden  des  Eratosthenes,  des  Nikomedes,  des  Heron,  des  Pappus 
selbst.  Die  zweite  Abhandlung  lehrt  die  drei  verschiedenen  Mittel, 
welche  zwischen  zwei  Strecken  bestehen,  das  arithmetische,  das 
geometrische  und  das  harmonische  Mittel,  von  welchen  übrigens  auch 
in  den  einleitenden  Kapiteln  der  ersten  Abhandlung  des  III.  Buches 
schon  die  Rede  war,  an  einer  und  derselben  Figur  zur  Erscheinung 
bringen.  Aber  dieses  geometrische  Problem  dient  nur  zum  An- 
knüpfungspunkte für  eine  ganze  Lehre  von  den  Medietäten,  welche 
mit  einer  Tabelle  von  ganzzahligen  Beispielen  für  sämmtliche  zehn 
Formen  von  Medietäten  abschliesst.  Die  dritte  Abhandlung  be- 
schäftigt sich  wieder  mit  einer  ganz  anderen  Untersuchung.  Der 
21.  Satz  des  I.  Buches  der  euklidischen  Elemente  behauptet,  dass, 
wenn  innerhalb  eines  Dreiecks  ein  Punkt  gewählt  und  mit  den  End- 
punkten der  Grundlinie  gradlinig  verbunden  wird,  die  Summe  dieser 
Geraden    kleiner   ausfalle   als   die  Summe   der  sie   umfassenden  Drei- 


')  C.  J.  Gerhardt,  Die  Sammlung  des  Pappus  von  Alexandria.  Programm 
des  Gymnasiums  in  Eisleben  für  1875.  Vei'gl.-  dazu  die  Besprechung  in  der 
Zeitschr.  Math.  Phys.  XXI,  Histor.-literar.  Abtheilung  37—42  (1S7G). 


Sextus  Julius  Africanus.     Pappus  von  Alexandria.  417 

ecksseiten.  Ganz  anders,  wenn  die  inneren  Geraden  nicht  nach  den 
Eckpunkten,  sondern  nach  zwischen  denselben  liegenden  Punkten 
der  Dreiecksgrundlinie  gezogen  werden.  Alsdann  kann  die  Summe 
der  inneren  Geraden  unter  Umständen  ebenso  gross  sein,  sie  kann 
auch  mehr  betragen  als  die  der  umfassenden  Seiten  und  zwar  in 
mannigfachen  Abstufungen,  und  diese  sämmtlichen  Fälle  werden  aus- 
führlich durchgenommen.  Die  vierte  Abhandlung  geht  zur  Einbe- 
schreibung  der  fünf  regelmässigen  Vielflächner  in  die  Kugel  über, 
bei  welcher  Gelegenheit  die  Sphärik  des  Theodosius  von  Tripolis 
mehrfach  benutzt  aber  auch  ergänzt  wird.  Es  ist  mit  grossem  Rechte 
bemerkt  worden^),  dass  die  Auffassung  der  Aufgabe  eine  wesentlich 
andere  ist  als  die,  von  welcher  Euklid  im  XIII.  Buche  seiner  Ele- 
mente ausgeht,  und  dass  dadurch  die  erneute  Behandlung  um  so 
höheren  Werth  erhalte.  Euklid  kommt  es  auf  die  metrischen  Zu- 
sammenhänge zwischen  Polyederseite  und  Kugeldurchmesser  an;  er 
bildet  sich  zuerst  die  Polyeder  und  beweist  hinterdrein  ihre  Eiu- 
beschreibbarkeit.  Pappus  will  die  Polyeder  selbst  erhalten;  er  geht 
aus  von  der  Kugel  und  verschafft  sich  die  Parallelkreise  auf  der 
Kugeloberfläche,  welche  je  eine  Polyederfläche  als  eingeschriebenes 
Vieleck  besitzen. 

Das  IV.  Buch  zerfällt  gleichfalls  in  mehrere  Abtheilungen,  wenn 
schon  die  Sonderung  derselben  nicht  auf  den  ersten  Blick  in  die 
Augen  fällt.  Es  beginnt  mit  der  Lehre  von  den  Kreistransversalen, 
an  welche  sich  die  Aufgabe  knüpft,  den  drei  einander  äusserlich  be- 
rührende Kreise  ums chlies senden  Kreis  zu  construiren.  Noch  andere 
Berührungsaufgaben  vollenden  das,  was  wir  die  -erste  Abhandlung 
des  IV.  Buches  nennen  möchten.  Auf  sie  folgen  eine  Anzahl  von 
Sätzen  aus  der  Lehre  von  der  archimedischen  Spirale  sowie  von  der 
nikomedischen  Conchoide  und  darauf  eine  ziemlich  ausgedehnte  Ab- 
handlung über  die  Quadratrix,  in  welche  verschiedene  andere  Unter- 
suchungen sich  ziemlich  naturgemäss  einfügen.  Wir  nennen  die 
Rectification  des  Kreises;  wir  nennen  Beziehungen  zwischen  Quadra- 
trix und  Spirale;  wir  nennen  die  Trisection  des  Winkels  und  die 
allgemeinere  Aufgabe  der  Theilung  des  Kreises  in  beliebigem  Ver- 
hältnisse der  Bögen  mittels  der  Quadratrix,  aber  auch  mittels  der 
Spirale;  wir  nennen  endlich  die  Benutzung  der  Quadratrix  zur  Lösung 
der  drei  Probleme:  ein  regelmässiges  Vieleck  von  beliebiger  Seiten- 
zahl in  einen  Kreis  zu  beschreiben,  zu  einer  gegebenen  Sehne  einen 
Kreisbogen  zu  finden,  welcher  ein  bestimmtes  Längenverhältniss  zur 
Sehne  besitze,  zu  einander  incommensurable  Winkel  zu  zeichnen. 

^)  Woepcke  im  Journal  Asiatiquc  serie  5,  T.  V  (Fevrier-Mars  1855) 
pag.  238—240. 

Cantob,  Geschichte  der  Mathematik  I.    2.  Aufl.  27 


418  22.  Kapitel. 

Das  V.  Bucli  beginnt  mit  dem  Auszuge  aus  der  Abhandlung  des 
Zenodorus  über  Figuren  gleiclien  Umfanges,  so  weit  ebene  Figuren 
in  Frage  stehen.  Dann  geht  Pappus  zu  dem  Räume  über,  lehrt  die 
archimedischen  Körper  kennen  und  zeigt,  dass  bei  gleicher  Ober- 
fläche Kegel  sowohl  als  Cylinder  kleinereu  Rauminhaltes  als  Kugeln 
sind.  Damit  ist  der  Rückweg  zur  Abhandlung  des  Zenodorus,  soweit 
sie  auf  Raumkörper  sich  bezieht,  gewonnen,  und  der  Beweis  wird  ihr 
nachgebildet,  dass  von  den  fünf  platonischen  regelmässigen  Körpern 
bei  gleicher  Oberfläche  stets  der  mehreckige  den  grösseren  Inhalt 
einschliesse. 

Das  VI.  Buch  stellt  sich  in  seiner  üeberschrift  die  Aufgabe  Auf- 
lösungen zu  den  Schwierigkeiten  zu  finden,  welche  in  dem  soge- 
nannten kleinen  Astronomen,  ^LXQog  dötgovo^ov^svos,  enthalten 
sind.  Der  Gegenstand,  der  damit  gemeint  ist,  ist  uns  keineswegs 
neu,  nur  der  Name  begegnet  uns  hier  zuerst,  und  deshalb  haben  wir 
bis  hierher  es  aufgespart  uns  desselben  zu  bedienen.  Der  kleine 
Astronom  ist  nämlich  eine  Sammlung  von  Schriften,  deren  Studium 
nach  dem  der  Elemente  des  Euklid  und  vor  dem  des  Almagestes 
des  Ptolemäus  eingeschoben  werden  musste,  wenn  letzteres  vollen 
Erfolg  haben  sollte.  Ob  der  kleine  Astronom  eine  endgiltig  be- 
grenzte Sammlung  war,  ob  nicht  vielmehr  der  an  sich  lose  Zusammen- 
hang gestattete,  bald  diese  bald  jene  kleinere  Schrift  aufzunehmen 
oder  auszuschliessen,  dürfte  zweifelhaft  sein.  Der  Commentar  des 
Pappus  verbreitet  sich  über  nachfolgende  Bücher,  welche  demgemäss 
zum  kleinen  Astronomen  gehörten:  Die  Sphärik  des  Theodosius,  die 
Abhandlung  des  Autolykus  über  die  sich  drehende  ^ugel,  die  des 
Theodosius  über  Tag  und  Nacht,  die  des  Aristarchus  über  Grösse 
und  Entfernung  von  Sonne  und  Mond,  die  Optik  des  Euklid,  die 
Phaenomena  desselben  Verfassers.  Ein  Commentar  des  Menelaus  zu 
dem  letztgenannten  Werke  hatte  zwar  nach  einer  durch  Pappus  ge- 
gebenen Zusage^)  auch  noch  erläutert  werden  sollen,  doch  findet 
sich  davon  in  dem  auf  uns  gekommenen  Texte  keine  weitere  Spur. 
Wir  bemerken,  dass  die  beiden  Astronomen  Autolykus  und  be- 
sonders Aristarchus  von  Samos  in  der  Geschichte  ihrer  Wissen- 
schaft hochbedeutsame  Persönlichkeiten  sind.  Autolykus''^)  lebte  kurz 
vor  Euklid  um  330  etwa,  Aristarch^)  ein  gutes  halbes  Jahrhundert 
später  um  270.  Wir  bemerken  ferner,  dass  die  Erläuterungen  des 
VI.  Buches,  auch  wo  sie  auf  astronomische  Werke  sich  beziehen, 
ihrer   grössten  Mehrzahl   nach    geometrischer  Natur    sind.     Wir  be- 

*)  Pappus  (ed.  Hultsch)  pag.  602,  lin.  1.  -)  Hultsch  in  der  Vorrede 
zu  seiner  Ausgabe  des  Autolykus..  Leipzig,  1885."  ^)  Wolf,  Geschichte  der 
Astronomie.     S.  35— .'i7. 


Sextus  Julius  Africanus.     Pappus  von  Alexandria.  419 

merken  endlich,  dass  Pappus  durch  seine  Namensrtennung  selbst  den 
Geometern,  welche  er  nur  unter  den  Ersten  des  Faches  auswählt, 
ein   hohes    Lob    ertheilt,    dass    man    also    beispielsweise    aus    diesem 

VI.  Buche  sich  eine  Meinung  von  dem  Ansehen  bilden  kann,  in 
welchem  damals  Verdientermassen  die  Schriften  des  Theodosius  und 
des  Menelaos  standen. 

Wer  die  Elemente  des  Euklid  inne  hat  und  von  ihnen  aus  der 
Astronomie  sich  zuwenden  will,  bedarf,  wie  vorher  bemerkt,  des 
Studiums  des  kleinen  Astronomen,  bei  welchem  das  VI.  Buch  ihn  zu 
unterstützen  bestimmt  ist.  Wer,  mit  den  allgemeinen  Elementen 
vertraut,  erlernen  will,  wie  man  durch  Construction  mamiigfacher 
Linien  die  Auflösung  gestellter  Aufgaben  vollende,  bedarf  dazu  eines 
anderweitigen  eignen  Uebungsstoffes,  der  unter  dem  Namen  Sammel- 
werke analytischer  Natur')  von  Euklid,  von  Apollonius  von 
Pergä,  von  Aristäus  dem  Aelteren  behandelt  worden  ist.  Die  hierzu 
nothwendigen  Hilfssätze    und   Erläuterungen   hat    Pappus    in    seinem 

VII.  Buche  vereinigt.  Gleichwie  im  vorhergehenden  Buche  sind 
Uuterabtheilungen  gebildet,  welchen  die  Namen  der  einzelnen  Werke 
als  Ueberschriften  dienen,  welche  Pappus  zu  empfehlen  wünscht.  Er 
nennt  die  Daten  des  Euklid,  den  Verhältnissschnitt,  den  Raumschnitt, 
den  bestimmten  Schnitt,  die  Berührungen  des  Apollonius,  die  Po- 
rismen des  Euklid,  dann  wieder  von  Apollonius  die  Neigungen,  die 
ebenen  Oerter,  die  Kegelschnitte,  endlich  die  körperlichen  Oerter  des 
Aristäus,  die  Oerter  auf  der  Oberfläche  des  Euklid,  die  Mittelgrössen 
des  Eratosthenes.  Es  sind  dies,  sagt  Pappus,  33  Bücher,  deren 
Inhalt  bis  zu  den  Kegelschnitten  des  Apollonius  ich  Dir  übersicht- 
lich herausgestellt  habe"),  und  in  der  That  entspricht  dieser  Angabe 
eine  Einleitung  von  ziemlichem  Umfange.  An  sie  knüpft  sich  eine 
grosse  Anzahl  von  Hilfssätzen  zu  den  Büchern  des  Apollonius  über 
den  Verhältnissschuitt  und  den  Raumschnitt,  über  den  bestimmten 
Schnitt,  über  die  Neigungen,  über  die  Berührungen,  über  die  ebenen 
Oerter.  Weitere  Hilfssätze  zu  den  Porismen  des  Euklid  folgen.  Die 
zu  den  Kegelschnitten  des  Apollonius  und  endlich  zu  Euklids  Oertern 
auf  der  Oberfläche  bilden  den  Beschluss  des  Buches.  Der  22.  Satz 
zu  den  Berührungen  des  Apollonius^)  stellt  die  Aufgabe,  von  drei 
auf  einer  gegebenen  Geraden  gegebenen  Punkten  aus  nach  einem 
gleichfalls  gegebenen  Kreise  Gerade  zu  ziehen,  welche  ein  diesem 
Kreise    eingeschriebenes    Dreieck    bilden.     Es   ist    das    die    Aufgabe, 


^)  So  die  ricMige  Uebersetzung  von  ronog  ävaXvü^svog,  wie  Gow,  A  short 
hidory  of  greeJc  mailiematics  pag.  211  Note  1)  gezeigt  hat.  ^)  Pappus  (ed. 
Hultsch)   pag.  G36,  lin.  25.       ^)  Pappus  (ed.   Hultsch)   pag.  848. 

27-'= 


420  2-2.  Kapitel. 

welche  im  XVIII.  S.  die  Erweiterung  erfuhr,  dass  die  drei  gegebenen 
Punkte  beliebige  Lage  in  der  Kreisebene  erhielten,  und  welche  unter 
anderen  von  Annibale   Giordano  aus  Ottajano  gelöst  wurde ^). 

Das  Vni.  Buch  kündigt  sich  als  solches  au,  welches  verschiedene 
interessante  mechanische  Aufgaben  zur  Sprache  bringe.  Ich  habe 
für  gut  gehalten,  erklärt  Pappus,  die  mit  Hilfe  der  Geometrie  ge- 
wonnenen, nothwendigsten  Theoreme  über  die  Bewegung  der  schweren 
Körper,  die  in  den  Schriften  der  Alten  vorhanden  und  die  von  uns 
selbst  geschickt  aufgefunden  sind,  kürzer  und  deutlicher  nieder- 
zuschreiben und  auf  eine  bessere  Weise,  als  es  früher  geschehen,  zu- 
sammenzustellen^). Zu  diesen  geometrisch  begründeten  mechanischen 
Lehren  gehören  die  Theorie  des  Schwerpunktes,  der  schiefen  Ebene, 
gehört  die  Aufgabe  mit  Hilfe  von  Zahnrädern,  die  in  gewissem  gegen- 
seitigen Verhältnisse  der  Durchmesser  stehen,  eine  gegebene  Last 
durch  gegebene  Kraft  zu  bewegen.  Hierher  gehört  aufs  Neue  die 
Aufgabe  der  Einschiebung  zweier  geometrischen  Mittel,  welche  schon 
im  HI.  Buche  in  anderem  Zusammenhange  aufgetreten  war,  und 
welche  jetzt  wiederkehrt,  weil  auf  ihr  die  Vergrösserung  eines  durch 
mechanische  Vorrichtungen  irgendwie  in  Bewegung  zu  bringenden 
Körpers  unter  Festhaltung  seiner  Gestalt  beruht.  Weiter  lässt  Pappus 
die  Aufgabe  folgen  den  Kreisumfang  eines  geraden  Cylinders  zu 
finden,  aus  welchem  überall  Stücke  herausgebrochen  sind,  so  dass 
eine  unmittelbare  Messung  au  keiner  Stelle  stattfinden  kann.  Ohne 
bemerkbaren  Zusammenhang,  wie  wir  es  bei  Pappus  nicht  selten 
gewohnt  wurden,  treffen  wir  alsdann  auf  Fragen,  bei  denen  es  sich 
um  Auffindung  gewisser  Punkte  auf  einer  Kugel  handelt,  z.  B.  des 
Punktes,  der  einer  gegenüberliegenden  Ebene  am  nächsten  liegt,  und 
der  Punkte,  in  welchen  eine  gegebene  Gerade  die  Kugel  durchdringt. 
Daran  schliesst  sich  die  Einbeschreibung  von  sieben  einander  gleichen 
regelmässigen  Sechsecken  in  einen  gegebenen  Kreis,  so  dass  das  eine 
denselben  Mittelpunkt  mit  dem  Kreise  hat,  die  übrigen  sechs  auf  je 
einer  Seite  des  mittleren  aufstehen  und  die  dieser  gegenüberliegende 
Seite  jedesmal  als  Kreissehne  besitzen.  Diese  Aufgabe  dient  zur 
Herstellung  von  Zahnrädern,  und  nun  bilden  Auszüge  aus  dem  Ge- 
wichtezieher  und  aus  der  Mechanik  des  Heron  (S.  350)  den  Schluss, 
der  vielleicht  von  fremder  Hand  dem  ursprünglichen  VHL  Buche 
beigefügt  sein  dürfte. 

Mag  mau  aus  dieser  schematischen  •  Zeichnung  des  Gerippes  der 
Sammlung  des  Pappus,    so  wie  dieselbe  auf  ims  gekommen  ist,   den 

')  Vergl.  Chasles,  Aperru  hist.  328  (deutsch  341)  mit  Zeitschr.  Math. 
Pbys.  XXXVII,  Histor.-literar.  Abtlg.  S.  21G— 217.  ^)  Pappus  (ed.  Hultsch) 
pag.  1028. 


Sextus  Julius  Africanus.    -Pappus  von  Alexaudria.  421 

Eindruck  eines  Ganzen  oder  lose  und  fast  zufallig  an  einander  ge- 
reihter Einzelheiten  erhalten,  mag  ein  leitender  Gedanke  dem  Einen 
auffindbar,  dem  Anderen  unentdeckbar  erscheinen,  jedenfalls  wird, 
trotz  stylistischer  Schönheiten,  die  au  manchen  Stellen  eine  geradezu 
dichterische  Veranlagung  des  Schreibers  enthüllen^),  die  Achtung 
vor  Pappus  dem  Mathematiker  eine  höhere  sein  als  die  vor  Pappus 
dem  Schriftsteller,  und  diese  relative  Werthschätzung  wird  noch 
festeren  Boden  fassen,  wenn  wir  Einzelheiten  herausgreifen,  deren 
Entdeckung  nicht  wohl  einem  Anderen  als  Pappus  selbst  anzuge- 
hören scheint. 

An  die  Spitze  stellen  wir  einen  Satz  des  VIT.  Buches,  der  den 
Körperinhalt  eines  Umdrehungskörpers  als  dem  Produkte  der  ge- 
drehten Figur  in  den  Weg  des  Schwerpunktes  proportional  erkennt^), 
einen  Satz,  der  als  Guldinsche  Regel  seit  dem  XVII.  S.  wieder 
in  der  Geschichte  auftritt. 

Wir  fügen  aus  dem  VIII.  Buche  einen  Satz  bei  dahin  gehend, 
dass  der  Schwerpunkt  eines  Dreiecks  zugleich  Schwerpunkt  eines 
zweiten  sei,  dessen  Eckpunkte  auf  den  drei  Seiten  des  ersten  Drei- 
ecks so  liegen,  dass  dadurch  jene  Seiten  sämmtlich  in  gleichem  Ver- 
hältnisse getheilt  erscheinen^). 

In  geometrischer  Beziehung  möchten  wir  auf  eine  geschichtlich 
bedeutsame,  wenn  auch  ein  besonderes  Verdienst  des  Pappus  nicht 
grade  bezeugende,  Bemerkuno-  des  VIII.  Buches  aufmerksam  machen, 
welche  keinen  Zweifel  darüber  lässt,  dass  bei  den  Griechen  eine 
Geometrie  mit  einer  einzigen  Zirkelöffnung,  xa  avl  diaöTr'j- 
^lati  yQcc(p6^i.Evc(,  bekannt  war^). 

Wir  heben  jenen  Abschnitt  des  IV.  Buches  hervor,  der  mit  der 
Quadratrix  sich  beschäftigt'').  Die  Quadratrix  wird  diesem  Abschnitte 
zufolge  ausser  nach  dem  Gesetze,  welches  wir  bei  der  ersten  Nennung 
der  Curve  schon  kennen  gelernt  haben,  auch  noch  durch  zwei  viel 
verwickeitere  Entstehungsarten  erzeugt,  welche  man  in  folgende 
Worte  fassen  kann:  Es  sei  eine  Schraubenlinie  auf  einem  geraden 
Kreiscylinder  beschrieben,  dann  bilden  die  Perpendikel,  welche  von 
den  einzelnen  Punkten   derselben  auf  die  Axe   des  Cylinders   gefällt 

^)  Z.  B.  die  Einleitung  in  das  V.  Buch  (ed.  Hultsch)  pag.  304,  welche 
der  Herausgeber  mit  Recht  als  kennzeichnend  für  die  Schreibweise  des  Pappus 
erklärt  bat.  ^)  Pappus  (ed.  Hultsch)  pag.  682.  ^)  Pappus  (ed.  Hultsch) 
pag.  1034  sqq.  •*)  Pappus  (ed.  Hultsch)  pag.  1074.  ^)  Dieser  Abschnitt 
(ed.  Hultsch)  pag.  258 — 264  hat  in  dem  eislebener  Programm  von  1875  durch 
Gerhardt  eine  deutsche  Uebersetzung  erhalten.  Der  Text  Gerhardts  weicht 
indessen  in  wesentlichen  Dingen  von  dem  Hultschs  ab.  Letzterer  befindet 
sich  in  vollem  Einklang  mit  Chasles,  Apergu  liist.  31,  deutsch  28,  dem  wir 
hier  vorzugsweise  folgen. 


422  22.  Kapitel. 

• 
werden,  eine  Schraubenfläche.  Legt  man  durch  eines  dieser  Perpen- 
dikel unter  passender  Neigung  gegen  die  Grundfläche  des  Cjdinders 
eine  Ebene,  so  schneidet  diese  Ebene  die  Schraubenfläche  in  einer 
Curve,  deren  senkrechte  Projektion  auf  die  Grundfläche  des  Cylinders 
die  Quadratrix  ist.  Und  zweitens:  wählt  man  eine  archimedische 
Spirale  zur  Basis  eines  geraden  Cylinders  und  denkt  man  sich  einen 
Umdrehungskegel,  dessen  A:^  diejenige  Seitenlinie  des  Cylinders  ist, 
welche  durch  den  Anfangspunkt  der  Spirale  geht,  so  schneidet  dieser 
Kegel  die  Cylinderfläche  in  einer  Curve  doppelter  Krümmung.  Die 
Perpendikel,  welche  von  den  verschiedenen  Punkten  dieser  Curve  auf 
die  erwähnte  Seitenlinie  des  Cylinders  gefällt  werden,  bilden  die 
Schraubenfläche,  welche  Pappus  an  dieser  Stelle  plektoidische 
Oberfläche  nennt.  Legt  man  nun  durch  eine  dieser  Linien  unter 
passender  Neigung  eine  Ebene,  so  schneidet  diese  die  Oberfläche  in 
einer  Curve,  deren  senkrechte  Projektion  auf  die  Ebene  der  Spirale 
die  verlangte  Quadratrix  sein  wird.  Welche  tiefe  Kenntniss  krummer 
Oberflächen  musste  nicht  vorausgehen,  damit  diese  Erzeugungsarten 
der  Quadratrix  erfunden  werden  konnten!  Welchen  Weg  hat  auch 
in  dieser  Beziehung  die  griechische  Geometrie  von  Archytas,  der, 
wie  wir  uns  erinnern  (S.  216),  gekrümmte  Oberflächen  zur  Würfel- 
verdoppelung benutzte,  bis  auf  Pappus  zurückgelegt!  Um  so  bedauer- 
licher ist  es,  dass  uns  die  euklidischen  Oerter  auf  der  Oberfläche 
fehlen,  aus  denen  wir  ermessen  könnten,  in  welcher  Periode  der 
grössere  Theil  jenes  Weges  zurückgelegt  worden  ist. 

Pappus  geht  hier  in  seiner  Betrachtung  von  Oberflächen  und  auf 
denselben  hervortretenden  Curven  doppelter  Krümmung  noch  weiter. 
Er  lässt  eine  sphärische  Spirale  entstehen,  indem  ein  grösster  Kugel- 
kreis um  seinen  Durchmesser  mit  gleichmässiger  Geschwindigkeit 
sich  dreht,  während  zugleich  ein  Punkt  mit  ebenfalls  gleichmässiger 
Geschwindigkeit  die  Peripherie  des  gedrehten  Kreises  durchläuft^), 
und  er  findet  die  Fläche  eines  durch  diese  sphärische-  Spirale  be- 
grenzten Stückes  der  Kugeloberfläche,  eine  Complanation,  welche 
unsere  Bewunderung  um  so  lebhafter  in  Anspruch  nimmt,  wenn  wir 
daran  denken,  dass  die  gesammte  Kugelfläche  zwar  seit  Archimed 
bekannt  war,  Stücke  der  Kugeloberfläche  aber  zu  messen,  wie  z.  B. 
sphärische  Dreiecke,  damals  und  noch  lange  später  eine  ungelöste 
Aufgabe  darstellte. 

Sätze  aus  der  Geometrie  der  Ebene,  welche  bei  Pappus  den  Leser 
überraschen,  finden  sich  namentlich  in  dem  VIL  Buche,  dessen  Inhalt 


')  Pappus  (ed.  Hultsch)  pag.  264  sqq.     Vergl.  Klügcls  Matheiuiitisches 
Wörterbuch  Bd.  IV,  S.  449  flgg. 


Sextus  Julius  Africanus.     Pappus  von  Alexandria.  423 

von  selbst  einlud,  Erweiterung  zu  jenen  feinen  Analysen  vorzunelimen, 
die  in  den  meistens  verlorenen  Schriften  eines  Euklid  und  Apollonius 
enthalten  gewesen  sein  müssen^).  Hier  findet  sich  in  den  Lemmeu 
zum  bestimmten  Schnitte  des  Apollonius  die  Lehre  von  der  Invo- 
lution von  Punkten,  in  den  Lemmen  zu  den  Berührungen  des  Apol- 
lonius die  Aufgabe,  durch  drei  in  einer  Geraden  gelegenen  Punkte 
ebensoviele  Gerade  zu  ziehen,  welche  ein  Sehnendreieck  in  einem  ge- 
gebenen  Kreise  bilden  (S.  419).  Hier  enthält  ein  Lemma  zu  den  Po- 
rismen des  Euklid  die  Lehre  von  der  Constanz  des  anharmonischen 
Verhältnisses  und  ein  Lemma  zu  den  Oertern  auf  der  Oberfläche  eben- 
desselben den  Satz,  dass  die  Entfernungen  eines  jeden  Punktes  irgend 
eines  Kegelschnittes  vom  Brennpunkte  und  der  zu  demselben  ge- 
hörigen Leitlinie  in  constantem  Verhältnisse  stehen,  was  Apollonius 
vielleicht  noch  nicht  gewusst  zu  haben  scheint  (S.  324).  Hier  ist 
in  den  Lemmen  zu  den  Berührungen  des  Apollonius  der  Lehre  von 
den  Aehnlichkeitspunkten  zweier  Kreise  soweit  vorgearbeitet,  als 
wenigstens  bekannt  ist,  dass  die  Verbindungsgerade  der  entgegen- 
gesetzten Endpunkte  paralleler  Halbmesser  zweier  sich  aus  serlich 
berührender  Kreise  durch  den  Berührungspunkt  geht  und  auch  der 
äussere  Aehnlichkeitspunkt    einer  Figur    entnommen    werden    kann-). 

Hier  endlich  spricht  Pappus  zu  den  Kegelschnitten  des  Apollonius 
die  Aufgabe  aus,  welcher,  seit  Descartes  die  Aufmerksamkeit  der 
Mathematiker  aufs  Neue  auf  sie  gelenkt,  der  Name  der  Aufgabe 
des  Pappus  vorzugsweise  geblieben  ist^).  Wenn  mehrere  gerade 
Linien  der  Lage  nach  in  einer  Ebene  gegeben  sind,  den  geometrischen 
Ort  eines  solchen  Punktes  zu  finden,  dass,  wenn  mau  von  ihm  Per- 
pendikel, oder  allgemein  Linien  unter  gegebenen  Winkeln,  nach  den 
gegebeneu  Geraden  zieht,  das  Produkt  gewisser  unter  ihnen  zu  dem 
Produkt  aller  übrigen  in  einem  coustanten  Verhältnisse  stehe. 

Aber  nicht  die  Geschichte  der  Mechanik  und  der  Geometrie 
allein  kann  aus  der  Sammlung  des  Pappus  ihre  merkwürdigen  Er- 
gebnisse schöpfen.  Auch  anderen  mathematischen  Lehren  ist  sie  eine 
wenn  auch  nicht  ganz  ebenso  ergiebige  Fundgrube.  Betrachten  wir 
z.  B.  eines  der  Lemmen  zum  Verhältnissschnitte  und  Raumschnitte 
des  Apollonius"^).  Wir  haben  (S.  252)  im  27.  Satze  des  VI.  Buches 
der  euklidischen  Elemente  die  Wahrheit  erkannt,  das  Produkt  zweier 
Theile,  in  welche  man  eine  gegebene  Grösse  theile,  werde  ein  Maxi- 
mum, wenn  die  Theile  eüiander  gleich  sind.  So  fest  wir  an  dieser 
Auffassung  des  betreffenden  Satzes  halten,  so  ist  immerhin  eine  Auf- 

^)  Für  das  Folgende  vergl.  namentlich  Chasles,  Apergn  hist.  33  —  44, 
deutsch  31  —  41.  ^)  Pappus  (ed.  Hultsch)  pag.  840  und  852.  ^)  Pappus 
(ed.    Hultsch)  pag.  678.     *)  Pappus  (ed.  Hultsch)  pag.  694. 


424  22.  Kapitel. 

tassung  dazu  erforderlich.  Der  Wortlaut  des  Satzes  sagt  nicht  aus- 
drücklich, was  wir  in  demselben  gefunden  haben.  Pappus  dagegen 
spricht  an  der  genannten  Stelle  jene  Wahrheit  klar  und  durchsichtig 
aus.     Sein  Beweis  lautet  in  Buchstaben  übertragen  folgenderraassen. 

Wird  a  in  zwei  Theile  zerlegt,  so  ist  der  eine  x   kleiner  als  —  und 

zwar  um  y.  Der  andere  Theil  ist,  wie  man  erkennt,  x  -{-  2ij  und 
das  Produkt  (xr  -\-  2xy   stets  kleiner  als  x^  ■\-  2xy  -{-  y'^  =  (x  -{-  yY, 

oder  kleiner  als  — ,  so  lange  y  von  Null  verschieden  ist. 

■i 

Pappus,  wissen  wir,  hat  der  Ausziehung  der  Quadratwurzeln 
seine  Aufmerksamkeit  zugewandt.  Er  hat  auch  die  Aufgabe  der 
Einschiebung  zweier  mittleren'  Proportionalen  zwischen  gegebene 
Grössen,  die  analytisch  zur  Kubikwurzelausziehung  führt,  aber  von 
den  Griechen  stets  geometrisch  bearbeitet  wurde,  an  zwei  ver- 
schiedenen Orten  im  III.  und  im  VIII.  Buche  verschiedenen  Schrift- 
stellern nachbehandelt.  Eine  solche  von  ihm  durchgesprochene  Lö- 
sung ist  besonders  merkwürdig,  weil  sie  falsch  ist,  und  Pappus  den 
Irrthum  durch  Rechnung  nachweist,  also  den  geometrischen  Gang 
zu  Gunsten  einer  arithmetischen  Prüfung  unterbricht.  Man  hat  ge- 
zeigt^), dass  jene  thatsächlich  unrichtige  Methode,  wenn  fortgesetzt 
angewandt,  eine  wirkliche  näherungs weise  richtige  Kubikwurzelaus- 
ziehung liefert,  und  damit  wäre  ein  ungemein  wichtiger  Fortschritt 
griechischer  Wissenschaft  enthüllt,  wenn  wahrscheinlich  gemacht 
werden  könnte,  dass  der  Erfinder  jenes  Verfahrens  wirklich  beab- 
sichtigte, Avas  nachträglich  aus  seinem  Versuche  gemacht  worden  ist. 
Wir  können  für  jetzt  nicht  daran  glauben,  weil  ein  Mann  wie  Pappus, 
gelehrt  und  geometrisch  gewandt  wie  kein  zweiter  seiner  griechischen 
Zeitgenossen,  sonst  wohl  kaum  mit  einer  gewissen  Geringschätzung 
von  jenem  Versuche  gesprochen  haben  würde. 

Zu  den  BerühTungen  des  Apollonius  macht  Pappus  zwei  Be- 
merkungen, von  welchen  wir  (S.  329)  andeutungsweise  redeten,  ihre 
eigentliche  Erwähnung  bis  hierher  aufsparend,  da  es  mindestens 
zweifelhaft  ist,  ob  wir  hier  dem  Apollonius  bereits  Bekanntes,  ob 
einen  Zusatz  des  Pappus  vor  uns  haben.  Pappus  sagt  nämlich,  aus 
drei  Elementen,  deren  jedes  beliebig  oft  gesetzt  werden  darf,   lasseii 

^)  Pappus  (ed.  Hultsch)  pag.  32  sqq.  Vergl.  Pendlebury,  On  a 
method  of  finding  two  mean  proportionals  im  Messenger  of  the  mathematics 
Ser.  2,  Tom.  II,  pag.  166  sqq.,  dann  Glaislier  in  dem  Jahrbuch  üher  die  Fort- 
schritte der  Mathematik  V,  244  und  beide  ergänzend  S.  Günther,  Antike 
Näherungsmethoden  im  Lichte  moderner  Mathematik  (aus  den  Abhandlungen 
der  K.  böhm.  Gesellschaft  der  Wissenschaften  VI.  Folge,  9.  Band.  Prag,  1878) 
S.  32—41  des  Sonderabdruckes. 


Sextus  Julius  Africanus.     Pappus  von  Alexandria.  425 

sich  zehn  Temen  und  nur  sechs  Amben  bilden^).  Das  sind  wahre 
combinatorische  Lehrsätze  von  einem  Mathematiker  verwerthet. 
Neben  der  Ursprungsfrage  bleibt  noch  eine  zweite  zu  stellen,  die 
wir  nicht  zu  entscheiden  wagen,  ob  die  beiden  Sätze  als  specielle 
Fälle,  ob  als  in  einer  allgemeinen  Hauptwahrheit  enthalten  bekannt 
waren.  Wir  neigen  der  Meinung  zu,  es  sei  nur  ersteres  der  Fall 
gewesen,  und  Pappus,  oder  wer  nun  die  Sätze  fand,  habe  durch 
thatsächliches  Bilden  der  Combinationsformen  sich  von  ihrer  An- 
zahl überzeugt. 

Die  drei  hauptsächlichen  Mittelgrössen  sind  schon  mehrfach  von 
uns  besprochen.  Wir  wissen,  dass  Nikomachus  von  Gerasa,  dass 
Theon  von  Smyrna  sich  mit  ihnen  beschäftigte,  aber  keiner  von 
beiden  leitete  so,  wie  Pappus  in  seinem  III.  Buche  es  thut^),  alle 
drei  dm'ch  eine  gleichmässige  Erzeugungsweise  ab.  Zwisches  a  und  c 
ist  Pappus  zufolge  eine  dritte  Grösse  &  arithmetisches,  geometrisches 
oder  harmonisches  Mittel,  je  nachdem  die  beiden  Differenzen  a  —  & 
und  h  —  c  in  dem  Verhältnisse  a  :  a  oder  a  :  h  oder  a  :  c  stehen. 

Wir  möchten  ferner  die  Aufmerksamkeit  unserer  Leser  auf  die 
dem  III.  Buche  angehörige  Aufgabe  lenken:  zu  einem  gegebenen 
Parallelogramme  ein  zweites  zu  finden,  so  dass  die  Seiten  des  zweiten 
zu  denen  des  ersten  in  einem  gegebenen  Längenverhältnisse  stehen, 
während  die  Flächenräume  in  einem  anderen  gleichfalls  gegebenen 
Verhältnisse  stehen  sollen^).  Die  Aufgabe  ist  an  sich  leicht  und 
eine  vollständig  bestimmte,  aber  sie  gewinnt  an  geschichtlicher  Trag- 
Aveite,  wenn  wir  sie  mit  jener  unbestimmten  Aufgabe  im  Buche  des 
Landbaues  vergleichen  (S.  304):  zwei  Kechtecke  zu  finden,  bei  welchen 
die  Summe  der  Seiten  in  einem,  die  Flächeninhalte  in  einem  anderen 
gegebenen  Verhältnisse  stehen  sollen,  eine  Aufgabe,  welche  uns  noch 
wiederholt  begegnen  wird,  und  deren  Ursprung  durch  das  blosse 
Vorkommen  im  heronischen  Buche  des  Landbaues  noch  keineswegs 
gesichert  ist,  da  grade  dieses  Buch  spätere  Einschiebungen  mit  grosser 
Wahrscheinlichkeit  vermuthen  lässt. 

Endlich  kommen  wir  auf  die  Multiplikatiousmethode  des  Apol- 
lonius  im  IL  Buche  des  Pappus  zurück  und  auf  eine  Bemerkung, 
welche  wir  bei  unserer  ersten  Erörterung  dieses  Verfahrens  (S.  331) 
dazu  machten.  Jene  Bemerkung  bezog  sich  auf  das  Auftreten  xter 
Myriaden.  Die  Allgemeinheit  der  Darstellung  beschränkt  sich  nicht 
auf  sie.  Bei  den  Zahlenbeispielen,  an  welchen  die  Multiplikation 
mit  Hilfe   der   Wurzelzahlen   gelehrt    wird,    kommen   natürlich  grie- 


')  Pappus  (ed.  Hultsch)  pag.  616  und  648.      ')  Pappus  (ed.  Hultsch) 
l^ag.  70  und  72.     ^)  Pappus    (ed.  Hultsch)  pag.  126  sqq. 


426  23.  Kapitel. 

chischer  Gewolinlieit  gemäss  Buchstaben  als  Vertreter  von  Zahlen 
vor.  Aber  neben  den  zu  diesem  Zwecke  verwandten  Buchstaben  des 
Alphabetes  erscheinen  auch  grosse  Buchstaben  in  der  Bedeutung 
allgemeiner  Zahlen.  So  ist  a  =  1,  /3  =  2,  y  =  3-,  d  =  4,  £  =  5, 
und  von  den  entsprechenden  grossen  Buchstaben  wird  angenommen, 
es  sei^)  A  =  20,  B  =  3,  T  =  4,  J  =  ö,  E  ==  6  und  Z  sei  die 
Wurzelzahl  von  Jl  oder  2.  Offenbar  ist  hier  ein  ungemeiner  Fort- 
schritt enthalten.  Es  ist  nicht  bloss  von  einer  gesuchten  Grösse, 
einem  Hau  der  Aegypter  die  Rede;  es  werden  nicht  bloss,  wie  in  dem 
Epantheme  des  Thymaridas,  zwei  Gattungen  von  Grössen,  gegebene 
und  unbekannte  unterschieden;  es  liegt  die  Möglichkeit  vor,  so  viele 
allgemeine  Grössen  als  es  nur  grosse  Buchstaben  gibt  zu  unter- 
scheiden, Operationen  an  ihnen  anzudeuten  und  damit  Regeln  selbst 
in  ihrer  Allgemeinheit  auszusprechen,  ohne  den  Leser  zu  nöthigen 
die  Regel  erst  aus  dem  besonderen  Beispiele  zu  abstrahiren.  Es  ist 
in  der  That  eine  Buchstabenrechnung.  Schon  Aristoteles  hat  (S.  240) 
eine  Kraft,  eine  Zeit  durch  einen  einfachen  Buchstaben  bezeichnet. 
Bezeichnungen  durch  einfache  Buchstaben  hat  man  auch  aus  Ciceros 
Briefen  nachzuweisen  vermocht^).  Aber  eine  so  freie  Bewegung  mit 
den  Symbolen  allgemeiner  Grössen  wie  im  II.  Buche  des  Pappus  ist 
doch  neu.  Dem  Vorgange  des  Aristoteles  gegenüber  ist  es  nicht  er- 
laubt ohne  weiteres  zu  leugnen,  dass  Apollonius  schon  diesen  ge- 
Avaltigen  Fortschritt  vollzog.  Es  ist  noch  weniger  gestattet  solches 
geradezu  zu  behaupten  und  anzunehmen  weder  ein  Geometer  noch 
ein  Arithmetiker,  kein  Heron,  kein  Nikomachus  seien  in  die  Füss- 
tapfen  des  Apollonius  getreten.  Vielleicht  ist  der  Fortschritt  in  zwei 
Bewegungen  erfolgt,  wenn  mau  uns  diese  Ausdrucks  weise  gestatten 
will.  Apollonius,  das  wissen  wir  aus  Pappus,  hat  sein  Verfahren 
geometrisch  dargestellt ''),  d.  h.  er  sprach  offenbar,  gleich  Euklid  an 
manchen  Stellen  der  Elemente,  von  Linien  und  Flächen,  wo  wir  von 
Zahlen  und  ihren  Produkten  zu  reden  gewohnt  sind.  Auch  Euklid 
bezeichnete  solche  Zahlenlinien  regelmässig  durch  eiufache  Buch- 
staben. Dieselbe  Gewohnheit,  sollten  wir  meinen,  habe  Apollonius 
gehabt;  er  habe  seine  Zahlenlinien  durchgängig  mit  je  einem  grossen 
Buchstaben  benannt.  Pappus,  vermuthen  wir  dann,  habe  die  Buch- 
staben beibehalten,  die  lineare  Versinnlichung  fallen  lassen.     So  war 

')  Pai)pus  (ed.  Hultscli)  pag.  8.  -)  Einstölae  ad  Atticum  Lib.  11, 
epiatoJa  3.  Wenn  dagegen  römische  Juristen  vielfach  die  Gewohnheit  hatten, 
statt  einer  unbestimmt  gelassenen  Zahl  decem  (A')  zu  schreiben,  z.  B.  dabo  X 
asses,  so  ist  diese  Gewohnheit  kaum  als  eine  Spur  allgemeiner  Grössenbezeich- 
nung  aufzufassen.  ')  rö  8h  yQafifiiyibv  vnb  xov  'AnoXlcoviov  SiSsiktki  bei  Pappus 
(ed.  Hultsch)  pag.  8. 


Die  Neuijlatoniker.    DiopLantus  Ton  Alexandria.  427 

der  Fortschritt  vielleicht  eiu  halb   uiibewusster;    aber  er  war  darum 

doch    gemacht,    und    die    Algebra    der    Zeitgenossen    wie    der  Nach- 
kommen koniite  Nutzen  davon  ziehen. 


23.  Kapitel. 
Die  Neuplatoniker.     Diophantus  von  Alexandria. 

Wir  sehen  in  diesem  Kapitel  Männer  auftreten,  deren  richtige 
Würdigung  kaum  möglich  ist,  ohne  dass  wir  ein  Anlehen  bei  der 
Geschichte  der  Philosophie  uns  gestatten '^).  Nicht  als  ob  wir  ge- 
sonnen wären  die  unterschiede  deutlich  zu  machen,  welche  zwischen 
dem  Neupythagoräismus,  von  welchem  wir  in  der  Einleitung  zum 
21.  Kapitel  (S.  399)  gesprochen  haben,  und  dem  Neupia tonismus, 
zu  welchem  Avir  uns  jetzt  wenden,  obwalten;  so  tief  dürfen  wir  in 
das  uns  fremde  Gebiet  nicht  eindringen-,  aber  die  Persönlichkeiten 
müssen  wir  wenigstens  kennen  lernen,  welche  im  Neuplatonismus 
tonangebend  waren,  und  die  vielleicht  ein  Recht  in  der  Geschichte 
der  Mathematik  mit  Ehren  genannt  zu  werden  nur  dadurch  ein- 
büssten,  dass  ihre  mathematischen  Schriften  verloren  gingen,  Schriften, 
deren  arithmetischer  Inhalt,  sofern  wir  nach  dem  Erhaltenen  auf  das 
Verlorene  schliessen  dürfen,  eine  Fortsetzung  dessen  darstellen  würde, 
was  die  Neupythagoräer  Nikomachus  und  Theon  uns  zu  entwickeln 
nöthigten.  Noch  in  einem  anderen  Berührungspunkte  treffen  die 
Neuplatoniker,  von  denen  wir  besondere  mathematische  Erinnerung 
besitzen,  mit  den  genannten  neupythagoräischen  Arithmetikern  über- 
ein. .  Wie  Gerasa  und  Smyrna,  so  gehört  die  Heimath  des  Porphyrius, 
des  Jamblichus  dem  asiatischen  Welttheile  an,  und  gehen  wir  von 
dem  Satze  aus,  dass  sich  häufende  Zufälligkeiten  wahrscheinlich 
ähnlichen  Gründen  entstammen  und  damit  aufhören  Zufälligkeiten  zu 
sein,  so  werden  wir  die  Thatsache  uns  zu  bemerken  haben,  dass 
vorderasiatische  Philosophen,  welche  der  Mathematik  sich  zuwandten, 
vorzugsweise  Arithmetiker  wurden.  Eine  Begründung  dieser  That- 
sache aber  zu  geben  reichen  die  heutigen  Mittel  nicht  aus.  Kaum 
anzudeuten  wagen  wir,  dass  es  heimathliche  Einflüsse  gewesen  sein 
dürften,  die  diese  bestimmte  Geistesrichtung  hervorbrachten,  heimath- 
liche Einflüsse,  die  aber  jedenfalls  nach  Zeit  und  Ort  weiter  verfolg- 
bar sein  müssen,  in  eine  vielleicht  graue  Vergangenheit,  in  weiter 
östlich  liegende  Gegenden. 

')  Uusere  Hauptquelle:  Zeller,  Die  Philosophie  der  Griechen  in  ihrer  ge- 
schichtlichen Entwicklung  III.  Theil,  2.  Abtheilung  (2.  Auflage)  1868,  citiren  wir 
als  Zeller  IIL  2. 


428  23.  Kapitel. 

Der  Verkehr  mit  diesem  Osten,  selbst  mit  dem  äussersten  Osten, 
war  wenn  auch  kein  lebhafter  doch  immer  vorhanden.  Alexandri- 
uische  Handelskarawanen  wagten  sich  nach  Indien;  aber  auch  indische 
und  chinesische  Gesandtschaften  erschienen  bei  römischen  Kaisern. 
Der  Hof  des  Augustus,  des  Claudius,  des  Trajan,  des  Constantin  des 
Grossen,  des  Julianus  hat  solche  Botschafter  fremdartigster  Gestalt 
gesehen^).  In  H.  S.  n.  Chr.  soll  Scythianus  magische  Schriften 
aus  Indien  nach  Alexandria  g'ebracht  haben,  die  dort  gierig  ver- 
schlungen wurden.  In  eben  diese  Zeit  fällt  die  Gründung  der  neu- 
platonischen Schule  in  Alexandria  durch  Ammonius.  Ammonius 
aber  war  der  Lehrer  des  Plotinus,  eines  Aegypters,  in  dem  imn- 
mehr  die  Neigung  aus  den  orientalischen  Quellen  selbst  zu  schöpfen 
so  lebhaft  erwachte,  dass  er  39  Jahre  alt  dem  Heere  sich  anschloss, 
welches  unter  Gordian  gegen  die  Perser  zu  Felde  zog.  Die  selb- 
ständige Wirksamkeit  des  Plotinus  entfaltete  sich  in  Rom,  wo  er 
etwa  244  als  Lehrer  auftrat  und  eines  grossen  Zulaufs  sich  erfreute, 
bis  er  270  in  Campanien  einer  lange  dauernden  Krankheit  erlag. 

Der  Lieblingsschüler  Plotins  erhielt  den  Auftrag  die  Schriften 
des  Lehrers  zu  sammeln  und  herauszugeben.  Es  war  der  Tyrier 
Malchus,  der  etwa  232  auf  asiatischem  Boden  geboren  zuerst  in 
Athen  unter  einem  Philosophen  Longinus,  der  für  uns  kein  weiteres 
Interesse  besitzt,  studirte,  dann  nach  Rom  zu  Plotinus  gelangte  und 
dort  den  Namen  Porphyrius  erhielt,  unter  welchem  er  uns  schon 
Aviederholt  vorgekommen  ist.  Porphyrius  erreichte  jedenfalls  ein 
hohes  Alter,  da  er  selbst  von  einem  Vorfalle  aus  seinem  6S.  Lebens- 
jahre erzählt  hat,  und  somit  sicherlich  erst  nach  300  gestorben  ist. 
Er  war  ausser  in  Rom,  wohin  er  am  Ende  seiner  Laufbahn  nochmals 
zurückkehrte,  auch  in  Sicilien  schriftstellerisch  und  als  Lehrer  thätig. 
Von  seinen  Schriften  haben  Avir  das  Leben  des  Pythagoras  soAvie  den 
Commentar  zu  der  Musik  des  Ptolemäus  als  Quelle  mancher  werth- 
vollen  geschichtlichen  Angabe  kennen  gelernt.  Die  letztere  Schrift 
ihrem  eigentlichen  wissenschaftlichen  Inhalte  nach  zu  besijrechen 
haben  wir  keine  Veranlassung.  Wichtiger  wären  vielleicht  für  die 
Geschichte  der  Sternkunde  und  ihrer  Ausartungen  die  astrologischen 
Anklänge,  welche  bei  Porphyrius  vorhanden  sind,  welche  von  da  an 
unter  den  Neuplatonikern  nicht  verhallen,  von  welchen  aber  auch 
schon  Ptolemäus,  der  strenge  Forscher,  nicht  frei  war;  ihrem  Ur- 
sprimge  nachgehend  könnte  man  möglicherweise  zu  auch  anderwärts 

')  Vergl.  Reinaud,  lielations  polüiques  et  commerciales  de  Vempire  Romain 
avec  l'Asie  centrale  im  Journal  Äsiatique,  6.  sörie,  T.  I  (1863)  und  eine  Notiz 
vou  Woepcke  in  demselben  Bande  pag.  458  mit  Berufung  auf  Wilson, 
^'ishnu  Purana.     London,  1840  in  4",  pag.  VIII  und  IX. 


Die  Neuplatoniker.     Diopliantus  von  Alexandria.  429 

verwerthbareu  Ergebnissen  gelangen.  Von  Geometrischem,  was  Por- 
pbyrius  geschrieben,  ist  uns  nur  Weniges  in  des  Proklus  Commen- 
tare  zu  dem  ersten  Buche  der  euklidischen  Elemente  erhalten^)  und 
dieses  Wenige  ist  nicht  von  solcher  Bedeutung,  dass  wir  dabei  zu 
verweilen  hätten. 

Zwei  Schüler  des  Porphyrius  werden  als  bedeutendste  genannt. 
Der  ältere,  ein  gewisser  Anatolius,  scheint  häufig  aber  mit  Unrecht 
mit  dem  Peripatetiker  gleichen  Namens  verAvechselt  worden  zu  sein, 
welcher  seit  270  Bischof  von  Laodicea  war.  Der  Neuplatoniker 
Anatolius,  von  welchem  mancherlei  mystisch-arithmetische  Bruch- 
stücke an  verschiedenen  Orten  sich  erhalten  haben,  dürfte  gar  nicht 
Christ  gewesen  sein.  Ausserdem  muss  er  eine  philosopische  Lehr- 
thätigkeit  zu  einer  Zeit  noch  ausgeübt  haben,  als  jener  andere 
Anatolius  durch  die  Pflichten  seines  bischöflichen  Amtes  vollauf  in 
Anspruch  genommen  war,  wenn  er  überhaupt  noch  lebte.  Sein 
Schüler  und  erst  später  Schüler  des  ihnen  somit  gemeinsamen  Lehrers 
Porphyrius,  war  nämlich  der  zweite,  den  wir  zu  nennen  haben: 
Jamblichus. 

Jamblichus  ist  aus  reicher  und  angesehener  Familie  zu  Chalcis 
in  Cölesyrien  geboren,  also  Vorderasiate,  wie  wir  oben  bemerkten. 
Er  folgte  wahrscheinlich  in  Rom  dem  Unterrichte  des  Anatolius  und 
des  Porphyrius,  als  dieser  aus  Sicilieu  wieder  zurückgekehrt  war. 
Später  verlegte  Jamblichus  seinen  Aufenthalt  in  seine  syrische  Hei- 
math, wo  er  selbst  schulebildend  auftrat.  So  sehr  seine  Anhänger 
ihn  verehrten,  —  den  Göttlichen  nannte  ihn  die  Schule  —  so  sind 
doch  die  Angaben  über  seine  Lebenszeit  von  Widersprüchen  be- 
haftet^). Au  und  für  sich  könnte  es  ja  richtig  sein,  dass  er  am 
Ende  des  IlL  S.  in  Rom  zu  den  Füssen  des  Porphyrius  sass,  dass 
er  während  der  Regierung  Constantin  des  Grossen  (SOG  —337)  wirkte, 
dass  noch  Kaiser  Julianus  Apostata  (361  —  363)  in  Briefwechsel  mit 
dem  greisen  Philosophen  stand.  Wie  aber  will  man  dann  begreiflich 
machen,  dass  Kaiser  "Constantin  den  Sopater,  einen  Schüler  des  Jamb- 
lichus, der  erst  nach  des  Lehrers  Tode  an  den  Kaiserhof  kam,  hin- 
richten Hess,  wie  damit  wieder  in  Einklang  bringen,  dass  Kaiser 
Julianus  in  einem  seiner  Briefe  von  Sopater  als  eineui  damals  noch 
lebenden  Schüler  des  Jamblichus  redet?  Soll  man  wirklich  den  Tod 
des  Jamblichus  etwa  auf  330  setzen,  die  Briefe  des  Julian  an  Jamb- 
lichus   für    untergeschoben    erklären?    Wir    verzichten    auf   die   Ent- 


^)  Die  betreffenden  Stellen  sind  mit  Hilfe  des  Namensverzeichnisses  der 
Priedlein'sclien  Proklusausgabe  leicht  aufzufinden.  ^)  Zeller  III,  2,  613, 
Anmerkung  2. 


430  22.  Kapitel.  , 

Scheidung  dieser  Fragen,  Avelche  eine  grosse  Wichtigkeit  für  uns 
nicht  besitzen.  Dass  Jamblichus  unzweifelhaft  am  Anfange  des 
IV.  S.  lebte,  genügt  uns.  Wie  lange  Jamblichus  im  IV.  S.  seine 
Thätigkeit  fortsetzte,  ist  uns  ziemlich  gleichgiltig. 

Von  den  Werken  des  Jamblichus')  kümmern  uns  vorzugsweise 
einige  Bücher,  welche  zwar  getrennt  von  einander  herausgegeben 
worden  sind,  aber  ursprünglich  ein  einziges  Werk  von  zehn  Büchern 
bildeten  und  den  Gesammttitel:  Sammlung  der  pythagoräischen 
Lehren,  evvayoyr]  zäv  TtvQayoQtxcov  öoy^dxcov ,  führten.  Das 
I.  Buch  enthielt  das  Leben  des  Pythagoras,  das  IL  eine  Einleitung 
in  die  Philosophie,  das  III.  eine  solche  in  die  Mathematik,  das 
IV.  Erläuterungen  zu  Nikomachus,  das  V.  Physikalisches,  das  VI. 
Ethisches,  das  VII.  theologisch-arithmetische  Auseinandersetzungen, 
das  VIII.  eine  Musik,  das  IX»  eine  Geometrie,  das  X.  eine  Sphärik. 
Die  kleinere  Hälfte  des  Werkes,  das  L,  IL,  III.,  IV.  Buch  haben  sich 
erhalten^),  die  andere  Hälfte  ist  verloren  gegangen.  Der  wesentliche 
Inhalt  des  VH.  Buches  mag  allerdings  von  einem  späteren  unbe- 
kannten Verfasser  in  die  erhaltene  Schrift  Theologumena  Arithmeticae 
hineingearbeitet  worden  seiu^).  Verloren  ist  auch  ein  Werk  über 
Chaldäisches ,  aus  dessen  28.  Buche  eine  Notiz  sich  erhalten  hat, 
woraus  auf  den  grossen  Umfang  des  Werkes  ein  Schluss  gezogen 
werden  kann.  An  ihm  dürfte  die  Geschichte  der  Wissenschaften 
überhaupt,  der  Mathematik  insbesondere,  viel  eingebüsst  haben,  und 
jedenfalls  reicht  dessen  einstmaliges  Vorhandensein  aus,  die  Glaub- 
würdigkeit dessen,  was  Jamblichus,  der  sich  somit  ejwiesenermassen 
mit  den  chaldäischen  Ueberlieferungen  beschäftigt  hatte,  über  den 
Ursprung  mancher  mathematischen  Sätze  in  Babylon  berichtet, 
wesentlich  zu  erhöhen.  Die  sonstigen  vielen  Schriften,  welche  Jamb- 
lichus mit  Recht  oder  Unrecht  beigelegt  werden,  welche  theils  ganz 
verloren,  theils  in  Bruchstücken  vorhanden  sind,  haben  für  uns  keine 
weitere  Bedeutung. 

Von  den  zehn  Büchern  pythagoräischer  Lehren  haben  wir  das  IV., 
welches  schon  mehrfach  von  uns  ausgebeutet  worden  ist,  dem  wir 
z.  B.  das  Epanthem  des  Thymaridas  entnahmen,  noch  nach  der 
Richtung  hin  zu  prüfen,  was  wohl  in  den  Erläuterungen  zur  Arith- 
metik des  Nikomachus,  die  übrigens  nichts  weniger  sind  als  ein  fort- 
laufender Commentar  zum  Texte  des  zu  erklärenden  Werkes,  erwähnens- 


')  Zeller  III,  2,  G15,  Anmerkung  2.  -)  Buch  I  ist  am  besten  von  Kiess- 
ling,  Leipzig,  1815,  Buch  II  von  ebendemselben,  Leipzig,  1813,  herausgegeben, 
Buch  III  ist  bei  Ansse  de  Villoison,  Änecdota  Gracca  Bd.  II.  Venedig,  1781 
abgedruckt.  Buch  IV  gab  Tennulius  heraus.  Arnheim,  1668.  ^)  Ssoloyoii- 
litva  xfjs  aQiQfnqziyiijg  ed.  Fr.  Ast.     Leipzig,  1817. 


Die  Neuplatoniker.     Diophantus  von  Alexandria.  431 

werth  sein  möchte,  und  als  älteren  Schriftstellern  nicht  überweisbar 
dem  Jamblichus  angehören  könnte.  Da  ist  freilich  das  Auszu- 
zeichnende ungemein  dürftig.  Der  Satz,  dass  jede  Dreieckszahl  mit 
8  vervielfacht  und  alsdann  noch  um  die  Einheit  vermehrt  zur  Quadrat- 
zahl werde,  ist  keinenfalls  des  Jamblichus  Eigenthum,  da  derselbe 
mindestens  schon  bei  Plutarch  im  I.  S.  n.  Chr.  vorkommt  (S.  157). 
Auch  was  Jamblichus  von  Seiten  und  Diametralzahlen  weiss,  kennen 
wir  schon  von  Theon  von  Smyrna  her.  Ihm  dagegen  gehört  viel- 
leicht der  Satz  an,  dass  jede  Zahl  mit  einer  der  beiden  ihr  zunächst 
liegenden  gleichartigen  (d.  h.  grade  mit  graden,  ungrade  mit  ungraden) 
vervielfacht  unter  Hinzufügung  der  Einheit  zu  dem  Produkte  ein 
Quadrat  gibt,  und  zwar  ein  grades  Quadrat  wenn  man  von  uugradeu, 
ein  ungrades  wenn  man  von  graden  Faktoren  ausgingt),  ein  Satz,  der 
freilich  keines  weiteren  Beweises  bedarf,  als  der  sich  aus  der  Identität 
a(a  -f  2)  +  1  =  (a  +  1)-  ergibt. 

Jamblichus  darf  sich  wohl  auch  die  Erfindung  zuschreiben,  welche 
jede  Quadratzahl  in  ihrer  Entstehung  als  Summe  zweier  auf  einander 
folgenden  Dreieckszahlen  mit  dem  Bilde  einer  Rennbahn  vergleicht-). 
Von  der  Einheit  als  Schranke  durchläuft  man  alle  Zahlen  bis  zu  einem 
Wendepunkte  «,  von  wo  aus  auf  der  anderen  Seite  wieder  durch 
die  sämmtlichen  Zahlen  die  Rückkehr  zur  Einheit  als  Ziel  erfolgt; 
d.  h.  1  4-  2  +  •  •  -f  (a  -  1)  -f  a  -f  (a  —  1)  +  •  •  +  2  -f  1  =  a-'. 
Daneben  weiss  Jamblichus  auch,  dass  l  -{-  2  -\-  ■  ■  -{-  (a  —  l)-j-a-|- 
(a  —  2)  -f-  •  •  +  2  =  (ö5  —  1)  ■  a  eine  heteromeke  Zahl  wird,  und 
stellt  auch  diese  Vorwärts-  und  Rückwärts summirung,  bei  der  freilich 
beim  Zurückgehen  ein  Sprung  von  a  nach  a  —  2  erfolgt,  und  ausser- 
dem das  Ziel  bei  2  und  nicht  bei  1  ist,  an  dem  Bilde  einer  Renn- 
bahn dar.     Ja  er  hetzt  das  Bild  einer  Rennbahn  zu  Tode,   indem  er 

vonl-f-2  +  3H [-9-1-  10 -f  9  H h3  +  2+l  =  100  durch 

Vervielfachmig  jeder  Zahl  mit  10,  mit  100  u.  s.  w.  zu  1000,  zu 
10  000  u.  s.  w.  gelangt  und  die  Zahlen  1,  10,  100,  1000  die  Einheiten 
des  ersten,  des  zweiten,  des  dritten,  des  vierten  Ganges  mit  den 
Pythagoräern  nennt,  woraus  hervorgeht,  dass  den  Pythagoräern 
ein  genaues  Bewusstsein  des  dekadischen  Zahlensystems  innewohnte, 
wie  es  auch  aus  dem  Begriff  der  Wurzelzahlen  bei  ApoUouius  deut- 
lich hervorgeht.  Die  Wurzelzahlen  selbst,  aber  nicht  Pythmenes, 
sondern  Einheit,  novdg,  genannt,  spielen  in  einem  letzten  Satze  des 


^)  Jamblichus  in  Nicomachum  (ed.  Tennulius)  pag.  127.  Vergl. 
Nesselinann,  Algebra  der  Griechen  S.  236,  Anmerkung  70.  ^)  Für  diese  und 
die  folgenden  Bemerkungen  zu  Jamblichus  vergl.  Nesselmann,  Algebra  der 
Griechen  S.  237—242. 


432  23.  Kapitel. 

Jamblichus  eine  Rolle.  Addirt  man  drei  in  der  natürliclien  Zahlen- 
reihe unmittelbar  auf  einander  folgende  Zahlen,  deren  grösste  durch 
3  theilbar  ist,  nimmt  die  Ziffernsumme  der  Summe  (d.  h.  bei  Jamb- 
lichus die  Summe  der  Monaden),  von  dieser  Ziffernsumme  abermals 
die  Ziffernsumme  u.  s.  f.,  so  gelangt  man  endlich  zu  der  letzten 
Ziffernsumme  6.  So  erweist  sich  uns  Jamblichus  immerhin  als  er- 
träglicher, wenn  auch  nicht  als  bedeutender  Arithmetiker.  Bedürfte 
der  negative  Theil  dieses  Ausspruches  einer  Bestätigung,  so  könnten 
wir  sie  in  dem  Tadel  finden,  den  Jamblichus  gegen  Euklid  sich  er- 
laubt, weil  derselbe  die  Zahl  2  eine  Primzahl  nenne,  während  es  nach 
Nikomachus  nur  ungrade  Primzahlen  gebe. 

Der  Zeit  des  Jamblichus  gehören  möglicherweise  die  arith- 
metischen Ej)igramme  der  griechischen  Anthologie  an^). 
Sammlungen  kleiner  griechischer  Gedichte  wurden  seit  dem  letzten 
Jahrhundert  vor  Christi  Geburt  vielfach  zusammengestellt.  Aber  was 
damals,  was  später  während  der  Regierungen  Trajans,  Hadrians  ge- 
sammelt wurde,  ist  verloren  gegangen.  Nur  die  Erinnerung  daran 
ist  geblieben,  nur  was  theilweise  mit  Anlehnung  an  diese  Vorgänger 
am  byzantinischen  Hofe  zuerst  im  X.  S.  von  Constahtin  Krephalas, 
dann  wiederholt  in  der  ersten  Hälfte  des  XIV.  S.  von  Maximus 
Planudes,  einem  Vielschreiber,  welcher  uns  noch  mehrmals  als  Ver- 
fasser mathematischer  Schriften  begegnen  wird,  zu  einer  Blumenlese 
vereinigt  worden  ist.  Darunter  findet  sich  nun  eine  grosse  Anzahl 
algebraischer  Räthself ragen.  Wir  haben  (S.  271)  das  sogenannte 
euklidische  Epigramm  von  den  beladenen  Thieren  kennen  gelernt;  es 
steht  in  der  Anthologie.  Das  Rinderproblem  des  Archimed  (S.  297) 
steht  nicht  in  derselben ,  gehört  aber  seinem  Inhalte  wie  der  dichte- 
rischen Einkleidung  nach  gleichfalls  hierher,  und  mau  wird  vielleicht 
nicht  irre  gehen,  wenn  man  Inhalt  und  Form  der  Epigramme  von 
einander  trennt,  letztere  erheblich  später  als  ersteren  entstehen  lässt. 
Für  mehrere  von  den  algebraischen  Epigrammen  gilt  Metrodorus 
als  Verfasser  und  da  dieser  unter  Constantin  dem  Grossen  gelebt 
haben  soU^),  so  wählten  wir  diese  Stelle,  um  von  den  Ejjigrammen 
zu  reden.  Wir  wollen  freilich  nur  zwei  derselben  hervorheben,  welche 
eine  gewisse  Bedeutung  z\i  besitzen  scheinen. 

Wir  meinen  erstens  eine  Brunnenaufgabe,  wemi  dieses  Wort  den 


')  Die  besten  Ausgaben  der  Anthologie  von  Friedr.  Jacobs  in  8  Bänden 
(Leipzig,  1813 — 17)  und  von  Brunck.  Die  47  arithmetischen  Epigramme  hat 
Zirkel  in  einem  bonner  Gymnasialprogramme  vom  Herbst  1853  mit  deutscher 
Uebersetzung  und  einigen  Erliluterungen  herausgegeben.  Vergl.  auch  Nessel- 
mann, Algebra  der  Griechen  S.  477  flgg.  ^)  Jacobs,  Comment.  in  Antliölogiqm 
Graecam  T.  XIII,  pag.  917. 


l)ie  Neuplatoniker.     Diophantus  von  Alexandria.  433 

Sinu  behalten  soll,  unter  welchem  wir  es  (S.  363)  bei  Besprechung 
der  Ausmessungen  des  Heron  eingeführt  haben: 

Vier  Springbrunnen  es  gibt.  Die  Cisterne  anfüllet  der  erste 
Täglich;  der  andere  braucht  zwei  Tage  dazu,  und  der  dritte 
Drei,  und  der  vierte  gar  vier.     Welche  Zeit  nun  brauchen  zugleich  sie? 

Wir  meinen  zweitens  ein  Epigramm,  welches  seinem  Gegenstände 
nach  an  die  Kronenrechnung  des  Archimed  erinnert,  durch  die  Art 
aber,  wie  die  gegebenen  Grössen  in  ihm  mit  den  Unbekannten  ver- 
bunden sind,  die  Anwendung  des  Epanthems  des  Thymaridas  erheischt: 

Schmied'  mir  die  Krone  und  menge  das  Gold  mit  dem  Kupfer  zusammen, 
Füg'  auch  Zinn  noch  hinzu  sammt  sorglich  bereitetem  Eisen. 
Sechzig  der  Mienen  sie  hab'  an  Gewicht.     Zwei  Drittel  der  Ki-one 
Wiege  das  Gold  mit  dem  Kupfer  gemengt;  drei  Viertel  dagegen 
Gold  mit  dem  Zinn  im  Gemisch;  drei  Fünftel  betrage  das  Gold  noch, 
Wenn  du  es  fügst  zu  dem  Eisen.     Wohlan!  nun  sage  mir  pünktlich, 
Was  du  an  Gold  musst  nehmen  und  Kuj)fer,  zu  treffen  die  Mischung; 
Wie  viel  Mienen  an  Zinn;  auch  nenne  die  Masse  des  Eisens, 
Dass  du  zu  schmieden  vermagst  von  sechzig  der  Mienen  die  Krone. 

Ist  unsere  Zeitangabe  richtig,  d.  h.  hat  Metrodorus  der  Regierungs- 
zeit Constantin  des  Grossen,  mithin  dem  ersten  Drittel  des  IV.  S. 
angehört,  und  verfasste  er  wirklich  alle  Epigramme,  die  unter  seinem 
Namen  laufen,  so  beweist  eines  derselben,  dass  der  Mann,  nach  dessen 
Tode  erst  es  angefertigt  worden  sein  kann,  der  strengen  Zeitfolge 
nach  wahrscheinlich  vor  Jamblichus  hätte  besprochen  werden  müssen. 
Weil  aber  Jamblichus  von  den  Neuplatonikern  nicht  zu  trennen  ist, 
weil  er  ausserdem  in  seinen  Schriften  durch  die  Leistungen  des 
Mathematikers,  von  dem  wir  reden  wollen,  nicht  im  Geringsten  be- 
einflusst  worden  ist,  so  sei  aus  diesen  Gründen  die  Abweichung  von 
der  Zeitfolge  nachträglich  entschuldigt.  Wir  wenden  uns  also  jetzt 
erst  zu  Diophantus  von  Alexandria^). 

Der  Name  dieses  Schriftstellers  war  selbst  dem  Zweifel  unter- 
worfen, so  lange  man  in  griechischer  Sprache  nur  die  Genitivform 
kannte,  welche  ebensowohl  von  einer  Endung  r}g  als  og  sich  herleiten 
konnte.  Man  berief  sich  aber  auf  die  arabische  Form  des  Namens, 
welche  mit  der  hier  benutzten  übereinstimmt  und  fand  alsdann  volle 
Bestätigung  in   einer  Stelle  des  Commentars  Theons  von  Alexandria 


^)  Ueber  Diophant  hat  Cossali,  Origine,  trasporto  in  Italia,  priini  pro- 
gressi  in  essa  delV  algebra  I,  56 — 95.  Parma,  1797,  gehandelt;  dann  Otto 
Schulz  in  der  Einleitung  und  den  Anmerkungen  zu  seiner  deutschen  Ueber- 
setzung  des  Diophant.  Berlin,  1822;  Nesselmann,  Algebra  der  Griechen 
S.  243—476.  Hankel  157  — 171.  T.  L.  Heath,  Diophantos  of  Alexandria. 
Cambridge,  1885.  P.  Tannery  in  der  Bibliotheca  mathcmatica  1887  pag.  37 — 4n, 
81—88,  103—108  und  1888  pag.  3—6. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik  T.     2.  Aufl.  28 


434  23.  Kapitel. 

zum  ersten  Buche  des  Alniagestes,  wo  unzweideutig  ^Lotpavzo?  stellt 
und  unser  Algebraiker  gemeint  sein  muss,  weil  es  sieh  bei  Theon^) 
um  einen  Satz  handelt^  der  bei  Diophant  wirklich  in  dem  dort  an- 
gegebenen Wortlaute  vorkommt.  Der  gleichen  Form  z/i6q)avtog  hat 
sich  auch  Johannes  von  Jerusalem  bedient^).  Am  Ende  des  VIII.  S. 
lebte  nämlich  Johannes  von  Damaskus,  der  gleich  seinem  Vater 
Sergius  als  Christ  Schatzmeister  des  Chalifen  'AbdAlmelik  Avar.  Er 
zog  sich  jedoch  bald  in  das  Kloster  Saba  zurück,  wo  er,  wie  die 
Einen  sagen,  780,  nach  anderer  Meinung  760  gestorben  ist^).  Das 
Leben  dieses  Johannes  von  Damaskus  hat  nun  sein  jerusalemitischer 
Namensgenosse  beschrieben  und  ihm  dabei  nachgerühmt,  er  sei  in 
der  Geometrie  so  bewandert  gewesen  wie  Euklid,  in  der  Arithmetik 
wie  Pythagoras  und  Diophantus. 

Für  das  Leben  des  Diophantus  siud  uns  zwei  weit  getrennte 
Grenzen  gegeben.  Damit  Theon  seiner  erwähnen  konnte,  müssen 
seine  Schriften  spätestens  um  370  vorhanden  gewesen  sein.  Damit 
er  Hypsikles  nennen  konnte,  dessen  Definition  der  Vieleckszahlen  er 
uns  aufbewahrt  hat  (S.  345),  muss  er  später  als  180  v.  Chr.  gelebt 
haben.  So  ist  ein  Zwischenraum  von  ganzen  550  Jahren  gewonnen, 
in  welchem  Diophant  unterzubringen  ist.  Die  Gründe,  weshalb  man 
früher  vermuthete,  Diophant  müsse  ganz  am  Ende  der  überhaupt 
möglichen  Zeit  gelebt  haben,  sind  theils  negative,  theils  ein  positiver. 
Negativ  Hess  man  sich  dadurch  bestimmen,  dass  weder  bei  Niko- 
machus,  noch  bei  Theon  von  Smyrna,  noch  bei  Jamblichus  eine  Er- 
wähnung des  Diophant  oder  seiner  Lehren  aufgefunden  worden  ist, 
so  nahe  dieselbe  grade  diesen  Schriftstellern  gelegen  hätte,  dass  über- 
haupt eine  Einwirkung  des  Diophant  auf  griechische  Arithmetik 
nicht  nachzuweisen  ist,  was  nur  dann  begreiflich  erscheine,  wenn 
man  annehme,  er  habe  erst  nach  den  Männern  gelebt,  welche  ihn 
einigermassen,  wenn  auch  nicht  vollkommen  zu  verstehen  im  Stande 
waren.  Dazu  kommt  dann  das  positive  Zeugniss  des  Abulpharagius, 
eines  syrischen  Geschichtsschreibers  aus  dem  XIIL  S.,  Diophant  sei 
Zeitgenosse  des  Julianus  Apostata  gewesen,  welcher  361  —  363 
regierte.  Der  einzige,  aber  für  uns  den  Ausschlag  gebende  Gegen- 
grund ist  der,  den  wir  oben  schon  berührten,  und  der  auf  einem 
Epigramme  über  die  Lebensdauer  des  Diophant  beruht.  Wenn  dieses 
wirklich,  wie  in  der  Anthologie  angegeben  ist,  von  Metrodorus 
herrührt,   und  wenn  Metrodorus  unter    Const antin    dem    Grossen 

')  Theon  d'Alexandrie  (ed.  Halma)!,  111.  '')Vossiu3,  De  scientiis 
inathematicis  (Amsterdam,  1650)  pag.  432  hat  die  betreifenden  Worte  abgedruckt 
und  citirt  dafür  „pag.  683  edit.  Basil."  *)  A.  von  Eremer^  Kulturgeschichte 
des  Orientes  11,  402—403  (Wien,  1877). 


• 


Die  Neuplatoniker.     Diopliantus  von  Alexandria.  435 

lebte,  so  inuss  auch  Diopliant  so  spät  als  möglich  gesetzt  am  An- 
fange des  IV.  S.  gelebt  haben,  später  als  Nikomachus  und  als  Theon 
von  Smyrna,  dagegen  nicht  später  als  Jamblichus,  mid  so  ist  die 
mangelnde  Einwirkung  auf  die  beiden  ersteren  durch  die  Lebenszeit, 
auf  Jamblichus  dadurch  erklärt,  dass  dieser,  wenn  er  Diophants 
Schriften  kannte,  sie  nicht  verstand.  Eben  dieses  bleibt  richtig, 
wenn  Diophant  gar  in  die  erste  Hälfte  des  III.  S.  zurückverlegt  wird  ^). 
Jenes  Epigramm  enthält  alles,  was  wir  von  den  persönlichen 
Verhältnissen  des  Diophantus  wissen. 

Hier  dies  Grabmal  deckt  Diophantus.     Schauet  das  Wunder! 

Durch  des  Entschlafenen  Kunst  lehret  sein  Alter  der  Stein. 

Knabe  zu  sein  gewährte  ihm  Gott  ein  Sechstel  des  Lebens; 

iSIoch  ein  Zwölftel  dazu,  sprosst'  auf  der  Wange  der  Bart; 

Dazu  ein  Siebentel  noch,  da  schloss  er  das  Bündniss  der  Ehe, 

Nach  fünf  Jahren  entsprang  aus  der  Verbindung  ein  Sohn, 

Wehe  das  Kind,  das  vielgeliebte,  die  Hälfte  der  Jahre 

Hatt'  es  des  Vaters  erreicht,  als  es  dem  Schicksal  erlag. 

Drauf  vier  Jahre  hindurch  durch  der  Grössen  Betrachtung  den  Kummer 

Von  sich  scheuchend,  auch  er  kam  an  das  irdische  Ziel. 

Demgemäss  hat  er  zu  33  Jahren  sich  verheirathet,  zu  38  Jahren 
einen  Sohn  bekommen,  der  selbst  nur  42  Jahre  alt  wurde,  und  ist 
mit  84  Jahren  gestorben.  Wer  aber  Diophantus  von  Alexandria  war, 
darüber  sagt  uns  auch  das  kleine  niedlich  erfundene  Räthselgedicht 
nicht  das  mindeste.  Es  fällt  in  das  Gebiet  der  durchaus  ungestützten 
Vermuthungen,  wenn  man  hat  behaupten  wollen,  Diophant  von 
Alexandria  habe  in  dieser  Stadt  nur  seinen  Wohnsitz  orehabt  und 
sei  selbst  gar  nicht  Grieche  gewesen,  so  wenig  wie  seine  Wissen- 
schaft griechischen  Ursprunges  sei.  Die  Möglichkeit  dieser  Annahme 
ist  nicht  ausgeschlossen;  man  kann  ihr  beipflichten  ohne  in  bestimmter 
Weise  Widerlegung  zu  finden;  aber  sie  ist  nicht  nothwendig.  Er- 
innern wir  uns  der  algebraischen  Begriffe,  welche  wachsend  und  an 
Gewicht  zunehmend  bei  Euklid,  bei  Archimed,  bei  Heron,  bei  den 
Neupythagoräern,  bei  Pappus  uns  begegneten,  und  wir  haben  nicht 
nöthig  die  Brücke  abzubrechen,  welche  auf  dem  Boden  Alexandrias, 
den  jedenfalls  Euklid,  Heron  und  Pappus  bewohnten,  in  fast  unmerk- 
licher Steigung,  wenn  man  die  Weite  der  Jahreskluft  erwägt,  von 
den  Hauaufgaben  des  Ahmes  zu  den  Gleichungen  des  Diophantus 
hinaufführt.  Uns  ist  Diophant  mit  seinem  in  Griechenland  mehrfach 
vorkommenden  Namen  wirklicher  Grieche,  Schüler  griechischer 
Wissenschaft,    wenn    auch    ein    solcher,    der    weit    über    seine    Zeit- 


0  P.  Tannery  in  Zeitschr.    Math.   Phys.   XXXVII,   Histor.4iterar.  Abthlg. 
S.  45  Nr.  3. 

28* 


436  23.  Kapitel. 

genossen  hervorragt,  Grieche  in  dem,  was  er  leistet,  wie  in  dem, 
was  er  zu  leisten  nicht  vermag.  Eines  wollen  wir  dabei  keineswegs 
ausgeschlossen  haben,  was  wir  übrigens  zu  Anfang  dieses  Kapitels 
anzudeuten  schon  Gelegenheit  nahmen:  dass  nämlich  die  griechische 
Wissenschaft,  wie  sie  von  Alexandria  aus  nach  Westen  und  nach 
Osten  erobernd  vordrang,  wovon  folgende  Abschnitte  unseres  Bandes 
Zeucmiss  ablegen,  von  den  gleichen  Eroberungszügen  auch  neuen 
Werth  an  Ideen  mit  nach  Hause  brachte,  dass  die  griechische  Mathe- 
matik als  solche  nie  aufgehört  hat  sich  anzueignen,  was  sie  da  oder 
dort  Aneignenswerthes  fand. 

Diophant  hat  ein  Werk  unter  dem  Namen  Arithmetisches^), 
aQtd'^TjtiJtd,  verfasst,  über  dessen  Eintheilung  er  sich  in  der  Vorrede 
folgendermassen  äussert:  „Da  aber  bei  der  grossen  Masse  der  Zahlen 
der  Anfänger  nur  langsam  fortschreitet,  und  überdies  das  Erlernte 
leicht  vergisst,  so  habe  ich  es  für  zweckmässig  gehalten,  diejenigen 
Aufgaben,  welche  sich  zu  einer  näheren  Entwickelung  eignen  und 
vorzüglich  die  ersten  Elementaraufgaben  gehörig  zu  erklären  und 
dabei  von  den  einfachsten  zu  den  verwickeiteren  fortzuschreiten. 
Denn  so  wird  es  dem  Anfänger  fasslich  werden,  und  das  Verfahren 
wird  sich  in  seinem  Gedächtnisse  einprägen,  da  die  ganze  Behandlung 
der  Aufgaben  13  Bücher  umfasst"^). 

Dreizehn  Bücher  waren  es  also,  und  nur  von  einem  Werke  des 
Diophant  ist  bei  zwei  arabischen  Schriftstellern,  die  seiner  erwähnen, 
die  Rede '').  Dem  gegenüber  enthalten  die  griechischen  Handschriften, 
welche  sich  erhalten  haben'*),  nur  sechs  Bücher  (eine  einzige  enthält 
den  gleichen  Text  in  sieben  Bücher  abgetheilt),  enthalten  sie  eine 
besondere  Schrift  des  Diophant  über  Polygonalzahlen,  verweisen 
sie  an  einzelnen  Stellen  auf  eine  Schrift  des  Diophant,  welche  deu 
Namen  der  Porismen  geführt  habe. 

Man  hat  aus  der  stylistischen  Verschiedenheit  zwischen  der 
wesentlich  synthetischen  Abhandlung  über  die  Polygonalzahlen  und 
den  wesentlich  analytischen  arithmetischen  Büchern  geschlossen,  es 
müssen  hier  zwei   getrennte  Werke   vorliegen;   man  hat  vermuthlich 


^)  Die  beste  ältere  Textausgabe  ist  die  von  Backet  de  Meziriac  von 
1G21.  Dagegen  ist  ihr  Wiederabdruck  mit  den  Anmerkungen  von  Fermat. 
Toulouse,  1670,  vielfach  durch  Druckfehler  entstellt.  Eine  neue  kritische  Text- 
ausgabe hat  P.  Tannery  besorgt.  Leipzig,  1893.  Eine  deutsche  Uebersetzung 
von  0.  Schulz  erschien  Berlin,  1822,  eine  abermalige  von  G.  Wertheim, 
Leipzig,  1890.  Wir  citiren  nach  den  Ausgaben  von  Tannery  und  Wertheim. 
'■')  Diophant  (Tannery)  pag.  14,  (Wertheim)  S.  8.  ^)  Nesselmann,  Algebra 
der  Griechen  S.  274,  Note  37.  ')  Die  Handschriften  sind  einzeln  aufgezählt 
bei  Nesselmann  S.  266,  Note  2.'j. 


Die  Neuplatoniker.     üiophantus  von  Alexandria.  437 

daraus,  dass  iu  den  arithmetisclieii  Büchern  die  Porismen  ausdrück- 
lieh genannt  werden,  gefolgert,  auch  sie  mttssten  eine  besondere 
Schrift  gebildet  haben.  Man  hat  von  anderer  Seite  weniger  auf  die 
Ungleichartigkeit  der  Form,  als  auf  den  stets  arithmetischen  Inhalt 
Gewicht  gelegt,  und  vermuthet,  es  seien  die  Polygonalzahlen  wie  die 
Porismen  ursprünglich  Bestandtheile  der  13  Bücher  des  Diophant 
gewesen^).  Wir  neigen  uns  der  ersten  Meinung  zu,  deren  wirkliche 
Gründe  nicht  vornehm  beseitigt  oder  unberücksichtigt  gelassen  werden 
können.  Glücklicherweise  stimmen  die  Vertreter  beider  sich  schroff 
ausschliessenden  Ansichten  in  einer  Meinung  überein,  der  wir  uns 
gleichfalls  durchaus  anschliesseu ,  mid  welche  weitaus  Wichtigeres 
betrifft  als  die  Frage  der  Zusammengehörigkeit  oder  Nichtzusammen- 
o-ehörio'keit  der  genannten  Stücke.  Man  hält  nämlich  allgemein 
dafür-):  1.  dass  uns  von  Diophant  viel  weniger  fehlt,  als  man  ge- 
wöhnlich glaubt,  wenn  man  sich  an  das  Zahlenverhältniss  von  6  :  13 
hält;  2.  dass  der  Defect  nicht  am  Ende,  sondern  in  der  Mitte  des 
Werkes,  und  zwar  hauptsächlich  zwischen  dem  I.  und  IL  Buche  zu 
suchen  ist;  endlich  3.  dass  diese  Verstümmelung  des  Werkes  ziemlich 
frühe,  gewiss  aber  vor  dem  XIII.  oder  XIV.  S.  und  bereits  iu  Griechen- 
land stattgefunden  hat. 

Der  dritte  Satz  ist  dadurch  zur  Gewissheit  erhoben,  dass  die 
älteste  der  vorhandenen  Handschriften,  ein  Vatikancodex  vom  XIII.  S., 
den  gleichen  Text  wie  die  übrigen  besitzt,  dass  ein  Commentar  zu 
den  beiden  ersten  Büchern,  welcher  im  XIV.  S.  entstand,  ebenfalls 
für  diese  zwei  Bücher  wenigstens  den  heutigen  Wortlaut  bestätio"t, 
dass  ein  deutscher  Astronom,  der  berühmte  Regiomontanus,  in  einem 
Briefe  an  seinen  Fachgenossen  Bianchini  in  Ferrara  vom  Monate 
Februar  1464  erzählt,  er  habe  iu  Venedig  einen  griechischen  Arith- 
metiker Diophant  entdeckt,  der  aber  leider  nur  aus  sechs  Büchern 
bestehe,  während  deren  13  in  der  Einleitung  versprochen  seien ^). 
Die  beiden  anderen  Sätze  folgen  allerdings  nicht  mit  der  gleichen 
objektiven  Gewissheit,  sondern  mehr  für  die  Ueberzeugung  dessen, 
der  sich  genau  mit  dem  Studium  der  vorhandenen  Theile  beschäftio-t 
hat,  aus  diesen  selbst.     Man  gewinnt  das  Gefühl,  Diophant  sei  über 

')  Vei-treter  der  ersten  Meinung  sind  Reimer  und  Hankel,  der  zweiten 
Colelirooke  und  Nesselmann.  ^)  Nesselmann  1.  c.  S.  265  hat  die  drei 
Thesen  am  deutlichsten  und  zwar  in  dem  Wortlaute  ausgesprochen,  den  wir 
uns  hier  aneignen.  ^)  Ch.  Th.  v.  Mu'-r,  Memorabilia  BibliotJiecaram  imblicarum 
Norimbergenaium  et  universitatis  AUdorfinae  I,  135  (Nürnberg,  1786)  ist  der 
Wortlaut  des  Briefes  abgedruckt,  die  einzelne  auf  Diophant  bezügliche  Stelle 
schon  bei  Doppelmayr,  Historische  Nachricht  von  den  Nürnbergischen  Mathe- 
maticis  und  Künstlern  S.  5,  Anmerkung  y  (Nürnberg,  1730). 


438  23.  Kapitel. 

das,  was  iu  den  erlialtenen  sechs  Bücliern  steht,  nielit  liinausge- 
kommen,  es  seien  nur  gewisse  der  Zahl  nach  beschränkte  Kunst- 
griffe gewesen,  über  welche  er  verfügte,  und  mittels  deren  nicht  viel 
mehr  zu  leisten  war,  als  wir  thatsächlich  geleistet  sehen.  Man  kommt 
so  zu  der  Wahrscheinlichkeit,  um  nicht  zu  sagen  zu  der  Gewissheit, 
dass  am  Schlüsse  unmöglich  so  viel  fehlen  kann,  dass  man  von  einer 
Erhaltung  nur  der  sechs  oder  sieben  ersten  Bücher  zu  reden  berechtigt 
wäre.  Dazu  kommt  die  vorher  angegebene  Verschiedenheit,  dass  eine 
Handschrift  in  sieben  Bücher  theilt,  was  den  anderen  zufolge  sechs 
Bücher  waren.  Dazu  kommt  der  gelungene  Nachweis,  dass  innerhalb 
der  ersten  drei  Bücher  Verschiebungen  stattgefunden  haben  müssen, 
dass  insbesondere  eine  Ablösung  der  beiden  letzten  Aufgaben  des 
IL  Buches  von  dem  Vorhergehenden  ebenso  wie  eine  Vereinigung 
derselben  mit  den  ersten  Aufgaben  des  III.  Buches  durch  den  Sinn 
als  nothwendig  erzwungen  ist.  Dazu  kommt  endlich  eine  unbedingt 
vorhandene  Lücke,  über  deren  Ausfüllung  ein  Zweifel  nicht  bestehen 
kann.  In  der  Einleitung  ist  nämlich,  wie  wir  noch  sehen  werden, 
die  Auflösung  der  gemischten  quadratischen  Gleichung  mit  einer 
Unbekannten  zugesagt.  In  den  späteren  Büchern  ist  dieselbe  als 
bekannt  vorausgesetzt.  Gelehrt  muss  sie  also  worden  sein,  aber  die 
Vorschrift  dazu  fehlt.  Diese  bildete  jedenfalls  einen  Theil  und  einen 
nicht  unbeträchtlichen  Theil  des  Verlorenen,  da  wir  annehmen  dürfen 
und  müssen,  die  Lösung  der  gemischten  quadratischen  Aufgaben  sei 
in  drei  Sonderfällen  vorgetragen  worden,  deren  jeder  au  zahlreichen 
Beispielen  erläutert  vielleicht  ein  ganzes  Buch  füllen  mochte.  Der 
Platz  für  diese  Lösungen  war  am  Naturgemässesten  zwischen  dem 
I.  und  IL  Buche,  also  dort,  wo  die  grosse  Lücke  angenommen  zu 
werden  pflegt. 

Die  Aufgaben,  welche  Diophant  behandelt  hat,  sind  von  zwei 
wesentlich  verschiedenen  Gattungen.  Es  sind  algebraisch  bestimmte 
und  algebraisch  unbestimmte  Gleichungen,  mit  denen  er  sich  be- 
schäftigte. Auf  dem  einen  Gebiete  besteht  seine  grosse  Bedeutung 
darin,  dass  er  Bekanntes  in  neuer  Form  vortragend  ein  organisches 
Ganzes  schuf,  wo  früher,  mindestens  bei  den  Schriftstellern,  die  wir 
besitzen,  nur  zersplitterte  Theile  vorlagen.  -  Auf  dem  anderen  Gebiete 
stellt  er  uns  den  Pfadfinder  vor,  der  abgesehen  von  einzelnen  Vor- 
gilngern,  die  nur  die  Vorhalle  des  Gebäudes  betraten,  zuerst  unter 
den  Griechen,  so  viel  wir  wissen,  durch  das  Labyrinth  der  ver- 
wickeltsten  Zahlenbedingungen  und  -  Beziehmigen  sich  hindurchzu- 
winden weiss,  sei  es,  dass  er  dabei  nur  dem  eigenen  Genius  vertraute, 
sei  es,  dass  ihm  hier  wirklich  aus  der  Fremde  der  Faden  der  Ariadne 
gereicht  war,  der  ihn  vor  Irrgängen  sicherte.  i  . 


Die  Neuplatoniker.     Diophantus  von  Alexandria.  439 

Wir  reden  zuerst  von  Diopbants  Leistungen  in  der  bestimmten 
Algebra.  Diopbant  selbst  lebrt  uns  die  Reibenfolge  einbalten,  da 
er  in  der  scbon  erwäbnten  Vorrede  gerade  über  die  bestimmten  Auf- 
gaben sich  anslässt  und  die  unbestimmten  Aufgaben  kaum  andeutet. 
Diopbant  beginnt  mit  den  Worten:  „Ich  sehe,  mein  tbeuerster 
Dionysins,  mit  welchem  Eifer  Du  die  Auflösung  arithmetischer  Auf- 
gaben zu  erlernen  wünschest;  ich  habe  daher  versucht,  das  Verfahren 
wissenschaftlich  darzustellen,  indem  ich  mit  der  eigentlichen  Grund- 
lage desselben  anfange,  nämlich  mit  einer  Entwicklung  der  eigen- 
thümlichen  Natur  und  Beschaffenheit  der  Zahlen.  Die  Sache  scheint 
vielleicht  etwas  schwierig,  da  sie  noch  gar  nicht  bekannt  ist,  und 
Anfänger  haben  immer  wenig  Hoffnung  eines  glücklichen  Fortganges; 
aber  Dein  Eifer  und  meine  Darstellung  wird  Dir  Alles  recht  fasslich 
machen,  denn  mau  lernt  schnell,  wemi  Eifer  und  Unterweisung  zu- 
sammenkommt" ^). 

Die  Worte  „da  sie  noch  gar  nicht  bekannt  ist",  ajisiörj 
(ii]7tG)  yvcoQt^iov  £6Ti,  wurdcu  mitunter  so  verstanden,  als  behaupte 
Diopbant  damit,  er  trage  ganz  Neues  in  Griechenland  nicht  Be- 
kanntes vor.  Die  neueren  Bearbeiter  sind  übereinstimmend  der  Mei- 
nung, der  Sinn  sei  gerade  umgekehrt  der,  dass  Diopbant  die  Unbekannt- 
schaft des  Dionysius  allein  mit  den  Auflösungen  der  arithmetischen 
Aufgaben  betone.  Ihm  zu  Liebe  will  er  das  Verfahren  wissen- 
schaftlich darstellen  von  den  Anfängen  zu  dem  Gipfel  aufsteigend. 

Die  Richtigkeit  dieser  Auffassung  wird  durch  die  weitere  Ein- 
leitung bestätigt,  in  welcher  algebraische  Begriffe  der  Reihe  nach 
entwickelt  sind,  welche  uns  einzeln  genommen  schon  hier  und  dort 
bei  griechischen  Schriftstellern  begegnet  sind,  und  welche  auch  wohl 
in  ihrer  Fortbildung  zu  Diopbants  Zeiten  schon  wesentliche  Fort- 
schritte gemacht  haben  müssen,  sonst  wäre  die  Kürze  der  Darstellung 
bei  ihrer  Einführung  unbegreiflich.  Quadratzahlen  und  Kubikzahlen 
z.  B.  mit  ihren  griechischen  Namen  övvcc^iig  und  xvßog  sind  uns 
längst  bekannt.  Diopbant  geht  darüber  hinaus  und  nennt  Quadrato- 
quadrat  (dvva^odvva^ig),  Quadratokubus  (ßvva^oxvßog),  Kubokubus 
(xvßoKvßog)  das  was  durch  stets  wiederholte  Vervielfachung  mit  der 
Grundzahl  entsteht.  Eigentlich  versteht  er  unter  diesen  Namen  auch 
das  nicht,  was  wir  ihm  folgend  ausgesprochen  haben.  Nicht  die 
zweite  bis  zur  sechsten  Potenz  irgend  einer  Zahl,  sondern  nur  diese 
Potenzen  der  unbekannten  Zahl,  um  deren  Auffindung  es  sich 
in  der  betreffenden  Aufgabe  bandelt,  hat  Diopbant  im  Sinne.  Für 
sie  gelten  die  abgekürzten  Bezeichnungen,  welche  er  weiter  er- 


^)  Diophaot  (Tannery)  pag.  2,  (Wertheini)  S.  1. 


440  23.  Kapitel. 

örtert,  und  welche  aus  den  Anfangsbuchstaben  d  und  a  bestehen, 
denen  noch  rechts  oben  ein  v,  der  zweite  Buchstabe  sowohl  von 
dvva}iig  als  von  avßog,  angehängt  wird.  Was  also  die  moderne  Al- 
gebra durch  x^,  x^j  x\  x^,  x*^  bezeichnet,  schreibt  Diophant: 

gewissermassen  unter  Ersetzung  der  Potenzen  durch  ihre  Exponenten 
und  dem   entsprechend   unter  Addition  der  Exponenten,    wo   es  sich 
um    die    Multiplikation    der   Potenzen    handelt.      Die    gesuchte    Zahl 
selbst,  welche  eine  unbekannte  Menge  von  Einheiten  enthält,   heisst 
schlechtweg  die  Zahl,  aQid-aog.     Diophant  bedient  sich  für   sie  des 
Zeichens  s^),  welches  man  früher  für  ein  finales  Sigma  hielt;   es  ist 
aber  wahrscheinlicher  gemacht  worden^),  dass  man  es  mit  einem  auch 
sonst  vorkommenden  sogenannten  Kompendium  für  ag,   als  Anfangs- 
buchstaben von  aQLd-^og  zu  thun  hat.     Dabei  ist  zu  bemerken,  dass 
die  unbekannte  Einheitsmenge  in  Diophants  Definition  jcX^d'og  ^ovä- 
dcov  aXoyov  heisst,  also  unter  Anwendung  des  Wortes,  welches  sonst 
irrational  bedeutet,  und  dass  das   ccoQiaTov  des  Thymaridas  (S.  148) 
zwar    auch    bei  Diophant    sich   findet^),    aber    nur    im   Verlaufe   des 
Werkes.     Endlich  gibt  es  noch  ein  ständiges  Zeichen  für  bestimmte 
Zahlen,  welche  Einheit  ^ovag  heissen  und  ft^  geschrieben  werden. 
Diophant  begnügt   sich  nicht  mit  den  bisher  genannten  Zahlen- 
arten.    Er  bedarf  zu  seinen  Aufgaben  auch  noch  der  Brüche,  welche 
jene    Benennungen    im    Nenner    führen,    algebraische    Stammbrüche, 
wie    man    sie   insgesammt    nennen  möchte,    um   nicht  von  Potenzen 
mit   negativen  Exponenten  reden   zu  müssen.     Diophant   nennt    den 
Stammbruch  der  Zahl  aQLQ'iio0x6v ,    den    der    zweiten  Potenz    dvva- 
fioörov   und   so  fort  bis  zu  dem   Stammbruche   der   sechsten  Potenz 
KvßoKvßoGtöv.     Man    hat    diese  Wörter  ganz    zweckmässig   mit    ein- 
fachem Bruche,  quadratischem  Bruche,  endlich  kubokubischem  Bruche 
übersetzt^).    Diophant  lehrt  hierauf  die  Multiplikation  solcher  Potenzen 
und  algebraischer  Stammbrüche  unter  sich    in  den  vielfachsten  Ver- 
änderungen.    Natürlich    gibt  er  dafür  lauter  einzelne  Regeln,   z.  B. 
ein  quadratoquadratischer  Bruch   multiplicirt  mit  der  Kubokubikzahl 

gibt    das    Quadrat.     Wir    würden    schreiben    —  •  a;^  =  x^.      Nur    der 

Fall  wird  allgemein  vorausgeschickt,   dass   eine  dieser  Potenzgrössen 
mit  dem  gleichnamigen  Stammbruche  vervielfacht  die  bestimmte  Zahl 

als  Produkt  liefere,  d.  h.  a?"  •  —  =  1,  und  dass,  da  bestimmte  Zahlen 

')  Diophant  (Tannery)  pag.  6  lin.  5.  ^)  Heath  1.  c.  pag.  57—67. 
^)  Nosselmann  1.  c.  S.  291,  Anmerkung  54  hat  die  Stellen  gesammelt. 
■')  Diophant  (Tannery)  pag.  6,  (Wertheim)  S.  3.  I 


Die  Neuplatoniker.    Diophantus  von  Alexandria.  441 

bei  allen  Eechnungen  wieder  bestimmte  Zahlen  geben,  das  Produkt 
einer  bestimmten  Zahl  und  eines  allgemeinen  Ausdruckes  wieder  ein 
Ausdruck  derselben  Art  sein  werde. 

Diophant  unterscheidet  hinzuzufügende  und  abzügliche 
Zahlen.  Die  Addition  nennt  er  vTtaQ^Lg,  die  Subtraktion  Xeiiptg 
imd  besitzt  für  erstere  zwar  nicht,  wohl  aber  für  letztere  ein  eigenes 
Abkürzungszeichen,  nämlich,  wie  er  selbst  sagt,  ein  verstümmeltes 
umgekehrtes  ifj  in  der  Gestalt  <7J.  In  den  Handschriften  sieht  das 
Zeichen  meistens  so  aus:  /N,  und  ist  dahin  gedeutet  worden^),  es  sei 
ein  aus  A  und  I  gebildetes  Compendium  für  den  Anfang  des  Wortes 
Aft^tg.  Diophant  rechnet  dann  mit  Differenzen,  vervielfacht  sie  und 
spricht  dabei  ohne  Weiteres  die  Regel  aus:  Eine  abzügliche  Zahl 
mit  einer  abzttglichen  vervielfacht  gibt  eine  hinzuzufügende,  eine  ab- 
zügiiche  mal  einer  hinzuzufügenden  gibt  eine  abzügliche  ^).  Dass 
dabei  von  positiven  und  negativen  Zahlen  als  Maasse  entgegengesetzter 
Grössen  keine  Rede  ist,  bedarf  wohl  kaum  besonderer  Erwähnung. 
Nur  mit  Differenzen  weiss  Diophant  umzugehen,  mit  solchen 
Differenzen,  die  einen  wirklichen  Zahlenwerth  besitzen,  d.  h.  deren 
Subtrahend  kleiner  ist  als  der  Minuend.  Mit  solchen  aber  rechnet 
er  in  vollster  Gewandtheit  und  schlägt  seinem  Dionysius  vor  sich 
die  gleiche  Gewandtheit  zu  erwerben:  „Es  ist  aber  sehr  zweckmässig, 
ehe  man  sich  an  die  Auflösung  von  Aufgaben  macht,  sich  in  der 
Addition,  Subtraktion  und  Multiplikation  dieser  Ausdrücke  zu  üben-, 
besonders  wie  man  eine  Reihe  hinzuzufügender  und  abzüglicher  Aus- 
drücke mit  ungleichen  Zahlenfaktoren  zu  anderen  allgemeinen  Aus- 
drücken addirt,  die  entweder  bloss  hinzuzufügende  sind  oder  aus 
hinzuzufügenden  und  abzüglichen  Gliedern  bestehen;  ferner  wie  man 
von  einer  Reihe  hinzuzufügender  und  abzüglicher  Zahlen  andere  sub- 
trahirt,  die  entweder  bloss  hinzuzufügende  sind,  oder  auch  aus  hinzu- 
zufügenden und  abzüglichen  Gliedern  bestehen"'^).  Die  Subtraktion 
der  grösseren  Zahl  von  der  kleineren  ist  aber  für  Diophant  unmöglich, 
gibt  ihm  keine  Zahl,  kann  daher  als  Auflösung  irgend  einer  Aufgabe 
nicht  vorkommen.  Dem  entspricht  die  Thatsache,  dass  negative 
Gleichungs wurzeln  bei  Diophant  nirgends  erscheinen,  wenn  auch  die 
hier  erörterte  Begründung  nicht  ausgesprochen  ist. 

Abgesehen  von  dem  Nichtvorhandensein  negativer  Zahlen  als 
solcher  ist  es  aber  eine  hoch  entwickelte  Buchstabenrechnung,  welcher 
wir  uns  bei  Diophant  gegenüber  befinden.    Es  fehlt  ihr  nicht  einmal 


^)  lleath  1.  c.  pag.  71—73.  ")  Xeiipig  enl  Xtiipiv  TCoXXaTcXaGLaa&eißa  noiei 
vTCdQ^iv,  XstipLg  ds  tni  vitaq^iv  Tcoiet  Xsiipiv.  ^)  Diophant  (Tannery)  pag.  14, 
(^VVertheim)  S.  7. 


442  23.  Kapitel. 

ein  Gleichheitszeicheu,  indem  der  Buclistabe  t  als  Abkürzung 
des  Wortes  I'gol  (gleich)  benutzt  wird.  Das  bat  sieb  aus  erneuter 
Vergleicbuug  der  pariser  Handscbrift,  uacb  welcher  Bachet  de  Meziriac 
1621  einen  Abdruck  ausführen  liess,  ergeben^).  Nur  in  einer  aller- 
dings nicht  unbedeutenden  Yerschiedenheit  kann  man  einen  gewissen 
Gegensatz  der  diophantischen  Schreibweise  gegen  diejenige,  welche 
seit  dem  XVI.  S.  sich  allmälig  einbürgerte,  erkennen.  Die  moderne 
Buchstabenrechnung  hat  es  durchgehend  mit  Symbolen  zu  thun,  welche 
sich  selbst  zur  Aussprache  einer  Wahrheit  genügen.  Diophant  rechnet 
und  schreibt  mit  Abkürzungen,  welche  mit  ausgeschriebenen  Wörtern 
abwechseln  und  gleich  diesen  grammatischer  Beugung  unterworfen 
sind,  wie  sie  auch  unbedenklich  durch  Partikeln  und  dergleichen  von 
einander  getrennt  werden.  Man  vergleiche  z.  B.  10a:  -j-  30  =  IIa;  -f  15 
mit  dem  diophantischen  SS°'  agcc  l  ^i''  A  1'0ol  eiölv  55'-''^  Ta  ^ovccöl  Ts 
und  man  wird  sich  des  Gegensatzes  sofort  bewusst  werden^). 

Wie  Gleichungen  aufgelöst  werden,  ist  in  Diophants  Einleitung 
überaus  klar  und  bestimmt  gelehrt:  „Wenn  man  nun  bei  einer  Auf- 
gabe auf  eine  Gleichung  kommt,  die  zAvar  aus  den  nämlichen  allge- 
meinen Ausdrücken  besteht,  jedoch  so  dass  die  Coefficienten  an  beiden 
Seiten  ungleich  sind,  so  muss  man  Gleichartiges  von  Gleichartigem 
abziehen,  bis  ein  Glied  einem  Gliede  gleich  wird^).  Wenn  aber  auf 
einer  oder  auf  beiden  Seiten  abzügliche  Grössen  vorkommen,  so  muss 
man  diese  abzüglichen  Grössen  auf  beiden  Seiten  hinzufügen,  bis 
auf  beiden  Seiten  nur  Hinzuzufügendes  entsteht.  Dann  muss  man 
wiederum  Gleichartiges  von  Gleichartigejn  abziehen,  bis  auf  jeder 
Seite  nur  ein  Glied  übrig  bleibt." 

Die  Zurückbringung  einer  Gleichung  durch  Additionen  und  Sub- 
traktionen auf  die  Form  ax"^  =  hx",  wo  m  und  n  ganze  von  ein- 
ander verschiedene  Zahlen  bedeuten,  deren  eine  auch  Null  sein  kann, 
ist  damit  in  eine  Regel  gebracht,  so  unzweideutig,  wie  wir  nur  selten 
im  Alterthum  Regeln  ausgesprochen  finden.  Bemerkenswerth  ist  das 
Wort  sldog  für  Glied,  welches  später  in  lateinischer  Uebersetzung 
durch  sjpecies  wiedergegeben  den  Ursprung  des  Namens  arithmetica 
speciosa  für  Buchstabenrechnung  gebildet  hat. 

„In  der  Folge",  sagt  Diophant  noch  weiter,  „will  ich  Dir  zeigen, 
wie  man  die  Aufgabe  löset,  wenn  zuletzt  ein  zweigliedriger  Ausdruck 
einem  eingliedrigen  gleich  wird." 

Damit   beabsichtigte  Diophant   aber  sicherlich  nicht  in  gleicher 


')  Vergl.  11  od  et  im  Journal  Asiatiqtce,  7ieme  sdrie,  T.  XI  (Janvier  1878) 
pag.  42.  -)  Vergl.  Nesselmann  1.  c.  S.  300—301.  ^)  tag  a  'tv  nSog  svl  ii'Sti 
i'ßov  yivrixui. 


Die  Neuplatonikei*.    Diophantus  von  Alexandria.  443 

Allgeineinlieit  wie  bei  dem  vorigen  Falle  die  Auflösung  der  Gleichung 
ax'^'  -\-  Tjx^  =  cxP  zu  verspreclien,  sondern  es  kann  sich  nur  um  die 
gemischten  quadratischen  Gleichungen  handeln.  Allerdings  treten  dabei 
drei  Möglichkeiten  auf,  indem  nach  Ausführung  der  vorbereitenden 
Operationen,  die  im  Obigen  mitgetheilt  wurden,  entweder  ax-  -\-hx=^  c 
oder  hx  -\-  c  =  ax^  oder  ax^  -\-  c  =  'bx  dX^  Gleichheit  eines  zweiglied- 
rigen Ausdruckes  mit  einem  eingliedrigen  erhalten  wird,  a,  &,  c  selbst- 
verständlich als  positiv  gedacht.  Das  ist  die  früher  erwähnte  Zusage 
der  Auflösung  gemischtquadratischer  Gleichungen,  welche  im  vor- 
haudenen  Texte  nirgend  erfüllt  vielfach  als  erfüllt  vorausgesetzt  wird, 
und  daher  den  Beweis  des  Verlustes  jener  Auflösung  liefert. 

Ueber  den  von  Diophant  bei  der  Auflösung  einer  gemischten 
quadratischen  Gleichung  eingeschlagenen  Weg  gibt  die  24.  Aufgabe 
des  VI.  Buches^)  wohl  die  deutlichste  Auskunft.  Die  dort  erhaltene 
Gleichung  heisst  in  modernen  Zeichen  geschrieben 

\  +  196^2  —  336^  —  ~  -f-  172  =  196:^-  -f  K  • 

Diophant  sagt  nun  wörtlich  wie  folgt,  wobei  nur  wieder  moderne 
Zeichen  statt  der  griechischen  Abkürzungen  gebraucht  sind:  „Man 
addire  auf  beiden  Seiten  die  abzüglichen  Grössen,  ziehe  Gleichartiges 
von  Gleichartigem  ab  imd  vervielfache  Alles  mit  x,  so  erhält  man 
336 a;^  +  24  =  172a;.  Diese  Gleichung  aber  lässt  sich  nicht  auf- 
lösen, wenn  nicht  das  Quadrat  des  halben  Coefficienten  von  x^  nach- 
dem man  das  Produkt  der  24  Einheiten  in  den  Coefficienten  von  X' 
davon  abgezogen  hat,  ein  Quadrat  wird." 

Was  uns  zuerst  auffallend  erscheinen  mas;,  ist  die  Abhängio-keit 
der  Auflösbarkeit  der  Gleichung  von  einer  Bedingung,  welche  nicht 
etwa  besagt,  es  müsse  die  unter  dem  Quadratwurzelzeichen  erschei- 
nende Zahl  ein  Hinzuzufügendes  sein,  was  gleich  bei  dieser  Aufgabe, 

in  welcher  x  = ^- ist,  nicht  eintreffen  würde,  sondern  welche, 

wie  einige  Ueberlegung  uns  zeigt,  darauf  hinausläuft,  dass  die  Wurzel 
der  Gleichung  rational  werde.  Ersetzen  wir  nämlich  die  bestimmten 
Zahlen  durch  allgemeine  Buchstaben,  so  ist  in  der  angeführten  Auf- 
gabe  von    der  dritten   Gleichungsform   ao^  -\-  c  =  bx  die  Rede   und 

als  Kennzeichen  der  Auflösbarkeit  3,usgesprochen,  es  müsse  (--)   —  ac 

ein  Quadrat  sein.  Wird  aber  die  Gleichung  mit  dem  Coefficienten 
a    von    x^    vervielfacht    und     durch    beiderseitige    Subtraktion    von 

ahx  -{-  ac  —  (yj     in    die    Form    a^x^  —  abx  -}-  {—-j   =  (--)   —  ^c 
*)  Diophant  (Tannery)  pag.  -LH,  (Wertheim)  S.  288—290. 


444  23.  Kapitel. 

oder    iax ^j    =  (y)   —  ^^    übergeführt,     so    entstellt 


ax 


--2  =  ]/(!)' -«^ 


und  Diophant  knüpft,  wie  wir  vorliin  sagten,  die  Auflösbarkeit 
der  Gleichung  an  die  Rationalität  der  Quadratwurzel.  Jene  andere 
Bedingung,  deren  wir  gewärtig  sein  durften,  dass  nur  Hinzuzu- 
fügendes unter  dem  Wurzelzeichen  nach  vollzogener  Zusammen- 
ziehung der  dort  auftretenden  Werthe  stehen  dürfe  —  abzügliche 
Zahlen  als  solche  sind,  wie  wir  oben  sahen,  bei  Diophant  überhaupt 
nicht  gestattet,  also  auch  nicht  unter  einem  Wurzelzeichen  —  steckt 
wohl  in  der  diophantischen  Bedingung  enthalten,  aber  letztere  geht 
noch  bedeutend  weiter  und  schränkt  die  Anzahl  der  auflösbaren 
Gleichungen  beträchtlich  mehr  ein.  Woher  diese  Beschränkung 
stammt,  ist,  wenn  man  weiter  nachdenkt,  unschwer  zu  erkennen. 
Die  eigentliche  Algebra-  sieht  ab  von  der  geometrischen  Bedeutung 
der  vorkommenden  Glieder.  Sie  vereinigt  z.  B.  wie  in  jener  heroni- 
schen  Aufgabe  (S.  376)  Flächen  und  Längen,  beide  nur  als  Maass- 
zahlen aufgefasst,  in  eine  Summe.  Dieser  allgemeinere  Standpunkt 
gestattet  geometrisch  undenkbare  Fragestellungen,  schliesst  aber  zu- 
gleich nur  geometrisch  denkbare  Antworten  aus.  Jede  Quadratwurzel 
aus  positiven  Werthen  lässt  mit  Zirkel  und  Lineal  sich  geometrisch  her- 
stellen, so  gut  wie  die  Diagonale  des  Quadrates  eine  geometrisch  genau 
bestimmte  Länge  besitzt,  aber  in  Zahlen  ist  eine  Quadratwurzel  nur 
möglich,  wenn  sie  rational  ist.  Man  halte  uns  nicht  die  heronische 
Aufgabe  entgegen,  auf  welche  wir  eben  uns  bezogen  haben,  nicht 
die  geodätischen  Beispiele  Herons,  in  welchen  Näherungswerthe  von 
Quadratwurzeln  vielfach  benutzt  sind,  nicht  Archimeds  Rechnungen 
in  seiner  Kreismessung.  Herou  blieb  Feldmesser,  auch  wo  er  der 
algebraischen  Anschauung  sich  nähert,  und  die  Feldmesswissenschaft 
begnügt  sich  mit  dem  Maasse  geometrischer  Gebilde,  so  genau  es  in 
Zahlen  hergestellt  werden  kann,  während  die  Gebilde  selbst  geo- 
metrische Grössen  sind  und  bleiben.  Archimed  aber,  gleichfalls  von 
geodätischen  Zwecken  ausgehend,  blieb  noch  strenger  den  Gesetzen 
geometrischer  Behandlung  auch  bei  seinen  Zahlengrössen  getreu:  er 
bediente  sich  niemals  angenäherter  Gleichungen,  sondern  sprach  Un- 
gleichungen aus,  welche  er  nur  immer  näher  an  einander  brachte. 
Die  griechische  Algebra,  welche  für  Diophant  einen  Theil  der  Arith- 
metik bildet,  kennt  dagegen  nur  Zahlen  als  solche,  Zahlen,  die  aus- 
gesprochen werden  können.  Wir  haben  schon  früher  (S.  175)  hervor- 
gehoben, dass  die  Beschränkung  sogar  auf  positive  ganze  Zahlen  der 
griechischen  Arithmetik  lange  eigenthümlich  war.    Nikomachus,  Theon 


Die  Neuplatoniker.     Diophantus  von  Alexandria.  445 

von  Smyrna^  Jambliclius  haben  uns  keine  Veranlassung  gegeben,  diese 
Ansiebt  zu  widerrufen.  Brüche  kommen  bei  ihnen  nur  in  der  Gestalt 
von  Verhältnissen  ganzer  Zahlen  vor.  Auch  die  Seiten  und  Diametral- 
zahlen bei  Theon  (S.  407)  waren  wesentlich  ganze  Zahlen,  deren  Ver- 
hältniss  nur  nach  unserem  Dafürhalten  statt  des  Verhältnisses  1  :  ]/2 
näherungs weise  eintreten  koiuite.  Diophant  hielt  sich  an  die 
Ganzzahligkeit  nicht  mehr  gebunden,  und  das  ist  ein  zwar 
allmälig  vorbereiteter,  aber  darum  nicht  minder  wichtiger  Fortschritt. 
Dagegen  ist  ihm  das  Irrationale  immer  noch  keine   Zahl. 

Kehren  wir  mit  diesem  Bewusstsein  zu  dem  diophantischen  Ver- 
fahren bei  der  Auflösung  gemischter  quadratischer  Gleichungen  zurück, 
so  ist  uns  höchst  bemerkenswerth  die  Art,  in  welcher  er  die  Auf- 
lösung vorbereitet.  Genau  so,  wie  wir  es  bei  Heron  kennen  gelernt 
haben,  vervielfacht  er  die  Gleichung  mit  dem  Coefficienten  des 
Quadrates  der  Unbekannten,  statt  durch  diesen  Coefficienten  zu 
dividiren.  Darauf  wies  uns  die  bereits  besprochene  24.  Aufgabe  des 
VI.  Buches.  Eine  Bestätigung  besitzen  wir  in  der  45.  Aufgabe  des 
IV.  Buches^):  „Man  findet,  dass  2x-  grösser  als  6x  -j-  18  sein  muss. 
Um.  nun  hier  eine  Vergleichung  anzustellen,  so  erhebe  ich  den  halben 
Coefficienten  von  x  ins  Quadrat  und  erhalte  9.  Nun  multipliciren 
wir  den  Coefficienten  von  x^  mit  der  bestimmten  Zahl  18,  gibt  36. 
Dazu  addiren  wir  9,  gibt  45,  und  davon  ist  die  Wurzel  nicht  kleiner 
als  7.  Dazu  addiren  wir  den  halben  Coefficienten  von  x  und  dividiren 
durch  den  Coefficienten  von  x^,  so  finden  wir,  dass  x  nicht  kleiner 
sein  darf  als  5." 

Hier  ist  freilich  eine  Ungleichung,  keine  Gleichung  zu  behandeln, 
allein  das  verändert  das  anzuwendende  Verfahren  nur  so  weit,  als 
hier  eine  Grenze  der  betreffenden  irrationalen  Quadratwurzel  ein- 
gesetzt werden  darf,  weil  unter  Annahme  der  richtigen  Zahl  statt  18, 
die  Ungleichung  2iC^  >  6a;  -j-  18  in  die  Gleichung  2x^  =  Gx  -j-  18  -\-  lö 
d.  h.  in  eine  Gleichung  der  zweiten  Form  übergehen  würde,  bei 
welcher  z.  B.  durch  7o  =  2  die  Irrationalität  verschwände.  Diophant 
geht  nun  folgendermassen  zu  Werke.    Aus  ax^  =  hx  -}-  c  -\-  Je  erhält 

er  lax ^  |    ==  «c  -f-  |  ^^  j    -}-  ak,  daraus  x  = 


oder  endlich  x  > 


Noch  eine  andere  Eigenthümlichkeit,  welche  freilich  bei  der  eben 
betrachteten  Ungleichung  nicht  zu  Tage  treten  kann,   weil  negative 

*)  Diophant  (Tannery)  pag.  304,  (Wertheim)  S.  187. 


446  23.  Kapitel. 

Zahlen  als  solche  für  Diophant  nicht  existiren,  besteht  darin,  dass 
nirgends  zwei  Auflösungen  einer  quadratischen  Gleichung 
vorkommen,  indem  die  Wurzelgrösse  sowohl  hinzufügend  als  ab- 
züo-lich  mit  einer  anderen  Zahl  höheren  Werthes  verbunden  ist.  Man 
hat  allerdings  die  Bemerkung  gemacht,  unter  den  Beispielen,  welche  bei 
Diophant  sich  vorfinden,  sei  kein  solches,  bei  welchem  eine  zweifache 
Möglichkeit  positiver  Wurzeln  auftrete,  weil  immer  noch  gewisse  zahlen- 
theoretische Nebenbedingungen  zu  erfüllen  seien,  welche  sich  der 
Annahme  der  Wurzel  mit  negativer  Quadratwurzel  widersetzen,  es 
sei  also  ein  Zufall,  der  diese  Lücke  schuf,  und  man  sei  nicht  be- 
rechtigt anzunehmen,  Diophant  habe  wirklich  nicht  gewusst,  dass  es 
Aufgaben  mit  zwei  von  einander  verschiedenen  Auflösungen  gebe^). 
Es  würde  sich  lohnen  die  freilich  nicht  mühelose  Arbeit  zu  unter- 
nehmen, sämmtliche  Aufgaben  des  Diophant  von  diesem  Gesichts- 
punkte aus  einer  Prüfung  zu  unterwerfen.  Jedenfalls  könnte  sie  aber 
nicht  mehr  als  nur  die  entfernte  Möglichkeit  und  keineswegs  die 
Wahrscheinlichkeit  zur  Folge  haben,  dass  Diophant  von  zweierlei 
Lösungen  gewusst  haben  könnte,  wofür  wir  nur  im  35.  Kapitel  eine 
Art  von  Bestätigung  finden  werden. 

Li  diesem  Zusammenhange  müssen  wir  auch  von  solchen  quadra- 
tischen Gleichungen  reden,  welche  gewöhnlich  mit  Hilfe  zweier  Un- 
bekannten gelöst  bei  Diophant.  nur  das  Aufsuchen  einer  einzigen 
freilich  mit  besonderem  Geschick  ausgesuchten  Grösse  verlangen.  Wenn 
Diophant  in  der  30.  Aufgabe  des  L  Buches  -)  zwei  Zahlen  aus  ihrer 
Summe  und  ihrem  Produkte  finden  will,  so  nimmt  er  die  halbe 
Differenz  der  beiden  Zahlen  zur  Unbekannten  und  erhält  beide  Zahlen 
je  nachdem  er  die  Unbekannte  zur  halben  Summe  addirt  oder  von 
ihr  abzieht;  das  gegebene  Produkt  ist  daher  gleich  dem  Quadrat  der 
halben  Summe  verringert  um  das  Quadrat  der  Unbekannten,  die  somit 
durch  einfache  Quadratwurzelausziehung  sich  ergiebt.  Derselben  Un- 
bekannten bedient  er  sich  in  der  31.  Aufgabe'^),  wenn  zwei  Zahlen  aus 
ihrer  Summe  und  aus  der  Summe  ihrer  Quadrate  gefunden  werden 
sollen.  Wieder  erhält  er  beide  Zahlen,  je  nachdem  er  die  Unbekannte 
zur  halben  Summe  addirt,  oder  von  ihr  abzieht,  und  die  Summe  der 
Quadrate  wird  gleich  dem  Doppelten  des  Quadrates  der  halben  Summe 
und  des  Quadrates  der  Unbekannten,  die  wieder  durch  einfache 
Quadratwurzelausziehung  sich  ergibt.  Nicht  anders  werden  in  der 
32.  Aufgabe  ^)  zwei  Zahlen  aus   ihrer  Summe  und  dem  Unterschiede 

')  So  L.  Rodet  im  Journal  Asiatique,  7ieme  serie,  T.  XI  (Janvier,  1878) 
pag.  8'J-'J0.  «)  Diophant  (T an nery)pag.  60—62,  (Wertheim)  S.  36.  »)  Ebenda 
(Tannery)  pag.  62—64,  (Wertheim)  S.  36—37.  •»)  Ebenda  (Tannery)  pag,  64, 
(Wertheim)  S.  37. 


Die  Neupiatoni k er.     Diopliantus  von  Alexanclvia.  44:1 

ilirer  Quadrate  gewonnen,  welclie  letztere  sich  als  doppeltes  Produkt 
der  unbekannten  in  die  gegebene  Summe  erweist,  so  dass  einfache 
Division  hinreicht  die  Unbekannte  zu  finden.  Sind  in  der  33.  Auf- 
gabe') Differenz  und  Produkt  zweier  Zahlen  gegeben,  so  wird  die 
halbe  Summe  als  Unbekannte  gewählt,  welche  die  beiden  Zahlen 
in  der  Gestalt  erscheinen  lässt,  dass  die  halbe  Differenz  zur  Un- 
bekannten addirt,  beziehungsweise  von  ihr  subtrahirt  wird.  Das 
gegebene  Produkt  ist  also  das  Quadrat  der  Unbekannten  vermindert 
um  das  Quadrat  der  halben  Differenz,  und  die  Unbekannte  wird 
wiederholt  durch  eine  Quadratwurzelausziehung  gefunden.  Aehnlich 
verfährt  Diophant  noch  in  anderen  Fällen,  die  wir  nicht  alle  einzeln 
vorführen  dürfen,  um  uns  nicht  zu  lange  bei  dem  Gegenstande  zu 
verweilen. 

Eine  kubische  Gleichung  kommt  in  der  10.  Aufgabe  des  VI. Buches  ^) 
vor,  aus  welcher  aber  keinerlei  gesicherte  Schlussfolgerimg  sich  ziehen 
lässt.  Es  heisst  bei  Diophant  nur:  „Es  ist  x^  —  Sic^  -{-  3x  —  1 
=  x^  -{-  2x  -\-  3,  hieraus  findet  man  x  ==  A"  ohne  die  leiseste  An- 
deutung, wie  „man"  diesen  Wurzelwerth  finde.  Ob  man  die  Gleichung 
zunächst  in  die  Form  x^  -{-  x  =  Ax^  -{-  4  brachte  und  dami  daraus 
durch  Division  mit  x^  -\-  1  den  Werth  a;  =  4  erhielt?  ^)  Es  ist  wohl 
möglich,  aber  über  die  Möglichkeit  hinaus  können  wir  die  Vermuthung 
nicht  erheben. 

Bis  hierhin  haben  wir  mit  Diophant  in  der  ersten  Bedeutung, 
die  wir  ihm  beilegten,  uns  beschäftigt.  Wir  Avenden  uns  zu  dem 
Gebiete  der  unbestimmten  Aufgaben,  auf  welchem  wir  Diophant  als 
Bahnbrecher,  als  Pfadfinder  zu  erkennen  haben.  Er  setzt  sich 
dabei  die  gleichen  Schranken,  welche  auch  seiner  be- 
stimmten Algebra  anhaften,  keine  anderen.  Die  Wurzel- 
werthe,  welche  er  den  vorgelegten  Gleichungen  zu  geben  sich  bemüht, 
dürfen  keine  abzüglichen,  keine  irrationalen  sein,  denn  sonst  wären 
es  keine  Zahlen,  aber  weiter  gehen  seine  Anforderungen  nicht.  Ins- 
besondere verlangt  Diophant  nicht  ganzzahlige  Auflösungen,  und  nur 
in  einzelnen  Fällen,  wo  etwa  das  Weglassen  eines  denjenigen  Zahlen, 
die  gemeinschaftlich  die  gestellte  Aufgabe  erfüllen,  insgesammt  an- 
haftenden Nenners  den  Uebergang  zu  ganzzahligen  Auflösungen  all- 
zunahe legt,  gibt  er  solche  an.  In  einer  ganzen  Anzahl  von  Auf- 
gaben (II,  36.  III,  13.  IV,  23,  43,  45.  V,  12)  kommen  sogar  Brüche 
mit  gemischtzahligen  Zählern  vor,  wie  die  Aegypter  sie  einst  benutzten 


')  Diophant  (Tannery)  pag.  66,  (Wertheim)  S.  38.  ^)  Ebenda  (Tannery) 
pag.  434,  (Wertheim)  S.  282.  ^)  So  meint  Schulz  S.  589  in  seinen  Anmer- 
kungen zu  der  betreflenden  Aufgabe. 


448  23.  Kapitel. 

(S.  34).  Was  also  heute  Diopliantische  Analytik  genannt  zu  werden 
pflegt,  was  man  als  Diopliantisclie  Gleichungen  dem  Schulunterrichte 
einverleibt  hat,  das  darf  man  bei  Diophant  nicht  suchen.  Diophant, 
sagen  wir,  löst  unbestimmte  Aufgaben  in  rationalen  Zahlen,  und 
daraus  folgt,  dass  für  ihn  eine  unbestimmte  Aufgabe  mit  aufsuchungs- 
bedürftigen Wurzeln  nur  dann  vorhanden  sein  kann,  wenn  der  Grad 
sich  auf  den  zweiten  erhebt,  ja  in  nicht  wenigen  Fällen  weiss  er 
noch  Aufgaben  vom  dritten  und  vierten  Grade  zu  bewältigen. 

Unsere  Leser  werden  nun  vielleicht  nach  den  Methoden  fragen, 
deren  Diophant  sich  bei  Auflösung  dieser  unbestimmten  Aufgaben 
bedient,  sie  werden  diese  Frage  um  so  sicherer  stellen,  wenn  sie 
^vissen,  dass  der  Geschichtsschreiber  neuerer  Zeit,  der  am  eingehendsten 
hiit  Diophant  sich  beschäftigt  hat,  einem  umfangreichen  Kapitel  gradezu 
die  Ueberschrift  „Diophants  Auf  lösungsmethoden"  gegeben  hat^).  Aber 
neben  dem  Umfange  jenes  Kapitels  selbst  sind  dessen  erste  Worte 
geeignet  die  durch  die  Ueberschrift  geweckten  Erwartmigen  zurück- 
zudrängen: „Diophants  Methoden  in  ihrer  ganzen  Mannigfaltigkeit 
vollständig  darstellen  hiesse  nichts  anderes,  als  sein  Buch  abschreiben." 
Darin  liegt  das  Zugeständniss,  dass  Diophant  keine  einheitliche  Me- 
thode besass,  ja  nicht  einmal  eine  Anzahl  von  Methoden,  deren  jede 
für  sich  zur  Bewältig-ung  einer  umgrenzten  Gruppe  von  Aufgaben 
diente.  „Diophant  war",  wie  ein  anderer  genauer  Kenner  seiner 
Werke  sich  sehr  bezeichnend  ausgedrückt  hat^),  „ein  glänzender 
Virtuos  in  der  von  ihm  erfundenen  Kunst  der  mibestimmten  Ana- 
lytik, die  Wissenschaft  hat  jedoch,  wenigstens  unmittelbar,  diesem 
glänzenden  Talente  wenig  Methoden  zu  verdanken,  weil  es  ihm  an 
dem  spekulativen  Sinne  fehlte,  der  in  dem  Wahren  mehr  als  das 
Richtige  sieht."  Seine  Virtuosität  zeigt  er  vornehmlich  in  der  Wahl 
der  unbekannten  Grösse.  Was  wir  oben  bei  Gelegenheit  bestimmter 
Aufgaben  mit  zwei  Unbekannten,  die  er  auf  die  Auffindung  einer 
einzigen  Unbekannten  zurückzuführen  wusste,  rühmen  durften,  gilt 
auch  für  Diophants  unbestimmte  Aufgaben.  Er  greift  die  zu  suchende 
Grösse  so  geschickt  heraus,  dass  verhältnissmässig  geringe  Mühe  noch 
erforderlich  ist,  die  Aufgabe  vollends  zu  bewältigen,  während  andrer- 
seits die  Willkürlichkeit  der  Voraussetzungen,  welche  er  sich  gestattet, 
in  keiner  Weise  zu  rechtfertigen  gesucht  wird,  eine  Rechtfertigung 
auch  nicht  gestattet. 

Wenn  Diophant  z.  B.  in  der  7.  Aufgabe  des  III.  Buches^)  drei 
Zahlen  von  der  Beschaffenheit  sucht,  dass  sowohl  die  Summe  von  allen 


')  Neeselinann,  Algebra  der  Griechen  S.  355 — 43G.      -)  Hankel  S.  165. 
•'')  Diophant  (Tannery)  pag.  146—148,  (Wertheim)  S.  SO. 


Die  Neui^latoniker.     Diophantus  von  Alexandria.  449 

dreien  als  die  Summe  von  je  zweien  ein  Quadrat  sei,  und  die  Ge- 
sammtsumme  x'-  -\-  2x  -{-  1  setzt,  so  kann  dagegen  keinerlei  Ein- 
wand erhoben  werden.  Wer  aber  berechtigt  ihn  die  Summe  der 
ersten  und  zweiten  Zahl  als  x^  anzunehmen,  so  dass  die  dritte  Zahl 
für  sich  2a;  -{-  1  wird?  Wer  berechtigt  ihn  vollends  die  Summe 
der  zweiten  und  dritten  Zahl  als  x^  —  2x  -\-  1  zu  setzen,  wie  er  es 
thut?  Unter  dieser  Annahme  wird  allerdings  eine  Lösung  gefunden. 
Die  erste  Zahl  allein  muss  nämlich  erhalten  werden,  wenn  die  Summe 
der  zweiten  und  dritten  von  der  Gesammtsumme,  d.  h.  wenn  x^  —  2x 
-\-  1  von  x^  -\-  2x  -{-  1  abgezogen  wird,  sie  muss  4x  sein,  und  die 
zweite  Zahl  allein  ist  die  um  die  erste  Zahl  4x  verringerte  Summe  x^ 
der  ersten  und  zweiten  Zahl  oder  x'^  —  Ax.  Es  bleibt  jetzt  nur  noch 
zu  erfüllen,  dass  die  Summe  der  ersten  Ax  und  der  dritten  2a;  +  1? 
d.  h.  dass  6x  -{-  1  ein  Quadrat  werde,  und  dazu  setzt  Diophant 
Gx-j-l  =  121,  mithin  x  =  20  und  die  drei  Zahlen  sind  80,  320,  41. 
Diophant  verschweigt  uns  sogar,  warum  er  6x  -{-  1  ==  121  setzt  und 
nicht  eine  kleinere  Quadratzahl  ähnlicher  Form  wählt,  wenn  auch 
der  Grund  hiervon  nachträglich  zu  erkennen  ist.  Die  Annahme 
6x  -}-  1  =  25  gibt  nämlich  die  drei  Zahlen  16,  0,  9,  unter  welchen 
die  0  vorkommt,  die  ihm  keine  Zahl  ist;  und  die  Annahme  6a;  -f-  1  =  49 
gibt  die  Zahlen  32,  32,  17,  welche  er  wohl  deshalb  vermeidet,  weil 
die  beiden  ersten  unter  sich  gleich  sind,  also  streng  genommen  keine 
drei  Zahlen  darbieten. 

Virtuosität  legt  Diophant  auch  darin  an  den  Tag,  dass  er  die  zu 
lösende  Aufgabe  theilt,  dass  er  gewisse  Bedingungen  derselben  zunächst 
willkürlich  durch  irgend  Zahlenannahmen  erfüllt,  dass  er  dann  diese 
Annahmen  als  falsch  erkennt  und  vermöge  anderer  Bedingungen  der 
Aufgabe  in  die  richtige  umwandelt,  ein  Weg,  der  uns  unwillkürlich 
an  den  falschen  Ansatz  erinnert,  dessen  Ahmes  in  seiner  schwie- 
rigsten Aufgabe  von  der  arithmetischen  Reihe  (S.  41)  sich  bedient 
hat,  ein  Weg,  der  künftig  unseren  forschenden  Blicken  wiederholt 
erkennbar  sein  wird,  von  vielen  Fussspuren  durchkreuzt,  die  den 
mannigfachsten  Betretern  angehören. 

Als  einfachste  Aufgabe  dieser  Art  wird  die  22.  des  IV.  Buches ') 
genannt.  Drei  proportionale  Zahlen  von  der  Beschaffenheit  zu  suchen, 
dass  der  Unterschied  von  je  zweien  ein  Quadrat  werde.  Ist  die  erste 
Zahl  X,  so  setzt  Diophant  die  zweite  x  -{-  4,  die  dritte  x  -{-  lo, 
damit  der  Unterschied  der  ersten  und  zweiten,  sowie  der  zweiten  imd 
dritten  ein  Quadrat  werde.  Die  angegebenen  Zahlen  lassen  aber  den 
Unterschied  der  ersten   und  dritten  nicht  zu  einem  Quadrat  werden. 


')  Diophant  (Tannery)  pag.  234-236,  (Wertlieim)  S.  146-147. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  29 


450  23.  Kapitel. 

Die  als  Summe  der  Quadrate  4  -}~  9  entstandene  Zalil  13  muss  also 
so  umgewandelt  werden,  dass  sie  die  selbst  quadratische  Summe 
zweier  Quadrate  werde.  Man  wäUt  z.  B.  25  =  9  -|-  16  und  setzt  a;, 
X  -\-9f  X  -^26  für  die  drei  Zahlen.    Jetzt  endlich  ist  die  Hauptbedingung 

X  :  {x -}- 9)  =  (x -\- 9)  :  (x -{-  25)    oder   x^  +  18.r  +  81  =  ä;^  +  2öx 

zu  erfüUen,  was  durch  x  =  -^  geschieht,  und  die  drei  Zahlen  sind 
-Y ,  -^ ,  -^  •    Es  kami  auffallen,  dass  Diophant  hier  versäumt  sämmt- 

liche  Brüche  mit  49  (dem  Quadrate  ihres  Nenners)  zu  vervielfachen, 
um  die  ganzzahlige  Auflösung  567,  1008,  1792  sich  zu  verschaffen; 
vielleicht  schienen  diese  Zahlen  ihm  zu  gross.  Noch  mehr  drängt 
sich  die  Frage  auf,  warum  gerade  9  und  25  als  die  Unterschiede  der 
ersten  Zahl  von  der  zweiten  und  dritten  gewählt  wurden,  warum 
nicht  mindestens  gesagt  ist  9  -[-  16  =  25  sei  die  kleinste  ganzzahlige 
Auflösung  der  vorauszulösenden  Gleichung  «^  -{-  Iß  =  c^ ,  so  dass 
man  daraus  entnähme,  auch  andere  die  gleiche  Bedingung  erfüllende 
Zahlen  hätten  benutzt  werden  dürfen. 

Auf  alle  solche  Fragen,  die  wir  zu  stellen  geneigt  sind,  lässt 
sich  stets  nur  dieselbe  Antwort  ertheilen,  die  nämlich,  dass  für  Diophant 
diese  Fragen  nicht  so  nahe  lagen,  wie  wir  zu  meinen  geneigt  sind. 
Diophant  suchte  meistens  eine  Lösung,  nicht  die  Lösung.  Er  be- 
antwortete Räthselfragen,  er  hatte  es  nur  in  seltenen  Ausnahmsfällen 
mit  folgerungsreichen  Theorien  zu  thun.  Er  stand  damit  innerhalb 
seiner  Zeit,  innerhalb  seines  Volkes.  Seine  Genialität  in  Erreichung 
der  vorgesteckten  Ziele  gehört  ihm  persönlich  zu,  die  Beschränkung 
dessen,  was  er  zu  erreichen  suchte,  verschuldet  mit  ihm  die  gesammte 
griechische  Arithmetik,  wenn  von  einer  Schuld  gesprochen  werden 
kann,  wo  auch  das  entfernteste  Bewusstsein  fehlt,  man  hätte  anders 
handeln  können. 

Statt  daher  bei  Diophant  Methoden  zur  Auflösung  unbestimmter 
Gleichungen  vom  ersten  oder  von  höherem  Grade  zu  suchen,  werden 
wir  uns  begnügen  müssen  zuzusehen,  ob  ihm  unterwegs  bei  seinen 
künstlichen  Windungen  einzelne  zahlentheoretische  Wahrheiten  bekannt 
geworden  sind,  welche  der  späteren  Zeit  zu  gute  kamen. 

Solche  Wahrheiten  finden  Avir  nun  z.  B.  in  der  22.  Aufgabe  des 
HL  Buches  ^),  wo  es  zuerst  heisst,  dass  in  jedem  rechtwinkligen 
Dreiecke  das  Quadrat  der  Hypotenuse  auch  dann  noch  ein  Quadrat 
bleibt,  wenn  man  das  doppelte  Produkt  der  Katheten  davon  abzieht 
oder  hinzufügt,  und  später  dass  die  Zahl  65  sich  von  selbst  auf 
zweierlei  Art    in   zwei  Quadrate,    nämlich  zuerst  in  16  und  49   und 


')  Diophant  (Tannery)  pag.  182—184,  (Wertheim)  S.  110—111. 


Die  Neuplatoniker.     Diopliantus  von  Alexandria.  451 

daun  wieder  in  64  und  1  zerlegen  lasse,  welches  seinen  Grund  darin 
liabe,  dass  65  aus  der  Multiplikation  der  Faktoren  5  und  13  ent- 
standen sei,  deren  jeder  die  Summe  von  zwei  Quadraten  sei.  Das 
lieisst  erstlicli,  dass  a^  -}-  h'^  ^  2ah  ein  Quadrat  gebe  und  zweitens, 
dass  (a^ -\- h^)  {c^ -{- d")  auf  zwei  Arten  als  Summe  zweier 
Quadrate  dargestellt  werden  könne.  Wenn  auch  Diophant 
nicht  sagt,  dass  ihm  die  Zerlegungen  selbst  (ac  —  bd)'  -f-  {ad  -j-  hc)'^ 
und  (ac  -\-  hd)'^  -\-  (ad  —  hc)'^  bekannt  seien,  so  ist  doch  wohl  nicht 
daran  zu  zweifeln,  da  andernfalls  die  zweifache  Möglichkeit  der  Zer- 
let^ung  ihm  nicht  so  einleuchtend  hätte  sein  können. 

Dass  jedes  Quadrat  auf  beliebig  viele  Arten  als  Summe 
zweier  Quadrate  aufgefasst  werden  könne,  lehrt  Diophant 
in  der  8.  und  9.  Aufgabe  des  II.  Buches^)  wie  folgt.  Ist  a^  die  zu 
zerlegende  Quadratzahl,  so  denke  man  x^  als  den  einen,  (^mx  —  ay 
als   den  anderen  Theil,    wo  m   ganz    beliebig    gewählt  werden  kann. 

Demnach    muss    a^  =  x'  -{-  m'X^  —  2anix  -\-  a^,    also    x  =  — «-nriL 

,  a{m~  —  1)        .  T  i.  i.      2        /     2/M  V 

und    mx  —  «=—,—,—,—    sein,    oder    man    hat    er  =  1    v-p-r  "  ^/ 
771-  -\-  1  '  \w-  +  1         ^ 

+  i*"^.^-  :r  •  a)    unter   ganz  willkürlicher  Annahme   von  ni.     Das  ist 

'     \nr  -\-  1        /  " 

einer  von  den  seltenen  Ausnahmefällen,  in  welchem  Diophant  sich 
zur  vollen  Allgemeinheit  erhebt  und  wie  wir  von  dem  w?  fachen,  von 
„irgend  einem  Vielfachen"  und  von  „einem  beliebigen  Vielfachen'"  spricht. 

Wir  nennen  ferner  die  Wahrheit,  dass  keine  Zahl  von  der 
Form  4«  +  3  die  Summe  zweier  Quadrate  sein  könne,  welche 
in  der  12.  Aufgabe  des  V.  Buches^)  gelegentlich  ausgesprochen  ist. 
Ob  Diophant  auch  wusste,  dass  jede  Primzahl  von  der  Form  4 «  -[-  1 
als  Summe  zweier  Quadrate  aufgefasst  werden  kann?  Schwerlich!  und 
noch  weniger  wird  man  annehmen  dürfen,  falls  er  wirklich  diese 
oder  eine  ähnliche  Umkehrung  sich  gestattet  hätte,  er  habe  einen 
vollgiltigen  Beweis  dafür  besessen. 

Diophant  geht  vielmehr  in  Umkehrungen  nicht  mit  der  nöthigen 
Vorsicht  zu  Werke,  wie  aus  einem  seiner  Porismen  sich  ergibt. 
Wir  haben  (S.  436)  gesagt,  dass  Diophant  an  verschiedenen  Stellen 
auf  seine  Porismen  verweise.  Drei  Porismen  sind  ausdrücklich  an- 
geführt in  der  3.,  5.  und  19.  Aufgabe  des  V.  Buches. 

Das  erste  derselben  lautet''):  „Wenn  man  zwei  Zahlen  hat  und 
nicht  nur  jede  dieser  Zahlen  für  sich,  sondern  auch  das  Produkt  ein 

*)  Diophant  (Tannery)  pag.  90—92,  (Wertheim)  S.  51-53.  ^)  Ebenda 
(Tannery)  pag.  332  —  334,  (Wertheim)  S.  206  und  in  der  Uebersetzung  von 
Schulz  die  Anmerkung  S.  518—520.  ^)  Ebenda  (Tannery)  pag.  316,  (Wert- 
heim) S.  195. 

29* 


452  23.  Kapitel. 

Quadrat  wird,  wenn  man  die  nämliche  vorgeschriebene  Zahl  dazu 
addirt,  so  sind  sie  von  zwei  unmittelbar  auf  einander  folgenden  Qua- 
draten entstanden"  d.  h.  wenn  x  -{-  a=^  m^,  y  -\-  a  =  n'^,  xy  -\-  a=p^ 
sein  soll,  so  müssen  m,  n  auf  einander  folgende  ganze  Zahlen  sein. 
Hier  hat  man  zeigen  können  ^),  dass  Diophant  eine  falsche  Umkehrung 
vornahm.  Wenn  m  und  n  auf  einander  folgende  ganze  Zahlen  sind, 
findet  allerdings  der  ausgesprochene  Satz  statt,  aber  derselbe  kann 
auch  stattfinden,  ohne  dass  diese  Bedingung  erfüllt  werde. 

Das  zweite  Porisma  lautet")  „dass  wenn  man  zu  zwei  auf  ein- 
ander folgenden  Quadratzahlen  noch  eine  dritte  Zahl  suche,  welche 
um  2  grösser  ist  als  die  doppelte  Summe  jener  beiden,  man  dann 
drei  Zahlen  von  der  Beschaffenheit  habe,  dass  das  Produkt  von  je 
zweien,  sowohl  wenn  die  Summe  der  zwei  multiplicirten,  als  auch 
wenn  die  dritte  Zahl  dazu  addirt  wird,  ein  Quadrat  werde".  Die  drei 
Zahlen  sind  a^,  (a  -\-  1)^,  4a^  -j-  4a  +  4  und  dass  diese  in  der  That 
die  ausgesprochenen  Eigenschaften  besitzen,  ist  leicht  erkennbar. 

Endlich  das  dritte  Porisma  heisst^)  „dass  der  Unterschied  zweier 
Kubikzahlen  auch  allemal  Summe  von  zwei  Kubikzahlen  sei".  Der 
Satz  ist  wahr,  aber  einen  Beweis  gibt  Diophant  an  der  Stelle,  wo 
er  das  Porisma  anwendet,  nicht.  Das  würde  auch  Niemand  erwarten 
dürfen,  denn  Verweisungen  haben  ja  grade  den  Zweck  Beweise  zu 
ersparen.  Dagegen  ist  es  allerdings  einigermassen  auffallend,  dass 
auch  die  praktische  Ausführung  jenes  als  möglich  Erklärten  fehlt. 
Der  Satz  selbst  wird  uns  erst  im  XVII.  S.  wieder  begegnen,  wo  er 
den  Ausgangspimkt  interessanter  Untersuchungen  bildete. 

Neben  den  drei  besonders  genannten  Porismen  hat  man  auch 
wohl  die  vorher  von  uns  hervorgehobenen  Wahrheiten  als  Porismen 
des  Diophant  aufgefasst,  was  wenigstens  mit  dem  Charakter  der 
Sätze  nicht  in  Widerspruch  steht. 

Bei  den  erhaltenen  sechs  arithmetischen  Büchern  noch  einen 
Augenblick  verweilend  müssen  wir  eins  betonen,  welches  von  ge- 
schichtlicher Bedeutung  sein  dürfte.  Wir  haben  arithmetische  Unter- 
suchungen griechischer  Schriftsteller  durch  Jahrhunderte  verfolgen 
können  und  haben  deren  eno'e  Verbindunj^  mit  der  Theorie  des 
rechtwinkligen  Dreiecks  in  den  verschiedensten  Perioden  hervor- 
treten sehen.  Auch  Diophant  beschäftigt  sich  mit  solchen  Zahlen, 
welche  die  Längenmaasse  der  Seiten  eines  rechtwinkligen  Dreiecks 
sind,  und  zwar  treten  diese  Aufgaben,  abgesehen  von  einigen  wenigen*), 

^)  Nesselmann,  Algebra  der  Griechen  S.  441—442.  -)  Diophant  (Tan- 
nery)  pag.  320,  (Wertheim)  S.  198.  ^)  Diophant  (Tannery)  pag.  358,  (Wert- 
heim) S.  22G.  ')  Nesselmann,  Algebra  der  Griechen  S.  436  hat  dieselben 
gesammelt.  , 


I 


Die  Neuplatoniker.     Diopliahtus  von  Alexandria.  453 

die  wohl  bei  der  Zerstörung,  welclie  der  ursprüugiiclie  Text  unter 
allen  Umständen  erlitt,  an  eine  unrechte  Stelle  gekommen  sein  mögen, 
durchaus  im  VI.  Buche  auf.  Mau  gewinnt  dadurch  die  Empfindung, 
es  seien  zuerst  arithmetische,  dann  geometrisch-arithmetische  Fragen 
behandelt  worden.  Wir  haben  uns  (S.  437)  der  Meinung  angeschlossen, 
es  sei  nicht  wahrscheinlich,  dass  am  Ende  der  auf  uns  gekommenen 
sechs  Bücher  vieles  fehle.  Wir  sind  nicht  gewillt  solches  gesen- 
wärtig  zu  widerrufen,  aber  wenn  auch  nicht  vieles,  so  könnte  ein 
Gegenstand  hier  verloren  gegangen  sein,  den  wir  nennen  möchten. 
Die  geometrisch-arithmetischen  Fragen  des  VI.  Buches  beziehen  sich 
insgesammt  auf  das  rechtwinklige  Dreieck.  Die  Möglichkeit 
geometrisch-arithmetischer  Fragen  vom  Rechtecke  ist  nicht  aus- 
o-eschlossen.  Solche  Aufgaben  kemien  wir  bereits.  Sie  stehen  in 
dem  Buche  des  Landbaues  (S.  364),  wir  mussten  bei  Gelegenheit 
einer  Stelle  aus  dem  III.  Buche  der  Sammlung  des  Pappus  (S.  425) 
daran  erinnern.  Die  Aufgaben  verlangen:  1.  zwei  Rechtecke  zu 
finden,  deren  Umfange  wie  deren  Flächeninhalte  im  Verhältnisse  wie 
1  :  3  stehen;  2.  zwei  Rechtecke  zu  finden,  deren  Umfange  einander 
gleich  seien,  deren  Flächen  aber  im  Verhältnisse  von  1  :  4  stehen. 
Die  Auflösuug  der  ersten  Aufgabe  bilden  die  Rechtecke  aus  den 
Seiten  54,  53  und  318,3,  die  der  zweiten  die  Rechtecke  aus  den 
Seiten  3,60  und  15,48.  Eine  wenn  auch  nur  geringe  Familienähn- 
lichkeit dazu  besitzt  die  achte  Aufgabe  des  V.  Buches^)  bei  Diophant: 
„Man  soll  drei  rechtwinklige  Dreiecke  suchen,  deren  Flächen  ein- 
ander gleich  sind."  Hat  Diophant,  was  wir  nicht  für  unmöglich 
halten,  Aufgaben  behandelt,  welche  näher  mit  denen  im  Buche  des 
Landbaues  übereinstimmen,  so  wird  er  es  schwerlich  in  dem  gleichen 
Buche  gethan  haben,  in  welchem  von  den  rechtwinkligen  Dreiecken 
die  Rede.  war.  Jedes  rechtwinklige  Dreieck  ist  zwar  für  die  arith- 
metische Betrachtung  nicht  minder  wie  für  die  geometrische  die 
Hälfte  eines  Rechtecks,  d.  h.  die  Katheten  eines  rationalen  recht- 
winkligen Dreiecks  können  auch  als  Seiten  eines  rationalen  Recht- 
ecks betrachtet  werden;  aber  das  gilt  nicht  umgekehrt.  Die  Seiten 
vieler  Rechtecke  z.  B.  alle  obigen  Paare  54,  53  wie  318,3  wie  3,60 
wie  15,48  können  nicht  als  Katheten  eines  rationalen  rechtwinkligen 
Dreiecks  benutzt  werden.  Dieser  Gegensatz  erscheint  auch  in  der 
Natur  der  gestellten  Fragen  wieder.  Jene  Aufgaben  von  den  Recht- 
ecken verlangten  sowohl  den  Inhalt  als  den  Umfang  gewissen  Zahlen- 
bedingungen zu  unterwerfen.  Die  angeführte  diophantische  Aufgabe 
von  Dreiecken  schrieb  nur  für   den  Inhalt  eine  Bedingung  vor,   weil 


^)  Diophant  (Tannery)  pag.  324,  (Wertheini)  S.  200. 


454  23.  Kapitel. 

die  Reclitwinkligkeit  der  Dreiecke  den  Seitenlangen  von  selbst  ge- 
wisse Bedingungen  auferlegt,  die  nicht  erst  ausgesproclien  zu  werden 
brauchen. 

Wie  es  nun  damit  sei,  ob  Diophant  in  einem  Schlussbuche  seines 
Werkes  Aufgaben  über  Rechtecke  behandelte  oder  nicht,  unter  allen 
Umständen  ist  die  Form  der  meisten  geometrisch-arithmetischen  Auf- 
gaben des  VI.  Buches  zu  beachten,  bei  welchen,  wie  in  jener  Auf- 
gabe Herons  vom  Kreise  (^S.  376),  Flächen  und  Linien  so  sehr  als 
Zahlen  behandelt  werden,  dass  man  Summen  und  Differenzen  aus 
ihnen  bildet.  Wir  führen  als  einfaches  Beispiel  die  neunte  Aufgabe 
des  VI.  Buches^)  an:  „Man  soll  ein  rechtwinkliges  Dreieck  von  der 
Beschaffenheit  suchen,  dass  die  Fläche  desselben  einer  gegebenen 
Zahl  gleich  wird,  wenn  man  die  beiden  Katheten  davon  abzieht"  oder 

in  Zeichen  geschrieben  — ~  —  x  —  y  =  <-\ 

Wir  wenden  uns  zu  der  kleinen  10  Sätze  umfassenden  Abhand- 
lung über  Polygonalzahleu,  welche  in  den  Handschriften  mit  den 
arithmetischen  Büchern  vereinigt  ist.  Um  den  Inhalt-)  der  Abhand- 
lung richtig  zu  verstehen  müssen  wir  uns  des  Satzes  von  den  Drei- 
eckszahlen erinnern,  die  8 fach  genommen  und  um  1  vermehrt  stets 
zu  Quadraten  werden.  Wir  haben  diesen  Satz  bei  Plutarch,  später 
bei  Jamblichus  (S.  431)  gefunden.  Ihn  verallgemeinert  Diophant 
und  behauptet,  jede  Polygonalzahl  werde  zu  einem  Quadrate,  wenn 
man  sie  mit  einem  Zahlencoefficienteu  vervielfache,  der  von  der  An- 
zahl der  Ecken  der  Polygonalzahl  abhänge,  und  das  Quadrat  einer 
gleichfalls  aus  dieser  Eckenzahl  sich  ergebenden  Zahl  hinzuaddire. 
Er  spricht  ihn  später  dahin  aus,  dass  wenn  etwa  p',u  das  Symbol  der 
rten  meekszahl,  und  ^j„,  allgemeiner  das  Symbol  irgend  einer  mecks- 
zahl  darstellt,  stets  8  (m  —  2)  pm  -\-  (m  —  4)"^  eine  Quadratzahl  werde. 
Er  findet  sodann  diese  Quadratzahl,  welche  nicht  bloss  von  m,  sondern 
auch  von  dem  jedesmaligen  r  abhängt,  als  [(7)1  —  2)  (2r  —  1)  +  2J-. 
Damit  ist  zugleich  eine  Doppelformel  gegeben,  welche  zeigt,  wie  die 
rte  wieckszahl  gefunden  werden  kann,  sobald  m  und  r  bekannt  sind, 
wie  aber  auch  die  Seite  r  einer  bekannten  wieckszahl  2hu  sich  be- 
rechnen lässt.     Denn  einmal  ist 

>■   _  [jm  -  2)  (2r  -  1)  +  2]^  —  {m  —  4)^ 
-^'"  ~  8(to  -  2)  ' 

was     bei     Diophant    im     0.    Satze     folgendermassen    lautet:      „Wir 
nehmen  die   Seite  (r)   der  Polygoualzahl    doppelt,    ziehen    davon    die 


')  Diophant  (Tannery)  pag.  409,  (Wertheim)  S.  266.  2)  Eine  sehr  klare 
Uebersicht  bei  Nesselmann,  Algebra  der  Griechen  S.  463 — 469.  Die  Abhand- 
lung selbst  in  Diophant  (Tannery)  pag.  450—480,   (Wertheim)  S.  297—313. 


Die  Neuplatoniker.     Diophantus  von  Alexandria.  455 

Einheit  ab;  den  Rest  vervielfältigen  wir  durch  die  um  2  verkürzte 
Zahl  der  Ecken  {ni}-  zu  dem  Produkte  wird  2  gezählt  und  die  Summe 
quadrirt;  von  dem  Quadrate  ziehen  wir  ab  das  Quadrat  der  um  4  ver- 
kleinerten Anzahl  der  Ecken;  den  Rest  theilen  wir  durch  das  8 fache 
der  um  2  verkürzten  Anzahl  der  Ecken,  so  werden  wir  die  Polygonal- 
zahl finden."  Zweitens  findet  sich  aus  dieser  Formel  durch  Rückwärts- 
entwicklung 


'VH»i  -  2)  ?>;  4-  (m  -  4)^-2         ^ 


VI  —  2 

und  Diophant  fährt  auch  wirklich  fort:  ,,Ist  diese  (i.  e.  die  Polygonal- 
zahl) gegeben,  so  finden  wir  deren  Seite  auf  folgende  Art.  Wir  ver- 
vielfältigen sie  durch  das  8  fache  der  um  2  verkürzten  Anzahl  der 
Ecken;  zum  Produkte  zählen  wir  das  Quadrat  der  um  4  verkürzten 
Anzahl  der  Ecken,  so  werden  wir  eine  Quadratzahl  erhalten,  wenn 
die  gegebene  wirklich  eine  Polygonalzahl  war.  Von  der  Seite  dieses 
Quadrates  ziehen  wir  2  ab;  den  Rest  theilen  wir  durch  die  um  2 
verkleinerte  Anzahl  der  Winkel,  setzen  die  Einheit  hinzu  und  nehmen 
von  der  Summe  die  Hälfte:  so  werden  wir  die  Seite  der  gesuchten 
Quadratzahl  erhalten.''  Als  Satz  10.  schliesst  sich  noch  die  Aufgabe 
an,  zu  erforschen,  auf  wie  viele  Arten  eine  gegebene  Zahl 
Polygonalzahl  sein  könne?  Der  Sinn  dieser  Frage  ist  klar.  Die 
Zahl  36  z.  B.  ist  die  achte  Dreieckszahl,  die  sechste  Viereckszahl, 
die  dritte  Dreizehneckszahl  und  die  zweite  Sechsunddreissigeckszahl, 
kann  also  auf  vier  Arten  Polygonalzahl  sein,  und  diese  Anzahl  4 
wird  eben  gesucht.  Leider  ist  die  Antwort  auf  diese  Frage  nicht  so 
verständlich  Avie  die  Frage  selbst.  Sie  bricht  in  der  Mitte  ab,  ohne 
dass  es  bisher  gelungen  wäre,  das  Bruchstück  dem  Sinne  entsprechend 
zu  ergänzen. 

Wir  haben  schon  früher  (S.  436)  bemerken  müssen,  dass  die 
Abhandlung  über  die  Polygonalzahlen  ein  ganz  anderes  Gepräge  trage 
als  die  arithmetischen  Bücher.  Die  arithmetischen  Bücher,  sagten 
wir,  seien  wesentlich  analytisch,  die  Schrift  über  die  Polygonalzahlen 
wesentlich  synthetisch.  Letztere  lehnt  sich,  wie  wir  jetzt  ergänzend 
sagen  möchten,  vornehmlich  an  die  arithmetischen  Bücher  des  Euklid 
an.  Wie  dort  sind  die  Sätze  erst  behauptungsweise  ausgesprochen, 
dann  bewiesen.  Wie  dort  schliesst  der  Beweis  häufig  mit  den  Worten : 
„welches  zu  zeigen  war".  Wie  dort  sind  die  Beweise  an  Linien  ge- 
führt, welche  aber  nichts  anderes  sind  noch  sein  wollen  als  Versimi- 
lichungen  von  Zahlen,  und  geometrische  Vorkenntnisse  werden  nicht 
beansprucht^).     Das    alles    sind    nur    erschwerende    Einzelheiten,    ge- 

')  Ganz  vereinzelt  ist  auch  die  Aufgabe  V,  13  der  arithmetischen  Bücher 
an  einer  Linie  versinnlicht.     Diophant  (Tannery)  pag.  336,  (Wertheim)  S.  209. 


456  23.  Kapitel. 

eignet  die  Uebersiclitlichkeit  der  Sätze  für  den  Leser,  aber  auch  für 
den  Erfinder  bedeutend  zu  verringern.  Man  vergleiche  doch  die 
beiden  Hauptformebi  mit  der  Einkleidung  derselben  in  Worte  bei 
Diophant,  vs^elche  wir  ihnen  zur  Seite  gestellt  haben,  und  man  wird 
ein  Gefühl  davon  erhalten,  wie  schwer  es  bei  solcher  Fassung  war 
auch  nur  die  zweite  Formel  aus  der  ersten  herzuleiten. 

Was  in  dieser  Abhandlung  über  die  Polygonalzahlen  dem  Dio- 
phant  eigenthümlich  ist,  was  er  von  Vorgängern  entlehnte,  ist  zweifel- 
haft. Fehlen  uns  auch  die  Schriften  des  Philippus  Opuntius  (S.  157), 
des  Speusippus  (S.  236),  des  Hypsikles  (S.  345)  über  diesen  Gegen- 
stand, so  wissen  wir  doch,  dass  die  ersteren  die  Namen  der  Vielecks- 
zahlen überhaupt,  letzterer  eine  sachgemässe  Definition  derselben 
kannte,  auf  welche  grade  Diophant,  bei  dem  allein  sie  sich  erhalten 
hat,  Rücksicht  nimmt.  Es  ist  also  jedenfalls  unrichtig,  dass  Diophant 
zuerst  von  Vieleckszahlen  im  Allgemeinen  gehandelt  habe,  wie  wohl 
gesagt  worden  ist.  Möglich  ist  es  dagegen,  dass  die  Doppelformel, 
in  welcher  Diophants  Abhandlung  gipfelt,  von  ihm  herrühre,  möglich 
auch,  wie  im  26.  Kapitel  verständlich  werden  wird,  dass  in  dem  ver- 
loren gegangenen  Schlüsse  der  Abhandlung  noch  Sätze  über  Pyra- 
midalzahlen  und  deren  Beziehung  zu  den  Polygonalzahlen  enthalten 
waren.  Ja  es  ist  selbst  nicht  ausgeschlossen,  dass  Hypsikles  bereits 
sich  mit  Untersuchungen  über  diesen  letzteren  Gegenstand  beschäftigte. 

Lassen  wir  die  weniger  bedeutenden  Schriftsteller,  denen  die  zu- 
fällige Zeit  ihres  Lebens  einen  Platz  in  den  beiden  letzten  Kapiteln 
anwies,  bei  Seite,  so  bleiben  die  beiden  Alexandriner:  Pappus, 
Diophantus  als  reicher  Inhalt.  Beide  hervorragende  Geister,  Mathe- 
matiker, welche  jedem  Volke,  jedem  Jahrhunderte  zur  Zierde  gereicht 
hätten,  welche  aber  da,  wo  ihnen  zu  wirken  das  Geschick  verlieh,  einer 
unmittelbaren  Wirkung  entbehrten,  entbehren  mussten.  Pappus  stand, 
wie  wir  gesehen  haben,  vielleicht  an  der  Spitze  einer  Schule  (S.  414), 
und  von  seiner  geometrischen  Sammlung  ist  bei  keinem  Griechen  die 
Rede!  Diophantus  Name  war,  wie  wir  aus  den  Aeusserungen  von 
Theon  von  Alexandria,  von  Johannes  von  Jerusalem  (S.  434)  wissen, 
von  dem  Strahlenglanze  algebraischen  Ruhmes  umschlossen,  und  doch 
ist  kein  griechischer  Algebraiker  nach  ihm  aufgetreten,  der  seine 
Geistesrichtung  verfolgte!  Vereinzelte  Zuthaten,  Einschiebungen  von 
nicht  immer  zweifellosem  Werthe  in  die  Sammlung  des  Pappus, 
dürftige  Commentare  zu  alten  Arithmetikern,  zu  Diophantus  selbst, 
das  war  Alles,  wozu  griechische  Schriftsteller  sich  noch  zu  erheben 
vermochten.  Pappus  und  Diophantus  muthen  uns  an,  wie  riesige 
erratische  Blöcke  in  einer  weiten  Ebene.  Sie  bilden  weit  sichtbare 
Punkte,    an  denen  das  Auge   des   Beschauers    haften    muss,    aber  sie 


Die  griechische  Mathematik  in  ihrer  Entartung.  457 

dnrclibreclieii  nur,  sie  verändern  nicht  die  allgemeine  Flachheit.  Die 
Griechen  am  Ende  des  IV.  S.  waren  längst  nicht  mehr  das  Volk, 
dem  Leben  gleichbedeutend  war  mit  Fortschreiten  in  Kunst  und 
Wissenschaft.  Die  commentireude  Thätigkeit,  welche,  wie  wir  er- 
örtert haben,  eine  HauptbeschäftiguDg  der  philosophischen  Sekten 
jener  Zeit  bildete,  schloss  den  Geist  in  die  engeren  Schranken  des 
bereits  Vollendeten,  statt  ihm  Flügel  zum  Ausschweifen  in  uneut- 
deckte  Fernen  zu  verleihen.  Immer  tiefer  sinkt  griechische  Mathe- 
matik herab,  und  gälte  es  nicht  das  Gebot  der  Vollständigkeit  zu 
erfüllen,  wäre  es  nicht  historisch  nothwendig  zu  sehen,  wie  eine 
Wissenschaft  abstirbt,  man  schlösse  am  liebsten  mit  Diophaut  die 
Besprechung  der  in  griechischer  Sprache  geschriebenen  mathema- 
tischen Werke. 


24.  Kapitel. 
Die  griechische  Mathematik  in  ihrer  Entartung. 

Wir  haben  in  den  Schlusssätzen  des  vorigen  Kapitels  wohl  hin- 
länglich entschuldigt,  Aveshalb  wir  mit  Diophant  wenigstens  ein  Ka- 
pitel abzuschliesseu  für  nöthig  fanden.  Es  widerstrebte  uns  auf  ihn 
noch  Schriftsteller  folgen  zu  lassen,  die  zwar  auch  noch  dem  IV.  S. 
angehören,  deren  einer  sogar  nicht  unbedeutender  Berühmtheit  sich 
erfreut,  die  aber  doch  einen  gar  zu  grellen  Abstich  gegen  Diophant 
bieten  würden. 

Wir  meinen  zunächst  Patrikius^),  einen  Schriftsteller,  von 
welchem  nur  in  zwei  heronische  Bücher,  in  die  Geometrie  und  in 
die  erste  stereometrische  Sammlung,  unbedeutende  Ueberreste  sich 
eingeschlichen  haben.  Die  erste  Stelle  lehrt  bei  grösserer  Länge 
eines  Grundstückes  dessen  Breite  au  verschiedenen  Stellen  zu  messen, 
daraus  eine  Durchschnittsbreite  zu  berechnen  und  die  Fläche  als 
Kechteck  zwischen  dieser  Durchschnittsbreite  und  der  Länge  zu  be- 
trachten"-). Die  zweite  Stelle  gibt  eine  ähnliche  Vorschrift  für 
Körperräume:  eine  nach  oben  sich  verjüngende  kreisrunde  Säule  soll 
als  Cylinder  von  gleicher  Höhe  betrachtet  werden,  für  dessen  Grund- 
fläche ein  Mittelkreis  gilt,  dessen  Durchmesser  die  halbe  Summe  des 
obersten  und  untersten  Säulendurchmessers  ist'^).    .So  Patrikius,  wenn 


^)  Th.  H.  Martin  in  dem  IV.  Eande  der  Memoires  presenUs  par  divers 
savants  ä  Vacadcmie  des  inscriptions  et  bclks-Iettres.  Serie  I.  Sujets  divers 
d'erudition  (Paris,  1854)  pag.  220.  Agrimensoren  S.  112.  -)  Heron  (ed. 
Hultsch)  pag.  136.  Vergl.  ebenda  pag.  207,  lin.  16  —  20.  ^)  Heron  (ed. 
Hui t seh)  pag.  159. 


458  24.  Kapitel. 

die  Sätze  wirklich  in  der  Einschiebuug  in  heronisclie  Schriften,  aus 
der  wie  sie  kennen,  auf  den  richtigen  Urheber  zurückgeführt  sind, 
da  sie  ihrem  Charakter  nach  ebenso  gut,  ja  fast  noch  besser,  uralt 
sein  könnten.  Wer  aber  dieser  Patrikius  selbst  war,  ist  zweifelhaft. 
Man  kennt  zwei  Männer  des  Namens,  einen  der  aus  Lydien  stammend 
374  hingerichtet  wurde,  also  in  der  That  noch  dem  Ende  des  IV.  S. 
angehört,  einen  zweiten  aus  Lykien,  der  schon  in  das  V.  S.  hinttber- 
reicht  und  am  bekanntesten  ist  durch  seinen  Sohn  Proklus,  von 
welchem  wir  weiter  rmten  zu  reden  haben. 

Der  andere  Schriftsteller,  an  welchen  wir  vorher  dachten,  ist 
Theon  von  Alexandria ^).  Er  lebte,  wie  wir  schon  bei  Gelegenheit 
der  Zeitbestimmung  des  Pappus  (S.  412)  angeben  mussten,  während 
der  Regierung  Theodosius  des  Grossen  und  zwar  in  Alexandria,  wo 
er,  nach  der  Angabe  des  Suidas,  am  Museum  lehrte.  Wir  wissen 
durch  ihn  selbst,  dass  er  in  Alexandria  im  Jahre  365  eine  Sounen- 
finsterniss  beobachtete.  Seine  Bemerkungen  zii  den  chronologischen 
Handtafeln  des  Ptolemäus  erstrecken  sich  bis  auf  das  Jahr  372.  Das 
Todesjahr  seiner  nachher  zu  erwähnenden  Tochter  ist  415.  Das  sind 
lauter  zusammenstimmende  Jahreszahlen,  welche  an  seiner  Lebenszeit 
einen  Zweifel  nicht  aufkommen  lassen. 

Den  Mathematiker  interessiren  vorzugsweise  zwei  Reihen  von 
Arbeiten,  welchen  Theon  sich  unterzog.  Zuerst  gab  er  die  Ele- 
mente des  Euklid  heraus,  wie  wir  bei  Besprechung  dieses  Werkes 
selbst  (S.  262)  anführten  und  vermehrte  —  bereicherte  dürfen  wir 
kaum  sagen  —  dieselben  durch  Zusätze  von  geringfügigem  Werthe. 
Später  verfasste  er  einen  Commentar  zu  dem  ptolemäischen 
Almageste,  in  welchem  von  der  Euklidausgabe  die  Rede  ist"),  wo- 
durch die  Reihenfolge  dieser  Arbeiten  sich  feststellt.  Der  Commentar 
erstreckte  sich,  wenigstens  so  weit  er  im  Drucke  und  auch  hand- 
schriftlich bekannt  ist,  nicht  auf  sämmtliche  13  Bücher  des  Alma- 
gestes.  Der  Commentar  zum  III.,  zu  einem  Theile  des  V.,  zum  XI. 
und  XII.  Buche  fehlt.  Als  Anfang  der  Erläuterungen  zum  V.  Buche 
enthalten  die  Handschriften  ein  Bruchstück  des  Pappus'schen  Com- 
mentars  und  an  diese  knüpft  sich  als  Fortsetzung  bezeichnet  eine 
Ergänzung  Theons").  Wie  das  gekommen  ist,  ob  man  darin  einen 
Widerspruch  gegen  unsere  früher  (S.  413)  ausgesprochene  Meinung, 
Theon  habe  Pappus  fleissig  benutzt,  erblicken  will,  das  müssen  wir 
dem  Scharfsinn  unserer  Leser  überlassen.     Jedenfalls  scheint  als  Er- 


')  Fabricius,  Bihliotheca  Graeca  (ed.  Ilarless)  IX,  176,  178  —  179. 
^)  Commentaire  de  Theon  sur  la  composition  matliimatique  de  Ftolcmce  (ed. 
Halma,  Paris,  1821)  I,  201.     ^)  Tov  0£oavog  Big  zb  Xtinov  toO  Uänxov. 


Die  griechische  Mathematik  iu  ihrer  Entartung.  459 

gebniss  dieser  Art  der  Vereinigung  der  beiden  Commentare  an- 
gesehen werden  zu  müssen,  dass  Theon  später  als  Pappus  lebte, 
wie  gross  oder  wie  klein  auch  der  Zwisclienraum  zwischen  beiden 
gewesen  sein  mag. 

Theons  Commentar  zum  I.  Buche  des  Almagestes  ist  für 
uns  weitaus  am  wichtigsten.  Nicht  als  ob  Dinge  darin  enthalten 
wären,  geeignet  unser  ziemlich  geringschätziges  Urtheil  über  den 
Verfasser  zu  entkräften,  aber  weil  er  als  Quelle  mancher  geschicht- 
licher Angaben  dient,  die  wir  durch  andere  zu  ersetzen  nicht  im 
Stande  sind.  Dort  steht  jenes  Citat  des  Diophantus,  welches  die 
untere  Grenze  seiner  Lebenszeit  bildet,  dort  der  Beweis  dafür,  dass 
Theon  eine  sxdoöig,  eine  Herausgabe,  des  Euklid  vollzogen  hatte, 
dort  eine  Darstellung  des  Rechnens  mit  Sexagesimalbrüchen. 

Ueber  das  sexagesimale  Rechnen  gibt  es  eine  besondere  Abhand- 
lung, welche  durch  die  Handschriften,  in  welchen  sie  sich  erhalten 
hat,  dem  Pappus  oder  gar  dem  Diophantus  zugeschrieben  wird^). 
Wir  beabsichtigen  keineswegs  die  Möglichkeit  anzuzweifeln,  dass 
namentlich  Pappus  bei  der  Commeutirung  des  I.  Buches  des  Alma- 
gestes, wo  er  über  Quadratwurzelausziehungen  sich  verbreitete,  vom 
Rechnen  mit  sechzigtheiligen  Brüchen  überhaupt  geschrieben  haben 
mag.  Nur  ist  alsdann,  falls  die  jetzt  bekannte  Abhandlung  ein 
Bruchstück  jenes  Commentars  bildete,  der  interessantere  Theil  immer 
noch  verloren,  und  wir  glaubten  der  Werthschätzuug,  die  man  Pappus 
und  Diophantus  schuldet,  nur  Rechnung  zu  tragen,  wenn  wir  bei 
Erörterung  ihrer  Werke  jene  elementaren  Betrachtungen  unberück- 
sichtigt Hessen,  von  wem  dieselben  auch  herrühren  mögen  —  ein 
Löwe  ist  aus  dieser  Klaue  keinesfalls  zu  erkennen. 

Theons  Darstellung  ist  umfangreicher  und  vollständiger"-).  Die 
Multiplikation  beginnt  mit  dem  grössten  Theile  des  Multiplikators, 
genau  so  wie  wir  (S.  304)  nach  Eutokius  das  Verfahren  des  Archimed 
bei  nicht  sexagesimal  fortschreitenden  Zahlen  geschildert  haben.  Um 
z.  B.  37"  4^  55"  mit  sich  selbst  zu  vervielfachen  wird  zuerst  das 
Produkt  von  37"  in  die  vorgelegte  Zahl  als  1369«  148^  2035"   an- 


^)  Vergl.  Hultsch  in  der  Pracfatio,  welche  er  dem  IH.  Bande  seiner 
Pappusausgabe  vorangeschickt  hat,  pag.  XII  und  XVI.  Dann  die  durch 
C.  Henry  besorgte  Ausgabe  des  Opusculum  de  multiplicatione  et  divisione  sexa- 
geslmalihus  Dioplianto  vel  Pappo  uttribuendum.  Halle,  1879,  und  die  kritischen 
Bemerkungen  dazu  von  Hultsch  in  der  Zeitschr.  Math.  Phys.  XXIV.  Histor.- 
literar.  Abthlg.  S.  199—203.  ^)  Cominentaire  de  Theon  (ed.  Halma)  I,  110—119 
und  185  —  186.  Durch  falsche  Paginirung  folgt  auf  pag.  120  nicht  121,  sondern 
181,  der  Zwischenraum  zwischen  beiden  Stellen,  an  welchen  von  unserem  Gegen- 
stande die  Rede  ist,  beträgt  also  nur  etwa  fünf  Seiten.  Vergl.  eine  Uebersicht 
bei  Nesselman,  Algebra  der  Griechen  S.  138  —  147. 


460  24.  Kapitel. 

geschrieben,  wobei  allerdings  das  Zeichen  für  Grad  ebenso  wie  für 
die  kleineren  Theile  nur  in  dem  Sinne  von  Einheiten  und  Bruch- 
theilen  der  Einheit  aufzufassen  nöthig  ist,  und  nicht  etwa  an  eine 
von  Theon  nicht  beabsichtigte  Multiplikation  beziehungsweise  später 
an  eine  Division  oder  Radicirung  benannter  Zahlen  gedacht  werden 
darf.  Dann  folgt  das  durch  4^  hervorgebrachte  Produkt  148^  16^^ 
220^";  endlich  das  Produkt  mittels  der  55"  oder  2035"  220^"  3025^^, 
indem  die  Benennung  der  einzelnen  Theilprodukte  den  Gesetzen  dio- 
phantischer  Multiplikation  allgemeiner  Grössen  folgt.  Bei  dieser  Ge- 
legenheit erscheint  eben  das  Citat  des  Diophantus.  Theon  glaubt  eine 
Unterstützung  durch  geometrische  Beweisführung  geben  zu  müssen, 
für  seine  Landsleute  und  Zeitgenossen  eine  vermuthlich  nicht  über- 
flüssige Zugabe,  bei  der  wir  uns  jedoch  nicht  aufhalten  wollen.  Nun 
fasst  Theon  erst  sämmtliche  Theilprodukte  zusammen  und  vollzieht 
dabei  durch  wiederholte  Theilung  durch  60  die  zur  Uebersichtlichkeit 
noth wendigen  Reduktionen:  3025^^^'  sind  50"^  25^^;  nunmehr  sind 
490"*^  vorhanden  oder  8"  10"^;  ferner  erscheinen  4094"  oder  68^  14"*, 
des  weiteren  364^  oder  6"  4^;  und  da  endlich  1375'^  sich  ergeben,  so 
ist  das  ganze  Produkt  lolö'^  4}  14"  10^^^  25^^,  oder  unter  Vernach- 
lässigung der  beiden  kleinsten  Bruchgattuugen  nahezu  1375''  4^  14^^. 

Die  Division  lässt  alle  bei  der  Multiplikation  gethanen  Schritte 
rückwärts  ausführen.  So  vollzieht  Theon  die  Division  von  25"  12^ 
10"  in  1515'^  20^  15^^  folgendermassen.  Zunächst  ist  25  in  1515 
mehr  als  60,  weniger  als  61  mal  enthalten;  der  erste  Theilquotient 
ist  demnach  60".  Zieht  man  60  mal  25  von  1515  ab  und  verwandelt 
den  Rest  15  in  Minuten,  mit  welchen  die  vorhandenen  20^  vereinigt 
werden  müssen,  so  hat  man  deren  920.  Von  ihnen  sind  60  mal  12^ 
abzuziehen,  wobei  200^  und,  unter  Berücksichtigung  der  vorhan- 
denen 15^^,  im  Ganzen  200^  15^^  als  Rest  bleiben.  Davon  ist  wieder 
60  mal  10^^  oder  10^  abzuziehen,  und  so  entsteht  190^  15"  als  Ge- 
sammtrest  nach  Abziehung  des  vollen  ersten  Theilproduktes.  Nun 
sucht  Theon  den  zweiten  Theilquotienten  mittels  der  Division  von 
25'^  in  190^  und  erhält  ihn  als  7^.  Wieder  wird  7^  mal  25  von 
190^  15"  abgezogen;  von  dem  Reste  15^  15^^  oder  915"  werden 
71  mal  121,  Yon  dem  Reste  831"  endlich  7^  mal  10"  oder  1"  10"^ 
abgezogen,  so  dass  als  Gesammtrest  829"  50^"  übrig  bleibt.  Der 
letzte  Theilquotient  durch  die  Division  von  25''  in  829"  erhalten  ist 
ungefähr  33",  und  hier  gibt  die  Subtraktion  der  einzelnen  Stücke 
des  Theilproduktes  zuerst  den  Rest  4"  50^^^  oder  290"^,  wovon  das 
etwas  zu  grosse  396^'-^  abgezogen  werden  musste.  Es  ist  also  1515" 
20^  15"  getheilt  durch  25"  12^  10"  gleich  60"  7^  33"  nahezu,  syyiöra. 

Die    Ausziehung    der    Quadratwurzel    aus   4500   Einheiten 


t 


Die  griechische  Mathematik  in  ihrer  Entartung. 


461 


SS 

■| 

ii. 

67 

o 

Fig.  79. 


lehrt  endlicli  TJieori  nacli  einer  Methode,  welche  wir  wohl  genugsam 
kennzeichnen,  wenn  wir  sie  der  heute  üblichen  genau  gleich  nennen 
abgesehen  von  dem  Gebrauche  von  Sexagesimalbrüchen  statt  der 
heute  üblicheren  Decimalbrüche.  Das  nächste  rationale  Quadrat 
unterhalb  4500  ist  4489,  dessen  Wurzel  G7  heisst.  Zieht  man 
(Figur  79)  4489  von  4500  ab,  so  bleiben  die  11  Einheiten  oder  660^ 
in  Gestalt  eines  Gnomon,  welcher  selbst 
zunächst  aus  zwei  Rechtecken  und 
einem  Quadrate  besteht,  dessen  Seite 
gesucht  werden  muss.  Man  dividirt 
mit  dem  Doppelten  der  67  Einheiten 
oder  mit  134  Einheiten  in  660^.  Das 
gibt  4^  als  Quotient.  Die  beiden  neuen 
Rechtecke  sind  also  jedes  67  mal  4^ 
oder  268^,  zusammen  536^,  und  das 
neue  Quadrat  ist  4^  mal  4^  d.  h.  16^^. 
Als  Rest  bleibt  zunächst  660^  —  536^ 
=  124^  =  7440^^,  dann  7440ii  —  16° 

=  7424°,  welches  wieder  in  Gestalt  eines  Gnomon  zu  denken  ist.  Um 
die  neue  Zerlegung  in  zwei  Rechtecke  und  ein  Quadrat  zu  finden, 
nimmt  man  das  Doppelte  von  67°  4^  d.  h.  134**  8^  und  dividirt  damit  in 
7424°,  wodurch  man  den  Quotienten  55°  etwa  erhält,  dessen  Quadrat 
alsdann  ausser  den  beiden  Rechtecken  noch  wegzunehmen  sein  wird. 
Die  erste  Subtraktion  gibt  als  Rest  7424°  —  134*^  8^  X  55°  =  46° 
40°^,  und  dieses  ist,  sagt  Theon,  nahezu  das  Quadrat  von  55^^. 
Thatsächlich  würde  als  Rest  45°  49^^^  35^  übrig  bleiben,  welcher 
als  Gnomon  gedacht  eine  noch  bessere  Annäherung  als  diejenige 
]/4500'^  =  67*^  4^  55^^  gestatten  würde,  mit  welcher  Ptolemäus  sich 
begnügte. 

Die  letztere  Thatsache  ist  insofern  von  geschichtlicher  Tragweite, 
als  sie  beweist,  dass  auch  Ptolemäus  schon  von  dem  durch  Theon 
gelehrten  Näherungs verfahren  Gebrauch  machte,  während  Archimed 
wie  Heron  andere  Verfahrungsweisen  besessen  haben  müssen.  Es 
mag  wohl  sein,  dass  je  nach  dem  Umstände,  ob  man  mit  Sexagesimal- 
brüchen rechnete  oder  nicht,  ein  Wechsel  des  Verfahrens  eintrat, 
ein  Wechsel,  der  seine  leichte  Begründung  darin  findet,  dass  bei 
Sexagesimalbrüchen  sofort  und  ein  für  allemal  eine  Grenze  —  etwa 
die  des  zweiten  Sechzigstels  —  festgesetzt  werden  konnte,  bis  zu 
welcher  man  die  Annäherung  treiben  wollte,  während  in  gewöhn- 
lichen Brüchen  eine  solche  Grenze  sich  weder  von  selbst  darbot, 
noch  auch  ihre  Erreichung  im  Augenblicke  bekannt  werden  konnte, 
mithin  eine  andere  Methode  leicht  als  vorzuziehende  sich  erwies. 


462  24.  Kapitel. 

Theoiis  Tochter  Hypatia^)  war,  wie  Suidas  angibt,  selbst  eine 
Gelehrte  von  umfassendem  Wissen.  Die  Angabe  eben  desselben,  sie 
sei  die  Gattin  des  Philosophen  Isidorus  gewesen,  ist  vermuthlich 
irrthümliche  Einschiebung  eines  späten  Glossators.  Hypatia  war 
vielmehr  stets  unverheirathet.  Richtig  ist  wieder  die  Zeitbestimmung 
des  Suidas,  sie  habe  ihre  Blüthezeit  unter  der  Regierung  des  Arkadius 
gehabt.  Ihr  Tod  erfolgte  unter  des  Arkadius  Nachfolger  im  März  415 
in  tragnschster  Weise.  Die  Philosophenschulen  hatten  sich,  auch 
nachdem  das  Christenthum  die  Religion  der  römischen  Kaiser  ge- 
worden war,  der  neuen  Lehre  keineswegs  in  dem  Maasse  angeschlossen 
wie  die  sonstige  Bevölkerung.  Der  Schutz,  den  Kaiser  Julianus 
Apostata  insbesondere  ihnen  gewährt  hatte,  wirkte  noch  Jahrzehnte 
nach  seinem  Tode  fort  und  Hess  die  Heidin  Hypatia  in  Ansehen 
selbst  bei  einem  christlichen  Bischöfe  von  Ptolemais,  wie  Synesius, 
und  bei  dem  kaiserlichen  Präfecten  Orestes  in  Alexandria  stehen, 
ohne  dass  eine  besonders  auffallende  Erscheinung  darin  zu  suchen 
wäre.  Aber  grade  das  Ansehen,  in  welchem  sie  bei  Orestes  stand, 
wurde  ihr  Verderben.  Der  Präfect  wies  hierarchische  Ansprüche 
des  Bischofs  Cyrillus  zurück.  Hypatias  Einfluss  wurde  als  Ursache 
verdächtigt,  und  der  fanatische  Pöbel  der  Stadt  zerriss  die  Unglück- 
liche. War  es  doch  derselbe  Pöbel,  der  392  schon  in  dem  Zer- 
störungstaumel religiöser  Wuth  ein  Verbrechen  begangen  hatte, 
welches  die  Wissenschaft  noch  heute  schwer  empfindet.  Theodosius 
der  Grosse  erliess  in  dem  genannten  Jahre  den  Befehl  zur  Vernichtung 
der  heidnischen  Tempel,  und  dieser  Befehl  wurde  vou  der  plünderungs- 
süchtigen Horde  so  genau  ausgeführt,  dass  auch  der  Serapistempel, 
die  zweite  alexandrinische  Bibliothek,  wie  wir  uns  erinnern  (S.  398), 
von  Grund  auf  mit  zerstört  wurde.  Von  da  an  gibt  es  eine  Universal- 
bibliothek des  Alterthums  nicht  mehr.  Von  da  au  beginnt  die  Selten- 
heit alter  Originalwerke  zur  Unmöglichkeit  solche  zu  beschaffen  aus- 
zuarten. 

Wenn  wir  der  Hypatia  hier  zu  gedenken  hatten,  so  liegt  der 
Grund  darin,  dass  ihr  auch  mathematische  Schriften  von  Suidas  nach- 
gerühmt werden^),  Werke  freilich,  deren  Ueberschriften  ebenso  zweifel- 
haft sind  wie  ihr  Inhalt.  Die  Einen  machen  mit  kühner  Interpunktion 
und  noch  kühnerer  Handhabung  der  griechischen  Sprache  daraus 
einen  Commentar  zum  Diophant,  eine  astronomische  Tafel,  einen 
Commentar  zu  den  Kegelschnitten  des  Apollonius.    Die  Anderen  über- 


')  R.  Ho  che,  Hypatia,  die  Tochter  Theons,  in  der  Zeitschrift:   Philologus 
(18G0)  XV,  435 — 474.  ^)  l'yQaipsv   vTiö^vrifia   tlq  Jiorpdvtrjv   xbv    CcctQOvoiiLKÖv 

■nuvöva  tlg  xcc  kcüviku  'AitoXXtavCov  vnoiivrjfia. 


Die  griecliisclie  Mathematik  in  ihrer  Entartung.  463 

setzen  wahrsclieinlich  riclitiger^):  „Sie  schrieb  einen  Commentar  zu 
der  astrouomisclien  Tafel  des  Diophant  und  einen  Commentar  zu  den 
Kegelschnitten  des  Apollonius."  Gesichert  ist  keine  der  beiden  Auf- 
fassungen. Gibt  man,  wie  wir  es  thun,  der  zweiten  den  Vorzug,  so 
ist  Zweifel  darüber,  ob  Diophant,  der  Verfasser  einer  astronomischen 
Tafel,  und  Diophant,  der  Algebraiker,  ein  und  dieselbe  Persönlichkeit 
gewesen  sein  mögen.  Das  Beispiel  Hipparchs  zeigt  uns,  dass  die 
Möglichkeit  der  Verbindung  beider  schriftstellerischen  Richtungen 
mindestens  nicht  auszuschliesseu  ist. 

Hypatia  war  für  geraume  Zeit  eine  der  letzten,  wenn  nicht  die 
letzte  durch  die  Abfassung  mathematischer  Schriften  bekannte  Per- 
sönlichkeit in  Alexandria.  Früher  bildete  die  Lokalisatiou  an 
diesem  Mittelpunkte  mathematischer  Bildung  die  wenn  auch  nicht 
ausnahmslose  Regel.  Von  Archimed  bis  Jamblichus  verband  doch 
immer  ein  oder  der  andere  Faden  geistiger  Zusammengehörigkeit  die 
Schriftsteller,  die  nicht  in  Alexandria  lebten,  mit  jenem  Centrum. 
Allmälig  wurde  umgekehrt  die  Lostrennung  von  jenem  Boden,  der 
den  Erzeugnissen  schriftstellerischer  Thätigkeit  wie  den  Schriftstellern 
als  gleich  gefährlich  sich  erwiesen  hatte,  zur  Regel.  Der  Neuplato- 
nismus  setzte  sich  fort,  aber  hauptsächlich  an  jenem  Orte,  wo  die 
Grundlegung  der  alten  Schule  stattgefunden  hatte,  in  Athen,  wo  eine 
Universität  entstand,  an  Einrichtungen,  Sitten  und  Unsitten,  Ge- 
bräuchen  und  Missbräuchen    deutschen  Universitäten    vergleichbar-). 

Der  Keim  zur  neuen  athenischen  Schule  wurde  vermuthlich  nicht 
von  Alexandria  aus,  sondern  von  dem  syrischen  Ableger  der  Alexan- 
driner, von  den  Nachfolgern  des  Jamblichus  gepflanzt.  Mit  der  ört- 
lichen Rückkehr  aus  dem  Oriente  nach  Hellas  streifte  der  Neu- 
platonismus  einen  Theil  seiner  Ueberschwänglichkeit ,  seiner  Mystik 
ab.  Das  Studium  der  aristotelischen  Schriften  und  damit  verbunden 
dialektische  Geistesübungen  kamen  wieder  zu  ihrem  Recht,  und 
neben  und  nach  Erklärern  platonischer  Schriften  wurden  die  Jünger 
der  athenischen  Schule  die  emsigsten  Scholiasten  des  Aristoteles. 
Für  uns  haben  indessen  die  ersten  Schulvorstände  in  Athen  und 
selbst  der  berühmte  Syrianus  kaum  soviel  Bedeutung,  dass  wir 
deren  Namen  anführen  dürften. 

Erst  Proklus^),  der  Schüler  Syrians,  verlangt  wieder  unsere 
Aufmerksamkeit.     Als   Sohn    des    byzantinischen  Anwaltes   Patrikius 


^)  Nesselmann,  Algebra  der  Griechen  S.  248,  dessen  Auseinander- 
setzungen Ho  che  in  seiner  Abhandlung  nicht  gekannt  zu  haben  scheint. 
-)  Zeller  III,  2,  67.5  flgg.  und  Hertz berg,  Geschichte  Griechenlands  unter 
den  Römern  Bd.  111.  Halle,  1875.  ^)  Zeller  1.  c.  700  flgg.  Hertzberg  1.  c. 
516  flgg. 


464  24.  Kapitel. 

von  Lykien,  den  wir  (S.  458)  vielleiclit  als  ürlielDer  zweier  geo- 
dätisclier  Näherungsvorscliriften  kennen  gelernt  haben,  ist  Proklus  410 
geboren.  Sein  Tod  erfolgte  am  17.  April  485.  Marinus,  sein 
Schüler  und  Nachfolger,  der  eine  Biographie  des  Proklus  verfasst 
hat,  erzählt  von  ihm,  er  habe  als  Knabe  in  der  Heimath  seiner 
Eltern,  wohin  er  denselben  bald  nach  seiner  Geburt  folgte,  die  Schule 
eines  Grammatikers  besucht,  worauf  ihn  ein  Rhetor  Leonas  mit  sich 
nach  Alexaudria  nahiu,  wo  er  Grammatik  und  Rhetorik  studirte. 
Nach  kurzer  Heimkehr  in  seine  Vaterstadt  Byzanz  lag  er  neuerdings 
in  Alexandria  philosophischen  und  mathematischen  Studien  ob,  letz- 
teren unter  der  Leitung  eines  gewissen  Heron,  von  welchem  aber 
abgesehen  von  dieser  einen  Notiz  durchaus  nichts  bekannt  ist.  Der 
Unterricht  der  alexandrinischen  Lehrer  genügte  bald  dem  strebsamen 
Jünglinge  nicht.  Sein  Wissensdurst  führte  ihn  nach  Athen,  wo  er 
von  Syrian  an  die  eigentlichen  Quellen  menschlichen  Denkens  hin- 
geleitet wurde.  So  ward  Proklus  der  naturgemässe  Erbe  Syrians  als 
Schulvorstand  in  Athen  und  erhielt  als  solcher  den  Beinamen  des 
Nachfolgers,  dtccdo%og^  Diadochus,  unter  welchem  er  vielfach  be- 
kannt ist;  Von  den  Schriften  des  Proklus  Diadochus  kümmern  uns 
weder  die  philosophischen  Originalabhandlungen,  noch  die  zahlreichen 
Commentare  zu  platonischen  Schriften.  Auch  seine  Sphärik,  6cpalQa, 
ein  blosser  Auszug  aus  dem  astronomischen  Werke  des  Geminus,  ist 
für  uns  ohne  jede  Bedeutung.  Wir  haben  es  nur  mit  dem  Commen- 
tare des  Proklus  zu  den  euklidischen  Elementen  zu  thun,  welcher 
uns  im  Verlaufe  unserer  bisherigen  Untersuchungen  so  vielfach  als 
Quelle  dienen  musste,  dass  die  Besprechung  sich  als  nothwendig  er- 
weisen würde,  selbst  wenn  wir  gar  nichts  mathematisch  Neues  daraus 
mitzutheilen  hätten. 

Der  Commentar  des  Proklus  zum  L  Buche  der  eukli- 
dischen Elemente  ist  mehrfach  herausgegeben^),  und  schon  dem 
Uebersetzer  desselben  in  der  zweiten  Hälfte  des  XVL  S.  legte  sich 
die  Frage  vor,  ob  Proklus  nur  zum  L  Buche  der  Elemente  einen 
Commentar  verfasst  habe,  verfassen  wollte?  Die  letztere  Frage  war 
sofort  zu  verneinen,  da  Proklus  selbst  am  Ende  des  Commentars  zum 
L  Buche  einen  solchen  zu  den  gesammten  Elementen  in  Aussicht 
stellt"),  und  auch  an  sonstigen  Stellen  vorläufig  ankündigt,  was  er 

^)  Den  ersten  griechischen  Abdruck  besorgte  Grynaeus  in  der  Basler 
Euklidausgabe  von  1533.  Eine  lateinische  Uebersetzung  gab  Barocius  1560. 
Auch  Commandinus  gab  die  Scholien  zum  T.  Buche  und  zu  den  späteren 
lateinisch  in  seiner  Euklidausgabe  von  1572.  Fried! eins  Textausgabe  der 
Scholien  zum  I.  Buche  (Leipzig,  1873)  ist  jetzt  allgemein  verbreitet.  -)  i'roklus 
(ed.  Friedlein)  432,  ü  sqq. 


1 


Die  griechisclie  Mathematik  in  ihrer  Entartung.  465 

in  dem  Commentare  zum  IL,  zum  VI.  Buche  ausemaudersetzen  werde. 
Ob  aber  dieser  Plan  in  Erfülluno-  gino-  ob  nicht  etwa  Proklus  vor- 
hatte,  was  er  nicht  ausführte,  darüber  haben  erst  Entdeckungen 
neuer  Schollen  in  griechischen  Handschriften  Aufschluss  gegeben, 
welche  mit  einer  an  Sicherheit  grenzenden  Wahrscheinlichkeit  dem 
Proklus  zugeschrieben  werden^).  Proklus  hat  also  wirklich  zu  allen 
Büchern  der  euklidischen  Elemente,  wenige  ausgenommen, 
einen  Commentar  verfasst.  Darüber  freilich  wird  immer  einiger 
Zweifel  übrig  bleiben,  ob  auch  zu  den  späteren  Büchern  ein  so  um- 
fassender Commentar  des  Proklus  existirt  haben  müsse  wie  zu  dem  I., 
ob  die  geringen  Bruchstücke,  welche  uns  davon  erhalten  sind,  nur 
Splitter  eines  grossen  Ganzen,  ob  sie  etwa  die  Hauptsache  des  einst 
Vorhandenen  darstellen.  Wie  man  sich  zu  dieser  Frage  stellt,  hängt 
wesentlich  von  der  Meinung  ab,  welche  man  von  dem  Zwecke  des 
Proklus  sich  bildet.  Wer  da  glaubt'),  Proklus  wollte  nicht  Geo- 
metrie lehren,  sondern  die  geometrische  Genauigkeit  für  die  philo- 
sophische Dialektik  nutzbar  machen,  und  nur  philosophisches  Interesse 
habe  seinem  ganzen  Commentare  als  Richtschnur  gedient,  der  kommt 
natürlich  zur  Vermuthuug,  das  vornehmliche  Interesse  des  Proklus 
müsse  erschöpft  gewesen  sein,  als  es  sich  in  dem  erläuterten  Werke 
um  wirklich  geometrische  Sätze  und  nicht  mehr  um  Erklärungen, 
um  Forderungen,  um  Grundsätze  und  Grundwahrheiten  handelte. 
Wer  dagegen ■')  Proklus  als  Mathematiker  anerkennt,  dem  es  auf 
einen  Versuch  der  Verbesserung  des  grossen  Meisters  ankam,  einen 
Versuch,  zu  welchem  er  Vorarbeiten  älterer  Exegeten  und  selbstän- 
diger Geometer,  eines  Heron,  eines  Geminus,  eines  Ptolemäus,  eines 
Pappus,  eines  Theon  verwerthen  konnte,  ohne  darum  die  pietätsvolle 
Bewunderung   dessen    aus   den   Augen   zu   verlieren,   den   er  mit  dem 

')  Die  Scholien  des  Proklus  zu  späteren  Büchern  hat  C.  Wachsmuth 
entdeckt.  Vergl.  dessen  Aufsatz:  „Handschriftliche  Notizen  über  den  Commentar 
des  Proklus  zu  den  Elementen  des  Euklides"  im  Rhein.  Museum  für  Philologie 
(1863).  Neue  Folge  XVIII,  132—135.  Ebenda  (1864)  XIX,  452  einen  Aufsatz 
Yon  Hultsch.  Programme  von  Knoche,  Herford,  1862  und  1865  und  von 
L.  Majer,  Tübingen  1875.  -)  Dieser  Meinung  ist  Knoche  in  seinen  beiden 
Programmen.  Vergl.  Untersuchungen  über  des  Proklus  Diadochus  Commentar 
zu  Euklids  Elementen  1862,  S.  14  und  21.  Untersuchungen  über  die  neu  auf- 
gefundenen Scholien  des  Proklus  Diadochus  zu  Euklids  Elementen  1865,  S.  36 
und  45.  ')  So  L.  Majer,  Proklus  über  die  Petita  und  Axiomata  bei  Euklid 
1875,  S.  29.  Heiberg,  Euklidstudien  S.  166  Anmerkung  1  spricht  sich  dahin 
aus,  dass  Proklus,  wenn  er  den  Commentar  fortgesetzt  hat,  die  übrigen 
Bücher  eben  so  auführlich  wie  das  erste  erläutert  haben  muss.  Ueber  die  in 
dem  Zwischensatze  als  fraglich  hingestellte  Thatsache  äussert  H^berg  keinerlei 
bestimmte  Meinung,  neigt  aber  jedenfalls  mehr  der  Ansicht  zu,  Proklus  habe 
den  Commentar  nicht  fortgesetzt.     Vergl.  Heiberg  1.  c.  S.  166—167. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik  1.  2.  AuH.  30 


46G  24.  Kapitel. 

ganzen  Altertliume  vorzugsweise  den  Elementenschreiber  nennt,  wer 
dieser  Meinung  huldigt,  kann  nicht  anders  als  auch  für  die  auf  das 
I.  Buch  folgenden  Bücher  einen  gleich  vollständigen  Commentar  an- 
zunehmen, niuss  den  Verlust  schmerzlich  bedauern,  mit  welchem  ihm 
zugleich  die  reichste  Quelle  für  die  Geschichte  griechischer  Mathe- 
matik verloren  ging.  Wir  selbst  möchten  in  dieser  persönlichem 
Dafürhalten  weiten  Spielraum  lassenden  Frage  nicht  Partei  ergreifen, 
wenn  wir  auch  mit  der  zuletzt  dargelegten  Meinung  uns  besser  als 
mit  der  ersteren  befreunden  können.  Wir  besitzen  aber  neben  dem 
fortlaufenden  Commentare  des  Proklus  zum  I.  Buche  der  Elemente 
nur  kürzere,  theil weise  allerdings  geschichtlich  werthvolle  Scholien 
zu  einzelnen  Sätzen  späterer  Bücher  und  müssen  wohl  oder  übel  uns 
damit  begnügen. 

Was  von  eigenen  Leistungen  des  Proklus  hervorgehoben  werden 
kann,  ist  theilweise  ziemlich  dürftig^),  theilweise  lässt  sich  nicht  mit 
Bestimmtheit  ermessen,  ob  Proklus  der  Erfinder  oder  nur  der  Bericht- 
erstatter ist.  Ersteres  dürfte  höchst  wahrscheinlich  für  verschiedene 
Einwürfe  gegen  die  euklidische  aber  auch  gegen  die  ptolemäische 
Paralleleulehre  der  Fall  sein^),  so  wie  für  die  Entstehung  der  Ellipse 
als  geometrischer  Ort  eines  bestimmten  Punktes  einer  gegebenen 
Strecke  von  beständiger  Länge,  welche  alle  Lagen  annimmt,  bei 
denen  die  beiden  Endpunkte  die  Schenkel  eines  rechten  Winkels 
durchlaufen^).  Blosse  Berichterstattung  dagegen  scheint  der  Satz 
von  dem  gemeinsamen  Durchschnittspunkte  der  drei  Höhen  eines 
Dreiecks^),  wenn  auch  dessen  Erfinder  nicht  angegeben  ist.  Jeden- 
falls waren  also  zu  Proklus  Zeiten  vier  interessante  Punkte  des 
Dreiecks  bekannt,  näuilich  ausser  dem  Höhendurchschnitte  die  Mittel- 
punkte des  Innen-  und  Umkreises'')  und  der  Schwerpunkt^). 

Nach  dem  Tode  des  Proklus  ging  es  auch  mit  der  Universität 
Athen  entschieden  abwärts.  Es  ist  nicht  unsere  Aufgabe  diesen  Satz 
allgemein  zn  begründen,  aber  eine  blosse  Nennung  der  Namen  derer, 
die  als  Schulvorstände  auf  Proklus  folgten,  und  der  mathematischen 
Leistungen,  welche  von  ihnen  berichtet  werden,  genügt,  die  Wahrheit 
desselben  für  unsere  Wissenschaft  festzustellen.  Da  erscheint  zuerst 
Marinus  von  Neapolis,  einer  Stadt,  die  mau  sich  wohl  hüten 
muss  mit  Neapel  zu  verwechseln.  Die  Heimath  des  Marinus  war 
vielmehr  Flavia  Neapolis  in  Palästina,  das  alte  Sichem.  Von  Marinus 
ist    uns    als  Mathematisches    nur    eine   Vorrede    zu  den  euklidischen 


^)  Knoche,  Programm  von  1862,  S.  16  flgg.  -)  Vergl.  Majers  Programm. 
•'')  Proklus  {e^.  Friedlein)  pag.  106,  lin.  12—15.  '')  Ebenda  pag.  72,  lin. 
17  —  19.  !*)  Kuklid,  Elemente  IV,  4  und  5,  (ed.  Heiberg)  I,  278  ügg. 
•■■)  Archimed,  Vom  Gleichgewichte  der  Ebenen  T,  14,  (eil.  TTeiberg)  II,  182. 


Die  giiecliische  Mathematik  in  ihrer  Entartung.  467 

Daten  bekannt.  Noch  bei  Lebzeiten  des  Marinus  und  auf  dessen 
eigenen  Wunscb  liess  Isidorus  von  Alexandria  sich  bestimmen 
an  seine  Stelle  zu  treten.  Isidorus  erfreute  sich  allerdings  verhält- 
nissmässig  grosser  Berühmtheit.  Ihm  ward  ein  Beiname  zu  Theil, 
welcher  überhaupt  nur  zweimal,  und,  so  viel  bekannt  ist,  nur  von 
zwei  Schriftstellern  einem  griechischen  Philosophen  beigelegt  worden 
ist^),  der  Beiname  des  Grossen.  Der  Verfasser  des  Sophisten,  sei 
es  dass  dieser  Dialog  von  Piaton  oder  von  einem  anderen  herrühre, 
spricht  von  Parmenides  dem  Grossen,  und  Damascius,  von  dem  wir 
gleich  noch  zu  reden  haben,  gleichfalls  von  Parmenides  dem  Grossen, 
aber  auch  von  Isidorus  dem  Grossen.  Den  Grund  oder  Ungrund 
dieser  Auszeichnung  zu  prüfen  haben  wir  nicht  Veranlassimg.  Mathe- 
matische Schriften  des  Isidorus  kennen  wir  nicht,  wenn  auch  dem 
Geiste  der  neuplatonischen  Schule  nach  nicht  zu  zweifeln  ist,  dass 
er  gleich  allen  anderen  Schulhäuptern  solche  von  höherem  oder  ver- 
muthlich  von  geringerem  Werthe  verfasst  haben  wird. 

Der  Schüler  und,  wie  wir  schon  sahen,  der  jedenfalls  dankbar 
begeisterte  Schüler  des  Isidorus  war  Damascius  von  Damaskus, 
der  etwa  um  das  Jahr  510  die  Schulvorstaudschaft  in  Athen  übernahm, 
nachdem  Isidorus,  missmuthig  und  verstimmt  darüber  seine  Kräfte 
einer  verlorenen  Sache  zu  widmen,  sich  nach  Alexandria  zurück- 
gezogen hatte.  Damascius  soll,  nach  einer  scharfsinnigen  Vermuthung, 
der  Verfasser  des  sogenannten  XV.  Buches  der  euklidischen  Elemente 
sein,  welches  man  sonst  auch  als  IL  Buch  des  Hypsikles  über  die 
regelmässigen  Körper  zu  bezeichnen  pflegte.  Wir  haben  (S.  343) 
dieses  Buch  mit  dem  I.  Buche  des  Hypsikles  verglichen  und  sind  zu 
dem  Ergebnisse  gekommen,  das  II.  Buch  sei  viel  unbedeutender  als 
das  L,  mit  welchem  es  nicht  zusammenhänge.  Im  7.  Satze  dieses 
Buches  spricht  nun  der  Verfasser  von  seinem  grossen  Lehrer  Isidorus'"^), 
und  dieser  Ausdruck  gab  eben  die  Veranlassung,  die  ihrer  Sprache 
nach  unbedingt  ziemlich  spät  verfasste  Abhandlung  dem  Damascius 
zuzuschreiben.  Ein  scharfer  Beweis  dürfte  allerdings  in  dem  einen 
Worte  nicht  zu  finden  sein,  und  gäbe  es,  wie  es  den  Anschein  hat, 
Schollen  zu  diesem  sogenannten  XV.  Buche  des  Euklid,  die  den 
gleichen  Ursprung  mit  den  sonstigen  Schollen  zu  Euklid  verrathen, 
die  also  auch  von  Proklus  herrühren  müssten,  so  wäre  umgekehrt 
der  Gegenbeweis  gegen  das  Verfasserrecht  des  Damascius  geliefert, 
und   die  Abhandlung   müsste   von   dem  Schüler  ira;end   eines  anderen 


')  Th.  H.  Martin,  Sur  Vepoque  et  l'auteur  du  pretendu  XV.  livre  des 
elemcnts  d'Eudide  im  Bulletino  Boncompagni  1874,  pag.  263 — 266  -)  'ici'dcoQog 
6  iJiitTtQoe  ftt'yag  ätöäc-Acclog. 

30* 


468  24.  Kapitel. 

Isidorus  lierrühren,  welclier  zwisclien  dem  IV.  und  VI.  S.,  weder  viel 
früher  nocli  keinenfalls  später,  gelebt  haben  möchte.  Der  Name 
Isidorus  ist  ohnedies  nichts  weniger  als  selten,  und  aus  dem  VI.  S. 
selbst  ist  ein  Baumeister  Isidorus  von  Milet  berühmt,  der  in  Ge- 
meinschaft mit  Anthemius  von  Tr alles  im  Auftrage  des  Kaisers 
Justinian  den  Prachtbau  der  Sophienkirche  in  Konstantinopel  her- 
stellte. Isidor  von  Milet  wird  von  dem  Verfasser')  der  neuesten 
Untersuchungen  über  das  sogenannte  XV.  Buch  des  Euklid  für  den 
im  7.  Satze  desselben  genannten  Lehrer  gehalten.  Das  Buch  selbst 
will  er  mit  schwerwiegenden,  aus  der  Verschiedenheit  der  Sprache 
und  des  Inhalts  hergenommenen  Gründen  in  drei  Abtheilungen  (Satz 
1 — 5,  Satz  6,  Satz  7)  von  ebenso  vielen  Verfassern  gespaltet  wissen. 

Von  Anthemius  von  Tralles  ist  ein  Bruchstück  erhalten'^),  welches 
sich  mit  der  Herstellung  von  Brennspiegeln  beschäftigt,  sowohl  mit 
solchen,  die  aus  einem  Systeme  ebener  Spiegel  zusammengesetzt  sind, 
als  mit  parabolisch  gekrümmten.  Ein  weiteres  Fragment  dieser 
Schrift  des  Anthemius  dürfte  1881  entdeckt  worden  sein'^).  Ihm 
entstammt  die  Angabe  (S.  328),  dass  Apollonius  bereits  über  Brenn- 
spiegel geschrieben  habe. 

Schüler  des  Isidorus  von  Milet  war  Eutokius  von  Askalon, 
der  mithin  etwa  in  der  zweiten  Hälfte  des  VI.  S.  die  Commentare 
zu  verschiedenen  Schriften  des  Archimed  und  zu  den  Kegelschnitten 
des  Apollonius  verfasste,  eine  Fundgrube  für  den  Geschichtsforscher, 
aus  der  wir  gleich  unseren  Vorgängern  zahlreiche  Aufschlüsse  ge- 
wonnen haben,  aber  mathematisch  unbedeutend.  Wir  haben  ins- 
besondere (S.  303)  von  einer  Stelle  über  die  Methoden  der  Quadrat- 
wurzelausziehung bei  den  ältesten  Mathematikern  Gebrauch  gemacht. 
Ihr  hätten  wir  auch  den  Satz  entnehmen  können,  dass  das  Quadrat 
einer  ganzen  Zahl  selbst  ganzzahlig,  das  Quadrat  eines  Bruches  selbst 
ein  Bruch  sei,  woraus  die  Irrationalität  der  Quadratwurzel  aus  jeder 
ganzen  Zahl  folgt,  die  nicht  Quadratzahl  ist"^). 


')  G.  Kluge,  De  Euclidis  elementorum  libris  qui  feruntur  XIV  et  XV. 
Leipzig,  1891.  *)  Abgedruckt  in  den  von  Westermann  herausgegebenen 
UaQccdo'goyqacpoi  (Scriptores  rerum  mirahilium  Graeci).  Braunscbweig ,  1839, 
pag.  149 — 158.  Ein  älterer  Abdruck  mit  Erläuterungen  und  französischer  Ueber- 
setzung  von  Dupuy  in  Histoire  de  l'Äcademie  des  Jnscriptions  et  des  Beiles 
lettres  T.  42  pag.  392  —  451  der  Memoires  und  pag.  72 — 75  der  Histoire.  Paris, 
1786.  3)  Chr.  Beiger  in  der  Zeitschrift  Hermes  Bd.  XVI,  S.  261-284. 
M.  Cantor  und  C.  Wachsmuth  ebenda  S.  637—642.  Heiberg  in  der  Zeitschr. 
Math.  Pbys.  XXVIII.  Histor.-literar.  Abthlg.  S.  121-129.  ■•)  Archimed  (ed. 
Heiberg)  111,  426,  lin.  22—25.  Vergl.  Hultsch  in  den  Nachrichten  von  der 
königl.  Gesellsch.  d.  Wissensch.  und  der  Georg- Augusts-Universitüt  zu  Güttingen 
vom  28.  Juni  1893.     S.  370  Note  1. 


Die  griechisclie  Mathematik  in  ihrer  Entartung.  469 

Wir  kehren  zu  Damascius  von  Damaskus  zurück.  In  ihm  war^) 
,,noch  einmal  ein  Mann  des  schroffsten  antiken  Heidenthums"  an  die 
Spitze  der  Schule  getreten.  Die  Rückwirkung  blieb  nicht  aus.  Ge- 
sinnungsgenossen eilten  noch  einmal  herbei,  unter  ihnen  Simplicius, 
der  Erklärer  aristotelischer  Schriften  sowie  der  euklidischen  Elemente 
(S.  354),  der  neben  Damascius  lehrte.  Aber  auch  die  Feindschaft 
des  gekrönten  Theologen,  der  als  Kaiser  Justinian  527  den  Thron 
bestiegen  hatte,  war  mit  den  Lehrern  der  Schule  erworben.  Schärfere 
imd  schärfere  Verordnungen  gegen  die  Bekenner  jeder  Gattung  von 
Irrlehren  folgten  einander.  Im  Jahre  529  erging  endlich  ein  all- 
gemeines Verbot  dagegen,  dass  in  Athen  noch  irgend  Jemand  Philo- 
sophie lehrte.  Noch  einige  Jahre  fristeten  die  letzten  Lehrer  der 
geschlossenen  Hochschule  auf  dem  Boden  von  Hellas  ein  kümmer- 
liches Dasein,  dann  vollzogen  sie  eine  freiwillige  Selbstverbannung 
nach  dem  Hofe  des  Perserkönigs  Chosrau  Anosd'harwän. 

Der  Ruhm  des  „gerechten"  Sassaniden  hatte  freilich  die  Wahr- 
heit übertroffen.  Damascius  und  seine  Freunde  fanden  eine  weit  ge- 
ringere Bildung  der  Hofkreise,  gröbere  Unsitte  des  Volkes  als  sie 
vermuthet  hatten,  und  als  Chosrau  533  mit  Justinian  einen  Frieden 
abschloss,  der  vorangegangenem  dreissigjährigem  Kriege  ein  Ziel  setzte, 
und  in  den  Vertrag  die  ungehinderte  Rückkehr  der  athenischen  Ge- 
lehrten mit  aufnahm,  war  Niemand  froher  als  diese  die  Heimath 
wieder  zu  sehen. 

Die  athenische  Schule  aber  war  und  blieb  dahin.  Da  und  dort 
tauchen  noch  Schüler  derselben  auf,  welche  selbst  neue  Schüler 
bilden,  Philosophen  und  Mathematiker,  in  letzterer  Beziehung  von 
herzlich  geringer  Bedeutung.  Dahin  gehört  vielleicht  der  von  Eutokius 
erwähnte  Heronas,  welcher  einen  Commentar  zum  Nikomachus  ge- 
schrieben haben  soll  (S.  349);  dahin  mit  Commentaren  zu  eben  dem- 
selben Schriftsteller  die  beiden  alexandrinischen  Gelehrten  Asklepius 
von  Tr alles  und  dessen  als  Grammatiker  vorzugsweise  berühmter 
Schüler  Johannes  Philoponus.  Der  Commentar  des  ersteren  ist 
imr  handschriftlich,  der  des  zweiten  auch  im  Drucke  vorhanden^), 
enthält  aber  kaum  irgend  bemerkenswerthe  Stellen. 

Johannes  Philoponus  ist  vielfach  durch  die  von  Abulpharagius 
berichtete  Geschichte  bekannt,  er  sei  es  gewesen,  der  640  bei  der 
Einnahme  Alexandrias  durch  die  Araber  für  den  Bestand  der  dortigen 
Bibliothek  sich  verwandt  habe.    'Omar  aber  habe  deren  Vernichtung 


^)  Hertzberg,  die  Geschichte  Griechenlands  unter  der  Herrschaft  der 
Römer  IH,  536 — 545  über  die  letzte  Zeit  der  Universität  Athen.  *)  Joannes 
Philoponus  in  NicomacM  introductionem  aritlim.  (ed.  R.  Ho  che)  Heft  1.  Leipzig, 
1864.     Heft  2.    Berlin,  1867. 


470  24:   Kapitel. 

befohlen,  denn  ,,entweder  enthalten  die  Bücher  das,  was  im  Koran 
steht,  dann  brauchen  wir  sie  nicht  zu  lesen,  oder  sie  enthalten  das 
Gegentheil  dessen,  was  im  Koran  steht,  dann  dürfen  wir  sie  nicht 
lesen",  und  nun  sei  während  sechs  Monaten  die  Feuerung  der  Bäder 
Alexandrias  mit  den  Bücherrollen  der  Bibliothek  vollzogen  worden. 
Die  zweimalige  Zerstörung  der  Bibliotheken  im  Brucheion  und  im 
Serapistempel  hat  aber  gewiss  nicht  eine  dritte  grossartige  Bibliothek 
in  Alexandria  entstehen  lassen,  am  wenigsten  eine  so  umfangreiche, 
wie  Abulpharagius  in  der  von  ihm  behaupteten  Verwendung  der 
Bücher  bezeugt,  und  so  wird  der  ganze  Bericht  dieses  auch  unter 
dem  Namen  Barhebräus  bekannten  den  Arabern  keineswegs  günstig 
gesinnten  syrischen  Christen  des  XIII.  8.  einigermassen  verdächtig, 
wenn  auch  andererseits  nicht  verkannt  werden  soll,  dass  Antwort 
und  Handlungsweise  mit  dem  Charakter  des  zweiten  Nachfolgers 
Mohammeds  wohl*verträglich  sind,  der  in  der  That  nach  Unterwerfung 
der  Hauptstadt  der  »Sassaniden  die  dort  vorhandenen  Bücher  in  den 
Tigris  werfen  liess  und  auch  sonst  sich  bildungsfeindlich  erwies^). 
Hier  ist  wohl  die  passendste  Stelle,  von  dem  Rechenbuche 
von  Achmim  (S.  23)  zu  reden,  einem  in  Achmim,  in  einem 
koptischen  Grabe,  aufgefundenen  griechischen  Papyrus,  welcher  nach 
der  Meinung  des  Herausgebers-)  innerhalb  der  Zeit  zwischen  dem  VI. 
und  IX.  Jahrhunderte  von  einem  Christen  geschrieben  wurde.  Die 
Angabe  lässt  möglicherweise  die  Ergänzung  zu,  der  Schreiber  be- 
ziehungsweise Verfasser  sei  ein  griechisch  schreibender  Römer  ge- 
wesen. Jedenfalls  war  er  in  altägyptischer  Rechenkunst  erfahren  und 
zerlegte  Brüche  in  Summen  von  Stammbrüchen,  wie  Ahmes  es  dritt- 
halbtausend  Jahre  früher  gethan  hatte.  Der  wesentliche  und  nicht 
hoch  genug  zu  schätzende  Unterschied  besteht  darin,  dass  der  Ver- 
fasser des  Rechenbuches  zu  Achmim  die  Vorschriften  angibt,  nach 
welchen  jene  Zerlegungen  vorgenommen  wurden.  Darunter  ist  die 
Methode  der  durch  Summentheile  multiplicirten  Faktoren 
des   Nenners   besonders   bemerkenswerth.     Als  Formel   geschrieben 

z  1  1 

heisst  sie  = j 1 1 —  und  geht  bei  ^  =  2  in  die  Formel 

P  ■  'I        „  P-\-a    '        P  +  Q 


<1  ■  —z-       P 

z  z 


des 


Ahmes  = ; 1 r      über  (S.  30).     Bei  der  oft  auf- 

P-i       „  y  +  g       n  ^  +  '^ 

tretenden  Möglielikeit    verschiedenartiger   Zerlegung    liess    man   sich. 


^)  Schöll-Pinder,  Griechische  Literaturgeschichte  Jll,  8.  *)  J.  Baillet 
in  den  Memoires  puNies  par  Ics  Membres  de  la  mission  archeologique  frangaise 
au  Cuire  T.  IX,  Fascicule  1,  pag.  1—88  und  8  Tafeln.  Paris,  1892.  Vergl.  auch 
Zeitschr.  Math.  Phjs.  XXXVIII.     Histor.-literar.  Abthlg.  S.  81—87. 


Die  griechische  Mathematik  in  ihrer  Entartung.  471 

wie  der  Herausgeber  des  Papyrus  erkannt  hat,  von  dem  Gesichts- 
punkte leiten,  Stammbrüche  mit  solchen  Nennern  zu  wählen,  die 
nicht  durch  gar  zu  grosse  Unterschiede  von  einander  abwichen.    Von 

239 
den    verschiedenen    möglichen   Zerlegungen   von  -r^r—   zog    man   z.  B. 
o  ö      o  6460         o 

939         111 

,TT7,n  ==  o^  +  iT^  +  ^  allen  anderen  vor,  weil  68,  85,  95  ziemlich  nahe 

0460  »0  yo     '     60  '  '        ' 

bei  einander  liegen. 

Nach  Konstantinopel,  wie  seit  330  das  alte  Byzanz  hiess, 
noch  bevor  es  die  Hauptstadt  des  besonderen  Reiches  wurde,  welches 
man  nach  dem  älteren  Namen  des  Kaisersitzes  das  byzantinische  zu 
nennen  pflegt,  hatte  Justinian  ganz  besonders  Rechtsgelehrte,  der 
Zahl  wie  der  Bedeutung  nach  überwiegend,  berufen,  aus  deren  Ver- 
einigung eine  Rechtsschule  als  Mittelpunkt  einer  dort  ansässigen  Ge- 
lehrsamkeit entstand.  Auch  Mathematiker  werden  uns  hier  begegnen, 
welche  aber  nur  den  Eindruck  zu  verstärken  geeignet  sind,  den  wir 
schon  erhalten  haben,  dass  es  in  immer  rascheren  Sprüngen  bergab 
ging  mit  der  einstmals  so  hoch  emporgedrungenen  griechischen  Wissen- 
schaft, dass  dann  später  für  die  Mathematik  wie  für  benachbarte 
Kenntnissreihen  eine  Pause  im  Niedergange  wieder  eintrat,  dass  aber 
auch  für  jene  späte  Zeit  —  es  handelt  sich  um  das  XIV.  S.  —  den 
Byzantinern  nicht  mehr  nachgerühmt  werden  kann,  als  ein  neuerer 
Vertheidiger  ihrer  Bildung  für  sie  in  Anspruch  nimmt'),  nämlich 
eine  erhaltende  Thätigkeit  ausgeübt  zu  haben.  Man  möchte,  insbe- 
sondere für  die  Zeit  vom  IX.  bis  zum  XL  S.,  meinen,  es  seien  die 
geistig  bedeutenderen  Leute  gewesen,  die  in  der  Fremde  ihre  Kennt- 
niss  der  griechischen  Sprache  und  anderer  Idiome  dazu  benutzten, 
Uebersetzuugen  der  grossen  griechischen  Mathematiker  anzufertigen, 
die  mau  zu  Hause  nicht  mehr  studirte,  jedenfalls  in  meist  unfrucht- 
barer Weise  studirte. 

Wir  verweilen  einen  Augenblick  bei  einer  geodätischen  Ab- 
handlung, welche,  seit  sie  1572  in  lateinischer  Uebersetzung  des 
Barocius  bekannt  wurde,  für  das  Werk  eines  Heron  des  Jüngeren 
galt,  den  man  wohl  in  das  VII.  auch  in  das  VIII.  S.  zu  setzen  liebte. 
Gegenwärtig  ist  der  griechische  Text  nebst  einer  französischen  Ueber- 
setzung leicht  zugänglich"-),  und  über  Ort  und  Zeit  der  Entstehung 
ist  kaum  ein  Zweifel  geblieben^).    Die  Oertlichkeit,  auf  welche  die  in 


*)  Demetrius  Bikelas,  Die  Griechen  des  Mittchilters  und  ihr  Einfluss 
auf  die  europäische  Cultur  (deutsch  von  W.  AVagner),  Gütersloh,  1878. 
^)  Geodesie  de  Heron  de  Byzance  ed.  Vincent.  Notices  et  cxtraits  des  manu- 
scrits  de  la  bibliotheque  imperiale.  Paris,  1858.  T.  XIX,  2.  partie.  '')  Die  ab- 
schliessenden Untersuchungen  von  Th.  H.  Martin  in  seiner  häufig  angeführten 
Abhandlung:  EccJierches  sur  la  vie  et  les  ouvrages  d' Heron  d'Alexandrie. 


472  24.  Kapitel. 

der  Abhandlung  vorgenommenen  Messungen  sich  beziehen,  ist  als  die 
Rennbahn  von  Konstantinopel  erkannt  worden,  jene  berühmte  Renn- 
bahn, welche  so  oftmals  zu  grossen  politischen  Versammlungen  diente, 
von  wo  aus  meuterische  Volkshaufeu  sich  in  die  Strassen  der  Haupt- 
stadt ergossen,  Umwälzungen  einleitend  und  vollendend.  Vorkommende 
Beobachtungen  von  Sterndistanzen  haben  ferner  zur  Zeitbestimmung 
führen  können  und  haben  ergeben,  dass  jene  Geodäsie  in  Konstan- 
tinopel ziemlich  genau  im  Jahre  938  geschrieben  worden  sein  muss. 
Wie  aber  der  Verfasser  hiess,  ob  Heron,  wie  man  sonst  zu  sagen 
pflegte,  ob  anders,  darüber  ist  nicht  das  Geringste  bekannt,  und  viel- 
leicht befreundet  man  sich  am  ersten  damit,  ihn  mit  uns  als  den 
ungenannten  Feldmesser  von  Byzanz  zu  bezeichnen.  Wir  haben 
seiner  Abhandlung  (S.  133)  ganz  im  Vorübergehen  gedenken  dürfen, 
als  in  welcher  ein  sehr  spätes  Zeugniss  für  den  Beweis  der  Wiukel- 
summe  des  Dreiecks  von  der  Winkelsumme  des  Vierecks  aus  vorlag. 
Wir  möchten  jetzt  an  eben  diesen  Beweis  in  dem  Sinne  erinnern,  als 
er  für  das  Musterwerk  des  uugenamiten  Verfassers  zur  Vermuthung 
führt,  dasselbe  habe  die  Betrachtung  des  Vierecks  überhaupt  der  des 
Dreiecks  vorangehen  lassen.  Welches  Musterwerk  aber  ihm  diente, 
ist  auf  den  ersten  Anblick  klar:  kein  anderes  als  das  feldmesserische 
Werk  des  Heron  von  Alexandria,  der  übrigens  selbst  genannt  ist'), 
und  dessen  Abhandlung  über  die  Dioptra  insbesondere  man  in  der 
Nachbildung  nicht  verkennen  kann.  Damit  ist  zugleich  gesagt,  dass 
die  Schrift  des  Ungenannten  nicht  schlecht  ist.  Wer  so  wenig  wie 
er  von  einem  trefflichen  Muster  sich  entfernte,  konnte  Unbrauchbares 
nicht  liefern. 

Das  gelang  viel  besser  einem  Michael  Psellus.  Dessen  letzte 
Schrift  ist  von  1092  datirt,  er  lebte  also  bis  zum  Ende  des  XL  S. 
Er  hatte  den  Beinamen  Erster  der  Philosophen,  ein  Beiname, 
der  ihn  nicht  zu  schmücken  vermag,  sondern  nur  den  Zeitgenossen 
zur  Unehre  gereicht.  Eine  auf  des  Psellus  Namen  im  XVI.  S.'  ge- 
druckte Schrift  über  die  vier  mathematischen  Disciplinen  rührt  keinen- 
falls  im  Ganzen  von  ihm  her,  da  die  Astronomie  sich  selbst  vom 
Jahre  1008  datirt,  in  welchem  Psellus,  wenn  geboren,  jedenfalls  im 
zartesten  Kindesalter  stand '^).  Ob  die  auch  einzehi  herausgegebene 
Arithmetik^)  wirklich  von  Psellus  herstammt,  bedürfte  noch  be- 
sonderer Untersuchung,  aber  man  kann  nicht  behaupten,  dass  diese 
Mühe  sich  lohnte.     Die  Einheit  ist  keine  Zahl,  sondern  Wurzel  und 


')  Geodesie  de  Heron  de  Byzance  (ed.  Vincent)  pag.  368.  -)  Tann  er  y 
in  Zeitschr.  Math.  Phys.  XXXVII.  Histor.-literar.  Abthlg.  S.  41.  »)  WeUov 
twv  TttQi  ccQL&fiTjtLK'^g  ovvoipig.     Paris,  1538.    4",  lag  uns  vor. 


Die  griechische  Mathematik  in  ihrer  Entartung.  473 

Quelle  der  Zahlen.  Einmal  eine  Zahl  ist  von  der  Zahl  nicht  ver- 
schieden, wohl  aber  zweimal  und  dreimal  die  Zahl.  Zwei  mal  zwei 
ist  mit  zwei  und  zwei  gleich werthig,  was  bei  anderen  Zahlen  nicht 
vorkommt.  Die  Zahlen  sind  bald  grad,  bald  ungrad,  bald  zusammen- 
gesetzt, bald  einfach.  Die  Primzahlen  können  mittels  einer  Sieb- 
methode erkannt  werden.  Es  gibt  vollkommene,  mangelhafte  und 
überschiessende  Zahlen.  Zwischen  den  Zahlen  gibt  es  Verhältnisse. 
Zehn  Analogien  sind  zu  unterscheiden.  Es  gibt  vieleckige  Zahlen 
und  körperliche  Zahlen.  Das  ist  die  ganze  arithmetische  Weisheit 
des  Psellus  oder  wer  der  Verfasser  gewesen  sein  mag.  Er  wird  sie 
aus  irgend  einem  Neupythagoräer  oder  Neuplatoniker  geschöpft  haben. 
Vermehrt  hat  er  sie  keinesfalls,  auch  nicht  um  den  Schatten  eines 
eigenen  Gedankens. 

In  der  geometrischen  Abtheilung,  wenn  diese  echt  sein  sollte, 
sagt  uns  Psellus^),  es  gebe  unterschiedene  Meinungen,  wie  des  Kreises 
Inhalt  zu  finden  sei.  Am  meisten  Beifall  habe  die  Gleichsetzung  des 
Kreises  mit  dem  geometrischen  Mittel  zwischen  dem  eingeschriebenen 
und  dem  umschriebenen  Quadrate  gefunden.  Hier  ist  also  tc  =  yS 
=  2,8284271  .  .  .  gesetzt,  und  der  Beifall  des  Zustimmenden  kenn- 
zeichnet seine  Unwissenheit. 

Von  grosser  geschichtlicher  Bedeutung,  welche  allerdings  erst 
in  unserem  II.  Bande  im  57.  Kapitel  hervortreten  wird,  ist  ein  Bruch- 
stück des  Psellus^),  worin  den  Namen,  deren  sich  Diophant  (S.  439) 
für  die  aufeinander  folgenden  Potenzen  der  Gleichungsunbekannten 
bediente,  andere  gegenüber  gestellt  sind.  In  dieser  zweiten  Reihe 
von  Ausdrücken  heisst  die  5.  und  die  7.  Potenz  der  unbekannten 
Grösse  äkoyog  TtQcätog  und  akoyog  devxsQog,  irrational  weil,  wie  aus- 
drücklich hinzugesetzt  ist,  eine  solche  Potenz  weder  Quadrat  noch 
Kubus  ist. 

Es  trat  eine  geistige  Versumpfung  ein,  die  als  natürliche  Be- 
gleiterin der  steten  Palastrevolutionen  zu  betrachten  ist,  von  welchen 
die  Geschichte  des  byzantinischen  Reiches  wimmelt.  Auch  die  Kreuz- 
züge, um  1100  beginnend,  brachten  diesen  inneren  Unruhen  keinen 
Stillstand,  brachten  ebensowenig  neue  Bildungselemente,  und  als  1204 
die  Unordnung  aufs  höchste  gestiegen  war,  rückte  das  lateinische 
Kreuzheer,  Franzosen  und  Venetianer,  vor  Konstantinopel,  eroberte 
am  12.  April  die  Stadt  und  hauste  fürchterlich,  mit  Raub  und  Brand 
ganze  Viertel  zerstörend.     Es   entstand  unter  Theilung  des  Reiches 


^)  Kästner,  Geschichte  der  Mathematik  I,  281  —  282  *)  P.  Tannery, 
Psellus  sur  Diophante  in  Zeitschr.  Math.  Phys.  XXXVII,  Histor.-literar.  Abthlg. 
S.  41  —  45. 


474  24    Kapitel. 

iu  Koustautiuopel  ein  lateinisches  Kaisertlium,  welches  bis  1261 
dauerte.  Dann  kehrte  ein  eingeborener  Fürst,  Michael  Paläologus, 
mit  genuesischer  Hilfe  zurück,  bemächtigte-  sich  der  Herrschaft,  und 
unter  den  Paläologeu  kam  im  ersten  Viertel  des  XIV.  S.  für.  unsere 
Wissenschaft  eine  neue  Anregung  zu  Stande^). 

Im  Jahre  1322  wurde  von  unbekanntem  Uebersetzer  eine  grie- 
chische Bearbeitung  eines  persischen  astronomischen  Werkes  an- 
gefertigt, als  dessen  Verfasser  Za^irl)  finovxccgrjg  genannt  ist,  eine  Ver- 
ketzerung, in  welcher  man  Schamsaldin  von  Bukhara  wieder- 
erkannt hat,  wahrscheinlich  denselben  Astronomen,  der  unter  dem 
Namen  Schamsaldin  von  Samarkand  vermuthlich  im  Jahre  1276 
ein  Büchlein  über  die  Fixsterne  in  persischer  Sprache  geschrieben 
hat,  und  der  seinen  Aufenthalt  wechselnd  in  Samarkand  und  Bukhara 
gehabt  haben  mag. 

Nun  folgten  sich  ziemlich  rasch  weitere  byzantinische  Bearbei- 
tungen persischer  Schriften,  mittelbare  Abflüsse  des  im  griechischen 
Texte  nahezu  vergessenen  Almagestes,  welcher  selbst  die  vorzüg- 
lichste Quelle  persischer  Gelehrsamkeit  bildet.  Chioniades  von 
Konstantinopel,  welcher  jedenfalls  vor  134G  lebte,  Georg  Chry- 
sococces  im  Jahre  1346  selbst,  Theodorus  Meliteniota,  wie  es 
scheint  unter  der  Regierung  des  Kaisers  Johannes  Paläologus  1361 
lebend,  der  Mönch  Isaak  Argyrus  vor  1368,  das  sind  die  Haupt- 
vertreter persisch-griechischer  Astronomie.  Der  letztgenannte  schrieb"-) 
auch  eine  handschriftlich  gebliebene  Geodäsie  und  Scholien  zu  den 
ersten  sechs  Büchern'  der  euklidischen  Elemente.  Und  nun  tritt  in 
der  zweiten  Hälfte  des  XIV.  S.  ein  neuer  Umschlag  ein.  Mit  Niko- 
laus Cabasilas  beginnt  ein  Geschlecht  von  Gelehrten,  welche  auf 
Ptolemäus  selbst  zurückgreifen  und  so  die  Wiedergeburt  klassischer 
Wissenschaft  in  Europa  vorbereiten.  Während  auf  astronomischem 
Gebiete  die  hier  kurz  geschilderte  Bewegung  sich  vollzog,  war  es 
kaum  möglich,  dass  die  Mathematik  unberührt  geblieben  wäre,  und 
wirklich  haben  wir  Isaak  Argyrus  als  mathematischen  Schriftsteller 
nennen  müssen.  JN^eben  ihm  treten  im  XIV.  S.  noch  Andere  auf,  zu 
welchen  wir  uns  jetzt  wenden.  Der  Hauptsache  nach  ist  ihre  Thätig- 
keit  freilich  als  blosse  Compilation  aufzufassen.  Höchstens  Einer 
könnte  eine  Ausnahme  bilden,  für  welchen  die  Urquelle  seines  Wissens 
wenigstens  nicht  nachzuweisen  ist.  Ein  Vorzug,  der  ihnen  insgesammt 
zukommt,   besteht  darin,   dass   sie  nicht  mit  breitgetretenen   Stofi'eu 


*)  Vergl.  Usener,  Ad  Mstoriam  astronomiac  symhdla,  Bonner  Universitäts- 
programm zur  (ieburtstagsfeier  Kaiser  Wilhelm  I.  am  22.  Miii-z  1876.  '■')  Nach 
Montucla,  Hüloirc  des  viuthcmatiqucs  1,  345. 


Die  griechische  Mathematik  in  ihrer  Entartung.  475 

sich  abmühen,  wie  es  die  früheren  Byzantiner  thaten,  sondern  solche 
Gegenstände  wählten,  die  hier  in  griechischer  Sprache  zum  ersten 
Male  erscheinen. 

Der  Mönch  Barlaam  schrieb  am  Anfange  des  XIV.  S.  eine 
Logistik  in  sechs  Büchern,  worin  in  mühseliger  Weise  die  Rechenkunst 
an  ganzen  Zahlen,  an  gewöhnlichen  Brüchen  und  an  astronomischen 
oder  Sexagesimalbrüchen  gelehrt  wurde.  Dieses  Werk  ist  im  Jahre 
1600  mit  lateinischer  Uebersetzung  gedruckt^),  und  wenn  Barlaam 
auch  kein  Byzantiner,  sondern  ein  Calabreser  war,  so  möge  es  ver- 
stattet sein,  ihn  hier  unterzubringen,  weil  er  eben  in  griechischer 
Sprache  schrieb. 

Johannes  Pediasimus,  auch  Galenus,  yaXrjiW';  =  der  Heiieve, 
genannt,  war  Siegelbewahrer  des  Patriarchen  von  Konstantinopel  wäh- 
rend der  Regierungszeit  von  Andronikus  III.  Paläologus  1328 — 1341. 
Von  ihm  sollen  handschriftlich,  ausser  literär- kritischen  Schriften, 
Bemerkungen  zu  einigen  dunkeln  Stellen  der  Arithmetik  und  eine 
Abhandlung  über  Würfelverdoppelung  vorhanden  sein.  Seine  Geo- 
metrie ist  im  Druck  erschienen").  Man  kann  das  Urtheil  über  die- 
selbe kurz  dahin  fassen,  dass  Pediasimus  sich  ganz  ähnlich  wie  jener 
unbekannte  Byzantiner  des  X.  S.  eng  an  Heron  von  Alexandria  an- 
schliesst.  Nur  dass  jener,  wie  wir  gesagt  haben,  die  praktisch- 
feldmesserische  Abhandlung  über  die  Dioptra  als  Vorbild  benutzte, 
während  Pediasimus  sich  au  die  rechnende  Geometrie  des  Heron  hält, 
wie  sie  in  den  als  Geometrie  imd  als  Geodäsie  betitelten  heronischen 
Schriften  vertreten  ist.  Die  Anlehnung  ist  eine  so  enge,  dass  mit- 
unter Pediasimus  dazu  dienen   kann  Stellen   des  Heron   zu  erläutern. 

Maximus  Planudes  gehört  etwa  derselben  Zeit  an.  Dieser 
aus  Nikomedien  stammende  Mönch  vertrat  1327  das  byzantinische 
Kaiserreich  als  Mitglied  einer  Gesandtschaft  an  die  Republik  Venedig. 
Er  lebte  noch  1352.  Sein  Todesjahr  ist  nicht  bekannt.  Maximus 
Planudes  hat  einen  Commentar  zu  den  ersten  Büchern  des  Diophant 
verfasst,  der  uns  erhalten  ist^),  und  als  Beweis  (S.  437)  benutzt  wurde, 
dass  die  Gestalt,  in  welcher  ihm  diese  Bücher  vorlagen,  in  keiner 
Weise  von  der  heutigen  Gestalt  abwich.  Maximus  Planudes  ist  in 
diesem   Commentar  mit  weiser  Vorsicht  Allem    aus    dem  Wege  ge- 


')  So  nach  Montucla,  Ilistoire  des  malMmaiiques  I,  344.  Uns  ist  das 
"Werk  noch  nie  zu  Augen  gekommen.  *)  Die  Geometrie  des  Pediasimus  (grie- 
chischer Text)  herausgegeben  von  G.  Friedlein  als  Herbstprogramm  der 
Studienanstalt  Ansbach  für  1866.  Die  allgemeinen  Notizen  über  den  Verfasser 
entnehmen  wir  der  Friedlein'schen  Einleitung,  in  welcher  die  wünschenswerthen 
Verweisungen  sich  finden.  ^)  Er  ist  lateinisch  abgedruckt  iu  Xylanders 
gleichsprachiger  Diophantübersetzung.     Basel,  1571. 


476  24.  Kapitel. 

gangen,  was  der  Erläuterung  wirklich  bedurft  hätte,  und  hat  sich 
nur  bei  Selbstverständlichem  aufgehalten.  Wir  haben  ferner  (S.  432) 
der  griechischen  Anthologie  gedacht,  welche  Maxinius  Planudes  aus 
früheren  Sammlungen  auszog,  und  in  welcher  auch  algebraische  Epi- 
gramme sich  vorfanden.  Wir  haben  es  jetzt  mit  einer  Schrift  zu 
thun,  die  den  mderspruchs vollen  Namen  Markenlegung  nach  Art 
der  Inder,  il>rj(po(poQLCi  xar'  'Ivöovg,  führt  und  gemeiniglich  das 
Rechenbuch  des  Maximus  Planudes^)  genannt  wird.  Der  Ver- 
fasser beginnt  mit  den  Worten:  „Da  die  Zahl  das  Unendliche  um- 
schliesst,  aber  eine  Erkenntniss  des  Unendlichen  nicht  möglich  ist, 
so  haben  hervorragende  Denker  unter  den  Astronomen  eine  Methode 
gefunden,  wie  man  Zahlen  beim  Gebrauch  übersichtlicher  und  genauer 
darstellen  kann.  Solcher  Zeichen  gibt  es  nur  neun  und  zwar  folgende  -) 
12345G78  9.  Man  fügt  auch  ein  andres  Zeichen  hinzu,  was 
Tziphra  genannt  wird  und  bei  den  Indern  das  Nichts  darstellt.  Auch 
jene  neun  Zeichen  stammen  von  den  Indern.  Die  Tziphra  wird 
folgendermasseu  geschrieben  0."  Hier  ist  also  zum  ersten  Male  im 
XIV.  S.  das  indische  Zifferrechnen  nach  Byzanz  gedrungen,  wie  wir 
später  sehen  werden  mindestens  200  Jahre  nachdem  es  auf  anderem 
Wege  bereits  zur  Kenntniss  des  Avestlichen  Europas  gekommen  war, 
wo  die  sogenannten  Algorithmiker  in  Spanien,  in  England,  in  Deutsch- 
land, in  Frankreich  mit  den  Abacisten  ringen,  um  sie  seit  Anfang 
des  XIII.  S.  siegreich  zu  verdrängen.  Wir  könnten  in  der  uns  hier 
gegenübertretenden  fremdländischen  Kunst  eine  Hindeutung  finden, 
dass  wir  mit  Unrecht  auch  diese  späte  Zeit  in  dem  der  griechischen 
Mathematik  gewidmeten  Abschnitte  behandeln,  wenn  uns  nicht  um- 
gekehrt grade  das  so  späte  Auftreten,  welches  wir  soeben  betonten, 
darin  bestärkte,  dass  wenigstens  verhältnissmässige  Abgeschlossenheit 
der  griechisch  schreibenden  Mathematiker  gegen  im  beginnenden 
Mittelalter  allerwärts  sich  verbreitende  Einflüsse  stattfand,  und  dass 
sie  somit  hinter  ihrer  Zeit  stehend  und  darum  ohne  Einwirkung  auf 
dieselbe  nur  als  Vertreter  einer  selbst  sich  verspätenden  Nationalität 
erscheinen.  Der  Inhalt  des  Rechenbuches  des  Maximus  Planudes 
bedarf  dagegen  hier  keiner  auf  das  eigentlich  indische  Verfahren  ein- 
gehenden   Erörterung.      Die    Bemerkung    muss    uns    genügen,    dass 


^)  Eine  griechische  Textausgabe  hat  C.  J.  Gerhardt  veranstaltet.  Halle, 
1865.  Eine  deutsche  Uebersetzung  von  H.  Waeschke  erschien  Halle,  1878. 
Die  allgemeinen  Notizen  über  Maximus  Planudes  entnehmen  wir  der  Gerhardt- 
scheu  Einleitung.  Die  deutsche  Fassung  einzelner  Sätze  ist  bis  auf  geringe 
Aenderungen,  die  wir  für  nöthig  hielten,  der  Waeschke 'sehen  Uebersetzung 
entlehnt.  ^)  Die  von  Maximus  Planudes  gebrauchten  Zeichen  vergl.  auf  der 
hinten  angehefteten  Tafel. 


Die  griechische  Mathematik  in  ihrer  Entartung.  477 

Addiren  und  Subtrahiren,  Multipliziren  und  Dividiren  an  ganzen 
Zahlen,  dann  an  Sexagesimalbrüchen  gelehrt  wird  nach  Methoden 
und  unter  Amvendung  von  Proben,  von  welchen  wir  an  anderem 
Orte  zu  reden  Gelegenheit  nehmen.  Es  folgt  alsdann  noch  die 
Quadrat wurzelausziehung  und  zwar  auf  folgende  Weise:  „Nimm  die 
Quadratwurzel  der  uächstniedrigen  wirklichen  Quadratzahl  und  ver- 
doppele dieselbe-,  dann  nimm  von  der  Zahl,  deren  Wurzel  du  suchst, 
das  gefundene  nächstniedrige  Quadrat  weg,  und  dem  Reste  gib  als 
Nenner  die  aus  der  Verdoppelung  der  Wurzel  gefundene  Zahl.  Z.  B. 
wenn  8  das  Doppelte  der  Wurzel  wäre,  so  nenne  den  Rest  Achtel, 
wenn  10  Zehntel  u.  s.  w.  Willst  du  z.  B.  18  als  Quadrat  darstellen 
und  die  Wurzel  suchen,  so  nimm  die  Wurzel  der  nächstniedrigen 
Quadratzahl  also  von  16.  Sie  ist  4.  Verdopple  dieselbe,  ist  8. 
Nimm  16  von  18,  bleibt  2.  Diese  nenne  (nach  8)  Achtel  und  sage 
so:  die  Seite  des  Quadrates  18  ist  4  und  2  Achtel,  2  Achtel  ist  aber 
gleich  einem  Viertel,  als  ist  die  Seite  auch  4  und  ein  Viertel".    Nun 

zeigt  der  Verfasser,  dass  4-7-  •  4  -  =  18;-  ist,  wobei,  wie  im  Vorher- 

o  ;  4  4  16  '  ' 

gehenden  angedeutet  worden  ist,  Brüche  nicht  in  Zeichen,  sondern 
nur  mit  Worten  geschrieben  werden.  Die  Methode  sei  daher  nicht 
ganz  richtig.  „Welche  Methode  aber  die  genauere  und  der  Wahrheit 
nähere  ist,  die  ich  zugleich  als  meine  mit  Gottes  Hilfe  gemachte 
Erfindung  in  Anspruch  nehme,  das  wird  in  der  Folge  gesagt  werden." 
Die  vorher  gelehrte  Methode  muss  jedenfalls  nach  des  Verfassers 
Meinung  die  indische  sein,  denn  er  spricht  nachher  von  der  indischen 
Methode,  wie  von  einer  bereits  vorgetragenen^),  während  nur  diese 
Auseinandersetzung  und  die  geometrische  Begründung  ihrer  nicht 
genau  zutreffenden  Richtigkeit  vorausgegangen  ist,  bevor  er  au  die 
eigene  Methode  gelangt,  welche  er  nochmals  mit  wahren  Posauneu- 
stössen  ankündigt:  „Es  ist  nun  an  der  Zeit,  dass  wir  die  Methode, 
die  wir  selbst  erfunden  haben,  und  die  nur  weniges  vom  wahren 
Werthe  abweicht,  vorlegen." 

Worin  besteht  diese  eigene  Methode?  Darin,  dass  die  Zahl, 
aus  welcher  die  Wurzel  gezogen  werden  soll,  vorher  durch  Multipli- 
cation  mit  3600  in  Sekunden  verwandelt  wird,  worauf  die  Wurzel 
in  der  Gestalt  von  Minuten  sich  zeigt!  Damit  brüstet  sich  ein  Leser 
von  Theons  Commentar  zum  Almagest,  der  als  solcher  sich  ausdrück- 
lich zu  erkennen  gibt,  indem  er  zugesteht,  seine  Methode  sei  doch 
umständlich,  wenn  es  um  recht  grosse  Zahlen  sich  handle,  wie  um 
die  Zahl  4500,  aus  welcher  Theon  die  Wurzel  zu  ziehen  habe.     Als- 

^)  ""Etsqu  yLs&odog  liiyfia  ovaa  rijg  rs  'lvSrA.f]g  yial  zov  0Ecovog  -nal  ziig  ijfis- 
riqag  (ed.  Gerhardt)  pag.  45,  lin.  3. 


478  24.  Kapitel. 

dann  könne  man  aus  der  indischen  Methode,  aus  der  des  Theon  und 
aus  seiner  eigenen  folgende  Misehmethode  biklen.  Zunächst  sucht 
er  jetzt  die  nächste  ganzzahlige  Wurzel  ()7  und  verschafft  sich  den 
Rest  4500  —  67'=  11.  Diese  11  Ganze  werden  als  Minuten  zu  660, 
und  durch  2  •  67  =  134  getheilt  entstehen  4'  als  Quotient.  Der 
neue  Rest  660  —  4  •  134  =  124'  wird  in  Sekunden  verwandelt  und 
dadurch  zu  7440,  wovon  16"  d.  h.  das  Quadrat  von  4'  abgezogen 
wird.  Der  neue  Rest  besteht  aus  7424".  In  ihn  dividirt  man  mit 
dem  Doppelten  von  67"  4'  d.  h.  mit  60  •  134  +  2  •  4  =  8048',  nach- 
dem man  ihn  selbst  in  60  ■  7424  =  445  440'"  verwandelt  hat.  So 
erscheint  der  Quotient  55",  und  mit  ihm  ist  die  Wurzel  zu  67**  4'  55" 
ergänzt,  und  zwar,  wie  der  Vergleich  mit  dem  (S.  461)  von  uns  ge- 
gebenen Auszuge  aus  Theon  zeigt,  genau  in  der  von  diesem  gelehrten 
Weise,  nur  mit  dem  Umwege  über  die  Eselsbrücke  eingeschalteter 
Multiplikationen  mit  60  vor  Ausführung  der  die  Theilziffern  der 
Wurzel  liefernden  Divisionen,  die  einzige  Beimischung,  deren  Mäximus 
Planudes  sich  rühmen  kann. 

Sind  aber  das  die  grossen  Gedanken  eines  Schrif stellers,  der 
„sich  vorgenommen  hat  über  das  zu  handeln,  was  zur  astronomischen 
Rechnung  gehört"^),  so  ist  kaum  anzunehmen,  dass  ebendemselben 
zwei  Aufgaben  eigenthümlich  sein  sollten,  mit  welchen  unmittelbar 
nach  Auseinandersetzung  der  letzterwähnten  Methode  zur  Quadrat- 
wurzelausziehung das  Rechenbuch  abschliesst.  Die  zweite  Aufgabe 
ist  die  uns  schon  bekannte,  ein  Rechteck  zu  finden,  das  einem  anderen 
Rechtecke  am  Umfange  gleich,  an  Inhalt  ein  Vielfaches  desselben 
sei.  Die  Auflösung  wird  in  Worten  gelehrt,  welche  in  eine  Formel 
umgesetzt  n  —  1  und  n^ — n  als  die  Seiten  des  einen,  nr —  1  und 
n^  —  n~  als  die  Seiten  des  n  mal  so  grossen  Rechtecks  bezeichnen. 
Bei  n  =  4c  entstehen  die  Seiten  3  und  60,  beziehungsweise  15  und 
48,  welche  wir  auch  im  Buche  des  Landbaues  (S.  453)  fanden.  Die 
erste  Aufgabe  ist  eine  heute  gleichfalls  sehr  bekannte,  da  sie  in 
ziemlich  allen  Aufgabensammlungen  Platz  gefunden  hat.  Eine  Summe 
Geldes  soll  dadurch  in  lauter  gleiche  Theile  zerlegt  werden,  dass  der 
erste  Theilhaber  1  Stück  und  den  nten  Theil  des  Restes,  der  zweite 
alsdann  2  Stück  und  den  nien  Theil  des  Restes,  der  dritte  hierauf 
3  Stück  und  den  nien  Theil  des  Restes  erhalte,  und  dieses  Gesetz 
der  Bildung  der  Theile  bis  zum  letzten  festgehalten  bleibe.  Als 
Auflösung  wird  («  —  l)'"*  als  die  zu  theilende  Summe,  u  —  1  als  die 
Zahl    der   Theilhaber    erklärt.     Zunächst   ist    freilich  n  =  1    gesetzt, 


')  'Enti  8s  cüg  iv    hi'dtt.  ne^l   rar    cv^ißaXlo^tvcüv   tt'g   tbv    äarsQCüv    ipricpov 
duXdßo^tv  (ed.  Gerhardt)  p;ig.  29,  letzte  Zeile. 


Die  griechische  Mathematik  in  ihrer  Entartung.  479 

docli  ist  ausdrücklich  die  Allgemeinheit  der  Auflösung  hervorgehoben, 
und  als  Andeutung  wie  die  Auflösung  gefunden  werde,  der  Satz  be- 
nierklich  gemacht,  dass  immer  a-  —  1  =  (a  —  1)  •  (a  -f-  1)  sei.  Es 
würde  wohl  einer  besonderen  Untersuchung  werth  sein,  Spuren  auch 
dieser  Aufgabe  zu  verfolgen. 

Vielleicht  etwas  später  als  Maximus  Planudes  lebte  Nikolaus 
Rhabda  von  Smyrna  mit  dem  Beinamen  Artabasdes^).  Er 
schrieb  an  einen  Theodor  Tschabuchen  von  Klazomenä  einen 
Brief  über  Arithmetik^),  welcher  aus  einer  Handschrift  der  Pariser 
Bibliothek  herausgegeben  ist^).  Fast  das  Bemerkenswertheste  an 
ihm  besteht  darin,  dass  an  dessen  Schlüsse  eine  Sammlung  von  Bei- 
spielen das  erste  uns  bekannte  Vorkommen  der  Wortverbindung 
politische  x4.rithmetik^)  bietet.  Es  sind  Aufgaben,  welche  mittels 
Regeldetri  gelöst  sind.  Ausserdem  kann  noch  hervorgehoben  werden, 
dass  für  die  Ausziehung  von  Quadratwurzeln  die  Näherungsregel 
b 


Ya'-  -\-  h  =  a  -{-  —    ausdrücklich    ausgesprochen   ist.     Wir  haben  es 

hier  mit  einer  anderen  Schrift  des  Rhabda  zu  thun,  mit  der  mehr- 
fach, zuletzt  in  Gemeinschaft  mit  dem  eben  erwähnten  Briefe  ge- 
druckten Abhandlung  über  das  Fingerrechnen^),  ixcpQaöig  rot) 
daxrvkiüov  ^exQOv.  Wir  haben  gesehen  (S.  120),  dass  bei  den  grie- 
chischen Zeitgenossen  des  Lustspieldichters  Aristophanes  etwa  um 
420  V.  Chr.  das  Fingerrechnen  in  Uebung  war.  Wir  haben  keinerlei 
Grund  anzunehmen,  es  sei  jemals  ganz  in  Vergessenheit  gerathen, 
aber  doch  ist  die  Darstellung  des  Rhabda  die  einzige  in  griechischer 
Sprache,  in  welcher  förmlich  gelehrt  wird,  was  meistens  durch  münd- 
liche Ueberlieferung  sich  fortgesetzt  haben  mag.  Rhabda  schildert 
aufs  Ausführlichste,  wie  man  durch  Beugung  der  Finger  die  einzelnen 
Zahlen  darstellen  solle.  Die  Finger  der  linken  Hand  dienen  zur  Be- 
zeichnung der  Einer  und  Zehner,    die   der    rechten   zur  Bezeichnung 


')  Schöll-Pinder,  Geschichte  der  griechischen  Literatur  III,  .845  stellt 
die  ungeheuerliche  Vermuthung  auf,  Artabasdes  sei  vielleicht  aus  ahacista  ent- 
standen. *)  Gerhardts  Einleitung  zu  seiner  Ausgabe  des  Rechenbuchs  des 
Maximus  Planudes  S.  XII,  Anmerkung.  ^)  Notice  sur  les  deux  leftrcs  arithme- 
tiques  de  Nicolas  Khabdas  (ttxte  grec  et  traduction)  par  M.  Paul  Tannery. 
Extrait  dts  Notices  et  extraits  des  manuscrits  de  Ja  Bibliotheque  nationale  etc. 
Tome  XXXII,  V  Partie.  Paris,  1886.  *)  iii&odog  TtoUxiyiwv  XoyaQiacfiwv.  *)  Ein 
Abdruck  z.  B.  in  Nicolai  Caussini  de  eloquentia  sacra  et  humana  libri  XVI. 
Lib.  IX,  cap.  VIII,  pag.  565  sq.  Cöln,  1681.  Vergl.  auch  Rödiger,  Ueber  die 
im  Orient  gebräuchliche  Fingersprache  für  den  Ausdruck  der  Zahlen,  im  Jahres- 
bericht der  deutsch,  morgenländ.  Gesellsch.  für  1845  —  46  und  H.  Stoy,  Zm- 
Geschichte  des  ßecheuunterrichtes  I.  Theil  (Jenaer  Inaugural-Dissertation  von 
1876)  S.  36  ügg. 


480  24.  Kapitel. 

der  Hunderter  und  Tausender,  und  zwar  ist  die  Aufeinanderfolge  des 
Stellenwerthes,  wenn  wir  so  sagen  dürfen,  von  links  nach  rechts  der 
Art  festgehalten,  dass  der  kleine  Finger,  der  Ringfinger  und  der 
Mittelfinger  der  linken  Hand  für  die  Einer,  Zeigefinger  und  Daumen 
der  Linken  für  die  Zehner  in  Bewegung  gesetzt  werden,  Daumen 
und  Zeigefinger  der  Rechten  für  die  Hunderter,  und  endlich  die  drei 
letzten  Finger  der  Rechten  für  die  Tausender.  Wir  brauchen  viel- 
leicht nicht  einmal  hervorzuheben,  wie  sich  in  dieser  Reihenfolge 
eine  Uebereinstimmung  mit  früheren  Bemerkungen  unserer  Einleitung 
(S.  6)  zu  erkennen  gibt.  Es  können  also  mittels  beider  Hände 
sämmtliche  Zahlen  von  1  bis  9999  bezeichnet  werden,  vollauf  aus- 
reichend für  den  gewöhnlichen  Gebrauch  und  in  Uebereinstimmung 
mit  der  Sprachgewohnheit  der  Griechen,  für  welche  10  000  das 
äusserste  einfache  Zahlwort  darstellt. 

Mit  Rhabda  gleichzeitig  lebte  Manuel  Moschopulus,  der  von 
Jenem  genöthigt  eine  Anleitung  zur  Bildung  von  Quadrat- 
zahlen verfasste^).  Jedenfalls  muss  dieser  Moschopulus  vor  dem 
XV.  S.  gelebt  haben,  da  eine  Handschrift  seiner  Abhandlung  in 
dieser  Zeit  niedergeschrieben  ist,  und  da  überdies  ein  älterer  Gelehrter 
dieses  Namens  als  am  Ende  des  XIV.  S.  lebend  genannt  wird,  so 
hat  man  um  so  mehr  Grund  Moschopulus  und  mit  ihm  Rhabda,  der 
nach  seinem  Leben  bestimmt  worden  ist,  grade  dahin,  das  ist  eben 
etwas  später  als  Maximus  Planudes  zu  setzen.  Ein  letzter  ßestäti- 
gungsgrmid  liegt  darin,  dass  eine  dem  XV.  S.  entstammende  Hand- 
schrift des  Rechenbuches  des  Maximus  Planudes  Zusätze  von  Rhabda 
enthält,  während  solche  in  Handschriften  jenes  Rechenbuches  aus 
dem  XIV.  S.  fehlen.  Manuel  Moschopulus  hat,  sagten  wir,  die  Bil- 
dung von  Quadratzahlen  gelehrt,  d.  h.  er  hat  gezeigt,  wie  man  ma- 
gische Quadrate  herstelle,  wie  man  die  Zahlen  von  1  bis  zu 
irgend  einer  Quadratzahl  n^  in  eben  so  viele  schachbrettartig  ge- 
ordnete Felder  vertheile,  so  dass  die  Summe  der  Zahlen  in  jeder 
Längsreihe,  wie  in  jeder  Querreihe  und  auch  in  den  beiden  Diagonal- 

reihen  stets  dieselbe  werde,  natürlich  — ^~— ,  da  die  Zahlen 

in  n  gleichsummige  Reihen  geordnet  sind.     Wenn  wir  sagten,  Moscho- 

^)  S.  Günther,  Vermischte  Untersuchungen  zur  Geschichte  der  mathe- 
matischen Wissenschaften.  Leipzig,  187G,  Cap.  IV,  Historische  Studien  über  die 
magischen  Quadrate.  Der  Abdruck  des  griechischen  Textes  des  Moschopulus 
nach  einer  Münchener  Handschrift  des  XV.  S.  findet  sich  S.  195  —  203,  dessen 
Discussion  S.  203  —  212.  Vielfache  kritische  B(;mcrkungen  zum  Texte  von 
A.  Eberhard  in  der  Zeitschrift  Hermes  XI,  434  flgg. 


Die  griechische  Mathematik  in  ihrer  Entartung.  481 

pulus  habe  die  Herstellung  des  magisclien  Quadrates  für  irgend  eine 
QuadratzaM  n^  gelehrt,  so  müssen  wir  von  dieser  Behauptung  einen 
Theil  wieder  zurücknehmen.  Nur  zwei  Hauptfälle  sind  erhalten,  der 
eines  ungraden  n  und  der  eines  gradgraden  n,  d.  h.  wenn  n  von  der 
Form  4m  ist.  Der  dritte  noch  übrige  Fall  eines  gradungradeu  n, 
d.  h,  wenn  n  von  der  Form  4»«  -(-  2  ist,  fehlt  in  der  uns  erhaltenen 
Handschrift,  es  ist  aber  kaum  zweifelhaft,  dass  Moschopulus  auch 
ihn  in  einer  verlorenen  Schlussbetrachtung  behandelt  haben  wird, 
wie  er  es  zum  Voraus  angekündigt  hat^).  Er  hat  dabei  einen  Ge- 
danken und  ein  Wort  benutzt,  welche  in  der  modernen  Mathematik 
eine  bedeutsame  Rolle  spielen,  bei  Moschopulus  aber  zuerst  aufge- 
funden worden  sind.  Wir  meinen  den  Ausdruck  „Herumzählung  im 
Kreise"^),  rngneQ  avaxvxkovvTsS')  wo  ein  Kreis  eigentlich  gar  nicht 
vorhanden  ist,  sondern  an  das  gedacht  werden  muss,  was  man  gegen- 
wärtig cyklische  Anordnung,  cyklische  Vertauschung  und  dergleichen 
zu  nennen  pflegt.  Es  will  uns  recht  zweifelhaft  erscheinen,  ob  wirk- 
lich Moschopulus  selbst  der  Erfinder  der  Methoden  zur  Auflösung 
der  nichts  weniger  als  leichten  zahlentheoretischen  Aufgabe  war. 
Wenn  er  auf  Andringen  des  Rhabda  die  Niederschrift  vollzog,  so  ist 
damit  keineswegs  gesagt,  dass  er  Eigenes  niederschrieb,  und  die  Ge- 
sellschaft, in  welcher  wir  Moschopulus  zu  nennen  hatten,  gibt  keinen- 
falls  der  Vermuthung  Unterstützung,  einen  besonders  geistreichen 
Erfinder  mathematischer  Dinge  hier  anzutreffen.  Dazu  kommt,  dass 
jedenfalls  im  X.  S.  magische  Quadrate  eine  geheimnissvolle  Rolle 
innerhalben  der  arabischen  Philosophensekte  der  sogenannten  laute- 
ren Brüder  spielten^),  dass  insbesondere  die  Quadrate  mit  9,  16,  25, 
36,  64  und  81  Feldern  denselben  bekannt  waren,  dass  also  sicherlich 
damals  schon  eine  Methode  vorhanden  gewesen  sein,  muss  solche 
zu  bilden. 

Die  Zeit  griechischer  Mathematik,  wir  -wiederholen  es  zum 
letzten  Male,  und  man  wird  uns  am  Schlüsse  dieses  Kapitels  gern 
glauben,  war  vorbei.  Wenn  im  XV.  S.  die  vor  dem  Osmanenthum 
fliehenden  letzten  Byzantiner  Handschriften  altklassischen  Werthes 
mit  sich  führten,  deren  Kenntniss  im  Abendlande  zündend  auf  die 
Geister  wirkte  und  jene  glänzende  Flamme  entfachte,  bei  deren 
Scheine  die  Meisterwerke  der  Renaissance  entstanden,  so  haben  die 
Byzantiner  selbst  daran  nicht  mehr  noch  weniger  Theil  als  Insekten, 
welche    werthvoUen  Blüthenstaub   mit   sich    führen,    während  sie   an 


^)  Günther  1.  c.  pag.  197,  lin.  2—5.  ^)  Günther  pag.  198,  wo  auch  in 
einer  Note  auf  die  Wichtigkeit  der  in  diesem  Ausdrucke  enthaltenen  Anschauung 
aufmerksam  gemacht  ist.  ^)  Dieterici,  Die  Propädeutik  der  Araber  im 
X.  Jahrhundert  S.  42  flgg.     Berlin,  1865  und  Günther  1.  c.  S.  192  ^gg. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik   I.     2.  Aufl.  31 


482  19-  Kapitel. 

dem  Orte  der  Befruchtung  sich  verkriechen.  Wie  es  aber  kam,  dass 
die  Griechen  ihre  durch  Jahrhunderte  bewährte  mathematische  Kraft 
verloren,  das  ist  eine  Frage,  zu  deren  Erörterung  weitläufigere  Aus- 
einandersetzungen nöthig  wären,  als  sie  hier  im  Vorübergehen  mög- 
lich und  gestattet  sind.  Eine  Einwirkung  politischer  Verhältnisse 
wird  ebensosehr  angenommen  werden  müssen,  wie  eine  weiter  und 
weiter  abseits  führende  Verschiebung  des  wissenschaftlichen  Interesses. 
Theologie  und  Jurisprudenz  hatten  in  den  Zeiten  des  Verfalles  unserer 
Wissenschaft  sich  vorgedrängt.  Die  letztere  insbesondere  war  die 
bevorzugte  Wissenschaft  der  nüchtern  Denkenden  geworden,  und  dass 
dem  so  war,  dazu  waren  wieder  politische  Verhältnisse  die  Veran- 
lassung. Die  philosophischen  Griechen  waren  die  Unterthanen  eines 
fremden  Reiches  geworden,  dessen  Gepräge  sich  auch  ihnen  um  so 
deutlicher  aufdrückte,  je  näher  ihnen  der  Mittelpunkt  des  Reiches 
rückte.  Die  geistige  Aufgabe  dieses  Reiches  war  eine  andere.  Ihm 
war  es  beschieden,  die  Rechtswissenschaft  zu  begründen.  Seine  leiten- 
den Gedanken  gab  aber  ein  anderes  Volk  als  die  Griechen  an,  ein 
Volk,  welches  der  Mathematik  gegenüber  grade  den  höchstens  erhalten- 
den Charakter  an  den  Tag  legte,  den  wir  seit  den  Neuplatonikern 
deutlicher  und  deutlicher  sich  offenbaren  sahen:  das  Volk  der  Römer. 


IV.  Römer. 


31^ 


25.  Kapitel. 
Aelteste  Reclienkimst  und  Feldmessung. 

Wenn  wir  die  Geschichte  der  Mathematik,  wie  sie  auf  italieni- 
schem Boden  geworden  ist,  zum  Gegenstande  unserer  Untersuchung 
machen,  so  müssen  wir  fast  mehr  als  bei  anderen  Schauplätzen 
menschlicher  Gesittung  uns  hüten  Verschiedenartiges  durcheinander 
zu  mengen.  Der  Süden  Italiens  ist  es  gewesen,  wo  die  hellenische 
Bildung  des  Pythagoräismus  ihre  Blüthe  hatte.  Das  geographisch 
von  Italien  nicht  zu  trennende  Sicilien  hat  die  mächtige  Küstenstadt 
Syrakus  entstehen  sehen,  und  es  ist  ein  halbwegs  berechtigter  Na- 
tionalstolz italienischer  Gelehrter,  wenn  sie  Pythagoras  und  Archi- 
medes  ihre  Landsleute  nennen.  Aber  freilich  mehr  als  nur  halb- 
berechtigt können  wir  diese  Ansprüche  auf  den  Ruhm  der  grössten 
Mathematiker  des  Alterthums  für  die  eigne  Vergangenheit  nicht 
nennen,  weil  unserer  Auffassung  gemäss  das  Volk  und  die  Sprache 
vor  dem  Lande  die  Zugehörigkeit  bestimmt,  und  deshalb  waren  uns 
jene  Männer  Griechen.  Zwischen  den  von  Norden  kommenden 
Kriegern,  unter  deren  Streichen  Archimedes  verblutete,  nachdem  er 
seine  Vaterstadt  gegen  sie  lange  vertheidigt  hatte,  und  denen,  die 
im  gleichen  Dialekte  mit  Archimed  sprachen  und  schrieben,  muss 
die  Kulturgeschichte  eiaen  Gegensatz  erkennen  lassen.  Wir  denken 
diesen  Gegensatz  recht  laut  zu  betonen,  wenn  wir  in  diesem  Ab- 
schnitte unseres  Bandes  überhaupt  nicht  von  italischer,  sondern  von 
römischer  Mathematik  reden.  Mag  ja  auf  italischem  Boden 
Mancherlei  an  mathematischem  Wissen  vorhanden  gewesen  sein  noch 
bevor  Rom  entstand.  Wir  leugnen  es  so  wenig,  dass  wir  den  Spuren 
nachzugehen  bemüht  sein  werden.  Immer  aber  soll,  was  wir  finden, 
unter  dem  römischen  Sammelnamen  vereinigt  werden. 

Ueber  die  älteste  Geschichte  der  Bevölkerung  des  Landes  von 
Nordosten  her  sind  die  Akten  noch  keineswegs  abgeschlossen,  wenn 
man  auch  gegenwärtig  der  Annahme  zuneigt,  eine  altitalische  Nation 
habe   sich    gebildet  in    der  Ebene   des  Po,    nachdem  sie  vorher  von 


486  25.  Kapitel. 

den  Hellenen,  dann  von  den  Kelten  sich  getrennt  hatte  ^).  Von  dort 
ging  der  Zug  nach  Süden  und  trieb  ältere  Bewohner  vor  sich  her, 
vielleicht  verwandt  mit  den  Sikulern,  den  Einwohnern  von  Sicilien, 
deren  Name  in  alten  ägyptischen  Urkunden  zu  den  bekanntesten  ge- 
hört. Wann  diese  Ereignisse  stattfanden,  ob  mehr  als  1000  Jahre 
vor  unserer  Zeitrechnung,  wie  aus  der  Zusammenstellung  mit  Per- 
sönlichkeiten des  trojanischen  Krieges,  die  vielleicht  mehr  als  eine 
Sage  ist,  hervorgehen  könnte,  darüber  schwebt  wieder  tiefes  Dunkel, 
kaum  erhellt  seit  Auffindung  jener  alten  Todtenstadt  am  Albaner- 
see-), deren  Graburnen  unter  einer  Aschendecke  vulkanischen  Ur- 
sprungs sich  erhalten  haben,  über  welche  Jahrhunderte  einen  Pflanzen- 
wuchs hervorriefen,  der  selbst  wieder  in  einer  einen  halben  Meter 
mächtigen  Peperinschicht  eine  zerstörende  und  zugleich  schützende 
Decke  fand.  Welche  Rolle  bei  den  Wanderungen  und  Niederlassungen 
auf  der  apenninischen  Halbinsel  die  Etrusker  spielten,  welchem  Völker- 
stamme überhaupt  diese  angehörten,  ist  ein  weiterer  Gegenstand 
wissenschaftlichen  Zweifels,  und  dieser  Zweifel  erstreckt  sich  so  weit, 
dass  man  nicht  einmal  darüber  einig  ist,  ob  diejenigen  Sitten  und 
Gebräuche  thatsächlich  als  etruskisch  gelten  dürfen,  welche  römisch- 
priesterliche  Ueberlieferung  uns  als  etruskisch  bezeichnet  hat. 

Wir  können  und  müssen  uns  genügen  lassen,  auf  das  Vor- 
handensein dieser  vielen  Räthselfragen  von  ausgesuchter  Schwierig- 
keit hinzuweisen,  so  wichtig  deren  Lösung  grade  für  die  Geschichte 
der  Mathematik  wäre.  Den  Etruskern  nämlich  gehören  muth- 
masslich  die  Zeichen  an,  welche  als  Zahlzeichen  den  Römern 
dienten,  ihnen  wird  zugeschrieben,  was  als  praktische  Feld- 
messung der  Römer  sich  erhalten  hat. 

Wir  wollen  mit  den  Zahlzeichen  unsere  Erörterungen  be- 
ginnen. Zahlenbezeichnung,  wenn  auch  nicht  durch  Zahlzeichen, 
war  es,  wenn  die  Etrusker,  wenn  ihnen  folgend  die  Römer  in  dem 
Heiligthume  der  Minerva  alljährlich  einen  Nagel  einschlugen,  um  die 
Zahl  der  Jahre  vorzustellen'').  Zahlzeichen  sind  diejenigen  Cha- 
raktere, welche  allmälig  zu  Buchstabenform  sich  abändernd  das  bilden, 


*)  H.  Nissen,  Das  Templum,  antiquarische  Untersuchungen.  Berlin,  1869. 
Vergl.  besonders  Kapitel  IV.  Italische  Stammsagen.  ^)  De  Rossi  in  den  Annal. 
delV  Instit:  1867,  pag.  36  sqq.  ^)  Livius  VII,  3.  Vergl.  für  andere  Stellen 
Fried  lein,  Die  Zahlzeichen  und  das  elementare  Rechnen  der  Griechen  und 
Römer  und  des  christlichen  Abendlandes  vom  7.  bis  13.  Jahrhundert.  Erlangen, 
1869,  S.  19.  Noch  andere  Analoga  wie  z.  B.  einzelne  Striche,  farbige  Steinchen 
als  Zahlenbezeichnung  sind  mit  Beispielen  belegt  bei  Rocco  Bombelli,  Studi 
archeologico-crüici  circa  Vantica  numerazione  italica  Parte  I.  Roma,  1876, 
pag.  31. 


Aelteste  Rechenkunst  und  Feldmessung.  487 

was  gegenwärtig  als  römische  Zahlzeichen  bekannt  ist^).  Wie  die 
gauze  Schrift  der  Römer  und  der  Etrusker  bei  hervorragender  Aehn- 
lichkeit  es  doch  auch  an  wesentlichen  Unterschieden  nicht  fehlen 
lässt,  die  eine  unmittelbare  Ableitung  der  einen  aus  der  anderen  zur 
Unmöglichkeit  machen,  ist  seit  einem  halben  Jahrhundert  festgestellt. 
Schon  die  linksläufige  Schrift  der  Etrusker  gegenüber  von  der  rechts- 
läufigen der  Römer  deutet  darauf  hin,  dass  der  Ursprung  jener  in 
eine  Zeit  zu  setzen  ist,  während  deren  die  Griechen  noch  nicht  durch 
die  Uebergangsperiode  einer  in  der  Richtung  von  Zeile  zu  Zeile 
wechselnden  Schrift  hindurchgegangen  waren,  wogegen  die  römische 
Schrift  diese  Veränderung  bereits  voraussetzt.  Die  Annahme  nicht 
unmittelbarer  Ableitung  aus  einander  findet  noch  Bestätigung  darin, 
dass  im  römischen  Alphabete  das  altgriechische  Koppa  als  Q  er- 
halten ist,  welches  die  Etrusker  nicht  kennen,  während  umgekehrt 
manche  Buchstaben  dem  tuskischen  Alphabet  angehören,  die  dem 
römischen  fehlen.  Wann  das  etrurische  Alphabet,  welches  nach 
Tacitus")  durch  den  Korinther  Demaratus  nach  Italien  kam,  daselbst 
zur  Einführung  gelangte,  wissen  wir  ungefähr.  Es  wird  zwischen 
650  und  600  v.  Chr.  gewesen  sein^).  Die  Trennung  des  römischen 
Alphabetes  von  dem  gräkoitalischen  Mutterstamme  ist  nicht  zeitlich 
so  bestimmt,  doch  muss  sie  jedenfalls  eingetreten  sein,  bevor  die 
Benutzung  der  Buchstaben  als  Zahlzeichen  den  Griechen  bekannt 
war,  also  (S.  111)  vor  500  v.  Chr.,  denn  bei  den  Römern  sind  nie- 
mals nach  griechischem  Muster  die  aufeinanderfolgenden  Buchstaben 
des  Alphabetes  als  Zahlzeichen  verwerthet  worden'^).  Und  dennoch 
sehen  die  ältesten  Zahlzeichen  der  Römer,  sehen  die  der  Etrusker 
Buchstaben  ungemein  gleich  und  ähneln  sich  unter  einander  so  sehr 
(vergleiche  die  hinten  angeheftete  Tafel),  dass  die  vorhandenen  üeber- 
einstimmungen  immöglich  als  Zufälligkeiten  erklärt  werden  können. 
Zufällig  erscheint  vielmehr  die  Verwandtschaft  mit  den  späteren 
römischen  Zeichen  I  V  X  L  C  M,  welche  aus  der  Aehnlichkeit  mit 
Buchstaben  durch  Volksetymologie  sich  in  diese  Buchstabenformen 
selbst  verwandelten,  noch  ein  Zeichen  D  für  500  zwischen  C  und  M 
und  ein  Zeichen  q  vielleicht  aus  VI  entstanden,  für  die  6  sich  an- 
eignend und  C  und  M  mit  den  Anfangsbuchstaben  der  Wörter  centum 

')  Ottfried  Müller,  Die  Etrusker  Bd.  II,  S.  312  —  320.  Breslau,  1828. 
Th.  Mommsen,  Die  unteritalischen  Dialekte  (besonders  S.  19 — 34).  Leipzig, 
1850.  Math.  Beitr.  Kulturl.  S.  161  ügg.  Friedlein  1.  c.  S.  27  ügg.  R.  Bom- 
belli  1.  c.  pag.  33.  '^)  Tacitus,  Annales  XI,  14.  ^)  A.  Riese,  Ein  Beitrag 
zur  Geschichte  der  Etrusker.  Rhein.  Museum  für  Philologie  (1865)  XX,  295 — 298. 
*)  Ueber  andere  Benutzung  von  Buchstaben  als  Zahlzeichen  bei  Römern  in  ver- 
muthlich  recht  später  Zeit  vergl.  Friedlein  1.  c.  S.  20—21. 


488  25.  Kapitel. 

und  mille  vergleiclieiKl.  Der  Ursprung  der  Zeichen  für  5,  50,  500 
ist  wie  ziemlieli  allgemein  zugestanden  wird,  in  der  Halbirung  der 
Zeichen  für  10,  100,  1000  zu  finden,  und  nur  die  Entstehung  dieser 
letzteren  bleibt  strittig.  Am  glaubhaftesten  dürfte  die  mit  Belegung 
durch  reiches  inschriftliches  Material  wahrscheinlich  gemachte  Ver- 
muthung  sein^),  dass  die  Becussatio,  Verzehnfachuug,  jeweils  durch 
Hinzutreten  einer  neuen  Kreuzung  des  vorhandenen  Zeichens  mittels 
eines  hinzutretenden  graden  oder  gekrümmten  Striches  hervorgebracht 
worden  sei. 

Neben  der  alphabetischen  Reihenfolge  ist  auch  die  Benutzung 
der  Anfangs-Buchstaben  von  Zahlwörtern  als  Zeichen  für  die  Zahlen 
begreiflich  nächstliegend,  und  so  erscheint  die  Frage  nicht  müssig, 
ob  vielleicht  die  Buchstabenähnlichkeit  der  tuskischen  Zahlzeichen 
so  erklärt  werden  könne?  Es  ist  bisher  den  Gelehrten,  welche  mit 
etruskischen  Studien  sich  beschäftigt  haben,  nicht  möglich  gewesen 
diese  Frage  vollgiltig  zu  beantworten,  doch  neigen  sie  zur  Verneinung 
derselben.  Wie  schwierig  übrigens  die  Beantwortwortung  ist,  geht 
schon  daraus  hervor,  dass  der  Wortlaut  der  etruskischen  Zahlwörter 
keineswegs  feststeht.  Man  hat  im  Jahre  1848  alte  etruskische 
Würfel  gefunden,  deren  sechs  Flächen  mit  Wörtern  beschrieben  sind, 
welche  man  mach,  thu,  zal,  huth,  ki,  sa  liest"'^).  Man  hat  allseitig 
diese  Wörter  für  die  Namen  der  sechs  ersten  Zahlen  gehalten,  aber 
man  ist  uneinig  darüber,  welche  Zahl  jedes  einzelne  Wort  bedeute^). 

Sei  nun  der  Ursprimg  der  tuskisch- römischen  Zeichen  welcher 
er  wolle,  eines  tritt  bei  beiden  Völkern  hervor,  was  als  hochbedeut- 
sam hervorgehoben  werden  muss:  die  subtr aktive  Bedeutung 
eines  Zeichens  kleineren  Werthes,  sofern  es  vor  einem  Zeichen 
höheren  Werthes,  also  bei  den  Etruskern  rechts,  bei  den  Römern 
links  von  demselben  auftritt,  wie  IV  =  4,  IIX  =  8,  IX  =  9,  XL  =  40, 
XC  =  90,  CD  =  400,  wovon  das  Zeichen  für  8  schon  zu  den  Selten- 
heiten gehört^).  Die  subtraktive  Schreibung  kaim  sehr  wohl  den 
Zweck  der  Raumersparung  gehabt  haben.  Darum  ist  IIX  statt  VIII 
möglich,  HIV  statt  VII   unmöglich^).     Ein  sprachliches    Subtrahiren 

*)  Zangemeister  in  den  Monatsberichten  der  Berliner  Akademie  vom 
10.  November  1887.  -)  Bulletino  delV  Instituto  di  correspondenza  archeologica. 
Roma,  1848,  pag.  60,  74.  ^)  Vergl.  Zeitschr.  Mathem.  Phys.  XXII,  Histor.- 
literar.  Abthlg.  S.  55,  wo  die  Ansichten  von  Isaac  Taylor  denen  der  italieni- 
schen Gelehrten  gegenübergestellt  sind.  *)  Die  subtraktiven  Ziffern  sollen  bei 
den  Etruskern  häufiger  als  bei  den  Römern  zur  Anwendung  gekommen  sein. 
Corssen,  Ueber  die  Sprachen  der  Etrusker  I,  39  —  41  (Leipzig,  1874)  gibt 
XIIIXX  =  27,  f  III  =  47,  auch  das  zweimal  subtrahirende  f  XII  =  50  —  10  — 
2  =  38  als  etruskisch  an.  ^)  Th.  Mommsen,  Zahl-  und  Bruchzeichen.  Hermes 
XXII,  5'JG— G14,  insbesondere  S.  603—605  über  die  subtraktive  Bezeichnung. 


Aelteste  Rechenkunst  und  Feldmessung.  489 

haben  wir  (S.  11)  auch  bei  der  Bildung  der  Zahlwörter  anderer 
Völker  in  Erwägung  ziehen  dürfen,  nirgend  aber  als  bei  den  Etrus- 
kern  und  Römern  findet  sich  die  Subtraktion  in  den  Zeichen  ver- 
sinulicht,  und  es  gehört  zu  den  weiteren  Eigenthümlichkeiten,  dass 
Zeichen  und  Sprache  bei  den  Römern  sich  nicht  decken.  Schriftlich 
ist  die  Subtraktion  nur  bis  X,  nicht  bei  den  späteren  Zehnern  in 
Gebrauch,  wie  sich  auch  leicht  verstehen  lässt,  weil  z.  B.  IXXX  dem 
Zweifel  Raum  gäbe,  ob  29  (XXX  weniger  I)  oder  11  (XX  weniger 
IX)  gemeint  sei.  Deutlichkeitsgründe  waren  es  auch,  welche  dafür 
den  Ausschlag  gaben,  dass  auf  Schwertklingen  Villi  statt  IX  ge- 
schrieben wurde,  weil  dieses,  je  nach  der  Seite,  von  welcher  man  die 
Klinge  betrachtete,  mit  XI  verwechselt  werden  konnte.  Dagegen 
wird  sprachlich  die  Eins  wie  die  Zwei  nie  von  Zehn,  sondern  nur 
von  den  Zehnern:  Zwanzig  bis  100  abgezogen.  Wir  fügen  hinzu, 
dass  die  Römer  gleichfalls  allein  unter  allen  Völkern  subtraktiver 
Ausdrücke '  auch  bei  Datirungen  ihrer  Monatstage  sich  bedienten. 
Wir  werden  endlich  sehen,  dass  das  Rechnen  der  Römer  mit  grosser 
Wahrscheinlichkeit  eben  dieses  Subtrahiren  in  Gestalt  complemen- 
tärer  Methoden  verwerthet. 

Was  die  schriftliche  Darstellung  von  Zahlen  über  Tausend  be- 
trifft, so  ist  zu  verschiedenen  Zeiten  wahrscheinlich  verschiedentlich 
verfahren  worden.  Eine  Uebereinstimmung  in  der  Auffassung  der 
einzelnen  Stellen  ist  indessen  nicht  vorhanden^),  nur  die  vertausend- 
fachende Wirkung  eines  über  Zahlzeichen  hinweggezogenen  Hori- 
zontalstriches z.B.  XXX  =  30000,  C  =  100  000,  M  =  1000  000 
scheint  ausser  Zweifel. 

Wenden  wir  vms  zu  den  Zahlen  unterhalb  der  Einheit,  zu  den 
Brüchen,  so  stehen  wir  hier  vor  einem  ausgesprochenen  Duo- 
decimalsystem.  Wir  haben  es  mit  einem  ähnlichen  Gedanken  zu 
thun  wie  bei  dem  Sexagesimalsystem  der  Babylonier  und  der  grie- 
chischen Astronomen.  Nur  dass  dort  der  jedesmalige  Zähler  seiner- 
seits angeschrieben  wurde,  als  wenn  er  als  ganze  Zahl  vorhanden 
wäre,  und  der  Nenner  durch  Stellung  oder  durch  ein  eigenthümliches 
dem  Zähler  anhaftendes  Zeichen,  Strichelchen  oder   dergleichen   sich 

kund  gab;  bei  den  Römern  sind  dagegen  für  alle  Zwölftel  von  .  ^  bis 

zu     -    besondere     Bruchzeichen    und    Bruchnamen    vorhanden.     Die 

Aehnlichkeit  beider  Systeme  zeigt  sich   beispielsweise  in  Ausdrücken 


1)  Th.  Mommsen  1.  c.  2)  Math.  Beitr.  Kulturl.  S.  162—165.  Th.  H. 
Martin  in  den  Annali  di  matcmatica  (1863)  V,  295—297.  Friedlein  1.  c. 
S.  28—31. 


490  25.  Kapitel, 

wie  anderthalb  Zwölftel.  Unseren  Begriffen  nach  ist  das  weit  um- 
ständlicher gesprochen,  als  wenn  wir  ein  Achtel  sagen;  dem  Römer 
ist  offenbar   dieses   Umständlichere    das  Einfachere    und    Fasslichere, 

weil  er  eben  ein  Zeichen  für  -^,  sowie  für  die  Hälfte  von  —  besitzt, 
ein   solches   für    —  dagegen   nicht   hat^).     Auch    der  Grieche    würde 

nur  von  sieben  Sechzigsteln  und  von  30  zweiten  Sechzigsteln  reden, 
wenn  er  nicht  neben  und  vor  den  Sexagesimalbrüchen  die  Stamm- 
brüche besässe,  die  dem  Römer  fehlen.  Eine  weitere  Aehnlichkeit 
zwischen  den  Sexagesimalbrüchen  und  den  römischen  Duodecimal- 
brüchen  dürfte  darin  gefunden  werden,  dass  beide  von  einer  ganz 
bestimmten  Theilung  hergenommen  sind,  also  ursprünglich  benannte 
Zahlen  waren,  bis  allmälig  der  Bruchgedanke  über  den  des  kleinen 
Bogentheiles  der  Babylonier,  des  kleinen  Gewichtstheiles  der  Römer 
die  Oberhand  gewann.  Wie  alt  freilich  die  Bruchzeichen  bei  den 
Römern  gewesen  sein  mögen,  ist  nicht  genau  zu  ermitteln.  Etrus- 
kische  Inschriften-)    von    muthmasslich   hohem    Alter    enthalten    das 

Zeichen  Fl  =  -  •  Andererseits  lässt  ein  Ausspruch  von  Varro  die 
Deutung  zu,  als  sei  die  kleinste  Brucheinheit  von  ^^  As  in  der  Zeit 

vor  den  punischen  Kriegen  entstanden^).  Die  Frage,  wie  man  zu 
dem  Systeme  fortgesetzter  Zwölftheilung  gekommen  sei,  lässt  sich, 
gleich  vielen  ähnlichen  Fragen,  leichter  stellen  als  beantworten. 
Möglicherweise  ist  an  die  von  der  Natur  gegebene,  auf  den  gegen- 
seitigen Stellungen  von  Sonne  und  Mond  am  Himmel  beruhende 
Zwölftheilung  des  Jahres  in  Monate  als  Ursprung  zu  denken.  Wenn 
auch  Romulus  in  erster  Linie  ein  Jahr  von  zehn  Monaten  einsetzte, 
so  sind  doch  zwölf  Monate  von  der  Sagengeschichte  mit  dem  Namen 
des  Königs  Numa  oder  des  älteren  Tarquinius  in  Verbindung  gebracht, 
also  vielleicht  älter  als  die  römischen  Gewichte. 

Es  erscheint  zweckmässig  hier  anzuknüpfen,  was  man  über 
das  gewöhnliche  Rechnen  der  Römer  weiss  mit  Ausschluss  eines 
denselben  vielleicht  bekannten  wissenschaftlichen  Rechnens, 
von  welchem  unter  Boethius  die  Rede  sein  muss.  Das  gewöhnliche 
Rechnen  wird  wohl  auf  dreierlei  Art  geübt  worden  sein:  als  Finger- 


')  Auch  noch  Volusius  Maecianus,  der  ia  der  Mitte  des  II.  S.  n.  Chr. 
lebte    (vergl.    Mommsen    in    den    Abhandlungen    der    Sachs.    Gesellsch.    der 

,  4 

Wissensch.  III,  281—285.     1853),   setzt  in  seinen  Zeichen  -—  =  —-•      ^)  Vergl. 

o  1^ 

Corssen    1.    c.         ^)  Varro,    De   re   rustica   I,   10:     Habet   iugenim   scriptula 
CCLXXXVIII  quantum  as  antiquus  noster  ante  bellum  l'unicum  jJendebat. 


Aelteste  Rechenkunst  und  Feldmessung.  491 

reclmen,  als  Rechnen  auf  einem  Rechenbrett,  als  Rechnen  unter  Be- 
nutzung vorhandener  Tabellen. 

Das  Finger  rechnen  hat  die  älteste  Ueberlieferung  für  sich, 
indem  nach  Plinius')  schon  König  Numa  Zahlendarstellung  mittels 
der  Finger  kannte.  Er  Hess  nämlich  ein  Standbild  des  doppelt- 
beantlitzten  Janus  errichten,  dessen  Finger  die  Zahl  355  als  Zahl 
der  Jahrestage  andeuteten.  Ein  späterer  römischer  Schriftsteller, 
Macrobius"),  weiss  von  derselben  Sitte  den  Janus  mit  gekrümmten 
Fingern  abzubilden,  nur  nennt  er  nicht  König  Numa  als  Urheber 
und  gibt  die  dargestellte  Zahl  der  Jahrestage  zu  365  an,  offenbar 
dem  späteren  römischen  Jahre  diese  Zahl  entnehmend,  ohne  dass  ein 
altes  Bildwerk  ihm  vor  Augen  gewesen  wäre.  Martianus  Capella^) 
lässt  die  als  Göttin  auftretende  Arithmetik  die  Zahl  717  mittels  der 
Finger  darstellen.  Neben  diesen  Angaben  ganz  bestimmter  durch 
Fingerbeugung  angedeuteter  Zahlen  kann  man  noch  viele  Stellen 
römischer  Schriftsteller  aus  den  verschiedensten  Zeiten  anführen, 
welche  das  Fingerrechuen  im  Allgemeinen  bestätigen.  Die  rechte 
Hand,  sagt  Plautus*),  bringt  die  Rechnung  zusammen.  Mit  Wort 
und  Fingern  lässt  Suetonius^)  die  Goldstücke  abzählen.  Bei  Quin- 
tilian^)  ist  von  einer  Abweichung  von  der  Rechnung  durch  unsichere 
oder  unschickliche  Bewegung  der  Finger  die  Rede  und  ähnlich  bei 
Anderen'^).  Wir  führen  nur  eine  Stelle  noch  besonders  an,  weil  sie 
die  fortschreitende  Reihenfolge  von  links  nach  rechts  bestätigt,  welche 
wir  zuletzt  noch  bei  Nikolaus  Rhabda  (S.  480)  als  Regel  kennen  ge- 
lernt haben.  JuvenaP)  lässt  nämlich  den  mehr  als  Hundertjährigen 
die  Zahl  seiner  Jahre  schon  an  der  rechterf  Hand  zur  Darstellung 
bringen.  Eine  ausführliche  Beschreibung,  wie  man  Zahlen  durch 
Fingerbewegungen  kenntlich  mache,  von  Beda  Yenerabilis,  dem 
schottischen  Mönche  aus  dem  VIT.  imd  VIII.  S.,  gehört  bereits  der 
Litteratur  des  Mittelalters  an,  und  wird  uns  im  38.  Kapitel  be- 
schäftigen. 

Vielleicht  mit  jener  mittelalterlichen  Verbreitung  des  Finger- 
rechnens, vielleicht  aber  auch  schon  mit  römischen  Gewohnheiten 
sind  Spuren  in  Verbindung  zu  setzen,  welche   bis   auf  den  heutigen 


')  Plinius,  Histor.  natur.  XXXIV,  16.  ^)  Macrobius,  Conviv.  Saturn. 
I,  9.  ^)  Martianus  Capeila,  Satura  VII  init.  ■*)  Plautus,  Mües  (ßoriosus 
Act.  II  sc.  3:  Dextera  digitis  rationem  computat.  ^)  Suetonius,  Claudius 
XXI  .  .  .  ut  oblatos  aureos  voce  digiticque  numeraret.  ®)  Quintilian  I:  si  digi- 
torum  solum  incerto  aut  indecoro  gestu  a  computatione  dissentit.  ')  Eine  Zu- 
sammenstellung, bei  welcher  auch  die  Kirchenväter  berücksichtigt  sind,  bei 
Rocco  Bombelli  1.  c.  pag.  101--107.  ^)  Juvenalis,  Sat.  X,  v.  248  suos  jam 
dextra  computat  annos. 


492  25.  Kapitel. 

Tag  sich  erhalten  haben.  In  der  Wallache!^)  bedient  man  sich  der 
Finger,  um  das  Produkt  zweier  einziffriger  Zahlen,  die  grösser  als 
5  sind,  zu  finden.  Die  Finger  jeder  der  beiden  Hände  erhalten  vom 
Daumen  zum  Kleinenfinger  aufsteigend  die  Werthe  6  bis  10.  Hat 
man  nun  zwei  Zahlen,  z.  B.  8  mal  9  zu  multipliziren,  so  streckt  man 
den  Achterfinger  (Mittelfinger)  der  einen  und  den  Neunerfinger 
(Kingfinger)  der  anderen  Hand  vor.  Die  nach  dem  Kleinenfiuger 
hin  übrigen  Finger  beider  Hände  (2  Finger  und  1  Finger)  multipli- 
zirt  man  mit  einander  und  hat  damit  die  Einer  (2  •  1  ==  2)  des  Pro- 
duktes. Die  von  den  Daumen  aus  vorhandenen  Finger  mit  Ein- 
schluss  der  ausgestreckten  Finger  (3  Finger  und  4  Finger)  addirt 
man  und  hat  damit  die  Zehner  (3  -|-  4  =  7)  des  Produktes 
(8  •  9  =  72),  Die  Richtigkeit  dieser  complementären  Multipli- 
kation ist  einleuchtend.  Heissen  a  und  b  die  zu  vervielfältigenden 
Zahlen,  so  sind  10  —  a  und  10  —  h  die  noch  übrigen  Finger  zum 
Kleinenfinger  hin ,  a  —  5  und  h  —  5  die  Finger  vom  Daumen  an. 
Die  Regel  lässt  also  (10  —  a)  •  (10  —  &)  +  10(a  —  5  -f  &  —  5) 
=  100  -  10a  —lQh-\-ah-\-  10a  +  10&  —  \00  =  al  bilden.  Der 
Zweck,  der  erreicht  wird,  besteht  darin,  dass  hauptsächlich  nur  der 
Anfang  des  Einmaleins  bis  zu  4  mal  4  auswendig  behalten  werden 
muss  und  die  Erlernung  der  Abtheilung,  die  mit  6  mal  6  beginnt, 
erspart  bleibt. 

Wenn  wir  nun  die  Muthmassung  wagen,  es  sei  hier  römisches 
Fingerrechnen  zu  verfolgen,  so  veranlassen  uns  dazu  die  eigenthüm- 
lichen  Thatsachen,  dass  die  römischen  Zahlzeichen  VI,  VII,  VIII 
oder  IIX,  Villi  oder  IX  sehr  leicht  zur'  Beachtung  der  Ergänzungs- 
zahlen, die  hier  benutzt  sind,  führen  konnten;  dass  ein  ganz  ähn- 
liches Verfahren  auch  bei  französischen  Bauern  gefunden  worden 
ist;  dass  wir  im  Mittelalter  ähnlichen  Regeln  begegnen  werden,  die 
im  40.  Kapitel  zu  besprechen  sind;  dass  auch  ein  complementäres 
Divisionsverfahren  unsere  Aufmerksamkeit  mehrfach  in  Anspruch 
nehmen  wird,  für  welches  ein  anderer  Ursprung  als  ein  römischer 
zunächst  nicht  zu  Gebote  steht.  Wir  sagen  zunächst,  denn  es  wäre 
immerhin  möglich,  dass  auch  die  complementären  Rechnungsverfahren 
bis  nach  Griechenland  verfolgt  werden  müssten,  wenn  die  nöthigen 
Voraussetzungen,  wir  meinen  griechische  Lehrbücher  der  Rechen- 
kunst, vorhanden  wären.  Wir  erinnern  an  jenes  dem  Nikomachus 
zugeschriebene  Verfahren  die  Quadrate  von  Zahlen  zu  finden 
(S.  404),  welches  zwar  mit   der  complementären  Multiplikation   sich 


*)  D.  Pick  in    Hoffmann's  Zeitschr.    für  math.   und   naturw.  Unterricht  V, 

57  ^874). 


Aelteste  Rechenkunst  und  Feldmessung.  493 

niclit  deckt,  aber  eine  entschiedene  Familienähnlichkeit  zn  derselben 
nicht  verkennen  las  st. 

Nächst  dem  Fingerrechnen  war  bei  den  Römern  das  Rechnen 
auf  dem  Rechenbrette  üblich  und  bildete  einen  Gegenstand  des 
elementaren  Unterrichtes.  Auch  dafür  ist  eine  ganze  Anzahl  von 
Stellen  gesammelt  worden^),  welche  meistens  auf  einen  mit  Staub 
überdeckten  Abacus  Bezug  nehmen,  auf  welchem  man  alsdann  geo- 
metrische Figuren  aller  Art  entwerfen  konnte,  welche  man  aber  auch 
im  Stande  war  durch  Ziehen  gerader  Striche  in  Kolumnen  abzu- 
theilen,  welche  mit  Steinchen,  calculi,  belegt  zum  Rechnen  dienten. 
Die  sogenannte  Pariser  Gemme,  wahrscheinlich  etruskische  Arbeit, 
zeigt  einen  Rechner,  der  in  der  Linken  eine  mit  Zahlzeichen  ko- 
lumnenförmig  (allerdings  ohne  abtheilenden  Strich)  bedeckte  Tafel 
hält^),  während  er  mit  der  Rechten  Steinchen  auf  einen  Tisch  legt. 
Neben  diesem  somit  für  römische  Uebung  gesicherten  Kolumnen- 
abacus  gab  es  aber  auch  einen  Abacus  mit  Einschnitten  und  in  diesen 
Einschnitten  verschiebbaren  Knöpfchen.  Vier  solcher  Vorrichtungen^) 
haben  sich  bis  in  die  neuere  Zeit  erhalten,  darunter  wenigstens  eine, 
deren  alterthümlicher  Ursprung  von  dem  Beschreiber  ganz  besonders 
hervorgehoben  worden  ist^). 

Eine  solche  römische  Rechentafel,  eigens  zum  Rechnen,  nicht 
zu  mehrfachem  Gebrauche  hergerichtet,  war  von  Metall  und  hatte 
acht  längere  und  acht  kürzere  Einschnitte,  je  einen  von  jenen  mit 
einem  von  diesen  in  gerader  Linie.  In  den  Einschnitten  waren  be- 
wegliche Stifte  mit  Knöpfen,  in  einem  der  längeren  fünf  Stück,  in 
den  übrigen  vier,  in  den  kürzeren  je  einer.  Jeder  längere  Einschnitt 
war  oben,  also  nach  der  Seite,  wo  der  kürzere  Einschnitt  ihn  fort- 
setzte, mit  einer  Ueberschrift  versehen.  Der  Gebrauch  der  Rechen- 
tafel ergibt  sich  von  selbst.  Sie  wurde  mit  zu  dem  Rechner  senk- 
rechten Einschnitten  auf  eine  beliebige  Unterlage  aufgestellt,  zu 
welchem  Zwecke  unten  an  der  Tafel  Füsschen  angebracht  waren. 
Dem  Rechner  am  nächsten  waren,  wie  wir  schon  andeuteten,  die 
längeren  Einschnitte;  die  kürzeren  waren  weiter  von  ihm  entfernt. 
Die  Marken  in  den  längeren  Einschnitten  bedeuteten  einzelne  Ein- 
heiten ihrer  Klasse;  die  in  den  kürzeren  Einschnitten  galten  fünf 
solcher  Einheiten.  Nur  der  erste  kürzere  Einschnitt  von  rechts 
bildete  dabei  eine  Ausnahme,  indem  dessen  einzelne  Marke  sechs  Ein- 


^)  Rocco  Bombelli  1.  c.  pag.  116  sqq.  ^)  Zangemeister,  Monats- 
bericMe  der  Berliner  Akademie  vom  10.  November  1887.  Die  Tafel  ist  auf 
S.  11  des  Sonderabzuges  abgedruckt.  ^)  Deren  Beschreibung  bei  Becker- 
Marquart,  Handbuch  der  römischen  Alterthümer  Y,  100.  ■•)  Claude  du  Mo- 
linet, Le  cabinet  de  la  bibliotheque  de  Ste.  Genevieve.    Paris,  1692,  pag.  25. 


494  25.  Kapitel. 

heiten  bedeutete.  Dieser  äusserste  Einschnitt  (sofern  man  die  beiden 
Einschnitte,  den  längeren  und  den  kürzeren,  nur  als  Abtheilungen 
eines  einzigen  in  der  Mitte  unterbrochenen  Einschnittes  betrachtet) 
war  nämlich  mit  0  bezeichnet  und  enthielt  die  Unzen,  deren  12  auf 
eine  Ass  gingen.  Die  übrigen  für  die  Asse  bestimmten  Einschnitte 
trugen  in  nach  links  dekadisch  aufsteigender  Reihenfolge  die  Bezeich- 
nungen I,  X,  C  u.  s.  f.  bis  zu  IXI  oder  einer  Million.  Der  erste 
Einschnitt  von  rechts  aus  konnte  darnach  zur  Angabe  von  11  Unzen 
noch  dienen,  wenn  man  die  ursprünglich  so  weit  als  möglich  von 
einander  getrennten  Knöpfchen  der  beiden  Abtheilungen  sämmtlich 
gegen  die  Mitte  des  Brettes  vorschob,  wo  die  schriftlichen  Bezeich- 
nungen standen,  und  so  einander  näherte.  An  diesem  Orte  erhielten 
sie  den  Zählwerth  von  fünf  einzelnen  Unzen  und  einer  Sechsunzen- 
marke. Kamen  dann  noch  weitere  Unzen  hinzu,  so  ersetzte  man  ihrer 
1 2  durch  eine  gegen  die  Mitte  vorgeschobene  Marke  der  nächsten  Linie, 
d.  h.  der  Einheiten  der  Asse.  In  den  folgenden  sieben  Einschnitten 
konnte  man  durch  ähnliches  Verfahren  bis  zu  je  neun  Einheiten  in 
jeder  Klasse  von  den  Einern  bis  zu  Millionen  von  Assen  darstellen. 
So  zeigten  drei  verschobene  Knöpfe  in  einem  längeren  Einschnitte 
und  der  einzelne  in  dem  zugehörigen  kürzeren  Einschnitte  gleichfalls 
nach  der  Mitte  des  Abacus  fortgerückt  die  Zahl  8  in  der  entsprechen- 
den Klasse  an.  Neben  den  Einschnitten  der  Unzen  waren  noch  drei 
kleinere  Einschnitte,  die  beiden  oberen  mit  je  einer  Marke,  die 
unterste  mit  zwei  Marken  versehen.  Die  Bedeutung  dieser  Ein- 
schnitte war  den  beigeschriebenen  Zeichen  zufolge  von  oben  nach 
unten  die  halbe  Unze  semuncia,  die  viertel  Unze  siciliquus,  die  drittel 
Unze  duella.  Das  alles  ergibt  sich  aus  der  Betrachtung  der  Rechen- 
tafel selbst  mit  Ausnahme  dessen,  was  wir  über  die  nöthige  Ver- 
schiebung der  Knöpfchen  bemerkt  haben,  und  wofür  wir  eine  alter- 
thümliche  Quelle  anzugeben  allerdings  nicht  im  Stande  sind.  Es 
muss  eben  der  Natur  der  Sache  nach  so  oder  umgekehrt  verfahren 
worden  sein,  und  da  scheint  uns,  dass  die  Uebersicht  wesentlich  er- 
leichtert ist,  wenn  die  wirklich  zu  zählenden  Knöpfchen  in  der  Mitte 
des  Brettes  vereinigt  waren,  dicht  bei  den  Zeichen,  die  den  Werth 
des  einzelnen  Knöpfchens  angaben,  dass  also,  wo  die  Nützlichkeit 
den  Ausschlag  geben  durfte,  nicht  leicht  eine  andere  Wahl  getrojGfen 
worden  sein  wird,  als  die  wir  andeuteten. 

Auf  diesem  Rechenbrette  konnten,  wie  auf  jedem  ähnlichen 
Apparate  mit  festen  Marken,  Additionen  und  Subtraktionen  leicht 
vollzogen  werden.  Wollte  man  multipliziren  oder  dividiren,  so  war 
es  nöthig  die  Zahlen,  an  welchen  jene  Operationen  vorgenommen 
werden  sollten,  besonders,  etwa  schriftlich,  anzumerken,  und  der  Abacus 


Aelteste  Reclienkunst  und  Feldmessung.  495 

vermittelte  nur  die  Vereinigung  der  Theilprodukte^  beziehungsweise 
die  Subtraktionen  der   aus   den  Theilquotienten   entstandenen  Zahlen. 

Dabei  war  ein  Kopfrechnen  mit  Benutzung  des  Einmaleins 
nicht  zu  umgehen,  und  bei  diesem  konnte  vielleicht  die  beschriebene 
Fiugermultiplikation  Anwendung  finden.  Wir  wissen,  dass  römische 
Knaben  in  ihren  Schulen  im  Kopfrechnen  geübt  wurden,  dass  dem 
Vorübergehenden  die  einförmigen  Töne  des  2  mal  2  sind  4,  bis  bina 
quatuor,  welches  die  Knaben  gemeinsam  herzusingen  (decantare) 
hatten,  entgegenzudringen  pflegten,  dass  damit  noch  andere  Misstöne 
sich  häufig  genug  vereinigten,  das  Klatschen  der  Ruthe  oder  der 
Peitsche  und  das  Heulen  der  in  solcher  Weise  Unterrichteten. 

Kamen  freilich  Multiplikationen  hoher  Zahlen,  oder  gar  solche 
von  Brüchen  vor,  so  nutzte  dem  ungeübten  Rechner  nicht  Rechen- 
brett noch  gewöhnliches  Einmaleins,  er  musste  die  Produkte  von 
einem  tabellarisch  geordneten  Rechenknechte  hernehmen,  und 
das  ist  es,  was  wir  weiter  oben  ein  Rechnen  unter  Benutzung  vor- 
handener Tabellen  genannt  haben.  Ein  solcher  Rechenknecht  hat 
sich  erhalten,  dessen  freilich  sehr  später  Verfasser  überdies  nicht  auf 
italischem  Boden  lebte.  Gleichwohl  wird  ein  Zweifel  darein  nicht 
gesetzt  werden  können,  dass  es  Römisches  und  nur  Römisches  ist, 
was  hier  vorhegt,  mag  auch  darüber  gestritten  werden  können,  ob 
ältere  Musterwerke   bloss    benutzt   oder  geradezu  abgeschrieben  sind. 

Wir  meinen  den  Calculus  des  Victorius^),  eines  Schrift- 
stellers, der  mitunter  aber  wahrscheinlich  unrichtig  auch  Victor inus 
genannt  wird.  Seine  Persönlichkeit  bestimmt  sich  dahin,  dass  er  aus 
Aquitauieu  stammte  und  im  Jahre  457  n.  Chr.  eine  sogenannte  Oster- 
rechnung,  d.  h.  eine  Anleitung  zur  Auffindung  des  richtigen  Oster- 
datums  verfasste.  Vor  oder  nach  diesem  canon  paschalis,  das  Eine 
ist  eben  so  gut  möglich  als  das  Andere,  richtete  der  als  eifriger  und 
gewissenhafter  Rechner  von  seinen  Commentatoren  gerühmte  Victorius 
diese  Tabellen  her,  aus  welchen  Vervielfältigungen  sowohl  ganzer  als 
gebrochener  Zahlen  in  grosser  Ausdehnung  entnommen  werden  können. 
Mathematischer  Werth  ist  den  Tabellen  selbstverständlich  nicht  bei- 
zulegen. Wir  müssen  nur  bemerken,  dass  auf  ihnen  eigenthümliche 
Bruchzeichen  sich  befinden,  verschieden  von  denen  der  älteren  Schrift- 
steller, dagegen  sich  forterbend  durch  das  ganze  Mittelalter. 

Bevor  wir  das  Rechnen  der  Römer  verlassen,  fordert  die  eigen- 
thümliche Anwendung  eines  gewissen  Zahlwortes  bei  ihnen  ein  Wort 

*)  Vergl.  Christ  in  den  Sitzungsberichten  der  Münchner  Akademie  1863, 
S.  100—152.  Dann  Friedlein  in  der  Zeitschr.  Math.  Phys.  XVI,  42—79  (1871) 
und  im  Bulletino  Boncompagni  1871,  pag.  443 — 463,  wo  der,  wie  es  scheint, 
zuverlässigste  Text  aus  einer  Vati  c  anhand  sehr  ift  abgedruckt  ist. 


496  25.  Kapitel. 

der  Besprechung:  sexcenü  =  seclisliundert,  welches  in  der  Bedeutung 
unendlich  viele  bei  Schriftstellern  fast  jedes  Zeitalters,  so  weit  sie 
sich  erhalten  haben,  erstmalig  aber  bei  Plautus  um  200  v.  Chr.  vor- 
kommt. Wir  nehmen  keinen  Anstand  bei  einer  vor  langer  Zeit  ge- 
äusserten Vermuthung^)  zu  verharren,  diese  sexcenti  sei  das  chal- 
däische  ner.  Wenn  (S.  98)  Chaldäer  139  v.  Chr.  aus  Rom  vertrieben 
wurden,  so  darf  man  ihren  damals  erworbenen  schädlichen  Einfluss 
für  alt  genug  halten,  dass  etwa  sechzig  Jahre  früher  ein  von  ihnen 
oftmals  unbestimmt  gebrauchtes  Zahlwort  sich  in  weiteren  Kreisen 
einbürgerte. 

Wir  leiteten  diese  Erörterungen,  welche  uns,  wie  man  sieht, 
chronologisch  aber  nicht  mathematisch  sehr  weit  geführt  haben,  mit 
der  Behauptung  ein,  wie  die  Zahlzeichen  der  Römer,  so  werde  auch 
deren  praktische  Feldmessung  auf  etruskische  Ursprünge  zurück- 
geführt, sei  nun  die  Ueberlieferung  eine  berechtigte  oder  nicht.  Wir 
wenden  uns  zu  diesem  zweiten  Gegenstande,  welcher  ebenfalls  eine 
weitläufigere  Erörterung  fordert. 

Der  älteste  uns  bekannte  römische  Schriftsteller,  welcher  mit 
nicht  misszuverstehenden  Worten  es  ausspricht,  die  Art,  wie  die  Be- 
grenzungen festgestellt  werden,  rühre  von  den  Etruskern  her^),  ist 
Varro  etwa  50  bis  80  Jahre  vor  dem  Anfange  der  christlichen  Zeit- 
rechnung, und  von  ihm  aus  begegnen  wir  dieser  Ueberlieferung  durch 
Jahrhunderte. 

Die  Begrenzungen,  von  denen  die  Rede  ist,  sind  sehr  allgemeiner 
Natur.  Demselben  Grundgedanken  gehorchend  finden  sie  sich  überall, 
wo  es  um  gesetzliche  räumliche  Absonderung  sich  handeln  kann,  bei 
der  Anlage  der  Stadt  wie  des  Lagers,  bei  der  Vermessung  des  an- 
gebauten Landes,  bei  dem  Grundrisse  des  bürgerlichen  Hauses  wie 
äes  Hauses,  als  dessen  Eigenthümer  eine  Gottheit  gilt.  Diese  letztere, 
der  Tempel,  führt  sogar  den  Namen  nach  dem  Abschneiden  (te^vsLv) 
aus  dem  umgebenden  Grund  und  Boden,  und  ein  templum  ist  bis  zu 
einem  gewissen  Grade  jedes  Grundeigenthum  ■^).  Wenn  auch  der  Be- 
griff des  Templum  in  der  römischen  Religion  und  allen  mit  ihr  zu- 
sammenhängenden Verrichtungen  eine  massgebende  Rolle  spielt,  er 
hat  sich  gleichwohl  so  wenig  aus  dem  des  HeiHgen,  Gottgeweihten 
entwickelt,  dass  er  sich  mit  diesem  nicht  einmal  deckt.  Eines  der 
höchsten  Heiligthümer  in  Rom,  das  der  Vesta,  war  sogar  kein  Tem- 

')  Mathem.  Beiträge  Kulturl.  S.  362.  -)  Limitum  prima  origo,  sicut  Varro 
descripsü,  a  disciplina  Etrusca.  Römische  Feldmesser  I,  27.  [Unter  dem  Citate 
„Römische  Feldmesser"  verstehen  wir  die  Schriften  der  Römischen  Feldmesser 
herausgegeben  und  erläutert  von  F.  Blume,  K.  Lachmann  und  A.  Rudorff. 
Berlin,  1848  und  1852.]     ^)  Nissen,  Das  Templum  S.  7,  8,  10,  55  und  häufiger. 


Aelteste  Rechenkunst  und  Feldmessung.  497 

plum.  Die  städtisclie  Anlage  dagegen  gehört  unter  den  genannten 
Begriff.  Die  italische  Stadt  nämlich  entsteht  nicht  gleich  der  mo- 
dernen und  mittelalterlichen  im  langsamen  Verlaufe  der  Zeiten  von 
einzelnen  Häusern  zum  Dorf,  vom  Dorfe  zur  Stadt  anwachsend.  Sie 
wird  auf  einmal  geschaffen  durch  eine  einzige  politisch-religiöse  Hand- 
lung. Sie  weiss  ihren  Gründer,  ihr  Gründungsjahr,  oftmals  ihren 
Gründungstag  zu  nennen,  den  man  dann  alljährlich  als  städtisches 
Fest  feiert. 

Die  Bedingung,  welche  nun  solcher  Absteckung  von  Grenzen 
die  Gesetzmässigkeit  verleiht,  besteht  darin  ^),  dass  der  Gesichtskreis 
durch  zwei  senkrecht  zu  einander  stehende  Gerade  in  vier  Theile  ge- 
schnitten werde,  und  dass  die  Geraden  ein  für  alle  Mal  die  Richtungen 
für  die  Seiten  der  rechteckigen  Einzelgebilde  abgeben,  mögen  Häuser 
oder  Feldstücke,  Zimmer  oder  Tempelräume  diese  Einzelgebilde  sein. 
Die  beiden  Richtungen  werden  überdies  nicht  willkürlich  angenommen, 
sondern  sollen  mit  den  Verbindungslinien  der  einander  gegenüber- 
liegenden Haupthimmelsgegenden  übereinstimmen. 

Wir  erinnern  uns,  dass  eine  derartige  Orientirung  religiösen 
Zwecken  dienender  Baulichkeiten  uns  auch  an  anderen  Orten  be- 
merklich wurde,  dass  wir  (S.  15)  zum  voraus  ankündigten,  wir  würden 
in  der  häufig  vorkommenden  Thatsache  selbst  keinen  Grund  erkennen, 
eine  Uebertragung  von  einem  Volke  zum  anderen  mit  Nothwendig- 
keit  annehmen  zu  müssen.  Wir  finden  es  angemessen  zusätzlich 
hier  zu  bemerken,  dass  eine  solche  Uebertragung  für  die  altitalischen 
Orientirungen  weniger  als  irgend  sonstwo  anzunehmen  sein  wird. 
Jedenfalls  hat  hier  und  nur  hier  der  Orientirungsgedanke  eine  Ent- 
wicklung genommen  wie  sonst  nirgend,  hat  er  die  Errichtung  fast 
jedes  Gebäudes,  fast  jeder  Verbindung  von  Gebäuden  in  so  folge- 
richtiger Weise,  wie  wir  es  schon  andeuteten,  beeinflusst.  Nicht 
bloss  ein  einzelner  Tempel,  die  römischen  Gesetzen  unterworfene 
Welt  war  nach  einem  einzigen  rechtwinkligen  Coordinatensysteme 
geordnet^),  und  wir  werden  auf  diesen  Gedanken  noch  zurückzu- 
greifen haben. 

Die  Abscissenaxe  des  gemeinsamen  Systems  war  die  Ostwest- 
linie, dessen  Ordinatenaxe  die  Südnordlinie  oder  Mittagslinie. 
Allerdings  zeigen  die  Trümmer  von  Tempeln,  von  Städteanlagen  und 
dergleichen,  welche  man  genauer  auf  ihre  Lage  zu  prüfen  noch  nicht 


')  Agrimensoren  S.  65  flgg.  -)  Nissen,  Das  Templum  S.  165:  „Seit 
Augustus  war  der  Culturkreis  des  Mittelmeeres  zu  einem  einzigen  politischen 
Ganzen  geschlossen  worden;  das  Templum,  welches  einst  auf  den  palatinischen 
Hügel  beschränkt  gewesen  war,  hatte  sich  ausgedehnt  in  immer  weiteren  Kreisen 
und  anjetzt  war  das  letzte  und  grösste  Templum  constituirt  worden." 

Cantoh,  Geschichte  der  Mathematik  I.    2.  Aufl.  32 


498  25.  Kapitel. 

gar  lange  begonnen  hat,  nicht  ganz  unerhebliche  Abweichungen  von 
der  wahren  astronomischen  Mittagslinie.  Es  ist  für  unsere  Zwecke 
durchaus  gleichgiltig,  ob  diese  Verschiedenheiten  unabsichtlich,  ob  sie 
absichtlich  entstanden  sind;  ob  sie,  wie  man  früher  annahm,  aus  einem 
ungeschickten  Verfahren  derer  hervorgingen,  welche  die  Richtungen 
bestimmten,  oder  ob,  wie  eine  jedenfalls  geistreiche  und  genaue 
Prüfung  verdienende  Vermuthung  es  wilP),  die  Richtung  nach  dem 
Punkte  des  Sonnenaufgangs  am  Gründungstage  des  betreffenden 
Tempels  in  der  Abscissenaxe  festgehalten  werden  sollte,  einem  Tage, 
der  selbst  keineswegs  willkürlich  angenommen  wurde,  sondern  der 
jedesmalige  Hauptfeiertag  derjenigen  Gottheit  sein  musste,  welcher 
das  Heiligthum  geweiht  werden  sollte. 

Wir  haben  für  die  Grundrichtungen  uns  der  ganz  modernen 
Namen  der  Coordinatenaxen  bedient.  Den  Römern  hiessen  dieselben 
Decimanus  und  Cardo,  offenbar  sehr  alterthümliche  Namen,  wie  man 
gewiss  mit  Recht  schon  daraus  gefolgert  hat,  dass  als  Abkürzung  für 
Cardo  stets  ein  K  benutzt  worden  ist,  ein  Buchstabe,  der  der  römischen 
Schrift  im  Uebrigen  schon  frühzeitig  abhanden  kam.  Die  Bedeutung 
von  Decimanus  dürfen  wir  heute  wohl  nur  als  unbekannt  be- 
zeichnen-). Wie  die  antike  Ableitung  des  Wortes  Decimanus  von 
einem  selbst  mehr  als  zweifelhaften  duocere,  zweitheilen,  weil  der 
Raum  überhaupt  in  zwei  Abtheilungen  zerfällt  worden  sei,  sprachlich 
ganz  und  gar  unhaltbar  ist,  so  ruht  eine  moderne  Ableitung,  welche 
Decimanus  einfach  aus  decem  entstanden  wissen  will,  sachlich  auf 
gar  schwachen  Füssen.  Die  Italiker,  sagt  man,  bedienten  sich  von 
uralters  her  eines  Decimalsystems.  Der  Zehnte  macht  daher  die 
Reihe  voll,  und  die  Linie,  welche  eine  Flächeneinheit  begrenzt,  er- 
hielt passend  von  ihm  den  Namen,  grade  wie  diejenige,  welche  die 
Flächeneinheit  halbirt,  die  fünfte  heisst.  Wir  vermögen  diese  Schlüsse 
als  genügend  nicht  anzuerkennen.  Zuerst  würde  man  uns  nachweisen 
müssen,  dass  die  begrenzte  Flächeneinheit  wenigstens  nach  einer 
Richtung  die  Seitenlänge  10  hatte,  und  dann  müsste  man  uns  noch 
erklären,  wie  neben  dem  Worte  via  quintana  für  eine  Querstrasse 
auch  die  Wortverbindung  decimana  quintaria  entstehen  konnte,  bevor 
wir  jene  Deutung  als  gesichert  anerkennen.  Um  so  zweifelloser  ist 
Cardo   die  Angel,   um   welche  das  Weltall  sich  dreht,   die  Weltaxe. 

Jedenfalls   zog  bei  irgend   einer  Gründung   der  Augur^)   zuerst 


^)  Diese  Theorie  ist  von  Nissen  in  seinem  melirerwähnteu  Werke  über 
das  Templum  aufgestellt.  -)  Vergl.  Agrimensoren  S.  66  mit  Nissen,  Das  Tem- 
plum  S.  12  und  27.  *)  Der  Name  Augur  wird  (nach  Nissen  1.  c.  S.  5,  An- 

merkung 1)  von  J.  Schmidt  mit  aio,  auctor,  autumari,  e'ox^G&ut,  in  Verbindung 
gebracht. 


Aelteste  Eechenkunst  und  Feldmessung.  499 

einen  Decimanus,  dann  senkrecht  zu  ihm  einen  Cardo,  und  somit 
sind  es  zwei  praktische  Thätigkeiten,  welche  er  von  Anfang  an  aus- 
zuüben verpflichtet  und  folglich  auch  befähigt  sein  musste:  die  Ost- 
westlinie zu  bestimmen  und  zu  einer  gegebenen  Geraden  auf  dem 
Felde  eine  Senkrechte  zu  ziehen. 

Für  die  Bestimmung  der  Ostwestlinie  sind  drei  verschiedene 
Methoden  durch  Hyginus,  einen  Feldmesser  etwa  aus  dem  Jahre 
100  n.  Chr.  beschrieben.  Die  erste  Methode^)  richtete  ein  zum  Visiren 
geeignetes  Instrument,  von  welchem  wir  noch  zu  reden  haben,  nach 
dem  Punkte  des  Horizontes,  wo  wirklich  die  Sonne  aufging.  Diese 
Richtung  wurde  als  Ostwestlinie,  die  zu  ihr  senkrechte  als  Cardo 
bestimmt,  und,  fügt  der  Beschreiber  im  stolzen  Gefühle  seiner  Ueber- 
legenheit  hinzu,  um  Mittag  stimmte  diese  Mittagslinie  nicht  mit  der 
Wirklichkeit  überein.  Die  zweite  Methode-)  befestigte  auf  geebneter 
Grundlage  einen  senkrechten  Stift  als  Schattennehmer,  sciotherum, 
und  beschrieb  um  denselben  als  Mittelpunkt  einen  Kreis,  dessen 
Halbmesser  kleiner  als  die  grösste  Schattenlänge  des  Stiftes  gewählt 
werden  musste.  Sowohl  des  Morgens  als  des  Nachmittags  musste 
der  Schatten  einmal  so  lang  werden,  dass  sein  Endpunkt  genau  in 
diesen  Kreisumfang  eintraf^  und  die  beiden  Punkte,  in  welchen  solches 
stattfand,  hatte  man  zu  beobachten  und  anzumerken,  endlich  zu  ver- 
binden. Die  Verbindungsgerade  war  der  gewünschte  Decimanus.  Die 
dritte  Methode^)  machte  von  drei  ungleichen  Schattenlängen  Ge- 
brauch, welche  in  kurz  auf  einander  folgenden  Zeitpunkten,  aber 
sämmtlich  vormittags,  auf  der  Grundebene  des  Sciotherums  ver- 
zeichnet worden  waren. 

Die  letzte  Methode,  unter  deren  Vorzügen  wir  nur  den  einen 
hervorheben  wollen,  dass  sie  unabhängig  davon  war,  ob  die  Sonne 
in  einem  gewissen  Momente  unbewölkt  am  Himmel  stand  und  die 
vorausbestimmte  Schattenlänge  wirklich  liefern  konnte  oder  nicht, 
setzt  Kenntnisse  der  Stereometrie  in  einem  Maasse  voraus,  dass  wir 
ihre  Entstehung  nur  bei  einem  Schriftsteller  vermuthen  dürfen,  dessen 
wissenschaftliche  Bildung    eine    weit  höhere   war,    als   Römer  sie  je 


')  Hygini  gromatici  de  Umitibus  constituendis  in  Römische  Feldmesser  I,  170. 
«)  Hyginus,  Römische  Feldmesser  I,  188—189.  ^)  Hyginus,  Römische  Feld- 
messer I,  189—191.  Vergl.  Agrimensoren  S.  68—69.  Ueber  diese  Methode  hat 
schon  Cristini  geschrieben,  Ton  welchem  1605  in  Turin  ein  Druckwerk  herauskam: 
Meihodus  inveniendae  meridianae  lineae  ex  tribus  umhris,  simul  cum  parai^hrasi 
in  similem  methodum  conscriptum  au  Hygino  Augusto  Liberto.  Vergl.  Carteggio 
inedito  di  Ticone  Brahe,  Giovanni  Keplero  etc.  con  Giovanni  Antonio  Magini 
pubUicato  ed  illustrato  da  Antonio  Favaro.  Bologna,  1886,  pag.  296,  302 
und  304,  Note  1. 

32* 


500  25.  Kapitel. 

besassen.  Es  muss  eine  griecliische  Methode  aus  der  Zeit  entwickelter 
Stereometrie  sein,  wenn  es  auch  nicht  möglich  gewesen  ist,  sie  bei 
irgend  einem  der  uns  erhaltenen  griechischen  Astronomen  aufzufinden. 

Die  von  uns  als  zweite  bezeichnete  Methode  dürfte,  wenn  auch 
nicht  der  ältesten  Zeit,  doch  einem  erheblich  früheren  Zeitalter  als 
dem  des  Hyginus  angehören.  Ebendieselbe  beschreibt  nämlich  auch 
Vitruvius ')  um  das  Jahr  15  v.  Chr.  Andrerseits  kann  sie  in  Rom 
nicht  früher  als  frühestens  250  v.  Chr.  etwa  bekannt  gewesen  sein, 
wie  daraus  hervorgeht,  dass  sie  den  Gebrauch  einer  Art  von  Sonnen- 
uhr als  bekannt  annimmt,  während  eine  solche  nach  einer  Angabe 
im  Jahr  293,  nach  einer  anderen  gar  erst  263  erstmalig  in  Rom  auf- 
gerichtet wurde-). 

So  bleibt  uns  als  ältestes  italisches  Verfahren  kein  anderes  übrig 
als  jenes  dem  Gedanken  nach  einfachste  Hinschauen  nach  der  Gegend, 
wo  die  Sonne  zuerst  sichtbar  wurde,  ein  Verfahren,  welches  bei  aller 
UnZuverlässigkeit  doch  eine  erträgliche  Orientirung  liefern  kann,  wenn 
es  zu  einer  Jahreszeit  vorgenommen  wurde,  welche  nicht  gar  zu  ent- 
fernt von  der  Tagundnachtgleiche  lag^). 

Ihm  war  nur  ein  Apparat  unentbehrlich,  der  wo  möglich  zwei 
Zwecken  zu  dienen  hatte:  eine  Richtung  einzuvisiren,  eine  andere 
Richtung  senkrecht  zur  ersteren  auf  dem  Felde  zu  bestimmen;  von 
einem  solchen  altitalischen  Instrumente  sprechen  uns  aber  die  Be- 
richterstatter unter  dem  Namen  Groma.  Auch  dieses  Wort  ist  nach 
Ursprung  und  Bedeutung  keineswegs  über  jeden  Zweifel  erhaben^). 
Die  alte  Annahme,  groma  komme  von  dem  griechischen  yvm^cov  her, 
ist  unhaltbar,  weil  nicht  bloss  die  beiden  unter  diesen  Namen  be- 
kannten Dinge  verschieden  sind,  sondern  auch  der  griechische  Gnomon 
die  Sonnenuhr,  mit  dem  Namen  in  römische  Schriftsteller  Eingang 
fand.  Dagegen  ist  nicht  ausgeschlossen,  dass  beiden  Wörtern  ein 
und  dasselbe  Stammwort  zu  Grunde  liege,  ein  Stammwort,  welches 
italisch  geschrieben  vielleicht  gnorma  hiess,  und  ein  Senkrechtes  im 
Allgemeinen  bedeutet  haben  mag,  wie  früher  yvco^cov.  Dieses  gnorma 
konnte  sowohl  in  norma  als  in  groma  übergehen.  Als  aber  die 
Römer  viel  später  den  Gnomon  der  Griechen  herübernahmen,  mochte 
die  Ableitung  des  Groma  längst  aus  dem  Bewusstsein  geschwunden 
gewesen  sein,  so  dass  es  möglich  wurde,  dass  beide  Bezeichnungen, 
ursprünglich  verwandt,  jetzt  unbedenklich  zur  Benennung  zweier  ver- 
schiedener Vorrichtungen  gebraucht  wurden,  nachdem  der  Heimaths- 


1)  Vitruvius  Lib.  I,  Cap.  6,  §  6.  ^)  Agrimensoren  S.  71.  *)  Roms 
Geburtstag  wurde  durch  das  l'arilienfest  am  21.  April  begangen.  Nissen,  Das 
Templum  S.  166.  *)  Vergl.  Agrimensoren  S.  72  flgg.  mit  Hultschs  Recension 
in  Fleckeisen  und  Masius,  Jahrbücher  der  Philol. 


Aelteste  Rechenkunst  und  Feldmessung. 


501 


schein  des  älteren  Wortes,  wenn  wir  so  sagen  dürfen,  verloren  ge- 
gangen war.  Gegen  diese  im  Allgemeinen  sehr  annehmbare  Auffassung 
lässt  sich,  so  viel  wir  sehen,  nur  der  eine  nicht  unbedenkliche  Ein- 
wand erheben,  dass  alsdann  der  Name,  welchen  das  Groma  (oder  auch 
cruma,  wie  es  sich  wohl  findet)  bei  den  Etruskern,  welche  eines 
gleichen  Instrumentes  sich  bedienten,  besass,  besessen  haben  muss, 
spurlos  verloren  gegangen  wäre,  ein  etwas  misslicher  Umstand  gegen- 
über von  den  verschiedenen  älteren  und  jüngeren  Namen,  die  sich 
erhalten  haben. 

Solche  jüngere  Namen  sind  machinula  und  Stella,  und  wenn  von 
groma  der  Name  der  Feldmesser,  gromatici,  sich  hergeleitet  hat, 
eine  Art  amtlicher  Personen,  die  in  ältester  wie  in  jüngster  Zeit  eine 
fest  gegliederte  Genossenschaft,  fast  eine  Zunft,  bildeten,  wenn  Groma 
selbst  auch  den  Platz  in  der  Mitte  der  Hauptstrasse  eines  Lagers 
oder  einer  Stadt  bezeichnete,  wo  bei  der  Gründung  das  Instrument 
aufgestellt  worden  war,  so  lässt  die  Variante  Stella  uns  erkennen, 
welcherlei  Gestalt  jenes  Instrument  gehabt  haben  muss.  Es  war  der 
Stern,  welcher  zu  Herons  Zeiten  bereits 
durch  die  Dioptra  überholt  noch  immer  bei 
Einzelnen  in  Gebrauch  war  (S.  356).  Was 
aber  aus  diesem  Namen  geschlossen  werden 
konnte,  findet  Bestätigung  in  der  Abbildung 
eines  Groma  (Figur  80),  die  bei  Ivrea  auf 
dem  Grabsteine  eines  römischen  Feldmessers 
aufgefunden  worden  ist^).  Das  Groma  war 
wirklich  ein  Winkelkreuz,  gebildet  durch 
zwei  in  horizontaler  Ebene  sich  schneidende 
Lineale  und  aufgestellt  auf  einem  mit  Eisen 
beschlagenen  Fussgestelle,  dem  ferramentum. 
An  den  Enden  der  Lineale  herabhängende 
Bleisenkel,  muthmasslich  vier  an  der  Zahl,  wenn  auch  die  Abbildung 
auf  dem  Grabsteine  nur  noch  deren  zwei  erkennen  lässt,  verbürgten 
die  wagrechte  Aufstellung. 

Mittels  dieses  Kreuzes  Hessen  in  der  That  die  beiden  Handlungen 
sich  vollziehen,  die  wir  den  Auguren  bei  Absteckung  des  Templum 
zuweisen  mussten:  es  liess  sich  das  eine  Lineal  in  die  Richtung  nach 
dem  Aufgange  der  Sonne  bringen,  und  das  andere  Lineal  zeigte  dann 


')  Gazzera  liat  die  betreffende  Grabschrift  1854  mit  33  anderen  im  XIV. 
Bande  der  IL  Serie  der  Abbandlungen  der  turiner  Akademie  veröffentlicht. 
Cavedoni  lenkte  dann  im  Bulletino  archeologico  napoletano,  nuoca  seria,  anno 
1",  die  Aufmerksamkeit  auf  den  11.  Stein  mit  der  Abbildung  des  Groma.  Vergl. 
Giov.  Eossi,  Groma  e  sguadro  1877,  pag.  43  und  Figura  3. 


502  26.  Kapitel. 

von  selbst  die  dazu  senkreclite  Richtung  an.  Decimanus  und  Cardo 
konnten  abgesteckt  werden.  Noch  eine  weitere  feldmesserische  Ver- 
richtung haben  wir  als  uralt  auf  italischem  Boden  zu  denken:  die 
Abmessung  von  bestimmten  Strecken  in  gegebener  Richtung,  denn 
die  Ländereien  waren  in  lauter  gleiche  Rechtecke  abgetheilt,  deren 
Seiten  ursprünglich  wohl  von  gleicher  Länge  gewesen  sein  werden, 
in  späterer  Zeit  im  Verhältnisse  von  1  zu  2  standen  ^). 

Die  Vereinigung  des  Groma  mit  der  Messstange  genügte  alsdann 
bereits  zur  Auflösung  praktisch  nicht  im  wichtiger  Aufgaben,  z.  B. 
der  Aufgabe:  die  Breite  eines  Flusses  von  einem  Ufer  aus  zu 
messen  ohne  den  Fluss  zu  überschreiten,  eine  Aufgabe,  für  welche 
ein  bestimmter  Name,  fluminis  varatio,  bekannt  ist.  Bei  einem  aller- 
dings vermuthlich  ziemlich  späten  Schriftsteller  hat  sich  eine  Methode 
zur  Lösung  dieser  Aufgabe  erhalten^),  die  wohl  mit  Recht  eine  alt- 
italische genannt  und  im  Vergleich  zu  ganz  ähnlichen  Verfahnmgs- 
weisen  gebracht  worden  ist,  zu  welchen  nordamerikanische  Natur- 
völker unbeeinflusst  von  europäischer  Wissenschaft  sich  aufzuschwingen 
vermocht  haben.  Das  Verfahren  ist  nämlich,  wenn  auch  zutreffend, 
über  die  Maassen  schwerfallig.  Es  zeichnet  die  nicht  unmittelbar 
zugängliche  Länge  selbst  auf  das  Feld  mittels  congruenter  Dreiecke 
und  lässt  sie  in  dieser  getreuen  Wiederholung  messen,  statt  dass  Be- 
rechnung  einträte   aus  Verhältnissen  von   Seiten    ähnlicher  Dreiecke. 

Mit  diesen  Bemerkungen  haben  wir  aber  keinenfalls  zu  wenig 
der  altitalischen  Geometrie  zugewiesen,  Avelche  somit  als  eine  nur 
dem  täglichen  Bedürfnisse  gewidmete  eines  wissenschaftlichen  An- 
striches entbehrende  sich  kennzeichnet. 


26.  Kapitel. 
Die  Blütliezeit  der  römisclien  (jeometrie.     Die  Agrimensoren. 

Was  ist  bei  den  Römern  im  Laufe  der  Jahrhunderte  aus  alt- 
italischer Rechenkunst,  aus  altitalischer  Feldmessung  geworden?  Er- 
scheint es  doch  unmöglich,  dass  eine  Stadt,  die  als  weltbeherrschender 
Mittelpunkt  bedeutende  Männer  aus  allen  Provinzen  des  grossen 
Reiches  anzuziehen  wusste,  nicht  auch  von  solchen  zum  Wohnort 
gewählt  worden  sein  soll,   welche  der  Mathematik  sich  befleissigten. 

')  Stellen  dafür  vergl.  Agrimensoren  Anmerkung  260.  ^)  Römische  Feld- 
messer I,  285 — 286.  Vergl.  Agrimensoren  S.  108,  Günthers  Ilecension  dieses 
Buches  in  der  Beilage  zur  Allgemeinen  Zeitung,  21.  März  1876  und  Narrative 
of  the  travels  and  adventv/res  of  Monsieur  Violet  etc.  hy  Capt.  Marryat. 
Chapter  IX  (Tauchnitz-Edition,  pag.  64—65). 


Die  Blütbezeit  der  römischen  Geometrie.    Die  Agrimensoren.  503 

Wenn  wir  nur  in  Erinnerung  bringen,  was  uns  beiläufig  begegnete: 
in  Rom  bat  im  Jabre  98  n.  Cbr.  Menelaus  Beobacbtungen  angestellt 
(S.  385),  in  Rom  bat  um  244  Plotinus  seine  vielbesucbte  Scbule  er- 
öffnet (S.  428),  in  welcber  gewiss  aucb  nacb  damaligem  Gesebmacke 
modernisirte  altgriecbiscbe  Aritbmetik  einen  Gegenstand  der  Lebre 
bildete.  So  mögen  zu  verscbiedenen  Zeitpunkten  in  Rom  Persönlicb- 
keiten  gelebt  und  gewirkt  baben,  die  um  Matbematik  sieb  kümmerten 
—  Spuren  davon  werden  sieb  deutlicb  erkennen  lassen  —  aber  sie 
waren  beinabe  verstoblener  Weise  Mathematiker.  Was  wir  (S.  482) 
scbon  angedeutet  baben,  ist  jetzt  nur  stärker  zu  betonen.  Die  ganze 
geistige  Anlage  des  römischen  Volkes  war  nacb  anderen  Gebieten 
gerichtet  als  der  Matbematik,  und  das  Wort  Ciceros,  die  Geometrie 
sei  bei  den  Griechen  in  höchsten  Ehren  gestanden,  deshalb  sei  nichts 
glänzender  als  ihre  Mathematiker,  bei  den  Römern  aber  sei  das  Maass 
jener  Kunst  durch  den  Nutzen  des  Rechnens  und  Ausmessens  be- 
grenzt^), hat  fast  für  alle  Zeiten  Giltigkeit.  Nur  eine  kurze  Spanne 
bildet  vielleicht  eine  Ausnahme  und  gab  Anlass  zu  Anfängen  einer 
eigenen  mathematischen  Literatur,  die  aber  bald  ausartete,  so  dass 
nur  Uebersetzungen  oder  bandwerksmässige  Vorschriften  neben  bei- 
läufigen Andeutungen  das  Material  liefern,  aus  welchem  wir  Be- 
lehrung ziehen. 

Jene  Ausnahmsperiode  eröffiiete  sich,  während  ein  Mann  an  der 
Spitze  des  römischen  Staates  sich  befand,  der  selbst  mathematischen 
Sinn  besass  und  als  Schriftsteller  in  unserem  Fache  aufgetreten  ist: 
Julius  Cäsar.  Er  bat  ein  Buch  de  astris  verfasst^),  welches  in  der 
Mitte  des  I.  S.  n.  Cbr.  dem  älteren  Plinius  vielfach  als  Quelle  für 
das  XVIII.  Buch  seiner  Naturgeschichte  gedient  hat,  und  welchem  um 
das  Jahr  400  Macrobius  das  Beiwort  eines  nicht  ohne  Gelehrsamkeit 
verfassten  Werkes  beilegte.  Dasselbe  hängt,  wie  man  anzunehmen 
berechtigt  ist,  mit  einer  Aufgabe  zusammen,  welche  Cäsar  sich  als 
seiner  würdig  gestellt  hatte,  mit  der  Aufgabe  der  Kalenderver- 
besserung. 

Das  römische  Jahr^),  der  Sage  nach  von  König  Romulus  zu 
304  Tagen  angenommen,  wurde  durch  Numa  auf  355  Tage  verlängert, 
womit  jenes  Janusdenkmal  zusammenhängt,  dessen  gekrümmte  Finger 
eben  diese  Zahl  darstellten.  Der  noch  immer  mangelhaften  Jahres- 
länge  wurde  im  Jahre  304  der  Stadt  durch  die  Decemvirn,  wie  es 
scheint,  mittels  eines  Scbaltmonates  nachgeholfen,  der  alle  zwei  Jabre 


')  Cicero,  Tuscul.  Quaest.  Lib.  I,  Cap.  2,  §  5.  ^)  Agrimensoren  S.  78  ^gg. 
^)  Ludw.  Ideler,  Handbuch  der  mathematischen  und  technischen  Chronologie. 
Berlin,  1826,  Bd.  II,  S,  67  ^gg.,  119—124  und  130—132. 


504  26.  Kapitel. 

abwechselnd  mit  22  und  mit  23  Tagen  eingeschoben  wurde.  Jetzt 
war  das  Jahr  wieder  zu  lang,  und  zwar  nahezu  um  einen  Tag,  denn 

4  .  355  +  22  +  23  =  1465  =  4  .  366^  •    Es  musste  also  von  Zeit  zu 

Zeit  ein  Schaltmonat  weggelassen  werden,  erst  regellos,  dann  im 
24jährigen  Schaltcyklus.  So  trat  allmälig  eine  heillose  Unordnung 
ein,  so  zwar,  dass  die  Chronologie  hinter  dem  wirklichen  Jahre  um 
volle  85  Tage  zurückblieb.  Cäsar  war  eben  siegreich  aus  dem  alexan- 
drinischeu  Feldzuge  zurückgekehrt,  welcher  die  Jahre  48  und  47  in 
Anspruch  nahm,  als  er  berathen  von  Sosigenes  die  chronologische 
Frage  ins  Reine  brachte,  so  dass  die  Vermuthung  nahe  liegt  Sosi- 
genes, der  von  Simplicius  ein  Aegypter,  von  Plinius  ein  Peripatetiker 
genannt  wird^),  sei  selbst  Alexandriner  gewesen,  und  habe  noch  aus 
den  Schätzen  der  alexaudrinischen  Gelehrsamkeit  schöpfend  von  der 
Kalenderverbesserung  aus  dem  Jahre  238  unter  König  Ptolemäus 
Euergetes  I.  gewusst,  deren  wir  (S.  313)  gedacht  haben.  Jedenfalls 
war  Cäsars  Einrichtung  die  gleiche,  welche  damals  in  Alexandria 
getroffen  worden  war.  Das  Jahr  46  war  das  letzte  Jahr  der  Con- 
fusion,  ein  Name,  welcher  ihm  geblieben  ist.  Die  85  fehlenden  Tage 
wurden  in  ihm  eingeschaltet,  und  nun  sollte  jedes  Jahr  aus  365  Tagen 
bestehen,  und  zur  Ergänzung  alle  vier  Jahre  zwischen  dem  23.  und 
24.  Februar  oder  römisch  gesprochen  zwischen  dem  dies  septimus 
und  sextus  ante  Calendas  Martis  ein  Tag  als  bissextus  eingeschaltet 
werden,  woraus  der  Name  des  bissextilen  Jahres  für  das  Schaltjahr 
entstand. 

Noch  ein  zweiter  grosser  Gedanke  war  in  Cäsars  Geiste  erwacht 
oder  erweckt  worden,  der  einer  Vermessung  des  ganzen  römi- 
schen Reiches,  wie  sie  unserer  früheren  Bemerkung  (S.  497)  gemäss 
schon  insofern  nöthig  war,  als  das  ganze  Reich  ein  Templum  sein 
musste,  ein  wohlorientirtes  Eigenthum  mit  gleichmässig  gerichteten, 
gleichmässig  abgesteckten  Grenzen.  Auch  für  diesen  Gedanken  war 
Cäsar  schriftstellerisch  thätig,  wenn  man  einer  Aussage  trauen  darf, 
welche  den  Ursprung  römischer  Feldmesskunst  mit  einem  Briefe 
Cäsars  in  Verbindung  setzt  ^).  Doch  leider  ist  von  diesem  Briefe  so 
wenig  wie  von  der  astronomischen  Schrift  ein  eigentlicher  Ueberrest 
auf  uns  gekommen.  War  der  Gedanke  der  Reichsvermessung  durch 
Andere  in  Cäsar  angeregt  worden,  so  müssen  offenbar  auch  hier 
Alexandriner  mit  im  Spiele  gewesen  sein.  Wenigstens  waren  es 
Männer    mit    durchaus    griechisch    klingenden   Namen,    welchen    ver- 


*)  üeber  Sosigenes  vergl.  den  von  Baehr  veifassten  Artikel  in  Paulys 
Realencyklopädie.  ^)  Nunc  ad  epistolam  Julii  Caesaris  veniamus  quod  ad  huius 
artis  originem  pertinet.    Römisclie  Feldmesser  1,  31)5.  , 


Die  Blüthezeit  der  römischen  Geometrie.     Die  Agrimensoren.  505 

schiedeueu  Quellen  nach  Cäsar  die  Ausführung  seines  Gedankens  an- 
zuvertrauen gedachte  oder  schon  übertragen  hatte,  als  er  am  15.  März 
44  V.  Chr.  unter  Mörderhand  verblutete. 

Augustus  liess  das  Werk  nicht  unerfüllt').  Keinen  Geringeren 
als  M.  Yipsanius  Agrippa  betraute  er  mit  der  Leitung  des  ganzen 
Unternehmens,  und  unter  diesem  scheint  ein  Oberwegemeister  B albus 
thätig  gewesen  zu  sein,  der  Eine  wie  der  Andere  vielleicht  nur  mit 
ihrem  Namen  bei  der  Angelegenheit  betheiligt,  um  dem  Unternehmen 
wenigstens  einen  römischen  Anstrich  zu  verleihen,  wenn  es  von 
Römern  nicht  ins  Werk  gesetzt  werden  konnte.  Fühlte  man  auch, 
dass  Griechen  allein  fähig  waren  das  Gewünschte  zu  leisten,  so  trug 
man  doch  wohl  eine  gewisse  Scheu  sie  den  Ruhm  ihrer  Leistung 
davontragen  zu  lassen,  und  so  ist  von  der  Reichsvermessung  bald 
des  Augustus,  bald  des  Agrippa,  bald  des  Baibus  die  Rede,  welche 
die  Zeit  von  37  bis  20  v.  Chr.  im  Ganzen  in  Anspruch  genommen 
haben  dürfte.  Ergebniss  derselben  war  die  Verbürgtermassen  einst 
vorhandene  grosse  Landkarte,  welche  den  Namen  des  Agrippa  führte, 
und  welche  in  einer  besonders  dazu  aufgebauten  Säulenhalle  „der 
Welt  die  Welt  als  Schauspiel  darbot"-);  Ergebniss  die  geogra- 
phischen Commentarien  des  Agrippa,  auf  welche  ganze  Bücher  aus 
der  Naturgeschichte  des  Plinius  sich  stützen. 

Die  gleiche  Zeit  ungefähr  dürfen  wir  zuversichtlich  als  diejenige 
betrachten,  während  welcher  die  mathematischen  Schriften  den 
Römern  einigermassen  bekannt  wurden,  deren  die  griechischen  Feld- 
messer sich  bei  ihren  Arbeiten  bedienten,  und  deren  Werth  auch 
für  den  Nicht-Sachverständigen  aus  der  Trefflichkeit  dieser  Arbeiten 
sich  erschliessen  liess.  Was  das  aber  für  Schriften  waren,  ist  keinem 
Zweifel  unterworfen.  Es  war  vor  Allen  der  „Heron",  das  feld- 
messerische Handbuch  des  Alexandriners,  welches  so  auf  italischem 
Boden  Eingang  fand.  Es  war  aus  ihm  ebensoAvohl  die  Feldmesskuust 
als  die  Feldmesswissenschaft  zu  erlernen,  wenn  wir  diese  beiden  unter- 
scheidenden Namen  weiter  gebrauchen,  um  durch  den  ersteren  die 
eigentlichen  praktischen  Arbeiten  auf  dem  Felde,  durch  den  zweiten 
die  daran  anknüpfenden  Rechnungen  zu  bezeichnen,  welche  letztere 
wir  auch  wohl  rechnende  Geometrie  nennen  (S.  378).  Jetzt  ver- 
drängte die  vollkommenere  Dioptra  das  alterthümliche  Groma,  jetzt 
bürgerten  sich  Regeln  zur  Ausrechnung  der  Felder  ein,  während  mau 

^)  Die  letzte  Schrift  über  die  grosse  Reichsvermessung  ist  die  breslauer 
Habilitationsschrift  von  J.  Partsch,  Die  Darstellung  Europas  in  dem  geogra- 
phischen Werke  des  Agrippa,  1875.  Aeltere  Literatur  vergl.  Agrimensoren 
S.  82—84.  ^)  Plinius,  Histor.  natural.  III,  2:  Orbem  terrarum  orhi  spectandum 
propositarus  erat. 


506  26.  Kapitel. 

bisher  vielleiclit  jede  derartige  Regel  entbehrte,  ohne  sie  zu  vermissen, 
weil  das  ausgemessene  Land  in  gleichmässigen  Rechtecken  von  be- 
kannter Grösse  bestehend  einer  Flächenberechnung  nicht  bedurfte, 
nicht  ausgemessenes  Land  aber  seinen  Besitzer  nicht  leicht  änderte; 
wenigstens  wurden  nur  über  Besitzstücke  mit  gradlinigen,  zu  einander 
senkrechten  Grenzen  Flurkarten  öffentlichen  Glaubens  angefertigt. 

Um  die  Zeit,  zu  welcher  unter  dem  Einflüsse  des  Machthabers 
die  Veränderung  römischen  Geschmackes  stattfand,  welche  nur  zu 
wenig  nachhaltig  sich  erwies,  als  dass  sie  der  Mathematik  zu  Fort- 
schritten hätte  verhelfen  können,  schrieb  Marcus  Terentius  Varro, 
der  Freund  des  Cicero,  des  Pompejus,  in  späterer  Zeit  des  Cäsar, 
dessen  Leben  nach  der  wahrscheinlichsten  Annahme  die  Jahre  116 
bis  27  V.  Chr.  erfüllte.  In  politischen  Kreisen  spielte  er  trotz  seiner 
Beziehungen  eine  nur  selten  und  wenig  hervorragende  Rolle.  Desto 
bedeutender  war  die  literarische  Thätigkeit,  der  er  sich  hingab.  Er 
gebot  über  fast  unerschöpfliches  Arbeitsmaterial,  da  er  nicht  nur 
Besitzer  der  grossartigsten  Privatbibliothek  war,  sondern  auch  von 
Cäsar  einer  öffentlichen  Büchersammlung  vorgesetzt  wurde.  Wie  er 
aber  dieses  Material  zu  benutzen  verstand,  beweist  seine  eigene 
Aeusserung^),  nach  welcher  er  am  Ende  seiner  siebziger  Jahre 
490  Bücher  geschrieben  hatte,  und  so  kann  man  wohl  dem  Urtheile 
des  Terentianus  Maurus,  eines  Grammatikers  aus  den  Zeiten  der 
Kaiser  Nerva  und  Trajan,  beistimmen,  der  Varro  den  Gelehrtesten 
aller  Gegenden  nannte.  Die  erhaltenen  Schriften  des  Varro  beziehen 
sich  auf  Landwirthschaft  und  auf  Grammatik  und  nehmen  unter  den 
Arbeiten  aus  diesen  beiden  Gebieten  einen  ehrenvollen  Rang  ein. 
Um  so  mehr  bedauern  wir  den  Verlust  grade  der  Werke,  welche 
uns  wichtig  sein  würden-).  Verloren  ist  eine  Schrift  über  Ver- 
messungen, mensuralia;  verloren  ist  ein  Buch  Geometrie,  in  welchem, 
nach  dem  Bericht  des  Cassiodor,  die  Gestalt  der  Erde  als  eirund  an- 
gegeben war,  ein  in  so  weit  verdienstlicher  Gedanke  als  damit  in 
origineller  Weise  unter  Beibehaltung  der  runden  Körpergestalt  der 
Erde  ihre  Abweichung  von  der  Kugelform  gemuthmasst  wurde;  ver- 
loren   ist    allem    Anscheine    nach    ein    arithmetisches   Werk  Varros, 


*)  Aul.  Gellius,  Noctes  Atticae  III,  10,  17:  M.  Varro  ihi  (in  primo  libro- 
rutn  qui  inscrihuntur  Hehdomades  vel  De  imaginibus)  addit  se  quoque  jam  duo- 
decimam  annorum  liehdomadem  ingressum  esse  et  ad  eum  diem  septuaginta  liebdo- 
madas  Ubrorum  conscripsisse.  ^)  Gast.  Boissier,  Etüde  sur  la  vie  et  les 
ouvrages  de  M.  T.  Varron.  Paris,  1861.  Ueber  die  wissenschaftlichen  Schriften, 
welche  zu  dem  letzten  zu  gehören  scheinen,  was  Varro  schrieb,  vergl.  pag.  327 
bis  331.  Siehe  auch  Teuffel,  Geschichte  der  römischen  Literatur  (III.  Auf- 
lage) S.  288.  , 


I 


Die  Blüthezeit  der  römischen  Geometrie.     Die  Agrimensoren.  507 

Atticus  sive  de  numeris,  welches  Vertranius  Maurus,  der  eine  Bio- 
graphie des  Varro  geschrieben  hat,  noch  im  Jahre  löG-l  in  Rom  ge- 
sehen haben  wilP);  verloren  ist  auch  ein  Werk  aus  9  Büchern  be- 
stehend, de  disciplinis,  in  welchem,  wie  man  annimmt,  encyklopädisch 
über  die  einzelnen  Wissenschaften  gehandelt  war,  und  "welches  somit 
das  Urbild  für  viele  ähnliche  Sammelwerke  abgab,  die  uns  noch  be- 
gegnen werden,  aber  selten  mehr  liefern  als  einzelne  fast  nur  zufällig 
veiVerthbare  Notizen.  Die  Reihenfolge  der  neun  Wissenschaften  bei 
Varro  war:  1.  Grammatik,  2.  Dialektik,  3.  Rhetorik,  4.  Geometrie, 
5.  Arithmetik,  6.  Astrologie,  7.  Musik,  8.  Medicin,  9.  Architektur, 
und  es  ist  zweifelhaft,  ob  nicht  die  oben  erwähnte  Geometrie  als 
das  hier  genannte  4.  Buch  zu  betrachten  ist.  Würde  sich  eine  bei 
Plinius  vorkommende  Notiz')  auf  das  8.  Buch  beziehen,  so  hätte 
Varro  dieses  Werk  in  seinem  83.  Lebensjahre  verfasst.  Als  ganz 
originell  ist  übrigens  auch  bei  ihm  die  Zusammenstellung  nicht  an- 
zusehen, da  die  griechische  Wissenschaft  schon  den  Begriff  der  freien 
Künste  ausgebildet  hatte,  der  jetzt  in  wechselnder  Zahl  (meistens 
7  artes  liberales  anführend)  und  in  wechselnder  Wahl  der  Gegen- 
stände die  ganze  Folgezeit  bis  durch  das  Mittelalter  hindurch  be- 
herrscht. Ob  freilich  Varro,  der  römisch  gesinnte  Römer,  seine  Ab- 
hängigkeit von  griechischen  Mustern  nicht  theilweise  zu  verbergen 
suchte,  wird  schwerlich  mehr  zu  ermitteln  sein.  Wir  kamen  zu  dem 
Gedanken  an  diese  Möglichkeit  von  der  Erwägung  ausgehend,  dass 
es  Varro  vorzugsweise  ist,  der  die  Feldmesskunde  der  Römer  auf 
etruskische  Anfänge  zurückgeführt  hat. 

Der  nächste  römische  Schriftsteller,  welchem  tiefer  gehende 
mathematische  Kenntnisse  nicht  bloss  in  allgemeiner  Weise  zuzu- 
trauen sind,  sondern  aus  dessen  Schriften  wir  Belege  dafür  zu 
schöpfen  vermögen,  ist  Vitruvius,  der  Verfasser  von  10  Büchern 
über  Architektur,  die  vermuthlich  im  Jahre  14  v.  Chr.  vollendet 
wurden  und  dem  Augustus  zugeeignet  sind.  Das  ist  alles,  was  über 
die  Persönlichkeit  des  Vitruvius  mit  Sicherheit  gesagt  werden  kami. 
Sogar  sein  Beiname  Vitruvius  Pollio  schwebt  einigermassen  in 
der  Luft,  indem  der  Verfasser  eines  Auszuges  aus  der  vitruvischen 
Architektur,  welcher  uns  denselben  überliefert  hat,  eine  selbst  räthsel- 
hafte  Persönlichkeit  von  ganz  unbekanntem  Zeitalter  ist,  der  nur  aus 
sprachlichen  Gründen  meistens  für  dem  Zeitalter  des  Vitruvius  ziem- 
lich nahestehend  und  dem  entsprechend  glaubwürdig  gehalten  wird. 
Li  den  Schriften  des  Vitruvius,  sagten  wir,  stecken  mancherlei  Belege 


')  Vossius,     De    scientiis    wathematicis    pag.    39    (Amsterdam,    1650). 
*)  Plinius,  Histor.  natural.  XXIX,  18,  65. 


508  26.  Kapitel. 

jenes  mathematischen  Wissens.  In  einem  Werke  über  Architektur 
findet  sich  an  und  für  sich  an  den  verschiedensten  Stellen  Veran- 
lassung ein  solches  Wissen  an  den  Tag  zu  legen,  um  wie  viel  mehr 
bei  Vitruvius,  dessen  schriftstellerische  Eigenthümlichkeit  es  genannt 
werden  kann,  dass  er  mit  fast  possierlicher  Geschwätzigkeit  Bemer- 
kungen beizufügen  und  Geschichtchen  zu  erzählen  liebt,  die  zu  dem 
behandelten  Gegenstande  nur  in  entferntester  Beziehung  stehen,  oft 
aber  uns  erwünschte  Mittheilungen  enthalten.  Ueberall  verräth  sich 
dabei  Vitruvius  als  das,  als  was  wir  ihn  zu  finden  erwarten  mussten, 
als  Schüler  der  Griechen,  wenn  auch  als  einen  solchen,  der  es  mit- 
unter wagt  von  der  Ansicht  des  Lehrers  sich  zu  entfernen.  Wir 
nennen  als  der  Mathematik  angehörig  ^)  eine  Auseinandersetzung 
über  die  Grössenverhältnisse  der  einzelnen  Körpertheile  des  Menschen; 
einen  Abriss  der  arithmetischen  Harmonielehre  nach  Aristoxenus; 
eine  Schilderung  dessen,  was  nach  Vitruvs  Geschmack  die  drei 
grössten  mathematischen  Entdeckungen  waren:  die  Irrationalität  der 
Diagonale  eines  Quadrates,  das  pythagoräische  Dreieck  aus  den 
Seiten  3,  4,  5  und  die  archimedische  Kronenrechnung.  Wir  nennen 
Beschreibungen  von  feldmesserischen  Apparaten  verschiedener  Art 
und  Anweisungen  sich  derselben  zu  bedienen.  Da  ist  der  Gnomon 
mit  der  Bestimmung  der  Mittagslinie  aus  zwei  Beobachtungen  gleicher 
Schattenlängen  am  Vor-  mid  Nachmittage.  Da  sind  wesentlich  auf 
Heron  zurückführbare  Nivellirungen  mittels  der  Dioptra  und  ein 
Wegemesser.     Bei  der  Beschreibung  des  letzteren  ist  gelegentlich  der 

Umfang  eines  Rades  von  4  Fuss  Durchmesser  zu  12  -  Fuss  angegeben, 
was  ein  Verhältniss  der  Peripherie  zum  Durchmesser  von  3-^  :  1  be- 

O 

zeugt,  wie  es  uns  noch  nicht  vorgekommen  ist,  wie  es  aber  unter 
Anwendung  von  Duodecimalbrüchen  entschieden  bequemerer  Rech- 
nung, wenn  auch  weniger  genau  als  3y  :  1  ist.     Wir  nennen  endlich 

Berechnungen  des  Kalibers  von  Wurfmaschinen  aus  dem  Gewichte 
der  Massen,  welche  sie  zu  schleudern  bestimmt  waren,  wobei  Brüche 
in  Menge  vorkommen,  allerdings  nur  ziemlich  angenäherte  Werthe 
hervorbringend,  so  dass  von  der  Rechenkmist  des  Vitruvius  auch 
hierdurch  mis  keine  übermässig  hohe  Meinung  erweckt  wird^). 

L.  Junius  Moderatus  Columella^)  aus  Gades  (Cadix)  war 
Militärtribim  der  VI.  gepanzerten  Legion  und  lebte  als  solcher  längere 
Zeit    in    Syrien.     Von    dort    heimgekehrt    widmete    er    sich    mit    be- 

')  Vitruvius  III,  1;  V,  4;  VIII,  6;  IX,  1,  2,  3,  8;  X,  14,  15,  17,  21.  Vergl. 
Agrimensoien  S.  157  und  86 — 89.  -)  Hultsch,  Die  Bruchzeichen  des  Vitruvius 
in  Fleckeisen  und  Masius,  Jahrbücher  der  Philol.        *)  Agrimensoren  S,  89—93. 


i 


Die  Blüthezeit  der  römischen  Geometrie.     Die  Agrimensoren.  509 

geisterter  Anliänglichkeit  der  Landwirthschaft,  welche  er  in  zwei 
Werken  uacli  einander  verherrlichte.  Von  der  ersteren  kürzeren 
Ausarbeitung  ist  nur  ein  Bruchstück  erhalten,  die  zweite  ausführ- 
liche Schrift  ist  dagegen  vollständig  auf  uns  gekommen.  Die 
XII  Bücher  De  re  rustica,  wahrscheinlich  (32  n.  Chr.  geschrieben, 
sind  eine  fast  unerschöj)fliche  Fundgrube  reichster  Art  für  alle  Ge- 
biete, welche  zur  Landwirthschaft  irgendwie  in  Beziehung  gesetzt 
werden  können,  da  der  begabte  und  gelehrte  Verfasser  seinen  Gegen- 
stand in  weitestem  Umfange  behandelt.  Freilich  ist  damit  für  ihn 
die  Unbequemlichkeit  entstanden,  dass  man,  wie  er  selbst  klagt,  über 
alle  möglichen  Dinge  Auskunft  von  ihm  begehre.  Er  hilft  sich  so 
gut  er  kann.  Er  zieht  befreundete  Fachmänner  verschiedener  Gat- 
tung zu  Rathe,  und  so  gesteht  er  auch  zu,  dass  das  2.  Kapitel  des 
V.  Buches,  in  welchem  er  Feldmessung  lehrt,  kein  Erzeugniss  seines 
eigenen  Geistes  sei^).  Für  Vollständigkeit  oder  Unvollständigkeit, 
sowie  für  die  Richtigkeit  der  gegebenen  Vorschriften  sind  diejenigen 
verantwortlich,  welche  ihm  hier  mit  ihrer  Erfahrung  beigestanden 
haben. 

Zuerst  macht  Columella  seinen  Leser  mit  den  unentbehrlichsten 
Ackermaassen  bekannt,  dann  löst  er  neun  geometrische  Aufgaben  je 
an  einem  bestimmten  Zahlenbeispiele.  Allgemeine  Vorschriften,  wie 
bei  anderen  Zahlenangaben  zu  verfahren  sei,  gibt  er  nicht;  diese  soll 
der  Leser  sich^  selbst  aus  der  Musterrechnung  entnehmen^).  Schon 
an  dieser  Eigenthümlichkeit  wird  man  den  Schüler  des  Heron  von 
Alexandria  vermuthen,  und  die  Vermuthung  wird  zur  Gewissheit, 
wenn  man  die  Aufgaben  des  Columella  selbst  ansieht.  Es  sind 
sämmtlich  Aufgaben,  welche  mit  solchen  in  Herons  Geometrie  iden- 
tificirt  worden  sind,  und  zwar  mit  höchster  Wahrscheinlichkeit  mit 
derjenigen  Ausgabe,  welche  das  andere  Buch  heisst  (S.  364). 
Wir  erinnern  uns,  dass  Heron  in  der  Sammlung,  welche  die  Ueber- 
schrift  Geometrie  führt,  die  Fläche  des  Sechsecks  nach  zwei  Methoden 
berechnet.  Zuerst  lässt  er  das  Quadrat  der  Sechsecksseite  13  mal 
nehmen  und  dann  durch  5  theilen;  anders,  heisst  es  hierauf,  in  einem 

anderen  Buche,  wo  die  Vorschrift  gegeben  sei  und  —  des  Seiten- 
quadrats 6 fach  anzusetzen;  als  Beispiel  dient  das  Sechseck  von  der 
Seite  30.  Vergleichen  wir  damit  Columellas  9.  Aufgabe,  so  erkennen 
wir  in  der  Rechnung  der  Fläche  des  Sechsecks  von  der  Seite  30 
durch  die  Zahlen  900,  300,  90  und    der  Summe  390    dieser    beiden 


^)  Ne  dubites  id  opus  geometrorum  magis  esse  qiiam  rusticorwn,  desque 
veniam,  si  quid  in  eo  fuerit  erratum^  cuius  scientiam  mihi  non  vindico.  ^)  Cuius- 
que  generis  species  subiciemus,  quibus  quasi  formulis  utemur. 


510  26.  Kapitel. 

letzten  hiadurcli  zum  6  fachen  derselben  Summe  mit  2340  genau  den 
Gang  und  die  Zahlen  Herons.  Heronische  Formeln  bieten  nun  auch 
die    anderen  Aufgaben    Columellas,    so    die   4.  Aufgabe,    welche    das 

gleichseitige  Dreieck  als  —  und  _.  des  Seitenquadrats  berechnet,  die 

8.  Aufgabe,  welche  die  Fläche  eines  Kreisabschnittes,  der  kleiner  ist 
als  der  Halbkreis,  aus  der  Sehne  s  und  der  Höhe  h  des  Abschnittes 

s  -L  h                \  2  / 
nach    der    Formel       T^     •  h  -\ ,-,—  findet    u.  s.  w.     Aber  bei   allen 

2  '         14 

diesen  acht  ersten  Aufgaben  sind  Columellas  Zahlen  fortwährend 
andere  als  die  in  unserem  Texte  der  heronischen  Geometrie.  Der 
Grund  ist  leicht  ersichtlich.  Columellas  Gewährsmann  entnahm  ohne 
Zweifel  Zahlen  und  Aufgaben  demselben  Texte,  welchem  er  Zahlen 
und  Formel  der  9.  Aufgabe  schuldete,  d.  i.  eben  dem  sogenannten 
anderen  Buche.  Diese  wichtige  Bemerkung  hat  auch  für  die  übrigen 
römischen  Schriftsteller,  mit  denen  wir  uns  noch  zu  beschäftigen 
haben,  ihre  hohe  Bedeutung.  Die  Einzelforschung,  auf  welche  selbst- 
verständlich hier  als  eine  vollzogene  verwiesen  werden  muss,  hatte 
derselben  stets  eingedenk  zu  bleiben.  Bei  dem  Fahnden  auf  Gleich- 
heiten zwischen  römischen  und  heronischen  Aufgaben  durfte  sie  nie 
ausser  Augen  lassen,  dass  uns  derjenige  Text,  dessen  die  Römer  sich 
bedienten,  das  andere  Buch,  nicht  zu  Gebote  steht,  dass  also  Ver- 
änderungen in  den  Zahlen  nicht  bloss  möglich,  sondern  sogar  wahr- 
scheinlich sind,  dass  es  ebenso  wahrscheinlich  ist,  dass  hier  und  da 
eine  Aufgabe  vorkommen  mag,  zu  der  wir  selbst  mit  anderen  Zahlen 
das  Muster  in  unserem  griechischen  Heron  nicht  auffinden  können. 

Etwa  gleichaltrig  mit  Columella  war  M.  Fabius  Quintilianus, 
dessen  Lebenszeit  ungefähr  von  35 — 95  angesetzt  wird.  Er  ver- 
fasste  XH  Bücher  Vorschriften  für  Redner,  und  es  ist  ein  glücklicher 
Zufall  zu  nennen,  dass  im  I.  Buche  dieses  Werkes  eine  Stelle  von 
mathematischer  Wichtigkeit  sich  vorfindet,  welche  wir  um  ihrer  nach 
verschiedenen  Seiten  wirkenden  Bedeutung  Willen  in  wörtlicher 
Uebersetzung  folgen  lassen^):  „Wer  wird  einem  Rechner  nicht  ver- 
trauen, wenn  er  vorbringt,  der  Raum,  der  innerhalb  gewisser  Linien 
enthalten  sei,  müsse  der  gleiche  sein,  sofern  jene  Umfassungslinien 
dasselbe  Maass  besitzen?  Doch  ist  dieses  falsch,  denn  es  kommt 
sehr  viel  darauf  an,  von  welcher  Gestalt  jene  Umfassung  ist,  und 
von  den  Geometern  ist  Tadel  gegen  solche  Geschichtsschreiber  er- 
hoben worden,  welche  da  glaubten,  die  Grösse  von  Inseln  werde  zur 


')  Quintilianus,  Institutiones  oratoriae  (ed.  Halm,  Leii^zig,  1868)  I,  10, 
39-45  (pag.  62). 


Die  Blüthezeit  der  römischen  Geometrie.     Die  Agrimensoren.  511 

Genüge  durch  die  Dauer  der  Umschiffung  gekennzeichnet.  Je  voll- 
kommener eine  Gestalt  ist,  um  so  mehr  Raum  schliesst  sie  ein. 
Stellt  daher  jene  Umfassungslinie  einen  Kreis  dar,  welches  die  voll- 
kommenste der  Gestalten  der  Ebene  ist,  so  schliesst  sie  mehr  Raum 
ein,  als  wenn  sie  bei  gleicher  Küstenstrecke  ein  Quadrat  bildete. 
Das  Quadrat  hinwiederum  schliesst  mehr  Raum  ein  als  das  Dreieck, 
das  gleichseitige  Dreieck  mehr  als  das  ungleichseitige.  Doch  dieses 
andere  mag  vielleicht  zu  dunkel  sich  erweisen;  verfolgen  wir  dagegen 
einen  auch  dem  Ungeübten  sehr  leichten  Versuch.  Es  wird  nicht 
wohl  irgend  Jemandem  unbekannt  sein,  dass  das  Maass  des  Jucharts^) 
240  Fuss  in  die  Länge  beträgt,  während  es  nach  der  Breite  um  die 
Hälfte  sich  öffnet;  was  also  der  Umfang  ist,  und  wie  viel  Feld  er 
in  sich  schliesst  ist  bequem  zusammenzubringen.  Aber  180  Fuss  an 
jeder  Seite  bilden  dieselbe  Ausdehnung  der  Grenzen,  dagegen  weit 
mehr  von  den  vier  Linien  eingeschlossenen  Flächenraum.  Wer  wider- 
willig ist  das  auszurechnen,  kann  dasselbe  an  kleineren  Zahlen  lernen. 
Je  10  Fuss  ins  Quadrat  sind  40  Fuss  ringsum,  inwendig  100  Fuss. 
Sind  je  15  Fuss  seitlich,  je  5  in  der  Fronte,  so  wird  man  bei  gleichem 
Umfange  von  dem,  was  eingeschlossen  ist,  den  vierten  Theil  ab- 
ziehen müssen.  Wenn  aber  19füssige  Seiten  nur  um  je  1  Fuss  von 
einander  abstehen,  so  werden  sie  nicht  mehr  Quadratfusse  in  sich 
fassen,  als  die  Zahl,  nach  welcher  die  Länge  wird  gezogen  worden 
sein.  Die  Umfassungslinie  aber  wird  von  derselben  Ausdehnung  sein 
wie  die,  welche  100  Quadratfuss  enthält.  Was  man  also  von  der 
Quadratgestalt  abzieht,  das  geht  auch  von  der  Menge  zu  Grunde.  Es 
kann  folglich  auch  das  erreicht  werden,  dass  mit  einem  grösseren 
Umfange  eine  geringere  Menge  Feldes  eingeschlossen  sei.  So  in  der 
Ebene,  denn  dass  bei  Hügeln  und  Thälern  die  Bodenfiäche  eine 
grössere  ist  als  die  der  darüber  befindlichen  Himmelsdecke,  liegt  auch 
für  den  Unerfahrenen  zu  Tage."  Wir  haben  diese  Stelle  wiederholt 
früher  beigezogen.  Wir  haben  (S.  161)  mit  ihr  belegt,  dass  irrige 
Meinungen  fast  zäher  festgehalten  werden  als  richtige.  Wir  möchten 
beinahe  entschuldigend  ergänzen,  dass  Römer,  deren  Felder,  wie  wir 
gesehen  haben,  thatsächlich  gleiche  Gestalten  besassen,  leichter  dem 
gerügten  Irrglauben  verfallen  konnten.  Durften  sie  doch  beinahe 
dem  Beispiele,  durch  welches  Quintilian  sie  eines  Besseren  belehren 
wollte,  entgegenhalten,  solche  Felder  von  180  Fuss  ins  Quadrat  kämen 
nicht  vor.  Zweitens  ist,  wie  uns  scheint,  durch  die  Sätze  über  den 
Flächenraum    der    verschiedenen,     weniger    vollkommnen    und    voll- 


*)  jugerum  ist  das  römische  Doppelfeldmaass,  welches  z.  B.  VaiTO  definirt 
hat:  Jugerum  dictum  iunctis  duohus  actihus  quadratis. 


512  26.  Kapitel. 

komnmeren,  Figuren  der  Beweis  geliefert  (S.  341),  dass  Zenodorus, 
welchen  man  für  den  Erfinder  jener  Sätze  hält,  vor  Quintilian  gelebt 
haben  muss,  wodurch  mindestens  eine  untere  LebensgTenze  für  den- 
selben gewonnen  wird,  die  weit  höher  hinaufreicht  als  das  Zeitalter 
des  Pappus.  Drittens  endlich  ist  uns  Quintilian  ein  Beispiel  fast 
heimlicher  Beschäftigung  mit  mathematischen  Dingen,  wie  wir  sie 
oben  (S.  503)  angekündigt  haben,  er  weiss,  dass  er  von  seinen  Lesern 
nicht  verstanden  werden  wird,  dass  er  mit  seinem  Wissen  vereinzelt 
dasteht,  aber  er  kann  es  doch  nicht  unterlassen  wenigstens  nebenbei 
Sätze  zu  erwähnen,  die  für  ihn  Interesse  besitzen. 

Dem  Geburts-  wie  dem  Todesjahre  nach  wieder  nahe  bei  Quin- 
tilian wird  Sextus  Julius  Frontinus^)  von  40 — 103  angesetzt. 
Er  gehörte  dem  Staatsdienste  an,  während  Vespasianus,  Titus,  Do- 
mitianus,  Nerva  und  Trajanus  als  Kaiser  auf  einander  folgten.  Unter 
Domitianus  Regierung  scheint  er  mit  Vorschriften  über  die  Feld- 
messkunst erstmalig  als  Schriftsteller  aufgetreten  zu  sein.  Kriegs- 
wisseuschaftliche  Schriften  folgten  rasch.  Ein  uns  einzig  vollständig 
und  unverfälscht  durch  fremde  Zuthaten  erhaltenes  Werk  in  zwei 
Büchern  über  Wasserleitungen,  unter  Nerva  begonnen,  unter  Trajan 
etwa  im  Jahre  98  beendigt,  bildet  den  Schluss  seiner  schriftstelle- 
rischen Thätigkeit.  Für  die  Geschichte  der  Mathematik  bietet  es 
kaum  etwas  mit  Ausnahme  von  ziemlich  zahlreichen  Berechnungen 
von  Umfangen    von   Wasserleitungsröhren    aus    ihren    Durchmessern, 

bei  welchen   die  Verhältnisszahl    n  =  Sy    benutzt    ist,    so    weit    die 

römischen  Duodecimalbrüche,  mit  denen  allein  operirt  ist,  es  gestatten 
die  Verhältnisszahl  zu  erkennen.  Wenn  Frontinus  in  der  Vorrede 
zu  dieser  Schrift  sagt:  nachdem  Kaiser  Nerva  ihn  dem  sämmtlichen 
Wasserwesen  vorgesetzt  habe,  schreibe  er  dies  Büchlein  um  sich 
selbst  über  seine  Pflichten  klar  zu  werden,  es  könne  dann  möglicher- 
weise auch  seinen  Nachfolgern  im  Amte  sich  nützlich  erweisen;  was 
er  dagegen  früher  geschrieben,  habe  sich  stets  auf  Dinge  bezogen, 
mit  welchen  er  durch  lange  Uebung  vertraut  war,  und  sei  daher  der 
Hauptsache  nach  mit  Rücksicht  auf  die  Belehrung  seiner  Nachfolger 
entstanden,  so  sind  diese  Bemerkungen  reichlich  dazu  angethan  uns 
den  Verlust  des  feldmesserischen  Werkes  bedauern  zu  lassen.  Wir 
wissen  nur  aus  einer  Randbemerkung")  eines  Schreibers  vermuthlich 
zu  Anfang  des  XII.  S.,  dass  dieser  ein  Buch  des  Frontinus  gekannt 
hat,  in  welchem  Flächeninhalte  von  Vierecken  berechnet  wurden. 
Wir  wissen  ferner  von  einzelnen  Stellen  aus  jenem  feldmesserischen 
Werke  und  von  der  fast  wörtlichen  Wiederkehr  solcher   Stellen  in 

')  Agrimenaoren  S.  93  ügg.       '■')  Agrimensoren  S.  94  und  Anmerkung  186. 


Die  Blüthezeit  der  römisclieri  Geometrie.     Die  Agrimensoren.  513 

einem  berülimten  Buche  aus  dem  Anfange  des  XIII.  S.^),  welclie  die 
Vermuthung  erweckt,  gewisse  dort  beschriebene  mid,  wie  der  Ver- 
fasser sich  ausdrückt,  alten  Weisen  zu  verdankende  feldmesserische 
Operationen  möchten,  wiewohl  in  den  Fragmenten  des  Frontinus 
selbst  fehlend,  ursprünglich  von  ihm  beschrieben  worden  sein. 

Die  uns  erhaltenen  Bruchstücke  des  Frontinus  finden  sich  ver- 
einigt mit  anderen  für  die  Geschichte  der  Mathematik  hochwichtigen 
Fragmenten  in  einer  Sammelhandschrift,  welche  von  1566 — 1604  im 
Besitze  von  Johannes  Arcerius  in  Groningen  war  und  deshalb  von 
dem  nachfolgenden  Eigenthümer  Petrus  Scriverius  in  einer  Beschrei- 
bung aus  dem  Jahre  1607  den  Namen  der  arcerianischen  Hand- 
schrift erhielt,  als  welche  sie  heute  noch  bekannt  ist").  Sie  ist 
eine  der  ältesten  grösseren  Handschriften,  welche  man  überhaupt 
besitzt,  und  nach  dem  Urtheile  der  Fachgelehrten  nicht  später  als 
im  VIT.,  vielleicht  schon  im  VI.  S.  niedergeschrieben.  Man  nimmt 
an,  es  seien  um  das  Jahr  450  aus  älteren  Schriften,  sämmtlich  auf 
Gebietseintheilung,  Agrargesetzgebung  und  dergleichen  bezüglich, 
amtliche  Auszüge  veranstaltet  worden  als  rechtswissenschaftlich- 
statistisches  Nachschlagebuch  für  Verwaltungsbeamte  des  römischen 
Kaiserreichs,  und  eine  wieder  um  ein  oder  anderthalb  Jahrhundert 
jüngere  Abschrift  dieser  Sammlung  sei  als  Codex  Arcerianus  auf  uns 
gekommen,  die  sauber  und  schön  geschriebene  Arbeit  eines  vielleicht 
als  Beamter  sehr  brauchbaren  Mannes,  der  aber  von  Feldmessung 
wenig  oder  gar  nichts  verstand  und  daher  zu  den  Fehlern,  welche 
bereits  in  seiner  Vorlage  vorhanden  gewesen  sein  mögen,  noch  weitere 
nicht  seltene  eigene  Versehen  und  Schreibfehler  hinzufügte.  Man 
sieht,  dass  es  insofern  keine  sehr  reine  Quelle  ist,  aus  welcher  wir 
genöthigt  sind  unser  Wissen  zu  schöpfen.  Es  steht  keineswegs  fest, 
dass  die  verschiedenen  Bruchstücke  grade  von  den  Schriftstellern 
herrühren,  welchen  sie  zugeschrieben  sind;  es  steht  keineswegs  fest, 
wie  die  Namen,  welche  mitunter  in  mehrfachen  Schreibformen  vor- 
kommen, wirklich  gelautet  haben;  es  steht  keineswegs  fest,  wann  die 
Träger  dieser  Namen  gelebt  haben,  ob,  wie  man  aus  ihrer  Vereini- 
gung und  aus  manchen  anderen  Umständen  schliessen  möchte,  sie 
alle  etwa  der  Zeit  von  50  bis  150  angehören,  d.  h.  dem  Jahrhunderte, 
in  dessen  Mitte  Kaiser  Trajan  lebte,  unter  welchem,  wie  wir  uns 
wiederholt  erinnern  wollen,  Menelaus  von  Alexandria  in  Kom  seinen 
Aufenthalt  aufgeschlagen  hatte,  oder  ob  man  für  sie  zum  Theil  wesent- 
lich  späterer  Datirungen  bis  um  das  Jahr  400  sich  bedienen  muss. 

')  Agrimensoren  S.  179  ^^^.  über  Frontinus  und  Leonardo  von  Pisa. 
^)  Ueber  den  Codex  Arcerianus  der  Wolfenbüttler  Bibliothek  vergl.  Agri- 
mensoren S.  95. 

Cantob,  Geschichte  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  33 


514  26.  Kapitel. 

Inmitten  dieser  Zweifel  begnügen  wir  uns  die  Namen  der  Feld- 
messer Frontinus,  Hyginus,  Baibus,  Nipsus,  Epaphroditus, 
Vitruvius  Rufus,  die  als  Verfasser  kleinerer  oder  grösserer  Bruch- 
stücke^) genannt  sind,  anzugeben,  ferner  kurz  zu  berichten,  was  man 
von  den  Persönlichkeiten  des  Hyginus  und  des  Baibus  weiss,  und 
schliesslich  ein  Gesammtbild  der  in  jenen  Bruchstücken  enthaltenen 
mathematischen  Kenntnisse  zu  geben,  ohne  eine  genauere  Zeitbestim- 
mung daran  zu  knüpfen  als  diejenige,  dass  Alles  vorhanden  war,  als 
der  Schreiber  des  Codex  Arcerianus  es  zu  Papier  brachte. 

Der  Name  Hyginus  tritt  mehrfach  in  der  römischen  Literatur 
auf.  Hyginus,  ein  Zeitgenosse  des  Augustus,  hat  ein  astronomisches 
Werk  verfasst.  Ein  Militärschriftsteller  Hyginus  hat  über  die  Anlage 
von  Lagern  muthmasslich  zwischen  240  und  267  gehandelt"-^).  Von 
beiden  verschieden  ist  der  Feldmesser  Hyginus,  der  unter  Trajan 
lebte  und  ein  grösseres  feldmesserisches  Werk  wahrscheinlich  im 
Jahre  103,  im  Zwischenräume  zwischen  den  beiden  dacischen  Kriegen 
verfasste^). 

Auch  der  Name  Baibus  tritt  mehrfach  auf.  Wir  haben  einen 
Oberwegemeister  Baibus  aus  der  Zeit  des  Augustus  zu  nennen  gehabt, 
dem  die  Aufsicht  über  die  grosse  Reichsvermessung  übertragen  war. 
Der  Baibus,  von  welchem  uns  Bruchstücke  überliefert  sind,  gehört 
der  trajanischen  Zeit  an^).  Er  begleitete  den  Kaiser  auf  seinem  da- 
cischen Feldzuge,  und  nach  errungenem  Siege,  mithin  103  oder  wenn 
der  zweite  Feldzug  gemeint  war  spätestens  117,  nach  Hause  zurück- 
kehrend richtete  er  eine  feldmesserische  Schrift  an  einen  Celsus, 
welcher  nicht  genau  bekannt  ist,  aber  den  Worten  des  Baibus  ge- 
mäss eine  erste  Autorität  des  Ingenieurfaches  gewesen  sein  muss. 

Die  anderen  Namen  Marcus  Junius  Nipsus,  Epaphroditus, 
Vitruvius  Rufus  sind  ausser  in  Verbindung  mit  den  ihnen  zuge- 
schriebenen Bruchstücken  nicht  näher  bekannt.  Den  Erstgenannten, 
wahrscheinlich  einen  griechischen  Freigelassenen  eines  Römers  aus 
dem  Hause  der  Junier,  hat  man  gewichtige  Gründe  nicht  später  als 
in  das  H.  S.  zu  setzen.  Um  jene  Zeit  dürfte  nämlich  das  Geschlecht 
der  Junier  erloschen  sein,  um  jene  Zeit  wurde  es  auch  Sitte  vier, 
fünf,  sogar  sechs  Namen  nach   einander  zu  führen,   während   Marcus 


*)  Die  Bruchstücke  des  Epaphroditus  und  des  Vitruvius  Rufus  vergl.  Agri- 
mensoren;  alle  übrigen  s.  Römische  Feldmesser  I.  Uebersetzungen  wichtiger 
Theile  bei  E.  Stoeber,  Die  römischen  Grundvermessungen.  München,  1877. 
'')  H.  Droysen  im  Rhein.  Museum  für  Philologie  (1875)  XXX,  469.  ^)  Lach- 
mann in  Römische  Feldmesser  II,  139  und  Hultsch,  Scriptores  metrolocjici  II, 
Prolegomena  pag.  6.  ■*)  Römische  Feldmesser  I,  91,  93  und  II,  14ö  ügg. 
(Mommsen). 


Die  Blütliezeit  der  römischen  Geometrie.     Die  Agrimensoren.  515 

Junius  Nipsus  wie  in  giiter  alter  Zeit  nur  Pränomen,  Nomen  und 
Cognomen  erkennen  lässt. 

Fassen  wir  sämmtliche  Schriftsteller  des  Codex  Arcerianus  zu- 
sammen, so  lässt  sich  unschwer  bestätigen,  was  wir  schon  vorher 
behaupten  durften:  auch  diese  Feldmesser  sind  als  Schüler  des  Heron 
von  Alexandria  anzusehen,  daneben  vielleicht  noch  anderer  grie- 
chischer Schriftsteller;  auch  sie  bedienten  sich  des  andern  Buches 
von  Herons  Geometrie,  sei  es  im  Originale,  sei  es  in  einer  latei- 
nischen Uebersetzung,  deren  Vorhandensein  freilich  nur  daraus  er- 
schlossen ist,  dass  es  unwahrscheinlich  gefunden  wird,  dass  Feldmesser 
untergeordneten  Geistes  im  Stande  gewesen  sein  sollten  den  Urtext 
zu  verstehen.  Andrerseits  könnte  freilich  die  Art,  wie  der  Text 
dieser  Feldmesser  mit  dem  Herons  in  üebereinstimmung  tritt,  eine 
Uebereinstimmung,  die  mitunter  einem  Gegensatz  ähnelt,  zur  Ver- 
muthung  führen,  sie  hätten  ein  in  fremder  Sprache  geschriebenes 
Buch  miss verstanden,  oder  aber,  wenn  sie  selbst  griechischen  Stammes 
waren,  sie  hätten  sich  in  der  ihnen  fremden  lateinischen  Sprache 
nur  mangelhaft  auszudrücken  gewusst. 

Es  lassen  sich  bei  ihnen  allen  ähnlich  wie  bei  Heron  gewisse 
Hauptabschnitte  erkennen,  von  welchen  freilich  bei  dem  einen  Schrift- 
steller der  eine,  bei  dem  anderen  der  andere  bevorzugt  wird:  sie  werden 
gebildet  durch  Maassbestimmungen,  durch  geometrische  Definitionen, 
durch  praktisch  feldmesserische  Vorschriften,  durch  rechnende  Geo- 
metrie, wozu  noch  bei  Epaphroditus  und  Vitruvius  Rufus,  für  welche 
gemeinschaftlich  ein  grosseres  Bruchstück  durch  den  Schreiber  des 
Codex  Arcerianus  beansprucht  ist,  ein  Abschnitt  über  Vieleckszahlen 
und  Pyramidalzahlen  kommt,  wohl  einen  anderen  Ursprung  verrathend 
als  Heron,  in  dessen  Schriften,  wenigstens  so  weit  die  uns  erhaltenen 
Sammlungen  Aufschluss  geben,  derartiges  nicht  vorkam. 

Maassbestimmungen  und  Definitionen  waren  für  Jeden  noth- 
wendig,  der  ohne  Geometer  zu  sein  Geometrisches  lesen  wollte  oder 
musste.  Sie  hier  zu  treffen  kann  uns  daher  nicht  in  Erstaunen  setzen, 
und  wir  bemerken  nur,  weil  grade  die  Gelegenheit  sich  bietet,  dass 
ParallellLiiien  durch  lineae  ordinatae  übersetzt  sind^),  das  Wort, 
welches  viele  Jahrhunderte  später  für  die  einer  bestimmten  Richtung 
parallelen  Geraden  (Ordinaten)  in  Anwendung  blieb.  Dem  Charakter 
des  Verwaltungshandbuches  gemäss,  welchem  es  nicht  auf  die  Auf- 
findung von  Entfernungen,  nicht  einmal  auf  die  Ausmessung  von 
Grundstücken,  sondern  auf  die  Rechtsverhältnisse  schon  ausgemessener 
Felder   und    etwa    auf   die   Berechnuno-    ihres   Rauminhaltes    aus    ge- 


^)  Agrimensoren  S.  98. 

33^ 


516  26.  Kapitel. 

gebenen  Ausdelinimgen  zum  Zwecke  von  Versteuerung  und  dergleiclien 
ankam,  sind  die  Stücke  über  das,  was  wir  Feldmesskunst  nennen, 
am  kärglichsten  vertreten,  und  wir  wissen  aus  dem  Vorhandenen 
kaum  mehr,  als  dass  Entsprechendes  aus  der  Feder  eines  Frontinus, 
eines  Baibus,  eines  Celsus  einstmals  vorhanden  gewesen  sein  muss. 
Schon  um  dieser  wichtigen  Gemeinsamkeit  des  Inhaltes  willen  und 
wegen  des  vereinigten  Vorkommens  der  Bruchstücke  in  dem  mehr- 
genannten Codex  Arcerianus  wollen  wir  für  die  Verfasser  derselben 
uns  eines  häufig  benutzten  Sammelnamens  bedienen  und  sie  die 
Agrimensoren  nennen. 

Die  Schüler  des  Heron  erkennen  wir  in  ihnen  ferner  an  einer 
ziemlichen  Anzahl  von  Wörtern,  die  als  genaue  Uebersetzungen  er- 
scheinen^). Die  Scheitellinie  insbesondere  heisst,  wie  wir  uns  er- 
innern, bei  Heron  xoQvcp')],  bei  den  Agrimensoren  Vertex  oder  coranstus, 
letzteres  eine  offenbare  Verstümmelung  von  KOQvßros  (sc.  yga^^-^Y). 
Wird  in  einem  Dreiecke  eine  Senkrechte  aus  der  Spitze  auf  die  Grund- 
linie gefällt,  und  trifft  sie  dieselbe  zwischen  ihren  Endpunkten,  so 
bildet  sie  einen  Abschnitt,  der  bei  Heron  ccTiorofi')] ,  bei  den  Agrimen- 
soren praecisura  heisst.  Trifft  die  Senkrechte  jenseits  des  Endpunktes 
auf  die  Grundlinie,  so  entsteht  eine  Ueberragung,  bei  Heron  ixßXrj- 
Q£L6a,  bei  den  Agrimensoren  eiectura.  Wenn  die  Aufgabe  gestellt 
ist,  leitet  Heron  die  Auflösung  durch  die  Worte  noiei  ovrog,  die 
Agrimensoren  durch  sie  quaeres  ein,  häufig  abgekürzt  in  S.  Q.  Wenn 
Heron  das  rechtwinklige  Dreieck  oQQoycoviov,  die  dem  rechten  Winkel 
gegenüberliegende  Seite  vTiotsLvovöa,  einen  Schenkel  des  rechten 
Winkels  xdQBxogj  den  Flächeninhalt  s^ßadov,  die  Ausmessung  nach 
Füssen  7todi6(i6g  nennt,  so  schreibt  ein  Agrimensor  fast  die  gleichen 
Wörter  nur  mit  lateinischen  Buchstaben,  so  dass  sie  bei  ihm  horto- 
gonium,  Jiypotenusa,  chatetus,  emhadum,  pocUsmus  lauten. 

Gleichwie  bei  Heron  findet  sich  die  Berechnung  der  Fläche  des 
Dreiecks  aus  seinen  drei  Seiten.  Aufgaben  über  Dreiecke,  in  welchen 
eine  Höhe  gezogen  ist,  sind  geradezu  wörtlich  aus  Herons  Geometrie 
übersetzt.  Wie  bei  Heron  sind  rationale  rechtwinklige  Dreiecke  an- 
gegeben, ausgehend  von  ungraden  sowie  von  graden  Zahlen.  Die 
heronische  Berechnung  des  gleichseitigen  Dreiecks  findet  sich  zwar 
nicht  vollständig,  aber  doch  ist  dessen  Einwirkung  unverkennbar. 
Das  gleichseitige  Dreieck  von  der  Seite  30  habe,  heisst  es  nämlich, 
als  Quadrat  der   Seite   900,  als  Quadrat  der  halben   Seite   225,    als 


^)  Genauere  Beweisführung  des  hier  Behaupteten  in  unseren  „Agrimensoren". 
*)  Diese  Ableitung  wurde  1840  durch  Gottfried  Hermann  gegeben.  Vergl. 
Zeitscbr.  Math.  Phys.  XX.  Histor.-liter.  Abthlg.  S.  68. 


Die  Blüthezeit  der  römischen  Geometrie.     Die  Agrimensoren.  517 

Hölie  26  und  darin  liegt  eingeschlossen,  dass  nach  der  ilnsiclit  des 

Verfassers  26  =  ]/900  —  225  =  1/(375  ==  15)/3    sei,    also  V'd  =  ^| 

wie  bei  Heron.  Wir  bedürfen  wohl  nicht  einer  noch  genaueren  Be- 
weisführung für  die  Abhängigkeit  der  Agrimensoren  von  Heron  von 
Alexandria  und  wollen  vielmehr  auf  einige  Dinge  aufmerksam  machen, 
welche  in  unserem  Heron  nicht  ermittelbar,  doch  ohne  Zweifel  griechi- 
schen Ursprungs  gewesen  sein  müssen. 

Unter  dem  Namen  Nipsus  ist  die  Aufgabe  überliefert,  aus  der 
Fläche  A  und  der  Hypotenuse  h  eines  rechtwinkligen  Dreiecks  die 
Katheten  q   und  c.^   zu  finden.     Die  Auflösung  wendet  die  Formeln 

^1  +  <^2  =  V^^'  +  4A,  q  —  Co  ==  Vh^  —  4A  an.  Dabei  ist  dem 
Schreiber  das  Versehen  begegnet  bei  dem  Satze  „der  Podismus  der 
Hypotenuse  beträgt  25  Fuss"  das  wichtigere  Wort  Hypotenuse  zu 
vergessen  und  nur  zu  schreiben  „der  Podismus  beträgt  25  Fuss".  Wir 
werden  uns  diesen  interessanten  Schreibfehler  zu  merken  haben,  welcher 
uns  im  39.  Kapitel  dienen  wird,  im  Codex  Arcerianus  die  Quelle  eines 
Werkes  aus  dem  X.  S.  zu  erkennen. 

In  dem  als  von  Epaphroditus  und  Vitruvius  Rufus  herrührend 
bezeichneten  Bruchstücke  ist  der  Durchmesser  des  in  ein  recht- 
winkliges Dreieck  beschriebenen  Kreises  als  der  Rest  berechnet, 
welcher  bei  Abziehung  der  Hypotenuse  von  der  Summe  der  beiden 
Katheten  übrig  bleibt. 

Ebenda  wird  die  Oberfläche  von  Bergen  nach  einer  Näherungs- 
methode berechnet,  welche  derjenigen  nahe  verwandt  ist,  von  der 
(S.  457)  unter  dem  Namen  des  Patrikius  die  Rede  Avar,  welche  aber, 
da  sie,  wie  wir  dort  bemerkten,  fast  wahrscheinlicher  uralt  ist,  zur 
Datirimg  des  Epaphroditus  nichts  beitragen  kann,  auch  wenn  wir 
genau  wüssten,  welcher  Patrikius  in  der  betreffenden  Stelle  gemeint 
ist.  Die  Berechnung  erfolgt,  indem  das  arithmetische  Mittel  von  drei, 
ein  andermal  von  zwei  Kreisperipherieu  als  durchschnittlicher  Umfang 
des  Berges  das  eine  Mal  mit  dessen  Höhe,  das  andere  Mal  mit  der 
halben  Summe  zweier  an  Abhängen  von  verschiedener  Steilheit  zu 
messenden  Höhen  vervielfacht  wird. 

Wieder  in  einer  anderen  Aufgabe  ist  mit  Hilfe  eines  massiven 
gleichschenkligen  rechtwinkligen  Dreiecks,  längs  dessen  Hypotenuse 
man  bei  horizontaler  Lage  der  einen  Kathete  den  Gipfel  eines  Baumes 
einvisirt,  eine  der  vertikalen  Höhe  des  Baumes  gleiche  Entfernung 
von  seinem  Fusse  bestimmt,  die  alsdann  abgemessen  werden  kann 
und  somit  eine  Höhenmessung  liefert  ^ ;,  welche  von  der  Benutzung  des 


')  ut  sine  umbras  solis  et  lunae  mensuris' {Agrimensoren  S.  215,  lin.  8  —  9). 


518  26.  Kapitel. 

Schattens  absieht;  eine  Methode,  welche  sowohl  an  sich  bemerkens- 
werth  ist,  als  auch  dadurch,  dass  sie  durch  die  in  einem  Zwischen- 
satze hervorgehobene  Ausschliessung  der  Schattenbeobachtung  be- 
stätigt, dass  die  Höhenmessung  aus  dem  Schatten,  das  Verfahren 
also,  welches  man  bis  auf  Thaies  zurückzuführen  liebt,  die  Regel 
bildete. 

Am  merkwürdigsten  sind  einige  Paragraphe  des  gleichen  Frag- 
mentes, welche  mit  arithmetischen  Sätzen  sich  beschäftigen,  und  zwar 
merkwürdig  nach  zwei  Richtungen:  erstlich  dadurch,  dass  sie  er- 
kennen lassen,  was  Einzelne  in  Rom  aus  oflPenbar  griechischer  Quelle 
einmal  gewusst  haben,  zweitens  dadurch,  dass  sie  bezeugen,  wie 
spätestens  zur  Zeit  der  Abfassung  der  Sammlung,  welche  uns  als 
Quelle  dient,  die  Dinge  bereits  missverstanden  wurden.  Wir  haben 
(S.  345)  bei  Hypsikles  um  180  v.  Chr.  die  Definition  der  rten  mecks- 

zahl  kennen   gelernt  als  jj^«  =  1   +  (*^*  —  1)  +  (^*'*  —  3)  +  '  *  * 

_}_  (1  _|_  (r  _  i)(^,j  _  2)).      Wir    haben  (S.  454)    bei    Diophant   um 

300    n.   Chr.    vielleicht    allerdings    aus    früherer    Quelle    die    beiden 

^,  .  ,  p,  ,  .  r  [(m  -  2)  (2r  —  1)  -f  2]^  -  (m  -  4)'' 
Gleichungen    auttreten    sehen   »,„  =  '^^ ^ ^^ — -^~ 


1    [Vsim-2)p'^+im-Ay-2 


und  r  =y\ ..,       o h  1 


Diese  beiden  Formeln 


nun,  welche  bei  bekannter  Ordnung  m  einmal  die  Vieleckszahl  aus 
ihrem  oberen  Index  r,  das  andere  Mal  jenen  Index  r  aus  der  rten 
Vieleckszahl  ableitet,  kommen  in  unserem  Fragmente  vor,  zwar  nicht 
wie  bei  Diophant  als  in  Worte  gekleidete  allgemeine  Formeln,  aber 
in  ihrer  Anwendung  auf  die  Vieleckszahlen  aufeinanderfolgender 
Ordnung  von  der  Dreieckszahl  bis  zur  Zwölfeckszahl,  mit  zwei 
Rechenfehlem,    wo  es    um  Fünf-    und  Sechseckszahlen    sich    handelt. 

Dort  wäre  nämlich  richtig  j^s  =  — — ,  pe  = ^ ,  während  die 

irriger   Weise    statt   der  Subtraktionen   in    den   betreffenden  Zählern 

vorgenommenen    Additionen    die     falschen    Formeln    p'^  =  — - — , 

pl  = ^        hervorbrachten,   nach    welchen    gerechnet  ist.     Es  ist 

gewiss  berechtigt,  daraus  den  Schluss  zu  ziehen^),  dass  dabei  die 
allgemeinen  Wortformeln  den  Ausgangspunkt  bildeten,  denn  es  ist 
unendlich  viel  wahrscheinlicher,  dass  zwei  Fehler  mangelhafter  Sub- 
stitution vorkommen,  als  dass  bei  der  Einzelbetrachtung  der  aufein- 
ander folgenden  Vieleckszahlen  zwei  in  Rechenfehler  ausartende 
Schreibfehler  just  bei  niedrigem  Werthe  von  m  sich  hätten  ein- 
schleichen sollen. 

')  Agrimensoren  S.  126. 


Die  Blüthezeit  der  römischen  Geometrie.     Die  Agrimensoren.  519 

Auch  eine  merkwürdige  Formel  für  Pyramidalzahlen  lässt 
aus  den  Einzelfällen  sich  erkennen,  deren  Ableitung  freilich  nirgend 
gegeben  ist,  aber  nachträglich  sich  leicht  errathen  lässt,  ohne  irgend 
Kenntnisse  in  Anspruch  zu  nehmen,  welche  nicht  bei  den  Griechen 
sich  nachweisen  Hessen.  Nennt  man  die  Summe  der  r  ersten  »«ecks- 
zahlen  die  rte  ««eckige  Pyramidalzahl  und  schreibt  dafür  Fm,  so  ist 

die    Definitionsgleichung  P^  =  Pm  -\-  Pm  -\-  •  •  -  -\-  Pm-     Nun   nehmen 
wir  an,  es  sei  ausgehend  von  dem  bekannten  Satze 

«'-/3^  =  («  +  /3)-(«-^) 
die  Umformung  vorgenommen  worden: 

[(m  —  2)  (2r  —  1)  4-  2]-  —  (m  —  4)^ 
8(w  —  2) 

[(m  —  2)  (2r  —  1)  4-  2  +  (w  —  4)]  •  [(w  —  2)  (2r  —  1)  -f  2  —  (w  —  4)] 

8(m  —  2) 
(?M  —  2)  2r[(OT  —  2)  2r  +  8  —  2m]         m  —  2       ^         m  - 


r. 


8(m  —  2)  2  2 

Setzt  man  die  entsprechenden  Werthe  in  alle  Vieleckszahlen  von 
Pm  his  p'm  ein,  so  erhält  man 

K  =  '^  (1^  +  2^'  +  ..  +  r')  -  f^  (1  +  2  +  .  .  +  r). 

Aber  spätestens  zu  Archimeds  Zeiten  (S.  298 — 299)  war  bekannt 

l  +  2  +  ..  +  >-  =  'l^)  und  r^4-2--+--  +  >-'^  =  '^'  +  T''"^'^ 
wenn  auch  letzteres  noch  nicht  in  der  kurzen  Form,  deren  wir  uns 
bedienen.     Diese  Werthe  liefern 

-pr  _  m  —  2     r{r  -f  l)(2r  +  1)  m  —  4    r(r  +  1) 

beziehungsweise 

?•  +  1  r2  (m  —  2)    9         2  (m  —  4)  ,    m  —  2  m  —  4:       1 

=  *4^  [2K  +  r] 

und  dieser  letzteren  Formel  bedient  sich  der  römische  Schriftsteller. 
Ja  er  kennt  sogar    die    Summirung    der    r    ersten    Kubik- 

zahlen:  1^  +  2^4 1-  >'^  =  (''-^-"^1^.  Auch  hier  ist  die  Auf- 
findung des  Weges,  auf  welchem  ein  Grieche  zu  dieser  Formel  gelangen 
konnte,  mag  er  nun  geheissen  und  gelebt  haben  wie  und  wann  er 
wolle,  nicht  allzuschwierig.  Nikomachus,  sagten  wir  (S.  403),  habe 
um  100  u.  Chr.    die  Beziehung;    zwischen   den  Kubikzahlen  und  auf- 


520  26.  Kapitel. 

einanderfolgenden  ungeraden  Zahlen  erkannt,  welche  dahin  sich  aus- 
spricht, die  erste  Kubikzahl  sei  gleich  der  ersten  ungeraden  Zahl, 
die  zweite  gleich  der  Summe  der  zwei  darauf  folgenden  ungeraden 
Zahlen,  die  dritte  gleich  der  Summe  der  darauf  wieder  folgenden  drei 
ungeraden  Zahlen  u.  s.  w.  Ueber  sämmtliche  r  ersten  Kubikzahlen 
ausgedehnt    liefert    das    als    deren    Gresammtsumme    die    Summe    der 

\  -\-  2  -\-  ■  ■  -\-  r  ([.  h..  der         ^       auf  einander   folgenden  ungeraden 

Zahlen  von  der  1  anfangend.  Die  alten  Pythagoräer  wussten  aber 
schon   (S.  149),    dass    diese    das   Quadrat    ihrer  Anzahl    bilden.     Die 

Gesammtsumme  ist  mithin  1^  -\-  2'^  -\-  •  ■  -\-  r^  =  (  J~ — j  ,  und 
genau  so  rechnet  unser  Schriftsteller^). 

Diese  arithmetischen  Kenntnisse:  eine  Darstellung  der  Vielecks- 
zahl aus  ihrer  Seite,  der  Seite  aus  der  Vieleckszahl,  der  Pyramidal- 
zahl aus  Vieleckszahl  und  Seite,  endlich  die  Summirung  der  auf  ein- 
ander folgenden  Kubikzahlen  einem  griechischen  Schriftsteller  auch 
ohne  Beweis  entnommen  zu  haben,  würde  schon  ein  gewisses  mathe- 
matisches Verdienst  der  Männer  voraussetzen,  welche  es  verständniss- 
voll unternahmen  die  interessanten  Formeln  aufzubewahren.  Ob  wir 
aber  dem  Epaphroditus  und  Vitruvius  Rufus  das  Beiwort  des  Ver- 
ständnisses zuerkennen  dürfen?  Eine  Figur,  welche  in  den  Text  hinein- 
gerathen  ist,  lässt  daran  gerechte  Zweifel  entstehen. 

Figuren  finden  sich  auch  bei  griechischen  Arithmetikern,  wie 
wir  wissen,  zur  Versinnlichung  der  Vieleckszahlen,  ja  diese  Zahlen 
selbst  haben  von  Anfang  an  ihre  Namen  von  dieser  Versinnlichung 
her  bekommen,  und  so  wird  die  Quelle  unserer  Römer  mit  an  Ge- 
wissheit streifender  Wahrscheinlichkeit  die  Figuren  des  regelmässigen 
Fünfecks,  Sechsecks,  .  .  .  Zwölfecks  enthalten  haben,  welche  neben 
den  Formeln  übernommen  werden  durften,  wenn  nicht  mussten.  Aber 
bei  der  Ausrechnung  der  Achteckszahl  ist  nicht  bloss  das  regel- 
mässige Achteck,  es  ist  auch  in  einen  Kreis  eingezeichnet  die  Figur 
zweier  sich  symmetrisch  durchsetzender  Quadrate  vorhanden,  die  wir 
früher  um  einige  vom  Kreismittelpunkte  gezogene  Hilfslinien  ver- 
mehrt und  mit  einer  Buchstabenbezeichnung  einiger  Punkte  versehen 
kennen    gelernt    haben    (Figur    66).     Diese    Figur    ist    unter   keinen 


*)  Herr  P.  Tannery  hat  bemerkt,  dass  diese  Formel,  von  der  es  lange 
Zeit  unbeachtet  geblieben  war,  dass  sie  den  Alten  bekannt  gewesen,  doch  ina 
XVII.  S.  der  Aufmerksamkeit  Pascals  nicht  entging,  sonst  könnte  er  zu  Anfang 
seines  Aufsatzes  Potestatum  numericarum  sumnux  nicht  gesagt  haben:  Datis  ab 
unitate  quotcumque  numeris  continuis  invenire  summam  quadratorum  eorum  tra- 
diderunt  veteres;  imo  etiarn  et  summam  cuborum  erorimidem.  Oeuvres  de  Pascal. 
Paris  1872.     Vol.  111,  pag.  303, 


Die  Blütliezeit  der  römischen  Geometrie.     Die  Agrimensoren.  521 

IJmstäncleu  arithmetischeri  Charakters.  Sie  kaim  sich  nur  auf  die 
geometrische  Entstehung  des  regelmässigen  Achtecks  aus  dem  Qua- 
drate beziehen,  und  ihr  Vorkommen  bei  Epaphroditus  gewährt  unseren 
früher  (S.  373)  ausgesprochenen  Vermuthungen  über  die  Anwendung 
jener  Figur  eine  nicht  geringfügige  Unterstützung.  Wer  aber  die 
beiden  Figuren,  das  arithmetische  vmd  das  geometrische  Achteck, 
wenn  wir  so  sagen  dürfen,  um  unsere  Meinung  in  recht  scharfe 
sprachliche  Gegensätze  zu  kleiden,  neben  einander  abbildete,  der 
bewies  damit,  dass  er  die  arithmetische  Figur  nicht  verstand,  dass 
er  glaubte  beidemal  mit  geometrischen  Dingen  zu  thun  zu  haben. 
Wir  fürchten,  es  waren  jene  Römer,  welche  dem  Miss  Verständnisse 
unterlagen,  nnd  sollten  Epaphroditus  und  Vitruvius,  oder  wenigstens 
einer  derselben,  an  der  Vermengung  dieser  Dinge  unschuldig  sein  — 
die  Vermuthung  liegt  ja  nahe,  dass  von  jenen  beiden  Männern  der 
eine  eine  geometrische,  der  andere  eine  arithmetische  Schrift  verfasste, 
aus  welchen  nur  ein  Auszug  vorliegt,  dessen  Blätter  einigermassen 
durcheinandergekommen  sind  —  so  hat  jedenfalls  der  Schreiber  des 
Codex  Arcerianus  unter  dem  Banne  der  vermengenden  Verwechslung 
gestanden.  Lässt  sich  doch  schon  zum  voraus,  und  ohne  des  uns 
triftig  erscheinenden  Beweisgrundes  der  beiden  Achtecke  sich  zu  be- 
dienen, die  Behauptung  aussprechen,  Arithmetisches  als  solches  habe 
in  der  Sammlung  eines  Verwaltungsbeamten  keinen  Platz  gefunden. 
Es  konnte  sich  dort  überhaupt  nur  einschleichen,  wenn  man  wähnte, 
es  handle  sich  um  Geometrisches,  also  nicht  um  Vieleckszahlen, 
sondern  um  den  Flächeninhalt  regelmässiger  Vielecke,  und  bei  den 
Pyramidalzahlen,  bei  den  Kubikzahleu,  welche  dort  vorkommen,  mag 
der  Schreiber  sich  wohl  gar  nichts  gedacht  haben.  Diese  Behaup- 
tungen finden  auch  ihre  Bestätigung  in  den  vielen  bei  den  arith- 
metischen Sätzen  auftretenden  Schreibfehlern. 

Fassen  wir  also  das  bisher  Gewonnene  zusammen,  so  wird  das 
Ergebniss  sich  gestalten  wie  folgt:  Die  Römer  sind,  wenn  sie  auch 
eine  uralte  Feldmesskunst  besassen  und  des  Rechnens  zum  täglichen 
Gebrauche  nicht  entbehren  konnten,  zur  Mathematik  schlecht  genug 
veranlagt  gewesen.  Ein  bis  anderthalb  Jahrhunderte  lang,  von  Cäsar 
bis  nach  Trajan  etwa,  war  eine  verhältnissmässige  Blüthezeit  römischer 
Geometrie  und  vielleicht  auch  römischer  Arithmetik,  beide  auf  grie- 
chische Quellen  zurückgehend,  unter  welchen  sich  jedenfalls  das 
sogenannte  andere  Buch  der  Geometrie  des  Heron  von  Alexandria 
befand.  Allmälig  jedoch  verschwand  sogar  das  Verständniss  des  da- 
mals ins  Lateinische  Uebersetzten. 


522  27.  Kapitel. 

27.  Kapitel. 
Die  spätere  mathematisclie  Literatur  der  Römer. 

Die  Behauptung,  dass  die  Römer  iii  den  Zeiten  Cäsars  bis 
Trajans  aucli  arithmetischer  und  damit  bei  den  Griechen  schon  enge 
verbundener  algebraischer  Leistungen  bis  zu  einem  gewissen  Grade 
fähig  waren,  ist  ausser  aus  dem  Bruchstücke  des  Codex  Arcerianus, 
welches  wir  zu  diesem  Zwecke  verwandt  haben,  auch  aus  den  Rechts- 
quellen  zu  bestätigen. 

Zinszahlungen,  also  auch  Zinsberechnungen  sind  bei  den 
Römern  ungemein  alt,  so  dass  von  anderen  Erleichterungen  über- 
bürdeter Schuldner  abgesehen  schon  im  Jahre  342  v.  Chr.  die  freilich 
nicht  eingehaltene  Lex  Genucia  gegen  jede  Zinsverleihung  Gesetzes- 
kraft gewann.  Noch  zu  Ciceros  Zeit  war  48  Procent  nichts  Un- 
erhörtes, und  unter  den  Kaisern  wurde  ein  Zinsfuss  von  25  Procent 
für  ausnahmsweise  massig  gehalten.  Dichterstellen,  besonders  bei 
Horaz  beweisen,  dass  das  Ziusrechnen  zu  den  täglich  nothwendigeu 
und  darum  immer  geübten  Kenntnissen  gehörte^).  Auch  eine  ent- 
sprechende Verminderung  für  vorzeitigen  Genuss  eines  erst  später 
zu  erlangenden  Besitzes,  das  sogenannte  Interusurium  oder  die 
Repräsentation,  wie  der  Römer  sagte,  ist  alt,  wenn  auch  die 
Grösse  der  Verminderung  imd  die  Regeln,  nach  welchen  sie  abge- 
schätzt wurde,  weit  entfernt  davon  sind,  im  Klaren  zu  sein.  Ulpiau, 
der  am  Ende  des  II.  und  Anfang  des  III.  S.  n.  Chr.  lebte,  stellte 
bereits  Berechnungen  ähnlicher  Art  unter  Voraussetzung  einer  wahr- 
scheinlichen Lebensdauer  an^),  allerdings  wieder  ohne  dass  wir  eine 
Ahnung  haben,  wie  jene  wahrscheinliche  Lebensdauer  gewonnen  wurde. 

Zu  anderen  Rechnungsaufgaben  gab  das  Erbrecht  der  Römer, 
gaben  die  vielfach  ungemein  verzwickten  letztwilligen  Verfügungen 
Anlass,  die  gradezu  Regel  bei  ihnen  waren.  Im  Jahre  40  v.  Chr. 
stellte  die  Lex  Falcidia  fest,  dass  dem  eigentlichen  Erben  mindestens 
ein  Viertel  des  hinterlassenen  Vermögens  verbleiben  musste.  Waren 
also  Vermächtnisse  im  Gesammtbetrage  von  mehr  als  Dreiviertel  des 
Vermögens  testamentarisch  verheissen,  so  mussten  diese  mittels  einer 
Gesellschaftsrechnung  herabgemmdert  werden,  so  dass  die  sogenannte 
fa leidische  Quart  nicht  angegriffen  wurde. 

Ein  für  die  Geschichte  der  Mathematik  in  seiner  Eigenthüm- 
lichkeit,    welche   eine  Uebertragung  von  einem  Werke  zum    anderen 

')  Hultsch  im  Jahrbuch  für  classische  Philologie  1889.  S.  335  —  343. 
*)  Ad  legem  Faleidiam  XXXV,  2,  68. 


Die  spätere  mathematische  Literatur  der  Römer.  523 

sichert,  höclist  bedeutsamer  Fall  ist  der  eiues  Erblassers,  der  seine 
Wittwe  in  schwangerem  Zustande  hinterlässt  und  Bestimmungen  für 
die  beiden  Möglichkeiten  getroffen  hat,  dass  sie  einem  Knaben  oder 
einem  Mädchen  das  Leben  schenkt,  während  der  thatsächlich  ein- 
treffende Fall,  dass  Zwillinge,  und  zwar  Zwillinge  von  verschiedenem 
Geschlechte,  geboren  werden,  nicht  vorgesehen  war.  Ein  daran  sich 
knüpfender  Rechtsstreit  ist  durch  Salvianus  Julianus ^),  einen 
Juristen,  der  unter  den  Kaisern  Hadrian  und  Antouinus  Pius  wirkte, 
berichtet;  ein  zweiter  verwandter  Fall  kommt  bei  Cäcilius  Afri- 
canus"),  ein  dritter  bei  Julius  Paulus^),  einem  glänzenden  Ju- 
risten des  III.  S.  vor,  der  unter  Kaiser  Alexander  Severus  der  römischen 
Rechtswissenschaft  zur  Zierde  gereichte.  Die  älteste  Entscheidung 
des  Julianus  lautet  folgeudermassen:  „Wenn  der  Erblasser  so  schrieb: 

2 
Wenn  mir  ein  Sohn  geboren  wird,  so  soll  dieser  auf  —  meines  Ver- 
mögens, meine  Frau  aber  auf  die  übrigen  Theile  Erbe  sein-,  wird  mir 
aber  eine   Tochter    geboren  werden,    so   soll    diese    auf       ,    auf   das 

Uebrige  aber  meine  Frau  Erbe  sein,  und  ihm  nun  ein  Sohn  und 
eine  Tochter  geboren  wurden,  so  muss  man  das  Ganze  in  7  Theile 
theilen,  so  dass  von  diesen  der  Sohn  4,  die  Frau  2  und  die  Tochter 
1  Theil  erhält.  Denn  auf  diese  Weise  wird  nach  dem  Willen  des 
Erblassers  der  Sohn  noch  einmal  so  viel  erhalten  als  die  Frau,  und 
die  Frau  noch  einmal  so  viel  als  die  Tochter,  Denn  obgleich  nach 
den  Bestimmungen  des  Rechtes  ein  solches  Testament  umgestossen 
werden  sollte,  so  verfiel  man  doch  aus  rein  vernünftigen  Gründen 
auf  die  genannte  Entscheidung,  da  ja  nach  dem  Willen  des  Erblassers 
immer  die  Frau  etwas  erhalten  soll^),  mag  ihm  ein  Sohn  oder  eine 
Tochter  geboren  werden.  Auch  Juventius  Celsus  stimmt  hiermit 
vollkommen  überein."  Dieser  letztere  Jurist,  auf  welchen  Julianus 
sich  bezieht,  der  die  Aufgabe  also  jedenfalls  kannte,  lebte  unter 
Trajan  um  das  Jahr  100  n.  Chr.,  war  also  sicherlich  ein  Zeitgenosse 
jenes  Celsus,  an  welchen,  wie  wir  uns  erinnern,  Baibus  sein  feld- 
messerisches Werk  gerichtet  hatte.  Unmöglich  erscheint  es  daher 
nicht,  dass  diese  beiden  Persönlichkeiten  mit  Namen  Celsus  in  eine 
verschwimmen  müssten,  dass  der  gelehrte  Jurist  Celsus  auch  Inge- 
nieur  gewesen,   auch  in  der  Geometrie   als  Schriftsteller  aufgetreten 


^)  Lex  13  principio.  Digestorum  lib.  XXVIII,  tit.  2.  ^)  Lex  47,  §  1. 
Bigestorum  lib.  XXVIII,  tit.  5.  ^)  Lex  81  principio.  Digestorum  lib.  XXVIII, 
tit.  5.  *)  Wäre  nämlich  das  Testament  umgestossen  und  somit  als  nicht  vor- 
handen zu  betrachten,  so  würden  nach  römischem  Rechte  die  Kinder  allein  ge- 
erbt haben,  die  Wittwe  aber  leer  ausgegangen  sein. 


524  27.  Kapitel. 

wäre,  dass  von  iliui  auch  jene  Erbtheilungsaufgabe  herrührte,  welche 
eben  so  gut  in  einem  mathematischen  Buche  als  in  einer  Sammlung 
von  Rechtsföllen  einen  Platz  einnehmen  konnte. 

Zeitgenosse  des  Julianus  um  die  Mitte  des  IL  S.  war  ein 
Schriftsteller,  der  uns  gleichfalls  für  das  unter  den  Antoninen  noch 
vorhandene  Interesse  au  arithmetischen  Dingen  Bürge  ist.  Ap pu- 
le ius,  geboren  zu  Madaura,  einer  blühenden  Kolonie  an  der  Grenze 
Numidiens  gegen  Gätulien  hin,  machte  seine  Studien  vornehmlich  zu 
Athen,  begab  sich  aber  alsdann  zu  weiterer  Ausbildung  auf  grössere 
Reisen.  Von  schönschriftstellerischer  Seite  ist  er  als  Verfasser  eines 
witzigen  Romans  bekannt.  Aber  auch  als  mathematischer  Schrift- 
steller ist  er  aufgetreten.  Cassiodor^)  im  zweiten  Drittel  des  VI., 
Isidor  von  Sevilla^)  am  Anfang  des  VII.  S.  bezeugen  ausdrücklich, 
die  Arithmetik  des  Nikomachus  sei  erstmalig  durch  Appuleius,  dann 
zum  zweiten  Male  durch  Boethius  ins  Lateinische  übertragen  worden. 
Unmittelbare  Ueberreste  der  Bearbeitung  durch  Appuleius  sind  nicht 
erhalten,  so  dass  ein  Urtheil  darüber  nicht  gefällt  werden  kann,  in 
wie  weit  die  Behauptung,  Appuleius  habe  auch  Rechenbeispiele  in 
grösserer  Anzahl  gelehrt,  nur  auf  einem  Missverständnisse  beruht, 
indem  die  betreffenden  Gewährsmänner  seine  Arithmetik  gleichfalls 
nur  vom  Hörensagen  kannten  und  aus  dem  Titel  ihre  falschen 
Schlüsse  zogen,  oder  aber  Wahrheit  ist.  Im  XV.  und  XVI.  S.  wurde 
mit  Sicherheit  an  die  Wahrheit  geglaubt.  Ein  Rechenbuch,  algo- 
rithmus  linealis  genannt,  aus  jener  Zeit,  der  Erlanger  Universitäts- 
bibliothek angehörig,  beginnt  ausdrücklich  mit  den  Worten:  „Um  die 
vielen  Irrthümer  der  Kaufleute  und  die  Schwierigkeiten  des  andern 
Theiles  der  Arithmetik  zu  vermeiden,  ist  bei  Appuleius,  dem  in  allen 
Wissenschaften  hocherfahrenen  Manne,  eine  andere  Anschauung  dieser 
Kunst  erfunden,  welche  ebenso  viel  berühmter  als  leichter  und  den 
Geisteskräften  eines  Jeden  angepasster  ist  als  die  erste;  bei  uns 
heisst  sie  Rechnung  auf  den  Linien"'').  Ein  1540  in  Paris  anonym 
erschienenes  Rechenlehrbuch  sagt:  „Die  ganze  Kraft  dieser  Disciplin 
ruht  in  den  Beispielen  der  Addition  und  Subtraktion;  wer  das  ganze 
Kapitel  vollauf  kennen  lernen  will,  der  lese  den  Appuleius,  welcher 
zuerst  den  Römern  diese  Dinge  beleuchtete"'^).  Es  hält  so  be- 
stimmten Aeusserungen  gegenüber  schwer,  des  Glaubens  sich  zu  er- 
wehren, dass,  wer  so  sprach,  die  Schrift  des  Appuleius  selbst  vor 
Augen  gehabt  habe.     Nicht  minder  schwer  freilich  fällt  die  Annahme, 

^)  Cassioclor,  Opera  (ed.  Garet).  Venedig,  1729,  Bd.  II,  pag.  555, 
col.  2,  lin.  14  V.  u.  ^)  Isidor  Hispalensis^  Origincs  Lib.  III,  Cap.  2. 
^)  Friedlein,  Zahlzeichen  und  elementares  Rechnen  u.  s.  w.  S.  48.  *)  Math. 
Beitr.  Kulturl.  Anmerkung  351. 


Die  spätere  mathematisclie  Literatur  der  Römer.  525 

Appuleius  habe  die  Arithmetik  des  Nikomachus,  die  wir  im  Origi- 
nale wie  in  der  Bearbeitung  des  Boetbius  zur  Genüge  kennen,  so 
selbständig  oder  unter  Zuziehung  anderer  Quellenschriften  behandelt, 
dass  er  Reehenbeispiele  einfügen  konnte.  Oder  sollen  wir  annehmen, 
Nikomachus  habe  neben  der  Arithmetik  ein  ganz  verschollenes 
Rechenbuch  verfasst?  Auf  dieses  beziehe  sich  der  Ausspruch  Lucians: 
Du  rechnest  wie  Nikomachus?  Dieses  habe  Appuleius  übersetzt,  und 
das  Missverständniss  rühre  von  Cassiodor  und  dem  ihn  ausschreiben- 
den Isidor  her,  welche  die  Uebersetzungen  zweier  verschiedener 
Werke  des  Nikomachus  ins  Lateinische  vermengten?  Wir  fühlen 
wohl,  wie  viele  Gründe  sich  auch  dieser  Annahme  entgegenthürmen, 
wollten  aber  keinesfalls  versäumen,  jede  der  verschiedenen  Möglich- 
keiten jene  Aeusserungen  später  Zeit  zu  erklären  anzuführen.  Unter- 
stützend für  unsere  Annahme  ist  jene  Berufung  des  Nikomachus  auf 
eine  von  ihm  verfasste  Einleitung  in  die  Geometrie  (S.  404). 
Es  ist  uns  wenigstens  gar  nicht  undenkbar,  dass  diese  einen  wesent- 
lich rechnenden  Charakter  hatte.  War  doch  seit  Herons  rechnender 
Geometrie  grade  eine  diese  Vorkenntnisse  umfassende  Einleitung 
Bedürfniss  geworden,  während  zu  einer  wahrhaft  geometrischen  Ein- 
leitung in  die  Geometrie  Anlass  kaum  vorhanden  war. 

Auch  auf  geometrischem  Gebiete  ist  die  wenn  nicht  selbst- 
schöpferische doch  an  Uebertragungen  griechischer  Schriftsteller  sich 
übende  Thätigkeit  der  Römer  keineswegs  mit  den  Zeiten  Trajans 
abgeschlossen.  Neben  den  im  Codex  Arceriauus  vereinigten,  Avie  wir 
sahen,  um  die  Mitte  des  V.  S.  schon  zusammengestellten  vielleicht 
zum  Theil  später  als  Trajan,  sogar  später  als  Diophant  zu  datirenden 
Stücken  ist  uns  ein  sehr  bedeutsames  Fragment  aus  dem  IV.  S.  er- 
halten, welches  zeigt,  dass  nicht  bloss  der  „Heron"  der  Praktiker, 
sondern  auch  der  „Euklid"  der  Theoretiker  der  römischen  Sprache 
mächtige  Liebhaber  besass.  Dieses  Fragment^),  auf  welches  zuerst 
1820  hingewiesen  worden  ist,  und  welches  seitdem  unausgesetzt  die 
Aufmerksamkeit  philologischer  Forscher  in  Spannung  erhielt,  gehört 
der  unteren  Schrift  eines  Palimpsestes  an,  der  in  der  Kapitelbibliothek 
zu  Verona  früher  unter  der  Nummer  38,  jetzt  unter  der  Nummer  40 
aufbewahrt  wird.  Die  jüngere  dem  IX.  S.  angehörende  Schrift  ent- 
hält einen  Theil  der  „Moralischen  Betrachtungen  zum  Buch  Hiob" 
vom  Papst  Gregor  dem  Grossen   (f  G04).     Die   darunter    erkennbare 


*)  Vergl.  die  von  Nie  buh  r  1820  in  Rom  herausgegebenen  Bruchstücke 
der  Reden  Ciceros  für  Fonteius  und  Rabirius  pag.  20.  Blume,  Iter  Italicmn 
I,  263.  Keil  auf  pag.  XI  der  Vorrede  zu  seiner  Ausgabe  des  Probus.  Reif  f  er - 
scheid,  Sitzungsber.  d.  philol.  Abthlg.  der  Wiener  Akademie  XLIX,  59. 
Mommsen,  Abhdlg.  der  Berliner  Akademie  1868,  S.  153,  156,  158. 


526  27.  Kapitel. 

ältere  Schrift  stammt  uacli  dem  Dafürlialten  aller  neueren  Sach- 
kundigen unter  Beachtung  aller  Merkmale  der  Schrift  wie  der  Sprache, 
welche  zur  Entscheidung  beitragen  können,  aus  dem  IV.  S.  Kaum 
mit  blossem  Auge  erkennbar,  gab  sie  mühevollster  Entzifferung  ihren 
Inhalt  kund.  Es  sind  Bruchstücke  des  Yergilius,  des  Livius  und 
Geometrisches,  welche  im  IX.  S.  würdig  schienen  theologisch -mora- 
lischen Betrachtungen  den  Platz  zu  räumen.  Das  geometrische  Frag- 
ment^) gibt  sich  selbst  als  dem  XIV.  und  XV.  Buche  des  Euklid 
entstammend  an.  Seine  Nummerirung  ist  aber  keineswegs  mit  der 
gebräuchlichen  gleichlaufend.  Als  XIV.,  als  XV.  Buch  der  eukli- 
dischen Elemente  bezeichnet  man  bekanntlich  (S.  342  und  468)  jene 
von  mindestens  zwei  verschiedenen  Schriftstellern  herrührenden  stereo- 
metrischen Abhandlungen,  welche,  man  weiss  nicht  recht  wie  und 
wann,  an  die  dreizehn  Bücher  der  Elemente  angehängt  worden  sind. 
Diesen  Abhandlungen  gleicht  das  lateinische  Bruchstück  nicht  im 
geringsten.  Ohne  Satz  für  Satz  und  Figur  für  Figur  mit  dem  grie- 
chischen Euklidtexte  zur  Deckung  gebracht  werden  zu  können,  ist 
es  doch  unter  allen  Umständen  den  echt  euklidischen  mit  Stereo- 
metrie sich  beschäftigenden  Büchern,  dem  XII.  und  XIII.  Buche 
unserer  griechischen  Texte  entnommen.  Es  ist  entweder  Auszug, 
oder  Uebersetzung  eines  Auszuges,  jedenfalls  Arbeitsexemplar  des 
Unbekannten,  von  welchem  es  herrührt,  wie  der  Entzifferer  mit 
grossem  Scharfsinne  aus  der  Thatsache  geschlossen  hat,  dass  einzelne 
Wörter  durchstrichen  und  durch  anders  lautende  Synonyma  ersetzt 
sind.  Das  kann  selbstverständlich  nur  auf  den  Schriftsteller,  be- 
ziehungsweise den  Uebersetzer  selbst  zurückgeführt  werden,  und  zwar 
in  einer  Zeit,  in  welcher  seine  Arbeit  noch  in  Vorbereitung,  noch 
nicht  abgeschlossen  war. 

Die  andere  Seite  unserer  zum  Schlüsse  des  vorigen  Kapitels 
ausgesprochenen  Behauptung,  dass  das  Verständniss  der  aus  Griechen- 
land überkommenen  mathematischen  Kenntnisse  der  Römer  mehr  und 
mehr  schwand,  findet  gleichfalls  Bestätigung,  wenn  wir  die  Magerkeit 
uns  betrachten,  zu  welcher  im  Laufe  der  Jahrhunderte  die  römische 
Mathematik  zusammenschrumpfte. 

Theodosius  Macrobius,  ein  vielleicht  aus  Afrika  stammender 
Schriftsteller,  von  welchem  uns  Commentare  erhalten  sind^),  die  um 

')  Der  Entzifferer,  Prof.  W.  Studemund,  hat  längst  eine  Herausgabe  zu- 
gesagt. Er  ist  leider  gestorben,  obne  seine  Zusage  erfüllt  zu  haben.  Unser 
Bericht  entstammt  den  mündlichen  Mittheilungen,  welche  er  so  freundlich  war, 
unter  Vorzeigung  seines  vorbereiteten  Materials  uns  zu  machen,  und  deren  Ver- 
öffentlichung er  uns  gestattet  hat.  ^)  Macrobius,  Opera  (ed.  v.  Jan),  Quedlin- 
burg und  Leipzig,  1848  —  52. 


Die  spätere  mathematisclie  Literatur  der  Römer.  527 

400   entstanden  sein  dürften,    und  in  welchen  liier  und  da    zerstreut 
auch   einige  mathematische  Erläuterungen  vorkommen,  ist  noch  bei 
weitem  der   dürftigste   nicht.     Wir  denken  auch  nicht  au   den  kurz 
vor    oder   nach    457    entstandenen    Calculus    des  Victor ius,    dessen 
Nothwendigkeit  wir   oben  (S.  495)   eingesehen  haben,    begründet  in 
der  Schwierigkeit  mit  den  römischen  Duodecimalbrüchen  Rechnungen 
auszuführen.     Wir    denken   zunächst   an  Martianus   Mineus  Felix 
Capella.     Er  war   in   der   ersten  Hälfte    des  V.  S.  in  Karthaso  sfe- 
boren  und  stieg  bis    zur  Würde    eines    römischen  Proconsuls   empor. 
Er   hat    uns    ein    aus    neun    Büchern    bestehendes    encyklopädisches 
Werk,  welches  den  Gesammtnamen  Satira  führt,  hinterlassen^),  dessen 
Entstehung  etwa  auf  das  Jahr  470  fällt.     Die  beiden    ersten  Bücher 
führen  den  besonderen  Titel  der  Vermählungsfeier  der  Philologie  mit 
Merkur  und    stellen  ein    kleines  Ganzes   dar,    eine  Art  von   philoso- 
phischem und  allegorischem  Romane,  der  als  Einleitung   dient.     Zur 
Vermählung    erscheinen    alsdann  die    sieben  Wissenschaften,    welche, 
um    den  Ausspruch  Quintilianus   zu    benutzen,    den  Kreis    der    freien 
Lehre  ausmachen').     Es   sind    dieselben  freien  Künste,    in    derselben 
Reihenfolge,  wie  wir  sie  durch  Varros  Werk  kennen,  dessen  Einthei- 
lung    uns    wenigstens    erhalten    blieb    (S.   507).     Jede  Wissenschaft 
bringt  ihr  Symbol  mit.     Nach  der  Grammatik,  der  Dialektik  und  der 
Rhetorik  tritt  die  Geometrie  auf.     Sie  hat  den  mit  blauem  Sande  be- 
streuten Abacus  in  Händen^),   auf  welchen  also  diesmal  die  Figuren 
gezeichnet  werden    sollen,    mit    welchen  die   Geometrie    sich    abgibt. 
Freilich  eine  sonderbare  Geometrie,   deren   räumlicher  Hauptbestand- 
theil    in    geographischen    Begriffen,    in    einer    Aufzählung    historisch 
interessanter  Orte,  deren  Gründer  zugleich  genannt  werden,   aufgeht. 
Dann  kommen  Definitionen  von  Linien,  Figuren,  Körpern,   dann  die 
nothwendigsten  Forderungen,  Alles  nach  Euklid  und  unter  Benutzung 
der    griechischen  Benennungen.     Sind    aber  die  Vorbereitungen    erst 
so  weit  getroffen,   dass  die  Göttin  auf  dem  Abacus  eine  grade  Linie 
zieht  und   die  Frage    stellt:    Wie    lässt    sich    über    einer    gegebenen 
Strecke  ein   gleichseitiges  Dreieck   errichten,   da  erkennen   sofort  die 
in  dichtem  Haufen  sie  umstehenden  Philosophen,  sie  wolle  den  ersten 
Satz  der   euklidischen  Elemente   bilden,  brechen  in  lautes  Klatschen 
und  Hochrufen  auf  Euklid  aus  .  .  .'^)  und  das  VI.  Buch  und  mit  ihm 


^)  Martiani  Capellae  De  nuptiis  philologiae  et  Mereurii  de  Septem  artibus 
liberalibus  librilX  (ed.  Ulr.  Kopp).  Frankfurt  a.  M.,  1836.  ^)  Quintilianus  I, 
10,  1.  *)  Hyalini  pulveris  respersione  coloratam  mensulam.  *)  Quo  diclo  cum 
plures  philosophi,  qui  undiquesecus  constipato  agmine  consistebant,  primum  Eucli- 
dis  theorema  formare  eam  velle  cognoscerent,  confestim  acciamare  Euclidi  plaude- 
reque  coeperunt. 


528  27.  Kapitel. 

die  Geometrie  ist  zu  Ende.  Von  Feldmessung,  von  rechnender  Greo- 
metrie  mit  einem  Worte  von  Heroniscliem  ist  in  keiner  Weise  die 
Rede.  Im  VII.  Buche  macht  die  Arithmetik  ihre  Aufwartung  mit 
ihren  Fingern  die  Zahl  717  darstellend,  durch  welche  sie  den  Gott 
der  Götter  hegrüsst.  Wir  haben  dieses  Zeugniss  für  die  auch  damals 
bekannte  Fingerrechnung  (S.  491)  anrufen  dürfen.  Wir  fügen  hinzu, 
dass  Pallas  auf  die  Frage  der  Philosophie,  was  jene  Zahl  zu  bedeuten 
habe?  erwidert:  die  Arithmetik  grüsse  Jupiter  mit  seinem  eigenen 
Namen.  Diese  Stelle  ist  jedenfalls  richtig  dahin  erklärt  worden, 
Jupiter  sei  der  Anfang  der  Dinge  und  rj  KQirj  stelle  durch  den 
Zahlenwerth  der  Buchstaben  8  +  1+100  +  600  +  8  die  Zahl  717 
vor.  Auch  Pythagoras  ist  bei  den  der  Vermählung  wegen  ver- 
sammelten Gästen  und  tritt  nun  näher  hinzu,  er,  der  bisher  bei  den 
Zeichnungen  auf  dem  Abacus  als  Zuschauer  gestanden  hatte.  Der 
kundige  Leser  ist  durch  die  symbolische  Begrüssung,  durch  das  per- 
sönliche Auftreten  des  Pythagoras  zur  Genüge  auf  das  vorbereitet, 
was  er  im  VII.  Buche  nun  entwickelt  finden  wird:  eine  wesentlich 
pythagoräische  Arithmetik  nach  dem  Muster  des  Nikomachus,  wie 
sie  den  Römern,  wenn  nicht  schon  seit  Appuleius,  jedenfalls  seit 
Plotinus  unter  ihnen  gelebt  hatte,  geläufiger  geworden  war,  wie  sie 
jetzt  in  einer  Zeit,  während  welcher  mancher  von  den  tonangebenden 
vornehmsten  Römern  zu  den  Füssen  des  Proklus  in  den  Vorlesungs- 
räumen von  Athen  gesessen  hatte,  gewiss  auf  Verständniss  zählen 
durfte.  Wir  sind  mit  der  Bemerkung,  dass  diese  Erwartung  nicht 
getäuscht  wird,  einer  genaueren  Berichterstattung  über  das  VII.  Buch 
überhoben.  Wir  machen  nur  auf  die  negativ  eigenthümliche  Er- 
scheinung aufmerksam,  dass  der  vieleckigeu  Zahlen,  die  bei  Niko- 
machus eine  so  wichtige  Rolle  spielen,  kaum  gedacht  ist.  Wohl 
heisst  es,  die  Ebene  habe  verschiedene  Gestaltungen,  nach  welchen 
die  Zahlen  geordnet  werden  können^),  aber  nach  einer  arithmetisch 
vernünftigen  Ausführung  dieses  Gedankens  fahndet  man  vergeblich. 
Es  kann  unsere  Aufgabe  nicht  sein  zu  erörtern,  wie  viel  oder  wie 
wenig  im  VIII.  Buche  der  Astronomie,  im  IX.  Buche  der  Musik  in 
den  Mund  gelegt  wird.  Wir  sind  von  der  Mühe  befreit  die  Geschichte 
auch  dieser  Wissenschaften  zu  verfolgen,  und  ohne  irgend  welchen 
Zwang  der  Durchforschung  wird  man  die  schwülstigen  und  zugleich 
langweiligen  Auseinandersetzungen  des  Martianus  Capella  sich  lieber 
schenken. 

In  die  Blüthezeit  des  eben  besprochenen  Schriftstellers  etwa  auf 


')  Ipsa  autem  2>ici''nities  varias  formas  habet,  numeris  ad  simiUtudincm  figu- 
rarum  ordinatis. 


Die  spätere  mathematische  Literatur  der  Römer.  529 

475  fällt  die  Geburt  eines  anderen  Mannes,  zu  welchem  wir  uns  nun 
zu  wenden  haben,  Magnus  Aurelius  Cassiodorius  Senator^). 
Er  war  im  südlichen  Italien  in  Bruttien  geboren,  unweit  von  Scyl- 
lacium,  an  einer  von  Naturschönheiten  so  reich  erfüllten  Stelle,  dass 
er  sie  später  von  allen  aussuchte,  sein  Leben  dort  zu  beschliessen. 
Noch  in  sehr  jugendlichem  Alter  von  kaum  20  Jahren  trat  er  in 
den  Staatsdienst,  frühstens  im  Herbst  500"),  zu  einer  Zeit,  wo  Theo- 
dorich eben  den  gothischeu  Staat  in  Italien  gegründet  hatte,  und  zu 
diesem  Fürsten  trat  Cassiodorius  in  die  Stellung  eines  Geheim- 
schreibers, äusserlich  genommen  Theodorichs  Dolmetscher,  in  Wirk- 
lichkeit sein  einflussreicher  Rathgeber.  Die  vielseitigen,  wenn  auch 
nicht  überall  tiefen  Kentnisse  des  Ministers  —  als  solchen  dürfen 
wir  ihn  vielleicht  bezeichnen  —  machten  ihn  dem  Könige  unent- 
behrlich, sowohl  in  den  Geschäften  der  Regierung,  als  in  den  ver- 
schiedensten Privatbeziehungen,  und  erst  der  Tod  Theodorichs  526 
löste  das  Band,  welches  Gewohnheit  und  gegenseitige  Zuneigung 
um  beide  Männer  geschlungen  hatte.  Auch  unter  den  Nach- 
folgern Theodorichs  blieb  Cassiodorius,  so  verhasst  ihm  Persönlich- 
keiten und  einzelne  Handlungen  oft  sein  mochten,  der  gothischen 
Sache  getreu,  um  von  dem  Staatsbaue  seines  königlichen  Freundes 
zu  retten,  was  noch  zu  retten  war.  Man  besitzt  Staats  Schriften  von 
538,  die  Cassiodorius  unterzeichnet  hat.  Am  Hofe  erlebte  er  noch 
den  Ausbruch  des  Krieges  gegen  die  Byzantiner,  und  erst  540  etwa, 
nachdem  Ravenna  schon  in  Belisars  Händen  war,  zog  Cassiodorius 
sich  in  das  von  ihm  selbst  gestiftete  Kloster  in  seiner  Heimath  zu- 
rück, dort  eine  reiche  literarische  Thätigkeit  zu  entfalten.  Cassio- 
dorius war  einer  der  ersten,  welche  dem  Beispiele  folgend,  das 
Benedict  von  Nursia  in  seinem  529  zu  Monte  Casino  bei  Neapel 
gestifteten  Kloster  so  segensreich  aufstellte,  dem  klösterlichen  Leben 
einen  anderen  Inhalt  als  den  der  blossen  Zurückgezogenheit  und 
Beschaulichkeit  gaben.  Eine  Bibliothek  entstand,  lernende  und 
forschende  Thätigkeit  entfaltete  sich.  Ein  stärkerer  Gegensatz  als 
der  gegen  die  Kulturentwickelung  im  byzantinischen  Reiche  ist  kaum 
denkbar.  Dort  befinden  Religion  und  Wissenschaft  sich  in  fast  fort- 
währendem Kampfe,  bei  welchem  die  weltliche  Macht  meist  auf  Seite 


*)  A.  Thorbecke,  Cassiodorus  Senator.  (Heidelberger  Lyceumsprogramm 
von  1867.)  Die  Lesart  Cassiodorius  hat  Usener,  Änecdoton  JSolderi  (Fest- 
schrift zur  32.  Philologenversammlung.  Wiesbaden,  1877),  S.  16,  wie  wir  glauben, 
sicher  gestellt.  *)  Nach  Usener  1.  c.  S.  70  datirt  sich  der  erste  bekannte 
Brief  des  Cassiodorius  von  501.  Dafür,  dass  Cassiodorius  damals  noch  am  An- 
fange der  zwanziger  Jahre  gestanden  haben  muss,  vergl.  Thorbecke  S.  7 — 10, 
Usener  S.  4. 

Cantoe,  Geschichte  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  34 


530  27.  Kapitel. 

der  Kirche  steht  (S.  469).  Hier  ist  das  Kloster,  also  eine  Gründung 
religiösen,  wenn  nicht  kirchlichen  Ursprunges,  Stätte  der  Wissenschaft 
und  bleibt  es,  so  lange  die  Regel  des  heiligen  Benedict  allein  die 
Ordensbrüder  beherrscht.  Das  Theologische  stand  naturgemäss  oben- 
an, aber  auch  die  weltlichen  Wissenschaften,  als  nützliche  Vorberei- 
tungsschule zu  Höherem,  wurden  keineswegs  vernachlässigt.  Tag 
und  Nacht  wurden  von  emsigen  Händen  in  schönen  Zügen  Schriften 
von  mitunter  zweifelhaftem  mitunter  wirklichem  Werthe  zu  Perga- 
ment gebracht.  Preist  doch  Cassiodor  im  30.  Kapitel  seines  Buches 
De  insütiiüonc  divinarum  Uterarum  das  Bücherabschreiben  als  die  ver- 
dienstlichste körperliche  Arbeit  in  begeisterten  Worten,  hat  er  doch 
Lampen  eigener  Art  für  die  Nachtarbeit  erfunden,  Sonnen-  und 
Wasseruhren  aufgestellt,  um  Zeit  und  Thätigkeit  zu  ordnen.  Dass 
er  aber  im  Fleisse  sich  von  keinem  seiner  Untergeordneten  über- 
treffen liess,  beweist  neben  anderen  Schriften  eine  Abhandlung  über 
Orthographie,  welche  er  bereits  93  Jahre  alt  noch  verfasst  hat.  Es 
ist  anzunehmen,  dass  diese  seine  letzte  Arbeit  war  und  dass  er  um 
570  gestorben  ist.  Cassiodorius  hat  12  Bücher  Briefe^)  hinterlassen, 
aus  welchen  auch  für  die  Geschichte  der  Mathematik  unterschied- 
liche Notizen  gewonnen  worden  sind.  Theils  sind  es  unveränderte 
Abschriften  früherer  staatlicher  oder  privater  Schreiben,  welche 
Cassiodor  für  Theodorich  zu  fertigen  hatte,  theils  neue  Redaktionen 
solcher  Schreiben,  in  wenig  angenehmer  Weise  durch  Schwulst  und 
Ueberladung  ausgezeichnet,  welche  dem  VI.  S.  im  Allgemeinen,  welche 
aber  vorzugsweise  unserem  Schriftsteller  eigenthümlich  sind. 

Von  seinen  übrigen  Werken  nennen  wir  eine  kurzgefasste  Ency- 
klopüdie,  De  arÜhus  ac  disciplinis  liberaUum  Uterarum,  welche  in  ähn- 
lichen 7  Abtheilungen,  wie  wir  sie  bei  Martianus  Capeila  theil weise 
zu  schildern  hatten,  die  Wissenschaften  behandelt.  Die  Eintheilung 
in  7  Wissenschaften  war  für  Cassiodorius  geradezu  verführerisch. 
Er  besass  eine  im  letzten  Grunde  muthmasslich  den  Ausläufern  des 
Neuplatonismus  entstammende  Verehrung  für  heilige  Zahlen'-^).  Er 
hatte  die  Zwölfzahl  der  Bücher  seiner  Briefe  nur  um  der  zahlreichen 
Vergleichspunkte  willen  gewählt;  er  witterte,  wie  sein  Psalmencom- 
mentar  beweist,  hinter  der  Ordnungszahl  eines  jeden  Psalmen  tiefere 
Beziehungen;  so  war  ihm  die  Zahl  7  der  Wissenschaften  Symbol 
der  Ewigkeit.  Die  Reihenfolge  hat  Cassiodorius  gegen  Varro  und 
Martianus  Capella  geändert.  Ihm  folgen  jetzt  Grammatik,  Rhetorik, 
Dialektik,  Arithmetik,  Musik,  Geometrie,  Astronomie  auf  einander. 
Ein  weiterer  einigermassen  wesentlicher  Unterschied  gegen  Martianus 


')  Variarum  (epistolarum)  libri  XJl.     '^)  Thor b ecke  1.  c.  S.  52. 


Die  spätere  mathematisclie  Literatur  der  Römer.  531 

Oapella  besteht  darin,  dass  bei  diesem  die  griechischen  Wortformen 
theil weise  sogar  in  griechischen  Schriftzügen  vorherrschen,  während 
Cassiodorius  hier  mit  mitunter  recht  ungeschickten  Uebersetzungen  als 
lateinischer  Sprachreiniger  auftritt.  Er  beabsichtigt  nicht  das  Ausführ- 
liche dieser  Wissenschaften  zu  lehren.  Er  will  vielmehr  die  Schrift- 
steller der  Griechen  und  Römer  bezeichnen,  bei  welchen  man  sich 
mit  den  einleitenden  Kenntnissen  versehen  ausführlicher  unterrichten 
könne  ^).  So  ist  es  gewissermassen  entschuldigt,  wenn  Arithmetik 
und  Geometrie,  auf  die  wir  wieder  allein  unser  Augenmerk  richten, 
noch  mehr  zu  einer  blossen  Sammlung  von  Definitionen  geworden 
sind.  Seinem  Versprechen  getreu  empfiehlt  er  Pythagoras,  Niko- 
machus  und  die  Uebersetzer  des  letzteren  Appuleius  mid  Boethius, 
aus  deren  Schriften,  wie  man  sage  —  nt  aiimt  —  nlan  sich  mit  den 
klarsten  Anschauungen  durchdringen  könne,  eine  Ausdrucks  weise, 
welche  in  Zweifel  setzt,  ob  er  selbst  diese  Schriften  kannte  und  so- 
mit dem,  was  wir  über  eine  mögliche  Vermengung  verschiedener 
durch  Appuleius  und  Boethius  übersetzten  Schriften  (S.  525)  an- 
deuteten, nicht  im  Wege  steht.  Dem  Abschnitte  über  Geometrie  fügt 
er  bei,  in  dieser  Wissenschaft  seien  bei  den  Griechen  Euklid,  Apollo- 
nius,  Archimed  und  andere  annehmbare  Schriftsteller  aufgetreten,  von 
welchen  Euklid  durch  denselben  grossartigen  Mann  Boethius  in  die 
römische  Sprache  übertragen  worden  sei,  ex  quibus  Euclidem  translatum 
in  Romanam  lingiiam  ideni  vir  tnagnificus  Boethius  declit.  Für  die  Musik 
wird  auf  die  Griechen  Euklid,  Ptolemäus  und  so  weiter,  in  lateinischer 
Sprache  auf  Appuleius  von  Madaura  verwiesen.  Aus  dem  astronomischen 
Abschnitt  endlich  erwähnen  wir  der  Empfehlung  der  Schriften  von 
Ptolemäus.  Der  Name  des  Boethius  kommt  in  diesen  beiden  letzten 
Abschnitten  nicht  vor,  einer  lateinischen  Uebersetzung  des  Ptolemäus 
ist  überhaupt  nicht  gedacht. 

Wir"  verweilen  etwas  länger,  als  der  Gegenstand  und  die  ency- 
klopädische  Behandlung  desselben  es  eigentlich  verdienen,  bei  Cassio- 
dorius und  seiner  Wissenschaftslehre,  um  zugleich  ein  Bild  mönchi- 
schen gelehrten  Treibens  zu  entwerfen,  wie  es  von  diesem  Zeitpunkte 
an  uns  jeden  Augenblick  wieder  begegnen  wird.  Diesem  Bilde  würde 
ein  nicht  unwesentlicher  Strich  fehlen,  und  uns  zugleich  die  Gelegen- 
heit entgehen,  hier  schon  eines  regelmässigen  Arbeitsstofifes  mittel- 
alterlicher Gelehrten  zu  gedenken,  wenn  wir  nicht  noch  über  einen 
ganz  kurzen  Aufsatz  redeten,  der  unter  den  Werken  des  Cassiodorius 


^)  Nee  illucl  qtioque  tacebimus  quibus  aiidoribus  tarn  Graecis  quam  Latvds, 
quae  dicimus,  exposita  claruerunt:  ut  qui  studiose  legere  voluerit,  quibusdam  com- 
pendiis  introductus,  lucidius  Majorum  dicta  percipiat. 

34* 


532  27.  Kapitel. 

abgedruckt  worden  ist.     Wir   meinen   einen  Computus  paschalis  vom 
Jahre  562. 

Man  hat  Einsprache  dagegen  erhoben,  dass  diese  Oster- 
rechnung von  Cassiodor  herrühren  könne.  In  der  Vorrede  zur 
Abhandlung  über  Orthographie,  welche  Cassiodorius,  wie  wir  schon 
sagten,  mit  93  Jahren  schrieb,  sind  die  Schriften  desselben  aufge- 
zählt, und  unter  diesen  ist  kein  Computus  enthalten.  Sollte  derselbe 
daher  später  geschrieben  sein,  etwa  im  94.  Lebensjahre,  so  müsste 
durch  Rückwärtsrechnung  Cassiodor  im  Jahre  500  bei  seiner  ersten 
Anstellung  mindestens  32  Jahre  alt  gewesen  sein  im  Widerspruch 
gegen  die  früher  angeführte  wohlbegründete  Annahme,  er  habe  da- 
mals am  Anfange  der  zwanziger  Jahre  gestanden.  Diesen  Wider- 
spruch zu  heben  und  zugleich  den  Computus  für  Cassiodor  zu  retten 
hat  man  die  Vermuthimg  ausgesprochen,  dieses  Schriftstück  sei  be- 
reits mehrere  Jahre  vor  der  Abhandlung  über  Orthographie  ent- 
standen und  um  seiner  geringfügigen  Ausdehnung  willen  in  dem  ge- 
nannten Verzeichnisse  eigener  Schriften  ausgelassen  worden.  Sei 
dem  nun,  wie  da  wolle,  sicher  ist,  dass  im  Jahre  562  ein  Computus 
paschalis  möglicherweise  durch  Cassiodor  verfasst  wurde,  wie  wir 
auch  schon  (S.  495)  gelegentlich  gesehen  haben,  dass  Victorius  von 
Aquitanien  457  eine  solche  Anleitung  zur  Auffindung  des  richtigen 
Ostertages  schrieb^). 

Solche  theologisch- chronologische  Abhandlungen  waren  wesent- 
lich durch  das  auf  dem  Concilium  von  Nicäa,  325,  ergangene 
Verbot  der  mit  den  Juden  gleichzeitigen  Feier  des  Osterfestes  her- 
vorgerufen worden.  Das  Passahfest,  d.  h.  das  Fest  der  Verschonung, 
womit  die  Verschonuug  von  den  Plagen  in  Aegypten  gemeint  war, 
fand  bei  den  Juden  stets  vom  14.  bis  zum  21.  des  Monats  Nisan 
statt,  und  zwar  wurde  dieser  IVfönat  dem  Mondjahre  der  jüdischen 
Zeitrechnung  gemäss  immer  so  durch  periodisch  eingeschobene 
Schaltmonate  bestimmt,  dass  der  14.  auf  die  Frühlingstagundnacht- 
gleiche fiel.  Das  christliche  Osterfest  mit  seiner  ganz  anderen  Be- 
deutung war  zunächst  auf  dem  althergebrachten  Datum  des  14.  Nisan 
verblieben.  Erst  das  nicäanische  Concil  fasste,  wie  gesagt,  diese 
Zeitbestimmung  als  ketzerisch  auf,  und  man  verfolgte  die,  welche 
bei  den  alten  Ostertagen  blieben,  als  Quatuordecimani  oder  Tessares- 
kaidekasiten.  Ostern  solle  von  den  strenggläubigen  Bekennern  der 
christlichen  Religion  stets  am  Sonntage  nach  dem  ersten  Vollmonde 
seit   der   Frühlingstagundnachtgleiche    gefeiert    werden,    niemals    an 

^)  Ueber  den  Computus  des  Victorius  vergl.  L.  Ideler,  Handbuch  der 
mathematischen  und  technischen  Chronologie  II,  275 — 284. 


Die  spätere  mathematische  Literatur  der  Römer.  533 

diesem  Tage  selbst,  aucli  nicht  wemi  der  Vollmond  auf  die  Frühlings- 
tagunduachtgleiche  und  diese  auf  einen  Sonntag  fiel;  dann  musste 
der  folgende  Sonntag  als  Ostersonntag  gewählt  werden,  damit  das 
Zusammentreffen  mit  dem  Passahfest  unter  allen  umständen  ver- 
mieden blieb.  Es  kam  also  darauf  an,  den  Tag  der  Frühlingstag- 
undnachtgleiche  im  Sonnenjahre,  den  des  nächsten  Vollmondes  im 
Mondjahre  genau  zu  kennen,  beziehungsweise  eine  Ausgleichung 
zwischen  dem  Sonnen-  und  Mondjahre  zu  treffen,  welche  auf  gewissen 
Cyklen  beruhte,  in  welchen  beide  Jahresgattungen  genau  enthalten 
waren.  Das  nicäanische  Concil  nahm  an:  19  Sonnenjahre  seien  genau 
235    Mondsmonate.     Damit    war    ein    Irrthum    verbunden,    da    nach 

strenger  Rechnung  zu  den  235  Mondsmonaten  noch  etwa  1—  Stunden 

hinzuzufügen  sind.  Die  Nothwendigkeit  anderer  genauerer  Cyklen 
wurde  eingesehen,  und  nach  Auffindung  solcher  Gleichungen  zwischen 
Sonnen-  und  Mondzeit  die  Berechnung  des  Ostertages  für  jedes  Jahr 
vorzunehmen,  die  sogenannte  goldene  Zahl,  die  Epacte  zu  finden^), 
zu  finden  ob  das  Jahr  Schaltjahr  sei  oder  nicht  und  dergleichen,  das 
ist  der  algebraisch  ziemlich  dürftige  Inhalt  derjenigen  Schriften, 
welche  sämmtlich  den  gleichen  Titel  des  Computus  pascJialis  führen. 
Unter  den  von  Cassiodorius  zum  genaueren  Studium  empfohlenen 
Schriftstellern  ist  uns  wiederholt  der  Name  des  Boethius  erschienen. 
Anicius  Manlius  Severinus  Boethius")  stammte  aus  einer  der 
reichsten  und  berühmtesten  Patricierfamilien  Roms,  deren  Mitglieder 
längst  gewohnt  waren,  hohe  Staatsstellen  zu  bekleiden,  aber  auch 
den  Wechsel  der  Schicksale  durch  fürstliche  Ungnade  zu  empfinden. 
Er  war  zwischen  480  und  482  etwa  geboren^)  und  verlor  kurz  da- 
rauf seinen  Vater,  so  dass  seine  Erziehung  von  Fremden  geleitet 
werden  musste.  Wahrscheinlich  und  zum  Glück  für  die  geistige 
Ausbildung  des  begabten  Jünglings  wurde  er  der  Sorge  des  Patriciers 
Symmachus*)  anvertraut,  der  vollständig  geeignet  war  Vaterstelle 
an  ihm  zu  vertreten.  Später  wurden  aus  den  Beziehungen  beider 
enge  Familienbande,  indem  Boethius  die  Tochter  des  Symmachus 
heirathete.  Boethius  war  schon  Lehrer  in  dem  Alter,  wo  andere  zu 
lernen  pflegen'').     König  Theodorich  forderte  in  einem  selbstverständ- 


')  Ideler,  Handbuch  der  mathematischen  und  technischen  Chronologie  II, 
239  und  häufiger.  F.  J.  Brockmann,  System  der  Chronologie  (Stuttgart,  1883), 
Kap.  IV.  Die  christliche  Osterrechnung.  *)  Usener,  Anecdoton  Holderi  pag. 
37—66.  Aeltere  Quellen  sind  benutzt  in  Math.  Beitr.  Kulturl.  S.  176—230. 
^)  Usener  pag.  40.  ■*)  Ueber  Symmachus  vergl.  Usener  pag.  17  —  37. 
^)  Ennodius  sagt  von  ihm:  Boethius  patricius,  in  quo  vioo  discendi  armos 
respicis  et  intelligis  peritium  sufßcere  tum  docendi. 


534  2'^-  Kapitel. 

Hell  durch  Cassiodor  geschriebenen  und  in  dessen  Briefsammlung 
uns  aufbewahrten  Briefe  ihn  auf,  auch  für  den  Burgunderköuig  Gun- 
dobad  eine  Wasser-  und  Sonnenuhr  zu  besorgen.  Im  Jahre  507 
entbrannte  Krieg  zwischen  Theodorich  und  Gundobad.  ■  Jener  ein 
freundliches  Verhältniss  beider  voraussetzende  Brief  kann  demnach 
nicht  später  als  506  geschrieben  sein^).  Wir  werden  aus  jenem 
Briefe  nachher  noch  entnehmen,  welche  schriftstellerische  Thätigkeit 
als  üebersetzer  aus  dem  Griechischen  Boethius  damals  schon  ent- 
faltet hatte.  Fürs  Erste  ist  er  uns  ein  Zeugniss  für  das  Ansehen, 
in  welchem  Boethius  bei  dem  Könige  stand,  und  dieses  ebenso  wie 
das  des  Symmachus  wuchs  beständig.  Allein  mit  der  steigenden  Be- 
deutung des  Boethius  stieg  auch  sein  eifriges  Bemühen  die  Freiheit 
und  das  Ansehen  des  römischen  Senates  wieder  herzustellen,  wodurch 
er  den  Höflingen,  die  schon  lange  neidisch  auf  ihn  waren,  Gelegen- 
heit gab  ihn  beim  Könige  zu  verdächtigen.  Untergeschobene  Briefe 
mussten  die  Ansicht  begründen  helfen,  als  habe  Boethius  aus  Ehr- 
geiz sich  zum  Verrathe  verleiten  lassen.  Schuldig  befunden,  weil 
man  ihn  schuldig  wollte,  wurde  er  seines  Vermögens  beraubt,  seiner 
Würden  entsetzt  und  wahrscheinlich  nach  Pavia,  dem  damaligen 
Ticinum,  verwiesen.  Dort  wurde  er  wenigstens  nach  längerer  Ge- 
fangenschaft enthauptet,  vermuthlich  524,  der  Kirchensage  nach  am 
23.  Oktober,  welcher  zu  Pavia,  Brescia  und  an  anderen  Orten  wohl 
schon  seit  dem  YIII.  S.  als  Tag  des  heiligen  Boethius  gefeiert  wurde. 
Symmachus  konnte  seinem  Schmerze  über  den  gewaltsamen  Tod 
seines  Schwiegersohnes  nicht  gebieten.  Seine  Aeusserungen  darüber, 
denen  es  an  berechtigter  Schärfe  nicht  gefehlt  haben  mag,  wurden 
dem  Könige  hinterbracht,  der  sie  ebenso  ahndete  wie  das  ange- 
nommene Verbrechen^dessen,  dem  die  Klagen  des  Symmachus  galten. 
Symmachus  wurde  in  Fesseln  nach  Ravenna  gebracht  und  im  Gefäng- 
nisse getödtet.  Auch  dafür  gibt  die  Sage  einen  bestimmten  Tag, 
den  8.  Mai.  Theodorich  folgte  seinen  Opfern,  deren  Geister  sein 
zerrüttetes  Nervensystem  ihm  unaufhörlich  vor  die  Augen  zauberte, 
noch  526  nach.  Wie  viel  theologische  Streitigkeiten  zwischen  dem 
formell  rechtgläubigen  Boethius  und  dem  arianischen  Hofe  Theodo- 
richs zu  der  Entwicklung  beigetragen  haben  mögen,  ist  unklar.  Dass 
Boethius  die  ihm  eine  Zeit  lang  abgesprochenen  theologischen  Schriften 
wirklich  verfasst  hat,  dürfte  nach  Auffindung  eines  Zeugnisses  des 
Cassiodor    nicht    länger    zweifelhaft    erscheinen"-).     Ein    Widerspruch 


')  Usener  pag.  39.  ^)  Usener  pag.  48  —  59  über  die  theologischen 
Schriften  des  Boethius,  namentlich  auch  über  deren  scheinbaren  Widerspruch 
gegen  die  Bücher  De  consolatione. 


Die  spätere  mathematische  Literatur  der  Römer.  535 

gegen  das  Werk  „über  die  Tröstungen  der  Philosophie",  welches 
Boethius  im  Gefängnisse  zu  seiner  eigenen  Geistesberuhigung  ver- 
fasste,  ist  nur  scheinbar,  keinesfalls  so  gross,  um  Boethius  nicht  als 
möglichen  Verfasser  auch  der  theologischen  Abhandlungen  erkennen 
zu  lassen.  Die  Geistesrichtung  des  Boethius,  der  an  griechischen 
Schriftstellern  sich  durchweg  gebildet  hatte,  war,  trotz  formaler 
Strenggläubigkeit  im  Christenthum,  eine  dem  Heidnischen  nicht  ab- 
geneigte, und  überdies  lehnt  sich  jenes  Werk  der  Tröstungen  an 
griechische  Vorbilder  an,  an  Schriften  von  Aristoteles  verquickt  mit 
spätplatonischen  Commentatoren.  Man  muss  sich  ganz  im  Allgemeinen 
wohl  davor  hüten  bei  Boethius  viele  eigene  Gedanken  zu  suchen, 
oder  aus  der  Hochschätzung  der  Zeitgenossen  und  der  Nachkommen 
eine  zu  grosse  Meinung  von  der  Bedeutung  des  Mannes  sich  zu 
machen,  dessen  Uebersetzungsarbeiten  selbst  nicht  auf  die  Höhe 
ihrer  Aufgabe  gelangt  sind,  und  der  darum  noch  lange  kein  Riese 
war,  weim  er  Zwerge  überragte.  Ob  die  Regel  der  Combinationeu 
zu  je  zweien  aus  beliebig  vielen  Elementen,  man  soll  die  Hälfte  des 
Produktes  der  Elementenzahl  in  ihre  um  1  verminderte  Anzahl 
nehmen,  von  Boethius  selbst  herrührt,  wissen  wir  nicht.  Er  hat  sie 
im  fünften  Buche  seiner  Commentaria  in  Porphyrium  ausgesprochen^). 

Uns  interessiren  namentlich  diejenigen  Uebersetzungen ,  welche 
Boethius,  wie  wir  gesehen  haben,  in  seinem  24.  Lebensjahre  schon 
vollendet  haben  muss.  In  jenem  Briefe  des  Theodorich  an  Boethius"') 
heisst  es:  ,Jn  Deinen  Uebertragungen  wird  die  Musik  des  Pythagoras, 
die  Astronomie  des  Ptolemäus  lateinisch  gelesen.  Nikomachus  der 
Arithmetiker,  der  Geometer  Euklid  werden  von  den  Ausoniern  gehört. 
Plato  der  Forscher  göttlicher  Dinge,  Aristoteles  der  Logiker  streiten 
in  der  Sprache  des  Quirinals.  Auch  Archimed  den  Mechaniker  hast 
Du  lateinisch  den  Sikulern  zurückgegeben,  und  welche  Wissenschaften 
und  Künste  auch  das  fruchtbare  Griechenland  durch  irgend  welche 
Männer  erzeugte,  Rom  empfing  sie  in  vaterländischer  Sprache  durch 
Deine  einzige  Vermittlung."  Vorzugsweise  Wichtigkeit  besitzen  für 
uns  von  diesen  Uebersetzungen  die  der  Arithmetik  und  Geometrie; 
daneben  kann  die  der  Musik,  der  Astronomie,  der  Mechanik  uns  ge- 
legentliche Notizen  liefern,  die  sich  vielleicht  werthvoll  erweisen. 

Von  den  mechanischen  Schriften  nach  Archimed  ist  uns  freilich 
ausserhalb  der  hier  angeführten  Briefstelle  keinerlei  Erwähnung 
bekannt. 

Was  die  Astronomie  und  Musik  betrifft,  die  Boethius  lateinisch 

')  Heiberg  im  Philologus  XLIII,  475 — 476.  Die  Stelle  findet  sich  in  der 
Baseler  Folioausgabe  der  Werke  des  Boethius  von  1570  auf  pag.  104  und  105. 
^)  Cassiodorius,   Varia  I,  45. 


536  27.  Kapitel. 

schrieb,  so  erirmern  wir  daran,  dass  von  iliuen  in  der  Encyklopädie 
des  Cassiodorius  keine  Rede  ist.  Doch  ist  für  die  Astronomie 
wenigstens  mehr  als  ein  späteres  Zeugniss  vorhanden.  Wir  werden 
später  sehen,  dass  Gerbert  in  einem  entweder  982  oder  985  ge- 
schriebenen Briefe  aus  Mantua  seine  Freude  darüber  kundgibt,  dass 
er  acht  Bücher  gefunden  habe:  Boethius  über  Astronomie,  über  Geo- 
metrie und  anderes  nicht  weniger  Bewundernswerthes  ^).  Aber  auch 
noch  1515  war  die  Astronomie  nach  aller  Wahrscheinlichkeit  vor- 
handen, wenigstens  beruft  sich  ein  in  jenem  Jahre  zu  Augsburg  ge- 
drucktes Buch  auf  deren  Benutzung'-). 

Dafür  dass  Boethius  eine  Arithmetik  und  eine  Geometrie  schrieb, 
ist  das  unabwendbarste  Zeichen  vor  allen  Dingen  die  Encyklopädie 
des  Cassiodorius.  Dieser  konnte  nicht  auf  beide  Werke  und  am  be- 
stimmtesten auf  die  Geometrie  verweisen,  wenn  sie  nicht  vorhanden 
waren.  Die  Ausflucht,  mit  welcher  man  wohl  gegen  die  ältere  Brief- 
stelle Misstrauen  zu  erregen  gesucht  hat,  Cassiodorius  habe  Schriften, 
die  schon  verfasst  waren,  aber  auch  solche  genannt,  welche  noch  zu 
erwarten  waren,  hat  keine  Wirksamkeit  für  die  Zeit,  als  Cassiodorius 
ins  Kloster  zurückgezogen  seine  Encyklopädie  schrieb.  Boethius  war 
damals  längst  todt.  Von  ihm  Hess  sich  nichts  mehr  erwarten.  Von 
einem  „vermeintlichen"  Faktum^)  kann  aber  bei  so  ausdrücklicher 
Verweisung  desjenigen,  der  sich  genauer  unterrichten  wollte,  auf  die 
genannten  Bücher  unmöglich  die  Rede  sein.  Ein  gewissenhafter, 
pünktlicher  Lehrer  —  und  pünktlich  war  Cassiodorius  durchaus  — 
verweist  nicht  auf  Schriften,  die  er  nur  von  Hörensagen  kennt,  ge- 
schweige denn  von  deren  Vorhandensein  er  kaum  weiss,  ohne  ein- 
schränkende Bemerkung.  Wir  würden  daher  allenfalls  begreifen 
können,  wenn  man  nach  den  Worten  Cassiodors  bezweifeln  wollte, 
dass  Boethius  wirklich  die  Arithmetik  des  Nikomachus  übersetzt 
habe;  an  das  Vorhandensein  der  Uebersetzung  der  euklidischen  Geo- 
metrie ist  ihm  gegenüber  jeder  Zweifel  unstatthaft.  Andere  Zeug- 
nisse kommen  dazu.  Für  die  Arithmetik  gilt  als  sicherstes  Zeugniss, 
dass  nach  Briefen,  welche  zwischen  Gerbert  und  Otto  III.  gegen  994 
gewechselt  wurden,  Ersterer  dem  Letzteren  ein  Exemplar  der  Arith- 
metik des  Boethius  zugeschickt  hat.  Für  die  Geometrie  wird  der 
vorerwähnte  Brief  Gerberts  aus  Mantua  angerufen,  während  andere 
die  Berechtigung  in   Abrede   stellen,   den   Namen   des   Boethius,   der 

^)  Beperimiis  octo  volumina  Boethii  de  astrologia  praeclarissinia  quoque 
ßgurarum  geometriae  aliaque  non  minus  admiranda.  ^)  M.  Curtze  in  dem 
Bulletino  Boncompagni  1868,  pag.  140,  ^)  Weissenborn,  Die  Boetiusfrage 
im  Supplementheft  zur  Histor.-literar.  Abthlg.  der  Zeitscbr,  Math.  Phys.  XXIV, 
Seite  190. 


Die  spätere  mathematische  Literatur  der  Römer.  537 

als  Verfasser  der  Astronomie  bezeichnet  ist,  auch,  auf  die  Geometrie 
zu  beziehen.  Ferner  beruft  man  sich  auch  für  beide  Werke  noch  auf 
ein  der  Zeit  nach  früheres  Zeugniss.  Der  Bibliothekar  Regimbertus 
auf  Reichenau  hat  nämlich  821  einen  Katalog  der  damals  unter  seiner 
Obhut  vorhandenen  Handschriften  hinterlassen,  und  darin  ist  von 
Boethius  die  Arithmetik  in  zwei  Büchern,  die  Geometrie  in  drei 
Büchern  genannt^),  wogegen  freilich  abermals  der  Einwand  erhoben 
worden  ist,  nur  für  die  Arithmetik  sei  Boethius  als  Verfasser  gemeint, 
nicht  auch  für  die  Geometrie. 

Zu  diesen  verschiedenen  mittelbaren  Zeugnissen  kommt  noch, 
dass  eine  ganze  Anzahl  von  Handschriften  sich  bis  auf  den  heutigen 
Tag  erhalten  hat,  in  welchen  den  Titeln  nach  die  Arithmetik,  die 
Musik,  die  Geometrie  des  Boethius  aufgezeichnet  sind.  Die  älteste 
Handschrift  der  Arithmetik  soll  dem  IX.  bis  X.  S.  entstammen-),  die 
älteste  Handschrift  der  Musik  dem  IX.  S.^),  endlich  die  älteste  Hand- 
schrift der  Geometrie  dem  IX.  S.^). 

Diese  Thatsachen  fassen  sich  also  dahin  zusammen,  dass  jeden- 
falls Boethius  über  die  vier  genannten  Wissensgebiete  nach  griechi- 
schen Mustern  sich  verbreitet  hat,  und  dass  noch  erhaltene  Hand- 
schriften der  drei  ersten  Werke  mit  Ausschluss  der  den  Schluss 
bildenden  Astronomie  um  das  Jahr  900  vorhanden  gewesen  sind  und 
damals  für  von  Boethius  verfasst  galten. 

In  der  Einleitung  zur  Arithmetik  bestätigt  Boethius  gleichfalls, 
was  wir  aus  anderen  Quellen  erfahren  haben,  dass  er  über  die  vier 
verwandten  Gegenstände  schreiben  wolle.  Er  bezieht  sich  in  dem 
Widmungsschreiben  an  Symmachus  darauf,  dass  er  von  den  vier 
mathematischen  Wissenschaften  die  Arithmetik,  welche  die  erste  sei, 
vollendet  habe''),  und  wenn  auch  die  Stelle,  in  welcher  die  Reihen- 
folge, Arithmetik,  Musik,  Geometrie,  Astronomie  angedeutet  ist,  weil 
die  Menge  an  und  für  sich  betrachtet  in  der  Arithmetik,  die  Menge 
bezogen  auf  andere  in  der  Musik,  die  unbewegte  Grösse  in  der  Geo- 


^)  Agrimensoren,  Anmerkung  246.        ^)  Boetius  (ed.  Friedlein)  Leipzig, 
1867,    pag.    2:    codex  r.  ^)    Boetius    (ed.    Friedlein)   pag.    175:    codex  g. 

*)  G.  Schepss,  Zu  Boethius  (in  den  Commentationes  Woelfflinianae.  Leipzig- 
ISO  1)  pag.  279  nennt  drei  Pariser  Codices,  deren  ältester  dem  IX.  S.  angehört, 
während  die  beiden  anderen  im  X.  S.  entstanden  sein  müssen.  In  ihnen  wird 
ausdrücklich  das  Ganze  als  Eigenthum  des  Boethius  in  Anspruch  genommen. 
Dem  XI.  S.  entstammt  die  Erlanger  Handschrift.  Boetius  (ed.  Friedlein) 
pag.  372:  codex  e.  Friedlein  gibt  ferner  dem  codex  n  =  cod.  Vatican.  3123 
ein  höheres  Alter,  indem  er  ihn  in  das  X.  S.  setzt,  aber  Usener  (pag.  47) 
rückt  nach  eigener  Anschauung  diesen  Codex  herunter  in  das  XI.  —  XII.  S. 
^)  Cum  igitur  quattuor  matheseos  disciplinarum  de  arithmetica,  quae  est  prima, 
perscriberem,  tu  tantum  dignus  eo  munere  videhare. 


538  27.  Kapitel. 

metrie,  die  bewegte  iu  der  Astronomie  behandelt  werde,  sowie  eine 
andere,  in  welcher  noch  näher  erklärt  wird,  weshalb  von  der  Arith- 
metik ausgegangen  werden  solle,  nur  freie  Uebersetzungen  aus  dem 
Nikomachus  sind^),  so  kann  auch  darauf  für  die  Absicht  des  Boethius 
Bezug  genommen  werden.  Er  hätte  jene  Stellen  der  Einleitung, 
wenn  sie  nicht  seine  eigenen  Pläne  ausdrückten,  unzweifelhaft  bei 
Seite  gelassen,  denn  grade  hier  hat  sich  Boethius  mit  grösster  Un- 
abhängigkeit seines  Stoffes  bedient.  Bei  dieser  Gelegenheit  findet 
sich  z.  B.  zum  ersten  Male  das  Wort  quadruvium  benutzt,  um  den 
Kreuzweg  der  viergetheilten  mathematischen  Wissenschaften  zu  be- 
zeichnen, welche  von  Cassiodorius  mit  anderem  Bilde  die  vier  Pforten 
der  Wissenschaft  genannt  wurden^).  Wir  bemerken,  dass  das  von 
Boethius  gewählte  Wort  als  Gemeingut  sich  forterbte,  dass  dem 
Quadruvium  noch  das  Trivium  zugesellt  wurde,  um  die  Gesammt- 
heit  der  sieben  freien  Künste  in  ihren  beiden  grossen  Gruppen  zu 
benennen.  In  der  Musik  hat  alsdarm  Boethius  den  einmal  einge- 
schlagenen Weg  weiter  für  den  richtigen  erklärt.  Er  gibt  nämlich 
wiederholt  den  Unterschied  der  vier  Wissenschaften  und  ihre  Reihen- 
folge in  gleicher  Weise  an,  wie  er  es  nach  Nikomachus  gethan 
hatte  ^).  Eine  Widmung  ist  der  Musik  nicht  vorausgeschickt.  Die 
Geometrie  dagegen  beginnt  mit  der  Anrede  „mein  Patricier",  mi 
Patrici,  was  ohne  jede  Schwierigkeit  auf  den  Patricier  Symmachus 
bezogen  werden  kann,  der  in  der  Widmung  der  Arithmetik  mit  aller 
Deutlichkeit  genannt  ist.  In  der  Geometrie  ist  sodann  von  der 
Arithmetik  des  gleichen  Verfassers  die  Rede*).  Wieder  in  der  Geo- 
metrie ist  von  der  Arithmetik  und  der  Musik  gesagt,  dass  dort  ge- 
wisse Dinge  zur  Genüge  besprochen  seien'').  Auf  die  Arithmetik 
wird  für  den  Satz  verwiesen,  dass  die  Einheit  keine  Zahl  sei,  sondern 
Quelle  und  Ursprung  der  Zahlen^).  Das  sind  lauter  Kennzeichen, 
dass  die  Geometrie  von  Boethius  herrührt,  oder  dass  wer  sie  verfasste 
für  Boethius  gehalten  sein  wollte. 

Dieser  Satz  mag  mit  Recht  dem  Leser  auffallen.  Wir  bemerken 
deshalb  einschaltend,  auch  um  die  Tragweite  der  folgenden  Unter- 
suchung zum   voraus    erkennen  zu    lassen,    dass    gegen   die  Echtheit 


')  Darauf  hat  Th.  H.  Martin  aufmerksam  gemacht:  Les  signes  numeraux 
et  l'arühmctique  chez  les  peuples  de  Vantiquite  et  du  moyen-age.  Annali  di  mate- 
matiche  V,  Roma,  1864,  Cap.  Xllf,  pag.  44  der  Separatausgabe.  *)  Cassio- 
dorius, Varia  I,  45:  Tu  urtem  praedictam  ex  disciplinis  nobilihus  natam  per 
quadrifarias  Mathesis  ianuas  introisti.  ^)  Boetius  (ed.  Friedlein)  Musica 
Lib.  II,  Cap.  3,  pag.  228—229.  ')  Boetius  (ed.  Friedlein)  pag.  390,  3  —  5. 
^)  Boetius  (ed.  Friedlein)  pag.  396,  3  —  6.  ^)  Boetius  (ed.  Friedlein) 
Ijag.  397,  20-398,  1. 


Die  spätere  mathematische  Literatur  der  Römer.  539 

der  Aritlimetik  und  Musik,  wie  sie  uns  handsckriftlicli  als  von 
Boethius  herrührend  überliefert  sind,  ein  Zweifel  nie  erhoben  worden 
ist,  dass  dagegen  die  Geometrie,  deren  Echtheit  oder  Unechtheit  eine 
geschichtliche  Bedeutung  ersten  Ranges  besitzt,  von  Vielen  für  unter- 
geschoben gehalten  wird^). 

Wir  müssen  nun  den  Inhalt  sowohl  der  Arithmetik  als  der  Geo- 
metrie prüfen,  welcher  uns  erst  die  Berechtigung  geben  soll,  die 
Frage  zu  einigem  Abschlüsse  zu  bringen.  Die  Arithmetik  ist  das, 
was  sie  nach  der  Erklärung  des  Cassiodorius,  was  sie  aber  auch  nach 
den  eigenen  Worten  des  Boethius-)  sein  soll,  eine  Bearbeitung  der 
Arithmetik  des  Nikomachus,  wobei  bald  Weitläufigeres  zusammen- 
gezogen, bald  Dinge,  die  rascher  durchlaufen  dem  Verständniss  einen 
allzuengen  Zugang  boten,  einigermassen  erweitert  wurden.  Man 
wird  daher  bei  Boethius  die  auffälligsten  Dinge  wiederfinden,  welche 
aus  dem  griechischen  Texte  uns  schon  bekannt  sind,  Sätze  dagegen, 
die  mathematisch  von  Wichtigkeit  sind,  nicht  selten  vermissen.  Die 
Einmaleinstabelle  fehlt  so  wenig ■''),  wie  die  figurirten  Zahlen,  deren 
hier  ausgesprochener  Name  numeri  figurati*),  die  wörtliche  Ueber- 
setzung  von  dgid-^ol  axrj^aToyQacpd'svtsg^  seit  Boethius  immer  allge- 
meiner in  Gebrauch  gekommen  ist.  Auch  die  Proportionenlehre  ist 
ausführlich  gelehrt,  und  damit  ist  vielleicht  die  Sage  in  Verbindung 
zu  bringen,  welche  übrigens  wohl  auch  auf  Wahrheit  beruhen  kann, 
Boethius  habe  im  Gefängnisse  zu  seiner  Unterhaltung  ein  Zahlen- 
kampf genanntes  Spiel  ausgedacht,  welches  wesentlich  auf  Anwen- 
dung von  Zahlen  Verhältnissen  beruht'').  Bemerk  enswerth  erscheint 
dem  gegenüber,  dass  unter  den  weggebliebenen  Dingen  jener  Satz 
des  Nikomachus  enthalten  ist,  der  von  der  Entstehung  der  Kubik- 
zahlen  aus  der  Summe  ungrader  Zahlen  handelt,  und  ebenso  der 
Satz,  dass  die  «eckszahl  von  der  Seite  r  und  die  Dreieckszahl  von 
der  Seite  r  —  1  zusammen  die  «  +  1  eckszahl  von  der  Seite  r  bilden 
(S.  403).  Wir  sehen  an  solchen  Dingen  bewahrheitet,  was  wir 
ankündigten,  sehen  bestätigt,  was  wir  weiter  oben  (S.  535)  behauptet 
hatten.     Es  ist  kein   ebenbürtiger  Bearbeiter,   der   sich  an  den  grie- 


^)  So  namentlich  von  Fried  lein,  von  Weissenborn:  Die  Boetiusfrage 
in  dem  Supplementheft  zur  Histor.-literar.  Abthlg.  der  Zeitschr.  Math.  Phys. 
XXIV  (1879)  und:  Zur  Boetiusfrage,  Osterprogramm  1880  des  Eisenacher  Real- 
gymnasiums. Am  kräftigsten  und  vollständigsten  hat  Heiberg  die  Gründe 
gegen  die  Echtheit  der  Geometrie  zusammengestellt  in  der  Zeitschrift  Philc- 
logus  XLni,  507—519.  ^)  Boetius  (ed.  Friedlein)  pag.  4,  30  —  5,  4. 
•'')  Boetius  (ed.  Friedlein)  pag.  53.  *)  Boetius  (ed.  Friedlein)  pag.  101 
in  der  Ueberschrift  von  Ärithmetica  II,  17.  ^)  R.  Peiper  in  dem  Supplement- 
heft zur  Histor.-literar.  Abthlg.  der  Zeitschr.  Math.  Phys.  XXV  (18S0). 


540  27.  Kapitel. 

chischen  Zahlentheoretiker  gewagt  hat.  Grade  den  feinsten  arith- 
metischen Dingen  ist  er  aus  dem  Wege  gegangen.  Sein  Griechisch 
reichte  aus  zur  Uebersetzung,  seine  Mathematik  nicht,  und  wenn  den 
Namen  Boethius  bis  in  das  späte  Mittelalter  hin  ein  gewisser  Nim- 
bus umgibt,  so  ist  dieser  Glanz  zum  Theil  der  allgemeinen  Dunkel- 
heit zuzuschreiben,  zum  Theil  Wiederstrahl  der  Märtyrerkrone,  mit 
welcher,  wie  wir  schon  sahen,  die  Kirche  ihn  bedacht  hat. 

Wir  wenden  uns  zur  Geometrie  des  Boethius,  wie  sie  von  den 
Handschriften  uns  überliefert  ist.  Zwar  sind  und  waren  die  Hand- 
schriften weder  in  Bezug  auf  die  Anzahl  der  Bücher  noch  auf  den 
Text  durchweg  übereinstimmend.  Es  gibt  und  gab  Geometrien  des 
Boethius  in  fünf  Büchern^),  in  vier  Büchern'-),  in  drei  Büchern'^),  in 
zwei  Büchern.  Letztere  sind  wohl  allgemein  als  die  besten  Hand- 
schriften anerkannt,  und  ein  drittes  Buch,  welches  in  älteren  Druck- 
ausgaben des  Boethius  damit  vereinigt  vorkommt,  in  den  Manuscripten 
aber  keineswegs  dem  Boethius  zugeschrieben  wird,  sondern  nur 
Beweis  der  Geometrie,  demonstratio  artis  geometricae,  ohne 
Namensnennung  des  Verfassers  heisst^),  ist  unter  allen  Umständen 
jüngeren  Ursprunges.  Sein  Inhalt  ist  bunt  zusammengewürfelt,  und 
es  haben  ganze  Stücke  aus  der  Arithmetik  des  Boethius  selbst  darin 
nachgewiesen  werden  können.  Die  zwei  Bücher  der  Geometrie  leiden 
nun  allerdings  auch  au  einer  Buntheit,  welche  auffallen  muss,  und 
welche  keineswegs  mit  dem  übereinstimmt,  was  ein  moderner  Be- 
arbeiter des  Euklid  liefern  würde.  Sind  wir  aber  berechtigt,  dem 
Aehnliches  zu  erwarten?  Wir  glauben  nicht.  Griechische  Arithmetik 
war,  wie  wir  gesehen  haben,  den  Römern  nicht  grade  neu.  Griechi- 
scher Geometrie  in  irgend  gegliederter  Aufeinanderfolge,  euklidischer 
Strenge  der  Beweise  sind  wir  noch  nicht  begegnet.  Auch  jene  Be- 
arbeitung der  Stereometrie  in  dem  Veroneser  Palimpseste  (S.  526) 
schliesst  sich  vermuthlich  nur  an  ein  Excerpt  des  Euklid,  nicht  an 
den  wirklichen  Euklid  an,  und  ein  Excerpt  muss  Boethius  vor  sich 
gehabt  haben,  denn  wie  wollte  er  sonst  die  gesammten  Elemente  in 
zwei,  drei,  vier,  fünf  Bücher  fassen,  wenn  wir  die  Gliederung  zulassen 
wollen,  welche  die  meisten  Bücher  der  Geometrie  des  Boethius  an- 
gibt? Es  kann  also  die  Geometrie  des  Boethius  zu  der  des  Euklid 
gewiss  nicht  in  dem  gleichen  Verhältnisse  gestanden  haben,  wie  die 
Arithmetik  desselben  zu  der  des  Nikomachus.  Auch  Boethius  selbst 
in    der  Einleitung    zur  Geometrie    gestattet    uns    keineswegs    solche 

^)  Math.  Beitr.  Kulturl.,  Anmerkung  399.  ^)  Friedleins  Münchner  Codex 
m  aus  dem  XI. — XII.  S.  ^)  Z.  B.  das  alte  Exemplar,  welches  im  Reichenauer 
Bibliothekskatalog  von  821  beschrieben  ist.  ■*)  Chasles,  Äperi;u  hist.  463, 
deutsch  5-25.     Math.  Beitr.  Kulturl.  197. 


Die  spätere  mathematische  Literatur  der  Römer.  541 

Ansprüclie  zu  erlieben:  ,,Da  ich,  mein  Patricier,  auf  Dein  Ansuchen, 
da  Du  von  den  Geometern  wohl  die  meiste  Uebung  besitzest,  auf 
mich  genommen  habe,  das,  was  von  Euklid  über  die  Figuren  der 
geometrischen  Kunst  dunkel  vorgetragen  wurde,  auseinanderzusetzen 
und  für  einen  leichteren  Eingang  zuzubereiten,  so  glaube  ich  zuerst 
den  Begriff  des  Messens  erläutern  zu  müssen"').  Die  Figuren  geo- 
metrischer Kunst,  das  ist  es,  was  Boethius  auseinandersetzen  will, 
und  über  die  Figuren  der  Geometrie  handelte,  was  Gerbert  ge- 
meinschaftlich mit  der  Astronomie  des  Boethius  in  Mantua  fand 
(S.  536),  und  was  grade  durch  diese  Benennung  die  Urheberschaft 
des  Boethius  näher  legt.  Wenn  dann  Cassiodorius,  der  noch  weniger 
Mathematiker  war  als  Boethius,  daraus  entnimmt,  es  sei  eine  Ueber- 
setzung  des  Euklid  gewesen,  die  jener  verfasste,  wenn  ein  Abschreiber 
in  der  Ueberschrift  sagt:  „Es  beginnt  die  Geometrie  des  Euklid  von 
Boethius  einleuchtender  ins  Lateinische  übersetzt"^),  eine  Ueberschrift, 
die  schon  ihrem  Wortlaute  nach  nicht  von  Boethius  herrührt,  wie 
überhaupt  auf  eine  Ueberschrift  niemals  ein  grösseres  Gewicht  zu 
legen  ist  als  nach  der  Richtung,  dass  sie  die  Ansicht  der  Zeit  der 
Abschrift  uns  kundgibt;  so  ist  Boethius  uns  an  beidem  unschuldig. 
Er  wollte  nur  die  Figuren  geometrischer  Kunst  auseinandersetzen. 
Er  that  es,  indem  er  nach  Definitionen  den  Inhalt  des  I.  Buches  der 
Elemente  vmd  weniges  aus  dem  III.  und  IV.  Buche  aussprach^), 
ohne  dass  der  geringste  Beweis  die  Wahrheit  des  Ausgesprochenen 
bestätigte.  Dann  sagt  er*),  er  wolle  das  bisher  wörtlich  aus  Euklid 
Uebersetzte  theilweise  wiederholen,  um  in  der  Beleuchtung  einzelner 
Beispiele  dem  Leser  Freude  zu  bereiten.  Wesentlich  aus  dieser  Stelle 
ist  der  Schluss  gezogen  worden-'),  die  Vorlage  des  Boethius  sei 
selbst  schon  ein  recht  dürftiger  griechischer  Auszug  aus  den  Ele- 
menten gewesen,  und  dieser  Meinung  schliessen  wir  uns  an.  Was 
alsdami  Boethius  als  seine  Zusätze  liefert,  ist  freilich  eigenthüm- 
licher  Art.  Es  ist  die  Auflösung  der  drei  Aufgaben:  über  einer 
gegebenen  Strecke  ein  gleichseitiges  Dreieck  zu  beschreiben;  von 
einem  gegebenen  Punkte  aus  eine  Gerade  von  gegebener  Länge  zu 
ziehen;  von  einer  grösseren  Strecke  eine  kleinere  abzuschneiden.  Das 
sind  die  drei  ersten  Sätze  des  I.  Buches  der  Elemente,  und  der  Text 
stimmt  fast  wörtlich  mit  dem  Euklidischen  überein.  Welcher  wirk- 
lichen   Euklidausgabe    Boethius    diese  Stücke    entnahm,    das    können 


1)  Boetius  (ed.  Friedlein)  pag.  373,  21  —  24.  ^)  Incipit  geometria 
Euclidis  a  Boetio  in  latinum  lucidius  translata  (ed.  Friedlein,  pag.  373). 
^)  Eine  genauere  Vergleichung  bei  Weissenborn  1.  c.  S.  196  und  204. 
*)  Boetius  (ed.  Friedlein)  pag.  389,  18—23.      ^)  Von  H.  Th.  Martin. 


542  27.  Kapitel. 

wir  nicht  entscheiden.  Die  Annahme^),  es  sei  die  Theonsche  Aus- 
gabe gewesen,  und  Boethius  habe  den  Euklid  nur  für  den  Erfinder 
der  Sätze,  Theon  dagegen  für  den  der  Beweise  gehalten,  die  um  so 
unbedenklicher  zu  entnehmen  seien,  hat  jedoch  viel  für  sich.  Jeden- 
falls hat  er  ohne  weiteres  sein  genannt,  was  nur  aus  einer  anderen 
Quelle  stammte,  als  das  unmittelbar  vorher  Uebersetzte,  eine  Unbe- 
fangenheit, welche  bei  Boethius  fast  als  schriftstellerische  Eigen- 
thümlichkeit  gelten  kann,  wie  sein  Werk  über  die  Tröstungen  be- 
weist^). An  die  drei  Aufgaben  schliesst  sich  nun  die  merkwürdige 
Stelle  an^):  „Doch  es  ist  Zeit  zur  Mittheilung  der  geometrischen 
Tafel  überzugehen,  welche  von  Architas,  einem  nicht  gemeinen 
Schriftsteller  dieser  Wissenschaft  für  Latium  zurecht  gemacht  wurde, 
wenn  ich  zuerst  wie  viele  Gattungen  von  Winkeln  und  Linien  es 
gebe  vorausgeschickt  und  weniges  über  Flächen  und  Grenzen  gesagt 
haben  werde."  Er  erfüllt  letzteres  Versprechen  wieder  durch  einige 
Definitionen  und  kommt  dann  zu  der  berühmt  gewordenen  Stelle 
vom  Abacus. 

Fingerzahlen,  digiti,  wurden  nach  ihm  von  den  Alten  alle 
Zahlen  unterhalb  der  ersten  Grenze,  limes,  d.  h.  bis  9  genannt*). 
Gelenkzahlen,  articuli,  heissen  die  Zahlen,  welche  in  der  Ordnung 
der  Zehner  und  so  fort  ins  Unendliche  sich  befinden.  Zusammen- 
gesetzte Zahlen  sind  alle  zwischen  der  ersten  Grenzzahl  10  vmd 
der  zweiten  Grenzzahl  20  gelegenen  und  die  übrigen  der  Reihe  nach 
mit  Ausnahme  der  Grenzzahlen  selbst.  Diese  nebst  den  Fingerzahlen 
heissen  nichtzusammengesetzt,  incompositi''). 

Er  fährt  dann  fort:  „Männer  von  alter  Einsicht,  welche  der 
pythagoräischeu  Schule  angehören,  und  als  Forscher  über  platonische 
Weisheit  mit  merkwürdigen  Spekulationen  sich  beschäftigten,  haben 
den  Gipfelpunkt  der  ganzen  Philosophie  in  die  Eigenschaften  der 
Zahlen  gesetzt.  In  der  That,  wer  wird  die  Maasse  des  musikalischen 
Einklangs  verstehen,  wenn  er  glaubt,  sie  hingen  nicht  mit  Zahlen 
zusammen?  Wer  wird  unbekannt  mit  der  Natur  der  Zahlen  die  aus 
Sternen  zusammengesetzten  Sternbilder  der  Himmelsfeste  erkennen 
oder  den  Aufgang  und  Untergang  der  Thierzeichen  erfassen?  Was 
endlich  soll  ich  von  der  Arithmetik  und  Geometrie  sagen,  die  selbst 
nicht  in  nichtnennenswerther  Gestalt  erscheinen,  so  wie  die  Eigen- 
schaften der  Zahlen  verloren  gehen?  Doch  davon  ist  in  der  Arith- 
metik und  in  der  Musik   zur  Genüge   die  Rede  gewesen,   kehren  wir 

')  Weissenborn  1.  c.  S.  206  ügg.  -)  Usener  1.  c.  pag.  51  —  52. 
^)  Boetius  (ed.  Friedlein)  pag.  393,  6 — 10.  ■•)  Die  Engländer  nennen  in 
ihren  Lehrbüchern  der  Rechenkunst  heute  noch  die  Einer  digits.  ^)  Boetius 
(ed.  Friedlein)  pag.  3'J5,  3 — 16. 


Die  spätere  mathematische  Literatur  der  Römer.  543 

daher  zu  dem  zurück,  was  jetzt  zur  Sprache  kommen  soll.  Die 
Pythagoräer  haben  sich,  um  bei  Multiplikationen,  Divisionen  und 
Messungen  nicht  in  Irrthümer  zu  verfallen  (wie  sie  in  allen  Dingen 
voller  Feinheiten  und  Einfälle  waren)  einer  gewissen  gezeichneten 
Figur  bedient,  welche  sie  ihrem  Lehrer  zu  Ehren  die  pythagoräische 
Tafel,  mensa  Pythagorea,  nannten,  weil  die  ersten  Lehren  in  den  so 
dargestellten  Dingen  von  jenem  Meister  ausgegangen  waren.  Von 
den  Späteren  wurde  die  Figur  Abacus  genannt.  Sie  beabsichtigten 
damit  das,  was  tiefsinnig  erdacht  worden  war,  leichter  zur  all- 
gemeinen Kenntniss  zu  bringen,  wenn  man  es  gewissermassen  vor 
Augen  sähe  und  gaben  der  Figur  die  hier  folgende  merkwürdige 
Gestalt"'). 

Wir  haben  diese  ganze  Stelle  wörtlich  aufgenommen,  um  jeden 
Zweifel  verschwinden  zu  lassen,  wie  Boethius,  der  sich  hier  wieder- 
holt auf  seine  früheren  Schrift;en  bezieht,  über  den  Ursprung  der 
von  ihm  gezeichneten  Figur  denkt:  es  ist  eine  pythagoräische  Erfin- 
dung, aber  freilich  keine  altpythagoräische,  denn  sonst  würde  nicht 
der  Forschungen  über  platonische  Weisheit  jener  Angehörigen  der 
pythagoräischen  Schule  gedacht  sein  können.  Also  Neuplatoniker 
oder  vielleicht  Neupythagoräer  haben  nach  der  Ansicht  unseres 
Schriftstellers  die  Figur  gebildet,  welche  zuerst  Tafel  des  Pythagoras, 
dann  Abacus  genannt  wurde.  Sie  wurde  Abacus  genannt,  unter- 
schied sich  mithin  von  dem  früher  als  solcher  vorhandenen  Rechen- 
brette, und  der  Unterschied  liegt  in  der  Art  der  Benutzung. 

Kolumnen,  feste  oder  gezeichnete,  hatten  zwar  auch  die  alten 
und  ältesten  Rechenbretter,  aber  deren  Ausfüllung  beim  Rechnen 
erfolgte  mittels  Marken,  deren  jede  die  Einheit  der  betreffenden  der 
Kolumne  oder  der  Kolumnenabtheilung  angehörenden  Rangordnung 
bezeichnete.  Jetzt  war  eine  wesentliche  Aenderung  eingetreten. 
,,Man  hatte  Apices  (^Kegelchen?)  oder  Charaktere  von  verschiedener 
Gestalt"  =^). 

Jede  dieser  Marken  war  mit  einer  Bezeichnung  versehen,  welche 
ihr  den  Werth  einer  der  neun  Fingerzahlen  beilegte,  und  diese 
Bezeichnung  wird  nun  im  fortlaufenden  Texte  genau  so  abgebildet 
wie  es  auf  dem  vorher  gezeichneten  Abacus  der  Fall  war.  Damit  ist 
also  widerspruchslos  bewiesen,  dass  die  Zeichen  gleichen  Alters  und 
gleichen  Ursprunges  wie  der  sie  umgebende  Text  sind,  und  nicht 
erst  nachträglich  auf  die  vorher  von  derartigen  Zeichen  freigewesene 
Tafel    eingeschmuggelt  werden   konnten.     Wohl   aber  wäre   es   mög- 


^)  Boetius    (ed.   Friedlein)    pag.  395,    25—396,  16.         -)  Boetius    (ed. 
Friedlein)  pag.  397,  2—3. 


544  27.  Kapitel. 

lieh,  dass  es  sich  so  mit  gewissen  eigenthümlichen  Wörtern  ver- 
hielte, die  nicht  im  Texte,  sondern  einzig  nnd  allein  auf  der  Figur 
sich  finden. 

Wir  würden  der  ganzen  Untersuchung  einen  selbst  für  die 
Wichtigkeit,  welche  ihr  innewohnt,  unverhältnissmässig  grossen  Raum 
widmen  müssen,  wenn  wir  fortführen  wörtlich  zu  übersetzen  oder 
gar  zu  erläutern.  Wir  wollen  nur  kurz  berichten,  dass  Regeln  der 
Multiplikation  und  der  Division  nachfolgen,  jene  breiter  und  deut- 
licher angelegt,  diese  dunkler,  wie  der  Verfasser  selbst  fühlt,  wenn 
er  sagt:  „Ist  es  irgendwie  dunkel  gehalten,  so  müssen  wir  dem 
fleissigen  Leser  die  Einübung  überlassen"^).  Bei  der  Multiplikation 
kommen  die  Einzelfälle  zur  Sprache,  welches  Produkt  also  entstehe, 
wenn  Zehner  mit  Hunderten,  mit  Tausenden  u.  s.  w.  vervielfacht 
werden.  Bei  der  Division  erscheint  die  complementäre  Divi- 
sionsmethode, von  der  ankündigend  (S.  492)  die  Rede  war.  Das 
Complement,  die  Differentia  des  Boethius,  ist  die  Zahl,  um  welche 
ein  Divisor  kleiner  ist  als  die  nächste  nichtzusammengesetzte  Zahl, 
letzteres  Wort  in  dem  oben  definirten  Sinne  genommen.  Der  Divisor 
16  z.  B.  hat  bis  zu  20  die  Differenz  4,  der  Divisor  78  bis  zu  80 
die  Differenz  2,  der  Divisor  623  hätte  bis  zur  nächsten  nicht  zu- 
sammengesetzten Zahl  700  die  Differenz  77.  Nun  wird  mit  dem 
vergrösserten  Divisor  dividirt,  und  jedesmal  dem  Reste  das  Produkt 
des  Quotienten  in  die  Differenz  ergänzend  wieder  beigefügt,  bis  man 
fertig  ist.  Man  wird  leicht  erkennen,  dass  diese  Methode,  wenn 
auch  mehr  Theildivisionen  als  die  gewöhnliche  erfordernd,  weit  zu- 
verlässiger ist,  weil  hier,  wo  mit  einer  einfachen  Zahl  die  Theil- 
division  vorgenommen  wird,  niemals  der  Fall  eintreten  kann,  dass 
irrthümlich  ein  zu  grosser  Quotient  angesetzt  würde.  Eine  etwas 
abgeänderte  Anordnung  der  complementären  Division  tritt  ein,  wenn 
der  Divisor  aus  Hundertern  und  Einern  besteht.  Man  soll 
alsdann  die  Einer  des  Divisors  zunächst  unberücksichtigt  lassen,  da- 
gegen auch  vom  Dividenden  eine  Einheit  höchster  Ordnung  bei  Seite 
lassen,  damit  nachträglich  das  Produkt  des  Quotienten  in  die  Einer 
des  Divisors  bis  zu  jener  Einheit  ergänzt  und  die  Ergänzung  dem 
erstgewonnenen  Divisionsreste  beigefügt  werde. 

Fragen  wir  nun  wiederholt,  woher  diese  Dinge  stammen  mögen, 
so  sollte  man  vermuthen,  wir  würden  in  erster  Linie  die  auf  den 
Apices  befindlichen  Zahlzeichen  über  ihren  Ursprung  befragen.  Wir 
werden  diese  Frage  jedoch  erst  im  33.  Kapitel  stellen.  Jetzt  be- 
merken wir,  dass  die  Apices  selbst  ungemein  an  die  Pythmenes  oder 

')  Boetius  (ed.  Friedleiii)  pag.  400,  28—30. 


Die  spätere  mathematisclie  Literatur  der  Römer.  545 

Stammzalilen  des  Apollonius  erimiern,  und  das  Multipliziren  der  ver- 
schiedenen Rangordnungen  an  die  von  Jenem  gegebenen  Einzelvor- 
schriften (S.  332).  Ein  Fortschritt  ist  ja  in  der  Benutzung  der 
Apices  unbedingt  enthalten,  aber  doch  ein  solcher,  den  wir  späteren 
Alexandrinern  zutrauen  dürfen.  Ob  das  Divisionsverfahren  Erfindung 
eines  Römers  war?  Wir  wissen  es  nicht,  wenn  auch  unser  Gefühl 
sich  dagegen  sträubt,  einen  römischen  Geist  als  so  erfinderisch  in 
mathematischen  Dingen  annehmen  zu  sollen.  Wir  können  nur  wieder- 
holt auf  die  Dinge  hinweisen,  welche  wir  zur  complementären  Multi- 
plikation (S.  492)  in  Beziehung  gesetzt  haben,  dass  subtraktive 
Zeichen  entschieden  römisch  sind,  dass  von  Nikomachus  muthmass- 
lich  Rechnungsvortheile  gelehrt  wurden,  welche  dem  complemen- 
tären Verfahren  ähneln.  Boethius  selbst  scheint  Alles  einer  und 
derselben  Vorlage  entnommen  zu  haben,  einem  lateinisch  schrei- 
benden Architas.  Auch  von  diesem  soll  erst  weiter  unten 
die  Rede  sein,  wenn  wir  die  Geometrie  des  Boethius  zu  Ende  be- 
sprochen haben. 

Jetzt  nämlich,  nachdem  das  Rechnen  d.  h.  Multipliziren  und 
Dividiren  gelehrt  worden,  kommt  der  Verfasser  zum  zweiten  Buche 
und  in  ihm  zur  rechnenden  Geometrie,  zu  welcher  der  Abschnitt 
vom  Abacus  eine  Einleitung  bildete,  vielleicht  nach  dem  entfernten 
Muster  des  Nikomachus  (S.  525).  Wir  finden  uns  auf  völlig  be- 
kanntem Boden.  Wir  haben  die  Geometrie  der  römischen  Feld- 
messer vor  uns,  in  einigen  Dingen  wieder  etwas  tiefer  gesunken  und 
von  den  wenigst  genauen  heronischen  Vorschriften  Gebrauch  machend. 
So   z.  B.  finden  wir   die  Flächenberechnung  des  gleichseitigen  Drei- 

17 
ecks^)   durch   die    nicht    verstandene  Formel  d^  —  on^^'     ^^^   finden 

Gebrauch  gemacht  von  der  schlechten  Annäherung  zur  Fläche  eines 
unregelmässigen  Vierecks^)  durch  Bildung  des  Produktes  der  arith- 
metischen Mittel  von  je  zwei  einander  gegenüberliegenden  Seiten. 
Auch  die  Vieleckszahlen  als  Vielecksflächenräume  kommen  hier  vor. 
Bei  dem  Achtecke  ist  nur  die  aus  zwei  Quadraten  verschränkte 
Figur  gezeichnet.  Bei  dem  Fünfeck  und  Sechseck  sind  falsche 
Formeln  angewandt.  Dagegen  ist  hier  die  deutliche  Spur  der  all- 
gemeinen Formel  für  die  rte  meckszahl  vorhanden,  welche  wir  bei 
Epaphroditus  (S.  518)  nur  muthmassten  ^).  Die  Vorlage  für  dieses 
zweite  Buch  scheint  im  Allgemeinen  Frontinus  verfasst  zu  haben*). 
Als  Ausnahme  wohl  ist  der  Satz  vom  Durchmesser  des  Innenkreises 


^)  Boetius  (ed.  Friedlein)  pag.  404,  14  —  405,  10.  °)  Boetius  (ed. 
Friedlein)  pag.  417,  16—28.  ^)  Boetius  (ed.  Friedlein)  pag.  423,  1  —  7. 
*)  Boetius  (ed.  Friedlein)  pag.  402,  27—403,  2  und  428,  16—19. 

Cantoe,  Geschichte  der  Mathematik  I.  a.  Auli.  35 


546  27.  Kapitel. 

des  rechtwirikligen  Dreiecks  (S.  517)  dem  Architas  zugeschriebeii, 
nachdem  er  vorher  durch  Euklid  hinzuerfunden  worden  sei^). 

Auf  eben  diesen  Architas  bezieht  sich  Boethius  noch  einmal 
zum  Schlüsse  des  zweiten  Buches,  um  nach  den  Regeln  der  rechnen- 
den Geometrie  die  Bruchrechnung  zu  erörtern.  Die  ganze  Stelle 
gehört  sammt  der  Tabelle,  welche  ihr  beigefügt  ist,  noch  immer  zu 
dem  Dunkelsten,  was  man  besitzt.  Nur  eins  ist  einleuchtend:  warum 
nämlich  grade  am  Schlüsse  der  Geometrie  diese  Lehre  vorgetragen 
wird^).  Das  geschieht  und  muss  geschehen,  weil  nunmehr  die  Astro- 
nomie folgte,  in  welcher  Bruchrechnungen  in  grösster  Menge  noth- 
wendig  wurden.  Wie  der  Abacus  zwischen  den  beiden  Büchern  der 
Geometrie  den  Uebergang  von  der  eigentlichen  theoretischen  Geo- 
metrie zur  Feldmesswissenschaft  bildete,  so  bildet  jetzt  die  Bruch- 
rechnung den  weiteren  Uebergang  zu  den  uns  verloren  gegangenen 
Büchern  der  Astronomie.  Es  zeigt  sich  somit,  dass  die  Geometrie 
des  Boethius  nach  vorwärts  und  rückwärts  Beziehungen  zu  den  drei 
anderen  mathematischen  Schriften  desselben  Verfassers  darbietet. 

Es  ist  daher  nur  eine  einzige  Wahl  gestellt:  entweder  die  ganze 
Geometrie  des  Boethius  mit  dem  Inhalte,  über  welchen  wir  berichtet 
haben,  ist  echt  oder  aber  sie  ist  das  Werk  eines  Fälschers,  der 
mit  vollbewusster  Absicht  den  Anschein  sich  gab,  als  sei  er 
Boethius.  Man  hat  diese  letztere  Meinung  zu  vertheidigen  gesucht^) 
und  sich  dabei  auf  Einzelheiten  gestützt.  Man  hat  nämlich  zu  zeigen 
gesucht,  dass  die  Redeweise  der  Arithmetik  zu  der  der  Geometrie 
in  Widerspruch  stehe,  dass  somit  wenn  erstere  von  Boethius  herrühre, 
letztere  nur  untergeschoben  sein  könne.  Solche  Widersprüche  sind, 
wir  geben  es  zu,  vorhanden,  aber  sie  sind  ganz  von  der  gleichen 
Natur  wie  derjenige,  welchen  wir  (S.  406)  'bei  Theon  von  Smyrna 
nachzuweisen  im  Stande  waren,  der  sich  in  einem  und  demselben 
Werke  nicht  scheut  die  Einheit  keine  Zahl  zu  nennen  und  als  Zahl 
zu  benutzen.  Will  man  Boethius  dessen  für  unfähig  halten,  so  muss 
man  seine  geistige  Bedeutung  zu  einer  Höhe  hinaufschrauben,  auf 
welche  er  nach  unserer  wiederholt  ausgesprochenen  Ueberzeugung 
nie  gelangte.  Wir  geben  ferner  zu  bedenken,  dass  man  zur  Mög- 
lichkeit einer  Fälschung,  die  spätestens  im  XL  S.  vollzogen  worden 
sein  musste  —  denn  aus  dieser  Zeit  rühren  unsere  ältesten  Hand- 
schriften, welche  die  Stelle  vom  Abacus  enthalten,  her  —  anzunehmen 
gezwungen  ist,  dass  damals  bereits  die  echte  Geometrie  des  Boethius 


')  Boetius  (ed.  Friedlein)  pag.  412,  20—413,  9.  ")  Math.  Beitr.  Kulturl. 
S.  228 — 229.  ^)  Zuletzt  und  am  scharfsinnigsten  Weissenborn  in  der  schon 
wiederholt  angefühlten  Abhandlung  ,,Die  Boetiusfrage." 


Die  spätere  mathematische  Literatur  der  Römer.  547 

verloren  gegangen  war,  trotz  der  übertriebenen  Werthschätzung ,  die 
man  dem  Manne  zu  zollen  nie  aufgehört  hatte,  oder  dass  man  falls 
solches  nicht  stattfand  Wahrscheinlichkeitsgründe  dafür  geltend  zu 
machen  hätte,  warum  nur  Abschriften  der  gefälschten  Geometrie  und 
daneben  keine  der  echten  sich  erhielten. 

Sei  aber  auch  die  der  unsrigen  entgegengesetzte  Meinung  die 
richtige^),  so  kommt  immerhin  das  Schlussergebniss  darauf  hinaus, 
dass  der  Verfasser  der  sogenannten  Geometrie  des  Boethius,  dass 
Pseudoboethius,  wie  man  ihn  unter  dieser  Voraussetzung  nennt, 
wesentlich  feldmesserische  Quellen  benutzt  haben  muss,  dass  er  auf 
dem  Boden  griechischer  Bildung  steht,  und  somit,  wenn  auch  unter 
Herabrückung  der  Zeit,  in  welcher  seine  Schrift  entstanden  ist,  für 
die  Geschichte  späterer  römischer  Mathematik  Verwendung  finden  darf. 

Gehen  wir  nach  dieser  Zwischenbemerkung  noch  einmal  und 
mit  vermehrter  Sicherheit  zum  I.  Buche  der  Geometrie  des  Boethius 
zurück,  und  zwar  zu  der  Stelle,  wo  die  Uebersetsung  des  Auszuges 
aus  den  Elementen  des  Euklid  aufhört.  Die  letzten  Sätze,  die  aus- 
gesprochen sind,  lauten'^):  „Um  einen  gegebenen  Kreis  ein  gleich- 
seitiges und  gleichwinkliges  Fünfeck  zu  zeichnen  lehren  die  Geo- 
meter.  In  einen  gegebenen  Kreis  ein  Fünfeck  zu  zeichnen,  welches 
^'leichseitig  und  gleichwinklig  sei,  ist  nicht  unpassend."  Die  Fort- 
setzung wagen  wir  nicht  zu  übersetzen.  Sie  begründet  die  unmittel- 
bar hervorgehende  Behauptung  mittels  gewisser  auf  das  Verhältniss 
von  Zahlen  herauskommenden  Rücksichten,  aus  denen  wir  einen  guten 
Sinn  nicht  mit  Sicherheit  zu  entnehmen  vermögen.  Gleichwohl  ist 
an  der  Echtheit  der  floskelhaften  Begründung  nicht  zu  zweifeln,  da 
sie  sich  wortgetreu  in  28  darauf  hin  untersuchten  Handschriften,  die 
in  anderen  Punkten  Unterschiede  gegen  einander  zeigen,  wieder- 
findet^^). Dagegen  hat  keine  dieser  Handschriften  eine  Figur  damit 
verbunden,  während  die  älteren  Druckausgaben  der  Geometrie  des 
Boethius,  wir  wissen  nicht  aus  welcher  Quelle*),  ein  in  den  Kreis 
eingezeichnetes  regelmässiges  Fünfeck  mit  seinen  sämmtlicheu  fünf 
Diagonalen    beigegeben    haben.     Zumeist   aus    dieser   nichts    weniger 


^)  Wir  verweisen  für  ihre  Begründung  wiederholt  auf  Heiberg  im  Philo- 
logus  XLIII,  507—519.  ^)  Boetius  (ed.  Friedlein)  pag.  389,  8—16:  Circum 
datum  circulum  quinquangulum  aequilaterum  et  aequiangulum  designare  geometres 
praecipiunt.  Intra  datum  circulum  quinquangulicm ,  quod  est  aequilaterum  atque 
aequiangulum  designare  non  disconvenit.  Nam  omnia,  quaecunque  erint,  nume- 
rorum  ratione  sua  constant  et  propcrtionahiliter  alii  ex  aliis  constituuntur  circum- 
ferentiae  aequdlitate  multiplicationibus  suis  quidem  excedentes  atque  alternatim 
portionibus  suis  terminum  facientes.  ^)  Boncompagni  im  Bulletino  Boncom- 
pagni  1873,  341  —  356.     *)  Etwa  aus  einem  griechischen  Euklid  IV,  11? 

35* 


548  27.  Kapitel. 

als  authentischen  Figur  hat  man  einen  Sinn  jener  dunkeln  Worte 
abgeleitet,  als  wenn  neben  dem  gewöhnlichen  Fünfeck  das  Stern- 
fünfeck beschrieben  werden  sollte^),  welches  Boethius  darnach  ge- 
kannt haben  würde.  Wir  sind  gegenwärtig  nicht  geneigt  diese  Mei- 
nung aufrecht  zu  halten.  Nicht  als  ob  es  uns  unmöglich  schiene,  dass 
Boethius  das  schon  alte  Sternfüufeck  gekannt  hätte,  aber  wir  trauen 
ihm  so  wenig  Geometrie  zu,  dass  er  wohl  nicht  aus  eigenen  Gedanken 
das  Pentagramm  mit  dem  regelmässigen  Sehnenfünfeck  in  Verbindung 
brachte  und  bei  Euklid  konnte  er  entschieden  keine  Anregung  dazu 
erhalten,  weder  in  dem  Auszuge  noch  in  dem  vermeintlichen  Com- 
mentare  des  Theon.  Dort  fand  er  höchstens,  dass  die  Winkel  eines 
aus  zwei  Diagonalen  und  einer  Fünfecksseite  gebildeten  Dreiecks 
sich  wie  1:2:2  verhalten,  und  das  soll  möglicherweise  in  den 
dunkeln  Worten  ausgesprochen  sein. 

Wir  kommen  ferner  auf  ein  Anderes  zurück,  wovon  erst  andeu- 
tungsweise die  Rede  war.  Architas,  ein  nicht  gemeiner  Schriftsteller 
dieser  Wissenschaft,  hat  nach  Boethius  die  geometrische  Tafel  d.  h. 
den  Kolumnenabacus  mit  seinen  Kegelchen,  für  Latium  zurecht  ge- 
macht. Wer  war  dieser  Architas,  welcher  in  dem  Zwischenstücke 
zwischen  dem  I.  und  IL  Buche  und  in  dem  IL  Buche  der  Geometrie, 
im  Ganzen  an  fünf  Stellen'-)  genannt  ist:  für  die  geometrische  Tafek 
und  für  die  Bruchrechnung;  für  den  Satz  vom  Durchmesser  des 
Innenkreises  des  rechtwinkligen  Dreiecks  und  für  die  Bildung  ratio- 
naler Seiten  eines  rechtwinkligen  Dreiecks  von  der  graden  Zahl  aus- 
gehend, also  für  die  Methode,  welche  sonst  Piaton  zugeschrieben 
wird;  endlich  für  eine  falsche  Berechnung  der  Fläche  eines  Dreiecks 
als  doppeltes  Quadrat  seiner  Höhe?  Auch  hier  stehen  zwei  Meinungen 
einander  gegenüber.  Die  Einen  halten  Architas  für  den  alten  taren- 
tiner  Pythagoräer,  auf  welchen  die  üeberlieferung  gar  vieles  mit 
Recht  und  mit  Unrecht  zurückgeführt  habe,  und  weicher  auch  in  der 
Arithmetik  und  in  der  Musik  des  Boethius  mehrfach  vorkam,  so  dass 
Boethius  oder  der  seinwollende  Boethius  ihn  anzuführen  Gründe 
hatte.  Die  Anderen  meinen  Architas,  der  lateinisch  schrieb,  der  nach 
der  Stelle  vom  Kreisdurchmesser  später  als  Euklid  gelebt  habe, 
könne  nicht  der  Tarentiner  sein.  Es  sei  vielmehr  ein  römischer 
Schriftsteller,  ein  Feldmesser  oder  dergleichen  gewesen,  der  alsdann 
sicherlich  vor  Verfassung  der  Geometrie,  in  welcher  er  genannt  ist, 
aber  unbestimmt  wann  gelebt  haben  muss.  Mit  dieser  Annahme  ist 
die  Geschichte    der  Mathematik   bei    den  Römern    um    einen   Namen 


*)  Chasles,  Äperru  hist.  All,  deutsch  545— .546.     -)  Boetius  (ed.  J'ried- 
lein)  pag.  393,  7;  408,  14;  412,  20;  413,  'J2;  425,  23. 


Die  spätere  mathematisclie  Literatur  der  Römer.  549 

reicher,  um  den  Architas  Latinus,  aber  die  Schriften  des  Mannes 
bleiben  auch  denen,  die  an  ihn  glauben,  unbekannt. 

Wir  selbst  zählten  früher  zu  den  letzteren,  sind  aber  durch  eine 
neuere  Entdeckung  zur  entgegengesetzten  Meinung  bekehrt  worden. 
Man  hat  nämlich  bemerkt^),  dass  der  so  auffallende  Ausdruck  non 
sordidus  auctor,  der  von  Architas  gebraucht  wird,  von  Horatius  in 
seiner  Ode  auf  Architas  von  Tarent  angewandt  wurde-),  dass  mithin 
nur  eine  Erinnerung  an  diesen  bekannten  Vers  in  jenem  Ausdrucke 
zu  finden  ist,  und  diese  ist  undenkbar,  wenn  nicht  die  Persönlichkeit, 
von  der  die  Rede  ist,  die  gleiche  wäre.  Die  Schwierigkeit,  dass 
Architas  nach  Euklid  gesetzt  wird,  löst  sich  durch  die  seit  der 
Zeit  des  Kaisers  Tiberius  (S.  247)  übliche  Verwechslung  des  Mathe- 
matikers Euklid  mit  Euklides  von  Megara,  der  ein  älterer  Zeit- 
genosse des  Archytas  von  Tarent  wirklich  war.  Ob  endlich  die 
platonische  Formel  für "  rationale  rechtwinklige  Dreiecke  nicht  wirk- 
lich ursprünglich  dem  Archytas  angehörte,  ist  eine  Frage,  deren 
Verneinuug  nicht  durch  zwingende  Gründe  gefordert  wird.  Wenn 
wir  also  gegenwärtig  annehmen,  ein  Architas  Latinus  als  Persönlich- 
keit sei  aus  der  Geschichte  zu  streichen,  so  bleiben  wir  immerhin 
der  Meinung,  Boethius  habe  lateinisch  zugestutzte  Schriften  des  Ta- 
rentiners  vor  sich  gehabt,  als  er  die  Worte  Latio  accomodatam^) 
gebrauchte. 

Wir  haben  nun  von  einigen  bekannten  Schriften  völlig  unbe- 
kannter Verfasser  zu  reden.  Der  älteste  von  ihnen  wird  vermuth- 
lich  derjenige  sein,  den  wir  anderwärts  den  Anonymus  von 
Chart  res  genannt  haben'*),  den  man  auch  wohl  für  Julius  Fron- 
tinus  gehalten  hat.  Bei  ihm  tritt  die  Dreiecksberechnung  aus  den 
drei  Seiten  nach  der  sogenannten  heronischen  Formel  auf,  bei  ihm 
die  Formel  für  rationale  Seiten  rechtwinkliger  Dreiecke,  bei  ihm  der 
Satz  vom  Innenkreise  des  rechtwinkligen  Dreiecks,  bei  ihm  die  Be- 
rechnung der  Kugeloberfläche  gleich  der  vierfachen  Fläche  des 
grössten  Kreises,  bei  ihm  das  Verhältniss  22  :  7  des  Kreisumfangs 
zum  Durchruesser,  kurzum  richtige  Dinge,  welche  den  Verfasser  wohl 
noch  mehr  als  die  bei  ihm  gerühmte  Latinität  in  die  Blüthezeit 
römischer  Feldmesswissenschaft  hinaufrücken,  während  der  Römer 
an  den  als  Flächenformeln  benutzten  Formeln  für  Vieleckszahlen 
mitten  zwischen  geometrischen  Betrachtungen  kenntlich  bleibt. 

Ein  anderes  Stück,  in  demselben  Sammelbande  in  Chartres  ent- 

*)  A  lim  an,  Greek  Geometry  from  Thaies  to  Euclid  pag.  HO.  ^)  Horatius, 
Lib.  I,  Ode  28:  iudice  te  non  sordidus  auctor  naturae  verique.  ^)  Boetius  (ed. 
Friedlein)  pag.  393,  8.  *)  Agrimensoren  S.  132.  Vergl.  Chasles,  Apergu 
hist.  457-459,  deutsch  517  ^gg. 


550  27.  Kapitel. 

halten,  aber  wohl  nicht  von  dem  Anonymus  verfasst'),  hat  eine 
Abhandlung  über  das  Abaeusrechnen  zum  Inhalte,  welche  der  des 
Boethius  sehr  ähnlich  ist,  aber  noch  weniger  als  die  Geometrie  des 
Anonymus  sich  datirungsfähig  erweist. 

Eine  andere  geometrische  des  Namens  ihres  Verfassers  ent- 
behrende Schrift  ist  diejenige,  welche  die  Ueberschrift  führt:  Von 
der  Ausmessung  der  Jucharte,  de  ingeribus  metiundis.  Sie  ist 
in  der  sogenannten  Gudianischen  Handschrift  der  Wolfenbüttler 
Bibliothek  enthalten,  mithin  im  IX.  bis  X.  S.  jedenfalls  vorhanden 
gewesen"^).  Mehr  wissen  wir  nicht  zu  sagen.  Der  Verfasser,  zu  seiner 
Zeit  vielleicht  als  grosser  Mathematiker  anerkannt,  hat  unverstandene 
Bruchstücke  aus  den  verschiedensten  Vorlagen  vereinigt,  alte  Mängel 
getreu  übernehmend,  neue  hinzufügend.  Wir  haben  nicht  nöthig 
auf  dieses  bunte  Allerlei  einzugehen,  nur  das  wollen  wir  uns  be- 
merken, dass  die  Vierecksfläche  als  Produkt  der  arithmetischen  Mittel 
gegenüberstehender  Seiten  erhalten  wird,  dass  sogar  der  Kreis  qua- 
dratisch gedacht  ist,  indem  dessen  Fläche  sich  aus  der  Vervielfälti- 
gung des  vierten  Theiles  des  ümfanges  mit  sich  selbst  bildet.  Es 
ist  ja  nicht  schwer,  in  den  laienhaften  Gedanken  sich  zurückzuver- 
setzen, welcher  den  Kreis  als  krummliniges  Viereck  mit  den  vier 
Quadranten  als  Seiten  auffasste  und  weiter  annahm,  die  Fläche  ver- 
ändere sich  nicht,  wenn  nur  die  Seitenlängen  dieselben  bleiben 
(S.  510),  man  habe  also  nur  eben  jene  Kreisquadranten  als  Gerade 
rechtwinklig  aneinander  zu  setzen,  um  die  Quadratur  des  Kreises 
zu  vollziehen.     Mathematisch  gesprochen   lief  dieses  Verfahren,  ver- 

möge  (-7-)  =  'rr^  auf  tt  =  4  hinaus,  oder  darauf  den  Kreisdurch- 
messer dem  vierten  Theile  des  Kreisumfangs  gleich  zu  setzen.  Grade 
dieses  so  ungenaue  Verhältniss  zwischen  Kreisumfang  und  Durch- 
messer wird  uns  nöthigen  der  dasselbe  enthaltenden  Schrift  noch 
einmal  zu  gedenken,  wenn  wir  mit  den  mittelalterlichen  Schrift- 
stellern uns  beschäftigen,  zu  welchen  dieser  weise  Anonymus  jeden- 
falls hinüberführt,  vielleicht  gehört. 

Für  jetzt  verlassen  wir  den  europäischen  Boden.  Wir  müssen 
unter  allen  Umständen  zusehen,  was  in  der  Heimath  älterer  Kultur, 
in  Asien,  aus  der  Mathematik  geworden  ist,  und  dass  wir  grade  diesen 
Augenblick  dazu  wählen,  jene  Umschau  zu  halten,  hat  seinen  voll- 
wichtigen Grund.  Wir  haben  in  diesem  Kapitel  immer  deutlicher 
den  Untergang  geometrischen  Verständnisses   bei   römischen   Schrift- 

')  Das  hat  Weissenborn  1.  c.  S.  223  gegen  uns,  mit  Berufimg  auf 
Chasles,  den  wir  hierin  missverstanden  hatten,  mit  Recht  betont.  *)  Agri- 

mensoren  S.  135-138. 


Die  spätere  mathematische  Literatur  der  Römer.  551 

stellern  verfolgt.  Wir  haben  zu  unserem  Erstaunen  daneben  die 
üeberbleibsel  einer  entwickelteren  Rechenkunst  erscheinen  sehen, 
verbunden  mit  Zahlzeichen,  aus  welchen,  wie  wir  jetzt  verrathen 
wollen,  die  gegenwärtig  in  Europa  gebräuchlichen  als  blosse  Umfor- 
mungen sich  herleiten  lassen.  Wir  haben  die  Vermuthung  durch- 
blicken lassen,  jene  Rechnungsweisen  könnten  vielleicht  griechischen 
Ursprunges  sein.  Nach  Griechenland,  nach  dem  geistigen  Mittel- 
punkte griechischer  Mathematik  in  Alexandria  würden  wir  daher 
versuchen  müssen  auch  jene  Zeichen  rückwärts  zu  verfolgen,  wenn 
nicht  laute  Einsprache  zu  gewärtigen  wäre. 

Die  Anfechter  der  Echtheit  der  Geometrie  des  Boethius  sind  zu 
diesem  von  beiden  Seiten  hartnäckig  geführten  Streite  eigentlich  nur 
durch  die  Abacusstelle  vermocht.  Sie  können  und  wollen,  von  ihrer 
Fälschungstheorie  aus,  derselben  kein  höheres  Alter  als  etwa  bis  in 
das  X.,  frühstens  IX.  S.  verstatten.  Sie  leiten  alsdann  die  Zahlzeichen 
und  deren  Benutzung  auf  dem  Kolumnenabacus  aus  dem  Oriente  her: 
von  den  Indern  erdacht,  durch  Araber  verbreitet  sollen  die  Zeichen 
in  Europa  sich  eingebürgert  haben. 

Dieser  Möglichkeit  gegenüber  müssen  wir  die  Heimath  der  Null, 
durch  deren  Vorhandensein  das  Ziffernrechnen  sich  wesentlich  vom 
Kolumnenrechnen,  auch  von  dem  mit  Apices,  unterscheidet,  aufsuchen. 
Wir  begeben  uns  zu  diesem  Zwecke  nach  Indien. 


V.  Inder 


28.  Kapitel. 
Einleitendes.     Elementare  Rechenkunst 

Zu  einer  selbst  möglicherweise  aus  zweierlei  Völkern,  deren 
eines  die  krausen  Haare  der  Australneger  besass,  gemischten  üreiu- 
wohnerschaft  des  heutigen  Dekkans  wanderte  vielleicht  1400  Jahre 
V.  Chr.  der  Stamm  der  Arier  ein,  die  niedriger  stehenden  Besitzer 
des  Landes  theils  vertreibend,  theils  unterjochend^).  In  der  späteren 
Kasteneintheilung  des  indischen  Volkes  sind  die  Nachkommen  der 
alten  Besiegten  als  die  dienende,  verachtete  Kaste  der  ^üdras  übrig 
geblieben,  deren  Berührung  schon  befleckte,  und  die  streng  ausge- 
schlossen waren  von  den  Segnungen  einer  Bildung,  deren  Träger 
freilich  zumeist  in  den  beiden  oberen  Kasten  der  Brähmanas  und 
Kshattriyas,  der  Priester  und  Krieger,  zu  suchen  sind,  während  sie 
kaum  noch  auf  die  Vai9yas,  den  bürgerlichen  Kern  des  Volkes  sich 
erstreckte.  Die  Sprache  der  Arier,  der  Trefflichen  nach  der  späteren 
Bedeutung  des  Namens,  ist  dieselbe,  welche  man  Sanskrit  zu  nennen 
pflegt.  Sie  wurde  die  herrschende  Sprache  von  ganz  Vorderindien, 
vermochte  aber  in  dieser  Ausdehnung  sich  nicht  zu  erhalten.  Das 
Sanskrit  verblieb  nur  als  Gelehrtensprache  in  den  Priesterschulen  der 
Brahmanen,  während  es  als  Volkssprache  ausstarb,  beziehungsweise 
durch  Töchtersprachen  verdrängt  wurde. 

Zwei  Momente  mögen  bei  dieser  Verdrängung  wirksam  gewesen 
sein.  Einmal  die  Seltenheit  schriftlicher  Ueberlieferung,  welche  so 
weit  ging,  dass  Fremde,  welche  nur  kurze  Zeit  im  Lande  ver- 
weilten, an  den  Mangel  jeder  schriftlichen  Aufzeichnung  glauben 
durften,  zweitens  die  jene  Seltenheit  selbst  wohl  verschuldende  mehr 


')  Für  die  allgemeinen  Verhältnisse  waren  unsere  Quellen  der  Artikel 
„Indien"  von  Benfey  in  Ersch  und  Grubers  Encyklopädie  1840.  Reinaud, 
Memoire  sur  l'Inde  in  den  Me'moires  de  V Academie  des  Inscriptions  et  Belles- 
lettres  XVIII,  2.  Paris,  1849.  Albr.  Weber,  Vorlesungen  über  indische  Lite- 
raturgeschichte. 2.  Auflage.  Berliü,  1876.  Herr  E.  Windisch  unterstützte  uns 
bei  der  Drucklegung  der  ersten  Auflage  wesentlich  durch  Rathschläge  für  die 
Rechtschreibung  indischer  Namen  und  Wörter. 


556  28.  Kapitel. 

und  mehr  hervortretende  Centralisation  der  Gelehrsamkeit  bei  den 
Brahmanen. 

Das  Volk  lebte  unter  einem  heftigen  Drucke,  welchem  die  Ein- 
führung einer  neuen  Religion  entsprang,  des  Buddhismus,  etwa 
seit  der  Mitte  des  VI.  S.  v.  Chr.  Rasch  um  sich  greifend  nach 
mühseligen  Anfängen  wurde  der  Buddhismus  durch  den  König  A^oka 
am  Beginn  des  III.  S.  zur  Staatsreligion  erhoben,  und  diese  herr- 
schende Stellung  besass  er  auch  noch  zur  Zeit  des  Königs  Kanishka 
um  50  V.  Chr.,  eines  zweiten  indischen  Fürsten  von  in  der  Erinne- 
rung der  Nachkommen  sich  fast  sagenhaft  mehrendem  Ruhme.  Um 
die  Zeit  von  Christi  Geburt  etwa  gelang  es  dem  Brahmanismus  in 
den  Ländern  westlich  vom  Ganges  wieder  die  Oberhand  zu  gewinnen, 
während  der  Buddhismus  weiter  nach  Osten  siegreich  fortschritt,  be- 
ziehungsweise sich  dort  erhielt. 

Der  Buddhismus  war  ebenso'^schreibselig  wie  der  alte  Brahmanis- 
mus der  schriftlichen  Arbeit  abgeneigt.  Eine  reiche  buddhistische 
Literatur  hatte  sich  erzeugt,  aber  der  neu  erwachende  Brahmanismus 
vertilgte  schonungslos,  wessen  er  nur  habhaft  werden  konnte,  und 
das  bot  eine  neue  Veranlassung,  die  Sanskritsprache  in  Indien  selbst 
zur  Unverständlichkeit  zu  bringen.  Sie  behielt  nur  noch  das  Wesen 
und  den  Charakter  einer  heiligen  Sprache,  als  solche  allen  höheren 
Zwecken  dienstbar.  Religion  und  Wissenschaft  waren  an  sie  geknüpft, 
und  auch  was  wir  von  der  Mathematik  der  Inder  wissen,  ist  wesent- 
lich aus  Sanskrittexten  geschöpft,  wenn  nicht  aus  Schriftstellern 
anderer  Völker  erschlossen. 

Ein  Verkehr  Indiens  mit  dem  Westen  wie  mit  dem  Osten  ist 
nämlich  für  fast  alle  Zeiten  von  den  ältesten  an  gesichert.  Sind  es 
insbesondere  sprachliche  Gründe,  welche  für  die  allerältesten  Zeiten 
den  Ausschlag  geben  müssen,  so  treten  bestimmte  Ueberlieferungen 
seit  dem  IV.  S.  v.  Chr.  bestätigend  hinzu.  Nach  dem  Alexanderzuge 
entstanden  dicht  an  den  Grenzen  Indiens  griechische  Königreiche, 
welche  Verbindungen  mit  dem  Mutterlande  ununterbrochen  aufrecht 
erhielten,  und  mittels  deren  herüber  und  hinüber  auch  Wissenschaft 
und  wissenschaftliche  Berufsthätigkeit  in  Austausch  treten  mussten. 
Kanishka,  den  wir  vorher  erwähnten,  schloss  ein  Bündniss  mit  dem 
Triumvirn  Marcus  Antonius,  und  von  seinen  Truppen  befanden  sich 
unter  den  Geschlagenen  bei  Aktium.  Indische  Gesandtschaften  er- 
schienen, wie  wir  in  dem  griechischer  Entwicklung  gewidmeten  Ab- 
schnitte (S.  428)  zu  erwägen  gaben,  an  dem  Kaiserhofe  in  Rom  wie 
später  in  Byzanz.  Augustus,  Claudius  und  Trajan,  Constantinus  und 
Julian  durften  die  aus  dem  fernen  Osten  kommenden  Botschafter 
begrüssen.     Und    keineswegs    weniger    gesichert    ist    der    Verkehr 


Einleitendes.     Elementare  Rechenkunst.  557 

zwisclien  Indien  und  der  Ostküste  Aegyptens  über  das  indisclie  Meer 
hin.  In  den  beiden  Jahrhunderten,  welche  zwischen  der  Regierung 
Trajans  und  dem  Jahre  300  liegen,  scheint  insbesondere  der  Handel 
auf  dieser  durch  Passatwinde  begünstigten  Wasserstrasse  stetig  an 
Ausdehnung  gewonnen  zu  haben,  so  dass  eine  Schwierigkeit  die  Art 
und  Weise  der  Uebertragung  zu  erklären  keineswegs  besteht  für  den 
FaU,  dass  indische  Bildungselemente  in  griechischen,  griechische  in 
indischen  Werken  sich  nachweisen  Hessen.     Beides  ist  aber  der  Fall. 

Philosophie  und  Theologie  der  alexandrinischen  Neuplatoniker 
und  Gnostiker  haben  indische  Gedanken  sich  angeeignet.  Dass  auch 
umgekehrt  indische  Literatur  vielfach  von  griechischen  Quellen  zeuge, 
ist  eine  Thatsache,  welche  o-egenwärtig  wohl  von  keinem  Sanskrito- 
logen  mehr  in  schroffe  Abrede  gestellt  wird.  Nur  über  den  Grad 
der  'Beeinflussung,  stellenweise  über  die  Richtung  derselben  findet 
ein  Zwiespalt  statt,  da  ja  an  und  für  sich  betrachtet  Dinge,  die  an 
zwei  Orten  gefunden  werden,  falls  man  an  ein  selbständiges  doppeltes 
Auftreten  aus  diesem  oder  jenem  Grunde  zu  glauben  nicht  geneigt 
ist,  eben  so  leicht  von  dem  östlichen  Fundorte  nach  dem  westlichen 
gelangt  sein  können  als  umgekehrt. 

Wir  werden  nunmehr  prüfen  müssen,  welcherlei  mathematisches 
Wissen  bei  den  Indern  sich  nachweisen  lässt,  und  wie  sich  dasselbe 
zur  griechischen  Wissenschaft  verhält. 

Eins  schicken  wir  voraus:  die  Form  indischer  Wissenschaft  darf 
uns,  wenn  sie  von  der  griechischen  noch  so  weit  abweicht,  nicht  als 
Beweis  der  Selbständigkeit  derer  gelten,  die  sich  ihrer  bedienten. 
Ein  arabischer  Schriftsteller,  Albirüni,  hat  am  Anfange  des  XI.  S. 
die  Erfahrung  gemacht,  dass  Auszüge  aus  Euklid  und  Ptolemäus, 
welche  er  indischen  Gelehrten  mittheilte,  von  diesen  sofort  in  Verse 
so  dunkeln  Verständnisses  umgesetzt  wurden,  dass  er  kaum  mehr 
wiedererkannte,  was  er  selbst  sie  gelehrt  hatte  ^).  Nicht  viel  anders 
scheint  das  Verhältniss  der  indischen  Heilkünstler  des  Mittelalters  zu 
Hippokrates  aufzufassen^). 

Wir  haben  von  dunkeln  Versen  gesprochen.  Es  ist  das  eine 
besondere  Eigenthümlichkeit  indischer  Gelehrten,  dass  sie  wissen- 
schaftliche Werke  in  Versen  zu  verfassen  liebten.  Es  hängt  das 
offenbar  mit  der  brahmanischen  Neigung  zusammen  dem  Gedächtnisse 
zu  .vertrauen  und  Aufzeichnungen  zu  vermeiden.  Nicht  unwichtige 
Folgen  ergeben  sich  aber  daraus.  Einmal  ist  die  indische  Prosodie 
eine   auf  sehr  feste  Regeln  gegründete,   so  dass  Irrthümer  in  einem 


^)  ßeinaud,  Memoire  sur  l'Inde  pag.  334,  Anmerkung  2.     ^)  E.  Haas  in 
der  Zeitschr.  der  deutschen  morgenländischen  Gesellsch.  XXXI,  647—666. 


558  28.  Kapitel. 

alten  Texte  unter  Umständen  ausser  aus  dem  Sinne  aucli  aus  holpern- 
dem Versmaasse  erkannt  werden  können.  Zweitens  aber  hat,  wie 
wir  schon  sagten,  die  Versform  häufig  Dunkelheit  erzeugt  und  so 
die  Nöthigung  zu  ausführlichen  Erklärungen  der  für  die  Schüler  fast 
unverständlichen  Schriften  mit  sich  getragen,  Erklärungen,  die  selbst 
dazu  dienen  den  älteren  Text  in  unzweifelhafter  Reinheit  zu  be- 
wahren, weil  sie  fortlaufende  Commentare  bilden,  Wort  für  Wort 
des  Textes  wiederholen,  zur  Sache  selbst  aber  meistens  recht  wenig 
bieten,  indem  sie  sich  mit  blossen  Umschreibungen  zu  begnügen 
pflegen. 

Die  indische  Prosodie,  sagten  wir,  sei  auf  sehr  feste  Regeln  ge- 
gründet. In  der  That  besitzt  sie  Versmaasse  sehr  verschiedener  Natur, 
von  denen  wir  zwei  nennen  müssen,  das  Sloka-  und  das  Ärya- 
Metrum.  Letzteres  diente  den  Mathematikern  seit  Aryabhatta,  dessen 
Zeitalter  wir  gleich  angeben  werden,  ausschliesslich.  Früher  soll 
man  des  Sloka-Metrums  sich  bedient  haben,  und  dieser  Umstand 
ist  zur  Datirung  eines  arithmetischen  Bruchstückes  benutzt  worden, 
welches  im  Mai  1881  in  Bakhshäli,  in  dem  nordwestlichsten  Indien, 
in  der  Erde  vergraben  aufgefunden  worden  ist.  Es  wird  angenommen, 
das  Rechenbuch  von  Bakhshäli^),  wie  wir  es  nennen  wollen,  sei 
im  dritten  oder  vierten  nachchristlichen  Jahrhundert  verfasst,  wenn 
auch  die  aufgefundene  Niederschrift  auf  Birkenrinde  erst  zwischen  den 
Jahren  700  und  900  entstanden  sein  dürfte.  Von  dem  Inhalte  des 
Rechenbuches  von  Bakhshäli  reden  wir  am  Anfange  des  29.  Kapitels. 

Eigentlich  mathematische  Schriftsteller  scheint  es  nach  der  gegen- 
wärtigen Kenntniss,  die  wir  von  der  Sanskritliteratur  besitzen,  in 
Indien  nicht  gegeben  zu  haben.  Astronomie  mid  Astrologie  fanden 
dagegen  ihre  berufsmässigen  Vertreter,  und  da  diese  genöthigt  waren 
mathematische  Vorkenntnisse  vorauszusetzen,  so  entwickelten  sie  das, 
was  ihnen  unentbehrlich  war,  in  Einleitungskapiteln  oder  in  gelegent- 
lichen Abschweifungen.  So  hielten  es  wenigstens  die  drei  vorwiegend 
mathematischen  Astronomen,  deren  Werke  wir  besitzen. 

Aryabhatta  geboren  476  n.  Chr.  in  Pätaliputra  am  oberen 
Gangeslaufe  schrieb  ein  Werk  Aryabhättiyam  betitelt,  dessen  dritter 
Abschnitt  der  Mathematik  gewidmet  ist"''). 

Brahmagupta  geboren  598  schrieb  „das  verbesserte  System 
des  Brahma",  Brahma- sphnfa-siddhänta,  aus  welchem  das  12.  und 
18.  Kapitel  der  Mathematik  angehören. 


')  The  Bakshali  Manuscript  von  Rudolf  Hoernle  im    Indian  Antiquary 
XVII,    33-48    und    275—279     (Bombay,    1888).  -)    Eine    Uebersetzung    von 

L.  Rodet  im  Journal  Asiatique  von  1879.     (Sörie  7,  T.  XIII.) 


Einleitendes.     Elementare  Rechenkunst.  559 

Bhäskara  Acärya,  d.  h.  Bhäskara  der  Gelehrte,  schrieb 
„die  Krönung  des  Systems"  Siddhäntagiromaui,  dessen  zwei  für  uns 
wichtige  Kapitel  mit  besonderer  Ueberschrift  LUävati  (die  Reizende) 
und  Vijaganita  (Wurzelrechnung)  genannt  sind^).  Bhäskara  ist  1114 
geboren. 

Die  Geburtsdaten  dieser  drei  Schriftsteller  sind  vollständig  sicher, 
da  sie  aus  eigenen  Angaben  der  betreffenden  Männer,  welche  in  ihren 
Werken  aufgefunden  worden  sind,  hergestellt  werden  konnten ''^). 
Wir  fügen  dem  hinzu,  dass  andere  Astronomen  oder  Mathematiker, 
welche  wir  noch  nennen  werden,  insgesammt  viel  jüngeren  Datums 
als  Aryabhatta  sind,  dass  ein  astronomisches  Werk,  von  dem  wir  so- 
gleich reden  wollen,  auch  nicht  älter  als  frühestens  aus  dem  IV.  oder 
V.  S.  nachchristlicher  Zeitrechnung  ist. 

Wir  meinen  den  Sürya  Siddhänta  oder  das  Wissen  der 
Sonne  ^),  indem  Sürya  (die  Sonne)  ihre  Siddhänta  (Erkenntniss, 
Wissenschaft,  System)  dem  Asura  Maya  d.  h.  dem  Dämon  Maya 
offenbart,  der  es  niederschreibt.  Wer  dieser  dämonische  Schriftsteller 
selbst  sei,  wann  er  gelebt  hat,  ist  nur  durch  eine  ziemlich  kühne 
Vermuthung  erschliessbar.  In  dem  Werke  selbst  kommen  nämlich 
unzweifelhaft  griechische  Ausdrücke  vor,  welche  in  der  indischen  Ver- 
kleidung leicht  erkannt  worden  sind.  Wenn  Kendra  die  Entfernung 
eines  Planeten  von  einem  Störungsmittelpunkte  bedeutet,  so  ist  das 
eben  das  griechische  ^  ex  xevrgov,  wenn  liptä  oder  liptikä  die  Winkel- 
minute heisst,  so  ist  das  Ismov  das  Geschabte,  das  Bruchtheil,  Ab- 
leitungen die  trotz  der  Stammverwandtschaft  indischer  und  griechi- 
scher Sprache  angenommen  werden  müssen,  indem  für  kendra  und 
liptä  eine  unmittelbar  indische  Herkunft  nicht  zu  ermitteln  ist.  Dazu 
kommt,  dass  einzelne  Lehren  des  Sürya  Siddhänta  griechisches  Ge- 
präge tragen.  Die  Ostwestlinie  für  einen  Punkt  wird  mittels  der 
zwei  Schattenbeobachtungen  gleicher  Länge  am  Vormittage  und  am 
Nachmittage  gewonnen,  welche  wir  bei  Vitruvius  und  Hyginus 
(S.  499)  kennzeichnen  mussten.  Anderes  scheint  auf  den  ptolemäischen 
Almagest  hinzuweisen.     Grade   diese  Annahme  vereinigt  sich  sodann 


')  Die  mathematischen  Kapitel  von  Brahmagupta  und  von  Bhäskara  sind 
in  einer  englischen üebersetzung  vorhanden,  welche  wir  als  Colebrooke  citiren: 
Algebra  whith  arithmetic  and  mensuration  from  the  Sanscrit  of  Brahmegupta 
and  Bhaseara  translated  hy  H.  Th.  Colebrooke.  London,  1817.  ^)  Bhaü 
Daji,  On  the  age  and  authenticity  of  the  worJcs  of  Varähamihira,  Brahmegupta, 
Bhattotpala  and  Bhaskardchärya  in  dem  Journal  of  the  Asiatic  society  1865 
(New  Series  I,  pag.  292-418).  ^)  Herausgegeben  mit  englischer  Üebersetzung 
von  Burgess  und  Anmerkungen  von  Whitney  in  dem  Journal  of  the  American 
Oriental  Society  Vol.  VI  (New-Haven,  1860). 


560  28.  Kapitel. 

mit  einer  höchst  merkwürdigen  Thatsache:  dass  nämlich  ägyptische 
Könige  aus  der  Ptolemäerfamilie  in  indischen  Inschriften  als  Tura- 
maya  vorkommen  mit  eigenthümlicher  Verketzerung  des  Namens. 
Man  hat  deshalb  vermuthet^),  auch  der  Astronom  Ptolemäus  sei  zu 
einem  Turamaya  geworden,  der  volksthümlich  sich  weiter  in  einen 
Asura  Maya  verketzerte.  Zu  einer  solchen  sagenhaften  Personen- 
veränderung bedarf  es  einiger  Zeit  und  so  kann  der  Sürya  Siddhänta 
nicht  allzurasch  nach  Ptolemäus  Leben  d.  h.  nach  dem  II.  S.  n.  Chr. 
verfasst  sein.  Andererseit  hat  Varähamihira  von  dem  Surya  Sid- 
dhänta Gebrauch  gemacht  und  dessen  Blüthezeit  fällt  nach  der  Aus- 
sage eines  noch  späteren  Astronomen  Bhatta  Utpala  nach  505, 
dessen  Tod  einem  anderen  Berichterstatter  Amaräja  zufolge  auf  587. 
Beide  Daten  vereint  lassen  uns  in  Varähamihira  einen  jüngeren  Zeit- 
genossen von  Aryabhatta  finden,  und  der  Sürya  Siddhänta  muss  dem 
entsprechend  zwischen  Ptolemäus  und  Varähamihiras  Lebzeiten  d.  i. 
etwa  im  IV.  oder  V.  S.  entstanden  sein. 

Varähamihira^)  gibt  übrigens  den  Ursprung  mancher  seiner 
Kenntnisse  mit  ehrlicherer  Gewissenhaftigkeit  an,  als  es  sonst  bei 
Indern  der  Fall  zu  sein  pflegt.  Er  bezieht  sich  für  die  Namen  der 
Sternbilder,  welche  er  benutzt,  geradezu  auf  den  Yavane9varäcärya 
d.  h.  auf  den  ionischen  oder  griechischen  Meister,  indem  die  Yavana 
sicherlich  Griechen  bedeuten.  Bei  ihm  und  anderen  Astronomen  und 
Astrologen  ist  sodann  von  Romaka  Pura  d.  h.  von  Rom  und  von 
Yavana  Pura,  d.  h.  der  Stadt  der  lonier  nämlich  von  Alexandria 
die  Rede,  lauter  Momente,  welche  den  alexandrinisch-indischen  Be- 
ziehungen entstammen  und  die  Abhängigkeit  indischer  Astronomie 
auch  von  alexandrinischem  Wissen  bestätigen,  wie  andern theils  ein 
Zusammenhang  ältester  indischer  Sternkunde  mit  Babylon  (S.  91) 
nicht  abzuweisen  sein  dürfte. 

Wir  haben  ausserordentlich  wenig  für  uns  Brauchbares  dem 
Sürya  Siddhänta  entnehmen  können,  eigentlich  nichts  weiter,  als  dass 
ein  griechischer  Einfluss  auf  indische  Wissenschaft  damals  schon, 
mithin  vor  Aryabhatta  feststeht.  Wir  haben  daneben  einige  weitere 
Nauien  indischer  Astronomen  kennen  gelernt.  Wir  lassen  hier  andere 
folgen.  Von  einiger  Bedeutung  dürften  ^ridhara  und  Padmanäbha 
gewesen  sein.  Beide  sind  bei  Bhäskara  erwähnt,  bei  Brahmagupta 
noch  nicht,  haben  daher  vermuthlich  in  der  Zwischenzeit  zwischen 
diesen   beiden  gelebt.     Es  kommt  dazu  Paramädi9vara,  der  Com- 


')  Älbr.  Weber,  Zur  Geschichte  der  indischen  Astrologie  in  den  Indischen 
Studien  II,  243.  ^)  The  Panchasiddhäntilcü  of  Varciha  Mihira  ed.  by  G.  Thi- 
baud  and  Mahämahopädhyäya  Sudhäkara  Dvivedi.     ßenares,  1889. 


Einleitung.     Elementare  Rechenkunst.  561 

inentator  Aryabhattas,  welcher  später  als  Bhaskara  gelebt  hat,  welchen 
er  kennt.  Ferner  kommen  Bhäskaras  Commentatoren  hinzu,  wie 
Gangädhara,  der  1420  lebte,  Süryadäsa  um  1540,  Gane9a  um 
1545,  Ranganätha  um  1640,  Räma  Krishna  vielleicht  um  die- 
selbe Zeit,  jedenfalls  nicht  viel  älter,  imd  Andere.  Sie  alle  lassen 
uns  rathlos  in  der  wichtigsten  Frage,  welche  wir  ihnen  so  gern  vor- 
legen würden,  in  der  Frage:  Und  was  war  vor  Aryabhatta? 

Sollen  die  Inder  mit  mathematischen  Kenntnissen  erst  zu  einer 
Zeit  vertraut  geworden  sein,  welche  später  liegt  als  diejenige,  in 
welcher  die  Nachblüthe  alexandrinischer  Wissenschaft  unter  Pappus 
und  Diophant  bereits  zu  Grabe  getragen  war?  Es  genügt,  die  ge- 
stellte Frage  von  der  Höhe  der  allgemeinen  Bildungsstufe  aus,  welche 
das  Volk  der  Inder  erreicht  hat,  sich  wiederholt  zu  vergegenwärtigen, 
um  zur  Verneinung  zu  gelangen.  Aber  worin  die  älteren  Kenntnisse 
bestanden  haben,  davon  wissen  wir  ungemein  wenig.  Sogar  wo  uns 
in  nicht-mathematischen  Schriften  Aufgaben  berichtet  werden,  deren 
Alterthum  kaum  bezweifelbar  ist,  zwingt  die  Jugend  des  Berichtes 
zum  Eingeständniss,  dass  die  Methoden  der  Auflösung  jener  Aufgaben 
möglicherweise  um  viele  Jahrhunderte  später  entstanden  oder  ein- 
geführt sein  können  als  die  Aufgaben  selbst.  Wir  haben  in  Rom  es 
gesehen,  dass  die  Festlegning  der  Ostwestlinie,  eine  alterthümliche 
Aufgabe,  ein  geradezu  priesterliches  Geschäft,  bald  so,  bald  so  vor- 
genommen wurde;  wir  haben  durch  einen  günstigen  Zufall,  das  Be- 
streben eines  Schriftstellers  Hyginus  nach  Vollständigkeit,  von  drei 
Methoden  offenbar  aus  verschiedenen  Zeiten  stammend  Kenntniss  ge- 
wonnen*, wir  haben  eine  Datirung  der  drei  Methoden  versucht,  ver- 
suchen können.  Wie  aber,  wenn  Hyginus  uns  nur  das  jüngste  Ver- 
fahren mitgetheilt  hätte,  wenn  Vitruvius  ganz  darüber  schwiege, 
würden  wir  die  berichtete  Methode  als  die  der  ältesten  Zeiten  aner- 
kennen müssen?  Vergegenwärtigen  wir  uns  nun  noch  die  schon  be- 
rührte Fähigkeit  der  Inder,  Fremdländisches  rasch  in  die  einheimische 
Form  zu  giessen,  so  kommen  wir  nothgedrungen  zu  der  Ueberzeugung, 
es  werde  in  vielen  Fällen  nur  spät  Eingeführtes  oder  mindestens 
durch  Einführungen  wesentlich  Verändertes  sein,  wovon  uns  berichtet 
wird,  so  weit  wir  auch  in  Aufsuchung  mathematischen  Stoffes  zu 
greifen  geneigt  sind. 

Daraus  folgt  aber  die  Unmöglichkeit  eine  chronologische  Ueber- 
sicht  der  indischen  Mathematik  zu  geben,  und  wir  werden  in  jeder 
Beziehung  uns  besser  stehen,  wenn  wir  versuchen  eine  Gruppenein- 
theilung  des  indischen  mathematischen  Wissens  nach  dem  Inhalte  vor- 
zunehmen. Es  wird  dabei  in  ein  helleres  Licht  treten,  was  als  Leit- 
faden  durch  diesen  ganzen  Abschnitt  benutzt   werden  kann:   ein  ge- 

Cantob,  Geschichte  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  36 


562  28.  Kapitel. 

wisser  Gegensatz  zwischen  griechisclier  und  indischer  Denkungsart 
und  schöpferischer  Kraft. 

Die  Griechen  waren  das  vorzugsweise  geometrische  Volk, 
sie  waren  es  in  solchem  Maasse,  dass  wir  den  einengenden  Zusatz: 
des  Alterthums  uns  füglich  erlassen  dürfen.  An  den  Indern  werden 
wir  die  vorzugsweise  rechnerische  Begabung  zu  bewundern  haben. 
Bei  ihnen  ist  dem  entsprechend  muthmasslich  die  Heimath  einer 
staunenerregenden  Entwicklung  der  Rechenkunst  zu  suchen.  Und 
umgekehrt  tritt  uns  mit  der  einzigen  Ausnahme  einer  selbst  auf 
Rechnung  gegründeten  Trigonometrie  keinerlei  indische  Geometrie 
gegenüber,  deren  Spuren  wir  nicht  mit  Leichtigkeit  nach  Alexandria 
zurückverfolgen  könnten,  insbesondere  zurückverfolgen  zu  derselben 
Quelle,  aus  welcher  griechische  Geometrie  auch  nach  Westen,  nach 
Rom,  abfloss,  zu  Heron  dem  Feldmesser.  Mit  der  Algebra  endlich 
wird  sich  uns  ein  Gebiet  eröffnen,  das  beiden  Begabungen  zugänglich 
war.  Die  Griechen  gingen  von  einer  geometrisch  eingekleideten 
Algebra  aus,  welche  sie  bis  zur  Auflösung  unreiner  quadratischer 
Gleichungen  fortführten,  nur  allmälig  des  geometrischen  Gewandes 
sich  entäussernd.  Spuren  griechischer  Algebra  müssen  mit  griechi- 
scher Geometrie  nach  Indien  gedrungen  sein  und  werden  sich  dort 
nachweisen  lassen.  Aber  entweder  stiess  die  griechische  Algebra  in 
Indien  auf  eine  einheimische  oder  vielleicht  aus  Babylon  frühzeitig 
eingedrungene  Schwesterwissenschaft,  mit  der  sie  sich  vereinigte,  oder 
sie  entwickelte  sich  dort  rechnerisch,  also  recht  eigentlich  algebraisch 
bis  zu  einer  Höhe,  die  sie  in  Griechenland  niemals  zu  erreichen  ver- 
mocht hat. 

Bei  der  nunmehr  zu  beginnenden  Besprechung  indischer  Rechen- 
kunst tritt  uns  vor  Allem  das  Zifferrechnen  gegenüber,  welches 
nach  vielfach  verbreiteter  Ueberlieferung  indischen  Ursprungs  ist. 
Ein  arabischer  Schriftsteller  des  X.  S.,  Mas'üdi,  erzählt'),  unter 
Brahmas,  des  ersten  indischen  Königs,  Regierung  habe  die  Wissen- 
schaft ihre  grössten  Fortschritte  gemacht.  Man  habe  damals  in  den 
Tempeln  Himmelskugeln  abgebildet;  die  Regeln  der  Astrologie,  des 
Einflusses  der  Sterne  auf  Menschen  und  Thiere  seien  festgestellt 
worden;  die  vereinigten  Gelehrten  verfassten  den  Sindhind  (d.  h.  den 
Siddhänta),  das  Buch  der  Zeit  der  Zeiten;  astronomische  Tafeln 
wurden  zusammengestellt;  endlich  erfand  man  die  neun  Zeichen,  mit 
welchen  die  Inder  rechnen.  In  diesem  Berichte  spukt  offenbar 
indischer  Nationalstolz,  welcher  den  Sürya  Siddhänta  wie  Alles  was 
mit  Sternkunde  in  engerer   oder  weiterer  Verbindung   steht  als  ein- 


')  Reinaud,  Memoire  sur  l'Inde  pag.  324. 


Einleitendea.     Elementare  Rechenkunst.  563 

heimisch  betrachtet  wissen  und^darum  in  ein  graues  Alterthum  hin- 
aufrücken will.  Noch  deutlicher  zeigt  sich  die  gleiche  Eigenschaft 
in  der  Fortsetzung  des  Berichtes,  der  Mas^üdi  von  indischer  Seite  zu- 
getragen wurde,  so  dass  er  nur  als  Sprachrohr  uns  erscheint.  Die 
Inder,  heisst  es  nämlich  weiter,  hätten  nach  Aryabhatta  einen  Alma- 
gest  verfasst,  aus  welchem  Ptolemäus  sein  Werk  gleichen  Titels  ent- 
nommen habe,  eine  Umkehrung  der  Thatsachen,  die  ihres  Gleichen 
sucht.  Gegenwärtig  haben  wir  es  indessen  mit  den  Ziffern  zu  thun, 
und  da  scheint  gegen  das,  was  man  Mas'üdi  erzählt  hat,  kein  Wider- 
spruch sich  zu  erheben.  Aehnlich  lauten  auch  andere  Berichte.  So 
heisst  es  in  einer  um  950  an  der  Nordküste  von  Afrika  entstandenen 
rabbinischen  Abhandlung^):  die  Inder  haben  neun  Zeichen  erfunden 
um  die  Einheiten  anzuschreiben.  Weitere  Bestätigung  finden  wir  bei 
dem  Byzantiner  Maximus  Planudes,  dessen  bezügliche  Aeusserungen 
(S.  476)  mitgetheilt  worden  sind,  in  welchen  auch  der  Erfindung  der 
Null  besonders  gedacht  ist. 

Ob  freilich  die  Null  gleichen  Alters  ist  mit  den  anderen  Zahl- 
zeichen, diese  Frage  möchte  eher  zu  verneinen  als  zu  bejahen  sein. 
Es  scheint  fast  nachweisbar,  dass  die  ältere  indische  Zahlenschreibung 
der  Null  noch  entbehrte,  welche  erst  später  hinzuerfunden  wurde. 
Das  erste  bekannte  Vorkommen  der  Null  in  einer  Urkunde  ist  erst 
aus  dem  Jahre  738  bekannt^). 

Die  Insel  Ceylon  hat  ihre  Kultur  von  Indien  her  erhalten,  sei 
es  schon  im  V.  S.  v.  Chr.,  sei  es  im  III.  S.,  als  König'  A9oka  den 
Buddhismus  auch  dorthin  über  das  Meer  trug.  Auf  Ceylon  wurde 
aber  im  Gegensatze  zum  Festlande,  wo  ein  Fortschritt  wenigstens 
in  manchen  Jahrhunderten  mit  grösster  Deutlichkeit  hervortritt,  die 
Bildung  vollständig  stationär,  und  eine  am  Anfange  unseres  Jahr- 
hunderts noch  auf  Ceylon  bei  den  Gelehrten  übliche  Zahlenschreibart 
kann  sehr  wohl  ältesten  indischen  Ursprunges  sein^).  Während  das 
Volk  sich  der  gewöhnlichen  europäischen  Ziffern  bedient,  welche  mit 
den  Kolonisten  der  letzten  Jahrhunderte  eingewandert  in  der  ver- 
änderten Gestalt,  welche  sie  durch  diese  erhalten  hatten,  sich  unweit 


')  Es  ist  ein  Commentar  von  Abu  Sahl  ben  Tamim  in  hebräischer  Sprache 
zu  der  bekannten  kabbalistischen  Schrift  Sepher  Yecira  und  handschriftlich  in 
Paris  vorhanden.  Reinaud,  Memoire  sur  l'Inde  pag.  ö65.  ^)  E.  Clive  Bay- 
ley,  On  the  genealogy  of  modern  numerals  in  dem  Journal  of  the  royal  asiatic 
Society.  New  series  XIV,  335-376  (1882)  und  XV,  1—72  (1883).  Ueber  die 
Urkunde  von  738  vergl.  XV,  27.  ^)  Die  Untersuchungen  des  dänischen  Ge- 
lehrten Rask  über  diesen  Gegenstand  stammen  aus  dem  Jahre  1821.  Vergl. 
ßrockhaus,  Zur  Geschichte  des  indischen  Zahlensystems  in  der  Zeitschrift  für 
die  Kunde  des  Morgenlandes  IV,  74—83. 

36* 


554  .  ^^-  Kapitel. 

der  alten  Heimath  wie  fremd  neu  einbürgerten,  haben  die  Gelehrten 
folgendes  Verfahren  aufbewahrt.  Sie  besitzen  neun  Zeichen  für  die 
verschiedenen  Einer,  ebensoviele  für  die  Zehner,  ein  Zeichen  für 
Hundert,  eins  für  Tausend  und  schreiben  mittels  dieser  20  Zeichen 
sämmtliche  Zahlen  von  1  bis  9999,  indem  die  Hunderter  mid  Tau- 
sender dadurch  ausgedrückt  werden,  dass  man  die  Anzahl  derselben 
vervielfachend  den  Zeichen  für  100  und  1000  vorsetzt.  So  schreibt 
man  z.  B.  7248  mit  sechs  Zeichen,  nämlich  7,  1000,  2,  100,  40,  8.  Vier 
Zeichen  nämlich  7000,  200,  40,  8  würden  genügen,  wenn  man  auch 
für  die  einzelnen  Hunderter  und  für  die  einzelnen  Tausender  wie  für 
die  Zehner  besondere  Zeichen,  im  Ganzen  demnach  36  Zeichen  be- 
sässe,  und  das  wird  auch  den  allergelehrtesteu  Einwohnern  nach- 
gerühmt. Das  ist  freilich  ein  Verfahren,  welches  dem,  was  man 
indische  Rechenkunst  zu  nennen  pflegt,  weit  weniger  gleicht,  als 
z.  B.  altägyptischer  hieratischer  Zahlenbezeichnung. 

Eine  Aehnlichkeit  gibt  sich  nur  darin  zu  erkennen,  dass  jene 
singhalesischen  Zeichen  nichts  anders  sein  sollen  als  abgekürzte  Zahl- 
wörter. Auch  die  alten  indischen  Ziffern,  d.  h.  die  Zeichen  von  eins 
bis  neun,  wie  sie  ursprünglich  aussahen  und  nicht  wie  sie  in  der 
späteren  indischen  Schrift  sich  verändert  haben,  sollen  nichts  anderes 
gewesen  sein  als  die  Anfangsbuchstaben  der  betreffenden  neun  Zahl- 
wörter, wobei  wohl  zu  beachten  ist,  dass  im  Sanskrit  eine  Ver- 
schiedenheit der  neun  Anfänge  obwaltet,  wie  sie  in  anderen  indo- 
germanischen Sprachen  nicht  stattfindet,  so  dass  in  diesen  ein  einfacher 
Anfangsbuchstabe  nicht  genügen  würde,  das  Zahlwort  unzweideutig 
zu  bestimmen.  Man  denke  nur  an  die  deutschen  Zahlwörter  sechs 
und  sieben;  an  die  lateinischen  sex  und  Septem,  aber  auch  an  qnatuor 
und  quinque]  an  die  griechischen  f|  und  imd.  Allerdings  wechselten 
im  Laufe  der  Jahrhunderte  auch  die  Buchstaben  ihre  Formen,  und 
es  scheint^),  als  ob  Buchstaben  des  IL  S.  n.  Chr.  vorzüglich  zur 
Ziffernbildung  gedient  hätten.  Aus  ihnen  leiten  sich  am  Unge- 
zwungensten die  Zeichen  ab,  welche  die  Apices  des  Boethius  heissen, 
welche  auch  bei  den  Westarabern  ims  noch  begegnen  werden.  (Siehe 
die  lithographirte  Tafel  am  Ende  des  Bandes.)  Freilich  ist  diese 
Meinung  nicht  die  allgemeine,  und  wir  dürfen  nicht  verschweigen, 
dass  andere  Forscher  von  hoher  Glaubwürdigkeit^)  nicht  viel  von  jener 
Buchstabenableitung  halten.  Die  Apices  seien  allerdings  indischen 
Ursprunges,   stammten  aber  von  nichtalphabetischen  Zahlzeichen  aus 


^)  So  hat  Woepcke  im  Journal  Äsiatique  von  1863,  pag.  75  bemerkt. 
')  B  um  eil,  Elements  of  South- Indian  Palaeography.  Mangalore,  1874, 
pag.  47  —  48. 


Einleitendes.     Elementare  Rechenkunst.  565 

Höhleüinsclirifteii  des  IL  S.  n.  Chr.  Für  uns  geht  mithin  als  ge- 
sichert hervor,  was  beiden  widersprechenden  Annahmen  gemein- 
schaftlich ist:  dass  im  II.  S.  Zahlzeichen,  gleichviel  welcher  ursprüng- 
lichen Entstehung,  in  Indien  vorhanden  waren,  und  von  da  nach 
Alexandria  gekommen  sein  können,  welche  zur  Ableitung  der  Apices 
vollkommen  genügen. 

Die  Inder  bedienten  sich  sehr  verschiedener  Bezeichnungsarten 
der  Zahlen,  von  denen  wir  reden  müssen.  Eine  solche  wird  von 
Aryabhatta  berichtet,  der  sich  ihrer  im  ersten  Kapitel,  und  nur  im 
ersten  Kapitel  des  Aryabhattiyam  bediente^).  Zu  deren  Verständniss, 
wie  überhaupt  für  das  Folgende  sind  wir  genöthigt,  weniges  über 
das  Alphabet  der  Sanskritgrammatik  einzuschalten. 

Es  besteht  aus  25  Consonanten  in  fünf  Abtheilungen,  deren  jede 
als  ein  Varga  bezeichnet  zu  werden  pflegt.  Es  sind  das  die  Kehl- 
laute, die  Gaumenlaute,  die  Zungenlaute,  die  Zahnlaute,  die  Lippen- 
laute. Die  fünf  Buchstaben,  aus  welchen  jeder  Varga  besteht,  sind 
der  harte  und  der  weiche,  jeder  von  beiden  ohne  und  mit  Aspiration 
sich  unmittelbar  folgend,  und  der  Nasenlaut,  Unterschiede,  die  dem 
europäischen  Ohre  fast  unmerklich  sind,  insbesondere  was  die  Nasen- 
laute betrifft,  da  wir  den  Lippennasenlaut  allerdings  als  m  zu  unter- 
scheiden wissen,  die  Nasenlaute  der  vier  ersten  Vargas  dagegen  sämmt- 
lich  als  n  hören.  Nach  den  25  Consonanten  kommen  vier  Halbvokale 
y,  r,  /,  V.  Als  30.  bis  32.  Buchstabe  erscheinen  drei  Zischlaute,  das 
Gaumen-c,  das  Zungen-s//,  das  Zahn-s.  Als  33.  Buchstabe  wird 
das  li  gezählt.  Dazu  treten  14  Vokale  und  Diphthongen  gleichfalls 
von  unseren  europäischen  Gewohnheiten  weit  abweichend.  Vokale 
sind  nämlich  a,  i,  u,  ri,  li  ein  jeder  in  kurzer  und  in  gedehnter 
Aussprache  vorhanden.  Diphthonge  sind  e,  ai,  o,  au.  Von  diesen 
Buchstaben  werden  die  Vokale  und  Diphthongen  nur  dann  durch  den 
anderen  Lauten  gleichberechtigte  Zeichen  geschrieben,  wenn  sie  für 
sich  allein  eine  Silbe  ausmachen,  also  in  der  Regel  nur  am  Anfange 
eines  Wortes  oder  gar  einer  Zeile.  Folgt  hingegen  der  Vokal  auf 
einen  Consonanten,  so  wird  er  durch  kleinere  Nebenzeichen  aus- 
gedrückt, welche  über  oder  unter  dem  Consonanten  angebracht  werden, 
etwa  wie  in  den  semitischen  Sprachen.  Das  kurze  a  bedarf  jedoch 
keines  Zeichens,  indem  es  ein  für  allemal  inhärirt,  d.  h.  indem  jeder 
der  Buchstaben  von  h  bis  h,  wenn  kein  anderer  Vokal  ihm  folgt, 
er  aber  der  letzte  Consonant  einer  Silbe  ist,  als  mit  kurzem  a  be- 
haftet ausgesprochen  wird.     Stehen  zwischen  zwei  Vokalen,  die  einem 


^)  Lassen    in  der  Zeitschr.  f.  d.  Kunde   des  Morgenlandes    II,    419—427. 
Rodet,  Legons  de  calcul  cV Aryabhatta  (Journal  Aslatique  1879)  pag.  8. 


566  28.  Kapitel. 

oder  auch  zwei  Wörtern  angehören  können,  mehrere  Consonanten, 
so  werden  diese  in  zusammengesetzter  Form  geschrieben,  indem  Theile 
eines  jeden  einzelnen  Consonanten  zu  einem  oft  sehr  fremdartig  aus- 
sehenden Buchstaben  vereinigt  werden. 

Aryabhatta  gibt  nun  den  Consonanten  durch  ihre  fünf  Vargas 
hindurch  die  Zahlen werthe  1  bis  25.     Thm  ist  also  li  ==  \,   lilt  =  2, 

^  =  3,    m  =  25.     Die  Halbvokale,    die   Zischlaute    und  das   h 

bedeuten  die  hier  sich  anschliessenden  Zehner,  also  y  =  30,  r  ==  40, 
.  .  .h  =  100.  Diese  Bedeutungen  finden  statt,  wenn  der  betreffende 
Buchstabe  mit  nachfolgendem  kurzen  oder  langen  a  verbunden  aus- 
gesprochen wird.  Die  weiteren  Vokale  des  Alphabets,  ohne  Rücksicht 
auf  Länge  und  Kürze,  imd  dann  noch  die  vier  Diphthonge  verviel- 
fachen den  Consonanten,  welchem  sie  angehängt  sind,  mit  aufeinander- 
folgenden Potenzen  von  100.  So  ist  also  ga  =  3,  gi  =  300, 
gu  =  30000,  ge  ist  eine  3  mit  10  Nullen,  gau  eine  3  mit  16  Nullen. 
Zwei  verbundene  Consonanten  sind  als  mit  demselben  Vokale  begabt 
anzusehen,  und  ihr  Werth  ist  zu  addiren.  So  ist  hvi  z.  B.  aufzu- 
lösen in  M  -{.vi  =  l-  100  +  60  •  100  =  6100. 

Die  Aehnlichkeit  mit  dem  Systeme  der  singhalesischen  Gelehrten 
ist  nicht  zu  verkennen.  Die  Vokale  und  Diphthonge  stellen  hier  die 
Zeichen  für  Einheiten  höheren  Ranges  vor,  welche  durch  voraus- 
gehende Consonanten  gewissermassen  als  Coefficienten  vervielfacht 
werden.  Positionsarithmetik  dagegen  ist  diese  Bezeichnung  nicht, 
und  wenn  wir  bei  unserer  Schilderung  von  Nullen  sprachen,  so  ge- 
schah dieses,  um  uns  unseren  Lesern  in  kürzester  Form  verständlich 
zu  machen,  nicht  aber  weil  die  Methode  selbst  es  verlangte.  Es 
wäre  übrigens  falsch,  wenn  man  die  Folgerung  ziehen  wollte,  Arya- 
bhatta habe  überhaupt  die  Positionsarithmetik  nicht  gekannt.  Das 
Gegentheil  geht  vielmehr,  wie  wir  sehen  werden,  aus  seinen  im  zweiten 
Kapitel  des  Aryabhattiyam  enthaltenen  Vorschriften  für  die  Aus- 
ziehung der  Quadrat-  und  Kubikwurzeln  hervor^). 

Positionsarithmetik  ist  auch  die  Grundlage  zweier  anderer  Systeme. 
Das  eine  soll  den  Mathematikern  des  südlichen  Indiens  an- 
gehören, ein  Erfinder  wird  jedoch  nicht  angegeben^).  Die  einzelnen 
Ziffern  werden  hier  durch  Buchstaben  ausgedrückt,  und  zwar  jede 
einzelne  nach  Belieben  durch  verschiedene  Buchstaben.  Die  Ziffern 
1  bis  9  entsprechen  nämlich  der  Reihe  nach  erstens  den  neun  ersten 
Consonanten,  also  dem  Varga  der  Kehllaute  und  den  vier  ersten 
Gaumenlauten;  zweitens  dem  11.  bis  19.  Consonanten,  also  dem  Varga 
der  Zungenlaute  und   den  vier  ersten  Zahnlauten;   drittens   den  vier 


>)  Rodet  1.  c.  pag.  19.     ")  Math.  Beitr.  Kultur!.  S.  68. 


Einleitendes.    Elementare  Rechenkunst.  567 

Halbvokalen,  den  drei  Zischlauten,  dem  h  und  einem  in  Südindien 
nocli  vorkommenden  cousonantiscken  //•.  Der  Varga  der  Lippenlaute 
bedeutet  die  Zijffern  1  bis  5.  Endlich  die  noch  übrigen  Buchstaben, 
nämlich  der  Nasenton  der  Gaumenlaute  und  der  Zahnlaute,  sowie 
alle  initiale  Vokale  und  Diphthonge  sind  Nullen.  Völlig  bedeutungs- 
los dagegen  sind  durch  Nebenzeichen  geschriebene  oder  inhärirende 
Vokale  und  Diphthonge,  ebenso  wie  die  zuerst  auszusprechenden 
Theile  zusammengesetzter  Consonanten,  deren  letzter  allein  als  werth- 
gebend  in  Geltung  tritt.  Die  so  geschriebenen  Zahlen  werden  alsdann 
gemäss  der  hier  wirklich  vorkommenden  Nullen  nach  den  Regeln 
des  Stellungswerthes  gelesen.  Die  Möglichkeit,  eine  und  dieselbe 
Zahl  nach  dieser  Methode  auf  verschiedene  Weise  darzustellen,  ist 
eine  fast  imbegrenzte  und  gewährt  durch  den  Sinn  der  jedesmal  ge- 
wählten Worte  nicht  bloss  eine  wahre  Gedächtnisshilfe,  sondern  auch 
die  Benutzbarkeit  im  fortlaufenden  Versmaass  unter  Einhaltung  der 
strengen  Regeln  indischer  Prosodie. 

Noch  geeigneter  zu  solcher  Benutzung  in  Versen  erscheint  die 
zweite  hier  zu  erwähnende  Methode  einer  symbolischen  Positions- 
arithmetik^),  die  ziemlich  weite  Verbreitung  erlangt  hat,  da  sie 
bei  den  Indern,  wie  in  Tibet,  wie  bei  den  Eingeborenen  der  Insel 
Java  vorkommt.  Es  werden  dabei  für  die  Einer  und  auch  für  manche 
zweiziffrige  Zahlen  gewisse  symbolische  Wörter  gewählt,  welche  als- 
dann mit  Positionswerth  zusammengesetzt  werden.  Die  Reihenfolge 
ist  die  der  Sprache  in  den  Zahlen  unter  Hundert,  nicht  die  der  Schrift. 
Das  Zahlenschreiben  befolgt,  wie  wir  wissen,  das  Gesetz  der  Grössen- 
folge.  Die  Sprache  ist  nicht  immer  so  folgerichtig,  und  so  lässt  sie 
im  Sanskrit  wie  im  Deutschen,  wie  im  Arabischen,  in  dem  Gebiete 
unterhalb  von  Hundert  das  kleinere  Element  dem  grösseren  voraus- 
gehen z.  B.  dreiundsiebzig,  trisaptati.  Ebenso  macht  es  diese  sym- 
bolische Bezeichnung,  welche  wir  um  dieser  Eigenthümlichkeit  willen 
lieber  eine  Aussprache  der  Zahlen  mit  Stellungswerth,  als  eine 
Schreibweise  nennen  möchten.  So  heisst  aMhi  (der  Ocean,  deren  es 
vier  gibt)  die  Zahl  4,  siirya  (die  Sonne  mit  ihren  zwölf  Wohnimgen) 
die  Zahl  12,  agvin  (die  beiden  Söhne  des  Sürya)  die  Zahl  2  und 
aMhisiiryägvinas  in  seiner  Zusammensetzung  2124.  Da  mehr  als  ein 
Wort  für  jede  einzelne  Zahl  zur  Verfügung  steht,  für  4  z.  B.  auch 
Jcrita  (die  erste  der  vier  Weltperioden),  ausserdem  die  mehrziifrigen 
Zahlen  auch  nach  verschiedenen  Gruppen  getheilt  werden  können 
(z.  B.    2124  =  2  •  12  •  4  =  2  •  1  •  24  =  2  •  1  •  2  •  4)    so    ist    hier    die 


^)  Nouveau   Journal  Äsiatique   XVI,    12,    25    und  34—40,    sowie  Journal 
Asiatique  6.  sörie,  I,  284—290  und  446. 


568  28.  Kapitel. 

Combinationsfahigkeit  eine  gleichfalls  ausserordentliclie,  und  die  Ein- 
fücfung  in   das  Versmaass  ist   damit   so   erleichtert,   dass  mau  es  be- 
greiflich   findet,    dass    Astronomen   wie    Brahmagupta    mit    Vorliebe  - 
grade  der  symbolischen  Zahlenbenennung  in  ihren    didaktischen  Ge- 
dichten sich  bedienten. 

Ein  derartiges  bewusstes  Spielen  mit  den  Begriffen  der  Stellungs- 
arithmetik mit  Einschluss  der  Null  erklärt  sich  am  leichtesten  in 
der  Heimath  dieser  Begriffe,  für  welche  uns  Indien  bereits  gilt.  Als 
mit  der  Stellungsarithmetik  in  offenbarem  Zusammenhange  und  ver- 
muthlich  als  Vorbereitung  zu  derselben  zu  betrachten  stossen  wir  in 
Indien  auf  eine  Reihe  eigenthümlicher  Zahlennamen,  wie  keine  andere 
Sprache  der  Erde  sie  besitzt,  die  westlicher  als  Indien  sich  ent- 
wickelte. Bei  den  Griechen  waren  Namen  für  1,  10,  100,  1000, 
10  000  verbanden,  aus  denen  die  der  höheren  Einheiten  sich  zu- 
sammensetzten. Bei  den  Römern  war  die  Anzahl  selbständiger  Namen 
noch  beschränkter,  da  10000  bereits  zur  Zusammensetzung  nöthigte. 
Das  Gleiche  findet,  wie  wir  vorausschickend  bemerken,  im  Arabischen 
statt.  Das  Sanskrit  besitzt  dagegen  von  100  Millionen  an  die  Ge- 
wohnheit durch  Beifügung  des  Wortes  mahd  (gross)  eine  Verzehn- 
fachung vorzunehmen ,  z.  B.  arbuda  =  100  Millionen ,  mahärbuda 
=  1000  Millionen;  j)a(?wa  =  10000  Millionen,  mahäpadma  =  100000 
Millionen  u.  s.  w.,  aber  sonstige  wirkliche  multiplikative  Zusammen- 
setzungen wie  decem  millia,  ixarovtaxig^vQLOi  kommen  nicht  vor, 
und  die  eigenthümlich  gebildeten  Wörter  erstrecken  sich^)  bis  zur 
Bezeichnung  der  1  mit  20  Nullen  akshaiihini  und  der  1  mit  21  Nullen 
nmJiäJishaidünL  Es  ist  mit  Recht  bemerkt  worden,  dass  diese  Aus- 
sprechbarkeit jeder  einzelnen  Rangordnung  deren  Gleichberechtigung 
ganz  anders  zu  Bewusstsein  bringe,  als  die  griechischen  und  römi- 
schen Zusammenfassungen  in  Tetraden  und  Triaden  es  gestatten,  dass 
hier  eine  Wurzel  der  Stelluugsarithmetik  zu  Tage  trete'-).  Aber  frei- 
lich müsste  man,  um  ein  voUgiltiges  Urtheil  fällen  zu  können,  genau 
wissen,  wie  alt  jene  Sanskritwörter  sind,  wie  alt  dann  wiederum  die 
Erfindung  der  Null,  und  beides  wissen  wir  nicht.  Was  die  Wörter 
betrifft,  so  erstreckt  sich  Zweifel  über  ihre  Anzahl  wie  über  ihren 
Klang,  da  Bhäskara  z.  B.  in  der  Lilävati  ganz  andere  Zahlwörter 
als  die  obigen  angibt,  die  sich  bis  zur  1  mit  17  Nullen  erstrecken, 
und   auch    andere  Formen   noch    berichtet    werden^).     Noch    zweifel- 

*)  Pihan,  Expose  des  signes  de  numeration  usites  chez  les  peuples  orientuux 
anciens  et  modernes.  Paris,  1860,  pag.  59.  *)  Woepcke  im  Journal  Äsiatique 
für  1863,  pag.  443,  Anmerkung  1.  ^)  Colebrooke  pag.  4,  Note  4  und  Albr, 
Weber,  Vedische  Angaben  über  Zeittlieilung  und  hohe  Zahlen  iu  der  Zeitschr. 
der  deutsch,  morgenländ.  Gesellsch.  XV,  132—140. 


Einleitendes.    Elementare  Rechenkunst,  569 

hafter  stellen  wir  der  zweiten  Frage  gegenüber,  wann  die  Null  er- 
funden worden  sei.  In  Indien  selbst  haben  wir  keinen  Beleg  für 
das  Vorhandensein  der  Null,  der  höher  hinaufreichte  als  der  Sürya 
Siddhänta.  Fremde  Quellen  reichen  gleichfalls  nicht  höher  hinauf, 
da  wir  allgemein  gestellten  Fragen  (S.  84)  doch  nicht  die  Bedeutung 
von  Quellen  geben  dürfen.  Eine  negative  Erscheinung  lässt  uns  an 
viel  älterem  Vorkommen  überhaupt  zweifeln.  Wenn  die  indischen 
Zahlzeichen  es  waren,  wie  wir  annehmen,  die  um  das  II.  S.  n.  Chr. 
durch  indisch- alexandrinischen  Verkehr  nach  Westen  drangen,  um 
dort  zu  Apices  zu  werden,  so  ist  undenkbar,  dass  die  Null  und  mit 
ihr  die  Positionsarithmetik  nicht  auch  zugleich  herübergekommen 
wäre,  falls  sie  vorhanden  waren.  Das  Kolumnenrechnen  mit  den 
Apices  setzt  alsdann  noth wendig  voraus,  dass  in  Indien  selbst  die 
Null  erst  nach  dem  IL  S.  entstand.  Ist  aber  dieser  Schluss  richtig, 
dann  ist  es  auch  wahr,  dass  die  der  frühesten  religiösen  Literatur, 
den  sogenannten  vedischen  Schriften  bereits  angehörenden  hohen 
Zahlwörter  älter  als  Null  und  Stellungswerth  sind  und  vielleicht,  wie 
oben  gesagt  wurde,  zu  deren  Erfindung  leiteten.  Gesichert  freilich, 
und  damit  schliessen  wir  diese  Bemerkungen,  ist  nur  das  Vorkommen 
der  Null  etwa  seit  400  n.  Chr.  Eine  äthiopische  Inschrift  aus  dem 
IL  oder  III.  S.  n.  Chr.,  in  welcher  man  die  Zahlen  6383  und  11103 
erkannt  haben  wilP),  ist  zu  undeutlich,  um  als  sicheres  Beweismittel 
für  ein  so  altes  Vorkommen  der  Null  gelten  zu  können. 

Wie  die  Inder  rechneten,  bevor  das  Stellensystem 
ihnen  bekannt  war,  würde  in  mancher  Beziehung  sich  als  von 
geschichtlicher  Bedeutung  erweisen  können.  Leider  befinden  wir  uns 
hier  im  dichtesten  Dunkel.  Nicht  die  leiseste  Andeutung  ist  zu 
unserer  Kenntniss  gelangt,  dass  bei  den  Indern  vor  Zeiten  ein 
Fingerrechnen  oder  ein  instrumentales  Rechnen  stattgefunden  hätte. 
Sollen  wir  daraus  den  Schluss  ziehen,  dass  ähnliche  Hilfsmittel  dem 
Inder  fremd  waren?  dass  die  Inder  vielmehr,  unterstützt  durch  die 
bequemen  Zahlennamen,  und  ihrer  Natur  nach  zu  in  sich  gekehrtem, 
von  der  Aussenwelt  abgewandtem  Grübeln  geneigt,  wesentlich  Kopf- 
rechnen übten,  welches  naturgemäss  sich  nicht  zu  verändern 
brauchte,  als  die  dem  gesprochenen  Worte  abgelauschte  Positions- 
arithmetik erfunden  ward?  Das  ist  nicht  unmöglich  und  findet  viel- 
leicht Unterstützung  in  gewissen  Verfahren,  von  welchen  wir  noch 
zu  reden  haben,  und  welche  an  das  Zahlengedächtniss  ziemlich  hohe 
Anforderungen  stellen.  Es  ist  aber  auch  ein  Anderes  möglich,  wo- 
rauf  wir    weiter    oben    bereits    einmal    hingewiesen   haben.     Unvoll- 


*)  Corpus  Inscriptionem  Graecorum  III,  5108. 


570  28.  Kapitel. 

kommeneres  kann  bis  zur  Vergessenheit  durch  Vollkommeneres  ver- 
drängt werden,  und  bei  den  ludern  fand  vielleicht  diese  Verdränsuns 
bezüglich  der  Rechnungsverfahren  statt,  so  zähe  die  üeberlieferung 
auch  die  Aufgaben  festgehalten  haben  mag,  deren  Ausführung  ver- 
langt wurde. 

Das  Rechnen  der  Inder  seit  Einführung  des  Stellen- 
werthes  ist  theils  aus  indischen  Werken  selbst  bekannt,  theils  und 
zwar  hauptsächlich  aus  dem  Rechenbuche  des  Maximus  Planudes, 
welches  ausdrücklicher  Angabe  des  Verfassers  gemäss  nach  indischen 
Quellen  bearbeitet  ist.  Wir  kommen  jetzt  auf  die  Dinge  zu  reden, 
an  welchen  wir  bei  unserer  ersten  Besprechung  jenes  Werkes  (S.  477) 
rascher  vorübergehen  durften.  Wir  heben  in  erster  Linie  die  Aus- 
führung der  Subtraktion  hervor,  welche  unter  der  Voraussetzung, 
dass  eine  Stelle  des  Subtrahenden  einen  höheren  Werth  als  die  ent- 
sprechende Stelle  des  Minuenden  besitzt,  nach  zwei  Regeln  gelehrt 
wird.  Man  borgt  entweder  die  zur  Ergänzung  des  Minuenden  noth- 
wendigen  10  Einheiten  des  betreffenden  Ranges  von  der  nächst- 
höheren Stelle,  oder  man  gleicht  die  Vergrösserung  des  Minuenden 
dadurch  aus,  dass  man  auch  den  Subtrahenden,  und  zwar  in  der 
nächsthöheren  Stelle  um  1  vergrössert.  Um  also  821  —  348  zu  finden 
sagt  man  entweder:  8  von  11  lässt  3,  4  von  11  lässt  7,  3  von  7 
lässt  4,  also  Rest  473  oder  aber:  8  von  11  lässt  3,  5  von  12  lässt  7, 
4  von  8  lässt  4  mit  demselben  Ergebnisse  wie  vorher. 

Die  Multiplikation  wird  in  sehr  unterschiedenen  Verfahren 
gelehrt.  Wir  erwähnen  nur  beiläufig  der  Zerlegung  des  Multipli- 
kators in  Faktoren,  mit  welchen  nach  einander  multiplizirt  wird, 
der  Auffassung  des  Multiplikators  als  Summe  aber  auch  als  Differenz 
von  Zahlen,  die  eine  im  Verhältnisse  leichtere  Vervielfältigung  zu- 
lassen, Methoden  also,  welche  dem  Kopfrechnen  vorzugsweise  dienen. 
Beim  schriftlichen  Rechnen  ist  darauf  Rücksicht  genommen,  dass 
der  Inder  vielfach  mit  einem  Griffel  auf  einer  mit  Sand  bestreuten 
Tafel  rechnete  und  rechnet,  dass  also  das  Weglöschen  einer  Zahl 
und  ihr  Ersetzen  durch  eine  andere  nicht  dem  ganzen  Exempel  ein 
unreinliches,  hässliches  Aussehen  verschafft.  Die  einzelnen  Theil- 
produkte  können  demzufolge  beginnend  mit  der  höchsten  Stelle  des 
Multiplikandus,  über  welche  das  erste  und  hauptsächlichste  Theil- 
produkt  geschrieben  wird,  gebildet  werden.  Jedes  hinzutretende 
folgende  Theilprodukt  vereinigt  sich  mit  dem  schon  dastehenden 
Ergebnisse  zu  einem  neuen,  dessen  Ziffern  an  die  Stelle  der  rasch 
verwischten  früheren  Ziffern  treten,  bis  schliesslich  das  Produkt  über 
dem  Multiplikandus,  oder  gar  statt  dessen  erscheint,  da  man  auch 
wohl  so  weit  geht,  die  Ziffern  des  Multiplikandus  selbst  wegzulöschen, 


Einleitendes.     Elementare  Rechenkunst.  571 

sobald  jede  derselben  so  weit  in  Betracbt  gezogen  wurde,  als  es  für 
das  Gesammtergebniss  notbwendig  ist.  Eine  die  nacbträglicbe  Kon- 
trole  nicbt  zur  Unmöglichkeit  machende  Multiplikation  wurde  wahr- 
scheinlich gerade  so  ausgeführt,  wie  wir  noch  heute  in  Europa  ver- 
fahren. Meistens  jedoch  wurden  dabei  alle  Zwischenoperationen  dem 
Gedächtnisse  überlassen.  Das  gab  dasjenige  Verfahren,  welches 
Tat  st  ha  (es  bleibt  stehen)  oder  Vajräbhyäsa  (blitzbildend)  ge- 
nannt wurde  ^).  An  einem  Beispiele  mit  allgemeinen  Buchstaben- 
symbolen  erläutert  sich  dieses  Verfahren  wie  folgt.     Es  ist 

(«0  +  10  •  «1  +  100  •  a,  -f  ■  ■)  X  (&ü  +  10  .  &,  -f  100  .  &2  H ) 

=  «0^0  +  10(ö'o&i  +  ai\)  -f-  100(ö5o&2  +  «!&!  +  aM  -\ • 

Nach  dem  so  zu  Tage  tretenden  Gesetze  verschaffte  man  sich  jede 
Rangziffer  sogleich  vollständig  genau  und  mit  Zurechnung  dessen, 
was  von  früheren  Ziffern  hinzutreten  musste,  also  ohne  irgend  weitere 
Verbesserung  nöthig  zu  machen.  Eine  andere  Methode  möchten  wir 
das  grade  Gegentheil  der  eben  geschilderten  nennen,  insofern  sie  dem 
Gedächtnisse  auch  gar  nichts  ausser  dem  gewöhnlichen  Einmaleins 
zumuthet.  Die  Vorbereitung  besteht  in  der  Herstellung  einer  schach- 
brettartigen Figur-),  deren  einzelne  Felder  durch  gleichlaufende  von 
rechts  oben  nach  links  unten  geneigte  Diagonalen  nochmals  in  je 
zwei  Dreiecke  abgetheilt  sind,  in  welche  dann  die  Einer  beziehungs- 
weise Zehner  jedes  Einzelproduktes  zu  stehen  kommen.  Die  Addi- 
tionen erfolgen  nach  den  durch  jene  Diagonalen  gebildeten  schräg- 
liegenden Kolumnen.  Die  Multiplikation  12  X  735  =  8820  sieht 
mithin  folgendermassen  aus: 


7         3 

5 

1 

/7     /3    /5 

2 

V  / 

/4    /  6 

Bei  der  Addition,  der  Subtraktion  und  der  Multiplikation  findet 
die  sogenannte  Neunerprobe  statt,  welche  in  dem  zahlentheore- 
tischen Satze  begründet  ist,  dass  die  Ziffernsumme  einer  Zahl  durch 
9  getheilt  den  gleichen  Rest  wie  die  Zahl  selbst  liefert.  Wir  kommen 
auf  diese  Probe  später  im  35.  Kapitel  zurück. 

Die  Division  ist  wenigstens  in  den  uns  überkommenen  Quellen 
sehr  stiefmütterlich  behandelt.  Bei  dem  Abziehen  der  den  einzelnen 
Quotientenziffern  entsprechenden  Theilprodukte  wird  vom  Wegwischen 
vorhandener  Ziffern,  vom  Ersetzen  derselben  durch  andere  Gebrauch 


Note  1 


^)  Colebrooke  pag.  6,  Note  1  und  pag.  171,  Note  5.     ^)  Ebenda  pag.  7, 
1. 


572  28.  Kapitel. 

gemacht.  Am  wichtigsten  erscheint  die  freilich  nur  negative  also 
nicht  unzweifelhaft  feststehende  durch  neue  Entdeckungen  möglicher- 
weise umzuwerfende  Thatsache,  dass  noch  keine  Spur  eines  Ver- 
fahrens angetroffen  worden  ist,  welches  den  complementären  Ope- 
rationen der  Römer  zu  vergleichen  wäre. 

Ist  schon  an  und  für  sich  zu  vermuthen,  dass  das  Rechnen  mit 
ganzen  Zahlen  historisch  weit  hinaufreiche,  so  ist  es  sagenmässig, 
und  zwar  an  sehr  grossen  Zahlen  geübt,  bis  in  die  Jugendzeit  des 
Reformators  der  indischen  Religion  zurückzuverfolgen.  Der  Lalita- 
vistara,  dessen  Abfassungszeit  freilich  durchaus  unbekannt  ist,  be- 
schäftigt sich  mit  der  Jugend  des  Bodhisattva.  Er  bewirbt  sich  bei 
Dauclapäni  um  dessen  Tochter  Gopä,  deren  Hand  ihm  aber  nur  unter 
der  Bedingung  zugesagt  wird,  dass  er  einer  Prüfung  in  den  wich- 
tigsten Künsten  sich  unterziehe.  Die  Schrift,  der  Ringkampf,  das 
Bogenschiessen,  der  Sprung,  die  Schwimmkunst,  der  Wettlauf,  vor 
Allem  aber  die  Rechenkunst  liefert  den  Inhalt  dieser  von  dem  Jüng- 
linge mit  glänzendem  Erfolge  bestandenen  Prüfung.  In  der  Arith- 
metik erweist  er  sich  sogar  geschickter  als  der  weise  Arjuna  und 
gibt  Zahlennamen  an  bis  zu  tallakshana  d.  i.  eine  1  mit  53  Nullen. 
Das  sei  aber  nur  ein  System,  und  über  dieses  System  gehen  noch 
fünf  oder  sechs  andere  hinaus,  deren  Namen  er  gleichfalls  angibt. 
Jetzt  fragt  man  ihn,  ob  er  die  Zahl  der  ersten  Elementar- 
theilchen  berechnen  könne,  welche  aneinandergelegt  die  Länge 
eines  Yojana  erfüllen,  und  er  berechnet  die  Zahl  mittels  folgender 
Verhältnisszahlen:  7  Elementartheilchen  geben  ein  sehr  feines 
Stäubchen,  7  davon  ein  feines  Stäubchen,  7  davon  ein  vom  Winde 
aufgewirbeltes  Stäubchen,  7  davon  ein  Stäubchen  von  der  Fussspur 
des  Hasen,  7  davon  ein  Stäubchen  von  der  Fussspur  des  Widders, 
7  davon  ein  Stäubchen  von  der  Fussspur  des  Stieres,  deren  7  auf 
einen  Mohnsamen  gehen;  7  Mohnsamen  geben  einen  Senfsamen, 
7  Senfsamen  ein  Gerstenkorn,  7  Gerstenkörner  ein  Fingergelenk; 
12  von  diesen  bilden  eine  Spanne,  2  Spannen  eine  Elle,  4  Ellen 
einen  Bogen,  1000  Bögen  einen  Kro9a,  deren  endlich  4  auf  einen 
Yojana  gehen.  Letzterer  besteht  also  in  unserer  modernen 
Schreibweise  aus  7^® -32 -12  000  Elementartheilchen,  d.  h.  aus 
108  470  495  616  000  solchen  Theilchen.  Wenn  nun  auch  die  im  Lalita- 
vistara  angegebene  Zahl  von  dieser  richtigen  abweicht,  so  hat  doch 
nachgewiesen  werden  können^),  dass  eine  Entstehung  der  falschen 
Zahl  aus  der  richtigen  wahrscheinlich  sei,  und  es  ist  auch  die  stoff- 
liche Verwandtschaft  der  Aufgabe   zur    Sandrechnung   des  Archimed 


*)  Woepcke  im  Journal  Asiatique  für  1863,  pag.  260 — 266. 


Höhere  Rechenkunst.     Algebra.  573 

gebülirend  hervorgelioben  worden.  Wäre  also  gesicliert,  was  freilich 
nicht  der  Fall  ist,  dass  der  Lalitavistara  vor  300  v.  Chr.  entstand, 
so  bekäme  damit  die  (S.  307)  angedeutete  weitere  Annahme  Wahr- 
scheinlichkeit, Archimed  sei  mit  seiner  Aufgabe  als  einer  schon 
älteren  bekannt  geworden,  die  er  dann  aber  immerhin  nicht  unwesent- 
lich veränderte. 

Nächst  den  ganzen  Zahlen  kommen  Brüche  in  den  Rechnungen 
vor.  Wir  begegnen  bei  den  Indern  sowohl  Stammbrüchen  als  auch 
Brüchen,  deren  Zähler  von  der  Einheit  verschieden  sind.  Die  Schreib- 
weise t)esteht  darin,  dass  der  Zähler  über  dem  Nenner  steht,  ohne 
dass  sich  ein  horizontaler  Bruchstrich  dazwischen  befände.  Bei  dem 
Rechnen  mit  Brüchen  kommt  es  hauptsächlich  auf  die  Einführung 
eines  gemeinsamen  Nenners  an,  bei  dessen  Auffindung  mancherlei 
Vortheile  zur  Uebung  kommen.  Natürlich  fällt  die  Nothwendigkeit 
der  Zurückführung  auf  gemeinsamen  Nenner  bei  den  Sexagesimal- 
brüchen  weg,  welche  vorzugsweise  den  indischen  Astronomen  ge- 
dient haben  und  ihnen  wohl  nicht  minder  als  den  Griechen  unmittel- 
bar aus  der  babylonischen  Heimath  zugeflossen  sein  dürften,  so  dass 
ein   gräko-indischer  Einfluss  hier  nicht  nothwendig  anzunehmen  ist. 


29.  Kapitel. 

Höhere  Rechenkunst.     Algebra. 

Wir  haben  im  vorigen  Kapitel  uns  mit  dem  Inhalte  des  gewöhn- 
lichsten, allgemeinst  bekannten  Rechnens  der  Inder  beschäftigt. 
Wenn  wir  zu  ihren  höheren  Kenntnissen  uns  wenden,  haben  wir 
zuerst  das  (S.  558)  gegebene  Versprechen  einzulösen  und  von  dem 
Rechenbuche  von  Bakhshäli  zu  reden.  Leider  ist  es  in  jeder 
Beziehung  Bruchstück.  Es  fehlen,  man  weiss  nicht  wie  viele,  aber 
vermuthlich  zahlreiche  Rindentafeln  am  Anfang  wie  am  Ende,  auch 
einige  solche  in  der  Mitte,  und  die  vorhandenen  Tafeln  sind  auch 
nichts  weniger  als  wohlerhalten,  so  dass  nur  Mangelhaftes  mitzu- 
theilen  ist,  ein  so  glänzendes  Zeugniss  es  auch  für  den  Ordner  des 
Fundes  bildet,  dass  es  ihm  überhaupt  gelang,  einen  gewissen  Zu- 
sammenhang herzustellen.  Der  Name  des  Verfassers  fehlt.  Die 
Aufgaben  sind  Textaufgaben.  Das  Zahlenrechnen  ist  bei  ihrer  Be- 
handlung als  bekannt  vorausgesetzt.  Brüche  werden  so  geschrieben, 
dass  der  Zähler  über  dem  Nenner  ohne  tremienden  Bruchstrich  steht, 
wie  es  auch  bei  anderen,  späteren  Schriftstellern  (s.  oben)  der  Fall 
blieb.  Ganze  Zahlen  werden  als  Brüche  mit  dem  Nenner  1  ge- 
schrieben.    Bei    gemischten   Zahlen  tritt  die    ganze  Zahl  als    solche 


über  den  Bruch,  also  1=1^-     Die  Zahlen,    welche    zu    einer  Ope 
3 


574  29.  Kapitel. 

1 

""      3 

ration  vereinigt  werden,  sind  meistens  durch  gerade  Linien  eingerahmt; 
dann  folgt  das  unserem  Gleichheitszeichen  entsprechende  Wort  pha- 
lain  oder  abgekürzt  pha  und  dann  das  Ergebniss. 

Beim  Addiren  steht  yuta,  abgekürzt  yu^  hinter  den  Summanden 


B. 


7 

1    ^^ 


pha  12     heisst  A  _|_  ^  =  12. 


Beim  Subtrahiren  steht  das  Subtraktionszeichen  hinter  dem 
Subtrahenden,  und  zwar  in  Gestalt  eines  Kreuzes  -f-  .  Es  ist  als 
alte  Form  von  Ica  gedeutet  worden,  der  Abkürzung  von  Jcanita  =  ver- 
mindert.! 

Multiplikation  wird  nicht  bezeichnet.  Das  Nebeneinanderstehen 
von  Zahlen  zeigt  an,  dass  ihr  Produkt  gemeint  ist;  z.  B. 

heisst  —  X  ,"  =  20. 

0  1 


5     32 

8      1 

pha  20 

Ferner  heisst 

1           1           1 

111 

3+     3+     3+ 

1  2 

die  Zahl  1 oder  —   solle    drei- 


g 

mal  als  Faktor   auftreten  und  -r  hervorbringen. 

27  ° 

Die  Division  fordert  das  dem  Divisor  nachgesetzte  Wort  bMga 
=  Theil  abgekürzt  hhä. 

Die  Einheit  heisst  immer  rüpa,  die  unbekannte  Zahl  sunya^  und 
letztere  wird  durch  einen  ziemlich  starken  Punkt  •  bezeichnet.  Das 
gehört  zum  Merkwürdigsten  im  ganzen  Rechenbuche.  Sunya  bedeutet 
nämlich  wörtlich  leer  und  wird  auch  für  die  gleichfalls  durch  einen 
Punkt  dargestellte  Null  gesagt.  Der  der  doppelten  Anwendung  von 
Wort  und  Zeichen  zu  Grunde  liegende  Gedanke  ist  offenbar  richtig 
in  Folgendem  erkannt  worden^):  Eine  Stelle  muss  ein  für  alle  Mal 
leer  bleiben,  wenn  ihre  Ausfüllung  nicht  vorhanden  ist;  sie  muss 
also  auch  zunächst  leer  bleiben,  wenn  und  so  lange  ihre  Ausfüllung 
noch  unbekannt  ist. 

Die  Auflösungen  der  gestellten  Aufgaben  erfolgen  mitunter  durch 
Zurückführung  auf  die  Einheit.  Wir  führen  ein  Beispiel  an^). 
B  gibt  2  mal  so  viel  als  A,  Co  mal  so  viel  als  B,  D  4:  mal  so 
viel  als  C;  sie  geben  zusammen  132;  was  gab  Ä?  Man  setze  1 
(rüpa)  für  die  Unbekannte  (sunya).  Nun  ist  ^  =  1,  .ß  ==  2,  C  =  6, 
D  =  24,  ihre  Summe  =  33.  Durch  diese  angenommene  Summe  33 
wird    die    wirkliche   Summe    132    dividirt;    der   Quotient  4    lässt  er- 

')  Hoernle  im  Indian  Antiquary  XVII  pag.  35.     ^)  Ebenda  pag.  45. 


Höhere  Rechenkunst.    Algebra.  575 

keimen,  was  Ä  gab.  Man  könnte  die  Behandlung  auch  als  durch 
falschen  Ansatz  vermittelt  bezeichnen. 

Arithmetische  Reihen  und  deren  Summirung  sind  bekannt.  Ein 
Reisender^)  legt  am  ersten  Tage  2  Wegeinheiten  zurück,  jeden  folgen- 
den Tag  3  mehr.  Ein  zweiter  Reisender  legt  am  ersten  Tage  3  Weg- 
einheiten zurück,  jeden  folgenden  Tag  2  mehr.  Wann  treffen  sie 
zugleich  an  einem  Punkte  ein?  Seien  a^,  d^  für  den  ersten,  a^,  d.^  für 
den  zweiten  Reisenden  Anfangsgeschwindigkeit  und  tägliche  Vermeh- 
rung derselben,  x  die  Zahl  der  Tage  bis  zur  Begegnung.  Die  Forde- 
rung der  Aufgabe  lautet: 

«1  +  («1  +  (k)-\ h  («1  +  (^  —  1)  (h) 

=  «2  +  («2  -\-  d.^)  -\ 1-  («2  +  (ä;  —  1)  d^) 

oder 

.     [2a,  +  (x-l)d,]^  =  [2a,-{-(x-l)d,]^, 

woraus   sofort  x  =    ^^  ~  j      +  1  folgt,  und  so  scheint  auch  die  ohne 

vorhergegangene  Herleitung  ausgesprochene  Regel  des  Rechenbuches 
es  vorzuschreiben. 

Neben  bestimmten  Aufgaben  sind  unbestimmte  vorhanden. 
Wir  führen  wieder  ein  Beispiel  an^).  Man  sucht  eine  Zahl,  welche 
um  5  vermehrt  oder  um  7  vermindert  jeweils  ein  Quadrat  gebe. 
Aus  x-\-b  =  if  und  x  —  l  =  ^^  folgt  12  =  i/^  —  ^^  =  (?/  —  ^)  (2/  +  ^)- 
Für  y  —  ^  und  y  -\-  s   werden   nun   irgend    zwei  Faktoren  des    Pro- 

12 

duktes  12  gesetzt,  z.  B.  y  —  z  =  2  und  y  -\-  s  =  -^  =  Q.  Daraus 
folgt  y  =  A,  z  =  2j  ic  =  11,  wie  es  im  Rechenbuche  unter  Andeu- 
tung der  vollzogenen  Rechnung  auch  herauskommt. 

Wir  wenden  uns  nun  zu  dem  höheren  arithmetischen  Wissen 
derjenigen  Schriftsteller,  deren  Namen  und  Zeitalter  wir  genau  zu 
bestimmen  im  Stande  waren.  Etwas  höher  steht  schon  das  Erheben 
einer  Zahl  zur  zweiten  und  dritten  Potenz,  sowie  die  Ausziehung 
von  Quadrat-  und  Kubikwurzeln.  Den  Indern  gehörte  freilich 
Potenzerhebung  und  Wurzelausziehung  noch  zu  den  elementaren 
Operationen,  deren  sie  demzufolge  6  zählten,  shaävidham  die  sechs 
Rechnungsverfahren  ^).  Die  zu  Grunde  liegenden  Formeln  waren,  wie 
nicht  anders  zu  erwarten  steht,  die  der  Binomialentwicklungen 

(a  +  hf  =  «2  +  2ab  -f  h',     (a  -f-  bf  =  «^  +  ^a^b  -j-  Saö^  -f  b^^ 
Aryabhatta  weiss  schon  von  den  zwei-,  beziehungsweise  dreistelligen 
Abschnitten  zu    reden,    in    welche  man  die  Zahlen  zum  Zwecke   der 


^)Hoernle  im  Indian  Antiquar y  XVII  pag.  42.  ^)  Ebenda  pag.  44. 
^)  Vergl.  L.  Rodet  in  der  Abhandlung:  L'algebre  d'Al  Khärizmi  et  les  methodes 
indienne  et  grecque.    Journal  Äsiatigue.     7ieme  särie  XI,  21  (1878). 


576  20.  Kapitel. 

beiden  Wurzelausziehungen  zu  theilen  habe^),  was  uns  gestattete  zu 
behaupten  (S.  566),  er  müsse  die  eigentliche  Stellungsarithmetik  ge- 
kannt haben.  Wurzel  überhaupt,  auch  in  der  Bedeutung  der  Wurzel 
einer  Pflanze,  heisst  niüla  oder  pada'^  varga  bedeutet  eine  Reihe 
gleicher  Gegenstände,  dann  ein  Quadrat  im  geometrischen  wie  im 
arithmetischen  Sinne  des  Wortes;  ghana  ist  ein  Körper;  und  durch 
Zusammensetzung  dieser  Ausdrücke  gewann  man  die  Namen  Quadrat- 
wurzel, varga  müla,  und  Kubikwurzel,  ghana  nitlla^). 

Ist  nach  unserem  Dafürhalten  die  Erfindung  der  Null  eine 
indische,  so  ist  das  Rechnen  mit  der  Null  schon  zu  Brahmaguptas 
Zeit  Gegenstand  besonderer  Vorschriften  gewesen  •'').  Null  getheilt 
durch  Null  ist  nichts.  Zahlen  getheilt  durch  Null  geben  Brüche 
mit  Null  als  Nenner.  Das  sind  freilich  dürftige  Bestimmungen,  mit 
welchen  nicht  viel  zu  machen  ist.  Ganz  anders  weiss  Bhäskara  Be- 
scheid, wenn  er  sagt:  Diese  Grösse,  nämlich  der  Bruch,  dessen  Nenner 
Null  ist,  lässt  keine  Aenderung  zu,  mag  auch  Vieles  hinzugesetzt  oder 
weggenommen  werden.  Findet  doch  gleichermassen  in  der  unend- 
lichen und  unveränderlichen  Gottheit  kein  Wechsel  statt  zur  Zeit  wo 
Welten  zerstört  oder  geschaffen  werden,  wenn  auch  zahlreiche  Ord- 
nungen von  Wesen  aufgenommen  oder  hervorgebracht  werden^).  Der 
Commentator  Krishna  erläutert  den  Gegenstand  mit  den  Worten:  Je 
mehr  der  Divisor  vermindert  wird,  um  so  mehr  wird  der  Quotient 
vergrössert.  Wird  der  Divisor  aufs  äusserste  vermindert,  so  ver- 
grössert  sich  der  Quotient  aufs  äusserste.  Aber  so  lange  er  noch 
angegeben  werden  kann,  er  sei  so  und  so  gross,  ist  er  nicht  aufs 
äusserste  vergrössert;  denn  man  kann  alsdann  eine  noch  grössere 
Zahl  angeben.  Der  Quotient  ist  also  von  unbestimmbarer  Grösse 
und  wird  mit  Recht  unendlich  genannt^).  Es  ist  auffallend  genug, 
dass  bei  so  verständiger  Auffassung  Bhäskara  an  anderer  Stelle^) 
das  Rechnen  mit  der  Null  in  haarsträubender  Weise  missbraucht 
und  dass  auch  seine  Erklärer  nichts  dabei  zu  erinnern  wissen.  Eine 
Zahl  soll  nämlich  aus  folgenden  Angaben  gefunden  werden:  Ihr 
Quotient  durch  Null  vermehrt  um  die  Zahl  selbst  und  vermindert 
um  9  wird  zum  Quadrat  erhoben,  alsdann  die  Wurzel  dieses  Qua- 
drates hinzugefügt  und  die  Summe  mit  Null  vervielfacht,  so  soll  90 

herauskommen.  Die  Rechnung  ist  folgende:  --  -\-  x  —  9  ist  immer 
noch  — ,  das  Quadrat  .-  •  Dazu  -^  addirt  gibt  -^  +  -5-  und  nach 
Vervielfältigung  mit  der  Null  x^  -{-  x  ==  90,  woraus  x  =  9  folgt! 

')  L.  Rodet,  Legons  de  calcul  d' Aryalihata  pag.  9  und  18  flgg.  ^)  Cole- 
brooke  pag.  9,  Note  2  und  pag.  12,  Note  1.  ")  Ebenda  pag.  339—340. 
•')  Ebenda  pag.  138.      s)  Ebenda  pag.  137,  Note  2.     ")  Ebenda  pag.  213. 


Höhere  Rechenkunst.     Algebra.  577 

Wir  sind  mit  diesem  Beispiele  schon  zur  Algebra  der  Inder 
übergegangen,  welche  trotz  des  wenig  bestechenden  Einganges,  den 
wir  gewählt  haben,  sich  uns  in  überraschender  Entfaltung  vorstellen 
wird.  Doch  bevor  wir  uns  mit  ihr  beschäftigen,  haben  wir  zu  be- 
merken, dass  die  Inder  Rechnungsaufgaben  mitunter  auch  in  nicht 
algebraischer  Weise  lösten,  und  dass  für  einzelne  Regeln  besondere 
Namen  üblich  waren,  theils  auf  das  Verfahren,  theils  aber  auch  weit 
weniger  folgerichtig  auf  den  Inhalt  der  Aufgaben  sich  beziehend. 

Unter  den  ersteren  nennen  wir  die  Umkehrung,  vüöma  Icriyd, 
bei  welcher  die  Reihenfolge  der  Operationen,  welche  vorzunehmen 
waren  um  zur  gegebenen  Zahl  zu  gelangen,  gradezu  umgekehrt  wird. 
Aryabhatta  gibt  in  der  28.  Strophe  seines  mathematischen  Kapitels^) 
die  Regel  in  seiner  lakonischen  Weise:  „Multiplikationen  werden 
Divisionen,  Divisionen  werden  Multiplikationen;  was  Gewinn  war 
wird  Verlust,  was  Verlust  Gewinn;  Umkehrung."  Um  dieser  Kürze 
die  poetisch  anmuthende  Form  gegenüberzustellen,  welche  Bhäskara 
namentlich  in  dem  Lilävati  überschriebenen  Kapitel  anzuwenden 
liebt,  lassen  wir  ein  Beispiel  aus  diesem  Kapitel  folgen^):  „Schönes 
Mädchen  mit  den  glitzernden  Augen  sage  mir,  so  du  die  richtige 
Methode  der  Umkehrung   verstehst,   welches   ist  die  Zahl,   die  mit  3 

3 
vervielfacht,  sodann  um        des  Produktes  vermehrt,  durch  7  getheilt, 

um  —  des  Quotienten  vermindert,   mit   sich   selbst   vervielfacht,   um 

52  vermindert,  durch  Ausziehung  der  Quadratwurzel,  Addition  von 
8  und  Division  durch  10  die  Zahl  2  hervorbringt."  Die  Rechnung 
nimmt  hier  den  Gang 

(2  •  10  —  8)-  +  52  =  19G,  1/196  =  14   und    14  •  1~  •  7  ■  y  :  3  =  28 

als  Anfangszahl. 

Eine  zweite  Regel  ist  das  Verfahren  mit  der  angenommenen 
Zahl,  ishta  larman]  es  ist  genau  dasselbe  Verfahren,  welches  Avir 
(S.  39  und  41)  als  Methode  des  falschen  Ansatzes  bei  den  Aegyptern 
kennen  gelernt  haben,  mit  dem  einzigen  Unterschiede,  dass  jetzt  als 
bewusste  Methode  auftritt,  was  ehedem  fast  instinktiv  geübt  wurde. 
So    sollen^)  68    erhalten  werden,    indem  man  eine  Zahl  verfünffacht, 

—  des  Produktes  abzieht,  den  Rest  durch  10  dividirt  und  — ,  -    und 

—  der  ursprünglichen  Zahl  addirt.  Im  Rechenbuche  von  Bakhshäli 
wäre    versuchsweise    1    für    die    ursprüngliche    Zahl    gesetzt    worden. 


^)  L.  Rodet,  Legons  de  calcul  d'Äryabhata  pag.  14  und  37 — ."8.      ')  Cole- 
brooke  pag.  21.     ^)  Ebenda  pag.  23. 

Cantob,  Geseliichte  der  Matlionintik  I.    2.  Aufl.  37 


578  29.  Kapitel. 


Bhäskara  wählt  versuchsweise  3  und  erhält  so  15,  10,  1   und 

l  +  A  +  A  +  A_i^. 


17    . 

Man  muss   also   mit  —  in  68    dividiren   und   den  Quotient  16  mit  3 

multipliziren  um  die  Zahl  48  zu  finden.  Der  Commentator  Gaue^a 
bemerkt  dazu  ganz  richtig,  dass  bei  dieser  Methode  nur  Multiplika- 
tionen, Divisionen  und  Additionen  oder  Subtraktionen  von  Bruch- 
theilen  der  Ergebnisse  vorkouimen  dürfen. 

Die  Regeldetri  kommt  bei  Aryabhatta  vor^),  dann  in  mehreren 
Regeln  direkten  und  indirekten  Ansatzes  zerspaltet  und  zur  Regel 
mit  mehreren  Verhältnissen  erweitert  bei  Brahmagupta,  bei  ^ridhara, 
bei  Bhäskara.  Wir  geben  wieder  einige  Beispiele.  „Eine  weisse 
Ameise  bewegt  sich  in  einem  Tage  um  die  Länge  von  8  Gersten- 
körnern weniger  ~  eines  solchen  vorwärts;  sie  kriecht  in  3  Tagen 
um  —  Finger  zurück;  in  welcher  Zeit  wird  sie  unter  diesen  Ver- 
hältnissen ein  Yojana  weit  vorrücken"^)?  Die  Verhältnisszahlen  sind 
8  Gerstenkörner  ==  1  Finger,  24  Finger  =  1  Elle,  4  Ellen  =  1  Stab, 
8000  Stab  =  1  Yojana  und  so  findet  man  98  042  553  Tage.  Die 
Aufgabe:  „Eine  16jährige  Sklavin  kostet  32  Nishkas,  was  wird  eine 
20jährige  kosten"^)?  wird  nach  umgekehrter  Proportion  behandelt, 
weil  „der  W^erth  lebender  Geschöpfe  (Sklaven  und  Vieh)  sich  nach 
deren  Alter  regelt".     Das  ältere  ist  das  billigere. 

Von  den  Regeln,  deren  Name  an  die  behandelten  Gegenstände 
erinnert,  nennen  wir  die  Zinsrechnung,  bei  welcher  ebenso  wohl 
die  Anrechnung  von  Zinsesziusen*)  als  der  Zinsfuss  von  5  Procent 
monatlich"'')  auffallen  mag. 

Wir  neimen  ferner  die  Mischungsrechnung  von  Esswaaren^), 
wo  um  eijie  gegebene  Summe  etwa  Reis  und  Bohnen  im  Verhältnisse 
von  2  zu  1  Maasstheilen  gekauft  werden  will,  während  der  Preis 
dieser  Gegenstände  einzeln  bekannt  ist.  Dem  Gedanken  nach  können 
wir  eben  dazu  auch  die  Aufgaben  rechnen,  welche  wir  Brunnen- 
aufgaben  genannt  haben  (S.  363),  die  aber  bei  den  Indern  keinen 
ähnlichen  Namen  führen'). 

Hierher    sind    auch    die    Aufgaben    über    Reihen    zu    zählen^). 


')  L.  Rodet,  Lcrons  de  calcul  d' Aryabhaia  pag.  14  und  37.  -)  Cole- 
brooke  pag.  283,  Note  2.  ^)  Ebenda  pag.  34.  *)  L.  Rodet,  Le^ons  de 
calcul  d'Aryabhata  pag.  14  und  36—37.  ^)  Coleb rookc  pag.  39.  ^)  Ebenda 
pag.  43.  ')  Ebenda  pag.  42  und  282,  Note  1.  «)  L.  Rodet,  Legons 
de  calcul  d'Aryabhata  pag.  12  —  13  und  32  —  36.  Colebrooke  pag.  290  ügg. 
und  51  flgg. 


Höhere  Rechenkunst.     Algebra.  579 

Äryabhatta,  Bralimagupta  imd  Bhäskara  lehren  die  S^^mmi^mlg  der 
arithmetischen  Reihe  sowie  anch  der  von  1  an  aufeinander  folgenden 
Quadratzahlen  und  Kubikzahlen.  Mit  geometrischen  Progressionen 
hat  Bhäskara,  hat  auch  Prithüdaka,  ein  Erklärer  des  Brahmagupta, 
sich  beschäftigt^).  Die  Ergebnisse  gehen  in  keiner  Beziehung  über 
diejenigen  hinaus,  welche  wir  bei  den  Griechen  theils  genau  nach- 
weisen konnten,  theils  voraussetzen  mussten,  weil  wir  sie  bei  Epa- 
phroditus  in  offenbar  erst  nachgeahmter  Form  wiederfanden,  während 
kein  Zweifel  obwalten  kann,  dass  schon  Epaphroditus  mehr  als  ein 
Jahrhundert  früher  als  Aryabhatta  gelebt  haben  muss. 

Eine  besondere  Gruppe  von  Aufgaben  bilden  endlich  die  Ver- 
setzungen. Wemi  man  nicht  als  älteste  Spur  derselben  bei  den 
Indern  die  24  Namen  gelten  lassen  will,  welche  den  Abbildungen 
des  Vischnu  je  nach  der  Ordnung,  gemäss  welcher  er  in  seinen  vier 
Händen  die  Keule,  die  Scheibe,  die  Lotosblume  und  die  Muschel  hält, 
beigelegt  wurden^),  so  muss  man  jedenfalls  jene  Kapitel  der  indischen 
Prosodie  hierher  rechnen''),  in  welchen  die  verschiedenen  Möglich- 
keiten gezählt  werden,  weiche  bei  Versen  von  gegebener  Silbeumenge 
in  Bezug  auf  Länge  und  Kürze  der  einzelnen  Silben  auftreten,  eine 
Aufgabe,  welche  auf  Versetzungen  theilweise  unter  einander  gleicher 
Elemente  führt.  Formeln  der  Combinatorik  ohne  Beweise  zusammen- 
gestellt finden  sich  bei  Bhäskara'').  Dort  ist  die  Zahl  der  Combi- 
nationen  ohne  Wiederholung  zu  bestimmter  Klasse  angegeben,  dort 
die  Zahl  der  Permntationen  mit  lauter  ungleichen  oder  theilweise 
gleichen  Elementen,  dort  die  Summe,  welche  entsteht,  wenn  man 
alle  Permutationsformen  als  dekadisch  geschriebene  Zahlen  betrachtet 
und  zu  einander  addirt,  lauter  Dinge,  welche  in  dieser  Vollkommen- 
heit gewiss  keinem  Griechen  jemals  bekannt  waren,  wenn  auch,  wie 
wir  gezeigt  haben,  die  Meinung  aufzugeben  ist,  als  sei  den  Griechen 
die  Combinatorik  überhaupt  durchaus  fremd  gewesen. 

Gehen  wir  nun  zu  der  eigentlichen  Algebra  der  Inder  über,  so 
haben  wir  erstens  von  ihren  Bezeichnungen  und  Benennungen,  zwei- 
tens von  ihrer  Auflösung  bestimmter  Gleichungen,  drittens  von  ihren 
zahlentheoretischen  Kenntnissen  zu  reden. 

In  den  Bezeichnungen  und  Benennungen  ist  bei  den  Indern 
selbst  ein  Fortschritt  zu  erkennen,  welcher  sie  von  unvollkommenen 
Anfängen  zu  einer  Höhe  führt,  welche  die  Entwicklung,  zu  welcher 
Diophant    diese    Dinge     brachte,     ziemlich    tief    unter    sich    lässt. 


')  Colebrooke  pag.  55  und  291,  Note.  ^)  Ebenda  pag.  124,  Note  1. 
ä)  Albr.  Weber,  Ueber  die  Metrik  der  Inder.  Indische  Studien  VIII,  be- 
sonders S.  326  —  328   und   425  flgg.         *)  Colebrooke  pag.  49  und  123—127. 

37* 


580  29.  Kapitel. 

Äryabliatta^)  nennt  die  unbekannte  Grösse  einer  Aufgabe:  Kügelchen, 
fjuliM,  die  bekannte  Grösse:  mit  Zeicben  versehene  Münzen,  riipaliä. 
Das  letztere  Wort  ist  ohne  die  Anhängsilbe  lid,  welche  im  Sanskrit 
sehr  häufig  wiederkehrt,  als  rüpa  geblieben,  das  gleiche  Wort,  welches 
im  Rechenbuche  von  Bakhshäli  die  Einheit  bedeutete;  für  die  Unbe- 
kannte tritt  bei  Brahmagupta  schon  das  allgemeinere  Wort:  so  viel 
als  {quantimi  tantum),  yävattävat  ein.  Einen  Vergleich  mit  dem  ägyp- 
tischen hau,  dem  Diophantischen  «ptöfio'g  unterlassen  wir,  als  zu  un- 
bestimmter Natur.  Die  Inder  besassen  für  beide  Gattungen  von 
Grössen,  für  die  bekannte  wie  für  die  unbekannte,  Zeichen,  die  in 
den  Anfangssilben  jener  Wörter  rü  und  yd  bestanden,  mithin  erst 
eingeführt  worden  sein  dürften,  als  gulilid  zu  Gunsten  von  ydvattdvnt 
abgängig  geworden  war.  Sollten  derartige  Grössen  addirt  werden, 
so  wurden  die  zu  vereinigenden  Ausdrücke  ohne  weiteres  einander 
nachgesetzt,  wie  es  von  Diophant  auch  geschah.  Bei  der  Subtraktion 
ist  ein  Unterschied  zwischen  der  griechischen  und  der  indischen  Be- 
zeichnung, welcher  zu  Gunsten  der  letzteren  ausschlagen  möchte. 
Wir  wissen,  dass  Diophant  das  Subtraktionszeichen  qi  dem  Abzu- 
ziehenden vorsetzte,  dass  bei  ihm  nur  von  Differenzen,  von  abzüg- 
lichen aber  keineswegs  von  negativen  Grössen  die  Rede  war  (S.  441). 
Anders  die  Inder.  Bei  der  Subtraktion  wird  über  den  Zahlencoefficient 
des  Abzuziehenden,  seien  es  rü  oder  yd  um  die  es  sich  handelt, 
ein  Pünktchen  gemacht.  Das  ist  ein  so  wesentlicher  Fortschritt 
gegen  das  Kreuz  der  Subtraktion,  von  welchem  (S.  574)  die  Rede 
war,  dass  er  nicht  genug  hervorgehoben  werden  kann.  Das  jüngere 
Pünktchen  ist  kein  Zeichen  der  Operation,  sondern  der  Zahlenart. 
Es  verwandelt  die  Subtraktion  in  eine  Addition  anders  gearteter, 
entgegengesetzter  Grössen.  Es  sind  wirklich  positive  und  negative 
Zahlen  mit  denen  man  operirt.  Die  positiven  Zahlen  heissen  dhana 
oder  sva,  die  negativen  ri7.ia  oder  Tishaya,  erstere  mit  der  Bedeutung 
Vermögen,  letztere  Schulden  bedeutend-).  Ja  die  Erläuterung 
des  Gegensatzes  positiver  und  negativer  Zahlen  durch  den  Gegen- 
satz der  Richtung  einer  Strecke  ist  dem  Inder  nicht  fremd ^). 
Diophant  blieb  bei  der  Bezeichnung  der  ersten  Potenz  der  Unbe- 
kannten nicht  stehen.  Ebensowenig  thut  es  der  Inder.  Allein  auch 
hier  ist  eine  sehr  wesentliche  Verschiedenheit  zwischen  beiden  Be- 
zeichnungen. Diophant  addirt  (S.  440)  seine  Exponenten;  die  Inder 
multipliziren  sie,  wenn  nicht  das  Wort  ghatd  besonders  anzeigt, 
dass  eine  Addition  vorgenommen  werden  soll.  Die  zweite  Potenz 
4 

')  L.  Rodet,  Legons  de  calcul  d'Äryahhaia  pag.  l.'j  und  iJ'J — 40.      ")  Cole- 
brooke  pag.  131,  Note  1.     •')  Ebenda  pag.  71,  §  106. 


Höhere  Rechenkunst.     Algebra.  581 

wird  durch  varga  abgekürzt  in  va,  die  dritte  durch  glimm  abgekürzt 
zu  glia  bezeichnet,  Wörter,  die  uns  oben  bei  der  Wurzelausziehung 
schon  bekannt  geworden  sind.  Dann  heisst  der  angedeuteten  Regel 
gemäss  va  va,  va  gha,  va  va  va,  gha  glia  die  2  •  2  =  4  te,  2  •  3  =  6  te, 
2  •  2  •  2  =  8te,  3  .  3  =  9te  Potenz,  und  die  zwischenliegenden  5.  und 
7.  Potenz  der  Unbekannten  führen  die  Namen  und  Zeichen  va  gha 
ghata,  va  va  glia  gliatn.  Ueber  diese  Potenzbezeichnung  hinaus  hat 
sich  aber  der  Inder  auch  noch  zu  einer  Bezeichnung  der  irratio- 
nalen Quadratwurzel  einer  Zahl  mit  Hilfe  des  Wortes  liarana, 
geschrieben  /.a,  emporzuschwingen  gewusst.  Die  Bedeutung  dieses 
Wortes,  welches  mit  dem  Zeitwort  machen  in  Verbindung  steht, 
deutet  allerdings  darauf  hin,  dass  hier  das  indische  Zeichen  einem 
griechischen  Begriffe  nachgebildet  sei,  dass  man  die  Länge  sucht, 
welche  eine  gewisse  Oberfläche  als  ihr  Quadrat  macht;  denn  wenn 
der  Grieche  hier  auch  können  zu  sagen  liebt,  so  steht  dem  doch 
der  Ausdruck  o  a^to  rrig  aß  d.  h.  das  von  der  Strecke  aß  gemachte 
Quadrat  zur  Seite  ^).  Der  Inder  hat  ferner  ein  Zeichen  der  Multipli- 
kation in  dem  den  Faktoren  nachzusetzenden  Worte  hhävita,  das  Her- 
vorgebrachte, geschrieben  hhä.  Dieselbe  Silbe  war  (S.  574),  als  An- 
fang eines  anderen  Wortes,  Divisionszeichen.  Er  hat  endlich  eine 
unterscheidende  Bezeichnung  für  mehrere  Unbekannte,  indem  nur  die 
erste,  häufig  alleinige  Unbekannte  ydvattdvat  heisst,  während  die 
übrigen  nach  Farben  unterschieden  werden-):  die  schwarze  MlaJca, 
die  blaue  nilaJia,  die  gelbe  pltalca,  die  rothe  Joliitalm,  die  grüne  liari- 
faJca  regelmässig  durch  die  Anfangssilbe  bezeichnet,  eine  Bezeichnungs- 
weise,  deren  ganz  allgemeine  Uebung  zu  dem  Rückschlüsse  geführt 
hat,  es  müssten  auch  die  indischen  Zahlzeichen  ursprünglich  Anfangs- 
silben der  betreffenden  Zahlwörter  gewesen  sein.  Als  Beispiel  der 
eben  erwähnten  mehrere  Unbekannte  umfassenden  Schreibweise  ma«" 
yd  Id  blid  gelten  d.  h.  die  Unbekannte  mit  der  Schwarzen  in  Ver- 
vielfachung oder  X  mal  y.  Die  Gleichsetzung  zweier  Zahlen  vollzog 
Diophaut  durch  das  Wort  i'aot,  mitunter  zu  t  abgekürzt.  Auch  dem 
Inder  fehlt  nicht  ein  W^ort  dieser  Bedeutung:  in  Gleichgewicht 
tulyaii,  heissen  die  beiden  Glieder,  pahshau^),  aber  sie  bedürfen  dessen 
beim  Schreiben  nicht.  Sie  setzen  die  einander  gleichen  Ausdrücke 
unmittelbar  unter  einander  ohne  jedes  vermittelnde  Wort,  allerdings 
auch  ohne  Gleichheitszeichen.  Sie  scheuen  es  dabei  nicht  eine  nega- 
tive Zahl  allein  die  eine  Seite  einer  Gleichung  bilden  zu  sehen,  wenn 
sie  auch  freilich  rein  sinnlich  genommen  dieselbe  selten  allein  sehen. 


*)  L    Rodet,    Legons  de   calcul  d'Äryabhata   pag   31.         ^)  Colebrooke 
pag.  139  und  348  flgg.     ^)  L.  Rodet,  L'algebre  d'Al-Khärizmi  pag.  17. 


582  29.  Kapitel. 

indem  meistens  die  niclit  vorkommenden  (Jlieder  mit  dem  Coeffi- 
cienten  0  behaftet  angeschrieben  werden.  Soll  also  bei  Brahmagupta 
aus  lOa;  —  8  =  a;^  +  1  <^ie  Folgerung  —  9  =  x^  —  lOx  gezogen 
werden^),  so  sehreibt  er  0^^  +  10-»  —  S  =  lx^-]-Ox-{-l  und  dann 
erst  —  9  =  X'  —  10  ic  oder  in  indischer  Weise 

yd  va  0  yd  10  rii  8  und  dann  rn  9 

yd  va  1  yd    0  rü  1  yd  va  1  yd  10. 

Negative  Wurzeln  einer  Gleichung  waren,  wenn  auch  nicht 
streng  verpönt,  doch  auch  nicht  gestattet;  man  darf  vielleicht  sagen, 
sie  wurden  mit  Bewusstsein  ihres  Vorkommens  beseitigt:  „Absolute 
negative  Zahlen  Averden  von  den  Leuten  nicht  gebilligt." 

Damit  sind  wir  aber  schon  bei  der  Auflösung  bestimmter 
Gleichungen  angelangt.  Die  Inder  behandelten  solche  von  ver- 
schiedenen Graden.  Eme  Grundoperation  ging  immer  voraus.  Nach- 
dem nämlich  der  Ansatz  vollzogen  war,  zog  man  entsprechende  Theile 
von  einander  ab;  Vielfache  des  Quadrats  der  Unbekannten,  Vielfache 
der  Unbekannten,  Bekanntes  wurden  bei  der  dafür  ungemein  be- 
quemen indischen  Anordnung  von  einander  subtrahirt,  imd  man 
nannte  dieses  sdma  rvdhanam  d.  h.  Abziehung  des  Aehnlichen.  Mit 
Fug  und  Recht  hat  man  diesen  Ausdruck  neben  das  diophantische 
„Gleichartiges  von  Gleichartigem"  (S.  442)  gestellt^).  Es  ist  gewiss 
nicht  zu  weit  gegangen,  wenn  man  behaiijjtet  von  den  Wörtern  sdma 
gödJianani  und  dxb  ofioiav  ö[ioia  sei  das  Eine  die  Uebersetzung  des 
Andern,  und  warum  wir  geneigt  sind  Diophant  als  selbständigen 
Schriftsteller  zu  betrachten,  haben  wir  früher  (S.  435)  erörtert.  Hier 
wäre  somit  schon  eine  von  den  verheissenen  Spuren  griechischer 
Algebra  auf  indischem  Boden,  hier  eine  Spur  indischen  Fortschrittes 
in  Gestalt  ihrer  Anordnung.  Aryabhatta  hat  in  seiner  31.  Strophe 
ein  merkwürdiges  Beispiel  aufgestellt^):  „Theile  bei  entgegengesetzter 
Bewegung  die  Entfernung  durch  die  Summe  der  Geschwindigkeiten, 
bei  übereinstimmender  Bewegung  theile  die  Entfernung  durch  die 
Differenz  der  Geschwindigkeiten;  die  zwei  Quotienten  sind  die  Be- 
gegnungszeiten der  beiden  in  der  Vergangenheit  oder  Zukunft",  das 
ist  die  allgemein  gestellte  Aufgabe  der  beiden  Couriere,  wie 
richtig  erkamit  worden  ist.  Hat  aber  Aryabhatta  diese  Aufgabe 
gleichungsweise  gelöst  in  der  Weise,  wie  wir  soeben  zu  erörtern  an- 
gefangen haben,  oder  hat  er  nur  eine  von  auswärts  erhaltene  Regel 
wiederholt?    Eine    bestimmte  Antwort   lässt  sich  noch    nicht   geben. 

1)  Colebrooke    pag.    346  —  347,    §    49.  ^  Ebenda    pag.    217,    §    140. 

3)  L.  Rodet,  L'algebrc  d' Al-Khärizvii  pag.  49.     *)  L.  Rodet,  Lerons  de  ctdcul 
d'Äryahhata  pag.  15  und  41  -  42. 


Höhere  Rechenkunst.     Algebra.  583 

Jedeufalls  ist  bei  Bralimagupta  die  Gleichung  als  solche  vorhanden. 
Viermal  der  zwölfte  Theil  einer  um  1  vermehrten  Zahl  wird 
um  8  vergrössert,  um  die  um  1  vermehrte  Zahl  zu  finden').  Die 
Zahl    yd    wird    um    1    vermehrt    zu    yd    1    ru    1.     Dann    theilt    man 

durch  12    und    vervielfacht    mit  4   zu    - — ,    vermehrt  um  8  zu 

o 

— •     Das  soll  aber  dem  yd  l  ra  1  gleich  sein,  mithin  ist: 


yd  1  ril  25 
yd  3  rd  3. 

Der  Ansatz  ist  soweit  vollendet  ujid  nun  heisst  es  weiter:  Der  Unter- 
schied der  Unbekannten  ist  yd  2;  hierdurch  der  Unterschied  der  be- 
kannten Zahlen  nämlich  22  getheilt  gibt  die  Zahl  11.  Bhäskara  hat 
mit  Vorliebe  Textaufgaben  behandelt,  deren  Form  dem  poetischen 
Gewände,  in  welchem  das  Ganze  erscheint,  sich  trefflich  anpasst. 
Wie  er  das  Kapitel  der  Rechenkunst  Lilävati,  die  Reizende,  genannt 
hat,  und  von  den  glitzernden  Augen  der  Schönen  (S.  577)  im  Zu- 
sammenhang mit  dem  ümkehrungsverfahren  zu  reden  wusste,  so 
stellt  er   auch    folgende    auf   eine   Gleichung    ersten  Grades    führende 

Frage  ■^);  ,,Von  einem  Schwärm  Bienen  lässt  —  sich  auf  einer  Ka- 
dambablüthe,        auf  der  Silindhablume  nieder.     Der  dreifache  Uuter- 

schied  der  beiden  Zahlen  flog  nach  den  Blüthen  eines  Kutaja,  eine 
Biene  blieb  übrig,  welche  in  der  Luft  hin  und  herschwebte  gleich- 
zeitig auo;ezogen  durch  den   lieblichen  Duft  einer  Jasmine   und  eines 

o         o        o 
Fandamus.     Sage  mir,   reizendes  Weib,  die  Anzahl  der  Bienen.''     Er 

ahmt  übrigens  selbst  nur  (j'ridhara  darin  nach,  auf  welchen  folgende 

Aufgabe   ihrer  wesentlichen  Form    nach    zurückzuführen    ist^):    „Bei 

verliebtem    Ringen    brach    eine    Perlenschnur;  der  Perlen    fiel  zu 

Boden,    -  blieb  auf  dem  Lager  liegen,  — -  rettete  die  Dirne,   -    nahm 

'5  '^  '^      '     6  '10 

der  Buhle  an  sich,  6  Perlen  blieben  aufgereiht;  sage,  wie  viel  Perlen 
hat  die  Schnur  enthalten?" 

Bisher  trat  nur  eine  Unbekannte  auf.  Eine  Aufgabe,  welche 
mehrere  Unbekannte  bestimmt  wissen  will,  ist  diejenige,  welche 
Aryabhatta  in  seiner  29.  Strophe  uns  erhalten  hat*):  „Die  Summe 
einer  gewissen  Anzahl  von  Grössen  je  um  eine  derselben  vermindert, 
alle   vereinigt,    man   theilt    durch    die    um    1  verringerte   Anzahl    der 


')  Colebrooke  pag.  :;44,  §  45.  '■')  Ebenda  pag.  '24 — 25,  §  54.  ^)  Ebenda 
pag.  25,  Note  5.  ■*)  L.  Rodet,  La^ons  de  calcul  d'Aryabhata  pag.  14 — 15  und 
38—39. 


584  29.  Kapitel. 

Grössen,  mau  hat  die  Summe."  Wir  fürcliten  keinen  Widersprucli, 
wenn  wir  in  dieser  Aufgabe  und  in  dem  Epantlieme  des  Thymaridas 
(S.  148)  so  nahe  Verwandte  erkennen,  dass  an  einen  Zufall  nicht  zu 
denken  ist.  Vollkommen  ist  zwar  die  Uebereinstimmung  nicht. 
Nennen  wir  ö^  wieder  die  Summe  der  ?j  Unbekannten  a:, ,  x<^,--Xa 
und    die  Differenzen   s  —  a^i  =  (/j,  s  —  rr^  =  (/g?  -  •  •  s  —  Xn  =  ä^   so 

^1    +    f^2    +    •    •    +    f^„ 

behauptet  Aryabhatta,    es  sei  s  == —^-z^ und  fügt  hinzu, 

dass  durch  einzigweise  Subtraktion  von  fZ^,  d^,  •  •  •  d,^  von  dem  so 
gefundenen  s  die  Unbekamiten  x^,  x^^  •  •  ■  Xn  erhalten  werden  können ; 
aber  nur  um  so  wahrscheinlicher  wird  dadurch,  was  auch  durch  die 
selbst  nur  mangelhaft  bekannte,  jedenfalls  aber  sehr  frühe  (S.  147) 
anzusetzende  Lebenszeit  des  Thymaridas  an  die  Hand  gegeben 
wird,  dass  dieser  Pythagoräer  der  Erfinder  war,  als  welchen  Jamb- 
lichus  ihn  ausdrücklich  nannte,  dass  Aryabhatia  in  echt  indischer 
Weise,  genau  so  wie  Albirüni  es  uns  schildert  (S.  557),  das  Erlernte 
unkenntlich  zu  machen  wusste.  Ist  aber  diese  Folgerung  gerecht- 
fertigt, so  ist  eine  neue  Spur  griechischer  Algebra  in  Indien  auf- 
gedeckt, und  damit  immer  grössere  Sicherheit  gewonnen,  dass  wirk- 
lich auf  diesem  Gebiete  die  Inder  von  den  Griechen  lernten,  keines- 
wegs aber  umgekehrt,  und  dass  die  Inder  alsdann  nur,  wie  wir 
wiederholt  erklären,  in  dem  ihrer  Geistesrichtung  besonders  zusagen- 
den Gedankenkreise  überraschende  Fortschritte  auf  eigenen  Füssen 
machten. 

So  glauben  wir  auch  deutlich  die  griechische  Auflösung  der 
quadratischen  Gleichung,  wie  Heron  (S.  377),  wie  Diophant 
(S.  443)  sie  übte,  in  der  mit  ihr  nicht  bloss  zufällig  übereinstimmen- 
den Regel  des  Brahmagupta  zu  erkennen^):  „Zu  der  mit  dem  Coeffi- 
cienten  des  Quadrates  vervielfachten  absoluten  Zahl  füge  das  Quadrat 
des  halben  Coefficieuten  der  Unbekannten.  Die  Quadratwurzel  dieser 
Summe  weniger  dem  halben  Coefficienten  der  Unbekannten  getheilt 
durch  den  Coefficienten  des  Quadrates  ist  die  Unbekannte."     D.  h.  aus 

aa;^  4-  bx  ==  c  folgt  x  = 

Bei  Aryabhatia  ist  die  gleiche  Auflösmigsmethode  wenigstens 
vorausgesetzt"),  da  die  in  seiner  20.  Strophe  gelehrte  Auffindung  der 
Gliederzahl  einer  arithmetischen  Reihe  aus  Summe,  Differenz  und 
Anfangsglied  die  vorhergehende  Möglichkeit  eine  unreine  quadratische 
Gleichung  auflösen  zu  können  in  sich  schliesst. 

^)  Colebrooke  pag.  346,  §  48.  ^)  L.  Rodet,  Legons  de  calcul  d'Arya- 
bhata  pag.  13  und  33. 


Höhere  Rechenkunst.     Algebra.  585 

^ridhara  hat  Brahmaguptas  Regel  verbessert^),  indem  er  die 
gegebene  Gleichung  statt  mit  a  sogleich  mit  4  a  vervielfachen  lässt, 
wodurch  die  Möglichkeit  Brüche  unter  dem  Wurzelzeichen  zu  erhalten 
verschwindet;  aus  ax^  -\-  hx  =  c  erhält  er  nämlich 

4:a^x^  -}-  AaJjx  =  \ac  oder  {^aoßf  -\-  2b  •  {2ax)  =  Aac, 


also  auch  (2ax  +  l)f  =  Acic  -{-  V-  und  x  =       "'^  ^ Die  Er- 

gänzung  des  quadratischen  Theiles,  welche  in  Wirklichkeit  dahin 
führt  statt  eines  quadratischen  Gliedes  und  eines  Gliedes  mit  der 
ersten  Potenz  der  Unbekannten  nur  das  Quadrat  eines  Binoms  ersten 
Grades  als  unbekannt  aber  bestimmungsfähig  zu  erhalten,  wird  seit 
Brahmagupta  „Wegschaffung  des  mittleren  Gliedes"  madhyama 
Jiaraiiam,  genannt"). 

Der  wichtigste  Fortschritt,  welchen  die  Lehre  von  den  unreinen 
quadratischen  Gleichungen  schon  bei  Brahmagupta  vollzogen  hat,  be- 
steht aber  darin,  dass  die  drei  verschiedenen  Formen  (S.  443) 

ax^  -\-hx  =  c,     hx  -{-  c  =  ax^,     ax'  -\-  c  =  'bx 
verschwunden   sind,    wie  es   vermöge  der  Gewohnheit  mit   negativen 
Zahlen  zu  rechnen  gestattet  war. 

Nun  ist  Bhäskara  noch  wesentlich  über  Brahmagupta  hinaus- 
gegangen. Er  kennt  die  bei  den  Quadratwurzeln  sich  ergebenden 
Doppelsinnigkeiten  und  Unmöglichkeiten.  Er  fasst  sie  in  die 
RegeP):  „Das  Quadrat  einer  positiven  wie  einer  negativen  Zahl  ist 
positiv,  und  die  Quadratwurzel  aus  einer  positiven  Zahl  ist  zwiefach, 
positiv  und  negativ.  Es  gibt  keine  Quadratwurzel  aus  einer  negativen 
Zahl,  denn  diese  ist  kein  Quadrat."  Dementsprechend  kennt  er  die 
paarweise  auftretenden  Wurzeln  einer  quadratischen  Gleichung,  gibt 
sie  aber  aus  dem  oben  angegebenen  Grund,  dass  „absolute  negative 
Zahlen  von  den  Leuten  nicht  gebilligt  werden",  nur  dann  an,  wenn 
beide  Wurzelwerthe  positiv  ausfallen  und  keinen  Durchgang  durch 
ein  Negatives  voraussetzen;  er  folge  dabei  Padmanäbha'^).  Folgende 
Beispiele  mögen  die  Meinung  der  einschränkenden  Klausel  erläutern^). 
„Der  8.  Theil  einer  Heerde  Affen  ins  Quadrat  erhoben  hüpfte  in 
einem  Haine  herum  und  erfreute  sich  an  dem  Spiele,  die  12  übrigen 
sah  man  auf  einem  Hügel  mit  einander  schwatzen.  Wie  stark  war 
die  Heerde?"  Hier  gibt  es  zwei  Auflösungen:  48  und  16.  „Das 
Quadrat  des  um  3  verminderten  5.  Theils  einer  Heerde  Affen  war  in 
einer  Grotte  verborgen,  1  Affe  war  sichtbar,  der  auf  einen  Baum 
geklettert  war.     Wie  viele  waren  es  im  Ganzen?"    Bhäskara  sagt  50 


^)  L.    Rodet,    L'algebre    iV Äl-Khärizmi    pag.  71.         -)  Ebenda   pag.   76. 
Colebrooke  pag.  135.     *)  Ebenda  pag.  218,  §  142.     ^)  Ebenda  pag.  215—217. 


586  29.  Kapitel. 

oder  6,  aber  der  zweite  Wurzelwertli  dürfe  nicht  genommen  werden. 
Ein  Commentar  erklärt  uns,  wie  das  gemeint  sei.  Man  könne  den 
5.  Theil  von  5,  oder  1,  nicht  um  3  vermindern,  ohne  dass,  wenn 
auch  nur  vorübergehenderweise,  die  absohite  negative  Zahl  —  2 
auftrete. 

Bhaskara  hat  auch   an  anderer   Stelle^)   gezeigt,    wie   mit  Hilfe 
der  Formel 

i^oTW  =  V^+^f^  +  l/»Z^^ 

Quadratwurzeln  aus  Summen  rationaler  und  irrationaler  Zahlen  ge- 
zogen werden  können,  und  hat  die  Wurzelausziehung  auf  noch  ver- 
wickelter zusammengesetzte  Grössen  wie 


/lO  -f  1/24  +  "|/40  +  1/60  =  >/2  +  1/3  -1-  /ö 
ausgedehnt.  Er  erklärt  diese  Darstellung  ausdrücklich  für  seine  Er- 
findung, welche  aber  einer  sehr  behutsamen  Benutzung  bedürfe 
widrigenfalls  man  zu  falschen  Ergebnissen  geführt  Averde;  die  Er- 
zielung eines  solchen  beweise  alsdann,  dass  eine  Wurzelausziehung 
eben  nicht  gelinge,  und  alsdann  müsse  man  sich  damit  begnügen 
statt  der  einzelnen  vorkommenden  Irrationalitäten  deren  Näherungs- 
werthe  in  Rechnung  zu  haben. 

Das  Rechnen  mit  Irrationalgrössen  führt  Bhaskara  ferner  zu 
der  Aufgabe,  Brüche  rational  zu  machen").  Man  soll  Zähler  und 
Nenner  mit  einem  dem  Nenner  ähnlichen  Ausdrucke  vervielfachen, 
bei  welchem  nur  das  Vorzeichen  einer  Irrationalzahl  entgegengesetzt 
gewählt  wird,  und  soll  dieses  Verfahren  so  lange  fortsetzen,  bis  man 
wirklich  im  Stande  sei  die  noch  geforderte  Division  zu  vollziehen. 

Endlich  ist  bei  Bhaskara  noch  ein  letzter  grosser  Fortschritt 
vorhanden.  Er  hat  auch  Gleichungen  von  höherem  als  dem  zweiten 
Grade  in  Angriff  genommen^).  So  z.  B.  x^  ~\-  \2x  =  Qx^  -f"  35.  Er 
zieht  CiX^  -{-  8  auf  beiden  Seiten  ab  und  gewinnt  so 

x'—Qx^+  12a;— 8  =  27, 
wo    beiderseits     vollständige     dritte    Potenzen    erscheinen,    nämlich 
{x  —  2)^  ==  3"'.     Die    Kubikwurzelausziehung    gibt    ihm    x  —  2  =  3, 
woraus  endlich  a;  =  5  folgt.     Aehnlich  behandelt  er 

x"^  —  2{x^-\-  200a;)  =  9999. 
Er  addirt  auf  beiden  Seiten  4a;^  -f-  400a;  +  1    und   gewinnt  dadurch 
nach    vollzogener    Umformung    {x^  -f-  1)^  =  (2  a;  -f"  100)^.     Quadrat- 
wurzelausziehung führt  zu  der   selbst  noch   quadratischen  Gleichung 


')  Colebrooke  pag.  149  — 155.     Die  Bemerkung  über  falsche  Ergebnisse 
pag.  155,  §  51.     ä)  Ebenda  pag.  147,  §  34—35.     ")  Ebenda  pag.  214—215. 


Höhere  Rechenkunst.     Algebra.  587 

x^  -\-  1  =2x  -{-  100,  aus  welcher  a;=  11  folgt.  „In  diesem  FaUe 
bedarf  es  des  Scharfsinnes"  sagt  Bhäskara,  und  man  kann  ihm  diese 
kleine  Ruhmredigkeit  nicht  verargen.  Es  ist  nicht  unmöglich,  dass 
Diophant,  welcher  gleichfalls  eine  kubische  Aufgabe  gelöst  hat 
(S.  447),  den  Austoss  auch  zu  diesen  Untersuchungen  gab,  aber 
wieder  ist  ein  ungeheures  Mehr  auf  Seiten  Bhäskaras  zu  verzeichnen. 
Er  hat  einen  Kunstgriff  erdacht,  den  er  uns  ausdrücklich  kennen 
lehrt,  und  der  richtig  gehandhabt  zu  einer  Methode  der  Gleichungs- 
auflösung werden  konnte. 

So  ist  wohl  nach  beiden  Seiten  hin  gerechtfertigt,  was  wir  über 
die  Algebra  bestimmter  Gleichungen  angekündigt  haben:  dass  Manches 
davon  griechischer  Herkunft  zu  sein  scheint,  dass  die  Inder  mit  dem 
ihnen  fremd  Zugetragenen  stauueuswerthe  eigene  Leistungen  zu  ver- 
binden wussten. 

Noch  bedeutender  ist  es,  was  die  Inder  in  der  Zahlentheorie 
leisteten,  in  welcher  sie  uns  zum  ersten  Male  Gelegenheit  geben 
werden,  wirkliche  allgemeine  Methoden  kennen  zu  lernen.  Zwei  Be- 
merkungen müssen  wir  vorausschicken.  In  den  indischen  Schriften, 
welche  uns  bekannt  sind,  kommen  die  altpythagoräischen  Zahlen- 
betrachtungen nicht  vor.  Den  Begriff  vollkommener  oder  befreundeter 
Zahlen  aufzustellen,  ist,  so  viel  wir  wissen,  keinem  Inder  in  den  Sinn 
gekommen.  Auch  figurirte  Zahlen  kommen  als  solche  kaum  vor,  jeden- 
falls nicht  in  der  Ausdehnung,  in  welcher  Diophant  sich  mit  ihnen 
beschäftigte.  Nur  die  Summirung 
1   _J_  -  _L  r<  _1_  _!.  **('*  +  ^)         it(u  -f  l)(n-|-2)         (n  +  1)'  -  («  -f  1) 

als  Anzahl  der  Kugeln  in  einem  dreieckigen  Haufen  ist  seit  Ar^^a- 
bhattas  21.  Strophe')  bekannt,  aber  von  Fünfeckszahlen  oder  gar 
;;« eckszahlen  ist  nirgend  die  Rede.  Einen  Griechen  und  Indern  ge- 
meinschaftlichen Gegenstand  der  Untersuchung,  muthmasslich  von 
Jenen  zu  Diesen  gelangt,  bildet  nur  die  Auffindung  rationaler  recht- 
winkliger Dreiecke^).  Das  ist  das  Eine,  was  wir  uns  merken  wollten. 
Zweitens  aber  ist  ein  noch  viel  grimdsätzlicherer  Widerstreit  zwischen 
indischer  und  griechischer  Zahlentheorie  vorhanden.  Für  die  unbe- 
stimmte Analytik  ist  nämlich  die  Bedingung  ganzzahliger  Auf- 
lösungen massgebend,  eine  Forderung,  welche  Diophant  (S.  447) 
niemals  stellt  und  nur  ausnahmsweise  erfüllt.  Das  sind  so  wesent- 
liche Gegensätze,  dass  wir  auf  diesem  Gebiete  fast  nur  selbständige 
Leistungen  im  Westen  wie  im  Osten  zu  erwarten  haben. 


')  L.  Eodet,    Legons  de  calcul  d'Ari/abhata  pag.   13  und  35.         *)  Cole- 
brooke  pag.  306,  §  35  und  pag.  340,  §  38. 


588  29.  Kapitel. 

Gehen  wir  jetzt  darauf  aus,  einen  Ueberblick  über  die  indiseben 
Leistungen  in  der  unbestimmten  Analytik  zu  gewinnen,  und  beginnen 
wir  mit  den  unbestimmten  Gleichungen  ersten  Grades.  Schon 
Äryabhatta  hat  sich  in  der  32.  und  33.  Strophe  seines  mathema- 
tischen Kapitels  mit  solchen  Gleichungen  beschäftigt ')  und  dabei 
eine  Methode  in  Anwendung  gebracht,  der  Brahmagupta  wahrschein- 
lich den  Namen  Zerstäubung,  hiffalca,  beigelegt  hat,  unter  welchem 
sie  sich  auch  bei  Bhäskara  auseinandergesetzt  findet").  Bhäskara 
beginnt  ihre  Darstellung  mit  der  Aufgabe,  das  gemeinschaftliche 
Maass  zweier  Zahlen  zn  finden.  Diese  löst  er,  wie  sie  eben  gelöst 
werden  muss,  wie  Euklid  verfuhr,  wie  auch  Bhäskara  sehr  wohl 
selbständig  erdacht  haben  oder  von  selbständigen  indischen  Vor- 
männern übernommen  haben  kann.  Er  vollzieht  fortlaufende  Divi- 
sionen des  früheren  Divisors  durch  den  bei  Theilung  mittels  des- 
selben verbliebenen  Rest,  und  der  letzte  dieser  Reste  ist  der  gesuchte 
grösste  gemeinsame  Divisor  der  beiden  gegebenen  Zahlen.  Durch 
ihn  verkleinert  werden  sie  feste  Zahlen,  driäha,  oder  theilerfremd, 
ein  Begriff,  den  Brahmagupta  dui'ch  die  Namen  niccheda  oder  nira- 
pavartu  dem  deutschen  Worte  entsprechender  bezeichnet^).  Soll  nun 
eine  Zerstäubungsaufgabe  gelöst  werden,  so  muss  vor  allen  Dingen 
Dividend,  Divisor  und  Additive  durch  dieselbe  Zahl  verkleinert 
werden  können.  „Misst  die  Zahl,  welche  für  Dividend  und  Divisor 
das  Maass  ist,  die  Additive  nicht,  so  ist  die  Aufgabe  schlecht  ge- 
stellt." Die  Meinung  dieses  Satzes,  von  welchem  übrigens  so  wenig 
wie  von  der  eigentlichen  Methode  ein  Beweis  gegeben  ist,  besteht 
darin,  dass  wenn  ax  -{-  h  =  cy  in  ganzen  Zahlen  lösbar  sein  soll, 
jeder  Theiler  des  Dividenden  a  und  des  Divisors  c  auch  in  der  Addi- 
tiven h  enthalten  sein  muss,  dass  es  also  möglich  sein  muss,  durch 
Verkleinerung  der  vorgelegten  Gleichung  mittels  des  grössten  ge- 
meinsamen Theilers  von  a  und  c  diese  beiden  Coefticienten  theiler- 
fremd zu  machen.  Denkt  man  sich  diese  Vorbereitung  getroffen,  so 
muss  bei  der  nunmehr  erfolgenden  Aufsuchung  des  grössten  gemein- 
samen Theilers  der  neuen  a  und  c  nach  dem  euklidischen  Ketten- 
bruchverfahren  schliesslich  der  Rest  1  auftreten.  Die  einzelnen 
Quotienten  der  aufeinanderfolgenden  Divisionen  seien  g, ,  q^f  '''(In, 
die  entsprechenden  Reste  r,,  r^,  •  ■  •  r„,  wo  also  r„  =  1  sein  muss. 
Man  schreibt  die  Quotienten  in  ihrer  Reihenfolge  in  eine  Zeile  und 
fügt  am  Schlüsse  noch  die  Additive  h  und  eine  Null  bei,  so  dass 
diese    letztere    eingeschlossen    n  -f-  2    Zahlengrössen    in    einer    Zeile 


')  L.  Rodet,  Lerons  de  calcul  d'Äryabhata  pag.  15  und  42-46.     ^)  Cole- 
brooke,  pag.  112  flgg.     ^)  Ebenda  pag.  330,  Note  3. 


Höhere  Rechenkunst.     Alorebra. 


589 


neben  einander  stehen.  Nun  vervielfacht  man  das  drittletzte  Glied 
mit  dem  vorletzten  und  addirt  das  letzte,  streicht  das  letzte  ganz 
und  ersetzt  das  drittletzte  durch  die  eben  gefundene  Zahl.  Mau  hat 
mithin  jetzt  eine  Zeile  von  n  -\-  1  Zahlengrössen  vor  sich,  an  vrelcher 
man  das  eben  erläuterte  Verfahren,  welches  die  Anzahl  wieder  um 
eins  verringert,  wiederholt.  Das  setzt  man  so  fort  bis  schliesslich 
nur  zwei  Zahlen  in  der  Zeile  sich  befinden,  und  nun  hat  man  zwei 
Fälle  zu  unterscheiden.  War  n  grad,  so  ist  von  beiden  Zahlen  die 
erste  y,  die  zweite  x.  War  n  ungrad,  so  muss  man  die  erhaltenen 
Werthe  von  a  und  von  c  abzählen,  um  die  richtigen  y  und  x  zu 
finden.  Eine  Verminderung  des  gefundenen  y  um  den  Betrag  eines 
Vielfachen  von  ff,  während  von  x  das  Gleichvielfache  von  c  abgezogen 
wird,  ist  in  beiden  Fällen  gestattet. 

Ein  Beispiel,  welches  zu  einem  graden  n  führt,  ist') 
lOOic  +  90  =  63i/. 
Die   Division    100 :  63    gibt    den    Quotienten   q^  =^  1    und    den   Rest 
»■j  ==  37.     Die  folgenden  Quotienten  und  Reste  sind  q2  =  l,  r2  =  2G] 
Qä  =  1;  ''s  =  11;    ?4  =  2,  r^  =  4;  Qr,  =  2,  r^  -^3;   ^«  =  1,  r^  =  1, 
mithin  n  =  6.     Die  zu  bildenden  Zahlenreihen  sind: 

1 ,      2  ,      2  ,    1 ,  90  ,  0.     1  •      90  +      0  =  90 


1, 
1, 
1, 
1, 

1, 


1, 

1, 
1, 


1  ,      2  ,      2  ,  90  ,  90. 
1  ,      2  ,  270  ,  90. 
1  ,  630  ,  270. 
1 ,  900  ,  630. 
1  ,  1530  ,  900. 
2430 ,  1530. 

Nun   zieht    man    24  ■  100  von  y,    24 
kleineren  Werthe  a;  =  18,  y  =  30. 
Zu    einem    ungrad en    n    führt"): 


2  •      90  +    90  =  270 
2-    270+    90  =  630 
1  •    630  +  270  =  900 
1  •    900  +  630  =  1530 
1  •  1530  +  900  =  2430 
X  =  1530        y  =  2430 
63    von  X  ab    und    erhält    die 


60a;  +  16  =  13y.      Hier    ist 


nämlich    q^  =  4,  t\  =  8;    q2  =  1?  ''2  =  5; 


'h 


•?  »3  == 


(h=  1; 


»4  =  2;  g'5  =  1,  i'r,  =  1  und  n 
f olgenderm  assen : 

4,    1,    1,    1,    1,16,0. 

4  ,    1  ,    1 ,    1 ,  16  ,  16. 

4,    1,    1,32,16. 

4,    1,48,32. 

4  ,  80  ,  48. 

368,80.  13  —  80  = 


5.     Die  RechnuDu*  stellt  sich  daher 


1-16  +  0  =  16 

1  .  16  +  16  =  32 

1  .  32  +  16  =  48 

1  .  48  +  32  =  80 

4  .  80  +  48  =  368 

67 

=  x     60  —  368  =  —  308  =  y 

1)  Colebrooke  pag.  115,  §  255.     -')  Ebenda  pag.  116,  §  257. 


590  29.  Kapitel. 

Diesmal  addirt  man  G  •  60  zu  y,  6  •  13  zu  x  mid  erhält  die  Werthe 
X  =^1\,  y  =  52. 

Die  Zerstäubungsmetliode  stimmt,  wie  vielfach  bemerkt  worden 
ist,  in  ihrem  ganzen  Gange  mit  der  Methode  der  Auflösung  unbe- 
stimmter Gleichungen  ersten  Grades  durch  Kettenbrüche  überein, 
wie  sie  in  jedem  Lehrbuche  der  Zahlentheorie  erörtert  ist;  wir  können 
den  Nachweis  ihrer  Richtigkeit  füglich  übergehen.  Wir  übergehen 
auch  die  unbestimmten  Gleichungen  ersten  Grades  mit  mehr  als  zwei 
Unbekannten,  welche  Aryabhatta  wie  Brahmagupta  schon  kannten^) 
und  in  wesentlich  der  gleichen  Art  behandelten,  wie  die  Zerstäubungs- 
methode es  für  zwei  Unbekannte  vorschreibt. 

Wir  gehen  zu  den  unbestimmten  Gleichungen  zweiten 
Grades  über.  Brahmagupta  behandelt  hier  zuerst  solche  Gleichungen, 
welche  nur  das  Produkt  der  beiden  Unbekannten  unter  sich  als  qua- 
dratisches Glied  enthalten  und  dann  erst  solche,  in  welchen  die 
Quadrate  der  Unbekannten  vorkommen^).  Bhaskara  schlägt  den  ent- 
gegengesetzten Weg  ein,  indem  er  zuerst  mit  Aufgaben  von  der  Form 
ax^  -\~  h  =  c\f-^  dann  erst  mit  solchen  wie  xy  =  ax  -{-  l>y  -\-  c  sich 
beschäftigt'').  Bei  der  Auflösung  dieser  letzteren  bedient  er  sich 
entweder  des  Verfahrens  die  eine  Unbekannte,  etwa  ?/,  ganz  will- 
kürlich anzunehmen  und  alsdann  x  =  -  —  —  zu   setzen,   wobei   frei- 

a  —  y  ' 

lieh  ganzzahlige  Lösungen  nur  in  Folge  günstigen  Zufalles  auftreten, 
oder  aber  er  geht  von  einer  auffälligen  Verbindung  geometrischer 
und  algebraischer  Anschauungen  aus,  die  zugleich  Methode  und  Be- 
weis   derselben    enthalten.     (Figur    81.)     In    dem   Rechtecke  ABCD 

sei  die  Basis  AB  =  x,  die  Höhe  BC=y, 
^  ^     so  ist  die  Fläche  xy.     Ist  nun  BJi  =  a, 

^     AG==h,  ^Q  ist  CBEF  =  ax,  AG  HB 
=  hy  und  ax  -\-  hy  = 

Gnomon  CFIGABC -\-  BEIE, 
G  oder  da  BEIH  =  ab,  so  ist 

Fig.  81. 

Gnomon  CFIG  ABC  =  ax  -\-  hy  —  ah. 
Zieht  man  diesen  Gnomon  von  dem  ursprünglichen  Rechtecke 
A  B CB  =  xy  ab,  so  bleibt  das  Rechteck  BFI G  =  xy  —  ax  —  hy  -f-  ah, 
welches    als    aus    den  Seiten  x  —  h  und    y  —  a    bestehend    auch    die 


J^ 


j( 

')  li  Rodet,  Lieqons  de  calcul  cVAryahhata  pag.  15  und  43.  Colebrooke 
pag.  348  —  360:  Equation  of  several  coloiirs.  '■')  Colebrooke  pag.  3G1  —  362 
Equation  involving  a  factum  und  363  —  372  Square  affectcd  hy  coefficient. 
*)  Ebenda  pag.  170  —  184  Affectcd  Square,  245  —  267  Varieties  of  quadratics, 
268—274  Equation  involving  a  factum  of  unJcnoivn  quantities. 


Höhere  Rechenkunst.     Algebra.  591 

Fläche  (x  —  i)  •  {y  —  «)  besitzt.  Nacli  dem  Wortlaute  der  Aufgabe 
ist  aber  xy  —  ax  —  hy  -\-  ab  =  c~\-  ah,  mitbiu  ist  aucb  (x  —  b)  ■  Q/  —  a) 
==  c  -f-  (ib.     Man    hat    also    uur    nöthig   c  ~\-  ab    iu    zwei    Faktoren, 

etwa  m  und  -^- —  zu  zerlegeu  und  den  einen  mit  x  —  b,  den  anderen 
mit  y  —  a  zu  identificiren.     So   entsteht    entweder    x  —  b  = , 

■^  VI  ' 

y  —  a  =  m    oder    y  —  a  =  -^ — ,     x  —  b  =  m :     beziehungsweise 

entweder  x  =  —^ — ^ — IL^d    y  =  a  4-  m  oder 

7     1                     c  -{-  a{b  -\-  m) 
X  =  b  -{-  m,  y  =  — ■ ^^ — ' 

und  die  Lösungen  werden  ganzzahlig,  wenn  m  ein  ganzzahliger  Faktor 
von  c  ■\-  ab  ist. 

Wir  haben  bei  dieser  Auseinandersetzung  des  griechischen 
Wortes  Grnomon  uns  bedient.  Bei  Bhäskara  entspricht  demselben 
kein  eigenthümlicher  indischer  Ausdruck.  Er  spricht  vielmehr  nur 
von  dem  Unterschiede  der  Rechtecke  AH  CD  und  BF  IG.  Wir 
haben  die  nicht  unbedeutende  Abweichimg  von  dem  Urtexte  uns  ge- 
stattet, um  damit  unsere  Auffassung  kund  zu  geben,  dass  wir  nicht 
umhin  können,  in  diesem  nichts  weniger  als  indischen  Verfahren 
griechische  Erinnerimgeu  zu  vermuthen. 

Die  indische  Auflösung  der  Gleichungen  von  der  Form 
axr  -\-  h  =  cif  hier  ausführlich  mitzutheilen,  würde  uns  viel  zu  weit 
führen.  Wir  begnügen  uns  mit  wenigen  Andeutungen.  Bhäskara 
kennt  das,  was  wir  quadratische  Reste^)  und  das,  was  wir  ku- 
bische Reste"")  nennen,  insofern  als  er  weiss,  dass  es  Zahlen  von 
gewissen  Formen  gibt,  die  Quadrate  und  Kuben  sein  können,  und 
andere,  bei  welchen  das  Entgegengesetzte  stattfindet.  Er  lehrt  in 
der  cyklischen  Methode^),  wie  die  Gleichung  ax'  -\-  1  =  y'  ge- 
löst Averde,  ausgehend  von  einer  beliebigen  empirisch  gegebenen 
Gleichung  aA"-{-Ii  =  (.P,  welche  uur  so  gewählt  worden  ist,  dass 
die  keinen  quadratischen  Faktor  enthaltende  Zahl  B  so  klein  als 
möglich  ausfällt,  ein  Verlangen,  zu  dessen  Erfüllung  es  genügte  y  a 

C 
uäherungsweise  in  Bruchgestalt   etwa  als   ^  zu   suchen,    und   Zähler 

und  Neiuier  dieses  Bruches  in  der  versuchsweise  aufzustellenden  Glei- 
chung ihren  Platz  anzuweisen.  Aus  der  für  B  ausgesprochenen  Be- 
dingung folgt  von  selbst  ihre  Theilerfremdheit  gegen  A.  Besässen 
nämlich  A  mid  B  einen  gemeinsamen  Theiler  8,  so    müsste  derselbe 


1)  Colebrooke  pag.  262—263,  §  202—204.         -)  Ebenda  pag.  265,  §  206. 
^)  Ebenda  pag.  175  ^gg. 


592  29.  Kapitel. 

wegen  aÄ^  -\-  B  =  C^  aucli  in  C  enthalten  sein.  In  Ä^  wäre  d^, 
ebendasselbe  aucb  in  C^  und  schliesslich  auch  in  i>  enthalten.     Nun 

setzt  man  — ^-^ —  =  A^,  wobei  durch  Zerstäubung  ^^  nebst  A^  ganz- 
zahlig gefunden  werden,  und  zwar  wählt  man  von  den  unendlich 
vielen  möglichen  Werthen  von  5,  einen  solchen,  der  5;,^  —  a  kleinst- 

möglich    macht.     Setzt    man   hierauf  -^-~^ —  =  B^^    so    ist    B^    eine 

ganze  Zahl.  Der  indische  Schriftsteller  gibt  allerdings  dafür  so 
wenig  wie  für  die   vorhergehende  Theilerfremdheit  zwischen  A  und 

B  einen  Beweis,  aber  die  »Sache  ist  richtig.     Aus ' -^^i^^'^^ —  =  A^  folgt 

nämlich 

BA,  -  C        c  B'A,^ -2BCÄ^  -^  C^- aA^- 


B^A^-  -2BCA,  -i-  B        (BA^^  —  2CA^  +  V 


B. 


A'  \  A' 

Nun  ist  Zy"  —  a  eine  ganze  Zahl,  also  muss  das  Gleiche  für  den  zu- 
letzt erhaltenen  Ausdruck  gelten,  und  das  kann,  weil,  wie  wir  sahen, 
B  gegen  A  theilerfremd  ist,  nur  dann  der  Fall  sein,  wenn  A^  in 
BAy-  —  2(7^1  -f-  1  ganzzahlig  enthalten  ist.     D.  h. 

B       —  ^^i  ~  A^ 

ist  eine  ganze  Zahl.     Ersetzt  man  rechts  B  wieder  durch  C'^  —  aA^, 

so  zeigt  sich 

-D         C"^  «  —  a^-^  2_  2C^    -|_  1        /CJ..  —  1\2  .„ 

Br  = ^-^ ±. ^^  =  (— V-j    -  ciA,' 

oder  aA,^  +  i?,  =  i^^-)'  =  C,\ 

Auch  Ci  =  — ~ muss    als    rationale    Quadratwurzel    der    ganzen 

Zahl  aA^^  -\-  B^  selbst  ganzzahlig  sein.  Somit  ist  aus  der  lauter 
ganze  Zahlen  enthaltenden  Gleichung  aA^  -\-  B  =  C"  eine  neue  Glei- 
chung aAj^  -\-  Bi  ==  C^  hervorgegangen,  in  der  wieder  nur  ganze 
Zahlen  vorkommen.  Man  kann  nun  in  gleicher  Weise  andere  und 
andere  ähnlich  geformte  Gleichungen  ableiten,  man  kann  aber  auch 
gewonnene  Gleichungen  nach  einem  anderen  Satz  vereinigen.  Dieser 
Satz  lautet^),  dass  au^  -|-  ?>j  =  v^  und  au,^  +  ^2  =  '^2^  ^i^  Folge- 
rung au^^  •\-  63  =  v^  gestatten,  wo  u^  =  u^v^  +  M2^i>  ^3  =  ^1^2? 
V3  ^  au^u^  -\-  VyV^.  Durch  solche  Veränderungen  mid  Divisionen, 
wo  immer  sie  möglich  sind,  kann  man  bis  auf  eine  Gleichung 
ax^  -^  \  z=  y^  geführt  werden  und   hat   alsdann   die  Aufgabe   gelöst. 

')  Colebrooke  pag.  171,  §  77—78. 


Höhere  Rechenkunst.     Algebra.  593 

Allerdings  wird  dieses  indische  Verfahren  nicht  stets  zum  Ziele 
führen,  namentlich  nicht  nach  ganz  vorschriftsmässigen  Regeln  die 
Wurzeln  der  Gleichung  ax^  -\-  1  ^  y^  finden  lassen.  Vieles  bleibt 
dem  Takte  des  Auflösenden  überlassen.  Mit  Recht  sagt  auch  Bhäs- 
kara  an  einer  anderen  Stelle^):  „Die  Regeldetri  ist  Arithmetik,  die 
Algebra  aber  ist  makelloser  Verstand.  Was  wäre  dem  Scharfsinnigen 
unbekannt?"  Wird  übrigens  bei  der  Gleichung  ax"  -\-  1  =  y'^  kein 
Gewicht  auf  die  Ganzzahligkeit  der  Lösungen  gelegt,  so  kann  immer 
ohne  weiteres  ein  genügendes  Wurzelpaar  angeschrieben  werden^). 
Aus  aA^  -{-  i?  =  C^  in  Verbindung  mit  der  noch  einmal  gesetzten 
unveränderten  Gleichung  ergibt  sich  nämlich  nach  der  erwähnten 
Vereinigungsregel:  a  ■  (2ÄCy  -\-  B'^  =  (aÄ'^  +  0'^)'-  und  daraus 


/2ACY    ,1         /aA2+  CY 
«  •  \-B-)    +  ^  -  l B-^l   ■ 


TJeberblicken  wir  alle  diese  Untersuchungen,  welche  natürlich, 
so  algebraisch  begabt  wir  die  luder  uns  denken  mögen,  die  Kraft 
der  bedeutendsten  Geister  in  Jahrhunderte  weit  auseinander  liegenden 
Zeiten  in  Anspruch  genommen  haben  können,  so  ist  ein  nicht  un- 
bedeutendes Interesse  mit  der  Frage  verknüpft,  wo  denn  die  Wurzel 
aller  zahlentheoretischen  Untersuchungen  für  die  Inder  lag^)?  Die 
unbestimmten  Gleichungen  zweiten  und  höheren  Grades  sind  wohl 
nichts  weiteres  gewesen  als  siegreiche  Erfolge  einer  Spekulation, 
welche  wachgerufen  war  durch  Aufgaben,  die  nur  auf  unbestimmte 
Gleichungen  vom  ersten  Grade  geführt  hatten.  Diese  aber  waren 
vermuthlich  astrologisch-chronologischer  Natur. 

Die  Astronomen,  welche,  wie  wir  uns  erinnern,  alle  diese  Gegen- 
stände in  eingeschalteten  Kapiteln  ihrer  Astronomien  zu  behandeln 
pflegten,  haben  wenigstens,  je  weiter  wir  im  Datum  zurückgehen 
könueu,  um  so  ausschliesslicher  die  Zerstäubungsrechnung  auf  um- 
gekehrte Kalenderaufgabeu  angewandt,  auf  die  Frage,  wann  gewisse 
Constellationen  am  Himmel  eintreten,  wann  also  bedeutungsvolle 
Uebereinstimmung  verschiedener  Cyklen  erreicht  wird?  Das  sind, 
wie  man  leicht  einsieht,  Fragen,  bei  denen  es  darauf  ankommt,  aus 
gegebenen  Resten,  welche  eine  unbekannte  ganze  Zahl  bei  Division 
durch  bekaimte  ganze  Zahlen  gibt,  jene  Zahl  selbst  zu  erkennen. 

Ist  aber  diese  ganze  Klasse  von  Aufgaben  indisch?  Wir  können 
die  Frage  weder  bejahen  noch  verneinen.  Zu  beidem  fehlt  die  nöthige 
Reichhaltigkeit  gesicherter  alterthümlicher  Quellen.     Wir  können  nur 

')  Colebrooke  pag.  276.  -)  Ebenda  pag.  172,  §  80—81.  ^)  Mit  dieser 
Frage  hat  sich  Hankel  S.  197  beschäftigt,  wenn  auch  nicht  unter  Ziehung 
aller  Folgerangen,  die  sich  ergeben  können. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  38 


594  29.  Kapitel. 

darauf  hinweisen,  dass  die  Beantwortung  dieser  Frage  nicht  früher 
wird  o-eo-ehen  werden  können,  als  bis  man  entschieden  haben  wird, 
ob  die  altindische  Sternkunde  lange  bevor  griechische  Einflüsse  sich 
o-eltend  machen  konnten  landesursprünglich  oder  fremden  Ursprunges, 
ob  sie,  wenn  letzteres  der  Wahrheit  entsprechen  sollte,  chinesischer 
oder  babylonischer  Herkunft  war.  Wir  fühlen  uns  nicht  befugt  in 
dieser  hochwichtigen  Streitfrage  das  Urtheilsrecht  uns  anzumassen. 
Nur  auf  einige  wenige  Punkte  sei  aufmerksam  gemacht,  die  unter 
den  Entscheidungsgründen  keinenfalls  fehlen  dürfen.  Fehlen  darf 
nicht  die  Berücksichtigung  der  Sexagesimalbrüche,  welche  mit  Wahr- 
scheinlichkeit unmittelbar  aus  Babylon  nach  Indien  herüberkamen 
(S.  573).  Verschwiegen  darf  nicht  werden,  dass  astrologische  Deu- 
tungen, dass  Amulette  und  Talismane  grade  in  Babylon  zu  Hause 
waren,  dass  andrerseits  Zahlenspielereien  den  Babyloniern  ebenso  an- 
gehörten. Und  dieser  letzte  Gedanke  wird  auch  nicht  in  den  Hinter- 
grund  gedrängt  werden  dürfen,  wenn  wir  anknüpfend  an  diese  Be- 
merkungen jetzt  noch  einige  Worte  über  eine  Spielerei  zu  sagen  ge- 
denken, welcher  immerhin  einiger  mathematische  Werth  innewohnt. 
Wir  meinen  die  magischen  Quadrate,  bhadra  ganita.  Ueber 
diesen  Gegenstand^)  schrieb  Näräyana,  ein  von  Gane^a  citirter 
Schriftsteller-,  Gane9a  selbst  verfasste  1545  seinen  Commentar  zu 
Bhäskarä.  Das  sind  freilich  recht  späte  Daten,  aus  welchen  auch 
nur  Vermuthungen  auf  eine  ältere  Zeit  sich  nicht  stützen  lassen. 
Solchen  liegt  nur  die  Thatsache  zu  Grunde,  dass  in  Indien  das 
Schachspiel  erfunden  worden  ist^),  während  die  Zerlegung  in 
schachbrettartige  Felder  der  Bildung  magischer  Quadrate,  deren 
Wesen  wir  (S.  480)  erörtert  haben,  nothwendig  vorausgehen  musste. 
Die  einzige  ausführliche  Mittheilung  ist  um  anderthalb  Jahrhunderte 
jünger  als  selbst  Gane^a.  Sie  findet  sich  in  einem  1(391  gedruckten 
Berichte  über  das  Königreich  Siam^).  Allerdings  ist  sie  in  ihrer 
Ausführlichkeit  von  grosser  Zuverlässigkeit,  indem  sie  die  Methode 
kennen  lehrt,  nach  welcher  die  Inder  ein  magisches  Quadrat  von 
uugrader  Felderzahl  anzufertigen  wussten.  Dass  sie  auch  magische 
Quadrate  von  grader  Zellenzahl  zu  bilden  verstanden,  behauptet 
Laloubere,  der  Verfasser  jenes  Reiseberichtes  ebenfalls,  gibt  aber  die 
betreffende  Methode  nicht  an*).  Bei  der  mathematisch  nicht  gar 
hoch  anzuschlagenden  Tragweite  des  Gegenstandes  verzichten  wir, 
wie  schon  früher,  auf  nähere  Darlegung. 

^)  Colebrooke  pag.  113,  Note  *.  ^  Lassen,  Indische  Alterthumskunde 
IV,  905.  ßoiiu,  1862.  ^)  La  Loubere,  Du  royaumc  de  Siam,  Tom.  TT,  pag.  237, 
266  sqq.,  273.  Amsterdam,  1691.  *)  S.  Güntlier,  Vermisciite  Untersuchungen 
z.  Ge.schicbte  d.  matlieinat.  Wissenscliaften  Kap.  IV,  S.  188 — 191.    Leipzig,  1876. 


Geometrie  und  Trigonometrie.  595 

30.  Kapitel. 
Greometrie  nud  Trigonometrie. 

Wir  gelieu  zur  Besprechung  indisclier  Geometrie  über,  in  welcher 
wir  nur  einen  Ableger  alexandrinischer  und  zwar  heronischer  Geo- 
metrie erkennen  (S.  562).  So  viel  ist  ja  an  sich  klar,  dass,  wenn 
unsere  Behauptung  richtig  ist,  die  luder  seien  geometrischen  Ent- 
wicklungen gegenüber  ebenso  unzulänglich  begabt  gewesen,  wie  reich 
veranlagt  für  Alles  was  Rechnen  heisst  oder  damit  zusammenhängt, 
dass  alsdann  auch  nicht  die  in  strenger  Beweisführung  mittels  scharf- 
sinniger Constructionen  sich  aufbauende  reine  Geometrie  des  Euklid 
dort  Aufnahme  finden  konnte,  sondern  nur  die  angewandte  Geometrie 
des  Heron,  die  theils  mit  der  Zerlegung  einer  zu  messenden  Figur  in 
andere  einfachere  an  die  Augenscheinlichkeit,  theils  mit  den  Zahlen- 
beispielen an  den  im  Rechnen  geübten  und  Rechimngsergebnisse  will- 
fährig als  Prüfungs mittel  zulassenden  Verstand  sich  richtet. 

Als  Quellen  für  indische  Geometrie  dienen  nicht  bloss  die  wieder- 
holt von  uns  benutzten  Zwischenkapitel  der  astronomischen  Schriften 
des  Aryabhatta,  des  Brahmagupta  und  Bhäskara,  sondern  auch  Schriften 
von  geometrisch -theologischem  Charakter,  wie  sie,  abgesehen  von 
einigen  ägyptischen  Inschriften,  in  keiner  Literatur  sich  wiederfinden. 
Wir  meinen  die  ^ulvasütras.  Der  indische  Gottesdienst,  peinlich 
genauen  Vorschriften  folgend,  kann  der  geometrischen  Regeln  nicht 
entbehren.  Wenn  der  Altar  nicht  genau  in  der  anbefohlenen  Gestalt 
erbaut  ist,  wenn  eine  Kante  nicht  rechtwinklig  zur  anderen  steht, 
wenn  in  der  Orientirung  nach  den  Himmelsgegenden  ein  Fehler  statt- 
fand, so  nimmt  die  Guttheit  das  ihr  dargebrachte  Opfer  nicht  an, 
ein  dem  Inder  schrecklicher  Gedanke,  da  für  ihn  jedes  Opfer  ein 
förmlicher  Vertrag  mit  der  betreJBFenden  Gottheit,  eine  Art  von 
Tauschgeschäft  ist,  und  er  somit  auf  Erfüllung  seines  bei  dem  Opfer 
gehegten  Wunsches  sich  nicht  die  geringste  Rechnung  machen  kann, 
sofern  seine  Gabe  verschmäht  würde.  Die  rituellen  Vorschriften, 
soweit  sie  auf  die  Opfer  überhaupt  sich  beziehen,  sind  in  den  soge- 
nannten Kalpasütras  enthalten,  und  zu  jedem  Kalpasütra  scheint  als 
Unterabtheilung  ein  ^ulvasütra  gehört  zu  haben,  welches  eben  jene 
geometrischen  Vorschriften  lehrte,  und  deren  drei  in  auszugsweiser 
Uebersetzung  zugänglich  gemacht  sind^). 


')  The  S'ulcasütms  hy  G.  Thibaut.  Beprinfed  from  the  Journal  Asiatic 
Society  of  Bengal,  Fait  I  fm-  1875.  Calcutta  1875.  Ausser  auf  diese  (als  Thi- 
baut  zu  citireude  Pchrift)  verweisen  wir  auf  unsere  daran  anknüpfende  Abhand- 

38* 


596  30.  Kapitel. 

Die  Verfasser  derselben  heissen  Bauclliuyana,  Apastamba  und 
Kätyäyaua.  Leider  sind  dieselben  ilirem  Zeitalter  nach  kaum  an- 
nähernd zu  bestimmen.  Von  Katyäyana  sagt  der  Verfasser  der 
neuesten  indischen  Literaturgeschichte:  „Die  Bildung  des  Wortes  durch 
das  Affix  äyana  führt  uns  wohl  in  die  Zeit  ausgebildeter  Schulen 
(ayana)?  Wie  dem  auch  sei,  damit  gebildete  Namen  finden  sich  in 
den  Brähmana  selbst  nur  selten  vor,  resp.  nur  in  den  spätesten 
Theilen  derselben,  und  bekunden  daher  im  Allgemeinen  schon  stets 
eine  späte  Zeit"^).  Das  Gleiche  wie  für  Katyäyana  gilt  selbstver- 
ständlich auch  für  Baudhäyana,  und  von  einem  Träger  eines  derartig 
gebildeten  Namens,  von  A^valäyana,  wird  sogar  die  Zeitgenossenschaft 
mit  dem  Grammatiker  Pänini  behauptet,  welcher  vielleicht  erst 
140  n.  Chr.  lebte-).  Ist  also  die  Zeit,  um  welche  es  sich  hier  handelt, 
wesentlich  höher  als  die  der  Aryabhatta  und  Brahmagupta,  so  reicht 
sie  immer  nicht  so  weit  hinauf,  um  uns  zu  gestatten,  geschweige 
denn  zu  nöthigen,  von  einer  altindischen  Geometrie  zu  reden;  ja 
selbst  wenn  wir  der  Ansicht  uns  anschliessen  wollen,  dass  zwischen 
Erfindung  und  Niederschrift  der  in  den  ^ulvasütras  gegebenen  Regeln 
ein  durch  mündliche  Ueberlieferung  auszufüllender  langer  Zeitraum 
gelegen  habe^),  können  wir  die  Ueberlieferung  selbst  nicht  als  eine 
unveränderliche  anerkennen.  Freilich  wird  an  der  Hand  des  bei 
alledem  sehr  dürftigen  Quellenmaterials  jede  Aenderung  nur  mittelbar 
zu  erschliessen  sein,  indem  wir  den  Nachweis  einer  solchen  Menge 
von  üebereinstimmungen  zwischen  den  endgiltig  uns  überlieferten 
Methoden  zur  Auflösung  an  sich  vielleicht  uralter  Aufgaben  mit 
griechischer  Wissenschaft  führen,  dass  an  Zufälligkeit  nicht  mehr 
gedacht  werden  kann. 

Unter  den  auf  die  Errichtung  von  Altären  bezüglichen  Aufgaben 
handelt  es  sich,  wie  wir  schon  andeuteten,  zunächst  ujn  deren  Orien- 
tirung  und  deren  genau  rechtwinklige  Herstellung.  Die  ostwestliche 
Linie,  welche  dabei  abgesteckt  werden  muss*),  führt  den  Namen 
]n-uci^  und  wir  haben  (S.  559)  schon  berührt,  dass  deren  Richtung 
im  Sürya  Siddhänta^)  genau  nach  der  Methode  gefunden  wird,  welche 
wohl  aus  griechischer  Quelle  zu  Vitruvius  und  zu  den  römischen 
Feldmessern  gelangte.  Ist  die  Präci  gefunden,  so  werden  rechte 
Winkel  abgesteckt",  und  zwar  mit  Hilfe  eines  Seiles.  Die  Länge 
dieser  ostwestlich  gezogenen  Strecke  sei  36  Padas.    An  ihren  beiden 


lung:    Gräkoindische   Studien,   Zeitschr.   Math.   Phys.   XXII,    Histor.-literar.   Ab- 
theilimg  (1877). 

')  Albr.  Wober,  Indische  Literaturgeschichte  (2.  Auflage.  Berlin,  1876), 
S.  58.  *)  Ebenda  S.  236.  »)  Thibaut  S.  44—45.  *)  Ebenda  S.  9—10. 
^)  Surya  Siddhänta  S.  239. 


Geometrie  und  Trigonometrie.  597 

Endpunkten  wird  je   ein  Pflock  in  den  Boden   eingeschlagen^).     An 
diese   Pflöcke    befestigt    man   die   Enden    eines   Seiles   von  54   Padas 
Länge,  in  welches   zuvor,    15  Padas   von   einem   Ende    entfernt,    ein 
Knoten  geschlungen  wurde.    Spannt  man 
nun  (Figur  82)  das    Seil  auf  dem  Erd- 
boden, indem  man  den  Knoten  festhält, 
so  entsteht  ein  rechter  Winkel  am  Ende 
der  Präci.     Dass  das  Verfahren  richtig 
ist,   und   auf  dem   rechtwinkligen   Drei-  ^.    g^ 

ecke  von  den  Seiten  1 5,  36,  39,  oder  in 

kleinsten  Zahlen  ausgedrückt  5,  12,  13  beruht,  ist  einleuchtend.  Ein- 
leuchtend ist  aber  auch,  dass  es  in  der  Keuntniss  des  pythagoräischen 
Lehrsatzes  wurzelt,  dass  es  die  Seilspannung  genau  in  der  gleichen 
Weise  anwendet,  wie  Heron  dieselbe  benutzte  (S.  358  Figur  64),  wie 
wahrscheinlich  die  altägyptischen  Harpedonapten  bei  Lösung  der 
gleichen  Aufgaben  verfuhren  (S.  64).  Man  hat  nun  die  Wahl;  man 
kann  annehmen,  es  sei  die  Art,  wie  die  Ostwestlinie  abgesteckt  wurde, 
wie  der  rechte  Winkel  auf  dem  Felde  konstruirt  wurde,  von  den 
Indern  nach  Westen  gedrungen  oder  von  Alexandria  aus  nach  Indien 
übertragen  worden;  man  kann  auch,  bis  die  Aehnlichkeiten  in  geo- 
metrischen Verfahren  und  Begriffen  mehr  und  mehr  sich  häufen,  an 
zwei  von  einander  unabhängige  Erfindungen  denken. 

Nächst  der  richtigen  Orientirung  und  Scharfkantigkeit  des  Altars 
hat  seine  Gestalt  eine  hohe  Wichtigkeit.  Sie  hat  allerdings  im  Laufe 
der  Zeiten  gewechselt.  Formen  annehmend,  welche  für  jeden  nicht- 
indischen Geist  an  das  Lächerliche  streifen.  Welcher  Europäer  kann 
sich  hineindenken,  einen  Altar  in  der  Figur  eines  Falken  oder  irgend 
eines  anderen  Vogels,  eines  Wagenrades  u.  s.  w.  zu  errichten?  Dabei 
treten  jedoch  zwei  mathematische  Gesetze  auf^),  jedes  eine  besondere 
Gruppe  von  Aufgaben  erzeugend. 

Wird  ein  Altar  von  gegebener  Gestalt  vergrössert,  so  muss  die 
Gestalt  selbst  in  allen  ihren  Verhältnissen  dieselbe  bleiben.  Man 
muss  also  erstens  verstehen  eine  geometrische  Figur  zu  bilden, 
einer  gegebenen  ähnlich  und  zu  derselben  in  gegebenem  Grössen- 
verhältnisse  stehend. 

Die  Fläche  des  Altars  von  normaler  Grösse  ist  ferner  ohne 
Rücksicht  auf  seine  Gestalt  stets  dieselbe.  Man  muss  also  zweitens 
verstehen  eine  geometrische  Figur  in  eine  andere  ihr  flächeugleiche 
zu  verwandeln. 


')  Albr.  Weber,   Indische  Studien  X,  364   und  XllI,  233flgg.         '^)  Thi- 
baut  S.  5. 


598  30.  Kapitel. 

Gleich  das  erste  Gesetz  malint  ims  mit  EntscliiedeDlieit  an  die 
Würfelgestalt,  welche  das  Grabmal  für  Glaukos  besitzen  sollte,  wäh- 
rend es  auf  Geheiss  des  Königs  Minos  in  doppelter  Grösse  aufzuführen 
war  (S.  199).  Euripides  hat,  wie  wir  uns  erinnern,  das  vielleicht 
sagenhafte  Geheiss  in  einer  Tragödie  verwerthet,  und  Euripides  lebte 
485 — 406,  mehr  als  70  Jahre  bevor  der  Alexanderzug  geregeltere 
indisch-griechische  Beziehungen  hervorrief.  Wir  fügen  hinzu,  dass 
eine  indische  astronomische  Handschrift  den  Ursprung  ihrer  Wissen- 
schaft nicht  bloss  auf  einen  ionischen  Meister  Yavane9varäcärya 
zurückführt  (S.  560),  sondern  neben  diesem  eine  Persönlichkeit  des 
Namens  Minaräja  anführt'),  ein  Name,  der  täuschend  an  den  König 
Minos  zu  erinnern  geeignet  ist. 

Ein  wesentlicher  Unterschied  besteht  allerdings  zwischen  der 
Aufgabe,  welche  König  Minos  seinem  Architekten  stellte,  und  der 
Aufgabe,  welche  bei  der  Inhaltsveränderung  indischer  Altäre  vor- 
kommt. Jener  sollte  den  Kubikraum  verdoppeln,  hier  kommt  es  nur 
auf  die  Oberfläche  an,  so  weit  die  ^Julvasütras  uns  Auskunft  geben. 
Es  galt  also  nur  eine  Vervielfachung  einer  ebenen  Figur  zu  voll- 
ziehen, oder  mit  anderen  Worten  eine  Quadratwurzel  zu  finden,  was 
bei  Griechen  wie  bei  Indern  ebensowohl  geometrisch  als  arithmetisch 
geschah.  Die  Würfelvervielfältigung  hätten  die  Inder  arithmetisch 
gleichfalls  vollziehen  können,  da,  wie  wir  gesehen  haben,  Aryabhatla 
Kubikwurzeln  auszuziehen  wusste;  geometrisch  dagegen  überstieg 
diese  Aufgabe  indische  Kräfte  bei  weitem,  indem  die  Curven,  mittels 
welcher  die  Würfelvervielfachung  geleistet  werden  kann,  die  Kegel- 
schnitte, die  Conchoide  und  wie  sie  alle  heissen,  den  Lidern  durch- 
aus unbekannt  geblieben  zu  sein  scheinen. 

Für  die  geometrische  Ausziehuug  der  Quadratwurzel  gibt  Baudh- 
äyana  folgende  Regeln^):  Das  Seil,  quer  über  das  gleichseitige  Recht- 
eck gespannt,  bringt  ein  Quadrat  von  doppelter  Fläche  hervor.  Das 
Seil,  quer  über  ein  längliches  Rechteck  gespannt,  bringt  beide  Flächen 
hervor,  welche  die  Seile  längs  der  grösseren  und  kleineren  Seite 
gespannt  hervorbringen.  Diesen  zweiten  Fall  erkenne  man  an  den 
Rechtecken,  deren  Seiten  aus  3  und  4,  aus  12  und  ö,  aus  15  und  8, 
aus  7  mid  24,  aus  12  und  35,  aus  15  und  36  Längeneinheiten  bestehen. 

Das  ist  nun  ojffenbar  der  pythagoräische  Lehrsatz,  erläutert  an 
Zahlenbeispielen.  Das  zuletzt  genannte  Dreieck  mit  den  Katheten 
15  und  36  ist  vorher  schon  einmal  in  den  kleineren  Zahlen  12  und  5 


')  Brockhaus  in  den  Verhandlungen  der  königl.  siichs.  Gesellschaft  der 
Wissenschaften  zu  Leipzig.  Thilolog.-histor.  Klas.se  IV,  18— 19  (IS.'i'J).  -)  Thi- 
baut  S.  7,  8,  0. 


Geometrie  und  Trigonometrie.  599 

geiianut,  offenbar  ohne  dass  Baudhayana  dieser  Wiederholung  sich 
bewusst  war,  ein  Zeugniss  dafür,  dass  er  den  Gegenstand  seiner  Dar- 
steUung  nicht  durchaus  beherrschte,  sondern  mindestens  theil weise 
Hergebrachtes  vortrug,  welches  er  nicht  verstand.  Der  pythagoräische 
Lehrsatz  ist  aber  nicht  als  einheitlicher  Satz  vorgetragen,  sondern  in 
zwei  Unterfällen,  je  nachdem  die  beiden  Katheten  gleicher  Länge 
sind  oder  nicht.  Es  ist  wahrscheinlich  (S.  172),  dass  Pythagoras  bei 
dem  Beweise  seines  Satzes  ebenso  verfuhr.  Ferner  tritt  bei  Baudh- 
ayana der  pythagoräische  Lehrsatz  nicht  an  einem  Dreiecke  auf, 
sondern  an  durch  die  Diagonale  getheilten  Rechtecken.  Genau  das- 
selbe haben  wir  von  Heron  mittheilen  müssen  (S.  366),  der  in  der 
Geometrie  wie  in  der  Geodäsie  das  rechtwinklige  Dreieck  erst  auf 
das  Quadrat  und  das  Rechteck  folgen  lässt  und  in  den  beiden  Vier- 
ecken die  Diagonale  untersucht.  Sollten  auch  diese  Uebereinstimmungen 
rein  zufällige  sein? 

Die  Anwendung  dieser  Sätze  in  den  ^ulvasütras  ist  der  doppelten 
Gattung  von  Aufgaben  entsprechend,  welche  bei  Herstellung  eines 
Altars  sich  darbieten,  eine  doppelte.  Es  kann  eine  Strecke  verändert 
werden  sollen,  so  dass  ihr  Quadrat  sich  im  Verhältnisse  l  :  n  ver- 
grössert,  es  kann  auch  eine  Figur  in  eine  andere  gleichen  Lihaltes 
umgewandelt  werden  sollen.  Die  Auffindung  der  Seite  eines  2,  3, 
10,  40  mal  so  grossen  Quadrates,  als  ein  gegebenes  ist,  geschieht 
durch  allmälige,  sich  wiederholende  Anwendung  des  pythagoräischen 
Lehrsatzes,  indem  von  dem  gleichschenklig  rechtwinkligen  Dreiecke 
ausgegangen  und  die  Hypotenuse  eines  Dreiecks  immer  als  die  eine 
Kathete  eines  folgenden  Dreiecks  benutzt  wird,  dessen  andere  Kathete 
der  des  zuerst  betrachteten  Dreiecks  gleich  ist.  Dabei  erscheinen 
Namen  für  ]/2,  Yo  u.  s.  w.,  gebildet  durch  Zusammensetzung  der 
Zahlwörter  mit  dem  von  uns  früher  (^S.  581)  erörterten  Worte 
karana^),  also  dviJcaram  =  ]/ ^ ,  frikarani  =yo,  daeakarani  =  Y 10 , 
catvariiiraikarani  =  1/40  u.  s.  w. 

Bei  den  Verwandlungen  von  Figuren  in  einander  ist  die  Auf- 
findung des  einem  Rechtecke  gleichen  Quadrates  bei  Baudhayana-) 
sehr  interessant,  weil  sie  nur  des  pythagoräischen  Lehrsatzes  sich 
bedient,  dagegen  von  Anwendung  des  Hilfsmittels,  welches  im 
14.  Satze  des  II.  Buches  der  euklidischen  Elemente  geboten  ist, 
d.  h.  von  der  Fällung  einer  Senkrechten  aus  einem  Punkte  einer 
Kreisperipherie  auf  den  Durchmesser,  absieht  (Figur  83).  Von  dem 
Rechtecke  ÄBCD  wird  zunächst  vermittelst  AE  =  AB  ein  Quadrat 


1)  Thibaiit  S.  16.         ^)  Ebenda  S.  19. 


c 

I£ 

F 

D 


^{^^  30.  Kapitel. 

AD  FE  abgeschnitten.     Der  Rest  EFCB   wird   durch   GH  halbirt 
und    die   obere  Hälfte    GHCB    unten   rechts   als    BFIK  angesetzt. 
So    ist    AB  CT)    in    einen    Gnomon    AGHFIKA   verwandelt,    oder, 
wie   Baudhavana    sagt,    der    des  Wortes   Gnomon 
sich  so  wenig  bedient  wie  Bhaskara,  bei  welchem 
wir    (S.  500)    die    gleiche    Figur    nachwiesen,    in 
den    Unterschied    der    beiden    Quadrate    AK  LG 
und    FIL  H ,    und    dieser    Unterschied    ist    mit 
Hilfe    des    pjthagoräischen    Lehrsatzes    leicht    in 
die    Gestalt    eines    Quadrates     zu     bringen.      Bei 
einem  griechischen  Schriftsteller  ist  diese  in  zwei 
Schritten    vollzogene    Umwandlung    uns    nie    be- 
^ig  83  gegnet ,     doch    zweifeln    wir ,     grade    wegen    der 

Zwischenrolle,  die  der  Gnomon  spielt,  nicht  daran, 
dass  man  eine  hervorragende  Aehnlichkeit  mit  griechisch-geometrischen 
Gedanken  anerkennen  werde. 

Die  Quadratwurzelausziehung,  welche  geometrisch  genau  erfolgt, 
muss  arithmetisch  sich  mit  einer  Annäherung  begnügen,  und  zwar 
wird,  wenn  die  Quadratwurzel  zum  Zwecke  praktischer  Ausmessungen 
gezogen  worden  ist,  eine  solche  Annäherung  genügen,  welche  auf 
dem  Felde  keinen  bemerklichen  Unterschied  gegen  die  strenge  Wahr- 
heit mehr  hervorbringt.     So   benutzten  Baudhäyana  und  ^Vpastamba 

1/2  =  1-4-       -1 z — -. — „7  •     Erinnern  wir  uns  hier  an  die  bei 

'  '      3      '     ;^  •  4  3  ■  4  •  34 

Theon  von  Smyrna  (S.  408)  angegebenen  Näherungswerthe  für  "|/2. 
Sie  heissen  der  Reihe  nach  j  ;  .s^>  x?  p?  ^^^*^  dieser  letztere  AVetth 
kommt  uns  hier  in  der  Form   1  -|-  ^  "^  3"^4  ^^^^  durch  eine  Summe 

von  Stammbrüchen  dargestellt  wieder  zu  Gesicht.  Wir  sagten  damals, 
er  habe  auf  aussergriechischem  Boden  eine  Rolle  gespielt,  und  wir 
erkennen  diese  Rolle  nunmehr  darin,  dass  er  Veranlassung  gab,  eine 
von  ihm   als  Voraussetzung  ausgehende   grössere  Annäherung  zu  er- 

/17\-  1  17 

zielen.    Die  Quadrirung  U -j  =  ^^v^  lässt  nämlich  erkennen,  dass  ^^^ 

zu  gross  ist.    Soll  aber  das  Quadrat  um   —  kleiner  werden,  so  muss 

-jT  das  doppelte  Produkt  des  gefundenen  Theiles  -^  der.  Quadrat- 
wurzel aus  2  in  die  negative  Ergänzung  sein,  falls  man  von  dem 
Quadrate  jener  Ergänzung  absehen  zu  können  glaubt,  uud  nun  ist  ^ 

17  1 

getheilt  durch  2  mal  —  nichts  anderes  als  ^-^  "^  >  Avelches  Baudh- 
o  12  3  •  4  •  34 ' 


I 


Geometrie  und  Trigonometrie. 


601 


äyana  wirklich   abzieht,  so  dass  hiermit  die  Eutstehimg  des  Werthes 


1/2  =  1  +  1  + 


hinlänglich  erklärt  sein  dürfte^). 


S      '3-4         3  •  4  •  34 

Arithmetisch  und  zugleich  geometrisch  interessant  sind  die  Auf- 
Ifjsungsversuche  der  ^'ulvasfitras  für  die  Aufgabe,  Flächeugleichheit 
zwischen  quadratischen  und  kreisrunden  Figuren  hervorzubringen^), 
eine  Aufgabe,  die  noch  mehr  als  andere  geeignet  erscheint,  geschicht- 
liche Zusammenhänge  nachweisen  zu  lassen,  weil  eben  hier  vermöge 
der  Natur  der  Aufgabe  von  vorn  herein  auf  volle  Genauigkeit  ver- 
zichtet werden  muss,  und  bei  blossen  Annäherungen  —  mögen  die  Er- 
finder sie  als  Annäherungen  oder  als  genau  richtige  Werthe  betrachtet 
haben  —  eine  Nothwendigkeit  grade  dieses  oder  jenes  bestimmte  Er- 
gebniss  zu  erhalten  nicht  vorhanden  ist.  In  den  ^'ulvasütras  ist 
nicht  die  Quadratur  des  Kreises  gelehrt,  sondern  umgekehrt  die  Auf- 
gabe gestellt,  ein  gegebenes  Quadrat  in  einen  Kreis  zu  verwandeln, 
eine  Aufgabe,  welche  man  füglich  Cir- 
culatur  des  Quadrates  wird  nennen 
können.  Die  Lösung  ist  folgende  ^). 
(Figur  84).  Die  Diagonalen  ÄC,  BD 
des  Quadrates  AB  CD  werden  gezogen 
und  durch  ihren  Durchschnittspunkt  E 
die  Gerade  KI  parallel  zu  den  Seiten 
AD  und  BC  des  Quadrates.  Von  E 
als  Mittelpunkt  aus  wird  mit  der  halben 
Diagonale  EA  als  Halbmesser  ein  Bogen 
beschrieben,  der  die  über  /  hinaus  ver- 
längerte KI  in  F  schneidet.  Nun  wird 
das  Stück  IF  in  G  und  H  in  drei 
gleiche  Theile  zerlegt  und  EH  als  Halbmesser  des  gesuchten  Kreises 
betrachtet.  Es  lohnt  sich  zuzusehen,  ob  es  nicht  möglich  wäre, 
diese  Construction  in  ein  Rechnimgsresultat  umzusetzen 

Wir  gehen  davon  aus,  dass,  indem  FI  in  drei  gleiche  Theile 
zerlegt  wird,  dadurch  die  Wahrscheinlichkeit  entsteht,  es  sei  FI  =  o 
angenommen  worden,  oder  es  sei  EA  =  EI  -\-  3  gesetzt,  d.  h. 
EI  •  ]/2  =  EJ  +  3  und  daraus  EP  —6  EI  =^9,  EI=3-}-yi8. 

Das  ist  annähernd    EI  =  7    und    EA  ^10    oder    |/2  =  — ,    ein  in 

der  That  gar  nicht  übler  Werth,  wenn  es  auch  noch  nicht  gelungen 
ist,  ihn  bei  irgend  einer  anderen  Gelegenheit,  sei  es  bei  Indern,   sei 


Figur  84. 


')  Dem  Grundgedanken  nach  stimmt  diese  Darstellung  ziemlich  genau  mit 
der  vonThibaut  zuerst  versuchten  Wiederherstellung  überein.  Thibaut  S.  13  — 15. 
^)  Ebenda  S.  26—28.         ^)  Ebenda  S.  26—28. 


502  ^^-  Kapitel. 

es  bei  Griechen,  nachweisen  oder  auch  nur  muthmassen  zu  können. 
Ist  aber  diese  Meinung  richtig,  dann  ist  die  Seite  des  Quadrates  14, 
seine  Diagonale  20,  der  Durchmesser  des  gleichflächigen  Kreises  16, 

und   die  Kreisfläche  demnach    14^=  (16  —  2)'^==(l6— -^j  •     Darin 

ist    aber    eine    doppelte   Regel    enthalten.     Erstens:    Die    Circulatur 

8 
des    Quadrates    benutzt    als    Kreisdurchmesser  —   der  Diagonale    des 

Quadrates ').      Zweitens:    Die    Quadratur    des    Kreises    benutzt    als 

7 
Quadratseite   -     des  Kreisdurchmessers. 

O 

Wir  erinnern  daran,  dass  schon  das  altägyptische  Handbuch  des 
Ahmes  eine  ähnliche  Vorschrift,  allerdings,  was  man  gewiss  nicht 
ausser   Augen  lassen   darf,   mit   anderen  Zahlen  enthält,  indem  dort 

8 
als  Seite  des  dem  Kreise  flächengleichen  Quadrates  des  Kreisdurch- 
messers gilt.  Wir  erinnern  uns  um  so  mehr  daran,  als  der  Versuch 
nahe  liegt  durch  andere  Annahme  des  Näheruiigswerthes  für  ]/2  die 
indische  Construction  mit  der  ägyptischen  Zahl  in  Einklang  zu 
bringen.      Diese     üebereinstimmung     lässt     sich     aber    nur    mittels 

|/2  =  ^    erzielen,  eine  uns  sehr  unwahrscheinliche  Annahme.    Unsere 
8 

7 
Hypothese,    die   Quadratseite    sei  bei   den  Indern  —  des   Kreisdurch- 
messers gewesen,  gewinnt  aber  selbst  eine  Bestätigung  in  einer  arith- 
metischen Kreisquadratur,   welche  Baudhäyaua   lehrt,   allerdings   mit 

7        .  . 

der  Zahl  -^  sich  nicht  begnügend,  sondern  ihr  eine  Correctur  bei- 
fügend. 

Baudhäyana    schreibt    nämlich    vor,    den    Kreisdurchmesser    mit 

8  +  8":^  -  r^  +  S^-.-^  ^'^  vervielfachen,  um  die  Seite  des 
dem  Kreise  gleichflächigen  Quadrates  zu  erhalten.  Die  Correctur 
-}-  stammt  daher,  dass  Baudhäyana  offenbar 


8-29  8 -29 -6  '  8 ■ 29 • 6  •  8 
nicht  von  )/2  =  -  =  1  +  y  +  j-j  +  3~TT^  seinen  Ausgangspunkt 
zur  Umsetzung  der  Construction  in  eine  Formel  nahm,  sondern  von 
dem  oben  erörterten  Werthe   ]/2=l-\-„-\-  5— r  —  6  "^  ^^^  =  ,n^  ' 

Es  war    EA  =  EI    y2,    FI  =  EI  {\/2  -  1) ,    HI=EI-^~^, 

EH  =  EIA-IH=EI-^^^^^,   EI  =  ~~-  EU,    und    für    die 

3     '  2  4-y2 

')  Genau  diese  Regel  wird  uns  bei  Albrecht  Dürer  wieder  begegnen. 


Geometrie  und  Trigonometrie.  603 


doppelten    Strecken    d.   h.    Quadratseite    und    Kreisdurchmesser    gilt 

3 
2  + 1  2 


derselbe   Zahlenfaktor  7,-7^-     Mit    Hilfe    von    ^2  =  ^    gelit  der- 


selbe aber  über  in 

1224 7  1     ^       _4_  ^  *^  

131)3         S     '    8  •  29        8  ^29^  "'    8  •  29  •  6  •  8        8^1)^6"  8  ■  1393  ' 

dessen    letzter    Theil    als    nahezu  — r  des    ihm    vorangehenden    selbst 

schon  sehr  kleinen  Bruches  vernachlässigt  ist^). 

Eine  andere  Zahlenregel  für  die  Quadratur  des  Kreises  fiudet 
sich  übereinstimmend  bei  Baudhujana,  Apastamba  und  Kätyayana: 
^jTheile  [den  Durchmesser]  in  15  Theile  und  nimm  2  weg,  das  [was 
übrig  bleibt]  ist  ungefähr  die  Seite  des  Quadrats."  Um  auch  diese 
Regel  nach  Form  und  Inhalt  zu  verstehen,  müssen  wir  wieder  auf 
Heron    von  Alexandria   zurückgreifen,    der   (S.  369)    die  Höhe    eines 

gleichseitigen  Dreiecks  berechnete,  indem  er  von  der  Seite        und  ^ 

d.  h.  —  abzog  und  damit  die  Annäherung  -^  l/S  =  ,'    voUzoa;.     Was 
lo  °  *=•    2  '  15  ^ 

also  die  Qulvasutras  verlangen,  ist,  unter  Benutzung  genau  desselben 
Näherungswerthes,  dessen  Heron  und  dessen  seine  römischen  Nach- 
ahmer wie  Columella  u.  s.  w.  sich  bedienten,  die  Annahme  der  Quadrat- 
seite als  -^|/3  des  Durchmessers,  oder  als  das  |/3- fache  des  Halb- 
messers des  gleichflächigen  Kreises.  Die  Quadratfläche  oder  die  ihr 
gleiche  Kreisfläche  ist  somit  das  3 -fache  Quadrat  des  Halbmessers 
und  liefert  ;r  =  3.  Aber  auch  diese  Annahme  ist  uns  ja  keineswegs 
neu!  Auch  sie  fanden  wir  (S.  375)  bei  Heron  benutzt  und  erinnerten 
damals  an  die  mit  grösster  Wahrscheinlichkeit  babylonische  Herkunft. 
In  Indien  selbst  ist  der  Werth  tt  =  3  aus  sehr  alterthümlichen 
Schriften  bestätigt  worden^). 

So  haben  sich  ims  bei  Durchmusterung  der  ^ulvasütras  der  Be 
rührungspunkte  zwischen  indischer  und  alexandrinischer  Geometrie 
mehr  und  mehr  dargeboten.  Da  war  es  die  Anwendung  der  Seil- 
spanuuug  bei  praktisch  feldmesserischen  Operationen,  da  war  es  die 
Benutzung  des  pythagoräischen  Lehrsatzes,  und  zwar  vom  Rechtecke 
ausgehend,  da  war  es  die  Figur  des  Gnomon,  da  waren  es  haupt- 
sächlich einige  Näherungswerthe  wie  1/2=,,,  y^  =  jy,  3r  =  3, 
welche   einen   Zusammenhang  der  beiderseitigen  Entwicklungsweisen 


')  Der  Gedanke,   die  Constructionsregel  mit  der  Zahlenformel  in  Einklang 
zu  bringen,  rührt  von  Thibaut  her.  *)  Thibaut,   On  the  S'uryaprajnapti. 

Journal  Asiatic  Sockty  of  Bengdl ,  Vol.  XLIX,  Part.  I,  pag.  120  Note  *  (1880), 


604  30.  Kapitel. 

der  Geometrie  über  die  blosse  Möglichkeit  weit  erhoben.  Die  Durch- 
musterung der  Schriften  von  Aryabhatta,  von  Brahmagupta,  von 
Bhäskara  wird  noch  mancherlei  in  dieser  Beziehung  hinzufügen,  ohne 
auch  nur  einen  triftigen  Gegengrund  gegen  unsere  Behauptung  auf- 
kommen zu  lassen,  die  wir  nunmehr  wiederholen,  es  sei  die  alexan- 
drinische  Geometrie  in  einer  Zeit,  die  später  liegt  als  das  Jahr 
100  V.  Chr.,  nach  Indien  eingedrungen,  und  es  sei  nicht  anzunehmen, 
dass  der  umgekehrte  Weg  der  Beeinflussung  stattfand,  für  welchen 
sonst  ein  entsprechend  früheres  Datum,  d.  h.  die  Zeit  vor  dem 
Jahre  100  v.  Chr.  anzusetzen  wäre.  Hätte  aber  diese  Nothwendig- 
keit  schon  ihre  Schwierigkeit,  so  kommt  hinzu,  dass  Herons  Geo- 
metrie, mag  sie  auch  von  den  reinen  Theorien  des  Euklid,  des 
Archimed,  des  Apollonius  noch  so  sehr  abweichen,  fest  in  Alexandria 
wurzelte  und,  wie  wir  hinlänglich  gezeigt  zu  haben  glauben,  zu 
ihrer  Erklärung  ausser  der  ägyptischen  Elemente,  welche  ebendort 
zu  Hause  waren,  nur  griechisch -mathematischen  Wissens  bedurfte. 
So  fehlt  jeder  zureichende  Grund,  auch  noch  indische  Einflüsse  auf 
Heron  annehmen  zu  sollen,  während  umgekehrt  wir  die  indische 
Geometrie  nur  auf  indischer  Grundlage  nicht  begreifen,  wenigstens 
in  ihrem  AVachsthume  nicht  begleiten  können. 

Sehen  wir  uns  doch  Aryabhattas  geometrisches  Wissen  an.  Der 
Körper  mit  sechs  Kanten,  d.  h.  die  dreieckige  Pyramide  ist  bei  ihm 
das  halbe  Produkt  aus  der  Grundfläche  in  die  Höhe  ^).  Wir  vermuthen 
als  Ursprung  dieser  grundfalschen  Formel,  der  Verfasser  habe  das 
arithmetische  Mittel  zwischen  der  Grundfläche  und  der  als  Nulldreieck 
betrachteten  Spitze  als  ein  Mitteldreieck  betrachtet,  über  welchem 
ein  Prisma  gleicher  Höhe  mit  der  Pyramide  gebildet  den  gewünschten 
Körperinhalt  darstellte,  eine  Anschauung,  welche  der  ägyptischen 
Dreiecksflächenberechnung  ähnelt.  Der  Kugelinhalt  ist  bei  ihm  Pro- 
dukt der  Fläche  des  grössten  Kreises  in  die  Quadratwurzel  derselben^), 
wieder  ein  Unsinn,  welcher  in  der  kaum  halbgeometrischen  Auffassung 
wurzelt,  der  Würfel  derselben  Seite,  welche  als  Quadrat  die  Kreis- 
fläche darstellt,  müsse  den  Inhalt  der  körperlichen  gleichmässigen 
Rundung,  das  ist  eben  der  Kugel  liefern.  Daneben  weiss  aber 
Aryubhatta,  dass  62  832  :  20  000  das  Verhältniss  des  Kreisumfanges 
zum  Durchmesser  ist^),  oder  er  kennt  jt  =  3,1416.  Ist  es  denkbar, 
dass  derartige  Anschauungen  mit  einem  Näherungswerthe,  der  den 
archimedischen  an  Genauigkeit  übertrifft,  zugleich  vorkommen  und 
sämmtlich    einheimisch    sein    sollen?     Die    Berechnung    des    Parallel- 


')  L.  Rodet,  Legons  de  calcul  d'AryabJuita  pag.  10  und  20.       *)  Ebenda 
pag.  10  und  20—21.         ^)  Ebenda  pag.  11  und  23. 


I 


Geometrie  und  Trigonometrie.  605 

trapezes  wird  gelehrt,  dessen  parallele  Seiten  genau  so  wie  im  Hand- 
bucbe  des  Ahmes  (S.  56)  zur  RecMeu  und  Linken,  nicht  oben  und 
unten  gezeichnet  sind^),  und  unmittelbar  anschliessend  wird  in  aller- 
dings etwas  dunklem  von  dem  indischen  Commentator  missverstau- 
denem-)  Wortlaute  verlangt,  jede  auszumessende  Figur  der  Ebene 
solle  in  Trapeze  zerlegt  werden,  ein  Verfahren,  welches  Ahmes, 
welches  die  Tempelpriester  von  Edfu  übten  (S.  68).  Wir  denken, 
das  sind  wieder  einige  Bausteine  zur  Herstellung  dessen,  was  von 
Geometrie  nach  Indien  gelangt  war,  Bausteine,  denen  ihr  Ursprung 
deutlich  anzusehen  ist. 

Wir  kommen  zur  weit  umfangreicheren  Geometrie  Brahmaguptas^). 
Sie  ist  eine  rechnende  Geometrie,  eine  Sammlung  von  Vorschriften, 
Raumgebilde  zu  berechnen  wie  bei  Heron  von  Alexandria.  Zu  Anfang 
heisst  es,  die  Fläche  des  Dreiecks  und  Vierecks  werde  in  rohem 
Ueberschlag  gewonnen  als  Produkt  der  Hälften  von  je  zwei  Gegen- 
seiten. Das  ist  die  alte  ägyptisch-heronische  Formel,  ist  zugleich  die 
Auffassung  des  Dreiecks  als  Viereck  mit  einer  verschwundenen  Seite 
und  geht  nur  in  einer  allerdings  wesentlichen  Beziehung  weiter 
darin,  dass  die  üngenauigkeit  des  Verfahrens  ausdrücklich  betont 
wird,  welche  Heron  ohne  allen  Zweifel  auch  erkannte,  aber  in  dem 
uns  erhaltenen  Texte  nicht  hervorgehoben  hat.  Damit  man  ja  an 
dem  Ursprung  nicht  zweifle,  gibt  der  gleiche  Paragraph  die  genaue 
Fläche  des  Dreiecks  aus  den  drei  Seiteu  nach  der  heronischen  Formel. 
Als  genau  gilt  auch  die  Formel  für  das  Viereck,  wenn  von  den  Faktoren 
unter  dem  Wurzelzeichen  jeder  die  um  eine  Seite  verminderte  halbe 
Seitensumme  darstellt,  wenn  also  |/(s  —  a)  ■  (s  —  &)  •  (s  —  c)  •  (.9  —  d) 
gebildet    wird,    wo     s  =  ^^ — 2    ^^    bedeutet   und    a,   &,  c,  d    die 

Viereckseiten  sind.  Im  folgenden  Paragraphen  lehrt  Brahmagupta 
aus  den  Seiten  eines  Dreiecks  die  Abschnitte  finden,  welche  eine  ge- 
zogene Höhe  auf  der  Grundlinie  bildet.  Genau  so  lehrt  Heron  das- 
selbe. Wir  können  unmöglich  so  fortfahrend  alle  einzelneu  Para- 
graphe  der  Reihe  nach  durchgehen.  Wir  begnügen  uns  mit  einzelnen 
Bemerkungen. 

Eine  Rechtecksseite  wird  Seite,  die  andere  Aufrechtstehende  ge- 
nannt, die  Diagonale  vollendet  mit  beiden  ein  rechtwinkliges  Dreieck, 
auf  welches  der  pythagoräische  Lehrsatz  Anwendung  findet;  das  ist 
heronisch.  Die  obere  Seite  eines  Vierecks  wird  als  Scheitellinie  mit 
besonderem    Namen    belegt*);    das    ist    wieder    ägyptisch -heronisch. 

')  L.  Rodet,  Legons  de  calcul  d'Aryabhattn  pag.  10  und  21.  *)  Ebenda 
pag.  22.  ■•')  Colebrooke  pag.  295—318.  *)  Ebenda  pag.  72,  Note  4  und 

pag.  307,  §  36. 


606  30.  Kapitel. 

Der  Name  selbst  miikJia  oder  vadana  bedeutet  Oeffnung,  Mund.  Der 
Durchmesser  des  Umkreises  eines  Dreiecks  ist  der  Quotient  des  Pro- 
duktes zweier  Seiten  getheilt  durch  die  auf  der  dritten  Seite  errichtete 
Höhe;  das  stimmt  wieder  mit  Heron').  Die  Figuren  sind  nicht  an 
den  Ecken  mit  Buchstaben  bezeichnet,  sondern  mit  den  die  Längen 
angebenden  Zahlen  an  den  Seiten  selbst-,  so  verfuhr  Heron  in  seiner 
praktischen  Geometrie,  und  nur  er  von  allen  Griechen.  Der  Kreis- 
durchmesser beziehungsweise  das  Quadrat  des  Halbmessers  mit  3 
vervielfacht  sind  für  die  Praxis  Umfang  und  Inhalt  des  Kreises;  die 
genauen  Werthe  werden  durch  die  Quadratwurzel  aus  den  10-fachen 
zweiten  Potenzen  jener  Zahlen  gefunden").  Das  will  sagen,  in  roher 
Weise  ist    jc  =  3    und  genau  jt  =  ]/lO . 

Den  ersteren  Werth  haben  wir  oben  (S.  GOo)  besprochen.  Der 
zweite  kommt  uns  hier  zum  ersten  Male  vor.  Es  ist  der  Versuch 
gemacht  worden,  zu  ermitteln,  wie  man  auf  diesen  Näherungswerth 
gekommen  sein  mag'^).  Die  Seite  des  regelmässigen  Sechsecks  in 
dem  Kreise  von  dem  Durchmesser  10  war  von  Alters  her  als  5,  der 
ganze  Umfang  somit  als  30  bekannt.  Nun  wird  behauptet,  der  Um- 
fang des  demselben  Kreise  einbeschriebenen  Zwölfecks  sei  als  y'OGö, 
der  des  24ecks  als  /PSi,  der  des  48,  des  96ecks  als  >/986,  als  ]/987 
gefunden  worden,  und  so  habe  man  sich  veranlasst  gefühlt,  die 
Grenze  }^1000  =  10  •  ]/lO  als  nach  unendlich  oft  wiederholter  Ver- 
doppelung der  Seitenzahl  erreichbar  anzusehen.  Diese  Wiederher- 
stellung wäre  eine  ungemein  glückliche  zu  nennen,  wenn  es  gelänge 
ebenso,  wie  in  den  Commentaren  zu  Brahmagupta  an  dieser  Stelle 
der  Kreisdurchmesser  mehrfach  als  10  angenommen  ist,  auch  jene 
Wurzelgrössen,  von  denen  behauptet  wird,  sie  seien  für  die  Umfange 
der  Vielecke  von  immer  verdoppelter  Seitenzahl  gesetzt  worden,  in 
indischen  Schriften  nachzuweisen.  So  lange  aber  dieses  nicht  ge- 
schieht, bleibt  jener  Werth  n  =  yiO  so  räthselhaft  wie  er  allen 
Geschichtsforschern  zu  erscheinen  pliegte,  und  wir  theilen  zur  Be- 
stätigung dieser  Behauptung  noch  zwei  Erklärungsversuche  mit. 
Da    ist    behauptet    worden''),    entsprechend    dem    Näherungswerthe 

y^rfb  =  a  +  2/+-I  sei  |/1Ö  =  3|, 
bei  Archimed   aber  sei    n  =  ?>Y)    und   so   sei    Jt  =  "j/lO    zu   Stande 


')  Colebrooke   pag.  229,  §  27  =  Heron  Liber   Geoponicus   cap.  58    (ed. 
Hultsch)  pag.  214.  '')  Ebenda  pag.  308,  §  40.  '^)  Hankel  S.  216—217. 

*)  L.  Rodet,  tSur  les  mcthodes  d'approxmalion  chez  les  ancüns  in  dem  Bulletin 
de  la  Sociefe  watMmatique  de  France  T.  VII  (1879). 


Geometrie  und  Trigonometrie.  607 

gekommen.     Das   heisst  docli:   man  ersetzte   3y    durcli    ylO ,    einen 

rationalen  Werth  durch  einen  irrationalen,  und  das  kommt  in  der 
ganzen  Geschichte  der  Mathematik  nirgends  vor.  Die  andere  Erklä- 
rung^) geht  davon  aus,  dass  Brahmagupta  wusste^),  dass  der  Pfeil  h„, 
welcher  zwischen  der   Seite  .s,^  und   dem  Kreisumfang  sich  befindet, 

durch  die  Formel  h^  =  —  [(Z  —  Vd'-  —  slj  gegeben  ist.  Im  Sechs- 
ecke insbesondere  ist 


=  i[rf_|/rf._^']=|[2_>/3 


und  hätte  man  das  Recht,  ^  als  Näherun gs werth  für  ys  anzunehmen, 

so  wäre    h^  =  79'     ^^   ferner  allgemein    S2«  =  K  -\-  ~  s„  ,     so   wäre 

auch  S12  =  ^6  +  -7-  ^6  =  j^^  und  (125i,)-  =  lOcP.  Aber  12  s^o  =  U12 
ist  der  Umfang  des  Sehnenzwölfecks,  und  so  hätte  man  erhalten 
^/^.,  =  (7j/lO,  d.  h.  jc  =]/iO  bedeutet,  man  habe  den  Kreis  als  mit 
dem    Sehnenzwölfeck    zusammenfallend    angesehen.      Sehr    sinnreich, 

/ —  5 

wenn  nur    ]/ 3  =  —    irgendwo  Beglaubigung  fände. 

Heronisch  ist  es  wieder,  wenn  unter  Anwendung  von  Propor- 
tionen Höhen  mit  Hilfe  von  Schattenlängen  gemessen  werden -X 
Von  Interesse  ist  uns  dann  noch  die  stereometrische  Aufgabe,  den 
Rauminhalt  einer  abgestumpften  quadratischen  Pyramide  zu  finden, 
für  welche  Brahmagupta  drei  Lösungen  angibt,  eine  für  Praktiker, 
eine  für  annähernde,  eine  für  genaue  Rechnung*).  Der  Praktiker 
begnüge  sich  mit  dem  Produkte  der  Höhe  in  das  Quadrat  des  Mittels 
zwischen  den  Seiten  an  der  unteren  und  oberen  Fläche  des  Stumpfes. 
Annähernd  richtig,  fährt  Brahmagupta  fort,  sei  das  Produkt  der 
Höhe  in  das  Mittel  der  Grundflächen.  Wir  gehen  wohl  nicht  fehl, 
wenn  wir  darin  eine  Bestätigung  unserer  oben  ausgesprocheneu  Ver- 
muthuug  über  die  .Entstehung  der  falschen  Formel  für  den  Raum- 
inhalt der  dreieckigen  Pyramide  bei  Aryabhatta  erkennen.  Richtig 
sei,  wenn  man  den  Inhalt  des  Praktikers  um  den  dritten  Theil  des 
Unterschiedes  der  Inhalte  des  Praktikers  und  des  annähernd  Rech- 
nenden vergrössere.  Dieser  letzte  Ausspruch  ist  vollkommen  wahr. 
Heissen  a^  und  a.>  die  Seiten  der  beiden  quadratischen  Grundflächen 
und  ist   h    die  Höhe    des   Pyramidenstumpfes,    so   ist  richtig  dessen 


*)  Hunrath,  Ueber  das  Ausziehen  der  Quadratwurzel  bei  Griechen  und 
Indern.  Hadersleben  1883.  S  25.  ')  Colebrooke  pag.  310,  §  42.  ^)  Ebenda 
pag.  317.     Section  IX,  Mensure  bij  shadoic.       *)  Ebenda  pag.  312—213,  §  45— 4r,. 


G08  30.  Kapitel. 

"l   +  <*1  ^2  4"  '*2  T-k 

Inhalt  =  h :; Der  Praktiker  rechnet  aber  nach  Brahma- 

o 

gupta   h  •  \-^—^~)  ;    annähernd   richtig    sei    h  •  — - —    und    nun    ist 

/,  .  °1±^±^  =  ,.  .  (?L±  %)^  +    1.  [,,  .  ^J  _  ,.  .  («Li».)]  . 

Wir  sind  oben  mit  sehr  kurzen  Worten  über  die  Flächenformel 
Brahmaguptas  für  das  Viereck  hinweggegangen,  welche  als  beson- 
deren Fall  die  heronische  Dreiecksformel  einschliesst.  Dass  die  Vier- 
ecksformel als  eine  allgemeine  nicht  gelten  kann,  ist  ersichtlich. 
Gleichwohl  hat  Brahmagupta  in  jenem  ersten  Paragraphen  seiner 
geometrischen  Lehren  in  keiner  Weise  ausgesprochen,  dass  er  der 
Formel  nur  bedingte  Zulässigkeit  für  gewisse  Vierecke,  catiirarra, 
zuschreibe.  Man  hat  in  verschiedener  Weise  sich  dieser  Schwierig- 
keit gegenüber  einen  Ausweg  zu  bahnen  gesucht.  Man  hat  an- 
genommen, Brahmagupta,  ein  hervorragend  geometrischer  Geist,  habe 
eigentlich  nur  vom  Sehnen viereck  reden  wollen;  auf  dieses  bezögen 
sich  auch  einige  andere  Sätze,  deren  wir  hier  Erwähnung  zu  thun 
unterlassen,  und  Brahmagupta  sei  nur  aus  Kürze  dunkel  geblieben '). 
Man  hat  im  schroffen  Gegensatze  dazu  und  an  dem  Wortlaute  der 
Regel  bei  Brahmagupta  festhaltend  ihn  beschuldigt,  er  habe  die 
Regel,  die  er  an  einem  besonderen  Vierecke  entdeckt  habe,  wirklich 
auf  alle  bezogen-).  Man  hat  dagegen  wieder  von  anderer  Seite  in 
Brahmaguptas  Text  Alles  finden  wollen,  was  zum  Verständniss  nöthig 
sei.  Im  26.  Paragraphen  lehre  nämlich  Brahmagupta  die  Berech- 
nung des  Durchmessers  des  Umkreises,  und  darin  liege  ausgesprochen, 
dass  die  gemeinten  Vierecke  einen  Umkreis  besässen;  im  38.  Para- 
graphen definire  er  „die  Aufgerichteten  und  die  Seiten  zweier  recht- 
winkliger Dreiecke  wechselweise  mit  der  Diagonale  vervielfacht  sind 
vier  unähnliche  Seiten  eines  Trapezes;  die  grösste  ist  die  Grundlinie, 
die  kleinste  die  Scheitellinie,  die  beiden  anderen  sind  die  Seiten",  und 
diese  Definition,  der  man  trotz  ihrer  Dunkelheit  einen  guten  Sinn 
abzugewinnen  wusste,  bilde  einen  zweiten  Kern  der  ganzen  Unter- 
suchung, welche  aber  nur  für  Vierecke  von  den  Gattmigen  stichhaltig 
sei,  wie  sie  hier  näher  bestimmt  wurden'^).  Auch  dieser  Meinung 
ist  man  entgegengetreten:  Brahmagupta  werde  doch  nicht  in  §  38 
erst  definiren,  was  er  seit  §  21  benutze;  er  werde  den  Gang  seiner 
Untersuchung    doch    nicht    so  eingerichtet    haben,    dass    man    besser 


*)  Chaales,   Apercu  hist.  pag.  420  sqq.,    deutsch  4G5  flgg.  -)  Arneth, 

Geschichte  der  reineu  Mathematik  S.  145  ligg.  (Stuttgart,  1852.)  ^)  Hankel 

S.  210—215. 


Geometrie  und  Trigonometrie.  609 

daran  thue,  sie  von  hinten  nach  vorn  als  in  der  Folge  zu  lesen,  wie 
er  sie  niederschrieb;  er  werde  doch  endlich  nicht  als  Formel  für  das 
Tetragon,  das  Viereck  also,  aussprechen,  was  er  vom  Trapeze  meinte; 
und  nach  diesen  freilich  nicht  ungewichtigen  Einwürfen  hat  man 
versucht  zu  zeigen,  wie  Brahmagupta  rechnend  und  durch  Induktion 
von  der  ihm  bekaimten  Dreiecksformel  aus  zu  der  entsprechenden 
Yierecksformel  gelangte,  deren  bedingte  Giltigkeit  ihm  nur  nach  und 
nach  klar  wurde  ^).  Diese  sehr  verschiedenen  Auffassungen  können 
uns  nur  bestimmen,  die  Dunkelheit  des  ganzen  Kapitels  bei  Brahma- 
gupta von  §  21  bis  §  38  als  eine  bisher  noch  nicht  vollständig  ver- 
nichtete zu  erklären.  Wir  glauben  dabei  noch  immer  an  die  Richtig- 
keit einiger  aus  der  Formel  von  §  26  und  der  Definition  von  §  38 
gezogenen  Schlüsse,  möchten  aber  doch  nicht  so  zuverlässig  behaupten, 
jede  Schwierigkeit  sei  damit  verschwunden. 

Wir  meinen  freilich,  ein  Theil  der  Schwierigkeiten  sei  durch 
unglückliche  üebersetzuug  entstanden,  welche  das  Wort  Trapez  an- 
wandte, wo  es  nach  dem  Sinne,  welchen  man  diesem  Worte  beizu- 
legen gewohnt  ist,  nicht  angewandt  werden  durfte.  Caturveda  Pri- 
thüdakasvämin,  ein  Scholiast  des  Brahmagupta,  der  selbst  vor  Bhäskara 
lebte,  der  ihn  anführt'),  gibt  zu  dem  die  Flächenformel  enthaltenden 
§  21  eine  wichtige  zu  wenig  berücksichtigte  Erläuterung^):  Dreierlei 
Dreiseite  gebe  es,  fünferlei  Vierecke  und  als  neunte  ebene  Figur  den 
Kreis;  die  Dreiseite  seien  gleichseitig,  gleich  für  zwei  Seiten  und 
ungleichseitig;  die  Vierecke  seien  gleiche,  paarweise  gleiche,  mit 
zweien  gleiche,  mit  dreien  gleiche  und  ungleiche  Vierecke.  Man 
sieht  wohl:  von  Parallelismus,  von  Trapez  und  dergleichen  ist  dabei 
ausdrücklich  wenigstens  nicht  die  Rede,  und  wenn  man  die  fünf 
Gattungen  von  Vierecken  aus  den  Beispielen,  die  derselbe  Prithüda- 
kasvämin  beifügt,  zu  bestimmen  sucht,  so  findet  man,  dass  das  gleiche 
Viereck  das  Quadrat,  das  paarweise  gleiche  das  Rechteck  ist;  dass 
unter  dem  mit  zweien  gleichen  und  mit  dreien  gleichen  gleichschenklige 
Paralleltrapeze  zu  verstehen  sind,  deren  kleinere  Parallelseite  in  dem 
zweiten  Falle  auch  noch  den  beiden  gleichen  Schenkeln  gleich  sein 
soll.  Die  fünfte  Gattung  von  Vierecken,  nämlich  die  unter  gewissen 
anderen  zu  erfüllenden  Bedingungen  ungleichen  Vierecke  sind  im  §  38 
definirt.  Nun  sieht  man,  welche  heillose  Verwirrung  entstehen  musste, 
sobald  man  die  Vierecke  letzter  Gattung  Trapeze  nannte,  statt  irgend 
ein  anderes  Wort,   z.  B.   unser  ungleiches  Viereck  zu  wählen.     Man 


')  Weissenborn,  Das  Trapez  bei  Euklid,  Heron  und  Brabmagupta  im 
Supplementhefte  der  bistor.-literar.  Abtblg.  der  Zeitschr.  Math.  Phys.  XXIV  (1879). 
")  Coleb rooke  pag.  245,  §  174  und  Note  5.       ')  Ebenda  pag.  295,  Note  1. 

Cantob,  Geschichte  der  Mathematik   I.    2.  Aufl.  39 


610 


30.  Kapitel. 


sieht  aber  nocli  mehr.  Man  sieht,  dass  die  fünf  Gattungen  von 
Vierecken  keineswegs  richtig  gewählt  sind.  Sie  erschöpfen  den  Be- 
griff des  Vierecks  durchaus  nicht.  Aber  darin  sehen  wir  nur  einen 
weiteren  Beweis  für  den  ausländischen  Ursprung  der  indischen  Geo- 
metrie. Die  Fünfzahl  der  Vierecke  ist  vielleicht  selbst  auf  griechische 
Erinnerung  zurückzuführen,  da  Euklid  in  der  30.  bis  34.  Definition 
des  I.  Buches  seiner  Elemente  ebensoviele  Gattungen  unterscheidet: 
Quadrat,  Rechteck,  Rhombus  und  Rhomboid,  unregelmässiges  Vier- 
eck, in  seinen  Gattungen  freilich  jeder  Möglichkeit  einen  Platz  zu- 
weisend. Nun  waren  den  Indern  nur  Sätze  über  die  fünf  unberech- 
tigten Vierecksarten,  welche  Piithüdakasvämin  uns  nennt,  bekannt 
geworden;  nur  mit  ihnen  also  hatte  man  sich  zu  beschäftigen. 
Es  waren  das  in  den  vier  ersten  Gattungen  grade  die  Vierecke, 
welche  Heron  mit  Vorliebe  behandelt  hat,  das  Quadrat  und  das 
Rechteck  und  das  gleichschenklige  Trapez,  die  Liebliugsfigur  schon 
der  alten  Aegypter.  Was  die  Zerfällung  der  Trapeze  in  solche  mit 
zwei  und  mit  drei  gleichen  Seiten  betrifft,  so  kann  man  verschiedener 
Meinung  sein.  Mau  kann  meinen,  da  bei  Heron  verschiedene  Gattungen 
von  Paralleltrapezen  gefunden  worden  waren,  deren  Unterscheidungs- 
grundlage man  nicht  verstand,  so  habe  man  auf  eigene  Faust  neue 
Gruppen  gebildet;  man  kann  aber  auch  an  einen  griechischen  Ur- 
sprung denken,  da  beispielsweise  Hippokrates  von  Chios  (S.  197) 
sich  mit  Paralleltrapezen  mit  drei  gleichen  Seiten  vielfach  abquälte 
und  es  daher  wohl  möglich  ist,  dass  Spätere  auch  noch  um  diese 
Figur  sich  kümmerten,  ohne  dass  wir  unmittelbar  davon  wissen. 
Kehren  wir  jetzt  zu  §  26  Brahmaguptas  zurück.  Wenn  darin  von 
dem  Halbmesser  des  Umkreises  zuerst  jedes  Vierecks  mit  ausdrück- 
licher Ausnahme  des  ungleichen  Vierecks  die  Rede  ist,  so 
sind  eben  nur  die  vier  ersten  Gattungen  gemeint,  und  diese  vier  sind 

zweifellos  Sehuenvierecke,  mid  wenn  in  dem- 
selben Paragraphen  fortfahrend  auch  die 
Berechnung  des  Halbmessers  des  Um- 
kreises der  fünften  Vierecksgattuug 
gelehrt  wird,  so  ist  wieder  zweifellos  auch 
für  diese  Gattung  die  Eigenschaft  als  Sehnen- 
viereck damit  in  Anspruch  genommen. 

Jene   ungleichen  Vierecke   der  fünften 

Gattung    entstehen  aber  gemäss  §  38    auf 

folgende   Weise.      Man    denke    (Figur  85) 

zwei   rationale   rechtwinklige  Dreiecke   aus 

Cg,  h  und  C'i,  62,  H  gebildet.     Man  vervielfache  die 


^„.^^ 

20 

\2ä 

\                     i8 

Aß 

IJf     1 

tf&\ 

\ 

3S 

Fig    85. 


den  Seiten 
Seiten    des 


ersteren    zuerst   mit    L\,    dann   mit    Cg,    so    sind    auch 


Geometrie  und  Trigonometrie.  611 

^1^1?  ^2^17  ^'Q  ^^^^  ^i^ij  ^2^2?  ^'^2  Seiten  zweier  rechtwinkliger 
Dreiecke.  Diese  beiden  setzt  man  mit  den  rechten  Winkehi  als 
Scheitelwinkeln  aneinander,  so  dass  c^(\  als  Fortsetzung  von  C.2C.,  und 
qC'g  als  Fortsetzung  von  c^C^  erscheint,  beziehungsweise  dass 
Cj  6'j  -\-  C.2  Tg  und  c^  C\  +  ^2  Q  ^^^i  sich  senkrecht  durchkreuzende 
Gerade  bilden,  welche  als  Diagonalen  eines  leicht  zu  vollendenden 
Vierecks  auftreten.  Gegenseiten  dieses  Vierecks  sind,  wie  wir  schon 
wissen,  hC^  und  /iG,;  das  andere  Paar  Gegenseiten  heisst  leicht 
ersichtlich  Hc^  and  Hc^ .  Alle  vier  Vierecksseiten  sind  von  einander 
verschieden,  sind  ungleich;  das  Viereck  ist  aber  aus  vier  rationalen 
rechtwinkligen  Dreiecken  zusammengesetzt,  uud  je  zwei  Scheiteldrei- 
ecke sind  einander  ähnlich.  Diese  ungleichen  Vierecke  sind  unter 
denen  der  fünften  Gattung  verstanden,  und  die  Gleichheit  der  Summe 
je  zwei  gegenüberstehender  Winkel  kennzeichnet  sie  als  Sehnenvier- 
ecke. Zu  ihrer  Bildung  sind  also  Zusammensetzungen  rechtwinkliger 
Dreiecke  iiothwendig,  welche  Heron  gekannt  hat  (S.  369),  und  für 
welche  er  in  seiner  Geometrie  des  eigenen  Kunstausdruckes  zusammen- 
hängender rechtwinkliger  Dreiecke,  rgiycova  oQ^oyahna  rjvcofxsva^  sich 
bediente.  Durch  ähnliche  Zusammensetzung  ist  aus  den  beiden  recht- 
winkligen Dreiecken  5,  12,  13  und  9,  12,  15  an  der  Kathete  12  das 
in  allen  Beziehungen  rationale  berühmte  Dreieck  13,  14,  15  ent- 
standen, welches  Heron  kannte,  welches  auch  den  Indern  vielfach  als 
Beispiel  diente. 

Vor  der  Zusammensetzung  rationaler  rechtwinkliger  Dreiecke 
müssen  wir  aber  auch  die  Kenntniss  rationaler  rechtwinkliger  Drei- 
ecke selbst  als  vorausgehend  vertreten  finden.  Heron  hat  sich  mit 
solchen  beschäftigt;  auch  bei  Brahmagupta  fehlen  sie  nicht,  der,  wie 
wir  schon  (S.  587)"  andeuteten,  zweimal  darauf  zurückkommt,  zuerst 
in  seinem  geometrischen  Kapitel  und  dann  eingeschaltet  zwischen 
dem    Rechnen   mit    irrationalen    Quadratwurzeln,    wo    die    Regel    am 

deutlichsten    ausgesprochen    ist').      Man    solle     a,   -y[-j hj     und 

Y  ( -1 — h  ft)  als  Seiten  wählen,  wobei  a  und  h  ganz  beliebige  Werthe 

haben.  Diese  Formel,  welche  die  unter  dem  Namen  des  Pythagoras 
und  des  Piaton  bekannten  Sonderfälle  durch  6=1  und  6  =  2  in 
sich  schliesst,  ist  genau  so  bei  keinem  Griechen  uns  begegnet. 
Dieser  Umstand  ebenso  wie  die  Stelle,  wo  die  Regel  sich  ausgesprochen 
findet,  geben  ihr  ein  mehr  indisches  Gepräge,  aber  die  Aufgabe, 
welche  durch  sie  ihre  Lösung  fand,  dürfte  griechisch  sein,  dürfte, 
wenn  man  den  Ausdruck  gestatten  will,  in  Indien  nur  noch  mehr 
algebraisirt  worden  sein,  als  sie  es  schon  war. 


')  Colebrooke  pag.  340,  §  38. 

39' 


612  30.  Kapitel. 

Wir  denken  nictt,  dass  alle  diese  kleineren  und  grösseren  Ueber- 
einstimmungen  zwischen  Heron  und  Brahmagupta  der  Annahme  unseres 
Grundgedankens  entgegenwirken  können,  und  fragen  nun,  was  aus 
einer  so  aus  der  Fremde  eingeführten  Lehre  im  Lauf  der  Zeiten 
werden  musste?  Wesentliche  Fortschritte  dürfen  und  können  wir  bei 
einem  nicht  geometrisch  angelegten  Volksgeiste  nicht  erwarten.  Im 
Gegentheil,  manches  anfänglich  Verstandene  muss  verloren  gegangen 
sein.  Nur  Aufgaben  einer  algebraischen  Geometrie  werden  den  indi- 
schen Geist  ansprechend  weitere  Pflege  erfahren  und  sich  vielleicht 
in  einem  Umfange  erhalten  haben,  der  das  bei  Brahmagupta  Vor- 
handene überragt.  Die  Geometrie  des  Bhäskara^)  erfüUt  diese  unsere 
Erwartung. 

Bis  zu  Bhäskara  ist  vor  allen  Dingen  der  Rest  des  Verständ- 
nisses der  Formel  für  die  Vierecksfläche  verloren  gegangen.  In  einem 
Vierecke  mit  denselben  Seiten,  sagt  er,  gibt  es  verschiedene  Diago- 
nalen. „Wie  kann  Jemand,  der  weder  eine  Senkrechte  noch  eine  der 
Diagonalen  angibt,  nach  dem  Uebrigen  fragen?  oder  wie  kann  er 
nach  der  bestimmten  Fläche  fragen,  wemi  jene  unbestimmt  sind? 
Ein  solcher  Fragesteller  ist  ein  tölpelhafter  böser  Geist.  Noch  mehr 
ist  es  aber  der,  welcher  die  Frage  beantwortet,  denn  er  berücksichtigt 
nicht  die  unbestimmte  Natur  der  Linien  in  einer  vierseitigen  Figur"''*). 

22 

Hinzugekommen  ist  die  Kreisverhältnisszahl  n  ==y  ,   welche    als   für 

3927 
Praktiker  genügend  erklärt  wird,  während  der  feinere  Umfang  -^— r  mal 

dem  Durchmesser  sei^).  Hier  ist  allerdings  etwas  räthselhaft.  Das 
erste  Verhältniss  ist  das  archimedische,  das  zweite  das  von  Aryabhatta 

62  832 

in  der  Form  ,  benutzte,  während  diesem  die  archimedische  Zahl 

aU  \j\J\) 

nicht  bekannt  oder,  was  noch  auffallender  wäre,  nicht  mittheilens- 
werth  gewesen  zu  sein  scheint,  und  doch  soll  es  die  Methode  Archi- 
meds  gewesen  sein,  welche  zu  dem  genaueren  Werthe  geführt  hat. 
Archimed,  erinnern  wir  uns,  Hess  vom  Sechsecke  ausgehend  die 
Seitenzahl  des  eingeschriebenen  Vielecks  sich  immer  verdoppeln,  bis 
er  zum  06 eck  gelangte  (S.  288).  Ganega,  der  Commentator  Bhäskaras, 
berichtet  uns,  man  sei  vom  Sechsecke  durch  stete  Verdoppelung  der 

Seitenzahl    bis    zum    384  eck    vorgeschritten    und   habe    so    3t==;-  — 

'^  1250 

gefunden.    Bhäskara   bedient  sich  übrigens  auch  noch  einer  anderen 

754 

Annäherung*),  nämlich  ^  =  ^  ==  3,141  6(36  .  .  .     Hinzugekommen 


')  Colebrooke  pag.  58—111.        ^)  Ebenda  pag.  73.        ^)  Ebenda  pag.  87. 
*)  Ebenda  pag.  95,  §  214. 


Geometrie  und  Trigonometrie.  613 

sind  ferner  einige  Aufgaben  über  rechtwinklige  Dreiecke,  welche 
unsere  Aufmerksamkeit  verdienen.  Sie  finden  sich  nicht,  wie  die 
bisher  angeführten  Dinge,  in  der  Lilävati,  sondern  in  dem  Vija  Ganita 
genannten  algebraischen  Kapitel.  Es  wird  verlangt,  die  Seiten  eines 
rechtwinkligen  Dreiecks  zu  finden,  wenn  neben  der  Summe  derselben 
erstens  das  Produkt  der  beiden  Katheten  oder  zweitens  das  Produkt 
der  drei  Seiten  gegeben  ist^).  Die  erstere  Aufgabe  ähnelt  nämlich 
ebensowohl  der  heronischeu  Aufgabe  vom  Kreise,  bei  welcher  Summen 
von  Stücken  verschiedener  Dimensionen  gegeben  sind  (S.  376),  als 
der  des  Nipsus  aus  Hypotenuse  und  Fläche,  d.  h.  also  halbem  Pro- 
dukte der  Katheten  die  Dreiecksseiten  selbst  zu  finden  (S.  517). 
Bhuskara    löst    die    erste   Aufgabe    wie    folgt.     Ist    tiC^>=j),    so    ist 

Da  nun   c^  -{-  Cj^  -{-  h  =  s  gegeben  ist,  so  folgt    Cj  -|-  r^  —  Ä  =  "      und 

Die  Katheten  findet  man  noch  einzeln,  indem  von  (<^i+^2)"'='(~^.     j 
der  Werth  4^^2=47}  abgezogen  wird;  so  entsteht  nämlich 

(^l-^.>>  = ili — 

und  daraus  c^  —  Cg ,  welches  in  Gemeinschaft  mit  q  -|-  c^  die  Katheten 
liefert.  In  der  zweiten  Aufgabe  ist  r^  ■  r-,  .  h  =  p  und  Cj  -|-  c,  -\-  Ji  =  s 
gegeben.     Aus    s  —  A  =  c,  -j-  Cg    erhält  man 

s'-2sh  +  Ji^=cl  +  c^  +  2c,c,  =  A^+  ¥, 

mithin  ist    s^ — 2sh  =   ,     und    2s]i^ — s^h  =  —  2p.    Daraus  findet 

man   li ,    daraus    s  —  h  =  Ci  -)-  c.^   und    y-  ==  4fjf2j    ^^^  i^^n  ist  es 

wieder  leicht  q  —  c.^  und  endlich  die  Katheten  zu  finden.  Das  sind 
Methoden,  welche  der  von  Nipsus  angewandten  entschieden  ähneln, 
so  wenig  in  Abrede  gestellt  werden  soll,  dass  Bhäskaras  Aufgaben 
die  bei  weitem  verwickeiteren  sind.  Hinzugekommen  sind  endhch 
einige  Beweise  geometrischer  Sätze  durch  Rechnung,  und  einige  auf 
Anschauung  beruhende,  wenn  man  letztere  als  Beweise  gelten  lassen 
darf.  Ein  Beispiel  beider  Auffassungen  bildet  der  Beweis  des  pytha- 
goräischen  Lehrsatzes,  der  sich  in  dem  Vija  Ganita  vorfindet").  Das 
eine    Mal    wählt    man    die    Hypotenuse    zur    Grundlinie,    auf   welche 


')  Colebrooke  pag.  225— 226,  §151—152.       -)  Ebenda pag.  220 -222,  §  146. 


614 


30.  Kapitel. 


(Figur  86)  von  der  Spitze  des  rechten  Winkels  aus  eine  Senkrechte 
geföllt  wird,  und  weist  auf  die  Eigenschaft  der  zwei  so  entstehenden 
rechtwinkligen  Dreiecke  hin,  mit  dem  ursprünglichen  Proportionali- 
täten zu  bilden.  So  kommen,  wenn  h^  und 
/<2  die  Stücke  der  Hypotenuse  h  heissen,  die  je 
au  (\  und  Cg  anstossen,  die  Verhältnisse  heraus 

c,  h,  -.     c,  h., 

—  =  —     und   Y"  =  ~  7 

und  daraus  foloit 


Fig.  86. 


Fig.  87. 


Der  andere  Beweis,  welcher,  wie  im  34. 
Kapitel  sich  zeigen  wird,  mehr  als  200  Jahre 
vor  Bhäskara  schon  bekannt  war,  konstruirt 
(Fig.  87)  über  jede  Seite  des  Quadrates  der 
Hypotenuse  nach  innen  zu  das  rechtwinklige 

Dreieck.    „Sehet!"    Damit  begnügt  sich  Bhäskara  und  erwähnt  nicht 

einmal,  dass  die  Anschauung 

liefre.  Ganz  ähnlicher  Natur  sind^Beweise,  welche  der  Commentator 
Gane^a  zu  Sätzen  Bhaskaras  beigebracht  hat^).  Die  Dreiecksfläche 
wird    erhalten    als    Rechteck    der  halben    Höhe    und    der   Grundlinie. 


/ 

\ 

X 

\ 

\ 

Fig.  88. 


Fig.  89. 


(Fig.  88.)  Sehet!  Die  Kreisfläche  wird  erhalten  als  Rechteck  des 
halben  Durchmessers  in  den  halben  Kreisumfang.  (Figur  89.)  Sehet! 
Diese  Beweisform,  welche  bei  Brahmagupta  nirgend  auftritt,  muss 
wohl  als  indisch  betrachtet  werden.  Sie  ist  mit  der  algebraischen 
Beweisform  verbunden  ungemein  charakteristisch  für  die  Fassungs- 
kraft jener  Geometer.  Rechnen  in  nahezu  unbegrenzter  Möglichkeit 
oder  Anschauen,  darüber  kommen  sie  nicht  hinaus.  Das  Eine  wie 
das  Andere  ist  zum  Beweise  schon  bekannter  Sätze  gleich  gut  anzu- 
wenden, die  Rechnung  ist  strenger,  die  Berufung  auf  unmittelbare 
Anschauung  vielfach  überzeugender.    Aber  kann  letztere  zur  Erfindung 

*)  Coleb rooke  pag.  70,  Note  4  uutl  pag.  88,  Note  3. 


I 


Geometrie  und  Trigonometrie.  615 

neuer  Sätze  führen?  Kann  es  erstere^  wenn  nicht  eine  gewisse  Summe 
geometrischer  Sätze  als  Ausgangspunkt  vorhanden  ist,  unter  welchen 
der  pythagoräische  Lehrsatz  einer  der  wichtigsten  ist?  Kann  der 
pythagoräische  Lehrsatz  gefunden  worden  sein  von  einem  Beweise 
ausgehend  wie  die  beiden  durch  Bhäskara  uns  überlieferten?  Wir 
denken,  dass  diesen  Fragen  die  verneinende  Antwort  nicht  fehlen 
wird.  Dann  aber  kommen  wir  immer  und  immer  zu  dem  gleichen 
Schlüsse:  Geometrisches  in  ziemlich  bedeutender  Menge  tritt  ver- 
wandter Art,  vielfach  sogar  in  voller  Uebereinstimmung  in  Alexandria 
und  Indien  auf.  In  Alexandria  können  wir  es  mit  Bestimmtheit  in 
einer  zum  Theil  sehr  viel  früheren  Zeit  nachweisen  als  dieses  in 
Indien  möglich  ist.  In  Alexandria  haben  wir  es  als  Frucht  orga- 
nischer Entwicklung  reifen  sehen,  in  Indien  ist  die  Entstehungsweise 
mehr  als  räthselhaft.  Folglich  muss  eine  Uebertragung  von  Alexan- 
dria nach  Indien  angenommen  werden,  eine  Uebertragung,  die  natür- 
lich nicht  ausschliesst,  dass  indische  Mathematiker  des  überkommenen 
Stoffes  sich  in  ihrer  Weise  bemächtigten,  ihn  misshandelten  oder  be- 
handelten, wie  sie  es  eben  verstanden,  bald  einen  Rückgang,  bald 
einen  Fortschritt  zu  Wege  bringend.  • 

Am  Unzweifelhaftesten  sind  die  Fortschritte,  welche  der  der 
Rechnung  am  meisten  bedürftige  Theil  der  alten  Geometrie  bei  den 
Indern    gemacht   hat,    die   Trigonometrie^).     Hier   ist   zwar  von 

22 

Griechenland  aus  sicherlich  die  archimedische  Verhältnisszahl  "„"  der 

7 

Kreisperipherie   zum    Durchmesser   nach   Indien    gedrungen  (S.  612). 

Vielleicht  mag   auch    griechischen  Ursprunges 

sein,  wie  die  Höhe  h  eines  Kreisabschnittes,  sein 

utJiramajyä    nach    indischem    Sprachgebrauche, 

mit  der   Sehne  s  und   dem  Kreishalbmesser  r 

in  Verbindung    steht,    wir    meinen    (Figur  90) 

die  leicht  abzuleitende  Gleichung 

2Är  —  h^=~      oder     s  =  2  yiiJp^^^Ji)  . 


4 

Aber   ihre    ganze  weitere   Rechnimgsweise  be-  FigToo. 

ginnend    von    dem     Maasse     der    Linien     im 

Kreise   ist  so   ungriechisch  wie  möglich,   also  vermuthlich  indischen 

Ursprunges. 

Allerdings  zerlegt  der  Inder,  wie  wir  schon  früher  betont  haben, 

^)  Vergl.  ausser  Coleb rooke  den  Sürya  Siddhänta  und  das  von  Rodet 
übersetzte  Kapitel  des  Aryabhatta.  Ferner  Asiatic  researches  (Calcutta)  II,  225; 
daraus  Arneth,  Gescbichte  der  reinen  Mathematik  S.  171 — 174.  Woepcke^ 
Sur  le  mot  kardaga  et  sur  une  methode  indienne  pour  calcider  les  sinus  in  den 
N.  ann.  math.  (1854)  XIII,  386-394. 


616 


30.  Kapitel. 


gleich  dem  Griechen  und  wahrscheinlich  babylonischer  Sitte  folgend 
den  ganzen  Kreisumfang  in  360  Grade  oder  in  21  600  Minuten,  da 
jeder  Grad  gleich  60  Minuten  ist;  aber  wenn  dann  der  Grieche  den 
Halbmesser  gleichfalls  in  60  Theile  mit  sexagesimal  fortschreitenden 
Unterabtheilungen  zerlegt,  so  fragt  der  Inder,  wie  gross  der  Kreis- 
bosen  in  Minuten  sei,  zu  Avelchem  der  Halbmesser  sich  zusammen- 
biegen  lässt.  Er  vollzieht  eine  Arcufication  der  graden  Linie  und 
muss  dazu  des  schon  bei  Aryabhatta  vorkommenden  Werthes  7r  =  3,1416 
sich  bedient  haben,  denn  nur  dami  folgt  aus  2jrr  =  21600  Minuten, 

r  =  —  —  =  3437,7  •  •  •  in  ganzen  Zahlen  am  nächsten   r  =  3438  Mi- 

nuten,  wie  der  Inder  rechnet.  Es  ist  nicht  unmöglich,  dass  der  Ge- 
danke der  Arcufication  darin  wurzelt,  dass  die  Trigonometrie  der 
Inder  wie  der  Griechen  in  astronomischen  Aufgaben  ihren  Ursprung 
hat,  also  zunächst  eine  sphärische  Trigonometrie  war,  in  welcher  nur 
Bogen  vorkommen,  wenn  auch  im  Uebrigen,  wie  wir  noch  bemerken 
werden,  von  sphärisch -trigonometrischen  Aufgaben  keine  Rede  ist. 
Von  r  =  3438  Minuten  als  erster  Thatsache  ausgehend  wurde 
nun  die  ähnlicherweise  ^n  Minuten  umgebogene  Länge  anderer  Geraden 
im  Kreise  gesucht.  Die  Sehne,  welche  einen  Bogen  bespannt,  wurde 
jyä  oder  ßva  genannt,  welche  Wörter  auch  die  Sehne  eines  zum 
Schiessen  bestimmten  Bogens  bezeichnen.  Die  halbe  Sehne  hiess  dann 
jyärdha  oder  ardhajyä  und  wurde  unter  letzterem  Namen  auch  zum 
halben  Bogen  in  Beziehung  gesetzt.  Sie  war  nichts  anderes  als  was 
die  spätere  Trigonometrie  den  Sinus  jenes  Bogens  genannt  hat. 
Auch  den  Sinus  versus  unterschied  man,  wie  schon 
bemerkt,  als  iitkramajyd ^  sowie  den  Cosinus  als 
liotijyd.  Man  wusste  zugleich  aus  dem  aus  Sinus, 
Cosinus  und  Halbmesser  bestehenden  rechtwinkligen 
Dreiecke ,  dass  (sin  a)'-  -\-  (cos  a^  =  r-  =  (3438)^ . 
Da  nun  die  Sehne  von  60*^  dem  Halbmesser  oder 
3438  Minuten  gleich  ist,  so  musste  ihre  Hälfte  oder 
in  moderner  Schreibweise  sin  30^  = -— =  1719  Mi- 
nuten  sein.  Man  war  nun  im  Stande,  aus  dem  Sinus 
eines    Bogens    den    des    halb    so    grossen    Bogens 

'^  zu    finden,    da    (Figur  Ol)    2  sin  -_     die    Hypotenuse 

eines  rechtwinkligen  Dreiecks  bildet,  dessen  beide  Katheten  sin  u 
und  sin  vers  cc  sind.  Folglich  musste  (2  sin  ,,  )  ==  (sin  a)^  -j-  (sin  vers  «)- 
sein.  Aber  sin  vers  a  =  r  —  cos  a  und  sin  a'  -\-  cos  a"  =  r^  in  Be- 
rücksichtigung gezogen  wird  auch  (2  sin  ^)=  2r^—  2r  ■  cos  a   und 


Geometrie  und  Trigonometrie.  617 


sm- 


=  ]/v  (*'  —  cos  a)  =  ]/l719  (3438  —  cos  a) 


So  verschaffte  man  sich  vielleicht  die  Zahlen,  welche  im  Sürya 
Siddhanta  unter  Anderen  angegeben  sind:  sin  15"  =  890  Minuten, 
sin  7°  30' =449  Minuten,  sin  3M5' =  225  Minuten.  Aber  3M5' 
sind  selbst  225  Minuten,  also  bei  soweit  fortgesetzter  Bogenhalbirung 
fiel  der  Sinus  mit  dem  Bogen  zusammen,  war  ihm  an  Länge 
gleich,  sofern  man  es  bei  der  Genauigkeit  von  einer  Minute  bewenden 
Hess,  und  um  so  mehr  musste  diese  Gleichheit  für  noch  kleinere 
Bögen  und  deren  Sinus  stattfinden  d.  h.  es  musste  sin  a  =  «  sein, 
wofern  a  <C.  225'  war.  Damit  war  dem  Bogen  von  225'  oder,  wie 
wir  auch  sagen  können,  dem  96.  Theile  des  Kreisumfanges  eine  be- 
sondere Wichtigkeit  beigelegt,  welche  ihn  würdig  machte  durch  einen 
besonderen  Namen  ausgezeichnet  zu  werden.  Man  nannte  seinen  Sinus 
und  ihn  selbst  den  geraden  Sinus,  Icramajyä. 

Wenn  wir  uns  ausdrückten,  man  habe  vielleicht  von  sin  30''  aus- 
gehend durch  Bogenhalbirung  sin  225'=  225'  gefunden,  so  gebrauchten 
wir  dieses  einschränkende  Wort,  weil  möglicherweise  auch  der  um- 
gekehrte Weg  eingeschlagen  wurde.     Die  archimedische  Verhältniss- 

22 

zahl  —  war  gefunden  worden,  indem  man  das   96  eck    als   mit  dem 

umschriebenen    Kreise   nahezu   zusammenfallend   sich   dachte;    daraus 

360*         360** 
könnte  man  Veranlassung  genommen  haben,  auch  sin  -r—  =  --—  zu 

'-''-'  '  yb  yb 

setzen  und  zum  voraus  diese  Annäherung  als  genügend  zu  betrachten. 
Sei  dem  nun,  wie  da  wolle,  jedenfalls  spielte  von  nun  an  der 
Bogen  von  225'  wie  dessen  Vielfache  und  die  Sinus  derselben  in  der 
indischen  Trigonometrie  eine  Rolle,  deren  Wichtigkeit  zur  Genüge 
hervortreten  wird,  wenn  wir  sagen,  dieser  Bogen  bildete  die  Bogen- 
einheit  einer  Sinustabelle,  die  sich  von  3^*  45'  bis  90*^  in  24 
Werthen  erstreckte.  Die  Auffindung  der  Sinusse  der  durch  Zusammen- 
setzung von  Bögen  gebildeten  grösseren  Bögen  erfolgte  nach  ähn- 
lichen Methoden,  wie  Ptolemäus  sie  im  Almageste  gelehrt  hat.  Nach- 
dem die  Tabelle  gebildet  war,  erkannte  man  vermuthlich  empirisch 
das  Zahlengesetz,  dass 

sin  ((h  +  1)  225')  —  sin  {n  -  225')  =  sin  (n  •  225')  —  sin  ((«  -  1)  225') 

sin  (w  •  225') 
225 

war,  und  benutzte  nunmehr  diese  Interpolationsformel,  um  die  Tabelle 
selbst  jeden  Augenblick  herstellen  zu  können.  Bhaskara  ist  sogar 
bei  dieser  Tabelle  nicht  stehen  geblieben.  Er  hat  die  Sinusse  und 
Cosinusse  in  Bruchtheilen  des   Halbmessers   des  Kreises  angegeben : 


618  30.  Kapitel. 

•      onc         100  „c,;.,        466  .      .0  10  10        6568 

Sin  225  =  j^ ,       cos  225  =  ^^ ;        smV=^^,       cos  l''  =  ^^^ , 

wo  jedesmal  die  betreffenden  Theile  des  Halbmessers  gemeint  sind; 
er  hat  die  Berecbimng  einer  Sinustabelle  gelehrt,  deren  Bögen  von 
Grrad  zu  Grad  fortschreiten.  Damit  steht  vielleicht  eine  in  der  Lila- 
vati^)  mitgetheilte  Formel  in  Verbindung,  welche  die  Sehne  s  aus 
dem  Kreisumfange  P,  dem  Durchmesser  d  und  dem  Bogen  B  finden 

lehrt:   s  =  ^ — — ^^ ^ —  ,  eine  Formel,  deren  Ableitung  noch  nicht 

~F^-B{P-B) 

euträthselt  ist,  welche  aber  eine  ziemlich  genügende  Annäherung 
liefert. 

Trigonometrie  als  Berechnung  von  Dreiecksstücken  eines  be- 
liebigen Dreiecks  mit  Hilfe  von  Winkelfunktionen  scheinen  die  Inder 
nicht  gekannt  zu  haben.  Sie  führen  vielmehr  fast  alle  Aufgaben  auf 
ebene  und  zwar  auf  rechtwinklige  Dreiecke  zurück  und  konnten  so 
mit  ihren  planimetrischen  Kenntnissen  ausreichend  die  verschiedenen 
vorkommenden  Fragen  beantworten. 

Als  wesentlicher  Fortschritt,  den  die  Trigonometrie  in  Indien 
machte,  bleibt  darnach  das  übrig,  was  wir  oben  besprachen:  die 
Sinustabelle.  Die  Sehnen  waren  verdrängt  durch  ihre  Hälften.  Aber 
man  kann  fast  hinzusetzen,  dass  dieser  ungemein  glückliche  Wurf 
den  Indern  wie  durch  einen  Zufall  gelungen  ist,  denn  die  Tragweite 
der  vollzogenen  Abänderung  ergab  sich  nicht  ihnen,  sondern  erst 
ihren  Nachfolgern,  den  Arabern. 


')  Colebrooke  pag.  94,  §  213. 


VI.  Cliinesen. 


31.  Kapitel. 
Die  Mathematik  der  Chinesen. 

„Wissen,  dass  man  es  weiss,  von  dem  was  man  weiss,  und 
wissen,  dass  man  es  nicht  weiss,  von  dem  was  man  nicht  weiss, 
das  ist  wahre  Wissenschaft."  So  soll  Coufucius,  der  chinesische 
Weise,  dessen  Lebensdauer  von  551  bis  479  angesetzt  wird,  zu  seinen 
Schülern  gesagt  haben').  Von  China  selbst  dürfte  nach  dieser 
Definition  kaum  eine  Wissenschaft  möglich  sein,  denn  weder  was 
wir  über  dieses  Reich  wissen,  noch  was  wir  nicht  wissen,  ist  von 
Zweifel  befreit. 

Europäischer  Nachforschung  hat  man  mit  geringen  Ausnahmen, 
welche  sich  auf  Männer  bezogen,  die  keineswegs  mit  der  kritischen 
Vorbereitung  eines  Gelehrten  von  Fach  ausgerüstet  waren,  zu  allen 
Zeiten  Hindernisse  in  den  Weg  zu  legen  gewusst.  Was  uns  über 
Chinas  Vergangenheit  erzählt  wird,  stammt  ausschliesslich  von  der 
Benutzung  chinesischer  Quellen  durch  Chinesen  her.  Der  Chinese 
aber  liebt  das  Alte.  Seine  Anhänglichkeit  an  dasselbe  geht  so  weit, 
dass  er  Neuerungen,  wo  möglich,  als  Rückkehr  zu  Altem  und 
Aeltestem  darstellt,  und  wenn  ein  anderer  Ausspruch  des  Confucius, 
er  habe  neue  Schriften  nicht  verfasst,  er  habe  nur  die  Alten  geliebt, 
erläutert  und  verbreitet"),  vielleicht  der  persönlichen  Bescheidenheit 
des  Redners  entstammt,  so  ist  jedenfalls  von  Anderen  diese  Auf- 
fassung dahin  überboten  worden,  dass  sie  für  alt  ausgaben,  was 
durchaus  neuen  und  neuesten  Datums  war. 

So  gibt  es  kaum  eine  Erfindung,  welche  nicht  mit  dankbarer, 
vielleicht  häufig  ganz  unbegründeter  Erinnerung  an  bestimmte  Per- 
sönlichkeiten eines  längst  entschwundenen  Alterthums  geknüpft  wird. 
Die  Schrift,  nach  der  Ansicht  einer  Gelehrtenschule  in  namenlose 
Vorzeit  hinaufreichend,  soll  nach  der  Ansicht  einer  zweiten  Schule 
von  Kaiser  Fu  hi    um    2852  v.  Chr.    herrühren,    und    ein    fürstlicher 

^)  Paul  Perny,  Graynniaire  de  la  langue  chinoise  orale  et  ecrite.  Paris. 
T.  I,  1873.  T.  II,  1876.  Der  hier  citirte  Ausspruch  II,  24.3,  Note  I.  ^)  Peruy 
II,   263. 


622  31.  Kapitel. 

Gelehrter  Prinz  Huäy  nän  tse  gibt  (189  v.  Chr.)  gar  an,  die  Schrift 
sei  durch  Tsang  kie,  den  Minister  des  Kaisers  Huang  ti  2637  v.  Chr. 
auf  Befehl  des  Kaisers  erfunden  worden')'  Auf  Fü  hl  wird  auch 
das  dekadische  Zahlensystem  zurückgeführt"),  welches  er  abgebildet 
auf  dem  Rücken  eines  aus  den  Fluthen  des  gelben  Stromes  auf- 
tauchenden Drachenpferdes  sah  und  dessen  Bedeutung  erkannte.  Die 
chinesische  Tusche  soll  unter  Kaiser  Oü  wäug  1120  v.  Chr.  schon 
bereitet  worden  sein"^).  Confucius  soll  sich  zum  Schreiben  damit 
eines  Pinsels  aus  Antilopenhaar  bedient  haben,  während  Pinsel  aus 
Hasenhaar  durch  Möng  tien  246  v.  Chr.  erfunden  wurden,  einen 
General,  welcher  auch  eine  Art  von  Papierbereitung  lehrte  und  zu- 
gleich die  Aufsicht  über  die  Erbauung  der  chinesischen  Mauer  führte, 
eine  Vereinigung  von  Thatsachen,  in  welcher  wir  fast  eine  Ironie 
der  Geschichte  zu  erkennen  geneigt  sind.  Wir  würden  noch  anderen 
eben  so  glaubhaften  oder  unglaubwürdigen  Nachrichten  begegnen, 
wenn  wir  weiter  griffen.  Wir  wollen  lieber  an  der  Hand  chinesischer 
Quellen  einen  Blick  auf  die  Geschichte  des  Reiches  der  Mitte  werfen''). 
Wilde  Jäger  waren  die  Ureinwohner  Chinas.  Zu  ihnen  wanderte 
zwischen  dem  XXX.  und  XXVII.  S.  von  Nordwesten  her  das  „Volk 
mit  schwarzen  Haaren"  ein,  Hirten,  die  sich  bald  dem  Landbau  wid- 
meten und  eine  gewisse  Kultur  schon  mit  sich  brachten.  Sie  hatten 
ein  Wahlkaiserthum,  welches  bis  um  2200  währte.  Nun  folgten  in 
meistens  lang  am  Ruder  bleibenden  Erbfolgen  verschiedene  Dynastien. 
Die  Dynastie  Hin  regierte  500  Jahre.  Sie  wurde  von  der  Dynastie 
Chang  gestürzt,  diese  um  1122  durch  die  Dynastie  der  alten  Tcheöu 
entthront.  Die  Tcheöu  waren  ein  Stamm,  der  unter  den  Chang  von 
der  alten  Gemeinschaft  sich  trennte  und  westlich  sich  ansiedelte. 
Dort  erstarkten  sie  so  weit,  dass  seit  1200  Kämpfe  zwischen  ihnen 
und  den  Unterthanen  der  Chang  begannen,  die  in  dem  genannten 
Jahre  1122  mit  der  Ersetzung  des  letzten  Chang-Kaisers  Cheou  sin 
durch  Oü  wäng  endigten.  So  wurde  dieser  letztere  Kaiser  aller 
wieder  vereinigten  Stämme  und  gab  ihnen  ein  neues  Gesetzbuch,  den 
Tcheöu  ly,  welchen  sein  Bruder  Tcheöu  kong  verfasst  haben  soll, 
während  eine  andere  Sage  den  Tcheöu  ly  wenige  Jahre  später  (1109) 
im  sechsten  Regieruugsjahre  von  Then  wäng  entstanden  sein  lässt''). 
Die  Dynastie  der  Tcheöu  blieb  im  Besitze  der  kaiserlichen  Macht 
bis  221,  also  volle  900  Jahre. 


')  Perny  II,  2 — 4,  7,  9.  ^)  Biernatzki,  Die  Arithmetik  der  Chinesen 
in  Grelles  Journal  für  reine  und  angewandte  Mathematik  (1856).  LH,  59—94. 
Die  hier  angezogene  Stelle  auf  S.  92.  '^}  Perny  II,  92.  ■»)  Unsere  Quelle  war 
namentlich  die  Einleitung  des  zweibändigen  Werkes:  Le  Tcheöu  Ly  ou  riles  de 
Tchtou  traduit  par  Ed.  Biot.     Paris,  1851.       ^)  Perny  II,  303. 


I 


Die  Mathematik  der  Chinesen.  623 

In  diese  lange  Periode  fällt  eine  Einwanderung  von  vielleicht 
hodiv^ichtigem  Einflüsse  auf  die  chinesische  Kultur.  Eine  jüdische 
Kolonie  liess  sich  jedenfalls  im  VI.  S.  in  China  nieder'),  also  etwa 
zur  Zeit,  die  kurz  vor  die  Geburt  des  Confucius  fällt,  die  etwa  die 
Blüthezeit  eines  andern  chinesischen  Weisen  Laö  tse  war,  welcher 
604 — 523  gelebt  hat.  Bei  Laö  tse,  von  welchem  übrigens  auch  weite 
Reisen  nach  Westen,  vielleicht  bis  Assyrien,  erzählt  werden,  findet 
sich  muthmasslich  eine  Spur  der  Berührung  mit  diesen  Einwanderern 
in  dem  dreieinigen  Namen  Y  hy  wy,  welche  er  dem  Taö,  d.  h.  dem 
höchsten  Wesen,  beilegt  und  in  welchem  man  Jehovah,  den  der  war, 
ist  und  sein  wird,  hat  erkennen  wollen. 

Auf  die  Tcheöu  folgt  Tsiu  sehe  huäng  ty,  der  sich  durch  eine 
Anordnung  aus  dem  Jahre  213  v.  Chr.  den  Beinamen  des  Bücher- 
verbrenners  verdiente-).  Ob  er  nur  eine  neue  Schrift  allgemein 
einführen  wollte,  um  der  wachsenden  Verwirrung  ein  Ende  zu  machen, 
die  darin  ihren  Ursprung  hatte,  dass  allmälig  die  allerverschiedensteu 
Verschnörkelungen  der  Schriftzeichen  Eingang  gewonnen  hatten,  ob 
er,  was  dem,  der  der  Gründer  eines  neuen  Herrschergeschlechtes  zu 
werden  beabsichtigt,  weit  ähnlicher  sieht,  alles  vernichtet  wissen 
wollte,  was  auf  die  frühere  Geschichte  sich  bezog,  damit  nicht  der 
Geschmack  der  Alten  über  die  neueren  Einrichtimgen  ein  Verdam- 
mmigsurtheil  spreche  oder  gar  die  Staatskunst  des  Kaisers  tadle, 
jedenfalls  wurde  der  Befehl  des  Kaisers  vollzogen,  so  genau  es  mög- 
lich war,  und  Stösse  von  zusammengehefteten  Bambusbrettchen  mit 
eingeritzten  Schriftzeichen,  die  Bücher  der  alten  Chinesen,  wurden 
den  Flammen  überantwortet. 

Der  Kaiser  starb  211.  Seinem  Geschlecht  verblieb  die  Regierung 
nicht.  Die  Dynastie  der  Han  folgte  197,  und  der  ihr  angehörige 
Hoei  ti  hob  191  das  Verbrennungsedikt  wieder  auf.  Ja  unter  einem 
der  nächsten  Regenten  dieses  Hauses  Hiao  wen  ti  170 — 156  suchte 
man  nach  Werken,  welche  der  Vernichtung  entgangen  waren,  und 
fand  solche  in  ziemlicher  Menge.  Bruchstücke  des  Tcheou  ly  sollen 
damals  entdeckt  und  der  kaiserlichen  Büchersammlung  einverleibt 
worden  sein,  welche  sodann  zwischen  32  und  6  v.  Chr.  durch  den 
gelehrten  Minister  Lieou  hin  noch  interpolirt  wurden,  um,  wie  es 
heisst,  gewissen  damals  zu  treffenden  Einrichtungen  den  Stempel 
hohen  Alters  aufzudrücken.  Die  Dynastie  der  Han  ging  223  n.  Chr. 
zu  Ende. 

Wieder  haben  wir  ein  für  chinesische  Kulturverhältnisse  ungemein 


')  Perny  II,  2G5,  305,  312.        ^)  Vergl  Tcheöu  ly  I,  pag.  XIII  flgg.  mit 
Perny  II,  34—36. 


624  31.  Kapitel. 

bedeutsames  Ereigniss  aus  dieser  Zeit  zu  erwähnen.  Im  Jahre  61 
n.  Chr.  fand  der  in  Indien  verfolgte  Buddhismus  in  China  Eingano-, 
wo  er  insbesondere  unter  der  niederen  Bevölkerung  sich  unaufhalt- 
sam und  mit  so  dauerndem  Erfolge  verbeitete,  dass  noch  jetzt  die 
grosse  Masse  der  etwa  500  Millionen  Menschen,  welche  chinesisch 
reden,  ihm  anhängt. 

Es  kann  unsere  Aufgabe  nicht  sein  auch  nur  skizzenhaft  der 
nun  folgenden  Dynastien  zu  gedenken.  Höchstens,  dass  wir  erwähnen 
wollen,  wie  unter  den  Sung  im  Jahre  1070  ein  politisch-literarischer 
Streit  an  eine  Auslegmig  sich  knüpfte,  welche  Waug  ngan  chi,  der 
Minister  des  Kaisers  Chin  tsong,  einigen  Stellen  des  Tchedu  ly  gab. 
Damals  ging  man  so  weit  die  Ursprüuglichkeit  jenes  Werkes  völlig 
zu  leugnen  und  es  für  eine  Fälschung  des  Lieou  hin,  also  etwa  aus 
den  drei  letzten  Jahrzehnten  vor  dem  Beginne  der  christlichen  Zeit- 
rechnung, zu  erklären.  Dass  man  nicht  einen  noch  späteren  Zeit- 
punkt für  das  unterschobene  Werk  annahm,  war  wohl  vorzugsweise 
in  der  Lebenszeit  der  Commeutatoren  des  Tcheou  ly  begründet.  Man 
kannte  damals  hauptsächlich  drei  solcher  Commentatoren:  Tching  tong 
dem  I.  S.  n.  Chr.,  Tchin  khang  tching  dem  II.  S.,  Kiu  kong  yen  dem 
VIII.  S.  angehörig,  von  welchen  insbesondere  der  zweite  zur  Siche- 
rung des  Originals  seit  seinem  Leben  dienen  konnte,  weil  sein  Com- 
mentar  über  das  ganze  Werk  fortläuft  und  stete  Vergleichungen  mit 
den  Sitten  und  Regeln,  mit  den  Würden  und  Obliegenheiten  seiner 
Zeit  anstellt^).  Hundert  Jahre  nach  jenem  Streite  trat  ein  vierter 
Commentator  Wang  tchao  yu  hinzu,  und  nun  am  Ende  des  XII.  S. 
verfocht  auch  der  gelehrte  Tchu  hi  wieder  die  volle  Echtheit  des 
Tcheöu  ly. 

Auf  die  Sung  folgte  ein  fremdes  Herrschergeschlecht.  Mongolen 
drangen  in  China  ein  und  gaben  dem  Reiche  eine  Dynastie,  welche 
1275  — 1368  den  Kaiserthron  besetzt  hielt,  bis  sie,  die  sogenannte 
Dynastie  Yuen,  verdrängt  wurde  durch  die  einheimische  Dynastie 
Ming  1368  — 1644.  Im  Gefolge  der  Mongolen  kamen,  wie  mit  Be- 
stimmtheit bekannt  ist,  arabische  Gelehrte  an  den  Kaiserhof  von 
China,  ihre  wieder  ganz  anders  geartete  Wissenschaft  mit  sich  führend, 
freilich  nicht  die  ersten  Araber,  welche  in  China  erschienen,  denn 
schon  615  n.  Chr.,  713,  726,  756,  798  waren  arabische  Gesandt- 
schaften dorthin  gelangt,  das  heisst  Handeltreibende,  deren  Anführer, 
um  mehr  beachtet  und  geachtet  zu  sein,  sich  als  Abgeordnete  des 
Herrschers  der  Araber  aufspielten.  Der  Name,  unter  welchem  die 
Araber  erwähnt  werden,  ist  Ta  schi,  das  ist  Täzy,  der  persische  Name 

1)  Tcheöu  ly  I,  pag.  LX— LXI. 


Die  Mathematik  der  Chinesen.  625 

derselben').  In  die  Mougolenzeit  fallen  auch  die  Reisen  des  Vene- 
tianers  Marco  Polo,  dessen  Berichte  bei  der  1295  erfolgten  Heim- 
kehr auf  unverdienten  Unglauben  stiessen.  Erst  unter  der  Ming- 
dynastie  suchten  andere  Europäer  dem  Beispiele  des  Wundermannes, 
der  von  seinem  Umsichwerfen  mit  grossen  Zahlen  oder  von  seinen 
Reichthümern  den  Beinamen  Messer  Millione  erhalten  hatte,  zu  folgen 
und  in  das  schwer  zugängliche  Reich  einzudringen. 

Dem  Jesuitenmissionar  Matthias  Ricci  gelang  es  1583  zuerst 
Zugang  zu  finden  und  in  seinem  Unternehmen,  das  Christenthum  zu 
predigen,  nennenswerthe  Erfolge  zu  erreichen.  Er  machte  sich  zu- 
gleich auch  als  tüchtiger  Astronom  am  Kaiserhofe  geltend,  so  dass 
ihm,  bis  er  1620  China  wieder  verliess,  die  Leitung  des  Kalender- 
wesens übertragen  wurde,  eine  früher  in  China  erbliche  Würde,  und 
von  nun  an  blieb  China  ein  der  katholischen  Mission  geöfihetes  Land, 
so  dass  dieselbe  mehr  und  mehr  erstarkte,  so  dass  Missionsprediger 
Kenntnisse  genug  von  Land  und  Leuten,  von  Sprache  und  Schrift 
sich  erwarben,  um  in  umfangreichen  Werken  davon  handeln  zu  können, 
um  auch  ihrerseits  den  Chinesen  europäische  Wissenschaft  mitzu- 
theilen.  Wissen  wir  doch,  dass  Julius  Aleni,  der  von  1613  bis 
zu  seinem  1649  eintretenden  Tode  in  China  verweilte,  in  der  Landes- 
sprache einen  Auszug  aus  den  Elementen  des  Euklid  und  eine  prak- 
tische Geometrie  verfasste").  Jean  Fran9ois  Gerbillon  löste  ihn 
ab  1686 — 1707,  in  welchem  Jahre  er  in  Peking  starb.  Er  verfasste 
eine  Geometrie  nach  Euklid  und  Archimed  in  chinesischer  und  in 
tartarischer  Sprache"^).  Das  änderte  sich  auch  nicht  als  die  Maudschu, 
erst  mit  den  Chinesen  in  Krieg  verwickelt  und  zurückgeschlagen, 
von  einer  der  in  C'hina  nicht  seltenen  Gegenregierungen,  die  in  China 
gegen  den  Kaiser  sich  erhob,  zu  Hilfe  gerufen  wurden,  und  ein 
Maudschu  Schun  tchi  nach  mehrjährigen  Kämpfen  1647  die  noch 
jetzt  vorhandene  Dynastie  der  Tsiug  gründete.  Unter  dieser  Dynastie, 
insbesondere  unter  Kaiser  Kang  hi,  wurde  vielmehr  das  Verhältniss 
zwischen  dem  Kaiserhofe  und  den  Missionären  ein  immer  engeres. 
Schon  unter  Kang  hi's  Vorgänger  war  Adam  Schaal  aus  Köln, 
gleich  Ricci,  Aleni  und  Gerbillon  Mitglied  des  Jesuitenordens,  gleich 
ihnen  Astronom  und  Missionär,  in  China  ansässig  geworden.  Nun 
folgte  ein  fünfter  Jesuit,   der  Holländer  Ferdinand  Verb  lest,   den 


')  B  retschnei  der,  On  the  hnowledge  possessed  by  the  Chinese  of  the  Arabs 
and  Arabian  Colonies.  London,  1871,  und  A,  v.  Kremer,  Culturgeschichte  des 
Orients  II,  280.  Wien,  1877.  -)  Cartegcjio  inedito  di  Ticonc  Bralie,  Giovanni 
Keplero  etc.  con  Giovanni  Antonio  Magini  puhhlicato  cd  ilhistrato  da  Antonio 
Favaro.  Bologna,  1886.  pag.  108  Note  4.  ^)  Poggendorff,  Biographisch- 
literarisches Handwörterbuch  zur  Geschichte  der  exacten  Wissenschaften  I,  877. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik  I.     2.  ÄuÜ.  40 


626  31.  Kapitel. 

Kaiiff  hi  zum  Präsidenten  des  Collegiums  für  Astronomie  ernannte, 
derselbe  Kang  hi,  der  in  mannigfachster  Weise  seine  Liebe  für  Wissen- 
schaft bethätigte  und  z.  B.  ein  Wörterbuch  der  damals  vorhandenen 
Schriftzeichen  anfertigen  Hess,  welches  in  32  Bänden  42  000  Zeichen 
enthält').  Es  folgten  im  XVIII.  S.  Männer  wie  Pater  Premare, 
Pater  Gaubil,  deren  Werke  für  die  Kenntniss  Chinas  unentbehrlich 
geworden  sind,  wenn  ihnen  auch  anhaftet,  was  wir  zu  Anfang  dieses 
Kapitels  angedeutet  haben,  dass  sie  den  Erzählungen  chinesischer 
Berichterstatter  und  chinesischer  Bücher  ein  allzubereites  Ohr  zu 
leihen  liebten.  Am  Anfange  des  XIX.  S.  erfolgte  ein  Umschlag,  als 
1805  die  katholische  Mission  eine  Landkarte  einer  chinesischen  Pro- 
vinz nach  Rom  zu  schicken  wagte.  Das  alte  Misstrauen,  die  alte 
Feindschaft  gegen  die  Fremden  erwachte,  welche  kaum  durch  die 
englischen  und  französischen  Waffen  zu  Ende  der  fünfziger  Jahre 
gebändigt,  sicherlich  nicht  vernichtet  worden  ist. 

Der  Ueberblick,  welchen  wir,  selbstverständlich  auf  Quellenwerke 
zweiter  Hand  allein  uns  stützend,  hier  gegeben  haben,  soll  uns  mehr- 
fache Zwecke  erfüllen.  Er  soll  uns  gestatten  im  Verlaufe  dieses 
Kapitels  der  Dynastien  als  Zeitbestimmungen  uns  zu  bedienen.  Er 
soll  zweitens  in  ein  helles  Licht  setzen,  dass  die  Kultur  des  Reiches, 
mit  welchem  wir  uns  zu  beschäftigen  haben,  doch  nicht  so  sehr 
gegen  auswärtige  Einflüsse  abgeschlossen  war,  als  man  in  gebildeten 
Kreisen  Europas  zu  wähnen  pflegt,  dass  vielmehr  in  dem  Zeitraum, 
welcher  mit  dem  VL  vorchristlichen  Jahrhundert  beginnt,  der  Reihe 
nach  jüdisch-babylonische,  dann  indische,  dann  arabische,  dann  euro- 
päische Wissenschaft  die  Gelegenheit  hatte  in  China  einzudringen, 
eine  Gelegenheit,  welche  kaum  jemals  unbenutzt  verlaufen  sein  mag. 
Er  soll  drittens  uns  bemerklich  machen,  dass  den  chinesischen  Zeit- 
angaben für  schriftstellerische  Ueberreste  nicht  immer  Glaube  beizu- 
messen ist,  dass  es  häufig  absichtliche  Rückverlegungen  sind,  von 
Chinesen  selbst  wenigstens  im  Eifer  gelehrter  Streitigkeiten  als  solche 
verunglimpft  und  ihres  Ansehens  für  unwürdig  erklärt. 

Steht  es  doch  um  die  Glaubwürdigkeit  chinesischer  Berichte 
überhaupt  nicht  sonderlich,  und  ohne  auf  Gründe  psychologischer 
Art  uns  einzulassen,  die  man  weder  behaupten  noch  verwerfen  sollte, 
ohne  sich  auf  eigne  Kenntniss  des  betreffenden  Volkscharakters 
stützen  zu  können,  wollen  wir  nur  ein  Moment  hervorheben:  das  ist 
die  buddhistische  Neigung  zur  Anwendung  grosser  Zahlen,  welche 
in  China  ihren  Gipfelpunkt  erreichte  und  in  dem  Namen   Sand   des 


')  Stanisl.  Julien  in  dem  Journal  Äsiatique  vom  Mai  1841.     3ieme  serie 
XI,  402. 


1 


Die  Mathematik  der  Chiuesen.  627 

Ganges,    heiig  ho  cha,    welcher   dem   10''^  beigelegt  wurde^),    ihren 
Ursprimg  deutlich  an  den  Tag  legt. 

Man  könnte  ferner  aus  dem  Umfange  vorhandener  chinesischer 
Encyklopädien  den  Rückschluss  ziehen,  dass  viel  Unwahres  in  den- 
selben mit  in  Kauf  genommen  werden  muss.  Wemi  uns  gesagt  wird, 
dass  eine  solche  Encyklopädie,  welche  den  Namen  Yim  lo  tä  tien 
führt,  aus  beinahe  15  000  Bänden  bestehe^),  so  kann  uns  das  schon 
ein  Kopfschütteln  entlocken.  Wenn  nun  aber  gar  eine  neue  Ency- 
klopädie,  zu  deren  Herstellung  Kaiser  Kien  long  den  Befehl  gab,  auf 
160000  Bände  veranschlagt  worden  ist,  von  welchen  über  100  000 
bereits  vollendet  seien  ■^),  so  ruft  diese  Mittheilung  in  uns  persönlich 
keineswegs  das  Gefühl  demüthiger  Bewunderung  hervor,  welches  den 
Berichterstatter  offenbar  durchdringt.  Wir  kommen  vielmehr  selbst 
unter  Beschränkung  der  Stärke  der  Bände  auf  das  Geringfügigste 
und  unter  Ausdehnung  der  durch  Blumenreichthum  der  Sprache  trotz 
der  ungemein  raumsparenden  Wortschrift  erzielten  Raumverschwen- 
dung auf  das  Unerträglichste  nur  zu  dem  einen  Gedanken:  Wie  viel 
muss  in  einer  solchen  Encyklopädie  unwahr  sein,  da  für  ein  Volk, 
welches  seinen  Stolz  darein  setzt  um  das  Ausland  sich  nicht  zu 
kümmern,  so  viel  Wahres  gar  nicht  vorhanden  sein  kann. 

Wir  werden  freilich,  trotz  dieser  Bekenntniss  unserer  ungläubigen 
Voreingenommenheit,  getreulich  wieder  berichten,  was  aus  ver- 
schiedenen chinesischen  Werken  für  die  Geschichte  der  Mathematik 
bei  jenem  Volke  ermittelt  worden  ist,  überall  so  weit  als  möglich 
der  Zeitangabe  folgend,  welche  die  Chinesen  selbst  liefern,  aber  wir 
verargen  es  keinem  unserer  Leser,  wenn  ihn  die  erheblichsten  Zweifel 
an  unsere  Gewährsmänner  erfüllen  sollten.  Man  wird  es  um  so  be- 
greiflicher finden,  dass  wir  europäischer  Uebertreibungen,  die  chine- 
sischer als  die  Chinesen  selbst  der  Sternkunde  jenes  Volkes  ein 
Alter  von  18  500  Jahren  beilegen  wollen,  nur  mit  diesem  einen 
Worte  gedenken*). 

Einem  Minister  des  Kaisers  Huang  ti,  welcher  2637  v.  Chr.  re- 
gierte, wurde,  wie  wir  (S.  622)  gesehen  haben,  nach  einem  Berichte 
die  Erfindung  der  Schrift  beigelegt.  Ein  anderer  Minister  desselben 
Kaisers,   Cheöu  ly,  wird   als   Erfinder  des  Rechenbrettes,   swän  pdn, 

')  Ed.  Biot,  Table  generale  d'un  ouirage  chinois  intituU  Souan-fatong-tsori 
ou  Colleetion  des  rcgles  du  ealcul  im  Journal  Äsiatique  vom  März  1839  Sieme 
Serie,  VII,  195.  ^)  Perny  I,  10.  '')  Ebemla  II,  7.  *)  G.  Schlegel,  Urano- 
graphie  chinoise.  Wir  selbst  kennen  das  Werk  nur  aus  den  dessen  Tendenz 
ablehnenden  Recensionen  von  Jos.  Bertrand  {Journal  des  Savans  1875)  und 
von  S.  Günther  (Vierteljahrsschrift  der  Astronomischen  Gesellschaft,  XII.  Jahr- 
gang, Heft  1). 

40* 


628  31.  Kapitel. 

genannt^),  und  unter  ebendemselben  soll  das  erste  aritlimetisclie 
Werk,  die  neun  arithmetischen  Abschnitte,  Kicou  tschang,  ver- 
fasst  worden  sein'-),  welches  in  fast  allen  nachfolgenden  arithme- 
tischen Werken  als  die  erste  Grundlage  der  Wissenschaft  des 
Rechnens  genannt  wird,  und  welches  schon  Tcheou  kong,  von 
welchem  noch  nachher  die  Rede  sein  wird,  um  1100  v.  Chr.  im 
Auge  gehabt  haben  soll  bei  einer  Vorschrift^):  die  Söhne  der  Fürsten 
und  des  hohen  Adels  in  den  sechs  Künsten  zu  unterweisen,  nämlich 
in  den  fünf  Klassen  gottesdienstlicher  Gebräuche,  in  den  sechs  ver- 
schiedenen Arten  der  Musik,  in  den  fünf  Regeln  für  Bogenschützen, 
in  den  fünf  Vorschriften  für  Wagenlenker,  in  den  sechs  Anweisungen 
zum  Schreiben  und  endlich  den  neun  Methoden  mit  Zahlen  zu  rechnen. 
Wieder  Huäng  ti  ist  es,  dem  die  Einführung  eines  (jOjährigen  Cyklus 
nachgerühmt  wird^). 

Zum  besseren  Verständniss  dieser  Berichte  müssen  wir  Einiges 
hier  einschalten.  Die  Chinesen  theilen  ihre  Zeit  nach  den  Grund- 
zahlen 12  und  10  ein.  Zwölf  Stunden  bilden  ihnen  den  Tag,  und 
der  Zehn  bedienen  sie  sich  zur  höheren  Zeiteintheilung''),  nachdem 
eine  in  den  heiligen  Schriften  vorkommende  siebentägige  Zeitgruppe 
wieder  verloren  gegangen  ist^).  Aus  den  beiden  Grundzahlen  12 
und  10  vereinigt  soll  nun  die  Zahl  60  jener  Jahrescyklen  entstanden 
sein.  Jedes  der  60  Jahre  hat  seinen  besonderen  Namen,  das  erste 
kiä,  das  zweite  tse  u.  s.  w.,  weshalb  der  ganze  Cyklus  kia  tse  ge- 
nannt wird.  Die  auf  einander  folgenden  Namen  dieser  Jahre  weiss 
jeder  Chinese  auswendig,  und  er  sägt  daher  über  sein  Alter  befragt 
ohne  weiteres:  ich  bin  in  dem  so  und  so  genannten  Jahre  des  gegen- 
wärtigen oder  des  vergangenen,  des  vorvergangenen  Cyklus  geboren. 
Eine  anderweitige  Anwendung  dieser  Namen  bietet  die  Geometrie, 
indem  die  einzelnen  Punkte  einer  Figur  durch  sie  unterschieden 
werden,  in  derselben  Weise  wie  Griechen  imd  Römer  es  durch  die 
Buchstaben  ihres  Alphabetes  zu  erreichen  wussten. 

Wir  haben  ferner  vom  Rechenbrette  swan  pän  gesprochen^). 
Von  demselben  handelt  der  swan  fä  töng  tsöng  in  6  Bänden  von  je 
2  Büchern.  Der  Swan  pän  besteht  aus  in  einen  Rahmen  einge- 
spannten Drähten,  welche  insgesammt  durch  einen  Querdraht  in  zwei 
Abtheilungen  zerfallen,  deren  kleinere  2,  deren  grössere  5  Kugeln 
trägt,    also   abgesehen   von    einer    sehr    überflüssigen  Kugel  in  jeder 


')  Perny  I,  108.  «)  Biernatzki  1.  c.  S.  62.  ^)  Ebenda  S.  67.  *)  Ebenda 
S.  62.  ^)  Perny  I,  104.  ^)  Ebenda  I,  107.  ')  Abbildungen  desselben  bei 
Dubalde,  Ausluhrliche  Beschreibung  des  chinesischen  Reiches  und  der  grossen 
Tartarei,  übersetzt  von  Mosheiui.  Rostock,  1747,  Bd.  III,  S.  350,  und  bei 
Perny  I,   108. 


Die  Mathematik  der  Chinesen.  629 

eiiizehien  Abtheiluiig  genau  in  der  Weise  hergerichtet  sincl^  wie  wir 
den  Abaeus  der  Römer  (S.  493)  bescliriebeu  haben.  Die  meisten 
Swän  päns  besitzen  10  Drähte.  Es  soll  auch  solche  von  15  und 
mehr  Drähten  geben.  Einem  Zeichnungsfehler  dürfen  wir  es  viel- 
leicht zuschreiben,  wenn  eine  Abbildung  nur  9  Drähte  aufweist^), 
während  wir  allerdings  selbst  der  Ausnahmsbildung  eines  echt  chine- 
sischen Swän  pän  mit  11  Drähten  begegnet  sind^).  Wie  ausnahms- 
los die  Chinesen  sich  ihres  Swän  pän  bedienten,  ist  schon  daraus  zu 
entnehmen,  dass  in  den  Lehrbüchern  der  eigentlichen  Rechenkunst 
über  Addition  und  Subtraktion  gar  keine  Vorschriften  gegeben  sind''), 
doch  wohl  nur,  weil  man  diese  Rechnungsarten  mit  der  Hand  und 
nicht  im  Kopfe  auszuführen  gewohnt  war.  Für  das  Multipliziren 
imd  Dividiren  sind  dagegen  Regeln  vorhanden.  Ersteres  beginnt  bei 
der  Vervielfachung  der  grössten  Zahlentheile,  letztere  wird  durch 
wiederholte  Subtraktion  ausgeführt. 

Da  auch  unter  Huäng  ti  die  Anwendung  der  Schrift  auf  arith- 
metische Dinge  uns  erwähnt  wird,  so  müssen  wir  hier  von  der 
Zahlenschreibung  bei  den  Chinesen  reden.  Wir  dürfen  dabei 
wohl  zweierlei  als  bekannt  voraussetzen:  erstens  dass  die  chinesische 
Sprache  der  Beugungsformeu  durchaus  entbehrt,  so  dass  alle  syn- 
taktischen Beziehungen  der  Wörter  eines  Satzes  zu  einander  nur 
durch  die  gegenseitige  Stellung  sowie  durch  eigens  dazu  vorhandene 
Partikeln  ausgedrückt  werden  müssen,  zweitens  dass  die  Schrift  der 
Chinesen  keine  Lautschrift  oder  Silbenschrift,  sondern  eine  ursprüng- 
lich bildliche  ßegriffsschrift  ist,  deren  Zeichen  cursiv  geworden  und 
ihrer  ursprünglichen  Gestalt  entfremdet  nunmehr  aus  214  Schlüsseln^) 
durch  das  reichhaltigste  Verbindungsverfahren  hergestellt  werden 
können.  So  wuchs  die  Anzahl  chinesischer  Zeichen  bis  auf  die 
42  000  des  Wörterbuches  Kaisers  Kang  hi,  während  freilich  die  vier 
sogenannten  klassischen  Bücher  der  Chinesen  nicht  mehr  als  die 
Keuntniss  von  2400  Zeichen  von  ihrem  Leser  verlangen^).  Das  sind 
immer  noch  viel  mehr  als  eigentliche  chinesische  Stammwörter  vor- 
handen sind,  deren  mau  neuerdings  304  zählt,  welche  sich  durch 
verschiedenartige  Betonung  auf  1289  erheben*'),  aber  naturgemäss 
weitaus  nicht  hinreichen  jedem  Begriffe  ein  eigenes  Wort  zuzuwenden, 
so  dass  20,  ja  30  chinesische  Schriftzeichen  durch  dasselbe  Wort 
ausgesprochen    werden,    beziehungsweise    dass    man    dasselbe    Wort, 


^)  Perny  I,  109  und  110.  ")  Das  lldräthige  Exemplar  gehört  der  ethno- 
graphischen Sammlung  des  Missionshauses  in  Basel  an.  ^)  Biernatzki  S.  72. 
*)  Perny  H,  103.  *)  Stanisl.  Julien  im  Journal  Asiatique  vom  Mai  1841, 
pag.  402.     ^)  Perny  I,  34— y 6. 


530  ^1-  Kapitel. 

weil  es  20  bis  30  Bedeutungen  besitzt,  bald  so  bald  so  zu  schreiben 
übereingekommen  ist. 

Diese  Armutb  der  Sprache  nöthigte  nun  bei  den  Zahlwörtern 
Verbindungen  weniger  Elemente  eintreten  zu  lassen,  imd  die  Elemente 
wurden  nicht  anders  als  wie  bei  den  übrigen  Völkern  gew'ählt,  denen 
wir  bisher  unsere  Aufmerksamkeit  zuwandten:  das  Zehnersystem  der 
Zahlbildung  ist  auf  das  Folgerichtigste  festgehalten.  Der  Mangel  an 
jeglicher  Beugung  Hess  ja  nicht  einmal  Wortverschmelzungen  wie 
z.  B.  unser  dreissig  zu;  die  Wortelemeute  drei  und  zehn  mussten 
unverändert  sich  zusammensetzen.  Eben  dieselben  Wortelemente 
mussten  zu  der  Bildung  des  Zahlwortes  dreizehn  ausreichen,  und  so 
ergab  sich  für  die  Chinesen  als  sprachnothwendig,  was  überall  sonst 
mehr  oder  weniger  Willkür  war:  man  musste  je  nachdem  der  Name 
einer  kleineren  Zahl  dem  einer  grösseren  voranging  oder  folgte  bald 
multiplikativ  bald  additiv  verfahren,  und  vermöge  des  Gesetzes  der 
Grössenfolge,  welches  dem  des  Zehnersystems  im  Allgemeinen  noch 
vorgeht,  ergab  sich  die  Regel  von  selbst  aus  säu  =  3  und  che  =  10 
additiv  che  sän  ==10-|-3=^13,  multiplikativ  sän  che  ==  3  X  10  =  30 
zu  bilden.  Die  Schrift  hat  nun  bei  den  Chinesen  dieselbe  Methode 
festgehalten.  Sie  unterscheidet  sich  freilich  von  der  dem  Europäer 
geläufigen  Reihenfolge  insofern  als  der  Chinese  seine  Wörter  von 
oben  nach  unten  zu  Zeilen,  die  Zeilen  von  rechts  nach  links  zu  Seiten 
vereinigt^),  aber  diese  Anordnung  als  bekannt  vorausgesetzt  schreiben 
sich  die  Zahlwörter  in  der  That  so,  wie  es  eben  angedeutet  wurde 
(die  Zahlzeichen  und  Beispiele  vergleiche  auf  der  am  Schlüsse  des 
Bandes  beigefügten  Tafel).  Es  gibt  allerdings  Wörter  und  Zeichen, 
welche  noch  weit  über  10000,  ja  über  das  multiplikativ  herstellbare 
10  000  mal  10000  sich  erheben  —  wir  haben  vorher  in  10'"^  ein 
überzeugendes  Beispiel  davon  kennen  gelernt  —  aber  eben  jenes  Bei- 
spiel mit  seinem  Ursprungszeugnisse  an  der  Stirne  lässt  vermuthen, 
was  berichtet  wird,  dass  die  altchinesische  Gewohnheit  nicht  über 
10  000  als  höchste  einfache  Rangordnung  sich  erhob.  Eine  Bestäti- 
gung liefert  die  früher  von  uns  (S.  80)  erwähnte  Unterscheidung  des 
Heilrufes,  der  einem  Grossen  des  Reiches  noch  1000,  dem  Kaiser 
noch   10  000  Jahre  wünscht. 

Ausser  den  Zahlzeichen,  von  deren  Benutzung  wir  bisher  ge- 
sprochen haben,  und  welche  die  altchinesischen  heissen  mögen, 
gibt  es  merkwürdigerweise  noch  mehrere  andere  Schreibarten.  Wir 
meinen  nicht  eine  officielle  verschnörkelte  Form,  welche  zur  Ver- 
hinderung von  Fälschungen  in  öffentlichen  Aktenstücken  mit  Vorliebe 

')  Abel  Kcmusat,  EUmens  de  la  grammaire  chinüisc  (Piiris,  18ü2)  pag.  523. 


I 


Die  Mathematik  der  Chinesen.  631 

angewandt  wird,  noch  eine  cursive  flüchtigere  Form,  in  welcher  die 
Gestaltung  der  einzelnen  Zeichen  sich  mehr  und  mehr  verwischt 
hat;  diese  Zeichen  sind  beide  nur  als  das  aufzufassen,  als  was  wir 
sie  benannten,  als  Formverschiedenheiten.  Wir  meinen  dagegen 
Zahlenanschreibungen,  welche  einem  ganz  anderen  Grundgedanken 
folgen,  und  zwar  unter  Benutzung  von  selbst  zweierlei  Zeichen, 
welche  wir  Kaufmannsziffern  und  wissenschaftliche  Ziffern 
nennen  wollen,  und  deren  Form  gleichfalls  auf  der  Tafel  am  Schlüsse 
des  Bandes  zu  vergleichen  ist.  Die  Kaufmannsziffern  wie  die  wissen- 
schaftlichen Ziffern  werden  horizontal  neben  einander  geschrieben  in 
derselben  Richtung  wie  die  indischen  Ziffern,  also  so  dass  die  höchste 
Ordnung  am  weitesten  links  erscheint.  Die  Kaufmannsziffern  an 
Form  den  altchinesischen  nahe  verwandt  sollen  nie  gedruckt  er- 
scheinen^), sondern  nur  im  täglichen  Gebrauche  des  Lebens  ihre  An- 
wendung finden.  Die  miiltiplikative  Ziffer,  welche  also  angibt,  wie 
viele  Zehner,  wie  viele  Hunderter  u.  s.  w.  gemeint  sind,  tritt  nur 
äusserst  selten  links  von  dem  Zeichen  der  betreffenden  Einheit  auf, 
dann  nämlich  wenn  keine  Einheiten  von  anderer  Ordnung  vorkommen, 
also  z.  B.  wenn  3000  oder  400  geschrieben  werden  soll.  Sonst 
werden  die  Rangziffern  und  Werthziffern  in  zwei  Zeilen  über  ein- 
ander geschrieben,  jene  in  der  unteren,  diese  in  der  oberen  Zeile, 
bis  auf  die  Einer,  welche  wegen  nicht  vorhandenen  Rangzeichens  in 
die  untere  Zeile  hinabrücken.  Eine  zweite  und  noch  wichtigere 
Eigenthümlichkeit  dieser  Kaufmannsziffern  besteht  in  dem  Zeichen 
der  Null,  für  welche  ein  kleiner  Kreis  in  Anwendung  tritt  um  anzu- 
deuten, dass  Einheiten  einer  gewissen  Ordnung,  welche  aber  selbst 
nicht  weiter  angedeutet  wird,  sondern  aus  den  Nachbarzifferu  ein- 
leuchtet, nicht  vorhanden  sind. 

Gewichtige  Gründe  sprechen  dafür,  dass  hier  erst  spät  von  aus- 
wärts Eingeführtes,  nicht  ursprünglich  Vorhandenes  vorliegt.  Das 
geht  eben  aus  dem  gegenseitigen  Verhältnisse  von  Sprache  und  Schrift 
bei  den  Chinesen  hervor.  Die  Schrift  konnte  verschiedene  Zeichen 
für  gleichlautende  Wörter  besitzen  um  den  verschiedenen  Sinn  der- 
selben zu  erkennen  zu  geben,  aber  sie  fügte  kein  durch  die  Nachbar- 
werthe  überflüssiges  Null  hinzu. 

Noch  weniger  kann  in  China  eine  vollständige  Stellungsarith- 
metik erfunden  worden  sein.  Wenn  die  Zahl  36  z.  B.  chinesisch 
durch  die  drei  Wörter  drei-zehn-sechs  ausgesprochen  wurde,  so  konnte 
der  Chinese  von  sich  aus  unmöglich  auf  den  Gedanken  kommen,  beim 


')  Ed.  Biot,    Sur  la   connaissance  que  les  Chinois  ont  eu  de  la  valeur  de 
Position  des  chiffns  im  Journal  Asiatiquc  vom  December  1839,  pag.  497 — 502. 


632  ^1-  Kapitel. 

Schreiben  das  Wort  zehn  aus  der  Mitte  heraus  fortzulassen,  welches 
er  noch  immer  lesen  sollte.  Er  konnte  nicht  auf  diesen  Gedanken 
kommen,  weil  bei  ihm  nicht,  wie  bei  anderen  Völkern,  das  Au- 
schreiben der  Zahlen  ohnedies  ein  aus  dem  Rahmen  der  gewöhn- 
lichen Lautschrift  heraustretendes  war,  weil  alle  Schrift  vielmehr, 
wie  wir  schon  sagten,  für  ihn  Begriffschrift  war,  mochten  es  Wörter 
einer  oder  einer  anderen  Bedeutung  sein,  die  aufgezeichnet  werden 
sollten. 

Nichts  desto  weniger  hat,  wie  die  Zeichen,  welche  wir  wissen- 
schaftliche Ziffern  nennen,  beweisen,  die  Stellungsarithmetik  mit 
einem  eigenen  System  von  Zeichen,  welches  viel  durchsichtiger  ist 
als  die  bisher  besprochenen,  in  China  Eingang  gefunden.  Man  be- 
zeichnet nämlich  die  Eins  durch  einen  senkrechten  oder  wagrechten, 
die  Fünf  entsprechend  durch  einen  wagrechten  oder  senkrechten 
Strich  und  verbindet  diese  beiden  Elemente  zur  Bezeichnung  von 
6  bis  9,  während  1  bis  5  durch  Wiederholung  der  Eins,  Null  durch 
einen  kleinen  Kreis  geschrieben  werden.  Wenn  wir  zum  voraus  schon 
diese  Bezeichnungsweise  als  eine  jedenfalls  spät  eingeführte  schildern 
durften,  so  entspricht  dem  die  Thatsache,  dass  dieselbe  nicht  früher 
als  in  einem  Werke  des  Jahres  1240  etwa  erscheint^),  in  dem  Su 
schu  kieou  tschang  (neun  Abschnitte  der  Zahlenkunst)  des  Tsin  kiu 
tschau,  der  unter  der  Dynastie  Sung  gegen  Ausgang  derselben  lebte. 
Andere  Beispiele  gehören  gar  der  Zeit  der  Mongolen  (1275  — 1368) 
erst  an^),  so  dass  wir  von  den  neun  Abschnitten  der  Rechenkunst 
unter  der  Sungdynastie  bis  zu  dem  Werke  gleichen  Namens  des 
Huäng  ti  den  weiten  Weg  von  fast  4000  Jahren  zurückverfolgen 
müssen,  um  uns  wieder  an  der  Stelle  zu  befinden,  von  welcher  aus 
wir  diese  Abschweifung  begamien. 

Und  selbst  jener  Ausgangspunkt  war  ein  zu  später,  denn  noch 
vor  Erfindung  des  Rechenbrettes,  vor  Verfassung  des  ersten  arith- 
metischen Lehrbuches  muss  ja  ein  Rechnen,  muss  der  Begriff  der 
Zahlen  festgestanden  haben.  Die  chinesische  Ueberlieferung  lässt 
uns  auch  für  jene  allerältesteu  Zeiten  nicht  im  Stich.  Mit  Knötchen 
versehene  Schnüre  in  Verschlingungen  gezeichnet  bilden  die  beiden 
Tafeln  hö  tu  und  lo  schu'').  Auf  der  ersteren  (Figur  92)  sind  durch 
die  je  einer  Schnur  angehörigen  Knoten  die  Zahlen  1  bis  10,  auf  der 
zweiten  (Figur  93)  die  1  bis  9  dargestellt.  Weiss  sind  die  ungraden 
Zahlen  gezeichnet,  denn  das  Ungrade  ist  das  Vollkommene  wie  der 
Tag,  die  Hitze,   die  Sonne,  das  Feuer.     Die   graden   Zahlen   dagegen 


*)  Biernatzki    S.  72  und  69.         ^)  Ed.    Biot    im    Journul  Asiatique    für 
December  1839.     ^)  Perny  II,  .5—7. 


Die  Mathematik  der  Chinesen. 


633 


sind  scliwarz,  denn  das  Grade  ist  das  Unvollkommene,  wie  die  Nacht, 
die  Kälte,  das  Wasser,  die  Erde.  Mau  hat  neuester  Zeit  darauf  auf- 
merksam   gemacht'),    dass   die   Anordnung    der  Zahlen   1   bis  9    auf 


'Fia.  92. 


Fig.  93. 


Fig.  93  das  magische  Quadrat  ebenderselben  Zahlen  darstelle.  Diese 
Tafeln  sollen  nun  —  wie?  ist  uns  wenigstens  ganz  unersichtlich  — 
in  der  Urzeit  Chinas  dazu  gedient  haben  in  der  Verwaltung  der 
öffentlichen  Angelegenheiten  benutzt  zu  werden,  und  Kaiser  Fü  hi 
um  2852  soll  sie  erst  durch  seine  8  aufgehängten  Zeichen  pä  kua 
ersetzt  haben,  gewöhnlich  kurzweg  die  Kuas  genannt.  Sie  bestehen 
aus  bald  ganzen,  bald  gebrochenen  Linien,  jene  das  Vollkommene, 
diese  das  Unvollkommene  bezeichnend,  in  dieser  Bezeichnung  also 
mit  dem  ho  tu  und  lö  schu  übereinstimmend,  wie  auch  darin  mit 
ihnen  übereinstimmend,  dass  wir  uns  unter  Zuhilfenahme  der  vor- 
handenen Berichte  auch  nicht  die  geringste  Anschauung  von  der 
Anwendungsart  der  Kuas  zu  bilden  vermögen^).  Nur  schwach  ver- 
muthend  möchten  wir  darauf  hinweisen,  dass  der  Swän  pän  aus  den 
Knotenschnüren  vielleicht  seine  Entstehung  o-enommen  oder  zu  der 
einen  Ursprung  suchenden  Rückerfindung  jener  Urbilder  geführt 
haben  kann,  dass  ferner  in  den  gezeichneten  Tafeln  ho  tu  und  lö 
schu  wie  in  den  kuä  eine  Art  von  Zahlensymbolik  auftritt,  welche 
uns  daran  erinnert,  dass  wir  schon  früher  (S.  95)  auf  Ueberein- 
stimmungen  zahlenträumerischer  Gedankenverbindungen  zwischen  chi- 


^)  Dr.  Gram  hat  dieses  bemerkt.  Vergl.  Zeuthen,  Forelacsning  over 
mathematikens  Historie.  Oldtid  og  Middeldlder.  Kopenhagen,  1893.  S.  274. 
°)  Ueber  die  Kuas  vergl.  Le  Chou  hing  un  des  livres  sacres  chinois  traduit  par 
le  P.  Gaubil  revu  et  corrige  par  M.  de  Guignes.  Paris,  1770,  an  sehr  ver- 
schiedenen Stellen,  die  im  Register  s.  v.  koua  zu  entnehmen  sind.  Dass  man 
in  den  Kuas  einmal  ein  chinesisches  Binärsystem  erkannt  haben  wollte,  führen 
wir  beiläufig  an.     Vergl.  Math.  Beitr.  Kulturl.  S.  48     49. 


634  31-  Kapitel. 

nesisclien  und  pythagoräischen  Lehren  aufmerksam  machen  mussten, 
welche  wohl  einen  geistigen  wie  örtlichen  Mittelpunkt  ihres  Daseins 
in  Babylon  besassen. 

Wir  gehen  weiter  zum  Tcheou  ly  über,  jenem  Gesetzbuche, 
welches  auf  Oü  wang  oder  dessen  nächste  Nachfolger  zwischen  1122 
und  1109  zurückgeführt  wird.  In  ihm  sind  alle  jene  zahlreichen 
Würdenträger  des  chinesischen  Hofstaates  mit  ihren  Obliegenheiten 
genannt,  welche  sicherlich  in  späterer  Zeit  vorhanden  waren,  wenn 
auch  vielleicht  nicht  in  früher,  da,  wie  wir  uns  erinnern,  der  Tcheou 
ly  von  Chinesen  selbst  als  eine  Fälschung  aus  den  letzten  oO  Jahren 
V.  Chr.  angesehen  worden  ist.  Unter  diesen  Würdenträgern  er- 
scheinen mehrere^),  welche  in  der  Geschichte  der  Mathematik  Er- 
wähnung finden  müssen.  Da  sind  erbliche  Würden  eines  Hofastro- 
nomen, fong  siang  schi,  und  Hofastrologen,  pao  tschang  schi.  Da 
ist  ein  Obermesser,  liang  jin,  betraut  mit  der  Tracirung  der  Mauern 
der  Paläste  wie  der  Städte.  Da  ist  ein  eigener  Beamter  des  Mess- 
apparates, tu  fang  schi,  der  mit  dem  tu  kue'i  genannten  Instrumente, 
das  ist  mit  einem  Schattenzeiger,  den  Schatten  der  Sonne  und  der- 
gleichen bestimmen  muss.  Die  bedeutsamste  Stelle,  welche  wir  des- 
halb der  französischen  Uebersetzuug  entnehmen,  lautet:  „Wird  eine 
Hauptstadt  angelegt,  so  ebnen  die  Erbauer,  tsiang  jin,  den  Boden 
nach  dem  Wasser,  indem  sie  sich  des  hängenden  Seils  bedienen.  Sie 
stellen  den  Pfosten  mit  dem  hängenden  Seile  auf.  Sie  beobachten 
mit  Hilfe  des  Schattens.  Sie  machen  einen  Kreis  und  beobachten 
den  Schatten  der  aufgehenden  Sonne  und  den  Schatten  der  unter- 
gehenden Sonne."  Das  hängende  Seil  aber  wird  uns  dahin  erläutert, 
es  befänden  sich  8  Seilstücke  am  oberen  Theile  des  Pfahles  befestigt, 
4  längs  der  Kanten,  4  in  der  Mitte  der  Seitenflächen,  und  wenn  diese 
8  Seilstücke  sämmtlich  dicht  am  Pfahle  herunterhängen,  so  sei  seine 
senkrechte  Aufstellung  gewährleistet. 

Für  jeden  Leser  dieses  Bandes  muss  hier  mancherlei  auffallen: 
die  Nivellirung  nach  der  Wasserfläche,  die  Bestätigung  des  Senk- 
rechtstehens eines  Pfahles  durch  hängende  Seilstücke,  die  Benutzung 
eines  Schattenzeigers,  die  Beobachtung  des  Schattens  der  auf-  und 
der  untergehenden  Sonne  zur  Orientirung  nach  den  Himmelsgegenden, 
das  sind  alles  Dinge,  die  uns  in  Alexandria  oder  aus  Alexandria 
stammend  in  Rom  begegnet  sind,  die  mindestens  im  Jahre  100  v.  Chr. 
im  Westen  bekannt  waren  und  uns  nun  im  fernsten  Osten  zu  Gesicht 


1)  Tcheou  ly  Buch  XXVI,  Nr.  15  und  18;  Buch  XXX,  Nr.  6  —  10; 
Buch  XXXIII,  Nr.  üü;  Buch  XLIIl,  Nr.  19  llgg.  Letztere  Stelle  T.  II,  pag.  553 
der  Ucbersetzuns: 


d 


Die  Mathematik  der  Chinesen.  635 

kommen.  Es  dürfte  kaum  einen  anderen  Ausweg  geben,  als  ent- 
weder mit  den  heissspornigsten  Sinologen  anzunehmen,  die  ganze 
Mathematik  und  Astronomie  sei  altchinesische  Erfindung  und  sei  von 
dort  zu  den  Völkern  des  Westens  gelangt,  oder  aber  mit  den 
Zweiflern  unter  den  Chinesen  selbst  die  Entstehung  des  Tcheou  ly 
in  eine  Zeit  kurz  vor  Christi  Geburt  herabzulegen  und  zu  schliessen, 
es  müsse  damals  schon  aus  Alexandria  über  Indien,  wo  wir  auch  ein 
sehr  einfaches  Wassernivellement  hätten  nachweisen  können^),  oder 
wieder  aus  Babylon,  dessen  mathematische  Vergangenheit  uns  von 
Abschnitt  zu  Abschnitt  merkwürdiger  und  erforschungsbedürftiger 
wird,  dergleichen  nach  China  gedrungen  sein.  Diese  Zwangswahl 
wird  unseren  Lesern  noch  mehr  als  einmal  im  Laufe  dieses  Kapitels 
sich  aufdrängen,  auch  wenn  wir  nicht  darauf  aufmerksam  machen, 
hat  sich  ihnen  vielleicht  schon  geboten,  als  wir  vom  GO jährigen 
Cyklus  des  Huäng  ti  sprachen.  Wir  haben  in  der  letztangeführten 
Stelle  des  Tcheöu  ly:  „Sie  machen  einen  Kreis  und  beobachten  den 
Schatten  der  aufgehenden  Sonne  und  den  Schatten  der  untergehenden 
Sonne"  das  uns  wohlbekannte  Orientirungsverfahren  erkannt.  Dass 
wir  in  dem  vielleicht  auch  anderer  Deutung  fähigen  Wortlaut  nicht 
mehr  hinein  als  heraus  lesen,  beweist  eine  Stelle  eines  mathematischen 
Werkes,  mit  welchem  wir  uns  jetzt  beschäftigen  müssen. 

„Wenn  die  Sonne  zu  erscheinen  beginnt,  errichte  eine  Beob- 
achtungsstange und  beobachte  den  Schatten.  Beobachte  den  Schatten 
aufs  Neue,  wenn  die  Sonne  untergeht.  Die  beiden  Hauptschatten- 
punkte, welche  sich  entsprechen,  bezeichnen  Ost  und  West.  Theile 
deren  Entfernung  hälftig  und  ziehe  eine  Linie  nach  der  Beobachtuugs- 
stange  hin,  so  wirst  Du  Süd  und  Nord  bestimmt  haben."  So  un- 
zweideutig spricht  sich  der  Tcheou  pei  aus'-^). 

Der  Tcheou  pei  oder  tcheou  pei  swan  king,  d.  h.  heiliges  Buch 
(king)  der  Rechnung  (swan),  welches  genannt  ist  Beobachtungsstange 
(pei)  im  Kreise  (tcheou),  besteht  aus  zwei  Theilen,  welche  sich  scharf 
unterscheiden  lassen.  Im  ersten  wie  im  zweiten  Theile  wird  zwischen 
zwei  Männern,  von  denen  der  eine  den  Lehrer,  der  andere  den  Schüler 
darstellt,  ein  wissenschaftliches  Gespräch  geführt,  welches  auf  den 
Schattenzeiger  sich  bezieht.  Aber  die  beiden  Redner  wechseln.  Im 
ersten  Theile  sind  es  Tcheou  kong  und  der  Gelehrte  Schang  kao, 
und  sie  beziehen  sich  auf  die  Kenntnisse,   welche  Kaiser  Fü  hi  und 


*)  L.  Rodet,  Legons  de  calcul  d'Aryahhata  pag.  27  —  28.  -;  Ed.  Biot, 
TraducHon  et  cxamen  d'un  ancien  oiivrage  chinois  intitule  Tcheou  pei,  litterale- 
iiient:  Style  ou  sigiial  dans  une  circonference  im  Journal  Äsiatique  vom  Juni  1841, 
pag.  593  —  639.  Die  hier  angeführte  Stelle  der  künftig  als  Tcheou  pei  zu 
citiienden  Uebersetzung  auf  pag.  624. 


636  31-  Kapitel. 

der  nicht  mmder  sagenberühmte  Kaiser  Yu  besessen  haben.  Im 
zweiten  Tbeile  wird  ein  Yung  fang  von  einem  Tcbin  tsoe  unter- 
richtet. Die  Redner  des  I.  Theils  sind  Persönlichkeiten  aus  dem 
Anfange  der  Tcheou-Dynastie,  welche  um  1100  v.  Chr.  gelebt  haben 
sollen.  Die  Redner  des  II.  Theils  kennt  man  nicht,  doch  ist  hier 
ein  Citat  aus  lu  schi  tschun  tsieou  des  Lu  pu  oei  vorhanden*), 
welcher  letztere  bekannt  ist  als  Minister  des  Kaisers  Tsin  sehe  huäng 
t}'  des  Bücherverbrenners,  also  um  213  v.  Chr.  lebte.  Drei  ältere 
Commentatoren  werden  für  beide  Theile  genannt,  deren  ältester  Tchao 
kun  hiang  von  den  Einen  in  die  Dynastie  der  östlichen  Han  etwa 
auf  200  n.  Chr.,  von  den  Anderen  erst  in  die  Dynastie  der  Tsin  im 
IV.  S.  gesetzt  wird.  Was  man  von  den  Commentatoren  und  von 
dem  auf  die  Tcheöu- Dynastie  zurückgeführten  Alter  des  I.  Theiles 
weiss  —  von  dem  II.  Theile  wird  ohne  genau  bestimmte  Zeitangabe 
nur  gesagt,  er  sei  jünger  als  der  I.  — ^  stammt  aus  einer  Vorrede, 
welche  1213  n.  Chr.  unter  der  Dynastie  Sung  verfasst  worden  ist. 
In  einem  anderen  Werke  wird  ferner  noch  berichtet'^),  der  Tcheöu 
pei  sei  unter  der  Dynastie  Thang,  dann  wieder  unter  der  Dynastie 
Smig  „einer  Durchsicht"  unterworfen  worden.  Was  man  aber  unter 
Durchsicht  zu  verstehen  habe,  geht  daraus  hervor,  dass  zugestanden 
wird,  man  habe  bei  der  letzten  120  Zeichen,  mithin  Wörter,  ver- 
ändert und  60  weggelassen. 

Fassen  wir  diese  Angaben  zusammen,  so  steht  freilich  die  heutige 
Gestalt  des  Werkes  nur  in  einem  Alter  von  noch  nicht  sieben  Jahr- 
hunderten fest.  Nimmt  man  an,  es  seien  damals  und  früher  vxnter 
den  Thang  wirklich  nur  unwesentliche  Verbesserungen  getroffen 
worden  und  die  Commentatoren  seien  richtig  datirt,  so  kommt  man 
auf  die  Zeit  zwischen  213  v.  Chr.  und  etwa  300  n.  Chr.,  innerhalb 
welcher  der  II.  Theil  entstanden  sein  müsste,  ohne  dass  irgend  eine 
Nöthigung  vorläge,  sich  der  früheren  Grenze  mehr  zu  nähern  als  der 
späteren.  Man  könnte  also  z.  B.  eine  Gleichzeitigkeit  des  IL  Theils 
mit  jenem  Lieou  hin  annehmen,  welcher  den  Tcheöu  ly  gefälscht  haben 
soll.  Was  endlich  den  I.  Theil  betrifft,  so  müssen  wir  es  unseren 
Lesern  überlassen,  ob  sie  der  Ueberlieferung,  welche  ihn  von  Tcheöu 
kong  selbst  herrühren  lässt,  Glauben  schenken  Avolleu.  Uns  scheint 
ein  Beweis,  gestützt  darauf,  dass  Tcheöu  koug  redend  eingeführt  ist, 
gestützt  ferner  auf  eine  Vorrede,  die  mehr  als  zwei  Jahrtausende 
nach  Tcheöu  kong  geschrieben  ist,  nicht  unumstösslich  festzustehen, 
und  mau  gestattet  uns  vielleicht  trotz  unserer  vollständigen  Unbe- 
kanntschaft mit  der  chinesischen  Sprache  den  Hinweis,  dass  bei  der 


')  Tcheöu  pei  pag.  616.     -)  Ebenda  pag.  597. 


Die  Mathematik  der  Chinesen.  637 

eigenthümliclien  DoppelbedeutuDg  von  tcheou  als  Kreis  und  als  Name 
einer  Dynastie  es  nicht  so  gar  weit  entfernt  lag,  ein  Werk  von  der 
Beobaebtungsstauge  im  Kreise  dem  Tcheöu  zuzuschreiben.  Dann 
freilich  rückt  auch  das  Datum  des  I.  Theiles  so  weit  herab,  dass  er 
nur  vor  der  Lebenszeit  des  ersten  Commentators  entstanden  sein 
niuss,  möglicherweise  auch  nicht  weit  von  der  Zeit  um  Christi 
Geburt  entstand. 

Der  I.  Theil  ist  kurz  genug,  um  die  wichtigsten  Lehren  des 
Schang  kao  in  Uebersetzung  hier  anzufügen.     Schaug  kao  spricht: 

„Die  Wissenschaft  der  Zahlen  stammt  vom  Kreise  und  vom 
rechtwinkligen  Vierecke. 

Der  Kreis  stammt  von  dem  rechtwinkligen  Viereck,  und  das 
rechtwinklige  Viereck  stammt  vom  Kreise. 

Der  kuu  d.  h.  das  Winkelliueal  stammt  von  1)  mal  9,  welches 
81  gibt. 

Theile  den  kuu. 

Mache  die  Breite  keou    d.  h.   den   gekrümmten  Haken   gleich  3. 

Mache  die  Länge  kou  d.  h.  die  Hälfte  gleich  4. 

Der  kiug  yu,  d.  h.  der  Weg  der  die  Winkel  vereinigt,  die  Dia- 
gonale, ist  5. 

Nimm  die  Hälfte  des  rechtwinkligen  Vierecks  aussen  herum,  es 
wird  ein  kuu  sein. 

Vereinige  sie  und  behandle  sie  gemeinschaftlich  mit  dem  Rechen- 
brette, so  wirst  Du  genau  3,  4,  5  erhalten. 

Die  zwei  kuu  bilden  zusammen  die  Grösse  25.  Das  ist  was  mau 
die  Vereinigung  der  kuu  nennt. 

Die  Wissenschaft,  deren  Yu  sich  einst  bediente,  um  was  unter 
dem  Himmel  sich  befindet  zu  regeln,  beruht  auf  diesen  Zahlen," 

Hier  folgen  im  Originale  drei  Figuren,  welche  in  der  Ueber- 
setzung, deren  wir  uns  bedienen,  nicht  abgebildet,  sondern  nur  be- 
schrieben sind  ^).  Sie  sollen  die  Theorie  des  rechtwinkligen  Dreiecks 
klar  machen.  Die  erste  Figur  heisst  „Figur  des  Seiles"  und  wird 
folgendermassen  geschildert.  In  einem  in  49  Theile  getheilten  grossen 
Quadrate  befindet  sich  eingezeichnet  ein  aus  25  Theilen  bestehendes 
zweites  Quadrat.  Dieses  zweite  Quadrat  ist  selbst  in  vier  recht- 
winklige Dreiecke  und  ein  inneres  Quadrat  zerlegt.  Man  kann  nicht 
sagen,  dass  die  Klarheit  dieser  Schilderung  nichts  zu  wünschen  übrig 
lasse.     Wir  entnehmen  ihr,  die  Figur  des  Seiles  habe  so  ausgesehen: 


^)  Tcheou  pei  pag.  601,  Note  1.  ßiernatzki  S.  64  —  66  hat  eine 
deutsche  Uebersetzung  nach  englischer  Vorlage,  von  welcher  die  unsrige  sehr 
abweicht.     Von  den  hier  erwähnten  Figuren  sagt  er  kein  Wort. 


638 


31.  Kapitel. 


m 


Fig-  94. 


(Figur  04).  Ist  diese  Auffassung  richtig,  danu  stellt  das  zweite 
Quadrat  mit  seiner  Zerlegung  die  Figur  dar  (Figur  87),  deren  Blias- 
kara  um  1150  sich  bediente  (S.  014),  etwa  60  Jahre 
vor  der  Durchsicht  des  Tscheou  pei  in  der  Sung- 
Dynastie. 

Da  wir  den  Lauf  unserer  wörtlichen  Wiedergabe 
doch  einmal  unterbrochen  haben,  so  sei  auf  einiges 
aus  dem  bisherigen  Texte  hingewiesen:  auf  den  pytha- 
goräischen  Lehrsatz  an  dem  Dreiecke  von  den  Seiten 
3,  4,  5;  auf  den  Namen  der  Diagonale  für  die  Hypotenuse  welcher 
zeigt,  dass  der  Satz  am  Rechtecke  und  nicht  am  Dreiecke  bekannt 
geworden  war;  auf  den  weiteren  Namen  Seil  für  Hypotenuse,  welcher 
täuschend  an  die  Seilspannung  der  Inder  erinnert,  wenn  wir  keine 
andere  Verwandtschaft  suchen  wollen.  : 

Nach  jenen  Figuren  folgen  nun  weitere  Lehren,  wie  man  den 
hm,  also  das  Winkellineal,  benutzen  soll.  Eben  hingelegt  diene  es 
zum  Gradmachen,  umgekehrt  zur  Höhenmessung,  verkehrt  zur  Tiefen- 
messung, ruhend  zur  Messung  der  Entfernung.  Der  hm  für  den 
Kreis,  d.  h.  der  Zirkel,  diene  zur  Herstellung  des  Kreises,  der 
Doppelkuu  zur  Herstellung  rechtwinkliger  Vierecke.  Die  rechtwink- 
lige Figur  entspreche  der  Erde,  die  runde  dem  Himmel.  Der  Himmel 
sei  der  Kreis,  die  Erde  sei  das  Quadrat. 

Dieser  letztere  Satz  bedarf  gar  sehr  der  Erläuterung.  Vielleicht 
ist  es  richtig,  was  ein  Missionär,  welcher  lange  in  China  war,  zur 
Erklärung  gesagt  hat^),  Himmel  und  Erde  seien  symbolisch  für  die 
Zahlen  3  und  4;  andrerseits  gehöre  die  Zahl  3  zum  Kreise,  dessen 
Umfang  als  dreifacher  Durchmesser  galt,  4  naturgemäss  zum  Qua- 
drate, und  so  sei  die  weitere  Vergleichung  des  Himmels  mit  dem 
Kreise,  der  Erde  mit  dem  Quadrate  zu  Stande  gekommen. 

Es  folgen  noch  einige  philosophische  uns  unverständliche  Redens- 
arten, und  nun  schliesst  Schang  kao:  „Das  Wissen  stammt  vom  ge- 
krümmten Haken,  der  gekrümmte  Haken  vom  Winkellineal,  das 
Winkellineal  mit  Zahlen  vereinigt  regelt  und  leitet  alle  Dinge." 
Tcheöu  kong  sprach:  „Das  ist  wundervoll!" 

Hiermit  schliesst  der  I.  und,  wie  man  behaupten  will,  ältere 
Theil  des  Tcheou  pei.  Es  folgt  der  IL  viel  ausführlichere  Theil. 
Wir  brauchen  ihm  eine  weit  weniger  eingehende  Aufmerksamkeit 
zuzuwenden,  theils  wegen  des  allgemein  anerkannten  verhältnissmässig 
späten  Datums   seiner  Entstehung,   theils   weil  es  sich  in  ihm   mehr 


')  Tcheou  pei  pag.  602,  Note  1  mit  Bezirliung   auf  eine  Bemerkung  des 
Pater  Gaubil. 


Die  Mathematik  der  Chinesen.  639 

um  astronomisclie  Verwertliung  der  Beobachtungsstange  handelt. 
Nur  zwei  Bemerkungen  scheinen  uns  von  Wichtigkeit. 

ErstHch,  dass  die  Verhältnisszahl  des  KreisuDifangs  zum  Durch- 
messer stets  als  3  gerechnet  wird^).  Das  bestätigt  jene  Bemerkung, 
warum  3  die  Zahl  des  Kreises  sei,  erinnert  zugleich  an  die  nach 
unserer  Vermuthung  altbabylonische  Umfangsformel.  Aus  den  Durch- 
messern 238000,    317333^,  357000,   396666^,  4363334-,  476000, 

810000  sind  die  Umfange  714000,  952000,  1071000,  1190000,  1309000, 
1428000,    2430000   gefolgert,  und   in  einem  Beispiele  heisst  es  aus- 

75 

drücklich:  „Nimm  einen  Durchmesser  von  121t^  Füssen,  verviel- 
fache mit  3,  Du  erhältst  365--r  Fuss." 

Dieses  letztere  Beispiel-)  führt  uns  zu  unserer  zweiten  Bemer- 
kung.    Der  Kreisumfang  wird  bei  den  Chinesen  nicht  in  360  Grade, 

sondern  in  365—  Grade    eingetheilt,    und    die    Chinesen   kennen    die 

Jahreslänge    des   Sonnenjahres    von    365-     Tagen.     „Unter  4   Jahren 

sind,  wie  man  weiss,  drei  von  365  Tagen  mid  eines  von  366  Tagen; 

daraus  weiss  man,  dass  das  Jahr  im  Mittel  aus  365--  Tagen  besteht." 

Eine  deutlichere  Bestätigung  unserer  Ansicht,  dass  die  Kreiseinthei- 
lung  in  360  Grade  nichts  anderes  bezwecke  als  die  von  der  Sonne 
am  Himmel  scheinbar  durchlaufenen  Wege  sichtbar  zu  machen  (S.  92), 
dürfte  sich  kaum  finden  lassen.  Wenn  die  Chinesen  diese  Bedeutung 
der   Gradeintheilung   überliefert    bekamen   mid    nachträglich  die    mit 

der  Wahrheit  besser  übereinstimmende  Jahreslänge  von  365      Tagen 

erfuhren  oder  erkannten,  dann,  aber  auch  nur  dann,  konnten  sie  dem 
allem  Zahlengefühle  Hohn  sprechenden  Gedanken  verfallen,  den  Kreis 

nunmehr  selbst  in  365—  Grade  zu  zerlegen,  damit  wieder  jeder  Grad 

einen  Tagesweg  darstelle.  Ausserdem  sprechen  mittelbare  Spuren 
dafür,  dass  den  Chinesen  die  Kreistheilung  in  360  Grade  gleichfalls 
einmal  bekannt  war,  denn  nur  von  ihr  aus  erklärt  sich  die  Anwen- 
dung der  Zahl  60  in  dem  sechzigjährigen  Cyklus,  nur  von  ihr  aus 
die  30  Speichen  in  dem  Rade  des  Kaiserwagens  in  der  Tcheou- Dy- 
nastie, wie  eine  Abbildung  sie  zeigt  ^). 


')  Tcheou  pei  pag.  613,  614,  626.     Auf  pag.  614  ist  zwar  zu  dem  Durch- 

2 
messer    267666—  der  Umfang  833000  statt  803000  angegeben,  doch  dürfte  diese 
3 

einzige    Ausnahme     auf    einem    Druckfehler    im    Journal    Äsiotiqne     beruhen. 

2)  Ebenda  pag.  625.     Vergl.  auch  pag.  638—639.     ^)  Tcheou  ly  II,  488. 


640  31.  Kapitel. 

Leider  ist  der  Tcheou  pei  die  einzige  mathematische  Abhand- 
hing  der  Chinesen,  welche  durchaus  übersetzt  uns  vorliegt.  Für 
alle  übrigen  Schriften  sind  wir  gezwungen,  uns  auf  nothdürftige 
Auszüge  zu  beziehen,  von  welchen  nur  einer  eine  halbwegs  genügende 
Inhaltsanzeige  des  Werkes  liefert,  aus  welchem  er  stammt  und  zu- 
gleich das  Alter  dieses  Werkes  zweifellos  angibt.  Die  anderen  Be- 
richte leiden  meistens  an  Unklarheit  und  lassen  es  selbst  fraglich 
erscheinen,  welches  Werk  von  verschiedenen,  die  den  gleichen  Namen 
führen,  eigentlich  gemeint  sei? 

Kieou  tschang  oder  die  neun  Abschnitte  war  (S.  G28)  der 
Titel  des  ältesten  arithmetischen  Werkes.  Kieou  tschang  swan  su 
d.  h.  Arithmetische  Regeln  zu  den  neun  Abschnitten  schrieb  alsdann 
etwa  ein*  Jahrhundert  vor  der  christlichen  Zeitrechnung  ein  gewisser 
Tschang  tsang.  Dieses  Werk  behauptet  „die  von  den  kaiserlichen 
Hofmeistern  unter  der  Dynastie  Tcheou  befolgten  arithmetischen 
Grrundsätze  zu  enthalten.  Jedoch  gibt  es  sich  nicht  für  ein  neues 
Originalwerk  aus,  sondern  nur  für  eine  revidirte  und  verbesserte 
Auflage  eines  viel  älteren  Buches,  dessen  Verfasser  unbekannt  ist. 
Das  Werk  hat  bis  heute  mehrere  neue  Auflagen  erlebt,  ist  jedoch 
jetzt  sehr  selten  geworden;  es  hat  aber  viele  Commentatoren  unter 
namhaften  chinesischen  Gelehrten  gefunden"  ^).  Gegen  Ende  der 
Dynastie  Sung  um  1240  schrieb  Tsin  kiu  tschau,  welchen  wir 
(S.  632)  als  den  Schriftsteller  nannten,  bei  welchem  die  sogenannten 
wissenschaftlichen  Ziffern  zuerst  erwähnt  werden,  sein  su  schu  kieou 
tschang  oder  die  neun  Abschnitte  der  Zahlenkunst.  Werke  ähn- 
lichen Titels  von  noch  anderen  Verfassern  folgten  vielfach.  Wenn 
wir  uns  nun  der  chinesischen  Rückverlegungen  erinnern,  welche  dem 
Götzen  des  nationalen  Eigendünkels  mit  persönlicher  Bescheidenheit 
das  Opfer  der  eigenen  Erfinderfreude  zu  bringen  verlangten  und  in 
diesem  Verlangen  offenbar  nirgend  auf  Widerstand  stiessen;  wenn 
uns  dann  ein  Auszug  aus  den  neun  Abschnitten  gegeben'"),  aber  mit 
keiner  Silbe  gesagt  wird,  welches  von  den  vielen  Werken,  die  diese 
Ueberschrift  tragen,  zu  Grmide  gelegt  sei,  welchen  geschichtlichen 
Werth  kann  das  für  uns  haben?  Doch  wohl  keinen  anderen,  als  dass 
wir  dem  Auszuge  das  alte  vielleicht  auf  Tschang  tsang,  vielleicht 
noch  weiter  hinauf  zurückzuverfolgende  Vorhandensein  von  neun 
Abschnitten  glauben,  ohne  jedoch  annehmen  zu  dürfen,  diese  Ab- 
schnitte hätten  von  jeher  dieselben  246  Aufgaben  enthalten,  oder  es 
sei  auch  nur  sicher,  dass  die  Namen  der  Abschnitte  sich  nicht  ver- 
ändert hätten. 


^)  Wörtlich  aus  Biernatzki  S.  07.     '^)  Biernatzki  S.  73—76. 


Die  Mathematik  der  Chineseu.  641 

Die  Namen  „Viereckige  Felder"  für  den  ersten,  „Reis  und  Geld" 
für  den  zweiten,  „verschiedene  Theilungen"  für  den  dritten  Ab- 
schnitt') erinnern  ungemein  an  Namen  indischer  Abschnitte,  ge- 
bildet nach  irgend  einer  Hauptaufgabe,  an  welche  die  anderen  an- 
knüpfen, wenn  auch  nicht  immer  im  Inhalt  ihr  gleichend.  Gleich 
im  ersten  Abschnitte  findet  sich  die  Regel  für  die  Dreiecksflüche 
als  Produkt  der  Grundlinie  in  die  halbe  Höhe.  Die  Kreisfläche  zu 
berechnen  wird  nach  sechs  der  Form  nach  verschiedenen  Arten  ge- 
lehrt: „Man  multiplizire  den  halben  Durchmesser  mit  dem  Radius, 
oder  nehme  ein  Dritttheil  vom  Quadrat  des  halben  Umkreises,  oder 
ein  Zwölftel  vom  Quadrate  des  Umkreises,  oder  ein  Viertel  vom  drei- 
fachen Quadrate  des  Durchmessers,  oder  ein  Viertel  vom  Produkte 
aus  Durchmesser  und  Umkreis,  oder  endlich  das  dreifache  Quadrat 
des  Radius."  Man  sieht  sofort,  dass  die  fünf  letzten  Regeln  sämmt- 
lich  auf  jt  =  3  herauskommen.  Die  erste  allein  ist  mit  tc  =  l 
gleichbedeutend  und  höchst  auffallend  dadurch,  dass  sie  in  einem 
Athem  von  dem  halben  Durchmesser  und  dem  Radius  spricht.  Wir 
möchten  daher  hier  einen  Druck-  oder  Uebersetzungsfehler  annehmen 
und  lesen  ,.man  multiplizire  den  halben  Umkreis  mit  dem  Radius", 
eine  Vorschrift,  welche  sonst  fehlen  würde,  und  welche  nicht  mit 
TT  =  3  in  Widerspruch  steht. 

Das  genauere  Verhältniss  des  Kreisumfansjes  zum  Durchmesser 
war    einem    Schriftsteller  Tsu  tschung  tsche,   der   dem  Ende   des 

22 
VI.  S.    angehören    soll,    als  jt  = --    bekannt    und    Liu    hwuy-)   be- 
nutzte   TT  =  -—  • 

50 

Der  9.  der  neun  Abschnitte  beschäftiot  sich  mit  24  geometrischen 
Aufgaben,  welche  mittelst  des  rechtwinkligen  Dreiecks  gelöst  werden. 
Ueber  die  Methode  lässt  uns  der  Auszug  im  Unklaren,  doch  dürfte 
wohl  der  pythagoräische  Lehrsatz  angewandt  sein,  der  im  Tcheou  pei 
uns  gleichfalls  begegnet  ist.  Von  den  Körpermessungen  im  5.  Ab- 
schnitte ist  uns  nur  ganz  allgemein  berichtet,  die  angewandten 
Formeln  scheinen  mithin  zu  besonderen  Anmerkungen  eine  dringende 
Veranlassung  nicht  geboten  zu  haben.     Aus  den  übrigen  Abschnitten 


')  Die  wörtliche  Uebersetzung  der  Namen  der  sechs  weiteren  Abschnitte 
fehlt  leider  in  unserer  A'orlage,  und  wir  sind  nicht  im  Stande  sie  selbst  zu 
übertragen.  Bei  Biernatzki  sind  dieselben  geschrieben,  wie  folgt:  4.  ScJiaou 
kwang ,  5.  Schang  kung,  6.  Keun  schu,  7.  Yin  null,  8.  Fang  tscMng,  9.  Keu 
ku.  ")  Dessen  Lebenszeit  anzugeben  sind  wir  nicht  im  Stande.  Biernatzki 
sagt  nämlich  S.  63  —  74,  er  habe  früher  als  Tsu  tschung  tsche  gelebt,  und 
S.  68,  er  habe  im  VII.  S.  gelebt,  und  sein  Werk  sei  im  VIII.  S.  neu  aufge- 
legt worden! 

CantoR,  Geschichte  der  Mathematik  1    2.  Aufl.  41 


642  31.  Kapitel. 

erwähnen  wir  Gesellscliafts-  und  Vermiscliungsrechnungen  im  o.  und 
6.  Abschnitte,  Ausziehung  von  Quadrat-  und  Kubikwurzeln  im  5.  Ab- 
schnitte, Gleichungen  im  8.  Abschnitte. 

Die  Geometrie  dürfte  wohl  den  schwächsten  Theil  chinesischer 
Mathematik  gebildet  haben,  kaum  über  die  niedrigsten  Anwendungen 
des  Satzes  vom  rechtwinkligen  Dreiecke  sich  erhebend;  denn  wenn 
Ko  schau  king  um  1300  unter  den  Mongolen  die  sphärische 
Trigonometrie  erfunden  haben  soll,  welche  in  einem  Werke  aus 
der  Dynastie  Ming  wiederholt  dargestellt  sei^),  so  klingt  das  doch 
sehr  nach  arabischen  ins  Chinesische  nur  übersetzten  Schriften. 

In  der  Lehre  von  den  Gleichungen  dagegen  müssen  wir  den 
Chinesen  selbstthätiges  Vorgehen  nachrühmen,  denn  hier  finden  wir 
in  der  That  Fortschritte,  welche  weder  auf  indischem  Boden  uns 
bekannt  geworden  sind^  noch  überhaupt  anderswo  so  frühzeitig  ge- 
macht wurden.  Hauptquelle  für  die  Lehre  von  den  bestimmten  wie 
von  den  unbestimmten  Gleichungen  sind  Schriften  desselben  Tsin 
kiu  tschau  aus  der  Mitte  des  XlII.  S.,  welchen  wir  auch  unter  den 
Verfassern  von  Neun  Abschnitten  der  Rechenkunst  nannten.  Die 
Lehre  von  den  bestimmten  Gleichungen  findet  sich  in  dessen  Auf- 
stellung der  himmlischen  Monade,  leih  tien  yuen  yih  '^),  und  ist  erläutert 
durch  Le  yay  jin  king,  welcher  während  der  Mongolenzeit  gelebt 
hat'^).  Die  Monade,  yuen,  ist  das  durch  ein  l^esonderes  Schriftzeichen 
dargestellte  Symbol  der  ersten  Potenz  der  unbekannten  Grösse,  also 
das  yävattävat  der  Inder.  Auch  die  Zahl,  welche  als  ein  Gegebenes 
in  der  Gleichung  auftritt,  die  rüpa  der  luder,  hat  einen  Namen  täe. 
Die  Zeichen  für  yuen  und  täe  werden  rechts  von  den  betreffenden 
Zahlencoefficienten  geschrieben.  Die  Gleichungen  sind  vor  dem  An- 
schreiben geordnet  und  zwar  so,  dass  die  unbekannten  Dinge  den 
bekannten  gleich  gesetzt  sind.  Ein  Gleichheitszeichen  tritt  dabei 
nicht  auf,  ist  vielmehr  aus  der  blossen  Stellung  ersichtlich.  Die 
unterste  Reihe  mit  rechts  stehendem  täe  enthält  die  bekannte  Zahl, 
die  darüber  befindhche  mit  rechts  stehendem  yuen  die  Unbekannte, 
die  nächsthöhere  ohne  weiteren  Zusatz  enthält  die  zweite  Potenz  der 
Unbekannten  u.  s.  f.  Eine  fehlende  Potenz  der  Unbekannten  muss, 
da  di§  Höhe  der  Potenzen  nach  dem  Stellungswerthe  zu  entnehmen 
ist,  durch  Null  angedeutet  werden.  Von  den  beiden  Wörtern  täe  und 
yuen  kann  Eines,  beliebig  welches  fehlen,  da  die  Verständlichkeit 
dadurch  noch  nicht  aufgehoben  ist.  Positive  und  negative  Zahlen 
werden  durch  die  Farbe  des  Druckes  unterschieden.  Erstere  druckt 
man  roth,  letztere  schwarz.     So  heisst  z.  B.  unser  \4iX''  —  '21  x  =  17 

')  Biernatzki  S.  70.         ^)  Ebenda  S.  84  flgg.         »)  Ebenda  S.  70  und  84, 


I 


Die  Mathematik  der  Chinesen.  643 

auf  chinesisch,  wenn  wir  die  Benutzung  unserer  Ziffern  beibehalten 
und  die  Farben  durch  die  links  beigesetzten  Anfangsbuchstaben  ,.  (roth) 
und   ,   (schwarz)  unterscheiden: 


,14 

.14 

.14 

,00 

.00 

.00 

oder 

oder 

s  27  yuen 

.27 

,  27  yuen 

r\l  täe 

rl7 

täe 

AI  • 

Es  scheint  dabei  eine  Annäherungsmetliode  für  Gleichungen  höherer 
Grade  bestanden  zu  haben,  in  welcher  man  eine  Aehnlichkeit  mit  der 
sogenannten  Horner'schen  Näherungsmethode  entdecken  will'),  die 
aber  wenigstens  in  unserer  Vorlage  zu  dürftig  behandelt  ist,  als  dass 
wir  es  wagten,  diese  Meinung  zu  stützen  oder  zu  widerlegen. 

Die  Lehre  von  den  unbestimmten  Gleichungen  scheint  unter  dem 
Namen  grosse  Erweiterung,  Ta  yen,  zuerst  von  Sun  tse  in 
dunkeln  Versen  beschrieben  worden  zu  sein^),  und  dieser  Verfasser 
wird  gegenwärtig  in  die  Dynastie  Hau  im  III.  S.  n.  Chr.  gesetzt.  Be- 
sondere Anwendung  fand  die  Regel  Ta  yen  durch  Yih  hing,  eineu 
Geistlichen  unter  der  Dynastie  Thang,  welcher  717  das  Werk  Ta  yeu 
lei  schu  darüber  verfasste,  vmd  dieses  Werk  hat  wieder  unser  Tsin 
kiu  tschau  neu  bearbeitet.  Das  Hauptbeispiel  heisst  in  wörtlicher 
Uebersetzung:  „Dividirt  durch  3  gibt  Rest  2;  schreibe  140.  Dividirt 
durch  5  gibt  Rest  3;  schreibe  63.  Dividirt  durch  7  gibt  Rest  2; 
schreibe  30.  Diese  Zahlen  addirt  geben  233,  davon  subtrahirt  210 
gibt  23  die  gesuchte  Zahl.  Für  1  durch  3  gewonnen  setze  70.  Für 
1  durch  5  gewonnen  setze  21.  Für  1  durch  7  gewonnen  setze  15. 
Ist  die  Summe  106  oder  mehr,  subtrahire  hiervon  105  und  der  Rest 
ist  die  gesuchte  Zahl." 

Man  hat  nun  vollständig  zutreffend  darauf  aufmerksam  gemacht"), 
dass  dieselben  Divisoren  3,  5,  7  mid  dieselben  gewonnenen  Zahlen 
70,  21,  15  mit  deren  Anwendung  zur  Auffindung  von  23  auch  in 
einer  griechischen   Aufgabe   vorkommen,   deren  Text  in   einer  Hand- 


')  Matthiesseu ,  Grundzüge  der  antiken  und  modernen  Algebra  der 
litteralen  Gleichungen.  Leipzig  1878,  S.  964—965.  2)  Biernatzki  S.  77  ^gg. 
Vergl.  besonders  L.  M.itthi essen,  Vei-gleichung  der  indischen  Cuttaca-  und 
der  chinesischen  Ta  yen-Regel  in  der  Zeitschr.  f.  math.  u.  natuvw.  Unterricht 
(1876)  VII,  78—81.  Ebenderselbe  hatte  schon  1874  in  der  Zeitschr.  Math.  Phys. 
XIX,  270 — 271  die  Ta  yen-Regel  erklärt,  die  vor  ihm  nie  verstanden  worden 
war.  ■■')  Matthiesseu  in  der  Zeitschr.  f.  math.  u.  naturw.  Unterricht.  Vergl. 
Nikomachus  (ed.  Hoche)  pag.  152—153  und  Friedleins  Anzeige  dieser  Aus- 
gabe in  der  Zeitschr.  Math.  Phys.  (1866)  Bd.  XI,  Literaturzeitung  S.  71. 

41* 


644  31.  Kapitel. 

Schrift  aus  dem  Ende  des  XIV.  oder  Anfang  des  XV.  S.  sicli  erhalten 
hat,  während  ein  Verfasser  nicht  genannt  ist.  Es  ist  nicht  unmöglich, 
dass  die  chinesische  Aufgabe  und  ihre  Auflösung  etwa  durch  arabische 
Vermittlung  irgend  einem  Byzantiner  bekannt  geworden  sein  kann, 
der  sie  sich  aufnotirte.  Ein  umgekehrter  Gang,  dass  also  hier  wie 
so  vielfach  im  Westen  Bekanntes  nach  China  drang,  ist  kaum  anzu- 
nehmen, weil  nur  im  chinesischen  Texte  die  Begründung  des  Ver- 
fahrens angedeutet  ist,  freilich  schwer  zu  verstehen,  aber  doch  zu 
verstehen,  wie  die  Erfahrung  gezeigt  hat. 

Der  Sinn  ist  nämlich  folgender.  Soll  eine  Zahl  x  gefunden 
werden,  welche  durche  w/^,  «?2,  7n^  getheilt  die  Reste  r^,  r^,  r.^  liefere, 
so  sucht  man  drei  Hilfszahlen  A^j,  h.j,  fcg,  welche  Multiplikatoren, 
tscJting  su,  genannt  werden,  imd  deren  jede  vervielfacht  mit  ihrer 
Erweiterungszahl,  yen  su,  d.  h.  mit  dem  Produkte  derjenigen  m, 
welche  einen  anderen  Index  als  das  betreffende  h  führen,  und  dann 
getheilt  durch  ihre  bestimmte  Stammzahl,  ting  mit,  d.  h.  das  dritte 
m  den  Rest  1  liefern.  So  gibt  unsere  Aufgabe  unter  Anwendung 
von  Congruenzen:  d  •  1  ■  k^  ^  l  (med  3);  3  •  7  •  ^^  ^  1  (mod  5); 
3  •  5  •  Z^g  ^f  1  (mod  7).  Daraus  werden  nun  gewonnen:  aus  3  die 
Zahl  Jc^  =  2  oder  5  ■  7  •  2  =  70;  aus  5  die  Zahl  l,  =  1  oder  3  •  7  •  1 
=  21;  aus  7  die  Zahl  Ä'o  =  1  oder  3  ■  5  •  1  =  15.  Wie  diese  Zahlen 
gewonnen  wurden,  ist  auch  nicht  andeutungsweise  gesagt,  die  Ver- 
muthung  liegt  daher  am  nächsten,  man  werde  sich  durch  Probiren 
geholfen  haben.  Nun  wird  jede  der  gewonnenen  Zahlen  ni^m-^h^  =  70, 
m^nioli^  =  21 ,  ni^m^ylio  =  15  mit  dem  entsprechenden  Reste  i\  =  2 , 
r^  =  3 ,  ^3  =  2  vervielfacht  und  ihre  Summe  140  +  63  +  30  =  233 
gebildet,  von  welcher  man  die  Stamm  er  Weiterung,  yen  mu,  d.  h. 
das  Produkt  der  drei  m,  3  •  5  •  7  =  105,  so  oft  als  möglich  abzieht 
und  hat  damit 

gefunden,  wie  z.  B. 

^  =  2  •  70  +  3  •  21  +  2  •  15  —  2  •  105  =  23. 

Es  steht  eben  so  fest,  dass  dieses  Verfahren  von  der  indischen  Zer- 
stäubung, mit  welchem  man  es  zu  vergleichen  liebte,  bevor  man  es 
verstand,  durchaus  verschieden  ist,  als  dass  es  eine  wahre  Methode 
genannt  zu  werden  verdient,  deren  Erlinder  mit  dem  glücklichsten 
Scharfsinne  ihrer  Aufgabe  zu  Leibe  zu  gehen  wussten^). 

')  Matthiessen  hat  1.  c.  mit  Recht  hervorgehoben,  dass  die  Methode 
ta  yen  mit  derjenigen,  welche  Gauss  in  den  Disquisitiones  arithmeticae  §32 — 36 
gelehrt  hat,  übereinstimme.  Vergl.  Dirichlet,  Zahlentheorie  §  25  (III.  Auflage. 
1879,  S.  56—57). 


I 


Die  Mathematik  der  Chinesen.  645 

Etwas  später  als  Tsin  kiu  tscliau  lebte  Tscliu  schi  kih^  welcher 
1303  den  kostbaren  Spiegel  der  vier  Elemente,  Sse  yuen  yith  hiJm, 
veröffentlicbte.  Hier  finden  sich  die  lihn  bei  Berechnung  von  Zahlen 
bis  zur  achten  Potenz  als  eine  alte  Methode.  In  unseren  Ziffern 
sehen  dieselben  folgendermassen  aus: 

1 
1      1 

1      2      1 

13      3      1 

14      6      4      1 

1      5      10     10      5      1 

1     6      15     20     15     6     1 

17      21     35     35     21      7     1 

1     8     28     56     70     56     28     8     1 

Es  sind^)  die  den  Arabern  freilich  seit  dem  Ende  des  XI.  S. 
bekannten  Binomialcoefficienten  zu  der  Gestalt  geordnet,  welche 
man  in  Europa  seit  dem  Ende  des  XVII.  S.  das  arithmetische 
Dreieck  genannt  hat.  Das  hier  auftretende  Wort  lihn  wird  auch 
bei  der  früher  erwähnten  Annäheruugsmethode  zur  Auflösung  von 
Gleichimgen  höherer  Grade  mehrfach  benutzt  und  hat  dadurch 
Anlass  zu  dem  gleichfalls  erwähnten  Deutungsversuche  dieser  Methode 
gegeben. 

Das  arithmetische  Dreieck  ist  auch  in  einem  letzten  Werke 
wiedergefunden  worden,  von  welchem  wir  einigermassen  eingehender 
unterrichtet  sind,  da  wenigstens  die  Inhaltsangabe  desselben  in 
Uebersetzung  vorhanden  ist^).  Wir  meinen  die  Grundlagen  der 
Rechenkunst,  swan  fa  long  tsong,  welche  unter  Wan  ly  aus  der 
Dynastie  Ming  1593  dem  Drucke  übergeben  worden  sind.  Es  heisst 
in  demselben,  jene  Zahlenanorduung  finde  sich  schon  in  einem  älteren 
Werke  des  U  schi,  aber  unser  europäischer  Gewährsmann  fügt  aus- 
drücklich hinzu,  dieser  Name  sei  ein  so  gewöhnlicher,  dass  Folge- 
rungen aus  demselben  nicht  zu  ziehen  seien,  und  so  wissen  wir  nicht 
einmal,  ob  dieser  U  schi  früher  oder  später  als  Tschu  schi  kih  ge- 
lebt   hat.     Im   Swan  fa  tong   tsong  werden   noch    mancherlei    andere 

22 
Dinge  gerühmt,   so  die  Anwendung  der  Verhältnisszahl  jr  =  — ,   das 


^)   Bicrnatzki   S.  87 — 89.  -)  Ed.  Biot  im  Journal  des  Savants  1839 

]Dag.  270—273  und  besonders  im  Journal  Asiatique  für  März  1839  pag.  193 — 217. 
Die  Bemerkung  über  U  schi  pag.  194. 


646  31.  Kapitel. 

Vorkommen  von  Dreieckszalilen  und  Pyramidalzahlen,  magische  Qua- 
drate, Multiplikationen  unter  Anwendung  von  dreieckigen  Feldern, 
also  vielleicht  so,  wie  wir  sie  (S.  571)  bei  den  Indern  in  Uebung 
fanden.  Wir  berichten  genauer  nur  über  eine  Messmigsaufgabe, 
welche  Verwandtschaft  mit  in  Europa  vorkommenden  Verfahren 
(S.  517)  an  den  Tag  legt.  Die  Höhe  eines  zugänglichen  Baumes  wird 
zu  kennen  verlaugt').  Man  entfernt  sich  von  dessen  Fusse  um  eine 
gemessene  Strecke,  stellt  eine  Signalstange  auf  und  entfernt  sich 
dann  noch  weiter,  bis  mau  mittels  eines  hohlen  Rohres  die  Spitze 
der  Stange  und  des  Baumes  in  einer  geraden  Linie  sieht.  Die  Höhe 
des  Auges  über  den  Boden  wird  nun  zu  4  Fuss  geschätzt  und  als- 
dann die  Höhe  des  Baumes  mit  Hilfe  ähnlicher  rechtwinkliger  Drei- 
ecke  berechnet. 

Wir  sind  der  Zeit  schon  sehr  nahe,  in  welcher  die  europäischen 
Missionäre  an  dem  Hofe  des  den  Wissenschaften  ergebenen  Kaisers 
Kang  hi  freundliche  Aufnahme  fanden.  Er  schätzte  in  ihnen  die 
höhere  Bildung,  welche  er,  sich  darin  als  kein  Nationalchinese  ver- 
rathend,  wohl  anerkannte.  Aber  einen  chinesischen  Gelehrten  Mei 
wuh  gan,  einen  Anhänger  der  verjagten  Ming-Dynastie  und  trotz- 
dem wegen  seines  Wissens  bei  dem  fremden  Kaiser  wohlgelitten, 
wurmte  das  Uebergewicht  dieser  Europäer.  Er  behauptete"-),  von  den 
durch  sie  eingeführten  Theorien  sei  die  bei  weitem  grösste  Mehrzahl 
den  Chinesen  schon  Jahrhunderte  früher  bekannt  gewesen,  und  dieses 
nur  aus  Unkunde  mit  der  heimischen  Literatur  übersehen  worden. 
Ja  aus  China  stamme  alle  Wissenschaft,  übersetzt  sei  sie  zu  den  Be- 
wohnern anderer  Länder  gedrungen  und  habe  dort  weiter  gelebt, 
während  sie  in  China  selbst  seit  der  grossen  Bücherverbrennung 
aufgehört  habe  sich  zu  entwickeln,  wie  sie  begonnen  hatte.  Jetzt 
suchte  man  wieder  eifriger  und  allgemeiner  nach  den  alten  Schriften 
und  fand  sie. 

Wie  viele  deren  echt,  wie  viele  unecht  waren,  wer  kömite  diese 
Frage  ohne  die  eingehendsten  Kenntnisse  der  verschiedensten  Art 
beantworten?  Für  die  mathematischen  Schriften  muss  nothwendiger- 
weise  neben  den  sprachlichen  Merkmalen  höheren  oder  niedrigeren 
Alters,  vielleicht  noch  vor  diesen  der  Inhalt  zur  Beantwortung  bei- 
tragen, und  diesem  Inhalte,  soviel  uns  davon  bekannt  geworden  ist, 
entnehmen  wir  die  gleiche  Folgerung,  Avelche  (S.  627)  als  vor- 
läufige Ansicht  schon  von  uns  geltend  gemacht  worden  ist,  als  wir 
die  Ursprungs-  und  Echtheitsfrage  zuerst  aussprachen.  Wir  glauben 
nicht    an    eine    hohe    Entwicklung    der   ursprünglichen    chinesischen 

^)  Journal  Äsiatique  für  März  18'6'J,  pag.  212.  -)  Bieruatzi  S,  60—62. 


Die  Mathematik  der  Chinesen.  (347 

Mathematik.  Wir  glauben  vielmelir,  dass  das  Meiste  aus  verschiedenen 
Quellen,  unter  welchen  die  babylonische  wohl  nicht  die  mindest  er- 
giebige gewesen  ist,  dorthin  zusammenfloss.  Wir  gehen  aber  andrer- 
seits auch  nicht  so  weit,  dass  wir  den  Chinesen  jede  einzelne  Leistung 
auf  mathematischem  Gebiete  absprechen.  Die  Algebra  scheint  wie 
den  Indern  so  auch  den  Chinesen  das  ihrem  Geiste  angemessene 
Arbeitsfeld  geboten  zu  haben,  und  auf  diesem  Felde  wuchsen  Früchte, 
denen  wir  bis  auf  Weiteres  die  chinesische  Heimath  abzuerkennen  in 
keiner  Weise  gerechtfertigt  sind.  Die  Methode  der  grossen  Erweite- 
rung zur  Auflösung  gleichzeitig  bestehender  unbestimmter  Gleichungen 
ersten  Grades  dürfte  die  edelste  dieser  Früchte  sein. 


VII.  Araber. 


32.  Kapitel. 
Einleitendes.     Arabische  Uebersetzer. 

Wenn  in  den  l)eiden  vorigen  Abschnitten  der  Ursprung  der 
Kenntnisse,  Avelclie  bei  den  Indern  und  Chinesen  nachweislich  waren, 
unsere  Kritik  herausforderte  und  uns  die  Hoffnung  kaum  gestattet 
ist,  dass  bei  den  einander  schnurstracks  entgegenstehenden  Schul- 
meinungen in  dieser  Beziehung  unsere  Auffassung  von  allen  Lesern 
getheilt  des  Charakters  einer  wenn  auch  durch  Gründe  gestützten 
doch  wesentlich  persönlichen  Meinung  entkleidet  werde,  so  verhält 
es  sich  ganz  anders  mit  der  arabischen  Mathematik'). 

Dass  ein  Volk  Jahrhunderte  lang  jedem  Kultureinflusse  von 
Seiten  seiner  Nachbarvölker  unzugänglich  war,  dass  es  selbst  in 
jener  ganzen  Zeit  keinen  Einfluss  üben  konnte,  dass  es  dann  plötzlich 
seinen  Grlauben,  seine  Gesetze  und  mit  diesen  seine  Sprache  weiten 
Ländern  aufzwang,  Avelche  an  Ausdehnung  kaum  von  dem  Macht- 
bereiche anderer  Eroberer  erreicht  worden  sind,  ist  für  sich  eine  so 
regelwidrige  Erscheinung,  dass  es  wohl  der  Mühe  lohnt,  ihren  Ur- 
sachen nachzuforschen,  dass  aber  zugleich  mit  ihr  die  Gewissheit 
gegeben  ist,  die  plötzlich  auftretende  anderen  Entwicklungen  eben- 
bürtige Geistesreife  könne  aus  sich  selbst  unmöglich  zu  Staude  ge- 
kommen sein. 

Muhammed  floh  im  September  ß'22  aus  Mekka.  Er  starb  im 
Juni  632.     Zehn  Jahre   hatten   ausgereicht,  ihn  auf  der  Flucht   aus 


^)  Wir  folgen  in  diesem  Abschnitte  in  der  Anordnung  des  Stoffes  wesent- 
lich Hankel's  arabischen  Kapiteln  S.  223—293.  Von  Büchern  allgemeinen  In- 
haltes, deren  wir  uns  ausser  den  auch  von  Hankel  benutzten  bedient  haben, 
seien  besonders  erwähnt:  G.  Weil,  Geschichte  der  islamitischen  Völker  von 
Mohammed  bis  zur  Zeit  des  Sultan  Selim  übersichtlich  dargestellt.  Stuttgart  1866, 
und  Alfr.  v.  Kremer,  Kulturgeschichte  des  Orients  unter  den  Chalifen. 
Wien  1877.  Suter,  Das  Mathematikerverzeichniss  im  Fihrist  des  Ibn  Abi 
Ja  kiib  an-Nadim.  Uebersetzang  mit  Anmerkungen  in  Zeitschr.  Math.  Phys.  XXXVII, 
Supplementheft.  Wir  citiren  diese  Werke  als  Kremer,  Weil  und  Fihrist, 
Bei  der  ersten  Auflage  hat  uns  auch  ein  inzwischen  allzufrühe  aus  dem  Leben 
geschiedener  Orientalist,  Heinrich  Thorbecke,  in  ausgiebigster  Weise 
unterstützt. 


652  32.  Kapitel. 

seiner  Vaterstadt,  ihn  kämpfend  mit  wechselndem  Erfolge,  ihn  endlich 
auf  dem  Gipfel  seiner  Macht  zu  sehen,  und,  was  nur  Wenigen  gleich 
ihm  beschieden  war,  er  starb  auf  einem  Höhepunkt  angelangt.  Seine 
Nachfolger  —  Chalifen  —  setzten  das  von  ihm  begonnene  Werk  fort, 
die  Glaubenssätze,  welche  Muhammed  als  ihm  offenbart  verkündigt 
hatte,  mit  dem  Schwerte  in  der  Hand  zu  verbreiten.  Nicht  eigent- 
liche Eroberung  war  der  nächste  Zweck  der  Kriege.  Die  Annahme 
der  neuen  Religion  durch  die  Bekriegten  genügte  den  Siegern  in 
erster  Linie,  und  auch  wo  der  Glaubensfeldzug  mit  Ländererwerb 
endigte,  blieb  der  erste  Beweggrund  an  manchen  Erscheinungen 
sichtbar.  Der  Fremde  war  nicht  länger  der  Unterworfene,  als  er 
selbst  wollte.  Mit  dem  Uebertritte  zum  Islam  erlangte  er  das  Bürger- 
recht,  trat  er  in  die  Rechte  der  herrschenden  Nation  ein^),  nur 
Eines  fehlte  ihm:  Stammesgemeinschaft,  da  der  Muselmann  auf  die 
alte  Nationalität  verzichten  musste,  der  neuen  nicht  von  selbst  an- 
gehörte. Aber  auch  diesem  Mangel  konnte  er  abhelfen.  Er  trat 
meistens  zu  dem  herrschenden  Stamme,  zu  dessen  Anführer  oder  zur 
regierenden  Dynastie  in  das  Klientelverhältniss.  In  der  nächsten 
Generation  waren  seine  Nachkommen  schon  vollständig  den  neu  ge- 
wonnenen Freunden  gleichartig  und  galten  bald  als  echte  Araber, 
denen  sie  in  Sprache  und  Sitte  so  schnell  als  möglich  sich  anzu- 
schliessen  bedacht  waren.  Diesen  durch  den  Uebertritt  zu  erwerbenden 
Vortheilen  vereinigt  mit  der  geschichtlichen  Thatsache,  dass  in  vielen 
Ländern,  gegen  welche  die  ersten  Züge  der  Mohammedaner  sich 
wandten,  religiöse  Gleichgiltigkeit,  in  anderen  Verkommenheit  und 
Widerstandslosigkeit  ihnen  gegenübertrat,  vereinigt  mit  der  weiteren 
Thatsache,  dass  nationalarabische  Volkstheile  an  den  verschiedensten 
Orten  des  Ostens  längst  vor  dem  Auftreten  des  Propheten  verbreitet 
waren,  welche  auch  den  Stammesgegensatz  zwischen  Siegern  und  Be- 
siegten zu  lindern  sich  eigneten,  mag  eine  wesentliche  Rolle  bei  der 
raschen  Ausbreitung  des  Islam  zugefallen  sein.  Eben  diese  Art  der 
Ausbreitung  erklärt  es  aber,  dass  die  arabische  Sprache  in  fast  un- 
glaublich kurzer  Zeit  als  herrschende  Sprache  sich  aufdrängen,  dass 
z.  B.  noch  nicht  volle  200  Jahre  nach  Muhammed  unter  dem  Cha- 
lifen Almamün,  welcher  uns  noch  oft  beschäftigen  wird,  ein  Statt- 
halter in  Persien  seinen  Wohnsitz  haben  konnte,  der  nicht  ein  Wort 
persisch  verstand^). 

Den  geistig  kräftigeren  Elementen,  welche  an  der  Religion  ihrer 
Väter  hingen  und  nicht  zum  Uebertritte  zu  bewegen  waren,  sondern 
das  blieben  als  was  sie  erzogen  worden  waren,  meistens  nestorianische 


')  Krem  er  II,  147.         '^)  Ebenda  150,  Anmerkung  1. 


1 


Einleitendes.     Arabische  Uebersetzer.  653 

Christen  und  Juden,  wurde  freilich  dem  Wortlaut  des  Gesetzes  nach 
mit  Bedrückung  mannigfacher  Art  gedroht.  Schon  Chalife  Omar 
634—644,  derselbe,  welcher  das  Jahr  622  der  Flucht  Muhammeds 
als  Hidschra  zum  Anfang  einer  neuen  Zeitrechnung  schuf,  erliess 
das  Verbot,  dass  kein  Jude  oder  Christ  in  Staatskanzleien  angestellt 
werde ^).  Harun  Arraschid  786—908  befahl,  alle  Kirchen  in  dem 
Grenzgebiete  niederzureissen  und  verordnete,  dass  die  Nicht-Musel- 
männer sich  einer  besonderen  Kleidung  zu  bedienen  hätten'').  Aber 
viele  dieser  Gesetze  standen  nur  auf  dem  Papiere  und  wurden  massen- 
haft umo-auQ'en.    Wenn  wir  hören,  dass  Harun  Arraschid  selbst  einen 

OD  ' 

nestorianischen  Christen  Dschibril  ihn  Bachtischü'  zum  Leibarzt 
hatte,  der  sich  bei  ihm  jährlich  auf  280  000  Dirham  (das  sind  über 
M.  200  000)  stand»),  wenn  Chalife  Almuktadir  869—870  das  Verbot 
Anderscfläubige  anzustellen  mit  der  Klausel  versah:  es  sei  denn  als 
Aerzte  oder  Geldwechsler,  so  wird  uns  der  Grund  nicht  lange  ver- 
borgen bleiben,  warum  man  so  schonend  in  mancher  Beziehung 
verfuhr. 

Unter  den  echten  Arabern  war  die  Schreibkunst  noch  wenig 
verbreitet.  Es  ist  zweifelhaft,  ob  Muhammed  selbst  in  späteren 
Jahren  sie  sich  aneignete^).  Gewandtheit  mit  dem  Schreibrohre  um- 
zugehen besassen  noch  lange  Zeit  nur  Christen  und  Juden,  und  so 
musste  man  wohl  oder  übel  sich  ihrer  bedienen.  Namentlich  die 
nestorianischen  Christen  waren  es,  die  das  staatliche  Rechnungswesen 
fast  allein  besorgten  und  ebenso  als  Aerzte  unentbehrlich  waren. 
Auch  Juden,  Perser,  Inder  betrieben  die  praktische  Medizin,  aber 
das  christliche  Element  war  entschieden  vorherrschend.  Erst  der 
grosse  Räzi,  dessen  Todesjahr  auf  932  fällt,  eröffnet  den  Reigen  der 
mohammedanischen  Aerzte^).  Dagegen  war  schon  unter  den  persi- 
schen Sassanidenkönigen  im  V.  S.  ungefähr  in  der  Stadt  Dschundai- 
säbür  in  der  Provinz  Chuzistan  eine  von  Nestorianern  geleitete  und 
besuchte  medizinische  Schule  gegründet  worden.  Diese  Schule  wurde 
durch  die  Eroberung  in  ihrer  Blüthe  keineswegs  gehemmt,  aus  ihr 
gingen  die  besten  und  berühmtesten  Aerzte  ihrer  Zeit  hervor,  aus 
ihr  insbesondere  die  Leibärzte  der  Chalifen,  und  wir  haben  an  einem 
Beispiele  gesehen,  wie  dieselben  bezahlt  wurden.  Die  ungeheuren 
Geldsummen,  welche  rasch  ihren  Besitzer  zu  wechseln  pflegten,  bilden 
überhaupt  ein  kennzeichnendes  Merkmal  der  damaligen  Verhältnisse, 
und  man  hat  gewiss  mit  Recht  auf  diesen  Umstand  hingewiesen^), 
um    die   Raschheit    der  Entwicklung,    die    eben   so    grosse  Jähe    des 


1)  Weil  S.  20.         -)  Krem  er  IT,  167.         ^)  Ebenda  179.         ')  Weil  S.  3. 
^)  Krem  er  II,  183.  ^)  Ebenda  190. 


654  32.  Kapitel. 

Verfalls  der  orientalisch-arabisclien  Bildung  zu  erklliren.  Wo  nicht 
bloss  der  Beherrscher  der  Gläubigen  über  ungezählte  Schätze  ver- 
fügte, wo  nur  als  ein  Beispiel  unter  vielen  von  einem  Kaufmanue  in 
Al-Basra  unter  Al-Mahdi  775  —  785  uns  berichtet  wird,  der  ein  täg- 
liches Einkommen  von  100  000  Dirham  (beinahe  30  Millionen  Mark 
jährlich!)  besass,  so  begreifen  wir,  welche  Treibhaustemperatur  durch 
solche  Mittel  den  Fleiss  anzufeuern  geschaffen  wurde. 

Eine  ungemein  fruchtbare  übersetzende  Thätigkeit  begann, 
sobald  das  Arabische  die  allgemeine  Literatursprache  geworden  war'). 
Aus  dem  Syrischen,  aus  dem  Persischen,  aus  dem  Griechischen,  aus 
dem  Indischen  wurden  durch  eingeborene  Andersgläubige  werthvolle 
Werke  in  das  Arabische  übertragen.  Die  Regierungen  der  Chalifen 
Almausür  754 — 775,  Härim  Arraschid  786  —  809,  Almamün 
813  —  833  sind  für  solche  Thätigkeit  ganz  besonders  günstig  gewesen, 
und  hier  beginnt  auch  die  Geschichte  der  Mathematik  bei  den  Arabern. 

Vielleicht  sollte  man  zu  Gunsten  einer  Persönlichkeit  noch  um 
einige  Chalifate  weiter  hinaufgreifen  bis  zu  dem  Omaijaden  'Abd 
Almelik  684—705,  während  die  drei  obengenannten  dem  Geschlechte 
der  Abbasiden  angehörten.  Unter  'Abd  Almelik,  welcher  gleich  den 
anderen  Omaijaden  in  Damaskus  residirte,  war  ein  Christ  von  echt- 
griechischer Herkunft,  Sergius,  Schatzmeister,  und  dessen  Sohn  Jo- 
hannes von  Damaskus  folgte  in  noch  jugendlichem  Alter  wahr- 
scheinlich dem  Vater  bei  dessen  Tode  in  dieser  Stellung  nach.  Bald 
aber  zog  er  sich  nach  dem  Kloster  Saba  zurück,  wo  er  nach  den 
Einen  760,  nach  den  Andern  gar  erst  780  starb ^).  Wir  haben 
früher  (S.  434)  gesehen,  dass  ihm,  dessen  schriftstellerische  Thätig- 
keit allerdings  auf  theologischem  Gebiete  liegt,  nachgerühmt  wird, 
er  sei  in  der  Geometrie  so  bewandert  gewesen  wie  Euklid,  in  der 
Arithmetik  wie  Pythagoras  und  Diophantus,  aber  das  ist  auch  Alles, 
was  wir  von  ihm  als  Mathematiker  wissen. 

Die  Abbasiden  folgten  im  Ghalifate  auf  die  Omaijaden  im 
Jahre  750  in  der  Person  des  grausamen,  undankbaren,  rachsüchtigen 
und  meineidigen  Abü'l  'Abbas,  dessen  blutgetränkte  Regierung  nur 
vier  Jahre  dauerte"').  Wir  erwähnen  aus  dieser  Zeit  nur  eine  Neuerung. 
Die  Heiligkeit  des  Nachfolgers  des  Propheten  gestattete  nicht  mehr 
einen  unmittelbaren  Verkehr  zwischen  ihm  und  dem  Volke.  Ein  Träger 
seiner  Befehle  musste  die  Vermittelung  hinfort  übernehmen,  und  ein 
solcher  Träger,  arabisch  Wazir,  wurde  demgemäss  ernannt.  Wir 
stehen  jetzt  wieder  an  dem  Regierungsantritte  Almansürs,  der  nach 
den    verschiedensten  Richtungen    eine    neue   Zeit    einleitete    und    wie 


')  Krenicr  II,  1G9.         -)  Ebenda  402.  •')  Weil  S.  131. 


Einleitendes.     Arabische  üebei'setzer.  655 

zum  äusseren  Zeichen  derselben  seinen  Wohnsitz  von  Damaskus  nach 
Bagdad  an  den  Tigris  verlegte,  an  die  Stelle,  wo  im  Umkreise  nur 
weniger  Meilen  einst  Babylon  und  Ktesiphon  mächtigen  Königen 
zum  Mittelpunkt  ihrer  Herrschaft  gedient  hatten.  Der  Handel  be- 
lebte sich  sichtlich.  Die  Schifffahrt  im  persischen  Meerbusen  imd 
darüber  hinaus  brachte  den  Kaufleuten  namentlich  von  Al-Basra  an 
der  Mündung  des  mit  dem  Euphrat  vereinigten  Tigris  jene  Reich- 
thümer,  von  denen  vorübergehend  die  Rede  war,  brachte  ihnen 
Menschenkenutniss  und  Welterfahrung  und  Wissen  der  mannig- 
fachsten Art. 

Al-Basra  wurde  jetzt  der  Ort,  von  wo  auch  geistige  Güter  der 
Reichshauptstadt  zugeführt  wurden^).  'Amr  ibn  'Ubaid  lebte  in 
Al-Basra,  ein  Philosoph  von  sittlicher  Reinheit  und  geistiger  Grösse, 
der  sich  tief  erbittert  über  die  schmachvolle  Regierungsweise  der 
letzten  Omaijaden  lebhaft  mit  politischen  Umtrieben  beschäftigte  und 
für  seiuen  Theil  an  dem  Sturze  wenigstens  eines  Tyrannen  aus  jenem 
Geschlechte  emsig  mitwirkte.  Als  die  Dynastie  vollends  beseitigt 
war,  trat  er  zu  dem  Abbasiden  Almansür  in  nahe  Beziehungen,  und 
dieser  verehrte  ihn  wie  einen  väterlichen  Freund.  Wahrscheinlicher- 
weise waren  es  die  Lehren  des  ^Amr  ibn  'Ubaid,  welche  die  kultur- 
freuudlichen  Anwandlungen  Almansürs  in  Thaten  überführten.  Auf 
Almansürs  Befehl  entstanden  Uebersetzungen,  von  denen  wir  an- 
deutungsweise gesprochen  haben.  Aus  dem  Griechischen,  vielleicht 
freilich  erst  mittelbar  aus  syrischen  Bearbeitungen,  übertrug  man 
medizinische  Schriften^);  aus  dem  Pehlewi,  die  ursprünglich  indischen 
Thierfabeln  des  Bidpai,  welche  in  der  zweiten  Hälfte  des  VI.  S.  der 
Leibarzt  des  persischen  Königs  Chosrau  Anöscharwäu,  desselben,  der 
den  flüchtigen  Lehrern  der  athener  Hochschule  eine  Heimath  geboten 
hatte  (S.  469),  in  jene  Sprache  übersetzt  hatte  ^) 5  aus  dem  Sanskrit 
lernte  man  den  Sind  bind  kennen,  welchen  Al-Fazuri  arabisch 
herausgab*),  und  sobald  einmal,  sagt  der  arabische  Geschichtsschreiber, 
der  uns  dieses  erzählt,  diese  Werke  in  die  Oeffentlichkeit  gedrungen 
waren,  las  mau  sie  und  studirte  mit  Eifer  die  darin  behandelten 
Gegenstände. 

Wir  sind  namentlich  über  das,  was  den  Siudhind  betrifft '),  aufs 


')   Kvemer  II,  410  —  412.  ')  Wenrich,   De  auctorum   Graecorum  ver- 

sionihus  et  commentariis  Syriacis,  Arabicis,  Armeniacis  Persicisquc.  Leipzig  1842, 
pag.  13 — 14.  ^)  Wüstenfeld,  Geschichte  der  arabischen  Aerzte  und  Natur- 

forscher. Göttingen  1840,  S.  6,  Nro.  7  und  S.  11,  Nro.  21.  *)  Kremer  U,  442. 
")  Vergl.  Woepcke  im  Journal  Asiatique  vom  1.  Halbjahr  1863,  pag.  474  &gg. 
Auch  die  von  uns  nachher  zu  gebenden  Erläuterungen  finden  sich  bei  Woepcke^ 
welcher  sich  hier  zum  Theil  auf  Coleb rooke   stützt. 


656  32.  Kapitel. 

Beste  unterrichtet  durcli  eine  in  der  Einleitung  zu  einem  astrouo- 
misclien  Werke  enthaltene  Erzählung.  Aus  dieser  berichtet  nämlich 
ein  anderer  Araber  wie  folgt:  „Allmsaiu  ibn  Muhammed  ihn  Hamid, 
bekannt  unter  dem  Namen  Ibn  Aladami,  erzählt  in  seinem  Tafel- 
werke,  bekannt  unter  dem  Namen  der  Perlenschnur^),  dass  im 
15().  Jahre  der  Hidschra  vor  dem  Chalifen  Almansür  ein  Mann  aus 
Indien  erschien,  welcher  in  der  unter  dem  Namen  Siudhind  bekannten 
Rechnungs weise,  die  sich  auf  die  Bewegungen  der  Sterne  bezieht, 
sehr  geübt  war,  und  zur  Auflösung  der  Gleichungen  Methoden,  die 
sich  auf  die  von  einem  halben  Grade  zu  einem  halben  Grade  be- 
rechneten Kardagas  stützten,  und  ausserdem  mannigfache  astronomische 
Verfahren  zur  Bestimmung  der  Sonnen-  und  Mondfinsternisse,  der 
Coascendenten  der  Zeichen  der  Ekliptik  und  anderer  äbnlieher  Dinge, 
insgesammt  in  einem  aus  einer  gewissen  Zahl  von  Kapitebi  bestehen- 
den Buche  besass.  Das  Buch  wollte  er  ausgezogen  haben  aus  den 
Kardagas,  welche  den  Namen  eines  indischen  Königs  Figar  tragen, 
und  welche  auf  eine  Minute  genau  berechnet  waren.  Almansür 
ordnete  an,  dass  man  dieses  Buch  ins  Arabische  übersetze  und  dar- 
nach ein  Werk  verfasse,  welches  die  Araber  den  Planetenbewegungen 
zu  Grunde  legen  könnten.  Diese  Arbeit  wurde  dem  Muhammed  ibn 
Ibrahim  Alfazari  anvertraut,  welcher  darnach  ein  Werk  verfasste, 
das  bei  den  Astronomen  der  grosse  Sindhind  heisst.  Das  Wort 
Sindhind  bedeutet  nämlich  in  der  Sprache  der  Inder  ewige  Dauer. 
Insbesondere  die  Gelehrten  jener  Zeit  bis  zur  Regierung  des  Chalifen 
Almamün  richteten  sich  darnach.  Für  diese  wurde  ein  Auszug  davon 
durch  Abu  Dscha'far  Muhammed  ibn  Müsä  Alchwarizmi  angefertigt, 
welcher  sich  dessen  auch  zur  Herstellung  seiner  in  den  Ländern  des 
Islam  berühmten  Tabellen  bediente.  In  diesen  Tafeln  stützte  er  sich 
für  die  mittleren  Bewegungen  auf  den  Sindhind  und  wich  für  die 
Gleichungen  und  Deklinationen  davon  ab.  Er  stellte  seine  Gleichungen 
nach  der  Methode  der  Perser  und  die  Deklinationen  der  Sonne  nach 
der  Weise  des  Ptolemäus  auf.  Er  schlug  auch  in  diesem  Werke 
schöne  von  ihm  erfundene  Näherungsmethoden  vor,  welche  aber 
wegen  gewisser  augenscheinlicher  Irrthümer,  die  das  Werk  enthält, 
und  die  des  Verfassers  Schwäche  in  der  Geometrie  zeigen,  unzuläng- 
lich sind.  Diejenigen  Astronomen  der  genannten  Zeit,  welche  der 
Methoden  des  Sindhind  sich  bedienten,  schätzten  das  Werk  sehr  und 
verbreiteten    es    rasch   weiter.     Noch  heute   ist   es   sehr  gesucht   von 


')  lljii  AI  ad  am!  lebte  um  900.  Sein  Tafelwerk  wurde  920  nach  seinem 
Tode  von  einem  Schüler  herausgegeben.  Ä'otices  et  extraits  de  manuscrits  de  la 
biblioth.   VII,  126,  Anmerkung  3. 


I 


Einleitendes.     Arabische  Uebersetzer.  657 

denjenigen,  welche  sieh  mit  der  Berechnung  der  Gleichungen  der 
Planeten  beschäftigen." 

Wir  müssen  diesem  Berichte  mannigfache  Erläuterungen  bei- 
fügen. Der  Name  Sindhind  ist  nichts  anderes  als  eine  offenkundige 
Verketzerung  von  Siddhänta,  und  es  ist  also  nur  die  Frage,  welches 
von  den  diesen  Namen  führenden  astronomischen  Werken  der  Inder 
gemeint  sei.  Da  es  im  Jahre  156  der  Hidschra,  welches  mit  dem 
Jahre  773  n.  Chr.  übereinstimmt,  nach  Bagdad  gekommen  ist,  so 
stehen  später  verfasste  Siddhäntas  natürKch  ausser  Frage.  Genauere 
Antwort  gestattet  sodann  die  Nennung  des  Königs  Fi  gar.  Es  ist 
sehr  wahrscheinlich,  dass  Figar  aus  Vyäghra  entstand,  dass  aber 
Vyäghra  selbst  eine  Abkürzung  aus  Vyäghramuka  ist,  dem  Namen 
des  Königs,  während  dessen  Regierungszeit  Brahmagupta  628  seinen 
Brähma-sphuta-siddhänta  (S.  558)  verfasste.  Berücksichtigt  man  end- 
lich die  gleichfalls  allgemein  zugestandene  Verketzerung  Kardaga 
aus  kramajyä,  so  dürfte  folgende  Vermuthung  zur  fast  sicheren 
Thatsache  sich  gestalten:  Im  Jahre  773  kam  durch  einen  Inder  ein 
Auszug  aus  dem  astronomischen  Lehrgebäude  des  Brahmagupta  nach 
Bagdad,  und  dieser  Inder  nannte  seine  Quelle  nicht  mit  dem  wahren 
Namen  des  Verfassers,  sondern  nach  dem  Könige,  unter  welchem  das 
Werk  verfasst  war,  darin  vielleicht  nur  die  Fragen  des  Chalifen  be- 
antwortend, welcher  die  fürstliche  Macht  so  verstand,  dass  Alles  nach 
dem  benannt  werden  müsse,  unter  dem  es  geleistet  wurde. 

Die  arabischen  Personennamen,  welche  in  dem  Berichte 
und  auch  sonst  uns  bereits  vorgekommen  sind,  erheischen  gleichfalls 
eine  erläuternde  Bemerkung').  Die  Araber  bedienten  sich  verhältuiss- 
mässig  sehr  wenig  zahlreicher  Namen.  Um  so  sicherer  trat  es  ein, 
dass  viele  gleichnamig  waren,  und  zur  Unterscheidung  wurde  alsdann, 
verbunden  durch  das  Wort  ihn  =  Sohn,  auch  der  Vatersname  genannt, 
Muhammed  ihn  'Abdallah  (der  Sohn  des  'Abdallah)  war  ein  anderer 
als  Muhammed  ihn  'Omar  (der  Sohn  des  'Omar).  Waren  auch  die 
Väter  gleichnamig,  so  konnte  wiederholt  durch  ibn  eingeführt  auf 
den  Vater  des  Vaters  zurückgegangen  werden  u.  s.  w.  War  eine  Ver- 
wechslung nicht  möglich,  so  Hess  man  nicht  selten  dem  Namen  des 
Vaters  gegenüber  den  des  Sohnes  weg  und  sprach  nur  von  dem 
Sohne  'Omars  oder  von  dem  Sohne  'Abdallahs.  Auch  umgekehrt 
hat  man  durch  den  Sohn  auch  wohl  den  Vater  näher  bezeichnet,  der 
nun  abü  =  Vater  des  nachfolgend  Genannten  hiess.  Ein  Muhammed 
also,  der  einen  'Omar  zum  Vater,  einen  'Abdallah  zum  Sohne  hatte, 


^)   Wüstenfeld,    Geschichte    der    arabischen   Aerzte   und    Naturforscher. 
S.  X— XIII. 

Cantoe,  Geschichte  der  Mathematik  I.    2.  Aufl.  42 


658  '  32.tKapitel. 

vereinigte  die  Namen  beider  Blutsverwandten  mit  dem  eignen  und 
hiess  dementsprechend  Abu  'Abdallah  Muhammed  ihn  "^Omar.  Man 
findet  dabei  die  eigenthümlichsten  Verbindungen  und  Weglassungen. 
So  konnte  voti  dem  Vater  eines  bekannten  Mannes,  von  dem  Sohne 
des  Vaters  eines  Dritten  die  Rede  sein,  ohne  dass  der  Name  des 
eigentlich  Gemeinten  überhaupt  ausgesprochen  wurde.  Abu  Marwän 
war  Marwäns  Vater,  gleichgiltig  wie  er  hiess;  Ibn  Abu  Marwän  war 
der  Sohn  von  Marwäns  Vater,  d.  h.  Marwäns  Bruder.  Der  Araber 
hat  nun  ferner  die  Gewohnheit  auch  Eigennamen  den  Artikel  al  vor- 
zusetzen, welcher  mit  Abu  sich  zu  Abü'l  vereinigt  und  auch  andere 
Veränderungen  erleidet,  z.  B.  vor  einem  anfangenden  R  sich  in  ar 
verwandelt.  Dass  dieser  Artikel  um  so  weniger  bei  Beinamen  fehlen 
durfte  ist  einleuchtend.  Wir  erinnern  als  Beispiele  an  die  Chalifen- 
namen  al  Mansür  =  der  Siegreiche,  ar  Raschid  =  der  auf  richtigen 
Weg  Geleitete,  al  Mamün  =  der  durch  Vertrauen  Beglückte.  Die 
Beinamen,  vielfach  zur  genaueren  Bestimmung  der  gemeinten  Persön- 
lichkeit beitragend,  sind  verschiedener  Gattung.  Sie  können  sich  auf 
geistige  oder  körperliche  Vorzüge  oder  Mängel  dessen  beziehen,  dem 
sie  beigelegt  wurden;  sie  können  von  dem  Geburtsorte  oder  Wohn- 
orte des  Betreffenden  herrühren;  sie  können  eine  religiöse  Sekte  be- 
zeichnen, welcher  er  angehörte;  sie  können  den  Stand  oder  die  Be- 
schäftigungsweise der  Persönlichkeit  selbst  oder  des  Vaters  angeben. 
Wir  werden  durch  diese  Erläuterung  darauf  vorbereitet,  arabische 
Schriftsteller  mit  einem  für  unsere  Gewohnheiten  übermässig  langen 
Namen  auftreten  zu  sehen,  aber  auch  darauf,  dass  man,  um  die 
Länge  zu  vermeiden,  sich  gern  nur  der  Beinamen  bediente.  So  ist 
in  obigem  Bruchstücke  schon  von  Alhusain  ibn  Muhammed  ibn  Ha- 
mid die  Rede  und  dabei  erwähnt,  man  nenne  ihn  gemeiniglich  Ibn 
Aladami.  So  kommt  ebendort  Abu  Dscha'far  Muhammed  ibn  Müsä 
Alchwarizmi  vor,  d.  h.  Muhammed,  der  Vater  des  Dscha'far,  der  Sohn 
des  Müsä  aus  der  Provinz  Chwarizm,  und  wir  werden  sehen,  dass 
Alchwarizmi  der  Name  blieb,  unter  welchem  dieser  Schriftsteller  in 
weiteren  Kreisen  bekannt  wurde. 

Wir  kehren  nach  dieser  Abschweifung  zu  der  unmittelbar  vor- 
her ausgesprochenen  Behauptung  zurück,  dass  773  ein  Auszug  aus 
dem  uns  bekannten  Werke  des  Brahmagupta  nach  Bagdad  kam.  Die 
arabische  Ueberarbeitung  durch  Alchwarizmi  muss  um  820  etwa 
stattgefunden  haben.  Aber  schon  vorher  wurde  jener  Auszug  von 
Arabern  benutzt.  Ja'küb  ibn  Tärik  schrieb  schon  777  Tafeln  ge- 
zogen  aus    dem    Sindhind').      Aehnliche    Tafeln    fertigte    Hafs    ibn 

>)  Hankel  S.  230— 2bl.     Fihrist  33. 


Einleitendes.     Arabische  Uebeisetzer.  659 

'Abdallah  aus  Bagdad,  und  Ahmed  ihn  'Abdallah  Habasch 
genaunt  al  Häsib  =  der  Rechner  aus  Merw  stellte  um  830  drei  ver- 
schiedene astronomische  Tafeln  her,  eine  nach  arabischen  Beobachtungen, 
eine  nach  den  Lehren  der  Perser,  eine  nach  den  Methoden  der  Inder ^). 
Auf  ein  noch  späteres  Datum  weisen  nach  indischer  Methode  berechnete 
Tafeln  des  Abü'l''Abbäs  Fadl  ihn  Hätim  aus  Nairiz  in  Persien ^) 
um  900  und  die  Perlenschnur  des  Ihn  Aladami  aus  der  gleichen 
Zeit.  Ob  jedoch  alle  diese  Anwendungen  indischer  Methoden  auf 
der  einmaligen  Einführung  im  Jahre  773  beruhten,  ob  spätere  Ver- 
bindungen zwischen  arabischen  und  indischen  Gelehrteii  vorhanden 
waren,  wenn  wir  von  den  Reisen  absehen,  welche  Mas'üdi  (f  956) 
und  Albirüui  (f  1038)  in  Indien  machten  und  ausführlich  beschrieben 
haben,  ob  schon  vor  773,  damals  als  Muhammed  ihn  Käsim  unter 
dem  Omaijaden  Welid  I.,  705  bis  715,  bis  an  den  Indus  vordrangt), 
indische  Wissenschaft  in  mündlicher  Uebertragung  zu  den  Arabern 
gelangt  war,  das  sind  Fragen,  zu  deren  Bejahung  wir  freilich  keinen 
überlieferten  Anhaltspunkt  haben,  deren  vollständige  Verneinung  aber 
uns  fast  noch  kühner  erscheinen  möchte. 

Ungleich  gesicherter  ist  jedenfalls  die  Art  und  Weise,  in  welcher 
griechische  Wissenschaft  in  sich  wiederholenden  Wellen  den  arabischen 
Boden  durchtränkte.  Ganz  Syrien  in  den  gebildeten  vorzugsweise 
christlichen  Kreisen  ist  fast  als  griechische  Kolonie  zu  denken.  Aus 
der  Schule  von  Antiochia  ging  jener  Nestorius  hervor,  welcher  428 
bis  431  Patriarch  von  Konstantinopel  war,  und  dessen  Anhänger  seine 
Heimathsgenossen  waren  und  bis  auf  den  heutigen  Tag  geblieben 
sind.  In  Emesa  und  Edessa  waren  nestorianische  Schulen,  in  welchen 
man  nicht  aufgehört  hatte,  Hippokrates  und  Aristoteles  zu  studiren. 
Als  dann  bei  der  Amtsentsetzung  des  Nestorius  wegen  seiner  als 
ketzerisch  verurtheilten  Ansichten  diese  Anstalten  in  eine  Art  von 
Verruf  kamen  und  die  zu  Edessa  489  ganz  aufhörte,  da  verschwand 
das  Studium  griechischer  Medizin  nicht  etwa  ganz,  es  zog  sich  nur 
weiter  zurück  nach  Dschundaisäbür  in  der  Provinz  Chuzistän,  wie 
wir  (S.  653)  gelegentlich  gesagt  haben.  Die  spätere  Omaijadenresidenz 
selbst,  Damaskus,  besass  unter  ihren  Einwohnern  Männer  von  grie- 
chischer Herkunft  und  griechischer  Bildung.  Damascius  von  Damaskus 
(S.  467)  stand  um   510    an  der   Spitze   der    athenischen  Hochschule, 


^)  Abulpharagius,  Historia  dynast.  ed  Pococke.  Oxford  1663,  pag.  161 
der  lateiniscben  Uebersetzung.  Vergl.  auch  Gaus  sin  in  den  Anmerkungen  zu 
den  Häkimitischen  Tafeln  des  Ibn  Junis.  Notices  et  extraits  de  manuscrits  de 
la  BibUotJieque   nationale  VIT,  98,   Anmerkung  2.  *)    Notices  et  extraits  etc. 

VII,  118,  Anmerkung  2.  ^)  Weil  S.  97.     Woepcke   im   Journal  Asiatique 

vom  1.  Halbjahr  1863,  pag.  472. 

42* 


660  32.  Kapitel. 

entsprechend  wie  Johannes  von  Damaskus  in  der  zweiten  Hälfte  des 
VIII.  S.  Vertreter  griechischer  Denkungsart  in  der  Heimath  war. 
Auch  in  Persien  fehlte  es  keineswegs  neben  alten  an  neueren  Be- 
ziehungen zu  Griechenland.  Der  Hof  jenes  Sasaniden,  Chosrau  I. 
Anoscharwän  war^  woran  wir  eben  (S.  655)  erinnert  haben,  von  531 
bis  533  etwa  die  Zufluchtsstätte  der  aus  Athen  vertriebenen  letzten 
Peripatetiker  gewesen^  und  wenn  dieselben  auch  der  Heimath  sich 
wieder  zuwandten,  sobald  der  Friedensvertrag  von  533  es  ihnen  ge- 
stattete, die  Samen,  welche  sie  einmal  ausgestreut  hatten,  gingen 
doch  nicht  alle  in  der  fremden  Erde  zu  Grunde.  So  war  also,  als 
durch  Verhältnisse,  auf  die  wir  aufmerksam  gemacht  haben,  eine 
Neigung  der  ChaKfen  erwachte,  Schriftsteller  anderer  Völker  in 
arabischer  Sprache  kennen  zu  lernen,  an  Männern  kein  Mangel, 
welche  Griechisches  aus  schon  vorhandenen  syrischen  und  persischen 
Uebersetzungen ,  aber  auch  aus  der  Ursprache  zu  übertragen  im 
Stande  waren. 

Die  ersten  griechischen  Mathematiker,  welche  den  Arabern 
mundgerecht  gemacht  wurden,  waren  Ptolemäus  und  Euklid^). 

Für  beide  werden  wir  auf  die  Regierungszeit  Arraschids  ver- 
wiesen, dessen  Wezir  Ja!  ja  ihn  Chälid  der  Barmekide  die  grosse  Zu- 
sammenstellung übersetzen  Hess.  Der  erste  Versuch  scheint  jedoch 
nicht  von  sonderlichem  Erfolge  begleitet  gewesen  zu  sein.  Vielleicht 
entstammt  ihm  die  sprachwidrige  Verbindung  des  arabischen  Artikels 
al  mit  dem  griechischen  Superlativ  p-syiörrj,  welche  in  deni  Worte 
Al-Midschisti  (Almagest)  ein  höchst  ungerechtfertigtes,  aber  durch 
die  lange  Dauer  des  Besitzes  unantastbar  gewordenes  Bürgerrecht 
erlangte.  Erneuerte  Durchsicht  und  Verbesserung  dieser  üebersetzung 
erfolgte  noch  unter  desselben  Chalifen  Regierung  durch  Abu  Hasan 
und  Salmän,  dann  durch  Haddschädsch  ihn  Jüsuf  ihn  Matar^ 
welcher  letztere  auch  als  erster  üebersetzer  der  euklidischen  Elemente 
genannt  wird.  Euklid  scheint  er  sogar  zweimal,  zuerst  unter  Arra- 
schid,  dann  unter  Almamün,  vorgenommen  zu  haben,  da  von  den 
beiden  Bearbeitungen  unter  dem  Namen  jener  Chalifen  die  Rede  ist 
als  von  einer  harünischen  und  einer  mamünischen^). 

Wir  stellen  uns  keineswegs  die  Aufgabe,  alle  arabischen  üeber- 
setzer zu  n^tmen,  oder  die  griechischen  Schriftsteller  über  Mathematik 
sämmtlich  anzugeben,  welche  von  jenen  übersetzt  worden  sind.     Die 


')  Gartz,  De  interpretibus  et  explanatoribus  Euclidis  ardbicis.  Halle  1823, 
pag.  7,  und  Wenricli,  De  auctorum  Graecorum  versionibus  etc.  pag.  177  und  227. 
*)  Ueber  diese  und  andere  Euklidübersetzungen  vei'gl.  Klamroth,  Ueber  den 
arabischen  Euklid  (ZeitscLr.  der  morgenländ.  Gesellschaft  XXXV,  271 — 326, 
Leipzig  1881). 


Einleitendes.     Arabische  Uebersetzer.  661 

Einen  wie  die  Anderen  dürften  nicht  einmal  alle  bekannt  sein,  selbst 
für  solche,  welche  mit  dem  gediegensten  Einzel  wissen  an  die  Unter- 
suchung dieses  Gegenstandes  herangetreten  sind.  Die  Anzahl  der 
noch  nicht  katalogisirten  oder  ungenügend  beschriebenen,  jedenfalls 
von  Mathematikern  von  Fach  noch  nicht  durchgesehenen  arabischen 
Handschriften,  welche  auf  unsere  Wissenschaft  sich  beziehen,  in 
Bibliotheken  des  Ostens  wie  des 'Westens  —  wir  nennen  insbesondere 
die  reichhaltigen  spanischen  Sammlungen  —  ist  eine  ungemein  grosse 
und  verbietet  dadurch  jedes  abschliessende  Wort,  mag  es  um  Ueber- 
setzer oder  um  Originalschriftsteller  sich  handeln.  Nur  einige  wenige 
Uebersetzer  sind  unter  allen  Umständen  zu  erwähnen. 

Hunain  ihn  Ishäk  mit  dem  ausführlichen  Namen  Abu  Zaid 
Huuain  ihn  Ishäk  ihn  Sulaimän  al  'Jbädi^)  gehörte  dem  christlichen 
arabischen  Stamme  der  'Jbäd  an.  Er  kam  schon  mit  guter  Vorbildung 
nach  Bagdad,  machte  dann  Reisen  in  die  griechischen  Städte,  wo  er 
deren  Sprache  sich  aneignete,  und  kehrte  über  Al-Basra,  wo  er  sich 
noch  im  Arabischen  vervollkommnete,  nach  Bagdad  zurück.  Jetzt 
begab  er  sich  an  die  Uebersetzung  einer  ganzen  Reihe  griechischer 
Naturforscher  und  Philosophen,  auch  des  Ptolemäus,  dessen  Almagest 
er  bearbeitete.  Andere  Schriftsteller,  wie  die  meisten  Werke  des^ 
Euklid,  die  Schrift  des  Archimed  von  der  Kugel  und  dem  Cjlinder, 
den  Autolykus  Hess  er  unter  seiner  Aufsicht  durch  seinen  Sohn  Abu 
Ja'küb  Ishäk  ihn  Hunain")  übersetzen.  Der  Vater  starb,  durch 
den  Bischof  Theodosius  wegen  Gotteslästerung  aus  der  Gemeinde 
ausgestossen,  873,  der  Sohn  910  oder  911.  Beiden  fehlten  bei  aller 
philologischen  Gewandtheit,  deren  sie  sich  rühmen  durften,  die  sach- 
lichen Kenntnisse,  ohne  welche  es  nun  einmal  nicht  möglich  ist,  eiu 
mathematisches  Buch  zu  übersetzen,  und  so  bedurften  ihre  Arbeiten 
gar  sehr  der  fachkundigen  Verbesserung. 

Diese  wurde  ihnen  durch  Täbit  ihn  Kurrah^).  Abü'l  Hasan 
Täbit  ihn  Kurrah  ihn  Marwän  al  Harräni  wurde  836  zu  Harrän  in 
Mesopotamien  geboren.  Er  war  zuerst  Geldwechsler,  wandte  sich 
aber  dann  der  Wissenschaft  zu  und  erwarb  sich  in  Bagdad  ausge- 
zeichnete  Kenntnisse,  sowohl  als  Mathematiker  und  Astronom,  als 
auch  in  der  griechischen  Sprache,  welcher  er  wie  der  syrischen  und 
arabischen  mächtig  war.     Ein  erneuerter  Aufenthalt  in  seiner  Vater- 


^)  Wüstenfeld,  Geschichte  der  arabischen  Aerzte  und  Naturforscher  S.  26, 
Nr.  69.  Wenrich  1.  c.  pag.  228  glaubte  fälschlich  die  Almagestübersetzung 
dem  hier  gleich  folgendeji  Ishäk  ibn  Hunain  zuschreiben  zu  müssen.  Vergl. 
Steinschneider  in  d.  Zeitschr.  Math.  Phys.  X,  469,  Anmerkung  2.  ^)  "Wüsten- 
feld, Geschichte  der  arabischen  Aerzte  und  Naturforscher  S.  29,  Nr.  71. 
=*)  Ebenda  1.  c.  S.  34,  Nr.  81.     Fihrist  25—26. 


662  32.  Kapitel. 

Stadt  war  für  Täbit  mit  Misslielligkeiten  verknüpft.  Er  gehörte 
nämlich  der  Sekte  der  Sabier  au,  theilte  aber  deren  Ansichten  nicht 
in  der  geforderten  Strenge  und  wurde  deshalb  ausgestossen.  Nun 
kehrte  er  abermals  nach  Bagdad  zurück,  welches  er  nicht  wieder 
verliess.  Dort  starb  er  901  in  höchstem  Ausehen  bei  dem  Chalifen 
Almutadid^),  892 — 902,  der  ihn  seines  nächsten  Umganges  würdigte. 
Wir  werden  es  im  34.  Kapitel  mit  Täbit  als  Originalschriftsteller 
zu  thun  haben.  Unter  seinen  Uebersetzungen  nennen  wir  Schriften 
des  Apollonius  von  Pergä,  des  Archimed,  des  Euklid,  des  Ptolemäus, 
des  Theodosius. 

Etwa  gleichzeitig  mit  Täbit  zwischen  864  und  923  ist  Kustä 
ihn  Lükä  zu  nennen"),  ein  christlicher  Philosoph  und  Arzt,  der  von 
seinen  Reisen  durch  die  griechischen  Städte  eine  Menge  Bücher  mit 
nach  Hause  brachte,  deren  Uebersetzung  er  sich  angelegen  sein  liess. 
In  seinen  eigenen  Schriften  soll  Reichthum  an  Gedanken  neben  Kürze 
der  Ausdrucksweise  zu  bewundern  sein.  Er  übersetzte  die  Sphärik 
des  Theodosius,  astronomisch- geometrische  Schriften  des  Aristarch 
von  Samos,  des  Autolykus,  des  Hypsikles,  den  Gewichtezieher  des 
Heron  von  Alexandria,  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  auch  den 
(Diophant. 

Die  ganze  zweite  Hälfte  des  X.  S.  erfüllt  Abü'l  Wafä  Muhammed 
ihn  Muhammed  Al-Büzdschäni  940 — 998  aus  Büzdschän^),  der  als 
Uebersetzer  des  Diophant  zu  nennen  ist.  Er  verliess  schon  mit 
20  Jahren  seine  Heimath,  um  nach  'Irak  überzusiedeln,  wo  er  speku- 
lative und  praktische  Arithmetik  vermuthlich  bei  zwei  Oheimen,  Geo- 
metrie bei  zwei  anderen  Lehrern  studirte.  Unter  der  spekulativen 
Arithmetik  ist  das  zu  verstehen,  was  die  Griechen  Arithmetik 
nannten,  also  Zahlentheorie  und  Algebra,  unter  der  praktischen 
Arithmetik  die  eigentliche  Rechenkunst,  die  Logistik  der  Griechen, 
wobei  jedoch  keineswegs  jetzt  schon  mit  Bestimmtheit  ausgesprochen 
werden  will,  dass  er  beide  nach  griechischen  Mustern  erlernt  habe. 

Die  griechischen  Schriftsteller,  deren  Werke  wir  als  von  Arabern 
übersetzt  namhaft  zu  machen  hatten,  sind  neben  den  grossen  Meistern 
Euklid,  Archimed,  Apollonius,  Heron,  Diophant  hauptsächlich  solche, 
welche  den  sogenannten  kleinen  Astronomen  (S.  418)  der  Griechen 
ausmachten.  Die  Araber  hatten  für  diese  Schriften,  deren  Studium 
zwischen   die  Elemente   des  Euklid   und   den  Almagest  einzuschalten 


»)  Weil  S.  194—198.  *)  Wüstenfeld  1.  c.  S.  49,  Nr.  100.     Wenrich 

1.  c.  S.  178.  Steinschneider  in  der  Zeitschr.  Math. Phys.  X,  499.  3)  Eilhard 
Wiedemann,  Zur  Geschichte  Abul  Wefas.  ZeitHchr.  Math.  Phys.  XXIV,  histor.- 
litorar.  Abthlg.  S.  121—122  (1879),     Fihrist  39—40. 


Einleitendes.     Arabische  Uebersetzer.  6ß3 

ist,   gleichfalls   einen  besonderen  Sammelnamen,   sie   nannten  sie   die 
mittleren  Bücher^). 

Man  muss  nicht  glauben,  dass  damit  die  Reihe  griechischer 
Mathematiker,  von  denen  man  weiss,  dass  ihre  Schriften  arabische 
Uebersetzer  fanden,  abgeschlossen  sei,  und  ebensowenig,  dass  es  eine 
einfache  Sache  sei,  aus  arabischen  Citaten  klug  zu  werden.  Wenn 
es  natürlich  ist,  dass  Eigennamen,  bei  welchen  man  sich,  auch  wenn 
man  die  Sprache  des  Volkes,  dem  ihre  Träger  augehörten,  kennt,  gar 
häufig  nichts  denken  kann  oder  Falsches  sich  zu  denken  versucht  ist, 
beim  Uebergang  in  fremde  Literaturen  verdorben  werden,  so  haben 
die  Araber  ein  besonderes  Geschick  an  den  Tag  gelegt,  Namen  un- 
kenntlich zu  macheu.  Sind  nun  vollends  die  arabischen  Schriften 
nicht  im  Urtexte  bekannt,  sondern  selbst  wieder  in  Gestalt  von  Ueber- 
setzungen  ins  Lateinische,  welche  seit  dem  XII  S.  angefertigt  wurden, 
so  ist  das  Unmögliche  an  Verketzerungen  fast  das  Gewöhnliche.  Aus 
Heron  ist  Iran  und  Yrinius  geworden'-),  aus  Menelaus  Milleius, 
aus  Archimed  bald  Arsamites,  bald  Arsanides,  bald  Archime- 
nides  u.  s.  w.  ^). 

Einen  Vortheil  bilden  diese  Umgestaltungen,  sobald  sie  einmal 
erkannt  sind;  sie  geben  die  Möglichkeit,  lateinischen  Uebersetzungen 
oder  Bearbeitungen  griechischer  Schriftsteller,  welche  dieselben  ent- 
halten, auf  den  ersten  Blick  anzusehen,  dass  nicht  der  griechische 
Grundtext,  sondern  die  Zwischenbehandlung  eines  Arabers  die  Vor- 
lage des  letzten  Uebersetzers  bildete,  dass  also  nothwendigerweise  der 
betreffende  griechische  Schriftsteller  als  einer  von  denen  betrachtet 
werden  muss,  deren  Werke  auf  arabische  Mathematik  Einfluss  üben 
konnten.  So  müssen  beispielsweise  die  Arbeiten  des  Zenodorus 
den  Arabern  bekannt  gewesen  sein,  weil  in  einer  lateinischen  Ab- 
handlung über  die  isoperimetrische  Aufgabe,  welche  handschriftlich 
in  Basel  vorhanden  ist^),  der  Name  Archimenides  vorkommt. 

Von  anderen  Schriftstellern,  welche  den  Arabern  bekannt  waren, 
nennen  wir  neben  Jamblichus  und  Porphyrius,  deren  Studium  bei 
den  Syrern  niemals  aufgehört  hat,  insbesondere  Nikomachus ''),  dessen 
arabische  Quellen  selbst  gedenken.  Ebenso  dürfen  wir  eine  Bekannt- 
schaft mit  Pappus  vermuthen,  da  Pappus  der  Rumäer  doch  wohl  nur 
irrthümlich  statt  der  Alexandriner  gesagt  ist. 


*)  Steinschneider,  Die  mittleren  Bücher  der  Araber  und  ihre  Bearbeiter. 
Zeitschr.  Math.  Phys.  X,  456—498  (1865).  ^)  Zeitschr.  Math.  Phys.  X,  489,  An- 
merkung 60.  ^)  Steinschneider  in  der  Hebräischen  Bibliographie  Juli- 
August  1864  (Bd.  VII,  Nr.  40)  S.  92—93,  Anmerkung  20.  *)  In  dem  Sammel- 
bande F.  II,  33  der  basler  Stadtbibliothek.  ^)  Zeit.schr.  Math.  Phys.  X,  463,  An- 
merkung 24  überNikomachus  und  auf  derselben  Seite  im  Texte:  Pappus  der  Rumäer. 


664  32.  Kapitel. 

Die  Uebersetzungstliätigkeit  war  auch  von  einer  vielfach  com- 
mentirenden  begleitet,  auf  die  wir  aber,  da  sie  immerhin  einige  An- 
sprüche an  das  Selbstdenken  des  Commentators  erhebt,  bei  den 
Originalarbeiten  zu  reden  kommen.  Wir  haben,  bevor  wir  diesen  uns 
zuwenden,  nur  eine  Bemerkung  noch  zu  machen. 

Die  Schriftsteller,  von  welchen  als  Uebersetzern  seither  die  Rede 
war,  gehörten  sämmtlich  dem  Morgenlande  an.  Das  Morgenland  war 
es  aber  nicht  allein,  welches  der  Islam  sich  unterwarf,  in  welchem 
arabisch  gesprochen  mid  arabisch  gelehrt  wurde,  und  wenn  wir  gelten 
lassen,  was  für  die  früheren  Abschnitte  unsere  Richtschnur  bildete, 
dass  es  wesentlich  auf  die  Sprache  ankommt,  nicht  auf  das  örtliche 
Beisammenwohnen,  um  die  Zugehörigkeit  zu  einem  Kulturverbande 
zu  Stande  zu  bringen,  so  werden  wir  neben  den  Ostarabern  auch 
Westaraber  berücksichtigen  müssen,  welcher  letztere  Name  für  die 
arabisch  redenden  Bewohner  der  afrikanischen  Nordküste,  Spaniens 
und  Siciliens  in  Anspruch  genommen  wird. 

Längs  der  afrikanischen  Küste  ^)  verbreitete  sich  der  Islam  unter 
der  Regierung  Welid  I.,  705 — 717,  vornehmlich  durch  die  Tapferkeit 
zweier  Feldherrn,  des  Müsä  und  des  Tärik.  Letzterer  war  es  auch, 
der  sein  Waflfenglück  über  das  Mittelmeer  hinübertrug  und  im  Mai  711 
auf  spanischem  Boden  jene  steile  Höhe  besetzte,  die  nach  ihm  Täriks 
Höhe,  Dschebel  Tarik,  Gibraltar  genannt  ist.  Von  diesem  festen 
Punkte  aus  wurde  Spanien  bald  zum  grössten  Theile  unterworfen. 
Aber  die  grosse  Entfernung  von  der  Chalifenhauptstadt  gab  dem 
Emir,  d.  h.  dem  Befehlshaber  von  Spanien,  die  Gelegenheit  sich  selb- 
ständiger zu  gehaben,  als  Statthalter  der  näher  gelegenen  Provinzen 
es  wagen  durften.  Nachdem  die  Abbasiden  zur  Macht  gelangt  waren, 
kam  es  zur  vollständigen  staatlichen  Trennung,  indem  Emir  "^Abd 
Arrahmän  ein  Omaijade  747  eine  eigene  spanische  Omaijadendynastie 
gründete-),  welche  Versuche  des  Chalifen  Al-Mahdi  776 — 777  Spa- 
nien wieder  zu  unterwerfen,  mit  Glück  zurückwies^).  Auch  das  afri- 
kanische Küstengebiet  trennte  sich  vom  Mutterlande.  Seit  dem  An- 
fang des  IX.  S.  entstand'^)  dort  ein  Reich  mit  der  Hauptstadt  Fez, 
und  dieses  war,  kaum  gegründet,  kräftig  genug  selbst  wieder  erfolg- 
reiche Kolonisten  nach  Sicilien  auszusenden,  wo  auch  wieder  eine 
selbständische  moslimische  Dynastie  ihren  Herrschersitz  aufschlug. 
Wir  haben  zum  Glück  uns  nicht  mit  den  Kämpfen  und  Feindselig- 
keiten zu  beschäftigen,  welche  zwischen  den  einzelnen  Dynastien 
herrschten.     Gift  und  Dolch  ebenso  wie   offene  Empörungen  Hessen 


*)  Weil  S.  97  ügg.       '')  Ebenda  S.  140  ügg.       »)  Ebenda  S.  150.      ■•)  Ebenda 
S.  297-336  die  moslimischen  Dynastien  in  Afrika  und  Sicilien. 


Arabische  Zahlzeichen.     Muhammecl  ihn  Müsä  Alchwarizmi.  665 

bald  einzelne  Persönliclikeiten ,  bald  ganze  Gescblechter  in  der  Herr- 
schaft wechseln  und  auch  den  Sitz  der  Herrschaft  mehrfach  verlegen. 
Uns  genügt  die  Thatsache  der  fast  unaufhörlichen  Kämpfe  zur 
Stütze  der  weiteren  Thatsache,  dass  auch  wissenschaftlicher  Neid 
zwischen  den  Arabern  des  Ostens  und  des  Westens  eine  Scheidewand 
errichtete,  welche  es  verhinderte,  dass  manches,  welches  den  Einen 
eigenthümlich  geworden  war,  in  derselben  Form  von  den  Andern 
übernommen  wurde,  und  was  wir  damit  meinen,  wird  wohl  klar, 
wenn  wir  die  Jahreszahl  773,  welche  das  Auftreten  indischer  Astro- 
nomie in  Bagdad  bezeichnet,  mit  der  Zahl  715  der  Eroberung  des 
Westreiches,  oder  auch  nur  mit  der  747  des  Beginnes  des  spanischen 
Omaijadenreiches  vergleichen.  Wir  werden  sofort  an  diese  Datenver- 
gleichung  erinnern  müssen,  wenn  wir  nunmehr  an  die  Ausbreitung 
des  Zahlenrechnens  als  ersten  Theil  arabisch-mathematischen  Original- 
schriftstellerthums  gelangen  und  dabei  wieder  zuerst  von  den  Zahl- 
zeichen der  Araber  reden. 


33.  Kapitel. 
Arabische  Zalilzeiclieii.    Muliamined  ibu  Mnsä  Alchwarizmi. 

Die  Schreibkunst  der  Araber')  in  der  Zeit,  zu  welcher  sie  für 
die  Geschichte  der  Mathematik  unsere  Aufmerksamkeit  beanspruchen 
dürfen,  war  nicht  weit  her  (S.  653).  Von  einer  alten  Schrift  mit 
groben  starken  geradaufstehenden  Zeichen,  welche  von  späteren  ara- 
bischen Gelehrten  selbst  diesem  Aussehen  nach  den  Namen  einer  ge- 
stützten säulenartigen  Schrift  erhalten  hat,  sind  nur  geringe  üeber- 
reste  vorhanden.  Ob  Zahlzeichen  darunter  vorkommen,  ist  uns  nicht 
bekannt.  Eine  neue  Schrift,  welche  zunächst  dazu  angewandt  wurde, 
den  Koran  zu  schreiben,  entwickelte  sich  um  die  Mitte  des  VII.  S. 
Die  Schreibkunst  gelangte  bei  diesem  heiligen  Zwecke  bald  zu 
höherem  Range,  gewerbsmässige  Abschreiber  bildeten  sich  aus,  und 
da  diese  besonders  zahlreich  und  geschickt  in  dem  639  am  Euphrat 
erbauten  Al-Küfa  auftreten,  so  erhielt  die  Schrift  den  Namen  der 
kufischen.  Am  Anfange  des  X.  S.  veränderte  sich  diese  doch  immer 
noch  grobe  und  rohe  Schrift,  welche  man  mit  einem  Stifte  oder  einer 
ungespaltenen  Röhre  zu  schreiben  pflegte,  besonders  unter  dem  Ein- 
flüsse  des   940  verstorbenen  Wezirs   Ihn  Mukia  zu  jener  flüchtigen. 


^)  Vergl.  Silvestre  de  Sacy,  Grammair e  arahe.  Paris  1810  und  die  von 
Gesenius  verfassten  Artikel  Arabische  Schrift  S.  53 — 56  und  Arabische  Lite- 
ratur S.  56 — 69  im  V.  Bande  von  Ersch  und  Grubers  Encyklopädie. 


666  33.  Kapitel. 

abfferuudeten  Currentschrift,  welche  heute  noch  im  Oriente  dient  und 
in  Druckwerken  nachgeahmt  wird.  Sie  führt  den  Namen  Nes-chi- 
schrift  oder  Schrift  der  Abschreiber,  und  wurde,  seit  man  sich  ge- 
spaltener Rohrfedern  zu  ihrer  Darstellung  bediente,  immer  feiner  und 
eleganter.  Schreibkünstler  wie  Ibn  Bauwäb  (f  1032),  wie  der  be- 
rühmte Jäküt  (f  1221)  glänzten.  Spanien  bewahrte  seinen  eigenen 
Schriftzug,  der  sich  bis  jetzt  in  Westafrika,  in  dem  sogenannten  Magrib, 
erhalten  hat*,  er  ist  von  einer  alterthümlichen  Steifheit  und  Unge- 
fälligkeiti). 

Die  Buchstaben  des  arabischen  Alphabetes  waren  ursprünglich 
nach  Reihenfolge  und  Aussprache  wohl  übereinstimmend  mit  den 
22  Lauten,  welche  auch  anderen  semitischen  Alphabeten  angehören 
und  diese  ältere  Anordnung  führt  den  Namen  Abudsched  durch 
Verbindung  der  drei  ersten  Laute,  wie  man  Abece  und  Alphabet  sagt. 
Als  die  Nes-chicharaktere  sich  bildeten,  verliess  man  die  alte  Reihen- 
folge, um  die  Buchstaben  nach  ihrem  Aussehen  zu  ordnen,  d.  h.  so, 
dass  die  einander  ähnlichen  Schriftzeichen  neben  einander  gestellt 
wurden. 

Dass  die  Schreibart  der  Zahlen  bei  den  vielfachen  Ver- 
änderungen der  ganzen  Schrift  sich  nicht  gleich  bleiben  konnte,  ist 
nicht  mehr  als  natürlich.  Vor  Allem  liebten  es  die  Araber,  die  Zahl- 
wörter selbst  vollständig  zu  schreiben,  eine  Methode,  wenn  man  das 
Methode  nennen  darf,  welche  selbst  in  einem  Lehrbuche  der  Rechen- 
kunst noch  beibehalten  ist,  das  zwischen  1010  und  1016  in  Bagdad 
verfasst  wurde  ^). 

Aus  ihr  wohl  entstanden  die  einem  arabisch -persischen  Wörter- 
buche entnommenen  sogenannten  Diwäniziffern,  welche  nur  abge- 
kürzte Zahlwörter  sein  sollen^).  Am  klarsten  stelle  sich  dieses  durch 
den  Umstand  heraus,  dass  in  Zahlen,  die  aus  Hundertern,  Zehnern  und 
Einern  bestehen,  die  Einer  zwischen  den  Hundertern  und  Zehnern 
ihren  Platz  finden,  wie  es  in  der  Aussprache  auch  sei  (S.  567). 

Ausserdem  bedienten  sich  die  Araber  ihrer  in  der  Reihenfolge 
Abudsched  geordneten  Buchstaben  in  derselben  Weise  wie  die 
übrigen  Semiten,  um  die  Zahlen  von  1  bis  400  darzustellen.  Freilich 
ist  die  genannte  Reihenfolge  nicht  aller  Orten  ganz  streng  festgehalten 
worden.  Der  gleiche  Buchstabe,  der  in  Bagdad  90  bedeutete,  hatte 
im  nördlichen  Afrika  den  Werth  ßO,  300  wechselte  an  eben  diesen 
Orten  mit  1000  u.  s.  w.'^),  und  man  hat  daraus  den  Schluss  gezogen, 

^)  Krem  er  II,  314.  *)  Käfi  fil  Hisäb   des   Abu  Bekr  Mohammed  ben 

Alhusein  Alkavkhi,  deutsch  von  Ad.  Hochheim.  Halle,  1878.  ^)  Silv.  de 
Sacy,  Grammaire  arabe  I,  76,  Note  a  und  Tabelle  VIII.  ^)  Woepcke  im 
Journal  Asiatique  vom  1.  Halbjahr  1863  pag.  463,  Note  1  und  464. 


Arabische  Zahlzeichen.     Muhammecl  ibn  Müsä  Alchwarizmi.  667 

diese  vou  den  Arabern  als  wesentlicli  arabisch  bezeichnete  Darstel- 
lungsweise der  hurüf  aldschummal,  d.  h.  der  Zahlen werthe  der  Buch- 
staben nach  ihrer  alten  Reihenfolge,  könne  erst  entstanden  seiu, 
nachdeui  Afrika  islamisirt  war,  also  nach  715.  Damit  stimmt  auch 
eine  Notiz  überein  ^),  welche  dem  Chalifen  Welid  L,  unter  dessen 
Regierung  jene  Ausbreitung  nach  Westen  erfolgte,  das  Verbot  nach- 
erzählt, in  die  öffentlichen,  wie  wir  uns  erinnern  meist  von  Christen 
geführten  Bücher  griechische  Einträge  zu  machen  mit  Ausnahme  der 
Zahlen,  weil  arabisch  eins,  oder  zwei,  oder  drei,  oder  acht  ein  halb 
nicht  geschrieben  werden  könne.  Eine  Ausnahme,  welche  natürlich 
nur  so  gedeutet  werden  kann,  dass  damals  um  700  die  Bezeichnung 
der  Zahlen  in  abgekürzter  Buchstabennotation  anders  als  mit  griechi- 
schen Buchstaben  noch  nicht  stattfand.  Die  Schwierigkeit  Hunderte 
von  500  an  zu  bezeichnen,  scheint  man  anfänglich  ähnlich  über- 
wunden zu  haben,  wie  zum  Theil  bei  den  Hebräern  (S.  114)  durch 
gleichzeitige  additive  Benutzung  von  zwei  oder  gar  drei  Buchstaben. 
Später,  vielleicht  erst  vom  XI.  S.  an'-),  ersann  man  ein  neues  Mittel. 
Wie  nämlich  im  Hebräischen  gewisse  Buchstaben  existiren,  welche 
in  zweierlei  Aussprache  mit  und  ohne  Aspiration  vorhanden  sind, 
so  gibt  es  auch  im  Arabischen  sechs  Charaktere  von  doppelter  Laut- 
bedeutung. Man  unterscheidet  dieselbe  durch  Punkte,  welche  des- 
halb diakritische  Punkte  genannt  werden.  Diese  sechs  neuen  punk- 
tirten  arabischen  Buchstaben  wurden  nun  den  22  schon  vorhandenen 
beigefügt  und  lieferten  in  dieser  Weise  nicht  nur  Zeichen  für  die 
Hunderte  500  bis  900,  sondern,  da  jetzt  ein  Zeichen  überschüssig 
war,  auch  noch  für  1000.  Die  Vereinigung  mehrerer  Buchstaben  zu 
Zahlen  geschah  nach  dem  Gesetze  der  Reihenfolge  linksläufig,  wie  es 
die  Schrift  morgenländischer  Völker  mit  sich  brachte. 

So  war  für  das  Volksbedürfniss,  für  das  Schreiben  und  Lesen 
von  Zahlen  im  fortlaufenden  Texte  ausreichend  gesorgt,  insbesondere 
da  den  Arabern  bei  ihrer  allmäligen  Ausbreitung  auch  noch  eine 
Möglichkeit  offen  stand,  die  Möglichkeit  sich  der  in  dem  eroberten 
Lande  schon  vorhandenen,  dort  volksthümlich  gewordenen  Zahlzeichen 
zu  bedienen,  von  der  sie  wirklich  da  und  dort  Gebrauch  machten''). 

Das  Rechnen,  dessen  Kenntniss  am  langsamsten  unter  den  eigent- 
lichen Arabern  sich  entwickelte,  stellt  andere  Anforderungen.  Theils 
war  es  ein  schwieriges  nur  Geübten  mögliches  Kopfrechnen,  bei 
welchem   vielleicht  die  Darstellung  der  Zahlen  an  Fingern  als  Hilfs- 


')  Theophanes,  Chronographia  (ed.  Franc.  Combefis).  Paris,  1655, 
pag.  314.  -)  Silv.  de  Sacy,  Grammaire  arabe  I,  74,  Note  b.  ^)  Woepcke 
im  Journal  Asiatique  vom  I.  Halbjahr  1863  pag.  236 — 237. 


658  33.  Kapitel. 

mittel  diente.  Sind  wir  auch  über  die  Zeit  durciiaus  im  Unklaren, 
wann  ein  solches  Fingerrechnen  stattfand,  so  wissen  wir  aus  einem 
kleinen  Lehrgedichte  eines  Verwaltungsbeamten  Scham s  addin  al 
Mau.sili^),  dass  es  bei  Arabern  in  Uebuug  war.  Genau  nach  der 
gleichen  Folge,  wie  Nikolaus  Rhabda  es  seine  Landsleute  lehrte 
(S.  479 — 480),  wurden  die  Einer  und  Zehner  an  der  linken,  die 
Hunderter  und  Tausender  an  der  rechten  Hand  dargestellt. 

Theils  aber  lernten  die  Araber  beim  Rechnen  den  indischen 
Stellungswerth  der  Ziffern  kennen.  Darüber  kann  bei  der  über- 
einstimmenden Aussage  aller  arabischen  Quellen  Zweifel  nicht  be- 
stehen. Am  deutlichsten  spricht  sich  Albirüni  darüber  aus.  Dieser 
Schriftsteller-)  ist  von  arabischem  Geschlechte  im  nordwestlichen 
Indien  zur  Welt  gekommen  und  so  von  Kindheit  auf  mit  der  Landes- 
sprache vertraut  geworden.  Er  brachte  lange  Jahre  in  Lidien  zu, 
studirte  im  Sanskrit  geschriebene  Werke,  stellte  astronomisch-geogra- 
phische Beobachtungen  an,  denen  namentlich  auffallend  genaue 
Breitenau  gaben  für  die  von  ihm  bestimmten  Orte  verdankt  werden, 
und  schrieb  ein  grosses  Werk  über  Indien,  welches  in  jeder  Beziehung 
zu  den  bedeutendsten  Erscheinungen  der  arabischen  Literatur  ge- 
hört. Albirüni  starb  im  Jahre  1038  oder  1039.  Er  sagt  uns^), 
die  Inder  hätten  nicht  die  Gewohnheit  ihren  Buchstaben  eine  Bedeu- 
tung für  das  Rechnuugwesen  zu  geben,  wie  die  Araber  es  thäten, 
welche  ihre  Buchstaben  nach  dem  Zahlenwerthe  anordneten.  Die 
Inder  bedienten  sich  vielmehr  gewisser  Zahlzeichen,  die  aber  ver- 
schiedener Art  seien,  wie  denn  auch  die  Gestalt  der  Buchstaben  bei 
den  Indern  von  einer  Landesgegend  zur  andern  wechsle.  Die  von 
den  Arabern  angewandten  Zahlzeichen  seien  eine  Auswahl  der  ge- 
eignetsten  bei  den  Indern  vorhandenen.  Auf  die  Form  komme  es 
nicht  an,  wenn  man  nur  die  innen  wohnende  Bedeutung  kenne.  Ferner 
sagt  uns  Muhammed  ihn  Müsä  Alchwarizmi^),  derselbe,  welcher  für 
Almamün  die  indische  Astronomie  bearbeitet  hat  (S.  656)  und  dessen 
schriftstellerische  Leistungen  uns  noch  in  diesem  Kapitel  ausführlich 
beschäftigen  müssen,  es  herrsche  in  Bezug  auf  die  Zeichen  Ver- 
schiedenheit unter  den  Menschen,  eine  Verschiedenheit,  welche  zumal 
bei  der  5,  der  6,  der  7  und  der  8  hervortrete,  doch  liege  darin  kein 
Hinde  rniss. 

Sieht  man  sich  so  vorbereitet  die  arabischen  Handschriften  an, 
so  findet  man  wesentliche  Abweichungen  zwischen  den  Zahlzeichen 


^)  Uebersetzt  von  Aristide  Marre   im  Bulldino   Boncompagni   (1868)  I, 
310 — 312  ■■*)  Kremer  II,  424.  ^)  Woepcke  im  Journal  Asiatique  vom 

I.  Halbjahr   1863   pag.  275  flgg.         •*)  Trattati  d'aritmetica  pubblicati  da  Bald. 
Boncompagni  I,  pag.  1 — 2. 


I 


Arabische  Zahlzeichen.     Mubammecl  ihn  Müsä  Alchwarizmi.  669 

der  Ostaraber  und  der  Westaraber.  Der  Vergleich  der  auf 
der  Tafel  am  Ende  unseres  Bandes  ausgeführten  Zeichen  lehrt,  dass 
die  hauptsächlichsten  Abweichungen  in  den  Zeichen  für  5,  6,  7  und 
8  stattfinden,  während  1,  4,  9  ziemlich  gleich  aussehen,  2  und  3  nur 
aus  horizontaler  Lage  in  vertikale  übergingen.  Das  kann  uns  nicht 
grade  überraschen.  Wohl  aber  überrascht  es  uns,  dass  die  arabischen 
Zahlzeichen  so  ungemein  abweichen  von  den  Devanagarizifiern  und 
dass  sie  viel  eher  den  Vergleich  aushalten  mit  den  Apices,  beziehungs- 
weise mit  indischen  Zeichen  des  II.  bis  III.  S.  Das  gibt  zu  denken! 
Als  immer  wahrscheinlicher  drängt  sich  die  Vermuthung  auf,  es 
könne  der  ganze  historisch  so  dunkle  als  merkwürdige  Vorgang 
folgender  gewesen  sein^): 

Um  das  II.  S.  n.  Chr.  kamen  indische  Zahlzeichen  nach  Alexan- 
dria, von  wo  sie  sich  in  ihrer  Anwendung  beim  Kolumnenrechnen 
nach  Rom  aber  auch  wohl  nach  dem  Westen  Afrikas  verbreiteten. 
Die  Erinnerung  an  die  indische  Herkunft  mag  wach  geblieben  sein. 
Im  VIII.  S.  lernten  die  Araber  des  Ostens  die  indischen  Zahlzeichen 
in  bereits  wesentlich  veränderter  Gestalt  mit  der  inzwischen  dazuge- 
tretenen  Null  kennen.  Die  Null  nannten  sie  as-sifr^  das  Leere,  als 
Uebersetzung  von  sitmja,  wie  die  Null  bei  den  Indern  heisst  (S.  574). 
Im  Westen  nahm  man  zwar  die  Null  auf,  blieb  aber,  und  wäre  es 
nur  im  bewussten  Gegensatze  zu  den  Ostarabern,  den  alten  Zeichen 
treu,  deren  indischen  Ursprungs  man  sich  eben  so  wohl  als  ihres 
alexandrinischen  Stempels  noch  lange  erinnerte,  und  die  man  jetzt 
Gubärziffern  nannte,  d.  h.  Staubziffern ^)  im  Gedächtnisse  der 
indischen  Weise  auf  mit  Staub  bedeckten  Tafeln  zu  rechnen. 

Wenn  wir  behaupten  dürfen,  jene  doppelte  Erinnerung  sei  lange 
nicht  verloren  gegangen,  so  beziehen  wir  uns  dafür  auf  drei  Stellen 
ziemlich  später  arabischer  Rechenbücher^).  In  allen  dreien  ist  die 
Form  der  Gubärziffern  neben  der  der  ostarabischen,  welche  letztere 
den  Namen  der  indischen  führen,  aufgezeichnet;  in  zweien  sind  die 
Gubärziffern  beschrieben,  d.  h.  ihre  Aehnlichkeit  mit  arabischen  Buch- 
staben und  Buchstabenvereinigungen  ist  hervorgehoben,  so  dass  man 
sie  deutlich  erkennen  kann;  in  allen  dreien  sind  dann  auch  die  Gu- 
bärziffern als  indische  Formen  bezeichnet.  Das  eine  Rechenbuch  er- 
zählt in  dieser  Beziehung:  „Ihr  Ursprung  bestand  darin,  dass  ein 
Mann  aus  dem  Volke  der  Inder  feineu  Staub  nahm,  welchen  er  auf 
eine  Tafel  von  Holz  oder  anderem  Stoff  oder  auf  irgend  eine  ebene 


^)  Diese  Theorie  rührt  von  Woepcke  her.  Journal  Asiatique  vom 
I.  Halbjahr  1863  pag.  69—79  und  514—529.  ^)  Ebenda  pag.  243.  ^)  Ebenda 
pag.  58  —  68. 


670  33.  Kapitel. 

Fläche  ausbreitete,  und  dass  er  darauf  verzeielinete  was  ihm  beliebte 
an  Multiplikationen,  Divisionen  oder  sonstigen  Operationen,  und  hatte 
er  die  Aufgabe  vollendet,  so  schloss  er  die  Tafel  wieder  fort  bis 
zum  Gebrauche."  Eben  dieses  Rechenbuch  leitet  aber,  und  das  ist 
beweisend  auch  für  die  andere  Erinnerung,  die  ganze  Erörterung 
durch  die  Bemerkung  ein,  die  Pythagoräer  seien  die  Männer  der 
Zahlen  gewesen. 

Mögen  die  Vermuthungen,  mit  deren  Hilfe  hier  ein  einheitlicher 
Ueberblick  zu  gewinnen  gesucht  wurde,  richtig  sein  oder  nicht,  das 
Vorhandensein  der  ostarabischen  wie  der  Gubärziffern  wird  dadurch 
nicht  beeinträchtigt,  und  wir  müssen  nun  Schriftsteller  verschiedener 
Zeiten  und  verschiedener  Heimath  kennen  lernen  und  von  ihnen 
erfahren,  was  sie  in  der  Mathematik  geleistet  haben,  auch  wie  sie 
rechneten. 

Der  erste  arabische  Schriftsteller,  mit  welchem  wir  es  zu  thun 
haben,  ist  Muhammed  ihn  Müsä  Alchwarizmi.  Er  hat,  wie 
wir  wissen,  im  ersten  Viertel  des  IX.  S.  gelebt.  Er  war  einer  der 
Gelehrten,  welche  der  Chalif  Almamün  so  sachgemäss  zu  beschäftigen 
wusste,  indem  er  einen  Auszug  aus  dem  sogenannten  Sindhind  an- 
fertigen, eine  Revision  der  Tafeln  des  Ptolemäus  vornehmen,  Beob- 
achtungen zu  diesem  Zwecke  in  Bagdad  und  in  Damaskus  austeilen, 
endlich  die  Messung  eines  Grades  des  Erdmeridians  ausführen  Hess  ^). 
Die  astronomischen  Tafeln  Alchwarizmis  gehen  uns  nicht  weiter  au, 
als  dass  wir  hervorheben  müssen,  dass  sie  von  Atelhart  von  Bath, 
einem  englischen  Mönche,  welcher  um  1120  die  erste  Uebersetzung 
des  Euklid  aus  dem  Arabischen  in  das  Lateinische  anfertigte  (vergl. 
Kapitel  40),  gleichfalls  in  lateinischer  Sprache  bearbeitet  worden 
sind^).  Eingehend  müssen  wir  uus  dagegen  mit  zwei  Schriften 
Alchwarizmis  beschäftigen,  in  welchen  er  zuerst  die  Algebra,  dann 
die  Rechenkunst  behandelt  hat,  deren  Reihenfolge  wir  in  unserer 
Besprechung  aber  umkehren. 

Beide  wurden  hoch  geschätzt  und,  wie  wir  sehen  werden,  nicht 
ohne  Grund.  Beide  sind,  oder  waren  in  verhältnissmässig  neuer  Zeit 
im  arabischen  Texte  vorhanden.  Die  Algebra  freilich  ist  allein  in 
diesem  Urtexte  veröffentlicht,  während  für  die  Rechenkunst  man  lange 
auf  das  Nachsprechen  eines  selbst  arabischer  Quelle  entstammenden 
Lobes  beschränkt  war:  das  Buch  übertreffe  alle  anderen  an  Kürze 
und  Leichtiskeit  und  beweise  den  Geist  und  Scharfsinn  der  Inder  in 


1)  Kremer  II,  442—443.  «)  Math.  Beitr.  Kulturl.  S.  268—269.  Wüsten- 
t'eld,  Die  Uebersetzungen  arabischer  Werke  in  das  Lateinische.  Abhandlungen 
der  königl.  Gesellsch.  d.  Wissensch.  zu  Göttingen.     Bd.  XXII   (1877)    S.  20—23, 


I 


Arabische  Zahlzeichen.     Muhammed  ibn  Müsä  Alchwarizmi.  671 

den  herrlichsten  Erfindungen').  Ein  '[lateinisches  Manuskript,  1857 
in  der  Bibliothek  zu  Cambridge  entdeckt  und  im  Drucke  heraus- 
gegeben-), erwies  sich  aber  als  Uebersetzung  des  vermissten  Werkes, 
und  der  Umstand,  dass  trotz  nachträglichen  eifrigen  Suchens  kein 
zweites  Exemplar  dieser  Uebersetzung  ausser  dem  Codex  von  Cam- 
bridge hat  aufgefuuden  werden  können,  vereinigt  mit  der  Thatsache 
der  Uebersetzung  der  astronomischen  Tafeln  desselben  Verfassers 
durch  Atelhart  von  Bath,  haben  die  Vermuthung  entstehen  lassen^), 
der  gleiche  Uebersetzer  habe  auch  die  Arithmetik  lateinisch  be- 
arbeitet, eine  Vermuthung,  welche  wenigstens  so  weit  grosse  Wahr- 
scheinlichkeit für  sich  hat,  als  man  auf  einen  Landsmann  und  Zeit- 
genossen des  iktelhart,  wenn  nicht  auf  ihn  selbst  als  Uebersetzer 
wird  schliessen  dürfen. 

Die  Schrift  beginnt  mit  den  Worten:  „Gesprochen  hat  Algo- 
ritmi.  Lasst  uns  Gott  verdientes  Lob  sagen,  unserem  Führer  und 
Vertheidiger.''  Der  Name  des  Verfassers  Alchwarizmi  ist  also  hier 
in  Algoritmi  übergegangen,  und  fast  in  dieser  letzteren  Form  nur 
noch  etwas  weniger  der  Urform  gleichend,  nämlich  als  Algorithmus 
hat  das  Wort  Jahrhunderte  überdauert*)  und  bezeichnet  jetzt  jedes 
wiederkehrende  zur  Regel  gewordene  Rechnungsverfahren.  Das  Be- 
wusstsein  der  eigentlichen  Bedeutung  des  Wortes  ist  in  diesem 
modernen  Algorithmus  gänzlich  verloren  gegangen,  aber  das  Gleiche 
gilt  bereits  für  das  XIIL  S.,  wo  man  schon  durch  allerlei  sprachliche 
Taschenspielerkünste  sich  bemühte  ein  Verstäudniss  des  Wortes  zu 
gewinnen^).  Da  sagt  einer,  das  Wort  kommt  von  alleos  fremd  und 
garos  Betrachtung,  weil  es  eine  fremde  Betrachtungsweise  ist.  Nein, 
sagt  der  zweite,  es  kommt  von  argis  griechisch  und  mos  Sitte,  es 
ist  eine  griechische  Sitte.  Der  dritte  kommt  zu  ares  die  Kraft  und 
ritnios  die  Zahl.  Ein  vierter  sieht  in  algos  ein  griechisches  Wort, 
welches  weissen  Sand  bedeute,  und  daher  der  Name,  denn  die  Rech- 
nung ritmos  wurde  auf  weissem  Sande  geführt.  Wieder  ein  anderer 
legt  sich  das  Wort  auseinander  in  algos  die  Kunst  und  rodos  die 
Zahl.     Manchen  war  durch  Ueberlieferung  vielleicht  das  Bewusstsein 


^)  Casiri,  Bibliotheca  aruhico-hispana  Escurialensis  I,  427  (Madrid,  1760). 
*)  Die  Schrift  bildet  das  I.  Heft  der  von  dem  Fürsten  Bald.  Boncompagni 
herausgegebenen  Trattati  d'aritmetica.  ^)  Vergl.  einen  Aufsatz  von  Chasles  in 
den  Comptes  Bendus  de  l'academie  des  sciences  XLVIII,  1058  vom  6.  Juni  1859. 
*)  In  dem  Algorithmus  den  Namen  Alchwarizmi  erkannt  zu  haben,  ist  das 
grosse  Verdienst  von  Reinaud  {Memoire  sur  l'lnde  pag.  303  sq.),  der  schon 
1845  diesen  Gedanken  aussprach,  also  lange  bevor  die  Entdeckung  des  Cam- 
bridger Codes  die  Vermuthung  in  Gewissheit  verwandelte.  ^)  Math.  Beitr. 
Kulturl.  2G7. 


672  33.  Kapitel. 

geblieben,  es  bandle  sieb  um  den  Namen  eines  Mannes,  aber  dieser 
biess  ibnen  bald  Algorus  von  Indien,  bald  König  Algor  von  Kastilien, 
bald  Algus  der  Pbilosopb.  Neuere  Gelehrsamkeit  bat  sieb,  ebe  die 
riebtige  Ableitung  bekannt  war,  mit  scbeinbarem  Recbte  fast  am 
weitesten  von  der  Wabrbeit  entfernt,  indem  sie  in  äbnlicber  Weise  wie 
bei  Almagest  eine  Zusammensetzung  des  arabiseben  Artikels  al  mit 
dem  griecbiscben  aQiQiii.g,  die  Zabl,  vermutbete  und  das  dazwiseben- 
getretene  g  als  spracblicbe  Absonderlicbkeit  betrachtete,  die  einer 
Erklärung  nicbt  fähig  sei,  auch  nicht  bedürfe,  da  man  bei  dem 
Uebergange  aus  dem  Griechischen  durch  das  Arabische  in  das  Latei- 
niscbe  auf  Alles  gefasst  sein  müsse.  Es  können  Einen  solche  Ver- 
irrungen  nicht  erstaunen,  wenn  man  berücksichtigt,  dass  durch 
neckischen  Zufall  alle  anderen  Formen  des  Namens  unseres  arabi- 
schen Gelehrten,  die  bekannt  geworden  sind,  dem  Algorithmus  lauge 
nicht  so  verwandt  klingen  wie  das  zuletzt  veröffentlichte  Algoritmi. 
Als  solche  Formen  erwähnen  wir  Alchoarismiis^),  Alkauresmus,  ja 
sogar  Aldiocharithmus  ^). 

Eine  Frage  könnte  noch  erhoben  werden  dahin  gebend,  welche 
den  Namen  Alchwarizmi  führende  Persönlichkeit  den  Urtext  zu  jener 
lateinischen  üebersetzuug  geliefert  habe?  Wir  nahmen  an,  es  sei 
Muhammed  ibn  Müsä  Alchwarizmi  gewesen,  aber  eine  zweite  Per- 
sönlichkeit konnte  gleichfalls  als  Verfasser  gelten.  Albirüni,  nach 
unserer  früheren  Darstellung  (S.  668)  dem  Nordwesten  Indiens  ent- 
stammend, hatte  nach  anderer  Meinung  seine  Heimath  in  einem 
kleinen  Orte  Birün  der  Landschaft  Chwarizm,  und  diese  Meinung, 
wenn  auch  muthmasslich  irrig,  war  verbreitet  genug  ihm  den  Namen 
Alchwarizmi  bei  manchen  zuzuziehen^).  Ausserdem  weiss  man  von 
ihm,  dass  er  ein  Rechenbuch  verfasst  hat^),  einiger  Zweifel  konnte 
daher  entstehen,  ob  der  erste,  ob  der  zweite  Alchwarizmi  sich  in 
jener  Schrift  redend  einführe.  Die  Sicherung  in  dem  Sinne  beruht 
auf  dem  Umstände,  dass  nur  von  dem  ersten,  nicbt  von  dem  zweiten 
Alchwarizmi  eine  Algebra  geschrieben  worden  ist,  mid  dass  der  Ver- 
fasser des  Rechenbuches  nach  jenem  Anrufen  und  Preisen  des  Lenkers 
der  Dinge,  welches  er  echt  arabisch  noch  weiter  fortsetzt  als  wir  es 
oben  mittbeilten,  nach  Erörterung  der  Verschiedenheit  der  Zahl- 
zeichen unter  den  Menschen,  auf  welche  wir  ebenfalls  (S.  668)  uns 
schon  bezogen  haben,  fortfährt  wie  folgt  ^):  „Und  ich  habe  schon  in 
dem  Buche  Aldscbebr   und  Almukäbala,   d.  h.   der  Wiederherstellung 


^)  Libri,  Histoire  des  sciences  mathcmatiques  en  ItaUe  I,  298.  ^)  Reinaud, 
Memoire  sur  VInde  pag.  375.  ^)  Wüstenfeld,  Geschichte  der  arabischen 
Aerzte  und  Naturforscher  S.  75,  Nr.  129.  "*)  Reinaud,  Memoire  sur  rinde 
pag.  303.     '^)  Trutlati  d'aritinetica  I,  2. 


Arabische  Zahlzeichen.    Muhammed  ihn  Müsä  Alchwanzmi.  673 

und  Gegenüberstellung,  eröffnet,  dass  jede  Zahl  zusammengesetzt  sei, 
und  dass  jede  Zahl  sich  über  eins  zusammensetze.  Die  Einheit  also 
wird  in  jeder  Zahl  gefunden,  und  das  ist  es,  was  in  einem  anderen 
Buche  der  Arithmetik  ausgesprochen  ist.  Weil  die  Einheit  Wurzel 
jeder  Zahl  und  ausserhalb  der  Zahl  ist."  Der  Anfang  dieses  Satzes 
bis  zu  der  „einem  anderen  Buche  der  Arithmetik",  in  alio  lihro  arith- 
niefico,  entnommenen  Bemerkung  über  die  Ausnahmestellung  der  Ein- 
heit findet  sich  aber  nahezu  wörtlich  iu  der  Algebra  des  Muhammed 
ihn  Müsä^).  Wir  sind  also  in  der  That  berechtigt,  hier  unter  dem 
Namen  des  Muhammed  ihn  Miisä  Alchwarizmi  über  jenes  Rechen- 
buch weiter  zu  berichten,  für  ihn  in  Anspruch  zu  nehmen,  was  aus 
dem  letzten  Theile  der  hier  mitgetheilten  Stelle  unzweifelhaft  her- 
vorgeht, dass  wer  so  schrieb,  in  der  Zahlenlehre  der  Neupythagoräer 
wohl  geschult  sein  musste,  welche  er  nicht  aus  indischen  Quellen 
kennen  lernen  konnte,  dass  unter  jenem  anderen  Buche  der  Arith- 
metik die  spätere  sogenannte  spekulative  Arithmetik  im  Gegensatze 
zur  praktischen  Arithmetik  (S.  662)  gemeint  ist,  dass  dem  Verfasser 
darüber  Kenntnisse  zu  Gebote  standen,  welche  unmittelbar  oder 
mittelbar  auf  Nikomachus,  vielleicht  auch  auf  Theon  von  Smyrna, 
der  am  deutlichsten  betont  hat,  die  Einheit  sei  keine  Zahl  (S.  406), 
zurückgehen. 

Nun  wird  das  eigentliche  Rechnen  gelehrt,  das  Zahlenschreiben, 
das  Addiren,  bei  welchem  ein  besonderes  Gewicht  auf  den  Fall  ge- 
legt ist,  dass  die  Summe  der  Ziffern  an  einer  Stelle  9  übersteigt;  die 
Zehner  sollen  alsdann  der  folgenden  Stelle  zugerechnet  und  an  der 
ursprünglichen  Stelle  nur  das  geschrieben  werden,  was  unterhalb  10 
noch  übrig  bleibt.  „Bleibt  nichts  übrig,  so  setze  den  Kreis,  damit 
die  Stelle  nicht  leer  sei;  sondern  der  Kreis  muss  sie  einnehmen,  da- 
mit nicht  durch  ihre  Leerheit  die  Stellen  vermindert  werden  und  die 
zweite  für  die  erste  gehalten  wird"-).  *  Bei  der  Subtraktion  wie  bei 
der  Addition  soll  man  bei  der  höchsten  Stelle,  also  links  anfangen, 
dann  zur  nächstfolgenden  übergehen,  weil  dadurch  die  Arbeit,  so 
Gott  will,  nützlicher  und  leichter  werde.  Die  eigentliche  Schwierig- 
keit der  Subtraktion  für  Anfänger,  die  Behandlung  des  Falles,  dass 
eine  Stelle  des  Subtrahenden  durch  eine  höhere  Zahl  als  die  ent- 
sprechende Stelle  des  Minuenden  erfüllt  ist,  wird  nicht  mit  einem 
Worte  berührt.     Die  dritte   Operation  ist   das  Halbiren,   welches  in 


^)  The  algebra  of  Moliammed  ben  Musa  (ed.  Rosen).  London,  1831,  pag.  5, 
§  3:  J  also  ohserved  that  every  niimler  is  composed  of  units  and  that  any  number 
may  he  divided  into  units.  ^)  Si  nihil  remanserit  pones  circulum,  ut  non  sit 
differentia  vaeua:  set  sit  in  ea  circulus  qui  occupet  ea,  ne  forte  cum  vaeua  fuerit, 
minuantur  differentiae,  et  putetur  secunda  esse  prima.     Trattati  d'arithmetica  I,  8. 

Cantoe,  Geschichte  der  Mathematik  I.    2.  Aufl.  43 


674  •  3^-  Kapitel. 

der  umgekehrten  Ordnung  bei  der  niedersten  Stelle  zu  beginnen  bat. 
Das  Verdoppeln. hingegen,  die  vierte  Operation,  beginnt  wieder  von 
oben.  Die  Hervorhebung  von  Halbirung  und  Verdoppelung  als 
besonderen  Rechnungsarten  ist  sehr  bemerkenswerth.  Indisch  ist  sie 
nicht,  wenigstens  finden  wir  sie  weder  bei  indischen  Origiualschrift- 
stellern,  noch  bei  dem  nach  indischem  Muster  arbeitenden  Maximus 
Planudes.  Nach  dem  heutigen  Stande  des  Wissens  können  wir  nur 
an  unmittelbaren  oder  durch  Griechen  vermittelten  ägyptischen  Ein- 
fluss  denken.  Die  Multiplikation  wird  nach  der  Weise  ausgeführt, 
welche  wir  (S.  570)  bei  den  Indern  kennen  gelernt  haben;  das  Pro- 
dukt wird  jeweil  über  die  betrefi'ende  Ziffer  des  Multiplikandus  ge- 
schrieben und  verbessert,  wenn  eine  nach  rückwärts  folgende  Stelle 
des  Multiplikandus  mit  der  Multiplikatorziffer  vervielfacht  eine  Ver- 
besserung nöthig  macht.  Von  der  Richtigkeit  der  genannten  Ope- 
rationen überzeugt  man  sich  durch  die  Neunerprobe.  Die  Division 
wird  nach  dem  gleichen  Gedanken  wie  die  Multiplikation  ausgeführt, 
nur  natürlich  in  umgekehrtem  Gange.  Die  Schreibweise  ist  die,  dass 
der  Dividend  unter  sich  den  Divisor,  über  sich  den  Quotienten  erhält 
und  erst  über  dem  Quotienten  die  aufeinanderfolgenden  Veränderungen 
erscheinen,  welche  mit  dem  Dividenden  durch  Abziehung  der  Theil- 
produkte  vorgenommen  werden.  Der  Divisor  bleibt  übrigens  an 
seiner  Stelle  unter  dem  Dividenden  nicht  stehen,  sondern  rückt 
fortwährend  von  links  nach  rechts  zurück.  So  liefert  die  Division 
46  468  :  324  den  Quotient  143  und  den  Rest  136.  Fasst  man  die 
umständliche  Beschreibung')  in  eine  kurze,  vielleicht  durch  den  Ver- 
fasser, vielleicht  durch  den  Uebersetzer  weggelassene  Musterrechnimg 
zusammen,  so  würde  sie  folgendermassen  ausgesehen  haben: 

136 
,24 
110 
22 
140 
143 
46468 
324 
324 
324. 
Von   einer   complementären  Division  ist  keine   Spur  zu    finden.     Im 


')  Trattati  d'arUinetica  I,  14  —  16. 


.Arabische  Zahlzeiclien.     Muhammed  iljn  Mllsä  Alchwarizmi.  675 

Anschlüsse  an  die  Division  kommt  der  Verfasser  zu  den  Brüclien 
und  bemerkt,  die  Inder  hätten  sieh  der  öOtheiligen  Brüche  bedient, 
welche  er  dann  schliesslich  ausführlich  erklärt  und  das  Rechnen  an 
und  mit  denselben  erläutert. 

Wir  schalten  hier  eine  Bemerkung  über  arabische  Brüche  ein, 
von  welcher  wir  zwar  nicht  die  volle  Ueberzeugung  besitzen,  dass 
sie  bereits  für  die  Zeit  des  Muhammed  ihn  Müsii  Geltung  habe,  aber 
auch  für  das  Gegentheil  keinerlei  Gründe  kennen,  indem  es  mehr  um 
etwas  Sprachliches  als  der  Rechenkunst  Angehöriges  sich  handelt. 
Die  Araber  unterschieden  nämlich  stumme  Brüche  von  aus- 
sprechbaren^). Aussprechbar  sind  die  Brüche  mit  den  Nennern 
2  bis  9  oder  anders  gesagt:  es  gibt  arabische  Wörter  für  Halbe, 
Drittel,  .  .  .  Neuntel.  »Stumm  sind  Brüche  mit  Nennern,  welche 
nicht  2  bis  9  sind  oder  aus  diesen  multiplikativ  zusammengesetzt 
werden   können,    wie    etwa   Sechstel  des   Fünftels    statt    Dreissigstel. 

Ein  stummer  Bruch  ist  also  z^.  B.  -—  und  muss   umschreibend   durch 

lo 

ein  Theil  von  13  Theilen  ausgedrückt  werden.  Man  hat  die  Aehn- 
lichkeit  mit  dem  Aussprechbarmacheh  der  Brüche  durch  Verwandlung 
in  eine  Summe  von  Stammbrüchen  bei  den  Aegyptern  (S.  31)  her- 
vorgehoben'''), und  wenn  wir  uns  kein  bestimmtes  Urtheil  über  die 
Triftigkeit  dieser  unter  allen  Umständen  höchst  scharfsinnigen  Ver- 
gleichung  zutrauen,  so  unterlassen  wir  doch  nicht  sie  zu  wiederholen 
und  im  voraus  darauf  aufmerksam  zu  macheu,  dass  uns  noch  eine 
weitere  Vergleichung,  möglicherweise  eine  ägyptische  Erinnerung 
durch  mündliche  Ueberlieferung  von  Jahrtausenden  in  diesem  Kapitel 
aufstossen  wird. 

Von  einem  Rechenbrette  oder  etwas,  was  demselben  irgendwie 
gleicht,  ist  bei  Alchwarizmi  keine  Rede,  und  ebenso  erfolglos  wird 
unser  Suchen  darnach  bei  älteren  arabischen  Schriftstellern  bleiben. 
Von  Alkindi,  der  seine  wissenschaftliche  Thätigkeit  um  850  ent- 
faltete, wird  zwar  eine  Schrift  erwähnt,  deren  Titel  in  richtiger 
Uebersetzung  über  die  Linien  und  das  Multipliziren  mit  der  Zahl 
der  Gerstenkörner^)  lautet,  aber  daraus  ein  Rechnen  auf  Linien  oder 
zwischen  Linien  mit  Hilfe  von  Gerstenkörnern  entnehmen  zu  wollen, 
dürfte  allzukühn  sein. 

Die  zweite  Schrift  des  Alchwarizmi,  welcher  wir  uns  jetzt  zu- 
wenden, ist  die,  wie  wir  schon  gesagt  haben,  vor  der  Arithmetik  des- 
selben Verfassers  entstandene  Algebra '^),  das  erste  Werk,  so  viel  mau 


^)  Käfi  fil  Hisäb  (deutsch  von  Hochheim)  Heft  I,  S.  11,  Anmerkung  4, 
und  Behaeddins  Essenz  der  Rechenkunst  (deutsch  von  Nesselmann)  S.  4. 
^)  Herr  L.  Rodet  in  einem  Privatbriefe.        ^)  Fihrist,  11.        *)  Eine  alte  latei- 

43* 


676  33.  Kapitel. 

weiss^  in  welchem  dieses  Wort  selbst  als  Titel  erscheint.  Ja,  wenn 
mau  arabischen  Notizen,  die  theils*  in  einem  Werke  des  XII.  S., 
theils  in  Randbemerkungen  zu  einer  Handschrift  von  Alchwarizmis 
Algebra  niedergelegt  sind^),  Glauben  beimessen  darf,  so  ist  es  das 
erste  Werk,  in  welchem  jenes  Wort  vorkommen  kann,  denn  vor 
Alchwarizmi  habe  kein  Araber  je  über  den  dadurch'  bezeichneten 
Gegenstand  geschiieben.  Wir  müssen  demnach  sicherlich  an  dieser 
Stelle  von  dem  Worte  Algebra  reden"). 

Eigentlich  sind  es  zwei  Wörter  Aldschebr  walmukäbala, 
welche  Alchwarizmi  vereint  als  Titel  benutzt  hat.  Dschebr  ist  re- 
stauratio  die  Wiederherstellung,  mukäbala  ist  oppositio,  die  Gegen- 
überstellung. Allein  mit  diesen  Wortübersetzungen  ist  gewiss  für 
niemand,  der  den  Sinn  der  Wörter  in  der  Mathematik  noch  nicht 
gekannt  hat,  etwas  verdeutlicht.  Trotzdem  fand  es  Alchwarizmi 
nicht  für  nothw endig,  die  Wörter,  die  ihm  als  Ueberschrift  dienten, 
zu  erklären,  und,  was  noch  mehr  sagen  will,  in  dem  eigentlich  theo- 
retischen Theile  -seines  Buches  kommen  diejenigen  Operationen,  welche 
dschebr  und  mukäbala  genannt  werden,  gar  nicht  vor.  Wir  werden 
noch  Folgerungen  aus  diesem  höchst  merkwürdigen  Thatbestande 
ziehen.  Einstweilen  erläutern  wir  auf  die  Erklärungen  späterer  araT 
bischer   Schriftsteller  uns    stützend    die  Meinung    unseres  Verfassers. 

Wiederherstellung  ist  genannt,  wenn  eine  Gleichung  der  Art 
geordnet  wird,  dass  auf  beiden  Seiten  des  Gleichheitszeichens  nur 
positive  Glieder  sich  finden;  Gegenüberstellung  sodann,  wenn  Glieder 
gleicher  Natur  auf  beiden  Seiten  weggelassen  werden,  so  dass 
Glieder  dieser  Art  nach  vollzogener  Gegenüberstellung  nur  noch  auf 
der  einen  Seite  vorkommen,  wo  sie  eben  im  Ueberschusse  vor- 
handen waren. 

Alchwarizmi  nimmt,  wie  gesagt,  in  seinem  theoretischen  Theile, 
wo  er  zuerst  die  Auflösung  der  Gleichungen  lehrt,  stillschweigend 
an,  die  betreffenden  beiden  Vorbereitungsoperationen  seien  bereits 
vollzogen,  und  er  unterscheidet  darnach  6  Arten  von  Gleichungen, 
welche  wir  schreiben  würden: 

ax^  =  hx,       ax^  =  c,       hx  =  c,       x^  -\-  hx  =  c,       x^  -\-  c  =  bx, 

x'^  =  hx  -\-  c. 

nische  Uebersetzung  ist  abgedruckt  bei  Libri,  Histoire  des  sciences  mathema- 
ti(jues  en  Italic  I,  253.-297.  Wir  verstehen  unter  Mohammed  ben  Musa,  Algebra 
immer  die  von  Fried r.  Rosen  besorgte  mit  englischer  Uebersetzung  begleitete 
Ausgabe.     London,  1831. 

')  Mohammed  ben  Musa,  Algebra  pag.  VII.  ^)  Mohammed  ben 
Musa,  Algebra  pag.  177  — 188  und  Nesselmaun,  die  Algebra  der  Griechen 
S,  45  — 5:i. 


Arabisclie  Zahlzeichen.     MiLhammed  ibn  Müsil  Alchwarizmi.  677 

Er  gibt   sodami  für  jede  dieser  Gleicliimgeii  Regeln,  welche  er  zu- 
gleieli  an  ZaMeubeispielen  erläutert. 

Wir  wollen  die  Auflösung  von  x'^  -{-  c  =  hx  hier  beispielsweise 
übersetzen,  weil  sie  in  mehreren  Beziehungen  die  wichtigste  ist^). 
„Quadrate  und  Zahlen  sind  gleich  Wurzeln;  z.  B.  1  Quadrat  und 
21  an  Zahlen  sind  gleich  10  Wurzeln  desselben  Quadrates,  d.  h.  was 
muS^  der  Betrag  eines  Quadrates  sein,  welches  nach  Addition  von 
21  Dirhani  gleichwerthig  wird  mit  10  Wurzeln  jenes  Quadrates? 
Auflösung:  Halbire  die  Zahl  der  Wurzeln;  ihre  Hälfte  ist  5.  Ver- 
vielfache dieses  mit  sich  selbst;  das  Produkt  ist  25.  Ziehe  davon 
die  mit  dem  Quadrate  vereinigten  21  ab;  der  Rest  ist  4.  Ziehe 
die  Wui'zel;  sie  ist  2.  Ziehe  dieselbe  von  der  halben  Anzahl  der 
Wurzeln,  welche  5  war,  ab;  der  Rest  ist  3.  Das  ist  die  Wurzel  des 
gesuchten  Quadrates  und  das  Quadrat  selbst  ist  9.  Oder  Du  kannst 
jene  Wurzel  zu  der  halben  Anzahl  der  Wurzeln  addiren;  die  Summe 
ist  7.  Das  ist  die  Wurzel  des  gesuchten  Quadrates,  und  das  Quadrat 
selbst  ist  49.  Wenn  Du  auf  ein  Beispiel  dieses  Falles  stössest,  ver- 
suche die  Lösung  durch  Addition,  und  wenn  diese  nicht  den  Zweck 
erfüllt,  dann  wird  Subtraktion  es  sicherlich  thun.  Denn  in  diesem 
Falle  können  beide  —  Addition  und  Subtraktion  —  augewandt 
werden,  was  in  keinem  anderen  der  drei  Fälle,  in  welchen  die  Anzahl 
der  Wurzeln  halbirt  werden  muss,  gestattet  ist.  Wisse  auch,  dass, 
wenn  in  einer  Aufgabe  dieses  Falles  das  Produkt  der  Vervielfachung 
der  halben  Anzahl  der  Wurzeln  in  sich  selbst  kleiner  ausfällt  als 
die  Zahl  der  Dirham,  welche  mit  dem  Quadrate  verbunden  ist,  die 
Aufgabe  unmöglich  ist;  ist  aber  jenes  Produkt  den  Dirham  selbst 
gleich,  dann  ist  die  Wurzel  des  Quadrates  gleich  der  Hälfte  der  An- 
zahl der  Wurzeln  allein  ohne  jede  Addition  oder  Subtraktion."  In 
Zeichen  würden  wir  das  so  schreiben,  dass  aus  x'  -\-  c  =  hx  sich  . 


ergebe,  also  mit  zwei  möglichen  Werthen,  vorausgesetzt,  dass  (  — )  >  c; 
bei  c  >  (-^j    sei   die  Aufgabe   unmöglich;   bei  c  =  (~-j    gebe  es  nur 


einen  Werth   x  =  ~ 


Nachdem  die  verschiedenen  Grleichungsformen  aufgelöst  sind, 
wendet  sich  Alchwarizmi  zum  geometrischen  Nachweise  der  Richtig- 
keit des  betreffenden  Verfahreub.  Auch  hier  wollen  wir  nur  einen 
Fall,  etwa  x-  -\-  bx  =  c  hervorheben'^),  um  zu  zeigen,"  wie  die  Sache 


^)  Mohammed  ben  Musa,  Algebra  pag.  11     12.     -)  Ebenda  pag.  13—16. 


678 


33.  Kapitel. 


gemeint  sei.    Das  Zahlenbeispiel  lautet  x^  -\-  lOx  =  39.     Man  zeicline 

(Figur  95)  ein  Quadrat  aß  und  an  jede  Seite  desselben  ein  Recliteck, 

so    entstellt,    wenn    man   noch  4  kleine    Quadratchen    an   den  Ecken 

,  -      beifügt,  ein  grösseres  Quadrat  öe.     Soll  die  erste 

Figur  aß  das  Quadrat  x^,  sollen  die  4  Rechtecke 

y,  7],  K,  9   die   10a;  vorstellen,   so  ist   die  Breite 

10  5 


V 

7' 

a 
ß 

7d 

$ 

jedes  solchen  Rechteckes  — 

quadratchen   betragen    zusammen    4  •  (   -] 


und  die  4  Eck- 
25. 


Fig.  95. 


Das  grössere  Quadrat  8e  ist  also  a;'^  +  IOä;  +  25 
oder  64,  weil  x^  +  löx  =  39  ist.     Die  Seite  des 
grösseren  Quadrats  ist  mithin  ]/64  =  8.     Eben  diese  Seite  ist  aber 

auch   rc  -j-  — ,   folglich  a;  =  8  —  5  =  3  oder  als  Formel  geschrieben 


=|/4-(iy+- 


beziehungsweise  x 


i/(i-r+ 


5 


T 

ß 

25 

d 

Fig.  96. 


Alchwarizmi  erklärt  dann  ebendenselben  Fall  mit  Hilfe  eines  Gno- 
mons.     Er  legt   nämlich  (Figur  96)   an  aß  ==  x^  das  10a;   in  Gestalt 
nur  zweier  Rechtecke  y,  8  an  2  Seiten  an,  so  dass 
ein  aus  aß,  y  und  d  bestehender  Giiomon  gebildet 
ist,  welchem  zur  Vollendung  des  Quadrates  s^  nur 

ein  Eckquadrat  von   der  Seite    .   =  5,  mithin  von 

der  Fläche  25  fehlt.     Das  grössere  Quadrat  ist  nun- 
mehr wieder  x^  +  10a;  +  25  =  39  -f  25  =  64  und 
seine    Seite    ]/64  =  8.      Ebendiese    ist    aber    auch 
X  -\-  6  und  so  wieder  a:  =  8  —  5  =  3. 

Wir  bleiben  in  unserem  Berichte  hier  zuvörderst  stehen,  um  an 
das  Bisherige  die  erforderlichen  Bemerkungen  zu  knüpfen.  Wir 
haben  gesehen,  dass  Alchwarizmi  seine  Schrift  Aldschebr  walmukä- 
bala  nannte.  Als  im  Mittelalter  lateinische  Uebersetzungen  ange- 
fertigt wurden,  übernahm  man  erst  einfach  die  beiden  Wörter,  welche 
man  nur  mit  lateinischen  Buchstaben  schrieb^),  und  welchen  man 
allenfalls  die  Uebersetzung  realauratio  et  oppositio  beifügte,  die  dabei 
mitunter  in  der  Reihenfolge  wechselten,  so  dass  sie  oppositio  et  re- 
stauratio  hiessen.  AUmälig  ging  von  den  beiden  arabischen  Wörtern 
das  zweite  verloren,  das  erste  blieb  allein  in  der  Form  algehra  übrig, 
und  nun  geschah  das  Entgegengesetzte  wie  bei  algoritlmms.  Dort 
vergass  man,  dass  es  ein  Mann  war,  der  so  hiess,  und  suchte  das 
Wort   zu    übergetzen,    hier  vergass  man,    dass  es    ein    übersetzungs- 


')  Libri,  Histoire  des  sciences  matheniatiqucs  en  Italic  I,  253. 


Arabische  Zahlz eichen.     Muhammed  ibn  Miisä  Alchwarizmi.  679 

fälliges  Wort  war,  welclies  mau  vor  sich  hatte,  und  hielt  dlgebra  für 
den  Namen  eiiies  Mannes.  Von  einem  Araber  Geber  sollte  die 
Kunst  herrühren,  behauptete  im  XIV.  S.  ein  Florentiner,  Rafaele 
Canacci^),  und  andere  schrieben  das  gläubig  ab,  nicht  selten  den 
Erfinder  in  jenem  Astronomen  Dschäbir  ibn  Aflah  aus  Sevilla  ver- 
mutheud,  der  gemeiniglich  Geber  genannt  wird  und  mehrere  Jahr- 
hunderte nach  Alchwarizmi  erst  lebte-).  Im  Spanischen  ist  die  Be- 
deutung und  das  Wort  selbst  annähernd  erhalten  in  Algebrista,  der 
Chirurg^). 

Wir  haben  ferner  gesehen,  dass  Alchwarizmi  jene  Wörter  dscliebr 
und  mukdbala  zwar  in  der  Ueberschrift  gebraucht,  aber  nirgend  er- 
klärt hat,  wiewohl  der  blosse  Wortlaut  ganz  gewiss  nicht  ausreicht, 
um  die  technische  Bedeutung  zu  verstehen.  Die  Folgerung  ist  da- 
durch geradezu  aufgezwungen,  dass  Alchwarizmi,  mag  er  auch  der 
erste  arabische  Schriftsteller  über  seinen  Gegenstand  gewesen  sein, 
doch  keinesfalls  einen  für  seine  Landsleute  neuen  Gegenstand  be- 
handelte, dass  vielmehr  durch  mündliche  Lehre,  entnommen  aus  per- 
sönlichen Uebertragungen  fremdländischen  Wissens  oder  aus  Schriften, 
die  in  nicht -arabischer  Sprache  verfasst  waren,  schon  bekannt  ge- 
wesen sein  muss,  was  Herstellung  und  was  Gegenüberstellung  sei. 

So  sind  wir  zu  der  Frage  gelangt,  aus  welcher  Sprache  die  ara- 
bische Lehre  von  den  Gleichungen  sich  abgeleitet  hat  und  wann 
diese  Ableitung  erfolgte.  Die  letztere  Frage  zu  beantworten  reicht 
das  bekannte  Quellenmaterial  nicht  aus.  Wir  können  nur  behaupten, 
die  Einführung  der  Algebra  müsse  hinlänglich  lange  Zeit  vor  Alchwa- 
rizmi stattgefunden  haben,  um  die  Möglichkeit  zu  gewähren,  dass 
jene  Begiiffe  und  die  für  dieselben  erfundenen  Kunstausdrücke  untej* 
den  Fachleuten  —  denn  für  solche  schrieb  Alchwarizmi  —  schon 
landläufig  geworden  sein  konuten.  Aber  woher  war  damals  die 
Algebra  gekommen?  Zwei  Quellen  stehen  uns,  so  weit  wir  sehen,  zu 
Gebot.  Was  Alchwarizmi  gibt  kann  griechischen,  kann  indischen 
Ursprungs  sein,  kann  vielleicht  einer  aus  beiden  Quellen  gemischten 
Strömung  sein  Dasein  verdanken,  wie  wir- ja  auch  in  seinem  Rechen- 

')  Cossali,  Origine,  trasporto  in  Itdlia,  primi  proffressi  in  essa  deW  algebra. 
Parma,  1797.  I,  35.  *)  Hankel  S.  248,  Note  **.  Dieser  Geber  darf  ja  nicht 
verwechselt  werden  mit  dem  Alchymisten  Abu  Müsä  Dschäbir,  der  gleichfalls 
als  Geber  in  der  Literargeschichte  genannt  wird  und  ein  Schüler  des  Dscha'for 
as-Sädik  (699 — 765)  war,  mithin  vor  Mubammed  ibn  Müsa  Alchwarizmi  gelebt 
hat.  Vergl.  Wüstenfeld,  Geschichte  der  arabischen  Aerzte  und  Naturforscher 
S.  12,  Nr.  25.  ^)  Llegäron  ä  un  piieblo,  donde  fue  Ventura  hallär  ä  un  Algehrista 
con  quien  se  curö  el  Sanson  desgraciado.  Bon  Quixote,  Parte  UI,  L.  V,  c.  15 
am  Ende.  Hier  ist  augenscheinlich  Algebrista  der  Chirurg,  der  Zerbrochenes 
wieder  einrichtet. 


680  33.  Kapitel. 

buche  überwiegend  Indisches  und  daneben  einzelne  griechische  Spuren 
vorfanden.  Wir  wollen  zu  zeigen  versuchen,  dass,  wenn  die  Algebra 
überhaupt  als  eine  Mischung  zu  betrachten  ist,  jedenfalls  griechische 
Elemente  in  ihr  weitaus  vorherrschen.       > 

Schon  die  beiden  Verfahren  der  Herstellung  und  Gegenüber- 
stellung, welche  voraussetzen,  dass  auf  beiden  Seiten  der  Gleichung 
nur  Positives  stehe,  wenn  der  Ansatz  vollendet  ist,  können  nicht 
indisch  sein,  weil  die  Inder  von  dieser  Bedingung  nichts  wissen. 
Es  kann  hier  nur  auf  Griechisches  gemuthmasst  werden,  und  ver- 
gleichen wir  unsere  Auszüge  aus  Diophant  (S.  442),  so  finden  wir 
ganz  genau  die  Vorschrift  der  Herstellung  und  Gegenüberstellung, 
in  welcher  nur  keine  Namen  für  jenes  Verfahren  angegeben  sind, 
Namen  die  mithin  jünger  und  muthmasslich  arabischer  Herkunft 
sein  werden.  Bei  Diophant  finden  wir  ferner  grade  die  drei*  Formen 
unreiner  quadratischer  Gleichungen,  welche  unser  Araber  kennen 
lehrt,  wieder  mit  einem  kleinen  Unterschied,  auf  den  wir  noch  zu 
redien  kommen.     Vergleichen  wir  weiter. 

Alchwarizmi  hat  für  die  in  den  Gleichungen  auftretenden  Grössen 
verschiedene  Namen.  Die  Unbekannte  heisst  schal,  die  Sache,  oder 
dschidr,  die  Wurzel.  Das  Quadrat  der  Unbekannten  heisst  mal,  Ver- 
mögen, Besitz.  Die  bekannte  Grösse  wird  als  die  Zahl  benannt. 
Der  Name  des  Quadrats  kann  nun  sehr  wohl  aus  dem  griechischen 
^i;t/a(iitc,  Möglichkeit,  Vermögen  übersetzt  sein,  während  es  aus  dem 
indischen  varga,  die  Reihe,  unter  keinen  Umständen  abgeleitet  werden 
kann^).  Das  Wort  schal  für  die  Unbekannte  entspricht  weder  dem 
indischen  yävattävat,  noch  dem  ägcQ^xog  des  Diophant.  Letzteres 
war  freilich  nicht  mehr  zu  verwenden,  wenn  man  ihm  schon  eine 
andere  Bedeutung  gegeben  hatte,  wenn  man  ganz  zweckmässig  die 
bekannte  Grösse  der  Gleichung,  die  fiovccg  des  Diophant,  die  rüpa 
der  Inder  Zahl  genannt  hatte.  Der  Name  schal,  Sache,  für  die  Un- 
bekannte erinnert,  wenn  man  ihn  nicht  als  in  der  Natur  der  Fragen 
begründet  einheimisch  entstanden  lassen  sein  will,  nur  an  das  ägyp- 
tische hau,  welches  gleichfalls  Sache  heisst  und  für  die  Unbekannte 
gebraucht  wird,  eine  Aehnlichkeit,  auf  welche  wir  oben  (S.  675)  vor- 
bereitet haben ''^).  Nun  bleibt  noch  dschidr,  die  Wurzel,  für  die  Un- 
bekannte erklärungsbedürftig.  Man  hat  darin  eine  Uebersetzung  des 
indischen  müla  erkannt.     Das  ist  ganz  gewiss  richtig  für  die  Bedeu- 


^)  üeber  alle  diese  Namen  vergl.  Hankel  S.  264,  Note  *,  wo  freilich 
weder  Alles  angegeben  ist,  was  wir  hier  mittheilen,  noch  die  gleichen  Folge- 
rungen gezogen  sind.  -)  Die  Vergleichung  zwischen  schai  und  hau  haben  wir 
in  dem  Aufsatze:  „Wie  man  vor  vierthalbtausend  Jahren  rechnete"  in  der  Bei- 
lage zur  Allgemeinen  Zeitung  vom  6.  September  1877  ausgesprochen. 


Arabische  Zahlzeichen.     Muhainmed  ibn  Müsä  Alchwarizmi.  681 

tung  von  dschidr  als  Quadratwurzel  einer  Zahl,  welche  bei  den 
Griechen  stets  jilsvQa,  die  Seite,  hiess.  Aber  ob  nicht  zugleich  an 
das  Qt^T]  des  Nikomachus,  welches  in  der  Arithmetik  des  Boethius 
sich  mit  erweiterter  Bedeutung  als  radix  wiederfindet^),  erinnert 
werden  darf,  ist  eine  doch  wohl  aufzu werfende  Frage.  Es  könnte 
QL^t]  selbst  eine  Uebersetzung  von  müla  sein,  wenn  wir  an  die  in- 
dische Beeinflussung  Alexandrias  im  IT.  S.  uns  erinnern;  es  könnte 
müla  aus  Qi^rj  übersetzt  worden  sein,  wenn  wir  an  die  alexandri- 
nische  Beeinflussung  Indiens  denken;  es  könnte  dschidr  dem  einen 
wie  dem  andern  Worte  sein  Dasein  verdanken!  So,  viel  scheint  da- 
raus hervorzugehen,  in  diesen  Wortvergleichungen  werden. wir  den 
Schlüssel  zu  dem  uns  beschäftigenden  Geheimnisse  nicht  finden. 

Täuschen  wir  uns  nicht,  so  liegt  dieser  Schlüssel  in  den  Figuren, 
welche  Alchwarizmi  zur  Begründung  seiner  Auflösungen  der  unreinen 
quadratischen  Gleichungen  gezeichnet  hat,  oder  vielmehr  in  den 
Buchstaben,  welche  er  zur  Bezeichnung  dieser  Figuren  verwendet^). 
Alchwarizmi  beweist  Algebraisches  geometrisch;  das  ist  von  vorn 
herein  griechisch,  nicht  indisch,  da  dem  Inder  grade  das  entgegen- 
gesetzte Verfahren  Gewohnheit  ist.  Geometrisches  algebraisch  .zu  be- 
handeln, und  nur  eine  unbestimmte  quadratische  Gleichung 

xy  =  ax  -{-  hp  ^  c 

(S.  590)  geometrische  Erörterung  fand,  welche  uns  an  einen  grie- 
chischen Ursprung  grade  dieser  Gleichungsauflösung  denken  liess. 
Alchwarizmi  bezeichnet  ferner  seine  Figuren  mit  Buchstaben;  das  ist 
wieder  griechisch,  nicht  indisch.  Und  nun  vollends  mit  welchen 
Buchstaben  bezeichnet  er  sie?  Allerdings  mit  arabischen  Buchstaben, 
aber  mit  solchen,  welche  eine  bunte  Reihenfolge  in  dem  späteren 
arabischen  Alphabete  darstellen  und  auch  durch  die  Reihenfolge 
Abudsched  nicht  ganz  erklärt  sind,  während  sie  durch  griechische 
Buchstaben  nach  dem  Gesetze  gleichen  Zahl werthes,  sofern  man  die 
Buchstaben  als  Zahlen  betrachtet,  ausgedrückt  die  vollständig  richtige 
griechische  Reihenfolge  zeigen,  und  auch  darin  griechisch  sich  geben, 
dass  sie  das  ?r  und  l  ausschliessen.  Welchen  Grund  könnte  ein 
Araber  gehabt  haben,  seinen  beiden  Zeichen,  welche  die  Zahlenbedeu- 


*)  JRadiccs  autem  proportionem  voco  numeros  in  super iore  dispositione  descrip- 
tos,  quasi  quihns  omnis  summa  supraiiidae  comparationis  inniiatur  (Boetius 
ed.  Friedlein  pag.  60  1.  1-3).  *)  Der  den  Charakter  einer  Methode  an  sich 
tragende  Gedanke  auf  die  Buchstaben  einer  Figur  und  deren  Reihenfolge  zu 
achten,  um  die  Herstammuug  einer  Lehre  zu  erkennen,  rührt  von  Hultsch 
her,  der  ihn  in  seiner  Abhamllung  über  den  heronischen  Lehrsatz,  Zeitschr. 
Math.  Phys.  IX,  247  zuerst  in  Anwendung  gebracht  hat. 


532  23-  Kapitel. 

tung  6  und  10  haben  und  so  den  als  ausgeschlossen  von  uns  ge- 
nannten entsprechen,  also  den  ?f-Laut  und  den  ^'-Laut,  nicht  zu  be- 
nutzen? Keinen,  so  viel  wir  sehen.  Der  Grieche  hatte  solche  Gründe. 
Das  =r  war  ihm  im  Gewöhnlichen  überhaupt  kein  Buchstabe  mehr, 
und  das  i,  wie  wir  uns  erinnern,  dem  einfachen  Striche  allzuähulich. 
Der  ein  griechisches  Muster  benutzende  Araber  folgte  ihm,  aber  auch 
nur  dieser. 

Wir  behaupten  auf  diese  Begründung  gestützt:  Zum  mindesten 
die  geometrischen  Nach  Weisungen  für  die  Auflösung  unreiner  qua- 
dratischer GleichjLingen  bei  Muhammed  ihn  Müsä  Alchwarizmi  sind 
griechisch,  und  damit  gewinnen  auch  frühere  Behauptungen  erneute, 
für  manchen  Leser  vielleicht  erhöhte  Wahrscheinlichkeit,  die  Be- 
hauptung jene  Auflösung  der  Gleichung  xy  =  ax  +  ^>y  +  c  bei 
Bhäskara  sei  griechischen  Ursprungs,  die  Behauptung,  die  griechische 
Algebra  habe  von  Euklid  zu  Heron,  vielleicht  zu  Diophant  in  voll- 
kommen selbständiger  Entwicklung  sich  ausgebildet. 

Wie  Alchwarizmi  zu  griechischer  Algebra  gekommen  sein  kann, 
darüber  vollends  ist  nach  der  allgemeinen  kulturgeschichtlichen  Ueber- 
sicht,  welche  wir  im  vorigen  Kapitel  zu  geben  uns  gedrungen  fühlten, 
kein  Zweifel.  Die  griechischen  Gelehrten,  die  am  persischen  Hofe 
erschienen  waren,  gehörten  einer  Zeit  an,  welche  wohl  anderthalb 
Jahrhunderte  nach  Diophant  fällt,  und  durch  sie  kann  und  wird 
manches  aus  Diophant,  beziehungsweise  aus  Kenntnissen,  wie  sie  in 
griechischer  Sprache  uns  nur  bei  Diophant  erhalten  sind,  mitgeführt 
worden  sein.  Wir  erinnern  ferner  daran,  dass  Johannes  von  Da- 
maskus im  VIII.  S.  zum  arabischen  Hofe  in  Beziehung  stand,  jener 
Mann  (S.  654),  der  mit  Pythagoras  und  Diophant  verglichen  worden 
ist,  vielleicht  doch  mehr  als  eine  Floskel  seines  Lobredners,  vielleicht 
ein  Hinweis  darauf,  dass  die  Gegenstände  pythagoräischer  wie  dio- 
phantischer  Arithmetik  und  Algebra  ihm  geläufig  waren. 

Es  fehlt  freilich  bei  Alchwarizmi  neben  Dingen,  in  welchen  er 
als  Schüler  griechischer  Algebraisten  sich  erweist,  auch  nicht  an 
Dingen,  in  welchen  er  sich  wie  von  den  Indern,  so  auch  von  ihnen 
zu  unterscheiden  scheint,  nicht  an  solchen,  in  welchen  er  über  sie 
hiuausgeht.  Die  Griechen,  und  wie  die  Griechen  so  auch  die  Inder 
(S.  584),  bereiteten  eine  unreine  quadratische  Qleichung,  etwa 

ac(r  -\-  hx  =  c, 

zur  Auflösung  dadurch  vor,  dass  sie  dieselbe  mit  dem  Coefficienten 
a  des  quadratischen  Gliedes,  unter  Umständen  auch  mit  dem  Vier- 
fachen desselben  4  a  vervielfachten.  Alchwarizmi  schlägt  den  ent- 
gegengesetzten Weg  ein,  er  lässt  seine  Gleichimg  durch  jenen  Coeffi- 


Arabisclie  Zahlzeichen.     Muhammed  ibn  Müsä  Älchwarizmi. 


6Si 


cienten  dividiren^)  und  bringt  sie  so  in  die  in  seinen  Lösungen  vor- 
gesehene Form  x^ -{- hyX  =  Cj^.  Wir  erinnern  uns  ferner,  dass  es 
unmöglicli  war,  den  bestimmten  Nachweis  zu  führen,  Diophant  habe 
gewusst,  dass  manche  unreine  quadratische  Gleichungen  zwei  von 
einander  verschiedene  positive  Wurzelwerthe  •  besitzen  (S.  446). 
Älchwarizmi  spricht  ausdrücklich  von  den  beiden  Wurzeln  der 
Gleichungen  x^  -\-  c  =  hx  (S.  677).  Das  dürfte  doch  wohl  auf 
indischen  Einfluss  zurückzuführen  sein,  so  dass  damit  das  Wort 
Mischung,  dessen  Möglichkeit  wir  für. die  arabische  Algebra  in  sehi* 
einschränkende  Klauseln  einschlössen,  sich  für  dieses  eine  indische 
Element  rechtfertigen  könnte. 

Indisch  ist  auch  wohl  die  nur  uneigentlich  der  Algebra  zuge- 
theilte  Regel  de  tri,  Avelche  in  der  Fortsetzung  von  Alchwarizmis 
Werke  auftritt-)  und  ähnlich  bei  griechischen  Schriftstellern  uns 
nicht  bekannt  ist. 

Gehen  wir  in  unserem  Berichte  weiter,  so  kommen  wir  zu  einem 
unzweifelhaft  wieder  griechischen  Quellen  entstammenden  Kapitel  mit 
der  Ueberschrift  die  Messungen,  misähät^).  Einzelheiten  mögen 
unsere  Behauptungen  bestätigen.  Älchwa- 
rizmi spricht  den  pythagoräischen  Lehr- 
satz aas  und  will  ihn  beweisen.  Zum 
Beweise  dient  ihm  (Figur  97)  das  in  acht 
gleichschenklige  rechtwinklige  Dreiecke 
zerlegte  Quadrat,  die  Figur,  deren  wir  als 
Figur  34  zum  Verständniss  der  berüchtigten 
platonischen  Menonstelle  (S.  205)  bedurf- 
ten, welche  auch  von  Pythagoras  muth- 
masslich  zum  Beweise  seines  Satzes  in 
dem  ersten  Falle,  dass  das  vorgelegte  recht- 
winklige Dreieck  die  Hälfte  eines  Quadrates  war,  benutzt  wurde,  eine 
Muthmassung,  die  selbst  wieder  zu  gesteigerter  Wahrscheinlichkeit 
gelangt,  wenn  wir  die  dazu  dienende  Figur  als  eine  griechische  wirk- 
lich nachweisen  können.     Das  können  wir  aber  trotz  des   arabischen 


')  The  Solution  is  the  same  wlien  two  Squares  or  three,  or  more  or  less  he 
specified;  you  reduce  tliem  to  one  Single  Square  and  in  the  same  proportion  you 
rcduce  also  the  roots  and  simple  numhers,  ivhicli  are  connected  thereicith  (Mo- 
hammed ben  Musa,  Algebra  pag.  9).  '■')  Mohammed  ben  Musa,  Algebra 
pag.  68—70.  ^)  Ebenda  pag.  70—85.  Eine  französische  üebersetzung  die;-;es 
einen  Kapitels  hat  Aristide  Marre  nach  Rosens  englischer  üebersetzung  in 
den  N.  ann.  math.  V,  557—570  gegeben.  Später  hat  er  sie  nach  dem  arabischen 
Grundtexte  verbessert  zum  erneuerten  Abdruck  bringen  lassen  in  Annali  di 
matematica  piira  ed  applicata  T.  VII.     Roma,  1866. 


084  .  33.  Kapitel. 

Fundortes  wieder  mit  Hilfe  der  Buchstaben.  Unter  den  12  Figuren, 
welche  überhaupt  in  dem  Kapitel  der  Messungen  vorkommen,  ist 
eine  (ein  durch  einen  vertikalen  Durchmesser  getheilter  Kreis)  ohne 
jede  Bezeichnung.  Zehn  Figuren  sind  durch  an  die  Seiten  bei- 
geschriebene Längenmaasse  bezeichnet.  Die  einzige  zum  pythagoräi- 
schen  Lehrsatze  gehörige  Figur  trägt  Buchstaben  an  den  Ecken  und 
zwar  solche,  die  nach  unserer  vorerwähnten  Methode  ins  Griechische 
übertragen  eine  richtige  Reihenfolge  der  gewählten  Buchstaben 
geben ^).  Vierecke,  heisst  es  alsdann  weiter,  sind  von  fünf  Arten: 
Quadrate,  Rechtecke,  Rhomben,  Rhomboide,  unregelmässige  Vierecke. 
Das  sind  ganz  genau  die  fünf  euklidischen  Vierecke  im  Gegensatze  zu 
den  indischen  (S.  609  —  610).  Alchwarizmi  unterscheidet  dabei  Länge 
und  Breite  der  Figuren,  unter  ersterer  die  grössere,  unter  letzterer 
die  kleinere  Abmessung  verstehend.  Das  ist  wieder,  alexaudrinisch 
und  von  ägyptischer  Zeit  her  in  Gebrauch  (S.  365).  Die  Aufgabe 
wird  gestellt:  in  ein  gleichschenkliges  Dreieck,  dessen  beide  gleiche 
Schenkel  10  und  dessen  Grundlinie  12  zur  Länge  hat,  ein  Quadrat 
einzuzeichnen.     Die  Höhe    des  Dreiecks    ergibt    sich   ihm   als   8,    die 

Quadratseite  als  4—  •  Genau  dieselbe  Aufgabe  mit  denselben  Maass- 
zahlen findet  sich  bei  Heron^),  denn  darin  wird  man  doch  wohl  eine 
Verschiedenheit  nicht  erkennen  wollen,  dass  Heron  von  seinem  gleich- 
schenkligen Dreiecke  nur  die  Grundlinie  mit  12,  die  Höhe  mit  8  be- 
kannt gibt,  woraus  man  die  beiden  gleichen  Seiten  mit  je  10  berechnen 
könnte,  wenn  Heron  es  auch  unterlässt.  Eine  gewisse  Verschieden- 
heit bietet  nur  die  Art  der  Berechnung  der  Quadratseite,  die  in  dem 
arabischen  Texte  deutlicher  ist  als  in  unserem  griechischen  Wort- 
laute. Heron  nämlich  verschafft  sich  ohne  weitere  Begründuug  die 
Quadratseite,  indem  er  das  Produkt  von  Höhe  und  Grundlinie  durch 
die  Summe  von  Höhe  und  Grundlinie  dividirt;  Alchwarizmi  dagegen 
rechnet  —  ob  nach  griechischer  Vorlage  lassen  wir  dahingestellt  — 
dieselbe  Formel  erst  algebraisch  aus,  indem  er  die  Quadratseite  als 
Unbekannte  wählt  und  die  vier  Stücke,  in  welche  die  Einzeichnung 
des  Quadrats  das  ursprüngliche  Dreieck  zerlegt,  ihrer  Fläche  nach 
einzeln  berechnet,  welche  alsdann  zusammen  der  bekannten  Gesammt-. 
fläche  gleich  gesetzt  werden.  Allerdings  fehlen  auch  in  dem  Kapitel 
der  Messungen  gewisse  Dinge,  welche  wir  sonst  bei  Schriftstellern, 
die   unmittelbar  an  Heron   sich    anlehnen,    zu  finden    gewohnt   sind. 


^)  Rosen  hat  zwar  B  wo  wir  ^  haben,  doch  ist  dieses  offenbar  Wirkung 
eines  Schreibfehlers,  indem  die  beiden  entsprechenden  arabischen  Buchstaben 
sich  nur  durch  ein  kleines  Pünktchen  unterscheiden.  .-)  Heron  (ed.  Hultsch) 
pag.  74—75. 


Arabische  Zahlzeichen.     Muhammed  ihn  Müsä  Alchwarizmi.  685 

Die    näherungsweise    Berechnung    des    gleichseitigen   Dreiecks    unter 

Benutzung  von  ]/3  =  -7,  die  heronische  Dreiecksformel  aus  den  drei 

Seiten,  jene  altägyptischen  Annäherungswerthe  für  Vielecksflächen 
als  Produkte  der  arithmetischen  Mittel  von  je  zwei  Gegenseiten  lehrt 
Alchwarizmi  nicht.  Von  Stereometrischem  hat  nur  der  Inhalt  einer 
abgestumpften  quadratischen  Pyramide,  deren  Grundfläche  die  Seite  4, 
die  Abstumpfungsfiäche  die  Seite  2  besitzt,  während  die  Höhe  10  ist, 
Beachtung  gefunden.  Die  Berechnung  selbst  kann  nach  griechischem 
Muster  geführt  sein,  wiewohl  grade  diese  Zahlen  in  keiuem  der  be- 
kannten herouischen  Beispiele  vorkommen.  Auch  ein  indisches  Ele- 
ment ist  übrigens  mit  Bestimmtheit  in  diesem  Kapitel  nachzuweisen. 
Die  Verhältnisszahl  7t  wird  nämlich  in  dreierlei  Grössen  augegeben. 
22      .  . 

Davon  werde     "-  „im  praktischen  Leben  angewandt,  wiewohl  es  nicht 

ganz  genau  sei;   die  Geometer   besitzen  zwei   andere  Methoden",  und 

diese  sind  die  indischen  71  =  yiO  und  71  =  „aaoo' 

Nun  kommt  ein  letzter  wieder  ganz  verschieden  gearteter  Ab- 
schnitt, an  Länge  ziemlich  genau  die  Hälfte  des  ganzen  Buches  aus- 
machend^) und  dadurch  den  Beweis  liefernd,  dass  in  den  Augen  des 
Verfassers  hier  Avohl  der  Schwerpunkt  seiner  Aufgabe  liegen  mochte. 
Es  handelt  sich  um  die  ungemein  verwickelten,  um  nicht  zu  sagen 
verworrenen  Bestimmungen  über  Erbrecht,  über  Freimachung  von 
Sklaven  und  dergleichen,  welche  in  dem  Koran,  dem  bürgerlichen 
nicht  minder  als  religiösen  Gesetzbuche  der  Araber,  enthalten  waren, 
und  welche  mit  ihren  sich  oft  widersprechenden  Forderungen  nicht 
selten  eine  Entscheidung  nöthig  machten,  die  von  dem  Rechte  und 
der  Rechnung  gleichmässig  abwich,  weil  es  unthunlich  schien,  nur 
das  Eine  zu  Gunsten  des  Anderen  zu  verletzen.  Aufgaben  wie  jene 
römische  Erbschaftsfrage  von  der  Wittwe,  die  nach  dem  Tode  des 
Mannes  Zwillinge  zur  Welt  bringt,  sind  in  diesem  Abschnitte  nicht 
enthalten,  was  ja  zum  voraus  keineswegs  sicher  war,  da  möglicher- 
weise auch  diese  Doktorfrage  einem  arabischen  Rechenkünstler  hätte 
bekannt  werden  können  und  dann  gewiss  seine  Sammlung  kitzlicher 
Fälle  zu  bereichern  beigetragen  haben  würde.  Aber  wenn  auch 
A  ehnlichkeiten  und  Uebereinstimmungen  mit  dem  römischen  Rechte 
bei  den  Arabern  nachzuweisen  sind,  ableitbar  aus  der  langen  Geltung 
römischen  Rechtes  in  Palästina  und  Syrien,  im  Erbrecht  finden  sich 
keine  Vergleichungspunkte.  Es  ist  ganz  unabhängig  von  fremden 
Einflüssen  auf  ausschliesslich  semitischem  Boden  entstanden,  und  nur 


')  Mohammed  ben  Mu«a,  Algebra  pag.  86 — 174. 


636  ^3-  Kapitel. 

die  hebräische  Gesetzgebung,  die  ebenso  wie  die  arabische  auf  eine 
altsemitische  gemeinsame  Rechtsauffassuug  zurückreicht,  hat  hierbei 
mitgewirkt^).  Dieser  Abschnitt  der  Algebra  ist  also  arabisch  durch 
und  durch  und  ist  als  Grrundlnge  zahlreicher  späterer  besonderer 
Schriften  zu  betrachten,  welche  geradezu  von  den  Erbtheilungen 
und  den  dabei  vorkommenden  Rechnungen  ausschliesslich 
handeln.  Ibn  Chaldim,  ein  arabischer  Gelehrter,  der  von  1322  bis 
1406  im  Occidente  lebte,  hat  diesen  Theil  der  mathematischen  Wissen- 
schaften unter  dem  Namen  al  farä  'id,  d.  h.  gesetzlich  festgestellte 
Bedingung,  ausführlich  geschildert  und  Schriftsteller  genannt,  welche 
sich  mit  demselben  besonders  beschäftigten-).  Gleiches  findet  sich 
bei  Hadschi  Chalfa^),  einem  Bibliographen  des  XVII.  S. 

Wir  haben  die  beiden  Lehrbücher  Alchwarizmis,  sein  Lehrbuch 
der  Rechenkunst  und  das  der  Zeit  nach  ältere  der  Algebra,  verhält- 
nissmässig  sehr  ausführlich  besprochen.  Die  ganz  aussergewöhnliche 
Wichtigkeit,  welche  beide  Schriften  für  die  Entwicklung  der  abend- 
ländischen Mathematik  gewonnen  haben,  wird  noch  nachträglich 
dieses  längere  Verweilen  rechtfertigen.  Schon  jetzt  dürfte  aber  unsere 
Rechtfertigung  von  dem  Gesichtspunkte  aus  geliefert  sein,  dass  uns 
nimmehr  die  Grundlage  genau  bekannt  ist,  welche  durch  den  ersten 
arabischen  Schriftsteller  über  Mathematik  natürlich  aus  fremdem 
Stoffe  geschaffen  war,  eine  Grundlage,  auf  w^elcher  seine  Landsleute 
nun  fortbauen  konnten  und  mussten,  mochten  sie  gleich  ihm  die  schon 
zubehauenen  Steine  den  Trümmern  einer  fremdländischen  Bildung  ent- 
nehmen, oder  mochten  sie  selbst  ganz  Neues  schaffend  ihre  Be- 
fähigung mehr  als  blosse  Aufbewahrer  angeeigneten  Gutes  zu  sein 
glänzend  bewähren. 

Was  das  Verhältniss  betrifft,  in  welchem  gemischt  Griechisches 
und  Indisches  von  Alchwarizmi  aufgenommen  und  verarbeitet  wurde, 
so  lässt  sich  dasselbe  kurz  dahin  angeben,  dass  als  indisch  vornehm- 
lich die  Rechenkunst,  als  griechisch  dagegen,  wenn  auch  nicht  unter 
Ausschliessung  jeglicher  aus  Indien  stammender  Veränderung,  die 
Algebra  sowie  die  Geometrie,  mit  anderen  Worten  die  .eigentliche 
wissenschaftliche  Mathematik  sich  erweist. 

Diese  fast  gegensätzliche  Scheidung  der  beiden  Richtungen, 
welche  bei  Muhammed  ibn  Müsä  Alchwarizmi  sich  einigermassen 
verwischte,  scheint  auch  fast  zwei  Jahrhunderte  nach  ihm  im  All- 
gemeinen noch  bemerklich  gewesen  zu   sein.     Erzählt   doch  der  be- 


')  Kremer  I,  b21 — 532.  ^)  Ibn  Khaldoun,  Prolegomcnes  in  den  No- 

tices  et  extraits  des  ntanuserits   de   Ja   BiblioUieque   imperiale  T.  XXI,   Partie  1, 
pag.  21—25  und  138—140.  -)  Haggi  Halifa,  Bd.  IV,  S.  393  flgg. 


Arabische  Zahlzeichen.     Muhammed  ihn  Müsä  Alchwarizmi.  687 

rühmteste  unter  allen  arabischen  Aerzten  Abu  'Ali  Husaiu  ibn 
AbdaUäk  ibn  .Husain  ibn  Ali  as-Schaicli  ar-Ra'is  Ibn  Sinä  oder 
Avicenna,  wie  man  ihn  gewöhnlich  nennt,  er  habe^)  in  seinem 
zehnten  Lebensjahre  —  das  war  zwischen  990  und  995  n.  Chr.  —  in 
Buchara  von  einem  Lehrer  Unterricht  im  Lesen  des  Koran  und  in 
den  Wissenschaften  erhalten  und  habe  bald  den  Gegenstand  allgemeiner 
Bew'underung  gebildet;  dann  habe  der  Vater  ihn  zu  einem  Manne 
geschickt,  der  mit  Kohl  handelte,  und  der  in  der  indischen  Rechen- 
kunst wohl  erfahren  war,  damit  er  von  diesem  lerne. 

Selbst  Muhammed  ibn  Müsa  hat  neben  seiner  Algebra  noch  eine 
Schrift  verfasst,  in  welcher  er  nach  höchster  Wahrscheinlichkeit 
Gegenstände  sehr  ähnlicher  Natur  nach  einer  weniger  wissenschaft- 
lichen als  praktischen  Methode,  die  auch  bei  den  Indern,  wenn  auch 
etwas  abweichend  (S.  577)  uns  begegnet  ist,  behandelte-).  Wir  kennen 
freilich  nur  die  Ueberschrift  des  uns  verlorenen  Buches  Ueber  die 
Vermehrung  und  Verminderung,  fil  dscham'  wattafrik,  und  aus 
diesem  Titel  selbst  Hesse  sich  gar  nichts  entnehmen,  wenn  er  nicht 
häufiger  vorkäme,  einmal  begleitet  von  der  Abhandlung,  der  er  als 
Ueberschrift  dient,  und  aus  deren  Inhalt  man  auf  den  der  gleich- 
betitelten aber  nicht  mehr  vorhandenen  Arbeiten  schliessen  zu  dürfen 
glaubt.  So  ergänzt  man  sich  die  Schrift  über  die  Vermehrung  und 
Verminderung  des  Alchwarizmi,  so  die  des  Sind  ibn  Ali,  des  Sin  an 
ibn  Alfath.  Von  diesen  beiden  war  der  erstere  einer  der  Astro- 
nomen, welche  Chalif  Almamün  zugleich  mit  Alchwarizmi  in  Diensten 
hatte,  und  ebenso  wie  von  diesem,  ebenso  wie  von  dem  vielleicht 
nicht  viel  späteren  Sinän  ibn  Alfath  ist  auch  von  ihm  eine  Schrift 
über  indische  Rechenkunst  ausgegangen^).  Die  zur  Ergänzung  dienende 
Schrift  ist  in  einem  dem  Mittelalter  entstammenden  lateinischen  Texte 
vorhanden*)  und  ist  betitelt:  Liher  augmenti  et  diminutionis  vocatus 
numeratio  divinationis  ex  co  quod  sapientes  Indi  posnerunt,  quem 
Abraham  compüavit  et  secimdum  l'ibrum  qiii  Tndorum  dictus  est  com- 
posuit.  Ob  dieser  Abraham,  wie  man  vermuthet  hat,  der  sonst  unter 
dem  Namen  Ibn  Esra  bekannte  gelehrte  Jude  ist,  der  1093  bi^ 
1168  lebte,  ob  ein  Araber  Ibrahim  sich  darunter  verbirgt,  ist  noch 
immer  nur  so  weit  ausser  Zweifel  gestellt,  dass  jede  dritte  Möglich- 
keit ausgeschlossen  und  die  Muthmassung  auf  Ibn  Esra  als  inneren 

')  Wüstenfeld,  Arabische  Aerzte  und  Naturforscher  S.  64 — 75,  Nr.  128 
Abul  Pharagius  Eistoria  Dynast,  (ed.  Pocock)  pag.  229  der  lateinischen  Ueber- 
setzung.  '■*)  Woepcke  in  dem  Journal  Asiatique  I.  Halbjahr  1863,  pag.  514. 
^)  Ebenda  490.  *)  Libri,   Histoire   des  sciences  mathematiques  en  Italie  1, 

304  —  371.  Ueber  einige  dunkle  Stellen  vergl.  Schnitzler,  Zeitschr.  Math. 
Phys.  IV,  383—389. 


688  33.  Kapitel. 

Gegeugründen  nicht  widersprechend  nachgewiesen  ist^).  Unzweifel- 
haft dagegen  ist  es,  dass  das  gelehrte  Verfahren  den  Indern  zuge- 
schrieben ist,  da  ihrer  nicht  bloss  in  der  üeberschrift  gedacht  wird, 
sondern  auch  im  Texte,  wo  der  Verfasser  wiederholt,  er  habe  dieses 
Buch  nach  denjenigen  Erfindungen  zusammengestellt,  welche  die 
Weisen  der  Inder  über  die  Rechnung  der  Annahme  gemacht  haben-, 
es  sei  nützlich  für  den,  welcher  es  beachte  und  sich  bemühe  und 
beharre  und  dessen  Meinung  verstehe. 

Die  eigentliche  Methode  zu  erläutern,  wollen  wir  die  erste  Auf- 
gabe hier  mittheilen:  „Ein  gewisser  Besitz  {c.ensus),  von  welchem  man 
dessen  Drittel  und  dessen  Viertel  weggenommen  hat,  lie^s  8  als  Rest. 
Wie  gross  war  der  Besitz?  Die  Methode  der  Rechnung  desselben  ist, 
dass  Du  aus  12  eine  Wagschale  (lancem)  bildest.  Der  dritte  und 
der  vierte  Theil  entstehen  daraus.  Du  nimmst  den  dritten  und  vierten 
Theil  weg,  welche  7  betragen  und  5  bleibt  übrig.  Stelle  8  gegenüber, 
nämlich  den  Rest  des  Besitzes,  und  es  wird  klar,  dass  Du  um  3  in 
der  Verminderung  geirrt  hast.  Diese  bewahre.  Sodann  nimm  Dir 
eine  zweite  Wagschale,  welche  durch  die  erste  theilbar  sei,  etwa  24; 
nimm  ihren  dritten  und  vierten  Theil  also  14  weg,  10  bleibt  übrig. 
Stelle  8  gegenüber,  den  Rest  des  Besitzes.  Es  wird  klar,  dass  Du 
um  2  in  der  Vermehrung  geirrt  hast.  Vervielfache  jetzt  den  Irr- 
thum  2  der  zweiten  Wagschäle  mit  der  ersten  Wagschale  12  zu  24, 
sodann  vervielfache  den  Irrthum  3  der  ersten  Wagschale  mit  der 
zweiten  Wagschale  24  zu  72.  Addire  nun  24  und  72,  weil  der  eine 
Irrthum  in  der  Verminderung,  der  andere  in  der  Vermehrung  war; 
wären  dagegen  beide  in  der  Verminderung  oder  in  der  Vermehruug 
gewesen,  so  müsstest  Du  die  kleinere  Zahl  von  der  grösseren  abziehen. 
Nachdem  Du  die  24  und  72  addirt  hast,  deren  Summe  96  ist,  addire 
auch  die  zwei  Fehler  2  und  3;  sie  geben  5.  Nun  theile  96  durch  5, 
um    zu    erfahren,    welche    Zahl    es    sei,    aus    welcher    die    Aufgabe 

stammt,  und  es  kommt  19—  heraus." 

5 

Unmittelbar  anschliessend  fährt  der  Verfasser  fort  als  Regel, 
offenbar  aber  im  Gegensatze  zu  dem  erst  gelehrten  Verfahren,  vor- 
zuschreiben: „Man  nehme  12  als  die  unbekannte  Zahl,  aus  welcher 
die  Wegnahme  des  dritten  und  vierten  Theiles  5  hervorbringt  und 
frage  nun,  womit  wird  5  vervielfacht,  um   12  hervorzubringen?     Das 

2  .  .2  1 

giebt    2^  :    vervielfache   also   die    2-    mit   8   und  es  entsteht    19   -•" 

"^6  5  5 


^)  Steinsclineider  in  der  Zeitschr.  Math.  Pys.  XII,  42  und  im  Supple- 
mentheft zur  historisch-literarischen  Abtheilung  des  XXV.  Bandes  derselben 
Zeitschrift. 


Arabische  Zahlzeichen.     Muhammed  ibn^üsä  Alchwarizmi.  689 

Das  ist  genau  die  islita  karman  der  Inder,  das  Verfahren  mit  der 
angenommenen  Zahl  (S.  577),  von  welchem  die  Hauptregel  als  eine 
Abart  sich  erweist,  auf  welche  wir  gleich  zurückkommen. 

Die  Methode  der  Vermehrung  und  Verminderung  wird  noch  an 
vielen  anderen  Beispielen  gelehrt  und  das  Ergebniss  häufig  mittels 
noch  anderer  Rechnungsweisen  gefunden.  Darunter  ist  auch  das 
Umkehrungsverfahren ^)  unter  dem  sonderbaren  Namen  der  Wort- 
rechnung, regula  sermonis.  Auch  dieses  'haben  wir  bei  den  Indern 
kennen  gelernt,  und  es  kann  uns  als  Bestätigung  dienen,  dass  Abraham 
mit  Recht  auch  die  Methode  der  Vermehrung  und  Verminderung  eben- 
denselben zuschreibt. 

Die  Abweichung  der  letzteren  von  dem  Verfahren  mit  der  an- 
genommeneii  Zahl  besteht,  wie  wir  sahen,  darin,  dass  dort  nur  ein 
einmaliger  Versuch  genügt,  während  hier  zwei  falsche  Ansätze  ge- 
bildet werden,  wodurch  sich  auch  der  Name  regula  elcJiaiayn,  Regel 
der  zwei  Fehler,  rechtfertigt''^),  welchen  die  Methode  bei  späteren 
abendländischen  Schriftstellern  führt.  Dass  sie  auch  Methode  der 
Wagschalen  heisst  und  in  eigenthümlicher  Schreibweise  auftritt, 
werden  wir  noch  im  37.  Kapitel  zu  besprechen  haben.  Ihre  alge- 
braische   Begründung    ist    sehr    einfach.      Es    sei    ax  =  h ,    folglich 

X  =  —     Nun  setzt  man  einmal  x  =  n.  ,   das   andremal  x  =  «,  und 

erhält  an^  =  6  —  Cj,  an.^  =^  +  62?  ^^  h  ^^^  ^-j.  ^i^  beiden  Fehler 
sind,  der  erstere  in  der  Verminderung,  der  zweite  in  der  Vermehrung. 

Jetzt  soll    X  =  ~ — ?_Il  A.^i  ^em,  und  das  ist  auch  der  Fall,  indem 

ei'>h  +  ^2^1  =  ^«2  —  ^%  =  —  .  a  (w^  —  Wi)  =  -  (^1  +  e,) 

ist.  Der  Fall,  dass  beide  Fehler  in  der  Verminderung,  oder  beide  in 
der  Vermehrung  ausfallen,  kann  entsprechend  bewahrheitet  werden. 
Somit  gehört  auch  diese  Methode  zu  dem  Grundstocke  mathe- 
matischer Wahrheiten,  welcher  in  der  Zeit  des  Muhammed  ihn 
Müsä  Alchwarizmi,  also  im  ersten  Drittel  des  IX.'S.,  Eigenthum  der 
Araber  war.  Wir  werden  nun  bei  einzelnen  Schriftstellern,  von 
denen  wir  zu  reden  haben,  sehen,  welche  Vermehrungen  theils  als 
neuerdings  erworbenes  fremdes  Wissen,  theils  als  eigene  Erfindung 
hinzutreten. 


')  Libri  1.  c.  313.  -)  Diese  richtige  Uebersetzung  bei  Hankel  S.  259, 

Anmerkung. 

Cantok,  Geschichte  der  Mathematik  I.    2.  Aufl.  44 


690  2*-  Kapitel. 


34  Kapitel. 

Die  Mathematiker  unter  den  Abbasiden.     Die  Geometer  unter 

den  Bnjiden. 

Als  der  Zeit  uacli  Nächste  fordern  die  sogenannten  drei  Brüder 
unsere  Aufmerksamkeit^).  Müsä  ibn  Scbäkir  war  in  seiner  Jugend 
Räuber  gewesen,  d.  b.  hatte  wohl  zu  einer  der  räuberischen  Horden 
gehört,  welche  damals  wie  noch  jetzt  Unsicherheit  der  ^Vüstengegend 
hervorbrachten,  ohne  dass  die  persönliche  Ehrenhaftigkeit  der  ein- 
zelnen Mitglieder  in  arabischer  Auffassung  dadurch  beeinträchtigt  er- 
schiene.  Dementsprechend  nahm  Müsä  später  am  Hofe  des  Chalifen 
Almamün  eine  hohe  Stellung  ein  und  erwarb  sich  die  Gunst  des 
Herrschers  in  solchem  Maasse,  dass  dieser  nach  Müsäs  Tode  sich  die 
Erziehung  der  drei  hinterlassenen  Söhne  Muhammed,  Ahmed  und 
Alhasan  angelegen  sein  Hess.  Der  Name  des  ältesten:  Muhammed 
ibn  Müsä  ibn  Schäkir  kann,  wenn  der  Vatersname  nicht  von  dem 
des  Grossvaters  begleitet  ist,. leicht  zur  Verwechslung  mit  Alchwarizmi. 
führen,  um  so  leichter,  als  alle  drei  Brüder  tüchtige  Astronomen  und 
Mathematiker  wurden.  Von  ihnen  stammt  die  sogenannte  Gärtner- 
construction  der  Ellipse  mittels  eines  an  zwei  Punkten  festgehaltenen 
und  durch  einen  Stift  gespannten  Fadens  gemäss  dem  Berichte  eines 
Arabers  Alsidschzi,  welcher  zu  Ende  des  X.  S.  lebte  und,  selbst 
Mathematiker  von  Bedeutung,  am  Schlüsse  dieses  Kapitels  uns  be- 
schäftigen wird.  Eine  geometrische  Schrift  ist  in  mittelalterlicher 
lateinischer  U^bersetzung  auf  uns  gekommen').  Sie  führt  den  Titel 
Liber  trium  fratrum  de  geometria  und  beginnt  mit  den  Worten:  „Verba 
filiorum  Moysi,  filii  Schiae,  id  est  Mahumeti  Hameti  et  Hason''  oder 
nach  anderer  Lesart  in  einem  zweiten  Codex  „Verba  filiorum  Moysi, 
filii  Schaker,  Mahumeti  Hameti  Hasen"  und  darnach  ist  die  Bezeich- 
nung der  drei  Brüder,  beziehungsweise  der  drei  Söhne  des  Müsä  ibn 
Schäkir  geworden,  unter  welcher  die  Verfasser  genannt  zu  werden 
pflegen.  Manches  Interessante  findet  sich  dort,  wenn  auch  wenig 
Neues,  da  fast  Alles,  um  nicht  zu  sagen  Alles,  auf  griechische  Vor- 
lagen   zurückgeführt    werden    kann.     Auch    eine    durch    Bewegungs- 


i 


')  Vergl.  Mohammed  ben  Musa,  Algebra.    Vorrede  pag.  XI,  Anmerkung. 
Fihrist,  24—25.  -)  Vergl.  Hultsch  in  der  Zeitschr.  Math.  Phys.  IX,  241— 242 

und  247  in  dem  Aufsatze  „Der  heronische  Lehrsatz  über  die  Fläche  des  Drei- 
ecks als  Funktion  der  drei  Seiten",  und  Jahresbericht  .über  Mathematik  im  Alter- 
thuni  für  1878 — 79  von  Max  Curtze.  Ein  von  Ebeudiesem  besorgter  Abdruck 
des  Buches  in  den  Nova  Acta  der  Leop.-Car.  Akademie.     Halle  1885. 


I 


Die  Mathematiker  unter  den  Abbasiden.    Die  Geometer  unter  denBujiden.    691 

geometrie  erzielte  Dreitheilung  des  Winkels  dürfte  griechischen  Ur- 
sprunges sein.  Vorzugsweise  die  heronische  Formel  für  die  Dreiecks- 
fläche  aus  den  drei  Seiten  hat  die  Aufmerksamkeit  eines  Forschers 
auf  sich  gezogen,  der  den  Beweis  obwohl  einigermassen  von  dem 
heronischen  verschieden  doch  als  abhängig  von  demselben  erkannte 
und  insbesondere  aus  dem  Buchstaben,  mit  welchem  die  Eckpunkte 
der  Figur  bezeichnet  sind,  den  Nachweis  führte,  dass  diese  Figur 
einem  griechischen  Muster  nachgebildet  sein  müsse,  so  eine  vielfach 
mit  Erfolg  anwendbare  (S.  681)  neue  kritische  Methode  zur  Ermitte- 
lung des  Ursprungs  mathematischer  Untersuchungen  erfindend.  Viel- 
leicht war  es  Muhammed,  der  älteste  der  drei  Brüder,  welcher  die 
Kenntniss  des  heronischen  Satzes  nach  Bagdad  brachte,  während 
allerdings  andere  heronische  Schriften  schon  zu  Alchwarizmis  Zeiten, 
wie  wir  aus  manchen  bei  diesem  auftretenden  Dingen  schliessen 
durften,  bekannt  gewesen  sein  mögen.  Jedenfalls  weiss  man  von 
einer  Reise  nach  den  griechischen  Gebieten,'  welche  jener  machte, 
und  dass  es  auf  der  Rückkehr  von  dieser  Reise  war,  dass  er  Täbit 
ibu  Kurra  kennen  lernte,  welchen  er  aufforderte  ihn  nach  Bagdad 
zu  begleiten,  und  so  kam  auch  dieser  letztere  an  den  Chalifenhof, 
und  wurde  in  das  Astronomencollegium  Almutadids  aufgenommen. 
Von  dem  Leben  (826 — 901)  und  der  reichen  Uebersetzungsthätig- 
keit  des  gelehrten  Täbit  ihn  Kurra  haben  wir  (S.  662)  gesprochen. 
Wir  haben  es  jetzt  mit  ihm  als  Originalschriftsteller  zu  thun,  und 
da  finden  wir  eine  Abhandlung  von  ihm,  welche  unsere  Aufmerksam- 
keit zu  fesseln  ein  entschiedenes  Anrecht  besitzt  ^).  Der  Gegenstand 
ist  ein  zahlentheoretischer  und  zwar  ein  solcher,  der  nur  der  grie- 
chischen, nicht  ebenso  der  indischen  Zahlentheorie  angehört.  Täbit 
sagt  auch  in  den  Einleitungssätzen,  dass  es  Betrachtungen  seien, 
welche  der  pythagoräischen  Lehre  angehörten,  dass  einiges  über  das 
zu  Behandelnde  bei  Nikomachus  und  Euklid  sich  finde;  er  geht 
endlich,  wieder  nach  seinen  eigenen  Worten,  über  diese  beiden  hinaus 
und  liefert  somit  für  uns  das  erste  Beispiel  einer  wirklich  arabischen 
Leistung  auf  mathematischem  Boden.  Es  handelt  sich  um  vollkommene 
Und  um  befreundete  Zahlen.  Für  die  Bildung  der  ersteren  hat  Euklid 
die  Regel  angegeben  (S.  253  —  254),  Nikomachus  sie  wiederholt. 
Die  zweiten  hat  nach  Jamblichus  schon  Pythagoras  gekannt  und  die 
Zahlen  220  und  284  als  Beispiele  aufgestellt,  wie  Freunde  sein 
sollen,  ein  jeder  dem  andern  ein  zweites  Ich  (S.  156).    Aber  wie  rnan 


^)  Notice  sur  une  theorie  ajoutee  par  Thähit  ben  KorraJi  ä  Varithmetique 
speeulative  des  Grecs  von  Woepcke  im  Journal  Asiatique  für  October  und  No- 
vember 1852  pag.  420—429. 

44* 


692  '  -^4.  Kapitel. 

solche  befreundete  Zahlen  finde,  darüber  äussert  sich  auch  Jam- 
blichus  nicht.  Täbit  ihn  Kurra  hat  eine  solche  Vorschrift  gesehen, 
welche  mit  der  Euklids  zur  Bildung  der  vollkommenen  Zahlen  in 
Zusammenhang  steht  und  dadurch  sich  als  den  Kern  der  Aufgabe 
enthüllend  kennzeichnet.     Sind 

_p  =^  3  •  2^^  —  1 ,         3  =  3-  2«-i  —  1 ,         r  =  9  •  22«-i  —  1 

insgesammt  Primzahlen,  so  sind  ^4  =  2"-j9-g  und  B  =  2"  -  r 
befreundete  Zahlen.  Bei  ;?  =  2  ist  j)  =  11 ,  ^  =  5,  r  =  71  und 
A  =  220,     5  =  284. 

Die  befreundeten  Zahlen  haben  übrigens  von  da  an  nicht  auf- 
gehört den  Arabern  bekannt  z:u  sein.  In  einer  mystischen  Schrift 
über  die  Zwecke  des  Weisen  hat  El  Madschriti,  der  Madrider 
(f  1007)  die  Vorschrift,  man  solle  die  Zahlen  220  und  284  auf- 
schreiben und  die  kleinere  wem  man  will  zu  ess^n  geben  und  selbst 
die  grössere  essen;  der  Verfasser  habe  die  erotische  Wirkung  davon 
in  eigener  Person  erprobt^),  und  Ibn  Chaldün  weiss  gleichfalls  von 
den  wunderbaren  Kräften  eben  dieser  Zahlen,  als  Talismane  gebraucht, 
zu  erzählen-). 

Alsidschzi  berichtet-  auch  kurz  über  eine  Dreitheilung  des  Winkels 
durch  Täbit  ibn  Kurra.  Figur  und  Wortlaut  stimmen  so  nahe  mit 
einem  Satze  aus  dem  IV.  Buche  des  Pappus  überein  ^),  dass  an  einer 
genauen  Benutzung  dieses  Schriftstellers  nicht  zu  zweifeln  ist,  auch 
scheint  Täbit  kein  Hehl  daraus  gemacht  zu  haben,  dass  er  nicht  der 
Erfinder  sei,  da  Alsidschzi  ausdrücklich  sagt,  -er  wolle  in  seinem 
Berichte  über  Winkeldreitheilungen  von  den  Sätzen  der  Alten  aus- 
gehen,  worunter  sehr   wohl   die  Griechen   verstanden  sein  können^). 

Wieder  zu  Almutadid  stand  ein  geometrischer  Schriftsteller 
Alnairizi'')  in  Beziehung,  den  wir  also  hier  zu  nennen  haben.  Er 
verfasste  einen  Commentar  zu  den  euklidischen  Elementen,  als  dessen 
grösstes  Verdienst  zu  loben  ist,  dass  dort  werthvolle  Bruchstücke 
der  in  der  Ursprache  verlorenen  Erläuterungen  von  Heron  und 
Simplicius  (S.  354)  erhalten  sind'). 


^)  Steinschneider,  Zur  pseudoepigrapliisclien  Literatur  insbesondere  der 
geheimen  Wissenschaften  des  Mittelalters  S.  37  (Berlin,  1862)..  ^)  Notices  et 

extraits  des  manuscrits  de  la  hihliotheque  imperiale  T.  XXI,  Partie  1,  paig.  178 — 179 
(Paris,  1868).  ^)  Pappus  IV^  32.     Die  Figur  vergl.  (ed.  Hultsch)  pag.  275. 

*)•  L'algebre  d'Omar  Alkhayami  (ed.  Woepcke)^  Paris  1851,  pag.  118.  Die  üeber- 
einstimmung  Täbits  mit  Pappus  hat  Woepcke  hervorgehoben  ibid.  pag.  117,  An- 
merkung **.  '")  Fihrist  35.  ')  Alnairizis  Commentar  wird  von  Besthorn 
und  Heiberg  herausgegeben.  Ueber  die  Eukliderklärungen  von  Heron  und  von 
Simplicius  vergl.  auch  Fihrist  22  und  21. 


J 


Die  Mathematiker  unter  deu  Abbasiden.  Die  Geometer  unter  den  Bujiden.    693 

Die  Zeitfolge  fülirt  uns  zu  einem  Manne,  welcher  in  ganz  anderer 
Richtung  arbeitete,  und  dessen  Name  untrennbar  verbunden  ist  mit 
der  Geschichte  der  Einführung-  der  trigonometrischen  Funktionen  im 
Abendlande,  zu  Albategnius,  wie  die  Uebersetzer  ihn  genannt 
haben  ^).  Muhammed  ihn  Dschäbir  ihn  Sinän  Abu  Abdallah  al  Battani 
führt  seinen  Beinamen  nach  Battän  in  Syrien,  wo  er  geboren  ist, 
uud  welchem  er  zur  Berühmtheit  verholfen  hat.  Jlr  stellte  878—918 
in  Ar-Rakka  astronomische  Beobachtungen  an,  welche  von  seinen 
Landsleuten  als  die  genauesten  gefeiert  worden  sind,  die  irgend  jemand 
gelungen  seien,  der  unter  dem  Islam  gelebt  hatte,  und  mit  nicht  ge- 
ringerem Lobe  haben  sie  seine  Schrift  über  die  Bewegung  der  Sterne 
bedacht,  welche  im  Xu.  S.  durch  einen  Uebersetzer  Plato  von  Ti- 
voli, der  uns  seiner  Zeit  noch  beschäftigen  wird,  unter  der  üeber- 
schrift  De  motu  oder  De  scientia  stellarum  in  lateinischer  Sprache 
bearbeitet  wurde.  Aus  dieser  Uebersetzung  soll  das  Wort  simis  als 
Name  einer  trigonometrischen  Funktion  in  die  Mathematik  aller 
Völker  eingedrungen  sein.  Der  Ursprung  des  Wortes  wäre  dann 
nach  aller  Watrscheinlichkeit  folgender-).  Die  Benennung  der  Sehne 
war  im  Sanskrit  jyä  oder  jiva,  die  der  halben  Sehne  ardhajyä  (S.  616). 
AUmälig  wurde,  da  man  nur  die  halbe  Sehne  trigonometrisch  ver- 
werthete,  das  kürzere  jiva  auch  für  diese  benutzt  und  drang  so  zu 
den  Arabern,  welche  es  in  seinem  Wortlaute,  wie  sie  ihn  verstanden, 
übernahmen  und  ^schiba  schrieben.  Genau  dieselben  Consonanten, 
welche  arabisch  dschiba  zu  lesen  sind,  lassen  aber  auch  die  Lesung 
dschaib  zu,  welches  ein  wirkliches  arabisches  Wort»  ist  und  den  Ein- 
schnitt oder  Busen  bedeutet.  Nun  wird  angenommen,  die  Ueberliefe- 
rung,  dass  man,  für  den  Araber  sinnlos,  dschiba  lesen  müsse,  sei 
verhältnissmässig  frühzeitig  abhanden  gekommen,  und  die  Lesart 
dschaib  sei  dafür  die  regelmässige  geworden.  Jedenfalls  übersetzte 
Plato  von  Tivoli  dschaib  durch  das  ganz  richtige  Wort  sinus,  welches 
von  nun  an  sich  forterbte.  Neueste  Untersuchungen"')  stellen  diese 
ganze  Kette  von  Vermuthungeu  wieder  sehr  in  Zweifel.  In  der  Ueber- 
setzung des  Plato  von  Tivoli  soll  das  Wort  Sinus  überhaupt  nicht 
vorkommen.  Nur  im  Abdrucke  derselben  von  1537  stehe  einmal 
simis  versus,  wahrscheinlich  aus  einer  Randbemerkung  Regiomontans, 
des  Besitzers  der  abgedruckten  Handschrift,  irrthümlich  in  den  Text 
hereingekommen.     Dass   übrigens   die  Araber  das   indische  kramajyä 

1)  Hankel  S.  241  und  281.  ^)  Die  hier  folgende  Hypothese  stammt  von 
dem  pariser  Orientalisten  Munk  her.  Vergl.  W-oepcke  in  dem  Journal  Asiatique 
1863,  I.  Halbjahr,- pag.  478,  Anmerkung.  ^)  Max  Koppe,  Die  Behandlung  der 
Logarithmen  und  der  Sinus  im  Unterricht.  Osterprogramm  1893  d^s  Andreas- 
Realgymnasiurfls  zu  Berlin.    S.  32 — 34. 


094  ^1-  Kapitel. 

in  der  Form  kardaga  übernommeu  liaben,  welches  ilinen  den  96.  Tlieil 
des  Kreisumfanges  bedeutete,  ist  schon  (S.  657)  erwähnt  worden. 

Den  Sinus  wendet  nun  Albattäni.  im  III.  Kapitel  seiner  Stern- 
kunde, welches  eine  Trigonometrie  enthält,  regelmässig  an  und  zwar, 
was  einen  nicht  hoch  genug  anzuerkennenden  Portschritt  gegen  die 
Inder  bezeichnet,  im  Vollbewusstsein  des  Gegensatzes  gegen  die  im 
Almageste  benutzten  ganzen  Sehnen  mit  dem  ausdrücklichen  Zusätze, 
dass  man  so  in  der  Rechnung  das  fortwährende  Verdoppeln  erspare. 

Und  ein  anderer  nicht  weniger  bedeutsamer  Gegensatz  gegen  die 
griechische  Trigonometrie  tritt  bei  Albattäni  noch  schärfer  als  bei 
den  Indern  hervor.  Die  trigonometrischen  Lehrsätze  haben  das  Ge- 
präge einer  geometrischen  Entstehungsweise  durchaus  verloren  und 
den   Charakter    algebraischer   Formeln    angenommen.      So    berechnet 

Albattäni    aus    der   Gleichung =  D    zunächst    sin  op  == 


COS  9  yi  -f  /)2 

und    sucht    alsdann    q)    in    den   Siiiustafeln   auf.     Auch    der   Quotient 

-^ — -  spielt  bei  ihm  eine  gewisse  Rolle.  Wenn  nämlich  m  die  Höhe 
sm  qp  • 

der  Sonne  bedeutet  und  ein  Schattenmesser  von  der  Höhe  h  bei  dieser 
Sonnenstellung  einen  Schatten  von  der  Länge  l  auf  die  Horizontal- 
ebene wirft,   so  ist    l  =  h  ■ -. — ~-     Albattäni  hat  nun  berechnet,  wie 

'  sm  qp  ' 

gross  l  bei  constantem  Ji  =  12  sein  wird,  wenn  (p  =  1",  2*^,  3"  .  .  . 
und  so  eine  Tabelle  erhalten,  aus  welcher  umgekehrt  mittels  der 
Schatteulänge  die  Sonnenhöhe  gefunden  werden  konnte,  eine  Art  von 
kleiner  Cotangemtentabelle. 

Albattäni   kennt   selbstverständlich   alle  Dreiecksformeln,   welche 
im  Almageste   zur  Anwendung  kommen,    aber  darüber  hinaus   auch 
noch  die  Formel,   welche   die  Verbindung   zwischen  den   drei   Seiten 
und  einem  Winkel  des  sphärischen  Dreiecks  herstellt: 
cos  a  =  cos  h  '  cos  c  -\-  sin  h  •  sin  c  •  cos  A 

,     ,  ,      ,  TT     (>  •  <  cOä^  (l>  —  c)  —  i^ös  a 

und    kennt    deren    Umiormung    zu    sm    vers  A  = ^r— =^ — ^ , 

^  sin  0  •  sin  c         ' 

welche  die  Multiplikation  zweier  Cosinusse  im  Zähler  des  Ausdruckes, 

welcher  als  Funktion  des  Winkels  A  erscheint,  uunöthig  macht. 

Dem  Anfange  des  X.  S.  gehört  Ahmed   ibn   Jussuf  ^)   an,   der 

in  Aegypten  lebte.    Unter  seinen  zahlreichen  Schriften  hat  diejenige, 

welche  über  die  Verhältnisse   handelt,   einen  geschichtlichen  Einfluss 

geübt,   von  welchem   im  41.  Kapitel   im    folgenden  Bande    die  Rede 

sein  wird. 


^)  Steinschneider  in  der  Zeitschr.  Math.  Thys.  X,  492  (18G5)  und  Biblio- 
tJiecu  mathcmatica  1888,  111 — 112.  • 


Die  Mathematiker  unter  den  Abbasiden.  Die  Geometer  unter  den  Bujiden.     695 

Von  Al-Basra  war,  wie  wir  ims  erinnern  (S.  655),  der  Anstoss 
ausgegangen,  der  den  Chalifen  Almamün  zu  einem  Beförderer  der 
Philosophie  und  der  Mathematik  machte.  In  derselben  an  Bildungs- 
elementen der  verschiedensten  Länder  reichen  Handelsstadt  schemt 
in  der  zweiten  Hälfte  des  X.  S.  eine  Art  von  wissenschaftlichem 
Geheimbund  entstanden  zu  sein^),  dessen  Mitglieder  in  Gemeinschaft 
arbeiteten,  wenigstens  in  Gemeinschaft  veröffentlichten,  was  sie  für 
nothwendig  zur  Bildung  des  Geistes  und  des  Charakters  hielten. 
Diese  Abhandlungen  der  lauteren  Brüder  müssen  wir  bis  zu 
einem  gewissen  Grade  der  Besprechung  unterziehen.  Von  den,  wie 
gesagt,  anonymen  Verfassern  ist  es  doch  gelungen,  einige  zu  ent- 
räthsehi^),  und  unter  diesen  dürfte  Almukaddasi  der  bekannteste 
sein,  ein  anderer  hiess  Zaid  ihn  Rifä'a.  Die  Abhandlungen  selbst 
verbreiteten  sich  rasch  sehr  weit,  ja  sogar  bis  zu  den  Westarabern 
Sjjaniens  drangen  sie  durch  El  Madschriti  oder  durch  dessen 
Schüler  El  Karmäni,  von  welchem  letzteren,  der  1066  über  90  Jahre 
alt  in  Cordova  starb,  eine  Studienreise  nach  dem  Oriente  bekannt 
ist'').  Und  trotz  dieser  Thatsache,  welche  eine  packende  Bedeutung 
der  Schriften  zu  erweisen  scheint,  hat  die  arabische  Kritik  selbst 
wenig  Gutes  ihnen  nachzurühmen  gewusst.  Zaid  sei  ein  unwissender 
Schwindler,  sagte  ein  Zeitgenosse^),  und  das  ürtheil  eines  gelehrten 
Schaich,  der  die  Abhandlungen  einer  genauen  Durchsicht  unterworfen 
hatte,  lautet:  Sie  ermüden,  aber  befriedigen  nicht;  sie  schweifen  herum, 
aber  gelangen  nicht  an;  sie  singen,  aber  sie  erheitern  nicht;  sie  weben, 
aber  in  dünnen  Fäden;  sie  kämmen,  aber  machen  kraus;  sie  wähnen 
was  nicht  ist  und  nicht  sein  kann^). 

Was  den  mathematischen  Inhalt  der  Abhandlungen  betrifft,  so 
können  wir  dieses  harte  Urtheil  kaum  ein  allzustrenges  nennen,  und 
wenn  wir  trotz  dieses  geringen  Werthes  ihrer  erwähnen,  so  geschieht 
dieses,  weil  in  dem  Mancherlei,  in  den  zusammengestoppelten  und 
gekoppelten  Dingen,  wie  ein  anderer  Araber  rügend  sagt,  doch  ge- 
schichtlich verwerthbare  Körner  haben  aufgefunden  werden  können. 
Von  den  vollkommenen  Zahlen  heisst  es*"),  sie  kämen  in  jeder  Zahlen- 
stufe nur  einmal  vor,    6  unter  den   Einern,   28   unter   den  Zehnern, 


')  Vergl.  Dieterici,  Die  Proi)ädeutik  der  Araber  im  X.  Jahrhundert. 
Berlin  1865!  Flügel,  Ueber  die  Abhandlungen  der  aufrichtigen  Brüder  und 
treuen  Freunde  in  der  Zeitschr.  der  morgenl.  Gesellschaft  XIII,  1 — 38  (Leipzig 
1859).  Sprenger  ebenda  XXX,  330—335  (Leipzig  1876).  -)  Flügel  1.  c.  S.  21. 
^)  Ebenda  S.  25.  Wüstenfeld,  Arabische  Aerzte  und  Naturforscher  S.  61, 
Nr.  122  und  S.  80,  Nr.  137.  *)  Sprenger  \.  c.  S.  333.  ")  Flügel  1.  c.  S.  26- 
^)  Propädeutik  der  Araber  S.  12.  Dass  dort  statt  8128  fälschlich  7128  steht,  ist 
wohl  nur  Druckfehler? 


ggg  34.  Kapitel. 

496  unter  den  Hundertern  und  8128  unter  den  Tausendern.  Das 
stimmt  genau  mit  einer  Bemerkung  des  Jambliclius  überein  ^)  und 
stellt  zusammengehalten  mit  dem,  was  wir  aus  der  Einleitung  zu 
Täbits  Abhandlung  über  befreundete  Zahlen  beibrachten,  ausser 
Zweifel,  dass  die  Schriften  des  Jamblichus,  welche  in  Syrien  nie  auf- 
gehört hatten  gelesen  zu  werden  (S.  663),  um  900  auch  den  Arabern 
überhaupt  gut  bekannt  waren.  Um  so  .auffallender  ist  eine  Bemer- 
kung, welche  durch  keine  andere  Ueberlieferung  gestützt  ist:  die 
meisten  Völker  hätten  nur  4  Zahlstufen," '  aber  die  Pythagoräer,  die 
Männer  der  Zahlen,  kannten  16  Stufen  derselben  tausend  tausend 
tausend  tausend  tausend").  Wir  können  das  nur  dahin  verstehen, 
dass  während  im  Arabischen  die  selbständigen  Zahlwörter  sich  nicht 
auf  andere  Rangeinheiteu  als  auf  1,  10,  100,  1000  erstrecken,  die 
Pythagoräer  solche  Namen  bis  10^^  besassen.  Wenn  diese  Auffassung 
richtig  und  die  Aussage  wahrheitsgetreu,  so  ist  der  Zusammenhang 
zwischen  Indern  und  Neupythagoräern  in  Dingen,  die  auf  das  Zahlen- 
system Bezug  haben,  um  einen  neuen  Beleg  reicher,  und  die  Hypo- 
these des  Eindringens  indischer  Zahlzeichen  in  jene  griechische 
Schule  wird  immer  wahrscheinlicher. 

Wir  haben  (S.  663)  gesehen,  dass  die  Araber  jedenfalls  mit  den 
Arbeiten  des  Zenodorus  bekannt  waren.  Auch  dafür  haben  wir  hier 
eine  Bestätigung  in  der  Bemerkung,  die  Kreisfigur  habe  einen  weiteren 
Umfassung  als  alle  vielwinkligen  Figuren  mit  gleich  lauger  Umfassungs- 
linie ^),  und  wir  können  jetzt  noch  einen  Schritt  weiter  gehend  ver- 
muthen,  aus  Pappus  habe  man  die  Kenntniss  grade  dieser  Unter- 
suchungen geschöpft.  Im  V.  Buche  des  Pappus  hat,  wie  wir  uns 
erinnern  (S.  418),  die  Abhandlung  des  Zenodorus  Platz  gefunden,  und 
an  die  Einleitung  eben  des  V.  Buches  eriimern  aufs  lebhafteste 
folgende  Sätze  ^):  „Viele  Thiere  schaffen  von  Natur  schon  Werke. 
Das  ist  ihnen  ohne  Unterricht  eingegeben.  So  die  Bienen,  die  sich 
Häuser  schaffen.  Sie  bauen  Häuser  in  Stockwerken  von  runder  Ge- 
stalt wie  Schilde,  eins  über  das  andere.  Die  Oeffnungen  der  Häuser 
machen  sie  alle  mit  sechs  Seiten  und  Winkeln.  Dies  thun  sie  mit 
sicherer  Weisheit,  denn  es  ist  die  Eigenthümlichkeit  dieser  Figur, 
dass  sie  weiter  ist  als  das  Viereck  und  das  Fünfeck." 

Eine  Stelle,  welche  auf  falsche  Flächenberechnung  sich  bezieht, 
haben  wir  schon  früher  (S.  162)  erwähnt.  Sie  heisst  folgendermassen-'^): 
„In   einem  jeden   Gewerk    erfasst   den    Zweifel,    der    dasselbe    ohne 


^)  Jamblichus  in  Nikomäclium  (ed.  Tennulius)  pag.  46.  ^)  Propä- 
deutik der  Araber  S.  6.  «)  Ebenda  S.  42.  *)  Ebenda  S.  32.  ^)  Ebenda 
S.  34—35. 


Die  .Mathematiker  unter  den  Abbasiden.    Die  Geometer  unter  den  Bujiden.    607 

Mathematik  zu  verstehen  unternimmt,  oder  nut  mangelhafte  Kenntnisse 
davon  hat  und  sich  darum  nicht  kümmert.  Man  erzählt,  jemand  hätte 
von  einem  Manne  ein  Stück  Landes  für  1000  Dirham  gekauft,  das 
100  Ellen  lang  und  ebensoviel  breit  sei.  Darauf  sprach  der  Verkäufer: 
Nimm  statt  dessen  zwei  Stück,  ein  jedes  50  Ellen  lang  und  breit, 
und  meinte,  damit  geschehe  jenem  sein  Recht.  Sie  stritten  nun  vor 
einem  Richter,  der  .nicht  Mathematik  verstand,  und  dieser  war  irriger 
Weise  derselben  Ansicht,  dann  aber  stritten  sie  vor  einem  anderen 
Richter,  der  der  Mathematik  kundig  war,  und  der  entschied,  dass  dies 
nur  die  Hälfte  seines  Anrechts  wäre."  Wir  machen  mit  wenigen 
Worten  auf  einen  verhältnissmässig  weitläufig  behandelten  Gegenstand') 
aufmerksam,  auf  Verhältnisse  der  Abmessungen,  welche  zwischen 
den  einzelnen  Strichen  stattfinden  sollen,  aus  welchen  die  Buchstaben- 
zeichen gebildet  werden,  und  derjenigen,  welche  die  Natur. bei  den 
einzelnen  Theilen  des  menschlichen  Körpers  uns  zum  sinnlichen  Be- 
wusstsein  bringt,  letzteres  ein  Gegenstand,  mit  welchem  auch  Vitru- 
vius  (S.  508)  sich  beschäftigt  hat.  Wir  erwähnen  endlich  noch  eines,, 
welches  nicht  ohne  Interesse  ist,  magische  Quadrate^).  Die  magischen 
Quadrate  aus  9,  16,  25,  36  sind  hergestellt;  dass  es  auch  Quadrate 
von  49,  34,  81  gebe,  wird  gesagt;  das  Quadrat  9,  heisst  es,  erleichtere 
die  Nativität  (?).  Wir  können  hier  so  wenig  als  es  uns  früher  (S.  594) 
gelang,  dem  Ursprünge  dieser  eigenthiimlichen  xlmulette  auf  die  Spur 
kommen.  Wir  bemerken  nur,  dass  sie  bei  den  Arabern  unter  dem 
Namen  ivafli  in  der  Zauber-  und  Vorbedeutungskunde  eine  nicht  un- 
bedeutende Rolle  gespielt  haben  ^),  und  dass  unserem  Gewährsmanne 
zufolge  jeder  der  sieben  Planeten»  einen  ihm  eigenthümlichen  ivafh 
besass,  vielleicht  eben  jene  sieben  den  lauteren  Brüdern  bekannte 
Quadra'te  von  9  bis  81?  Am  ausführlichsten  soll  darüber  der  unter 
dem  Namen  El  Bünif)  berühmte  arabische  Mystiker  geschrieben 
haben,  welcher  in  Bona  geboren  dieser  Stadt  unter  den  Arabern  die 
gleiche  Verherrlichung  gab,  welche  sie  als  Heimath  des  heiligen 
Augustinus  bei  den  Christen  besass.     El  Büni  starb  1228. 

Die  Schnftsteller  Alchwarizmi,  die  drei  Brüder,  Täbit  ibu  Kurra, 
AI  Battäni  waren  an  dem  Hofe  der  Abbasiden  ihren  gelehrten  Be- 
schäftigungen nachgegangen.  Unter  demselben  Chalifengeschlechte 
war  die  Verbindung  der  lautern  Brüder  entstanden.  Aber  wenn  auch 
Abbasiden   fortfuhren,   die  Chalifeu  zu  heissen,   von   einer  Regierung 


*)  Propädeutik  der  Araber  S.  133—137.  ^)  Ebenda  S.  43—44.  ^)  No- 
tices  et  extraits  des  manuscrits  de  la  hibliotheque  imperiale  T.  XXI,  1.  Partie, 
pag.  180,  Note  4  (Paris  1868).  '  *)  Hammer-Purgstall,  Literaturgeschichte 
der  Araber  2.  Abtbeilung,*Bd.  VII,  S.  402,  Nr.  7944. 


698  34.  Kapitel. 

derselben,  ja  auch  nur  von  einem  Einflüsse  auf  die  Wissenseliaft  durch 
Gelehrte,  in  deren  Kreise  sie  weilten,  die  Zügel  des  Reiches  den 
stärkeren  Händen  ihrer  Heerführer,  der  sogenannten  Emir  Alumarä 
überlassend,  war  nachgerade  keine  Rede  mehr^).  Und  die  Emire 
selbst  schienen  allmälig  die  Schlaffheit  ihrer  Drahtpuppen,  welche 
Gebieter  hiessen  und  Sklaven  waren,  ererbt  zu  haben.  Das  Chalifat 
schrumpfte  nach  und  nach  bis  auf  das  Weichbild  von  Bagdad  zu- 
sammen. Eine  kriegerische  Horde  unter  dem  Befehle  eines  Bujiden 
d.  h.  eines  Nachkommen  von  Abu  Schudscha'^  Büjeh,  welcher  selbst 
seine  Abstammuug  von  den  alten  Perserkönigen  herleitete,  zos^  gegen 
Bagdad  heran  und  bemächtigte  sich  der  Stadt.  Der  Chalif  musste 
945  dem  Bujiden  Muizz  Eddaula  den  Sultanstitel  verleihen  und  ihm 
alle  weltliche  Macht  abtreten.  Dieses  neue  Geschlecht  wusste  zunächst 
mit  neuer  Kraft  die  Herrschaft  wieder  aufzurichten  und  auszudehnen, 
doch  dauerte  es  nicht  lange,  so  entbrannten  unter  den  Bujiden  Fami- 
lienkämpfe um  die  Gewalt,  wie  sie  unter  den  Omaijaden,  wie  sie  unter 
den  Abbasiden  stattgefunden  hatten,  und  nach  einem  Jahrhunderte, 
im  Jahre  1050,  hatten  die  Bujiden  ihrer  Unfähigkeit  den  Sturz  zu 
verdanken.     Die  Seldschukeusultane  lösten  sie  ab. 

Die  Wissenschaft  ist  in  diesem  Jahrhundert,  von  der  Mitte  des 
X.  bis  zur  Mitte  des  XL  S.,  keineswegs  zurückgegangen.  Im  Gegen- 
theil  sind  es  einige  der  hervorragendsten  Mathematiker,  welche  wir  in 
jener  Zeit  aufzuzeichnen  haben.  Der  Bujide  Adud  ed  Daula  978—983 
rühmte  sich  selbst  astronomische  Studien  gemacht  zu  haben.  Sein 
Sohn  Scharaf  ed  Daula,  derselbe,  unter  welchem  die  Familienzwistig- 
keiteu  zuerst  entbrannten,  errichtete  in  dem  Garten  seines  Palastes 
zu  Bagdad  eine  neue  Sternwarte  und  berief  dorthin  um  988  eine 
ganze  Vereinigang  von  Fachmännern^).  Unter  ihnen  waren  Abü'l 
Wafä,  Alkuhi  und  As-Sägäni. 

Abü'l  Wafä  Muhammed  ihn  Muhammed  ihn  Jahjü  ihn  Ismail 
ihn  Al-Abbäs  Albüzdschäni'^)  wurde,  wie  wir  (S.  662)  schon 
sagten,  940  in  Büzdschän,  einem  kleinen  Orte  des  persischen  Gebirgs- 
landes  Chorasan  geboren,  derselben  Gegend,  welche  so  vifele  arabische 
Mathematiker  hervorgebracht  hat.  Er  erfreute  sich,  bald  Abü'l 
Wafä,  bald  Albüzdschäni  genannt,  unter  den  Arabern  des  grössten 
Ruhmes  und  drei  Jahrhunderte  später  sagt  von  ihm  Ihn  Challikän, 
der  über  berühmte  Männer  im  Allgemeinen,  nicht  bloss  über  berühmte 
Gelehrte  schrieb,  er  sei  ein  weitbekannter  Rechner,  eine  der  glänzenden 


')   Weil  S.  219—226.  ^)  Hankel  S.  242   nach  Al)ulpliaragius  Histor. 

dynast.  (ed.  ^ocock)  pag.  216  der  Uebersetzung.        ^)  Woepcke'in  dem  Jour- 
nal Äsiati^ue  für  Februar  und  März  1855  pag.  243,flgg. 


Die  Mathematiker  unter  den  Abbasiden.    Die  Geometer  unter  denBujiden.     699 

Leucliten  der  Geometrie  gewesen,  es  seien  ihm  in  dieser  Wissenschaft 
wunderbare  Entdeckungen  gelungen.  Er  starb  998.  Seine  Schriften 
sind  ungemein  zahlreich.  Eine,  welcher  er  den  Titel  Almagest  bei- 
legte, dadurch  selbst  kundgebend,  nach  wessen  Muster  er  gearbeitet 
habe,  enthält  die  in  der  Geschichte  der  Astronomie  berühmt  gewordene 
Stelle,  über  welche  bis  auf  den  heutigen  Tag  die  Meinungen  gespalten 
sind,  ob  darin  die  Entdeckung  der  sogenannten  Variation  enthalten 
sei  oder  nicht  ^).  Uns  kümmert  nur  der  Mathematiker,  und  auch  als 
solcher  hat  Abü'l  Wafä  grosse  Verdienste.  Er  war  einer  der  letzten 
arabischen  Uebersetzer  und  Commentatoren  griechischer  Schriftsteller, 
und  wir  müssen  aufs  lebhafteste  bedauern,  dass  grade  Ton  dieser 
Thätigkeit  gar  keine  unmittelbare  Spur  sich  erhalten  Jiat.  Der  Ge- 
lehrte, welcher  mit  Diophant  sich  so  eingehend  beschäftigte,  dass  er 
nicht  bloss  ihn  übersetzte,  ihn  erläuterte,  sondern  ein  besonderes 
Schriftchen  mit  den  Beweisen  der  bei  Diophant  und  in  seinen  Er- 
läuterungen zu  demselben  enthaltenen  Lehrsätze  füllte,  muss  viel 
Wissenswerthes  für  uns  auf  diesem  Gebiete  vereinigt  haben.  Sein 
Commentar  zur  Algebra  des  Muhammed  ibn  Müsä  Alchwarizmi  würde 
uns  wohl  der  Mühe  überhoben  haben,  vermuthungsweise  dem  Ur- 
sprünge der  dort  enthaltenen  Lehren  nachzuspüren.  Sein  Commentar 
zur  Algebra  des  Hipparch  ist  ein  eben  so  gerechter  Gegenstand 
unserer  Neugier,  da  wir  hier  ja  nicht  einmal  die  unzweifelhaft  wichtige 
Abhandlung  kennen,  zu  welcher  er  gehört.  Aber  leider  sind  von 
diesen  algebraischen  Commentaren  nur  die  Ueberschriften  uns  be- 
wahrt. Eine  Zusammenstellung  dessen,  was  Rechnungsbeamten  uoth- 
wendig  ist,  hat  sich  wenigstens  theilweise  erhalten,  ist  aber  nur  in 
einem  dürftigen  Auszuge  bekannt  gemacht-),  was  Bedauern  erregen 
kann,  da  ausdrücklich  bemerkt  ist,  in  jenem  ganzen  Werke  seien 
wesentliche  Unterschiede  gegen  andere  arabische  Rechenbücher  auf- 
fallend, es  sei  z.  B.  nicht,  eine  einzige  Ziffer  darin  angewandt. 

Dagegen  ist  ein  genügend  ausführlicher  Bericht  über  geometrische 
Leistungen  veröffentlicht'^),  zu  welchem  wir  ims  jetzt  wenden.  Von 
Abul  Wafä  selbst  rührt  das  aus  zwölf  Kapiteln  bestehende  Buch 
der  geometrischen  Constructionen  freilich  nicht  her.  Es  ist 
vielmehr  die  persische  Uebersetzung  eines  Vorlesungsheftes,  welches, 
wie  es  scheint,  auf  Grund  von  öffentlichen  Vorträgen  Abü'l  Wafäs 
durch  einen  begabten  aber  doch  nicht  Alles  verstehenden  Schüler 
angefertigt  Avorden  ist,  imd   somit  kann  Abü'l  Wafä  unmöglich  für 


')  R.  Wolf,   GeschicMe   der  Astronomie  S.  .53  und  204.  *)  Woepcke 

in  dem  Journal  Asiatique  für  Februar  und  März  1855  pag.  246-251.       ^)  Ebenda 
pag.  318—359. 


700 


34.  Kapitel. 


die  Mängel  verantwortlicli  gemacht  werden,  welche  bei  der  mehr- 
fachen Ueberarbeitung  nur  allzuleicht  sich  einschleichen  konnten. 
Man  hat  mit  Recht  drei  Gruppen  von  Aufgaben  aus  diesem  Buche 
hervorgehoben,  welche  geschieh  Jülich  und  sachlich  unsere  Aufmerk- 
samkeit verdienen.  Eine  erste  Gruppe  beschäftigt  sich  mit  der  Auf- 
lösung von  Aufgaben  unter  Anwendung  nur  einer  Zirkelöfi'nung,  ein 
Gegenstand,  der,  wie  wir  (S.  421)  erkannten,  schon  für  Pappus  oder 
für  einen  griechischen  Bearbeiter  seiner  Sammlung  ein  wohlbekannter 
war.  Abü'l  Wafä  hat  die'  Bedingung  theils  aussprechend,  theils  sie 
stillschweigend  verstehend  nicht  weniger  als  18  Paragraphe  mit 
solchen  Aufgaben  gefüllt^).  In  einer  zweiten  Gruppe  handelt  es 
sich  um  Zusammenlegung  von  Quadraten  zu  einem  neuen  Quadrate, 
so  dass  die  Methode  auch  Praktiker  befriedigen  könne,  welche  die 
geometrische  Anschauung  der  Rechnung  vorziehen.  Man  wird  aus 
einigen  wenigen  Beispielen  am  deutlichsten  erkennen,  wie  das  gemeint 
ist.  Ein  Quadrat  soll  gezeichnet  werden  von  der  dreifachen  Grösse 
eines  gegebenen  Quadrates^).  Man  findet  die  Seite  als  Hypotenuse 
eines   rechtwinkligen  Dreiecks,   welches   die  Seite   und   die  Diagonale 

des  gegebenen  Quadrates 
als  Katheten  besitzt.  Da- 
gegen lehnen  sich  aber  die 
Praktiker  auf;  mit  einer 
solchen  Auflösung,  welche 
ihre  Sinne  nicht  überzeuge, 
könnten  sie  nichts  anfangen. 
Abü'l  Wafä  befriedigt  sie 
nunmehr  durch  folgende 
Construction  (Figur  98). 
Er  zeichnet  die  drei  einander,  gleichen  Quadrate  hin  und  halbirt  zwei 
davon  durch.  Diagonalen.  Die  vier  so  entstehenden  gleichschenklig 
rechtwinkligen  Dreiecke  legt  er  nun  um  das  dritte  Quadrat  herum, 
so  dass  die  Hypotenusen  Verlängerungen  der  vier  Quadratseiten  in 
der  Art  bilden,  dass  an  jeder  Ecke  eine  und  nur  eine  Seite  verlängert 
ist.  Endlich  verbindet  er  die  rechtwinkligen  Spitzen  dieser  Dreiecke 
unter  einander  und  hat  so  das  gewünschte  Quadrat  fertig.  Man 
möchte  fast  erwarten,  als  Beweis  jene  Aufforderung  „Sieh!"  zu  lesen, 
welche  indische  Geometer  ähnlichen  Constructionen  nachzuschicken 
für  genügend  hielten.  Ja,  eine  Construction,  welche  wir  (S.  614)  als 
in  Bhäskaras  Schriften  vorhanden  erörtert  haben,  welche  mit  Wahr- 


Fig.  98. 


^)  Woepcke   in   dem   Juit/rnal  Asiatique   für  Februar  und  März  1855  pag. 
226.       *)  Ebenda  pag.  349— 350. 


/ 

/ 

Die  Mathematiker  .unter  den  Abbasiden.    Die  Geometer  unter  denBujiden.    701 

scheinlichkeit  (S.  638)  in  China  aufgefunden  worden  ist,   kommt  bei 

Abü'l  Wafa  vor^).     Zwei  Quadrate   sollen   zu  einem  dritten  vereinigt 

werden.    Man  zeichnet  sie  (Figur  99)  auf  einander,  so  dass  eine  Ecke 

und  die  Richtung  zweier  Seiten  beiden  gemeinsam  ist. 

Verlängert  man  darauf  die  beiden  freiliegenden  Seiten 

des  kleinen  Quadrates  bis  zum  Durchschnitte  mit  den 

Seiten  des  grösseren  Quadrates,  so  ist  die  Summe  der 

gegebenen  Quadrate  zerlegt  in  ein  Quadratchen,  dessen 

.  Seiten    gleich    dem   Unterschiede    der   Seiten    der   ur- 

.  ...  -fio-  yy. 

sprünglich    gegebenen    Quadrate    sind,    und    in    zwei 

Rechtecke,  auf  der  Figur  einander  zum  Theil  überdeckend,  deren 
jedes  durch  eine  Diagonale  ■  in  zwei  rechtwinklige  Dreiecke  zerfällt. 
Die  vier  rechtwinkligen  Dreiecke  um  das  Quadratchen  herumgelegt 
bilden  (Figur  87)  das  verlangte  grosse-  Quadrat.  Es  ist  unmöglich, 
bei  so  übereinstimmenden  Figuren  so  eigenartigen  Gedankens  nicht 
einen  thatsächlichen  Zusammenhang  anzunehmen.  Wir  stehen  nicht 
an,  der  Meinung  uns  anzuschliessen-),  dass  wiewohl  icbü'l  Wafä  fast 
zwei  Jahrhunderte  vor  Bhäskara  lehrte,  und  wiewohl  es  leicht  mög- 
lich war,  dass  Arabisches  von  den  islamisirten  Indusländern  aus  sich 
weiter  verbreiten  konnte,  dennoch  hier  nicht  daran  zu  denken  ist, 
Bhäskara  habe  die  Construction  aus  arabischer  Quelle.  Nur  das 
persönliche  Anrecht  Bhäskaras  an  die  Figur  und  ihre  Benutzung 
geht  verloren,  wie  wir  von  vornherein  bemerklich  machten,  aber  ihr 
indischer  Stempel  dürfte  ihr  erhalten  bleiben,  erhalten  mit  so  viel 
älterer  Datirung,  dass  sie  schon  den  Praktikern,  d.  h.  muthmasslich 
indischen  Handwerkern,  Baumeistern,  mit  welchen  Abü'l  Wafä  ver- 
kehrte, bekannt  war.  Die  dritte  Gruppe  von  Aufgaben  hat  die  Be- 
schreibung regelmässiger  Vielflächner  zum  Zwecke.  Wir  wissen,  dass 
Euklid  (S.  259)  und  Pappus  (S.  417)  jeder  in  seiner  Weise  sich  eben- 
damit  beschäftigt  haben.  Abü'l  Wafä  schliesst  sich  so  ziemlich  an 
Pappus  an^),  und  bestrebt  sich  nur  auf  der  Kugeloberfläche  die 
Eckpunkte  des  gedachten  nicht  förmlich  einbeschriebenen  Vielflächners 
zu  bestimmen.  Mit  anderen  Worten:  er  theilt  die  Kugeloberfläche  in 
regelmässige,  einander  gleiche  sphärische  Vielecke.  Diese  drei  Haupt- 
gruppen von  Aufgaben  erschöpfen  indessen  nicht  sämmtliche  zwölf 
Kapitel.  Das  Ende  des  6.,  das  ganze  7.,  der  Anfang  des  8.  Kapitels 
sind  verloren,  und  der  erhaltene  Rest  schliesst  ausser  dem  von  uns 
bisher  Hervorgehobenen  noch  manche  wissenswürdige  Einzelheit  ein. 
Wir  erwähnen  nur  zwei  Sätze.    Im  2.  Kapitel  im  6.  Paragraphen  imd 


^)  Woepcke  in  dem  Journal  Asiatique  für  Februar  und   März  1855  pag. 
346  u.  350—351.       ^)  Ebenda  pag.  235—238.        *)  Ebenda  pag.  241  u.  352—358. 


702 


34.  Kapitel. 


wiederkehrend  im  .3.  Kapitel  im  13.  Paragraphen  ist  die  Aufgabe,  ein 
regelmässiges  Siebeneck  zu  construiren^),  näherungsweise  so  gelöst, 
dass  die  Hälfte  der  Seite  des  einem  Kreise  einbesohriebenen  gleich- 
seitigen Dreiecks  als  Seite  des  demselben  Kreise  einbeschriebenen 
regelmässigen  Siebenecks  gilt,  ein  Verfahren,  welches  durch  Jahr- 
hunderte durch  sich  fortgeerbt  hat.  Im  1.  Kapitel  im  21.  und  22.  Pa- 
ragraphen sind  punktweise  Constructioneii  der  Parabel  gelehrt-),  denen 
wir  uns  nicht  erinnern  bei  früheren  Schriftstellern  begegnet  zu  sein. 
Von  einem  Punkte  C  der  Parabelaxe  aus  (Figur  100),  der  um  die« 
doppelte    Brennweite    2AF=  AC   vom    Scheitelpunkte    entfernt    ist. 


M^ 


als  Mittelpunkt  und  mit  der  CA  als  Halbmesser  wird  ein  Kreis  be- 
schrieben und  in  einem  Punkte  P  der  Axe  die  Senkrechte  TL  er- 
richtet. Auf  ihr  nimmt  man  PM  =  AL  ab,  so  ist  M  ein  Punkt 
der  Parabel.  In  der  zweiten  Coustruction  verlängert  man  (Figur  101) 
die  Parabelaxe  über  den  Scheitel  hinaus  um  den  Parameter  4c  =  AG. 
Mit  der  Entfernung  von  G  bis  zu  einem  beliebigen  Punkte  P  der 
Axe  als  Durchmesser  beschreibt  "man  einen  Kreis,  an  P  dessen  Be- 
rührungslinie und  ihr  parallel  durch  A  die  L^  Lc, .  Senkrechte  von 
L^  und  L2  auf  jene  Berührungslinie  treffen  sie  in  den  Parabelpunkten 
il/i  und  M2. 

Andere  Verdienste  hat  sich  Abu'l  Wafä  in  der  Trigonometrie 
erworben.  Von  ihm  rührt  eine  Methode  zur  Berechnung  von 
Sinustafeln  her^),  welche  den  Sinus  des  Winkels  von  ^  Grad  mit 
einer  Genauigkeit  liefert,  welche  sich  bis  zur  Einheit  der  9.  Decimale 
erstreckt.     Er  geht  aus  von  der  Vergleichung 

sin  (a  -(-  /3)  —  sin  «  <  sin  a  —  sin  (a  —  ß) . 


*)  Woepcke  in  dem  Journal  Asiatiquc  für  Februar  und  März  1855  pag. 
329  und  332.  *)  Ebenda  pag.  326.  =*)  Woepcke  in  dem  Journal  Asiatique 
für  April  und  Mai  1860  pag.  298—299. 


Die  Mathematiker  unter  den  Abbasiden.  Die  Geometer  unter  den  Bujiden.    703 


Er  beweist  dieselbe  niclit,  aber  es  ist  einleucbtend,  dass  sie  Giltig- 
keit  hat,  sofern  die  Winkel  a  —  ß,  a,  ol  -\-  ß  sämmtlich  dem  ersten 
Kreisquadranten  angeboren,  weil,  sofern 

0  <  cos  /3  <  1     aus    sin  («  +  /3)  +  sin  (a  —  /3)  =  2  •  sin  a  •  cos  /3 
sofort    sin  {a.  -\-  f)  -\-  sin  (a  —  /3)  <  2  sin  a    und   daraus  jene  Verglei- 
cbung  hervorgeht.    Setzt  man  die  Vergleichung  nach  rechts  wie  nach 
links  fort,  so  erhält  man: 

sin  (a  +  3/3)  —  sin  (a  +  2/3)  <  sin  {a  +  2/3)  -  sin  (a  +  /3)  < 

sin  (a  -|-  ^)  —  sin  a  <  sin  a.  —  sin  (a  —  /5)  <  sin  (a  —  /i)  —  sin  {a  —  2/3) 

<  sin  (a  —  2/3)  —  sin  (a  —  3^) 
und  daraus: 

sin  (a  -j-  3/3)  —  sin  (a  -(-  2  /3)  <  sin  (a  +  /3)  —  sin  a  <  sin  a  —  sin  (a  —  /3) 

sin [a  -j-  2/3)  —  sin (a  +  /3)    < sin («  +  /^)  —  sin « < sin (a  —  /3)  —  sin (a  —  2 /3) 

sin(o:-|-/3)    — sin«  ==sin(a-f"i3)~sina<sin(o:  — 2/3)  — sin(oc— 3/3). 

Addirt  man  die  drei  Formeln,  so  entsteht: 

sin  {a  -[-  3/3)  —  sin  a  <  3  [sin  (a  H-  /3)  —  sin  a\  <  sin  a  —  sin  (a  —  3/3) 

oder  endlich 

Y  [sin(a  -j-  3/3)  —  sina]  <sin(a  +  i3)  —  sina<-—  [sin  a  —  sin(a — 3/3)] . 

Nun  kann  man  sin  36*^  und  sin  60"  durch  Quadrat wurzelausziehung 
in  beliebiger  Genauigkeit  finden  und  durch  Quadratwurzelausziehung, 
die  weiter  jeden  beliebigen  Grad  von  Genauigkeit  gestattet,  auch  zu 
den  Sinussen   der  stets  halbirten  Winkel  gelangen.     So   kommt  man 

,         o-  36"  ,  60"      j  .      18»  ,      .      16" 

ZU   den   binussen  von  -,^  und    von    -~  oder   zu  sm  -— -  und  sm  -^^  , 

64:  lao  6i,  öZ   ' 

16" 

zwischen   denen   sin  —^  =  sin  30'    enthalten    sein    muss.     Nun    setzt 

15"  1"  . 

man  a  =  -^  ß  =  —  ,  so  nimmt  die  letzterhaltene  Vergleichung  die 
Gestalt  an: 

18^ 


][^i^ 


32 


sm 


15"- 
32^ 


<  sin  30' 


.      15"  ^  1 

12" 


■  .      15"  .      12"" 

«1^32-'"'lJ2 


Ausser  sin  30'  ist  darin  nur  noch  sin  „-  unbekannt,  welches  aber 
auch  mit  beliebiger  Genauigkeit  berechnet  werden  kann  vermöge 
—  =  4-(-„-  — ;-)   und  somit  ist  eine  neue  fortlaufende  Ungleichung 


sm 


<  sin 


15" 
32 


+  T 


.      18" 


sm 


15" 
32 


sm 


sm 


15"" 
32 

12^ 
32 


<  sin  30' 


704  34.  Kapitel. 

herstellbar,  in  welcher  der  grössere  wie  der  kleinere  Werth  bekannt 
ist,  in  welcher  ausserdem  beide  nicht  weit  von  einander  abweicheu, 
also  auch  beide  dem  zwischenliegenden  Werthe  nahezu  gleich  sind. 
Um  so  genauer  wird  daher  dieser  Zwischenwerth  als  arithmetisches 
Mittel  der  beiden  äusseren  Werthe  gelten  dürfen,  und  diese  Annahme 
macht  dem  entsprechend  Abü'l  Wafä,  d.  h.  er  setzt 

.      o^,  .      15»,      1   r  .      18"  .     120] 

sm  30  =  sm  .^^   +  ^  [sm  -  -  sm  3,  J  • 

Noch  wichtiger  in  ihren  Folgen  war  eine  Neuermig,  welche 
Abü'l  Wafa  in  die  Grnomonik   einführte.     Wir   haben  bei  AI  Battani 

(S.  694)  der  Gleichung  l  =  li-  ^  -  erwähnt,  in  welcher  /.  die  horizon- 
tale Schattenlänge,  li  die  Höhe  eines  senkrecht  stehenden  Schatten- 
messers, cp  die  Sonnenhöhe  bedeutete.  Abü'l  Wafä  beobachtete  nun') 
den  Schatten  /,  welchen  ein  horizontal  in  einer  vertikalen  Wand  be- 
festigter   Schattenmesser   Ji    auf  jener   vertikalen  Wand    bildet,    und 

welcher  die  Gleichiing  l  =  h  ■  — -  erfüllt.     Er  nahm  h  zu  60  Theilen 

°  cos  qp 

an  und  berechnete  die  Schatten,  umhra  versa  in  den  lateinischen 
Bearbeitungen,  d.  h.  also  die  trigonometrischen  Tangenten  der  Winkel 
g),  welche  er  in  einer  Tafel  vereinigte,  von  welcher  er  auch  bei 
anderen  Aufgaben  als  der  gnomonischen,  bei  der  sie  entstanden  war, 
Gebrauch  machte.  Denn  ihm  ist  nachträglich')  „die  umbra  eines 
Bogens  eine  Linie,  welche  von  dem  Anfangspunkte  des  Bogens 
parallel  dem  Sinus  geführt  wird  in  dem  Intervalle  zwischen  diesem 
Anfange  des  Bogens  und  einer  von  dem  Mittelpunkte  des  Kreises 
nach  dem  Ende  des  Bogens  gezogenen  Linie  ...  So  ist  die  umbra 
die  Hälfte  der  Tangente  des  doppelten  Bogens,  welche  enthalten  ist 
zwischen  den  zwei  Geraden,  welche  vom  Mittelpunkte  des  Kreises 
nach  den  Endpunkten  ^es  doppelten  Bogens  geführt  werden".  Da 
ist,  wie  wir  sehen,  der  allgemeine  Begriff  der  Tangente  ganz  fertig, 
da  ist,  der  Name  dieser  Function  vorbereitet,  da  ist  auch ,  wie  schon 
gesagt  wurde,  die  regelmässige  Anwendung  derselben  in  den  ver- 
schiedensten trigonometrischen  Aufgaben. 

Der  zweite  Astronom,  den  wir,  als  an  die  Sternwarte  im  Palast- 
garten des  Bujiden  berufen,  genannt  haben,  war  Alkühi^).  Waid- 
schan ibn  Bustam  Abu  Sahl  Alkühi  führt  den  Beinamen,  unter 
welchem  er  vorzugsweise  bekannt  ist,  nach  dem  Bergland  Al-Küh 
in  Tabaristän.     Von  ihm    rühren    astronomische   Beobachtungen    des_ 


^)  Hankel  S.  284—285.  ^)  M.  Steinschneider,  Lettere  intorno  ad  ol- 
eum matcmatici  del  medio  evo  a  D.  Bald.  Boncompagni.  liom,  1863,  pag.  31  sqq. 
Fihrist  40. 


Die  Mathematiker  unter  den  Abbasiclen.    Die  Geometer  unter  den  Bujiden.    705 

Jahres  988  her,  welche  er  aber  iu  ziemlich  hohem  Alter  angestellt 
haben  muss.  Eine  Jugendschrift  Alkühis  hat  nämlich  auf  seinen 
Wunsch  der  Sohn  des  Täbit  ibn  Kurra  durchgesehen  und  verbessert 
und  dieser,  welcher  den  Namen  Sinän  führte,  auch  selbst  für  einen 
in  der  Wissenschaft  des  Euklid  sehr  bewanderten  Gelehrten  galt, 
starb  schon  943,  mithin  45  Jahre  vor  jenen  Bagdader  Beobachtungen. 
Alkühis  wichtigste  geometrische  Leistungen,  welche  bekannt  sind, 
liegen  auf  einem  Gebiete,  welches  durch  Griechen,  besonders  durch 
Archimed  und  durch  Apollonius  von  Pergä  bereits  urbar  gemacht, 
doch  erst  von  den  Arabern  gründlich  und  erfolgreich  bebaut  worden 
ist:  auf  dem  Gebiete  der  Lösung  solcher  geometrischen  Aufgabeu, 
die  analytisch  behandelt  zu  Gleichungen  von  höherem  als  dem 
zweiten  Grade  führen. 

So  kennen  wir  von  Alkühi  einen  Satz,  der  sich  auf  die  Drei- 
theilung  des  Winkels  bezieht^).  So  kennen  wir  von  ihm  eine  Auf- 
lösung dreier  zusammengehöriger  Aufgaben^):  1.  einen  Kugelabschnitt 
zu  finden,  der  einem  gegebenen  Kugelabschnitte  inhaltsgleich,  einem 
anderen  ähnlich  sei;  2.  einen  Kugelabschnitt  zu  finden,  der  mit  einem 
gegebenen  Kugelabschnitte  gleiche  gekrümmte  Oberfläche  besitze  und 
einem  anderen  gegebenen  Kugelabschnitte  ähnlich  sei;  3.  einen  Kugel- 
abschnitt zu  finden,  der  zu  zwei  gegebenen  Kugelabschnitten  in  dem 
Zusammenhang  stehe,  dass  er  denselben  Inhalt  wie  der  eine,  eine 
gleich  grosse  gekrümmte  Oberfläche  wie  der  andere  besitze.  Von 
diesen  Aufgaben  kommen  die  beiden  ersten  im  11.  Buche  von  Archi- 
meds  Schrift  über  Kugel  und  Cylinder  im  Satze  6  und  7  vor, 
während  die  dritte  und  schwierigste  von  Alkühis  eigener  Erfindung 
ist.  Er  löst  sie  mit  Hilfe  einer  gleichseitigen  Hyperbel  und  einer 
Parabel,  deren  Durchschuittspunkte  die  Unbekannte  ausmessen  lassen. 
Er  fügt  auch  eine  strenge  Erörterung  der  Bedingimgen  bei,  unter 
welchen  allein  die  Aufgabe  lösbar  ist,  also  das,  was  die  Griechen 
den  Diorismos  nannten,  und  was  die  Nachahmer  der  Griechen  im 
Allgemeinen  —  die  Araber  nicht  ausgeschlossen  —  keineswegs  mit 
gleicher  Regelmässigkeit  zu  beachten  pflegten.  Diesen  Leistungen 
Alkühis  gegenüber  wissen  wir  endlich'^),  dass  es  ihm  nicht  gelang 
eine  Aufgabe  zu  bewältigen,  welche  auf  die  Gleichung 

x^  +  13yrK  +  5  =  lOic^ 
führte. 

Der  dritte  Name,   welchen  wir    nannten,   war    As-Sägäni,    der 
aus    Sägän    in    Chorasan    Herstammende^).     Ahmed   ibn    Muhammed 


^)  L'algcbre   d'Omar    Allihayami    (ed.    Woepcke)    pag.  118.         ^)  Ebenda 
pag.  103—114.     3)  Ebenda  pag.  54.     ^)  Hankel  S.  243. 

Cantok,  Geschichte  der  Mathematik  1.  2.  Aufl.  45 


706 


34.  Kapitel. 


As-Sägäni  Abu  Hamid  al  Usturlabi  d.  h.  aucli  der  Verfertiger  von 
Astrolabien  genannt,  starb  900.  Er  war,  wie  der  zweite  Beiname 
zu  folgern  gestattet,  besonders  geschickt  in  der  Anfertigung  jener 
astronomischen  Winkelmessungsvorrichtungen,  welche  den  üebergang 
von  der  Dioptra  des  Heron  zu  dem  modernen  Theodolit  bilden.  Von 
mathematischen  Leistungen  ist  uns  nur  ein  Satz  über  Kreissegmente 
bekannt^),  welcher  mit  der  Dreitheilung  des  Winkels  in  einigem 
Zusammenhange  steht. 

Die  Sätze  des  Tabit  ibu  Kurra,  des  Alkühi,  des  As-Sägani, 
welche  auf  Winkeldreitheilung  sich  beziehen,  stehen  insgesammt  in 
einer  grösseren  Abhandlung  über  den  gleichen  Gegenstand'''),  welche 
Abu  Sa'id  Ahmed  ihn  Muhammed  ihn  Abd  Al-Dschälib  As-Sidschzi 
verfasst  hat,  ein  Schriftsteller,  der  gewöhnlich  unter  seinem  Heimaths- 
namen  Alsidschzi,  mitunter  aber  auch  statt  dessen  als  Alsin- 
dschäri  genannt  zu  werden  pflegt''),  und  welcher  etwa  30  Jahre 
vor  der  Abfassung  jener  Abhandlung  in  Schiräs  eine  mathematische 
Handschrift  niederschrieb,  die  das  Datum  972  tragend  der  Pariser 
Bibliothek  angehört.  Die  Aufgabe  der  Winkeldreitheilung  wird  durch 
Alsidschzi  zunächst  auf  einen  Satz  zurückgeführt,  der  mit  den  anderen, 
welche  er  der  Reihe  nach  unter  den  Namen  ihrer  Erfinder  herzählt, 
zwar  nicht  übereinstimmt,  aber  doch  zu  ihrer  aller  Beweisen  aus- 
reicht.    Der  Peripheriewinkel  M  (Figur  102)   sei  nämlich  der  dritte 

Theil    des    Centri winkeis    DCK,    wenn 
^J9  DEXEC+  EC'  =  CD\    Weil  näm- 

lich CD  =  CA,  so  sei  GD'^  =  CÄ' 
=  CE^  -]-  AE  X  EK  =  CE'  +  DE 
K  X  EM.  Nun  war  E  so  gewählt,  dass 
Gü'  =  CE''  +  DEx  EG,  folglich 
muss  EM  =  EG  sein.  In  dem  gleich- 
schenkligen Dreiecke  GE3I  sind  dem- 
nach je  zwei  Winkel  =  a,  und  der 
^®"  ^  ^'  Aussen winkel  DEG  dieses  Dreiecks  ist 

=  2«.  Der  Winkel  bei  D  ist  wegen  der  GleichschenkHgkeit  von 
BGM  wieder  =a  und  der  Winkel  DGK  =  3a  als  Aussenwinkel 
des  Dreiecks  GDE.  Die  erste  Aufgabe  der  Winkeldreitheilung  ist 
daher  auf  die  zweite  zurückgeführt,  einen  Punkt  E  von  der  ge- 
wünschten Eigenschaft  zu  finden.  Die  Alten,  sagt  Alsidschzi,  lösten 
diese  mittels  Bewegungsgeometrie  ^);  er  selbst  thut  es,  indem  er  mit 


')  L'algcbre  d'Omar  Allchayami  pag.  119.  ^)  Ebenda  pag.  117  — 125. 
')  Hankel  S.  246,  Anmerkung  **.  *)  L'algebrc  d'Omar  Alkhayami  pag.  120. 
Aus  dieser  Stelle  stammt  die  Kenntniss  des  Wortes  Üewegungsgeometrie. 


Zalilentheoretiker,  Rechner,  geometrische  Algebraiker  v.  950  etwa  bis  1100.       707 

dem  der  Figur  schon  angehörenden  Kreis  eine  gleichseitige  Hyperbel 
in  Verbindung  setzt,  welche  durch  C  hindurchgeht  und  den  Kreis- 
halbmesser als  Halbaxe  besitzt.  Er  beruft  sich  dabei  ausdrücklich 
auf  einen  Satz  (den  53sten)  des  I.  Buches  der  Kegelschnitte  des 
Apollonius.  Eine  in  Leiden  befindliche  Handschrift  enthält  ferner 
eine  Abhandlung  Alsidschzis,  welche  mit  der  Zeichnung  von  Kegel- 
schnitten sich  beschäftigt^).  Andere  geometrische  Abhandlungen 
Alsidschzis  beziehen  sich  endlich  der  Hauptsache  nach  auf  Durch- 
schnitte von  Kreisen  mit  Kegelschnitten-),  welche  letztere  demnach 
ein  Lieblingsgegenstand  der  Untersuchungen  des  Verfassers  gewesen 
sein  müssen. 


35.  Kapitel. 

Zalilentheoretiker,  Rechner,  geometriselie  Algebraiker 
von  950  etwa  bis  1100. 

Ganz  anderer  Richtung  gehören  die  Arbeiten  einiger  Gelehrten 
der  gleichen,  wohl  auch  noch  etwas  früherer  Zeit  an,  von  welchen 
wir  jetzt  reden  wollen.  An  deren  Spitze  steht  der  anonyme  Ver- 
fasser einer  Abhandlung,  welche,  wie  wir  am  Schlüsse  des  vorigen 
Kapitels  gesagt  haben,  Alsidschzi  972  abschrieb.  Die  Abhandlung 
ist  durchaus  zahlentheoretischen  Lihaltes  und  hat  es  hauptsächlich 
mit  der  Bildung  rationaler  rechtwinkliger  Dreiecke  zu  thun''). 
Primitive  Dreiecke,  deren  Seiten  theilerfremd  zu  einander  sind, 
werden  dabei  von  abgeleiteten  unterschieden.  Im  primitiven  Drei- 
ecke müsse,  so  wird  behauptet,  die  Hypotenuse  immer  ungrad  und 
Summe  zweier  Quadrate  sein.  Die  Ungradheit  wird  noch  näher  dahin 
bezeichnet,  dass  die  Hypotenuse  stets  von  der  Form  12  m  -\-  1  oder 
12 m  -\-  5  sei.  Die  Formen,  denen  Quadratzahlen  und  Summen  von 
Quadratzahlen  angehören  können,  mit  anderen  Worten  ein  Theil  der 
Lehre  von  den  quadratischen  Resten,  werden  erörtert.  Die  Aufgabe, 
welche  von  nun   an    der  Geschichte   der  Arithmetik  erhalten   bleibt: 


')  Journal  Äsiatique  für  Februar  und  März  1855  j)ag.  222.  Woepcke 
hat  diese  Abhandlung  Alsidschzis,  sowie  zwei  andere  ähnlichen  Inhalts,  d.  h. 
gleichfalls  über  Kegelschnittzirkel,  von  Alkühi  und  von  Muhammed  ibn  Hosein 
in  den  Notices  et  extraits  des  mannscrits  de  la  BibliotMque  nationale  XVII  zur 
Veröffentlichung  gebracht.  Vergl.  A.  von  Braunmühl,  Historische  Studie 
über  die  organische  Erzeugung  ebener  Curven  in  dem  Katalog  der  Mathema- 
tischen Ausstellung  zu  Nürnberg  1892.  ^)  Notices  et  extraits  des  manuscrits  de 
la  Bibliotheque  du  roi  XIII,  136 — 145.  '')  Woepcke,  Becherches  stir  plusieurs 
ouvrages  de  Leonard  de  Fise  in  den  Atti  delV  Accademia  Pontificia  de  nuovi 
Lineei  1861,  T.  XIV,  pag.  211—227  und  241—269. 

45* 


708  35.- Kapitel. 

ein  Quadrat  zu  finden,  welches  um  eine  gegebene  Zahl  ver- 
grössert  oder  verkleinert  wieder  Quadratzahleu  gibt,  wird 
gestellt  und  gelöst.  Das  dürften  die  wichtigsten  Sätze  dieses  Bruch- 
stückes sein,  dessen  Anfang  leider  verloren  gegangen  ist  und  mit 
ihm  der  Name  des  arabischen  Verfassers.  Ein  Araber  war  er  un- 
zweifelhaft, wie  aus  einer  Stelle  hervorgeht,  in  welcher  er  sich  selbst 
als  den  Erfinder  preist,  aber  nicht  ohne  hinzuzufügen:  der  Ruhm 
davon  gehört  Gott  allein,  ein  gradezu  kennzeichnender  Ausdruck, 
dessen  nur  Araber  sich  zu  bedienen  pflegten.  Vielleicht  kann  man, 
wenn  auch  nicht  mit  gleicher  Bestimmtheit  behaupten,  der  Verfasser 
habe  am  Studium  des  Diophant  sich  gebildet.  Bei  diesem  Schrift- 
steller nämlich  ist,  wie  mit  Recht  betont  worden  ist^),  die  erste 
Quelle  jener  Aufgabe  von  den  drei  in  arithmetischer  Progression 
stehenden  Quadratzahlen,  ist  zugleich  eine  Auflösung  mit  Hilfe  ratio- 
naler rechtwinkliger  Dreiecke  zu  finden^). 

Abu  Muhammed  Alchodschandi  aus  der  Stadt  Chodschanda 
in  Chorasan  war  vermuthlich  im  Jahre  992  noch  am  Leben,  da  eine 
astronomische  Beobachtung  eines  Abu  Mahmud  Alchodschandi 
aus  diesem  Jahre  bekannt  ist  und  die  Namen  allzu  nahe  überein- 
stimmen, um  an  zwei  Persönlichkeiten  denken  zu  dürfen'^).  Von  ihm 
rührt  ein  Beweis  des  merkwürdigen  zahlentheoretischen  Satzes  her, 
dass  die  Summe  zweier  Würfelzahlen  nicht  wieder  eine  Würfelzahl 
sein  könne,  dass  x^  -\-  y^  ==  ^^  rational  unlösbar  sei.  Leider  kennen 
wir  den  Beweis  nicht.  Es  wird  uns  nur  gesagt,  dass  derselbe  mangel- 
haft gewesen  sei,  ebenso  wie  Untersuchungen  des  gleichen  Verfassers 
über  rationale  rechtwinklige  Dreiecke. 

Der  Berichterstatter  ist  der  Schaich  Abu  Dscha'far  Muhammed 
ihn  Alhusain,  welcher  nach  dem  Tode  Alchodschandis  —  denn  es 
ist  von  ihm  mit  dem  Zusätze  „Gott  sei  ihm  barmherzig"  die  Rede  — 
seine  eigene  Abhandlung  über  rationale  rechtwinklige  Dreiecke  ver- 
öffentlicht hat^),  in  welcher  er  übrigens  nicht  sehr  weit  über  den 
anonymen  Arithmetiker,  mit  welchem  wir  es  eben  erst  zu  thun  hatten, 
hinausgeht,  in  mancher  Beziehung  sogar  hinter  ihm  zurückbleibt. 
Auch  diese  Abhandlimg  ist  vermuthlich  von  Alsidschzis  Hand  abge- 
schrieben''), doch  müsste,  wenn  die  verschiedenen  Jahreszahlen,  die 
uns  berichtet  sind,  namentlich  die  der  astronomischen  Beobachtung 
Alchodschandis,  welche  doch  seinem  Tode  beziehungsweise  der  Ab- 
fassung der  erst  nach  seinem  Tode  vollendeten  Abhandlung  des  Ibn 


^)  Woepckc  1.  c.  S.  252.  ^)  Diophant  (Tannery)  III,  19,  S.  182  uud 
V,  8,  S.  330.  *)  Woepcke,  Becherches  sur  plusieurs  ouvragcs  de  Leonard  de 
Pise  in  den  Atti  dell'Accadcmia  ponteficia  de  nuovi  Lincci.  1861.  XIV,  301—302. 
*)  Ebenda  pag.  301—324  und  343—350.     ^)  Ebenda  pag.  324. 


Zahlentheoretiker,  Rechner,  geometrische  Algebraiker  v.  950  etwa  bis  1100.       709 

Alhusain    vorangegangeii   sein  müsste,   auf  Richtigkeit  Anspruch  er- 
heben,   ein    weiter  Zwischenraum    von    mehr    ak    20    Jahren    die    in 
einem  Bande  vereinigten  Abschriften   aus    derselben    Feder    trennen, 
deren  eine  972  datirt  ist,   die  andere  erst  später  als  992  entstanden 
sein  könnte.     Wenn  wir  sagten,  dass  Ihn  Alhusain  nicht  selten  hinter 
dem  Anonymus  zurückbleibt,  so  bezieht  sich  dieses  auf  einige  oiFen- 
kundige  Fehler,  die  bemerkt  worden  sind,  wo  er  höchst  wahrschein- 
lich eine  Vorlage,  nach  welcher  er  arbeitete,  nicht  verstanden  hatte  ^). 
Sollte,    fügen    wir   fragend    bei,    diese   Vorlage    die    uns    unbekannte 
Schrift  Alchodschandis  über  rationale  rechtwinklige  Dreiecke  gewesen 
sein,  an  welcher  das  nach  Ibn  Alhusains  Meinung  Mangelhafte  eben 
darin  zu   suchen  wäre,    dass   der  Tadler  es   nicht    richtig    auffasste? 
Sollte  grade  die  Schrift  des  Alchodschandi  nach  Verlust  der  Anfano-s- 
paragrajibe   als    anonymer  Traktat  übrig   geblieben    sein?    Mehr  als 
diese    Fragen    können    wir   nicht    äussern,    doch    scheinen    sie    nicht 
schlechterdings    verneint    werden    zu    können.     Ibn    Alhusain    unter- 
scheidet, wie  der  Anonymus,  primitive  und  abgeleitete  Dreiecke,   be- 
nutzt aber   andere  Wörter,   um   diese  Unterscheidung    auszusprechen. 
Bei  dem  Anonymus  heisst  das  primitive  Dreieck  asl,  bei  Ibn  Alhusain 
awwali;    das    abgeleitete    Dreieck    heisst  dort    far    oder    mafrü',    hier 
täbi'  ^).     Ibn  Alhusain  gibt  ausdrücklich  als  Zweck  der  ganzen  Unter- 
suchung die  Lösung  der  Aufgabe  an:  ein  Quadrat  zu  finden,  welches 
um  die  gegebene  Zahl  vergrössert  oder  verkleinert  wieder  ein  Quadrat 
werde^).     Es  ist  bemerkenswerth,  dass  eine  geometrische  Erläuterung 
der    gegebenen    Auflösung    von    ähnlichen   Grundgedanken    Gebrauch 
macht,  wie  wir  sie  bei  Muhammed   ibn  Müsa  Alchwarizmi   verfolo-en 
konnten,    da   wo    es    um   die   Auflösung    der    unreinen    quadratischen 
Gleichung   mit    einer  Unbekannten  sich    handelte.     Es  ist  weiter  be- 
merkenswerth, dass  Ibn  Alhusain  bei  dieser  Auseinandersetzung  sich 
ausdrücklich    auf   den   7.  Satz  des    IL  Buches    der    euklidischen  Ele- 
mente   bezieht.     Bei    der    den  Arabern  am  Schlüsse   des  X.  S.   ganz 
allgemeinen   Verehrung    des   Werkes   ist   freilich  mit  einer   gelegent- 
lichen Anführung  desselben  nichts  weniger  als  ein  Ursprungszeugniss 
für  dasjenige,  um  dessen  willen  Euklid  beigezogen  ist,  verbimden;  aber 
wenn  wir  die  Beweisführung  selbst  ansehen,   so  kann  die  mehrfach 
benutzte  Figur  des  Guomon  xms  mindestens  zweifelhaft  lassen,  ob  wir 
für    den    Ursprung   nach   Indien,    ob  wir  nach  Griechenland  zurück- 
schauen, ob  wir  an  Abu  1  Wafäs   dem  Augenschein   genügende   Con- 
structionen  denken  sollen,  um  so  mehr  als,  wie  wir  schon  bemerkten. 


1)  Woepckes  Bemerkungen  pag.  307,  317,  323.     ^)  Woepcko,  liecherchcs 
etc.  pag.  320.     ^)  Ebenda  pag.  350  flgg. 


710 


35.  Kapitel. 


H 


C 


IJ 

L 

M 

L 

f 

Fig. 

5 

1( 

n 
)3. 

D 


K 


JL 


ähnliche  Aufgaben  bei  Diophant,  bisher  aber  nicht  in  indischen 
Schriften  aufgefunden  worden  sind  und  Abul  Wafa  (S.  699)  der 
Erläuterung  der  diophantischen  Schriften  seine  beste  Kraft  zugewandt 

zu     haben     scheint.      Die    Katheten 
AB  =  c^   und   BC=c^   eines  ratio- 
nalen   rechtwinkligen    Dreiecks     (Fi- 
gur 103),  dessen  Hypotenuse  h  heissen 
^oll,    werden  aneinander  gesetzt  und 
über    ihrer  Summe,    aber   auch  über 
der    grösseren    Cj    wird    ein    Quadrat 
beschrieben.     Die    beiden    freiliegen- 
den   Seiten    BE,  DE    des    letzteren 
Quadrates    werden    bis    zum    Durch- 
schnitte mit  den  Seiten  des  Quadrates 
über  der  Summe  AC  =  c^  -\-  c.^    ver- 
längert.  Aus  dieser  Construction  geht 
die  Zerfällung  des  grossen  Quadrates  in  folgende  4  Theile  hervor:  AE 
(das  Quadrat  von  cj,  EH  (das  Quadrat  von  c^  und  CE  sowie  ZE  (die 
beiden  Rechtecke   zwischen  c^  und  Cg).     Ist  nun    2c-^^c^  =  Je,    so  folgt 
wegen  q^  -|-  c^^  ==  h^,  dass  (c^  -f-  Cg)^  =  h'^  -{-  h  sei.    Aber  auch  li^  ~  h 
ist  ein  Quadrat.     Schneidet    man   nämlich  von  B   gegen  A  hin  und 
von  D  ebenfalls  gegen  A  hin  Stücke  BT=DK=c^  ab,  so  ist  das 
(Quadrat  AE  zerlegt  in   das  Quadrat  KT  und   die   beiden  Rechtecke 
DM,    BL,    von    welchen    das    Quadrat    LM    abzuziehen    ist.      Mit 
anderen  Worten,  es  zeigt  sich 

AE-\-  LM 
oder 

oder 

(q  -  c,)^  ==  (c,^  +  €,')  -  2c,c,  ^¥-h 

und  mau  findet  also  Zahlen,  welche  die  verlangte  Eigenschaft  be- 
sitzen in  den  Quadraten  der  Summe  der  beiden  Katheten,  der  Hypo- 
tenuse und  der  Differenz  der  beiden  Katheten  eines  rechtwinkligen 
Dreiecks,  während  das  doppelte  Produkt  der  beiden  Katheten  die 
Zahl  ist,  um  welche  das  erstere  Quadrat  grösser,  das  letztere  kleiner 
als  das  mittlere  ist.  Entsprechend  heiset  es  bei  Diophant:  „In  jedem 
rechtwinkligen  Dreieck  bleibt  aber  das  Quadrat  der  Hypotenuse  auch 
dann  noch  ein  Quadrat,  wenn  man  das  doppelte  Produkt  der  Katheten 
davon  abzieht  oder  dazu'addirt"').  Nun  gibt  es  Methoden  aus  zwei 
beliebigen  Zahlen  a  und  h  ein  rationales  rechtwinkliges  Dreieck  ent- 


2BL  =  KT 

i'  +  Ca'  ~2cyC,  =  (ci  —c^f 


')  Diophant  (Taniiery)   pag.   182,    (Wertheim)   S.  HO  und    fast   gleich- 
lautend (^Tannery)  pag.  326,  (Wertheim)  S.  203. 


I 


Zahlentlieoretiker,  Reebner,  geometrische  Algebraiker  v.  950  etwa  bis  1100.      711 

stehen  zu  lasseu,  und  solche  Methoden  werden  in  der  anonymen  Ab- 
handlung, werden  von  Ihn  Alhusain  gelehrt;  z.  B. 

a  -]-  b  ab  ,  a'^  -\-  b' 

Setzt  man  diese  Werthe  ein,  so  wird  h  =  2c.c.,  ^^  ^'^         -,       und 

'  ^  -  a  —  b 

(a+b    .       ab   \a  ^  r«!±J^?    I    («  +  b)ab 
\     2       ±  a  —  b)    ~  L2(a  —  b)J    ~      a  —  b 

oder  indem  alle  Seiten  mit  2(a  —  h)  vervielfacht  werden 

c^=a^  —  ¥,     c,  =  2ah,     h  =  «-'  +  6^ 

und  die  beiden  ganzzahligen  Endgleichungen 

(,,2  _  z>2  _|_  2ai>y  =  (a'  +  b'Y  +  4«6(a2  _  6-) 
nebst 

(rr'  —  6^  _  2«^,)2  _  (^,^2  _j_  /y.)2  _  4,<^(^2  _  ^ti^j_      . 

Beide  Abhandlungen  stimmen  noch  in  einer  weiteren  Beziehung  über- 
ein. Sie  enthalten  Zahlentabellen,  gebildet  in  Folge  von  Versuchen 
—  freilich  von  auf  eine  theoretische  Betrachtung  gestützten  Ver- 
suchen —  welche  der  zunächst  in  Behandlung  tretenden  Aufgabe 
rationale  rechtwinklige  Dreiecke  zu  finden  genügen.  In  keinem  der 
bisherigen  Abschnitte  dieses  Bandes  haben  wir  das  Vorhandensein 
genau  solcher  Tabellen  erwähnen  können,  wenn  wir  auch  auf  manche 
eine  Vergleichung  gestattende  Dinge  stiessen.  Vergleichen  lässt  sich 
schon  die  altägyptische  Zerlegungstabelle  der  Brüche  mit  ungradem 
Nenner  und  dem  Zähler  2  als  Summe  von  Stammbrüchen;  vergleichen 
lassen  sich  die  Tabellen  der  Quadrat-  und  Kubikzahlen  in  Seukereh, 
vergleichen  die  Eimnaleiustafel  bei  Nikomachus,  die  kleine  Liste 
der  Diametralzahlen  bei  Theon  von  Smyrna;  und  auch  bei  den  Indern 
fehlt  es  nicht  an  nächstverwandten  Vergleich ungsstücken,  denn  die 
den  ^ulvasütras  entlehnten  Beispiele  rechtwinkliger  Dreiecke  (S.  598) 
sind  vielleicht  ein  Auszug  aus  einer  solchen  Tabelle,  von  deren  Vor- 
handensein wir  sonst  nichts  wissen.  Das  sind  Anhaltspunkte,  welche 
man,  wenn  es  einst  gelingen  soll  auf  Grundlage  reichhaltiger  Quellen- 
kunde die  Frage  nach  dem  ersten  Ursprünge  dieser  arabischen  Unter- 
suchungen zur  Entscheidung  zu  bringen,  nicht  wird  übersehen  dürfen. 
Endlich  gehört  ebendahin  das,  was  wir  eine  Art  von  Kenntniss  qua- 
dratischer Reste  genaimt  haben,  und  was  uns  (S.  591)  bei  Indern 
schon  bekannt  geworden  ist,  was  von  einem  Araber  ausdrücklich  als 
indisch  benannt  worden  ist. 

Wir  meinen  den  berühmten  Arzt  und  Naturforscher  Ibn  Sinä, 
gewöhnlicher  in  abendländischer  Umformung  Avicenna  genannt. 
Wir  haben  (S.  687)  über  die  Erziehung  dieses  merkwürdigen  Mannes 


712  ^^-  Kapitel. 

«•esproclieii  und  über  den  Kecheuunterriclit,  welchen  er  zwischen  990 
und    995    von    einem    Gemüseliändler    erhielt.     Unter    den   zahllosen 
händereichen  Schriften,  welche  Avicenna  trotz  seines  häufig  wechseln- 
den Aufenthaltes,  trotz  der  Staatsgeschäfte,  welche  er  als  Wezir  des 
Emirs  Schams  ed  Daula   zu  Hamadän  auszuüben  hatte,  trotz  seiner 
grossartigen    ärztlichen    Thätigkeit    verfasst    hat,    befindet    sich    eine 
handschriftlich  in  Leiden  aufbewahrte  spekulative  Arithmetik^),  d.  h. 
also    nach    unserer    früheren    Erläuterung    dieses   Wortes    eine    Art 
Zahlentheorie  nach  griechischem  Muster.     Zwei  Stellen  derselben  sind 
allein  in  Uebersetzung  veröfi'entlicht,  beide  dem  III.  Buche  angehörend. 
„Will    man    nach    der    indischen    Methode",    besagt    die    eine    Stelle, 
„Quadratzahlen  auf  ihre  Richtigkeit  untersuchen,  so  ist  unvermeidlich 
1,  4,  7  oder    9.     Dem    1    entspricht  1    oder  8;    dem    4    entspricht  2 
oder  7;   dem  7  entspricht  4  oder  5;    dem  9  entspricht  3,  6  oder  9." 
Die    andere  Stelle    fügt    dann    hinzu:    „Eine  Eigenschaft  der   Kubik- 
zahlen   besteht    darin,    dass    ihre    Untersuchung    nach    der    indischen 
Rechenkunst,    ich  meine  die  Probe,    von  welcher    diese  Rechenkunst 
Gebrauch  macht,  immer  1,  8  oder  9  ist.     Ist  sie  1,  so  sind  die  Ein- 
heiten der  zum  Kubus  erhobenen  Zahl  1,  4  oder  7;  ist  sie  8,  so  sind 
sie  8,  2  oder  5;  ist  sie  9,  so  sind  sie  3,  6  oder  9."     Beide  an  sich 
nicht  ganz  leicht  verständliche  Stellen  sind   gewiss   richtig   dahin  er- 
klärt worden,    es  handle   sich   in  ihnen  um  die    Neunerprobe    bei 
Potenzerhebungen,   und  man  hat  sie  dementsprechend  verwerthet, 
um   in  Uebereinstimmung    mit    der  Aussage    des    Maximus    Planudes 
(S.  571)  aber  ohne    unmittelbare  Bestätigung  durch    einen  der  indi- 
schen Schriftsteller,   welche   uns   bekannt  sind,   eben  diese  Probe  als 
indisch  zu  erweisen.     Man  kann  auch  auf  eben  diese  Stellen  sich  be- 
ziehen, um  die  Kenntniss  quadratischer  und  kubischer  Reste  bei  den 
Indern  zu  bestätigen.     Offenbar  sagt  nämlich  Avicenna  zuerst  nichts 
anderes,  als  was  wir  in  modernen  Zeichen 

(Qn  ±  ly  =  1,     (9w  +  2y  =  4, 

(9w  +  Sy  =  (9n  -\-  9y  =  9,     (9n  +  4)^  =  7 

immer    für    den    Modulus  9    schreiben   würden;    und   in    der    zweiten 

Stelle  sind  nach  den   gleichen  Modulus  9  die  Congruenzen   enthalten 

(9w  -f  ly  =  (9n  +  4)^  EEE  (9n  +  7)=^  =  1, 
(9n  4-  Sy  =  (9w  +  2)3  =  (9n  +  6y  =  8, 
(9w  +  3)'^  EEE  (9w  +  6)3  =  (9n  +  9)^  =  9. 

Zurückverweisung  nach  Indien  wird  uns  auch  ])ei  Albirüui  ge- 
wiss   nicht   in  Erstaunen    setzen,    der    ein  Zeitgenosse    des  Avicenna 

')  Wocpcke  im  Journal  Asiatique  für  1863,  I.  Halbjahr  pag.  501—504. 


Zahlentheoretiker,  Rechner,  geometrische  Algebraiker  v.  950  etwa  bis  1100.      713 

lange  Reisen  in  Indien,  wie  wir  wissen  (S.  668),  gemaclit  hat. 
Albiruni  nimmt  gegen  die  bisher  besprochenen  Persönlichkeiten  ins- 
gesammt  eine  Ausnahmestellung  ein.  Er  gehörte  nämlich  nicht  zu 
den  gelehrten  Hofkreisen  von  Bagdad,  sondern  ruhte  in  Gazna  von 
seinen  Reisen,  am  Hofe  des  kunstsinnigen  Fürsten  Mahmud  des 
Gaznawiden,  der  an  Machtfülle  wie  an  Fürsorge  für  die  Wissenschaften 
mit  den  Herrschern  von  Bagdad  wetteiferte.  Albiruni  hat  in  seiner 
Chronologie  ganz  gelegentlich  die  Summe  der  geometrischen  Schach- 
felderprogression, die  mit  1  beginnend  auf  jedem  folgenden  Felde 
Verdopplung  vorschreibt,  angegeben  ^)  als  Beispiel,  wie  man  eine  und 
dieselbe  Zahl,  um  jeden  Irrthum  unmöglich  zu  machen,  in  drei  ver- 
schiedenen Arten  niederschreiben  könne:  mit  indischen  Ziffern,  um- 
gerechnet in  das  Sexagesimalsystem  und  durch  die  hurüf  aldschum- 
mal  oder  (S.  667)  Buchstaben  mit  Zahlenwerth.  Jene  Zahl  sei 
(((162)2)2)2  _  1  und  betrage  18  446  744  073  709  551  -619.  Man 
finde  sie  nach  folgenden  beiden  Regeln.  Erstens:  Das  Quadrat  der 
Zahl  eines  von  den  64  Feldern  ist  gleich  der  Zahl  des  Feldes, 
welches  von  dem  vorgenannten  eben  so  weit  entfernt  ist  als  jenes 
von  •  dem  ersten.  Ist  also  16  die  Zahl  des  5.  Feldes,  so  muss 
16^  =  256  die  Zahl  des  9.  Feldes  sein  wegen  9  —  5  =  5  —  1 . 
Zweitens:  Die  um  1  verringerte  Zahl  eines  Feldes  ist  die  Summe 
der  Zahlen  der  vorhergehenden  Felder.  Wenn  32  die  Zahl  des 
6.  Feldes  ist,  so  muss  31  die  Summe  der  Zahlen  der  5  früheren 
Felder  sein,  oder  31  =  l-|-2  +  4-|-8  +  16.  In  einem  anderen 
Werke,  dem  Buche  der  Ziffern,  kommt  Albiruni  auf  den  gleichen 
Gegenstand  zu  reden  und  lehrt  die  Berechnung  nach  einem  Kunst- 
griffe, der  sich  an  die  obigen  beiden  Regeln  anschliesst,  welche  auf 
den  Fall  des  ganzen  Schachbrettes  angewandt  nichts  anderes  besagen 
als  man  solle  die  Zahl  eines  gedachten  65.  Feldes  berechnen  und 
von  ihr  1  abziehen.  Wenn  Glieder  einer  geometrischen  Reihe  a,  ae, 
ae^,  .  .  .  ae"  vorliegen,  so  kann  die  Gliederzahl  grad  oder  ungrad 
sein,  je  nachdem  n  ungrad  oder  grad  ist.  Im  ersteren  Falle  ist  das 
Produkt  der  äussersten  Glieder  a  X  ae'"*  +  ^  gleich  dem  Produkte 
zweier  mittleren  Glieder  ae'"  X  ne"'  +  ^',  im  zweiten  Falle  ist  jenes 
Produkt  der  äussersten  Glieder  «  X  ae^»»  gleich  dem  Produkte  eines 
Mittelgliedes  in  sich  selbst  (ae"')^.  Nennen  wir  nun  die  Zahlen, 
welche  jedem  Schachbrettfelde  entsprechen,  durch  die  das  Feld  be- 
zeichnende in  römischen  Ziffern  dargestellte  Zahl,  so  liefern  uns  die 
Felderzahlen  I,  II,  III,  .  .  .  LXV  eine  Reihe  von  ungrader  Gliederzahl 


')  Ed.  Sachau,   Algebraisches  über  das  Schach  bei  Biruni.     Zeitschr.  der 
deutsch,  morgenl.  Gesllsch.  (187G)  XXIX,  148—156. 


714  35.  Kapitel. 

und  demgemäss  I  X  LXV  =  (XXXIII)'.  Aber  die  Zahl  I  ist  1,  ver- 
vielfaclit  also  nicht,  und  somit  ist  LXV  =  (XXXIII)^  und  XXXIII 
heisst  das  erste  Mittel.  Ebenso  findet  man  XXXIII  =  (XVII)-  und 
XVII  heisst  das  zweite  Mittel.  Ferner  ist  XVII  =  (IX)^,  IX  =  (V)^ 
und  IX  und  V  heissen  drittes  und  viertes  Mittel.  Auch  ein  fünftes 
Mittel  III,  ein  sechstes  II  wird  durch  V  =  (III)'^,  III  =  (11)'^  gefunden 
und  nun  gerechnet.  Das  sechste  Mittel  II  ist  2,  das  fünfte  III  ist 
22=  4;  das  vierte  V  wird  4^=  16,  das  dritte  IX  demnach  162  =  256; 
weiter  wird  das  zweite  Mittel  XVII  nothwendig  256^  =  65  536  und 
XXXIII  oder  das  erste  Mittel  65  536^  =  4  294967  296.  Diese  Zahl 
endlich  quadrirt  gibt  LXV  wovon  1  abgezogen  die  früher  erwähnte 
Summe  liefert.  Ohne  diesem  Kunstgriff  jeden  Werth  absprechen  zu 
wollen,  sind  wir  doch  nicht  im  Staude  Folgerungen  daraus  zu  ziehen, 
denn  eine  genaue  Bekanntschaft  mit  den  Gesetzen  der  geometrischen 
Reihe  wird  niemand  den  Griechen  so  wenig  wie  den  Indern  ab- 
sprechen können').  Ob  das  Buch  der  Ziffern,  in  welchem  Albiruni 
den  Kunstgriff  gelehrt  hat,  jenes  Lehrbuch  der  Rechenkunst  ist, 
welches  wir  als  von  ihm  verfasst  gelegentlich  (S.  672)  erwähnten, 
können  wir  nur  vermuthungsweise  aussprechen. 

Auch  in  der  Geometrie  war  Albiruni  thätig  und  zwar  auf  dem 
Gebiete,  welches,  wie  wir  an  mehreren  Beispielen  schon  gesehen 
haben,  die  Araber  um  das  Jahr  1000  so  vielfach  beschäftigt  hat, 
auf  dem  ebensowohl  algebraisch  als  geometrisch  zu  nennenden  Ge- 
biete der  Auflösung  solcher  Aufgaben,  für  welche  der  Kreis  und  die 
Gerade  nicht  ausreichen,  mit  Hilfe  von  Kegelschnitten.  Ob  freilich 
Albiruni  die  Auflösungen  der  durch  ihn  gestellten  Aufgaben  selbst 
kannte,  ist  uns  unmittelbar  nicht  berichtet-,  die  Thatsache  der  Auf- 
gabenstellung aber,  eine  Sitte,  Avelche  jedem  Leser  des  Archimed, 
der  sie  auch  ausübte,  wohl  bekannt  sein  musste,  lässt  darauf 
schliessen.  Albirimis  Aufgaben  haben  die  Dreitheilung  des  Winkels 
zum  Gegenstande-). 

Abü'l  Dschüd,  mit  seinem  ganzen  Namen  Abü'l  Dschüd 
Muhammed  ibn  Allait  Alschanni,  ein  tüchtiger  Geometer  aus  der- 
selben Zeit,  hat  sich  erfolgreich  mit  der  Auflösung  der  Albirünischen 
Aufgaben  beschäftigt.  Durch  den  Durchschnitt  einer  Parabel  mit 
einer  gleichseitigen  Hyperbel  hat  er  die  Aufgabe  geli'jst'')  von  einem 
Punkte  A  ausserhalb  einer  Strecke  BC  eine  Verbindungslinie  AD 
nach    einem    derartigen    Punkte    D   dieser    Strecke    zu    ziehen,    dass 


')  S.  Günther,  Zeitsclir.  Math.  Phys.  XXI.  Historisch-literar.  Abtheilung 
S.  57  —  61  findet  in  der  Analogie  zwischen  Albiriinis  Kunstgrift'  und  dem  Ver- 
fahren in  Archimeds  Sandrechnung  eine  bedeutsame  Hinweisung.  ^)  L'algchre 
cVOmar  Alkhayami  pag.  114  und  119.     ')  Ebenda  pag.  114 — 115. 


Zahlentheoretiker,  Rechner,  geometrische  Algebraiker  v.  950  etwa  bis  1100.      715 

ABx  ßC  -^  BU'  =  JBC~  werde.     Ein    anderes    Mal    löste    er    die 
Aufgabe^),  an  welcher  Alkübi  (S.  705)  sich  vergebens  versucht  hatte, 

nnd    welche     als     Gleichung     geschrieben     x^  -\-  13-rr  -f-  5  =  lOx'^ 

heisst.  Wieder  eine  andere  Leistung  Abu  1  Dschiids  bezieht  sich  auf 
die  Einzeichnung  des  regelmässigen 
Neunecks  in  einen  Kreis '^).  Albi- 
rüni  hatte  im  7.  Satze  des  7.  Ka- 
pitels des  IV.  Buches  seiner  Geo- 
metrie, wie  uns  berichtet  wird,  den 
Satz  ausgesprochen,  die  Construction  . 
des  Neunecks  beruhe  auf  einer  Glei- 
chung zwischen  einer  Unbekannten 
einerseits  und  deren  Würfel  und 
einer  Zahl  andrerseits  und  hatte  den 
Nachweis  dieses  Satzes  verlangt. 
Abü'l  Dschüd  lieferte  denselben  wie 
folgt.     Es  sei  (Figur  104)  AB  die 

"  .  l^ig-   104. 

gesuchte     Neunecksseite     und     das 

Dreieck  gleichschenklig  über  ihr  mit  der  Spitze  auf  dem  Kreisumfang 

beschrieben.     Dann   sei    AB  =  AD  =  DE  =  EZ    aufsetragen   und 

AT±BC,  ZK±AC  gezogen.     Der   Winkel   bei  C  ist  ^'  =  20", 

18 

die  Winkel  bei  B  und  A  je  =  80".     Daraus  folgt 

^  DAE  =  80°  -  20«  =  60«, 
-^DEA  ebenso   gross,    also  auch   -^  ADE  =  QO^    und  das  Dreieck 
ADE  ist   gleichseitig.     In   dem  ferneren    gleichschenkligen  Dreiecke 
DEZ  ist  ^  EDZ  =  180«  -  60«  —  80«  =  40«,  ^  EZD  ebenso  gross 
und  «^  DEZ  =  180«  —  2  •  40«  =  100«.     Folghch 

^ZEG=  180«  —  100«  -  60«  =  20«  =  <^  ZGE, 
und  somit  auch  Dreieck  CZE  gleichschenklig,  d.  h. 

CZ=  ZE  =  ED  =  DA  =  AB  =  AE. 
Aus  der  Aehnlickeit  der  Dreiecke  CZK  und  CAT  folgt 

CZ:CK=  CA  :CT, 
daraus    CZ  :  2CK  =  CA  :  2CT   oder    AB  :  CE  =  CA  :  {CD  +  OB) 
und  auch  AB  :  {AB -\-  CE)  =  CA  :  {CA  -\- CD -j-  CB)  oder 

AB:AG=AC'.  {CD  ^2AC). 
Nun  setzt  Abü'l  Dschüd  AC  =  BC  als  Einheit,  AB  als  ünbekaimte, 
wofür  wir  x  schreiben,    und   somit  folgt   aus  dem  letztgeschriebenen 


^)  L'algäbre  d'Omar  Älkhayami  pag.  54—57.     ^)  Ebenda  pag.  1-25—126. 


716  35.  Kapitel, 

Verhältnisse  1  =  x{2  -\-  CD).  Aus  der  Aelinlichlveit  der  Dreiecke 
ABC  und  BDA  Aveiss  man  aber  ferner  AG:  AB  =^  AB  :  BD  oder 
BD  =  x\  . Folglich  ist  CD  =  BC~  BD=1  -  x\  und  die  Glei- 
chung, aus  welcher  x  zu  ermitteln  bleibt,  nimmt  die  Gestalt 

1  =  x(ß  —  X-) 

beziehungsweise  schliesslich  x^  -{-  1  =  dx  an,  wie  Albiruui  behauptet 
hatte.  Diese  Gewandtheit  eine  geometrische  Aufgabe  in  eine  Glei- 
chung umzusetzen  verleiht  endlich  einer  Angabe  volle  Glaubwürdig- 
keit, es  habe  Abu'l  Dschüd  „eine  besondere  Abhandlung  über  die 
Aufzählung  von  Gleichungsformen  verfasst  und  über  die  Art 
und  Weise  die  meisten  derselben  auf  Kegelschnitte  zurückzuführen, 
freilich  ohne  vollständige  Erörterung  ihrer  Fälle  und  ohne  Scheidung 
der  möglichen  Aufgaben  von  den  unmöglichen,  sondern  nur  so,  dass 
er  die  Entwicklungen  gab,  zu  welchen  er  durch  Betrachtung  be- 
sonderer zu  jenen  Formen  gehörender  Aufgaben  geführt  wurde"  ^). 

Wir  werden  sehen,  wie  es  einem  Nachfolger  Abü'l  Dschüds  um 
1080  gelang  das  Kajiitel  einer  geometrischen  Algebra  zum  Abschlüsse 
zu  bringen,  müssen  aber  vorher  wieder  zum  Beginne  des  XL  S.  zu- 
rückkehren, um  zweier  Schriftsteller  zu  gedenken,  welche  dem 
rechnenden  und  dem  rein  algebraischen  Theile  der  Mathematik  vor- 
zugsweise ihre  Aufmerksamkeit  zuwandten,  Alnasawi  und  Alkarchi. 

Abü'l  Hasan  Ali  ihn  Ahmed  Alnasawi  war  aus  Nasa  in  der 
Landschaft  Chorasan.  Wir  sind  in  die  Lage  versetzt  seine  Lebens- 
zeit ziemlich  genau  angeben  zu  können,  indem  wir  wissen^),  dass 
er  für  die  Finanzbeamten  des  Bujiden  Madschd  Addaulah,  welcher 
997 — 1029  regierte,  ein  Rechenbuch  in  persischer  Sprache  heraus- 
gab, und  dass  er  auf  Wunsch  von  dessen  Nachfolger,  also  wohl  kurz 
nach  1030,  eine  zweite  neue  Bearbeitung  in  arabischer  Sprache  voll- 
endete, welche  letztere  er  muthmasslich  aus  dem  Grunde,  weil  er 
den  Fürsten  damit  zufrieden  stellen  wollte,  den  befriedigenden 
Traktat  nannte.  Wir  erinnern  uns,  dass  um  820  das  erste  arabische 
Lehrbuch  der  Rechenkunst,  von  welchem  wir  Kenntniss  haben,  durch 
Muhammed  ihn  Musä  Alchwarizmi  verfasst  worden  ist,  dass  dasselbe 
sich  ungemein  folgewichtig  erwies.  Andere  Schriften  ähnlicher  Natur 
werden  uns  da  und  dort  genannt,  zum  Theil  auch  in  Alnasawi« 
Vorrede. 

Alkindi''^),    der    philosophischste    Kopf   seiner    Zeit,    gleich    be- 


^)   L'algcbrc   d'Oinur   Alkhayami   pag.    82.  -)    Woepckc    im    Journal 

Asiatiquc  für  1863,  I.  Halbjahr,  pag.  492.  ^)  Wüstenfeld,  Arabische  Aerzte 
und  Naturforscher  S.  21—22,  Nr.  57,  und  Flügel  in  den  Abhandlungen  für  die 
Kunde  des  Morgenlandes  Bd.  I,  Abhandlung  2.    Leipzig,  1859. 


Zahlentheoretiker,  Rechner,  geometrische  Algebraiker  v.  950  etwa  bis  1100.     717 

rühmt  als  Mediziner  wie  als  Astronom  und  Mathematiker,  ein  Günst- 
ling der  Chalifen  Almamün  und  Almlitasim,  der  bis  in  das  letzte 
Viertel  des  IX.  S.  gelebt  haben  muss,  weil  er  eine  Uebersetzung  des 
Kusta  ihn  Lüka  aus  dem  Griechischen  des  Hypsikles  zu  verbessern 
den  Auftrag  hatte,  hat,  wie  Alnasawi  uns  erzählt,  ein  Rechenbuch 
verfasst,  welches  diesem  jedoch  einen  confusen  und  übermässig  breiten 
Eindruck  machte.  Dasselbe  Urtheil  fällt  er  über  ein  Rechenbuch 
Alantäkis,  des  Antiochiers,  welcher  987  gestorben  ist.  Alkal. 
wadäni  am  Ende  des  X.  S.  wird  als  zu  schwierig  bezeichnet;  er  gebe 
Regeln,  welche  nur  für  solche  Personen  nothwendig  seien,  welche 
mit  den  feinsten  Aufgaben  sich  beschäftigen,  und  aus  der  gleichen 
Zeit  nennt  Ahiasawi  noch  verschiedene  andere  Verfasser  von  Lehr- 
büchern der  Rechenkunst,  einen  Abu  Hanifa,  einen  Küschjär, 
welchen  er  bei  allem  Lobe  doch  diesen  oder  jenen  kleinen  Tadel 
nicht  erspart.  Die  Schriften  dieser  Vorgänger  sind,  wenn  überhaupt 
noch  vorhanden,  jedenfalls  nicht  in  Uebersetzungen  veröffentlicht, 
und  nur  den  befriedigenden  Traktat  Alnasawis  kennen  wir  aus  einem 
kurzen  Auszuge,  der  kaum  mehr  als  Ueberschriften  der  einzelnen 
Kapitel  enthält '). 

Wir  entnehmen  ihm,  dass  Verdoppelung  und  Halbirung  als  be- 
sondere Rechnungsarten  gelehrt  wurden.  Wir  entnehmen  ihm  die 
Multiplikation  und  Divison  „nach  indischer  Weise",  wormiter  die 
Methoden  verstanden  sind,  die  wir  auch  durch  Maximus  Planudes  als 
indische  kennen.  Der  Multiplikator,  beziehungsweise  der  Divisor 
rückt  unter  dem  Multiplikandus  oder  dem  Dividendus  weg  von  der 
Linken  zur  Rechten.  Beide  Operationen  beginnen  dort,  d.  h.  an  der 
höchsten  Stelle,  die  Theilprodukte  werden  nach  und  nach  addirt  oder 
subtrahirt  und  die  nöthigeu  Verbesserungen  und  Veränderungen  ent- 
sprechend angebracht,  beim  wirklichen  Rechnen  vermuthlich  so,  dass 
man  die  unrichtige  Zahl  wegwischte  und  die  richtige  dafür  hinschrieb,- 
in  den  Beispielen  des  Lehrbuches  so,  dass  die  richtigen  Zahlen  über 
die  unrichtigen  gesetzt  sind,  welche  dadurch  selbst  für  vernichtet 
gelten.  Die  Zahlzeichen  sind  die  ostarabischen.  Auf  diese,  sagt 
Alnasawi,  hätten  die  meisten  Personen,  welche  mit  der  Rechenkunst 
sich  beschäftigten,  sich  geeinigt,  doch  sei  volle  Uebereinstimmung 
nicht  vorhanden.  Mit  Bruchtheilen  verbundene  Zahlen  werden  in 
drei  Zeilen  unter  einander  geschrieben;  in  der  obersten  Zeile  stehen 
die  Ganzen,  in  der  zweiten  der  Zähler,  in  der  dritten  der  Nenner 
des  Bruches;  sind  keine  Ganzen  vorhanden,  so  wird,  um  Miss  Ver- 
ständnissen   vorzubeugen,    eine    Null    in    die    oberste    Zeile    gesetzt. 


^)  Woepcke  im  Journal  Asiatique  für  1863,  I.  Halbjahr,  pag.  496—500. 


718 

35:  Kapitel. 

So  heisst  also 

0 

1^ 

1 

0 

1  = 

II 

1         «"                1 

lö                         y 

~^'  ==  15 — 
11             19 

Die  Recliiiuiigsaufgaben  erstrecken  sich  in  den  drei  ersten  Büchern 
bis  zur  Ausziehung  der  Kubikwurzeln  aus  mit  Brüchen  vereinigten 
ganzen  Zahlen.  Das  vierte  Buch  ist  dem  Rechnen  im  Sexa- 
gesimalsysteme  gewidmet.  Von  complementären  Rechnungsverfahren 
keine  Spur! 

Abu  Bekr  Muhammed  ihn  Alhusain  Alkarchi  ist  ein  Schrift- 
steller ganz  anderen  Charakters,  Von  ihm  besitzt  man  zwei  Schriften^ 
welche  einander  fortsetzen,  nämlich  als  ersten  Theil  ein  Rechenbuch: 
Al-Käfi  fil  hisäb,  Das  Genügende  über  das  Rechnen,  und  als  zweiten 
Theil  eine  Algebra:  Al-Fachri^).  Der  Name  dieses  zweiten  Theils 
ist  muthmasslich  dem  einer  Persönlichkeit  nachgebildet,  zu  welcher 
Alkarchi  in  naher  Beziehung  gestanden  zu  haben  scheint.  Abu 
Gälib  war  es,  welcher  den  Beinamen  Fachr  al  mulk,  Ruhm  des  Reiches, 
führte  und  welcher  Wezir  der  Wezire  gewesen  sein  muss  zur  Zeit 
als  die  beiden  Schriften  verfasst  wurden,  die  zweite  nach  ihm  den 
Titel  Al-Fachri  erhielt.  Dadurch  ist  aber  die  Zeit,  in  welcher  Al- 
karchi schrieb,  ganz  genau  bestimmt.  Abu  Galib  nahm  als  Statt- 
halter von  Bagdad,  wo  Alkarchi  lebte,  die  höchste  Rangstufe  seit 
1010  oder  1011  ein.  Ebenderselbe  wurde,  ein  Beispiel  orientalischen 
Schicksalswechsels,  1015  oder  lOlG  auf  Befehl  des  Sultans  hin- 
gerichtet. So  bleiben  nur  die  fünf  dazwischenliegenden  Jahre,  in 
welchen  Alkarchi  ihm  Schriften  als  Wezir  der  Wezire  zugeeignet 
haben  kann.  Das  hervorragend  Wichtige  an  den  Werken  Alkarchis 
besteht  darin,  dass  er  theils  eingestandenermassen,  theils  mittelbar 
aus  dem  Inhalte  zu  erschliessen  der  Hauptsache  nach  auch  in  der 
Rechenkunst  nicht  aus  indischen,  sondern  aus  griechischen  Quellen 
geschöpft  hat,  so  einen  Gegensatz  bildend  gegen  die  Alnasawi  u.  s.  w., 
welche  indische  Rechenkunst  lehrten  und  lehren  wollten.  Wir  müssen 
um  so  mehr  hier  einen  bewussten  Gegensatz  zweier  Schulen, 
nicht  bloss  ein  Abweichen  des  vereinzelten  Alkarchi  von  der  allge- 
meinen Gewohnheit  erkennen,  als,  wie  wir  uns  erinnern  (S.  699), 
Abü'l  Wafä  in  der  zweiten  Hälfte  des  X.  S.  ein  Rechenbuch  ver- 
fasst hat,  in  welchem  die  indischen  Ziffern  keine  Anwendung  fanden 
und  Alkarchi   selbst  sich  Schüler   des  uns  im  üebrigen  unbekannten 

')  Der   Kät'i    fil    hisab    des    Alkai'chi    ist    deutsch    von    Ad.    Hochlieinr 
(Halle,    1878  —  80)    herausgegeben,    der   Fachri    auszugsweise    französisch    von 
VVoepckc  (Paris,  1853).     Unsere  biographischen  Notizen  gründen  sich  vorzugs- 
weise auf  Hochheims  einleitende  Notizen  zum  I.  Heft  des  Käfi  fil  hisab. 


Zahlentheoretiker,  Rechner,  algebraische  Algebraiker  v.  950  etwa  bis  1100.      719 

Albusti  nennt  ^).  Freilicli  ist  die  von  uns  ausgesprochene  Behaup- 
tung selbst  nicht  in  aller  Schärfe,  sondern  nur  in  der  Beschränkung 
anzunehmen,  welche  wir  ihr  gegeben  haben.  Abü'l  Wafä,  den  wir 
zur  griechischen  Richtung  beizuzählen  die  mannigfachsten  Gründe 
haben,  war,  wie  wir  annahmen,  in  seiner  Anschauungsgeometrie  durch 
und  durch  indisch.  Muhammed  ibn  Müsä  Alchwarizmi  rechnete  nach 
indischen  Vorschriften,  und  in  seinem  Lehrbuche  der  Rechenkunst 
vernahmen  wir  griechische  Anklänge  (S.  673).  Vollständig  den 
gegenseitigen  Einfluss  auszuschliessen,  gelang  es  weder  der  einen 
noch  der  anderen  Schule,  wenn  sie  es  überhaupt  beabsichtigte.  So 
wird  uns  trotz  der  vorwiegend  griechischen  Schulung  Alkarchis 
Indisches  in  seinen  Schriften  nicht  in  Erstaunen  setzen  dürfen,  vor- 
ausgesetzt, dass  es  in  homöopathisch  kleinen  Mengen  auftritt,  und 
diese  Voraussetzung  trifft  ein.  Indisch  müssen  wir  wohl  jedenfalls 
die  Neunerprobe  nennen^),  indisch  das  was  von  quadratischen  Resten, 
wir  meinen  von  den  Endziffern,  welche  eine  Quadratzahl  besitzen 
kann,  gesagt  ist''),  indisch  ist  uns  die  Lehre  von  der  Regeldetri^). 
Aber  damit  schliesst  die  Summe  nachweisbaren  indischen  Einflusses 
ab,  wenn  wir  nicht  etwa  den  Ursprung  von  MultipHkationsmethoden''), 
welche  auf  Zerlegung  eines  Faktors  in  ünterfaktoren  oder  auf  Be- 
trachtung derselben  als  Summe  oder  Differenz  von  Zahlen,  welche 
eine  leichte  Multiplikation  zulassen,  hinauslaufen  und  welche  aller- 
dings bei  den  indischen  Schriftstellern  uns  ebenso  begegneten,  aber 
einem  Griechen  nicht  minder  einfallen  konnten,  ausschliesslich  nach 
Indien  verlegen  wollen.  So  bedeutsam  diese  Dinge  sind,  so  stellen 
sie  doch  nur  einen  geringfügigen  Theil  des  Inhaltes  des  Kafi  fil 
hisäb  uns  dar,  geringfügig  namentlich  gegen  das,  was  mit  grösster 
Zuversicht  auf  griechische  Quellen  zurückgeführt  werden  muss.  Da 
finden  wir  Multiplikationsmethoden,  welche  an  die  des  Apollouius, 
des  Archimed,  wie  sie  von  Pappus,  von  Eutokius  uns  berichtet 
werden,  welche  an  die  des  Heron  vielfach  erinnern").  Da  finden 
wir  die  Definition  der  Multiplikation  selbst  fast  wörtlich  wie  bei 
Euklid'').  Da  finden  wir  wieder  genau  nach  Euklid  die  Aufsuchung 
des  grössten  gemeinschaftlichen  Divisors'^),  genau  nach  ihm  eine  aus- 
führliche Proportionenlehre  ^),  welche  gewissermassen  als  theoretische 
Grundlage  der  nachher  vom  Standpunkte  praktischen  Geschäftsbe- 
dürfuisses  erörterten  Regeldetri  vorausgeschickt  ist.  Da  finden  wir 
Stammbrüche  und  Brüche  von  Brüchen,  wie  sie  bei  Heron  nicht  zu 


1)  Kafi  fil  hisäb  Heft  I,  S.  4.  ^)  Ebenda  1,  8.  =*)  Ebenda  IT,  13. 
*)  Ebenda  JI,  16.  •')  Ebenda  I,  6  flgg.  s)  Ebenda  I,  5,  6;  II,  7.  ')  Ebenda 
I,  4.     «)  Ebenda  I,  10—11.     '■')  Ebenda  II,  15-16. 


720  35-  Kapitel. 

den  Seltenlieiteu  gehören*),  und  wobei,  beiläufig  bemerkt,  zwischen 
jenen  stummen  und  aussprechbaren  Brüchen  unterschieden  wird, 
deren  Bedeutmig  wir  bereits  (tS.  675)  erörtert  haben.  Da  ist  die 
liechnung  mit  Sexagesimalbrüchen ,  insbesondere  die  Ausziehung  von 
Quadratwurzeln  aus  solchen,  wie  sie  bei  Ptolemäus  und  bei  Theon 
von  Alexandria  in  Uebung  war^).  Da  finden  wir  in  dem  geome- 
trischen Kapitel  auf  Schritt  und  Tritt  griechische  Definitionen  und 
Sätze  ^),  den  ptolemäischen  Satz  vom  Sehnenviereck'*),  die  heronische 
Dreiecksformel  aus  den  drei  Seiten'')  u.  s.  w.  Da  finden  wir  einzelne 
Wörter,  welche  gradezu  Uebersetzungen  griechischer  Ausdrücke  sind, 
wie  die  aussprechbaren  und  nicht- aussprechbaren  Quadratwurzeln 
(^jjTov  und  ä^oyov)''),  wie  die  Grenze  {oQog,  lateinisch  limes,  auch 
tei'minus)')  um  bei  Sexagesimalbrüchen  die  Ordnung  zu  bezeichnen, 
oder  sagen  wir  vielleicht  entsprechender  um  das  Reihenglied  anzu- 
geben, bei  welchem  man  stehen  zu  bleiben  wünscht. 

In  diesem  Lehrbuche  nun,  dessen  Reichhaltigkeit  aus  unseren 
nur  besonders  für  den  Ursprung  zeugende  Dinge  berücksichtigenden 
Notizen  zur  Genüge  erhellt,  ist  von  Verdoppelung  und  Halbirung  als 
besonderen  Rechnungsarten  nirgend  die  Rede  und  wird,  was  noch 
weit  merkwürdiger  ist,  nicht  ein  einziges  Mal  von  Zifi'ern  irgend 
welcher  Art  gesprochen.  Alle  und  jede  Zahlen,  welche  in  dem  Texte 
vorkommen,  sind  vielmehr  in  ganzen  ausgeschriebenen  Worten  ange- 
geben. Selbst  die  umständlichsten  Rechnungen  führt  Alkarchi  nur 
in  dieser  Weise  aus,  so  dass  eine  rasche  Uebersicht  ganz  imd  gar 
nicht  möglich  ist,  man  sich  vielmehr  immer  in  die  Lage  eines  durch 
das  Ohr  allein  Lernenden  versetzt  fühlt.  Die  Frage,  wie  Alkarchi, 
ein  Mann  von  glänzendem  Scharfsinne,  wie  uns  insbesondere  sein 
zweites  Werk  beweisen  wird,  die  indischen  Rechenmethoden,  deren 
Unkenntniss  bei  ihm,  dem  Zeitgenossen  und  Ortsgenossen  des  Alna- 
sawi,  zur  Unmöglichkeit  sich  gestaltet,  so  sehr  unterschätzen  konnte, 
dass  er  nicht  mit  einem  Worte  ihrer  erwähnte,  enthält  eine  so 
schwere  Anklage,  dass  uns  eben  die  Nothwendigkeit  ihr  zu  begegnen, 
auf  die  oben  ausgesprochene  Vermuthung  führte.  Wir  glauben  nicht 
Unkenntniss  oder  Unterschätzung  der  indischen  Methoden  bei  einem 
Alkarchi  annehmen  zu  dürfen.  Wir  sehen  hier  bewussten,  grund- 
sätzlichen Schulgegensatz,  der  aus  Verbissenheit  selbst  das  Vortrefi- 
lichste  sich  entgehen  lässt,  wenn  es  seinen  Ursprungsstempel  so 
deutlich  auf  der  Stirue  trägt,  wie  dieses  bei  den  indischen  Zahl- 
zeichen der  Fall  war. 


')  Käfi  m  hisäb  I,  7,  14  und  häufiger.     ^)  Ebenda  II,  10  und  15.     •'')  Ebenda 
II,  18  ügg.     *;  Ebenda  U,  20.     •')  Ebenda  II,  23.     «)  Ebenda  11,  12.     ')  Ebenda  11,  4. 


Zalilentheoretiker,  Rechner,  geometrische  Algebraiker  v.  950  etwa  bis  1100.    721 

Ist  es  die  Heimathszugehörigkeit  gewesen,  welche  den  Einen  in 
diese,  den  Anderen  in  jene  Schulrichtuug  bannte?  Wir  wissen  es 
]iicht.  Vielleicht  müssen  wir  an  eine  unerwartete  Rückwirkung  theo- 
logischer Streitigkeiten  denken,  an  den  Gegensatz  von  Sunniten  und 
Schi^iten,  von  Orthodoxen  und  Mutazeliten,  der  die  ganze  arabische 
Geschichte  beeinflusst  hat  und  zwischen  1020  und  1030  öffentliche 
Disputationen  veranlasste,  die  so  regelmässig  in  grosse  Raufereien 
ausarteten,  dass  sie  gänzlich  verboten  wurden^). 

Wir  würden  uns  nicht  übermässig  erstaunen  dürfen  und  es  keines- 
wegs als  Beweis  gegen  den  von  uns  vermutheten  alexandrinisch- 
römischen  Ursprung  gelten  lassen,  wenn  die  complementären  Rech- 
nungsverfahren der  Multiplikation  und  der  Division  Alkarchi  bekannt 
geworden  wären  in  einer  Zeit,  zu  welcher,  wie  wir  sehen  werden, 
diese  Methoden  auch  im  christlichen  Abendlande  an  Verbreituns  se- 
wannen.  Dem  ist  indessen  nicht  so,  und  nur  zwei  leise  Spuren, 
welche  zwar  nicht  an  jene  Verfahren  selbst,  aber  an  den  Weg,  der 
zu  ihnen  führt,  etwas  erinnern,  sind  uns  aufgestossen.  Wir  führen 
die  Stellen,  weil  Gegner  unserer  Meinungen  sie  vielleicht  in  ihrem 
Sinne  verwerthen  möchten,  wörtlich  an. 

„Wisse  nun,  dass  man  die  Zahlen  in  zwei  Klassen  theilt,  nämlich 
in  einfache  und  zusammengesetzte.  Die  einfachen  Zahlen  sind  solche, 
die  nur  einer  Ordnung  angehören,  und  die  zusammengesetzten  solche, 
die  zwei  oder  mehreren  Ordnungen  angehören"'^). 

Das  klingt  ungemein  nach  Boethius  und  ganz  und  gar  nicht 
nach  der  13.  und  14.  Definition  des  VII.  Buches  der  Euklidischen 
Elemente,  wo  die  Primzahlen  einfach  heissen,  und  zusammengesetzt 
solche  Zahlen,  die  in  Faktoren  sich  zerlegen  lassen.  Die  zweite  Stelle 
ist  um  ein  Blatt  früher  in  der  Handschrift  des  Käfi  fil  hisäb  zu 
finden.     Dort  heisst  es: 

„Was  die  Ordnungen  anlangt,  so  sind  diese  drei:  Einer,  Zehner 
und  Hunderter.  Das  aber,  was  über  diese  hinausgeht,  ist  auf  sie 
aufgebaut  wie  die  Eintausender,  die  Zehntausender,  die  Hundert- 
tausender, [die  Eintausendtausender],  die  Zehntausendtausender,  die 
Hunderttausendtausender.  Alle  diese  ruhen  auf  dem  Fundamente  der 
drei  ersten,  indem  mit  der  Eins  der  Ausdruck  Tausend  entweder  ein- 
mal oder  zweimal  oder  dreimal  verbunden  ist,  indem  dann  zweitens  mit 
der  Zehn  der  Ausdruck  Tausend  entweder  einmal  oder  zweimal  oder 
mehrmal  verbunden  ist.  Und  so  ist  jede  Zahl,  welche  einer  anderen 
als  diesen  drei  Ordnungen  angehört,  wenn  Du  den  Ausdruck  Tausend 
von  ihr  wegnimmst,  entweder  ein  Einer,   Zehner  oder  Hunderter"^). 


')  Weil  S.  225.         2)  Käfi  fil  hisab  I,  5.         »)  Ebenda  I,  4. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik  I.    2.  Aufl.  46 


722  35.  Kapitel. 

Das  sind  offenbar  Triaden,  wie  der  Römer  sie  besass,  wie  das 
eliristliche  Abendland  sie  nacbahmen  wird,  und  nicbt  griechische 
Tetraden.  Man  darf  aber  nicht  vergessen,  dass  diese  zweite  Aehn- 
lichkeit  auf  sprachlichem  Boden  beruht,  dass  die  Araber  gleich  dem 
Römer,  gleich  dem  Deutschen  zehntausend  zusammensetzen  mussten, 
während  die  Griechen  noch  ihre  einfache  Myrias  gebrauchten,  und 
dass  so  Triaden  gar  wohl  an  den  verschiedenen  Orten  und  imab- 
hängig  von  einander  sich  ausbilden  konnten,  Tetraden  nur  in 
Griechenland. 

Alkarchi  hat  auch  mancherlei,  was  bei  ihm  zuerst  unseren  Blicken 
sich  darbietet  und  vielleicht  seiner  eigenen  Erfindung  angehört.  Er 
benutzt  neben  der  Neunerprobe  eine  Elferprobe').  Er  nimmt  als 
angenäherte  Quadratwurzel  für  ]/a^  -\-  r ,  wo  der  Rest  r  übrig  bleibt, 
nachdem  die  nächste  Quadratzahl  abgezogen  wurde,  mithin  jeden- 
falls r  <  2a  +  1  ist,  den  Werth  a  4- 7, — r-r-  Er  hat  unter  den 
'  '  '    2  a  -}-  1 

geometrischen  Rechenbeispielen  Formeln^),  welche  zwar  an  heronische 
Beispiele  etwas  erinnern,  aber  doch  nicht  mit  denselben  zur  Deckung 
zu  bringen   sind,  oder   sich  aus  ihnen  ableiten  lassen-*).     Der  Grund 

der  Näherungsformel    l/a'^  +  r  =  a  +  ^^ — r^    dürfte,   wie   allerdings 
o  r         I  '    2a  -\-  1  '  ° 

erst   im  41.   Kapitel    im    nächsten  Bande    genauer    erwiesen   werden 

kann,  folgender   sein.     Wenn  a  und   die  nächste   ganze  Zahl  «  -{-  1 

beide  quadrirt  werden,  so  ist  die  Differenz  der  Quadrate 

(a  +  1)'  —  a^  =  2a  -\-  1 . 

Wächst  also  die  Quadratzahl  um  2a  -{-  1 ,  so  wächst  die  Wurzel  um 
1,-  und  Anwendung  einer  Proportion  lässt  weiter  folgern,  dass  einem 
Wachsthum   der  Quadratzahl  um  r  ein  Wachsthum    der  Wurzel  um 

^ — j— j  entsprechen  müsse.  Neueste  Forschungen'^)  haben  es  in 
hohem  Grade  wahrscheinlich  gemacht,  dass  schon  Archimed  von  geo- 
metrischer Grundlage  aus  den  Näherungs werth  a  -\-  - — r-—  ebensowohl 
als  den  a-\-  ~  kannte,  ja  dass  er  sogar  der  fortlaufenden  Ungleichung 


2  a 


«  dz  ^  >  1/«'  ±  »'  >  «  + 


2a^    *        -^-       ^       -^  2a  +  1 


1)  Käfi  iil  hisäb  I,  9.  '')  Ebenda  II,  14.  'j  Ebenda  IT,  24,  25,  26,  28 

die  Formeln  für  Kreissegmente,  für  Kreibbögen,  für  die  Durchmesser  des  Um- 
und  des  Innenkreises  regelmässiger  Vielecke,  für  den  Körperinhalt  der  Kugel. 
*)  Hultsch,  Die.Näherungswerthe  irrationaler  Quadratwurzeln  bei  Archimedes. 
Nachrichten  von  der  königl.  Gesellsch.  der  Wissensch.  und  der  Georg- Augusts- 
Universität  zu  Göttingen  vom  28.  Juni  1893,  besonders  S.  399. 


Zahlentheoretiker,  Rechner,  geometrisclie  Algebraiker  v.  950  etwa  bis  1100.   723 

sich  bediente,  um  die  in  der  Kreismessung  vorkommenden  Quadrat- 
wurzelwerthe  zu  erhalten. 

Die  ganze  Bedeutsamkeit  des  Mannes,  mit  welchem  wir  uns  be- 
schäftigen, tritt  in  seinem  zweiten  Werke,  im  Al-Fachri,  hervor,  in 
welchem  er  andrerseits  auch  wieder  als  unbedingten  bewundernden 
Schüler  der  Griechen,  insbesondere  des  Diophant  sich  erweist,  welch 
letzterer  an  häufigen  Stellen  mit  Namen  erwähnt  ist.  Al-Fachri 
besteht  selbst  aus  zwei  Abtheilungen,  einer  ersten,  welche  die  Theorie, 
wenn  man  so  sagen  darf,  enthält,  nämlich  die  Lehre  vom  algebraischen 
Rechnen  und  die  Auflösungen  sowohl  bestimmter  als  unbestimmter 
Gleichungen,  und  einer  zweiten,  welche  eine  Aufgabensammlung  dar- 
stellt. In  beiden  Abtheilungen  finden  wir,  wie  gesagt,  Diophant  in 
umfassendster  Weise  benutzt,  aber  in  beiden  Abtheilung-en  auch 
Dinge,  welche  über  Diophant  hinausgehen.  Indische  Methoden  zur 
Auflösung  der  unbestimmten  Gleichungen  ersten  wie  zweiten  Grades 
wird  man  dagegen  vergebens  suchen. 

Diophant  hat  z.  B.  Namen  der  2.  bis  zur  6.  Potenz  der  Unbe- 
kannten additiv  aus  dvvamg  und  xvßog  zusammengesetzt.  Ganz 
ähnlich  verfährt  Alkarchi,  dem  mal  das  Quadrat  der  Unbekannten  — 
mitunter  auch  allerdings  irgend  eine  Grösse^)  —  bezeichnet,  Jcdb  den 
Würfel  und  dann  weiter  durch  sich  regelmässig  wiederholende  Addition 
mal  mal,  mal  Icdb,  kdb  Jcdb,  mal  mal  kdb,  mal  hdb  lidb,  Jcdb  kdb  kdb 
u.  s,  w.  ins  Unendliche  die  folgenden  Potenzen  der  Unbekannten. 
Alkarchi  lehrt  das  Rechnen  mit  solchen  allgemeinen  Grössen,  zu  welchen 
genau  so  wie  bei  Diophant  auch  die  Brüche  mit  der  2.,  3.,  u.  s.  w. 
Potenz  der  Unbekannten  als  Nenner  treten,  in  ausführlicher  und  klarster 
Weise.  Diophant  hat  solches  Rechnen  mehr  vorausgesetzt  als  gelehrt. 
Alkarchi  behandelt  nach  den  Rechnungsverfahren  an  den  Potenzen 
der  Unbekannten  oder  den  ihnen  inversen  Ausdrücken  auch  Irratio- 
nalitäten-). Freilich  bleibt  er  hier  bei  den  einfachsten  Fällen  stehen 
und  nähert  sich  nicht  von  weitem  den  von  den  Indern  auf  diesem 
Felde  erzielten  Ergebnissen,  sodass  man  nicht  nöthig  hat,  an  einen 
fremden  Einfluss  zu  denken,  um  das  Vorkommen  von  Gleichungen 
wie  ]/8  +  |/I8  =  |/5Ö  oder  >/54  —  >/2  =  ]/l6  zu  erklären.  Ein 
weiterer  Abschnitt  beschäftigt  sich  mit  Reihensummirungen^).  Die 
hier  auftretenden  Sätze  sind  Alkarchi  offenbar  von  anderer  Seite  zu- 
gegangen, imd  er  hat  nur  für  manche  derselben  Beweise  geliefert, 
sei  es  algebraische,  sei  es  geometrische,  für  manche  künftige  Beweise 
versprochen,  ein  Versprechen,  welches  er  in  einem  Commentare  zum 
Al-Fachri  zu  lösen  gedachte,  den  er  selbst  zu  schreiben  beabsichtigte*). 


1)  Fakhri  48.         '')  Ebenda  57—59.         ')  Ebenda  59—62.       *)  Ebenda  6^  7. 

46* 


724 


35.  Kapitel. 


B' 

B 
B> 


C" 


c 


Der  fremde  Ursprung  der  Summenformebi  gelit  z.  B.  unzweifelhaft 
aus  der  Summirung  der  Quadratzalilen 

12  _|.  22  +  3^  +  .  •  •  +  1-^  =  (1  +  2  +  3  +  .  .  .  +  r)  (|r  +  I) 

liervor,  welclie  Alkarchi  mittlieilt,  aber  nicht  beweisen  zu  können 
eingesteht.  Als  Anhaltspunkt  zur  Beantwortung  der  Frage  nach  der 
Heimath  dieser  Formel  weisen  wir  darauf  hin,  dass  es  genügt, 

1  +  2  +  3  +  •  •  •  +  r  =  ^^^^ 
zu  setzen,  um  sofort 

12  +  2^  +  32  4.  .  .  .   4.  ^2  _  (I.  _^  |)(,  ^  1),, 

ZU  erhalten,  eine  Form,  welche  Archimed  nicht,  wohl  aber  Epaphro- 
^  ^    ditus   benutzt  hat^).     Für  die  Summirung  der 

Kubikzahlen 

P  +  2=^  +  3^H !-»•'=  (1  +  2  +  3H h»f 

gibt  Alkarchi  einen  geometrischen  Beweis, 
dessen  Gedankengang  folgender  ist  2).  Im  Qua- 
drate AG  (Figur  105)  sei  die  Seite 

^^=  1  +  2  +  3H \-r, 

und    nun    schneidet  man  von  diesem  Quadrate 
einen    Gnomon    B'BCDD'C'B'    ab,    dessen 
Breite  BB'  =  r  ist.     Die  Fläche  desselben  ist  offenbar 

2rAB  —  r^=2r-  *^"  ^  —  r^  =  r^  (r  +  1  —  1)  =  r^ . 

Es  ist  einleuchtend,  dass,  wenn  B'B"  =  r — 1  gewählt  wird,  ein 
zweiter  Gnomon  losgetrennt  werden  kann,  dessen  Fläche  {r  —  1)^ 
sein  muss,  und  dass  in  dem  ganzen  Quadrate  r  —  1  derartige  immer 
kleiner  werdende  Gnomone  entstehen,  deren  letzter  von  der  Fläche 
2*  ist,  und  weggenommen  noch  ein  Quadratchen  1^  übrig  lässt.  Da 
aber   12  =  13^    so  ist  auch 

13  _|.  23  +  3=^  H \-  r'  =  (l  +  2  +  3H h  rf. 

Jetzt  kommt  Alkarchi  zu  den  sechs  Gleichungsformen,  welche  wir 
(S.  676)  bei  Muhammed  ibn  Müsä  Alchwarizmi  besprechen  mussten, 
und  setzt  bei  dieser  Gelegenheit  auseinander,  was  dschebr  und  mukä- 
bala  sei"').  Er  versteht  dabei  das  Wegheben  gleichartiger  Grössen 
auf  beiden  Seiten  der  Gleichung,  welches  wir  im  Einverständnisse  mit 
späteren  Schriftstellern  mukäbala  genannt  haben,  bereits  unter  dschebr. 


B"'J)"  JJ' 

rig.  105. 


J) 


')    Agrimensoren    ß.  128.  ^)    Fakhri  61.     Vergl.  Hankel-  S.  192  An- 

luerkung,  der  in  dem  Beweise  ein  durchaus  indisches  Gepräge  erkennen  will. 
^)  Ebenda  63—64. 


Zahlentheoretiker,  Rechner,  geometrische  Algebraiker  v.  960  etwa  bis  1100.     725 

Ihm  ist  mukabala  vielmehr  nur  die  endgiltig  zur  Auflösuug  vorbe- 
reitete Gleicliuug  in  einer  der  sechs  Formen.  Unter  den  Beispielen, 
welche  Alkarchi  behandelt,  ist  auch  x^-\-lOx==o{)  und  x^-{-21=10x. 
deren  beider,  wie  wir  uns  erinnern,  Mchwarizmi  sich  bedient  hat. 
Alkarchi  hat  für  sie  eine  doppelte  Auflösung,  die  eine  geometrisch, 
die  andere  nach  Diophaut,  wie  er  sich  ausdrückt,  und  diese  letztere 
besteht  in  der  Ergänzung  zum  Quadrate.  Die  Gleichung  x"-{-  10a;=39 
wird  also  aufgelöst  durch  die  Umwandlung  in 

x"-  -{-  10x-\-  ö"'  =  39  +  5'^ ,      oder     {x  -f  5)'-^  =  8^ , 
woraus     x  -\-  ö  =  S ,     x  =  3     gefolgert    wird.     Bei    der    Gleichung 
^-  -|-  21  ==  10^  ist  das  Verfahren  folgendes: 

a;2  +  21  +  {aß  -  10a;  +  25)  =  10^  +  (x^~  lOrc  +  25), 
(^2  _  loo;  +  25)  =  10a;  -{- (x^^  -  lOx -{-  25)  -  {x'  +  21)  =  4  =  21 

Aber  x^  —  10  +  25  ist  ebensowohl  (x  —  5)-  als  (5  —  xY,  also  ist 
X  —  5  =  2  und  5  —  x  =  2  eine  Auflösung  und  entsprechend  x=l 
und    X  =  S. 

Das  Auffallende  bei  der  Behandlung  dieser  letzteren  Gleichung 
ist,  dass  Alkarchi  auch  von  ihr  des  Ausdrucks  „nach  Diophants  Art" 
sich  bedient.  Das  ist  die  von  uns  (S.  446)  angekündigte  Stelle, 
welche  als  Zeugniss  angerufen  werden  könnte,  um  damit  zu  belegen, 
dass  auch  Diophant  bereits  die  beiden  Wurzeln  von  Gleichungen  der 
Form  ax^  -\-  c  =  hx  gekannt  habe.  Vielleicht  geht  man  alsdann 
nicht  zu  weit,  wenn  man  die  Worte  Alkarchis  ganz  buchstäblich 
auffasst  und  sogar  die  Zahlenbeispiele 

x2-|-  lOa;  =  39,  a;^ -f  21  =  10a;, 
die  nach  Diophants  Art  aufgelöst  werden,  als  wirklich  diophantisch 
annimmt,  womit  freilich  dem  Ursprünge  von  Alchwarizmis  Algebra 
noch  genauer  beigekommen  wäre  als  bisher.  Die  ganze  Annahme  ist 
aber  uns  selbst  noch  nicht  recht  glaubhaft,  sie  müsste  denn  durch 
andere  noch  nicht  bekannt  gewordene  Zeugnisse  in  ihrer  Wahrschein- 
lichkeit verstärkt  werden  können.  Nicht  griechisch  war  unter  allen 
Umständen  die  eine  geometrische  Darstellung  Alkarchis  für  die  Auf- 
lösung der  Gleichung    x^  -f-  10a;  =  39. 

Alkarchi  gibt  zwei  geometrische  Darstellungen  unmittelbar  ein- 
ander folgend.  Zuerst  lässt  er  (Figur  106)  — 1 1 _ _, 

die    Strecken    x    und    10    gradlinig    an  ^  ^ 

einander    setzen    und    den    Mittelpunkt 

der  letzteren  Strecke  angeben.  Unter  Berufung  auf  einen  „bekannten 
Satz  des  Euklid"^),  worunter  der  6.  Satz  des  II.  Buches  der  Elemente 

1)  Fakhri  65. 


726  35.  Kapitel, 

verstandeu  ist  (S.  249),  folgert  er  sodauu 

Nun  sei  aber    {{0  -{-  x)  x  =  39  ,    also 

64  =  (y  +  ic)  ,        8  =  5  +  ic ,        a;  =  3  . 

Diese  Beweisführung  kann  sehr  wohl  alter  griechischer  Ueberlieferuug 
sein,  kann  bis  auf  Euklids  nächste  Nachfolger,   wenn  nicht  auf  ihn 


Z 


selbst,  zurückgehen.  Nim 
lässt  aber  Alkarchi  eine 
zweite  geometrische  Dar- 
stellung folgen.  Die 
Strecken  (Figur  107) 
CD  =  x\  DE=  \0x, 
deren  Summe  39  sein 
muss,  werden  geradlinig  aneinander  gesetzt.  Ueber  DE  wird  das 
Quadrat  AB  ED  errichtet,  dessen  Fläche  folglich  100  x^  ist.  Nun 
bildet  man  über  CD  ein  Rechteck  CDTZ  =  100 iC",  d.  h.  man  macht 
CZ  =  100,  das  Rechteck  CZJE  ist  folglich 

100  (ic^  +  10:r)  =  100  •  39  =  3900 
und  ebensogross  ist  das  Rechteck  ABIT.    Ist  jetzt  S  die  Mitte  von 
IE,  so  ist  ähnlich  wie  im  vorigen  Beweise 

IB  xEB  -\-  ES''=BS''     oder     3900  +  50^  =  (lOa;  +  50)', 

woraus 

10a:  +  50  =  80  ,       10a;  =  30 ,       x-  =  39  -  lO.r  =  9 

folgt.  Dieser  Beweis,  das  können  wir  zuversichtlich  aussprechen, 
rührt  von  keinem  Griechen  her.  Niemals  hätte  ein  solcher  eine 
Strecke  als  x'^,  eine  andere  als  10a;  bezeichnet  und  aneinander  gesetzt, 
niemals  die  weiteren  Folgerungen  gezogen.  Auch  die  Buchstaben 
der  Figur,  wenn  wir  die  Transcription,  in  welcher  sie  allein  uns  be- 
kamit  geworden  sind,  für  zuverlässig  halten  dürfen,  bestätigen  durch 
das  unter  ihnen  vorkommende  /,  dass  sie  mindestens  von  keinem 
Griechen  aus  der  klassischen  Zeit  ihrer  Geometrie  herrühren  können. 
Hier  ist  uns  vermuthlich  arabische  Zuthat  geboten,  wahrscheinlich 
eine  Erfindung  von  Alkarchi  selbst.  Die  Gleichung  x^  -\-  ax  =  h 
kann  aber  auch  so  behandelt  werden,  dass  x'^  unmittelbar  hervortritt, 
ohne  durch  Quadrirung  des  zunächst  gesuchten  x  gefunden  zu  werden^). 
Nachdem 

x'  -{-  ax  -{-  "^  =  h  -\-  ^     und      a;  -f  y  =  ]/ft  +  ^ 
')  Fakhri  65. 


Zahlentheoretiker,  Rechner,  geometrische  Algebraiker  v.  950  etwa  bis  1100.     727 
gefolgert  sind,  sieht  man  sofort,  dass 


«x+i'=«|/6+^=i/«=6+(iT- 

Andererseits  ist 

x^+  «a;  +  y  =  6  +  y, 

und  zieht  man  davon  den  Werth  von  ax  -\-   -   ab,  so  bleibt 


=1  +  ^-  Ya^y + [g 


Alkarchi    gehört    ferner  wohl    die   Auflösung  der  dreigliedrigen 
Gleichungen  von  den  Formen 

ax^P  -\-  hx^'  =  c,  ax^p  -\-  c  =  hx^ ,  hx^  -\-  c  =  ax^i' , 
welche  als  auf  quadratische  Gleichungen  zurückführbar  dargestellt 
werden,  an^).  Die  theoretische  Abtheilung  schliesst  sodann  mit  noch 
zwei  Aufgaben.  Deren  erste  bildet  der  istikrä,  d.  h.  wörtlich  das 
Weitergehen  von  Stelle  zu  Stelle.  Gewöhnlich  versteht  der  Araber 
darunter  ein  auf  Kenntniss  aller  besonderen  Fälle  beruhendes  in- 
duktives UrtheiP),  hier  aber  ist  etwas  Anderes  gemeint:  die  Aufgabe 
ein  Monom,  Binom  oder  Trinom,  welches  formell  keine  Quadratzahl 
ist,  durch  Annahme  eines  bestimmten  Werthes  der  Unbekannten  zum 
Quadrate  zu  machen,  also  die  unbestimmte  Gleichung 

mx'^  -f-  nx  -\-  p  =  y^ 
zu  lösen.  Alkarchi  setzt  als  Bedingung  voraus,  es  müsse  m  oder  p 
eine  Quadratzahl  sein,  dann  wählt  er  y  als  Binom,  dessen  einer  Theil 
entweder  ]/ma;^  oder  Yp  ist,  so  dass  die  ausgeführte  Quadrirung 
von  y  gestattet,  ein  Glied  auf  beiden  Seiten  zu  streichen,  entweder 
das  nach  x  quadratische  oder  das  constante.  Die  zweite  der  beiden 
Schlussaufgaben  des  theoretischen  Theiles  fordert  die  Auffindung  eines 
Faktors,  welcher  mit  a  -f-  ]/ö  vervielfacht  die  Einheit  hervorbringe. 
Die  Aufgabensammlung,  welche  in  fünf  Abschnitte  zerfallend  die 
zweite  praktische  Abtheilung  bildet,  ist  nach  der  Schwierigkeit  der 
Aufgaben  als  einzigem  Eintheilungsgrunde  geordnet.  Man  trifft  also 
in  ihr  in  bmiter  Mannigfaltigkeit  bestimmte  und  unbestimmte  Auf- 
gaben von  den  verschiedensten  Graden.  Alkarchi  benutzt,  wie  sich 
erwarten  las  st,  bei  seinen  Auflösungen  nur  positive  Zahlen.  Nega- 
tive Gleichungswurzeln  sind  ihm  ein  Beweis  der  Unmöglichkeit  der 
betreffenden  Aufgaben,  und,  was  einigermassen  auffallen  darf,  auch 
der  Wurzel  werth  0  wird  von  ihm  ausgeschlossen^).     Die  bestimmten 


^)  Fakhri  71 — 72.  -)  L'algelrre  d'Omar  Alkhayami  pag.  10,  Anmerkung. 

*)  Fakhri  pag.  78  und  11. 


728  35.  Kapitel. 

Aufgaben  höherer  Grade  gehören  sämmtlich  jenen  dreigliedrigen  auf 
quadratische  Gleichungen  zurückführbareu  Formen  an.  Die  unbe- 
stimmten Aufgaben  sind  theilweise  dem  Diophant  entlehnt,  und  ein 
Commeutator  Ibn  Alsirädsch  hat  am  Schlüsse  des  4.  ilbschnittes 
der  Aufgaben  ausdrücklich  bemerkt:  „Ich  sage,  die  Aufgaben  dieses 
Abschnittes  und  ein  Theil  derer  des  vorhergehenden  Abschnittes  sind 
ihrer  Reihenfolge  nach  den  Büchern  Diophants  entnommen.  So 
geschrieben  durch  Ahmed  ibn  Abu  Bekr  ibn  'Ali  ibn  Alsirädsch 
x\lkalanisi.  Schluss/'^)  Andere  Aufgaben  rühren  dagegen,  wie  es 
scheint,  von  Alkarchi  selbst  her,  und  unter  diesen  mögen  späterer 
Rückbeziehungen  wegen  zwei  besonders  angeführt  werden,  die  in 
moderner  Schreibart  x'^  -\-  6  =  y'  und  x^ —  10  =  if  heissen''').  Zur 
Auflösmig  der  ersteren  setzt  Alkarchi  y  =  x  -\-  1 ,  zur  Auflösung 
der  zweiten    y  =  x  ~  \  und  erhält  so  für  jene  ic^  =  4 ,  tf  =  ^ ,  für 

diese  a.^=30— ,  i/^  =  20— •  Man  sieht,  dass  Alkarchi  die  ge- 
brochenen Auflösungen  unbestimmter  Aufgaben  keineswegs  scheut, 
sondern  gleich  Diophant  nur  irrationale  Werthe  verpönt.  An  sich 
interessant  ist  es,  dass  Alkarchi  die  Auflösbarkeit  von 

-h  (ax  —  h)  —  X?  =  if 
behandelt   und  ihre   Bedingung    in    der  Zerlegbarkeit  von    \-~\   -\-  h 
in  die   Summe   zweier   Quadrate    erkannt  hat^).     Die  Auflösung  von 

+  (ax  —  b)  —  x^^  y^ 
nach  X  liefert  nämlich 


-  =  ±1+1/(^  +  6)-/, 


wo  die  oberen,  beziehungsweise  die  unteren  Vorzeichen  in  der  Auf- 
gabe   und    in    der    Auflösmig    zusammengehören.      Kann    man    nun 

—  +  &    in  zwei  Quadrate  zerlegen,  so  setze  man  diese    y-  -f-  z^   und 

bekommt  dadurch 

^  =  +  Y  +  ^!. 

In  zwei  Aufgaben  bedient  sich  Alkarchi  zweier  Unbekannten,  welchen 
er  besondere  Namen  beilegt*).  Das  eine  Mal  heisst  ihm  die  erste 
Unbekannte  Sache,  die  zweite  Maass;  das  andere  Mal  benutzt  er 
neben  Sache  noch  Theil.  Ganz  Aehnliches  findet  sich  auch  in  einem 
anonymen  muthmasslich  gleichfalls  dem  XL  S.  entstammenden  arabi- 


0  Fakhri  22—23.  ^)  Ebenda  84  (Aufgaben  II,  22  und  23).       =')  Ebenda 

113  (Aufgabe  IV,  32).         ■•)  Ebenda  139—143  (Aufgaben  III,  5  und  G). 


Zahlentheoretiker,  Rechner,  geometrische  Algebraiker  v.  950  etwa  bis  1 100.    729 

sehen  Aufsatze  über  Winkeldreitheilung^).  Dass  hierin  ein  Hinaus- 
geheu über  Diophant  enthalten  ist,  leuchtet  ein,  da  dieser,  wenn  er 
auch  unter  Umständen  Hilfsunbekannte  eingeführt  hat,  für  dieselben 
stets  nur  die  gleiche  Benennung  und  Bezeichnung  wählte  wie  für  die 
Hauptunbekannte  und  durch  den  verbindenden  Text  dafür  sorgte, 
dass  eine  Verwechslung  nicht  eintrete.  Den  Buchstaben  gegenüber, 
welche  die  Inder  für  von  einander  zu  unterscheidende  Unbekannte  in 
fast  beliebiger  Anzahl  zu  setzen  gewohnt  waren,  ist  Alkarchis  Ver- 
fahren ein  untergeordnetes. 

Ob  auch  hier  ein  absichtliches  Vernachlässigen  dessen,  was  die 
Inder  über  die  Griechen  hinaus  geleistet  haben,  ob  ein  wirkliches 
Nichtwissen  anzunehmen  sei,  dürfte  schwerlich  ermittelt  werden 
können.  Wahrscheinlicher  ist  uns  jedoch  das  letztere,  weil  auch  in 
solchen  arabischen  Schriften,  die  ausgesprochenermassen  indischen 
Schriften  nachgebildet  sind,  die  Methoden  der  Inder,  Gleichungen 
mit  mehreren  Unbekannten  aufzulösen,  mag  es  um  bestimmte  oder 
um  unbestimmte  Aufgaben  sich  handeln,  regelmässig  fehlen. 

Wir  haben  gesagt,  dass  die  bestimmten  Gleichungen,  welche 
Alkarchi  löst,  sofern  sie  den  2.  Grad  übersteigen,  stets  solche  sind, 
welche  auf  Gleichungen  des  2.  Grades  sich  zurückführen  lassen. 
Bestimmte  cubische  Gleichungen  hat  er  nicht  behandelt,  und  eben- 
sowenig lässt  sich  eine  Spur  finden,  dass  irgend  ein  anderer  Araber 
dieser  Zeit  sich  in  algebraischer  Weise  erfolgreich  mit  denselben 
beschäftigt  hätte.  Nur  geometrisch  treten  sie  mit  Glück  an  diese 
Aufgabe  heran. 

Wir  haben  an  der  Wende  des  X.  zum  XL  S.  Männer  wie  Abii'l 
Dschüd  mit  cubischen  Gleichungen  sich  abarbeiten  sehen,  bald  in 
einzelnen  Fällen  ein  Ergebniss  erzielend,  bald  der  Schwierigkeiten, 
die  sich  ihnen  entgegenstellten,  nicht  Meister  werdend.  Noch  andere 
Mathematiker  des  XL  S.  haben  im  Chalifenreiche  ähnliche  Aufgaben 
sich  gestellt,  unter  welchen  uns  Almähäni  und  Abu  Dscha'far 
Alchäzin  von  einem,  wie  wir  gleich  sehen  wollen,  sehr  befugten 
Berichterstatter  gelobt  werden.  Ersterer  versuchte  vergebens  die 
archimedische  Aufgabe,  eine  Kugel  in  Abschnitte  von  gegebenem 
gegenseitigem  Raumverhältnisse  zu  theilen,  welche  er  in  eine  Kuben, 
Quadrate  und  Zahlen  enthaltende  Gleichung  umgesetzt  hatte,  durch 
Auffindung  der  Gleichungswurzeln  zu  lösen ^).  Letzterer  fand,  dass 
Kegelschnitte  genügten  das  zu  zeichnen,  was  zu  errechnen  nachgrade 
als   Unmöglichkeit    galt^).      Unser   Berichterstatter    ist    Alchaijämi 


^)   Journal   Äsiatique    für    October    und    November    1854   pag.  381 — 383. 
L'algcbre  d'Omar  Alkhayami  pag.  2.         ^)  Ebenda  3, 


730  -^6.  Kapitel. 

d.  h.  der  Nachkomme  des  Zelteiiverfertigers,  mid  er  wusste  endlich 
die  Lehre  zum  Abschlüsse  zu  bringen.  Er  gehört  schon  einer  Zeit 
an,  die  jenseits  der  Periode  liegt,  bis  zu  welcher  wir  (S.  698)  der 
Schicksale  des  Chalifates  in  flüchtigen  Umrissen  gedacht  haben. 

Die  Dynastie  der  Abbäsiden  dauerte  unter  dem  Namen  und  dem 
Scheine  des  Chalifates  noch  fort,  aber  die  Bujideu,  die  eigentlichen 
Machthaber,  waren  seit  der  Mitte  des  XL  S.  gestürzt,  und  an  ihre 
Stelle  traten  Männer  aus  dem  Geschlechte  Seldschuks,  die  aus  der 
Steppe  der  Kirgisen  gekommen  neue  frische  Kräfte  mitbrachten,  noch 
unverbraucht  in  der  Verfeinerung  und  Verweichlichung  städtischen 
und  höfischen  Lebens^).  Togrulbeg  der  Enkel  Seldschuks  zog  1050 
halb  gerufen  von  dem  Chalifen  Alkä'im  und  achtlos  des  Widerspruchs 
der  Bujidensultans  Al-Melik  Ar-Rahim  in  Bagdad  ein.  Mehrjährige 
Kämpfe  endeten  zu  seinem  Gunsten,  und  der  ihm  verliehene  Ehren- 
titel „König  des  Ostens  und  des  Westens"  gewann  wenigstens  für 
die  Umgegend  der  Hauptstadt  einige  Wahrheit.  Auf  Togrulbeg  folgte 
1063  sein  kriegerischer  Neffe  Alp  Arslan,  auf  diesen  1073 — 1092 
dessen  Sohn  Melikschäh.  Den  beiden  letztgenannten  Sultanen  stand 
als  Wezir  Nizäm  Almulk  zur  Seite,  und  dieser  war  der  Jugendfreund 
unseres  Omar  Alchaijärai^).  Noch  ein  dritter  Jüngling,  Al-Hasau  ihn 
As-Sabbäl,  war  mit  beiden  zusammen  aufgewachsen. 

Die  jungen  Männer  hatten  sich  gegenseitige  Unterstützung  zu- 
geschworen, wenn  einer  von  ihnen  zu  Ehren  und  Ansehen  käme. 
Nizäm  Almulk  war  in  der  Lage,  sein  Versprechen  einzulösen,  und  es 
lag  nicht  an  ihm,  wenn  es  anders  kam,  als  die  Phantasie  der  Freunde 
es  sich  ausgemalt  hatte.  Al-Hasau  ibn  As-Sabbah,  der  eine  Stelle 
als  Kämmerer  erhalten  hatte,  suchte  seinen  beginnenden  Einfluss 
zum  Schaden  Nizäm  Almulks  selbst  zu  verwenden,  wurde  durch  diesen 
wieder  vom  Hofe  verdrängt,  begab  sich  nach  Aegypten  und  kehrte 
von  dort  später  als  schi'itischer  Parteiführer  nach  Persien  zurück, 
woher  er  stammte.  In  der  Burg  Alamüt,  deren  er  sich  1090  be- 
mächtigte, gründete  er  den  Orden  der  Haschischesser  (Haschischin), 
welche  unter  dem  berückenden  Einflüsse  jenes  gefährlichen  Reizmittels 
zu  allen  Verbrechen  bereit  waren,  die  ihr  Führer  ihnen  anbefahl,  den 
Märtyrern  ewige  paradiesische  Genüsse  versprechend,  und  welche  so 
den  Namen  ihres  Ordens  gleichbedeutend  mit  Meuchelmördern  machte, 
eine  Bedeutung,  die  der  abendländischen  Verketzerung  ihres  Namens 
Assassini  beigeblieben  ist. 

Alchaijämis  Leben  war  weniger  stürmisch.  Eine  eigentliche  Hof- 
stellung scheint   er   ausgeschlagen   zu  haben   und   nur    als   Astronom 


')  Weil  »S  226  flgg.       -)  L'algchre  d'Omnr  Alkhayami  Frefacc  pag.  IV— VI. 


Zahlentheoretiker,  Rechner,  geometrische  Algebraiker  v.  950  etwa  bis  1100.   731 

für  Melikschah  thätig  gewesen  zu  sein,  in  welcher  Eigenschaft  er 
1079  eine  Kalenderreform  zu  Wege  brachte.  Sie  bestand  darin,  dass 
man  zum  persischen  Sonnenjahre  von  365  Tagen  zurückkehrte  und 
alle  vier  Jahre  ein  Schaltjahr  von  366  Tagen  eintreten  Hess,  zum 
8.  Schaltjahre  aber  nicht  das  4.,  sondern  das  5.  Jahr  nach  dem  letzten 
Sch9,ltjahre  wählte.  So  bekam  man  für  33  Jahre  die  Dauer  von 
25  X  365  +  8  X  366  Tagen  und  mithin  1  Jahr  =  365''  5''  49"'  5',  45 
in  einer  Uebereinstimmung  mit  der  Wirklichkeit,  welche  grösser  ist 
als  bei  allen  sonstigen  Kalendereinrichtungen  ^).  Auch  Alchaijämi 
scheint  in  die  religiösen  Zwiespalte  zwischen  Schielten  und  Sunniten 
etwas  verwickelt  gewesen  zu  sein.  Wenigstens  berichtet  eine  ihm 
freilich  nicht  freundliche  Feder,  er  habe,  nicht  aus  Frömmigkeit, 
sondern  durch  ein  fast  zufälliges  Zusammentreffen,  die  jedem  Moslim 
gebotene  grosse  Pilgerfahrt  gemacht,  sich  aber  bei  der  Wiederkehr 
nach  Bagdad  gegen  allen  wissenschaftlichen  Verkehr  abgeschlossen 
und  habe   dann  in  die  Heimath  nach  Chorasan  sich   zurückgezogen. 

Sein  Ruhm  als  grosser  Mathematiker  blieb  unbeeinträchtigt,  und 
noch  in  der  Mitte  des  XVII.  S.  hat  Hadschi  Chalfa,  welcher  sich  sonst 
begnügt,  den  Titel  der  Bücher  nur  anzugeben,  welche  er  in  seinem 
umfassenden  bibliographischen  Werke  aufzählt,  ein  nicht  unbedeuten- 
des Stück  der  Algebra  Alchaijämis  zum  Abdrucke  gebracht. 

'Omar  Alchaijämi  rechtfertigt  durch  seine  Algebra  vollständig 
den  Ruhm,  welcher  bei  seinen  Landsleuten  ihm  nachblieb.  Er  war 
der  erste,  welcher  die  Unterscheidung  der  Fälle,  die  dadurch, 
dass  nur  positive  Glieder  in  den  Grleichungen  vorkommen  dürfen,  sich 
ergeben,  auch  für  die  cubische  Gleichung  durchführte,  und  sodann, 
nicht,  wie  es  die  Griechen  schon  mehrfach  gethan  hatten,  diese  oder 
jene  geometrische  Aufgabe  löste,  sondern  mit  diesen  Gleichungen 
als  solchen  sich  vollbewusst  beschäftigte.  Es  ist  wahr,  er  blieb 
hinter  dem  Erreichbaren  in  manchen  Beziehungen  zurück.  Er  sah 
nicht,  dass  es  cubische  Gleichungen  von  der  Form  x'^ -\-  hx  =  ax''  -\-  c 
gibt,  welche  durch  drei  positive  Wurzeln  erfüllt,  eine  Aehnlichkeit 
mit  jenem  Falle  ax^  -\-  c  =  hx  der  quadratischen  Gleichung  an  den 
Tag  legen,  welcher  zwei  positive  Wurzeln  zulässt^).  Er  glaubte,  die 
cubi sehen  Gleichungen  könnten  überhaupt  nicht  durch  Rechnung 
gelöst  werden,  sondern  man  müsse  mit  der  Construction  von  einander 
durchschneidenden  Kegelschnitten  sich  begnügen^).  Ihm  entgingen 
manche  Wurzelwerthe,  welche  durch  Zeichnung  sich  eigentlich  hätten 


*)  R.  Wolf,  Geschichte  der  Astronomie  S.  331,  wo  der  Name  Alchaijämis 
als  Omar-Cheian  angegeben  ist,  eine  ältere  Lesart,  deren  wir  uns  in  Anschluss 
an  Woepcke  nicht  bedienen.  -)  L'algcbre  d'Omar  AWiayami  XVI  und  65, 

Anmerkung.         *)  Ebenda  11  und  12. 


732  35.  Kapitel. 

kundgeben  müssen,  dadurch,  dass  er  von  den  Kegelschnitten,  die  er 
zur  Construction  verwandte,  immer  nur  einen  Arm  zu  zeichnen 
pflegte^).  Er  nahm  es  auch  nicht  sehr  genau  mit  dem  Diorismus 
der  einzelnen  Fälle  ^),  d.  h.  mit  der  Untersuchung  der  Zahlen werthe, 
welche  die  einzelnen  in  den  Gleichungen  vorkommenden  Coefficienten 
annehmen  müssen,  um  die  Möglichkeit  einer  Construction,  wir  würden 
sagen  um  eine  positive  Gleichungswurzel  hervorzubringen.  Er  hielt 
biquadratische  Gleichungen  auf  geometrischem  Wege  für  unlösbar'''). 
Aber  diese  Mängel  sind  doch  nur  geringfügige  gegen  den  ungemein 
grossen  Fortschritt,  überhaupt  Gleichungen  von  höherem  als  dem 
zweiten  Grade  systematisch  bearbeitet  und  in  Gruppen  zerlegt  zu 
haben.  Fragen  wir,  welcher  Mathematiker  irgend  eines  Volkes  noch 
vor  dem  Jahre  1100  triuome  cubische  Gleichungen  von  quadriuomen 
unterschied,  unter  jeden  wieder  zwei  Gruppen  bildend,  je  nachdem 
dort  das  Glied  2.  oder  1.  Grades  fehlte,  hier  die  Summe  von  drei 
Gliedern  einem,  oder  die  Summe  von  zwei  Gliedern  der  der  beiden 
anderen  gleichgesetzt  war,  so  wird  man  uns  sicherlich  nur  den 
einzigen  Namen  'Omar  Alchaijämi  als  Antwort  zu  nennen  wissen, 
und  das  genügt,  dem  Manne  seine  hervorragende  Stellung  in  der  Ge- 
schichte der  Algebra  zuzuweisen. 

Es  scheint,  als  sei  noch  ein  anderes  Verdienst  ihm  zuzuschreiben, 
die  Kenntniss  der  Binomialentwicklung  für  den  Fall  ganzzahliger 
positiver  Exponenten.  Er  sagt  nämlich:  „Ich  habe  gelehrt,  die  Seiten 
des  Quadratoquadrats,  des  Quadratocubus,  des  Cubocubus  etc.  bis  zu 
beliebiger  Ausdehnung  zu  finden,  was  man  vorher  noch  nie  gethan 
hatte.  Die  Beweise,  welche  ich  bei  dieser  Gelegenheit  gab,  sind 
einzig  arithmetischer  Natur  und  gründen  sich  auf  die  arithmetischen 
Abschnitte  der  euklidischen  Elemente"*).  Diese  Behauptung  kann 
kaum  anders  verstanden  werden,  als  dass  die  Ausziehung  der  Quadrat- 
wurzel sich  stütze  auf  die  Entwicklung  von  (a  -f-  l)f,  die  der  Kubik- 
wurzel auf  die  Entwicklung  von  (a  -|-  &)^,  die  der  wten  Wurzel  auf 
die  Entwicklung  von  {a  -\-  h)'",  eine  Auffassung,  zu  deren  Bestätigung 
es  dienen  kann,  dass  Alchaijämi  unmittelbar  vor  der  augeführten 
Stelle  von  den  Methoden  der  Inder  die  Quadrat-  und  Kubikwurzel  zu 
finden  geredet  hat  und  nur  deren  Art  vermehrt  zu  haben  sich  rühmt. 

Wir  reihen  diesen  Bemerkungen  noch  eine  geometrische  Aufgabe 
an,  welche  von  einem  ungenannten  bearbeitet  worden  ist,  der  nach 
der  ganzen  Behandlungsweise  jedenfalls  der  Zeit  und  der  Schule  an- 
gehört,  deren  Hauptvertreter  wir  soeben  kennen   gelernt  haben.     Es 


0  L'algebre  d'Omar  Alkhayami  68.      ')  Ebenda  XVII— XVIII.     =*)  Ebenda  79. 
*)  Ebenda  13. 


Der  Niedergang  der  ostarabischen  Mathematik.  Äegyptische  Mathematiker.  733 

handelt  sich  um  die  Construction  ^)  eines  Paralleltrapezes  von  drei 
einander  gleichen  gegebenen  Seiten  und  von  zugleich  gegebenem 
Flächeninhalte.  Diese  an  griechische  wie  an  indische  Vorbilder  (S.  GIO) 
erinnernde  Aufgabe  führt  zu  einer  Gleichung  des  4.  Grades  von  der 
Form  x'^  -\-  hx  =  ax^  -\-  c  und  wird  mittels  des  Durchschnittes  eines 
Kreises  und  einer  Hyperbel  gelöst. 


36.  Kapitel. 

Der  Niedergang  der  ostarabisehen  Mathematik. 
Äegyptische  Matliematiker. 

Wieder  verlangen  die  politischen  Ereignisse,  dass  wir  einen 
Augenblick  bei  ihnen  verweilen.  Wir  stehen  an  dem  Zeitpunkte, 
von  welchem  an  durch  zwei  Jahrhunderte,  in  runden  Zahlen  von 
1100  bis  1300,  jene  Kämpfe  wütheten,  welche  in  ihrer  Gesammtheit 
die  Kreuzzüge  genannt  worden  sind,  welche  aber  mehr  als  einmal 
durch  Zeiten  unterbrochen  waren,  in  welchen  friedlichster  Verkehr 
zwischen  den  Feinden  stattfand.  Das  waren  die  Zeiten,  in  welchen 
die  europäische  Christenheit  in  dauernde  unmittelbare  Beziehung  zur 
ostarabischen  Bildung  trat,  eine  Beziehung,  welche  von  grösster 
Wichtigkeit  werden  musste.  Nicht  für  die  Kultur  der  Araber  tritt 
uns  die  ganze  Bedeutung  der  Kreuzzüge  hervor.  Wenigstens  in  den 
Wissenschaften,  um  deren  Geschichte  wir  uns  zu  kümmern  haben, 
sind  die  Araber  von  1100  den  Gelehrtesten  des  christlichen  Abend- 
landes so  imgemein  überlegen,  dass  sie  nichts,  wir  würden  noch 
schärfer  betonen  gar  nichts,  von  jenen  lernen  konnten,  wenn  nicht 
vielleicht  eine  an  sich  unbedeutende  Kleinigkeit  uns  nachher  noch 
die  Vermuthung  erwecken  dürfte,  es  habe  auch  hier  sich  bewährt, 
dass  keine  Wirkung  ohne  Gegenwirkung  zu  denken  ist.  Jedenfalls 
aber  werden  wir  an  den  Einfluss  der  Kreuzzüge  vorwiegend  in  Europa 
zu  erinnern  haben. 

Die  Kriege  gegen  die  Andersgläubigen,  vornehmlich  in  Palästina 
und  Aegypten  ausge fochten ,  waren  nicht  die  einzigen,  welche  das 
arabische  Ostreich  in  diesem  Zeiträume  beschäftigten.  Daneben 
dauerten  wie  unter  allen  Dynastien  unaufhörliche  Kämpfe  gegen  die 
Provinzen  fort,  die  unter  kühnen  Feldherren  und  Gegenfürsten  bald 
sich  losrissen,  bald  zu  Paaren  getrieben  wurden.  Daneben  hatte  man 
des  Andranges  der  Mongolen  sich  7u  erwehren^),  die  im  ersten  Viertel 
des  XTTT.  S.  unter  Dschingiz-chän  die   östlichen  Grenzen  des  Reiches 


1)  L'alißhre  d'Omar  Alkhatjami  116.  ^)  Weil  S.  249— 255. 


734  36.  Kapitel. 

überflutheten.  Wieder  war  es  der  Hilferuf  eines  ohnmächtigen  Cha- 
lifen,  der  dem  Eroberer  den  kaum  mehr  nothwendigen  Vor  wand  gab, 
sich  in  dieser  Richtung  weiter  auszudehnen.  Schon  1220  wurde 
Chorasan,  jene  Geburtsstätte  zahlreicher  Mathematiker,  von  den  Mon- 
golen besetzt.  Wieder  36  Jahre  später,  1256  drangen  die  Mongolen 
unter  Hülägü  abermals  weiter  vor,  und  1258  fiel  Bagdad.  Der  Chalife 
Almustasim  wurde  mit  vielen  Prinzen  seines  Hauses  getödtet,  das 
Chalifat  hörte  auch  dem  Namen  nach  auf,  wie  es  seit  lange  schon 
der  That  nach  so  gut  wie  nicht  bestand. 

Unter  Hülagüs  Begleitern  war  ein  Mann,  der  einst  vom  Chalifeu 
schwer  beleidigt  vielleicht  zu  den  Anstiftern  jenes  Kriegszuges  ge- 
hörte, jedenfalls  unter  die  Günstlinge  des  mongolischen  Führers 
zählte  und  auch  für  uns  von  hervorragender  Bedeutung  ist:  Nasir 
Eddin^).  Der  Name  Na.sir  Eddin  d.h.  Vertheidiger  der  Religion  ist 
nur  Beiname.  Eigentlich  hiess  er  Abu  Dscha'far  Muhammed  ibu 
Hasan  al  Tüsi  aus  Tüs,  wo  er  1201  geboren  wurde.  Er  starb  1274. 
Seine  Gelehrsamkeit  umfasst  die  allerverschiedensten  Gegenstände. 
Philosophie  und  Arzneikunde,  Naturgeschichte  und  Geographie  haben 
ihm  Stoff  zu  Abhandlungen  gegeben,  neben  welchen  ein  Gesetzbuch 
der  Perser  sich  kaum  sonderbarer  ausnimmt  als  ein  Werk  über  die 
Punktierkunst.  Die  Ilchänischen  Tafeln,  welche  den  Titel  von  den 
Fürsten  erhalten  haben,  unter  welchen  Nasir  Eddin  die  Beobachtungen 
anstellte,  von  den  sogenannten  Grosschanen,  sind  das  Werk,  um  dessen 
willen  Nasir  Eddin  in  seiner  Heimath  den  grössten  Ruhm  genoss. 
Die  Beobachtungen  sind  auf  der  Sternwarte  in  Maräga  angestellt, 
deren  Gründung  1259  unmittelbar  nach  der  Einnahme  von  Bagdad 
vollzogen  wurde.  Die  dort  erbeuteten  Schätze  des  letzten  Chalifen 
fanden  zum  Theil  ihre  Verwendung  bei  der  Erbauung  der  grossartigen 
Anstalt,  deren  Kostspieligkeit  nahezu  im  Stande  gewesen  wäre,  noch 
im  letzten  Augenblick  die  Inangriffnahme  zu  verhindern,  wenn  nicht 
Nasir  Eddin  es  verstanden  hätte,  Hülägü  zu  bereden.  Nach  Fertig- 
stellung der  Sternwarte  diente  sie  als  Sammelplatz  zahlreicher  Astro- 
nomen, welche  Hülägü  herbeirief.  Von  mathematischen  Schriften 
Nasir  Eddins  werden  solche  über  Algebra,  über  Arithmetik  und  über 
Geometrie  genannt.  Von  grosser  Bedeutung  ist  die  Abhandlung 
Nasir  Eddins    über    die   Figur    der    Schneidenden^),   d.  h.   über 


')  lieber  Nasir  Eddin  vergl.  einen  Aufsatz  von  Wurm  in  v.  Zachs 
Monatlicher  Correspondenz  zur  Beförderung  der  Erd-  und  Himmelskunde  (1811) 
Bd.  XXIII,  S.  64—78  und  341—361.  ^)  Nasir  Eddins  Schuld  al  kattd,  wie 

der  arabische  Name  lautet,  ist  181)2  durch  Alexander  Pascha  Karatheodory 
herausgegeben  worden.  Suter  gab  ein  Referat  in  der  Bibliothcca  mathemaüca 
1803,  1 — 8,  an  welches  wir  uns  theilweise  wörtlich  anschliessen. 


Der  Niedergang  der  ostarabischen  Mathematik.   Aegyptische  Mathematiker.  735 

den  Satz  des  Menelaos.  Er  hat  auf  denselben  eine  ganz  vollständige 
ebene  und  sphärische  Trigonometrie  aufgebaut,  welche  hier  zum  ersten 
Male  als  Theile  der  reinen  Geometrie  erscheinen,  d.  h.  nicht  mehr 
bloss  als  Einleitung  zur  Astronomie  dienen.  In  der  ebenen  Trigono- 
metrie kennt  er  den  Sinussatz,  in  der  sphärischen  sind  ihm  die  sechs 
Hauptformeln  des  rechtwinkligen  Dreiecks  vertraut,  er  löst  aber 
auch  alle  sechs  Fälle  des  schiefwinkligen  Dreiecks,  sofern  man  nicht 
geschmeidige  Formeln  verlangt,  sondern  sich  damit  zufrieden  gibt, 
dass  gezeigt  Avird,  man  könne,  wenn  diese  oder  jene  Stücke  gegeben 
sind,  diese  oder  jene  andere  Stücke  finden.  In  diesem  Sinne  führt 
Nasir  Eddin  auch  den  Fall  der  drei  Winkel  auf  den  der  drei  Seiten 
zurück,  üeber  die  wichtige  Frage,  welche  Verbreitung  diese  Tri- 
gonometrie fand,  und  ob  sie  den  ganzen  Einfluss  übte,  den  sie  zu 
üben  im  Stande  war,  fehlen  noch  Untersuchungen.  Weit  bekannter 
als  Nasir  Eddins  Trigonometrie  war  jedenfalls  seine  Bearbeitung  der 
Euklidischen  Elemente.  Er  hat  an  seiner  Vorlage  mancherlei  zu 
ändern  gewagt,  und  insbesondere  findet  sich  bei  ihm  ein  Versuch, 
die  Parallelentheorie  von  den  ihr  innewohnenden  Schwächen  zu 
befreien^). 

Erläuterungen  zu  Euklid  wurden  dagegen  auch  später  noch  ge- 
schrieben, und  als  Verfasser  von  solchen  wird  der  Perser  Kädizä- 
deh  Ar-Rumi  genannt"),  der  auch  den  Namen  Maulänä  Salaheddin 
Musä  ihn  Muhammed  führte,  und  von  welchem  ein  Leben  des  Euklid 
nach  griechischen  Quellen  herrührt,  welches  handschriftlich  noch  vor- 
handen sein  soll.  Kädizädeh  Ar-Rümi  starb  1412  oder  1413.  Er  ge- 
hörte zu  den  Astronomen,  welche  wieder  ein  neuerer  Eroberer  an 
einen  neuen  Mittelpunkt  zusammenrief. 

Timür^),  gewöhnlich  Tamerlan  genannt,  ein  Häuptling  des  Tar- 
tarenstammes  Berlas,  schuf  sich  am  Schlüsse  des  XIV.  S.  ein  neues 
Reich.  Wenn  er  auch  1393  in  Bagdad  einzog,  seine  Hauptstadt 
hatte  er  in  Samarkand,  welche  rasch  emporblühte  und  Sammelplatz 
für  Handel  und  Gewerbe,  für  Künste  und  Wissenschaften  wurde. 
Timür  selbst,  noch  mehr  sein  Sohn  Schähruch  bemühten  sich,  dieses 
Ergebniss  hervorzubringen,  und  mm  gar  der  Enkel  Muhammed  ibn 
Schähruch  Ulüg  Beg,  geboren  1393,  ermordet  1449,  war  selbst  ein 
hervorragender  Astronom  und  verfertigte  in  Gemeinschaft  mit  Anderen 
astronomische  Tafeln  von  hohem  Werthe*).  Zu  seinen  Hilfsarbeitern 
gehörte  vorzugsweise  Ar-Rümi,  der   auch  als  Lehrer   des  Ulüg  Beg 

1)  Wallis,  Opera  II,  669—673.  Kästner,  Geschichte  der  Mathematik  I, 
374 — 381.  ^)  Gartz,  De  interpreübus  et  exiüanatoribus  Euclidis  Arabicis  etc. 
pag.  30-31.  ^)  Weil  S.  421flgg.  *)  Sedillot  hat  1853  die  Einleitung  zu 
diesen  Tafeln  iu  französischer  Uebersetzung  herausgegeben. 


736  36.  Kapitel. 

angeführt  wird.  Der  Sohn  Ar-Rüniis  Mahmud  ihn  Muhammed  ibn 
Kadizädeh  Ar-Rümi  genannt  Miram  Tschelebi  schrieb  1498  Er- 
Uiuterungen  zu  jenen  Tafeln'). 

Zu  dem  Ulüg-Beg'schen  Gelehrtenkreise  ist  auch  Dschamschid  ibn 
Masud  ibn  Mahmud  der  Arzt  mit  dem  Beinamen  Gijät  eddin  Al-Kaschi 
zu  zählen,  welcher  eine  Abhandlung  „Schlüssel  der  Rechenkunst"  ver- 
fertigte, welche  handschriftlich  vorhanden  ist,  und  deren  Vorrede  auch 
übersetzt  worden  ist^).  Der  Verfasser  kündigt  in  der  Vorrede  einige 
der  Sätze  au,  welche  er  mittheilen  wird.  Dazu  gehört  die  Summen- 
formel der  auf  einander  folgenden  Kubikzahlen  von  1  an,  wie  sie 
unter  den  Arabern  uns  bei  Alkarchi  bekannt  geworden  ist  (S.  724), 
aber  auch  die  Summenformel  für  die  mit  der  1  beginnenden  auf 
einander  folgenden  Biquadratzahlen,  welche  hier  überhaupt  zum  ersten 
Male  auftreten  dürfte.     Gijät  eddin  Al-Käschi  setzt 

I4_^2^_|.34_j [-^4_[^a +  2 +  3_^--fO-i_|_  (-1^2  +  3-1 \-r] 

X[12_^  22+32  H \-r'], 

eine  allerdings  sehr  umständliche  Form,  deren  Zurückführung  in  die 

einfachere  Gestalt 

6r^-f  15r*+  lOr^—  r 
30 

er  nicht  zu  vollziehen  im  Stande  gewesen  zu  sein  scheint,  jedenfalls 
nicht  vollzogen  hat.  In  jener  Vorrede  rühmt  sich  der  Verfasser  auch 
eine  Methode  erfunden  zu  haben,  um  die  Sehne,  die  zu  dem  Bogen 
von  1**  gehört,  in  beliebiger  Annäherung  zu  erhalten,  weil  es  doch 
nicht  möglich  sei,  in  genauer  Weise  die  Sehne  eines  Bogens  aus 
der  Sehne  des  dreifachen  Bogens  abzuleiten.  Die  Unmöglichkeit 
der  algebraischen  Auflösung  cubischer  Gleichungen  galt 
also  damals  auch  bei  den  Arabern  noch  für  ausgemacht. 

Die  Näherungsmethode  Al-Käschis  ist  uns  höchst  wahrscheinlich 
bekannt,  denn  sein  Name  dürfte  in  der  wohl  durch  falsche  Stellung 
der  sogenannten  diakritischen  Punkte  veränderten  Lesart  Atabeddin 
Dschamschid  zu  erkennen  sein,  von  welchem  Miram  Tschelebi  in 
dem  obengenannten  Commentare  zu  den  Ulüg  Beg'schen  Tafeln  uns 
eine  solche  Methode  mittheilt').  In  modernen  Zeichen  stellt  die  Me- 
thode sich  etwa  folgendermassen  dar.     Es  sei    x^  -\-  Q  =  Fx   aufzu- 


')  Journal  Asiatique  für  1853,   serie  5,  T.  II,  333—356.  ^)  Woepcke, 

Fassages  relatifs  ä  des  sommations  de  scries  de  cubes.  Roma  1864,  pag.  22 — 25. 
*)  Journal  Asiatique  von  1853,  serie  5,  T.  II,  pag.  347,  Die  Vermuthung  Ata- 
beddin =  GijTit  Eddin  hat  gestützt  auf  die  Ansicht  mehrerer  Orientalisten 
Uaukel  S.  292,  Anmerkung*  ausgesprochen.  Die  Näherungsmethode  selbst 
hat  er  S.  291  an  einem  Beispiele  durchgeführt. 


Der  Niedergang  der  ostarabischen  Ma'thematik.  Aegyptische  Mathematiker.  737 

lösen,  wo  P  und  Q  positive  Zahlen  und  F  gegen  Q  sehr  gross  sein 
soll,  woraus  alsdann  folgt,  dass  x  entsprechend  klein,  also  auch  x^ 
gegen  Q  sehr  klein  gewählt,  die  Gleichung  zu  erfüllen  vermag.  Dem 
entsprechend  wird,  indem  wir  das  Aehnlichkeitszeichen  rv)  benutzen, 
um  angenäherte  Gleichheit  auszudrücken,  neben 

auch     xoo^ 

sein.  Liefert  jene  Division  einen  Quotienten  a  und  den  Rest  72,  so 
ist  Q  =  a  ■  P  -\-  R.  Der  genaue  Werth  von  x  wird  jedenfalls  >  a 
sein,  etwa    =  a  -\-  ß  .     Alsdann  ist 

Die  Division  — ^ —  möge  den  Quotienten  b,  den  Rest  S  liefern,  sodass 
II  =  hP  -\-  S  —  a^ .    Weiter  setzen  wir  x  =  a-\-h-{-y .    Daraus  folgt 

Die  letztere  Division  "L wird    nun    abermals    vollzogen. 

Sie  liefere  den  Quotienten  c  mit  dem  Reste  T  oder 

T=S^{a  +  hy  -a^  —  cP. 
Ein  weiterer  Annäherungsversuch  x  =  a-{-h-{-c-\-8  führt  demnach  zu 

=.«  +  &  +  , +  ^H,(^+H^±i)!^(^^l^ 

C\J  a  -\- h -\-  c -\ ^^—^ ^—^ ^— ! — ^  u.  s.  w. 

Die  Brauchbarkeit  dieser  Methode,  bei  welcher  es  nur  auf  Divi- 
sionen durch  einen  und  denselben  Divisor  P  und  auf  Berechnung  der 
dritten  Potenzen  von  a,  von  a  -\-  h ,  von  a  -\-  h  -\-  c  u.  s.  w.,  also 
von  den  auf  einander  folgenden  Näherungswerthen  von  x,  ankommt, 
ist  eine  ziemlich  bedeutende  und  hat  nur,  wie  man,  um  allzuhoch- 
gespannten Meinungen  entgegenzutreten,  •  hervorheben  muss,  den  »einen 
Mangel,  dass  ein  einzig  auf  die  gegebene  Gleichungsform  unter  der 
Bedingung  eines  gegen  Q  sehr  grossen  P  beschränktes  Verfahren 
damit  gelehrt  ist.  Ist  letztere  Bedingung  nicht  erfüllt,  oder  ist  die 
Form  der  Gleichung  nicht  x^  -\-  Q  =  Px ,   so  lässt  die  Methode  sich 

Caktok,  Geschichte  der  Mathematik   I.    2.  Aufl.  47 


738  36.  Kapitel. 

nicht  anwenden.  Es  muss  vielmehr  alsdann  wesentlich  anders  ver- 
fahren werden,  und  ob  ein  Araber,  der,  wie  wir  wissen,  nur  mit 
positiven  Zahlen  rechnete  und  deshalb  so  viele  verschiedene  Gleichungs- 
formen unterscheiden  musste,  auch  in  jenen  abweichenden  Fällen 
sich  zu  helfen  wusste,  ist  uns  im  höchsten  Grade  unwahrscheinlich, 
da  nicht  einmal  andeutungsweise  von  solchen  anderen  Fällen  die 
Rede  ist. 

So  tief  wir  schon  herabgerückt  sind,  bis  zu  einer  Zeit,  welche 
schon  später  als  die  Einnahme  von  Byzanz  durch  die  Türken  liegt 
und  eigentlich  erst  im  folgenden  Bande  dieses  Werkes  besprochen 
werden  dürfte,  so  wollen  wir  doch  in  ähnlicher  Weise,  wie  wir  dieses 
für  die  Mathematik  der  Chinesen  uns  gestattet  haben,  lieber  jetzt 
eine  zeitliche  als  später  eine  räumliche  Abweichung  von  einem  ein- 
heitlich angelegten  Plane  uns  gestatten.  Man  muss  nun  einmal  die 
Entwicklung  der  Mathematik  auf  asiatischem  Boden  unter  die  zu 
betrachtenden  Dinge  vollwerthig  einrechnen,  wird  aber  entschieden 
besser  daran  thun,  sie  ein  für  allemal  von  Anfang  bis  zu  Ende  zu 
verfolgen,  als  sie  der  Entwicklung  auf  europäischem  Boden  je  und  je 
einzureihen. 

Jahrhunderte  hindurch  haben  die  Araber  des  Ostens  einen 
mächtigen  Vorsprung  vor  den  Europäern,  die  theil weise  bei  ihnen 
in  die  Schule  gehen.  Mit  den  Männern,  welche  wir  zuletzt  genannt 
haben,  hört  jeder  Fortschritt  bei  den  Einen  auf,  während  er  bei  den 
Anderen  zu  immer  rascherer  Gangart   sich   gestaltet.     Und   auch   die 

TD  O 

Empfänglichkeit  der  Araber  auf  mathematischem  Gebiete  war  dahin. 
Das  zeigt  uns  der  letzte  orientalische  Schriftsteller,  von  dem  wir 
nunmehr  zu  reden  haben,  Behä  Eddiu^).  Dieser  Mathematiker  lebte, 
wie  ein  in  arabischer  Sprache  verfasstes  biographisches  Wörterbuch 
berichtet,  1547  — 1622.  Er  war,  was  aus  einzelnen  Stellen  seines 
Rechenbuches  mit  Bestimmtheit  hervorgeht,  Schi'"ite  und  demnach 
wahrscheinlich  geborener  Perser  oder  doch  in  Persien  ansässig,  was 
mit  der  Angabe,  er  sei  in  Ispahan  gestorben,  im  Einklang  steht. 
Der  Titel  des  von  ihm  herrührenden  Werkes  lautet  Essenz  der  Rechen- 
kunst, Chuläsat  al  hisäb,  weil  es  die  Essenz  der  Bücher  älterer  Schrift- 
steller sei,  die  er  vereinigt  habe.  Den  Inhalt  bildet  ein  Gemenge 
von  arithmetischen,  algebraischen,  geometrischen  Dingen  in  bunter 
lleihenfolge,  mid  nicht  minder  bunt  ist  das  Gemenge,  wenn  wir  die 
einzelnen   Dinge    auf   ihren   .Ursprung   uns    ansehen    und   Griechisch- 


*)  Beha  Eddins  Essenz  der  Rechenkunst,  arabisch  und  deutsch  heraus- 
gegeben von  Nesselmann.  Berlin  184.S.  Biographisches  in  den  Anmerkungen 
auf  S.  74  -75. 


Der  Niedergang  der  ostarabischen  Mathematik.   Aegyi^tisclie  Mathematiker.    739 

abeudländisches  mit  Indiscliem,  mit  Arabischem  regellos»  wechselnd 
erkennen.  Nur  Eines  muss  man  nicht  erwarten:  dass  Behä  Eddins 
Sammelgeist  es  verstanden  hätte,  jeder  Heimath  die  edelste  Frucht 
zu  entnehmen,  welche  sie  zeitigte.  Griechisch  erscheint  die  Behauptung, 
die  Einheit  sei  keine  Zahl,  erscheint  das  ganze  Kapitel  der  Messungen 
mit  einer  Ausnahme.  Griechisch  ist  die  Auffindung  der  vollkommenen 
Zahlen,  der  Summe  von  Quadrat-  und  Kubikzahlen.  Ebendahin  weist 
uns  wohl  die  complementäre  Multiplikationsmethode  (S.  492),  welche 
Behä  Eddin  kennt  und  folgendermassen  lehrt:  „Addire  die  beiden 
Faktoren  und  nimm  den  Ueberschuss  über  10  zehnfach  und  dazu  das 
Produkt  der  Ueberschüsse  der  10  über  jeden  Faktor"^).  Er  dehnt  die 
Regel,  welche,  wie  er  ausdrücklich  hervorhebt,  nur  für  zwei  Faktoren 
zwischen  5  und  10  Geltung  hat,  auch  mit  einigen  geringfügigen  Ab- 
änderungen auf  andere  Faktoren  aus.  Die  complementäre  Division 
ist  dagegen  auch  in  Behä  Eddins  Essenz  nicht  eingedruno-en,  und  an 
abendländische  Zuthat  erinnert  bei  der  Division  nur  das  Ziehen  von 
Vertikallinien,  welches  freilich  zur  Vermeidung  von  Irrthümern  Jeder- 
mami  erfinden  konnte,  welches  aber  auch  ein  Ueberbleibsel  von 
Kolumnen  sein  kann,  welche  in  Europa  benutzt  wurden.  An  Heron 
werden  wir  in  dieser  spät  entstandenen  Sammlung  durch  Höheu- 
messungen  aus  Schattenlängen  und  mit  Hilfe  von  Beobachtungsvor- 
richtungen'-) erinnert,  an  ihn  durch  die  Aufgabe  die  Breite  eines 
Flusses  zu  messen.  Die  Ausführung  dieser  Messung  selbst  erfolgt 
in  einer  uns  noch  unbekannten  Art:  „Stelle  Dich  an  das  Ufer  des 
Flusses  und  beobachte  sein  anderes  Ufer  durch  das  Diopterlineal; 
dann  kehre  Dich  um,  so  dass  Du  durch  dasselbe  eine  Stelle  des 
Bodens  siehst,  während  das  Astrolabium  an  seinem  Platze  bleibt; 
nun  ist  der  Abstand  zwischen  Deinem  Standpunkte  und  jener  Stelle 
gleich  der  Breite  des  Flusses"^).  An  Indien  erinnert  uns  das  Ziffer- 
rechnen, die  Neunerprobe,  die  Regeldetri,  die  Rechnung  des  doppelten 
falschen  Ansatzes,  die  Rechnung  durch  Umkehrung  der  Reihenfolge 
und  Ausführung  der  zu  vollziehenden  Operationen,  die  Netzmulti- 
plikation"^),  welche  letztere  besonders  deutlich  gelehrt  wird,  während 
zwei  andere  Multiplikationsmethoden  nur  genannt,  aber  nicht  erläutert 
werden,  so  dass  der  Sinn,  der  mit  der  Multiplikation  des  Umgürtens 
und  des  Gegenüberstellens  zu  verbinden  ist,  räthselhaft  bleibt. 
Wenn  wir  diese  Dinge  griechisch-abendländisch,  beziehungsweise 
indisch  nannten,  so  ist  unsere  Meinung  keineswegs  die,  als  habe 
Behä  Eddin  aus  jenen  entfernten  Quellen   selbst  geschöpft.     Er  hat 


')  Beha  Eddin  S.  9.         '')  Ebenda  S.  35—36.  '•')  Ebenda  S.  3Ü— 37. 

•')  Ebenda  S.  12. 

47* 


740  36.  Kapitel. 

zuverlässig-  nur  Scliriften  seiner  Heimath  benutzt.  Aber  in  jene  sind 
früher  oder  später  die  Einschiebungen  schon  erfolgt  und  zwar,  wie 
es  uns  wenigstens  vorkommt,  die  der  Kolumnenüberbleibsel,  möglieher- 
Aveise  der  complementären  Multiplikation,  vielleicht  auch  der  praktisch- 
feldmesserischen  Aufgaben  erst  nach  den  Kreuzzügen.  Arabische 
Originalquellen  lieferten  daneben  die  Unmöglichkeit,  der  Gleichung 
x^ -\- y^  =  z^  zu  genügen^)  oder  eine  Quadratzahl  zu  finden,  welche 
um  10  vermehrt  oder  vermindert  wieder  eine  Quadratzahl  liefere. 
Einheimisch  war,  so  weit  wir  wissen. 


Einheimisch  kann  auch  die  Vorschrift  sein,  den  Kreisumfang 
durch  einen  Faden  zu  messen^),  sowie  wir  die  falsche  Regel  den 
Raum  einer  Kugel  vom  Durchmesser  d  durch 


cf 


{(i-Ä)-Ä(i-u)-n[(i"Ä)-Ä(i-fJ]) 


zu  berechnen^)  einheimischem  Missverständnisse  später  Zeit  zur  Last 
legen  möchten.    Augenscheinlich  ist  nämlich  der  für  den  Kugelinhalt 

angegebene    Ausdruck    gleichbedeutend    mit    ( —  ^1  =  ( ^1    d.  h.  mit 

dem  Kubus  des  vierten  Theils  des  Kreisumfanges,  und  bei  aller  Ver- 
wandtschaft mit  der  falschen  Berechnung  des  Kugelinhaltes  durch 
Aryabhatta  (S.  604)  ist  doch  die  Verschiedenheit  wieder  zu  bedeutend, 
um  ein  Abhängigkeitsverhältniss  anzunehmen.  Weit  eher  möchten 
wir  an  die  spätrömische  Kreisflächenausmessung  (S.  550)  uns  erinnert 
fühlen.  Einige  geometrische  Namen  sind  sowohl  nach  Bedeutung  als 
Ursprung  zweifelhaft,  einige  wenigstens  in  letzterer  Beziehung.  Einer 
Art  von  Trapez,  welche  Gurke  genannt  wird,  stehen  wir  ebenso 
rathlos  gegenüber  wie  der  Commentator,  der  da  sagt:  „Eine  Beschrei- 
bung dieser  Art  von  Trapezen  ist  in  keinem  Buche  zu  finden,  die  es 
erläuterte;  vielleicht  wird  Gott  nach  dieser  Zeit  es  lehren"*).  Woher 
stammt  die  Spitzenfigur,  das  ist  ein  Steruzehneck,  dessen  Seiten 
nur  bis  zu  ihrem  gegenseitigen  Durchschnitt,  nicht  darüber  hinaus 
gezeichnet  sind,  so  dass  das  Innere  der  Figur  leer  bleibt?  Hängt 
der  Name  Figur  der  Braut,  welcher  dem  pythagoräischen  Dreiecke 


')  Beha  Eddin  S.  56,  Nr.  4.  Diese  Nummer  bezieht  sich  auf  sieben  von 
Behä  Eddin  in  seinen  Schhissworten  S.  55 — 56  zusammengestellte  Aufgaben, 
welche  er  als  solche  bezeichnet,  die  „seit  alter  Zeit  als  unauflösbar  übrig 
blieben,  sich  empörend  gegen  alle  Genies  bis  zu  dieser  Frist".  Mit  der  Beleuch- 
tung jener  Aufgaben  hat  sich  gelegentlich  Genocchi  beschäftigt  in  Tortolini, 
Annali  dt  scienze  mateni'äiche  e  fisiche  VI,  297 — 304  (1855).  ^)  Ebenda  S.  31. 
")  Ebenda  S.  33.         '')  Ebenda  S.  29  und  66,  Anmerkung  17. 


Der  Niedergang  der  ostarabischen  Mathematik.   Aegyptische  Mathematiker.  741 

beigelegt  wird'),  etwa  mit  tulismanischer  Verwendung  desselben  zu- 
sammen, ähnlich  wie  wir  solche  von  magischen  Quadraten  berichtet 
bekommen?  Das  sind  Fragen,  die  ihrer  Beantwortung  noch  harren. 
Im  Ganzen  aber  dürften  unsere  Leser  von  Behä  Eddins  Essenz  der 
liechenkuust  den  Eindruck  erhalten  haben,  dass  hier  ein  Rückschritt, 
oder  jedenfalls  mindestens  ein  Stehenbleiben  der  Wissenschaft  zu  be- 
merken ist,  welche  vorher  ruckweise  vorgeschritten  war. 

Man  hat  mit  Fug  und  Recht  als  ein  kennzeichnendes  Merkmal 
der  arabischen  Mathematik  den  Umstand  hervortreten  lassen^),  dass 
sie  durchaus  von  Fürstengunst  abhängig  war,  dass  es  einzelne 
Herrscher  waren,  die  zur  Astronomie  eine  Vorliebe  an  den  Tag 
legten,  und  dass  unter  ihnen  Astronomen  und  Mathematiker  erstanden, 
sonst  nicht.  Es  ist  vielleicht  nicht  minder  kennzeichnend,  dass  keine 
einzige  Herrscherfamilie  ohne  solche  der  Wissenschaft  huldigende  und 
dienende  Vertreter  war.  Die  ersten  Abbasiden  wie  die  Bujiden, 
seldschukische  wie  mongolische  Fürsten,  wie  endlich  jenen  Enkel 
Tamerlans  haben  wir  rühmend  zu  nennen  gehabt.  Es  war,  als  wenn 
der  auch  nur  vorübergehende  Besitz  von  Bagdad  die  Geister  mit 
Wissensdrang  erfüllte  und  Bagdad  so  wirklich  die  Stadt  des  Heils 
war,  als  welche  ihr  Name  sie  bezeichnete.  Und  in  anderer  Beziehung 
war  es,  als  wenn  derselbe  Besitz,  jenem  Kleinode  der  nordischen 
Sage  vergleichbar,  für  den,  der  sich  desselben  bemächtigte,  den  Keim 
des  Unheils  in  sich  getragen  hätte,  so  rasch  verfielen  die  auf  einander 
folgenden  Herrscherfamilien  dem  Fluche  der  Zwietracht  und  des  Ver- 
wandtenmordes. 

Folgende  Zeitpunkte  traten  uns  in  unserer  ausführlichen  Dar- 
stellung vor  Augen,  deren  wir  nur  noch  einmal  unter  Erwähnung 
der  wichtigsten  Namen  uns  erinnern  wollen.  Unter  den  Abbasiden 
in  dem  etwa  150  Jahre  dauernden  Zeitraum  vom  letzten  Viertel  des 
VIII.  bis  zum  ersten  Viertel  des  X.  S.  ist  es  der  Hauptsache  nach 
Aneignung  indischer  und  mehr  noch  griechischer  Mathematik,  letztere 
in  zahlreichen  Uebersetzuugsarbeiten  sich  äussernd,  welche  wir  einem 
Muhammed  ihn  Müsä  Alchwarizmi,  einem  Täbit  ihn  Kurra,  einem 
Albattäni  nachzurühmen  haben.  Bei  ihnen  beginnt  daneben  eine 
zahlentheoretische  und  eine  trigonometrische  Selbstthätigkeit,  welche 
indessen  gegen  den  Uebersetzungseifer  zurücktritt.  Ihm  sind  wir  zu 
besonderem,  zu  um  so  grösserem  Danke  verpflichtet,  als,  wie  wir 
noch  sehen  werden,  die  griechische  Mathematik  höherer  Natur  dem 
Abendlande  wesentlich  durch  arabisiche  Kanäle  zugeführt  wurde,  jeden- 
falls von  da  aus  weit  früher  bekannt  wui'de,  als  die  Neuentdeckung 


')  Beha  Eddin  S.  71,  Anmerkung  33.         *)  Hankel  S.  252. 


742  36.  Kapitel. 

der  Originaltexte  es  ermögliclite.  Ja  in  einzelnen  Fällen  sehen  wir 
uns  heute  noch  auf  arabische  Uebersetzungen  zum  alleinigen  Ersätze 
für  die  verloren  gegangenen  Originalien  angewiesen.  Um  das  Jahr 
1000  herum  gruppiren  sich  sodann  unter  bujidischem  Schutze  die 
grossen  Schriftsteller,  welche  wieder  durch  zahlentheoretische,  aber 
auch  durch  geometrische  und  vorzugsweise  durch  algebraisch- geo- 
metrische Forschungen  die  Wissenschaft  vermehrten,  ein  Abü'l  Wafä, 
welcher  daneben  noch  eine  gewisse  Stetigkeit  nach  rückwärts  her- 
stellend zu  den  Uebersetzern  gehört,  ein  Alkühi,  ein  Alsidschzi,  ein 
Alchodschandi,  ein  Abü'l  Dschüd,  ein  Alkarchi.  Ihnen  gleichzeitig 
vertrat  Albirüni  uns  die  Blüthe  des  gaznawidischen  Hofes.  Im  letzten 
Viertel  des  XI.  S.  begünstigen  seldschukische  Sultane  'Omar  Alchaijami, 
den  systematischen  Algebraiker,  dem  zuerst  mit  vollem  Bewusstsein 
die  Schwierigkeit  der  cubischen  Gleichung  entgegentrat,  und  dem  die 
Geometrie  nur  dienendes  Werkzeug  für  seine  Zwecke  wurde.  Die 
Schule  Nasir  Eddins  knüpfte  in  der  Mitte  des  XIII.  S.  an  die  von 
mongolischen  Fürsten  errichtete  Sternwarte  zu  Maräga  ihr  Bestehen, 
und  eine  Schule  des  XV.  S.  hatte  zu  Samarkand  in  dem  tartarischen 
Fürsten  Ulüg  Beg  Gönner  und  Mitglied  zugleich.  Die  beiden  letzten 
Schulen  gehörten  mehr  der  Geschichte  der  Astronomie  als  der  der 
Mathematik  an,  und  nur  Gijät  eddin  Al-Käschi  verdiente  für  uns  be- 
sondere Berücksichtigung  wegen  einer  sinnreichen  Näherungsrech- 
iiung  zur  Auflösung  kubischer  Gleichungen  von  einer  gewissen  ge- 
gebenen Form. 

Der  Höhepunkt  der  Mathematik  war  für  die  Araber  des  Ostens 
etwa  auf  1050  zwischen  die  Namen  Alkarchi,  Alchaijami  anzusetzen. 
Von  da  an  ging  es  bergab,  erst  mit  theilweise  neuen  kleinen  Er- 
hebungen, dann  in  trostlose  Oede  sich  verflachend,  als  deren  Sohn 
allein  Behä  Eddin  am  Ende  des  XVI.  und  Anfang  des  XVII.  S.  uns 
noch  beschäftigen  durfte. 

Die  äussersten  Grenzen  des  ostarabischen  und  des  westarabischen 
Kulturbereiches  sind  durch  ungeheure  Entfernungen  von  einander  ge- 
schieden und  gewähren  dadurch  und  durch  die  politische  Trennimg, 
mitunter  verstärkt  durch  religiöse  Gegensätze,  die  Möglichkeit  und 
die  Nothwendigkeit  gesonderter  Betrachtung  der  beiderseitigen  Ent- 
wicklungen. Minder  streng  lässt  sich  aber  die  Sonderung  für  die  an 
einander  stossenden  Bezirke  beider  Reiche  durchführen,  und  insbe- 
sondere hätte  von  den  beiden  Persönlichkeiten,  welche  jetzt  noch  die 
ägyptische  Mathematik  uns  vertreten  sollen,  mindestens  die  zweite 
als  im  Osten  geboren  und  herangebildet  mit  gleichem  Rechte  wie 
hier  im  vorigen  Kapitel  behandelt  werden  können.  Das  macht,  dass 
die  ägyptischen  Fürsten  Schi'iten  waren  und  darum  den  sunnitischen 


Der  Niedergang  der  ostarabischen  Mathematik.    Aegyptische  Mathematiker.     743 

Abbasiden  viel  schroffer,  deu  gleichfalls  schi'itischen  Bujideu  dagegen 
kaum  feindlich  gegenüberstanden,  so  dass  nuter  diesen  ullmälig  Be- 
ziehungen vorkommen,  welche  noch  unter  den  ersten  Bujiden  zu  den 
Unmöglichkeiten  gehören. 

Ihn  Jünus  von  Kairo,  seinem  ausführlichen  Namen  nach  Abü'l 
Hasan  'Ali  ibn  Abi  Sa'id  Abderrahmän,  starb  1008,  war  also  in  der 
Blüthezeit  seines  Wirkens  Zeitgenosse  des  Abü'l  Wafu,  ähnelte  in 
seinen  astronomisch-trigonometrischen  Leistungen  ebendemselben  und 
scheint  doch  von  dessen  Arbeiten  in  keiner  Weise  Notiz  genommen 
zu  haben,  sei  es,  dass  er  sie  wirklich  nicht  kannte,  sei  es,  dass  er 
sie  nicht  kennen  wollte.  Die  ägyptischen  Herrscher  Al-'Aziz, 
975—996,  und  Al-Häkim,  996  —  1021,  waren  für  Ibn  Jünus  frei- 
gebige Gönner.  Sie  sorgten  für  seine  wissenschaftlichen  Bedürfnisse 
durch  Erbauung  und  Ausstattung  einer  Sternwarte,  durch  Anlage 
einer  Büchersammlung  u.  s.  w.  Er  arbeitete  auf  ihr  Geheiss  seine 
astronomischen  Tafeln  aus,  welche  Al-Häkim  zu  Ehren  die  häkimi- 
tischen  Tafeln  genannt  wurden^)  und  in  der  Geschichte  der  Astro- 
nomie eine  rühmliche  Stellung  eimiehmen.  Für  die  Geschichte  der 
Mathematik  ist  weniger  daraus  zu  entnehmen,  höchstens  die  Auf- 
lösung einiger  Aufgaben  der  sphärischen  Trigonometrie  und  die  un- 
bewiesene Näherungsformel 

.     .„  1       8         .      /0\o     ,      2      16     .      /15\o 

«^^  1  =  Y  •  y  •  ^^^  1 8 7  +3-15  «^^  (ig)  ■ 

Das  sind  aber  keine  grundsätzlichen  Neuerungen,  und  ob  er  bei  Be- 
nutzung des  Wortes  Schatten  um  den  Quotienten  des  Sinus  eines 
Winkels  durch  den  Cosinus  desselben  Winkels  zu  benennen  wirklich 
vollständig  unabhängig  von  Abü'l  Wafä  verfuhr,  mag  dahingestellt 
sein.  Gewiss  ist,  dass  er  insofern  unter  Jenem  blieb,  als  er  seine 
Schattentafel  nie  zur  Berechnung  anderer  Winkel  als  wirklicher 
Sonnenhöhen  verwerthete,  während  Abü'l  Wafä,  dessen  Tod  fast 
10  Jahre  früher  als  die  letzte  von  Ibn  Jünus  angestellte  Beobach- 
tung eintrat,  die  Verallgemeinerung  des  Schattenbegrifles,  wie  wir 
wissen  (S.  704),  vollzogen  hat. 

Der  zweite  Schriftsteller,  welchen  wir  hier  der  Besprechung 
unterziehen,  ist  in  Al-Basra  geboren  und  nur  im  Mannesalter  in 
Aegypten  eingewandert.  Sein  vollständiger  Name  lautet  Abu  'Ali  al 
Hasan  ibn  al  Hasan  ibn  Alhaitam,  kürzer  als  Ihn  Alhaitam  be- 
zeichnet,   mit   an   Sicherheit   grenzender   Wahrscheinlichkeit   derselbe 


1)  Der  Anfang  ist  von  Gaus  sin  übersetzt  und  erläutert  in  den  A'otices  et 
extraits  de  la  bibliothcqiie  nationale  T.  VII,  pag.  16  —  240.  Die  ungedi-uckte 
Uebersetzung  der  späteren  Kapitel  durch  Sedillot  hat  Delambre  für  seine 
Histoire  dt-  Vantronomie  du  moyen-age  benutzt,     Vea-gl.  Hankel  S.  244,  282,  288. 


744  36.  Kapitel. 

grosse  Gelehrte,  dessen  Optik  von  lateinischen  Uebersetzern  mit  dem 
Verfassernamen  Alhazen  überschrieben  ist').  Dürfen  wir  diese 
Identität  festhalten,  so  bleibt  allerdings  aus  der  Optik,  so  bedeutend 
ihr  Werth  für  die  Geschichte  der  angewandten  Mathematik  ist,  für 
uns  nur  eine  Aufgabe  merkwürdig,  nämlich  die  den  Spiegelungs- 
punkt eines  kugelförmig  gekrümmten  Spiegels  zu  finden,  von  welchem 
aus  das  Bild  eines  an  einem  gegebenen  Orte  befindlichen  Gegen- 
standes in  ein  gleichfalls  an  einem  gegebenen  Orte  befindliches  Auge 
geworfen  wird,  eine  Aufgabe,  welche  analytisch  behandelt  zu  einer 
Gleichung  des  4.  Grades  führt  ^).  Den  aus  Al-Basra  gebürtigen  Ibn 
Alhaitam  haben  wir  jedenfalls,  und  zwar  noch  zur  Zeit  als  er  im 
Osten  lebte,  als  Verfasser  einer  in  einem  Vatikancodex  noch  vor- 
handenen Abhandlung  über  die  Quadratur  des  Kreises  anzuer- 
kennen^), von  welcher  ungemein  zu  bedauern  ist,  dass  sie  noch 
keinen  Bearbeiter  gefunden  hat,  weil  sie  die  erste  Abhandlung  dieses 
Titels  seit  Archimed  ist,  *9^on  deren  Erhaltung  wir  Keimtniss  haben, 
und  weil  nach  der  Bedeutung  des  Verfassers  zu  urtheilen  sicherlich 
interessante  Versuche  darin  zu  erwarten  sind,  dem  Werthe  der  Kreis- 
fläche so  nahe  als  möglich  zu  kommen. 

Ebenderselbe  Ibn  Alhaitam  hat  auch  ungemein  zahlreiche 
sonstige  Schriften  zu  Stande  gebracht,  von  welchen  wenigstens  eine 
geometrische  zur  Uebersetzung  gelangt  ist,  die  zwei  Bücher  der 
gegebenen  Dinge ^).  Der  Verfasser  sagt  darüber  in  der  Einlei- 
tung: „Das  I.  Buch  enthält  vollkommen  neue  Dinge,  deren  Gattung 
nicht  einmal  von  den  alten  Geometern  gekannt  war,  und  das  11. 
enthält  eine  Reihe  von  Sätzen,  welche  denen  ähneln,  die  in  dem 
I.  Buche  von  den  gegebenen  Dingen  des  Euklid  zu  finden  sind,  ohne 
jedoch  selbst  in  jenem  Werke  vorzukommen."  Was  hier  von  dem 
IL  Buche  gerühmt  ist,  entspricht  allerdings  der  Wahrheit,  nicht  so 
was  Ibn  Alhaitam  als  den  Werth  des  I.  Buches  ausmachend  schildert. 
Allerdings  sind  solche  Sätze,  wie  sie  im  I.  Buche  enthalten  sind,  und 
welche  kurzweg  als  Ortstheoreme,  wenn  nicht  gar  als  Porismen  im 
euklidischen  Sinne  des  Wortes  bezeichnet  werden  müssen,  den  Alten, 


^)  Wüstenfeld,  Arabische  Aerzte  und  Naturforscher  S.  76 — 77,  Nr,  130. 
L'algcbre  d'Omar  ÄlJchayami  pag.  73  —  76,  Anmerkung  ***,  und  Narducci, 
Intorno  ad  una  traduzione  italiana  fatta  nel  secolo  decimoquarto  dcl  trattata 
d'ottica  d' Alhazen,  matemalko  del  secolo  undecimo  ed  ad  altri  lavori  di  qucsto 
scicnziatü  im  Bulktinn  Bnnannpagni  IV,  1  —  48  (1871).  ''')  Chasles,  Aper^'u 
hist.  pag.  498,  deutsch  S.  576.  ^j  Bulletino  Boncompagni  IV,  41  sqq.  *)  Nouveau 
Journal  Asiatique  XIII,  485  ügg.  (1834).  Scdillot,  Materiaux  pour  servir  ä 
l'Mstoire  comparie  des  scicnccs  mathcmatiqucs  cJiez  les  Grecs  et  les  Oricntaux 
pag.  379—400.     Chasles,  Apcr^iu  hist.  pag    498—501,  deutsch  S.  577—581. 


1 


Der  Niedergang  der  ostarabischen  Mathematik.    Aegyptische  Mathematiker.     745 

d.  h.  deu  Griechen  bekannt  gewesen.  Die  euklidischen  Porismen 
sind  aber  den  Arabern  bekannt  gewesen,  wenn  sie  auch  von  ihnen 
für  unecht,  d.  h.  nicht  von  Euklid  verfasst,  gehalten  wurden^).  Wir 
wissen  nicht,  ob  das  Gleiche  von  den  kleineren  Schriften  des  Apol- 
lonius  von  Pergä  gilt,  welche  sonst  auch  der  Ruhmredigkeit  Ihn 
Alhaitams  ihr  Verbot  entgegenzustellen  berechtigt  gewesen  wären, 
jedenfalls  aber  ist  seine  Ueberhebung  keine  minder  unerlaubte  an- 
gesichts der  Sammlung  des  Pappus,  von  der  wir  wiederholt  gesehen 
haben,  dass  sie  Arabern  des  X.  S.  bekannt  war.  Wir  müssen  daher, 
wollen  wir  einen  so  tüchtigen  Gelehrten,  wie  Ibn  Alhaitam  es  jeden- 
falls war,  nicht  der  absichtlichen  Unwahrheit  verbunden  mit  grosser 
Unvorsichtigkeit  bezichtigen,  zu  der  Annahme  uns  bequemen,  die 
Sammlung  des  Pappus  sei  für  die  grosse  Mehrzahl  auch  der  arabi- 
schen Gelehrten  doch  zu  hoch  gewesen  und  sei  darum  wenig  bekannt 
geworden,  beziehungsweise  bald  wieder  in  Vergessenheit  gerathen. 
Die  Oerter,  von  welchen  Ibn  Alhaitam  handelt,  sind  übrigens  aus- 
schliesslich Kreise  und  gerade  Linien,  gehören  mithin  zu  den  ein- 
fachsten, welche  überhaupt  vorkommen.  Wir  nennen  einige  von  den 
Sätzen  des  I.  Buches:  6.  Zieht  man  von  zwei  gegebenen  Punkten 
aus  Gerade,  die  beim  Durchschnitte  einen  gegebenen  Winkel  bilden, 
so  liegt  der  Durchschnittspunkt  auf  einer  gegebenen  Kreislinie.  — 
7.  Zieht  man  von  zwei  gegebenen  Punkten  aus  Gerade,  die  bei  ihrem 
Durchschnitt  einen  gegebenen  Winkel  bilden,  verlängert  man  darauf 
die  eine  Gerade  so,  dass  das  Verhältniss  der  Strecke  vom  Anfangs- 
punkte bis  zum  Durchschnitte  zu  ihrer  Verlängerung  ein  gegebenes 
sei,  so  liegt  der  Endpunkt  auf  einer  der  Lage  nach  gegebenen  Kreis- 
linie. —  8.  Zieht  man  von  zwei  gegebenen  Punkten  gleichlange 
sich  in  ihrem  Endpunkte  treffende  Strecken,  so  liegt  der  Durch- 
schnittspunkt auf  einer  der  Lage  nach  gegebenen  Geraden.  —  9.  Zieht 
man  von  zwei  gegebenen  Punkten  aus  Gerade,  deren  Längen  bis  zum 
Durchschnittsp unkte  in  gegebenem  Verhältnisse  stehen,  so  befindet 
sich  der  Durchschnittspunkt  auf  einer  der  Lage  nach  gegebenen 
Kreislinie.  —  19.  Zieht  man  an  einen  Punkt  der  kleineren  von  zwei 
sich  innerlich  berührenden  Kreislinien  eine  Berührungslinie  bis  zum 
Durchschnitt  mit  der  umgebenden  Kreislinie  und  verbindet  man 
diesen  Durchschnittspunkt  gradlinig  mit  dem  Berührungspunkte  der 
beiden  Kreise,  so  ist  das  Verhältniss  der  beiden  Strecken  gegeben. 
Mit  dem  11.  Buche  mösen  folgende  Muster  uns  bekannt  machen: 
2.  Die  Gerade,  welche  von  einem  gegebenen  Punkte  aus  gezogen  von 
einem    gegebenen  Kreise   ein  der  Grösse    nach    gegebenes    Stück  ab- 


')  Fihrist  17  unter  Vergleichung  von  Suters  Anmerkung  49  (Fibrist  49). 


746  37.  Kapitel. 

schneidet,  ist  der  Lage  nach  gegeben.  —  5.  Zieht  mau  von  einem 
gegebeneu  Punkte  eine  Gerade  zum  Durchschnitt  mit  eiuer  gegebeueu 
Strecke,  so  dass  das  begrenzte  Stück  der  Geraden  mit  dem  einen 
Abschnitte  der  Strecke  eine  gegebene  Summe  bilde,  so  ist  die  Gerade 
der  Lage  nach  gegeben.  —  12.  Zieht  man  an  einen  gegebenen  Kreis 
eine  Berührungslinie  bis  zum  Durchschnitte  mit  einer  gegebenen 
Geraden,  und  ist  die  so  begrenzte  Berührungslinie  der  Länge  nach 
gegeben,  so  ist  sie  es  auch  der  Lage  nach. 

Ihn  Alhaitam  wurde  nicht  wegen  seiner  theoretisch-wissenschaft- 
lichen Leistungen,  sondern  um  praktischer  Dinge  willen  nach  Kairo 
berufen.  Er  hatte  sich  nämlich  geäussert,  er  halte  es  für  leicht, 
am  Nil  solche  Einrichtungen  zu  treffen,  dass  der  Fluss  jedes  Jahr 
gleichmässig  austrete,  ohne  dass  Witterungsverhältnisse  einen  Ein- 
fluss  übeu  könnten.  Diese  Zusage  zu  erfüllen,  Hess  Al-Häkim  ihn 
kommen,  ging  ihm  bis  zur  Vorstadt  von  Kairo  entgegen  und  empfing 
ihn  überhaupt  mit  den  grössten  Ehren.  Ibn  Alhaitam  zog  hierauf 
guten  Muthes  mit  zahlreichen  Gefährten  nilaufwärts,  bis  er  zu  den 
ersten  Nilfällen  bei  Syene  gelangte,  wo  er  erkannte,  dass  er  zu  vor- 
eilig Sicherheit  an  den  Tag  gelegt  hatte,  und  dass  die  Verwirklichung 
seines  Planes  unmöglich  war.  So  musste  er  sich  zu  entschuldigen 
suchen,  so  gut  es  eben  ging,  und  als  er,  nunmehr  in  anderen  Staats- 
arbeiten beschäftigt,  sich  auch  hier  Fehler  zu  Schulden  kommen  Hess, 
musste  er  sich  verbergen,  um  Al-Häkims  Zorne  zu  entgehen.  Erst 
nach  dessen  Tode  kam  er  wieder  zum  Vorschein  und  führte  ein 
wesentlich  schriftstellerisches  Leben.     Er  starb  1038. 

Das  sind  die  beiden  Männer,  welche  die  ägyptische  Mathematik 
für  uns  kennzeichnen  sollten.  Wir  gehen  zu  der  Entwicklung 
imserer  Wissenschaft  in  Spanien  und  in  dem  gegenüberliegenden 
westlichen  Theile  der  afrikanischen  Nordküste,  in  Marokko,  über. 

37.  Kapitel. 
Die  Mathematik  der  Westaraber. 

Von  der  Entstehung  eines  selbständigen  arabischen  Reiches  in 
Spanien  im  Jahre  747  unter  dem  Omaijaden  Abd  Arrahmän  haben 
wir  gelegentlich  (S.  664)  gesprochen.  In  unaufhörlichen  Kämpfen 
gegen  die  westgothischen  Christen  sowie  gegen  afrikanische  Araber 
erhob  sich  seine  Dynastie  bei  300jährigem  Bestände  zu  unsterb- 
lichem Ruhme,   rieb   sich  aber  auch    vollständig   auf^).     In  die  Zeit 

*)  Aschltach,  Geschichte  der  Omaijaden  in  Spanien  Bd.  II.  Frankfurt 
a.  M.,  1830. 


Die  Mathematik  der  Westaraber.  747 

der  Omaijaden  fällt  die  Entstehung  aller  jener  glänzenden  üeberreste 
maurischer  Baukunst,  die  noch  heute  den  Anschauer  mit  Bewunde- 
rung erfüllen  sollen,  und  die  nach  den  Berichten  solcher  Schriftsteller, 
welche  sie  in  ihrer  ganzen  Pracht  sahen,  die  Wundermärcheu  der 
Tausend  und  eine  Nacht  zur  Wahrheit  stempelten.  Besonders  'Abd 
Arra^Tmän  III.  und  sein,  Sohn  Al-Hakam  IL,  welche  von  912  bis  97G 
regierten,  spielten  eine  glänzende  Rolle  in  der  Geschichte  der  I^nt- 
wicklung  westarabischer  Kultur.  Eine  Bibliothek  von  600  000  Bänden 
entsteht  in  ihrem  Palaste  in  Cordoya.  Ein  Bibliotheksverzeichniss 
in  44  Bänden  unterstützt  die  Benutzung.  Gelehrte  sammeln  sich, 
aber,  wie  wir  nicht  für  überflüssig  halten,  besonders  zu  betonen, 
ausschliesslich  Moslims,  denn  'Abd  Arrahmän,  der  Vertheidiger  des 
Glaubens,  wie  er  sich  nennen  Hess,  würde  so  wenig  wie  sein  Sohn 
fremde  christliche  Schüler  geduldet  haben.  Dieselben  beiden  Fürsten 
fanden  ihre  Freude  in  der  Herstellung  baulicher  Denkmale  ihres 
Glanzes  und  der  hohen  Vollkommenheit,  bis  zu  welcher  arabische 
Kunstfertigkeit  gelangt  war.  Mag  Manches  nach  früheren  praktisch 
gewordenen  und  ihres  geometrischen  Grundes  verlustig  gegangenen 
Regeln  hergestellt  worden  sein,  so  ist  doch  schlechterdings  nicht 
möglich,  dass  eine  solche  Architektur  sich  nur  empirisch  entwickelte. 
Die  Baumeister,  und  wenn  nicht  sie  selbst,  so  doch  diejenigen,  bei 
welchen  sie  sich  in  gegebenen  Fällen  Raths  erholten,  mussten  Mathe- 
matiker sein. 

Freilich  steht  uns  mehr  als  dieser  zwingende  Schluss  nicht  zu 
Gebote.  Von  westarabischen  mathematischen  Schriften  bis  zum 
XI.  S.  ist  nichts  veröffentlicht.  Von  Namen  sogar  steht  uns  kein 
älterer  als  Abü'l  Käsim  Maslama  ihn  Ahmed  Almadschriti')  zu 
Gebote,  der  uns  schon  zweimal  gelegentlich  vorgekommen  ist.  Er 
wollte  (S.  692)  die  befreundeten  Zahlen  in  ihrer  Wirkung  kennen 
gelernt  haben.  Er  oder  sein  Schüler  Alkarmäni,  von  welchem 
letzteren  Reisen  in  den  Orient  bekannt  sind,  sollen  die  Abhandlungen 
der  lauteren  Brüder  in  Spanien  eingeführt  haben  (S.  695).  Alkar- 
mäni war  übrigens  vorzugsweise  Chirurg.  Die  mathematische  Lehr- 
thätigkeit  Almadschritis  in  Cordova,  der  Residenz  der  Emire,  fällt 
in  die  Regierung  Al-Hakam  IL  imd  dessen  Nachfolgers.  Er  starb  1007. 
Von  seinen  Schülern  haben  Ibn  as-Saffär  und  Ibn  as  Samh  el 
Muhandis  Al-Garnäti,  der  erste  in  Cordova  dann  in  Däuia,  der 
zweite  in  Granada  eigene   Schulen  eröffnet,  in  welchen  Mathematiker 


^)  Wüstenfeld,  Arabische  Aerzte  und  Naturforscher  S.  61,  Nr.  122. 
Steinschneider,  Pseudoepigraphische  Literatur  u.  s.  w.  S.  28  flgg.  und 
73  ügg. 


748  '^7.  Kapitel. 

und  Astronomen  gebildet  wurden^).  Der  Geometer  von  Granada 
starb  1035  in  einem  Alter  von  5G  Jahren. 

Die  Thatsache,  dass  die  letztgenannten  ausserhalb  Cordova  sich 
niederliessen;  beruht  gewiss  zum  Theil  auf  den  Unruhen,  welche  seit 
1008  in  Cordova  an  der  Tagesordnung  waren  und  mit  wechselndem 
Glücke  der  Parteien  bis  103G  dauerten,  um  mit  dem  Tode  Hischams 
des  letzten  Omaijaden  zu  endigen.  Eiii  einheitliches  spanisch- ara- 
bisches Reich  hat  es  seit  dieser  Zeit  nicht  mehr  gegeben^).  Kleine 
Gebiete,  theils  als  Freistädte,  theils  unter  besonderen  Fürsten, 
bildeten  sich  und  gingen  zu  Grunde,  sich  gegenseitig  befehdend  und 
dabei  die  christlichen  Nachbarn  wechselweise  zu  Hilfe  rufend,  welche 
bei  solcher  Gelegenheit  nicht  ermangelten,  eine  Stadt,  eine  Provinz 
nach  der  anderen  den  Moslimen  abzunehmen  und  für  sich  zu  be- 
halten. Seit  der  Mitte  des  XIII.  S.  war  nur  noch  das  Königreich 
'  Granada  dem  Islam  unterworfen.  Später  als  um  diese  Zeit  wird 
uns  aber  auch  kein  westarabischer  Mathematiker  in  Spanien  begegnen. 
Nur  von  Bewohnern  der  afrikanischen  Küstengegenden  werden  wir 
in  jener  späten  Zeit  zu  reden  haben  und  brauchen  uns  deshalb  um 
die  langjährigen  Kämpfe  nicht  zu  kümmern,  welche  erst  kurz  vor 
dem  Jahre  1500  mit  dem  gänzlichen  Sturze  arabischer  Herrschaft 
auf  spanischem  Boden,  mit  der  Einnahme  von  Granada  am  2.  Januar 
1492  durch  Ferdinand  den  Katholischen  endigten,  denselben  Fürsten, 
für  welchen  Christoph  Columbus  Amerika  entdeckte.  An  diesem 
Tage  entstand,  wenn  man  so  sagen  darf,  das  Sultanat  von  Marokko 
als  Ersatz  für  das  westarabisch-spanische  Reich. 

Der  erste  Schriftsteller,  von  welchem  wir  seit  dem  Beginne  der 
Zersplitterung  zu  reden  haben,  lebte  im  XI.  S.  in  Sevilla.  Es  war 
Abu  Muhammed  Dschäbir  ibu  Aflah^),  gewöhnlich  Geber  ge- 
nannt, von  dessen  Namen  man,  wie  wir  uns  erinnern  (S.  G79),  eine 
Zeit  lang  das  Wort  Algebra  herzuleiten  sich  gewöhnt  hatte.  Die 
Araber  nannten  ihn  auch  wohl  Alischbili  d.  h.  den  von  Sevilla. 
Er  gehörte  zu  den  hervorragendsten  Astronomen  seiner  Zeit,  ver- 
fasste  aber,  wie  so  viele  seiner  Zeitgenossen,  auch  mystische  Schriften, 
an  deren  Inhalt  er  nicht  minder  fest  glaubte  als  seine  Leser.  Seine 
Lebenszeit  ist  dadurch  festgestellt,  dass  sein  Sohn  in  Spanien  mit 
dem  berühmten  Moses  Maimonides  persönlich  verkehrte,  was  nur  um 
das  Jahr  1100  herum  möglich  war.  Ibn  Aflah  selbst  muss  also  in 
der  zweiten  Hälfte  des  XI.  S.  am  Leben  gewesen  sein.  Sein  Haupt- 
werk, eine  Astronomie  in  0  Büchern,  wurde  im  XII.  S.   durch  einen 

')  Wüstenfeld,  Arabische  Aerzte  und  Naturforscher  S.  ü2,  Nr.  123  und 
S.  64,  Nr.  127.  '^)  Weil  S.  284—296.  ■■■)  Steinschneider,  Pseudoepigra- 
phische  Literatur  u.  s.  w.  S.  15  ügg.  und  70  flgg. 


Die  Mathematik  der  Westaraber. 


749 


Uebersetzer,  dessen  Name  noch  häufig  von  uns  genannt  werden  muss, 
durch  Gerhard  von  Cremona  (geboren  1114,  gestorben  1187)  ins 
Lateinische  übertragen]),  und  diese  lateinische  Bearbeitung  erschien 
1534  im  Drucke.  Das  erste  Buch^)  enthält  eine  vollständige  Tri- 
gonometrie, welche  mit  Vorbedacht  an  die  Spitze  gestellt  wird,  um 
Wiederholungen  zu  vermeiden.  Der  Verfasser  legte,  sofern  er  von 
Nasir  Eddin  (S.  73.5)  unabhängig  gewesen  sein  sollte,  was  uns  aber 
mindestens  als  zweifelhaft  gilt,  eine  Probe  geistiger  Selbständigkeit 
ab,  indem  er  es  wagte,  in  dieser  Trigonometrie  von  dem  altherge- 
brachten Gange  des  Ptolemäus,  von  der  Regel  der  6  Grössen  (S.  386 
und  392)  abzuweichen  und  sogar  polemisch  gegen  den  alten  Meister 
der  Sternkunde  an  den  verschiedensten  Stellen  vorzugehen,  was  die 
Albattäni,  die  Abü'l  Wafä,  die  Ibn  Jünus,  welche  in  ihrer  Lebens- 
zeit Ihn  Aflah  vorangehen,  niemals  auch  nur  versuchten.  Ibn  Aflah 
stützt  sich  bei  seinen  Beweisen  —  und  dass  er  solche  gibt,  ist  eine 
weitere  rühmliche  Eigenthümlichkeit,  durch  welche  er  von  den 
übrigen  arabischen  Astronomen  sich  unterscheidet  —  auf  eine  Regel 
der  vier  Grössen,  welche  in  folgendem  Satze  besteht.  Es  seien 
(Figur  108)  Pj  I\  sowie   Q^^  Q^  zwei  Bögen  grösster  Kreise,  welche  in 


Fig.  109.  Fig.  110. 

A  sich  schneiden.  Von  P^  und  Pg  werden  die  Bögen  grösster  Kreise 
1\  Qi  und  Pg  Q.^  senkrecht  zu  A  Q^  Q.^  gezogen,  so  verhält  sich 
sin  AF^  :  sin  P^  Q^  =  sin  Al\  :  sin  Pg  Q.^-  Nun  sei  (Figur  109)  das 
bei  H  rechtwinklige  sphärische  Dreieck  ABH  vorgelegt,  in  welchem 
^  BAH  =  a,  BH==  a,  AB  =  h  heisse.  Man.  verlängert  AB  und 
AH  bis  zur  Länge  von  90"  nach  C  und  E,  so  ist  A  der  Pol  von 
CE,  also  der  Bogen  CE  das  Maass  des  Winkels  a  und  der  Bogen 
AE  senkrecht  auf  EC.  Die  Regel  der  vier  Grössen  liefert  jetzt  als 
13.  Satz  das  Verhältniss  sin  AC  :  sin  CE  =  sin  AB  :  sin  BH  oder 
sin  90"  :  sin  «  =  sin  h  :  sin  a,  mithin  sin  a  =  sin  h  •  sin  a.  An  einer 
anderen    Figur    (Figur  llOj,    bei    welcher    wieder    ABH   ein  bei  H 

')  B.  Boncompagni,  Della  vita  e  delle  opere  di  Gherardo  Cremonese. 
Roma,  1851,  pag.  13.  *)  Delambre,  Ilistoire  de  l'astronovüe  du  moyen-acje 
pag.  179—185.     Hankel  S.  285—287. 


750  37.  Kapitel. 

rechtwinkliges  sphärisclies  Dreieck  darstellt  und  AH  =  h  und  ^ABU 
=  ß  genannt  ist,  werden  BA  und  BH  bis  nach  E  und  F  ver- 
längert, so  dass 

BE  =  BF  =  90%   EF  =  ß     und     -^  ^Fi;  =  BEF  =  90» 
werden.     i^£^  und  HA  treffen  sich  verlängert  in  D,  so  ist  wegen 

^  BHD  =  BFD  =  90« 
jener    Funkt  i)  der  Pol  von  FE,   also    BH^^dif.     Die    Regel    der 
vier  Grössen  liefert,  weil  jetzt  AE  und  HF"  senkrecht  zu  EF  sind, 
■das  Verhältniss:  sm  B A  :  sin  AE  =  sin  D H :  sin  Ä^i''  oder 

sin  (90'^  —  &)  :  sin  (90"  —  h)  =  sin  90"  :  sin  (90"  —  a), 

also  cos  h  ==  cos  a  ■  cos  h  der  Inhalt  des  15.  Satzes.  In  derselben 
Figur  ist  aber  das  Dreieck  BFA  bei  E  rechtwinklig,  die  Anwendung 
des  13.  Satzes  ergibt  deshalb  sin  BE  =  sin  BA-  sin  BAE  d.  h. 

sin  (90"  —  ß)  =  sin  (90"  —  h)  •  sin  a     oder     cos  ß  =  cos  h  •  sin  a 

als  Inhalt  des  14.  Satzes.  Letzterer  Satz  ist  weder  bei  Ptolemäus 
noch  bei  einem  arabischen  Vorgänger  des  Ihn  Aflah  zu  finden  und 
wird  deshalb  häufig  unter  Anwendung  des  Namens,  unter  welchem 
dieser  Gelehrte,  wie  wir  sagten,  bekannt  zu  sein  pflegt,  der  Geber- 
sche  Lehrsatz  genannt.  Dass  wir  vorzogen,  hier  regelmässig  von 
Ibn  Aflah  zu  reden,  hat  seinen  Grund  darin ,  dass  es  mehrere  nach 
Zeit,  Ort  und  wissenschaftlicher  Thätigkeit  ungemein  verschiedene 
Persönlichkeiten  gegeben  hat  oder  gegeben  haben  soll,  welche  alle 
Geber  genannt  werden,  so  dass  Verwechslungen  sehr  leicht  sind. 
Es  ist  mit  grossem  Rechte  als  überraschend  bezeichnet  worden,  dass 
Ibn  Aflah,  in  der  sphärischen  Trigonometrie  ein  gradezu  kühner 
Neuerer,  in  der  ebenen  Trigonometrie  um  keinen  Schritt  weiter  ge- 
gangen ist  als  Ptolemäus,  dass  er  sogar  Sinus  und  Cosinus  anzu- 
wenden hier  vermeidet  und  noch  in  griechischer  Weise  mit  den 
Seimen  der  doppelten  Winkel  sich  begnügt.  So  war  noch  für  Ibn 
Aflah  offenbar  die  sphärische  Trigonometrie  weitaus  die  Hauptsache 
und  eine  eigentliche  ebene  Trigonometrie  nur  zur  Vollständigkeit 
der  Betrachtungen  vorhanden,  aber  nicht  der  wichtige  Theil  der 
Mathematik,  zu  welchem  sie  erst  durch  Regiomontan  14G3 
werden  sollte. 

Wir  haben  gesagt,  dass  Gerhard  von  Cremoua  die  Astronomie 
des  Ibn  Aflah  etwa  in  der  zweiten  Hälfte  des  XII.  S.  übersetzte.  Er 
hat  die  dazu  nöthigen  Kenntnisse  in  dem  den  Arabern  bereits  ab- 
gerungenen Toledo  sich  erworben,  wo  um  jene  Zeit  eine  wahre  Ueber- 
setzungsschule  vorhanden  war.  Raimund,  Erzbischof  von  Toledo 
zwischen  1130  und  1150,    stand    geistig  an  ihrer   Spitze.     Nicht  als 


Die  Mathematik  der  Westaraber.  751 

ob  er  selbst  dabei  thätig  gewesen  wäre,  aber  er  veranlasste  Do- 
miuicus  Gondisalvi  in  Gemeinschaft  mit  einem  jüdischen  Schrift- 
gelehrten, Johannes  von  Luna  oder  Johannes  von  Sevilla 
(Johannes  Hispalensis)  genannt^),  arabische  Bücher  und  zwar  haupt- 
sächlich solche,  die  sich  auf  aristotelische  Philosophie  bezogen,  zu 
bearbeiten.  Die  Bearbeitung  erfolgte  auf  einem  Umwege,  der  nicht 
ohne  Folgen  blieb.  Zunächst  wurde  nämlich  aus  dem  arabischen 
Texte  ein  castilianischer  und  erst  aus  diesem  wieder  ein  lateinischer 
Text  hergestellt.  Ueberlegt  man  nun,  dass  der  arabische  Text  durch 
nicht  über  alle  Zweifel  erhabene  Uebersetzungskuust  dem  Griechischen 
entnommen  war,  so  lässt  sich  denken,  welcherlei  aristotelische  Philo- 
sophie aus  solchen  dreifacher  Verpfuschung  ausgesetzt  gewesenen 
lateinischen  Darstellungen  dem  Mittelalter  zur  Kenntniss  kam. 
Weniger  schlimm  waren  die  Veränderungen,  welche  solche  Schriften 
erlitten,  die  wenigstens  von  Ursprung  her  arabisch  waren  und  ihrem 
Inhalte  nach  nicht  so  dunkel  wie  philosophische  Gegenstände,  selbst 
in  der  Sprache  eines  Aristoteles,  es  einem  Laien  gegenüber  immer 
sein  mussten.  Wir  denken  hierbei  an  diejenigen  arabischen  mathe- 
matischen Schriften,  welche  durch  Johannes  von  Sevilla,  welche 
etwas  später  durch  Gerhard  von  Cremona  übertragen  wurden. 

Von  wem  die  Originalien  herrühren,  wissen  wir  nicht.  Wo  sie 
verfasst  wurden,  ob  im  Westen  ob  im  Osten,  ist  uns  gleichfalls  un- 
bekannt. Ebenso  wenig  wissen  wir,  ob  wir  gut  daran  thun  grade 
in  diesem  Zeitpunkte,  also  gegen  die  Mitte  des  XII.  S.,  von  ihnen 
zu  reden.  Unsere  Berechtigung  entnehmen  wir  einzig  dem  Um- 
stände, dass  sie  damals  in  Toledo  vorhanden  gewesen  sein  müssen 
und  jedenfalls  zu  den  geschätzten  Schriften  gehörten,  weil  sonst  doch 
wohl  nicht  sie  übersetzt  worden  wären,  wenn  eine  Auswahl  auch 
berühmterer  Werke  zu  Gebote  gestanden  hätte.  Die  übersetzten 
Schriften  sind  ein  Lehrbuch  der  Rechenkunst  und  eine  Algebra. 

Jenes  wird  in  scheinbarem  Widerspruche  zu  unseren  eben  ge- 
äusserten Bemerkungen  von  dem  Uebersetzer  Johannes  von  Sevilla 
dem  Alchwarizmi  zugewiesen.  Incipit  prologus  in  libro  alghoarismi 
de  practica  arismetrice  a  magistro  Johanne  yspalensi  lautet  der  Anfangt). 


')  Nouvelle  Biographie  universelle  XXVI,  565  (Paris,  1858).  Jourdain, 
Becherches  critiques  sur  Vage  et  Vorigine  des  traductions  latines  d'Äristote. 
2.  edition.  Paris,  1843,  pag.  115  flgg.  hält  den  Namen  Jobannes  Hispalensis 
für  entstellt  aus  Johannes  Hispanensis  de  Luna  d.  b.  Jobannes  der  Spanier  aus 
Luna.  Ebenda  pag.  117^  Anmerkung  1  ist  eine  Stelle  aus  einer  Widmung  des 
Jobannes  an  Raimund  abgedruckt,  durch  welche  seine  Lebenszeit  gesichert  ist. 
-)  Trattati  d'aritmetica  puhhlieati  da  Bald.  Boncompagni  II  (und  letztes  IlefL) 
pag.  25  (der  durch  beide  Hefte  durchlaufenden  Pagination). 


752  37.  Kapitel. 

Ist  aber,  woran  wir  zu  zweifeln  keinen  Grund  haben,  die  Schrift, 
welche  wir  früher  als  Rechenbuch  des  Muhammed  ihn  Müsä 
Alchwarizmi  geschildert  haben,  echt,  so  kann  es  diese  ijich't  sein. 
Der  gleiche  Schluss  gilt  freilich  auch  in  uuigekehrter  Reihenfolge, 
allein  wir  glauben  jene  schon  besprochene  als  die  ältere,  die  von 
Johannes  von  Sevilla  bearbeitete  als  die  jüngere  betrachten  zu  müssen, 
weil  jene  einfacher  und  kürzer,  diese  mehr  als  dreimal  umfangreicher, 
weitschweifiger,  ausführlicher  ist,  und  somit  eher  den  Charakter 
einer  späteren  Bearbeitung  einer  älteren  Vorlage  aufweist,  während 
jene  nicht  wohl  als  Auszug  aus  dem  grösseren  Buche  gedacht  werden 
kann,  weil  sie  einzelne  die  unmittelbare  Abhängigkeit  ausschliessende 
Abweichungen  von  demselben  wahrnehmen  lässt.  So  heisst  es  z.  B. 
in  der  kürzeren  Fassung  die  Zahlzeichen  für  5,  6,  7,  8  würden  ver- 
schiedentlich gebildet;  in  der  längeren  wird  dasselbe  von  7  und  4 
behauptet.  In  der  kürzeren  Fassung  ist  die  Algebra  des  Verfassers 
erwähnt;  und  dieses  Citat,  auf  welches  wir  uns  (S.  673)  stützen 
durften,  um  die  Persönlichkeit  des  Verfassers  festzustellen,  fehlt  in 
der  längeren  Fassung  u.  s.  w.  Das  Rechenbuch  des  Johannes  von 
Sevilla,  wie  wir  es  von  jetzt  an  mit  dem  Namen  des  Uebersetzers 
benennen  wollen,  da  der  eigentliche  Verfasser  nicht  zu  ermitteln  zu 
sein  scheint,  enthält  nun  sehr  mannigfache  interessante  Dinge,  theils 
solche,  welche  schon  gegenwärtig  für  ims  von  Interesse  sind,  theils 
solche,  welche  ihre  Bedeutung  für  uns  erst  gewinnen,  wenn  es  sich 
um  die  Entwicklung  der  Wissenschaft  im  christlichen  Abendlande 
handelt.  Wir  werden  alsdann,  im  40.  Kapitel,  auf  die  Schrift  des 
Johann  von  Sevilla  zurückverweisen,  schildern  sie  aber  gegenwärtig 
schon,  um  nicht  eine  Zersplitterung  eintreten  zu  lassen. 

Der  Verfasser  lehnt  sich  durchweg  so  viel  als  möglich  an  die 
luder  an,  welchen  er  z.  B.  die  Erfindung  der  Sexagesimalbrüche  zu- 
schreibt^). Von  ihnen  hat  er  wohl  auch  die  näherungsweise  Aus- 
ziehung der  Quadratwurzel  mit  Hilfe  von  Decimalbrüchen'^),  natürlich 
nicht  in  einer  Schreibart,  wie  sie  den  modernen  Decimalbrüchen  zur 
erhöhten  Bequemlichkeit  ihres  Gebrauches  anhaftet,  aber  dem  Ge- 
danken nach  damit  übereinstimmend.  Es  werden  der  Zahl,  aus 
welcher  die  Wurzel  gezogen  werden  soll,  2n  Nullen  angehängt,  und 
die  sodann  gefundene  Wurzel  gilt  als  Zähler  eines  Bruches,  dessen 
Nenner  aus  einer  mit  n  Nullen  versehenen  Einheit  besteht.  Die 
Auflösung  quadratischer  Gleichungen')  wird  an  drei  Beispielen  ge- 
lehrt,  den  drei  bekannten  Fällen    entsprechend.     Das    erste   Beispiel 


')  Trattati    d'aritmetica   pubblicati    da    Bald.    Boncompagni    II.    pag.    49. 
*)  Ebenda  pag.  87—90.     ^)  Ebenda  pag.  112. 


Die  Mathematik  der  Westaraber.  753 

ist  wieder  das  althergebrachte  x^  -f  10a;  ==  39.  Für  den  zweiten 
Fall  ist  dagegen  x^  -}-  9  =  6x  als  Beispiel  aufgestellt,  eine  merk- 
würdige Wahl  insofern  als  bei  dieser  Gleichung  wegen 

nur  eine  einzige  Wurzel  x  =  S  auftritt,  so  dass  man  wohl  fragen 
möchte,  ob  die  Wahl  eine  absichtliche,  ob  eine  durch  eigenthümlichen 
Zufall  dieses  Ergebniss  liefernde  war?  Am  Schlüsse  der  Schrift')  ist 
das  magische  Quadrat 

4  —  9-2 


8—1  —  6 

mit  die  einzelnen  Zahlen  in  Beziehung  zu  einander  setzenden  Strichen 
hergestellt,  aber  ohne  jeden  erklärenden  Text.  Negativ  heben  wir 
hervor,  dass  complementäre  Rechnungs verfahren,  wie  wir  sie  schon 
mehrfach  vergeblich  gesucht  haben,  nicht  vorkommen.  Einige  latei- 
nische Ausdrücke  scheinen  zwar  an  jene  Rechnungsverfahren  zu  er- 
innern, aber  es  ist  nur  Schein. 

Da  kommt  das  Wort  differentia  mehrfach  vor,  auch  bei  der 
Division,  aber  es  bedeutet  nur  die  Stelle,  bis  zu  welcher  man  vor- 
beziehuugs weise  zurückrückt.  Das  gleiche  Wort  im  gleichen  Sinne 
hat  auch  der  üebersetzer  der  kleinen  Abhandlung,  welche  wir  als 
die  des  Alchwarizmi  selbst  anerkennen,  angewandt.  Da  braucht 
Johannes  von  Sevilla  die  Wörter  digitus  und  articidus,  Finger-  und 
Gelenkzahl,  genau  in  dem  gleichen  Sinne,  in  welchem  diese  Wörter 
in  der  Geometrie  des  Boethius  zur  Anwendung  kamen  (S.  542).  Wir 
könnten  als  Ergänzung  darauf  hinweisen,  dass  auch  in  einer  mittel- 
alterlichen üebersetzung  der  Algebra  Alchwarizmis  das  Wort  articulns 
für  Gelenkzahl  im  antiken  Sinne,  aber  ohne  das  Wort  digitus  vor- 
kommt"^). Aber  es  wären  Trugschlüsse,  aus  diesen  Uebersetzungen, 
von  deren  Entstehungsweise  wir  gesprochen  haben,  den  Wortlaut  des 
Urtextes  wiederherstellen  zu  wollen  und  dabei  an  jeden  einzelnen 
Ausdruck  sich  festzuklammern.  Jene  üebersetzer  des  XII.  S.,  die 
anderen  so  gut  wie  Johannes  von  Sevilla,  benutzten  eben  die  Wörter, 
welche  in  ihrer  Zeit  die  weiteste  Verbreitung  hatten,   sofern  sie  mit 


')  Trattati  d'aritinetica  pubblicati  da  Bald.  Boncompagni  II.  pag.  136. 
*)  Libri,  Histoire  des  sciences  maihematiques  en  Italic  I,  265.  Die  Stelle  ent- 
spricht in  Rosen's  englischer  Üebersetzung  pag.  21. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  48 


754  37.  Kapitel. 

dem  Sinne  des  Arabischen,  hier  z.  B.  mit  Einern  und  Zehnern,  sich 
deckten.  Sie  wollten  ja  nicht  historische  Untersuchungen  anstellen 
und  darum  den  Wortlaut  des  Gegebenen  so  genau  als  möglich  fest- 
halten. Sie  beabsichtigten  vielmehr  den  verbreitungswerthen  Inhalt 
zur  Kenntniss  ihrer  des  Arabischen  nicht  mächtigen  Landsleute  zu 
bringen  und  mussten  darum  darnach  streben,  bereits  bekannter  leicht 
verstandener  Ausdrücke  sich  zu  bedienen.  Nur  wo  etwas  dem  Be- 
griffe nach  ganz  Neues  vorkam,  wurde  mit  mehr  oder  weniger 
Geschick  dem  Wortlaute  nach  übersetzt.  So  nennt  Johannes  von 
Sevilla  bei  den  quadratischen  Gleichungen  das  Quadrat  der  Unbe- 
kannten res,  die  Unbekannte  selbst  radix^),  ersteres  eine  schlechte 
Uebersetzung  von  mal,  letzteres  eine  gute  von  dschidr,  während  an 
einer  anderen  Stelle  die  Unbekannte  tantum  quantum^)  heisst,  uner- 
klärlich genau  dem  yävattdvat  der  Inder  entsprechend,  für  welches 
bei  keinem  Araber  eine  buchstäbliche  Uebersetzung  bekannt  ist. 

Wir  könnten  schliesslich  noch  räthselhafter  Buchstabenfolgen 
gedenken,  welche  nur  dadurch  zu  lesbaren  Wörtern  werden,  dass 
man  annimmt,  es  sei  jeder  Vokal  durch  den  ihm  nachfolgenden 
Consonanten  ersetzt  worden,  und  man  müsse  die  entsprechende 
Rückverwandlung  z.  B.  von  xnxm  in  uny,t)i,  von  dxp  in  dno  vor- 
nehmen'''). 

Die  von  Gerhard  von  Cremona  übersetzte  Abhandlung*) 
kündigt  sich  selbst  an  als  das  Buch,  welches  nach  dem  Gebrauche 
der  Araber  algebra  und  almucdbala  und  „bei  uns"  (apiid  nos)  Buch 
der  Wiederherstellung  (Über  restauracionis)  genannt  wird,  zu  Toledo 
aus  dem  Arabischen  in  das  Lateinische  übersetzt  durch  Magister 
Gerhard  von  Cremona.  Das  Original  muss  als  eine  andere  Bearbei- 
tung des  von  Alchwarizmi  in  seiner  ähnlich  betitelten  Schrift  be- 
handelten Stoffes  angesehen  werden.     Die  Beispiele 

x^  -\-lOx  =  m,         ^'-^-f  21  =  10:r, 

letzteres  mit  seinen  beiden  Wurzelwerthen  x  =  1  und  a;  =  3  treten 
auf.  Geometrische  Beweise  der  drei  Fälle  der  quadratischen  Glei- 
chungen fehlen  nicht.  Sonstige  bedeutsame  Verschiedenheiten  nöthigen 
aber  an  einen  anderen  Verfasser  des  arabischen  Textes  als  an  Alchwa- 
rizmi zu  denken.  Sehr  wichtig  erscheint  z.  B.  der  Umstand,  dass 
die  Auflösungen  der  drei  Formen  quadratischer  Gleichungen  in  Ge- 
stalt von  Gedächtnissversen  gelehrt  sind ').  Das  ist  durchaus  indische 
Sitte,  während  sie  den  Arabern,  so  viele  uns  deren   bisher  zur  Rede 

')  Trattati,  d'aritmetica  II.  pag.  112.  -)  El)enda  pag.  118.  •"•)  Ebcntla 
pag.  126.  '')  B.  noiicompagui,  Dclla  vitu  e  delle  ojoere  di  Gherardo  Cremoncse 
pag.  28—51.     ^)  Kljenda  p.ig.  in,  .'J2,  34. 


Die  Mathematik  der  Westaraber.  755 

kamen,  fremd  ist.  Und  doch  köunen  grade  diese  Verse  nicht  aus 
indischen  Mustern  übersetzt  sein,  denn  die  Inder  —  wir  wiederholen 
hier  früher  Gesagtes  —  wussten  gar  nichts  von  drei  Formen  qua- 
dratischer Gleichungen,  weil  sie  vermöge  ihrer  Fähigkeit  mit  nega- 
tiven Zahlen  zu  rechnen  nur  eine  quadratische  Gleichung 

ax^  -\-  hx  =  c 
mit  bald  positiven,  bald  negativen  Coefficienten  in  Behandlung 
nahmen.  Dieser  Widerspruch  scheint  zu  der  Annahme  zu  nöthigen, 
der  Verfasser  des  durch  Gerhard  von  Cremona  übersetzten  Buches 
sei  ein  Gelehrter  gewesen,  welcher  selbständig  vorgehend  die  indische 
Sitte  auf  arabische,  um  nicht  gradezu  zu  sagen  auf  griechisch- 
arabische Gegenstände  anwandte.  Er  muss  mit  indischen  Werken 
bekannt  gewesen  sein,  muss  ihnen  das  entnommen  haben,  was  er 
für  besonders  brauchbar  hielt,  während  er  gleichzeitig  von  den  unter 
den  Arabern  längst  eingebürgerten  drei  Fällen  nicht  Hess,  sei  es, 
dass  er  sie  wirklich  für  noth wendig  hielt,  sei  es,  dass  er  als  echter 
Araber  anhängend  an  dem  durch  Alter  der  Ueberliefermig  Geheiliscten 
doch  nicht  allzu  grosse  Neuerungen  wagte.  Waren  es  doch  neben 
den  Gedächtnissversen  noch  andere  ungemein  überraschende  Dinge, 
welche  er  seinen  Landsleuten  bot:  eine  algebraische  Schrift  durch 
Abkürzungen  und  übereinkommliche  Zeichen,  wie  die  Inder  sie 
benutzten. 

Fast  ganz  indisch  ist  die  Bezeichnung  abzuziehender  Grössen 
durch  einen  unter  die  Benennung  angebrachten  Punkt ^),  indisch  da- 
rum wahrscheinlich  auch  die  Darstellung  der  Benennung  selbst  durch 
den  Anfangsbuchstaben  des  Benannten,  sei  es,  dass  es  um  die  Un- 
bekannte, oder  um  ihr  Quadrat,  oder  um  die  absolute  Zahl  der  Auf- 
gabe sich  handelte^).  Welcher  Buchstaben  das  Original  sich  be- 
diente, ist  nicht  mit  voller  Sicherheit  zu  behaupten,  indem  Gerhard 
von  Cremona  einen  Beweis  scharfsinnigen  Verständnisses  als  Ueber- 
setzer  ablegend,  oder  aber  in  Toledo  über  den  abkürzenden  Ursprung 
der  im  Urtexte  gebrauchten  Buchstaben  richtig  belehrt,  die  Anfangs- 
buchstaben der  lateinischen  Wörter  gewählt  hat,  deren  er  selbst  sich 
bedient,  der  Wörter:  radix  für  die  Unbekannte,  census  für  das 
Quadrat  derselben,  dragma  für  die  absolute  Zahl,  doch  ist  die 
Wahrscheinlichkeit  eine  bedeutende,  es  seien  diese  Wörter  die  Ueber- 
setzungen  von  dschidr,  mal,  dirham,  deren  Abkürzungen  uns  noch 
im  Laufe  dieses  Kapitels  in  westarabischen  Werken  begegnen  werden. 
In   dem   Gebrauche    von   census   fär    mal   hat  Gerhard    von  Cremona 


')  B.    Boncomijagni,    Bella   vita    e    äelle    ox^cre    di    Gherurdo    Cremonese 
pag.  38 — 39.     -)  Ebeoda  pag.  3G  sqq. 

48* 


756  37.  Kapitel. 

richtiger  übersetzt  als  Johannes  von^Sevilla,  welcher  res  dafür  sagte, 
während  eine  Uebereinstimmung  beider  in  den  Wörtern  digitus  und 
articulus  herrscht,  die  auch  Gerhard  von  Cremona  anwendet^). 

Wer  der  arabische  Gelehrte  war,  welcher  Gedächtnissverse, 
welcher  Abkürzungen  und  fast  algebraische  Zeichen  zuerst  anwandte, 
ist  uns,  wir  wiederholen  es,  nicht  bekannt,  denn  die  Vermuthung  er 
habe  Sa'id  geheissen^),  steht  auf  nicht  so  festen  Füssen,  dass  wir 
ihr  Vertrauen  schenken  möchten.  Dagegen  kennen  wir  die  Namen 
westarabischer  Schriftsteller,  welche  vor  dem  Ende  des  XIII.  S.  — 
ob  vor  oder  nach  dem  Aufenthalte  Gerhards  von  Cremona  in  Toledo 
wissen  wir  nicht  —  lebten  und  welche  ähnlich  verfuhren.  Der 
Berichterstatter  über  die  Namen  ist  Ibn  Chaldün,  jener  Schrift- 
steller des  XIV.  S.,  von  dem  wir  eine  Stelle  über  befreundete  Zahlen 
schon  (S.  692)  benutzt  haben.  Er  erwähnt^)  ein  algebraisches  Werk, 
welches  unter  dem  Titel:  Der  kleine  Sattel  im  Magrib,  also  im 
afrikanischen  Nordwesten  geschrieben  worden  sei,  und  aus  welchem 
Ibn  Albannä  einen  x4uszug  verfertigt  habe.  Von  diesem  Auszuge 
von  der  Hand  des  in  der  zweiten  Hälfte  des  XIII.  S.  wirkenden  Ge- 
lehrten haben  wir  nachher  zu  reden.  Vorläufig  bleiben  wir  bei  dem 
Berichte  Ibn  Chaldüns,  welcher  forfahrend  erzählt,  Ibn  Albannä  habe 
auch  einen  Commentar:  Die  Aufhebung  des  Schleiers  zu  dem 
kleinen  Sattel  geschrieben.  Dieses  Werk  sei  ungemein  werthvoll, 
aber  schwierig  für  Anfänger.  Ibn  Albannä  habe  sich  dabei  an  zwei 
Vorgänger  angelehnt:  an  „die  Wissenschaft  des  Rechnens"  von  Ibn 
Almuni'"m  und  an  „den  Vollkomm*eneu"  von  Alahdab.  Er  habe 
die  Beweisführungen  dieser  beiden  Werke  zusammengefasst  imd  noch 
andres,  nämlich  die  technische  Anwendung  von  Symbolen  bei  diesen 
Beweisen,  welche  zu  gleicher  Zeit  einen  doppelten  Zweck  erfüllen, 
die  abstracte  Schlussfolge  und  die  sichtbare  Darstellung,  worin  eben 
das  Geheimniss  und  die  Wahrheit  der  Erklärung  von  Lehrsätzen  der 
Rechenkunst  durch  Zeichen  bestehe.  Es  kann  nicht  wohl  ein  Zweifel 
obwalten,  dass  diese  an  sich  etwas  dunklen  Worte  richtig  auf  Dinge 
bezogen  worden  sind,  wie  sie  etwa  in  der  Vorlage  des  Gerhard  von 
Cremona  vorkamen,  und  dass  diese  in  mindestens  mittelbarer  Ab- 
hängigkeit von  Ibn  Almun"^im  oder  Alahdab  stehen  müsste,  wenn 
der  Beweis  erbracht  werden  könnte,  dass  diese  Schriftsteller  bis  auf 
das  XII.  S.  also  bis  reichlich  hundert  Jahre  vor  Ibn  Albannä  zu- 
rückgreifen. 

Ibu  Albannä,   d.  h.    der   Sohn   des  Baumeisters'^),  ist  1252  oder 

')  B.  Boncompagni,  Della  vita  e  delle  opere  di  Gherardo  Cremoncse 
pag.  38.  ')  Ebenda  pag.  56.  ^)  Journal  Asiatique  für  October  und  November 
1854  pag.  ;j71— 372.         *)  Aristide  Marre,  Biographie  d'Ibn  Albannä  in  den 


Die  Mathematik  der  Westaraber.  757 

1257  in  Marokko  geboren.  Der  Vater  stammte,  wie  es  scheint,  aus 
Granada.  Der  vollständige  Name  unseres  Gelehrten  war  Abü'l 
Abbas  Ahmed  ibn  Muhammed  ibn  'Otmän  Al-Azdi  Al-Marräkuschi 
ihn  Albannä  Algarnati.  Er  hat  eine  grosse  Zahl  von  mathemati- 
schen und  anderen  Schriften  verfasst,  welche  in  seiner  Lebensbe- 
schreibung aufgezeichnet  sind.  Auffallenderweise  fehlt  in  diesem  von 
einem  Laudsmanne  Ibn  Albannäs  herrührenden  Verzeichnisse  die 
durch  Ibn  Chaldün  so  hoch  gestellte  Aufhebung  des  Schleiers,  fehlt 
in  ihm  auch  der  Auszug  aus  dem  kleinen  Sattel.  Grade  dieser 
letztere  Auszug,  talchis  nennt  ihn  Ibn  Chaldün,  dürfte  uns  aber 
erhalten  sein.  Ein  arithmetisch-algebraisches  Werk  unter  dem  Titel 
„Talchis  des  Ibn  Albanna"  ist  nämlich  in  der  Bodleyanischen  Bi- 
bliothek aufgefunden  und  in  französischer  üebersetzung  des  ara- 
bischen Textes  dem  Drucke  übergeben  worden^).  Da  Name  und 
Inhalt  mit  der  von  Ibn  Chaldün  erwähnten  Schrift  in  vollem  Ein- 
klänge stehen,  so  ist  an  der  thatsächlichen  Uebereiustimmuhg  kaum 
zu  zweifeln,  eine  Zweifellosigkeit,  welche  sich  nur  noch  steigert,  wenn 
dem  Leser  von  Zeile  zu  Zeile  zwingender  die  Nothwendigkeit  er- 
läuternder Zusätze  sich  aufdrängt,  so  dass  er  begreift,  dass  Ibn  Al- 
bannä selbst  die  Aufhebung  des  Schleiers  unternahm. 

Spätere  Gelehrte  folgten  seinem  Beispiele,  erläuterten  aber  nicht 
das  ursprüngliche  Hauptwerk  des  kleinen  Sattels,  sondern  den  Aus- 
zug, den  Talchis,  wie  wir  von  nun  an  mit  dem  jetzt  gebräuchlich 
gewordenen  Fremdnamen  sagen  wollen.  Es  gibt  mehrere  Commen- 
tare  zum  Talchis,  es  gibt  auch  Werke,  welche  ohne  sich  als  Com- 
meutare  zu  geben  als  solche  benutzt  werden  können,  weil  sie  dessen 
Auseinandersetzungen  weiter  ausführen,  und  von  diesen  ist  eines, 
dem  XV.  S.  angehörend,  durch  eine  gedruckte  üebersetzung  zugäng- 
lich. Wir  werden  über  manches  Dunkle  im  Talchis  besser  aus  jenem 
späten  Werke  uns  unterrichten,  vorher  aber  wenigstens  einige  Stellen 
des  Talchis  selbst  reden  lassen. 

Ibn  Albannä  imterscheidet  Rangordnungen  der  Zahlen  unter 
dem  Namen  mukarrar  und  takarrur^).  Der  Sinn  ist  der,  dass 
Gruppen  von  je  3  Ziffern  von  rechts  nach  links  abgetheilt  werden, 
die  Gruppe  der  Einheiten,  der  Tausender,  der  Tausendtausender  u.  s.  w. 
Bildet  man  lauter  einzelne  Kolumnen  für  jede  Ziffernordnung  und 
begrenzt  dieselben  oben  durch  einen  kleinen  Bogen 


Ätti  dell'Äccadcmia  pontificia  de  Nuovi  Linea  unter  dem  Datum  des  3.  December 
1865  (Bd.  XIX).  Steinscbneider,  Eectification  de  quelques  erreurs  etc.  Bulle- 
tino Boncompagni  X,  313—314  (1877). 

')  Le  Talkliys  d'Ihn  Albannä  publie  et  traduit  par  Aristide  Marre.     Rome, 
1865.     -)  Talkliys  pag.  3  und  9. 


758  S'^-  Kapitel. 


H 

1 

Z 

EH 

Z 

E 

H 

Z 

E 

(ein  kleines  Gewölbe  oder  Dacli),  so  sind  grössere  Dächer  über  drei 
Kolumnen  zu  spannen  und  damit  jene  Gruppeneintheilung  versinn- 
licht.  Jede  vollständige  Gruppe  von  drei  Kolumnen  bildet  einen 
takarrur-,  mukarrar  dagegen  ist  die  Gesammtzahl  der  Kolumnen,  in 
welche  eine  gegebene  Zahl  sich  einträgt.  Der  mukarrar  ist  der 
dreifache  takarrur  einer  Zahl  nebst  der  Zahl  der  links  überschiessen- 
den  Kolumnen,  welche  nur  2,  1  oder  0  betragen  kann.  So  ist  der 
mukarrar  von  5  000  000,  welches  2  takarrur  imd  noch  1  Kolumne 
braucht  =3x2+1  =  7.  Der  mukarrar  von  30000  ist  =  3  X 
1-1-2  =  5,  der  mukarrar  von  400000  000  ist  3x3  +  0  =  9. 

Wir  sehen  hier  aufs  deutlichste  Kolumnenrechnen  und 
Zifferrechnen  vereint,  aber  wir  sehen  es  erst  hier  gegen  Ende 
des  XIII.  S.,  und  es  ist  uns  persönlich  kaum  fraglich,  dass  wir  statt 
von  einer  Vereinigung  der  beiden  Verfahren  von  einem  Uebergreifen 
des  Kolumnenrechnens  in  das  Zifferrechnen  zu  reden  haben,  dass  hier 
abendländischer  Einfluss  erhärtet  ist,  der  grade  an  der  afrikanischen 
Küste  unabweisbar  war.  Hatten  doch  z.  B.  in  Bugia  die  grossen 
italienischen  Kaufleute  schon  vor  dem  Jahre  1200  eigene  Handels- 
comptoire,  eigene  Zollbeamte,  und  war  doch  damit  die  Anwesenheit 
von  im  Rechnungswesen  geübten  Persönlichkeiten  mit  Nothwendig- 
keit  verbunden.  Was  aber  dasselbe  Bugia  den  Arabern  war,  schildert 
ein  spanischer  Araber  aus  Valencia,  welcher  1289  jene  Gegend  be- 
reiste, mit  beredten  Worten^):  „Bugia  ist  ein  grosser  Seehafen  und 
eine  befestigte  Stadt,  deren  Name  in  der  Geschichte  berühmt  ist. 
Sie  ist  auf  steilen  Höhen  und  in  einer  Schlucht  angelegt,  die  Mauern 
ziehen  sich  bis  ans  Meer.  Die  Festigkeit  der  Häuser  kommt  der 
Zierlichkeit  ihrer  Formen  gleich.  Vorwerke  schützen  sie,  so  dass 
der  Feind  vergebens  einen  Angriff  versuchen  würde.  Die  Wuth  der 
kriegerischen  Horden  würde  an  diesen  Mauern  zerschellen.  In  Bugia 
steht  eine  Moschee,  deren  Pracht   alle  bekannten  Gotteshäuser  über- 


')  Einen  Auszug  aus  dem  Reisebericht  des  AI  'Abderi  hat  Cherbonneau 
in  dem  Journal  Äsiatique  für  1854,  II.  Halbjahr,  pag.  144-176  herausgegeben. 
Die  Beschreibung  von  Bugia  S.  158. 


Die  Mathematik  der  Westaraber.  759 

trifft^  und  dereu  Minaret  sowohl  vou  dem  Meere  als  von  dem  Land 
aus  gesehen  wird.  Gleichsam  Mittelpunkt  der  Stadt  erfreut  dieses 
entzückend  schöne  Bauwerk  ebensosehr  den  Blick,  wie  es  die  Seele 
mit  einem  Gefühle  unsäglicher  Glückseligkeit  erfüllt.  Die  Einwohner 
versäumen  nie  ihren  fünf  durch  das  Gesetz  vorgeschriebenen  Gebeten 
dort  zu  genügen,  und  sie  unterhalten  die  Moschee  mit  grösster  Sorg- 
falt, weil  sie  ihnen  gewissermassen  als  Versammlungsort  dient,  und 
selbst  gleich  einem  belebten  Wesen  den  Menschen  Gesellschaft  leistet. 
Bugia  ist  eine  der  ältesten  Hauptstädte  des  Islams  und  ist  bevölkert 
mit  berühmten  Gelehrten."  ^ 

Wir  kehren  zum  Talchis  zurück.  Bei  Gelegenheit  der  Addition 
werden  die  Summenformeln  für  die  Reihen  der  Quadrat-  und  der 
Kubikzahlen  angegeben^).  Bei  Gelegenheit  der  Subtraktion  kommt 
der  Rest  zur  Rede,  welcher  entsteht  wenn  von  irgend  einer  Zahl  9, 
8  oder  7  so  oft  als  möglich  abgezogen  wird'').  Die  Auffindung  dieser 
Reste,  welche  alsdann  als  Proben  bei  Rechnungen  angewandt  werden, 
wie  wir  es  von  der  Neunerprobe  der  Inder  schon  wissen,  beruht  bei 
der  9  auf  dem  Satze  10"  e^  1  (mod.  9),  bei  der  8  auf  den  drei 
Sätzen  10^  =  2,  10^  =  4,  10^  =  0  (mod.  8).  Somit  ist  der  Rest 
einer  Zahl  nach  9  ihrer  Ziffernsumme  gleich,  der  Rest  nach  8  der 
Einerziffer  nebst  dem  Doppelten  der  Zehuerziffer  noch  vermehrt  durch 
das  Vierfache  der  Hunderterziffer.  Umständlicher  ist  das  Verfahren 
den  Rest  nach  7  zu  finden.  Ibn  Albannä  begründet  es  mit  den 
Sätzen,  welche  nach  moderner  Schreibweise 

10^  ^3,    10^  =  2,    10^  EE-:  6,    10^  eee  4,    10'^  eee  5,    10<^  eee  1  (mod.  7) 

heissen  und  setzt  hinzu  „von  da  au  beginnt  die  Reihenfolge  aufs 
Neue".  Man  hat  also  von  der  Rechten  zur  Linken  fortschreitend 
unter  die  einzelnen  Ziffern  der  zu  prüfenden  Zahl  der  Reihe  nach 
1,  3,  2,  G,  4,  5  sich  stets  wiederholend  niederzuschreiben,  die  be- 
treffenden Ziffern  mit  diesen  Werthen  zu  multipliciren  und  die 
Summe  dieser  Produkte  zu  bilden,  welche  dann  selbst  wieder  nach 
7  zu  prüfen  ist.  Die  Zahlen  1,  3,  2,  G,  4,  5  besser  zu  behalten  er- 
setzt man  sie  durch  die  gleichwerthigen  Buchstaben  des  älteren  ara- 
bischen Alphabetes,  welche  durch  Einschiebung  von  Vokalen  zu 
zwei  nicht  ganz  richtig  geschriebenen  Wörtern  sich  verbinden  lassen, 
deren  Bedeutung  etwa  die  eines  ein  Aufzubewahrendes  bergenden 
Grabens  ist. 

Bei  der  Quadratwurzelausziehung  unterscheidet  Ibn  Albannä 
zwei  Fälle ^),    ob  nämlich,    nachdem  "j/a^  -\-  r  c\J  a   gefunden  ist,   der 


^)  Talkhys  pag.  5—6.     ^)  Ebenda  pag.  9.     ^)  Ebenda  pag.  53. 


760  •^'^-  Kapitel. 

Rest  sich  als  kleiner  bezieliimgsweise  als  gleich,  oder  aber  als  grösser 
als  der  schon  gefundene  Wurzeltheil  erweist.     Ist  r  ^  a  so  soll  man 

]/a^  -\-  'T  =  a  -\-  —- ,  dagegen  hei  r  >  a  lieber 


r 


setzen.     Wir   erinnern  daran,    dass  Alkarchi    (S.  722)    der   letzteren 
Formel  sich  bedient  hat,    ohne   auf  das  Grössenverhältniss  zwischen 
a  und  r  Rücksicht  zu  nehmen.     Die  Methode  des  doppelten  falschen 
•  Ansatzes  lehrt  Ihn  Albannä  als  das 

Verfahren  mit  Hilfe  der  Wag- 
schalen und  sagt,  es  beruhe  auf 
Geometrie^).  Er  zeichnet  eine  Figur 
(Figur  111),  welche  bei  einem  Com- 
mentator  die  etwas  abweichende 
Gestalt  Figur  112  besitzt,  und 
Avelche  die  eigenthümliche  Schreib- 
weise gestattet,  auf  welche  wir 
(S.  689)  zum  voraus  hingewiesen 
j-ig  112.  '     haben.     Seine  Vorschrift   ist,  wenn 

wir  uns  unserer  früheren  Buchstaben 
bedienen,  folgende.  Die  Zahl  h,  welche  der  Gleichung  ax  =  h  zu- 
folge herauskommen  muss,  schreibt  man  in  die  obere  Einbiegnng. 
Die  Zahlen  n^^  und  n^,  welche  die  beiden  Ansätze  für  die  Unbekannte 
sind,  schreibt  man  zwischen  die  Parallelen  rechts  und  links,  oder, 
wie  Ihn  Albaimä  sagt,  man  legt  sie  auf  die  beiden  Wagschalen.  Die 
Fehler  e^  und  c.^  werden  auf  derselben  Seite,  wo  schon  n-^^,  beziehungs- 
weise Mg  steht,  über  oder  unter  die  beiden  die  Wagschale  darstellen- 
den Parallelen  geschrieben,  je  nachdem  sie  positiv  oder  negativ  sind. 
Dann  wird  der  Fehler  rechts  mit  der  Annahme  links,  die  Annahme 
rechts  mit  dem  Fehler  links  vervielfacht  und  beide  Produkte  addirt, 
wenn  die  Fehler  von  entgegengesetzter  Natur  waren,  das  kleinere 
vom  grösseren  subtrahirt,  wenn  die  Fehler  gleichartig  waren.  Wie 
man  mit  den  Produkten  verfuhr,  verfährt  man  ferner  mit  den  Fehlern, 
man  addirt  ungleichartige,  man  bildet  die  Differenz  von  gleichartigen. 
Man  dividirt  endlich  die  aus  Fehlern  ivid  Annahmen  gebildete  Zahl 
durch  die  aus  den  Fehlern  allein  erhaltene,  so  ist  der  Quotient  die 
Unbekannte.  Der  Ausspruch,  dass  die  Methode  des  doppelten  falschen 
Ansatzes  auf  Geometrie  beruhe,  ist  einigermassen  auffallend.  Man 
hat  versucht,  denselben  zu  erklären  und  hat  zwei  sehr  von  einander 


')  Talkhys  pag.  26—27. 


Die  Mathematik  der  Westaraber. 


761 


Hg.  113. 


abweichende  Auswege    ermittelt.     Entweder    erklärt    man    die    Sache 
mit  der  Klangverwandtschaft  des  Wortes  handasa,  welches  Geometrie 
heisst,  und  Jiindi  indisch');  beide  hiessen  ursprünglich  „indische  Kunst", 
wie  denn  auch  in  der  That  die  Methode  des  doppelten   falschen  An- 
satzes indischen  Ursprunges  sei,    Oder  aber  man  scheut  den  gewich- 
tigen Einwurf,    dass   sodann   übrig  bleibe   die   unleugbar   vorhandene 
Bedeutung  von   Geometrie    für   handasa    zu  rechtfertigen,    und    zwar 
aus  derselben  Klangverwandtschaft  zu 
rechtfertigen,   während  die  arabische 
Geometrie  nichts  weniger  als  indischen 
Ursprunges  ist,  und  man  geräth  als- 
dann auf  den  Versuch,  die  Methode 
graphisch,    also   geometrisch  zu   ver- 
sinnlichen').    Von  Ä  aus  trage  man 
(Figur  113)  nach  Pj  und  nach  P^  die 
falschen   Annahmen    ÄP^  =  v^    und 
Ä  Pg  =  «2  auf.    Ist  nun  der  Sinn  der 
beiden  Fehler  e^  und  fg  derselbe,   so 
errichtet  man  Pi<?i  =  e^  und  P<^Q2  =  €2 
senkrecht  zu  AP^P^  nach  derselben  Seite;   sind   e^  und  e^   ungleich- 
artig,  so   zieht  man  jene  Senkrechten  nach  entgegengesetzten  Seiten 
der  Geraden  AP^P^.     Jedenfalls   verbindet   man   Q^Q^   gradlinig   und 
bestimmt   den  Durchschiiittspunkt  B   mit   der  AP^P^.     Alsdann  ist 
AB  der  richtige  Werth  der  Unbekannten.     Das  ist  gewiss  ungemein 
scharfsinnig  und  im   Ergebnisse   auch  richtig,   auch  in   eine   Formel 
umgesetzt  übereinstimmend   mit  der  gegebenen  Vorschrift.     Ob   aber 
in   der  Figur  wirklich   eine  zwingende  Aehnlichkeit  mit  der  von  Ibn 
Albannä  gezeichneten  Wage  zu  finden  ist,  ob,  wenn  Ibn  Albannä  oder 
einem  seiner  Vorgänger  eine  solche  geometrische  Begründung  zu  eigen 
gewesen  wäre,   sie  sich  nicht  bei  einem  Commentator  hätte  erhalten 
müssen,  das  sind  Fragen,  deren  erste  ebensowenig  unbedingt  bejaht, 
wie  die  zweite  unbedingt  verneint  werden  dürfte.     Wir  selbst  sehen 
daher  keinen   der  beiden  Auswege   als    den  richtigen    und   begnügen 
uns  mit  dem  Eingeständnisse,  keine  Erklärung  für  Ibn  Albaunäs  Aus- 
spruch, das  Verfahren  mit  Hilfe  der  Wagschalen  beruhe  auf  Geometrie, 
zu  wissen. 

Es  ist  kennzeichnend  für  den  Talchis,  dass  für  alle  in  ihm  ent- 
haltene Regeln  keinerlei  Zahlenbeispiele  gegeben  sind,  dass  vielmehr 


1)  Woepcke  in  dem  Journal  Asiatiqtic  für  1863,  I.  Halbjahr,  pag.  605  flgg. 
=)  Matthiessen,  Grundzüge  der  antiken  und  modernen  Algebra  der  litteralen 
Gleichungen  S.  924—926. 


762  37.  Kapitel. 

nur  in  ganz  allgemeinen  Worten  die  Vorschriften  ausgesprochen 
werden,  ein  wissenschaftlicher  Vorzug  dieses  Werkes,  welchen  in 
solcher  Ausschliesslichkeit  kein  anderes  von  denen,  welche  uns  bisher 
zur  Kenntniss  gekommen  sind,  theilt.  Um  so  nöthiger  aber,  wir 
wiederholen  es  jetzt,  war  für  die  gleichzeitigen  Leser,  und  noch  für 
Leser  späterer  Jahrhunderte  ein  Commentar  zum  Talchis  oder  eine 
scheinbar  selbständige  weitere  Ausführung  des  gleichen  Gegenstandes. 

Zu  einer  solchen  gehen  wir  jetzt  über.  Sie  ist  verfasst  von 
Alkais ädi^),  einem  Andalusier  oder  nach  anderer  Aussage  Granader, 
welcher  148G  oder  1477  gestorben  ist.  Ebenderselbe  hat  auch  einen 
Commentar  zum  Talchis  verfasst,  aus  welchem  aber  nur  eine  Stelle 
veröffentlicht  ist"),  auf  welche  wir  uns  (S.  670)  bezogen  haben,  um 
zu  beweisen,  dass  bei  Arabern  die  Erinnerung  stets  wach  blieb,  dass 
die  Pythagoräer  die  Männer  der  Zahl  gewesen  seien.  Der  Titel  des 
Werkes,  mit  welchem  wir  es  gegenwärtig  zu  thun  haben,  ist  in  ver- 
schiedenen Angaben  bekannt.  Li  der  einen  Handschrift  heisst  es 
„Aufhebung  der  Schleier  der  Wissenschaft  des  Gubär",  in  einer 
anderen  „Enthüllung  der  Geheimnisse  der  Anwendung  der  Zeichen 
des  Gubär",  in  einem  Verzeichnisse  von  Handschriften  „Enthüllung 
der  Geheimnisse  der  Wissenschaft  von  den  Zeichen  des  Gubär". 
Gubär,  ursprünglich  Staub,  wie  wir  uns  erinnern  (S.  060),  heisst 
hier  so  viel  wie  Tafelrechnen  mit  Ziffern  im  Gegensatze  zum  Kopf- 
rechnen. Ob  dabei  die  Gubärziffern  des  Westens  oder  ob  die  ost- 
arabischen Ziffern  in  Anwendung  kommen,  ist  sehr  gleichgiltig, 
wenigstens  gibt  es  in  der  pariser  Bibliothek  eine  Abschrift  des 
Alkalsädi,  in  welcher  nur  ostarabische  Ziffern  vorkommen,  und  die 
gleichwohl  das  Wort  Gubär  in  ihrem  Titel  an  der  Spitze  trägt.  Das 
Werk,  oder  vielmehr  der  Auszug  aus  dem  Werke  von  Alkalsädi  selbst 
angefertigt,  welchen  wir  allein  besitzen,  besteht  aus  vier  Büchern, 
deren  erstes  die  Arithmetik  der  ganzen  Zahlen  enthält,  das  zweite 
die  Brüche,  das  dritte  die  Wurzeln,  das  vierte  die  Auffindung  der 
Unbekannten.     Es  ist  in  französischer  Uebersetzung  gedruckt^). 

Gleich  das  L  Buch  ist  ungemein  lehrreich  für  Jeden,  Avelcher 
sich  mit  der  Form  des  arabischen  Rechnens  bekannt  machen  will, 
die  vielfach  von  dem  heute  Gebräuchlichen  abweicht,  z.  B.  darin, 
dass  die  Rechnungsergebnisse  bei  der  Addition,  der  Subtraktion  und 


')  Woepcke  im  Journal  Asiatique  für  October  und  November  1854  pag. 
358—360.     Hädschi  Chalfa  nennt  ihn  überall  Alkalsäwi.  *)   Woepcke    im 

Journal  Äsiatique  für  1863,   I.  Halbjahr  pag.  58 — 62.  ^)   Woepcke,    Tra- 

duction  du  traitc  d'arilhmctiqiie  d'Abul  Hasan  Ali  bin  ]\Iolianimed  Alkalsädi  in 
den  Atti  dclV  Accademia  pontißcia  de'  Nuovi  Lincei  1859,  Bd.  XII,  pag.  230 — 275 
und  399—438. 


Die  Mathematik  der  Westaraber.  763 

der  Multiplikation  nach  oben  angeschrieben  werden,  der  neueren 
Gewohnheit  geradezu  entgegengesetzt  und  ein  unbefangenes  Weiter- 
schreiben an  einem  Blatte,  wenn  der  Text  durch  eine  Rechnung 
unterbrochen  wird,  verhindernd,  weil  der  Araber  vor  Beginn  der 
Rechnung  erst  im  Kopfe  überschlagen  muss,  wie  viel  Raum  er  etwa 
gebrauchen  werde,  wie  weit  unten  auf  der  Seite  also  er  die  Rechnung 
werde  beginnen  müssen.  Folgende  Beispiele  dürften  nunmehr  leicht 
verstanden  werden,  wenn  wir  noch  bemerken,  dass  bei  der  Addition 
das  Ueberschiessende  unter  die  Ziffer  nächsthöheren  Ranges  ange- 
schrieben,  nicht  im  Kopf  behalten  wird,  und  dass  ähnlicherweise  bei 
der  Subtraktion  ein  für  den  Minuenden  zu  borgendes  10  dem  Sub- 
trahenden als  Einheit  der  nächsten  Ordnung  wieder  zugesetzt  wird') 
(S.  570). 

Die  Addition  48  -f-  97  =  145  schreibt  sich  demnach: 

145 

48 

97 

1 

Die  Subtraktion   725  —  386  =  339   schreibt  sich: 

339 

725 
386 
11 

Die  Subtraktion  heisst  tarh,  einem  von  taraha  =  wegwerfen  abge- 
leiteten Stammworte,  also  gleichen  Stammes  mit  Tara,  welches  als 
Verpackung,  die  bei  der  Berechnung  des  Werthes  oder  des  zu  ver- 
zollenden Gewichtes  einer  Waare  u.  s.  w.  nicht  mit  eingerechnet,  son- 
dern abgezogen  wird,  in  Gebrauch  geblieben  ist.  Die  Multiplikation 
73  X  52  =  3796  erfolgt  „in  geneigter  Weise",  wenn  zunächst  70x50 
4-  3  X  50  dann  unter  Weiterrückung  des  Multiplikators  73  auch 
70  X  2  -{-  3  X  2  gebildet  und  Alles  addirt  wird.    Das  Exempel  sieht 

dann  so  aus: 

3796 
6 
14 
15 
35^ 

_!  ^^ 

73 

73 


^)  Additionen  vergl.  1.  c.  pag.  233,  Subtraktionen  pag.  235,  Multiplikationen 
jDag.  237. 


764  37.  Kapitel. 

Es  werden  noch  mancherlei  andere  Mnltiplikationsverfaliren  ge- 
lehrt. Ohne  aaf  alle  eingehen  zu  wollen,  erwähnen  wir  nur,  dass 
die  sogenannte  netzförmige  Multiplikation  als  Multiplikation  dschadwal 
vorkommt^)  und  dass  bei  einem  Verfahren  der  Stellenzeiger  der  mit 
einander  zu  vervielfachenden  Einzelziffern,  ihr  ass  oder  Exponent 
berücksichtigt  wird^).  Die  complementäre  Multiplikation,  welche  wir 
bei  Behä  Eddin  nachweisen  konnten,  findet  sich  dagegen  bei  Alkalsadi 
nicht.  Ebensowenig  findet  sich  bei  ihm  die  complementäre  Division. 
Die  Division  ist  überhaupt  gegen  die  Multiplikation  etwas  dürftig 
behandölt  und  nur  nach  der  einen  uns  von  früher  bekannten  Weise 
gelehrt^),  dass  der  fortrückende  Divisor  unter,  die  Theilreste  über 
den  Dividend  geschrieben  werden,  der  Quotient  wieder  unter  den 
Divisor,  nachdem  ein  Strich  dazwischen  gezogen  wurde.  Das  Beispiel 
924  :  6  =  154  sieht  also  so  aus : 

32 

924 

666 

154 
Ob   man   dabei  den   Divisor   auf  einmal   oder  in   Faktoren  nach  ein- 
ander berücksichtigt,  ob  man  also  gleich  durch  15  dividirt,  oder  erst 
durch   5  und  dann   nochmals  durch  3,  übt   auf  das  eigentliche  Ver- 
fahren eine  Wirkung  nicht  aus. 

Aus  dem  IL  Buche  von  den  Brüchen  sind  die  von  einander 
abhängigen  Brüche  besonders  bemerkenswerth,  eine  Art  von  Zahlen- 
verbindung, welche  die  neuere  Mathematik  aufsteigende  Kettenbrüche 
zu  nennen  pflegt.  Auch  frühere  Schriftsteller  haben  dieselben  Formen, 
aber  Alkalsadi  setzt  ihre  Entstehung  durch  wiederholte  Division  mit 
Hilfe    der    Faktoren    eines    Divisors    am    deutlichsten    auseinander^). 

253 
Soll  etwa  ^^  in   eine   solche  abhängige  Bruchform   gebracht  werden, 

80  zerlegt  man  zunächst  280  in  5x7x8  und  dividirt  mit  8  in  253. 
Das  geht  31  mal  und  lässt  5  als  Rest.  Man  schreibt  den  Rest  als 
Zähler,  den  Divisor  8  als  Nenner.  In  den  früheren  Quotient  31  wird 
wiederholt  mit  7  dividirt  und  der  Quotient  4  nebst  dem  Reste  3  er- 
halten. Dieser  neue  Rest  nebst  dem  eben  gebrauchten  Divisor  kommen 
über  und  unter  dem  schon  gezogenen  Bruchstriche  rechts,  aber  durch 
einen  kleinen  Zwischenraum  getrennt  neben  die  von  vorhin  vorhan- 
denen Zahlen  zu  stehen.  Nun  dividirt  man  mit  5  in  den  Quotient  4, 
das  geht  0  mal  und  4  bleibt  Rest,  worauf  man  mit  diesem  Reste 
und  dem  Divisor  5  nach  der  schon   einmal  befolgten  Regel  verfährt. 

')  Alkalsadi  pag.  244.  *)  Ebenda  pag.  239.  •')  Ebenda  pag.  249—252. 
■•)  Ebenda  pag.  256  De  la  denomination  und  pag.  2G5  FracUons  relatives. 


Die  Mathematik  der  Westaraber.  765 

Es  ist  also   —  =  - — = — r    oder,  wie  man  gegenwärtig  schreibt, 

,     3   +-8" 

=  A  +  T 

5 

Vermuthlich  dürfen  wir  hier,  wie  bei  den  Brüchen  des  Diophant  mit 
gemischtzahligeu  Zählern  (S.  447)  eine  späte  Nachwirkung  altägypti- 
scher   Gewohnheit    (S.  34)    erkemien.     Bruchbrüche  ^)    sind    solche 

4  3  5i  TTT     i.1       60.,  ,  ,,  5!3'4 

wie   —  von  —  von  — ,  dessen  Werth  -— -    ist    und    welcher   -^\-^\— 

geschrieben  wird. 

Im  III.  Buche  von  den  Wurzelausziehungen  begegnen  wir  inter- 
essanten Näherungsverfahren  ^).  Auch  Alkalsädi  unterscheidet,  ob  bei 
Ausziehung  der  Quadratwurzel  )/«''*  -\-  r  der  erste  Rest  r  <  a  oder 
r>a.     Im  ersteren  Falle   setzt  auch   er  wie  Ibn  Albannä  (S.  760) 


'  '  '     2a 

aber  im  zweiten  Falle  nicht  wie  jener 


sondern 


Als  noch  genaueren  Näherungswerth  gibt   er,   ohne  Fälle   zu  unter- 
scheiden, 

_\2a/ 

2a         ~ 


V«'  +  *•  =  «  4-  ^ 


(«+Ä) 


an.  Alkalsädi  weiss  auch,  dass  ^j  -f-  ]/g  mit  p  —  Yq  sich  zu  einem 
rationalen  Produkte  vervielfacht  und  benutzt  diese  Kenntniss  zur 
Umwandlung^)  von  . 

"^  in        w  jp  —Vq) 

P  +  yq  p  —  a 

Weitaus  das  Wichtigste  in  diesem  Buche  ist  aber  für  uns  das  Auf- 
treten eines  Wurzelzeichens,  insbesondere  wenn  man  es  mit  den 
Zeichen  des  IV.  Buches  zusammenhält,  und  an  die  früher  begründete 
Annahme  denkt,  dass  diese  symbolischen  Bezeichnungen  bis  jenseits 
Ibn  Albannä  hinaufreichen.  Wurzel,  insbesondere  Quadratwurzel  heisst 
bei  den  Arabern  dschidr  (S.  G80),  und  dieses  Wort  wurde  vor  den 
betreffenden  Zahlen,   aus  welchen   die  Quadratwurzel   zu   ziehen  war, 


')    Alkalsädi  pag.  265    Fraction   divisee   en  parties,  ^)  Ebenda  pag. 

402—405.         ^)  Ebenda  pag.  413. 


766  37.  Kapitel. 

ausgeschrieben.  Jetzt  tritt  statt  des  ganzen  Wortes  der  Anfangsbuch- 
stabe dschim  desselben  auf.  Das  würde  freilich  allein  eine  eigent- 
liche Zeichenschrift  nicht  begründen,  sondern  eine  Abkürzung  sein 
können.  Aber  der  Buchstabe  -^  steht  nicht  vor  —  d.  h.  also,  da  wir 
es  mit  arabischen  Texten  zu  thun  haben,  zur  Rechten  —  der  be- 
treffenden Zahl,  sondern  über  derselben  und  durch  einen  Horizontal- 
strich von  derselben  getrennt^).  Die  Horizontalstriche  fehlen  auch 
mitunter,   wenn  nicht  in   der  Mehrzahl  der  Fälle,   und  insbesondere 

die  beiden  Beispiele  ]/20f  und  3]/ 6  entbehren  denselben  im  Origi- 
nale. Ein  die  Wurzelgrösse  allenfalls  vervielfachender  Zahlencoefficient 
steht  noch  über  dem  Wurzelzeichen.  Mit  Anwendung  unserer  Ziffern 
sieht  also  ein  derartiger  Ausdruck  so  aus: 

3 

]/48  =  48  ]/204  =  y20  3  1/6=  6. 

Symbole  finden  sich,  sagten  wir,  noch  häufiger  im  IV.  Buche, 
welches  dem  Aufsuchen  der  Unbekannten  gewidmet  ist.  Schon  bei 
der  Regeldetri^)  werden  drei  ein  Dreieckchen  bildende  Punkte  .*. 
zwischen  je  zwei  Zahlen  der  Proportion  gesetzt  und  die  unbekannte 
Grösse  durch  ein  dschim  bezeichnet.  Man  vermuthet,  es  sei  dieses 
dschim  nicht  als  Anfangsbuchstabe  von  dschidr  gedacht,  sondern  als 
Anfangsbuchstabe  des  Zeitwortes  dschahala  =  nicht  kennen,  des 
Stammwortes  für  madschhül,  welches  gewöhnlich  in  dem  Sinne  „un- 
bekannte Grösse"  gebraucht  wird.     So  ist  1:  12  =  84 :x  geschrieben: 

^  .-.  84  .-.  12  .-.  7  . 
In  der  eigentlichen  Algebra  kommen  folgende  Symbole  vor^):  Die 
Unbekannte  selbst  schal  oder  dschidr  genannt  wird  durch  ein  schin  (j^ , 
das  Quadrat  der  Unbekannten  mal  durch  ein  mim  -«,  der  Cubus  der 
Unbekannten  ka'b  durch  ein  käf  ^  geschrieben,  welche  über  den 
zugehörigen  Zahlencoefficienten  stehen.  Ein  Zeichen  der  Addition 
ist  nicht  vorhanden,  unvermittelte  Aufeinanderfolge  genügt,  um  die 
additive  Vereinigung  der  so  geschriebeneu  Glieder  zu  veranlassen. 
Die  Subtraktion  bedient  sich  des  Wortes  illä  (ausser)  "^J  links  von 
welchem  der  Richtung  der  Schrift  gemäss  das  Abzuziehende  ge- 
schrieben wird.  Das  Merkwürdigste  endlich  ist  ein  Gleichheitszeichen. 
Wir  erinnern  uns,  dass  in  manchen  Handschriften  des  Diophant  der 
Anfangsbuchstabe  t  von  l'öoi  gleich  hiess  (S.  442).  Gleichseiu  heisst 
auf  Arabisch  'adala,    wird    aber    nicht    etwa   durch    seinen   Anfangs- 

')  Alkalsadi  pag.  407 — 414  nnd  Journal  Asiatique  für  October  U.November 
1854  pag.  ;JG2— 364.  ^)  Alkalsadi  pag.  415.  Journal  Asiatique  1.  c.  jiag.  3G4. 
'•')  Alkalsadi  pag.  420— 4-"J.     Jouniol  Äsiutiqtcc  1.  c.  pag.  3G5— 3G7. 


Die  Mathematik  der  Westaraber.  767 

buchstaben,  sondern  durch  ein  finales  bim  J,  mit  welchem  das  Wort 
abschliesst,  ersetzt,  eine  Bezeichnung,  welche  noch  mehr  als  die 
übrigen  das  Wesen  blosser  Abkürzung  abgestreift  und  das  eines  Sym- 
bols angenommen  hat.  So  schreibt  also  Alkalsudi  3ic"^  =  12jc -f- ^3 
in  folgender  Weise: 

6  3  ^j:: 

und    —x^-{-x  =  1y    in  folgender  Weise: 

Y  '  ^^   1    2' 
endlich  den  Ausdruck    2x  -\-  8x^ —  (p  ~\~  ^^')    durch 

6bVS  2 

In  einzelnen  Handschriften  ist  auch  das  illä  (ausser)  ähnlich  wie  das 
'adala  (gleich  sein)  durch  eine  auffallende  Abkürzung,  durch  die  End- 
silbe lä  "^  ersetzt,  wodurch  das  algebraische  Aussehen  der  Formeln 
noch  erhöht  wird.  Wir  haben  schon  des  Stellenzeigers  oder  des 
Exponenten  ass  erwähnt,  der  bei  Alkalsädi  vielfach  vorkommt.  Er 
tritt  auch  bei  der  Multiplikation  von  Potenzen  der  Unbekannten  in 
Gebrauch,  und  zwar  immer  in  der  Einzahl  des  Wortes,  nicht  in  der 
Mehrzahl  isäs.  Es  heisst  also  nicht  „der  käfb  hat  3  isäs",  sondern 
„der  ass  des  kä'^b  ist  3"  und  ähnlich  auch  bei  höheren  Potenzen. 

Einer  nicht  genau  bestimmbaren  Zeit  gehört  noch  ein  kleines 
Rechenbuch  an,  dessen  Uebersetzung  ebenfalls  veröffentlicht  ist^). 
Jedenfalls  ist  es  später  als  die  Lebenszeit  des  darin  citirten-)  Ihn 
Albannä  entstanden,  und  vor  Ende  des  XVI.  S.,  da  die  Handschrift, 
aus  welcher  es  übersetzt  ist,  am  26.  Januar  1573  vollendet  wurde ^). 
Das  Schriftchen  heisst  Einleitung  zum  Staub-  (gubäri)  und  Luft- 
(hawä'i)  Rechnen.  Letzterer  Ausdruck  scheint  hier  ganz  vereinzelt 
aufzutreten  und  ist  wohl  mit  Recht  als  Kopfrechnen  im  Gegensatze 
zum  Ziffernrechnen  verstanden  worden,  wenn  auch  sonderliche  Kopf- 
rechnungsmethoden nicht  beschrieben  werden.  Abgesehen  von  der 
sehr  geringfügigen  Abänderimg,  dass  bei  der  Addition  wie  bei  der 
Multiplikation  nicht  nur  ein  Horizontalstrich  über  den  unter  einander- 
gestellten  Zahlen  sich  findet,  sondern  auch  ein  zweiter  Horizontal- 
strich unter  jenen  Zahlen,  während  das  Rechnungsergebniss  doch 
wieder   oben   hingeschrieben   wird,   ist  nur  eine  kleine  Neuerung  bei 


')  Introdudion  au  calcul  gohäri  ci  Jimväi  traduit  par  F.  Woepcke.  Atti 
flelV  Accadcmia  Fontißcia  de  Kuovi  I.incei  (186G)  XIX.  ")  pag.  5  des  Sonder- 
abzugs.         ^)  pag.  18  des  Sonderabzugs. 


768  ''^'^-  Kapitel. 

der  Subtraktion  zu  bemerken^).  Soll  nämlich  eine  Ziffer  höheren 
Werthes  g  im  Subtrahenden  von  der  im  Range  entsprechenden  Ziffer 
niedrigeren  Werthes  h  im  Minuenden  abgezogen  werden,  wo  man  also 
10  borgen  muss,  so  sei  es  gieichgiltig,  ob  man  g  von  10  +  ^  ab- 
ziehe, oder  aber  li  von  g  und  den  Rest  von  10.  Mit  anderen  Worten 
der  Verfasser  weiss,  dass 

{lO  +  l)-g=10-{g-lc). 
Fassen  wir  wieder  in  Kürze  zusammen,  was  wir  von  westarabi- 
scher Mathematik  kennen  gelernt  haben,  so  ist  ein  Unterschied  gegen 
die  ostarabische  Mathematik  namentlich  in  dreifacher  Beziehung  wahr- 
nehmbar. Sie  ist  erstens  einseitiger.  Sie  hat  zweitens  erst  in  späterer 
Zeit  Schriftstücke  geliefert,  welche  auf  uns  gekommen  sind.  Sie 
wurde  drittens  mindestens  seit  dem  XIT.  S.  dem  christlichen  Europa 
durch  in  Spanien  angefertigte  Uebersetzungen  bekannt,  ihre  einseitige 
arithmetisch -algebraische  Entwicklung,  welche  hauptsächlich  unser 
Augenmerk  fesselte,  Hess  sie  auf  diesem  Gebiete  Fortschritte  machen, 
von  welchen  bei  den  Ostarabern  nichts  zu  bemerken  ist.  Es  bildete 
sich  allmälig  eine  förmliche  algebraische  Schreibweise  aus,  welche 
auch  'den  Uebersetzungen  in  die  lateinische  Sprache  sich  mittheilte, 
und  welche  somit  den  Europäern  gestattete,  schon  im  XII.  S.  die 
Lehre  von  den  Gleichungen  in  grösserer  Vollkommenheit  kennen  zu 
lernen,  als  wenn  sie  deren  Entwicklung  einzig  im  Oriente  bei  dem 
durch  die  Kreuzzüge  hervorgerufenen  Zusammentreffen  mit  arabischer 
Kultur  verfolgt  hätten.  Was  die  Rechenkunst,  den  elementareren 
aber  weitest  verbreiteten  Tb  eil  der  Mathematik  betrifft,  so  sehen  wir, 
wie  sie  im  Westen  immerhin  einige  äussere  Verschiedenheiten  von 
Zeit  zu  Zeit  sich  aneignete,  wie  wahrscheinlich  durch  italienische 
Kaufleute  Elemente  nichtarabischer  Methoden,  Spuren  des  Kolumneu- 
rechnens  oder  mit  anderen  Worten  eines  gezeichneten  Abacus,  sich 
eingemischt  zu  haben  scheinen,  Spuren,  welche  wir  aber  freilich  erst 
vom  XIII.  S.  an  bemerken  konnten.  Eines  nur  finden  wir  in  keiner 
Weise,  und  dieses  negative  Ergebniss  ist  zu  wichtig,  um  nicht  fort 
und  fort  darauf  aufmerksam  zu  macheu:  wir  finden  kein  comple- 
mentäres  Rechnen,  nicht  die  complementäre  Division,  nicht  einmal 
die  complementäre  Multiplikation,  während  doch  gerade  die  Multipli- 
kation emsig  gepflegt  und  nach  verschiedenartigeren  Verfahrungs- 
weisen  gelehrt  wurde,  als  sie  es  eigentlich  verdient. 


')  pag.  3  des  Sonderabzugs. 


VIII.  Klostergelelirsanikeit  des 

Mittelalters. 


Cantok,  Geschichte  der  Mathematik  I.    2.  Auti.  49 


38.  Kapitel. 
Klostergelehrsamkeit  bis  znm  Ausgange  des  X.  Jahrlmiulerts. 

Wir  müssen  den  Faden  wieder  anknüpfen  da,  wo  wir  ihn  ab- 
gebrochen haben,  um  aus  Europa  hinüberzuschweifen  nach  dem  Osten 
und  die  Summe  zu  ziehen  aus  dem,  was  asiatische  Völkerschaften  im 
Laufe  der  Jahrhunderte  aus  dem  mathematischen  Wissen  zu  machen 
wussten,  welches  ihnen,  wie  wir  in  verschiedenen  Kapiteln  nachzu- 
weisen gesucht  haben,  wenigstens  was  die  geometrischen  Theile  und 
nicht  unwesentliche  Bruchstücke  der  algebraischen  Theile  betrifft,  von 
Griechenland  aus  überkam.  Die  Araber,  das  haben  wir  insbesondere 
gesehen,  mit  ihrer  frischen  Wüstenkraft,  sie,  die  sich,  zum  Unheile 
ihres  Reiches,  zum  Heile  für  die  Wissenschaft,  in  den  verschiedensten 
Zeiträumen  mit  nicht  minder  empfänglichen,  nicht  minder  geistig 
unverbrauchten  Elementen  vermischten  und  ihnen  sich  untei'werfen 
mussten,  waren  die  treuesten  Erben.  Sie  haben  das  ihnen  anvertraute 
Gut  nicht  nur  zu  bewahren,  auch  zu  vermehren  gewusst.  Wohin 
die  Araber,  so  lange  ihr  Reich  im  Wachsen  begriffen  war,  der  Er- 
oberungspfad .führte,  dahin  nahmen  sie  ihre  Wissenschaft  mit,  Krieger 
und  Lehrer  zugleich.  Wo  die  Araber  sich  eindringenden  Herrschern 
beugten,  gaben  sie  diesen  als  ersten  Tribut  ihre  Bildung.  Wo  die 
Araber  aber  nicht  unterjocht,  sondern  verdrängt  wurden,  da  nahmen 
sie  'auf  der  Flucht  ihre  Kenntnisse  wieder  mit  fort,  welche  rasch  sich 
anzueignen  die  Sieger  noch  nicht  fähig  waren.  Das  deutlichste  Bei- 
spiel zeigt  uns  Spanien,  wo  mathematische  Wissenschaft  verkümmerte, 
nachdem  die  letzten  Araber  vom  spanischen  Boden  verdrängt  waren. 

Jenen  mittelasiatischen  Steppen  Völkern,  die  dem  Dschingizchän 
und  Tamerlan  gehorchten,  fehlte  es  an  Bildungsfähigkeit  keineswegs, 
und  die  Möglichkeit  war  einmal  vorhanden,  dass  Stamm-  oder  Sitten- 
verwandte derselben  verhältnissmässig  frühe  in  Griechenland  selbst 
mit  altgriechischer  Bildung  bekannt  geworden  wären.  Eine  andere 
Möglichkeit  war  die,  dass  der  tränkische  Stamm  von  griechisch-arabi- 
scher Bildung  durchdrungen  worden  wäre.  Beide  Möglichkeiten  haben 
sich  nicht  erfüllt.     Theodosius   der  Grosse   wehrte   am  Schlüsse   des 

4Ü* 


772  38.  Kapitel. 

IV.  S.  den  Strom  der  Völkerwauderuug  von  den  •Balkanländern  ab, 
so  dass  er  erst  bei  der  apenniniseben  Halbinsel  den  westlicben  Lauf 
in  einen' südli eben  verwandeln  konnte.  Die  Scbaaren  Attilas,  Dscbin- 
gizcbäns  Mongolen  am  näcbsten  verwandt,  blieben  gleicbfalls  nördlicb 
in  ibrer  Ueberfiutbung  Europas,  die  im  V.  S.  kurz  aber  gefabrdrobend 
sieb  ergoss.  Und  als  732  ein  westarabiscbes  Heer  die  Pyrenäen 
überscbritten  batte  und  eine  Scblacbt  darüber  zu  entscheiden  batte, 
ob  Cbristentbum  ob  Islam  siegen  sollte,  da  gelang  es  Karl  Martel 
bei  Poitiers  seine  Fabnen  aufrecbt  zu  erbalten. 

Wir  baben  keineswegs  die  zwecklose  Absiebt,  Vermutbungs- 
gescbicbte  zu  scbreiben  und  darüber  in  Ausführungen  uns  zu  ergeben, 
welche  Wendung  die  Entwicklung  der  Wissenschaften,  in  erster  Linie 
der  Mathematik,  genommen  hätte,  wenn  nur  eines  jener  Ereignisse 
anders  ausgefallen  wäre,  genug,  es  war  so,  wie  wir  sagten.  Griechischer 
Einfluss,  unmittelbarer  wie  durch  Araber  vermittelter,  blieb  den  in 
Europa  ausserhalb  Griechenland  und  Italien  angesiedelten  Stämmen 
fremd,  wenn  wir  von  Spanien  absehen,  dessen  Ausnahmestellung  wir 
oben  einige  Worte  gewidmet  haben.  Nur  was  durch  römische 
Zwischenträger  eingeführt  werden  konnte,  kam  der  nordischen  Mathe- 
matik, um  uns  dieses  wenn  auch  im  Einzelnen  nicht  immer  zutreffenden 
Sammelnamens  zu  bedienen,  zu  gut.  Wir  wissen  aus  den  Kapiteln, 
in  welchen  wir  mit  den  Kömern  uns  besonders  beschäftigten,  wie 
blutwenig  das  war,  wenn  auch  immerhin  mehr,  als  man  lange  Zeit 
meinte.  Wir  müssen  jetzt  verfolgen,  wie  jenes  Wenige  in  fast  noch 
absteigender  Reihenfolge  da  und  dort  zu  erkennen  ist,  bis  seit  den 
Kreuzzügeu,  also  seit  dem  XII.  S.,  die  europäische  Wissbegier  sich 
bungris  abwandte  von  den  stets  leereren  Säcken  römisch-klösterlicher 
Speisekammern,  um  an  den  vollen  Speichern  arabischer  Gelehrten 
sich  so  zu  sättigen,  dass  die  Ueberladung  merklich  wird,  dass  nicht 
alles  verdaut  werden  konnte. 

Vorläufig  befinden  wir  uns  noch  in  der  Zeit,  welche  an  unseren 
römischen  Abschnitt  sich  anschliesst,  am  Ende  des  VI.  S.  Damals 
wurde  570  in  Carthagena  Isidorus  geboren^).  Seine  Mutter  war 
die  Tochter  eines  gothischen  Königs,  eine  seiner  Schwestern  soll  den  ' 
Thron  des  Königs  Levigild  getheilt  haben.  Seine  übrigen  Geschwister 
waren  sämmtlich  hohe  kirchliche  Würdenträger.  Bei  solchen  Ver- 
bindungen kann  es  nicht  Wunder  nehmen,  dass  Isidorus  schon  nach 
kaum  zurückgelegtem  80.  Lebensjahre  im  Jahre  601  Bischof  von 
Sevilla  wurde,  eine  Stellung,  die  er  bis  zu  seinem  Tode  636  bekleidete. 
Aber  Isidorus  Hispalensis,  wie  er  von  seinem  Wohnsitze  beisst,  recht- 


')  Math.  Buitr.  Knlturl.  S.  277—279. 


Klostergelehrsamkeit  bis  zum  Ausgange  des  X.  Jahrhunderts.  773 

fertigte  nachträglich  die  Wahl,  die  ihn  getroffen  hatte.  Seine  Bered- 
samkeit machte,  um  das  Wort  eines  Schülers  über  ihn  zu  gebrauchen, 
seine  Zuhörer  erstarren.  Beinamen  wie  „Zierde  der  katholischen 
Kirche",  wie  „der  hervorragende  Gelehrte"  wurden  ihm  beigelegt, 
und  zweimal  619  und  633  wurde  ihm  die  Ehre  zu  Theil,  bei  einem 
Concil  den  Vorsitz  zu  führen.  Seine  Schriften  waren  zahlreich,  doch 
haben  wir  es  nur  mit  einem  Werke  zu  thun,  einer  Art  von  Encyklo- 
pädie  in  20  Büchern,  welche  er  verfasste,  und  in  welcher  er  sicli 
wenn  nicht  der  Form  so  doch  dem  Inhalte  nach  streng  an  die  schon 
vorhandenen  römischen  Encyklopädieu  eines  Martianus  Capella,  eines 
Cassiodorius  Senator  anschloss,  welche  er  von  nun  an  ersetzte,  fast 
verdrängte. 

Die  Ursprünge,  Origines,  oder  auch  die  Etymologien  ist  der 
Titel  des  Werkes.  Isidorus  liebt  es  nämlich,  die  Erklärung  des  Sinnes 
eines  Ausdruckes  aus  dessen  sprachlichem  Ursprünge  zu  entnehmen 
und  so  bilden  Wortableitungen  einen  grossen  Theil  des  umfassenden 
Werkes.  Gleich  zu  Anfang  ist  die  Wissenschaft  als  aus  7  Theilen 
bestehend  augegeben.  Es  sind  dieselben  Theile,  dieselbe  Reihenfolge, 
welche  wir  bereits  kennen.  Es  ist  das  Trivium:  Grammatik,  Rhe- 
torik, Dialektik  und  das  Quadrivium  der  mathematischen  Wissen- 
schaften: Arithmetik,  Musik,  Geometrie,  Astronomie.  Die  Kapitel  21 
bis  24  des  T.  Buches  handeln  von  den  Abkürzungszeichen  der  Alten, 
doch  würde  man  fehl  gehen,  wenn  man  hier  die  Apices  suchen 
wollte.  Sie  sind  ebensowenig  behandelt  wie  gewisse  musikalische 
Zeichen,  deren  die  Römer  sich  doch  unzweifelhaft  bedienten.  Nur 
im  XV.  Buche,  Kapitel  15  und  16  von  den  Ackermaassen  und  von 
den  Reisemärschen  und  im  XVI.  Buche,  Kapitel  24,  25,  26  von  den 
Gewichten^  von  den  Maassen,  von  den  Zeichen  der  Gewichte^)  finden 
sich  Maassvergleichungen  und  in  dem  letztgenannten  Zeichen  von 
Gewichtstheilen.  Es  sind  das  dieselben  von  den  altrömischen  sich 
unterscheidenden  Namen  und  Zeichen,  deren  auch  Victorius  sich  be- 
dient hatte  (S..495),  die  auf  dem  Abacus  in  der  Geometrie  des  Boethius 
vorkommen,  dem  man  deshalb  nicht  ein  späteres  Datum  als  die 
Lebenszeit  des  Isidorus  zuschreiben  darf-),  sondern  nur  als  die  des 
Victorius,  eine  Noth wendigkeit,  welche  durch  die  Lebenszeit  des 
Boethius  selbst  reichlich  erfüllt  ist.  Jene  vorerwähnten  Kapitel  -des 
I.  Buches  der  Origines  enthalten  dagegen  Erklärungen  von  mancherlei 
grammatischen  Zeichen,  von  Sternchen,  von  besonderen  Anführungs- 

^)  Diese  5  Kapitel  sind  abgedruckt  bei  Hui t seh,  Metrologicorum  Scripto- 
rum  Bdiquiae  \l,  106—123.  Auf  pag.  114  lin.  6—12  findet  sich  eine  Ableitung 
von  siclus  aus  dem  hebräischen  sicel.  ^)  Friedlein,  Zahlzeichen  und  elemen- 
tares Eechuen  u.  s.  w,  S.  59. 


774  38.  Kapitel. 

zeichen  für  biblische  Stellen  und  dergleichen  mehr.  Das  III.  Buch 
handelt  von  den  vier  mathematischen  Wissenschaften,  unter  welchen, 
wie  Isidorus  sagt,  die  weltlichen  Schriftsteller  alle  mit  Recht  die 
Arithmetik  vorangestellt  haben;  denn  sie  bedürfe  zu  ihrer  Darlegung 
keiner  anderweitigen  Vorkeimtnisse,  wie  es  bei  der  Musik,  der  Geo- 
metrie, der  Astronomie  der  Fall  sei.  Diesem  Beispiele  folgend  schickt 
auch  Isidorus  die  Arithmetik  voraus,  deren  Ursprung  und  Uebergang 
zu  den  Römern  er  in  den  vielfach  angeführten  Worten  schildert: 
„Man  hält  dafür,  dass  Pythagoras  bei  den  Griechen  die  Wissenschaft 
der  Zahl  zuerst  aufgeschrieben  habe,  dass  sie  alsdann  von  Nikomachus 
weitläufiger  behandelt  wurde;  den  Römern  wurde  sie  durch  Appuleius 
und  Boethius  bekannt."  Im  3.  Kapitel  erklärt  Isidorus  die  lateinischen 
Zahlennamen  in  einer  Weise,  welche  dem  Leser  mitunter  als  Spott 
erscheinen  müsste,  könnte  man  nicht  die  feste  Ueberzeugung  von  dem 
ernstesten  wissenschaftlichen  Streben  des  Isidorus  haben.  Da  soll 
decem,  zehn,  von  dem  griechischen  deö^sveiv,  zusammenbinden,  her- 
kommen, weil  die  Zehn  alle  niedrigeren  Zahlen  erst  vereinige.  Da 
stammt  centum,  hundert,  von  xaz^Gog,  das  Rad,  warum,  wird  nicht 
gesagt.  Da  wird  mille,  tausend,  aus  multitudo,  die  Menge,  erklärt. 
Glücklicherweise  wird  der  undankbare  Gegenstand  bald  wieder  ver- 
lassen, und  die  folgenden  Kapitel  bringen  die  bekannten  ünterschei- 
dmigen  der  Zahlen  in  gerade  und  ungerade,  in  vollkommene  und 
überschiessende,  in  nach  gegebenen  Verhältnissen  proportionale,  in 
lineare  Zahlen,  Flächenzahlen  und  Körperzahlen  u.  s.  w.  Die  Zahl 
hat  für  Isidorus  eine  solche  Würde,  dass  er  einem  anderen  kirchlichen 
Schriftsteller  folgend  in  die  Worte  ausbricht^),  welche  von  ihm  aus 
sich  durch  die  verschiedensten  Schriftsteller  weiter  vererbt  haben: 
„Nimm  die  Zahl  aus  allen  Dingen  weg,  und  alles  geht  zu  Grunde. 
Raube  dem  Jahrhundert  die  Rechnung  und  die  Gesammtheit  wird 
von  blinder  Unwissenheit  ergriffen,  und  nicht  kann  von  den  übrigen 
Thieren  unterschieden  werden,  wer  die  Verfahren  des  Calculs  nicht 
kennt." 

Aber  wie  ha,t  man  denn  gerechnet,  wird  im  Stillen  jeder  Leser 
fragen?  Darüber  gibt  Isidorus  keinerlei  Auskunft.  Nur  an  einer 
Stelle  sagt  er  uns,  wie  uns  scheint,  wie  zu  seiner  Zeit  nicht  mehr 
gerechnet  wurde.  Im  X.  Buche,  welches  nicht  weiter  in  Kapitel  ab- 
getheilt  bestimmt  ist,  Wörter  zu  erklären,  welche  selbsfe  in  ziemlich 
alphabetischer  Ordnung  aufeinander  folgen,  heisst  es  in  der  43.  Nummer 
unter  calculator:  a  calculis  i  e.  lapillis  minutis,  quos  antiqiii  in  manu 

')  Or  ig  in  es  Lib.  III,  cap.  4,  §  4:  Tolle  nunicrmn  rebus  omnibus  et  omnia 
percunt.  Adime  seculo  compiUum  et  cuncta  üjnorantia  cacca  compleetitur,  nee 
differri  potest  a  cetcris  animalibiis  qui  ealculi  ncscit  rationem. 


Klostergelehrsamkeit  bis  zum  Ausgange  des  X.  Jahrhunderts.  775 

tenentes  componcbant  nmncrmn,  also  Rechneu  von  Reclienpteunigen 
d.  li.  kleinen  Steinchenj  welche  die  Alten  in  der  Hand  zu  halten 
und  die  Zahlen  daraus  zusammenzulegen  pflegten. 

Was  in  dem  III.  Buche  von  Geometrie,  Musik  und  Astronomie 
vorkommt,  ist  noch  dürftiger  als  das  Arithmetische,  auch  in  dieser 
Beziehung  an  die  Vorgänger  des  Isidorus  erimiernd.  Die  grosse 
Menge,  auch  der  her  ahmten  Gelehrten,  wusste  von  diesen  Theilen 
der  Mathematik  wenig  mehr  als  einige  Wort-  und  Sacherklärungeu 
und  musste  es  dabei  bewenden  lassen.  Auch  Isidorus  macht  hierin 
keinerlei  Ausnahme. 

Das  war,  wie  wir  schon  gesagt  haben,  das  Werk,  welches  für 
lange  Zeit  die  eine  Hauptquelle  des'  Wissens  bildete,  aus  welcher  die 
Nachkommen  schöpften,  während  die  Werke  des  Martianus  C'apella, 
des  Cassiodorius  Senator  in  den  Hintergrund  traten  und  nur  Macro- 
bius  und  Boethius  einer  Gunst  sich  erfreuten,  welche  dem  Einen  für 
seine  grössere  Selbstäudigkeit,  dem  Anderen  für  seine  grössere  Aus- 
führlichkeit in  der  Thafc  gebührte. 

Mehr  vielleicht  als  durch  seine  Schriften  machte  sich  Isidorus 
durch  seine  Fürsorge  für  den  Unterricht  verdient.  Die  Regel  de*s 
heiligen  Benedict  von  Nursia  hatte  die  Aufnahme  von  Kindern  *als 
Klosterzöglingen  vorgesehen  und  Klosterschulen  zum  Bedürfnisse  ge- 
macht. Isidorus  stiftete  seit  seiner  Erhebung  zum  Bischöfe  gleich- 
falls  eine  Art  von  Schule,  in  welcher  die  nothwendigsten  Lehrgegen- 
stände  eingeübt  wurden. 

Etwa  ein  Jahrhundert  nach  der  Geburt  von  Isidorus  von  Sevilla 
erblickte  der  Mann  das  Licht  der  Welt,  zu  welchem  wir  uns  jetzt  zu 
wenden  haben,  und  der  uns  nach  dem  fernsten  Norden  von  Europa 
führen  wird:  Beda,  genamit  der  Ehrwürdige,  venerabilis ^).  Die  Ge- 
schichte dieses  Mannes  und  seiner  folgereichen  Leistungen  ist  so  un- 
trennbar mit  der  Geschichte  der  Bekehrung  der  britischen  Inseln  ver- 
bunden, dass  wir  noth wendig  etwas  weiter  ausholen  und  bei  dieser 
einen  Augenblick  verweilen  müssen. 

Irland  war  schon  in  der  ersten  Hälfte  des  V.  S.  von  Gallien  aus 
bekehrt  worden.  Klöster  entstanden  dort,  in  welchen,  getreu  den 
Ueberlieferungeu  des  heiligen  Benedict  und  des  Cassiodorius  (S.  529), 
geistliche  und  weltliche  Schriftsteller,  lateinische  sowohl  als  grie- 
chische, zum  Gegenstande  des  Studiums  gemacht  wurden.  Dazu  ge- 
hörte besonders   das   Kloster  Bangor,    von  welchem    in   der    zweiten 

')  Karl  Werner,  Beda  der  Ehrwürdige  und  seine  Zeit.  Wien,  1875. 
Vergl  daneben  auch  die  Vorreden  von  Giles  zu  dem  I.  und  VI.  Bande  seiner 
Ausgabe  von  Bedas  Werken:  Venerabilis  Bedae  opera  q\iae  supersunt  omnia. 
London,  1843.     12  Bände  8". 


776  38.  Kapitel. 

Hälfte  des  VI.  S.  der  heilige  Columban  auszog,  neue  Klöster  an  ver- 
schiedenen Orten  gründend,  so  das  Kloster  Luxeuil  in  Burgund,  so 
Bobbio  in  Oberitalien,  wo  er  selbst  615  starb.  Andere  irische  Mönche 
zogen  dieselbe  Heerstrasse  des  Glaubens  durch  Jahrhunderte  hindurch. 
Die  Klöster,  welche  von  Columban,  von  seinen  Landsleuten  Gallus, 
Pirmin  und  Anderen  in  Deutschland,  in  der  Schweiz,  in  Norditalien 
eino;erichtet  worden  waren,  erhielten  so  immer  frischen  Zuzug,  und 
in  zierlichen  irischen  Buchstaben  entstanden  an  den  verschiedensten 
Orten  saubere  Abschriften  des  gemischtesten  Inhaltes.  Die  Klöster 
irischen  Ursprungs  wetteiferten  so  in  ihren  bildungsfreundlicheu  Be- 
strebungen mit  denen  der  Benedictiner,  da  und  dort  mit  ihnen  ver- 
schmolzen. 

Gleichfalls  von  Irland  aus  ging  ein  früher  Zug  von  Missionären 
hinüber  nach  der  nahe  gelegenen  grösseren  Insel,  nach  Schottland 
und  England.  Allerdings  war  ihr  Wirken  dort  nicht  von  nachhaltigem 
Erfolge.  Nachdem  am  Anfange  des  V.  S.  bereits  Ninian  im  südlichen 
Schottland  das  Christen thum  verbreitet  hatte,  wurde  es  nach  der 
erobernden  Einwanderung  der  Angeln  und  Sachsen  um  450  theils 
wieder  vernichtet,  theils  in  die  Gebirge  zurückgedrängt.  Unter  Papst 
Gregor  dem  Grossen  begann  von  Rom  aus  596  der  wiederholte  Ver- 
such, jene  Lande  zu  bekehren,  und  bald  war  Canterbury  der  Sitz 
eines  Erzbischofs,  und  der  König  von  Kent  nahm  den  neuen  Glauben 
an.  So  gab  es  auf  der  britischen  Hauptinsel  zwei  Kirchen,  die 
ältere  und  die  jüngere,  örtlich  von  einander  getremit,  in  Gewohnheiten 
und  Einrichtungen  mehrfach  von  einander  abweichend,  namentlich  in 
•  einem  Punkte,  der  von  Wichtigkeit  wurde,  so  geringfügig  der  Streit- 
punkt an  sich  uns  erscheinen  mag. 

Die  südliche,  römische  Festordnung  verlangte,  dass  die  Feier  des 
Osterfestes  als  des  Festes  der  Auferstehung  frühestens  am  Abend  des 
14.  Nisam,  spätestens  am  Abend  des  20.  Nisam  jüdischer  Rechnung 
beginne.  Die  nordische,  britische  Ordnung  wollte  das  Fest  zwischen 
um  einen  Tag  früher  gelegenen  äussersten  Grenzen  feiern. 

Es  kam  im  Jahre  664  zu  einer  öffentlichen  Disputation  über 
diesen  Gegenstand  unter  dem  Vorsitze  Königs  Oswin,  und  dieser  ent- 
schied zu  Gunsten  der  römischen  Auffassung,  Es  lässt  sich  denken, 
dass  solche  Vorgänge  ein  reges  Interesse  für  den  Gegenstand  erwecken 
mussten,  über  den  man  öffentlich  gestritten  hatte,  ein  Interesse,  das 
in  letzter  Linie  dem  Rechner  und  seiner  Kunst  zu  gute  kommen 
musste.  Der  nun  geeinigten  Kirche  festeren  Zusammenhalt  zu  geben 
schickte  Papst  Vitalian,  nachdem  der  Bischofssitz  in  Canterbury  660 
erledigt  war,  zwei  neue  hochbegabte  Männer,  Theodor  als  Bischof, 
Hadrian  als  seinen  Rathgebcr.    Theodors  persönliche  wissenschaftliche 


Klostergelehrsarakeit  bis  zum  Ausgange  des  X.  Jahrhunderts.  777 

Neigungen  begegneten  sich  mit  dem  eben  hervorgeliobenem  Interesse, 
sei  es,  class  wir  darin  eine  Gunst  des  Zufalles  zu  erblicken  haben, 
sei  es,  dass  bei  seiner  Wahl  Rücksicht  darauf  genommen  worden 
war.  Er  achtete  streng  darauf,  dass  für  den  ihm  untergebenen  angel- 
sächsischen Klerus  neben  der  heiligen  Schrift  und  der  mit  dem  Stu- 
dium desselben  zusammenhängenden  sachlichen  und  sprachlichen  Unter- 
weisungen auch  Metrik,  Astronomie  und  kirchliche  Festrechnuug 
Gegenstände  des  klösterlichen  Unterrichts  wurden.  Sprachstudien 
waren  nicht  weniger  gefördert.  Es  gab  zu  Bedas  Zeiten,  also  wenige 
Jahrzehnte  nach  Theodors  um  690  erfolgten  Tode  Männer  in  Eng- 
land, welche  des  Griechischen  und  Lateinischen  eben  so  gut  wie 
ihrer  eigenen  Muttersprache  kundig  waren.  Leider  waren  die  grie- 
chischen Werke,  welche  sie  lasen,  nicht  solche,  wie  wir  sie  zum 
Besten  der  mathematischen  Wissenschaften  wünschen  müssten. 

Wie  wir  früher  gesagt  haben.  Alles,  auch  das  Griechische,  kam 
von  Rom,  imd  griechische  Mathematik  war  in  Originalwerken  darunter 
offenbar  gar  nicht  vertreten.  Es  war  schon  verhältnissmässig  sehr 
viel,  dass  überhaupt  eine  gewisse  Neigung  zur  Erledigung  kirchlich- 
mathematischer Fragen  anders  als  auf  von  auswärts  eingetroflene 
Anordnung  hin  in  den  damals  an  der  schottisch  englischen  Grenze 
gegründeten  Klöstern  grossgezogen  wurde,  eine  Neigung,  die  von  da 
aus,  wie  wir  sehen  werden,  durch  Schüler  jener  Klöster  über  Frank- 
reich und  Deutschland  sich  fortsetzte,  während  in  den  älteren  irischen 
Klöstern  z.  B.  an  solche  Fragen  kaum  gedacht  wurde. 

Um  jene  Zeit  674  und  682  war  es,  dass  durch  Biscop,  einen 
edeln  Than,  der  als  Mönch  und  Abt  den  Namen  Benedict  erhielt, 
dicht  an  der  Grenze  Schottlands,  wo  Tyne  und  Were  unweit  von 
einander  in  das  Meer  sich  ergiessen,  zwei  Klöster  erbaut  und 
St.  Peter  und  Paul  geweiht  wurden.  Der  Einrichtung  der  Klöster 
war  durch  Biscop,  der  vielfach  Reisen  nach  Rom  machte  und  stets 
neue  Bücherschätze,  Reliquien,  Gemälde  zur  Ausschmückung  der  Kirche 
von  dort  mitbrachte,  die  Regel  des  Benedictinerordens  zu  Grunde  ge- 
legt. In  dieser  Gegend  ist  Beda  672  geboren,  in  diesen  Klöstern 
wurde  er  erzogen,  hier  verbrachte  er  den  Verlauf  seines  ganzen 
Lebens  in  ruhiger  Emsigkeit,  hier  starb  er  am  26.  Mai  735,  am  Feste 
Christi  Himmelfahrt. 

Beda  hat  als  ein  Hauptwerk  eine  Kirchengeschichte  hinterlassen, 
welche  bis  zum  Jahre  731  hiuabreicht,  und  an  deren  Ende  er  das 
Verzeichniss  derjenigen  Schriften  gibt,  welche  er  bis  dahin  —  bis  zu 
seinem  50.  Lebensjahre,  wie  er  sagt  —  verfasst  hat.  Dadurch  ist  einer- 
seits die  Zeit  seiner  Geburt  genau  bestimmbar   geworden^),   anderer- 

')  Werner,  Beda  S.  81. 


778  38.  Kapitel. 

seits  auch  möglich  geworden,  viele  ihm  früher  wohl  beigelegte  und 
unter  seine  Werke  aufgenommene  Schriften  als  unecht  wieder  zu  ent- 
fernen, da  er  unmöglich  neben  den  Pflichten  eines  Messepriesters,  die 
er  zu  erfüllen  hatte,  neben  dem  Unterrichte  der  zahlreichen  Schüler, 
■welche  er  heranbildete,  in  den  vier  Jahren,  um  welche  er  nur  die 
Anfertigung  jenes  Verzeichnisses  überlebte.  Vieles  schriftstellerisch 
geleistet  haben  kann.  Zwei  Werke  sind  in  dem  Verzeichnisse  als 
von  Beda  herrührend  anerkannt,  die  in  einem  gewissen  geistigen  Zu- 
sammenhange stehen.  Das  eine,  eine  physische  Weltbeschreibung, 
führt  den  Namen  De  natura  rerum,  über  die  Natur  der  Dinge.  Es 
ist  nach  Plinius  bearbeitet,  wie  Beda  selbst  an  einzelnen  Stellen  er- 
klärt. An  die  AVeltkunde  schliesst  sich  sodann  die  Zeitkunde  an, 
der  die  Abhandlung  De  temporibus,  über  die  Zeiten,  gewidmet  ist. 
Diese  Schrift  giebt  im  14.  Kapitel  selbst  ihr  Datum  an,  sie  ist  703 
verfasst. 

Eine  ausführlichere  Bearbeitung  führt  den  Titel:  De  tem/porum 
ratione,  über  Zeitrechnung.  Sie  ist  mindestens  14  Jahre  später  als 
die  kürzere  Fassung  vollendet,  da  sie  dem  Abte  Huaetberct  zugeeignet 
ist,  welcher  erst  716  in  diese  Stellung  eintrat.  In  der  Vorrede  beruft 
sich  Beda  ausdrücklich  auf  die  beiden  genannten  Schriften  von  der 
Natur  der  Dinge  und  von  den  Zeiten.  Sie  seien  nach  dem  Urtheile 
derjenigen,  welche  sie  zu  benutzen  Gelegenheit  hatten,  allzugedrängter 
Schreibweise  gewesen,  als  dass  sie  den  Nutzen  hätten  stiften  können, 
den  er  beabsichtigte.  Namentlich  die  Osterrechnung  scheine  einer 
weittäufigeren  Auseinandersetzung  zu  bedürfen,  und  so  habe  er  sich 
denn  entschlossen,  ein.  derartiges  Lehrbuch  der  Zeitrechnung  seinen 
Schülern  zu  übergeben.  Als  Quellen,  welche  Beda  dabei  benutzte, 
hat  man  Macrobius  und  Isidorus  nachweisen  können^).  Für  Anderes 
sind  ims  seine  Quellen  unbekannt,  wo  er  der  älteste  Schriftsteller  ist, 
von  welchem  eine  ausführlichere  Darstellung  des  Gegenstandes  sich 
erhalten  hat.  Wir  meinen  damit  gleich  das  1.  Kapitel  der  Zeitrech- 
nung, von  welchem  wir  schon  (S.  491)  ankündigend  gesprochen  haben. 
Es  galt  sonst  auch  wohl  für  eine  selbständige  Abhandlung  unter  dem 
Titel  „Ueber  die  Fingerrechnung",  bis  es  auf  Grund  einiger  Hand- 
schriften des  britischen  Museums  an  diesen  seinen  rechtmässigen 
Platz  gel)racht  wurde.  Das  gleiche  Schicksal  theilte  das  4.  Kapitel, 
welches  für  eine  Abhandlung  „Ueber  die  Rechnung  mit  Unzen"  galt'-). 
Das  1.  Kapitel  beziehungsweise  die  ganze  Schrift  über  Zeitrechnung 
leitet  Beda  mit  den  Worten  ein:  „Wir  hielten  es  für  nöthig,  erst  in 

')  Werner  1.  c.  S.  122  und  125.  *)  Beda  (ed.  Giles)  VI,  1:^9—342  das 
Werk  De  ternporum  ratione.  Dessen  Caput  1.  De  computo  vel  loquda  digitorum 
pag.  141—144  und  Caput  4.  De  ratione  unciarum  pag.  147—149. 


Klostergelehrsamkeit  bis  zum  Ausgange  des  X.  Jahrhunderts,  779 

Kürze  die  überaus  nützliclie  und  stets  bereite  Gescliickliclikeit  der 
Fingerbeugungeii  zu  zeigen,  um  dadurcli  eine  möglich  grösste  Leicbtig- 
keit  des  Rechnens  zu  geben-,  dann,  wenn  der  Geist  des  Lesers  vor- 
bereitet ist,  wollen  wir  zur  Untersuchung  und  Aufhellung  der  Reihe 
der  Zeiten  mittels  Rechnung  kommen."  Und  einige  Seiten  später 
lieisst  es:  „Bezüglich  der  oben  bemerkten  Rechnung  kann  auch  eine 
gewisse  Fingersprache  gebildet  werden  theils  zur  Uebung  des  Geistes, 
theils  als  Spielerei."  Man  sieht  hier  einen  scharfen  Gegensatz^).  Die 
Fingersprache  ist,  wenn  auch  Geistesübung  mit  ihr  verbunden  ist, 
nicht  mehr  und  nicht  weniger  als  Spielerei.  Das  Fingerrechnen  ist 
eine  Nothwendigkeit.  Man  hat  gewiss  mit  Recht  mehrfach  aus  diesen 
Stellen  gefolgert,  dass  zu  Bedas  Zeiten  ein  Fingerrechnen,  man  Avürde 
wohl  besser  sagen  ein  Kopfrechnen  mit  Unterstützung  durch  die  zur 
besseren  Erinnerung  an  die  allmälig  sich  ergebenden  und  im  Gedächt- 
nisse festzuhaltenden  Zahlen  vorgenommenen  Fingerbeugungen,  all- 
gemein in  Uebung  war.  Beda  lehrt  in  ausführlicherer  Darstellung, 
wie  man  von  der  linken  Hand  beginnend  und  zur  Rechten  fort- 
schreitend die  einzelnen  Zahlen  darstellen  solle.  Er  lehrt  es  im 
Grossen  und  Ganzen  in  Uebereinstimmung  mit  Nikolaus  von  Smyrna 
(S.  479 — 480),  in  Einzelheiten  von  ihm  abweichend,  so  dass  eine  un- 
mittelbare Abhängigkeit  dieses  letzteren  Schriftstellers  von  Beda,  an 
und  für  sich  nicht  recht  wahrscheinlich,  nur  um  so  weniger  anzunehmen 
sein  dürfte^).  Allein  wenn  nun  der  Schüler  so  vorbereitet  ist,  wenn 
er  seinem  Gedächtnisse  überall,  wo  er  geht  und  steht,  mit  den 
Fingern  zu  Hilfe  kommen  kaimi  —  denn  das  ist  ja  die  Bedeutung  der 
solertia  pronipfissima,  der  stets  bereiten  Geschicklichkeit  —  wie  ver- 
fuhr man  dann  eigentlich? 

Wir  sind  nicht  im  Stande,  aus  Bedas  Schriften  diese  gewiss 
wichtigste  Frage  zu  beantworten.  Beda  sagt  nicht  eine  Silbe  über 
die  Rechnungsverfahren  selbst.  Nur  zweierlei  können  wir  als  Schluss- 
folgerung ziehen.  Erstens,  dass  Beda  bei  seinem  Schweigen  nur  an 
die  verhältnissmässig  sehr  einfachen  Rechnungen  (hauptsächlich  Addi- 
tionen, Subtraktionen,  Multiplikationen  und  Divisionen  durch  4)  dachte, 
welche  bei  der  kirchlichen  Zeit-  und  Festrechnung  vorkamen,  und 
Avelche  in  der  That  leicht  im  Kopfe  auszuführen  waren.  Zweitens 
können  wir  ihm  unmittelbar  entnehmen,  dass  es  eine  weitverbreitete 
Sitte  war,  die  er  schilderte.  Er  sagt  nämlich,  der  heilige  Hieronymus 
müsse  schon  das  Verfahren  des  Fingerrechnens  gekannt  haben,  da 
gewisse  Anspielungen    desselben    nicht    anders    zu    verstehen    seien. 

^)  Stoy,  Zur  Geschichte  des  Rechenunterrichtes  1,38  (Jena  1878)  hat  wohl 
zuerst  dux'ch  Nebeneinanderstellung  der  beiden  Ausdrücke  darauf  aufmerksam 
gemacht.         °)  Auch  diese  Bemerkung  hat  Stoy  1.  c.  S.  36—37  gemacht. 


780  38.  Kapitel. 

Beda  hat  demgemäss  bei  Hierouyinus  das  Finger  rechnen  wieder- 
erkannt, mit  welchem  er  vertraut  war  und  seine  Schüler  vertraut  zu 
machen  beabsichtigte.  Eine  Quelle  muss  also  vor  dem  Tode  des 
Hieronymus  d.  h.  vor  420  vorhanden  und  wahrscheinlich  in  latei- 
nischer Sprache  vorhanden  gewesen  sein.  Eine  andere  Frage  ist  die, 
ob  an  eine  geschriebene  Quelle  die  Lehren  sich  anknüpften.  Uns 
scheint  es  fast  natürlicher,  an  eine  durch  Jahrhunderte  sich  fort- 
setzende mündliche  üeberlieferung  der  Fingerbeugungen  zu  glauben, 
wie  das  Rechnen  unter  Anwendung  der  Finger  sich  unzweifelhaft  nur 
durch  mündliche  Lehre  fortpflanzte.  Diese  unsere  letztere  Behauptung 
ist  in  der  Natur  der  Dinge  begründet,  hat  aber  ausserdem  eine 
wesentliche  Unterstützung  in  der  Thatsache,  dass  wie  Beda  und  Nikolaus 
von  Smyrna  so  auch  jener  Araber,  der  in  Versen  die  Fingerstellungen 
lehrte  (S.  GG8),  über  das  wirkliche  Rechnen  keine  Silbe  verliert. 

Ist  diese  Lücke  schon  für  das  Rechnen  mit  ganzen  Zahlen  vor- 
lianden,  so  kann  man  zum  voraus  versichert  sein,  dass  ein  umfassendes 
Bruchrechuen  erst  recht  nicht  gelehrt  wird.  In  der  That  findet  sich 
in  dem  4.  Kapitel  über  die  Rechnung  mit  Unzen  kaum  mehr  als  die 
Eiutheilung  des  aus  12  Unzen  bestehenden  Asses  und  der  Unze  selbst, 
ein  Beleg,  wenn  ein  solcher  verlangt  würde,  für  den  unmittelbar 
römischen  Ursprung  des  Ganzen.  Beda  bemerkt,  der  Begriff  als  Ge- 
wicht habe  den  Ausgangspunkt  gebildet,  dann  aber  sei  abgeleitet 
davon  nur  der  Begriff  des  Ganzen  und  seiner  Theile  übrig  geblieben. 
Wenn  man  von  einem  Ganzen  sein  Sechstel  wegnehme,  so  nenne 
man  den  Rest  dextans  u.  s.  w.  Auch  die  Zeichen  für  die  Brüche 
fehlen  nicht.  Solche  waren,  wie  wir  wiederholt  zu  bemerken  hatten, 
seit  Jahrhunderten  in  Gebrauch.  Es  hat  wohl  die  Bedeutung  des 
einen  oder  des  anderen  Bruchnamens  sich  verändert;  es  haben  neue 
Namen  sich  eingeschoben;  die  Zeichen  haben  sich  abgerundet,  sind 
neuen  Namen  entsprechend  neu  hinzugetreten,  aber  begrifflich  Neues 
tritt  uns  nicht  entgegen. 

Die  Osterrechnung,  der  eigentliche  Mittelpunkt  der  Zeitrechnung, 
gründet  sich  bei  Beda  wie  bei  (kssiodorius,  wie  bei  Anderen  (S.  533) 
auf  die  19jährige  Wiederkehr  des  Zusammenfallens  von  Sonnen-  und 
Mondzeiten  und  stellt,  wie  wir  oben  andeuteten,  an  die  Rechenkunst 
des  Schülers,  der  nur  diese  Aufgabe  zu  lösen  beabsichtigte,  keine 
übermässige  Anforderung,  sodass  die  Erfüllung  der  auf  einem  Aus- 
spruche des  heiligen  Augustinus  beruhenden  Vorschrift  ^),  es  müsse  in 
jedem  Mönchs-  und  Nonnenkloster  wenigstens  eine  Person  vorhanden 

')  Ilisfoire  Uttcraire  de  la  France  par  des  rcligieux  Bmcdictins  VI,  70,  und 
Sickel,  die  Lunarbuchstaben  in  den  Kaiendarien  des  Mittelalters.  Sitzungsber. 
d.  Wiener  Akademie.    Philosopb.-histor.  Klasse  XXXVIII,  153  (1875). 


Klostergelehrsanikeit  bis  zum  Ausgange  des  X.  Jahrhunderts.  781 

sein,  welche  es  verstelle,  die  Ordnung  der  kirchlichen  Feste  und 
damit  den  Kalender  für  das  laufende  Jahr  festzustellen ,  nicht  grade 
schwer  war. 

Dasselbe  Jahr  735,  in  welchem  Beda  starb,  war  das  Geburtsjahr 
Alcuins').  Er  war  ein  vornehmer  Angelsachse  und  hiess  mit 
heimathlichem  Namen  Alh-win,  d.  h.  Freund  des  Tempels,  woraus 
ebeu  Alcuin  entstanden  ist.  Fast  noch  häufiger  nannte  er  sich  selbst 
Albinus.  Sein  Lehrer  war  Egbert  von  York,  ein  naher  Freund 
Bedas,  wie  aus  einem  vertrauten  Briefe  Bedas  an  ihn  über  kirchliche 
Verhältnisse  hervorgeht.  Egbert  legte  an  der  mit  einer  reichen  Bi- 
bliothek ausgestatteten  Schule  seines  Bischofssitzes  das  neue  Testa- 
ment aus,  die  übrigen  Fächer  waren  seinem  Verwandten  Aelbehrt 
anvertraut,  zu  welchem  Alcuin  in  enge  Beziehungen  trat.  Er  be- 
gleitete ihn  noch  als  Jüngling  auf  einer  wissenschaftlichen  Reise 
nach  Rom,  dem  Hauptmarkte  für  die  Erwerbung  von  Handschriften, 
er  wurde  sein  Nachfolger  in  der  Leitung  der  Yorker  Schule,  als  Ael- 
behrt 766  nach  Egberts  Tode  den  erzbischöflichen  Stuhl  bestieg. 

Alcuin  erzählt  uns  selbst,  worin  der  Unterricht  an  der  Schule 
bestand.  Die  Geheimnisse  der  heiligen  Schrift  wurden  erläutert. 
Daneben  wurden  Grammatik,  Rhetorik,  Dialektik,  Musik  und  Poesie 
gelehrt.  Auch  die  exakten  Wissenschaften  kamen  nicht  zu  kurz. 
Astronomie  und  eigentliche  Naturgeschichte,  die  Osterrechnung  bil- 
deten besondere  Lehrgegenstände,  die  in  gleichem  Inhalte  uns  auch 
bei  Beda  begegnet  sind,  und  die  von  Alcuin  muthmasslich  nicht  viel 
anders  gelehrt  wurden  als  es  bei  seinen  Vorgängern  aufwärts  bis  zu 
Isidorus,  zu  Cassiodorius,  zu  Victorius  der  Fall  gewesen  war. 

Er  wurde  durch  die  gleichen  Werke  römischer  Gelehrsamkeit 
unterstützt,  welche  in  der  Büchersammlung  von  York  sämmtlich  vor- 
räthig  waren.  Hat  doch  Alcuin  in  dem  Gedichte^),  in  welchem  er 
der  Unterrichtszweige  gedenkt,  auch  ein  Verzeichniss  von  solchen 
Schriften  gegebeii,  die  in  York  zu  finden  waren; 

Finden  wirst  dort  du  die  Spur  der  alten  Väter  der  Kirche, 
Finden  was  für  sich  der  Römer  im  Erdkreis  besessen 
Und  was  Griechenlands  Weisheit  lateinischen  Völkern  gesandt  hat. 
Auch  was  das  Volk  der  Hebräer  aus  himmlischem  Regen  getrunken, 
Oder  was  Afrika  hat  hellüiessenden  Lichtes  verbreitet. 


^)  Karl  Werner,  Alcuin  und  sein  Jahrhundert.  Paderborn,  1876.  Kurz, 
aber  übersichtlich  ist  Dümmlera  Artikel  „Alkuin"  in  der  Allgemeinen  deutscheu 
Biographie  I,  343—348  (1875).  ^)  Poema  de  Pontificibus  et  Sanctis  ecclesiae 
Eboracensis  (d.  h.  von  York)  in  den  Monumenta  Alcuiniana  (ed.  Watten - 
bach  et  Dümmler).  Berlin,  1873  als  VI.  Band  der  Bibliotheca  rerum  Ger- 
manicantm.  Der  Studienplan  ist  geschildert  v.  v.  1431  sqq.  (S.  124 — 125),  das 
Bücherverzeichuiss  v.  v.  1534  sqq.  (S.  128). 


782  38    Kapitel. 

Natürlich  ist  bei  dem  letzten  Verse  vorwiegend  au  Augustinus  zu 
denken,  bei  dem  auf  Grieclienland  bezüglichen  au  ihn  selbst  den 
scharfsinnigen  Aristoteles  —  i^se  acer  Aristoteles  —  welche  beide  im 
weiteren  Verlaufe  ausdrücklich  genannt  sind.  Kaum  festzustellen 
dürfte  freilich  sein,  ob  aristotelische  Originalschriften,  ob,  worauf 
die  Bemerkung  Griechenlands  Weisheit  sei  den  Lateinern  zugesandt 
eher  zu  deuten  scheint,  nur  die  lateinischen  Bearbeitungen  durch 
Boethius  vorhanden  waren.  Von  römischen  Schriftstellern  waren 
nach  Alcuins  Aussage  unter  vielen  anderen  Victorinus,  wahrscheinlich 
der  Grammatiker  dieses  Namens  aus  dem  IV.  S.,  vielleicht  aber  auch 
der  Schriftsteller,  den  wir  als  Victorius  kennen  gelernt  haben, 
Boethius,  Plinius  vertreten.  Beda  wird  neben  diesen  als  ebenbürtiger 
Schriftsteller  genannt. 

Erzbischof  Aelbehrt  starb  780,  und  nun  wurde  Alcuin  nach  Rom 
gesandt,  um  für  dessen  Nachfolger  die  päpstliche  Bestätigung  einzu- 
holen. Auf  dieser  Reise  traf  er  in  Parma  mit  Karl  dem  Grossen 
zusammen,  welcher  ihn  schon  vorher  sei  es  persönlich,  sei  es  durch 
den  Ruf  der  Gelehrsamkeit,  der  um  den  Yorker  Schulvorsteher  sich 
weiter  und  weiter  verbreitete,  kennen  gelernt  hatte.  Karl  wünschte 
ihn  bei  sich  zu  haben,  um  den  Stand  des  Wissens  in  Deutschland 
auf  eine  bessere  Stufe  zu  bringen,  und  nach  Einholung  der  Erlaub- 
niss  seiner  Vorgesetzten  folgte  Alcuin  der  kaiserlichen  Einladung  782. 
Nach  achtjährigem  Aufenthalte  an  dem  Kaiserhofe,  der  übrigens  nicht 
an  einem  und  demselben  Orte  sich  aufhielt,  sondern  bald  da,  bald 
dort  seinen  Sitz  hatte,  kehrte  Alcuin  nach  der  Heimath  zurück,  dann 
wieder  zu  Karl,  der  ihn  nicht  missen  wollte,  und  als  Alcuin  ge- 
brechlich und  von  häufigen  Krankheiten  heimgesucht  das  beschwer- 
liche Leben  eines  wandernden  Hofstaates  nicht  länger  mitmachen 
konnte,  wurde  ihm  die  ersehnte  Zurückgezogenheit  in  einer  Art,  wie 
er  sich  dieselbe  keineswegs  gedacht  hatte.  Karl  der  Grosse  schickte 
ihn  796  als  Abt  nach  dem  Kloster  St.  Martin  in  Tours,  dessen 
Mönche  einer  strengeren  Zucht  als  unter  dem  grade  verstorbenen 
Abte  in  hohem  Grade  bedürftig  waren.  Alcuin  hat  hier  eine  be-. 
rühmte  Klosterschule  gegründet,  aus  welcher  zahlreiche  Lehrer  her- 
vorgingen, die  alsdann  in  gleichem  Simie,  wie  sie  erzogen  und  unter- 
richtet worden  waren,  an  anderen  Orten  wirkten.  Alcuin  hat  auch  die 
grossartige  Büchersaramlung  in  Tours  ins  Leben  gerufen.  So  waren 
seine    letzten   Lebensjahre   reich    erfüllt.     Er  starb  den  19.  Mai  804. 

Die  Bedeutung,  welche  Alcuin  für  die  Geschichte  der  Mathematik 
besitzt,  liegt  auf  zweifachem  Gebiete.  Sie  ist  zu  suchen  in  seinen 
Verdiensten  um  das  Unterrichtswesen  und  in  seiner  schriftstellerischen 
Thätigkeit. 


Klostergelehrsamkeit  bis  zum  Ausgange  des  X.  Jahrliunclerts.  783 

Wir  haben  Alcuin  am  Morgen  seines  Lebens  als  Lehrer  in  York 
wirken  sehen.  Wir  haben  von  den  nachhaltigen  Erfolgen  andeu- 
tungsweise  gesprochen,  die  seine  Lehrthätigkeit  in  Tours  am  Abende 
seines  Lebens  gehabt  hat.  Lehrer  war  er  auch  am  Hofe  Karl  des 
Grossen.  War  doch  der  Kaiser  selbst,  der  an  Wissenslust  es  Allen 
zuvorthat,  kaum  des  Schreibens  kundig,  und  so  der  Schule  nur  dem 
Alter  nach  entwachsen.  Die  Rohheit  der  Zeit  brachte  das  nun  ein- 
mal mit  sich,  und  ihr  müssen  wir  es  auch  zuschreiben,  wenn  wir 
dem  Gelehrtesten  der  Gelehrten,  wenn  Avir  Alcuin  selbst  fast  nichts 
nachrühmen  können  als  eine  Aneignung  fremden  Stoffes.  Der  Ver- 
kehr Alcuins  mit  den  hochgestellten  Schülern  und  Schülerinnen 
musste  selbstverständlich  ein  anderer  sein  als  er  in  der  Klosterschule 
gebräuchlich  war,  ein  anderer  auch  als  er  zwischen  denselben  Per- 
sönlichkeiten und  sonstigen  Hofbeamten  herrschte.  Damit  grössere 
Zwanglosigkeit  gestattet  war,  legte  Alcuin  allen  Mitgliedern  der 
Schule,  den  Kaiser  und  sich  selbst  nicht  ausgenommen,  Beinamen 
bei,  die  der  Bibel  oder  dem  Alterthum  entnommen  waren.  Der 
Kaiser  war  König  David  oder  König  Salomo,  Alcuin  war  Flaccus, 
die  geistreiche  Guntrada,  Karls  Geschwisterkind,  war  Eulalia  genannt 
u.  s.  w.  Damit  aber  der  mitunter  trockene  Lehrgegenstand  den  Schülern 
nicht  zuwider  würde,  kleidete  der  Lehrer  die  an  sich  ernsthaft  ge- 
meinten Fragen  nicht  selten  in  das  Gewand  scherzhafter  ßäthsel, 
mitunter  sogar  dem  derben,  unfeinen  Ton  huldigend,  welcher  am 
Karoliugerhofe  zu  Hause  war.  Der  von  Alcuin  auf  solche  Weise  er- 
theilte  Unterricht  fand  begeisterten  Anklang.  Um  so  dringender 
wurde  Karls  Wunsch  ähnlich  gebildete  Lehrer  seinem  Volke  zu 
geben.  Ein  Capitulare  von  789  aus  Aachen  datirt  bestimmt,  die 
Domstifte  und  Klöster  sollen  öffentliche  Knabenschulen  unterhalten, 
in  welchen  der  Unterricht  in  den  Psalmen,  in  Noten,  im  Gesang,  im 
(Jomputus,  in  der  Grammatik  ertheilt  werden  solle  ^).  Wir  haben 
absichtlich  das  Fremdwort  Computus  hier  beibehalten,  um  es  zweifel- 
haft zu  lassen,  ob  nur  der  vorzugsweise  sogenannte  com^puttis,  d.  h. 
die  von  uns  mehrfach  besprochene  Osterrechnung  gemeint  sein  mag, 
oder,  wie  es  uns  viel  wahrscheinlicher  däucht,  da  von  einem  Lehr- 
gegenstaude für  irgend  welche  Knaben,  nicht  für  angehende  Mönche 
die  Rede  ist,  das  Rechnen  ■  überhaupt.  Wenige  Jahre  später  beruft 
Karl  Theodulf  als  Bischof  von  Mainz  (794)  aus  Italien,  ihn  an  die 
Spitze  einer  Domschule  zu  stellen.  Für  den  Unterricht  darf  nichts 
genommen  werden,  als  was  von  den  Eltern  freiwillig  gegeben  wird. 
Dass  die  Kinder  aber  zur  Schule  geschickt  werden,  bleibt  nicht  dem 

')  Werner,  Alcuin  S.  35. 


784  38.  Kapitel. 

freien  Willen  der  Eltern  überlassen.  Mit  Strafen  werden  diese  zur 
Erfüllung  ihrer  Pflicht  angehalten.  Mit  der  Volksschule  tritt-  der 
Schulzwaug  ins  Leben  ^). 

Wir  haben  von  Alcuins  schriftstellerischer  Thätigkeit  zu  reden 
und  bringen  unter  diesem  Titel  Aufgaben  zur  Sprache^  von  denen 
es  allerdings  nicht  sicher  ist,  ob  sie  Alcuin  angehören.  Dass  sie  ein 
altes  Gepräge  tragen,  mag  schon  daraus  entnommen  werden,  dass 
sie  früher  in  den  Druckausgaben  nicht  bloss  von  Alcuins,  sondern 
auch  von  Bedas  Werken  Aufnahme  fanden,  während  sie  diesem  Letzt- 
genannten wohl  unter  keinen  Umständen  angehören"-).  Die  Zuwei- 
sung an  Alcuin  beruht  auf  mehreren  Gründen,  deren  jeder  einzeln 
für  sich  nicht  sonderlich  schwerwiegend  ist,  die  jedoch  in  ihrer  Ge- 
sammtheit  vielleicht  genügen,  den  Ausschlag  zu  geben.  Wir  haben 
erst  davon  gesprochen,  dass  Alcuin  es  liebte,  bei  seinem  Unterrichte 
eine  gefällige,  oft  scherzhafte  Form  der  Fragestellung  oder  der  Beant- 
wortung zu  wählen,  letztere  Form  insbesondere  nach  griechischem 
Muster  des  Atheners  Secundus  aus  dem  L  und  IL  S.  n.  Chr.,  von 
welchem  einige  Alcuinische  Fragen  und  Antworten  ethischer  und 
kosmographischer  Art  wörtlich  entlehnt  erscheinen^).  Die  Räthsel- 
form  ist  aber  auch  die  der  Aufgaben  zur  Verstandesschärfung, 
prqpositiones  ad  acuendos  iuvenes.  Man  hat  ferner  darauf  aufmerksam 
gemacht,  dass  deren  Schreibweise  überhaupt  mit  der  Alcuins  über- 
einstimme*). Man  hat  weiter  auf  einen  Brief  Alcuins  an  Karl  den 
Grossen  sich  bezogen,  in  welchem  der  Briefsteller  sagt,  er  schicke 
gleichzeitig  einige  Proben  arithmetischen  Scharfsinnes  zur  Erheite- 
rung^) und  hat  vermuthet  diese  Proben  seien  eben  jene  Aufgaben, 
insgesammt  oder  theilweise.  Dem  gegenüber  hat  man  freilich  ein- 
zuwenden gewusst''),  unter  Proben  arithmetischen  Scharfsinnes  zur 
Erheiterung  habe  Alcuin  ganz  anderes  verstanden,  nämlich  Anwen- 
dung zahlentheoretischer  Begriffe  auf  Bibelerklärung,  wie  sie  in 
einzelnen  seiner  Briefe  und  Schriften  vorkommen.  So  habe,  nach 
ihm,  Gott,  der  Alles  gut  schuf,  sechs  Wesen  geschaffen,  weil  6  eine 
vollkommene  Zahl  sei;  8  aber  ist  eine  mangelhafte  Zahl, 

1-f  2-f  4  =  7<8, 
und  „deswegen  geht  der  zweite   Ursprung   des   Menschengeschlechtes 
von  der  Zahl  8  aus.     Wir  lesen  nämlich,  dass  in  Noahs  Arche  acht 


')  Lorenz  von  Stein,  Das  Bildungswesen  des  Mittelalters,  IL  Auflage, 
S.  66  (Stuttgart,  1883).  ")  Bedae  Opera  (ed.  Giles)  Bd.  VL  Vorrede  S.  XllJ. 
*)  Werner,  Alcuin  S.  18.  *)  Giles  1.  c.  ^)  Monumenta  Alcuiniana,  EpisUda 
112,  pag.  459:  Misi  aliquas  figuras  Ariihmeticac  sahtilüatia  laelitiae  causa. 
«)  Hankel  S.  310-311. 


Klostergelehrsamkeit  bis  zum  Ausgange  des  X.  Jalirhnnderts.  785 

Seelen  gewesen,  von  welchen  das  ganze  Menscliengesclileclit  ab- 
stammt, um  zu  zeigen,  der  zweite  Ursprung  sei  unvollkommener  als 
der  erste,  welcher  nach  der  Sechszahl  geschaffen  wurde"  ^).  Beispiele 
solcher  Zahlenmystik  könnten  gehäuft  werden.  Man  könnte  an  einen 
Brief  Alcuins  erinnern,  in  welchem  von  den  Zahlen  1  bis  10  gesagt 
wird,  welche  Beziehungen  zu  Gegenständen  der  heiligen  Schrift  sie 
haben-).  Man  könnte  bis  auf  Isidorus  zurück ■')  merkwürdige  Ge- 
dankenverknüpfungen verfolgen,  in  deren  Nachahmung  Alcuin  die 
Zahl  153  der  Fische,  welche  Petrus  auf  einen  Zug  fing"^),  zu  er- 
klären weiss,  ausgehend  von 

153  =  3  •  3  •  17  ==  1  -f  2  +  3  H [-11 

in  Verbindung  mit  51  =  50  -f-  1  u.  s.  w.^).  Wir  lassen  es  dahinge- 
stellt, ob  diese  Verweisungen,  mögen  sie  selbst  dem,  was  Alcuin  au 
Karl  schickte,  einen  anderen  Inhalt  geben  können  als  nach  der  zu- 
erst ausgesprochenen  Vermuthung,  in  Widerspruch  stehen  zu  der 
Annahme,  Alcuin  habe  die  Aufgaben  zur  Verstandesschärfung  zu- 
sammengestellt. Wir  geben  zu  bedenken,  dass,  wer  nach  der  einen 
Richtung  mit  Zahlenspielereien,  die  ihm  freilich  mehr  als  das,  die 
ihm  heiliger  Ernst  waren,  sich  beschäftigte,  auch  nach  der  anderen 
Seite  Freude  an  Zahlenbetrachtungen  haben  und  erregen  konnte. 

Wir  wenden  uns  zur  Erörterung  dessen,  was  die  Handschriften 
zur  Entscheidung  der  Frage,  von  wem  die  Aufgaben  der  Verstandes- 
schärfung herrühren,  beizutragen  vermögen?  Rechenräthsel,  welche 
einander  insgesammt  ähnlich  sehen,  finden  sich  in  den  allerver- 
schiedensten  Handschriften  vor*').  Wohl  die  älteste  solche  Hand- 
schrift ist  diejenige,  aus  welcher  die  uns  hier  beschäftigenden  Auf- 
gaben zum  Abdrucke  gelangt  sind^).  Sie  gehört,  wenn  nicht  alle 
Zeichen  der  Schriftvergieichung  trügen,  dem  Ende  des  X.  oder  An- 
fange des  XL  S.  an,  in  runder  Zahl  dem  Jahre  1000  an,  und  stammt 
aus  dem  Kloster  Reichenau,  welches  auf  einer  Rheininsel  am  Aus- 
gange des  Bodensees  durch  den  Irländer  Pirmin  um  725  gegründet 
worden  war  und  wie  wir  uns  erinnern  (S.  537)  schon  821  im  Besitze 
einer  schönen  ordnungsgemäss  aufgezeichneten  Büchersammlung  sich 
befand.     Die  Handschrift  ist  eine  Sammelhandschrift  und  beginnt  mit 


')  Monuinenla  ÄIcuiniana,  Epist.  259,  i^ag.  818 — 821.  "')  Ebenda  Episi. 
260,  pag.  821—824.  ^)  Isidorus,  De  numeris  cap.  27.  Auf  diese  Quelle  ist 
zuerst  aufmerksam  gemacht  bei  Werner,  Gerbert  von  Aurillac.  Wien,  1878, 
S.  66,  Anmerkung  2.  *)  Evangelium  Johannes  XXI,  11.  °)  Werner,  Alcuin 
S.  153.  *')  Herrn.  Hagen,  Antike  und  mittelalterliche  Eäthselpoesie.  II.  Aus- 
gabe. Bern,  1877.  S.  29 — 34.  ')  Ueber  die  Handschrift  vergl.  Agrimensoren 
S.  139—143. 

Cantob,  Geschichte  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  50 


786  38.  Kapitel. 

Alcuins  Erläuterungen  zur  Genesis,  welche  durch  den  in  einer  Wid- 
muno-sformel  enthaltenen  Namen  ihren  Verfasser  selbst  verrathen. 
Die  Erläuterungen  schliessen  mitten  auf  der  Vorderseite  eines  Blattes, 
und  nun  folgen  ohne  irgend  welche  Raumunterbrechung  enge  sich 
auschhesseud  die  Aufgaben  zur  Verstandesschärfung:  incipinnt  capi- 
tula  propositionum  ad  acuendos  iuvenes  von  dem  gleichen  Schreiber 
auf  das  Pergament  gebracht.  Ein  Verfasser  ist  nicht  angegeben, 
aber  eben  deshalb  hat  man  gefolgert,  Alcuiu  sei  es,  weil  die  Un- 
mittelbarkeit des  Anschlusses  zu  dieser  Behauptung  aufmunterte, 
welche  in  den  schon  angegebenen  allgemeinen  Betrachtungen  Unter- 
stützung fand. 

Eines  kann  mit  Bestimmtheit  gesagt  werden:  die  Handschrift 
rührt  nicht  von  dem  sachverständigen  Sammler  der  Aufgaben  her, 
möge  er  Alcuin  oder  wie  immer  geheissen  haben,  sondern  von  einem 
Mönche,  der  als  Schreibkünstler  geschickter  war  denn  als  Kechner, 
sonst  würde  er  nicht  so  verhältnissmässig  häufige  Fehler  in  den 
Zahlen  sich  zu  Schulden  haben  kommen  lassen,  wie  sie  nur  einem 
Abschreiber,  nicht  Einem,  der  selbst  rechnet,  vorkommen  können. 
Auch  dieser  Umstand  dient  dazu,  die  Entstehung  der  Samoilung  in 
eine  Zeit  hin  aufzurücken,  die  älter  ist  als  das  Jahr  1000,  und  wir 
machen  darum  von  der  nun  einmal  durch  den  Herausgeber^)  von 
Alcuins  Werken  hergestellten  üeberlieferung  Gebrauch,  jene  Aufgaben, 
die  in  einer  Geschichte  der  Mathematik  unter  allen  Umständen  be- 
sprochen werden  müssen,  unter  Alcuins  Namen  einzureihen.  Sollten 
spätere  Untersuchungen  je  einen  anderen  Verfasser  an  das  Licht 
ziehen,  so  werden  sie  den  Umstand  doch  sicherlich  nicht  zu  ent- 
kräften im  Stande  sein,  dass  er  vor  1000  gelebt  haben  muss,  dass 
also  die  Aufgaben  ein  Bild  klösterlicher  Gelehrsamkeit  vor  diesem 
Zeitpunkte  uns  bieten.  Glänzend  freilich  ist  das  Bild  nicht,  aber 
doch  nicht  so  farblos  wie  nach  den  dürftigen  Nachrichten,  welche 
wir  über  das  mathematische  Wissen  eines  Isidorus,  eines  Beda  allein 
zu  geben  im  Stande  waren,  erwartet  werden  möchte. 

Es  sind  algebraische  und  geometrische  Aufgaben,  welche  hier 
auftreten,  daneben  solche,  die  nicht  durch  Rechnung,  sondern  mehr 
durch  einen  witzigen  Einfall  gelöst  werden  können,  und  überall  wo 
es  möglich  ist  von  einer  Geschichte  der  betreffenden  Aufgaben  zu 
reden,  d.  h.  ihr  früheres  Vorkommen  zu  bestätigen,  sind  es  immer 
römische  Quellen,  auf  welche  man  hinweisen  muss.     Von  diesen  Auf- 

')  Abt  Frobenius  von  St.  Emruerau  in  llegensbury  1777.  Sein  weltlicher 
Niiine  v.ar  Frobenius  Forster.  Er  lebte  1709  — 1791.  Vergl.  Allgemeine 
tltnitsche  Biographie  NU,  1G.3.  Die  Propositiones  ad  acuendos  iuvenes  sind  ab- 
goilruckt  in  Alcuini  Opera  (ed.  Frobenius)  II,  440—448. 


Klostergelehrsamkeit  bis  zum  Ausgange  des  X.  Jahrhunderts.  787 

gaben  seien  einige  hier  erwähnt.  Die  6.  Aufgabe  ist  eine  von  denen 
mit  nicht  mathematischer  Auflösung.  Zwei  Männer  kauften  für  100 
solidi  Schweine,  je  5  Schweine  zu  2  solidi.  Die  Schweine  theilten 
sie,  verkauften  dann  wieder  5  für  2  solidi  und  machten  dabei  ein 
gutes  Geschäft,  wie  ging  das  zu?  Sie  hatten  die  250  Schweine, 
welche  sie  gemeinschaftlich  besassen,  in  zwei  gleiche  Heerden  von 
je  125  Schweinen  getheilt,  so  dass  der  eine  alle  fetteren,  der  andere 
alle  weniger  fetten  Schweine  vor  sich  hertrieb.  Der  erste  verkaufte 
120  von  seiner  Heerde,  indem  er  2  für  einen  solidus  gab,  der  zweite 
verkaufte  gleichfalls  120,  indem  er  3  für  einen  solidus  gab.  That- 
sächlich  wurden  5  Schweine  für  2  solidi  hergegeben.  Der  Erlös  des 
ersten  betrug  üO,  der  des  zweiten  40  solidi,  und  damit  war  die  Aus- 
lage gedeckt,  während  den  Händlern  noch  10  Schweine,  je  5  von 
jeder  Werthsorte,  übrig  blieben.  —  Die  8.  Aufgabe  ist  eine  Brunnen- 
aufgabe, wie  sie  so  häufig  seit  Heron  uns  begegneten.  —  Die  23. 
und  24.  Aufgabe  lehren  die  Fläche  eines  viereckigen  und  eines  drei- 
eckigen Feldes  nach  denselben  Näherungsregeln  messen,  deren  die 
Geometrie  des  Boethius  (S.  545)  und  die  Vorschrift  zur  Juchartaus- 
messung  (S.  550)  sich  bedienen :  das  Viereck  gilt  als  Produkt  der 
halben  Summen  einander  gegenüberliegender  Seiten,  das  Dreieck  als 
Produkt  der  halben  Summe  zweier  Seiten  in  die  Hälfte  der  dritten 
Seite.  —  An  die  Juchartausmessung  erinnert  auch  die  25.  Aufgabe 
von  dem  runden  Felde,  dessen  Fläche  gefunden  wird,  indem  der  Um- 
fang 400  durch  4  getheilt  und  der  Quotient  quadrirt,  d.  h.  ;r  =  4 
angenommen  wird.  —  V7ir  könnten  noch  recht  vielerlei  Aufgaben 
vergleichen  und  meistens  Dinge  erkennen,  welche  den  römischen 
Ursprung  wahrscheinlich  machen.  Nur  drei  Aufgaben  heben  wir 
noch  hervor.  Die  26.  Aufgabe  führt  die  Ueberschrift  De  cursu  cbnks 
bc  fugb  lepprks.  Nach  Vertauschung  von  Consonanten  mit  ihnen 
im  Alphabete  unmittelbar  vorhergehenden  Vokalen,  wie  sie  (S.  754) 
auch  bei  Johannes  von  Sevilla  an  gewissen  Stellen  sich  als  noth- 
wendig  erwies,  wird  daraus  De  cursu  canis  ac  fuga  leporis.  Es  ist 
die  allbekannte  Aufgabe  von  dem  Hunde,  welcher  dem  Hasen  nach- 
läuft, während  der  Hase  150  Fuss  voraus  ist,  dagegen  nur  7  Fuss 
weite  Sprünge  macht,  der  Hund  aber  9  Fuss  weit  springt.  Zum 
Zwecke  der  Auflösung  wird  150  halbirt  und  daraus  mit  Recht  ge- 
folgert, dass  der  Hund  den  Hasen  in  75  Sprüngen  einholen  werde. 
—  Die  34.  Aufgabe  lautet  wie  folgt:  Wenn  100  Schefiel  unter 
ebenso   viele  Personen  vertheilt  werden,    so   dass   ein  Mann   3,   eine 

Frau  2  und  ein  Kind  --  Scheffel    erhält,    wie  viele   Männer,    Frauen 

und    Kinder    waren    es?     Die    Antwort    ist    11    Männer,    15  Frauen, 

50* 


788  38.  Kapitel. 

74  Kinder.  Das  ist  die  erste  unbestimmte  Aufgabe  in  lateinischer 
Sprache,  die  uns  vorkommt.  Es  ist  dabei  bemerkeuswerth,  dass  der 
Text  der  Aufgabe  die  Möglichkeit  nicht  ganzzahliger  Auflösungen 
ausschliesst,  dass  von  den  gauzzahligen  Auflösungen  nur  eine  ange- 
geben ist,  dass  die  Art  wie  dieselbe  gefunden  worden  sei,  auch  nicht 
einmal  angedeutet  ist.  —  Noch  interessanter  ist  die  35.  Aufgabe. 
Ein  Sterbender  verordnet  letztwillig,  dass,  wenn  seine  im  schwangeren 

9 
Zustande    zurückgelassene  Wittwe   einen   Sohn    gebäre,    der   Sohn  — 

3  .  .  3  1 

oder  ~,   die  Wittwe  y„  oder  --  des  Vermögens  erben   solle-,    gebäre 

7  .  .  5 

sie  aber  eine  Tochter,  so  solle  diese  --- ,  die  Wittwe  —  des  Ver- 
mögens erben.  Das  ist  dem  Inhalte,  wenn  auch  nicht  den  bestimmten 
Zahlen  nach,  die  in  den  Pandekten  enthaltene  Theilungsfrage,  deren 
römische  Auflösung  wir  (S.  523)  kennen  gelernt  haben.  Der  Sammler 
der  Aufgaben  zur  Verstandesschärfung  hat  sich  in  der  von  ihm  ge- 
gebenen Auflösung  als  einen  Mann  erwiesen,  der  in  den  Sinn  letzt- 
williger Verfügungen  einzudringen  nicht  im  Stande  war,  als  einen 
Nachahmer  der  Römer,  der  unmöglich  selbst  Römer  gewesen  sein 
kann.  Er  löst  deshalb  auch  die  Aufgabe  so  verkehrt,  als  sie  über- 
haupt allenfalls  gelöst  werden  kann.  Er  sagt:  Um  Mutter  und  Sohn 
zu  befriedigen,  bedarf  es  12  Theile,  um  Mutter  und  Tochter  zu  be- 
friedigen, gleichfalls,  zusammen  also  24  Theile.  Davon  erhält  in 
erster  Linie  der  Sohn  9,  die  Mutter  3,  in  zweiter  Linie  die  Mutter  5, 
die  Tochter  7,  die  Theilung  vollzieht  sich   also  in   dem  Verhältnisse, 

dass  die  Mutter  '—^.—  =  -    ,   der  Sohn  ^  =  ^  ,   die  Tochter  ~.   der 

24  3  '  24  8  '  24 

Hinterlassenschaft  zu  beanspruchen  hat.  —  Wir  haben  unsere  Aus- 
wahl mit  einer  Scherzfrage  begonnen,  welche  durch  Rechnung  allein 
nicht  zu  lösen  ist.  Mit  der  Erwähnung  ähnlicher  Aufgaben  wollen 
wir  schliessen,  nachdem  wir  die  mathematisch  interessanteren  durch- 
gesprochen haben.  Da  dürfte  vor  allem  die  18.  Aufgabe  unsere 
meisten  Leser  wie  eine  Erinnerung  aus  der  Kinderzeit  anheimeln. 
Es  ist  die  Aufgabe  von  dem  Wolfe,  der  Ziege  und  dem  Krautkopfe, 
welche  in  einem  Boote,  dessen  Fährmann  nur  einen  Reisenden  gleich- 
zeitig befördert,  über  einen  Fluss  gesetzt  werden  sollen,  so  dass  nie- 
mals Ziege  und  Krautkopf  oder  Ziege  und  Wolf,  also  niemals  zwei 
Feinde  allein  auf  einem  Ufer  sich  befinden  sollen,  während  der 
Führer  mit  dem  Boote    unterwegs  ist^).     Noch   ein   zweites   Räthsel, 

')  Wenn  Hagen  1.  c.  S.  31  und  Anmerkung  22  dieses  llätlisel  als  in  den 
Annales  Stadcnses  vorkommend  bezeugt,  so  ist  damit  für  dessen  Alter  gar  nichts 
gewonnen,  da  diese  Annalen  erst  um  1240  geschrieben  worden  sind. 


Klostergelehrsamkeit  bis  zum  Ausgange  des  X.  Jahrhunderts.  789 

welches  mit  eiuigen  anderen  zusammen  miter  der  besonderen  Ueber- 
schrift:  „Räthsel  zum  Lachen"  am  Schlüsse  der  Handschrift  vereinigt 
ist,  hat  bis  auf  den  heutigen  Tag  sich  erhalten;  es  bezieht  sich  auf 
die  von  der  Sonne  verzehrte  Schneeflocke,  welche  an  dem  im  Winter 
blattlosen  Baum  haftete^). 

So  bergen  die  Aufgaben  zur  Verstandesschärfung  mannigfachen 
Stoff  in  sich,  der  unverwüstliche  Lebenskraft  in  Volkskreisen  wie  in 
halbwegs  wissenschaftlichen  Schulbüchern  au  den  Tag  gelegt  hat. 
So  befinden  sich  unter  ihnen  Aufgaben,  welche  auch  nach  rückwärts 
eine  verfolgbare  Geschichte  besitzen,  andere,  welche  zu  immer  erneuten 
Versuchen  auffordern,  die  noch  nicht  gelungene  Rückverfolgung  zu 
vollziehen.  Fragen  wir  uns,  welche  mathematische  Anfordermigen 
die  Aufgaben  an  den,  welcher  der  Lösung  sich  befleissigte,  stellten, 
so  sehen  wir,  dass  er  geometrisch  nicht  mehr  zu  Avisseu  brauchte, 
als  einige  wenige  dem  praktischen  Feldmesser  gebräuchliche  Formeln, 
algebraisch  nicht  mehr  als  die  Behandlung  der  Gleichungen  vom 
ersten  Grade,  dass  W^urzelausziehungen  nicht  vorkommen,  sondern 
nur  die  vier  einfachen  Rechnungsarten  und  diese  fast  ausschliesslich 
an  ganzen  Zahlen. 

Aber  Avie  führte  jene  Zeit,  wie  führte  Alcuin,  wenn  wir  voraus- 
setzen dürfen,  die  Sammlung  rühre  von  ihm  her,  die  Rechnungen 
aus?  Wir  haben  (S.  779)  bei  Beda  die  gleiche  Frage  mit  dem  Zeug- 
nisse des  Nichtwissens  abgelehnt,  wir  sind  bei  Alcuin  bis  zu  einem 
gewissen  Grade  in  derselben  Lage,  aber  nur  bis  zu  einem  gewissen 
Grade.  Zwei  Stellen  aus  Alcuins  Schriften  führen  nämlich  zur  Ver- 
muthung,  er  habe  das  Kolumnenrechnen  und  die  Apices  gekannt, 
welche  wir  bei  Gelegenheit  der  Geometrie  des  Boethius  beschrieben 
haben.  Beide  Stellen  finden  «ich  in  Schriftstücken,  welche  wir  schon 
angeführt  haben,  ohne  jedoch  diese  bestimmten  Sätze  und  deren  Be- 
deutung hervortreten  zu  lassen.  Wir  haben  den  Unterrichtsplan, 
welchen  Egbert  an  der  Yorker  Domschule  einhalten  Hess,  aus  einem 
Gedichte  Alcuins,  welches  zwischen  780  und  796,  wahrscheinlich 
sogar  zwischen  780  und  782  entstand^),  angegeben.  Den  1445.  Vers 
dieses  langathmigen  Gedichtes  haben  wir  nachholend  hier  noch  an- 
zugeben: Egbert  lehrte  „diversas  numeri  species  variasque  figuras", 
auseinandergehende  Arten  der  Zahl  und  deren  verschiedene  Gestalten. 
Wir  möchten  so  übersetzen,  weil  wir  entschieden  glauben,  dass  der 
Genitiv   numeri  nicht   minder    zu   variasque    figuras  als  zu   diversas 


*)  Vergl.  Max  Curtze  in  einer  Recension  unserer  Agrimensoren  in  der 
Jenaer  Literaturzeitung  vom  12.  Februar  1876.  °)  Ueber  die  Datirung  vergl. 
Wattenbach  in  den  Monumenta  Alcuiniana  S.  80. 


790  '^'^-  I^apitel. 

species  gehört,  und  ist  diese  Meinung  richtig,  so  kannte  nicht  bloss 
Alcuin  verschiedene  Gestalten  der  Zahlen,  so  waren  dieselben  ein 
regelmässiger  Uuterrichtsgegenstand  in  York,  muthniasslich  wenn 
nicht  zuverlässig  auch  später  in  Tours.  Was  aber  konnten  jene  ver- 
schiedenen Gestalten  der  Zahlen  sein?  Wir  sehen  nur  zwei  Mög- 
lichkeiten der  Erklärung.  Entweder  sind  die  Apices  gemeint,  wie  sie 
in  der  Geometrie  des  Boethius  beschrieben  sind,  oder  die  Dreiecke, 
Vierecke,  Vielecke  der  Zahlen,  die  man  aus  der  Arithmetik  des 
gleichen  Verfassers  kannte.  Beide  Möglichkeiten  sind  vorhanden, 
imd  eine  endgiltige  Entscheidung  wird  wesentlich  von  der  Auffindung 
neuen  Materials  abhängen. 

Dass  wir  jetzt  schon  dazu  hinneigen,  die  Kenntniss  der  Apices 
als  richtigere  Erklärung  anzunehmen,  dazu  berufen  wir  uns  auf  die 
zweite  »Stelle.  Wir  haben  eines  Briefes  gedacht,  in  welchem  Alcuin 
von  arithmetisch-mystischen  Erklärungen  zu  biblischen  Texten  Ge- 
brauch macht.  In  eben  diesem  Briefe  heisst  es'):  „Ebenso  sehen 
wir  die  Reihenfolge  der  Zahlen  in  Gelenken,  gleichsam  gewissen 
Einheiten,  durch  endliche  Gestaltungen  znm  Unendlichen  wachsen. 
Denn  die  erste  Reihenfolge  der  Zahlen  ist  von  1  bis  zu  10,  die 
zweite  von  10  bis  zu  100,  die  dritte  von  der  Huudertzahl  bis  zur 
Tausendzahl."  Das  ist,  abgesehen  von  der  Boethiusstelle  die  älteste 
Anwendung  des  Wortes  articulus,  Gelenk,  für  Zahlen,  und  zwar  für 
Zahlen,  welche  die  Rolle  von  Einheiten  gleichsam  spielen,  d.  h.  etwas 
anders  ausgesprochen  runde  Zahlen  sind.  Das  ist  zugleich  die  Her- 
vorhebung der  drei  Hauptordnungen,  in  welche  die  Zahlen  von  1  bis 
1000  zerfallen,  oder  wieder  etwas  anders  ausgesprochen  der  römi- 
schen Triaden.  Wir  glauben  hier  eine  zweite  Erinnerung  an  die 
Geometrie  des  Boethius  erkennen  zu  dürfen,  zugleich  auch  eine  neue 
Bestätigung  deren  Echtheit,  wenn  Begriffe,  deren  Vorkommen  als 
Zeichen  der  ünechtheit  gelten  oder  wenigstens  Veranlassung  geben 
die  Ünechtheit  nachweisen  zu  Avollen,  bis  vor  das  Todesjahr  Alcuins 
804,  in  welchem  allerspätestens  jener  Brief  geschrieben  ist,  hinauf- 
gerückt erscheinen. 

Sei  dem,  wie  da  wolle.  Eines  können  wir  fortfahrend  feststellen; 
eine  Stetigkeit  der  Lehren,  welche  von  dem  Kloster  St.  Martin  bei 
Tours  ausgingen  und  an  bestimmte  Persönlichkeiten  als  Träger  der- 
selben sich  anknüpften.     Sehen  wir,  auf  welche  Weise  dieselben  nach 


')  Monumenta  AIcuiniana,  Epist.  259,  pag.  820.  Item  progressioncm  nuiue- 
rorutn  articulis,  quasi  (ßiibusdam  unitatibus,  ad  infinita  crescere  x>cr  quasdam 
finitas  formas  videmus.  Nam  j^rima  progressio  numcrorum  est  ab  uno  usque  ad 
decem.  Secunda  a  decem  usque  ad  centum.  Tertia  a  centcnario  numeru  usquc 
ad  mülenarium. 


Klostergelehrsamkeit  bis  zum  Ausgange  des  X.  Jahrhunderts.  791 

Deutschland  gelaugteu.     In  der  Mitte  des  VIII.  S.   war  in  Fulda  ein 
Kloster,    begleitet  von  einer  Klosterscliule   entstanden.     Ratgar,    der 
dritte  Abt  dieses  Klosters  802  —814  schickte,  um  die  Schule  auf  die 
Höhe   der  Zeit  zu  bringen,   drei  junge  Mönche   nach  St.  Martin   bei 
Tours,    dass    sie    dort  Alcuius   Unterricht    genössen    und  ßo   zu   voll- 
endeten Lehrern   würden.     Einer  dieser  jungen  jedenfalls   unter  den 
begabtesten  Klosterzöglingen    ausgesuchten    Männer   war-Hrabanus 
Maurus^),    der    erste   Lehrer    Deutschlands,   primus   praeceptor    Gcr- 
maniae,    wie   er    genannt  worden  ist.     Die  Verdienste    desselben    um 
die  deutsche  Sprache,  welche  er  zu  einem  lateinisch-deutschen  Bibel- 
glossar anwandte,  wie  die  meisten  seiner  zahlreichen  Schriften  liegen 
weit  ausserhalb  des  Bereiches  unserer  Untersuchungen.     Wir  würden 
uns    nur    mit    den   Schriften    über   die    sieben    freien  Künste   zu   be- 
schäftigen haben,  welche  er  in  mindestens  ebenso  vielen  Theilen  be- 
handelt hat,   wenn  dieselben   uns    erhalten  wären.     Leider  ist    dieses 
nicht  der  Fall.     Die  Arithmetik,  die  Musik,  die  Geometrie   sind  ver- 
loren   gegangen.      Statt    einer    eigentlichen    Astronomie    ist    ein    in 
Gesprächsform    gehaltener   Computus  auf  uns    gekommen-),    welcher, 
wie  zahlreiche  Stellen  beweisen''),  im  Jahre  820  verfasst  ist.     Dieser 
Computus   ist    ziemlich    genau  nach  Bedas    chronologischen  Arbeiten 
gebildet  und  enthält  kaum  etwas  für  die  Geschichte  der  Mathematik 
Wissenswerthes,  so  dass  man  ihn  wohl  in  negativer  Weise  verwerthet 
hat,  um  zu  schliessen,  ein  Abacus  und   dergleichen    könnten    damals 
nicht  Lehrgegenstände  gewesen  sein,   weil  auch  gar  nicht  davon  die 
Rede  sei.     Wir   überlassen  es   unseren  Lesern,   wie  viel  Gewicht  sie 
auf  das  Nichtvorhandensein  einer  Beschreibung  in  einer  Schrift  legen 
wollen,    welche    in    innigem    Zusammenhange    mit    anderen   Schriften 
stand,  die  sämmtlich  verloren  gegangen  sind,   unter  ihnen  eine  Geo- 
metrie, in  welcher  nach  der  Erfahrung,  die  wir  bei  Boethius  machten, 
jene  Beschreibung  gewohnheitsmässiger  war  als  in  einem  Computus, 
der  niemals  eine  solche  enthalten  hat.     Zu  einer  Bemerkung  nöthigt 
uns  die  Unparteilichkeit.     In   einem  Kapitel  des  Computus  des  Hra- 
banus  erscheinen  in  auffallendem  Zusammenhange  die  Wörter  digitus 
und  articulus*).     Sie    betreffen   nicht,    wie   man   zunächst    vermuthen 
könnte,  Finger-  und  Gelenkzahlen,   sondern   eine  eigenthümliche   Ge- 
dächtnisshilfe   an    den   Knöcheln    der   Hand.     Von    älteren    Schriften 
sind    bei    Hrabanus    genannt:    die    Arithmetik    des    Boethius''),    die 
Origines    des    Isidorus^),    die    Osterrechnung    des   Anatolius').     Zwei 

^)  Werner,  Alcuin  S.  101—109.  ^)  Abgedruckt  in  Baluze,  Miscel- 
lanea  I,  1  —  92.  Paris,  1678.  ^)  Ebenda  pag.  43,  51  und  häufiger.  ■*)  Ebenda 
pag.  70 — 71.  De  redüu  et  computo  articulari  utrarianque  epactarum  solis  et  lunac. 
^)  Ebenda  pag.  7.     '^)  Ebenda  pag.  8.     '')  Ebenda  pag.  33. 


792  38.  Kapitel. 

Jahre  nachdem  Hrabaiius  seinen  Computus  verfasst  hatte,  wurde 
er  zum  Abte  seines  Klosters  gewählt  und  stand  ihm  20  Jahre  hin- 
durch bis  842  mit  wirksamem  Eifer  vor.  Dann  zog  er  sich  in  ein 
stilleres  Leben  zurück,  welches  er  jedoch  847  wieder  aufgeben  musste, 
um  Erzbischof  von  Mainz  zu  werden.     Als  solcher  starb  er  856. 

Männer  der  Fuldaer  Schule  trugen  ihrerseits  die  Wissenschaft 
weiter,  welche  Hrabanus  Maurus  und  seine  Genossen  aus  Tours  mit- 
gebracht hatten.  Walafried  Strabo,  806  in  Allemanien  geboren, 
wurde  842  Abt  zu  Reichenau.  Aus  den  Schriften  dieses  849  ver- 
storbenen Mannes  und  anderen  gleichzeitigen  Werken  ist  1857  durch 
Pater  Martin  Marty  in  Einsiedeln  eine  Abhandlung  „Wie  man  vor 
1000  Jahren  lehrte  und  lernte"  zusammengestellt  worden,  worin  die 
Stelle  vorkommt:  „Im  Sommer  822  begann  ich  unter  Tattos  Leitung 
das  Studium  der  Arithmetik.  Zuerst  erklärte  er  uns  die  Bücher  des 
Consuls  Manlius  Boethius  über  die  verschiedenen  Arten  und  Einthei- 
unücen,  sowie  über  die  Bedeutung  der  Zahlen;  dann  lernten  wir  das 
Rechnen  mit  den  Fingern  und  den  Gebrauch  des  Abacus  nach  den 
Büchern,  welche  Beda  und  Boethius  darüber  geschrieben  haben." 
Leider  stammt  diese  Erzählung  nicht  aus  einem  wirklich  vorhandenen 
Tagebuch,  sondern  wurde  vom  Verfasser  als  seinen  persönlichen  ge- 
schichtlichen Ansichten  entsprechend  Strabo  in  den  Mund  gelegt^), 
so  dass  man  eine  Beweiskräftigkeit  dieser,  wenn  auf  Angaben  aus 
dem  IX.  S.  gestützten,  unwiderlegbaren  Erzählung  nicht  zu  behaupten 
vermag. 

Ein  anderer  Schüler  Hrabans  war  Heiric  von  Auxerre,  der  selbst 
wieder  in  Remigius  von  Auxerre^)  seinen  Nachfolger  sich  heran- 
bildete. Schon  vorher  hatte  Remigius  in  dem  Kloster  Ferrieres 
den  Unterricht  von  Servatus  Lupus,  einem  Zöglinge  des  Klosters 
St.  Martin  bei  Tours,  genossen  und  so  aus  doppelter  Vermittlung 
die  wissenschaftlichen  Anregungen  Alcuins  in  sich  aufgenommen. 
Remigius  muss  daher,  wenn  Einer,  als  mittelbarer  Schüler  Alcuins 
gelten,  und  er  selbst  trat  nach  877  an  die  Spitze  einer  Schule,  deren 
spätere  grosse  Bedeutung  uns  nöthigt,  ihres  Stifters  zu  gedenken. 
Es  war  eine  Schule  zu  Paris,  und  zwar  eine  Schule,  die  nur  als 
solche,  nicht  in  Verbindung  mit  einem  Kloster  eingerichtet  wurde. 
Aus  ihr  entwickelte  sich  später  die  Pariser  Universität.  Aber 
vor  seiner  Pariser  Lehrthätigkeit  machte  sich  Remigius  um  das 
Schulwesen  einer  Stadt  verdient,  welche  uns  im  nächsten  Kapitel 
von  Wichtigkeit  sein  wird,  um  das  Schulwesen  von  Rheims,  wohin 

')  Vergl.  einen  Brief  von  P.  Marty  an  U.  Suter  in  Zeitschr.  Math.  Phys. 
XXIX.    Histor -literar.  Abthlg.     S)  Werner,  Alcuin  S.  110. 


Klostergelehrsamkeit  bis  zum  Ausgange  des  X.  Jahrhunderts.  793 

er    durch    den    Erzbischof    Fulco    berufen    worden    war.      Remigius 
starb  908. 

Führten  diese  Männer  die  Lehren  und  das  Lehrverfahren  der 
Schule  von  St.  Martin  bei  Tours  in  östh'cher  und  nördlicher  Rich- 
tung weiter,  freilich  ohne  dass  ihre  Bemühungen  von  glänzendem 
Erfolge  begleitet  gewesen  wären,  indem  vielmehr  von  der  Mitte  des 
IX.  S.  an  die  Zahl  derer,  welche  realen  Lehrgegenständen  sich  zu- 
wandten, mehr  und  mehr  wieder  abnahm,  zuletzt  aus  einzelnen  Per- 
sönlichkeiten nur  bestehend,  so  knüpft  sich  an  einen  anderen  Zög- 
ling derselben  Mutteranstalt  eine  südlich  gewandte  Fortleituug,  an 
Odo  von  Cluny^).  Ein  Edelmann,  der  am  Hofe  Wilhelm  des 
Starken  des  Herzogs  von  Aquitanien  lebte,  hatte  lange  kinderlos 
seine  Nachkommenschaft,  wenn  ihm  solche  würde,  dem  Dienste  des 
heiligen  Martin  zugelobt,  und  so  war  über  die  Bestimmung  des 
jimgen  Odo  schon  verfügt,  als  er  um  879  geboren  wurde.  Im  Knaben- 
alter in  das  Kloster  St.  Martin  aufgenommen,  genoss  er  den  Unter- 
richt des  Scholasticus,  d.  i.  des  Stiftslehrers  Odalric.  Nicht  ganz  im 
Einklang  mit  seinen  Lehrern,  welche  ihn  länger  bei  weltlichen  Lehr- 
gegenständen festhalten  wollten  als  es  ihm  behagte,  verliess  er  Tours 
und  begab  sich  zu  Remigius  nach  Paris.  Nach  einiger  Zeit  kehrte 
er  nach  Tours  zurück,  wo  aber  das  zügellose  Leben,  welches  unter 
den  dortigen  Mönchen  eingerissen  war,  ihn  mit  Widerwillen  erfüllte. 
Nun  zog  er  sich  in  die  Cisterzienser- Abtei  Baume  zurück,  welche 
mit  verschiedenen  anderen  Klöstern  im  engsten  Zusammenhange 
stand,  und  wurde  927,  als  der  gemeinsame  Abt  Berno  dieser  Klöster 
starb,  auf  die  letzt  willige  Verordnung  des  Verstorbenen  hin  zum 
Abte  von  Cluny  gewählt.  Mit  eiserner  Strenge  führte  er  dort  die 
Herrschaft,  so  dass  sein  Kloster  und  die  damit  verbundene  Schule 
bald  allgemein  als  Musteranstalten  an  Zucht  und  Ordnung  galten,  und 
er  selbst  bald  da  bald  dorthin  gerufen  wurde,  um  gleiche  Reformen 
einzuführen  (wie  z.  B.  nach  dem  am  Anfange  des  X.  S.  in  der  Auvergne 
gegründeten  Kloster  Aurillac,  dessen  dritter  Abt  er  war,  wie  937 
nach  dem  Mutterkloster  des  Ordens  auf  Monte  Casino),  oder  um 
mannirfache  Streitigkeiten  zu  schlichten.  Odo  starb  942  oder  943. 
Ein  wahrscheinlich  dem  XII.  S.  angehörender  unter  dem  Namen  des 
Anonymus  von  Melk  bekannter  Schriftsteller,  welcher  in  117  Kapiteln 
in  überaus  trockenem  aber  dadurch  nur  um  so  vertrauenswertherem 
Tone  einzelne  Mönche  nennt  und  deren  Werke  angibt,  hat  im 
75.  Kapitel  zwei  Schriften  Odos  gerühmt^):   ein  Werk   über   die  Be- 


^)  Math.    Beitr.    Kulturl.    S.    292  —  302.     "Werner,    Alcuin    S.    112  —  114. 
^)  Dialogum   satis   utilem  de  3Iusica  arte  coviposuit.     Scripsit  praeterca  Jibrum 


794  38.  Kapitel. 

scliäftiguugeii  von  liöclister  Trefflichkeit  und  ein  ziemlich  branchbares 
Zwiegespräch  über  die  Kunst  der  Musik.  Als  Datum  jener  Schrift 
gilt  926,  also  die  Zeit,  welche  der  Erwähluug  Odos  zum  Abte  vor- 
anging, was  die  Wahrscheinlichkeit  der  Richtigkeit  der  Angabe  nur 
erhöht.  Viele  mittelalterliche  Abhandlungen  über  Musik  haben  hand- 
schriftlich sich  erhalten,  nicht  grade  wenige  davon  sind  auch  ge- 
druckt, und  darunter  sind  mehrere,  welche  Odo  von  Cluny  als  Ver- 
fasser beigelegt  werden.  Eine  solche  Abhandlung,  in  verschiedenen 
Abschriften  erhalten,  entspricht  der  von  dem  Anonymus  von  Melk 
gegebenen  Beschreibung  insofern,  als  sie  allein  von  allen  in  Gesprächs- 
form abgefasst  und  wirklich  „ziemlich  brauchbar"  ist.  Eine  Hand- 
schrift dieser  musikalischen  Abhandlung  stammt  aus  dem  XIII.  S. 
und  gehört  der  Wiener  Bibliothek  an. 

In  demselben  Bande,  in  welchem  das  Gespräch  über  Musik  zum 
Abdrucke  kam^),  ist  auch  eine  andere  Schrift  nach  einem  Wiener 
Codex  des  XIII.  S.  veröffentlicht,  ob  nach  demselben,  welcher  jenes 
Gespräch  enthält,  ist  nicht  angegeben.  Diese  andere  Schrift  führt 
den  Titel:  „Regeln  des  Abacus  von  dem  Herrn  Oddo"  und  würde, 
wenn  sie  wirklich  mit  Recht  Odo  von  Cluny  beigelegt  werden  darf^), 
von  ungemeiner  geschichtlicher  Bedeutung  sein.  Leider  ist  eine  Ge- 
wissheit dafür  so  wenig  vorhanden,  dass  die  meisten  Geschichts- 
forscher, welche  in  neuerer  Zeit  sich  mit  diesen  Fragen  beschäftigt 
haben,  auch  diejenigen,  welche  unseren  Ansichten  bezüglich  der  Ent- 
wicklung der  Rechenkunst  am  nächsten  stehen,  weit  mehr  der  Auf- 
fassung sich  zuneigen,  die  Regeln  des  Abacus  seien  nicht  so  gar 
lange  vor  Entstehung  ihrer  Niederschrift  aus  dem  XIII.  S.  von  irgend 
einem  anderen  späteren  Oddo  oder  Odo  nicht  vor  dem  XL  oder  XII.  S. 
zusammengestellt,  eine  Meinung,  für  welche  man  allenfalls  auch  auf 
den  Umstand  sich  beziehen  könnte,  dass  Odo  von  Cluny,  wie  wir 
oben  sahen,  bei  seinem  eigenen  Bildun£Cs<Tan<?e  dem  Verweilen  bei 
ähnlichen  Dingen  sich  widerwillig  zeigte.  Ohne  diese  Gründe  als 
zwingend  anzuerkennen,  da  man  gar  oft  als  Schüler  andere  Ansichten 
von  dem  zu  Erlernenden  oder  zu  Vernachlässigenden  hat  als  später 
als  Lehrer,  können  wir  doch   ebenso   wenig   eine   unbedingte  Wider- 


jtraestantissimum    monacMsque   utiUssimum,    librnm   vidclicct  Occuputiomnn.     Als 
Randzahl  steht  daneben  926. 

^)  Scriptores  ecdesiastici  de  musica  herausgegeben  durch  Abt  Martin 
Gerb  er  t  von  St.  Blasien.  St.  ßlasien,  1784.  I,  252—264  der  Dialog  über  Musik, 
ibid.  296 — 302  liegulae  Domini  üddonis  suptr  abacum.  -)  Th.  H.  Martin, 
Origine  de  notre  Systeme  de  numeration  ecrite  in  der  licvuc  arcMölogique  von 
1856,  S.  33  des  Sonderabzuges  hat  wohl  zuerst  diese  Autorschaft  vertreten,  eine 
Ansicht,  der  wir  uns  iu  den  Math,  ßeitr.  Kulturl.  anschlössen. 


Klostergelehrsamkeit  bis  zum  Ausgange  des  X.  Jahrhunderts.  795 

legimg  führen.  Wir  wollen  daher  der  Unparteilichkeit  das  Opfer 
bringen,  diese  Regeln  erst  im  40.  Kapitel  unter  dem  XII.  S.  näher 
zu  beschreiben,  wo  ihnen  immer  noch  mnnche  Schlüsse  entnommen 
werden  können. 

Wir  wenden  uns  gegenwärtig  zu  einer  Schrift,  welche  gesicher- 
terer Entstehung  eine  Anzahl  von  Jahren  vor  985  geschrieben  ist 
und  von  Abbo  von  Fleury  herrührt^).  Abbo  ist  in  Orleans  ge- 
boren, hat  an  den  uns  bekannten  Schulen  von  Paris  und  Rheims, 
zuletzt  in  seiner  Vaterstadt  Orleans  studirt,  und  trat  darauf  in  das 
Benedictinerkloster  Fleury  ein.  Nachdem  er  ihm  eine  Anzahl  von 
Jahren  angehört  hatte,  trat  er  eine  zweijährige  Reise  nach  England 
an,  und  von  dort  zurückgekehrt  wurde  er  Abt  seines  Klosiers.  Als 
solcher  scheint  er  zu  Gewaltmassregeln,  die  sein  leicht  aufbrausender 
Zorn  ihm  eingab,  geneigt  gewesen  zu  sein,  und  er  starb  wirklieh 
eines  gewaltsamen  Todes  auf  einer  Reise,  wie  die  Einen  sagen  auf 
Anstiften  eines  seiner  Mönche  ermordet,  wie  die  Anderen  sagen  in 
einem  auf  dem  Wege  entstandenen  Raufhandel.  Sein  Todesjahr  war 
1003  oder  1004.  Auch  die  Angaben  über  die  Reise  nach  England 
wechseln  von  den  Jahren  960 — 962  bis  zu  den  Jahren  985 — 987. 
In  England  hat  Abbo  grammatische  Untersuchungen  angestellt,  welche 
er  als  Quaestiones  grammaticales  niederschrieb.  Unter  die  gramma- 
tischen Untersuchungen  geriethen  auch  Betrachtungen  über  die  ge- 
heimnissvolle Bedeutung  der  einzelnen  Zahlen,  welche  aber  Abbo 
ziemlich  kurz  abthut,  weil  er,  wie  er  sagt,  ausführlich  darüber  in 
einem  Büchlein  gehandelt  habe,  welches  «r  einst  durch  die  Bitten 
seiner  Klosterbrüder  bezwungen  zu  dem  Rechenbuche  des  Victorius 
über  Zahl,  Maass  und  Gewicht  herausgegeben  habe^).  Da  nun  ein 
Commentar  zu  dem  Rechenknechte  des  Victorius  (S.  495)  sich  auf- 
gefunden hat,  welcher  zwar  namenlos  ist,  aber  in  den  ersten  Ein- 
leitungszeilen genau  dieselbe  Redewendung  von  den  nöthigenden 
Bitten  der  Klosterbrüder,  dieselbe  Inhaltsangabe  über  Zahl,  Maass 
und  Gewichte  aufweist,  welcher  Zahlenmystik  bis  zum  Ueberdrusse 
breitschlägt,  welcher  handschriftlich  nicht  später  als  im  XI.  S.  ent- 
standen sein  kann,  welcher  aber  auch  nicht  früher  als  in  karolin- 
gischer  Zeit  verfasst  sein  kann,  weil  darin  von  dem  Grammatiker 
Virgil  von  Toulouse  und  von  der  erst  unter  Pipin  eingeführten  Ein- 
theilung  des  Solidus   in    12  Denare    die   Rede   ist,    so   hat    man    aus 


^)  Christ,  Ueber  das  Argumentum  calculandi  des  Victorius  und  dessen 
Commentar.  (Sitzungsberichte  der  \.  bair.  Akademie  der  Wissenschaften  zu 
München,  1863,  I,  100—152.)  Ueber  Abbos  Persönlichkeit  S.  118.  -)  In  libel- 
lulo  quem  prceihus  fratrum  coaetus  de  numero  mensura  et  pondere  olim  edidi 
super  calculum  Victorü. 


796  38,  Kapitel. 

allen  diesen  scharfsinnig  entdeckten  Merkmalen  die  Folgerung  ge- 
zogen, dass  man  es  nur  mit  dem  Commeutare  des  Abbo  von  Fleury 
zu  thun  haben  könne,  von  welchem  dieser  spätestens  987  sagte,  dass 
er  ihn  einst,  olim,  also  gewiss  ziemlich  viele  Jahre  früher  verfasst 
habe.  Man  konnte  mit  einigen  Erwartungen  an  diesen  Commentar 
eines  Mannes  herantreten,  welchen  ein  Zeitgenosse,  Fulbert  von 
Chartres,  den  hochberühmten  Lehrer  des  ganzen  Frankenlandes 
genannt  hat'),  und  welcher  in  den  einleitenden  Worten  sich  seiner 
Eigenschaft  als  Rechenlehrer  gewissermassen  rühmt.  Seit  seiner 
frühesten  Jugend  beklage  er,  dass  die  Kenutniss  der  freien  Künste 
schwinde  und  kaum  noch  auf  Wenige  sich  beschränke,  die  habsüchtig 
ihrem  Wissen  einen  Preis  stellen.  Daraus,  nicht  aus  Stolz  noch  aus 
Neid  möge  man  es  ableiten,  wenn  er  auf  die  Gemüther  der  weniger 
Unterrichteten  durch  Uechenunterricht  wirke").  Abbo  nemit  an  ver- 
schiedenen Stellen  die  älteren  Schriftsteller,  deren  Werke  ihm  ge- 
dient haben.  Martianus  Capella  und  Boethius  werden  des  Oefteren 
angeführt,  neben  ihnen  Chalkidius  und  Macrobius.  Er  war  mit 
Schriften  des  Priscian  bekannt,  in  welchen  von  den  Zahlen  die  Rede 
ist,  mit  Isidorus  und  Beda,  wohl  auch  noch  mit  anderen  Quellen,  die 
uns  nicht  mehr  erhalten  sind.  Leider  sind  nur  einzelne  Stellen  des 
umfassenden  Commentars  abgedruckt,  und  in  diesen  ist  die  Ausbeute 
keineswegs  den  Erwartungen  entsprechend.  Man  kann  allenfalls 
einen  Abschnitt  über  Zahleubezeichumig  an  und  mit  den  Fingern 
erwähnen,  in  Avelchem  der  sprachliche  Ausdruck  reiner  sei  als  bei 
Beda,  von  welchem  überdies  einzelne  Abweichungen  stattfinden;  es 
scheine,  dass  Abbo  hier  eine  ältere  Quelle  ausschrieb^).  Ob  über 
das  Rechnen  mit  ganzen  Zahlen  Anweisungen  bei  Abbo  gegeben  sind, 
lässt  sich  aus  den  veröffentlichten  Musterstückeu  nicht  nachweisen, 
die  Vermuthung  spricht  allerdings  dafür.  Aber  besonders  Auffallendes 
muss  dort  in  dieser  Beziehung  nicht  zu  finden  gewesen  sein,  sonst 
hätte  der  Auszug  dessen  muthmasslich  gedacht.  Nur  über  eines 
sind  wir  unterrichtet,  dass  das  Hersagen  des  Einmaleins  in 
Wörtern  der  Vulgärsprache  untermengt  mit  deutschen  Klängen  — 
z.  B.  cean,  wohl  für  zehn  —  noch  immer  in  den  Schulen  stattfand^), 
eine  an  sich  ganz  wissenswürdige  Bemerkung,  welche  aber  für  die 
Frage,  die  wir  schon  wiederholt  gestellt  haben,  ohne  sie  jemals 
sicher  beantworten  zu  können,  für  die  Frage,  wie  die  Klosterschule 
jener  Zeit  mit  ganzen  Zahlen  rechnen  lehrte,  kaum  einen  Beitrag  zu 


*)  Sumtnae  phüosophiae  Äbbas  et  omni  divina  et  saccukiri  auctoritate  tolius 
Franciae  magister  famosissimus.  ■)  Christ  1.  c.  S.  121.  ')  Ebenda  S.  125^126. 
^)  Ebenda  S.  108—109. 


Gerbert.  797 

einer  Beantwortung  liefert.  Das  Einmaleins  war  stets  und  ist  zu 
einem  bequemen  Reclinen  nothwendig,  es  ist  seit  den  Griechen  immer 
dabei  benutzt  worden,  aber  es  ist  nicht  das  Rechnen  selbst.  Es  gibt 
uns  nicht  einmal  Auskunft  darüber,  wie  man  Zahlen  vervielfachte, 
deren  eine  mindestens  grösser  als  10  ist,  geschweige  denn  dass  es 
von  den  anderen  Rechnungsverfahren  uns  unterrichte. 

Ueber  dieses  Rechnen  mit  ganzen  Zahlen  erhalten  wir  erst  Aus- 
kunft, wenn  wir  zu  einem  Schriftsteller  uns  wenden,  der  viel  be- 
sprochen einen  geistigen  Mittelpunkt  seiner  Zeit  gebildet  hat,  und 
der  unsere  ganze  Aufmerksamkeit  nunmehr  in  Anspruch  nehmen 
soll:  Gerbert. 


39.  Kapitel. 
Gerbert. 

•  So  interessant  das  Leben  Gerberts  ist^),  werden  wir  uns  mit 
einem  nur  sehr  kurzen  Ueberblicke  über  dasselbe  begnügen  müssen, 
und  würden  noch  kürzer  uns  fassen,  wenn  seine  Leistungen  nicht 
zum  Theil  nur  dann  verständlich  wären,  wenn  mau  die  Kenntniss  der 
Verhältnisse,  unter  welchen  sie  entstanden  sind,  besitzt.  Gerbert 
muss  in  der  ersten  Hälfte  des  X.  S.  wahrscheinlich  von  armen  Eltern 
in  der  Auvergne  unweit  des  Klosters  Aurillac  geboren  sein.  Dort 
wuchs  er  dann  auf,  erzogen  durch  den  Scholasticus  Raimund,  der 
selbst  ein  Schüler  Odo's  von  Cluny  war,  und  durch  den  nachmaligen 
Abt  Gerald.  Etwa  967  verliess  Gerbert  das  Kloster  mit  Einwilligung 
seiner  Obern,  um  den  Grafen  Borel  von  Barcelona,  den  eine  politische 
Reise  an  dem  Kloster  vorbeigeführt  hatte,  in  seine  Heimath  zu  be- 
gleiten, und  dort  in  der  spanischen  Mark  gewann  er  sich  in  Hatto, 
dem  Bischof  von  Vieh,  einen  väterlichen  Freund,  bei  welchem  er 
weitere  Studien  machte,  sich  auch  in  der  Mathematik  vielfach  mit 
Nutzen  beschäftigte'^). 

Das  ist  Alles,  was  wir  über  den  Unterrichtsgang  Gerberts  aus 
dem  Munde  seines  Schülers  Richerus  wissen,  der,  so  wenig  zuver- 
lässig er  als  Geschichtsschreiber  im  Allgemeinen  sich  erweist,  doch 
in  dieser  Beziehung  unser  Vertrauen  verdient,   da   er  seineu  Lehrer 


1)  Math.  Beitr.  Kulturl.  Kapitel  XXI  und  XXK,  S.  303—329.  Olleris, 
Oeuvres  de  Gerbert,  Clermont-Fd.  et  Paris  1867.  XVII— CCV.  Karl  Werner, 
Gerbert  von  Aurillac,  die  Kirche  und  Wissenschaft  seiner  Zeit.  Wien,  1878. 
*)  Richerus,  Histor.  III,  43  {Monument.  German.  Script.  III,  617)  .  .  .  Hattoni 
episcopo  instruendiim  cominisit.  Apud  quem  ctiam  in  mathesi  plarimum  et  effica- 
citer  siuduit. 


798  39.  Kapitel. 

aufs  Höchste  verehrend  lieber  zu  viel  als  zu  wenig  gesagt  haben 
würde,  wenn  er  mehr  gewusst  hätte.  Er  hätte  es  uns  z.  B.  nicht 
verschwiegen,  wenn  Gerbert  sich  bei  Hatto  Kenntnisse  in  der 
arabischen  Sprache  erworben  hätte,  wenn  er  die  Gefahren  nicht 
scheuend,  welche  den  Christen  in  den  arabischen  Städten  bedrohten 
und  gerade  damals  unter  den  glaubenseifrigsten  Emiren  unvermeid- 
liche und  unübersteigliche  Hindernisse  bildeten  (S.  747),  unter  die 
Gelehrten  jenes  Volkes  sich  gemischt  hätte,  um  deren  Wissen  sich 
anzueignen. 

So  zerfällt  von  selbst  die  Notiz,  welche  einen  Zeitgenossen 
Gerberts,  den  Chronisten  Adhemar  von  Chabanois,  zum  Verfasser 
hat.  Dieser  erzählt  nämlich:  „Gerbert  war  aus  Aquitanien  von  niederer 
Geburt.  Er  war  seit  seiner  Kindheit  Mitglied  des  Klosters  des  heiligen 
Geraldus  von  Aurillac.  Er  durchwanderte  der  Weisheit  wegen  erst 
Frankreich,  dann  Cordova.  Er  wurde  dem  König  Hugo  bekannt  und 
mit  dem  Bisthume  Bheims  beschenkt.  Dann  lernte  Kaiser  Otto  ihn 
kennen,  worauf  er  das  Bisthum  Rheims  verliess  und  Erzbischof  Von 
Uavenna  wurde.  Als  später  Papst  Gregor,  der  Bruder  des  Kaisers 
starb,  wurde  derselbe  Gerbert  scheinbar  seiner  Weisheit  wegen  vom 
Kaiser  zum  römischen  Papste  erhöht.  Da  veränderte  er  seinen  Namen 
und  hiess  seit  der  Zeit  Sylvester"^).  In  dieser  fast  mehr  als  kurzen 
Lebensgesöhichte  ist  Wahres  und  Falsches  in  buntem  Wechsel  ge- 
mengt, und  falsch  ist  offenbar  die  Durchwanderung  von  (Jordova, 
welche  zu  der  Frankreichs  in  Gegensatz  gestellt  ist.  Man  hat  eine 
Erklärung  dazu  darin  gefunden^),  dass  für  Adhemar,  der,  ähnlich  wie 
es  auch  bei  Richer  der  Fall  ist,  in  Frankreich  erträglich,  ausserhalb 
Frankreich  ganz  und  gar  nicht  Bescheid  wusste,  Cordova  das  ge- 
sammte  Land  jenseits  der  Pyrenäen  bezeichnete,  die  spanische  Mark 
mit  eingeschlossen,  in  welcher  Gerbert  thatsächlich  seinen  Aufenthalt 
nahm,  so  dass  also  ein  eigentlicher  Widerspruch  gegen  das  von  Richer 
uns  wahrheitsgetreu  Bezeugte  nicht  vorhanden  sei. 

Wohl  liegt  dagegen  ein  ausdrücklicher  Widerspruch  gegen  die 
Beschränkung  des  Aufenthaltes  Gerberts  auf  die  spanische  Mark  in 
den  Worten  eines  anderen  Chronisten:  Gerbert  habe  mit  Bestimmt- 
heit den  Abacus  den  Saracenen  geraubt  und  die  Regeln  gegeben, 
welche  von  den  schwitzenden  Abacisten  kaum  verstanden  werden'^). 
Allein  dieser  Berichterstatter  ist  aus  mancherlei  Gründen  zu  verwerfen. 
Wilhelm  von  Malmesbury  lebte  als  englischer  Chronist  aus  der  Mitte 


')  Monument.  Gertnan.  VI,  130.  ^)  Büdinger,  Ueber  Gerberts  wiasen- 

scliaftliche  und  ijolitische  Stellung.     Marburg,  1851,  S.  8.  ^)  Ahacum  certc  a 

tSaracenis  rapicns  regulas  dedü  quae  a  sudantibus  abacistis  vix  intelUguntur. 


Gerbert.  799 

des  XII.  S.  nach  Zeit  mid  Ort  in  einer  Umgebung,  in  welcher  durch 
die  üebersetzungen  arabischer  Schriftsteller  z.  B.  des  Rechenbuchs 
des  Muhammed  ihn  Müsä  Alchwarizmi  die  Vermuthung  nahe  gelegt 
wurde, '  ein  irgendwie  vereinfachtes  Rechnen  könne  nirgend  anders 
als  bei  den  Arabern  entstanden  sein.  Ferner  ist  seine  Glaubwürdig- 
keit, so  weit  es  um  Gerbert  sich  handelt,  eine  so  geringe  als  nur 
irgend  möglich.  Er  verbrämt  die  Geschichte  von  dem  Raube  des 
Abacus  mit  den  tollsten  Zaubermärchen,  die  deshalb  nicht  wahrer 
sind,  weil  sie  später  da  und  dort  Glauben  fanden^).  Er  verwechselt 
mitunter  sogar  Gerbert  mit  Papst  Johann  XV.  Kurz  er  ist  alles  eher 
als  ein  zuverlässiger  Zeuge,  wo  er  allein  und  gar  in  Widerspruch  zu 
den  zahlreichsten  sonstigen  Erwägungen  aussagt. 

Um  970  begleitete  Gerbert  den  Bischof  Hatto  und  den  Grafen 
Borel  nach  Rom,  wo  er  durch  den  Papst  Johann  XIII.  dem  deutschen 
Könige  Otto  I.  vorgestellt  wurde,  und  auf  dessen  Wunsch  ihu  als 
Lehrer  irgendwo  anzustellen  erwiderte,  er  wisse  zu  diesem  Zwecke  in 
der  Mathematik  zwar  genug,  aber  nicht  in  der  Dialektik.  Um  darin 
sich  weiter  auszubilden  ging  nun  Gerbert  mit  Ottos  Einwilligung 
nach  Rheims,  wo  er  vermuthlich  zehn  Jahre,  von  972  bis  982,  ver- 
weilte und  eine  anfangs  gemischte  Stellung  einnahm,  welche  bald 
vollständig  in  die  eines  Stiftlehrers  überging.  Zu  den  Männern, 
welche  ihn  damals  in  der  Dialektik,  vielleicht  auch  noch  in  der 
Grammatik  unterrichteten,  welchen  er  aber  dafür  schon  mathematischen 
Unterricht  ertheilte,  gehörte  nach  aller  Wahrscheinlichkeit  Constau- 
tinus,  der  von  einem  späteren  Aufenthaltsorte  den  Namen  Constan- 
tiuus  von  Fleury  erhalten  hat. 

Wir  sind  wieder  durch  Richerus  in  die  Lage  versetzt,  den  Lehr- 
plan genau  schildern  zu  können,  welchen  Gerbert  als  Scholasticus 
in  Rheims  einzuhalten  pflegte^).  Zuerst  wurden  die  Schüler  an 
philosophische  Auffassung  gewöhnt.  Die  Hilfsmittel  waren  griechische 
Werke  in  lateinischer  Uebersetzung,  zumeist  in  der  des  Consul 
Manhus,  d.  h.  des  Boethius.  Darauf  folgte  die  Rhetorik  verbunden 
mit  dem  Lesen  lateinischer  Dichter,  und  nach  ihr  eigentlich  dialek- 
tische Uebungen,  die  unter  der  Leitung  eines  besonders  dazu  an- 
gestellten Lehrers  stattfanden.  Von  dieser  Abtheilung  der  Unterrichts- 
gegenstände unterscheidet  Richerus  alsdann  ganz  besonders  die 
mathematischen  Fächer,  auf  welche  Gerbert  viele  Mühe  verwandte. 
Er  begann  mit  der  Arithmetik  als  dem  ersten  Theile,  liess  darauf 
die   Lehre   vom  Monochorde    und    die    ganze  Musik    folgen,    ein    für 

')  Doellinger,  Papstfabeln  des  Mittelalters.  München  18G3.  '^)  Riche- 
rus, Histor.  III,  46  —  54.  Das  letzte  dieser  Kapitel  handelt  vom  Abacus  {Monu- 
ment. Gennan.  Script.  III,  618) 


800  39.  Kapitel. 

Frankreich  fast  ganz  neues  Kapitel  der  Wissenscliaften,  und  lelirte 
alsdann  die  Astronomie,  deren  schwer  verständlichen  Inhalt  er  durch 
mancherlei  Vorrichtungen  zu  erläutern  wusste.  Richerus  nennt  die 
wichtigsten  astronomischen  Apparate,  deren  Gerbert  sich  bediente. 
Sie  weisen  ebenso  wie  das  beim  Unterrichte  in  der  Musik  gebrauchte 
Monochord  ausschliesslich  auf  griechisch-römische  Quellen  hin^). 
Die  dem  mathematischen  Unterricht  von  Gerbert  zu  Grunde  gelegte 
Bücher  nennt  Richei-us  nicht. 

Sollen  'wir  daraus  den  Schluss  ziehen,  es  seien  überhaupt  Bücher 
dabei  nicht  benutzt  worden?  Es  will  fast  so  scheinen.  Wenigstens 
wird  sonst  einigermassen  unbegreiflich,  wie  in  späterer  Zeit  jener 
Constantinus,  den  wir  eben  genannt  haben,  an  Gerbert  die  Bitte  um 
schriftliche  Mittheilung  des  früher  Gelehrten  richten  konnte.  Damit 
ist  freilich  keineswegs  ausgeschlossen,  dass  Gerbert  selbst,  als  Lehrer, 
sich  an  schon  vorhandene  Schriften  anlehnte,  Schriften  jedenfalls 
griechisch-römischen  Ursprunges  gleich  den  Kenntnissen,  welche  ihren 
Inhalt  bildeten.  Wir  müssen  annehmen,  es  se%  die  Arithmetik  des 
Boethius  darunter  gewesen,  nicht  aber  die  übrigen  SchriÄen  des 
gleichen  Verfassers,  sondern  nur  Auszüge  und  Bearbeitungen  derselben 
von  uns  freilich  nicht  näher  bekannten  Persönlichkeiten.  Diese  Meinung 
wird  wesentlich  unterstützt  in  ihrem  negativen  Theile  durch  den  Um- 
stand, dass  Gerbert,  wie  wir  noch  sehen  werden,  erst  viel  später  mit 
der  Astronomie  und  vielleicht  mit  der  Geometrie  des  Boethius  be- 
kannt wurde,  in  ihrem  positiven  Theile  durch  das  letzte  Kapitel  von 
Richers  Erzählung,  in  welchem  von  der  Geometrie  und  von  dem 
Rechenunterrichte  die  Rede  ist. 

„Bei  der  Geometrie  wurde  nicht  geringere  Mühe  auf  den  Unter- 
richt verwandt.  Zur  Einleitung  in  dieselbe  Hess  Gerbert  durch  einen 
Schildmacher  einen  Abacus,  d.  h.  eine  durch  ihre  Abmessungen  ge- 
eignete Tafel  anfertigen.  Die  längere  Seite  war  in  21  Theile  ab- 
getheilt,  und  darauf  ordnete  er  Zeichen,  9  an  der  Zahl,  die  jede  Zahl 
darstellen  konnten.  Ihnen  ähnlich  Hess  er  1000  Charaktere  von  Hörn 
bilden,  welche  abwechselnd  auf  den  27  Abtheilungen  des  Abacus  die 
Multiplikation  oder  Division  irgend  welcher  Zahlen  darstellen  sollten, 
indem  mit  deren  Hilfe  die  Division  oder  Multiplikation  so  compen- 
diös  von  statten  ging,  dass  sie  bei  der  grossen  Menge  von  Beispielen 
viel  leichter  verstanden  als  durch  Worte  gezeigt  werden  konnte.  Wer 
die  Kenntniss  davon  sich  vollständig  erwerben  will,  der  lese  das  Buch, 
welches  Gerbert  an  C  den  Grammatiker  schrieb.  Dort  findet  er  es 
zur  Genüge  und  darüber  hinaus  beschrieben." 


»)  liüdinger  1.  c,  S.  38—4-2. 


Gerbert.  801 

Fragen  wir  uns  sogleich,  bevor  wir  weitergelieu,  ob  diese  Stelle 
in  Einklang  zu  bringen  wäre  mit  der  Aunalime,  Wilhelm  von  Malmes- 
bury  hätte  mit  seiner  allein  dastehendenBehauptung  vondem  arabischen 
Ursprünge  des  Abacus  doch  Recht.  Wir  müssen  mit  entschiedenstem 
Nein  antworten.  Das  Rechnen  als  Theil  der  Geometrie  ist  nicht 
arabisch.  Kolumnen  sind,  wenigstens  in  der  zweiten  Hälfte  des  X.  S. 
soweit  wir  irgend  wissen,  nicht  arabisch.  Der  Gebrauch  von  nur 
neunerlei  Zeichen,  also  ohne  die  Null,  ist  nicht  arabisch.  Das  Alles 
stimmt  aber  vollkommen  zur  Geometrie  des  Boethius,  wenn  dieselbe, 
wie  wir  schon  verschiedentlich  zu  beweisen  gesucht  haben,  echt  ist 
und  zwar  nicht  allgemein  aber  doch  in  engsten  Gelehrtenkreisen 
innerhalb  der  Klöster  nachwirkte. 

Wir  fügen  hinzu,  dass  diese  Nachwirkung  grade  in  der  Zeit, 
um  welche  es  sich  gegenwärtig  handelt,  auch  an  einem  anderen  Orte 
nachweislich  ist,  wo  Gerbert  nicht  lebte,  wohin  seine  Lehre,  die 
Lehre  eines  damals  noch  unbekannten  einflusslosen  Mönches,  so  rasch 
unmöglich  gedrungen  sein  kann.  Ein  Mönch  mit  Namen  Walther  ^) 
ist  gerade  damals  in  Speier  aufgewachsen,  von  wo  er  den  Beinamen 
Walther  von  Speier  erhielt.  Er  schrieb  dann  dort  als  Subdiacouus, 
und  zwar  im  Jahre  983,  ein  umfangreiches  Gedicht  über  das  Leben 
des  heiligen  Christoph^).  Im  ersten  Gesänge  schildert  er  den  Studien- 
Q-ang,  welchen  er  selbst  durchgemacht  hatte.  Die  Einrichtung  des- 
selben  geht  auf  Bischof  Baldrich  zurück,  der  970 — 987  dem  Bisthume 
vorstand  und,  von  St.  Galleu  dahiugekommen,  die  Unterrichts  weise 
seines  früheren  Aufenthaltes  mitbrachte.  Was  also  Walther  von 
Speier  983  schildert,  ist  nichts  anderes  als  die  Art  und  Weise,  in 
welcher  vor  970,  mithin  zu  einer  Zeit,  während  welcher  Gerbert 
noch  in  der  spanischen  Mark  sich  aufhielt,  in  St.  Gallen 
unterrichtet  wurde.    Von  dort  gilt  also  Folgendes: 

Et  postquam  planas  Umabant  rite  figuras 
Intervallorum  mensuris  et  spatiormn 
Ordine  compositis,  cubicas  effingere  formas 
Nituntur,  mediumque  vident  incurrere  triplum. 
Collatum  primi  distantia  colUgat  una, 
Alterius  mwieros  proportio  continet  aequa, 
Hespuit  haec  ambo  mediatrix  clausa  sub  imo. 
Ordinibus  MatJiesis  gaudcbat  rite  paratis, 
Haec  missura  tibi  solatia,  clare  Bol'ti. 

Inde  Äbaci  metas  defert  Geometrica  miras, 
Cumque  cliar acter ibus  intens  certamina  lusus 


^)  Wattenbach,  Deutschlands  Geschichtsquellen  im  Mittelalter  (4.  Aus- 
gabe 1877)  I,  263.  ^)  Abgedruckt  in  Beruh.  Pez,  Thesaurus  Anecäof.  II,  .*?, 
pag.  29—122.     Die  für  uns  wichtige  Stelle  pag.  42. 

Cantok,  Geschichte  der  Mathematik  I.  2.  Aufl.  51 


802  39.  Kapitel. 

Ocyus  oppositum  reäigens  corpus  niimerorum 
In  digitos  projyere  disjierserat  articulosque. 

Inde  superficies  ponens  ex  ordine  plures  . 

Trigona  tetrugonis  coniunxit  pentagonisquc, 
Strenua  Pyramidum  speciem  ductura  suh  altuin. 
Tum  laterum  viiras  erexit  ut  ipsa  figuras, 
Arripiens  radium  f^emetretas  fecit  agrorum, 
Quos  quodam  refluus  confudit  tempore  Nilus! 
Tradidit  et  varias  in  secto  pulvere  metas. 

Die  ganze  Stelle  bezieht  sich,  wie  wir  um  jedes  Missverständniss 
auszuschliessen  von  vornherein  bemerken,  auf  das  Zahlenkampf  ge- 
nannte Spiel,  welches  Boethius  im  Gefängnisse  zu  seinem  Tröste  er- 
dacht habe  (S.  539).  Aber  wichtiger  als  der  wesentliche  Inhalt  der 
Stelle  sind  die  für  den  Verfasser  nebensächlichen  für  uns  das  Haupt- 
augenmerk bildenden  Anspielungen.  Wir  erlauben  uns,  die  in  ent- 
setzlichem Latein  verfasste  dem  schwülstigen  »Stile  des  Martianus 
Capella  augenscheinlich  nachgebildete  Schilderung  zunächst  zu  über- 
setzen: „Nachdem  sie  die  ebenen  Figuren  regelrecht  genau  auszuführen 
verstanden  mit  nach  der  Ordnung  zusammengesetzten  Maassen  der 
Zwischenräume  und  der  Strecken,  bestreben  sie  sich  cubische  Ge- 
staltungen zu  bilden,  und  sie  sehen,  dass  dieselben  auf  ein  dreifaches 
Mittel  hinauslaufen.  Eine  und  dieselbe  Entfernung  verbindet  das, 
was  durch  das  erste  Mittel  zusammengebracht  ist;  gleiches  Verhältniss 
hält  die  Zahlen  des  zweiten  zusammen;  diese  beiden  Dinge  verwirft 
die  Mittlerin,  welche  unter  dem  letzten  verschlossen  ist.  An  regel- 
recht bereiteten  Ordnungen  erfreute  sich  die  Mathematik,  Dir,  be- 
rühmter Boethius,  diesen  Trost  zuschickend.  Hierauf  bringt  die  Geo- 
metrie die  wundersamen  Linien  des  Abacus  herbei  und  mit  den 
Zeichen  die  Kämpfe  des  Spieles  beginnend  hatte  sie  schnell  Ordnung 
hineinbringend  die  gegenübergestellten  Körper  der  Zahlen  in  Finger- 
und in  Gelenkzahlen  zerstreut.  Hierauf  stellte  sie  mehrere  Oberflächen 
ordnungsmässig  hin,  verband  Dreiecke  mit  Vierecken  und  Fünfecken 
eifrig  die  Gestalt  der  Pyramide  zur  Spitze  zuzuführen.  Dann  errichtete 
sie  Figuren  der  Seiten  wundersam  wie  sie  selbst,  machte  den  Maass- 
stab ergreifend  die  regellosen  Grenzen  der  Felder,  welche  zu  einer 
Zeit  zurückströmend  der  Nil  vermengt  hat,  und  sie  überlieferte  die 
verschiedenen  Linien  im  Staube  gezeichnet." 

Wir  sehen  hier  die  Kenntniss  der  drei  verschiedenen  Mittel- 
grössen, des  arithmetischen,  des  geometrischen  und  des  harmonischen 
Mittels,  letzteres  allerdings  nur  negativ  geschildert  als  weder  gleiche 
Entfernuna;  noch  aieiches  Verhältniss  zu  den  äusseren  Gliedern  auf- 
weisend.     Wir  hören  die  seit  Herodot  unendlich  oft  Aviederholte  Er- 


Gerbert.  803 

Zählung  vou  der  Verwiscliung  der  Ackergrenzen  durch  den  aus  den 
Ufern  getretenen  Nil  und  von  der  so  vermittelten  Erfindung  der 
Geometrie.  Wir  erkennen  in  der  letzten  Zeile  einen  Halbvers  des 
römischen  Satyrendichters  ^),  der  sich  in  dieser  Umgebung  recht  ver- 
lassen vorkommen  muss.  Wir  vernehmen,  dass  die  Geometrie  den 
Abacus  herbeibringt  und  die  Zahlen  in  Finger-  und  Gelenkzahleu 
zerstreut.  Das  sind  aber  gerade  dieselben  Begriffs objekte,  welche 
Gerbert  vereinigt  benutzt  hat,  und  sie  weisen  mit  Nothwendigkeit 
darauf  hin,  dass  damals  an  verschiedenen  Orten  die  Erinnerung  an 
ein  Werk  vorhanden  gewesen  sein  muss,  welches  in  seiner  Anordnung 
an  dasjenige  mahnt,  welches  für  uns  die  Geometrie  des  Boethius  ist, 
und  dass  die  Quelle,  aus  welcher  diese  Erinnerung  geschöpft  war, 
eine  römische  gewesen  sein  muss.  Dabei  sehen  wir  sogar  von  der 
Anrufung  des  Boethius  selbst  in  unserer  Stelle  ab,  wiewohl  mau  in 
ihr  eine  gewisse  Gedankenbeziehung  zu  einem  Ausspruche  der  Chronik 
von  Verdun^)  erkennen  möchte.  In  dieser  Chronik  ist  nämlich  Gerbert 
ein  zweiter  Boethius  genannt,  wodurch,  wenn  nicht  die  Quelle  alles 
seines  Wissens  doch  jedenfalls  so  viel  gesichert  ist,  dass  die  damalige 
Zeit  gewohnt  war,  Boethius  als  den  allgemeinen  Lehrer  insbesondere 
für  mathematische  Gegenstände   zu  betrachten. 

Damit  sind  wir  wieder  zu  Gerbert  zurückgelangt,  dessen  Lehr- 
thätigkeit  in  Rheims,  wie  wir  sagten,  bis  etwa  982  gedauert  hat. 
Etwa  ein  Jahr  vor  dem  Ende  dieser  Zeit,  um  Weihnachten  980,  war 
Gerbert  als  Begleiter  des  Bischofs  Adalbero  von  Rheims  in  Ravenna 
am  Hofe  Otto  H.,  den  er  gleich  seinem  Vater  für  sich  einzunehmen 
wusste.  Er  zeichnete  sich  in  einer  öffentlichen  Disputation  über 
philosophisch-mathematische  Gegenstände,  welche  er  gegen  einen  der 
ersten  Dialektiker  der  Zeit  bestand'^),  und  aus  welcher  er  wenn  nicht 
als  Sieger  doch  unbesiegt  hervorging,  indem  der  Kaiser  am  späten 
Abend  wegen  Ermüdung  der  Zuhörer  den  noch  andauernden  Rede- 
kampf unterbrach,  rühmlichst  aus,  und  muthmasslich  in  Folge  dieser 
zum  Kaiser  angeknüpften  Beziehungen  wurde  Gerbert  als  Abt  an  das 
Kloster  Bobbio  versetzt,  jenes  reiche  Kloster  an  der  Trebbia,  wo 
der  irische  Glaubensprediger  Columbau  gestorben  ist,  wo  handschrift- 
liche Schätze  aller  Art  den  wissensdurstigen  Geist  empfingen,  wo 
insbesondere  damals  der  Codex  Arcerianus  vorhanden  war,  die  Samm- 
lung römischer  Feldmesser,  von  welcher  früher  (S.  513)  die  Rede  war. 
Gerbert  hat,  das  werden  wir  noch  nachweisen,  diese  Sammlung  in 
Bobbio   studirt    und  in  Verbindung  mit  anderen   römischen  Schrift- 


')  Persius  Satyr.  I,  132:  Nee  qui  abaco  numeros  et  secto  in  pulvere  metas 
seit.        2)  Monument.  German.  VI,  8.         ^  Werner,  Gerbert  S.  46— 55. 

51* 


304  39-  Kapitel. 

steilem,  deren  Persönliclikeit  sich  niclit  genau  feststellen  lässt,  zur 
Grundlage  einer  eigenen  Geometrie  gemaclit,  welche  während  des 
Aufenthaltes  in  Bohbio  entstand. 

Dieser  Aufenthalt  währte  allerdings  nicht  lange.  Otto  II.  starb 
am  7.  December  983.  Er  allein  war  Gerberts  Freund  gewesen,  während 
Papst  Johann  der  XIV.  gradezu  als  dessen  persönUcher  Gegner  auf- 
gefasst  werden  muss.  An  diesem  letzteren  hatte  mithin  Gerbert 
nichts  weniger  als  eine  Stütze  in  den  Kämpfen,  welche  er,  der  auf- 
a;edrungene  Fremdling,  als  Abt  von  Bobbio  zu  bestehen  hatte.  Wider- 
spenstigkeit  der  untergebenen  Mönche,  Anfeindungen  umwohnender 
Grossen,  welche  Güter  des  Klosters  an  sich  gerissen  hatten,  ver- 
einigten sich,  Gerbert  den  dortigen  Aufenthalt  zu  verleiden,  und  kurz 
nach  dem  Tode  Otto  II.  war  er  wieder  in  Rheims,  in  der  Umgebung 
seines  dort  lebenden  Freundes,  des  Bischofs  Adalbero.  Seiue  äusseren 
Geschicke,  welche  mit  der  politischen  Geschichte  der  damaligen  Zeit 
in  engstem  Zusammenhange  stehen  und  namentlich  durch  das  freund- 
schaftliche Verhältniss,  welches  Gerbert  an  die  noch  lebenden  weib- 
lichen Persönlichkeiten  der  deutschen  Kaiserfamilie,  an  die  Mutter 
Theophania  und  an  die  Grossmutter  Adelheid  des  jungen  Otto  III. 
fesselte,  beeinflusst  worden  sind,  sind  ungemein  wechselnd.  Wahr- 
scheinlich 985  ist  Gerbert  vorübergehend  in  Mantua  gewesen,  und 
von  dort  schrieb  er  an  Adalbero  über  wissenschaftliche  Funde,  welche 
ihm  geglückt  seien  ^),  er  möge  sich  nur  Hoffnung  machen  auf  acht 
Bücher  des  Boethius  über  Astronomie  und  ganz  Ausgezeichnetes  über 
Figuren  der  Geometrie  und  nicht  minder  Bewundernswerthes,  was  er 
allenfalls  noch  finden  werde.  Das  ist  die  Stelle,  auf  welche  man 
sich  zu  beziehen  pflegt,  um  das  Vorhandensein  der  Geometrie  des 
Boethius  in  jener  Zeit  zu  begründen  (S.  536),  um  zugleich  zu  be- 
gründen, dass  Gerbert  dieselbe  in  Bobbio  noch  nicht  zu  seiner  Be- 
nutzung gehabt  haben  kann,  und  noch  weniger  in  der  früheren  Zeit 
seines  ersten  Rheimser  Aufenthaltes. 

Wahrscheinlich  990  im  Lager  Hugo  Capets,  welcher  damals 
Laon  belagerte,  schrieb  Gerbert  einen  anderen  dem  Mathematiker 
nicht  uninteressanten  Brief  an  Remigius  von  Trier ^).    Es  ist  aller- 


^)  Oeuvres  de  Gerbert  (ed.  Olleris)  Epistola  76,  pag.  44:  et  quos  post  re- 
perimas  speretis:  id  est  VIII  voluniina  Boetii  de  astrologia  pracclarissima  quoque 
figurarthm  geometriae  ahaque  non  minus  admiranda  si  reperimus.  '*■')  Ebenda 

Epistola  124,  pag.  G8.  Wir  geben  die  üebersetzuug  aus  Math.  Beitr.  Kulturl. 
S.  318  nach  Friedleins  Verbesserungen  des  lateinischen  Textes.  Friedleins  Ueber- 
setzung  dagegen  [Zeitschr.  Math.  Phys.  X,  248,  Anmerkung**]  halten  wir  am 
Anfange  für  ganz  falsch,  während  der  Schluss  nicht  ncnnenswerth  von  dem 
unsrigen  abweicht. 


Gerbert.  805 

dings  nur  eine  im  Texte  recht  sehr  verderbte  Antwort  auf  zwei  ver- 
loren gegangene  Anfragen  und  darum  nicht  mit  aller  Bestimmtheit 
herzustellen.  Die  wahrscheinlichste  üebersetzung  lautet:  „Das  in 
Bezug  auf  die  erste  Zahl  hast  Du  richtig  verstanden,  dass  sie  sich 
selbst  theilt,  weil  einmal  eins  eins  ist.  Aber  deshalb  ist  nicht  jede 
sich  selbst  gleiche  Zahl  als  ihr  Theiler  zu  betrachten;  z.  B.  einmal 
vier  ist  vier,  aber  deshalb  ist  nicht  vier  der  Theiler  von  vier,  sondern 
vielmehr  zwei,  denn  zwei  mal  zwei  sind  vier.  Ferner  das  Zeichen  1, 
welches  unter  der  Kopfzahl  X  steht,  bedeutet  X  Einheiten,  welche 
in  sechs  und  vier  zerlegt  das  anderthalbmalige  Verhältniss  gewähren. 
Dasselbe  Hesse  sich  auch  an  zwei  und  drei  sehen,  deren  Unterschied 
die  Einheit  ist." 

Wieder  um  einige  Jahre  später  fällt,  wahrscheinlich  in  den  Spät- 
sommer 994,  ein  Brief  Otto  III.  an  Gerbert ^),  der  inzwischen  991 
zum  Metropolitan  von  Rheims  gewählt  worden  war,  wozu  ihn  schon 
988  der  sterbende  Adalbero  bezeichnet  hatte,  der  aber  seiner  unter 
Widerwärtigkeiten  der  verschiedensten  Art  errungenen  Stellung  nicht 
froh  werden  konnte.  Gerbert  hatte  offenbar  an  Otto  geschrieben 
und  ihm  Verse  zugeschickt,  oder  gefragt,  ob  Otto  welche  zu  machen 
verstehe,  denn  nur  so  hat  der  Schluss  von  Ottos  Brief  einen  Sinn, 
worin  es  ohne  jeden  Zusammenhang  mit  Vorhergehendem  heisst,  dass 
er  bisher  keine  Verse  gemacht,  wenn  er  aber  diese  Kunst  mit  Er- 
folg erlernt  haben  werde,  wollte  er  so  viele  Verse  senden  als  Frank- 
reich Männer  zähle.  Für  uns  hat  nur  eine  frühere  Stelle  des  Briefes 
Bedeutung,  in  welcher  Otto  die  dringende  Einladung  an  Gerbert  er- 
gehen lässt,  persönlich  zu  kommen,  in  ihm  der  Griechen  lebendigen 
Geist  zu  erwecken  und  ihm  das  Buch  der  Arithmetik  zu  erklären, 
damit  er,  vollkommen  durch  die  Beispiele  desselben  belehrt,  etwas 
von  der  Feinheit  der  Altvorderen  verstehe.  Mit  grösster  Wahrschein- 
lichkeit ist  als  das  Buch  der  Arithmetik,  von  welchem  hier  die  Rede 
ist,  die  Arithmetik  des  Boethius  erkannt  worden,  und  die  Thatsache, 
dass  jenes  Werk  damals  am  Kaiserhofe  vorhanden  war,  ist  durch  das 
Auffinden  einer  etwa  gleichaltrigen,  zwar  lückenhaften  aber  sehr 
richtigen  Handschrift  zur  Gewissheit  geworden^).  Otto  war  987  der 
Schüler  Bernwards,  des  Bischofs  von  Hildesheim.  Der  Domschatz 
dieser  alten  Stadt  bewahrt  aber  unter  dem  Namen  des  Über  matJic- 
maticalis  des  heiligen  Bernward  eine  durch  diesen  verbesserte  wenn 
nicht  gar  durchweg    mit    einer   älteren  Handschrift  verglichene  Ab- 


')  Oeuvres  de  Gerbert  (ed.  Olleris)  Epistola  208,  pag.  141  —  142.  Vergl. 
Werner,  Gerbert  S.  93.  -)  Der  Über  maihematicalis  des  heiligen  Bernward  im 
Domschatze  zu  Hildesheim,  eine  historisch-kritische  Untersuchung  von  H.  D  üker. 
Beilage  zum  Programm  des  hildesheimer  Gymnasium  Josephinum  für  1875. 


806  39-  Kapitel. 

Schrift  der  Aritlimetik  des  Boethius,  an  deren  damaligem  Vorhanden- 
sein demnach  nicht  der  leiseste  Zweifel  übrig  bleibt^).  Ob  Otto  be- 
reits durch  Bernward  mit  dem  Inhalte  des  Werkes  bekannt  gemacht  ■ 
Gerbert  noch  um  die  nähere  Erläuterung  zu  bitten  beabsichtigte,  ob 
er  das  Werk  nur  von  Hörensagen  oder  durch  ohne  Hilfe  unternommene 
und  deshalb  fruchtlos  gebliebene  eigene  Durchsicht  kannte,  das  sind 
Fragen  untergeordneten  Ranges,  auf  welche  eine  Antwort  schwerlich 
gefunden  werden  möchte.  Gerbert  nahm  die  Einladung  an  und  sagte 
dabei  anknüpfend  an  Ottos  eigene  Worte:  „Wahrlich  etwas  Göttliches 
liegt  darin,  dass  ein  Mann,  Grieche  von  Geburt,  Römer  an  Herrscher- 
macht, gleichsam  aus  erbschaftlichem  Rechte  nach  den  Schätzen  der 
Griechen-  und  Römerweisheit  sucht" ''^). 

Davon,  dass  auch  andere  Weisheit  möglich  sei,  dass  Araber  sich 
um  die  Mathematik  verdient  gemacht  hätten,  ist  hier,  wo  es  so  nahe 
lag,  den  künftigen  Lehren,  welche  Gerbert  dem  jungen  Fürsten  er- 
theilen  sollte  und  wollte,  diesen  erhöhten  Reiz  fremdartigen  Ursprunges 
zum  voraus  zu  verleihen,  mit  keinem  Buchstaben  die  Rede,  so  wenig 
wie  an  irgend  einer  anderen  Stelle  der  von  Gerbert  herrührenden 
Briefe  oder  Werke.  Es  ist  wahr,  Gerbert  redet  um  984  während 
seines  zweiten  Rheimser  Aufenthaltes  zu  zwei  verschiedenen  Persön- 
lichkeiten^), zu  Bonafilius  dem  Bischöfe  von  Girona  und  zu  seinem 
alten  Lehrer  dem  Abte  Gerald  von  Aurillac,  von  einer  Schrift  des 
weisen  Josephus,  des  Spaniers  Josephus  über  Multiplikation 
und  Division  der  Zahlen,  welche  Adalbero  zu  besitzen  wünsche,  und 
welche  ersterer  oder  letzterer  zu  besorgen  gebeten  wird,  letzterer 
mit  Berufung  darauf,  dass  der  Abt  Guarnerius  ein  Exemplar  in 
Aurillac  zurückgelassen  habe.  Allein  dass  dieser  „Spanier"  ein  Araber 
gewesen  sei,  ist  aus  seinem  Namen  ebensowenig  wie  aus  sonstigen 
Gründen  zu  schliessen.  Die  Sprache,  in  welcher  der  Betreffende 
schrieb,  war  ohne  Zweifel  nicht  die  arabische,  sondern  die  lateinische, 
denn  was  hätte  sonst  Adalbero  mit  dem  Buche  anfangen  können, 
weshalb  hätte  Guarnerius  es  in  Aurillac  zurücklassen  sollen  zu  einer 
Zeit,  in  welcher  gewiss  Kenntuiss  der  arabischen  Sprache  in  den 
Klöstern  vergeblich  gesucht  worden  wäre?  Wenn  nicht  Alles  täuscht, 
so  ist  hier  der  Angelpunkt,  um  welchen  weitere  Forschungen  nach 
dem  weisen  Josephus  sich  werden  drehen  müssen,  nachdem  andere 


^)  Dass  in  der  zweiten  Hälfte  des  X.  S.  die  Aritlimetik  des  Boethius  in 
Deutschland  genau  bekannt  war,  ist  durch  eine  Stelle  des  Schauspiels  Hadrian 
der  Hrotsvitha  von  Gandersheim  gesichert,  welche  bei  Günther,  Ge- 
schichte des  mathematischen  Unterrichts  im  deutschen  Mittelalter  (Berlin  1887) 
S.  83 — 85  in  der  Note  abgedruckt  ist,  *)  Oeuvres  de  Gerbert  (ed.  Olleris) 

Epistola  209,  pag.  142.       ^)  Ebenda  Epistola  55,  pag.  34  und  Epistola  63,  pag.  38. 


Gerbert.  807 

Versuche')  sclilecliterdiugs  zu  keinem  Ergebnisse  geführt  haben. 
Man  wird  Handschriftenkataloge  insbesondere  von  spanischen  und 
südfranzösischen  Bibliotheken  nach  lateinisch  geschriebenen  Stücken 
mathematischen  Inhaltes  eines  Josephus  durchmustern  müssen.  Ein 
solcher  Katalog  aus  dem  XVIII.  S.  giebt  z.  B.  an'),  der  Codex  CXV 
der  ehemaligen  (jetzt  in  Paris  befindlichen)  Bibliothek  des  Erzbischofs 
Charles  de  Montchal  von  Toulouse  enthalte  eine  vielleicht  von  Jose- 
phus verfasste  Geometrie.  Diese  Spur  dürfte  weitere  Verfolgung 
verdienen. 

Auf  ein  arabisches  Werk  ist  wahrscheinlich  nur  ein  aus  wenio-en 
Zeilen  bestehender  Brief  zu  beziehen"),  welcher  dem  gleichen  Zeit- 
räume wie  die  beiden  ebenerwähnten  Briefe  angehören  dürfte,  und 
in  welchem  Gerbert  von  einem  gewissen  Lupitus  von  Barcelona, 
um  welchen  er  selbst  sich  keinerlei  Verdienst  erworben  habe,  vermöge 
seines  hohen  Geistes  und  seiner  freundlichen  Sitten  das  von  ihm 
übersetzte  Buch  über  Sternkunde  erbittet  und  sich  zu  jeglichem 
Gegendienste  bereit  erklärt.  Jenes  Buch  kann  nicht  leicht  ein  anderes 
als  ein  arabisches  gewesen  sein.  Aber  auch  dieses  hat  Gerbert  wohl 
nie  früher  und  ebensowenig  auf  seinen  Brief  hin  zu  Gesicht  bekommen, 
wenn  man  diesen  Schluss  aus  dem  Umstände  ziehen  darf,  dass,  wie 
in  früherer  so  in  späterer  Zeit  mit  einer  einzigen  weiter  unten  zu 
berührenden  Ausnahme,  keinerlei  Spuren  arabischer  Sternkunde  bei 
Gerbert  erkennbar  sind.  Dergleichen  bedurfte  es  freilich  auch  nicht 
für  die  Dinge,  welche  Gerbert  vornahm,  und  welche  von  trigono- 
metrischen Rechnungen,  einem  Gegenstande,  bei  welchem  der  Gegen- 
satz zwischen  griechisch-römischen  und  arabischen  Lehren  sich  be- 
sonders gezeigt  haben  müsste,  vollkommen  frei  waren.  Solcher  be- 
durfte er  z.  B.  nicht  durchaus  bei  der  Herrichtung  einer  Sonnenuhr 
in  Magdeburg,  welche  er  zwischen  994  und  995  vollzog,  und  zu  deren 
Richtigstellung  er  Beobachtungen  des  Polarsternes  machte^). 

Das  Wanderleben  Gerberts  hatte  mit  der  Reise  nach  dem  Kaiser- 
hofe keinen  Ruhepunkt  erreicht.  Bald  sehen  wir  ihn  nach  Frankreich 
zurückkehren,  um'  auf  der  Synode  zu  Mouson  sein  Recht  auf  das 
Bisthum  Rheims   persönlich  zu  vertheidigen,  bald  finden  wir  ihn  in 


')  Zur  Geschichte  der  Einführung  der  jetzigen  Ziffern  in  Europa  durch 
Gerbert.  Eine  Studie  von  Professor  ür.  H.  Weissenborn,  Berlin  1892. 
^)  Bern,  de  Monfaucon,  Bibliotheca  bibliothecarum  manuscriptarum  1,  902. 
Wir  wurden  durch  M.  Curtze  auf  diese  Angabe  aufmerksam  gemacht.  ")  Oeuvres 
de  Gcrbert  (ed.  Olleris)  Epistola  60,  pag.  36.  ^)  In  Magdaburgh  orologium 

fecit,  ülud  rede  constituens  considerata  per  fislulam  quadam  Stella  nautarum  duce 
sagt  darüber  Thietmars  Chronik  L.  VI,  cap.  61.  Thietmar  f  1019  als  Bischof 
von  Merseburg.    Vergl.  Werner,  Gerbert  S.  221. 


308  ^9-  Eapitel. 

Ottos  Heerlager  auf  einem  Feldzuge  gegen  slavische  Stämme  an  Elbe 
und  Oder^  bald  übersclireitet  er  im  Gefolge  Otto  III.  die  Alpen,  um 
dem  wüsten  Regimente  ein  Ende  zu  machen,  welclies  in  Rom  herrschte 
und  dem  deutschen  Könige  sowohl  Aergerniss  bereitete  als  die  er- 
wünschte Gelegenheit  zur  Einmischung  gab.  Am  9.  Mai  996  starb 
Papst  Johann  XV.,  unter  dem  Drucke  der  Nähe  des  deutschen  Heeres 
wurde  Bruno  aus  dem  sächsischen  Fürstenhause  als  Gregor  V.  zum 
Papste  gewählt,  am  21.  Mai  krönte  der  neue  Papst  bereits  Otto  in  Rom 
zum  Kaiser.  Gerbert  blieb  auch  nach  des  Kaisers  Abreise  in  Rom  als 
Rathgeber  des  noch  jugendlichen  Papstes.  Er  erfüllte  diese  Aufgabe 
so  pflichtgetreu,  dass  er  998  mit  dem  Bisthume  Ravenna  belohnt 
wurde,  und  im  folgenden  Jahre  erfüllte  sich  der  Schicksalsspruch: 

Scandit  ah  R  Gerbertus  in  B,  post  Papa  viget  B, 
der  ihm  in  dreifacher  Erhebung  ein  dreifaches  B  verheissen  hatte, 
von  Rheims  nach  Ravenna,  von  Ravenna  nach  Rom!  Gregor  V. 
starb  am  5.  Februar,  Gerbert  feierte  am  2.  April  999  seine  Inthro- 
nisation unter  dem  Namen  Sylvester  IL  Er  verwaltete  den  päpst- 
lichen Stuhl  fast  genau  vier  Jahre  lang  bis  zu  seinem  Tode,  der  am 
12.  Mai  1003  erfolgte. 

Die  letzten  sieben  Lebensjahre  Gerberts,  welche  er  demnach 
politisch  und  kirchlich  überaus  beschäftigt  in  Italien  zubrachte,  gaben 
ihm  daneben  Gelegenheit  zu  schriftstellerischer  Thätigkeit.  Er  ver- 
fasste  eine  freilich  nur  aus  zwölf  Hexametern  bestehende  Inschrift  zu 
einem  Denkmale  des  Boethius,  mit  welchem  Otto  III.  zu  Pavia  auf 
seine  Veranlassung  das  Grab  des  in  den  Klosterschulen  beliebtesten 
Schriftstellers  schmückte^).  Er  schrieb  muthmasslich  um  997  eine 
Abhandlung  über  das  Dividiren,  welche  dem  Constantinus  von  Fleury 
gewidmet  ist  und  als  jene  Schrift  betrachtet  wird,  von  der  Richer 
spricht,  indem  er  diejenigen,  welche  die  Division  und  die  Multiplika- 
tion grosser  Zahlen  erlernen  wollen,  auf  das  Buch  verweist,  welches 
Gerbert  an  C.  den  Grammatiker  schrieb.  Als  Papst  sogar  fand 
Gerhert  Zeit,  einen  astronomischen  Brief  an  einen  anderen  Constan- 
tinus als  den  eben  genannten  zu  schreiben^).  Als  Papst  erhielt  er 
einen  Brief  geometrischen  Inhaltes  von  Adalboldus  über  die  Ausmessung 
des  Kreises  und  der  KugeP),  in  dessen  Schreiber  man  wohl  berechtigt 
ist,  Adelbold  von  Utrecht  zu  erkennen,  einen  Gelehrten,  der  in 
vielen  Sätteln  gerecht,  Schriften  über  Musik*),  aber  auch  ein  Ge- 
schichtswerk   hinterlassen   hat,    welches   an  Thietmars   Chronik  sich 


^)  Werner,  Gerbert  S.  328.         ^)  Oeuvres  de  Gerhert  (cdit.  Olleris)  pag. 
479:   Gerhertus  Constantino   Miciacensi  Äbbati,  ')  Ebenda  pag.  471  —  475. 

*)  Werner,  Gerbert  8.61). 


Gerbert.  ^  809 

anlehnt^).  Vielleicht  in  die  gleiche  Zeit  fällt  ein  Schreiben  Gerherts 
an  denselben  Adalboldus  über  einen  geometrischen  Gegenstand,  von 
dem  wir  noch  zu  reden  haben.  Gelegenheit  bietet  uns  die  Gesammt- 
besprechung  der  mathematischen  Schriften  Gerberts,  zu  welcher 
wir  jetzt  übergehen,  und  bei  welcher  wir  erst  die  geometrischen, 
dann  die  arithmetischen  Dinge  behandeln. 

Die  Geometrie'^)  Gerberts  ist  in  mehreren  lückenhaften,  sodann 
in  einer  bis  gegen  das  Ende  vollständigen  dem  Stifte  St.  Peter  in 
Salzburg  angehörenden  Handschrift  erhalten.  Deren  Entstehungszeit 
dürfte  ziemlich  genau  bestimmbaj**  sein.  Im  Jahre  1127  wurde  das 
Kloster  St.  Peter  durch  einen  furchtbaren  Brand  zerstört.  Damals 
konnten  nur  wenige  Schriftstücke  gerettet  werden,  und  Codex  a.  V.  7, 
welcher  die  Gerbertsche  Geometrie  enthält,  befindet  sich  nicht  unter 
den  als  geborgen  bekannten.  Von  da  an  wurde  nur  um  so  emsiger 
an  der  Wiederbeschaffung  einer  Bibliothek  gearbeitet,  und  es  existirte 
bereits  wieder  um  IIGO  ein  Katalog,  der  sich  erhalten  hat.  In  ihm 
kommt  aber  vor:  Hermannus  contracus  (sie!)  super  astrolabium, 
d.  i.  dasjenige  Werk,  mit  welchem  Codex  a.  V.  7  beginnt.  Da  nun 
eine  anderweitige  Abschrift  des  gleichen  Werkes,  die  mit  jenem 
Katalogeintrag  gemeint  sein  könnte,  in  St.  Peter  nicht  vorhanden  ist, 
so  glauben  wir  uns  um  so  berechtigter,  eben  jenen  Codex  darunter 
zu  verstehen  und  anzunehmen,  er  sei  zwischen  1127  und  1160  ge- 
schrieben, als  alle  Zeichen  der  Schriftvergleichung  hiermit  in  Ein- 
klang stehen. 

Die  Glaubwürdigkeit  dieser  sauberen,  unserer  Auseinandersetzung 
zufolge  nicht  später  als  höchstens  1150  mithin  nicht  ganz  anderthalb 
Jahrhunderte  nach  Gerberts  Tode  entstandenen  Abschrift,  welche  in 
ihren  Anfangsworten  sich  selbst  als  Geometrie  des  Gerbert  benennt, 
ist  mit  Rücksicht  auf  Einzelheiten  und  insbesondere  auf  die  ungemein 
verschiedenartigen  Gegenstände,  welche  in  ihr  zur  Rede  kommen, 
angezweifelt  worden.  Es  ist  nicht  zu  verkennen,  dass  kleine  Wider- 
sprüche, Wiederholungen  und  dergleichen  den  Eindruck  hervorbringen, 
es  sei  Einzelnes  vom  Abschreiber  verfehlt  worden,  der  z.  B.  ein  Ka- 
pitel, das  im  Urtexte  zuerst  an  einer  Stelle  vorkam,  dann  durch  den 
Verfasser  anderswohin  gebracht  und  an  der  früheren  Stelle  durch- 
strichen wurde,  zweimal  abgeschrieben  haben  kann.  Dagegen  sind 
jene  grossen  Verschiedenheiten  behandelter  Dinge  umgekehrt  darnach 
angethau,  die  Echtheit  der  Gerbertschen  Geometrie  vollauf  zu  be- 
glaubigen. Wir  haben  (S.  515)  uns  darüber  ausgesprochen,  was  bei 
römischen    Feldmessern    zu    finden    war.     Geometrische    Definitionen 


^)  Werner,  Gerbert  S.  222.  *)  Agrimensoren  Ö.  150  ügg. 


glO  39.  Kapitel. 

und  einfachste  Sätze  der  Geometrie  der  Ebene,  Maassvergleichungen 
und  feldniesserische  Vorschriften,  geometrische  Reohnungsaufgaben 
und  die  Lehre  von  den  figurirten  Zahlen,  das  Alles  bildete,  meistens 
nachweislich  aus  Heron  übernommen,  den  Gegenstand  ihrer  unselb- 
ständigen Schriftstellerei.  Genau  dasselbe  finden  wir  in  Gerberts 
Geometrie,  müssen  wir  in  ihr  finden,  wenn  Gerbert  zu  sammeln  und 
durch  gleichmässige  Schreibweise  zu  vereinigen  trachtete,  was  ihm  in 
Bobbio,  sei  es  durch  den  Codex  Arcerianus,  sei  es  durch  andere 
Quellenschriften,  bekannt  geworden  war.  Namentlich  für  den  dritten 
Theil  der  Gerbertschen  Geometrie  ist  der  Nachweis  geführt  worden'), 
dass  geradezu  nichts  in  demselben  steht,  was  nicht  dem  Codex  Arce- 
rianus entnommen  sein  kann,  insbesondere  wenn  es  gestattet  wird, 
über  den  Inhalt  einer  in  jenem  Codex  nachweislich  vorhandenen 
Lücke  Vermuthungen  aufzustellen,  für  welche  es  selbst  wieder  an 
anderweitigen  Begründungen  nicht  fehlt.  Am  schlagendsten  für  die 
Benutzung  des  Codex  Arcerianus  ist  wohl  das  Auftreten  jenes  Schreib- 
fehlers aus  Nipsus  (S.  517),  wo  das  Wort  hypotenusae  hinter  podis- 
mus  ausgefallen  ist,  im  42.  Kapitel  der  Gerbertschen  Geometrie. 
Aber  Gerbert  war  kein  gewöhnlicher  Abschreiber.  Er  bemerkte, 
dass  hier  nicht  Alles  in  der  Ordnung  war,  und  um  den  Sinn  der 
Stelle  zu  retten,  legte  er  im  10.  Kapitel  die  Definition  nieder,  die 
schräg  von  oben  nach  unten,  oder  von  unten  nach  oben  gezogene 
Linie  heisse  Hypotenuse  oder  auch  Podismus-).  Ja  er  freute  sich 
dieser  Definition  so  sehr,  dass  er  im  12.  Kapitel  verschiedentlich 
Podismus  sagte,  wo  Hypotenuse  gemeint  ist.  Es  war  allerdings  ein 
unfehlbares  Mittel,  die  Richtigkeit  einer  Nipsusstelle  zu  wahren,  wenn 
man  ihr  zu  Liebe  eine  neue  Worterklärung  schmiedete,  wenn  mau, 
um  dieser  Eingang  zu  verschafifen,  das  neue  Wort  sofort  in  Gebrauch 
nahm.  Aber  wenn  mifehlbar,  so  war  das  Mittel  selbst  nichtsdesto- 
weniger ein  Fehlgriff  und  nur  dann  möglich,  wenn  Gerbert  die  Geo- 
metrie des  Boethius  nicht  vor  Augen  hatte,  als  er  auf  ihn  gerieth. 
Li  der  Geometrie  des  Boethius  findet  sich  eine  Parallelstelle  zu  jener 
verstümmelten  Aufgabe  des  Nipsus,  in  welcher  das  fehlende  Wort 
der  Hypotenuse  vorhanden  ist^).  Wer  beide  Schriftsteller  kannte 
und  so  genau  kannte,  wie  es  für  die  damalige  Zeit  angenommen 
werden  muss,  in  welcher  die  geringe  Menge  des  Wissensstoffes  eine 


^)  Agrimensoren  S.  229,  Anmerkung  304,  ^)  Oeuvres  de  Gerbert  (edit. 

Olleris)  pag.  417:  lila  autem  quae,  obliqua  iusum  sive  susuin  dedueta,  hebetis 
vel  acuti  anguli  effedrix  vidchir  hypotenusa  id  est  obliqua  sive  podismus 
nominaiur.  ^)  Boetius  (ed.  Priedlein)  pag.  111:   Nunc  vero  qua  ratione 

per  hypotenusae  podismum  cathetos  et  basis  summa  pedalis  reperiri  valent,  demon- 
strare  studeamus. 


Gerbert.  811 

volle  Aufnahme  desselben  möglich  mid  nöthig  machte,  konnte  mit 
offenen  Augen  nicht  übersehen,  dass  bei  Nipsus  das  betreffende  Wort 
ausgefallen  war. 

Darum  haben  wir  oben  behauptet,  Gerbert  könne  in  der  ersten 
Rheimser  Periode  die  Geometrie  des  Boethius  nicht  studirt  haben, 
darum  setzen  wir  mit  Rücksicht  auf  die  Möglichkeit,  dass  Gerbert 
eben  jenes  Werk  985  in  Mantua  auffand,  die  Niederschrift  seiner 
eigenen  Geometrie  auf  die  Jahre  981  bis  983  an,  die  er  als  Abt  in 
Bobbio  zubrachte.  Ist  freilich  in  Mantua  nur  die  Astronomie  des 
Boethius  gefunden  worden,  und  rührte,  was  dem  Wortlaute  nach 
denkbar  ist,  das  ganz  Ausgezeichnete  über  Figuren  der  Geometrie 
von  irgend  einem  anderen  Schriftsteller  her,  so  ist  fürs  Erste  jene 
Behauptung  dahin  zu  beschränken,  Gerberts  Geometrie  könne  nicht 
früher  niedergeschrieben  sein  als  damals,  wo  er  zwischen  981  und 
983  den  Codex  Arcerianus  benutzen  konnte.  Aber  auch  unter  der 
Voraussetzung  dieser  letzteren  Annahme  haben  wir  Gründe,  welche 
das  „nicht  früher''  in  ein  „zu  jener  Zeit"  zu  verwandeln  geeignet 
sind.  Nach  seiner  fluchtartigen  Abreise  von  Bobbio  schrieb  nämlich 
Gerbert  einen  dringenden  Brief  an  einen  der  wenigen  Mönche,  welche 
ihm  dort  zugethan  waren,  mit  der  Bitte,  ihm  schleunigst  und  ins- 
geheim die  Abschrift  einiger  besonders  genannter  Werke  besorgen 
zu  lassen.  Die  Astronomie  des  Manilius,  die  Rhetorik  des  Victorinus, 
die  Abhandlung  des  Demosthenes  über  Augenkrankheiten  sind  die 
verlangten  Schriften^).  Ist  es  wahrscheinlich,  dass  Gerbert  unter- 
lassen hätte,  auch  um  eine  Abschrift  der  feldmesserischen  Schriften, 
ja  vorzugsweise  um  diese,  sich  zu  bemühen,  wenn  damals  seine  Geo- 
metrie noch  nicht  geschrieben  gewesen  wäre?  Es  ist  dieses  eine 
Erwägung,  welche,  wenn  auch  nicht  vollständig  beweiskräftig,  uns 
doch  mindestens  erwähnenswerth  erscheint. 

Wir  haben  die  unmittelbare  Quelle  wenigstens  einer  grossen 
Abtheilung  von  Gerberts  Geometrie  im  Codex  Arcerianus  erkannt. 
Andere  Quellen  gibt  er  selbst  an.  Er  nennt  wenigstens  folgende 
Schriftsteller:  Pythagoras  im  9.  und  11.  Kapitel,  Piatons  Timaeus  im 
13.  Kapitel,  des  Chalkidius  Commentar  zu  dieser  letzteren  Schrift  im 
1.  Kapitel,  Eratosthenes  im  93.  Kapitel,  den  Commentar  des  Boethius 
zu  den  Kategorien  des  Aristoteles  im  8,  Kapitel  und  endlich  die 
Arithmetik  des  Boethius  in  der  Vorrede,  im  6.  und  im  13.  Kapitel. 
Wir  können  es  dahingestellt  sein  lassen,  ob  alle  diese  Citate  Gerberts 


')  Oeuvres  de  Gerbert  (edit.  Olloris)  Epistola  78,  pag.  45:  Äge  ergo  et,  te 
solo  conscio,  et  tuis  sumptibus,  fac  ut  mihi  scribantur  M.  Manilivs  de  astrologia, 
Victorinus  de  rhetorica,  Demosthenis  ophtahnicus. 


812  3^-  Kapitel. 

eisener  Gelehrsamkeit  entstammen  oder  selbst  wieder  zum  Theil  ab- 
geschrieben  sind,  jedenfalls  wird  mau  andere  Namen,  Namen,  welche 
nicht  nach  Griechenland  und  Rom  verweisen,  vergeblich  suchen.  Der 
mittlere  Theil  der  Gerbertschen  Geometrie,  Kapitel  16  bis  40,  dem 
Räume  nach  ein  starkes  Viertheil  des  Werkes,  enthält  kein  Citat  und 
hat  bisher  noch  nicht  zurückgeführt  werden  können.  Es  ist  die 
praktische  Feldmessung,  welche  hier  gelehrt  wird,  in  Vorschriften 
Höhen,  Tiefen  und  Entfernungen  zu  messen^). 

Da  begegnet  uns,  um  nur  einiges  zu  nennen,  im  Kapitel  16  eine 
Methode,  nach  welcher  der  Beobachter  stehend  und  durch  ein  unter 
45  Grad  geneigtes  Astrolabium  visirend  eine  Höhe  messen  soll.  Da 
lehren  die  Kapitel  21  und  22,  theilweise  auch  24,  Höhenmessungen 
aus  dem  Schatten.  Im  22,  Kapitel  ist  als  einzige  (S.  807)  angekün- 
digte Verwandtschaft  zu  Arabischem  das  auch  ausschliesslich  in  der 
Snlzburger  Handschrift  an  dieser  Stelle  vorkommende  Wort  hdlhidada 
zu  bemerken,  welches  zweimal,  das  zweite  Mal  in  der  Form  alhidaäa, 
vorkommt^).  Wir  deuten  uns  diese  einzige  Ausnahme  als  eine  von 
den  (S.  809)  erwähnten  kleinen  Abschreibersünden.  Das  Wort  wird 
in  der  Vorlage  Randbemerkung  gewesen  und  in  den  Text  herüber 
genommen  worden  sein,  ganz  ähnlich  wie  es  in  einer  Archimedhand- 
schrift  mit  dem  Worte  Ellipse  ging,  dessen  Archimed  sich  zuverlässig 
nicht  bedient  haben  kann.  Im  24.  Kapitel  knüpft  sich  dann  wieder 
ganz  in  römischer  Weise  eine  Methode  an,  bei  der  von  der  Misslich- 
keit  eines  Verfahrens  gesprochen  wird,  welches  den  Beobachter 
zwingt,  sein  Gesicht  glatt  an  die  Erde  zu  drücken.  Da  erinnert  an 
Epaphroditus  (S.  517)  und  an  Sextus  Julius  Africanus  (S.  411)  eine 
im  Kapitel  31  gelehrte  Höhenmessung  mit  Hilfe  eines  massiven 
rechtAvinkligen  Dreiecks  von  den  Seitenlangen  3,  4  und  5.  Wieder 
eine  den  Hilfsmitteln  nach  verschiedene  Höhenmessuug  ist  sodann 
die  im  Kapitel  35,  welche  wir  die  Messung  mittels  der  festen  Stange 
nennen  wollen,  da  sie  darauf  hinausläuft,  eine  Stange  von  bekannter 
Höhe  in  den  Boden  zu  befestigen  und  alsdann  rückwärts  gehend  den 
Punkt  aufzusuchen,  von  welchem  aus  die  Sehlinie  aus  dem  Auge  des 
Beobachters  nach  der  Stangenspitze  in  ihrer  Verlängerung  die  Spitze 
des  zu  messenden  Gegenstandes,  eines  Thurmes  oder  dergleichen,  er- 


^)  Agrimensoren  S.  162 — 165.  *)  Das  arabische  Wort  al-'idada  bedeutet 
eigentlich  einen  Thürpfosten,  dann  als  technischer  Ausdruck  ein  Lineal  Die 
Engländer  gebrauchen  seit  Ende  des  XVI.  S.  das  Wort  in  der  Verketzerung 
atJielida.  Weigand,  Deutsches  Wörterbuch,  2.  Auflage  1876,  ist  der  Meinung, 
aus  diesem  athelida  sei  unter  Vereinigung  mit  dem  vorgesetzten  Artikel  the  das 
sonst  in  seiner  Ableitung  unerklärliche  Theodolit  entstanden.  Vergl.  K.  Zöpp- 
nitz  in  den  Annalen  der  Physik  und  Chemie,  Neue  Folge  XX,  175—176  (1883). 


Gerbert.  813 

reicht.  Kapitel  38  und  39  messen  Flussbreiten,  die  Aufgabe  des 
Nipsus  wie  vor  ihm  des  Heron.  Kapitel  40  endlich  kennzeichnet 
sich  selbst  als  militärische  Methode  zur  Höhenmessung.  Zwei  Pfeile 
werden,  ein  jeder  an  eine  lange  Schnur  befestigt,  gegen  die  Mauer 
abgeschossen,  auf  deren  Höhenmessung  es  abgesehen  ist,  und  zwar 
richtet  man  den  einen  Schuss  nach  der  Spitze,  den  anderen  nach  dem 
Fusse  der  Mauer.  Die  beidemal  abgewickelten  SchnurlänQ;en  geben 
Hypotenuse  und  Grundlinie  eines  rechtwinkligen  Dreiecks,  dessen 
Höhe  zu  berechnen  nunmehr  keine  Schwierigkeit  mehr  hat. 

Solche  Methoden  werden  nicht  auf  einmal  erfunden,  werden  am 
allerwenigsten  von  einem  blossen  Theoretiker  erfunden,  wie  es  Gerbert 
trotz  seines  bewegten  Lebens,  das  ihn  in  Feldlager  und  auf  Wande- 
rungen durch  Feindesland  führte,  immerhin  war.  Und  noch  ein 
weiterer  Grund  spricht  gegen  die  Möglichkeit,  ihn  selbst  als  Erfinder 
anzunehmen.  Er  sagt  stets  „die  Höhe  u.  s.  w.  wird  gemessen",  nie- 
mals „ich  messe"  auf  diese  oder  jene  Weise,  und  ein  ähnliches  Wort 
der  Aneignung  würde  Gerbert  wohl  mindestens  eben  so  sicher  bei 
diesen  Aufgaben  ausgesprochen  haben,  wie  er  Kapitel  13  höchst  un- 
bedeutende Bemerkungen  durch  die  Worte  einleitet:  „Ich  glaube  unter 
keiner  Bedingung  schweigend  an  Ausblicken  vorbeigehen  zu  sollen, 
welche,  während  ich  dies  schrieb,  die  eigene  Natur  mir  eröffnete" '^). 
Ein  dritter  Grund,  welcher  erst  im  folgenden  Bande  im  42.  Kapitel 
zur  vollen  Geltung  kommen  kann,  besteht  darin,  dass  verschiedene 
dieser  Messungsmethoden  etwa  200  Jahre  nach  Gerberts  Tode  bei 
einem  Schriftsteller  auftreten,  für  welchen  man  eine  unmittelbare 
Abhängigkeit  von  Gerbert  weit  weniger  anzunehmen  geneigt  sein 
dürfte,  als  eine  beiden  gemeinsame  Abhängigkeit  von  einer  noch 
älteren,  jedenfalls  römischen  Quelle,  mag  deren  Urheber  Frontinus 
oder  Baibus  geheissen,  oder  einen  anderen  bekannten  oder  verschollenen 
Namen  geführt  haben.  Von  dieser  Annahme  aus  steigert  sich  die 
Wichtigkeit  von  Gerberts  Geometrie  nach  zwei  Seiten  hin.  Sie  lehrt 
uns  nicht  bloss,  was  durch  Jahrhunderte  hindurch  von  Methoden  der 
Feldmessung  sich  erhalten  hat,  sie  füllt  uns  auch  eine  empfindliche 
Lücke  in  unserer  Kenntniss  der  römischen  Verfahrungs weisen  aus. 

Was  den  ersten  Theil  dieser  Geometrie  betrifft,  so  haben  wir 
schon  auf  die  Definition  von  podismus  aufmerksam  gemacht,  welche 
in  ihm  sich  befindet.  In  ihm  kommt  auch  das  Wort  coraustus  füi' 
Scheitellinie  vor,  den  griechisch-römischen  Ursprung  bezeugend.  Andere 


')  Oeuvres  de  Gerbert  (edit.  Olleris)  pag.  425:  Sed  nequaquam  süentio 
puto  transeundum  quod  interim  dum  haec  scriptitarem  ipsa  mihi  natura  obtulit 
speculandum. 


814  39.  Kapitel. 

Bemerkungen  lassen  sich  an  Definitionen  und  einfachste  Sätze  der 
Geometrie  kaum  knüpfen.  Sie  sind  uns  höchstens  als  Stilprobe  von . 
Werth,  in  welcher  die  dem  Verfasser  eigene  behäbige  Breite  hervor- 
tritt, ein  Bestreben,  recht  klar  zu  sein,  welches  er  aber  niemals  dadurch 
bethätigt,  dass  er  Sätze  kürzer  fasste  und  den  Sinn  Verwirrendes  weg- 
liesse,  sondern  stets  so,  dass  er  von  dem  Seinigen  beifügt. 

Mit  dem  dritten  Theile  haben  wir  uns  oben  so  weit  beschäftigt, 
dass  wir  seine  Quellen  enthüllten.  Einige  wenige  Gegenstände  müssen 
wir  noch  aus  ihm  hervortreten  lassen.  Wir  haben  (S.  372 — 373)  die 
heronische  Construction  des  regelmässigen  Achtecks  ausgehend  von  dem 
Quadrate  besprochen;  wir  haben  (S.  520) -die  Figur,  an  welcher  die 
Richtigkeit  der  Construction  sich  nachweisen  lässt,  bei  Epaphroditus 
wiedergefunden;  wir  haben  sie  (S.  545)  bei  Boethius  auftreten  sehen. 
Gerbert  hat  die  Construction  selbst  im  Kapitel  89  aufbewahrt,  die 
Figur  dagegen  nicht  abgebildet,  weder  bei  Gelegenheit  der  Construction, 
noch  bei  Gelegenheit  der  Achteckszahlen.  Ueberhaupt  fühlte  Gerbert 
offenbar  deutlicher  als  die  römischen  Schriftsteller,  die  ihm  als  Vor- 
lage dienten,  dass  die  Lehre  von  den  figurirten  Zahlen  nur  gewohn- 
heitsmässig  in  die  Geometrie  aufzunehmen  sei,  nicht  eigentlich  dort 
ihren  richtigen  Platz  habe;  der  ganze  Gegenstand  war  ihm  klarer. 
Er  hat  nicht  eine  einzige  Figur  in  seinen  arithmetischen  Kapiteln 
benutzt.  Er  hat  für  die  Fünfecks-  und  Sechseckszahlen  die  richtigen 
Formeln  angegeben,  wo  Epaphroditus  und  Boethius  sich  Rechenfehler 
zu  Schulden  kommen  Hessen.  Bei  Gerbert  finden  wir  in  Kapitel  55 
die  allgemeine  Formel,  um  aus  der  Seite  die  Polygonalzahl,  in  Ka- 
pitel 65  diejenige,  um  aus  der  Polygonalzahl  die  Seite  zu  entnehmen; 
bei  ihm  zweimal  in  Kapitel  60  und  62  die  Formel,  welche  die  Pyra- 
midalzahl aus  der  Seite  und  der  Polygonalzahl  entstehen  lässt.  Die 
Summirung  der  Reihe  der  Kubikzahlen  ist  dagegen  nicht  in  Gerberts 
Geometrie  übergegangen.  Es  kann  wohl  sein,  dass  Gerbert  den  be- 
treffenden Paragraphen  des  Epaphroditus  nicht  verstand,  wie  er  im 
Codex  Arcerianus  auf  ihn  stiess,  und  wer  möchte  ihm  das  verübeln, 
da  gerade  jener  Paragraph  dort  eine  so  verderbte  Gestalt  angenommen 
hat^),  dass  er  kaum  zu  verstehen  ist,  es  sei  denn,  man  wisse  schon 
nach  welcher  Formel  Kubikzahlen  sich  summiren  und  ermittle  rück- 
wärts aus  dieser  Kenntniss  die  richtige  Lesart. 

Man  hat  die  arithmetischen  Kapitel  von  Gerberts  Geometrie  als 
Zeugniss  für  die  Unechtheit  der  ganzen  Schrift  augerufen.  Gerbert, 
das  haben  wir  in  dem  biographischen  Theile  dieser  Erörterung  gesagt, 
hat  auch  als  Papst  noch  einen  Brief  von   Adelbold  von  Utrecht 


')  Agrimensoren  S,  127—128. 


Gerbert.  815 

erhalten.    In  demselben  ist,  wie  oben  angedeutet,  von  der  Ausmessung 
des  Kreises  und  der  Kugel  die  Rede,   deren  Körperinbalt,  crassitudo, 

dadurch  gefunden  werde,   dass  von  dem  Kubus  des  Durchmessers  „7 
abgezogen,  beziehungsweise  —  genommen  werden.     Ein  anderer  Brief 

des  Adelbold  an  Gerbert  ist  verloren  gegangen,  dagegen  ist  Gerberts 
Antwort  erhalten  und  z.  B.  in  der  Handschrift  des  Salzburger  St.  Peter- 
stiftes, welche  für  Gerberts  Geometrie  massgebend  ist,  hinter  der 
Geometrie  und  in  unmittelbarem  Anschluss  an  jenen  Brief  Adelbolds 
über  den  Kugelinhalt  vorhanden.  Daraus  hat  sich  die  Vermuthung 
gebildet,  hier  liege  wohl  die  Antwort  auf  ein  späteres  Schreiben  vor, 
und  mit  Rücksicht  auf  die  Aufschrift  des  erhaltenen  Briefes  Adel- 
bolds „an  Gerbert  den  Papst"  musste  man  sie  in  die  letzten  Lebens- 
jahre Gerberts  setzen.  Adelbold  hatte,  wie  wir  aus  Gerberts  Antwort 
ersehen,  Skrupel  darüber  bekommen,  dass  das  Dreieck  in  seiner" 
Fläche  zweierlei  Ausmessung  besitzen  sollte.  Er  konnte  nicht  be- 
greifen, wie  das  gleichseitige  Dreieck,  dessen  Seite  die  Länge  7  be- 
sitzt, ebensowohl  den  Flächeninhalt  28  (=  — r-j  als  auch  den  Flächen- 
inhalt  21  (=  -^  j   besitze.     Gerbert    erläutert    ihm    die    Sache    ganz 

richtig.     Der  wirkliche   geometrische   Flächeninhalt,    sagt  er,    ist  21 
und   er   gibt   dabei  die  Regel:   die   Höhe   des   gleichseitigen  Dreiecks 

sei  immer  um  —  kleiner  als  dessen  Seite.    Die  andere  Zahl  28,  fährt 

Gerbert  fort,  sei  nur  arithmetisch  als  Fläche  zu  nehmen 
und  besage,  man  könne  in  das  Dreieck  28  kleine  Qua- 
drate mit  der  Längeneinheit  als  Seite  einzeichnen, 
freilich  so,  dass  Ueberschüsse  über  das  Dreieck  er- 
scheinen, wie  der  Augenschein  (Figur  114)  am  deut- 
lichsten lehre.    Gerbert,  sagte  mau  nun,  hat  also  hier  „.    ,,, 

'         <->  I  Flg.  114. 

deutlich  für  die  Geometrie  verworfen,  was  in  Ger- 
berts sogenannter  Geometrie  gelehrt  ist,  mithin  ist  letztere  unecht. 
Dieser  Einwurf  ist  vollkommen  nichtig.  Wir  wollen  nicht  bloss 
darauf  hinweisen,  dass  es  eine  und  dieselbe  Handschrift  aus  der  Mitte 
des  XIL  S.  ist,  welche  beide  Schriftstücke  für  Gerbert  in  Anspruch 
nimmt,  noch  darauf,  dass  die  Geometrie  unseren  Auseinandersetzungen 
zufolge  etwa  20  Jahre  älter  als  der  Brief  an  Adelbold  ist,  und  dass 
in  20  Jahren  Ansichten  auch  über  wissenschaftliche  Dinge  sich  klären 
und  ändern  können.  Wir  geben  vielmehr  namentlich  zu  bedenken, 
was  wir  oben  schon  auf  den  Inhalt  der  arithmetischen  Kapitel  selbst 
uns  stützend  gesagt  haben,  dass  Gerbert  diesen  Abschnitt  seiner 
Geometrie  als  das   erkannte,  was   er  war,  und  ihn  wohl  überhaupt 


816  ^^-  Kapitel. 

nur  darum  aufnalim,  weil  er  auch  iu  seinen  Musterwerken  sich  an 
ähnhcher  Stelle  vorfand.  Ja  man  kann  umgekehrt  den  Brief  eine 
willkommene  Bestätigung  der  Geometrie  nennen,  wenn  Adelbold, 
dessen  Anfrage  ja  verloren  ist,  grade  auf  Gerberts  Geometrie,  wie 
wir  vermuthen,  sich  berief,  um  die  falsche  Zahl  28  neben  der  als 
richtig  bekannten  Zahl  21  durch  ein  Zeugniss  zu  stützen,  welches 
von  dem,  an  welchen  er  seine  Anfrage  richtete,  nicht  zurückgewiesen 
werden  konnte.  Zu  dieser  Vermuthung  führen  nämlich  die  Anfangs- 
worte von  Gerberts  Brief  hin^):  „Unter  den  geometrischen  Figuren, 
welche  Du  von  uns  entnommen  hast,  war  ein  gleichseitiges 
Dreieck,  dessen  Seite  30  Fuss  lang  war,  die  Höhe  26  Fuss,  die 
Fläche  gemäss  der  Vergleichung  von  Seite  und  Höhe  390."  Diese 
Figur  nebst  den  genannten  Zahlenwertheu  ist  nämlich  in  Gerberts 
Geometrie  der  Inhalt  von  Kapitel  49. 

Zugleich  zeigt  sich  in  der  That  eine  Ansichtsänderung  Gerberts. 
Während  er  in  dem  aus  Epaphroditus  entnommenen  Kapitel  der  Geo- 
metrie noch  |/3  =  —  rechnete,  sagt  er  jetzt,  wie  wir  gesehen  haben, 
im  Verlaufe  des  Briefes,  die  Höhe  des  gleichseitigen  Dreiecks  sei 
immer  um  —  kleiner  als  dessen  Seite,  und  darin  steckt  der  Näherungs- 
werth  ]/3  =  — ,  dessen  Vorkommen  bei  irgend  einem  früheren  Schrift- 
steller wir  nicht  zu  bestätigen  im  Stande  sind,  während  er  (S.  211) 
Baumeistern  der  Perikleischen  Zeit  bekannt  gewesen  zu  sein  scheint, 
vielleicht  auch  in  den  Bauschulen  erhalten  blieb,  weil  er  bequemerer 
Rechnung  als  der  heronische  Näherungswerth,  wenn  auch  weniger 
genau  als  jener  ist. 

Diese  Schriften  Gerberts,  von  welchen  wir  bisher  gehandelt 
haben,  waren  geometrischen  Inhaltes.  Zwei  andere  beziehen  sich 
auf  Rechenkunst.  Zunächst  ist  aus  zwei  dem  «XL  und  dem  XII.  S. 
angehörenden  Handschriften  durch  den  letzten  Herausgeber  von  Ger- 
berts Werken  eine  Abhandlung:  Regel  der  Tafel  des  Rechnens, 
EcguJa  de  ahaco  computi  überschrieben  und  als  von  Gerbert  her- 
rührend bezeichnet  zum  Drucke  befördert  worden^).  Der  Titel  dieser 
ausführlichen  Abhandlung  ist  nicht  ohne  Interesse  in  der  Richtung, 
dass  in  ihm  das  Wort  Computus  unzweifelhaft  nicht  als  Osterrech- 
nung, sondern  als  Rechnen  im  Allgemeinen  zu  übersetzen  ist,  eine 
erweiterte  Bedeutung,  deren  Möglichkeit  wir  (S.  783)  betonten.  Er 
findet  seine  Beglaubigung,  wenn  eine  solche  nöthig  erschiene,  in  einer 

')  In  his  geometricis  figuris,  quas  a  nohis  sumpsisti,  erat  trigonus  quidam 
aequilaterus,  euius  erat  latus  XXX  pedes,  catlieius  XXVI,  secundum  collationem 
lateris  et  catheti  area  CCGXC.    ^)  Oeuvres  de  Gerbcrt  (ed.  Olleris)  pag.  311—^48. 


Gerbert  817 

Aeusserung  eines  Scliriftstellers  des  XL  S.,  der  im  folgenden  Kapitel 
von  uns  besproclien  werden  muss,  Bernelinus.  Dieser  redet  nämlich 
von  der  „Regel"  des  Papstes^).  Wir  können  rasch  über  den  Inhalt 
der  Regel  hinauskommen,  wenn  wir  denselben  als  in  wesentlicher 
Uebereinstimmung  mit  den  seiner  Zeit  im  27.  Kapitel  geschilderten 
rechnenden  Abschnitten  der  Geometrie  des  Boethius  anerkennen.  Die 
Multiplikationsregeln  sind  so  weit  fortgesetzt,  dass  höchstens  27  Ko- 
lumnen des  Abacus  in  Anspruch  genommen  werden,  wodurch  eine 
Uebereinstimmung  mit  Richers  Schilderung  des  Rechenbrettes, 
welches  Gerbert  in  Rheims  seinem  Unterrichte  zu  Grunde  legte, 
hergestellt  ist.  Allerdings  scheint  ein  nur  flüchtiger  Blick  auf  die 
Regel  dieser  Bemerkung  zu  widersprechen.  Wo  z.  B.  die  Multipli- 
kation von  Einern  in  Zehner,  in  Hunderter  u.  s.  f.  gelehrt  wird, 
heisst  es  ausdrücklich  es  gebe  25  Fälle,  und  ähnlich,  wenn  der  Mul- 
tiplikator und  ihm  entsprechend  der  Multiplikandus  von  höherer 
Ordnung  gedacht  sind.  Da  könnte  man  auf  das  Vorhandensein  von 
nur  26  Kolumnen  zu  schliessen  sich  versucht  fühlen,  wenn  man  zu 
erwägen  vergisst,  dass  die  zählenden  Ziffern  beider  Faktoren  für  sich 
ein  zweizififriges  Produkt  zu  liefern  im  )Stande  sind,  also  in  der  That 
das  Vorhandensein  einer  bei 'manchen  Multiplikationen  freibleibenden 
bei  anderen  zu  benutzenden  27.  Kolumne  voraussetzen.  Das  Dividiren 
ist  das  complemeutäre,  sofern  der  Divisor  aus  Zehnern  und  Einern 
besteht.  Besteht  derselbe  aus  Hundertern  und  Einern,  so  wird  wieder, 
wie  bei  Boethius,  eine  Einheit  höchster  Ordnung  des  Dividenden  für- 
sorglich beseitigt  und  dann  zunächst  durch  die  Hunderter  des  Divisors 
getheilt,  als  wären  sie  von  Einern  gar  nicht  begleitet.  Das  Bruch- 
rechnen bildet  den  Schluss  und  wendet  diejenigen  Brüche  an,  welche 
wir  als  ursprünglich  römische  Duodecimalbrüche  wiederholt  in  Frage 
treten  sahen. 

Die  ganze  Schrift  ähnelt  in  ihrer  breitspurigen  Stilistik  der 
Geometrie  Gerberts.  Sie  trägt,  wie  wir  fast  überflüssiger  Weise  be- 
merken, in  jeder  Zeile  ein  durchweg  römisches  Gepräge.  Man  kann 
sogar  einiges  Erstaunen  darüber  an  den  Tag  legen,  dass  nur  die  ge- 
meinen römischen  Zahl-  und  Bruchzeichen  vorkommen,  dass  weder 
im  fortlaufenden  Texte,  noch  auf  den  Zeichnungen  des  Abacus,  welche 
in  der  Handschrift  jüngeren  Datums  sich  vorfinden,  jene  Apices  be- 
nutzt sind,  welche  doch  nach  Richers  nicht  misszuverstehender 
Schilderung  Gerbert  in  Rheims  zu  benutzen  pflegte.     Das  lässt  einigen 


^)  Oeuvres  de  Gerbert  (ed.  Olleris)  pag.  357:  Si  clomini  papae  regula  de 
liis  subtilissime  scripta  tantum  sapientissmis  non  esset  rcscrvata,  frnstra  me  ad 
has  compclleres  scrihendas. 

Cantoe,  Geschichte  der  Mathematik   I.     2.  Aufl.  52 


818  39.  Kapitel. 

Zweifel  in  die  Meinung  setzen,  Gerbert  habe  grade  während  seiner 
Rheimser  Lehrzeit  die  Regel  aufgeschrieben,  beziehungsweise  seinem 
dortigen  Unterrichte  zu  Grunde  gelegt,  eine  Meinung,  welche  in 
weiterem  Widerspruche  gegen  unsere  (S.  800)  begründete  Ansicht 
steht,  Gerbert  habe  dort  überhaupt  nicht  nach  einem  den  Schülern 
in  die  Hände  gegebenen  Buche  das  Rechnen  gelehrt,  in  Widerspruch 
auch  gegen  die  Worte  Richers,  man  solle  Gerberts  Buch  an  C.  den 
Grammatiker  zu  Rathe  zu  ziehen.  Konnte  Richer  so  schreibeu,  wenn 
die  ausführliche  Regel  älteren  Datums  als  das  Buch  an  Constantinus 
war,  in  welchem  wir  sogleich  eine  wesentlich  kürzere  Darstellung 
kennen  lernen  werden?  Musste  Richer  die  Regel,  weim  sie  in  Rheims 
in  Gebrauch  war,  nicht  unbedingt  kennen,  während  seine  Worte  die 
Vermuthung  erwecken,  er  wenigstens  habe  nur  von  einer  Schrift 
über  Rechenkunst  aus  Gerberts  Feder  gewusst?  Aehnliche  nur  noch 
stärkere  Bedenken  sind  einer  Berner  Handschrift  der  Regel  ent- 
nommen worden^).  Die  Vermuthung,  jene  Handschrift  gehöre  dem 
IX.  S.  an,  sie  sei  also  längere  Zeit  vor  Gerberts  Geburt  geschrieben, 
hat  sich  allerdings  als  irrig  erwiesen.  Die  Zeit  der  Niederschrift 
wird  nicht  über  das  X.  S.  hinaufzurücken  sein^),  und  somit  könnte 
das  Original  allenfalls  um  970  entstanden  sein.  Aber  aus  dem  Berner 
Codex  geht  deutlicher  als  aus  dem  dem  Drucke  der  Regel  zu  Grunde 
gelegten  hervor,  dass  man  überhaupt  nicht  eine  Abhandlung,  sondern 
deren  zwei  vor  sich  hat,  eine  über  das  Multipliziren  und  Dividiren 
mit  ganzen  Zahlen,  eine  zweite  über  das  Bruchrechnen,  und  da  nur 
von  einer  Schrift  Gerberts  die  Rede  sein  könnte,  so  wäre  mindestens 
die  zweite  Abhandlung  einem  Verfasser  zuzuweisen,  der  spätestens 
als  Gerberts  Zeitgenosse  lebte,  der  durch  seine  Duodecimalbrüche 
sich  als  Schüler  römischer  Rechenkunst  zu  erkennen  gibt,  und  der 
mit  diesen  Brüchen  die  complementäre  Division  ausübt!  Das  dürfte 
denn  doch  fast  mehr  als  alle  von  uns  schon  beigebrachten  Gründe 
den  Beweis  des  römischen  Ursprunges  der  complemeutären  Division 
liefern,  und  wie  sehr  damit  der  ganzen  Frage  nach  der  Herkunft  der 
Apices  die  Spitze  abgebrochen  ist,  wissen  unsere  Leser  zur  Genüge. 
Alle  vorgetragenen  Bedenken  werden  von  denjenigen  nicht  ge- 
theilt,  freilich  auch  nicht  widerlegt,  welche  die  Echtheit  der  Regel') 
auf  das  Buch  an  Constantinus  selbst  stützen  zu  können  glauben. 
Büchlein  über  das  Dividiren  der  Zahlen,  libellus  de  numerorum 


')  Gerbert  und  die  Rechenkunst  des  X.  Jahrhunderts  von  Dr.  Alfred 
Nagl  (Wien,  1888,  Sonderabdruck  aus  Bd.  IIG  der  Sitzungsberichte  der  phil.- 
hiöt.  Klasse  der  Wiener  Akademie).  '^)  So  das  Ergebniss  genauer  Erwägungen 
von  Herrn  Del i sie  in  Paris.     '*)  Oeuvres  de  Gerbert  (ed.  Olleris)  pag.  ö82. 


Gerbert.  819 

divisionc,  ist  die  Ueberschrift  der  Abhandlung^),  welche  durch  einen 
Brief  an  Constantinus  eingeleitet,  kürzer  und  weniger  klar,  als  die 
Regel  es  thut,  den  genau  gleichen  Gegenstand  behandelt  gleichfalls 
ohne  der  Zahlzeichen  auch  nur  mit  einer  Silbe  zu  gedenken.  Uer 
Einleitungsbrief  lautet  in  seinen  ersten  wichtigen  Sätzen  wie  folgt  ^): 
„Der  Stiftslehrer  Gerbert  seinem  Constantinus.  Die  Gewalt  der 
Freundschaft  macht  fast  Unmögliches  möglich,  denn  wie  würde  ich 
versuchen,  die  Regeln  der  Zahlen  des  Abacus  zu  erklären,  wenn  Du 
nicht,  Constantinus,  mein  süsser  Trost  der  Mühen,  die  Veranlassung 
bötest?  So  will  ich  denn,  obwohl  etliche  Jahrfünfe  vergano-en  sind, 
seit  ich  weder  das  Buch  in  Händen  hatte  noch  in  üebung  war, 
einiges  in  meinem  Gedächtnisse  zusammensuchen,  und  es  zum  Theil 
mit  denselben  Worten,  zum  Theil  demselben  Sinne  nach  vorbringfen." 
Es  geht  daraus  hervor,  dass  Gerbert  zu  Constantinus  auch  wohl 
früher  schon  in  dem  Verhältnisse  des  Lehrers  zum  Schüler  gestanden 
haben  muss,  weil  er  sonst  nicht  den  Titel  Stiftslehrer  mit  seinem 
Namen  in  Verbindung  gebracht  hätte,  was  er  ausserdem  nur  dreimal 
in  den  uns  bekannten  Briefen  that^).  Wir  wissen  auch,  dass  die 
Bekanntschaft  beider  aus  den  Jahren  972  bis  982  herrührt,  aus  der 
Zeit,  in  welcher  Gerbert  wechselweise  lernend  und  lehrend  aus  der 
Stellung  des  Stiftsschülers  in  die  des  Stiftslehrers  übersprang,  um 
dann  wieder  für  einzelne  Stunden  in  die  erstere  zurückzukehren.  An 
jene  Zeit  erinnert  Gerbert  offenbar  mit  den  Worten,  es  seien  etliche 
Jahrfünfe,  aliquot  histra,  vergangen,  und  diese  Zeit  von  mindestens 
15  bis  20  Jahren  zu  der  des  Rheimser  Aufenthaltes  hinzugefügt 
liefert  etwa  das  Jahr  997,  in  welchem  (S.  808)  der  Brief  an  Con- 
stantinus höchst  wahrscheinlich  geschrieben  ist.  Seit  einigen  Jahr- 
fünfen, sagt  Gerbert,  habe  er  weder  das  Buch  in  Händen  noch  irgend 
Uebung  gehabt,  und  der  letzte  Theil  dieses  Satzes  bezieht  sich  zu- 
verlässig nicht  auf  Uebung  im  Rechnen,  sondern  im  Rechenunter- 
richte, denn  das  ist  es,  was  Constantinus  von  ihm  verlangte.  Ein 
Buch  zum  Rechenunterrichte  war  es  also  auch,  welches  als  seit 
vielen  Jahren  vermisst  bezeichnet  ist.  Damals,  als  Gerbert  noch  in 
Rheims  lehrte,  ja  da  hatte  er  das  Buch,  damals  liess  er  auch  die 
Vorschriften  sich  aber-  und  abermals  von  den  Schülern  hersagen, 
sagte  er  sie  ihnen  vor,  stets  dieselben  Ausdrücke  gebrauchend,   und 


^)  Oeuvres  de  Gerbert  (ed.  Olleris)  pag.  349  —  356.  -)  Math.  Beitr. 
Kulturl.  S.  320  verbessert  nach  dem  in  der  Ausgabe  von  Olleris  abgedruckten 
gereinigten  Texte.  ■'')  Oeuvres  de  Gerheit  (ed.  Olleris)  Epistola  11:  Gerbertus 
quondam  scolasticus  Ayrardo  suo  scdutem  (pag.  7).  Epistola  17:  Hugoni  suo 
Gerbertus  quondam  scolasticus  (pag.  10).  Epistola  142:  Gerbertus  Scolaris  ablas 
Memigio  monaco  Trevcrensi  (pag.  78). 

52* 


820  39    Kapitel. 

nur  dadurch  wird  es  ihm  möglich,  auch  jetzt  noch  theils  mit  den- 
selben Worten  wie  damals  theils  dem  Sinne  nach  das  Gleiche  aus 
dem  Gedächtnisse  wieder  herzustellen.  Und  so  sind  wir  nun  zu  der 
letzten  Frage  gelangt:  Was  für  ein  Buch  war  es  denn,  von  welchem 
Gerbert  redet?  Man  hat  vermuthet,  die  „Regel"  sei  damit  gemeint. 
Wir  haben  die  Gegengründe  entwickelt,  welche  uns  gegen  diese  Ver- 
muthung  einnehmen.  Sollten  sie  als  entscheidend  angesehen  werden, 
dann  muss  es  freilich  ein  anderes  Buch  gewesen  sein,  überhaupt  kein 
von  Gerbert  selbst  verfasstes,  für  welches  er  auch  wohl  eine,  andere 
Bezeichnung  gehabt  hätte,  als  kurzweg  das  Buch,  librnm.  Auch  das 
Buch  des  weissen  Josephs  des  Spaniers  kann  es  nicht  wohl  gewesen 
sein,  da  dieses  im  Jahre  984,  wie  wir  sahen  (S.  806),  von  Rheims 
aus  gesucht  wurde.  Aber  über  diese  negative  Bestimmung,  welches 
Buch  es  nicht  war,  das  Gerbert  vermisste,  kommen  wir  freilich  nicht 
hinaus.  Die  „Regel"  ist  sodann  von  Gerbert  als  Papst  —  wie  der 
Ausspruch  des  Bernelinus  gleichfalls  verstanden  werden  kann  —  ver- 
fasst  worden,  erst  nachdem  das  Büchlein  für  Constantinus  aus  dem 
Gedächtnisse  zusammengeschrieben  war.  Gerbert,  nehmen  wir  au, 
beabsichtigte,  nachdem  er  den  Gegenstand  sich  wieder  vollständig- 
gegenwärtig  gebracht  hatte,  ihn  endgiltig  und  in  genügender  Klarheit 
für  jeden  Leser  abzuschliessen.  Doch  gleichviel.  Diese  kleinen  Mei- 
nungsverschiedenheiten sind  im  Grunde  sehr  geringfügig  gegenüber 
von  der  Aufgabe,  die  uns  bleibt:  zu  zeigen,  welche  Bedeutung 
Gerberts  Lehren  von  Anfang  au  besessen  und  mehr  und  mehr  ge- 
wormen  haben. 

Die  realistischen  Studien^)  waren  mehr  und  mehr  aus  den 
Klöstern  verschwunden,  in  welchen  sie  unter  Alcuins  unmittelbarem 
und  mittelbarem  Einflüsse  ein,  wie  es  schien,  ewiges  Bürgerrecht 
sich  erworben  hatten.  Nur  ganz  vereinzelt  waren  noch  Mönche  zu 
finden,  welche  weltliches  Wissen  besassen  oder  nach  solchem  strebten. 
Büchersammlungen  von  mehr  als  15  oder  20  Bänden  gab  es  nur  in 
den  wenigsten  Klöstern.  Die  Bücher  selbst  waren  ihrer  Seltenheit 
wegen  einzeln  an  Kettchen  befestigt.  Der  Abt  hatte  nicht  einmal 
das  Recht  sie  nach  auswärts  zu  verleihen,  ausser  nach  bestimmten 
anderen  Klöstern,  welche  einen  Mitbesitz  an  den  Büchern  genossen. 
Nun  trat  Gerbert  auf.  Er  gab  dem  Unterrichte  zu  Rheims,  wo  die 
Erinnerung  an  Remigius,  der  einst  jene "  Schule  zu  Ausehen  brachte, 
fast  verloren  gegangen  war,  ein  neues  Leben.  Er  lehrte  freilich  nicht 
wesentlich  Neues,  aber  er  lehrte  es  mit  neuem  Erfolge,  und  der  Er- 


')  Oeuvres  de  Gerhcrt   (ed.  Olleris):    Vie  de  Gerbcrt  pag.  XXIV— XXXllI 
ist  eine  selu-  hübsche  Uehersicht  über  den  Geisteszustand  der  Zeit. 


Gerbert,  821 

folg  wuchs  nocli  mit  der  Zunahme  der  persönlichen  Bedeutung  des 
Lehrers.  Gerbert  hatte  allen  Anfeindungen  zum  Trotze  die  höchste 
Stufe  kirchlicher  Würden  erstiegen.  Er  war  ein  Papst  an  Sitten- 
reinheit einzig  dastehend  unter  den  Päpsten  seines  Jahrhunderts, 
Avelche  in  wüster  Sinnlichkeit  dem  heiligen  Charakter  ihrer  Stellung 
Hohn  boten,  so  dass  ihr  Regiment  mit  Recht  als  eine  Pornokratie 
hat  verunglimpft  werden  können.  Ganz  natürlich,  dass  jetzt  die 
Gerbert'sche  Schule  an  Ansehen  gewann.  Der  Glanz  des  Lehrers 
strahlte  auf  seine  früheren  Zöglinge  zurück,  gab  ihnen  selbst  eine 
höhere  Weihe.  So  würde  es  unzweifelhaft,  wenn  vielleicht  auch  nur 
mit  kurz  andauerndem  Erfolge,  gewesen  sein,  wenn  die  Lehren 
Gerberts  weniger  klar,  weniger  nützlich,  weniger  vortrefflich  gewesen 
wären.  Um  wie  viel  mächtiger  musste  die  Wirkung  sein  wo  der 
innere  Werth  dem  äusseren  Rufe  gleich  kam,  wo  unter  päpstlicher 
Fahne  zur  Modesache  wurde,  was  verdiente  keiner  Mode  unterworfen 
zu  sein.  Jetzt  regte  es  sich  wie  auf  ein  gegebenes  Zeichen  aller 
Orten.  Die  Bibliotheken  wurden  wieder  zahlreicher.  Neue  Abschreiber 
vervielfältigten  die  selten  gewordenen  Schriften.  Der  Unterricht,  und 
was  für  uns  allein  in  Betracht  kommt,  auch  der  mathematische 
Unterricht  nahm  an  Umfang  zu. 

Gerberts  Geometrie  scheint  freilich  trotz  oder  vielleicht  wegen 
ihrer  verhältnissmässig  höheren  wissenschaftlichen  Bedeutung  eine 
rechte  Wirkung  nicht  erzielt  zu  haben.  Die  geometrische  Unwissen- 
heit war,  wie  wir  mehrfach  hervorgehoben  haben,  bei  Römern  und 
folglich  auch  bei  Schülern  der  Römer  eine  noch  dichtere  als  die 
arithmetische.  Der  Boden  war  in  diesem  Gebiete  noch  weniger  zu- 
bereitet fruchtbaren  Samen  aufzunehmen.  Was  wir  wenigstens  von 
mönchischen  Versuchen  in  der  Geometrie  vor  Gerbert  kennen,  be- 
schränkt sich  auf  eine  Zeichnung^),  welche  ein  Schreiber  des  X.  oder 
XL  S.  einem  Auszuge  aus  der  Naturgeschichte  des  Plinius  beifügte, 
und  in  welcher  man  eine  graphische  Darstellung  unter  Zugrunde- 
legung des  Coordinatengedankens  erkannt  hat.  Wir  stellen  nicht  in 
Abrede,  dass  hier  der  Anfang  zu  einer  Betrachtungsweise  vorhanden 
ist,  die  am  Ende  des  XIV.  S.  au  Wichtigkeit  und  Verbreitung  ge- 
wami  und  das  Wort  latitudines,  welches  Plinius  noch  als  Breite 
braucht,  mit  dem  Sinne  der  Abcissen  begabte,  aber  in  der  Zeit,  in 
welcher  jene  Figur  entstand,  fällt  es  uns  schwer  an  das  Bewusstsein 
ihrer    Tragweite    zu    glauben.     Auch    von    Nachfolgern    Gerberts    in 


')  S.    Günther,    Die  Anfänge   und   Entwicklung? stachen   des   Coordinaten- 
principes  in  den  Abhandlungen  der  naturf.  Gesellsch.  zu  Nürnberg  VI.     Separat- 


322  39.  Kapitel. 

o-eometrischen  Unters ucliungen  ist  so  wenig  bekannt,  dass  wir  es 
füo-licli  liier  anschliessen  können.  Das  Wenige  bescliränkt  sich 
uämlicli  auf  ein^)  von  Franco  von  Lütticli  verfasstes  Werk  in 
6  Büchern  über  die  Quadratur  des  Kreises. 

Eine  Chronik^)  berichtet,  die  Schrift  über  die  Quadratur  des 
Kreises  sei  dem  Erzbischof  Hermann  gewidmet,  und  da  Hermann  H., 
der  allein  in  Frage  steht,  von  1036  bis  1055  Erzbischof  von  Köln 
war,  so  würde  dadurch  die  Entstehungszeit  jener  Schrift  in  sehr  enge 
Grenzen  eingeschlossen.  Die  in  Rom  erhaltene  Handschrift  nennt 
den  Namen  des  Erzbischofs,  dem  das  Werk  zugeeignet  ist,  nicht, 
und  so  erscheint  jene  Angabe  immerhin  zweifelhaft.  In  der  Vorrede 
sagt  Franco,  die  Kenntniss  der  Kreisquadratur  von  Aristoteles  aus- 
gehend habe  sich,  wie  man  behaupte,  unzweifelhaft  bis  zu  Boethius 
erhalten^),  dann  sei  Alles  so  sehr  verloren  gegangen,  dass  alle  Ge- 
lehrten von  Italien,  von  Frankreich  und  von  Deutschland  hierin 
Fehler  machten.  Unter  denen,  welche  sich  vergebliche  Mühe  gaben, 
sei  Adelbold  gewesen,  dann  Wazo,  der  grösste  der  Gelehrten*)  und 
Gerbert,  der  Wiederhersteller  der  Wissenschaft.  An  anderen  Stellen 
wird  auf  Reginbold  und  Racechin'')  Bezug  genommen.  Auch  der 
Arbeiten  des  Boethius  über  Kreisquadratur  wird  wiederholt  gedacht ''"), 
au  deren  Vorhandensein  also  damals  kein  Zweifel  obwaltete.  Man 
hat  die  Vermuthung  ausgesprochen,  es  sei  dabei  an  eine  Stelle  aus 
den  Erläuterungen  des  Boethius  zu  den  Aristotelischen  Prädicamenten 
gedacht  worden,  in  welcher  freilich  nur  von  der  Möglichkeit  oder 
Unmöglichkeit  der  Kreisquadratur  die  Rede  ist').  Franco  zeigt  sich 
in  der  ganzen  Schrift  als  gewandten  Rechner,  dem  namentlich  die 
Anwendung  von  Brüchen  —  die  durchweg  römische  Duodecimalbrüche 
sind  —  keine  Schwierigkeit  bereitet.  Sein  geometrisches  Wissen  da- 
gegen ist  so  gering,  dass  nicht  einmal  die  Kenntniss  des  pythago- 
räischen  Lehrsatzes  bei  ihm  anzunehmen  ist.  Die  geschichtliche  Aus- 
beute ist   dem  entsprechend    eine    hauptsächlich    arithmetische.     Wir 

erfahren,    dass    Reginbold    ]/2   durch  —  ersetzte^),    ein  Werth,    den 


')  Ang.  Mai,  CJassici  autores  e  vaticanis  codicibvs  editi  III,  346 — 348. 
Roma,  1831,  Teröifentlichte  Bruchstücke  davon.  Dr.  Winterberg  gab  das  ganze 
Werk  heraus.  Zeitschr.  Math.  Phys.  XXVII  (1882),  Suppleoientheft  S.  137—190. 
Wir  citiren  Franco  mit  der  betreffenden  Seitenzahl.  *)  Sigebert  Gembl. 
Chron.  ad.  ann.  1047  bei  Pertz  Mon.  VIII,  359.  Vergl.  Prantl,  Geschichte  der 
Logik  im  Abendlande  II,  G8,  -Anmerkung  278.  '')  Ems  itaque  scientiam  Jiaud 
dubium  ferunt  usque  ad  Boetium  pcrdurusse.  Franco  143.  *)  Wazo  starb  1048 
als  Bischof  von  Lüttich.  ')  Franco  158  und  häufiger.  «)  Ebenda  166,  184. 
'')  Heiberg  hat  im  Philologus  XLIII,  520  die  betreffende  Stelle  zum  Abdruck 
gebracht     *)  Franco  158. 


Gerbert.  823 

(S.  408)  Theon  von  Smyrna  kannte,  den  (S.  600)  wahrscheinlicli 
auch  Inder   benutzten.     Wir    hören  ^),    dass  die   Kreisfläche   bald   als 

7 
Quadrat  von  y  des  Durchmessers,  bald  als  Quadrat  des  vierten  Theils 

der  Peripherie  betrachtet  wurde.  Beide  Verfahren  sind  uns  bekannt, 
jenes    aus    Indien    (S.  602),    dieses    aus    spätrömischen    Feldmessern 

(S.  550).     Ferner   hält  Franco  selbst^)  —  des  Durchmessers  für  die 

Seite  des  dem  Kreise  flächengleichen  Quadrates,  rechnet  also  mit 

Dass  die  Kreisfläche  des  Kreises  vom  Durchmesser  14  durch  die 
Zahl  154  dargestellt  werde,  zeigt  Franco^),  indem  er  den  Umfang, 
welche!!:  die  Länge  44  habe,  in  44  gleiche  Theile  zerlegt  und  jeden 
Endpunkt  eines  TheiJes  mit  dem  Kreismittelpunkt  verbindet.  So 
entstehen  44  Dreiecke,  welche  paarweise  in  entgegengesetzter  Rich- 
tung aneinander  gelegt  je  ein  Rechteck,  im  Ganzen  deren  22  liefern 
mit  den  Seitenzahlen  1  imd  7.  Auch  diese  Beweisführung  erinnert 
so  sehr  an  die  des  Inders  Gane9a  (S.  614),  dass  man  versucht  wird, 
nach  einer  beiden  gemeinschaftlichen  Quelle  zu  fahnden. 

Sollen  wir  hier,  wo  eui  Nachfolger  von  Gerberts  Geometrie  ge- 
nannt werden  musste,  nochmals  auf  die  vielbesprochene  Geometrie 
des  Boethius  zurückkommen,  auf  die  Meinung  von  deren  Uuechtheit, 
von  deren  Entstehung  in  der  unmittelbar  auf  Gerbert  folgenden  Zeit 
am  Anfange  des  XI.  S.?  Ist  es  denn  jetzt,  wo  wir  mit  dieser  Zeit 
in  mathematischer  Beziehung  bekannter  geworden  sind,  noch  immer 
denkbar,  dass  ein  Fälscher  auftrat,  diese  Schrift  zusammenzustellen, 
deren  Werth  weit  hinter  dem  von  Gerberts  Geometrie  zurückbleibt V 
Und  warum?  Um  durch  das  Ansehen  des  Boethius  zu  stützen,  was 
durch  den  Mund  eines  Papstes  kund  geworden  war!  Oder  will  man 
etwa  zu  der  Erklärung  greifen,  jener  Fälscher  sei  ein  Gegner  Gerberts 
gewesen,  und  seine  Absicht  habe  darin  bestanden,  Gerbert  als  einen 
Menschen  hinzustellen,  welcher  nur  fremdes  geistiges  Eigenthum  sich 
aneignete?  Auch  dieser  Erklärungsversuch  würde  keineswegs  genügen. 
Gerbert,  der  erwählte  aber  nicht  bestätigte  Erzbischof  von  Rheims, 
hatte  Feinde  von  so  hämischem  Thun,  Papst  Sylvester  IL  nicht  mehr. 
Und  wollte  man  die  Entstehung  der  Geometrie  des  Boethius  in  jene 
etwas  frühere  Zeit  verlegen,  wie  käme  es,  dass  niemals  von  dieser 
Angrifi"swaffe  Gebrauch  gemacht  wurde?  Gerberts  Feinde  haben  mit 
ihren  Mitteln  nie  gespart.  Noch  auf  der  Synode  von  Mouson  im 
Juni  995  überhäufte  man  ihn  mii  Anklagen.    Nur  zwei  Anklagen  finden 


')  Franco  145.     ')  Ebenda  187.     ^)  Ebenda  152. 


824  'iO-  Kapitel. 

wir  nirgeud  erwähut,  uiclit  class  er  bei  den  Feinden  der  Christenheit  in 
die  Lehre  gegangen  sei,  nicht  dass  er  fremdes  Wissen  unter  eigenem 
Namen  gelehrt  habe.  Und  so  ist  auch  hier  die  gleiche  Schwierig- 
keit, welche  wir  wiederholt  betont  haben,  aufs  Neue  hervorgetreten. 
Das  Vorhandensein  der  Geometrie  des  Boethius  als  einer 
späteren  Fälschung  ist  unverständlich. 

Das  Kolumnenrechnen  fand  mit  Gerberts  wachsendem  Ansehen 
allgemeine  Verbreitung.  Wir  dürfen  uns  mit  der  so  allgemeinen 
Behauptung  nicht  begnügen,  wir  müssen  ihr  näher  treten.  Sie  wird 
uns  die  Gelegenheit  geben,  die  Männer  zu  nennen,  welche  aus  Ger- 
berts Schule  hervorgegangen  jene  Verbreitung  vollzogen,  wird  uns 
zugleich  Gelegenheit  geben,  zu  sehen,  wie  seit  1100  etwa,  seit  dem 
Beginn  der  Kreuzzüge,  wirklich  Arabisches  in  das  Abendland  ein- 
drang, wie  ein  eigenthümlicher  Kampf  um  das  Dasein  zwischen  der 
alten  und  neuen  Rechenkunst  sich  entspann,  zwischen  dem  Kolumnen- 
rechnen und  dem  Ziflferrechnen,  deren  jedes  seine  Vertreter  besass. 
Man  hat  sich  daran  gewöhnt,  diese  Vertreter  als  Abacisten  und 
Algorithmiker  zu  bezeichnen,  und  unter  diesen  Sammelnamen 
wollen  wir  sie  kennen  lernen. 

40.  Kapitel. 
Abacisten  und  Algorithmiker. 

Bei  den  Versuchen  den  Abacus  mit  den  eigenthümlichen  Zeichen, 
die  wir  Apices  nennen,  nach  aufwärts  zu  verfolgen,  ist  in  früheren 
Werken  stets  von  einer  räthselhaften  Handschrift  der  Kapitular- 
bibliothek  von  Ivrea  die  Rede  gewesen^),  welche  nach  der  An- 
sicht eines  im  Allgemeinen  zuverlässigen  Handschriftenkenners  von 
einer  Hand  des  X.  S.  herrührte  oder  gar,  wie  eine  nachgelassene 
Notiz  desselben  Gelehrten  meinte,  am  Hofe  Karl  des  Grossen  ge- 
schrieben ward^).  Es  sei  eine  Anweisung  zum  Dividiren  in  arabi- 
schen Ziffern.  Alle  diese  Angaben  sind  nun  freilich  wesentlichen 
Abänderungen  zu  unterwerfen.  Genaue  wiederholte  Untersuchung 
der  Handschrift')   hat   ergeben,    dass   sie    erst   dem  XI.  S.    angehört. 


*)  Friedlein,  Gerbert,  die  Georaetrie  des  Boetius  und  die  indischen 
Ziffern.  Erlangen,  1861,  S.  41,  Anmerkung  20  hat  zuerst  die  Mathematiker  auf 
diese  Handschrift  aufmerksam  gemacht.  ^)  Bethmann  im  Archiv  der  Gesell- 
schaft für  ältere  deutsche  Geschichtskunde,  herausgegeben  von  Pertz  IX,  623 
und  XII,  594.  "')  Reifferscheid  in  den  Sitzungsberichten  der  philosoph.-histor. 
Klasse  der  k.  Akademie  der  Wissenschaften.  Wien,  1871.  Bd.  68,  S.  587—589 
die  Beschreibung  des  Codex  LXXXIV,  die  dem  XI.  S,  angehöre.  Dann  ,,f.  87. 
88  Allerlei  von  späteren  Händen". 


Abacisten  und  Algorithmiker.  825 

mithin  in  die  Zeit  fällt,  welche  wir  in  diesem  Kapitel')  zu  besprechen 
haben,  in  die  Zeit  nach  Gerbert,  wenn  auch  vielleicht  nicht  viel  später 
als  er.     Der  Inhalt  ist  ein  eigenthümlicher. 

Zuerst  ist  als  Aufgabe  gestellt,  1 111  111  537  durch  809  zu  divi- 
diren,  wobei  der  Quotient  1  373  438  erscheint  und  195  übrig  bleibt. 
Aufgabe  und  Auflösung  sind  theils  in  Worten,  theils  in  römischen 
Zahlzeichen  geschrieben.  Dann  folgen  19  Hexameter,  welche  auf  das 
Rechnen  auf  dem  Abacus  sich  beziehen,  welche  aber  vollständifj  zu 
verstehen  uns  nicht  gelungen  ist.  Hieran  schliesst  sich  die  Wieder- 
holung der  Aufgabe  und  ihre  Auflösung  im  Kolumnensysteme  ge- 
schrieben, aber  ohne  dass  senkrechte  Striche  die  einzelnen  Rang- 
Ordnungen  trennten.  Zwölf  Kopfzahlen  genügen  den  Abacus  anzu- 
deuten. Ueber  ihnen  steht  der  Dividend,  unter  ihnen  der  Divisor, 
unter  diesem  der  Rest,  unter  diesem  wieder  der  Quotient,  sämmtlich 
in  richtiger  Ordnung,  so  dass  also  bei  Nieder  Schreibung  des  Divisors 
809  unter  der  Kopfzahl  der  Zehner  ein  freier  Raum  blieb.  Die 
Kopfzahlen  des  12  reihigen  Abacus  sind  durch  römische  Zahlzeichen 
angegeben,  die  sämmtlichen  anderen  Zahlen  durch  Apices.  Endlich 
folgt  wieder  nur  in  Worten  und  ohne  durch  irgend  ein  Beispiel 
Unterstützung  zu  finden  die  Vorschrift,  wie  man  bei  der  Division 
durch  einen  aus  Hundertern,  Zehnern  und  Einern  bestehenden  un- 
unterbrochen dreiziffrigen  Divisor  —  tres  sint  divisores  niillo  interposito 
—  verfahren  solle  in  offenbarer  Anlehnung  an  die  „Regel"  Gerberts. 
Alles  zusammen  füllt  nur  eine  einzige  Seite  und  dürfte,  wenn  auch 
nicht  so  alt  wie  die  Einen  hofften,  die  Anderen  fürchteten,  doch 
einiges  Interesse  nicht  entbehren,  so  dass  ein  vollständiger  richtiger 
Abdruck  des  kurzen  Stückes  immerhin  wünschenswerth  erscheint. 

Ein  Schüler  Gerberts  war  Bernelinus,  der  in  Paris  ein  durch 
den  Druck  veröffentlichtes  Buch  über  den  Abacus  geschrieben  hat^). 
Bernelinus  beruft  sich  (S.  817)  auf  die  Regel  des  Papstes  Gerbert, 
die  freilich  nur  für  die  Weisesten  geschrieben  sei,  und  darauf,  dass 
sein  Freund  Ameliüs,  auf  dessen  Andrängen  er  sein  Werk  verfasse, 
es  verweigerte,  an  die  Lothringer  sich  zu  wenden,  bei  welchen  diese 
Lehren  in  höchster  Blüthe  ständen.  Nur  diese  beiden  Erwägungen 
vereinigt  hätten  ihn  zum  Schriftsteller  gemacht.  Er  beginnt  sodann 
mit  der  Schilderung  des  Abacus  und  zeigt  darin  seine  Selbständig- 
keit, denn  Gerbert  selbst  hat  weder  in  der  Regel  noch  in  der  Ab- 
handlung für  Constantinus  eine   solche  Schilderung  an  die  Spitze  zu 


^)  Unsere  Angaben  beruhen  auf  einem  Facsimile,  welches  Fürst  Bald. 
Boncompagni  die  grosse  Güte  hatte,  für  uns  in  Ivrea  durchpausen  zu  lassen. 
^)  Oeuvres  de  Gerbert  (ed.  Olleris)  pag.  .357 — 400  Liher  Ahaci.  Die  Anfangs- 
"worte  lauten:  Incipit  praefatio  libri  ahaci  quem  iunior  Bernelinus  edidit  Parisiis. 


826  ^^    Kapitel. 

stellen  für  iiötbig  gehalten,  ein  Umstand,  welchen  wir  uns  nur  so 
erklären  können,  dass  Gerbert  den  Abacus  nicht  als  etwas  Neues 
oder  Schwieriges  betrachtete,  sondern  als  ein  alt-  und  allbekanntes 
Hilfsmittel,  während  die  Divisionsregeln  allerdings  wenig  bekannt 
gewesen  sein  müssen.  Der  Abacus  war,  nach  Bernelinus,  eine  vorher 
nach  allen  Seiten  sorgsam  geglättete  Tafel  und  pflegte  von  den  Geo- 
metern  mit  blauem  Sande  bestreut  zu  Averden,  auf  welchen  sie  auch 
die  Figuren  der  Geometrie  zeichneten.  Bis  zur  Höhe  der  eigentlichen 
Geometrie  wolle  er  sich  aber  nicht  erheben,  er  bemerke  nur,  dass  zu 
rechnerischen  Zwecken  die  Tafel  in  30  Kolumnen  abgetheilt  werde, 
von  welchen  3  für  die  Brüche  aufzubewahren,  die  übrigen  27  nach 
Gruppen  von  je  3  zu  bezeichnen  seien.  Die  erste  Kolumne  wird 
nämlich  durch  einen  kleinen  Halbkreis  abgeschlossen,  die  zweite  und 
dritte  zusammen  durch  einen  grösseren,  alle  drei  gemeinsam  durch 
einen  noch  grösseren.  Bernelinus  sagt  zwar  nicht  Kolumnen,  sondern 
Linien,  lineas,  aber  er  meint  es  so,  wie  wir  es  ausgesprochen  haben, 
da  ja  ein  Abschluss  von  einer,  von  zwei,  von  drei  Linien  durch  an 
Grösse  verschiedene  Halbkreise  nicht  gedacht  werden  kann,  sondern 
nur  von  Kolumnen.  Li  jeder  Dreizahl  von  Kolumnen,  deren  es  un- 
endlich viele  geben  kann,  ist  eine  Kolumne  der  Einer,  eintf  der 
Zehner  und  eine  der  Hunderter  zu  unterscheiden,  welche  der  Reihe 
nach  mit  S  und  il/,  mit  Z),  mit  C  bezeichnet  wecden  sollen.  C  sei 
nämlich  Anfangsbuchstabe  von  centnm,  D  von  deccm,   M  von   nionas 

—  Bernelinus  schreibt  dafür  fälschlich  monos  —  oder  von  miUc, 
S  endlich  von  singularis.  Li  den  Zahlzeichen  spiegele  die  Gruppirung 
nach  drei  Kolumnen  sich  gleichfalls  ab,  da  ein  Hozizontalstrich,  titulns, 
über  dem  I,  dem  X,  dem  C  dieselben  vertausendfache.  Der  Beschrei- 
bung der  Kopfzahlen,  welche  über  sämmtliche  Kolumnen  sich  fort- 
setzen und  mit  den  Bezeichnungen  der  in  jeder  Dreizahl  unter- 
schiedenen Rangordnungen  nicht  zu  verwechseln  sind,  lässt  sodann 
Bernelinus  die  Schilderung  und  Abbildung  der  neun  Zahlzeichen 
folgen.  Es  sind  die  Apices,  welche  hier  auftreten,  wenn  uns  dieses 
Wort  ein  für  allemal  die  betreffenden  Zeichen  vertreten  soll,  von 
denen  schon  so  viel  die  Rede  war.  Ausserdem  könne  man  sich  auch 
griechischer  Buchstaben  bedienen,  und  hier  enthüllt  Bernelinus  wieder- 
holt, wie  vorher  durch  Anwendung  des  ungriechischen  monos,  eine 
mangelhafte  Kenntniss  dieser  Sprache.  Die  Zahl  6  lässt  er  nämlich 
durch  ZI  .bezeichnen,  während  bekanntlich  s^  das  richtige  Zeichen  wäre. 

—  Das  Einmaleins  schliesst  sich  an,  bei  welchem  eine  zunächst  sehr 
auffallende  Lücke  sich  darbietet:  die  Produkte  gleicher  Faktoren, 
also  1  mal  1,  2  mal  2,  3  mal  3  bis  9  mal  9  fehlen,  warum?  ist 
nicht    gesagt.     Wir   können  nur  einen   Grund   vermuthen,  darin  be- 


Abacistcn  und  Algorithmiker.  827 

stehend,  dass  die  Quadririmg  einziffriger  Zalileu,  und  nur  um  diese 
handelt  es  sich,  in  dem  Grade  eine  Ausnahmerolle  spielte,  als  die 
sogenannte  regula  Nicomachi  (S.  404)  zur  Ausführung  derselben  all- 
gemeiner bekannt  war,  als  irgend  andere  Regeln.  Dass  freilich  jene 
Regel  besonders  erwähnt  werde,  muss  man  aus  unserer  fast  zaghaft 
ausgesprochenen  Meinung  nicht  schliessen  wollen.  Bei  der  Multipli- 
kation der  einzelnen  Rangeinheiten  bedient  sich  Bernelinus  der 
Wörter  Finger-  und  Gelenkzahl.  Eine  Erklärung  würde  man  auch 
hier  vergebens  suchen,  doch  steht  dal)ei  die  Veranlassung  auf  festerem 
Boden.  Wir  wissen  durch  Beispiele  aus  den  verschiedensten  Zeiten, 
dass  jene  Wörter  so  bekannt  waren,  dass  jede  Erläuterung  überflüssig 
erscheinen  musste.  Als  Ende  des  ersten  Abschnittes,  der  also  bis 
zur  Multiplikation  einschliesslich  sich  erstreckt,  ist  die  Ausrech- 
nung von  12^,  von  12^,  von  12*,  von  12'',  von 

12  +  12-  +  123  ^  12'  +  125 

zu  betrachten,  wobei  wir  vielleicht  in  Erinnerung  bringen  dürfen, 
dass  12  die  Grundzahl  des  römischen  Bruchsystems  ist. 

Der  zweite  Abschnitt  handelt  von  der  einfachen  Division, 
d.  h.  von  denjenigen  Theilungen,  bei  welchen  der  Divisor  ein  Einer 
oder  ein  einfacher  Zehner  ist.  Drei  Fälle  sind  dabei  imtergchieden, 
der  erste  wenn  der  Divisor  der  Reihe  nach  in  allen  Stellen  des 
Dividendus  enthalten  ist  und  nur  bei  den  Einern  allenfalls  ein  Rest 
bleibt,  wie  z.  B.  668  getheilt  durch  6;  der  zweite,  wenn  Reste  auch 
bei  früheren  Stellen  bleiben,  beziehungsweise  wenn  der  Divisor  einen 
höheren  Werth  hat  als  einzelne  Stellen  des  Dividendus,  so  dass  zwei 
Stellen  des  Dividendus  zur  Vornahme  der  Theilung  gemeinsam  be- 
trachtet werden  müssen,  wie  z.  B.  888  getheilt  durch  5  oder  333  ge- 
theilt durch  6;  endlich  der  letzte  Fall,  wenn  der  Divisor  ein  Zehner 
ist,  z.  B.  1098  getheilt  durch  20.  Die  Divisionen  können  dabei  mit 
oder  ohne  Differenz,  d.  h.  als  complementäre  Division  oder  ge- 
wöhnlich vollzogen  werden.  Auf  dem  Abacus  werden  dabei  vier 
Horizontallinien  gezogen,  welche  von  oben  nach  unten  die  erste, 
zweite,  dritte,  vierte  Zeile  heissen  mögen.  Auf  die  erste  Zeile  schreibe 
man  den  Divisor,  beziehungsweise  bei  der  Division  mit  Difi'erenz 
auch  seine  Ergänzung  zu  10,  oder  im  dritten  Falle  zu  100.  Die 
zweite  Zeile  enthält  den  Dividendus,  die  dritte  ebendenselben  noch 
einmal  geschrieben,  die  vierte  den  Quotienten.  Die  Zahl  der  zweiten 
Zeile  bleibt  im  ganzen  Beispiele  unverändert.  Die  Zahlen  der  da- 
runter folgenden  Zeilen  werden,  wie  es  der  Sand  des  Rechenbrettes 
leicht  gestattet,  fortwährend  verändert.  Die  Division  668  :  6  sieht 
z.  B.,  wenn  das  Auslöschen  und  Ersetzen  von  Ziffern   durch  Durch- 


828 


40.  Kapitel. 


streichen    derselben     bildlicli     dargestellt    werden     darf,     folgender- 
massen  aus: 


Division  668  :  6 
mit  Differenz 


c" 

B 

s 

6 
4 

6 

6 

8 

ß 

ß 

s 

2 

i 

i 

i 

8 

8 

1 

i 

8 

2 

2 

-f 

ß 

2 

2f 

ß 

ß 

2 

2 

t 

2 

1 

1 

1 

6 
0 

1 

1 

0 
1 

i 

5 

6 

8 

8 
2 

1 

1 
1 

Division  668  :  6 
ohne  Differenz 


Der  Wortlaut  der  Rechnung  ist  bei  der  Division  mit  Differenz 
folgender:  10  in  600  geht  GO  mal,  aber  4  mal  60  oder  240  sind 
wieder  beizufügen;  10  in  200  geht  20  mal,  aber  4  mal  20  oder  80 
sind  wieder  beizufügen,  und  nun  schreiben  wir  statt  60  -|-  40  -f-  80 
ihre  Summe  180  und  sagen  weiter  10  in  100  geht  10  mal  mit  einer 
nöthigen  Ergänzung  4  mal  10  oder  40,  welche  mit  80  zusammen 
120  liefert.  Jetzt  ist  10  in  100  wieder  10  mal  enthalten,  und  die 
Ergänzung  4  mal  10  oder  40  gibt  mit  20  zusammen  60.  Man  dividirt 
weiter  10  in  60  geht  6  mal,  die  Ergänzung  ist  4  mal  6  oder  2-1. 
Mithin  sagt  man  geht  10  in  20  weitere  3  mal  mit  der  Ergänzug 
4  mal  2  oder  8.  In  der  einheitlichen  Kolume  sind  jetzt  vorräthig 
8  4-  4  -f-  8  oder  20.  Zehner  sind  wieder  hergestellt  und  10  in  20 
geht  2  mal.  Die  Ergänzung  2  mal  4  oder  8  ist  durch  10  nicht 
mehr  theilbar,  nur  noch  durch  6,  wobei  1  als  Quotient,  2  als  Rest 
erscheint.  Alle  Quotiententheile  vereinigt  geben  so  den  Gesammt- 
quotient  60  +  20  +  10  +  10  +  6  +  2  +  2  +  1  =  111  nebst  dem 
Reste  2.  Wir  wollen  nicht  versäumen,  hier  gelegentlich  auf  die 
nicht  unwichtige,  wenn  auch  nur  negative  Thatsache  hinzuweisen, 
dass  die  hier    beschriebene  Ordnung  des   Divisors,    des    zweimal    an- 


I 


Abacisten  und  Algorithmiker.  829 

gescliriebenen  Dividenden,  des  Quotienten  bei  keinem  Araber 
vorkommt. 

Der  dritte  Abschnitt  ist  der  zusammengesetzten  Division 
gewidmet,  welche  auch  wieder  ohne  Differenz  oder  mit  Differenz  aus- 
geführt wird.  An  neuen  Gedanken  ist  hier  so  wenig  zu  gewinnen, 
als  au  neuen  Ausführungsmethoden,  es  ist  eben  nur  wieder  die 
Unterscheidung  in  viele  Fälle,  wie  sie  dem  Geübten,  insbesondere 
dem  mathematisch  denkenden  Geübten  sehr  überflüssis;  erscheint,  wie 
sie  aber  dem  Schüler  eines  ersten  Rechenunterrichtes  wünschenswerth, 
ja  unentbehrlich  sich  erweisen  mag. 

Ein  vierter  Abschnitt  lehrt  das  Rechnen  mit  Brüchen,  natürlich 
mit  Duodecimalbrüchen  der  uns  bekannten  Art.  „Lasse  uns  denn 
zu  der  Abhandlung  über  die  Gewichtstheile  und  ihre  Unterabthei- 
lungen kommen,  und  wundere  Dich  nicht,  wenn  darin  Richtiges  mir 
entging,  denn  die  Unbequemlichkeit  der  Weinlese  beschäftigt  meine 
Seele  mannigfaltig,  auch  habe  ich  als  Muster  kein  Werk  als  das  des 
Victorius,  und  dieser  ist  bei  dem  Bestreben  kurz  zu  sein,  ausser- 
ordentlich dunkel  geworden"^).  Wir  haben  diese  Stelle  ihrem  Wort- 
laute nach  eingeschaltet,  um  an  ihr  die  Richtigkeit  einer  Bemerkuno; 
über  den  Calculus  des  Victorius  zu  erweisen.  Das  Vorhandensein 
jenes  Rechenknechtes  (S.  495)  kann  nun  und  nimmermehr  als  Zeug- 
niss  dafür  angerufen  werden,  dass  der  Zeit,  in  welcher  er  entstand, 
das  Rechnen  auf  dem  Abacus  fremd  gewesen  sei.  Wir  finden  hier 
in  Bernelinus  einen  Mann,  der  dieses  Rechnen  selbst  lehrt,  der  es 
mit  einer  Klarheit  lehrt,  welche  die  Darstellungen  Gerberts  über- 
trifft, und  derselbe  Bernelinus  sieht  in  dem  Calculus  des  Victorius 
nichts  weniger  als  einen  überwundenen  Standpunkt.  Er  findet  ihn 
ausserordentlich  dunkel,  also  schwierig  und  verkennt  nicht  die  Noth- 

wendigkeit  mehr  zu  thuu  als  nur  hinzuschreiben,  dass  ~  mal  —  sich 
zu        multipliziren.     Er    erläutert    vielmehr,    man    müsse    den    einen 

Bruch  als  Einheit  betrachten,  von  welcher  so  viele  Theile  zu  nehmen 
seien,  als  der  andere  ausspreche-),  und  erörtert  dieses  an  ver- 
schiedenen Beispielen,  darunter  an  solchen,  bei  welchen  die  nur  be- 
grenzt vorhandenen  Duodecimalbrüche  nicht  gestatten  anders  als  nur 
mittels    eines    gesprochenen   Bruches   zu    verfahren,    wie   z.  B.  duella 


*)  Nunc  itaque  ad  unciariim  minutiarumque  tractatum  veniamus,  in  quo  si 
quid  me  veritas  praeterierit  miniine  mireris,  cum  et  vindemiarum  importunitate 
mens  animus  per  diver sa  quaeque  rapiatur ,  et  nullius  praeter  Victorü  opus 
habeam  exemplar,  qui,  dum  hrevis  studuit  fieri,  factus  est  obscurissimus.  ^)  Quae- 
libet  unciarum  vcl  minutiarum  in  quamcumque  unciarum  vel  minutiarum  fucrit 
ducta  totam  partem  illius  in  qua  ducitur  quaerit,  quota  ipsa  est  assis. 


830  40.  Kapitel. 

multij)lizirt  iu  triens.  Unter  duella  verstellt  man  8  scripulae,  deren 
24  auf  eine  uncia  oder  auf  —  des  as  als  Grundeinheit  gelien;  unter 
triens  verstellt  man  4  Unzen.  Wir  würden  also  römiselie  Gedanken- 
folge so  viel  als  möglich  uns  aneignend  sagen:  —  sei  mit  —  zu  ver- 
vielfachen   und    gebe  -^   oder  -—  von  --,    beziehungsweise  —    Unze. 

Weil   ferner    die   Unze    24  Skrupeln    hat,    so  ist  ihr  —   so    viel  wie 

24  2 

-_  =  2—-  Skrupeln.     Aber  2   Skrupeln  heissen    emisescla  und   so  ist 

das  Produkt  eine  emisescla  und  ihr  Drittel.  Auch  Bernelinus  kommt 
zu  diesem  Ergebnisse.  Duella  in  trientem  ducta  fit  emisescla  et 
emisesclae  tertia  sagt  Bernelinus.     Die  Rechnung,  die  ihn  dahin  führt, 

mündet  darin,  es  sei  -^  der  duella  zu  nehmen,  aber  grade  diese  letzte 

Ausführung  unterschlägt  er.  Das  Bruchrechnen  war  in  der  That, 
wie  an  der  kurzen  Auseinandersetzung,  die  wir  hier  gaben,  erkannt 
werden  wird,  ein  schwieriges,  wäre  sogar  für  uns  noch  schwierig, 
wenn  wir  in  derselben  Gewohnheit  befangen  wären,  die  Brüche  nicht 
durch  Zähler  und  Nenner,  sondern  unter  Anwendung  von  Namen 
auszusprechen,  welche  zwar  dem  Geübten  beim  Hören  sogleich  ver- 
ständlich sind,  aber  zur  Rechnung  immer  erst  wieder  in  die  Begriffe 
verwandelt  werden  müssen,  mit  welchen  sie  sich  decken. 

Ist  es,  fragen  wir,  denkbar,  dass  Gerbert  für  das  ganzzahlige 
Rechnen,  welches  solchen  erheblichen  Schwierigkeiten  nie  ausgesetzt 
war,  arabische  Methoden  sich  angeeignet  und  in  seiner  Schule  ver- 
breitet hätte,  dass  er  dagegen  das  weit  anlockendere  Rechnen  mit 
Sexagesimalbrüchen  vernachlässigt  und  weder  selbst  angewandt  noch 
einem  einzigen  Schüler  mitgetheilt  hätte?  Wir  können  unseren  Un- 
glauben damit  begründen,  dass  die  ersten  Uebersetzungen  aus  dem 
Arabischen  sich  sofort  der  Sexagesimalbrüche  bemächtigten  (S.  675), 
dass  die  ersten  nachweislichen  Bearbeitungen  (S.  752)  es  ebenso 
machten. 

Bernelinus  lehrt  in  Anschluss  an  die  Multiplikation  der  Brüche 
auch  noch  deren  Division,  welche  er  complementär  ausführt,  indem 
er  den  Divisor  zur  nächsten  ganzen  Einheit  ergänzt,  und  sodann  den 
Quotienten  jedesmal  neu  verbessert,  nachdem  die  nothwendige  Richtig- 
stellung der  Theilreste  eingetreten  ist. 

Wir  haben  nur  eines  noch  unserer  Darstellung  hinzuzufügen, 
beziehungsweise  zu  verhüten,  dass  man  ihr  etwas  entnehme.  Berne- 
linus, sagten  wir,  bilde  die  neun  Apices  ab.  Man  darf  daraus  nicht 
schliessen  wollen,  dass  sie  im  weiteren  Verlaufe  der  Schrift  benutzt 


Abacisten  und  Algorithmiker.  831 

werden.  Nur  auf  dem  Abaeus  konnte  ohne  Null  oder  —  wovon  wir 
später  auch  ein  Beispiel  kennen  lernen  werden  —  ohne  abwechselude 
Verwendung  von  Apices  und  römischen  Zahlzeichen  ein  regelmässiger 
Gebrauch  der  Apices  stattfinden.  Bernelinus  hat  aber  in  seinem 
Werke  nirgend  einen  Abaeus  gezeichnet,  kann  sich  also  in  der  einzig 
in  Worte  gefassten  Darstellung  der  Regebi  und  der  Beispiele  nur 
römischer  Zahlzeichen  bedienen.  Wenn  wir  oben  bei  der  Division 
den  Abaeus  wirklich  abbildeten,  so  haben  wir  uns  damit  eine  Untreue 
der  Berichterstattung  zu  schulden  kommen  lassen;  wir  haben  zur 
grösseren  Deutlichkeit  gezeichnet,  was  Bernelinus  nur  erklärt,  dessen 
Nachahmung  er  seinen  Lesern  zumuthet,  ohne  ihnen  ein  Muster  vor- 
zulegen. 

Um  die  Zeit  des  Bernelinus  hat  auch  Guido  von  Arezzo  sich 
mit  dem  Abaeus  beschäftigt,  der  um  1028  eine  Abhandlung  über  die 
Kunst   der  Rechnimg  auf  der   mit  Sand  bedeckten  Tafel  verfasste^). 

Erhalten  hat  sich  ferner  die  Abhandlung  über  den  Abaeus  von 
Hermannus  Contractus^).  Sie  ist  kurz  und  bündig,  lehrt  das 
Multipliziren  und  Dividiren  auf  dem  Abaeus,  dessen  vier  wagrechte 
Zeilen  unterschieden  werden,  während  von  einer  gruppenweisen  Ver- 
einigung der  Kohimneu  zu  je  dreien  Abstand  genommen  ist,  auch 
eine  Beschränkung  der  Anzahl  dieser  Kolumnen  nicht  stattfindet,  von 
denen  vielmehr  gesagt  ist,  dass  sie,  jede  die  vorhergehende  um  das 
Zehnfache  übersteigend,  in  das  Unendliche  sich  erstrecken^).  Das 
Dividiren  ist  einfach  oder  zusammengesetzt  und  kann  in  beiden  Fällen 
mit  oder  ohne  Differenz  vollzogen  werden.  Hermann  hat,  wie  wir 
von  Radulph  von  Laon,  einem  Schriftsteller  des  XII.  S.,  der  uns 
gleich  nachher  beschäftigen  wird,  erfahren,  nächst  Gerbert-  am  meisten 
für  die  Verbreitung  des  Kolumnenrechuens  gethan.  Es  hat  darum 
Interesse  hervorzuheben,  dass  von  anderen  Zahlzeichen  als  den  ge- 
wöhnlichen römischen  bei  ihm  mit  keiner  Silbe  die  Rede  ist. 

Hermannus  Contractus  hat  noch  zwei  andere  Schriften  verfasst, 
deren  wir  trotz  ihres  nicht  eigentlich  mathematischen  Inhaltes  kurz 
gedenken  möchten.  Er  hat  über  jenes  eigenthümliche  Zahlenspiel, 
die  Rhytmomachie,  geschrieben.  In  der  Beschreibung  einer  dem  XI. 
bis  XII.  S.  entstammenden  Handschrift  dieser  Abhandlung  ist  der 
Anfang  derselben  abgedruckt*),  welcher  die  Erfindung  dem  Boethius 

^)  Nouveau  traue  de  Diplomatique  par  deux  religieux  de  la  congregation  de 
S.  Maur  T.  IV,  preface,  pag.  VII.  Paris,  1759.  -)  Aus  einem  Karlsruher  und 
einem  Münchener  Codex  veröffentlicht  durch  Treutlein  im  Bulletino  Boncom- 
pagni  X,  643 — 647  (1877).  ^)  Sicque  in  ceteris  unaguaquc  linea  decuplum  aliam 
superante  usque  in  infmitum  progreditur.  *)  Catalogue  uf  the  extraordinary  col- 
lectioH  of  splendid   manuscripis  of  G.  Libri.     London,  1859,    pag.  1Ö3,  Nr.  483. 


832  40.  Kapitel. 

zuweist,  iu  Uebereiustimmung,  wie  wir  uns  erinnern  (S.  802),  mit 
Waltlier  von  Speier.  Diese  Uebereinstimmung  kann  uns  übrigens 
nicht  verwundern,  wenn  wir  uns  ins  Gedäcbtniss  zurückrufen,  dass 
Speier  von  St.  Gallen  her  seinen  Studienplan  erhielt,  kurz  zuvor 
Walther  dort  erzogen  wurde,  und  zugleich  berücksichtigen,  dass  auch 
in  Reichenau  ein  strenger  Abt  ebendaher  das  Regiment  führte  kurz 
bevor  Hermann  in  die  Schule  trat. 

Hermann  hat  ferner  zwei  Bücher  über  den  Nutzen  des  Astro- 
labiums verfasst,  welche  in  dem  Salzburger  Codex  aus  der  Mitte  des 
XII.  S.,  welcher  die  Haupthaudschrift  von  Gerberts  Geometrie  uns 
darstellte  (S.  809),  den  Anfang  jenes  so  wichtigen  Sammelbandes 
bildet^).  Die  Echtheit  der  Bezeichnung  könnte,  wenn  man  jenem 
Codex  allein  Glauben  zu  schenken  Bedenken  trüge,  noch  besonders 
nachgewiesen  werden.  Das  2.,  3.  und  4.  Kapitel  des  H.  Buches'^) 
beschäftigt  sich  nämlich  in  einer  muthmasslich  von  Macrobius  ab- 
hängigen Fassung  mit  der  seiner  Zeit  durch  Eratosthenes  vollzogenen 
Messung  des  Erdumfanges.  Der  Verfasser  will  aus  dem  Umfange 
den    Durchmesser    berechnen    und    sich     dabei     der    archimedischen 

22  .  '  7 

Verhältnisszahl  -y  bedienen,    d.  h.    er    hat     -   des   Erdumfanges    von 

252  000  Stadien  zu  ermitteln.  Dazu  ist  eine  mittelbare  Methode  an- 
gewandt^), welche  auch  im  56.  Kapitel  von  Gerberts  Geometrie,  wir 
wissen  freilich  nicht  aus    welcher  Quelle,    hat  nachgewiesen  werden 

21  1 

können^).     Es  wird   nämlich,   um  ^     zu  erhalten,   zuerst  „-  des  Um- 

21 
fanges    abgezogen,    dann   von  jenen  —  der    dritte   Theil    genommen: 

„Gegeben  ist  der  Umkreis  252000.     Sein  —  beträgt  11 454  _    und      • 

1  91  1 

Durch  Abziehen  bleibt  240  544      und  „,  deren  Drittel  mit  SOlSl^r 

7 
und  --  den  Durchmesser    liefert."     Das    waren    freilich    Brüche,    wie 

sie  Bernelinus  z.  B.  nie  geschrieben  hätte,  wie  sie  aber  auch  bei 
einem  griechischen  Schriftsteller,  der  Stammbrüche  zu  brauchen  ge- 
wohnt war,  nicht  vorgekommen  wären.  Es  waren  Brüche,  welche 
darauf  hinweisen,  dass,  wer  sie  schrieb,  das  Bewusstsein  hatte,  man 
könne  Bruchrechnungen  auch   anders  als  an  den  römischen  Minutien 


Vergl.  auch  E.  Wappler,  Bemerkungen  zur   Rhytmomachie  in  Zeitsclor.  Math. 
Phys.  XXXVir,  Histor.-literar.  Abthlg.  S.  1—17  (1892). 

^)  Agrimensoren  S.  176.  ')  Ebenda  S.  177.  ^)  Ein  Schreiben  Meinzos  von 
Constanz  an  Hermann  den  Lahmen,  herausgegeben  von  E.  Dümmler  im  Neuen 
Archiv  der  Gesellschaft  für  ältere  deutsche  Geschichtskunde  V,  202  —  206. 
■')  Oeuvres  de  Gerbert  (ed.  Ulleris)  pag.  453. 


Abaeisten  und  Algorithmiker.  833 

oder  zwölftheiligen  Brüchen  vollziehen^  ohne  jedoch  vollständig  in  das 
andere  Verfahren  eingedrungen  zu  sein.  Um  so  unverständlicher 
musste  das  so  Herausgerechnete  einem  Leser  erscheinen,  welcher 
neben  ganzen  Zahlen  nur  römische  Minutien  kannte.  Ein  solcher 
Leser  war  aber  Meinzo  der  Stiftslehrer  von  Constanz.  In 
einem  Briefe,  der,  wie  man  Grund  hat  anzunehmen,  spätestens  im 
Anfange  des  Jahres  1048  geschrieben  ist,  wandte  er  sich  um  die  ihm 
nöthige  Erklärung  an  Hermann,  und  damit  ist  der  Beweis  geliefert, 
dass  Hermann  wirklich  der  Verfasser  jener  Kapitel,  beziehungsweise 
der  sie  enthaltenden  und  unter  seinem  Namen  auf  uns  gekommenen 
Schrift  über  den  Nutzen  des  Astrolabiums  ist.  Auf  diesen  Nachweis 
einiges  Gewicht  zu  legen  haben  wir  aber  einen  sehr  triftigen  Grund, 
indem  die  genannte  Schrift  unverkennbar  unter  arabischem  Einflüsse 
verfasst  ist,  und  arabischer  Einfluss  durch  dieselben  deutlichen  An- 
zeigen auch  in  einem  anderen  Texte  der  Bücher  über  das  Astrolabium 
zu  Tage  tritt,  welcher  im  Uebrigen  an  Verschiedenheiten  gegen  die 
auch  im  Druck  bekannten  Texte  nicht  arm  ist^).  Einigermassen 
verstümmelte,  aber  immer  noch  erkennbare  arabische  Wörter,  wie 
walzachora,  almuchantarah ,  almagrip,  almeri,  walzagene  u.  s.  w. 
kommen  nämlich  an  den  verschiedensten  Stellen  jener  Bücher  vor'"^) 
und  fordern  die  Frage  heraus,  wie  Hermann  dazu  kam,  dieser  Wörter 
sich  zu  bedienen? 

Lassen  wir  Hermanns  Leben  rasch  an  uns  vorüber  gehen  ^). 
Dem  schwäbischen  Grafen  Wolverad  wurde  1013  ein  Knabe  Hermann 
geboren,  welcher  mit  sieben  Jahren,  also  1020,  der  Schule,  wahr- 
scheinlich in  Reichenau,  übergeben  wurde,  wo  ein  Verwandter  von 
Hermanns  Mutter  mit  Namen  Rudpert  als  Mönch  lebte.  Hermann 
selbst  wurde  im  Alter  von  dreissig  Jahren,  1043,  unter  die  Zahl  der 
Mönche  aufgenommen.  Er  lehrte  mit  herzgewinnender  Liebenswürdig- 
keit, welche  ihm  Schüler  von  den  verschiedensten  Orten  herbeizog. 
Er  starb  nur  41  Jahre  alt  am  24.  September  1054.  Von  sehr  früher 
Zeit  an  waren  seine  Gliedmaasseu  schmerzhaft  zusammengezogen, 
wovon  ihm  der  Name  Hermannus  Contractus  geworden  ist.  Er 
sass  immer  in  einem  Tragstuhle,  er  konnte  ohne  Hülfe  nicht  einmal 
seine  Lage  ändern,  ja  er  konnte  nur  mit  Mühe  verständlich  sprechen. 

Es  ist  nicht  denkbar,  dass  Hermann  in  Gesundheits Verhältnissen, 


*)  Catalogue  of  the  extraordinary  eollection  of  splendid  mcmuscripts  ofG.  Libri. 
London  1859,  pag.  103,  Nr.  483.  ^)  Jourdain,  Becherches  critiques  sur  Vage 

et  l'originc  des  traductions  latines  d'Äristote.  2.  edition.  Paris  1843,  pag.  146. 
ä)  "Wattenbach,  Deutschlands  Geschichtsquellen  im  Mittelalter  (4-  Ausgabe 
1877)  II,  3G— 40  unter  Benutzung  von  Heinr.  Hansjakob,  Herimann  der 
Lahme.     Mainz  1875. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik  I.     2.  Aufl.  53 


834  40.  Kapitel. 

wie  wir  sie  scliilderu  mussten,  noch  vor  seinem  30.  Jahre  —  später 
ist  es  gar  nicht  möglich  —  Reisen  gemacht  haben  sollte,  von  welchen 
er  die  Kenntniss  der  arabischen  Sprache  mitgebracht  hätte.  Es  ist 
nicht  denkbar,  dass  von  solchen  Reisen  nirgend,  auch  nicht  andeutungs- 
weise die  Rede  wäre.  Er  müsste  also  das  Arabische,  wenn  er  dessen 
mächtig  war,  in  Reichenau  selbst  sich  angeeignet  haben.  Das  setzt 
voraus,  dass  es  dort  entweder  Persönlichkeiten  gab,  welche  Unterricht 
in  jener  Sprache  zu  ertheilen  befähigt  waren  oder  aber  eine  geschrie- 
bene Sprachlehre  und  ein  desgleichen  Wörterbuch,  beides  Annahmen, 
welche  sich  nicht  wohl  vertheidigen  lassen.  Dazu  kommt,  dass  von 
Kenntnissen  Hermanns  im  Arabischen  keiner  seiner  zahlreichen  älteren 
Lobredner  etwas  weiss,  dass  nur  seit  dem  XV.  S.  die  Behauptung  sich 
findet,  Hermann  habe  Schriften  des  Aristoteles  aus  dem  Arabischen 
ins  Lateinische  übersetzt,  eine  Behauptung,  die  nach  aller  Wahrschein- 
lichkeit auf  einer  Verwechslung  beruht^).  Ein  solcher  Uebersetzer 
war  nämlich  ein  gewisser  Hermanus  Alemannus,  der  unmöglich  der- 
selbe sein  kann  wie  der  unsrige,  da  er  von  Persönlichkeiten  spricht, 
die  erst  dem  XHL  S.  angehören.  In  der  Vorrede  zur  Uebersetzung 
der  Poetik  des  Aristoteles  insbesondere  nennt  er  den  Bischof  Robert 
von  Lincoln  mit  dem  dicken  Kopfe,  Robertus  grossi  capitis  Lincol- 
niensis  episcopus,  welcher  1253  starb,  zwei  Jahrhunderte  später  als 
der  Mönch  von  Reichenau.  Alle  diese  Gründe  zusammengenommen 
lassen  die  gerechtesten  Zweifel  obwalten,  ob  Hermann  der  Lahme  der 
arabischen  Sprache  mächtig  war,  mächtig  gewesen  sein  kann,  und 
da  auf  der  anderen  Seite  kein  Zweifel  möglich  ist,  dass  arabische 
Ausdrücke  in  seinen  Büchern  über  das  Astrolabium  vorkommen,  so 
ist  nur  ein  Ausweg  aus  diesem  Dilemma:  dass  Hermann  jene  Bücher 
unter  Benutzung  von  damals  bereits  vorhandenen  lateinischen  Ueber- 
setzungen  arabischer  astronomischer  Schriften  anfertigte,  denen  er 
jene  verketzerten  Kunstausdrücke  entnahm '**).  Dass  es  in  der  That 
solche  Uebersetzungen  gab,  wenn  auch  vermuthlich  nur  in  sehr  ge- 
ringer Anzahl,  wissen  wir.  Wir  wissen',  dass  Lupitus  von  Barce- 
lona ein  astronomisches  Werk  übersetzt,  dass  Gerbert  nach  dieser 
Uebersetzung  Verlangen  getragen  hat  (S.  807),  und  dieses  oder  ein 
ähnliches  mag  Hermanns  Quelle  gewesen  sein. 

Dem  XL  S.   gehören  noch  verschiedene   andere  Schriftsteller  au, 
welche  über  den  Abacus  und  verwandte  Gegenstände  schrieben,  oder 


')  Jourdain  1.  c.  pag.  135 — 147.  Chapitre  III,  §  XI:  IJ' Hermann  surnomme 
Contractus  et  d' Hermann  l'Allemand.  J^Jrreurs  des  biograpJtes  ä  leiir  egard. 
*)  Ebenda  pag.  147:  11  est  plus  naturel  de  croire  qu'il  composa  ses  deux  traites 
d'apres  les  traductions  qui  avaient  cours  alors,  mais  qu'il  ne  fit  aueitne  version 
de  l'arahe. 


Abacisten  und  Algorithmiker.  835 

in  ihren  Klöstern  schreiben  oder  abschreiben  Hessen^).  Zu  denen, 
welche  Abschriften  aller  Art  anfertigen  liessen,  gehören  Werner  und 
Wilhelm  von  Strassburg,  sowie  Fulbert  von  Chartres,  und 
es  ist  gar  nicht  unmöglich,  dass  unter  des  letzteren  Einflüsse  jene 
Handschrift  des  Anonymus  von  Chartres  entstand,  der  wir  (S.  549) 
einige  Bemerkungen  gewidmet  haben.  Fulbert  von  Chartres  hat  selbst 
Verse  über  die  Duodecimalbrüche,  versus  de  uncia  et  partibus  eins, 
verfasst").  Als  grosse  Astronomen  werden  genannt  Engelbert  von 
Lüttich,  Gilbert  Maminot  von  Lisieux,  Odo  Stiftsherr  von 
Tournai.  Ueber  den  Abacus  schrieben  Heriger  von  Lobbes, 
einem  bei  Lüttich  gelegenen  vielgerühmten  Kloster,  Heibert  von 
St.  Hubertus  in  den  Ardennen,  Franco  von  Lüttich,  den  wir 
schon  (S.  822)  als  Geometer  kennen  lernten.  A.uch  Rudolf  von 
Lüttich  und  Regimbold  von  Coeln  werden  aus  der  unmittelbar 
auf  Gerbert  folgenden  Zeit  als  Mathematiker  gerühmt").  Viele,  ja 
die  meisten  Pflanzstätten  mathematischer  Bildung,  von  welchen  die 
hier  genannten  Persönlichkeiten  ihren  Namen,  aus  welchen  sie  ihr 
Wissen  erhielten,  liegen  in  ziemlich  engem  Kreise  um  Lüttich  herum, 
damals  dem  geistigen  Mittelpunkte  von  Lothringen  und  bestätigen 
so  ein  Wort  des  Bernelinus:  bei  den  Lothringern  blühe  die  Kunst  des 
Abacus*). 

Wir  überspringen  nun  fast  ein  Jahrhundert,  um  von  einem 
Manne  zu  reden,  der  am  Anfange  des  XH.  S.  thätig  war,  und 
dessen  Schrift  über  den  Abacus  gegenwärtig  veröffentlicht  ist  und 
uns  Gelegenheit  zu  vielfachen  Bemerkungen  gibt.  Wir  meinen 
Radulph  von  Laon,  der  1131  gestorben  ist'').  In  Laon  war  um 
1100  eine  hochberühmte  Klosterschule,  welche  ihre  Blüthe  nament- 
lich Anselm  verdankte,  der  Leuchte  Frankreichs,  wie  seine 
Bewunderer  ihn  nannten,  dem  Lehrer  des  fast  noch  bekannteren 
Abelard.  Radulph  war  Anselms  Bruder  und,  wie  er,  Lehrer  an  der 
Klosterschule,  bevor  er  zum  Bischöfe  eingesetzt  wurde.  Er  schrieb, 
wie  gesagt,  über  den  Abacus,  und  eine  Einleituugsstelle  beschäftigt 
sich  mit  der  geschichtlichen  Entwicklung  der  Rechenkunst  auf  dem 
Abacus*^):  „Jetzt  ist  zu  besprechen,  welcher  Wissenschaft  diese  Vor- 
richtung hauptsächlich  dient.  Der  Abacus  erweist  sich  als  sehr  uoth- 
wendig  zur  Untersuchung  der  Verhältnisse  der  spekulativen  Arith- 
metik;  ferner  bei  den  Zahlen,   auf  denen  die  Tonweisen   der  Musik 


1)  Math.  Beitr.  Kulturl.  S.  332.  ')  Werner,  Gerbert  S.  64,  Anmerkung  4. 
^)  Ebenda  S.  77.  •*)  Oeuvres  de  GerheH  (edit.  Olleris)  pag.  357.  ^)  Histoirc 
lüteraire  de  la  France  VII,  89  sqq.,  143.  Der  arithmetische  Tractat  von  Radulph 
von  Laon,  herausgegeben  von  A.  Nagl  im  Supplementhefte  zu  Zeitschr.  Math. 
Phys.  Bd.  XXXIV  (1889).         '')  Com2:>t.  Bend.  XVI,  1413,  Anmerkung  1. 

53* 


836  40-  Kapitel. 

beruhen-,  desgleiclieü  für  die  Dinge,  welche  durch  die  emsigen  Be- 
mühungen der  Astronomen  über  den  verschiedenen  Lauf  der  Wandel- 
sterne gefunden  sind  und  über  deren  gleiche  Umdrehung  dem  Weltall 
gegenüber,  wenn  auch  ihre  Jahre  je  nach  dem  Verhältnisse  der  un- 
gleichen Kreise  sehr  verschiedenes  Ende  haben;  weiter  noch  bei  den 
dem  Piaton  nachgebildeten  Gedanken  über  die  Weltseele  und  zum 
Lesen  all  der  alten  Schriftsteller,  welche  ihren  scharfsinnigen  Fleiss 
den  Zahlen  zuwandten.  Am  allermeisten  aber  zeigt  der  Gebrauch 
dieser  Tafel  sich  bequem  und  wird  von  den  Lehrern  der  Kunst  be- 
nutzt bei  Auffindung  der  Formeln  der  geometrischen  Disciplinen  und 
bei  Anwendung  derselben  auf  die  Ausmessung  der  Länder  und  Meere. 
Allein  die  Wissenschaft,  von  der  ich  eben  rede,  ist  fast  bei  allen  Be- 
wohnern des  Abendlandes  in  Vergessenheit  gerathen,  und  so  wurde 
auch  diese  Kunst  des  Rechnens  beim  Aufhören  der  Kunst,  als  deren 
Hilfsmittel  sie  erfunden  worden  war,  nicht  gar  gross  beachtet;  ja 
sie  kam  in  Misskredit,  und  nur  Gerbert,  genannt  der  Weise,  ein 
Mann  von  höchster  Einsicht,  und  der  vortreffliche  Gelehrte  Hermann 
und  deren  Schüler  pflanzten  Einiges  bis  zu  unseren  Zeiten  fort;  in 
ihnen  zeigt  sich  noch  ein  schwacher  Abfluss  jener  Quellen  der  ge- 
nannten Wissenschaft." 

Es  sind  hier  der  zu  Radulphs  Zeit  vorhandenen  wissenschaft- 
lichen Ueberzeugung  folgend  Sätze  ausgesprochen,  welche  durchweg 
mit  den  Ansichten  in  Einklang  stehen,  welche  wir  schon  die  ganze 
Zeit  her  vertreten  haben:  Der  Abacus  ist  sehr  nothwendig  zum  Ver- 
ständniss  der  Platoniker;  die  Mathematiker  bedienten  sich  seiner 
hauptsächlich  bei  Berechnungen  aus  dem  Bereiche  der  Feldmesskunst, 
und  als  diese  letztere  Kunst  schwand,  da  wurde  auch  der  Abacus 
fast  vergessen;  Gerbert  und  Hermann  und  ihre  Schulen  haben  nicht 
etwa  den  Abacus  neu  eingeführt  oder  gar  erfunden,  sie  haben  die 
halbwegs  vergessene  Kunst  nur  in  einiger  Erinnerung  erhalten.  Von 
Arabern,  bei  welchen  die  Kunst  geblüht  haben  könnte,  ist  auch  bei 
Radulph  mit  keinem  Worte  die  Rede.  Wir  schalten  hier  vorgreifend 
ein,  dass  auch  von  einem  anderen  Schriftsteller  ein  sehr  beredtes 
Schweigen  zu  melden  ist,  dass  auch  Atelhart  von  Bath,  welcher 
um  1130  über  den  Abacus  schrieb,  in  dieser  Abhandlung  der 
Araber  nicht  erwähnt  hat,  er,  der  vollkommen  Arabisch  kannte 
und  Uebersetzungen  aus  dem  Arabischen  vollzogen  hat,  dass  er  da- 
gegen des  Zusammenhanges  des  Abacus  mit  der  Geometrie  sich 
wohl  bewusst  war^). 


*)   Chasles  in  den   CowiJt.  Eend.  XVI,  1410—1411   und  XVII,  147.     Die 
ganze   Abhandlung   ist  vcvöffontlicht    ini    Bulletino   Boncompagni   XIV,   91  —  134 


Abacisten  und  Algorithmiker.  837 

Radulph  begnügt  sich  nicht,  der  Verbreitung,  des  Verschwindens, 
des  Anffrischens  des  Abacus  zu  gedenken;  er  spricht  auch  über 
dessen  Erfindung  und  Einrichtung,  und  dabei  bedient  er  sich  der 
Apices,  die  wir  nur  der  Bequemlichkeit  halber  in  unserer  Ueber- 
setzung  durch  die  gewöhnlichen  Zahlzeichen  wiedergeben'):  „Bei  der 
Zeichnung  dieser  Tafel,  wie  wir  zu  sagen  augefangen  haben,  wird 
die  Menge  der  Zwischenräume  in  drei  mal  neun  eingetheilt,  d.  i.  nach 
der  Gestalt  eines  Würfels,  welcher  die  Länge  drei  auch  nach  der 
Breite  und  Höhe  in  gleichen  Abmessungen  vermehrt.  Und  da  die 
Assyrer  für  die  Erfinder  dieses  Instrumentes  gehalten  werden,  welche 
der  chaldäischeu  Sprache  und  Buchstaben  sich  bedienten,  und  beim 
Schreiben  rechts  anfingen  und  nach  links  fortfuhren,  so  besfinnt  o-e- 
mäss  des  den  Erfindern  in  fortgesetzter  Verbreitung  schuldigen  An- 
sehens die  Zeichnung  dieser  Tafel  zur  Rechten  und  setzt  ihre  Läno-e 
nach  links  fort.  Die  Zwischenräume  selbst  sind  aber  so  miterschieden, 
dass,  während  jeder  einzelne  seinen  oberen  Abschluss  hat,  auch  je 
drei  von  dem  Anfange  bis  zum  Ende  der  Tafel  durch  obere  Ab- 
schlüsse endigen,  so  dass,  indem  je  drei  Zwischenräume  immer  durch 
einen  Halbkreis  geschlossen  sind,  auf  der  ganzen  Länge  der  Tafel  IX 
obere  Abschlüsse  gefunden  werden.  Der  erste  Abschluss  dreier 
Zwischenräume  ist  mit  dem  Zeichen  der  Einheit  überschrieben,  welche 
mit  chaldäischem  Namen  igin  heisst;  1  stellt  die  Gestalt  eines  latei- 
nischen Buchstaben  dar.  Man  erkennt,  dass  dieses  deshalb  geschieht, 
damit  jene  drei  Zwischenräume,  welche  das  Zeichen  der  Einheit  vor- 
bemerkt haben,  bezeugen,  dass  sie  dadurch  den  ersten  Rang  erlangt 
haben.  Der  zweite  Abschluss  von  drei  Zwischenräumen  trägt  dieses 
Zeichen  der  zwei  2,  welches  bei  den  vorgeuannten  Erfindern  and  ras 
heisst,  damit  durch  diese  Wendung,  erklärt  werde,  jene  drei  Zwischen- 
räume, über  welchen  es  geschrieben  ist,  nehmen  den  zweiten  Rang 
für  sich  in  Anspruch.  Der  dritte  Abschluss  von  drei  Zwischenräumen 
lehrt,  dass  er  den  dritten  Rang  einnehme,  dadurch,  dass  er  mit 
folgender  Gestalt  der  drei  3  bezeichnet  ist,  welche  bei  den  Chaldäern 
ormis  genannt  wird.  Aehnlich  bezeugt  auch  der  Abschluss  der 
vierten  Ordnung,  dass  er  den  vierten  Rang  behaupte,  indem  über  ihn 
dieses  Zeichen  4  der  vier  geschrieben  ist,  das  bei  den  Erfindern  als 
arbas  gilt.  Nicht  weniger  kündigt  die  fünfte  Ordnung  an,  sie  halte 
den  fünften  Rang  ein,  weil  sie  diese  Gestalt  5  der  fünf  trägt,  welche 
quimas  heisst.    Ebenso  gehabt  sich  die  sechste  Ordnung  als  sechste, 


(1881)    unter  Vorausschickung    gelehrter    biographischer    und    bibliographischer 
Untersuchungen  des  Fürsten   Bald.  Bouconipagni ,    ebenda  pag.  pag.  1—90. 
^)  Journal  Asiatique  1863,  I.  Halbjahr,   pag.  48—49,  Anmerkung  3. 


838  ^^-  Kapitel. 

weil  sie  als  Aufschrift  das  Zeichen  6  oder  sechs  hat,  welches  caltis 
heisst.  Auch  die  siebente  ist  durch  folgende  Gestalt  7  der  sieben 
bezeichnet,  welche  zenis  heisst.  Die  achte  hat  folgende  Form  8 
der  acht,  welche  man  temeniam  nennt;  und  die  neunte  ist  mit  dieser 
Figur  9  der  neun  bezeichnet,  welche  bei  den  Erfindern  celentis 
genannt  wird.  Bei  der  letzten  Ordnung  wird  auch  die  sipos  ge- 
nannte Figur  0  angeschrieben,  welche,  wiewohl  sie  keine  Zahl  bedeutet, 
doch  zu  gewissen  anderen  Zwecken  dienlich  ist,  wie  im  Folgenden  er- 
klärt werden  wird." 

Wir  werden  Radulphs  Beispiel  folgend  auch  erst  nachher  von 
dem  sipos  und  seiner  Benutzung  reden.  Anderes  vorausschicken.  Es 
könnte  zvmächst  auffallen,  dass  Radulph  wiederholt  von  der  Länge 
der  Tafel  redet,  wo  wir  die  Breite  genannt  erwarten.  Allein  wie 
Heron  im  Anschlüsse  an  ägyptische  Uebung  (S.  365)  Breite  die 
kleinere,  Höhe  die  grössere  Abmessung  nannte,  ohne  auf  die  Lage 
selbst  zu  achten,  so  ist  für  Vitruvius  nur  derselbe  Gegensatz  bei  der 
Anwendung  der  Wörter  Breite  und  Länge  massgebend^),  und  Radulph 
steht  mit  Beibehaltung  dieser  alterthümlichen  Sitte  durchaus  auf 
römischem  Boden.  Der  mit  27  Kolumnen  ausgestattete  Abacus 
musste  mehr  breit  als  lang  erscheinen,  die  Breite  deshalb  als  Länge 
benannt  werden. 

Eine  zweite  Bemerkung  bezieht  sich  auf  den  assyrischen  oder 
chaldäischen  Ursprung,  den  Radulph  für  den  Abacus,  für  die  Apices 
und  für  deren  Namen  in  Anspruch  nimmt.  Wir  pflichten  entschieden 
der  Meinung  bei,  welche  hierin  ein  Anlehnen  an  griechische  Er- 
innerungen findet^),  die  manche  astronomische  und  anderweitige 
Kenntnisse  von  den  Chaldäern  ableiteten.  Warum  sollte  Radulph 
statt  der  Assyrer  nicht  die  Araber  oder  die  von  diesen  stets  als  Er- 
finder der  Zahlzeichen  gerühmten  Lider  genannt  haben,  wenn  er  von 
ihnen  wusste?  Sein  Schweigen  ist  mithin  als  Beweis  anzusehen,  dass 
ihm  und  mit  ihm  gewiss  den  Zeitgenossen,  vor  welchen  er  durch 
Gelehrsamkeit  sich  auszeichnete,  ein  Vorkommen  des  Abacus  bei  den 
Arabern  gerade  so  unbekannt  war  wie  bei  uns. 

Drittens  müssen  wir  zu  jenen  räthselhaften  Wörtern  uns  wenden, 
die  uns  von  Radulph  als  desselben  chaldäischen  Ursprunges  wie  der 
Abacus  genannt  werden.  Wir  haben  (S.  544)  von  Wörtern  gesprochen, 
welche  nicht  im  Texte,  aber  auf  dem  Abacus  zwischen  dem  I.  und 
II  Buche  der  Geometrie  des  Boethius  vorkommen  und  dort  möglicher- 
weise erst  nachträglich  ihren  Platz  gefunden  haben.    Es  sind  dieselben, 


*)  Agrimensoren  S.  67  und  19(3,  Anmerkung  l-2<).       -)  Wot'pckc  im  Jour- 
nal Äsialique  für  1863,  I.  Halbjahr,  pag.  49. 


i 


Abacisten  und  Algorithmiker.  839 

die  wir  hier  nach  Radulph  mitgetheilt  haben.  Dieselben  finden  sich 
in  zehn  Versen  eines  lateinischen  Pergamentcodex  des  Vatican'): 

Ordine  pnmi(/erto  sibi  nomen  possidet  Ig  in. 
An d ras  ecce  locum  precindicat  ipse  secundum. 
Ormis  post  numerus  non  compositus  sibi  immus. 
Denique  bis  hinos  succedens  indicat  Arbas. 
Significat  qiiinos  ficto  de  nomine  Quimas. 
Sexta  tenet  Calcis  perfecto  munere  gaudens. 
Zenis  enim  digne  septeno  fulget  lionore. 
Octo  heatificos  Temenias  cxprimit  unus. 
Terque  notat  trinum  Celentis  nomine  ritlimum. 
Hinc  scquitur  Sij^os  est,  qui  rota  namque  voeatur. 

Der  Sinn  dieser  Verse,  welche  vielleicht  nur  als  Gedächtnissverse  zu 
betrachten  sind,  welche  die  Einprägung  jener  fremdartigen  Wörter 
erleichtern  sollen,  dürfte  aus  folgendem  Uebersetzungsversuche'^)  sich 
ergeben: 

Igin  führet  das  Zeichen  in  erster  Stelle  zum  Namen. 

Auf  den  zweiten  der  Plätze  erhebet  Andras  den  Ansprach. 

Dann  als  erste  einfache  Zahl  folgt  Ormis  auf  jene. 

Zweimal  zeiget  die  zwei  das  jetzt  nachfolgende  Arbas. 

Quimas  bildet  die  fünf  mit  ausersonnenem  Namen. 

Ihrer  Vollkommenheit  freut  sich  die  CaJcis  an  sechsester  Stelle. 

Siebenfältiger  Ehre  erglänzet  am  würdigsten  Zenis. 

Und  die  glückselige  Acht  zeigt  nur  Temenias  einzig. 

Dreimal  schreibet  die  Drei  das  Zeichen  mit  Namen  Celentis. 

Aehnlich  gestaltet  dem  Rade  ist,  was  hier  Sipos  ich  nenne. 

Eben  dieselben  Wörter  finden  sich  bei  einem  etwas  jüngeren 
Zeitgenossen  Radulphs,  von  dem  wir  noch  zu  sprechen  haben,  Ger- 
laud,  und  bei  verschiedenen  Schriftstellern  bis  in  das  XIV.  S.  herab"). 
Meistens  fehlt  das  Wort  sipos.  Hat  nun  Kadulph  recht,  wenn  er 
die  Wörter  aus  dem  Chaldäischen  herstammen  lässt,  und  sind  sie  in 
der  That  ebenso»  alt,  eben  so  lange  in  Gebrauch  als  der  Abacus,  oder 
wenigstens  als  die  Apices?  Würde  die  letzte  Frage  noch  weiter  ein- 
geschränkt auf  die  Zeit  der  Neubelebung  und  allgemeinen  Verbreitung 
des  Abacus-  oder  Kolumnenrechnens,  so  wäre  sie  entschieden  mit 
Nein  zu  beantworten.  Gerbert,  Beruelinus,  Hermann  der  Lahme  be- 
nutzten jene  Wörter  nie,  und  sie  sind  doch  als  die  hervorragendsten 
Lehrer  zu  betrachten.     Auch   aus   keinem  anderen  Schriftsteller  des  ' 


*)  Vat.  Univ,  5327,  wie  wir  freundlicher  Mittheilung  von  Prof.  L.  Gegen- 
bauer entnehmen.  Die  gleichen  Verse  nur  unter  Weglassung  des  auf  celentis 
bezüglichen  hat  Chasles,  Aper9u  bist.  pag.  473,  deutsch  S.  540,  aus  dem  Codex 
von  Chartres  veröffentlicht,  in  welchem  auch  die  Geometrie  des  Anonymus  von 
Chartres  (S.  500)  steht.  '-)  Math.  Beitr.  Kulturl.  S.  244.  ■')  Oeuvres  de  Gerbert 
(edit.  Oller is)  pag.  578—579. 


840  40-  Kapitel. 

XI.  S.  wird  das  Vorkommen  jener  Wörter  uns  berielitet,  und  erst 
im  XII.  S.  scheinen  sie  aufzutreten.  Damit  aber^  verbunden  mit  dem 
Umstände,  dass  der  Text  des  Boethius  die  Wörter  ebensowenig  ent- 
hält, gewinnt  die  Wahrscheinlichkeit  das  üebergewicht,  dass  sie  auf 
dem  dort  vorhandenen  Abacus  erst  nachträglich  beigeschrieben  worden 
seien,  beigeschrieben  im  XII.  S.,  nachdem  die  Handschriften  selbst 
schon  ein  Jahrhundert  etwa  gefertigt  waren.  Würde  das  Aussehen 
der  Handschriften  dieser  Annahme  allzusehr  widersprechen,  dann 
wären  freilich  mindestens  im  XL  S.  die  Wörter  nachgewiesen,  und 
dann  würde  die  Beantwortung  der  Frage,  ob  sie  noch  älter  seien, 
sich  möglicherweise  anders  gestalten,  da  wir  hier  deren  Verneinung 
wesentlich  aus  dem  vollständigen  Fehlen  vor  dem  XII.  S.  abgeleitet 
haben.  Werfen  wir  noch  für  die  Bejahung  das  Gewicht  von  Radulphs 
Behauptung,  die  wir  doch  nicht  so  ganz  leicht  nehmen  dürfen,  in 
die  Wagschale,  so  stehen  wir  vor  ziemlich  gleich  schwer  wiegenden 
Gründen,  zwischen  welchen  ohne  Weiteres  eine  Entscheidung  nicht 
rathsam  erscheint. 

Vielleicht  sind  die  Wörter  selbst  geeignet  den  Zweifel  zu  lösen? 
Ein  Assyriologe  will  fünf  derselben  als  assyrisch  erkannt  haben')-, 
igin  sei  iscJdin,  arhas  sei  arha,  quinias  sei  %amsay  zenis  wohl  in  der 
gleichfalls  vorkommenden  Form  zehis  sei  schibit,  temenia  sei  schnmunu. 
Es  gehört  immerhin  eine  gewisse  Phantasie  dazu,  um  diese  Verwandt- 
schaften als  offenkundig  anzuerkennen.  Ärhas,  qxiimas,  temenias  sind 
allerdings  als  semitisch  wohl  von  allen  Untersucheru  anerkannt 
worden,  aber  ohne  dass  Einigkeit  darüber  stattfände,  ob  das  Arabische, 
das  Hebräische  oder  das  Aramäische  die  Grundformen  geliefert  habe, 
worauf  es  natürlich  nicht  wenig  ankommt,  wenn  das  Alter  und  die 
Ueberlieferungsweise  der  Wörter  geprüft  werden  wollen.  Mit  der 
semitischen  Ursprungserklärung  der  anderen  Wörter  geht  es  nicht  so 
leicht.  Man  hat  sie  freilich  insgesaramt  arabisch  deuien  wollen,  aber 
fraget  nur  nicht  wie,  möchte  man  ausrufen.  Caltis,  6  und  zenis,  7 
sollen  als  cadis  und  sehis  aus  der  entsprechenden  arabischen  Cardinal-, 
igin,  1  aus  der  arabischen  Ordinalzahl  stammen;  ormis,  3  und  celen- 
tis,  9  sollen  ihren  Werth  vertauscht  haben,  alsdann  aber  wieder 
arabische  Klänge  geben,  und  andra,  2  soll  diesem  Ursprünge  gleich- 


')  Lenormant,  La  legende  de  Semiramis,  pi-emier  memoire  de  mytlwlogie 
comparutiüc  pag.  62  in  den  Mänoires  de  VÄcadcniie  lioydle  des  sciences  et  helles- 
lettres  de  Belgique.  T.  XL  (Bruxelles  1873).  Friibere  Untersuchungen  vergl.  bei 
Vincent  in  Lionville,  Journal  de  mathematiques  IV,  261  und  in  der  Revue 
archeologique  II,  601;  Math.  Beitr.  Kulturl.  S.  245—246;  Wo-epcke  im  Journal 
Asiatique  für  1863,  I.  Halbjahr,  pag.  51;  Oeuvres  de  Gerbert  (edit.  Olleris)  pag. 
579—581. 


Abacisten  und  Algorithmiker.  841 

falls  niclat  widersprechen,  vorausgesetzt  dass  mau  das  arabische  Wort 
schlecht  geleseu  habe.  Audere,  weniger  leicht  mit  Verstümmelungen 
und  Werthvertauschuugen  zufrieden,  haben  zwar  igin  aus  dem  He- 
bräischen, dem  Persischen,  der  Berbersprache,  andras  aus  dem  He- 
bräischen, dem  Arabischen,  zcnis  aus  dem  Hebräischen  abgeleitet, 
aber,  wie  wir  durch  die  Nebeneinanderstellung  der  beigezogenen 
Sprachen  andeuteten,  wieder  in  fast  unlösbarem  Widerspruche  zu 
einander,  einig  nur  in  dem  Verzichte  auf  jegliche  Erklärung  für  ormis, 
caJcis,  celei'itis.  Semitisch  also,  den  Schluss  können  wir  allenfalls 
ziehen,  sind  die  fremden  Zahlwörter  nicht  ausnahmslos.  Man  hat 
auch  versucht,  einige  der  Wörter,  welche  besondere  Schwierigkeiten 
bereiten,  ormis  und  cclcntis,  aus  dem  Magyarischen  herzuleiten').  Eine 
andere  Richtung  schlugen  alsdann  Gelehrte  ein,  welche  den  hebräischen 
Ursprung  von  arhas,  qnimas,  tenicnias  als  mit  der  alesandrinischen 
Heimath  der  sämmtlichen  von  ihnen  als  neupythagoräisch  vermutheten 
Wörter  Avohl  vereinbarlich  zugaben,  dagegen  die  anderen  aus  dem 
Griechischen  ableiteten,  und  zwar  aus  Wörtern,  welche  Begriffen  ent- 
sprachen, die  in  der  That  in  der  Zahlensymbolik  der  späten  Pytha- 
goräer  mit  den  betreffenden  Zahlen  im  Zusammenhang  stehen.  lyin 
soll  aus  1]  yvvi],  axdras  aus  ccvdQsg,  ormis  aus  oq^t]  entstanden  sein, 
weil  die  1  das  Weibliche,  die  2  das  Männliche,  die  3  die  Vereinigung 
beider  bedeute;  caicis,  welches  auch  in  den  Formen  caltis  und  chalcus 
vorkommt,  sei  nach  einer  Meinung  y.alörrjg,  weil  die  6  dem  Begriffe  des 
Vollkommenen  und  des  Schönen  entspreche,  während  die  andere  Meinung 
clialcus,  xaXxovg  damit  rechtfertigt,  dass  laXxovg  und  ovyyCa  Syno- 
nyma seien,  die  Alten  aber  nach  einer  Behauptung  des  Cassiodorius 
in  einem  Briefe  an  Boethius^)  für  6  auch  Unze  sagten.  Eine  Ab- 
leitung von  zenis  als  Tochter  des  Zeus  beruht  daraufj  dass  die  7  bei 
Theon  von  Smyrna  Athene  genannt  wird''),  eine  dem  Sinne  nach 
ähnliche  von  celentis  aus  ösXijvrj  darauf,  dass  9  die  Zahl  der  Jungfrau 
ist*),  die  Mondgöttin  aber  sich  vor  Allen  der  Jungfräulichkeit  erfreut. 
Andere  dagegen  wollen  celentis  von  QrjXvvrog  weibisch,  oder  vielmehr 
unter  der  Annahme,  das  Anfangs-«  eines  Wortes  köime,  auch  wenn 
es  verneinende  Bedeutung  habe,  wegfallen,  von  dQrjkvvrog  nicht 
weibisch,  kräftig,  ableiten,  weil  die  9  den  Begriff  der  Kraft  in  sich 
schliesse.     So  steht  eine  nicht  unbedingt  zu  verwerfende  Anzahl  von 


')  Fr.  Th.  Koppen,  Notizen  über  die  Zahlwörter  im  Abacua  des  Boethius 
(in  dem  VI.  Bande  der  Melanges  Greco-Bomains  tire's  du  Bulletin  de  l'Acad. 
imper.  des  scienccs  de  St.  Feter  slow  g).  *)  Variae  I,  epist.  10:  Senarium  viro, 
quem  non  immerito  perfecfum  docta  Äntiquitas  definuit,  unciae,  qui  mensurae 
primus  gradus  est,  appeUatione  signavit.  ^)  Theon  Smymaeus  (ed.  Hill  er) 
pag.  103,  liu.  1  —  5.  *)  Theologumena  (ed.  Ast)  pag.  58,  lin.  12  flgg. 


842  4:0.  Kapitel. 

Erklärungen  der  fremdkliugeuden  Zahlwörter  Radulphs  zu  Gebote. 
Weiter  aber  als  bis  zur  Ablehnung  der  unbedingten  Verwerfung 
möchten  wir  unsere  Zustimmung  doch  nicht  erstrecken  und  betrachten 
das  Räthsel  als  immer  noch  nicht  mit  Gewissheit  aufgelöst,  gern 
bereit  eine  zuverlässigere  Deutung  jeuer  Wörter  freudig  zu  begrüssen, 
welche  auch  die  Frage  nach  der  Zeit  der  Entstehung  endgiltig  be- 
antworten würde. 

Wir  gehen  nunmehr  mit  Radulph  zu  dem  letzten  Zeichen  des 
s/pos  über,  zu  dem  Kreise  mit  angedeutetem  Mittelpunkte,  jene  Figur 
„welche,  wiewohl  sie  keine  Zahl  bedeutet,  doch  zu  gewissen  anderen 
Zwecken  dienlich  ist,  wie  im  Folgenden  erklärt  werden  wird."  (S.  838). 
Radulph  erfüllt  das  gegebene  Versprechen  treulich  ^).  Der  vorsichtige 
Abacist  —  providus  dbacista  —  wird,  sagt  er,  unter  den  anderen 
Zeichen  auch  ein  nach  Art  eines  Rädchens  —  in  niodum  rotidae  — 
gestaltetes  sipos  sich  auf  Marken  —  in  caJcidis  —  anfertigen,  und 
nun  erläutert  er  deren  Gebrauch.  Wir  begnügen  uns,  ohne  wörtlich 
zu  übersetzen,  auf  den  Kernpunkt  hinzuweisen.  Wenn  die  Multipli- 
kation mehrziffriger  Zahlen  mit  einander  vorgenommen  wird,  so 
kommt  es  darauf  an,  immer  zu  wissen,  avo  man  mit  dem  Vervielfältigen 
halte.  Ist  dieses  schon  uothwendig,  wofern  alle  Zwischenrechnungen 
stehen  bleiben,  so  ist  es  noch  weit  unerlässlicher,  wenn,  wie  wir  von 
Bernelinus  gelernt  haben,  ZilBfern  fortwährend  verändert  wurden.  vSei 
es  dass  man  auf  dem  Sande  neue  Zeichen  schrieb,  sei  es  dass  man 
auf  dem  vom  Schildmacher  hergerichteten  Abacus  neue  Marken  auf- 
legte, in  beiden  Fällen  war  dem  vor  Augen  befindlichen  Theilergeb- 
uisse  nicht  anzusehen,  welchem  Augenblick  der  Rechnung  es  ent- 
stamme. Da  trat  das  sipos  in  seine  Rechte.  Man  rückte  nämlich 
eine  solche  Marke  längs  den  Ziffern  des  Multiplikators  von  der  Rechten 
zur  Linken  fort,  um  anzugeben,  mit  welcher  Stelle  man  gerade  ver- 
vielfache; um  aber  auch  zu  wissen,  welchen  Abschnitt  der  Verviel- 
fältigung jeder  Multiplikatorsziffer  mit  dem  ganzen  Multiplikandus 
man  schon  ausgeführt  habe,  liess  man  gleichzeitig  eine  zweite  sipos- 
Marke  längs  des  Multiplikandus  fortrücken.  Man  sieht  somit:  das 
sipos  ist  keine  Null,  ist,  wie  Radulph  ganz  richtig  bemerkt,  überhaupt 
kein  Zahlzeichen,  sondern  nur  ein  Rechnungsbehelf  ähnlich  dem 
Pünktchen,  dessen  auch  wohl  in  der  heutigen  Zeit  Rechner  beim 
Dividiren  sich  bedienen,  sowie  beim  Multipliziren  vielziffriger  Zahlen 
mit  einander,  vorausgesetzt  dass  sie  diese  letztere  Rechnung  so  voll- 
ziehen, dass  alle  Zwischenrechnungen  bis  zum  Hinschreiben  der  ein- 
zelnen  Ziffern  des  Gesammtproduktes  im  Kopfe  vorgenommen  werden. 

*)  Woepcke  im  Journal  Asiatique  für  1863,  I.  Halbjabr,  pag.  246—247, 
Anmerkung  1. 


Abacisten  und  Algorithmiker.  843 

Dass  beim  sipos  eiu  Kreis  das  Pünktclien  uiiiscbliesst,  ist  vielleicht 
nur  die  Zeichnung  einer  runden  Marke  überhaupt  und  die  Aehnlich- 
keit  mit  dem  Zeichen  der  Null  eine  durchaus  zufällige.  Was  das 
Wort  sipos  betrifft,  so  ist  es  kaum  weniger  zweifelhafter  Bedeutung 
als  die  anderen  Wörter,  von  welchen  wir  oben  gesprochen  hal)en, 
denn  wenn  die  Einen  es  mit  dem  as-sifr  (leer)  der  Araber,  Andere 
es  mit  dem  sapJo  (Gefäss)  der  Hebräer  in  Verbindung  setzen,  leiten 
noch  Andere,  offenbar  hier  weit  mehr  in  Uebereinstimmung  mit  der 
Verwendung  des  sipos,  es  von  il)r](pog  (Kechenmarke)  ab.  Man  ist 
sogar  so  weit  gegangen')  zu  fragen,  ob  nicht  das  arabische  as-sifr 
selbst  als  Lehnwort  mit  dem  griechischen  ipfj(pog  in  Zusammenhang 
zu  bringen  sei. 

Wir  können  hier  einschaltend  auch  das  Wort  ahacista  liervor- 
heben,  durch  welches  Radulph  den  auf  dem  Abacus  Rechnenden  be- 
nennt. Der  Name^)  geht  mindestens  bis  auf  Gerbert  zurück,  der 
sich  in  seiner  Geometrie  desselben  bedient,  und  seine  Nachfolger  ge- 
brauchen bald  dieses  Hauptwort,  bald  ein  von  demselben  aljgeleitetes 
Zeitwort  ahacizarc^) ,  welches  Rechnen  auf  dem  Abacus  bedeutet. 
Die  Hochschätzuug  Gerberts  als  desjenigen,  welcher  das  Rechnen  mehr 
als  jemals  früher  zum  Gemeiugute  gemacht  hat,  spricht  sich  in  dem 
gleichfalls  einmal  aufgefundenen  Worte  gerhertista^)  für  Rechner  aus. 

Jüngerer  Zeitgenosse  Radulphs  war,  wie  wir  schon  sagten, 
Gerland ■'').  Er  war  Schüler  des  von  dem  Bisthum  Besan^on  ab- 
hängigen Benediktinerklosters  in  der  Stadt  gleichen  Namens.  Er 
wirkte  selbst  dort  als  Stiftslehrer,  dann  als  Prior  in  den  Jahren  Hol 
und  1132.  Im  Jahre  1148  begleitete  er  nebst  Theodorich  von  Chartres 
den  Erzbischof  Adalbero  von  Trier  zu  einem  Reichstage  nach  Frankfurt 
und  führte  mit  seinem  Reisegefährten  während  der  Rheinfahrt  ein 
glänzendes  Wortgefecht.  Er  schrieb  unter  Anderem  einen  Computus, 
d.  h.  wie  wir  wissen,  eine  Anleitung  zur  Osterrechnung,  und  eine 
Abhandlung  über  den  Abacus,  die  in  einer  Karlsruher  Sammelhand- 
schrift aus  dem  Xll.  S.,  die  also  jedenfalls  kurz  nach  der  Abfassung 
der  Abhandlung  entstanden  sein  muss,  sich  erhalten  haf"). 

Wir  heben  nur  Weniges  als  bemerkenswerth  aus  ihr  hervor. 
Gerland    benutzt    die    fremdartigen  Zahlwörter  beim  Rechnen    selbst: 


1)  Karl  Krumbacher,  Woher  stammt  das  Wort  Ziffer  (chiüre)?  in  deu 
Etudes  de  phüologie  neogrecque  publiees  par  M.  Jean  Pnichari.  Paris,  1892. 
Dagegen  Derselbe,  Noch  einmal  das  Wort  Ziffer,  in  der  Byzantinischen  Zeitschrift. 
Leipzig,  1893.  *)  Math.  Beitr.  Kulturl.  S.  331.  ^)  Franco  185.  ^)  Oeuvres 
de  Gerbert  (ed.  Olleris)  pag.  XXXYII  aus  dem  Codex  von  Moutpellier  Nr.  491. 
^)  Boncompagni  im  Bulktino  Bo>tcompagni  X,  658 — 656.  *)  Zum  Drucke  be- 
fördert durch  Treutlein  in  dem  Bulletino  Boncompagni  X,  595—607. 


844  40.  Kapitel. 

Ig'm  pone  iuxta  andrani,  setze  igln  neben  nndras  u.  s.  w.  Er  be- 
nutzt ferner  fortwäbrend  einen  gezeichneten  Abacus,  dessen  einzelne 
Kolumnen  Bogen,  arcns,  heissen  und  einen  oberen  Absehluss  durcb 
einen  Kreisbogen  finden.  An  einer  einzigen  Stelle  vereinigt  er,  wie 
Bernelinus,  wie  Radulpb  es  vorsebrieben,  überdies  Gruppen  von  drei 
Kolumnen  unter  einem  grösseren  Kreisbogen  und  von  diesen,  dreien 
selbst  wieder  zwei  unter  einem  mittelgrossen  Bogen;  allein  dabei 
macht  sich  eine  Verschiedenheit  gegen  Bernelinus  geltend,  denn  Ber- 
nelinus  will  (S.  882)  den  mittelgrossen  Bogen  über  die  Zehner-  und 
Hunderterkolumne  gezeichnet  haben,  worin  ein  guter  Sinn  liegt,  der 
der  Unterscheidung  von  Einern  und  Nichteinern  der  betreffenden 
Gruppe,  Gerland  dagegen  vereinigt,  man  weiss  nicht  wozu,  die  Einer- 
und Zehnerkolumne  unter  einem  mittelgrossen  Bogen.  Die  Zahl  der 
Kolumnen  ist  12,  also  auch  nicht  mit  jenen  Vorgängern  in  Ueber- 
einstimmung.  Eine  andere  Handschrift  von  Gerlands  Abacusregeln 
hat  15  Kolumnen,  und  überhaupt  ist  der  Wechsel  in  diesen  Anzahlen 
ein  sehr  häufiger  und  nur  darin  beschränkt,  dass  die  Kolumnenzahl 
stets  durch  3  theilbar  die  Bildung  von  Triaden  gestattet^);  neben 
27  kommen  beispielsweise  auch  30  Kolumnen  vor,  muthmasslich  so 
zu  erklären,  dass  neue  Gruppen  von  je  3  Kolumnen  mit  den  Wörtern 
/(jin  bis  celentis  überschrieben  waren  und  dann  noch  eine  zehnte 
Gruppe  hinzugenommen  wurde,  um  die  üeberschrift  sipos  verwerthen 
zu  können,  deren  Sinn  allmälig  verloren  ging,  als  man  mit  der  wirk- 
lichen Null  der  Araber  bekannt  wurde.  Beim  Dividiren  lehrt  Ger- 
land nicht  das  complementäre,  sondern  das  unmittelbare  Verfahren 
sowohl  an  dem  Beispiele  120:3  als  an  dem  Beispiele  100:11,  bei 
welchem  letzteren  das  übrig  bleibende  1  zur  Fortsetzung  der  Division 
in  Duodecimalbrüche  verwandelt  wird. 

Greifen  wir  jetzt  aus  der  zahlreichen  Menge  von  dem  Verfasser 
und  der  Abfassungzeit  nach  nicht  genau  bestimmbaren  Schriften 
über  den  Abacus  noch  einige  heraus,  die  uns  bemerkenswerther  er- 
scheinen und  möglicherweise  in  die  Zeit  gehören,  bis  zu  welcher 
wir  gelangt  sind.  Dem  XII.  S.  entstammen  nach  der  Ansicht  der 
Meisten  Oddos  Regeln  des  Abacus^),  welche  nach  anderer  Mei- 
nung auf  Odo  von  Cluny  zurückzuführen  sind  (S.  794).  Diese  Regeln 
beginnen   wieder  mit  einer   an   geschichtlichen  Erinnerungen   reicheu 


')  Compt.  Bend.  XVI,  1405.  ^)  Scriptores  ecdesiastici  de  musica  (ed.  Mart. 
Gerbert).  St.  Blasiert,  1784,  I,  296-302:  Begulae  Domni  Oddonis  super  dbacum. 
Vergl.  Math.  Beitr.  Kulturl.  S.  295—302.  Die  wichtigsten  Gründe,  welche  für 
eine  späte  Lebenszeit  Oddo's  sprechen,  bei  R.  Peiper  auf  S.  21G  — 220  des 
Supplementheftes  zu  Zeitschr.  Math.  Phys.  XXV  (1880)  und  bei  A.  Nagl,  Ger- 
bert und  die  Rechenkunst  des  X.  Jahrhunderts  S.  33. 


1 


Abacisten  und  Algorithmiker.  845 

Einleitung:  „Will  Einer  Kenntniss  des  Abacus  haben,  so  muss  er 
Betrachtungen  über  die  Zahlen  sieh  aneignen.  Diese  Kunst  wurde 
nicht  von  den  modernen  Schriftstellern  erfunden,  sondern  von  den 
Alten,  und  wird  deshalb  von  Vielen  vernachlässigt,  weil  sie  durch 
die  Verworrenheit  der  Zahlen  sehr  verwickelt  ist,  wie  wir  aus  der 
Erzählung  unserer  Vorfahren  wissen.  Erfinder  dieser  Kunst  war 
Pythagoras,  wie  uns  mitgetheilt  wird.  Deren  üebung  ist  bei  einigen 
Dingen  nothwendig,  weil  ohne  Kenntniss  derselben  kaum  irgend 
Jemand  es  in  der  Arithmetik  zur  Vollkommenheit  bringen,  noch  die 
Lehren  der  Calculation  d.  h.  des  Computus  verstehen  wird.  Hütten 
doch  unsere  heiligen  Weisen  niemals  die  für  die  heilige  Kirche  noth- 
wendigen  Regeln  auf  das  Ansehen  jener  Heiden  gestützt,  wenn  sie 
gefühlt  hätten,  es  sei  eine  müssige  Kunst,  die  jene  lehrten.  Will 
z.  B.  einer  die  Bücher  Bedas  des  Ehrwürdigen  über  den  Computus 
lesen,  so  wird  er  ohne  Besitz  dieser  Kunst  wenig  Nutzen  erzielen 
können.  Eben  sie  ist  in  dem  Quadrivium,  d.  h.  in  der  Musik,  Arith- 
metik, Geometrie  und  Astronomie  so  nothwendig  und  nützlich,  dass 
ohne  sie  fast  alle  Arbeit  der  Studirenden  zwecklos  erscheint.  Wir 
glauben,  dass  sie  vor  Alters  griechisch  geschrieben  und  von  Boethius 
ins  Lateinische  übersetzt  wurde.  Aber  das  Buch  über  diese  Kunst 
ist  zu  schwer  für  den  Leser,  und  so  haben  wir  einige  Regeln  hier 
auseinandergesetzt." 

Wir  sehen  hier  in  den  geschichtlichen  Anga'ben  eine  ziemliche 
Uebereinstimmung  mit  denen  Radulphs,  jedoch  so,  dass  keiner  der 
beiden  Schriftsteller  eine  Abhängigkeit  von  dem  anderen  verräth,  die 
Allgemeinheit  der  Ueberlieferung  also  durch  ihre  ähnlichen  Behaup- 
tungen nur  um  so  sicherer  bestätigt  wird.  Wenn  Radulph  die  Noth- 
wendigkeit  des  Abacus  zum  Verständniss  Piatons  betont,  führt  Oddo 
das  Rechnen  auf  demselben  auf  Pythagoras  zurück.  Wenn  Radulph 
ihn  der  Geometrie  dienen  lässt,  ist  er  bei  Oddo  dem  ganzen  Qua- 
drivium ein  nützliches  Hilfsmittel.  Wenn  Radulph  die  Kunst  in 
Misskredit,  fast  in  Vergessenheit  gerathen  lässt,  bis  Gerbert  und 
Hermann  sie  erneuerten,  spricht  Oddo  die  Meinung  aus,  Boethius 
habe  darüber  eine  Schrift  aus  dem  Griechischen  ins  Lateinische  über- 
setzt, aber  dieses  Buch  sei  zu  schwierig,  und  deshalb  setze  er  seine 
Regeln  auseinander.  Die  letztere  Bemerkung  Oddos  verdient  unsere 
ganz  besondere  Aufmerksamkeit,  da  es  schwer  fällt,  dieselbe  nicht 
auf  die  Geometrie  des  Boethius  zu  beziehen.  Dann  sind  aber  nur 
zwei  Fälle  denkbar.  Entweder  behandeln  wir  Oddo  hier  am  un- 
richtigen Orte,  er  schrieb  vor  Gerbert  und  kannte  die  Geometrie  des 
Boethius,  dann  ist  deren  Echtheit  wieder  mit  einer  gewichtigen 
Stütze    versehen.      Oder    Oddo    lebte    nach    Gerbert,    dann    ist   nicht 


846  40-  Kapitel. 

abzusehen,  wie  er  dessen  balinbrecliende  Thätigkeit  so  ganz  übergeben 
konnte,  falls  er  docb  einmal  gescbicbtlicbe  Bemerkungen  machte, 
wenn  sie  nicht  buchstäblich  wahr  waren,  wenn  es  nicht  allgemein 
bekannt  war,  dass  auf  die  Geometrie  des  Boethius  die  ganze  Lehre 
zurückzuführen  und  Gerbert  nur  der  Erneuerer  sei,  als  welcher 
liadulph  ihn  pries,  und  das  führt  alsdann  zu  denselben  Schlüssen, 
wie  vorher. 

Die  Benennung  der  Einer  und  Zehner  als  Finger-  und  Gelenk- 
zahlen,  der  Kolumnen  als  Bögen,  die  Vereinigung  von  je  drei  Bögen 
zu  einer  mit  einem  grösseren  Bogen  überspannten  Gruppe,  das  Auf- 
treten der  Apices,  das  sind  lauter  Dinge,  die  Oddo  mit  vielen  gemein 
hat.  Die  Zahlennamen  igln  u.  s.  w.  kommen  bei  ihm  nicht  vor,  und 
das  könnte  Anlass  geben,  ihn  für  einen  Zeitgenossen  eines  früheren 
als  des  XII.  S.  zu  halten.  Bei  der  Multiplikation  unterscheidet  er  die 
beiden  Faktoren  als  Summe,  summa,  und  Grundzahl,  fundamentum, 
wovon  jene  oben,  diese  weiter  unten  geschrieben  wird.  Das  Produkt 
kommt  zwischen  beide  Zeilen  zu  stehen^).  Dabei  findet  zwischen 
den  Faktoren  Gegenseitigkeit  statt:  „Mag  man  5  mal  7  oder  7  mal 
5  nehmen,  so  entsteht  XXXV."  Der  Gegensatz  der  Schreibweise  in 
diesem  Satze,  die  Darstellung  einziffriger  Zahlenwerthe  durch  Apices, 
mehrziffriger  durch  römische  Zahlzeichen,  ist  die  naturgemässe  Folge 
des  Nichtvorhandenseins  der  Null,  ohne  welche  die  Apices  die  längste 
Zeit  über  nur  dami  Stellenwerth  erhielten,  wenn  sie  einem  Abacus 
eingezeichnet  waren. 

Ein  einziges  Beispiel  vom  Gegentheil  ist  bis  jetzt  bekannt  ge- 
worden^). In  einer  Handschrift  der  alexandrinischeu  Bibliothek  zu 
Rom,  welche  um  das  Jahr  1200  herum  entstanden  ist,  findet  sich 
nämlich  auf  zwei  eigenthümlichen  kreisrunden  Figuren  eine  ziemliche 
Menge  von  Zahlen,  theils  einziffrige,  theils  zweiziffrige.  Sie  sind  mit 
geringfügigen  Ausnahmen  durch  Apices  geschrieben,  die  zu  diesem 
Zwecke  offenbar  Stellungswerth  erhielten.  Dass  aber  dem 
Schreiber  die  Null  noch  nicht  bekannt  war,  oder,  was  auf  das 
Gleiche  herauskommt,  dass  er  sie  noch  nicht  zu  gebrauchen  wagte, 
geht  mit  Bestimmtheit  daraus  hervor,  dass  mitten  zwischen  den 
Apices  die  römischen  Zeichen  für  X  und  XX  vorkommen. 

Doch  wir    kehren  zu  Oddo    zurück.     Nach  den  Multiplikatioüs- 


')  Summa  vocatur  quod.  in  summitate  arcuum;  fundamentum  atitem  quid- 
quid  r^ferius  dif^ponilur.  Et  quod  ex  utroque  numero  inocedit  viultiplicato  intcr 
duas  Hncas  ponüiir.  '^)  Enrico  Narducci^  Inlorno  ad  un  manuscritto  della 
Bibliotheca  Ahssandrina  contcnenie  gli  apici  di  Boezio  senz'  ahaco  e  con  valore  di 
posizione  in  den  Memorie  deW  Accademia  Reale  dei  Lincei,  Classe  di  scicnze 
fisiche,  matemaiithe  e  natarali.     Serie  .3.    Vol.  1.     Seduta  dell'  8.  aprile  1877. 


Abacisten  und  Algorithmiker.  847 

regeln  gelangt  er  zur  Division  und  untersclieidet ,  wie  wir  es  schon 
bei  Boethius  gefunden  haben,  die  einfache,  die  zusammengesetzte  und 
die  unterbrochene  Division,  je  nachdem  der  Divisor  einstellig  ist, 
mehrstellig  in  aufeinander  folgenden  Kolumnen,  oder  mehrstellig, 
aber  so,  dass  dazwischen  eine  Kolumne  leer  bleibt.  Der  Dividend 
steht  hier  in  der  Mitte,  der  Divisor  oben,  der  Quotient  imten^),  und 
es  ist  nicht  zu  verkennen,  dass  hier  eine  völli«;  gleichmässige  An- 
Ordnung  wie  bei  der  Multiplikation  gewählt  ist,  die  das  Produkt 
zwischen  beide  Faktoren  stellt.  Allerdings  sind  wir  geuöthigt,  die 
Stellung  aus  Oddos  Worterkläruugen  zu  entnehmen,  denn  die  Zeich- 
nung eines  Abacus  kommt  bei  ihm  nicht  vor.  Er  vollzieht  die  Di- 
visionen unmittelbar,  nicht  complementär,  und  überhaupt  fühlt  er 
sich  bei  der  übernommenen  Aufgabe,  die  Division  in  ihren  drei  Fällen 
schriftlich  erklären  zu  müssen,  nicht  wohl.  Schon  bei  der  zusammen- 
gesetzten Division  sagt  er:  „das  Alles  lässt  sich  viel  leichter  mit 
einem  einzigen  Worte  mündlich  als  schriftlich  abmachen"^).  Nach 
der  Division  folgen  die  Brüclie,  d.  h.  wie  immer  Duodecimaltheile 
des  as.  Oddo  prunkt  dabei  mit  einer  gewissen  Gelehrsamkeit,  er  sagt 
dragma  sei  griechisch,  sichel  hebräisch  u.  s.  w.,  eine  Gelehrsamkeit, 
welche  er,  wie  richtig  bemerkt  worden  ist'"),  sich  leicht  in  dem  ety- 
mologischen Werke  des  Isidorus  von  Sevilla  verschaffen  konnte.  Er 
dividirt  sodann  1001  durch  1000  und  verwandelt  die  zunächst  übrig 
bleibende  Einheit  in  immer  kleinere  Bruchtheile,  bis  deren  Anzahl 
1000  übersteigt  und  eine  Fortsetzung  der  Division  zulässt.  Die  Ver- 
wandlung selbst,  aufeinander  folgende  Multiplikationen  erfordernd, 
wird  auf  dem  Abacus  ausgeführt.  Schliesslich  kann  man  freilich 
nicht  weiter  zu  noch  niedrigeren  Einheiten  übergehen.  Da  hört 
denn  auch  die  Division  auf,  und  man  könne  am  Ende  sich  nicht 
wundern,  wenn  bei  den  Bruchtheilen  etwas  übrig  bleibe,  da  auch 
andere  Künste  in  vielen  Punkten  wacklig  seien*). 

„Nur  der  die  Dinge  gemacht  und  bewahrt  mit  schützendem  Walten 
Ist  mit  jedwelcher  Macht  allein  für  vollkommen  zu  halten." 
Herum  vero  partns,  qni  sohis  cuncta  titetur, 
Cum  Sit  cunctipotens,  perfctus  solus  habetur. 

Eine    anonyme    Schrift    über    den    Abacus  •'),    einer    Münchener 
Handschrift    aus    der    Mitte    des    XII.   S.    entstammend    und    folglich 


')  Qiiiclquid  dividendum  est  in  abaco  in  medio  ponitur ;  divisorcs  2^^'(^^P0- 
nuntur;  denominationes  autem,  Iwc  est  partes  divisae  supponmdur.  -)  Quae 
omnia  magis  unicae  vocis  aUoquio  quam  scripta  advertuntur.  *)  Fried  lein  in 
der  Zeitschr.  Math.  Phys.  IX,  326.  *)  Nee  mirandum  est  aliquid  de  minutiis 

superesse,  cum  alias  artes  in  multis  videam  vacillare.     ^)  Abgedruckt  im  Bulldino 


§48  ^^-  Kapitel. 

spätestens  gleichzeitig  mit  Eadulphs  oder  mit  Gerlands  Arbeiten  ent- 
standen, zieht  unsere  Aufmerksamkeit  dadurch  auf  sich,  dass  sie 
einige  Kunstausdrücke  enthält,  mit  welchen  wir  noch  nicht  bekannt 
sind.  Sie  nennt  nämlich  das  unmittelbare  Divisionsverfahren  das 
der  goldenen  Division,  das  complementäre  das  der  eisernen, 
jenes,  weil  es  leicht  zu  verstehen  und  über  die  Annehmlichkeit  des 
Goldes  hinaus  ergötzlich  ist,  dieses  dagegen  weil  es  allzuschwer  ist 
und  gewissermassen  die  Härte  des  Eisens  überbietet').  Die  Apices 
sind  einmal  gezeichnet  und  griechische  Buchstaben  als  mit  ihnen 
abwechselnd  auftretend  genannt,  ähnlich  wie  es  bei  Bernelinus  der 
Fall  war,  und  eine  andere  Aehnlichkeit  mit  diesem  Schriftsteller  be- 
steht darin,  dass  für  6  nicht  der  richtige  griechische  Buchstabe 
angegeben  ist,  allerdings  auch  nicht  2J,  sondern  ein  grosses  latei- 
nisches S.  Weitere  Aehnlichkeiten  mit  Bernelinus  könnten  noch 
darin  gefunden  werden,  dass  im  ganzen  Verlaufe  der  Schrift  die 
Apices  nicht  weiter  benutzt  werden,  dass  kein  Abacus  gezeichnet  ist, 
dass  aber  die  Regeln  mit  ungemeiner  Klarheit  an  Beispielen  erläutert 
werden,  bei  welchen  durchgängig  nur  römische  Zahlzeichen  in  An- 
wendung kommen.  Die  Zahlenbeispiele  selbst  sind  nicht  die  gleichen 
bei  beiden.  In  dieser  Beziehung  sind  überhaupt  die  Abacisteu  sehr 
unabhängig  von  einander. 

Es  ist  uns  nicht  erinnerlich,  dass  irgend  zwei  derselben  in  der 
Benutzung  des  gleichen  Zahlenbeispiels  zusammenträfen.  Dagegen 
ist  uns  ein  Beispiel  Gerlands  in  seiner  ganzen  Einkleidung  bei  einem 
Algorithmiker  begegnet,  welcher  spätestens  am  Ende  des  XII.  S. 
gelebt  hat. 

Unter  Algorithmikern  verstehen  wir  diejenigen  Schriftsteller, 
welche  ihre  unmittelbare  Abhängigkeit  von  arabischen  Vorbildern 
durch  Vorkommen  des  bald  missverstandenen  Wortes  algorithmus, 
durch  Anwendung  des  Stellenwerthes  der  Ziffern  mit  Einschluss  der 
Null,  durch  Nichtanwendung  des  Abacus,  durch  den  beiden  letzten 
Eigenthümlichkeiten  entsprechende  Rechnungsverfahren  an  den  Tag 
legen.  Wozu  indessen  in  allgemeinen  Sätzen  die  Erkennungszeichen 
algorithmischer  Schriften  erörtern,  deren  beide  hervorragendsten  wir 
in  früheren  Kapiteln  einzeln  besprochen  haben,  die  lateinische 
Uebersetzung  des  Rechenbuches  des  Muhammed  ihn  Müsä 
Alchwarizmi     (S.    671    flgg.)     und    die     an     dasselbe     Werk    sich 


Boncompafjni  X,  607— G25.     Ueber    die  Handschrift    vergl.    Treutlein    ebenda 
pag.  591  unter  2. 

')  Ebendd.  pag.  609:  Bicuntur  aurcae  divisiones  eo  quod  ad  intelligendum 
faciles  et  super  auri  gratiam  sint'  deledabiks;  sicut  contra  ferreae  que  sunt 
nimis  graves  quasi  ferri  duriciam  prcponderantcs. 


n 


Abacisten  und  Algorithmiker.  849 

anlehnende  ausführliclie  Schrift  des  Johannes  von  Sevilla 
(S.  751  flg.)? 

Wir  müssen  einen  Blick  auf  die  allgemeinen  Verhältnisse  werfen, 
welche  die  Entstehung  dieser  Uebersetzungen  hegleiteten.  Gerbert 
war  für  uns  am  Ende  des  X.  S.  vor  allen  Dingen  der  glänzende 
Lehrer  gewesen,  der  den  Unterricht  in  den  mathematischen  Wissen- 
schaften, so  viel  oder  wenig  aus  römischen  Quellen  ihm  davon  zur 
Kenntniss  gelangt  war,  neu  belebte.  Auch  der  Geschichte  der 
Philosophie  gehört  der  Philosoph  auf  dem  Stuhle  St.  Peters  an^). 
Nicht  bloss  das  Rechnen  auf  dem  Abacus  wurde  von  seinen  Schülern, 
als  sie  selbst  zu  Lehrern  geworden  waren,  über  Frankreich,  Deutsch- 
land und  Itahen  verbreitet,  von  wo  sie  einst  zu  den  Füssen  des 
Rheimser  Stiftslehrers  gepilgert  waren,  es  machte  überhaupt  um  die 
Mitte  des  XL  S.  ein  neuer  Aufschwung  des  wissenschaftlichen  Denkens 
sich  geltend.  Laiifrank,  am  Anfang  des  Jahrhunderts  in  Pavia  ge- 
boren, in  Frankreich  herangebildet,  führte  die  Dialektik  in  die  Theo- 
logie ein  und  Hess  den  Sinn  für  aristotelische  Schriften  erstarken. 
Freilich  kannte  man  sie  zunächst  nur  aus  Bearbeitungen  des  Boethius, 
aber  da  und  dort  waren  doch  immer  einzelne  Männer  zu  finden, 
welchen  das  Griechische  geläufig  genug  war,  ihnen  zu  gestatten,  die 
Urquelle  aufzusuchen,  und  so  entstanden  jetzt  schon  einige  wenige 
neuere  Uebersetzungen.  Die  dadurch  genährte  und  wachsende  Nei- 
gung mit  Allem  bekannt  zu  werden,  was  Aristoteles,  dessen  Name 
mehr  und  mehr  den  Inbegriff  aller  Wissenschaft  darstellte,  geschrieben 
hatte,  trat  besonders  in  zwei  Ländern  hervor:  in  England,  wohin 
Lanfrank  als  Erzbischof  von  Canterbury  gekommen  war,  und  in 
Italien,  wo  gleichfalls  eine  bestimmte  Persönlichkeit,  Anselm  der 
Peripatetiker,  nicht  zu  verwechseln  mit  dem  Bruder  Radulphs  von 
Laon,  den  geistigen  Mittelpunkt  der  neuen  Bewegung  bildete.  Deutsch- 
land betheiligte  sich  erst,  nachdem,  man  kann  fast  sagen,  Missions- 
reisende für  die  dialektischen  Studien  es  durchzogen  hatten,  wozu 
eben  jener  Anselm  der  Peripatetiker  gehörte. 

Aber  wie  sollte  man  die  Begierde  nach  der  Kenntniss  aristo- 
telischer Schriften  stillen?  Griechische  Texte  waren  nur  in  seltensten 
Handschriften  zugänglich.  Man  erfuhr,  dass  die  Araber  eifrige  Philo- 
sophen waren,  dass  auch  sie  keinen  der  Alten  höher  schätzten,  als 
Aristoteles,  dass  bei  ihnen  Uebersetzungen  und  Erläuterungen  in 
Menge  zu  finden  waren.  Arabisches  war  schon  früher,  jedenfalls 
schon  am  Ende    des    X.  S.    ins  Lateinische    übersetzt    worden.     Wir 


*)  Herrn.  Reuter,  Geschichte  der  religiösen  Aufklärung  im  Mittelalter  I, 
78  &gg.     Berlin,  1875. 

Cantor,  Geschichte  der  Mathematik  I.    2.  Aufl.  54 


850  40.  Kapitel. 

erinnern  an  die  Uebersetzungen  astronomisclier  Schriften,  welche 
Lupitus  von  Barcelona  angefertigt,  Gerbert  zu  besitzen  gewünscht 
hat,  wir  erinnern  an  die  Vorlage  Hermann  des  Lahmen  für  seine 
Bücher  über  das  Astrolabium.  Wir  bemerken  bei  dieser  Gelegenheit, 
dass  wir  somit  es  keineswegs  an  sich  für  unmöglich  halten,  dass 
Gerbert  bei  seinem  Aufenthalt  in  der  spanischen  Mark  durch  Ueber- 
setzungen  auch  mit  arabischer  Rechenkunst  hätte  bekannt  werden 
können,  sondern  dass  wir  nur  durch  den  allerdings  entscheidenden 
Umstand  bewogen  sind,  diese  Kenntniss  in  Abrede  zu  stellen,  dass 
gar  nichts  zwischen  Gerbert  und  den  Arabern  gemein  ist,  durchaus 
gar  nichts  in  der  Anordnung  wie  in  der  Ausführung  der  Rechnungen 
als  nur  neun  Ziffern  ohne  das  zehnte  Zeichen  der  Null,  und  dass 
diese  Gemeinschaft  sich  uns  hinreichend  mittels  der  Geometrie  des 
Boethius  erklärt,  während  jeder  andere  Erkläruugsversucli  an  der 
verhältnissmässigen  Geringfügigkeit  des  Gemeii^chaftlichen  neben 
den  weit  überwiegenden  Verschiedenheiten  scheitert. 

Jetzt  suchte  man,  etwa  vom  Jahre  1100  an,  noch  mehr  der 
arabischen  Bearbeitungen  griechischer  Schriftsteller  habhaft  zu  werden 
und  sie  in  das  Lateinische  zu  übertragen.  Dazu  kommt  ein  anderer 
Umstand,  der,  scheint  es  uns,  nicht  übersehen  werden  darf,  wenn  es 
sich  darum  handelt,  ein  geistiges  Bild  jeuer  Zeit  zu  entwerfen  und 
die  niehr  und  mehr  sich  geltend  machende  Einwirkung  arabischer 
Wissenschaft  auf  das  Abendland  zu  schildern.  Mit  dem  Jahre  1100 
beginnen  die  Kreuzzüge.  Jeder  wissenschaftliche  Zweck  war  den- 
selben fremd,  aber  wissenschaftliche  Erfolge  haben  sie  gehabt.  Wir 
haben  (S.  733)  berührt,  dass  die  Kreuzfahrer  im  Oriente  auf  eine 
ihnen  überlegene  Bildung  stiessen,  dass  zwei  Jahrhunderte  lang  der 
Verkehr  ein  meistens  feindlicher,  aber  in  längeren  Pausen  auch  ein 
nachbarlich  freundlicher  war.  Wie  ehedem  nestorianische  Christen 
die  Aerzte  der  Chalifeu  gewesen  waren  und  zur  Einführung  griechi- 
scher Wissenschaft  unter  die  Araber  das  meiste  beigetragen  haben, 
so  bildete  jetzt  wieder  medizinisches  und  astrologisches  Wissen  den 
Freipass,  auf  welchen  hin  arabische  und  jüdische  in  arabischer  Schu- 
lung gebildete  Aerzte  und  Sterndeuter  an  den  christlichen  Höfen  er- 
schienen. Sie  kamen  von  Osten  her,  aber  auch  Spanien  stellte  seine 
Männer,  und  Sicilien  lieferte  für  ganz  Unteritalien  im  XH.  und  mehr 
noch  im  XHL  S.  den  belebenden  geistigen  Sauerstoff. 

Für  Italien  waren  die  Kreuzzüge  noch  in  mehreren  anderen  Be- 
ziehungen  von    nicht  zu    unterschätzenden  Folgen^).     Die  Menschen- 


^)De  Choiseul-Daillecourt,    De  l'influence  des  croisades  sur  Vetat  des 
peuples  de  VEurope.     Paris,  1809. 


Abacisten  und  Algorithmiker.  851 

masse,  welche  in  den  Kreuzzügen  sich  nach  Osten  wälzte,  die  Einen 
getrieben  von  heiligem  Glaubenseifer,  die  Anderen  beseelt  von  dem 
Wunsche  die  äusseren  Vortheile  zu  geniessen,  zu  welchen  die  Kreuz- 
nahme  berechtigte,  die  Dritten  mit  fortgerissen  von  dem  allgemeinen 
Zuge,  bezifferte  sich  auf  viele  Millionen.  Die  meisten  nahmen  ihren 
Weg  über  Italien;  nicht  wenige  kehrten  bis  dahin,  aber  auch  nur 
bis  dahin  zurück.  Der  kaufmännische  Geist  der  Italiener  wusste  aus 
dieser  Strömung  vielfach  Nutzen  zu  ziehen.  Italiener  —  Lombarden 
wie  mau  sie  gewöhnlich  nannte  —  erschienen  in  den  Mittelpunkten, 
wo  Kreuzfahrer  sich  sammelten,  boten  gegen  werthvolles  Pfand  und 
hohen  Zins  ihre  Geldhilfe  an,  welche  gern  in  Anspruch  genommen 
ihnen  gestattete,  aus  dem  Gewinne  ganze  Strassen  zu  bauen,  die  bis 
auf  den  heutigen  Tag  sich  nach  ihnen  beneniien.  Die  zurückkehren- 
den Kreuzfahrer  Hessen  sich  nicht  minder  ausnutzen.  Sie  brachten 
Beutestücke  mit,  die  sie  in  Geld  umsetzten,  um  den  üppigeren  Nei- 
gungen zu  genügen,  welche  sie  insbesondere  in  Bezug  "auf  Speisen 
und  Kleidung  angenommen  hatten.  Und  wieder  waren  es  die  Italiener, 
die  vorzugsweise  es  auszubeuten  wussten,  dass  die  Gewürze,  die  Seide 
des  Orients  zu  Lebensbedürfnissen  geworden  waren.  An  der  Nord- 
küste Afrikas,  wie  in  Aegypten,  wie  an  dem  Strande  des  ehemaligen 
Tyrus  entstanden  italienische  Handelsplätze,  überall  in  nächster  Be- 
ziehung zu  arabischen  Kaufleuten  und,  wie  wir  (S.  758)  schon  an- 
gedeutet haben,  hier  nicht  ohne  Einfluss  auf  das  Wissen  derselben, 
andrerseits  jedenfalls  auch  von  ihnen  Samen  erhaltend,  dessen  Keimen 
wir  im  nächsten  Bande  dieses  Werkes  verfolgen  müssen,  wenn  wir 
in  den  reichen  italienischen  Städten  uns  umsehen,  deren  Bürger  die 
Feder  nicht  bloss  zum  Eintrag  gewinnbringender  Handelsgeschäfte 
in  ihre  kaufmäunisch  geführten  Bücher,  sondern  auch  zu  streng 
wissenschaftlichen  Arbeiten  zu  benutzen  wussten  und  sich  zu  Trägern 
mathematischer  Fortentwicklung  machten. 

Wir  haben  einen  der  ersten  Schrif steller,  der  nachweislich  mit 
der  Uebersetzung  mathematischer  Schriften  aus  dem  Arabischen  sich 
beschäftigte,  schon  einigemal  genannt:  Atelhart  von  Bath^).  Sein 
Hauptwerk  „Fragen  aus  der  Natur"  enthält  Bemerkungen,  welche 
vermöge  der  Persönlichkeiten,  auf  die  sie  sich  beziehen,  nur  in  den 
ersten  30  Jahren  des  XII.  S.  niedergeschrieben  sein  können,  und  so- 
mit zur  Feststellung  der  Lebenszeit  ihres  Verfassers  führten.  Atel- 
hart hat,  um  zur  Kenntniss  der  arabischen  Sprache  zu  gelangen,  weite 
Reisen  gemacht.     Er  ist  in  Kleinasien,  in  Aegypten,    in  Spanien  ge- 


^)  Jourdain,    Reclierches   sur  les   anciennes   iraductions    latines  (VAristote 
(2ieme  Edition)  pag.  27,  97—99,  258—277. 

54* 


852  40.  Kapitel. 

wesen,  überall  die  gleichen  wissenschaftliclien  Zwecke  verfolgend  und 
um  ihretwillen  tausend  Gefahren  trotzend.  Wir  wissen  schon,  dass 
Atelhart  die  astronomischen  Tafeln  des  Muhammed  ihn  Müsa  Alchwa- 
rizmi  übersetzt  hat,  dass  von  ihm  eine  lateinische  Bearbeitung  der 
euklidischen  Elemente  \)  nach  dem  Arabischen  herrührt  (S.  670).  Ob 
Atelhart  es  war,  welcher  die  Uebersetzung  des  Rechenbuches  Alchwa- 
rizmis  anfertigte,  konnte  nicht  mit  Bestimmtheit  festgestellt  werden. 
Merkwürdig  wäre  es  um  deswillen,  weil  Atelhart  auch  über  den 
Abacus  geschrieben  hat  (S.  836)  und  somit  Abacist  und  Algorithmiker 
in  einer  Person  wäre. 

Als  Schüler  Atelharts  bezeichnet  sich  selbst  Ocreat  der  Ver- 
fasser eines  Auszuges  aus  einer  arabischen  Schrift  über  Multipli- 
kation und  Division  in  den  Einleitungsworten:  Prologus  H.  Ocreati 
in  Helceph  ad  Adelhardum  Baiotensem  magistrum  simm^).  Man  möchte 
zunächst  an  Atelhart  von  Bath  als  Lehrer  denken.  Dann  müsste  es 
aber  Adelhardum  Bathonensem  heissen.  Die  Form  Baiotejisem  zwingt 
einen  im  übrigen  unbekannten  Atelhart  von  Bayeux  anzunehmen. 
Ferner  hat  man  in  Helceph  den  Namen  des  arabischen  Schriftstellers 
erkennen  wollen,  von  welchem  die  durch  Ocreatus  (der  Gestiefelte?)^) 
ausgezogene  Abhandlung  herrührte.  Man  ist  jedoch  zu  der  nach- 
träglichen sehr  anmutheuden  Meinung  gekommen,  es  sei  Helceph  die 
Verketzerung  von  AI  hdfi,  die  genügende  Untersuchung,  und  Ocrea- 
tus' Vorlage  sei  ähnlich  betitelt  gewesen  wie  die  Schrift  Alkarchi's, 
von  der  wir  unter  dem  Namen  AI  Mß  fil  liisdh  gehandelt  haben 
(S.  718  flg.)-  Wir  erinnern  uns,  dass  wir  dem  Auszuge  Ocreatus' 
(S.  404)  die  Bemerkung  entnahmen,  Nikomachus  habe  das  Quadrat 
a-  mittels  emer  Art  complementärer  Multiplikation  sich  zu  verschaffen 
gewusst.  Ob  diese  Angabe  der  arabischen  Vorlage  entstammt,  ob 
sie  durch  Ocreatus  etwa  einer  damals  noch  vorhandenen  Bearbeitung 
des  Nikomachus  von  Appuleius  entnommen  wurde,  ist  durchaus  nicht 
zu  entscheiden.  Ein  Johannes  Ocreatus  wird  in  dem  englischen 
Handschriftenkataloge  als  Euklidübersetzer  genannt.  Ob  dieses  auf 
einem  Missverständnisse  beruht,  wäre  an  Ort  und  Stelle  zu  untersuchen^). 


')  Vergl.  darüber  einen  Aufsatz  von  Weissenborn  in  dem  Supplemeut- 
hefte  zur  historisch-literarischen  Abtheilung  der  Zeitschr.  Math.  Phys.  Bd.  XXV 
(1880).  ^)  Jourdain  1.  c.  pag.  99,  Anmerkung  1  hat  auf  diese  in  einer  Pariser 
Handschrift  des  XIII.  S.  enthaltene  Abhandlung  hingewiesen.  Zum  Abdrucke 
gelangte  sie  im  Supplementhefte  der  histor.-literar.  Abthlg.  Zeitschr.  Math.  Phys. 
Bd.  XXV  (1880)  mit  einer  Einleitung  von  C.  Henry,  welcher  wir  die  von  L. 
Rodet  herstammende  im  Texte  folgende  Vermuthung  über  Helceph  ent- 
nehmen. ^)  Auf  diese  mögliche  Bedeutung  des  Namens  hat  uns  W.  Watten - 
baeb  aufmerksam  gemacht.     *)  Catalog.  Mss.  Angl.  Tom.  II  pag.  247  Nr.  8639. 


Abacisten  und  Algorithmiker.  853 

Am  Anfange  des  XII.  S.  lebte  auch  Plato  von  Tivoli  oder 
Plato  Tiburtinus^),  der  Uebersetzer  des  Albattuni,  durch  welchen, 
wie  man  früher  annahm,  das  Wort  Sinus  (S.  693)  in  die  Trigonometrie 
eingeführt  worden  sei.  Ausser  Albattänis  Astronomie  hat  Plato  auch 
verschiedene  astrologische  Schriften  übersetzt.  Eine  derselben  unter  dem 
Titel:  Astrologische  Aj^horismen  von  oder  an  Almansür  hat  Plato  in 
Barcelona  angefertigt  und  im  Jahre  530  der  Hidschra,  d.  h.  1136  n.  Chr. 
beendigt'-).  Auch  eine  aus  dem  Hebräischen  des  Abraham  Savasorda 
durch  Plato  übersetzte  praktische  Geometrie,  welche  in  mehrfachen 
Handschriften  vorhanden  ist,  trägt  ein  Datum  510  arabischer  Zeit- 
rechnung d.  h.  also  1116  und  ist  als  ältestes  Zeugniss  seiner  Wirk- 
samkeit aufgefasst  worden.  Andrerseits  ist  die  Zuverlässigkeit  dieser 
Zeitangalje  trotz  der  Uebereinstimmung  der  Handschriften  in  dieser 
Beziehung  angezweifelt  worden^),  weil  Savasorda,  von  welchem  ver- 
schiedene geometrische  Schriften  sich  erhalten  haben,  in  welchen  es 
an  gegenseitigen  Beziehungen  nicht  fehlt,  sich  niemals  auf  jene  prak- 
tische Geometrie  beruft,  welche,  wenn  das  Datum  der  Uebersetzung 
bereits  1116  wäre,  sicherlich  seine  älteste  Arbeit  sein  müsste  und 
ihrem  Inhalte  nach  keineswegs  verdient  verleugnet  zu  werden.  Die 
mathematisch  wichtigste  Schrift,  welche  Plato  aus  dem  Arabischen 
übersetzt  hat,  ist  die  Sphärik  des  Theodosius. 

Noch  ein  Uebersetzer,  an  welchen  wir  uns  zu  erinnern  haben, 
ist  Gerhard  von  Cremona*).  Zufolge  einer  sehr  alten  biographi- 
schen Notiz  über  denselben  ist  Gerhard  1114  in  Cremona  geboren, 
wurde  frühzeitig  von  philosophischen  Studien  angezogen  und  fand 
insbesondere  an  der  Astronomie  seine  Freude.  Das  Bedauern,  der 
grossen  Zusammenstellung  des  Ptolemäus  nicht  habhaft  werden  zu 
können,  vereinigt  mit  der,  wir  wissen  nicht  wie,  erlangten  Kenntniss, 
dass  dieses  Werk  in  arabischer  Sprache  vorhanden  sei,  führte  Gerhard 
nach  Toledo,  wo  er  1175  die  Uebersetzung  des  Almagestes  aus  dem 
Arabischen  in  das  Lateinische  vollendete^).  Aber  das  war,  wenn  auch 
die  Veranlassung,  doch  keineswegs  die  einzige  Frucht  seines  Toledoer 
Aufenthaltes.  Eine  fast  unglaublich  grosse  Menge  von  Schriften  aller 
Art    wird  uns   genannt,   welche  Gerhard  aus   dem  Arabischen  in  das 


Wüstenfeld,    Die    Uebersetzungen    arabischer   Werke    in    das    Lateinische 
Seite  23. 

^)  B.  Boncompagni,  Delle  versioni  fatte  da  Piatone  Tiburtino  traduttore 
del  secolo  duodecimo.  Roma,  1851.  ^)  Vergl.  Steinschneider  in  der  Zeitschr. 
Math.  Phys.  Bd.  XII,  S.  26.  ^)  Ebenda  S.  18.  *)  B.  Boncompagni,  Della 
vita  e  delle  opere  di  Gherardo  Cremonese  traduttore  del  secolo  duodecimo  e  di 
Gherardo  da  Sabbionetta  astronomo  del  secolo  decimoterzo.  Roma,  1851.  *)  Ebenda 
pag.  18. 


854  4=0.  Kapitel. 

Lateinisclie  übertrugt),  so  dass  wir  unter  Erwägung  des  Todesjahres 
Gerhards,  welches  auf  1187  fiel,  kaum  annehmen  dürfen,  dass  alle 
seine  Uebersetzungen  erst  nach  der  des  Almagestes  angefertigt 
worden  sein  sollten.  Unter  den  mathematischen  Schriften,  welche 
Gerhard  bearbeitet  haben  soll,  sind  15  Bücher  des  Euklid  genannt, 
jedenfalls  seine  Elemente  und  die  beiden  Bücher,  welche  lange  als 
14.  und  15.  Buch  mitgeschleppt  wurden.  Genannt  wird  Euklids 
Buch  der  gegebenen  Dinge,  die  Sphärik  des  Theodosius,  ein  Werk 
des  Menelaus.  Daneben  geometrische  Schriften  von  arabischen  Ver- 
fassern, von  den  drei  Brüdern,  von  Täbit,  aber  auch  die  Algebra  des 
Alch warizmi  ^).  Da  Gerhard,  wie  wir  wissen,  eine  Algebra  übersetzt 
hat  (S.  754),  welche  erhalten  ist  und  als  von  der  des  Muhammed  ihn 
Müsä  verschieden  sich  erwies,  so  ist  entweder  in  jener  alten  Notiz 
ein  kleiner  Irrthum  vorhanden,  oder  wir  müssen  annehmen,  Gerhard 
habe  neben  der  Algebra  des  Muhammed  ihn  Müsä  auch  jene  andere 
vollkommnere  übersetzt,  die  nur  in  dem  genannten  Verzeichnisse 
fehle,  eine  Annahme,  welche  darin  ihre  Stütze  findet,  dass  jenes  Ver- 
zeichniss  auch  sonst  nicht  ganz  vollständig  ist  und  medizinische 
Schriften  des  Räzi,  des  Ibn  Sina,  des  Albucasis  vermissen  lässt,  von 
deren  Uebersetzung  durch  Gerhard  uns  anderweitig  berichtet  wird'^). 
Vielleicht  darf  man  darauf  gestützt  auch  einen  Algorithmus  des 
Meister  Gerhard,  der  handschriftlich  in  London  sich  befindet^), 
unserem  Gerhard  von  Cremona  überweisen.  Das  wäre  alsdann  der 
erste  Algorithmus  von  bekanntem  abendländischem  Verfasser,  den 
wir  zu  nennen  hätten. 

Auch  Rudolf  von  Brügge,  der  im  Jahre  1144  das  Plani- 
sphärium  des  Ptolemäus  nebst  den  Erläuterungen  eines  gewissen 
Molsem  dazu  bearbeitete^),  gehört  unter  die  Uebersetzer  des    XII.   S. 

Den  Algorithmus  des  Johannes  von  Sevilla  müssen  wir 
wiederholt  an  dieser  Stelle  in  Erinnerung  bringen ,  um  nochmals 
einige  Einzelheiten  zu  betonen,  die,  wenn  auch  nicht  so  wesentlich 
wie  das  Vorkommen  des  Wortes  Algorithmus,  der  Null")  und  da- 
gegen das  Nichtvorkommeu  eines  Abacus,  doch  als  kennzeichnend 
genug  sich  erweisen,  um  sofort  die  Verschiedenheit  der  Quellen  für 
Abacisten  und  Algorithmiker  hervortreten  zu  lassen.  Der  Algorith- 
raiker  nennt  die  Inder,  der  Abacist  nicht.  Der  Algorithmiker  schildert 
Verdoppelung   und    Zweitheilung   als    besondere  Rechnungsverfahren, 

^)  B.  Boncompagni,  Gherardo  Crem.  pag.  4—7  und  12.  '^)  Ebenda  pag.  5: 
Lihcr  alchourismi  de  iebra  et  ahnucahula  tractatus  I.  ^)  Ebenda  pag.  12. 
*)  Ebenda  pag.  57.  ^)  Chasles,  Apergu  Mst.  pag.  511,  deutsch  S.  595.  ")  Wie 
langsam  übrigens  die  Null  sich  einbürgerte  vergl.  Wattenbach,  Anleitung 
zur  lateinischen  Palaeographie.    4.  Auflage.     Leipzig,  1886.    S.  104. 


Abacisten  und  AJgorithmiker.  855 

bevor  er  zur  Multiplikation  und  Division  übergeht,  der  Abacist  nielit. 
Der  Algorithmiker  lehrt  Wurzelausziehungen,  der  Abacist  nicht.  Der 
Algorithmiker  benutzt  Sexagesimalbrüche  nach  indischem,  der  Abacist 
Duodecimalbrüche  nach  römischem  Vorbilde.  Allen  diesen  Ver- 
schiedenheiten gegenüber,  zu  welchen  wir  noch  beifügen  können,  dass 
die  Zahlwörter  igin  u.  s.  w.,  welche  bei  Abacisten  vorkommen,  bei 
Algorithmikern,  so  viel  wir  wissen,  nie  gefunden  worden  sind,  ist 
es  nur  die  üebersetzung  von  Einer  und  Zehner  durch  digitus  und 
articulus,  welche  Algorithmikern  und  Abacisten  gemeinsam  ist.  Aber 
wir  wiederholen  hier,  was.  wir  früher  gesagt  haben  (S.  754),  der 
Algorithmiker  bediente  sich  dieser  Wörter,  weil  nur  sie  in  seiner 
Zeit  landläufige  waren.  Er  dachte  dabei  so  wenig  an  üebernahme 
von  Ausdrücken  aus  einem  ganz  anderen  Gedanken-  und  Bildungs- 
kreise, wie  da  wo  er  irgend  eines  Zahlwortes  sich  bediente.  Ihm 
hiess  digitus  Einer,  articulus  Zehner  genau  mit  der  gleichen  Unbe- 
fangenheit wie  Septem  sieben,  viginti  zwanzig.  Es  gab  ihm  in  latei- 
nischer Sprache  keine  anderen  Wörter  für  diese  Begriffe  als  die  ge- 
nannten, und  er  fühlte  sich  weder  verpflichtet,  noch  berechtigt,  neue 
Wörter  einzuführen,  wo  es  nur  um  alte  Begriffe  sich  handelte.  Der 
Algorithmiker  stellt,  das  bleibt  unter  allen  Umständen  wahr,  eine 
spätere  Entwicklung  dar  als  der  Abacist,  und  hat,  wenn  Aehnlich- 
keiten  auch  anderer  Art  auftreten,  sicherlich  aus  seinen  abendländi- 
schen Vorgängern  geschöpft. 

Ein  Beispiel  solcher  Art  scheint  ein  Algorithmus  zu  gewähren,* 
der  einer  nicht  später  als  1200  geschriebenen  früheren  Salemer,  jetzt 
Heidelberger  Handschrift  entstammt^).  Er  enthält  die  sämmtlichen 
wesentlichen  Merkmale  der  Algorithmiker,  aber  darüber  hinaus  die 
complementäre  Multiplikation^)  fast  in  derselben  Form,  wie 
wir  sie  früher  (S.  492)  hauptsächlich  der  Aehnlichkeit  des  Gedankens 
mit  der  complementären  Divison  wegen  als  römischen  Ursprunges 
vermuthet  haben.  „Ziehe,  so  schreibt  der  Verfasser  vor,  die  Differenz 
des  einen  Faktors  von  dem  anderen  Faktor  ab,  der  Rest  gibt  die 
Zehner,  dann  multiplizire  die  Difierenzen  beider  Faktoren  mit  ein- 
ander, und  Du  hast  die  Summe  der  ganzen  Zahl.''  Wir  haben  frei- 
lich diese  complementäre  Multiplikation,  die  der  Formel 

a  •  &  =  10  (a  -  (10  -  h))  +  (10  -  d)  ■  (10  —  h) 
gehorcht,  bei  keinem  älteren  Schriftsteller,  weder  bei  irgend  einem 
Abacisten  noch  bei  einem  Araber  gefunden,   nur  Ocreatus  Regel  des 
Nikoraachus    ist   ihr    einigermassen   verwandt,    aber   um   so    gewisser 
scheint  es  uns,   dass  nur  ein  römisch  gebildeter  Rechner  sich   ihrer 

1)  Abgedruckt  in  der  Zeitschr.  Math.  Phys.  X,  1—16.     ^)  Ebenda  S.  5. 


856  40.  Kapitel. 

bedienen  konnte.  Darin  beirrt  uns  auch  der  Umstand  nicht,  dass 
die  complementäre  Division  bei  unserem  Verfasser  nicht  Eingang 
gefunden  hat.  Wohl  fand  solchen,  wie  schon  (S.  848)  angekündigt, 
ein  Rechenbeispiel  Gerlands.  Gerland  stellt  die  Aufgabe:  unter  elf 
Krämer  die  Summe  von  100  Mark  zu  vertheilen^)  und  findet  als 
Quotient  9  nebst  Bruchtheilen,  die  in  den  bekannten  duodecimalen 
Untereinheiten  ausgesprochen  werden.  Unser  Algorithmiker  hat  die 
Division  von  100  Librae  durch  11  vollzogen  und  jeder  Theilhaber 
ist  ihm  ein  Krämer,  institor^y  Die  eine  bei  der  Division  übrig- 
bleibende libra  verwandelt  er  nun  freilich  nicht  in  Zwölftel,  sondern 
er  setzt  sie  gleich  40  solidi.  Der  weitere  Rest  von  7  solidi  wird  in 
nummi  verwandelt,  deren  12  einen  solidus  ausmachen.  Wieder  bleiben 
bei  der  Division  7  nummi  übrig,  und  für  diese  solle  man  Eier  kaufen, 
deren  die  Krämer  bei  der  Mahlzeit  sich  erfreuen  werden.  Für  jeden 
nummns  erhält  man  13  Eier,  im  Ganzen  also  91,  und  theilt  man 
auch  diese  wieder  durch  11,  so  bleibt  abermals  ein  Rest  von  3  Eiern. 
Die  soll  man  dem  zum  Lohne  geben,  der  die  Theilung  vollzogen  hat, 
oder  sie  gegen  Salz  umtauschen,  welches  vermuthlich  zu  den  Eiern 
gegessen  werden  soll. 

Andere  Algorithmiker  aus  der  Zeit,  welche  wir  hier  besprechen, 
also  bis  etwa  zum  Jahre  1200,  sind  gewiss  noch  mannigfach  in  hand- 
schriftlichen Texten  vorhanden,  aber  im  Drucke  nicht  veröffentlicht 
worden.  Spätere  Schriften  der  gleichen  Natur  müssen  wir  zur  Be- 
'handlung  uns  aufbewahren,  wenn  wir  das  XIII.  S.  zu  schildern  haben 
werden,  und  mit  noch  späteren  Perioden  fällt  erst  die  Erinnerung 
an  den  Ursprung  des  Abacus  zusammen,  die  z.  B.  in  Bildwerken  aus 
dem  Jahre  1500  etwa  nachzuweisen  wäre. 

Wir  schliessen  hier  unsere  Darstellung  zunächst  ab.  Das  Jahr 
1200  ist  für  die  Geschichte  der  europäischen  Mathematik  ein  allzu- 
wichtiges, um  nicht  durch  das  Ende  eines  Bandes  ihm  auch  äusser- 
lich  die  Bedeutung  beizulegen,  welche  es  verdient.  Mit  dem  Jahre 
1200  ist  das  christliche  Abendland  im  Besitze  der  Rechenkunst  aus 
den  verschiedensten  Quellen,  im  Besitze  der  Null  und  des  durch  sie 
ermöglichten  vollen  Stellenwerthes  der  Ziffern.  Die  Algebra  als 
Lehre  von  den  Gleichungen  ersten  und  zweiten  Grades  ist  durch 
Gerhard  von  Cremona  zugänglich  geworden.  Die  Geometrie  des 
Euklid,  die  Astronomie  des  Ptolemäus,  Schriften  des  Theodosius,  des 
Menelaus  sind  in  lateinischen  Uebersetzungen  vorhanden.  Das  Be- 
wusstsein,    wo   weitere    griechische   Schriften  erhaltbar  sein  müssen. 


^)  Bulletino  Boncompagni   X ,    604 :    Sint  XI  institores  et  dividantur  inter 
eos  G  marcae.     ^)  Zeitschr.  Math.  Phys.  X,  7:  Exemplum  Ubrarum  G. 


Abacisten  und  Algorithmiker.  857 

die  zum  voraas  begründete  Wertliscliätzung  derselben  macht  sich 
mehr  und  mehr  geltend.  In  diesem  Augenblicke  auftretende  mathe- 
matische Geister  trafen  in  eine  glückliche  Zeit.  Zum  ersten  Male 
war  ihnen  wieder  genügender  Stoff  gegeben,  mit  welchem  ihre  Er- 
findungsgabe sich  beschäftigen,  von  welchem  aus  sie  wesentliche  Fort- 
schritte machen  konnten.  Und  wie  das  im  Winde  fliegende  Samen- 
körn  meistens  ein  Fleckchen  Erde  findet,  in  welchem  es  sich  ent- 
wickelt, so  hat  die  Schöpfungskraft  dafür  gesorgt,  dass  kaum  jemals 
Gedanken  zu  Grunde  gehen,  die  dem  geistigen  Luftzuge  einmal  an- 
gehören. Es  finden  sich  zur  rechten  Zeit  die  rechten  Mümier.  Zwei 
Namen  seien  hier  ankündigend  genannt,  welche  die  Träger  der  neu 
sich  entfaltenden  Wissenschaft  für  uns  werden:  Leonardo  der 
Pisauer  und  Jordanus  Nemorarius. 


Register. 


Aasuchet  21. 

Abacist  476.  798  824  -  848.  852.  854.  855 

Ähacista  479    798.  842.  843 

Abacizare  843 

Äbacus  49  —  51.  93-95.  120—124.  305 
411.  493.  494.  527.  542  .543.  545.  548 
550.  551.  569.  628—629.  675.  739.  757 
758.  773.  789.  791.  792.  798.  800  —  802 
816—818.  819.  824  825  826.  827.  828 
831.  834.  835.  836.  837  838.  839.  842 
843.  844.  845  846  847.  848.  849.  854 
856. 

Äbacus  in  Graeco  305. 

Abax  120—121. 

Abbasiden  654.  655.  664. 

Ahbo  von  Fleury  795—797. 

Abel  Arrahmän  664.  746. 

Abd  Arrahmän  III  747. 

'Abd  AlmeUk  434.  654. 

Abdera  178. 

Abelard  835. 

Abmessung,  grössere,  durch  ein  Kunstwort 
benannt  58.  365.  394.  684    838. 

Abraham,  der  Patriarch   48.  85.  86.  96. 

Abraham  Snvasorda  778. 

Abschnitt  361.  369. 

Abu  Dscha'fnr  Alchäzin  729. 

Abuäsched  666. 

AbiA,  Gälib  718. 

Abu  Hanifa  717. 

Abu  Hasan  660. 

Abu  Jaküb  Ishäk  ibn  Hanein  661. 

AbiVl  Äbbäs  Fadl  ibn  Hätim  659. 

Abü'l  Abbäs  654. 

Abü'l  Bschüd  714-716    729.  742. 

Abulpharogius  247  434  469.  470.  659. 
687.  698. 

Ahu'l  Wafä  662  698—704  709.  718. 
719.  742    743    749. 

Abu  Mi'tsd  Dschäbir  679. 

Abu  Sahl  ben  Tamim  563, 

Abu  Schudschu  'Büjeh  698. 

Abzügliche  Zahlen  441 

Achteck  363.  372—373.  520.  545.   814. 

Achterprobe  759. 

Agoka  556.  563. 


Agvaläyana  596. 

Adalo  =  gleichsein  766. 

Adalbero  von  Rheims  803.  804   805.  806. 

Adalbero  von  Trier  843. 

Adam  210. 

Addition,  Alter  derselben  8. 

Additionsverfahren  629.  673.  763. 

Adelhold  von  Utrecht  808   814  815.  816 

822. 
Adelheid  804. 

Adhemar  von  Chabanois  798 
Adrastus  405. 
Adud  ed  Daula  698. 
Adulitische  Inschrift  245. 
Aegypter    19  —  71     76.  85.   86.    109.  111. 

125.  128—130.  135.  152.  155.  194.  196. 

201.  203.   256.  295.  313.  314    610.  675. 
680.  684    711.  742—746.  765.  838. 

Aegyptischer  Aufenthalt  des  Anaxagoras 
176.  des  Demokritus  140.  179.  des 
Eudoxus    140.    202.     des  Piaton    140. 

202.  des  Piithaqoras    138-141.     176. 
des  Thaies  125.  126.  128—130.   176. 

Aehnliche    Winkel  127.   129. 

Aehnliche  Zahlen  173.  211    253.  256. 

AehnHchkeit  56.  58. 

Aehnlichkeitspunkte  423. 

Aelbehrt  781.  782 

Aerztesrhnlen  der  Nestorianer   653.   659. 

Aeschylus  177. 

Aethiopien  19. 

Agana  84. 

Agatharchus  177. 

Agenor  85. 

Agrargesetzgebung  513. 

Agrimensoren  516. 

Agrippa  505. 

Alias  103. 

Ahmed  ihn  Abdallah  Habasch  =  AI  Hä- 
kb  659. 

Ahmed  ibn  Jussuf  694. 

Ahmes,  der  König  21. 

Ahmes,  der  Verfasser  eines  mathemati- 
schen Handbuchs  22  23.  24.  28.  36. 
41.  47.  52.  53.  54  55.  56.  57  59.  60. 
64  68.  69  84  152.  256  261.  297.  352. 
36.5—366.  375.  396  435.  449.  470.  602. 
605.  675. 


Register. 


859 


Aiguillon  395. 

Akademie  201.  '203.  -206-207.  222—237. 

238.  312.  401. 
AI  Ahderi  758. 
Alahdab  756. 
AlantäU  717. 
AI  'Aziz  743. 

AI  Basra  654    655.  695.  743. 
Albategnius  =  AI  Battcmi  693. 
AI  Battdni  693—694.  697.  704.  741.  749 
Albinus  =  AJcuin  781 
AI  B'iruni    557.  584.  659    668.  672.  712 

—714.   742. 
Albucusis  854 
AI  Büni  697 
AI  Busti  719. 

AI  Buzdschäni  =  Abu'l   Wafd  698. 
Akhaijämi,  s.  'Omar  Alchaijämi. 
Alchoarismus  672. 
Alchoeharithmus  672. 
^Z  Chodsehandi  708    709.  742.  _ 
J.Z  Chwarizmi   s.   Muhammed  ibn  Müsä 

AI  Chwarizmi. 
J.?mm  781—790.  791    792. 
^Z  (fcc/tebc  672.  676.   679.  724. 
Aleni  625. 

Alexander  s.  Ptolemaeus  XL 
Alexander  d.  Gr.  86.  90    141.  233.  238. 

239.   244. 
Alexander  Aphrodisiacus  380 

Alexander  Severus  409.  523. 

Alexandria  68.  107.  109.  244—245.  281. 
312.  318.  343.  346.  348.  381.  399. 

Alexandrinische    Bibliotheken   246.    398. 
462.  469.  470. 

Alexandrinische  Literaturperiode  245. 397. 

AI  fard  id  686. 

AI  Fazän  655.  656. 

Algebra  672    676    679.  748.  754. 

Alfiebraische  Auffassung  bei  den  Griechen 
148.  376—377.  426.  427.  435. 

Algebrista  679. 

Älgoritmi  671.  672. 

Algorithmiker  476.  824.  848—856. 

Algorithmus     (Ableitungs  versuche      des 
Wortes)  671—672.  678. 

Algorithmus  linealis  524. 

AI  Hakam  IT  747. 

AI  ilakim  743.  746. 

AI  Harrdni  =  Täbit  ibn  Kurra  661. 

AI  ilasan  ihn  as-Subbdh  730. 

AI  Hdsib  659. 

Alh-win  =  Alcuin  781. 

Alhazen  =  Ibn  AUiaiiam  744. 

Alhidada  812. 

Alischbili  748. 

J.Z  ^•a/'^  /"«Z  Tn'Srtö  666.  675.  718     722.  852. 

Alk'aim  730. 

Alkalsädi  762  —  767. 

J.ZÄ;aZfmül  762. 

Aljcalwadäni  717. 

Alkarchi  666.  716.  718-729.742.760.852. 


172. 


394. 

853. 


668. 


25. 


666. 


AI  Karmdni  695.  747. 

Alkauresmus  672. 

J.Z  JTmc?/  675. 

Alkinous  165.  166. 

^Z  ZifÄi  698.  704  -  705    715.  742. 

Allman  65.   125.  131.  134.  142.  157. 

180.   549. 
AI  Madschriti  692.  695.  747. 
Almngesst    90.  303.   318.    285.    387- 
404.  418.  474.  559.  563.  617.  660. 
854.   856. 
AI  Mdhäni  729. 
AI  Mahdi  654.  664. 
AI  Mawün  652.  654.  656.  658.  660. 

670.  695.  717. 
AI  Mansür  654.  655.  656.  658. 
AI  Melijc  ar  Bnlnm  730. 
AlmucabaluJi  754. 

AI  mukdbala  672.  676.  679.  724.  7 
Almukaddasi  695. 
AI  Muktadir  653. 

Almufitdsjm  734. 

AI  3Iiitädid  662.  691.  692. 

AI  Mutasim  717. 

AI  Nairizi  692. 

AI  Nasawi  716—718.  720. 

aUyov  169.  180.  254.  440.  720. 

Alp  Arslan  730. 

Alphabetische  Beihenfolge  111.  565 

AI  Sindschdri  =  As-Sidschzi  706. 

Altai  75. 

AI  Tust  =  Nasir  Eddin  734. 

Amardja  560. 

^»msj's  128. 

Amelius  825. 

Amenemhat  I  64.  359. 

Amenemhat  III  21.  22.  65. 

Ameristus  136. 

Amethistus  136. 

Ammonius  428. 

!Amr  t&n  'Ubaid  655. 

Amthor  297. 

Amyklas  von  Heraklaea  231. 

Analemma  395.  414. 

Analysis  207—209.  217.  222.  228.  234. 

Analogieen  154.  226. 

äi/aqpopixo?  (ies  Hrjpsikles  344—345. 

Anatolius,  Bischof  von  Laodicea  429.  791. 

Anatolius,  Neuplatoniker  429. 

Anaxagoras  von  Klazomenae  176—177. 
178.   184.   189.  200.  250. 

Anaximander  von  Milet  102.  135. 

Jwaxiwenes  102.  135.   176. 

Andras  837  figg. 

Anfangsbuchstaben  als  Bezeichnung  die- 
nend 110.  194.  440.  441  442.  488.  564. 
580.  581.  666.  755.  756.  766.  767. 

Angelsachsen  10. 

Anharmonisches  Verhältniss  423. 

AnnaltS  Stadenses  788. 

Anonymus  von  Byzanz  s.  Feldmesser 
von  Byzanz. 


860 


Register. 


Anonymus  von  Chartrrs  549.  839. 
Anonymus  von  Melk  793.  794. 
Änselm  der  Peripatetiker  849. 
Anselm  von  Laon  835. 
Ansse  de  ViUoison  144.  175.  189.  430. 
Anthemius  von  Trolles  468. 
Anthologie  432.  47G. 
Antiphon  der  Historiker  140. 
Antiphon    der    Mathematiker    189—190. 

191.  256.  286.   288. 
Antoninus  387.  400.  523.  524. 
Antonius  399.  556. 
Antonius  Diogenes  144. 
dögiOTOV  148.  440. 
Ajjagogischer  Beweis  208.  209.  234.  286. 

290.  325. 
Apastamhn  596.  600.  603. 
Apepa  22 
Apices  543.  544.  545.  548.  551.  564.  565. 

569.  669.   773.  789.  790.  817.  819.  826. 

830.  831.  837.  846.  848. 
Apices  mit  Stellungswerth  ohne  Null  846. 
ApoUodor  125. 
Apdllodorus  der  Bechenmeister  144.  168. 

305. 
Apollodotus  168. 
Apollonius  Epsilon  315.  318. 
Apollonius   von    Pergne    183.   214.    231. 
'  232.  277.  318-319.  342.  343.  344   398 

426.  531.   604. 
Apollonius    von    Perqae's    Kegelschnitte 

183.  231.  232.  274.  289.  319—327.  334. 

383.  398.  415.  419.  462.  463.  468.  662. 

705.   707. 
Apollonius  von  Perqae's  kleinere  Schriften 

327-333.  416.  419.  423.  424.  425.  468. 

545.   719.   745, 
Apollonius  von  Tyana  144. 
Apophis  22. 
Aporie  241. 

Apotome    255.  332  (Bedeutung  als  Irra- 
tionalzahl). 
dnoTO^r'i  (geometrisch)  369.  516. 
Appuleius   von  Madaura  400.  524.  525. 

528.  531.   774.  852. 
Araber  162.  281.  292.  387.  404   434.  469. 

481.  557.  562    624.  626.  642.  644.  651 

—768.    771.    772.    798.    801.    806.    807. 

824.  829.  830.  833.  834.  836.  838.  841. 

850.  851.  852    853.  854.  855. 
Arabische      U eher  Setzungen     griechischer 

Werke    2T2.    283.    325.    328.  332.  346. 

354.    385.    387.    654.    660-663.    735. 

741  —  742. 
Aratus  380. 
Arhas  837  ^gg. 
ciQßrjlog  283. 
Arcerius  513. 
aQxai  305. 
Archimedes  von  Syrakus    183.  198.  213. 

246.    247.    251.    252.    280  —  281.    293. 

319.  325.  333.  334.  341.  350.  354.  355. 


377.  386.  398.  435.  463.  466.  468.  531. 

535.  604.  625.  662.  663.  719.   744.  812. 
Archimed's  Kreismessuno   285  —  288.  301 

—303.  329.  334.  444.  606.  612.  617.  744. 
Archimed's  Kronenrechnung     295  —  297. 

310.  433.  722     723. 
Archimed's  Kugel  und  Cylinder  213.  229. 

246.    247.    252.    293  —  294.    299.    338. 

383.  661.  705.  729. 
Archimed's  Quadratur  der  Parabel    289 

-290.  308—309. 
Archimed's  Binderproblem  297.  432. 
Archimed's    Sandesznhl    306  -  308.    572 

—573.  714. 
Archimed's   Sehneckenlinien    183.    291  — 

292.  298—299.  334.  519.  724. 
Archimed's   Wahlsätze  283  —  285.  337. 
Archimenides  =  Archimed  663. 
Architas   Latinus    211.    542.    545.    546. 

548-549. 
Archytas  von  Tarent  155.  199.  202.  211. 

213.    215  —  217.    221.    222.    223.    226. 

230.  240.  422.  548—549. 
Arcufication  61 S. 
Arcus  844.  846. 
Ardhajiä  616.  693. 
Arenarius  306. 
Arier  555. 
Aristaeus    der    Aeltere    232.    233.    236. 

320.  419. 
Aristaeus  der  Jüngere  233. 
Aristarchus  von  Samos  306.  418.  662. 
Aristophanes  120.  166.  479. 
Aristoteles  90.  107.    108.    128.    180.    190. 

196.  238-242.  243.  245.  246.  354.  394. 

399.  426.  463.  535.  659.  751.  782.  822. 

834.   849. 
Aristoteles  Analyt.  post.  257. 
Aristoteles  Analyt.  prot.  170.  171. 
Aristoteles  Ethic.  188. 
Aristoteles  Kategor.  151.  811. 
Aristoteles  Mechan.  Quaest.  240 — 242. 
Aristoteles    Metaphys.    47.  61.  143.  147. 

149.  157.  162.  203.  206.  239. 
Aristoteles    Physica    150.   151.  191.  240. 

381.  426. 
Aristoteles  Problem.  239.  240. 
Aristoteles  Sophist.  185. 
Aristoxenus  von  Tarent  142.  146.  243.  508. 
Arithmetik  (Göttin)  491.  528. 
Arithmetik  =  Zahlentheorie  145.  212.  239. 
Arithmetik  des  Boethius   531.   535.   536. 

537.  538.  539.  542.  546.  548.  681.  800. 

805.  806.  811. 
aQi&iirjriy.ä  des  Diophant  436. 
Arithmetica  speciosa  =  Buchstabenrech- 
nung 442. 
Arithmetik  (praktische)  der  Araber   662. 

673.  687. 
Arithmetik  (spekulative)  der  Araber  662. 

673.  712. 
Arithmetisches  Dreieck  645. 


Register. 


861 


dQi&^ol  cxrjficctoyQcccp&svTsg  539. 

dgtd'fiog  =  unbekannte  Zahl  440.  580.  680. 

Arjuna  572. 

Arkadius  4G2. 

Arneth  250.  276.  608.  615. 

ccgnsdcov  359. 

Arsamites  =  Archimed  663. 

Arsanides  =  Archimed  663. 

Arsinoe  312. 

Artabasdes  479. 

^ries  liberales  507.  527.  773.  791. 

Articuli    542.    753.    756.    790.    791.  802. 

803.  827.  846.  855. 
ccQxioi  148. 
Äryabhatta  558.  560.  561.  563.  565.  566. 

575  —  576.    579.    580.    582.    583.    584. 

587.  588.  590.  595.  596.  604.  607.  612. 

615.  740. 
Aryabhättiyam  558.  565.  566. 
As  eine  (Jeivichtseinheit  490.  780. 
Aschbach  746. 

Asklepius  von  Trolles  203.  409. 
Asl  709. 

Ass  =  Stellenzeiger  767. 
As-Sdyäni  698.  705-706. 
Assassini  730. 

As-Sidschzi  690.  692.  706-  707.   742. 
As-sifr  669.  843. 
Assurbanipal  112. 

Assyrer^  Erfinder  desAbacu  837. 838. 840. 
J..S«  400.   430. 
Astrolabien  706.  739.  812. 
Astrologische  Aphorismen  Almansurs  863. 
Astronomie,  Erfindung  derselben  61.  90. 
Astronomie   des  Boethius    535.  536.  537- 

541.   546.  800.  804.  811 
Astronomische  Brüche  371.  475.  490. 
Asura  Maya  559.  560. 
Asychis  21. 
davfififtQOv  254. 

Asymptoten  180.  218.  277.  322.  335. 
Atabeddin  =  Gijät  eddin  Alkuschi  736. 
Atelhart  von  Bath  670. 671. 836.  851—852. 
Atelhart  von  Bayeux  852. 
Athbasch  112. 

^fZten  109.  167.  176.  189.  244.  348. 
Athenaeus  von  Kyzikus  235. 
Athenaeus  311. 
Atilius  Fortunatianus  283. 
Atomistiker  162.  164.  185. 
Attalus  324.  325.   399. 
Attila  772. 

Aufgabe  des  Pappus  423. 
Aufsteigende  Kettenbrüche  34.  447.    764 

—  765. 
^M^wr  498.  501. 
Augustinus  697.  780.  782. 
Augustus  428.  505.  507.  514.  556. 
Aurillac  793.  797.  806. 
^«smesstm^  der  Jucharte  550. 


Autdlykus  278.  344.  418.  662. 

auTOg  £<pß:  141. 

Avicenna  687.  711—712.  854. 

-(lM,•^<;aZ^  709. 

Axiome  207.  210 

Ayana  596. 

Ayrardus  819. 

xl^feÄJew  8. 

B. 

Bdbylonier  10.  7.5—104.    109.   122.   135. 

141.  147.  155.  169.  174.  226.  345.  375. 

388.  404.  430.  490.  560.   562.  573.  594. 

603.  623.  626.  634.  655. 
Babylonischer  Aufenthalt  des  Pythagoras 

141. 
Buchet  de  Meziriac  436.  442. 
Badie  =  Kubus  (sumeriscli)  83. 
Baehr  504. 
Bagdad  655. 
Baillet  470. 
Bailly  103 
Baktrien  76. 

Baibus  (Feldmesser)  514.  516.  523.  813. 
Baibus  (Oberwegemeister)  505.  514. 
Baldrich  801. 
Balsam  318. 
Baluze  791. 
Bangor  775. 

Barhebraeus  =  Abulpharagius  470. 
Barlaam  475. 
Barocius  464    471. 
Basilides  von  Tyrus  343. 
Baudhäyana  596.  598.  599.  600.  602.  603. 
Baume  793. 
Bayley  121.  563. 
Berfa    Venerabilis    491.     775  —  780.     781. 

782.  784.  789.  791.   792.  796.  845. 
-Betr  113. 
Befreundete    Zahlen    156.  213.  587.  691. 

692.  696.  747.  756. 
Se/i«  Eddin  675.   738—741.  764. 
J5e7örer  468. 
Belisar  529. 
I?e?os  86. 
Belzoni  66. 
Benary  9. 
Benecke  204. 

Benedict  von  Nursia  529.  775. 
Benfey  555. 
Berenike  321. 
jBej-^er  313.  346. 
Be?-f/7i  408. 
Bernard  328. 
Bernelinus  817.  820.  825—830.  831.  832. 

835.  839.  844.  848. 
Bernhardy  312. 
Berno  793. 

Bernward  von  Hildesheim  805. 
Berosus  95.  102.  135. 
J5erfi«  77.  93. 


862 


Register. 


Bertrand  627. 

Berührungen    des  Apollonius    328. 

419.  42"3.  424. 
Beschränkung    des     Zahlenbegriffes 

123.  630. 
Besthorn  354.  692. 
Beta  als  Beiname  314. 
Bethmann  824. 

Beioegungsgeo7netrie215.'61ö.3öl.(j'30. 
Beweisführung    durch    Atischauung 
130.  133.  595.  613.  614.  638    700. 
709—710.  719. 
Bhaskara  Acdrya    559.    560.    561. 
576.  577.  578.  579.  583.  585.  586. 
588.  590.  591.  593.  594.  595.  600. 
612-614.  617-618.  638.  682.  700. 
Bhatta  Utpala  560. 
Bhaü  Daji  559. 
Biancani  =  Blancanus  239. 
Bianchini  437. 

Biblische    Schriften    16.    19     79.   80 
96.   100-102.   112.  115.  784—785 
Bienayme  148. 
Biering  198. 
Biernatzki  109.  622.  628.  629.  632. 

640.  641.  642.  643.  640. 
Bikelas  471. 
Binarsysteiji  10.  633. 
Binomialcoefficienten  645    732. 
Binomiale  255.  332. 
Biot,  Ed.  622.   623.    624.  627.  631. 

635.  645. 
Biot,  J.  B.  91. 
Birs  Nimrud  91. 
Biscop  777. 
Bissextiles  Jahr  504. 
Blass  181.  198.  203.  206.  280.  380. 
Blume  496.  525. 
Bobbio  776.  803.  804    810.   811. 
Boeckh,A.  117.  150.  154.  164.  171. 

321.  380.  381. 
Boeckh,  L.  222. 

Boethius    211.   400.   490.   524.   525. 
533  —  548.    551.    564.    681     721. 
773    774.  775.  782.  787.  789.  791. 
796.  799.  800.  801.  802.  803.  804. 
808.  810.  811.  814.  822.  831.  841. 
846.  850. 
Boethus  380. 
BogenabscMuss  von  Kolumnen  758. 

837.  844.  846. 
Bogenlinien  199.  219.  231. 
Boissier  506. 
Bolaner  10. 

Bombelli  486.   487.  491.  493. 
Bonafilius  806. 

Boncompagni    387.   547.   668.   671. 
751.  752.  753    754.  755.  756.  825, 
843.  853.  854. 
Bonjour  380. 

Borel  von  Barcelona  797.  799. 
Brähmav.as  555. 


329. 

79. 


706. 

71. 

701. 

568. 
587. 
604. 
701. 


87. 


637. 


632. 


384. 


J35. 


531. 
753. 
792. 
805. 

845. 


^26. 


749. 
837. 


Brahmaniswus  556. 
Brahma- sphuta-siddhänta  558.  657. 
Brahmaqupta    558.    560.   568.   576.   578. 
579.  580.  582.  583.  584.  585.  587.  588. 
590.    595.    596.    604.    605.    607  —  611. 
612.  614.  657. 
Brandes  380. 
Brandis,  Gh.  A.  240. 
Brandis,  J.  88.  95. 
Brennpunkte  323.  324.  328.  423. 
V.  Braunmühl  707. 
Brennspiegel  311.  328.  468. 
Bretschneider    124.    125.    134.    136.  163. 
166.  167.  178    181.  183    185.  188.  189. 
190.  194.  196.  215.  217.  219.   224.  228. 
■  233.  235.   344.  382.  383. 
Brockhaus  563.  598. 
Brockmann  533. 
Bruchrechnungstabelle  des  Archytas  546. 

548. 
Bruchzerlegungstabellen  25—31.  38.  Ent- 
stehung  derselben    bei   den  Aegyptern 
28—30.  33. 
Bruchbrüche  765. 
Brüche  24.  31.  33.  78   79.  118.  490.  495. 

573.  675.  717—718.   764.  765.  780. 
Brüche,  aussprechbare  31.  675.  720. 
Brugsch  44.  58.  63 
Brunck  432. 

Brunnenaufgabe) t.  363.  433.  578.  787. 
Bryson  von  Heraklaea  190.  191.  256. 
Buchbinder  268 

Buchstaben  zur  Bezeichnung  unbekannter 
Grössen   194.  240.  331.  426    440.  580. 
581.  755    767. 
Buddha  572. 

Buddhismus  556.  563.  624    626. 
Büdinger  798    800 
Bugia  758 — 759. 
Bujiden  698. 
Bullialdufi  405. 
Bunte  280.  311. 
Buramaner  10. 
Burgess  559. 
Burja  240.  241. 
Burnell  564. 
Busiris  138    139. 
Buzengeiger  293. 
Byzanz  109. 


Cabasilas  474. 

Caecilius  Africanus  523. 

Caesar  398    503-505    506.  521. 

Calculi  493.  774. 

Calculus  des  Victorius  495    795. 

Caltis  838  flgg. 

Camerer  172. 

Canacci  679. 

Ganarische  Inseln  394. 

von  Gappelle  240.  241. 


Register. 


863 


Caraibische  Sprachen  9. 

cardo  498.  499.  502. 

Casiri  671. 

Cassiodorius  400.  506.  524.  525.  529-  532. 

533.  534.  535.  536.  538,  539.  773.  775. 

780.  781.  84L 
Castelli  254. 

Caturvedu  s.  Prithudaka. 
Caussin  471.  659.   743. 
Gavedoni  501. 
Cean  =  zehn  796. 
Cedrenus  85. 
Celentis  838  ügg. 
Gelsus,  Ingenieur  514.  516.  523. 
Celsus,  Jurist  s.  Juventius  Celsus. 
Census  688.   755. 
Ceylon  563.  564.  566. 
Xa  =  Strick  (ägyptisch)  63. 
Chafra  20. 
Chaiqnet    138.    140.    148.    150.    151.  155. 

163.  164.   171,  222. 
Chalcis  103. 

Chaldäa  19.  48.  75.  76.  77.  85.  86.  91. 
Chaldäer  ==  Sterndeuter  98.  496. 
Ghalif  =  Nachfolger  G52. 
Chalkidius  796.  811. 
ChalJcus  122.  123. 
Chammuragas  84. 
Champollion  4=4:.  45. 
Chang-Dynastie  622. 
C/m.s/es  264.  270.  274.  320.  332.  392.  420. 

421.  423.   540.  548.  549.  608.  671.  744. 

836.   839.  854. 
üheoü  ly  627. 
Gheou  sin  622. 
Gherionneau  758. 
Chinesen    10.  15.   50.  80.  86.  91.  93.  95. 

169.  428.  594.  621—647.  701.  738. 
Chin  tsony  624. 

Ghioniades  von  Konstantinopel  474. 
de  Ghoiseul- Daillecourt  850. 
Ghosrau  I  Anoscharwän  469.   655.    660. 
Christ  495.   795.  796. 
Christensen  271. 
Christoph  Columbus  748. 
Chronik  von   Verdun  803. 
Chrysippus  242.  346. 
Chrysococces  4=14:. 
Chufu  20. 
Cicero  110.   179.  202.  281.  293.  381.  426. 

503.   522. 
Circulatur  des  Quadrates  601.  602. 
Ciisoide  334.  339—340. 
Claudius  428.  556. 
Clausen  193. 

Clemens  Alexandrinus  62.  179. 
Codex  Arcerianus    513.    514.    515.    516. 

517.  518.  521.  522.  525.  810.  811.  814. 
Colebrooke  437.  559.  568.  571.  576.  594. 

615.   655. 
Columban  776.  803. 
Columella  508—510.  603. 


Combinatorik    236—237.   242—243.   255. 

329.  346.  424-425.  535.  579. 
Commandinus  171.  395.  415.  464. 
Commentare  zum  Almagest  412.  413.  414. 

458—461. 
Commentare   zu    Euklid    354    395.    396. 

414.  464-466.  469.  474.  692.   735. 
Commentare  zu  Nikomachus  400.   430 — 

431.  469. 
Complanation  eines    'f  heiles   der  Kugel- 
oberfläche 422. 
Complementäre   Division   492.   544.  545. 

572.  674.   718.  721.  739.  764.  817.  818. 

827.  828.  830.  831.  848. 
Complementäre  Multiplikation  404.  492. 

545.     572.    718.    721.    739.    740.     764. 

8.52.  855. 
Computus  ==  Rechnen  im  Allgemeinen  774. 

783,  816. 
Computus  paschalis  s.  Osterrechnung. 
Gonchoide  183.  334-338.  417.  598. 
Concilium  von  Nicaea  532. 
Gonfucius  621.  622.  623. 
Gonstantin   d.  Gr.    428.    429.    432.    433. 

434.  556, 
Gonstantin  Krephalas  432. 
Gonstantinus  von  Fleury   799.  800.  808. 

818.  819.  820.  825. 
Gonstantinus  Miciacensis  808. 
Coordinoten     6(i.    322.    357  —  358.    394. 

497.   821. 
Gorassprache  9. 
Coraustus  516.  S13. 
Cordova  747.   748.  798. 
Corssen  488.  490. 
Cosinus  616.  750. 
Cossali  433.  679. 
Gotangententafel  694. 
Crassitudo  815. 
Gribrum  317. 

Qridhara  560.  578.  583.  585. 
Cristini  499. 
Gruma  501. 
Qüdras  555. 

gulvasutra  595—603.  711. 
Guritr  auf  gäbe  582. 
Gurtze  536.  690.  789.  807. 
Gurven    doppelter  Krümmung    216.  382. 

421.  422. 
Cykleu  533. 

Gyklische  Anordnung  481. 
Gyklische  Methode  591-593. 
Gyklische  Quadratzahl  189. 
Ctßinder schnitt  239.  384-385. 
Cyrillus  462. 


Daedala,  die  grossen  88. 
Baedulus  140.  152.  336. 
Dänen  9.  12. 
Dajacken  12. 


864 


Register. 


Damascius  von  Damaskus  4G7.  469.  G59. 

Damasias  127. 

Damaslus  G54.  655, 

Daraga  121. 

Baten  des  Arcliimed  292. 

Baten    des    Euklid    268—270.  384.  467. 

744.  854. 
Becantare  495. 
Bechales,  Milliet  136. 
Becimalsystem ,     Ursprung   desselben    7. 

8.  240. 
Becimana  quintaria  498. 
Beeimanus  498.  499.  502. 
Becker  125. 
Decussatio  488. 
ösööfifvcc  268. 
Bee  272.  273. 
Befinitionen  207.  209.  263.  283.  292.  345. 

351.  .353.  354.  361.  362.  363.  515.  527. 

609.  610.   719.  720.  721.  809.  810.  813. 
Be  Gelder  405. 
Begree  121. 
Belambre  743.  749. 
BeUsches  Problem  199.  219.  220. 
Belisles  818. 
Bellt- seh  81.  84.  88. 
Bemaratus  von  Korinth  487. 
Bemetrius  von  Alexandria  387. 
Bemme  210. 
Bemokritus    von    Abdera    62.    125.    139. 

140.   177.  178—180.  185.  232.  355. 
Bemosthenes  811. 
Bemotisclie  Schrift  43. 
Bendera  63.  64. 
Bescartes  423. 
Betermination  s.  Diorismus. 
Betief sen  162. 
öiatgeaig  272. 

Biameter  =  Biagonale  205. 
Biametralzahlen  407—409.  431.  445.  711 
Dj'eZs  125. 

Bieterici  162.  481.  698. 
Bifferentia  544.  673.  753. 
Digfjii  542.  753.   756.  791.  802.  803.  827. 

846.  855. 
Dt^rife  542. 

Bikaaearckus  243.  279.  355. 
Binostratus  183.  184.  185.  231.  233—234. 

286.  291. 
Biodor  19.  21.  61.  86.  91.  97.  140.  178. 

179.   280.  311. 
Biodorus,  Mathematiker  414. 
Biogenes  Laertius  47.  108.  122.  125.  126. 

127.  128.   131.   135.  140.  142.  143.  144. 

167.  168.  178.  179.  180.  185.  189.  200. 

202.  203.  207.   216.  225.   236.  305. 
Biokies  294.  334.  338—340.  346.  379.  397. 
Biokletian  412. 
Bionysius  von  Syrakus  202. 
Bionysius,   bei  Heron  vorkommend  354. 
Bionysius,  Freund  des  Biophant  439. 441. 
Bionysodorus  von  Amisus  383. 


Biophantus  von  Alexandria  345.  433 — 

456.  459.  462.  463.  475.  5l8.  525.  580. 

581.  582.  584.  587.  654.  662.  680.  682. 

683.  699.  708.  710.  723.  725.  728.  729. 

765.   766. 
Bioptra    243.    279.    351.    355    356.  357. 

359-360    364.  501.  505.  508.  706. 
Biorismus  197.  206.  224.  252.  294.  325. 

673.  374.  705.  728.  732. 
Birham  677.   755. 
Birichltt  644. 
Biväniziffern  666. 
Bivision  zur    Bildung  von   Zahlwörtern 

benutzt  11—12. 
Bivision    34.  460.    571.    629.    674.    717. 

764.  817.  818.  825.  827.  828.  831.  844. 

847.  848. 
Bivisio  aurea  =  gewöhnliche  Bivison  848. 
Bivisio  ferrca  =  complementäre  Bivision 

848. 
Bodekaeder  163.  164.  165.  224. 
BöUinger  799. 
Bominicus  Gondisalvi  751. 
Bomitianus  512. 
Boppelmayr  437. 
Borer  109. 

Borischer  Dialekt  281.  282.  294. 
Bositheus  282. 
Bragma  755.  847. 
Drei  Brüder  690—691.  854. 
Dreieck  54.  127.  133.  134.  292.  466.  548. 
Dreieck,  gleichschenkliges  54.  68.  69.  127. 

133.  165. 
Dreieck,  gleichseitiges  133.  165.  361.  510. 

516.  545.  815. 
Dreiecke,  aneinanderhängende    133.  361. 

362.  369.  611. 
Dreieckszahl  149.  157.  158.  236.  239.  297. 

403.  431.  455.  587.  646.  815. 
Dreitheilungen  401. 
Dreitheilung    eines     Winkels    100.    184. 

284-285.    300     337  —  338.    417.  691. 

692.   705.   706.   714.   729. 
Drcsler  198.  199. 
Dridha  588. 
Droysen  514. 

Dschäbir  ibn  Aflah  679.  748  —  750. 
Dschadwal  764. 
Dschafar  as  Sudik  679. 
Dschahala  766. 
Dschaib  693. 

Bschamschid  s.  Gijät  eddin  Alkäschi. 
Bschibril  ihn  Bachtischu    653. 
Bschidr  680.  681.  754.  755.  765.  766. 
Bschingizchän  733.  771.  772. 
Bschundaisäbür  653.  659. 
Büker  805. 
Buella  494 
Biimichen  63.  64.  67. 
Bummler  781.  832. 
Bürer,  Albrecht  602. 
Buhalde  50.  628. 


Register 


865 


Duhamel  208. 

Duodecimalbrüche    489  —  490.    494.   495. 

508.  512.  780.  817.  827.  829.  830.  832. 

833.  844.  847.  855.  85Ü. 
Duodecimalsystem  10.  827. 
Dupuis  210. 
Dupuy  468. 

Durchsclmittspunktevon  Cur  ven  324:    325. 
Duris  125. 
dvvufiig  196.  440.  GSO.   723. 


E. 

Ebene  Oerter  235. 

Eberhard  480. 

Ebers  22. 

Edfu  67.  68.-  69.  352.  359.  365.  605. 

Egbert  von  York  781.  789. 

Eglaos  312.' 

ddog  =  Glied  442.    • 

Ejectura  516. 

Einheit  keine  Zahl    147.   406.  472.  546. 

673.  739. 
Einmalemstabelle  46.  402.  495.  539.  711. 

796.  826. 
Eisenlohr  23,  s.  Papyrus  Eisenlohr. 
Ekbatana  91. 
hßlrj&siacc  369.  516. 
fxftvo?  gqpoc   141. 
i;Zam  84. 
Elementardreieck    165.    166.     167.     172. 

197.  212. 
Elemente. der  Arithmetik  401. 
Elementenschreiber    avsser    Euklid    188. 

189.     196  —  197.    224.    235.    247.    260. 

355. 
Elf  erprobe  722. 
Elieser  96. 
i'^tl  311. 
EUatbau  84. 
fiAtjrers  156. 
Ellipse  58.  160.  232.  269..  275.  276.  291. 

294.  295.  466.  690.   812. 
ifißaöov  516. 
Einbadiim  516. 

Empedokles  von  Agricjent  162. 
Encyklopädien   507.   527.  530.  536.  773. 
Engelbert  von  Lttttich  835. 
Ennodius  533. 
Epacte  533. 
Epanthtm    des    Thymaridas    148.    426. 

433.  584. 
Epaphrodiius    514.   515.    517—521.  545. 

579.   724.  812.  814. 
f'cpodog  148. 
Epigonenzeit  333 — 346. 
Epigramme    algebraischen   Inhalts    271. 

297.  432.  433.  435. 
Episemen  117.    ■ 
Eratosthenes  von  Kyrene  198—199.  213. 

215.  218.  219.  220.  222.  231.  232.  243. 
Cantob,  Geschichte  der  Mathematik    I.     J.  Aufl. 


247.  278.  312—318.  333.  344.  345.  355. 

380.  416.  419.  811., 834.  • 
Erbtheilungen  522—524.  685—686.  788. 
Erde,  eirund  506.  ^ 
Etrusker  486.  487."  488.  496.  501.  .507. 
Etymologien  lateinischer  Zahlicörter  774. 
Eudemus  von  Pergamum  319.  324. 
Evdemus  von  jRliodns  108.  124.  134.  142. 

159.  160.  180.   188.  192.  194.  195.  196. 

213.  215.  217.  243—244.  316.  332. 
Eudoxus  379. 

Eudöxus  von  Knidos  140.  183.  184.  199. 

219.  220.  221.  225—231.  235.  246.  254. 

257.  260.  261.  263.  279.  340. 
Euklid  von  Megara  247.  549. 
Euklid  68.  115.  134.  168.  233.  246-280. 

282.  286.  289.  290.  300.  316.  317.  318. 

319.  320.  325.  333.  334.  344.  354.  355. 

356.  377.  379.  383.  386.  392.  401.  419. 

423.  426.  432.  465.  525.  527.  531.  541. 

546.  548.  549.  557.  604.  654.  660.  662. 

682.   705.   726.  735.   745. 
Euklidische  Eorm  260  —  262. 
Euklidische  Irrationalität  255.  332. 
Euklids   Elemente    130.    132.    151.    153. 

154.  156.  170.  172.  178.  208.  224.  228. 

247—263.  290.  332.  409.  416.  417.  418. 

419.  423.  432.  455.  458.  459.  466.  526. 

527.  531.  535.  536.  540.  541.  547.  588. 

595.  599.  610.  625.  660.  691.  692.  701. 

709.   719.  721.   725.  732.  735.  852.  854. 

856. 
Eu^hranor  226." 
Euripides  176.  199.  200.  598. 
Eustathius  121. 
Eutin  g  115. 
Eutokius  von  Askalon  108.  132.  198.  213. 

214.  215.  217.  218.  219.  222.  231.  278. 
280.  286.  294.  303.  315.  316.  «319.  329. 
334.  339.  348.  349.  383.  395.  414.  468. 
719. 

Evolute  326. 

Eioald  9. 

Examios  125. 

E^jjxoora  392. 

Exhaustion  192.  209.  229.  234.  257—258. 

290.  292.  295.  306.  333. 
Experiment,    mathematisches    143.     158. 

165.  169.   174.  227-^228. 
sv&vyQKfifitnög   147. 

F. 

Fabricius  246.  312.  316.  31 8.  344. 382. 458. 

Fachr  al  mulk  718. 

Fachri  718. 

Fälschung   der   Geometrie   des   Boethius 

s.  Pseudoboethius. 
Fälschungen  im  IL  S.  v.  Chr.  398. 
Faktorenzahl  213. 
Falscher  Ansatz  39.  41.   449  —  450.   574 

—575.  577—578.  688.  760—761. 


55 


S66 


Register. 


Falsche  Sätze  scherzweise  aufgestellt  295. 

Falsche  Umkehrunrf  eines  Satzes  i5i — 452. 

Far    709. 

Favaro  254.  499.  626. 

Favorinus  135. 

Fehlen  allgemeiner  Methoden  333. 

Felder einthtiliwg  31.  53.  313.  502.  511. 

Feldmesser   von  Byzanz    133.   347.  348. 

471—472.  475. 
Feldmesser  134.  355. 
Feldmesskunst    279.   352.    353.    355.    356 

-359.  378.  409—411.    472.    475.    496. 

499—502.  506.  512.  516.  625.  634.  635. 

646.  739.  810.  812.  813. 
Feldmesswissenschuft  378.  475.  506.  545. 

810. 
Fenchu  111. 

Ferdinand  der  Katholische  748. 
Fermat  436. 
Ferramcntum  501. 
Ferrieres  792. 
Feuertelegrei'phie  411. 
Fiejar  656.  657. 
Figur  der  Braut  740. 
Figur  der  Gesundheit  166.  195. 
Fie/urenbezeichnung    55.    152.    194.    195. 

606.  628.  678.  681.  684. 
Figuren  der  geometrischen  Kxmst  536.  541. 
Figurirte  Zahlen  403.  539. 
Fihrist  651.  661.  662.  675.  692.  745. 
Finalbuchstaben  115.  440. 
Fingerrechnen    6.  48.    93.   119—120.  479 

—480.  491—493.  528.  569.  668.  778.  J79. 
Fingersprache  779. 
Fitlejerzcihlen  s.  digiti. 
Fischer  98. 
Flächenanlegunei  160.  164.  249.  252.  269. 

274—276.   320. 
Flächenb'ercchmmg  54—57.   69.  152.  256. 
Flächenberechnune/,  falsche  161.  162.  516 

—  517.  696-697. 
Flächenzahl  147.  153.  253.  256.  403.  774. 
Flaschenzug  311. 
Flauti  217. 
Flikjel  695.  716. 
Flurkarten  506. 
Flussbreite  zu  messen  357.  409 — 411.  502. 

739.   813. 
Fong  siang  schi  634. 
Formcdeoni  92. 

Franco  von  Lüttich  822—823.  835.  843. 
Französische  Bauernregel  492. 
Friedlein  65.  93.  110.  136.  181.  204.  206. 

235.   340.  342.  411.  429.  464.  475.  486. 

487.  489.  495.  524.  537.  539.   540.  643. 

773.  804.  824.  847. 
Frobenius  Förster  786. 
Frontinus  512.  513.  514.  516.545.549.813. 
Fünfeck    67.    101.    102.    165.    166.    195. 

363.   364. 
Fünfeckszahl  falsch  berechnet   518.   545. 
Fü  hl  95.  621.  622.  633.  635.  814. 


Fulbert  von  Chartres  796.  835. 
Fulco  793. 
Fulda  791.  792. 

G. 

Gärtnerconstructiun  der  Ellipse  690. 

Galen,  der  Arzt  201. 

Galenus  =  Pediasimus  475. 

Galilei  254. 

Gallus  776. 

Ganega  561.  578.  594.  614.  823.    • 

Gangädhara  561. 

Gartz  246.  660.   735. 

Gaubil  50.'  626.  633.  638. 

Gauss  145.  302.  644. 

Gazzera  501. 

Geber  679.  748. 

Geber  scher  Lehrsatz  750. 

Gedächtnissverse  754. 

Gegenbauer  839. 

yiyov£^=  er  blühte  247. 

Geiger  5. 

Gelenkzahlen  s.  articuli. 

Gellius  Aulus  506. 

Gelon  282.  307.  311. 

Geizer  127. 

Gematria  96.  97.  115.  116.  117.  528. 

Geminus  von  Bhodos  108.  132.  145.  231. 

232.  319.  320.  334.  338.  378—382.  388. 

397.  465. 
Genocchi  740. 
Geodäsie  utiterschieden  von  Geometrie  239. 

257.  279.  334. 
Geograjihie  313.  394. 
Geographische    Länge   und    Breite    346. 

357-358.  394. 
Geometrie,   Frfindunej    derselben    19.  21. 

22.  61—62.   125.   361.   362.  803. 
Geometriemit  einer  Zirkelöffnung  421. 700. 
Geometrie    des  Boethius    531.    535.    536. 

537.  538.  539.  540—548.  551.  753.  773. 

789.  803.  804.  810.  811.  814.  838.  840. 

845.  850. 
Geometrischer  Ort  134.  209.  217.  235.  266. 

267.  268.   270.  316.  326. 
Geometrische  Versinnlichung  von  Zahlen- 

grössen  152. 
Gerald  797.  806. 

Gerbert,  Abt  von  St.  Blasien  794.  844. 
Gerbert   (Papst  Sylvestvr  LI)    536.  541. 

797—824.  825.  830.  831.  832.  834.  836. 

839.  843.  845.  846.   849.  850. 
Gerbertista  843. 
Gerbillon  625.  .  • 

Gerhard  von  Cremona  749.  751.  754—756. 

853—854. 
Gerhardt  205.  415.  416.  421.  476.  479. 
Gerland  839.  843.  844.  848.  856. 
Gerling  186. 
Geschichte  der  Mathemalilc  103.  108.  124. 

235.  236.  243—244.  379.  835.  836.  845. 


Register. 


867 


Gesellschaftsrechnungen  39. 295  -  297. 57«. 

641.  G42. 
Gesenius  665. 

Gesetz  der  Grössenfolge  14.  45.  77.  81. 
110.  113.   114.  116.  117.  630. 

Gewichte zi eher  350.  420. 

Ghana  576. 

Gijät  eddin  ÄlkäscM  736 — 737.  742. 

Gilbert  Maminot  von  Lisieux  835. 

Qiles  775.  784. 

Giordano  420. 

Giseh  44. 

Glaisher  424. 

Glaukos  199.  200.  598. 

Gleichgetvicht  der  Ebenen  308. 

Gleichheitsseichen  sf.  442.  766.  767. 

Gleichungen  ersten  Grades  mit  einer  Un- 
bekannten 37.  478.  583. 

Gleichungen  ersten  Grades  mit  mehreren 
Unbekannten  148.  271.  583-584.  728. 

Gleichungen  zweiten  Grades  mit  einer 
Unbekannten  249.  252.  270.  346.  376 
—  377.  438.  443—447.  576.  582.  584 
■      —586.  682—683. 

Gleichungen  höherer  Grade,  die  auf  den 
2.  zurückführbar  sind  727.  72s.  729. 

Gleichungen  dritten  und  höheren  Grades 
294.     300-301.    338.    447.    586—587. 

642.  643.  645.  705.  729.  731—733.  736 
—738.   742. 

Gleichungen ,  unbestimmte  ersten  Grades 

297.    448.    588—590.    643  —  644.    647. 

787—788. 
Gleichungen,  unbestimmte  zweiten  Grades 

364.  407.  424.  448—450.  575.  590-  593. 

72&    740. 
Gleichungen,  unbestimmte  höheren  Grades 

448. 
Gleichungen,  unbestimmte  mit  mehr  als 

zwei  Unbekannten  590.  647. 
Gnomon    102.    135.    150—153.    178.  180. 

239.  403.  461.  5(J0.  508.  590  —  591.  600. 

603.   709.   724. 
Göthe  171. 

Goldner  Schnitt  166. 167. 228.249. 251. 277. 
Goldne  Zahl  533. 
Golenischeff  23. 
Goodwin  51. 
Gordianus  428. 
Gow  115.   210.  217.  419. 
Grade  Zahlen  von  ungraden  unterschieden 

27.   148.   149.   150.  212.  401.  774. 
Grad  und  Ungrad,  ein  Spiel  148. 
Grade  der  Kreistheilung  92.  99.  103.  121. 

344.  388.  639. 
'Gradmessung  313.  345.  670.  832. 
Graeko-Italer  485.  486.  487. 
Gram  633. 

Gregor  d.  Gr.  525.  776. 
€rregor  V.  798.  808. 
Gregory  246.  248.  262.  272.  278.  384. 
Griechen  11.  15.  48.  51.  86.  95.  96.  102. 


107-482.  485.  492.  504.  507.  508.  531. 

562.  579.  580.  582.  587.  ^34.  659-663. 

680-682.  686.  692.  705.  709.  719.  725 

—726.  729.  731.    739.   771.    772.    799. 

800.  816.  832.  838.  841. 
Grössenverhätnisse  menschlicher  Köri^er- 

Jheile  201.  508.  697. 
Groma  500—501.  505. 
Gromatici  501. 

Grundzüge  des  Archimed  iJOS. 
Gruppe  155.  222.  223. 
Gruppirung  von  Zahlzeichen  45. 
Grynacus  464. 
Guarnerius  806. 
Gubärziffern  669.  762.  767. 
Günther  92.  167.  301.  367.  424.  480.  481. 

502.  594.  627.  714.  806.  821. 
Guido  von  Arezzo  831. 
Guichart  120. 
de  Guignes  50.  .633. 
Guldin'sche  Hegel  421. 
Gundubad  534. 
Gurke  740. 


Haas  557. 

Habakuk  97. 

Eadricm  432.  523. 

Hadschi  Chalfa  683.   731.  762. 

Hädschädsch  tbn  Jüsuf  ibn  Matus  660. 

Haebler  90.  103. 

Hafs  ibn  'Abdallah  658 — 659. 

Hagen  785.  788. 

Hcüc  =  Abschnitt  (ägyptisch)  56.  69. 

Hakimitisclie  Tafeln  743. 

Halbiren  47.  304.  674.  717.  720. 

Halhidada-  812.     . 

Halley  318.  327.  328.  384.  3S6. 

Halma  378.  387.  394.  458.  459. 

Hammer- Pur gstull  697. 

Handasa  =  Geometrie  761. 

Han-Bynastie  623.  643. 

Hankel  4.  7.  9.  14.  112.    115.    132.    171. 

172.  181.   191.   193.  206.  208.  221.  246. 

262.  263.  392.  433.  437.  448.  593.  606. 

608.  651.  658.  679.  680.  689.  693.  698. 

704.  705.  706.  724.  736.   741.   743.  784. 
Hansjakob  833. 
Harmonikulen  385. 
Harmonische  Proportion  151  —  152. 
Harmonische  Theilung  323.  325. 
Harpedonapten ,     aQTtiöoväittai  =  Seil- 
spanner 62.  179.  355.  359.  597. 
Harun  ar-Raschid  653.  654.  658.  660. 
Hatto,  Bischof  von  Vieh   797.  798.  799. 
Hau  =  Haufen  (ägyptisch)  37.  366.  426. 

435.  580.  680. 
Hawdi  767. 
Heath  433.  440.  441. 
Hebelgesetz  .241. 
Hebräer  76.  96.  111.  112.  114—117.  135. 

162.  385.  399.  623.  626.  667.  686.  773. 


868 


Register. 


Heiberg    246.    247.    264.    268.    274.    278. 

279.  282.  283.  284.  289.  292.  297.  301. 

311.  318.  339.  354.  383.  414.  465.  468. 

535.  539.  692. 
Heiric  von  Auxerres  792. 
Heibert  von  St.  Hubert  in  den  Ardennen 

835. 
Helceph  852. 
Helikon  220. 
Heimund  75. 

Heng  ho  cha  =  Sand  des    Ganges  627. 
Henry  459.   852. 
Heraklides  280.  319. 
Heriger  von  Lobbes  835. 
Hermann  G.  616. 

Hermann  IL,  Erzhischof  von  Cöln  822. 
Hermannus  Alemannus  834. 
Hermannus   Cuntractus    809.    831  —  834. 

836.  839.  845.  850. 
Hermotimus  von  Kolophon  235. 
Herodianische  Zeichen  110.  119.  122.  179. 
Herodianus  110. 
Herodorns  190. 
Herodot   19.  21.    23.   49.    51.  54.  60.  88. 

91.  102.  119.  120.  121.  125.  126.  135. 

139.  304.  802. 
Heronische  Frngp  349. 
Heronas  349.  469. 

Heron  d.  Aeltere  =  Heron  von  Alexan- 
dria 349. 
Heron  d.  Jüngere  =  Feldmesser  von  By- 

zanz  348.  471. 
Heron,  Lehrer  des  ProMus  348.  464. 
Heron  von  Alexandria  61.  109.  151.  211. 

214.  218.  230.  282.  303.  340.  347—378. 

380.  395.  397.  401.  411.  414.  420.  426. 

435.  444.  445.  465.  472.  505.  508.  509. 

510.  515-517.  525.  528.  545.  562.  584. 

595.  597.  603.  604.  605.  606.  607.  610. 

611.  613.  662.  663.  682.  684.  692.  706. 

719.  739.  787.  813.  838. 
Herons  Ausmessungen  303.  363.  366.  367. 
■  369.  373.  375.  433. 
Herons  Buch  des  Landbaues  363.    367. 

368.  369.  371.  425.  453.  478.       , 
Herons  Geodäsie  362.  369.  475. 
Herons   Geometrie    361—362.    365.    369. 

457.  475. 
Herons  Geometrie  anderes  Buch  364.  376. 

444.  454.  509.  510.  521. 
Herons  Stereometrie  362  —  363.  372.  373. 

374.  457. 
Heronische  Dreiecks formel  359  —  360.  361. 

362.  367.  516.  549.  605.  608    685.  690. 

691.  720. 
Hertzberg  463.  469. 
Herzog  112. 
Hesychius  88. 
Heteromeke    Zahl    149.  150.   153.  170  — 

171.  223. 
Hiao  wen  ti  623. 
Hidschra  653. 


Hieratische  Schrift  43.  45.  46. 

Hieroghiphin  43.  44.  45. 

Hieron' 281.  295.  311.^, 

Hieronymus  von  Mhodos  128. 

Hierom/mus  779.  780. 

Hiksos'21.  22. 

Hiller  312.  315.  405. 

Himly  86. 

Himmelsglobus  311. 

Hincks  80. 

Hindi  =  indisch  761. 

Hindukusch  76. 

Hin-Dynastie  622. 

Hipparch  von  Nicaea-91.  242.  345  —  346. 

357.  370.  378.  380.  383.  385.  388.  394. 

463.  699.  • 

Hinzuzufügende  Zahlen  441. 
Hippasus  164.  224.  226. 
Hippias  von  Elis  136. 181-184.  233.  291. 
Hippokrates,  der  Arzt  181  557.  659. 
Hippokrates    von    Chios    181.    188-189. 

192-200.  206.  213.  217.  229.  234.  254. 

256.  257.  285.  355.  610.' 
Hippopede  184.  229.  230.  337.  340. 
Hischäm  748. 
Hitzig  97. 

Hoche  400.  462.  463.  469.  643. 
Hochheim  666.  675.  718. 
Höhemessung    243.    357.   411.   517  —  518. 

812.  813;    s.  Schattenmessung. 
Hoeiti  623. 

Hoernle  558.  574.  575. 
Hof  mann  127. 
Hohlfeld  171. 
Homer  111.  119.  121.  140. 
Horapollon  46. 
Horatius  10.  222.  522.  549. 
Hörn  225. 
Homer  643. 
Horus  67.  147. 
Ho  tu  632.  633. 
Housel  321. 

Hrabanus  Maurus  791—793. 
Hrotswitha  von  Gandershtim  806. 
Huaetberct  778. 

Huäng  ti  622.   627.  629.   632.  635. 
Huäy  nän  tse  622. 
Hugo,  bekannt  mit  Gerbert  819. 
Hugo  164. 

Hugo  Capet  798.  804. 
Hüldgü  734. 
Hultseh    11«.    153.    180.    210.   278.   296. 

311.  341.  347.  352.  359.  382.  412.  413. 

414.  415.  418.  421.  459.  465.  468.  500. 

508.  522.  681.  690.   722.  773. 
Humboldt,  Alex.  v.  98.  313. 
Hunain  ibn  Ishäk  661. 
Hunrath  302.  607. 
Hunu  =  Feldmesser  (ägyptisch)  63. 
Hurüf  aldschummal  667.  713.  » 

Hydrostatisches  Prineip  310. 
Hyginus,  Astronom  514. 


Register. 


869 


Hyginus,  Feldmesser  499.  500.  514.  559. 

*561. 
Hyginus,  Müitärschriftsteller  514. 
Hypatia  462—463. 
Hyperbel  160.   217.    218.   282.   269.   276. 

290.   294.  383.   707.  714.  733. 
HypsikUs  von  Alexandria  233.  247.  328. 

342—345.  370.  388.  403.  434.  456.  467. 

518.  526.  662.  717. 

I. 

7  hei  Figurenbezeichnung  vermieden  195. 

215.. 315.  316.  410.  681  —  682.  684.  726. 
Ibdi  =  Quadrat  (sumerisch)  82. 
Ibn  Aladami  656.  659. 
Ihn  Älbannä  756—762. 
Ibn  Älhaitam  743—746. 
Ibn  Alhusain  7Ö8-711. 
Ibn  Alniunim  756. 
Ibn  Alsirddsch  728. 
Ibn  as-Saffdr-  747. 
Ibn  as-Samk  747. 
Ibn  Bautodb  666. 
Ibn  Chaldün  686.  692.  756.  757. 
Ibn  GhalUTcan  698. 
Ibn  Esra  687. 
Ibn  Jünus  743.  749. 
Ibn  Mukla  665. 
Ibn  Sind  =  Avicenna  687. 
IbruMm  687. 

Ideler  225.  293.  3a8.  392.  503.  532.  533. 
Igin  837  flgg. 
Ilchdnische  Tafeln  734. 
lila  =  ausser  766.  767. 
Imaginäre  Zahlen  375.  443.  444.  585. 
Incommensurables  254. 
Inder  15.    91.    92.    399.    428.    476.    551. 

555—618.  627.  635.  638.  642.  647.  655 

^657.  668—670.  680—681.   684.    685. 

686.  691.  696.   700.  701.  710.  713.  717. 

719.   729.  739.  752.  755.  838.  855. 
Indisch- Alcxandrinische  Beziehungen  399. 

428.  557.  559.  560.  565.  569.  581.  582. 

584.  598.  600.  603—605.  610.  615. 
Indus  75. 
Innenkreis   des   rechhoinkligen   Dreiecks 

517.  545.  548.  549. 
Interusurium  522. 
Involution  423. 
Iran  76. 

Iran  =  Heran  663. 
Irenaeus  117. 
Irrationales  142.  154.  170.  171.  172.  180. 

185.  200.  ,2i0  — 211.    223  —  224.    239. 

254  —  255.    270.    311.    332  —  333.    444. 

445.  468.  508.  586.  723. 
■Isaak  Argyrus  474. 
Ishta  karrnan  bll.  689. 
Isidorus,  fälschlich  angenommener  Gatte 

der  Hypatia  462. 
Isidorus  von  Alexandria  467. 


Isidorus  von  Bidet  218.  231.  468. 
Isidoviis  von  Sevilla  400.  524.  772—775. 

778.  781.  785.  786.  791.  796.  847. 
Isis  147. 
Isisfest  379—380. 
iaoi  442.  581.  766. 
Isokrates  60.  62.   138     140. 
Isoperimetrie  167.  341—342.  418.  696. 
latOQia  ngog  IIv&ayÖQOV   144. 
Italien  109.  137. 
Ivrea,  Handschrift  von  824 — 825. 


Jacobs  432. 

Jahjd  ibn  Chalid  660. 

Jaiir    40.  92.   313—314.    491.    503—504. 

628.  635.  639. 
Jaküb  ibn  Tdrik  658. 
Jäkiit  666. 
Jawblichus,  Fhilosoph  103.  104. 108.  121. 

144.  147.  155.  156.  164.  175.  189.  200. 

226.  317.  404.  427.  429-432.  435.  445. 

454.  463.  663.  691.   692.  696. 
Jamblichus,  Romanschriftsteller  104. 
V.  Jan  526. 
Janus  491.  503. 
Java  567. 
Jehova  lli3.  623. 
Jid  616.  693. 
Jiurdha  616. 
Jiva  616.  693. 
Johann  XIII.  799. 
Johann  XIV.  804. 
Johann  XV.  799.  808. 
Johannes  von  Damaskus  434. 654. 660. 682. 
Johannes    Hispalensis  =  Johannes    von 

Luna'  7.51. 
JoJmnnes   Hispancnsis  =  Johannes   von 

Luna  751. 
Johannes  von  Jerusalem  434.  456. 
Johannes  von  Luna  751—754.  756.  787. 

849.  854. 
Johannes  Fhiloponus  s.  Phildponus. 
Johannes    von   Sevilla  =  Johannes   von 

Luna  751. 
Jomard  44. 
Jonier  109. 

Jonisches  Alphabet  111.  117. 
Jordanus  Neniorarius  857. 
Joseplms  48.  85. 

Josephus  der  Spanier  806.  807.  820. 
Josephus  der   Weise  806. 
Jourdain  751.  833.  834.  851.  852. 
Jugtrum  511. 

Jidianus  s.  Salvianus  Julianus. 
Julianus  Apostata  429.  434.  462.  556. 
Julien  62&.  629.  , 

Julius  Paulus  523. 
Junier  514. 

Justinian  468.  469.  471. 
Juvenalis  491. 


870 


Register. 


Juventius  Celsus  523-. 
Juxtaposition  44.  78.  113.  119. 
Jyotisham  91. 


K,  Zeichen  für  Cardo  498. 

Kdh  723.  766.  767. 

Kdbhäla  96. 

Kddizädeli  ar-JRümi  735.  736. 

Kaempf  86.  88. 

Kaestncr  473.  73.5. 

KccXafiog  359. 

Kalender  der  Bömer   12.  489.  503-504. 

KallimacJms  312.  314. 

Kallisthenes  90. 

Kalpasütra  595. 

xafiTriUat  yQccupictL  s.  Bogenlinien. 

Kanghi  626.  646. 

Kanishha  556. 

Kanon  201. 

Kanopus,  Ediktvon  40. 245. 313  —  314.381. 

Karana  581.  599. 

Karatheodory  734. 

Kardaga  656.  657.  694. 

^arZ  rf.  (?rosse  782.  783.  824. 

:ffarZ  Jfarfe?  772. 

Karnah  44. 

Äassi  84. 

Kasteneintlieilung  555. 

Kategorientafel  149.  171.  223. 

Kätyuyana  596.  603. 

Kegelschnitt  180.  183.  231  —  232.  274 
—278.  384.  598.  707.   731—733 

Z^e^Z  525. 

Keilschrift  77. 

Kelten  9. 

Kendra  =  rj  iyi  ksvtqov  559. 

ZeoM  637. 

.JTepZer  293. 

Kerbholz  45. 

xatira  409—411. 

KettenbrucJialgorithnms  253.  302  303. 
409.  588.  590. 

Ä"Äe  =  ungefähr  eine  Viertelstunde  (chi- 
nesisch) 91. 

iTia  <se  628. 

Kieou  tschan  =  c?tc  weww  Abschnitte  628. 
632.  640. 

Kiessling  144.  432. 

JßeM  Zöw^  627. 

Ki'nion  203. 

iim^  1/it  637. 

Kirchhoff  117. 

Kissaerdynastie  84. 

Äi'tt  yfcow.r/  ?/€«  624. 

Klamroth  660. 

Kleiner  Astronom  418. 

Kleiner  Sattel  756. 

Kleobuline  125. 

Kleopatra  399. 


Klosterbibliothelcen  529.  537.  540.  781. 
782.  785.  820. 

Klostersclmlen  775.  781.  782.  783.  789. 
790.  791.  792.  796.  799.  800.  801.  820. 

iC%eZ  242.  422. 

Ä^^Mgre  468. 

Kneucker  86. 

Knoche  171.  224.  228.  229.  330.   165.  466. 

xo;^il(.a  311. 

Kodrus  202. 

KoehJer  110. 

Koeppen  841. 

Körperliche  Oerter  235.  236.  419. 

Körperzahl  153.  253.  403.  774. 

A'oM  10. 

KO^Aoyco^'^o^'  341. 

Konoide  und  Sphäroide,  Bücher  des 
Archimed  über  282.  288.  291.  294-295. 

KononvonSamos  282.  291.  292.  320—321. 

Konstantinopel  erobert  durch  das  Kreuz- 
heer ^lo-.,  durch  die  Osmanen  481.  738. 

Kopfrechnen  495.  569.  570.  767.  779. 

Kopp  527. 

Koppe  693. 

xo^wöro?  ygccfiiiri  516. 

jiOßvqDTj  365.  516. 

iTos  102.  103. 

Ko  schan  Jcing  642. 

V.66V.IVOV  317. 

Kosmische  Körper  142.  163.  164. 

Kotijiä  616. 

Krähenindianer  12.     . 

Kramajid  617.  657.  693. 

Krates  von  Mallus  380. 

A^ms  57.  67.  92.  100.  101.  128.  129.  132. 
133.  167.  190—191.  196.  517.  s.  Innen- 
kreis. 

Kreisabschnitt  361.  510. 

Kreisberührungen  292.  . 

Kreisbogen  361.  366—367.  371. 

Kreistheilung  92.  103. 

V.  Kremer  434.  625.  651.  652.  653.  654. 
655.  666.  668.  670.  686. 

Kreuzzüge  473.  733.  740.  768.  772.  824. 
850.  851. 

Kronenrechnung  295—297.  310.  433.  508. 

Kr ümmungsmittelpunkt  326. 

Krumbacher  843. 

Krummhiegel  297. 

Krummlinige  Winlcel  250.  415. 

Kschattriyas  555. 

Ktesihim  Sil.  348.  350. 

Kuas  50.  633. 

Kubatur  der  Konoide  und  Sphäroide  295. 

Kubikwurzel  204.  301.  333.  424.  566. 
575-  576.  598.  642.  718.  732. 

Kubikzahl  82—83.  154.  155.  253.  403. 
440.  452.  519.  520.  521.  539.  579.  711. 
712.  814. 

Kubische  lieste  591.  712. 

Künssberg  225. 

Kufische  Schrift  665. 


Register. 


871 


Kugel  164.  167.  224.  604.  740.  815. 

Kugel  lind  Cy linder,  Bücher  des  Archi- 
med  über  213.  229.  246.  247.  252.  293 
—294.  299.  315.  .'583.  661.  705.   729. 

Kugeloberfläche  293.  549. 

Kngehchnitt  293.  204.  295.  299.  338.  383. 
705.    729. 

Kusch  76. 

Kuschiten  76. 

Küschjär  717. 

Kustd  ihn  Lükd  662.  717. 

Kuttaka  588—590.  643.  644. 

Kiiü  637.  638. 

Hußos  440.  723. 

Kyrus  88.  125. 

Kyzikenns  von  Athen  235. 

Kyzikus  225. 


Lachmann  496.  514. 

Lacroix  246. 

Längster  Tag  91.  94. 

Laertius  a.  Diogenes. 

Lakedaemon  435. 

Lalitavistara  572.  573. 

La  Loubere  594. 

Landkarten  394—395. 

Lanfrank  849. 

Lad  tse  623. 

Larsam  81. 

Lassen  91.  565.  594. 

Latitudines  821. 

Latus  rectum  321. 

Lautere  Brüder  481.  695  —  697.  747. 

iau</t  21.  22. 

Laydrd  100." 

Legendr  e  145. 

Leibniz  10.  205. 

Xsiipig  441. 

ilTjfifta  229. 

Lemmen  des  Pappus  264.  265. 

Lenormant  89.  96.  111.  840. 

Leodamas  von  Thasos  181. -207.  222.  224. 

ieOM  224.  355. 

Leonardo  von  Pisa  513.  857. 

Leonas  464. 

Lepsius  21.  40.  45.    49.   53.   67.    68.    69. 

81.  89.  91.  313. 
LetrQnne  123. 
Levigild  772. 
icvi/  113. 
Xex  Falcidia  522. 
ieic  Genucia  522.* 
jDe  ^/a?/  ,?w  Äm^r  642. 
Liang  jin  634. 

Liber  augmenti  et  diminutionis  688—689. 
Libri  672.  676.  678.  687.  689.  753. 831. 833. 
Lieou  hin  623.  624.  636. 
Lihu  645. 

Lildvati  559.  577.  583.  613.  618. 
iimes  720. 


Lineae  826. 

Liniae  ordinatae  515. 

Lineal  54. 

Lineare  Oerter  235. 

Liptä  =  XstitÖv  559. 

iwt  /«c?(y  641. 

imws  280.  486.  526. 

Loculus  Archimedius  283. 

Loftus  Sl. 

Logistik  =  Rechenkunst  145.  239.  305. 

Lombarden  851. 

Loria  30. 

Xo  sc/«w  632.  633. 

Lucian  157.  166.  201.  400.  525. 

Lunida  Hippocratis  192. 

Lupitus  von  Barcelona  807.  835.  850. 

itt  2Jtt  aei  636. 

Luxeuil  776. 

Lykurg  MO. 

Lysanias  312. 

M. 

3Iaassvergleichun(/en    52.    82.    352.    361. 

362.  364.  366.  515.  572.   773.  810. 
Machinula  501. 
Macrobius  48.  491.  503.  526.    775.    778. 

796.  832. 
Madhyama  haranam  585. 
MadschhuJ  766.  " 
Maerker  229.  330. 
Ma/rw    709. 

Magdeburger  Sonnenuhr  807. 
ilfa^je  97.  428. 
■Magisches  Quadrat  480-481.   594.   633. 

646.  697.   741.   753. 
Magnus  305. 
Magrib  666. 
Ma/iZer  127. 

Mahmud  der  Gaznaioide  713. 
ikfai  822. 

ilfo/er  207.  241.  395.  465.  466. 
MflZ  680.  723.  754.  755.  766. 
Malaien  12. 
Malchus  428. 
Mamerkus  136.  181. 
Mamertinus  136. 
Mandscha  625. 

Mangelhafte  Zahlen  156.  402.  4^3.  784. 
Manilius  811. 
Manitius  344.  381. 
Manuel  .Moschopulos  480—481. 
Maraga  734. 
Marcellus  281. 
Ifarco  Po?o  625. 
Mariette  111. 
Marinus   von   Neapolis    268.    384.    464. 

466.  467. 
Marinus  von  Tyrus  394. 
Marquart  493. 
Jfarre  668.  683.  756. 
Marryat  502. 


872 


Register. 


Martianus   CapeJla    491.  527—528.  530. 

773.  775.  796.  802. 
Martin    120.    153.    157.    163.    210.   342. 

347.  348.  354.  385.  405.  457.  467.  471. 

489.  538.  541.  794. 
Martij  792. 
Masoreteyi  116. 

Maspero  19.  20.  21.  40.  43.  75.  76.  84.  97. 
Massiver  rechter  Winkel  63.  411.  517.  812. 
Maiudi  562.  563.  659. 
fia&rjficiTa  204. 
Ma^hematikerverzeichniss  124.   136.   137. 

162.  175—176.  180.  181.  188.  200.  213. 

222.  223.  224.  225.  226.  228.  231.  233. 

234.  235.  244.  246.  379. 
Mathematische  Zeichen  13.  37.  194.  441. 

442.  580.  581.  642.  643.  755.  765.  766. 

767. 
Matthiessen  252.  270.  643.  644r  761. 
Maximum  und  Minimum  252.  294.  325 

—  326.  334.    341-342.   384.   418.   420. 

423—424. 
Maximus   Planudss  4^32.  437.  475 — 478. 

480.  563.  570.  674.  712.  717. 
Mayas  8. 
Mechanik  221.  223.  240—242.  279.  283. 

308—311.  395. "420. 
Mechanik  des  Boethius  535. 
3Iediallinie  255.  332. 
Medien  76. 
Mehrfache    Lösung   einer   quadratischen 

Gleichung  446.  585.  677.  683.  725. 
Meinzo  von  Constam  833. 
3Iei  ivuli  gan  646. 
(irjyiog  365.  394. 
Melampus  140. 
Melikscluüi  730.  731. 
Memjilvs  66.  . 

3Iena  20.  40. 
Menaechmus  183.  199.  213.  214.  217—218. 

221.  231—233.  277.  315.  337. 
Menant  78.   . 
Menelaus  von  Alexandria  385  —  387.  388. 

392.  397.  418.  419.  503.  513.  663.  735. 

854.  856. 
Menephtah  J  51. 
Menes  20. 
Menge  ^£68. 
(irjVLGKog  192. 
Menkara  20. 
Merit  =  Hafen  (ägyptisch)    54.    55.  56. 

194.  365. 
Merx  102.  113.  114. 
Mesolabimn  315. 

Mesotaeten  1.54.  226.  416.  425.  801.  802. 
Messühat  683-685. 
Messer  Millione  G25. 
Messstange  502. 

Messung  mittels  der  festen  Stange  812. 
Metrodorus  432.  434. 
Mexiko  8. 
(H.-HQVS  i(otQovo^üV(j,tvog  418.  662. 


Milet  102.  125  ügg. 

Militärische  Höhemnessung  813. 

Milleius  =  Menelaus  663. 

Million  78.  79.  114..  116. 

Minaräja  598. 

Ming-D>inastie  624.  642.  645.  646. 

J/mos  199.  598. 

Minuten  388. 

Minutien  =  Vuodecimalbrüche  832—833. 

Miram  TscheleU  736. 

Mischungsrechnung  von  Esswaren  578. 

Missionäre  625—626.  646. 

Mittlere  Bücher  663.. 

Mizraim  19. 

3Inesarchus  137. 

Müdestus  349.  354. 

3Iönchslehen  529—530.  531—532. 

Mohammed  Bagdadinus  272. 

3Iohnkornlänge  306. 

Molinet,  Claude  du  48.  493. 

3Iolltvcidc  242.  301.  302. 

3Iolsem  854. 

31ommsen  487.  488.  489.  490.  514.  525. 

liovdq  431.  440.  680. 

3Iondchen  192—194. 

3Iongolen  624.  632.  642.    733.    771.    772. 

3Iung  tien  622. 

Monochord  143.  155.  800. 

De  Montchal  807. 

3Ionte  Gasino  529.  793. 

De  Montfaucon  305.  807. 

3Iontucla    95.  241.  310.   318.    344.    379. 

474.  475. 
Moraspiel  51. 
3Iorgen  als  Feldmaass  53. 
Moses  3Iaimonides  748. 
3Iüller,  Ottfried  487. 
3Iuhammcd  651.  653. 
Muhammed  ihn  Käsim  659. 
Muiiammed  ihn  Müsä  Alehivarizmi  656. 

658.  668.  070—689.  697.  699.  709.  716. 

719.   724.  725.  741.  751.  752.  753.  799. 

848.  852.  854. 
Muhammed  ihn  3Iiosä  ihn  Schäkir  690. 

M^hurta  ==  --  Tag  (indisch)  91.  92. 

31uizz  Eddaula  698. 

3£uk(trrar  1hl.  758. 

3fukha  606. 

Müla  =  Wurzel  {inAisch)  576.  680-^681. 

3Iultiplikation,  Alter  derselben  8. 

3IuHip^ikationsv  er  fahren    303—304.    331 

—  332.  402.  404.  416.  425.    459-460. 

544.  570—571.  629.  G46.  674.  717.  719. 

739.   763.  764.  827.  831.  842.  846. 
3'Limk  693. 
V.  Murr  437. 
3'Insd,  Feldherr  664. 
3Iüsd  ihn  Schakir  690. 
3Iusaeus  140. 

3Iuseum  in  Alexandria  246. 
Musik  des  Boethius   535.  537.  538.. 542. 


Register. 


873 


Musik  der  Welten  146.  406. 

Husikalische  Proportion  155.  404. 

Musikalische  Schriften  eus  dem  Mittel- 
alter 794. 

Musikalische  Zahlenlchre  142.  145.  279. 
395.  508. 

Musikcdische  Zeichen  773. 


N. 


Nadika  =  „^  Tag  (indiscli)  91. 
bü 

Näherung swerthe  von y 2  169.  210—211. 

302.  368.  372.  407--409.  445.  600.  601. 
602.  603.  822. 

Näherunqswerthe  vonY^i    211.   287.  302. 

303.  368.  369.  517.  603.  607.  685.  816. 
Nacjl  818.  835.  844. 

Namen  bei  den  Arabern  657  —  658. 

Namen  bei  den  Römern  514.  515. 

Naramsin  84. 

Närdyana  594. 

Narducci  744.  846. 

Nasir  Eddin  734—735.  742.  749. 

Navarro  222. 

Naxatra  92. 

Nebi  =  Hohp'flock  (ägyptisch)  63. 

Nebka  20. 

Nebukadnezar  87.  91. 

Nectanabis  225. 

Negative  Gleichungswurzeln  582.  586.  727. 

Negative  Zahlen  441.  580.  581.  582.  586. 

642-643.  755. 
Nen  =  nicht  (ägyptisch)  69. 
Neokleides  224. 
Neptun  85. 
Ner  =  600  (sumerisch)   88.   89.   93—95. 

123.  496. 
Nerva  506.  512.    . 
Nes-chi  Schrift  666. 
Nessehnann  103.  116.  120.  145.  226.  254. 

271.  297.  344.  379.  400.  401.  403.  406. 

407.  431.  432.  433.  436.  437.  440.  442. 

448.  452.  454.  459.  463.'  675.  676.  738. 
Nestorius  659. 

Netzmultiplikation  571.  739.  764. 
Neue  Akademie  399. 
Neuneck  im  Kreise  715. 
Neunerprobe  571.  674.  712.  719.  722.  759. 
Neuplatoniker    427  —  432.  463.  473.  530. 

535.  543.  836. 
Neupythagoräer  399.  435..  473.  543.  670. 

673.  696.  841. 
Neuseeländer  10. 
Niccheda  588. 
Niebulir  525. 
Niederbretagner  10. 
Nietzsche  107. 
Nicolaus  Bhabda  von  Smyrna  479 — 480. 

491.  668.  779.  780. 


Nikomachus  von  Gerasa    147.  154.  155. 

158.  159.  212.  317.  349.  400—404.  405. 

406.  407..  425.  426.  427.  430.  432.  434. 

444.  492.  519.  524.  525.  528.  531.  535. 

5.38.  539.  540.  545.  643.  663.  673.  681. 

691.  711.  774.  8.52.  855. 
Nikomedes  183.  334—338.  346.  379.  397. 

416. 
Nikon  293. 

Nikoteles  von  Kyrene  320. 
Nil,  Austreten  des  19.  60—62.  125.  746. 

802.  803. 
Niloxenus  128. 
Ninian  776. 
Ninive  76.  99.  112. 

Nipsus  514.  515.  517.  613.  810.  811.  813. 
Nirapavarta  588. 
Nissen  486.  497.  498.  500. 
Nizum  Almulk  730. 
Nizze  282.  291.  320.  382.  384. 
Noah  19.  87. 
Nokk  278.  340.  382.  383. 
Nordamerikanische  Naturvölker  502. 
Null   69.    84.    118.   158  —  159.   476.    551. 

563.  567.  569.  576.  631.  669.  717.  801. 

831.  842.  843.  846.  848.  850.  854. 
Null  als  Gleichungsivurzel  vermieden  727. 
Nunia  490.  491.  503. 
Numeri  figurati  539. 


Obelisk  Ä7 4:. 

Ocreatus  404.  852.  855. 

Octodecivial  System  10. 

Odalric  793. 

Oddo's  Segeln  des  Abacus  794.  844-847. 

Odo  von  Cluny  793.  794.  797.  844. 

Odo  von  Tournay  835. 

Oerter  auf  der  Obertlächc  273—274.  419. 

422. 
Oestliche  Han-Dynastie  636. 
Ofterdinger  208.  272. 
Oinopides,  der  Philosoph  88. 
Oinopides  von  Chios  140.  175.  178.  181. 
Oktadm  des  Archimed  305—306.  330. 
(OKVtößoov  330. 
Okytokion  330. 
Olleris  797.  820.  843. 
Omaijaden  654.  655. 
"Omar  469.  470.  653. 
Vmar  Alchaijdmi  729—732.  742. 
Omar-Gheian  ^='Omar  Alchaijdmi  731. 
Oppermann  301. 

Op)pert   75.  79.  85.  87.  89.  94.   101.  103. 
Oppohitio  676. 
Optilc  279.  395.  418.  744. 
Opuntius  s.  Philippus  Opuntius. 
Ordinaten  515. 
Orestes  462. 

Orientirung    14.  20.   63;  497—500.   559. 
"  561.  595.  596.  597.  634—635. 


874 


Register. 


wQiofiivov  148. 

Ormis  837  ß.gg. 

Orontes  93. 

OQOS  345.   720. 

Orpheus  140. 

OQ&ia  321. 

Ortstheorem  265.  266.  267.  745. 

Osiris  147. 

Osseten  10. 

Osterrechnmi'i    495.    532.    533.  776.  778. 

780.  781.   783.  791.  843.  845. 
Osivin  776. 
Ottajano  420. 
0«o  7.  799. 
0«o  II.  804. 

Otto  JJ/.  536.  804.  805.  806.  808. 
Oll  iväng  95.  622.  634. 
Ovidius  336. 
Oxus  75. 


TT   =    |/8    473. 

TT  =  3     100.  375.  603.  606.  639.  641. 

n  =   (^j     602.  823. 
TT  =  3—     508.  602. 


157 
TT  =  3,1416 


„17 

120 


•641. 

330.  604.  612.  616,  685. 
394.  212. 


=  288.    354.   375.   376.  508. 

7 

549.    606.    607.    612.    615.     641. 

685.  832. 

=  (^Y  ö"^- 1^0-  ^'^ö-  3'^^-  ^^-■ 

=  y'lO     606.  607.  685. 
=   (IT  =  3.24     823. 

-  V^Y  ^  ^'"^^^  ■  ■ 

787.   823. 


512. 
645. 


740. 


7t   =  4     550. 

Pada  576. 

Padmandbha  560.  585. 

Palaeologen  474 — 475. 

Palimpsest  von  Verona  526.  540. 

Pahnyra  113. 

Pamir  Ib. 

Pamphüe  126. 

Pänini  596. 

Pao  tschang  schi  634. 

Pappus  von   Alexandriti    108.  109.   183. 

185.  208.  212.  214.  232.  233.  235.  247. 

260.  264.  265.  266.  267.  273.  274.  277. 

284.  292.  303.   315.  316.  319.  320.  327. 

328.  329.  330.  331.  335.  U37.  341.  348. 


3.50.  382.  386.  395.  400.  412—427.  435. 

453.  456.  457.  458.  4.59.  465.  512.  663. 

692.  696.  700..  701.  719.  745. 
Papyrus  Eisenlohr  20 — 47.  52  —  60. 
Papyrus  Sallier  51. 
Parabel    160.    217.    218.    232.    274.    289 

—290.  294.    308-309.  328.    383.  468. 

702.  714. 
Parabehirlel  218.  231. 
Paraboloid  58. 
■na^äSo^og  yQajiixrj  387. 
Paranellinien    98.    160.    262  —  263.    292. 

395—396.  466.  515.   735. 
Parallelogramm  der  Kräfte  241. 
Parallellrapez,    gle'chschenJcliges    56.  6(). 

1^)2-193.  361.  365. 
Paralleltrapcz  mit  H  gleichen  Seiten  192 

—  193.  197—198.  609.  610.  733. 
Paramädigvara  560. 
De  Paravey  80. 
Parilienfest  500. 
Pariser  Gemme  493. 
Parmenides  467. 
Partsch  505. 
Pascal  .520. 
Passahfest  532. 
Pdfaliputra  558. 

Patrikius  349.  354.  457—458.   463.  517. 
Pausanias  88. 
Pediasimus  475. 
Peiper  539.  844. 

Pena  382.  •  '     . 

Pendlebury  424. 
Pentagramm  166.  195. 
Perigenes  103. 

PeriUes  110.  166.  176.  201.  245.  816. 
Peripatetiker  107.  142.  204.  238.  243.  245. 

718QLGOOL    148. 

Perny  621.  622.  623.  627.  628.  629.  632. 

Perseus  183.  340.  379. 

Persius  803. 

PerspeUive  67.  177.  295.  395. 

Pertz  822. 

Peruaner  50. 

Peiaw  379. 

Petesuchet  21.  ' 

Pdesuehis  21. 

Peine  23. 

Pe0  801. 

Pfahlhauten  am  Pfäffikon-See  14. 

Pheidias,  Künstler  201. 

Pheidias,   Vater  des  Archimed  {?)  281. 

Philipp  von  Macedonien  158.  201. 

Philippus  von  Mende  235. 

Philippus   Opuntius  157.  235.  297.  456. 

Philo  von  Alexandria  115. 

PÄt'Zo  wo«  Ttiana  307. 

Phüolaus  148.  150.  154.  164.  171. 

Philoponus  188.  190.  220.  469. 

Philosophie     der     Mathematik     in     der 

Akademie  206—207. 
Phöniker  76.  85.  111—113.  125. 


Register. 


875 


Phönix  85. 

Photius  315. 

Phiflai  111. 

Pick  492. 

Pietschmannld.  20. 21. 40.  43.  75. 76. 84. 97. 

Pikan  567. 

Pipin  795. 

Pipping  380. 

Piremus  =  Heraungelun    aus    der    Säge 

(ägyptiscli)  58. 
Pirmin  776.  785. 
Planisphucrium  395. 
PZaio  fow  Ticoli  693.  853. 
P?afon  95.   140.  143.  145-.   1(31.  171.  182. 

199.  200.  201  —  222.  223.  225.  228.  231. 

235.  236.  238.  245.  246.  255.  301.  314. 
354.  361.  362.  399.  401.  405.  535.  548. 
836.  845. 

Piaton,  Briefe  202. 

Platon,  Charmides  304. 

Piaton,  Euthydemus  146. 

Platon,  Gesetze  61.  204.  212.  213.  235. 

Platon,  Gorgias  146. 

Platon,  Hippias  maior  182. 

Platon,  Hippias  minor  182. 

Platon,  Lysias  148. 

Platon,  Menon  159.  172.  204—206.  207. 

210.  683. 
Platon,  Nebinhuhlcr  176.  177.  178. 
Platon.  Parmenides  207. 
Platon,  Phaedon  164.  212. 
Platon,  Phaedrus  47.  6l. 
Platon,  Philebus  171. 
Platon,  Protagoras  182. 
Platon.    Republik    147.    157.    168.    203. 

210.  .331. 
Platon,  Sop>Mst  467. 
Platon,  Theaetet  170.  196.  200.  223—224. 
Platon,  Timaeus  143.  153—154.197.212. 

224.  811. 
TcXätog  365.  394. 
Pifiutus  491.  496. 
Plectoidische  Überfläche  422. 
TtXsvgd  681. 
Plinius   21.  90.  102.  128.  135.  152.   162. 

383.  491.  503.  504.  505.  507.  778.  821. 
Plotinus  428.  503.  528.      - 
Plutarch    95.    128.    142.    147.    157.    160. 

165.  168.   171.  177.  180.  220.  221.  222. 

236.  243.  280.  431.  454. 
noöio^og  516. 
Podismus  516.  810.  813. 
Poggendorff  240.  625. 

Pol  eines  sphärischen  Bogens  392. 

Pol  der  Gonclioide  335.  337. 

Politische  Arithmetik  479. 

Polos  102. 

Polybius  122.  161.  304.  380. 

Polyeder  s.  Vielfläcliner. 

Polygonalzahlen  158.  236.  297.  345.  403. 

4:34.    454  —  456.    515.    518  —  519.    520. 

539.  515.  549.  587.  814. 


Polygonal  zahlen,   Schrift   des   Biophant 

über  436.  454—456. 
Pohjklet  201. 
Polykrates,  Eedner  139. 
Pumpeius  381. 
Porisma  264—267. 

Porismen  des  Biophant  436.  451-452. 
Porismen  des  Euklid  264.  267—268.  392. 

419.  423.  745. 
Porphtjrius    85.  90.   108.    110.    141.    155. 

175.  427.  428.  429.  663. 
Pusclger  240.  241. 
Posidonius  von  Alexandria  381. 
Posidonius  von  Rhodos  381. 
Potentia  196. 

Potenzen  der  -unbekannten  Zahl  440.  580 
■     —581. 

Potenzgrössen  196. 
Potone  236. 

Pott  4—13.  45.  50.  53.   86.  93. 
Poudra  395. 
Präci  596. 
Praecisura  516. 
Prantl  822. 
Premare  626. 
Primzahlen    149.    253.    317  -   318.    401. 

432.  473. 
Princip  der  virtuellen  Geschioindigkeß  241. 
Priscianus  296. 
Prisse  d' Avenues  66. 
Prithüdaka  579.  609.  610. 
Problem  261. 

Produkt   der   Summen   ztoeier   Quadrat- 
zahlen 451. 
Projcctionsmetlioden  395.  414. 
Proklus   Biadochus    65.    108.    124.    127. 

128.  130.  131.  134.  136.  142.  145.  150. 

159.  160.  161.  162.  165.  168.  171.  173. 

178.  180.  181.  182..183.  191.  200.  207. 

211.  224.  228.  229.  230.  232.  241.  246. 
247.  248.  250.  259.  260.  261.  263.  264. 
265.  266.  272.  311.  328.  .332.  337.  340. 
341.  348.  355.  378.  379.  382.  384.  395. 
414.  429.  458.  463—466.  528. 

Proportionenlehre  36.  67.  146.  1^ — 155. 

212.  223.  226-228.  251.  257.  263.  316. 
402.  404.  416.  425.  539.  694.  719. 

Proportionaltheile  392. 

Propositiones  ad   acuendos  juvenes    784 

—  789. 
Protagoras  182.  186. 
Protarch  343. 
ipafifiirrjg  306. 
Psellus  472—473. 
ipjjcpog  843. 

ipricpocpoQia  v.ax  'Ivdovg  476. 
^psvSäQicc  263. 
Pseudoboethius    539.  546.   547.   551.  823 

—824. 
Ptolemaeus  Euergetes  198.  199.  231.  245. 

312.  313.  318.  321.  504. 
Ptolemaeus. Lagi  Soter  215. 


876 


Register. 


Ptolenuieus  PJdladdpJms  115.  245. 
Ptolemaeus  Phüopator  315.  318. 
Ptölemaeus  IX  347. 
Ptolemaeus  XI  08 
Ptolemaeus  XIII  348. 
Ptolemaeus  Hephaestio  315. 
Ptolemaeus,  Claudius  90.  91.  lO'J.  118.  303. 

365.  378.  383.  385.  387—396.  397.  404. 

406.  413.  414.  428.  458.  465.  531.  535. 

557.  560.  563.  617.  656.  660.  661.  662. 

670.  720.  749.  750.  853.  854.  856. 
Ptolemaeischer  Lehrsatz  388.  720. 
Punktirkimst  98.  734. 
Pyramidahahlen  236.  456.  515.  519.  520. 

587.  646.  814. 
Pyramidenwinkel,  Constanz  desselben  20. 
nvQStov  328.  338. 
Pythagoras  88.  137—175.   176.  205.  211. 

226.  255.  354.  361.  362.  399.  400.  404. 

428.  430.  434.  485.  528.  531.  535.  543. 

599.  654.  682.  683.  691.  774.  811.  845. 

Pythagoräer  65.  95.  121.  137.  141—175. 

"l85.   187.  189.   190.  .195.  197.  200.  203. 

222.  226.  239.  277.  320.  332.  431.  520. 

584.  • 

Pythagoräisch  er  ^Lehrsatz  142.  166.  167. 

168.  172.  205.  249.  597.  598.  599.  600. 

605,  613—614.  637—638.  641.  683. 
Pytliagoräisches    Dreieck    64.    102.    158. 

159.  168.   169.  311.  450.  508.  637.  638. 

740.  812. 
Pythmen  331—332.  431.  544. 


Q. 

Qa  =  Höhe  (ägyptisch)  58.  365. 
Qet  =  Äehnlichkcit  (ägyptisch)  58. 
Quadrat  54.  165.  VIQ,  196. 
Quadratische  Beste  i07.  591.  707.  712.  719. 
Qtiadratrix    183  —  185.    233  —  234.    "291. 

337.  338.  417.  421—422. 
Quadratur  der  Ellipse  291. 
Quadratur  des  Kreises  57.  100.  177.  183. 

185.  >B9  — 191.    192  —  194.    196.    234. 

256.  473.  601.  602.  603.  744.  822—823. 
Quadratur  der   Parabel    229.    282.    288. 

289—290.  308-309. 
Quadratwurzel    55.    68.    3  70.    223.    224. 

287  —  288.    302  —  303.    353.  368  —  369. 
■  375.  414.  424.  460—461.  468.  477—478. 

566.  575—576.  581.  598.  600.  fi07.  642. 

720.  722.  732.  740.  752.  759—760.  765. 
Quadratzahl  82.  149.  151.  152.  153.  154. 

155.  157.  158.  159.  189.   196.  224.  253. 

298—299.  403.  407.  431.  440.  449.  450. 

451.  468.  520.  579.  711.  712. 
Quadratzuhl ,   welche   um   eine   gegebene 

Zahl  vergrössert  oder  verkleinert  wieder 

Quadratzahl  ist  708-711. 
Quddruvium  538.  773.  845. 
Quatuordecimani  532. 


Quimas  837  flgg. 

Quinarsystem  8.  9.  10. 

■Quincke  14. 

Quintilian  161.  341.  491.  510—512.  527. 

Qioijni  50. 

R. 

Ba-ä-us  22. 

Baab  186 

Bacechin  822. 

Bad  des  Aristoteles  241—242. 

Badix  681.  754.  755. 

Badulph  von  Laon   831.  835—843.  844. 

845.  848. 
Ba-tn-mut  22. 

Bäthselfragen  783.  784.  788.  789. 
Baimund,  Stiftslehrer  von  Atirillac  797. 
Baimund,  Erzhifichof  von  Toledo  750. 
Bama  Krishia  561.  -576. 
Baml  =  Punktirkunst  98. 
Bamses  IL  54.  60.  66.  67. 
Bandbemerkungen  dringen  in  einen  Text 

ein  262.  349.  693.  812. 
Banganätha  561. 
Bask  563. 
Bat  gar  791. 

Bationale   Gleichungsicurzeln    allein    ge- 
stattet 443—445. 
Bationale    rechtwinklige    Dreiecke     173. 

175.    211  —  212.    255  —  256.    361.   362. 

368.  450.  451.  '452.  453.  454.  516.  548. 

587.  598.  708—712. 
Bationalmachen  von  Brüchen   586.    765. 
Baumcoordinaten  394. 
Baivlinson  82. 
Bnzi  653.  854. 
Bechenbrett  s.  Abacus. 
Bechoibuch  von  Achmim  23.  30.  470—471. 
Beehcnbuch  von  Bakhshdli  558.  573—575. 
^   bll.  580.  581. 
Bechenknecht  495. 
Bechncn    mit   Marken    6.    50  —  51.    94. 

476.  775. 
Bechnende  Geometrie  =  L'eldmesstvissen- 

schaß  505. 
Bechnung  auf.  der  Linien  524. 
Bechteck  54.  102. 
Bechter.  Winkel  64.    100.  102.  128.  132. 

150.  152.  178.  180.  196.  356.  358—359. 

596.   597. 
Bectification  des  'Kreises    100.   234.   285 

—288.  338.  604. 
Bedewendungen,mathematischederAegt/p- 

ter  23.    24.   28.   31.    69.   71.    261.    36.5* 
.  —366;      der   Araber    680.    766.    767; 

der  Griechen  147.   148.  196.  261.  365 

—366.  440.  516;    der  Inder  571.  574. 

576.   577.   580.   581.   582;    der  Bömer 

495.  516. 
Begeldetri  479.  578.  593.  683.  719.  739. 

766. 


Register. 


877 


Begimhcrtus  von  Eeichenau  537. 
Regimlold  von  Cöln  822.  835. 
Regivmontanus  437.  693.  750. 
jRegula  elchatayn  689. 
Regula  Nicomachi    404.   492.   545.   827. 

852.  855. 
Regula  quator  qiiantitatum  749. 
Regula  sermonis  689. 
Regula  sex    quantitatum    386.  392.  735. 

749. 
Reichenau  537.  540.  785.  792.  832. 
Reiffersclieid  525.  824. 
Reihen  148. 
Reihe,    arithmetische    40 — 41.    81.    149. 

155.  298.  299.  345.  362.  431;  519.  575. 

579.  584.    • 
Reihe,  geometrische  40r  42.  81.  149.  155. 

253.  290.  579. 
Reihe  der  Biqiiadratsahlcn  736. 
Reihe    der    Kubikzahlen    519 — 520.   579. 

724.   739.   759,  814. 
Reihe  der  Quadratzahlen  298 — 299.  519. 

579.  724.  736.  739.   759. 
Reimer  198.  199.  437. 
Reinaud  428.  555.  557.  562.  563.  671.  672. 
Reisen     griechischer     Philosophen:     des 

Anaxagoräs  176;    des  Demokritos  179; 

des  Eudoxus  225;    des  Oinopides  178; 

des  Piaton  202—203;    des  Pythagoras 

138—141;    des  Thaies  126. 
Religiöse   Gegensätze    bei    den   Arabern 

720.   721.  730.  742—743. 
Remigius  von  Auxerrc  792.  820. 
Remigius  von  Trier  804.  819: 
Remusat  630. 
Repräsentation  522. 
Res  754.  756. 
Restauratio  676.  754. 
Qrjtov  169.  254.   720. 
Reuter  849. 

Rhabda  s.  Nikolaus  Rhabda. 
Rheitns  792.  798.  799.  805.  806.  807.  808. 

811.  817.  818.  819.  820. 
Rhind  20. 

Rhodos  346.  348.  358.  381.  394.  398. 
Ricci  625. 
Richardson  98. 

Richerus  797.  798.  799.  800.  817.  818. 
Richter  328. 
Riese  487. 

Rinder problcm  des  Archimed  297.  432. 
Qitn  681. 

Robert  von  Lincoln  834. 
Rodet  30.  36.  38.  42.  442.  446.  558.  565. 

566.  575.  576.  577.  578.  580.  581.  582. 

583.  584.  585.  587.  588.  590.  604.   605. 

606.  615.  635.  675.  852. 
Roediger  479. 
Römer    11.  12.    15.   348.   381.   385.    397. 

398.  428.  470.  485—551.  556.  579.  596. 

603.  629.  634.  685.  740.  772.  787.  788. 

799.  800.   803.  806.  855. 


Römische  Reichsvermessung  504 — 505.  . 
Roth  136.  137.   173. 
■Rohde  104.  247. 
RomaJca  Pura  560. 
Romulus  490.  503. 
Rosen  676.  684.  753. 
Rossi  501. 
De  Rossi  486. 

RotJüaiif  203.  204.  205.  206.  210.  223.  224. 
i)e  Rouge  51. 
Rudolf  von  Brügge  854. 
Rudolf  von  Lüttich  835. 
Rudorff  4S6. 
Rudpert  833. 
Rupa  574.  580.   642.  680. 


S. 

Saba  434.  654. 

Sachau  712. 

Sacrj  665.  666.  667. 

Sätze  des  Metielaus  386.  392—393. 

Sqfech  63. 

Said  756. 

Salaminisclie  Tafel   122  —  123.   124.  304. 

411. 
Salemer  Algorithmus  855 — 856. 
caXivov  284.  285. 
Sallier  51. 
Salmän  660. 
Salvianus  Julianus  523. 
Sdma  QÖdhanam  =  ccnh  onoCcov  ofioia  582. 
Samarkand  735. 
Sammekvörter,  verschieden  nach  der  Art 

des  Gezählten  5. 
2aiiip  (iTiovxciQrjg  474. 
Sandbestreute  Tafel    120.  121.  123.  124. 

527.    570.    571.    669  —  670.    671.    717. 

827.  831. 
Sandrechnung   des   Archimed    306^ — 308. 

572.   714. 
Sanskrit  556.  557.  564.  565—566. 
Saph  843. 

Sar  =  3600  (sumerisch)  88.  89.  95. 
Sargon  I  84.  90.  97. 
Saryukin  84. 
Sasuchet  21. 
Sasyches  21.  22. 
Satz  von  den  6  Grössen    251.   386.   392 

—393.  735. 
Savilius  262. 
Sayce  84.  90.  99.  . 
Schaal  625.     . 
Schachbrettartige  Multiplikation  s.  Netz- 

multiplikation. 
Schachsjiitl  594.   712. 
Schcdiruch  735. 
Schal  680. 

Schaltjahr  iO.niS- SU.  381.  504.533.731. 
Schams  Addin  al  Mansill  668. 
Schamsaldin  von  Bukhara  474. 


878  .  Register. 

Sdiamsaldin  von  Samarkanä  474.  Sekunden  388. 

Schains  ed  Daula  712.  Seldscliük  730. 

Schang  kao  635.  637.  638.  '  Seldschuken  698. 

Schapira  80.  ari^sta  sk  xfjg  naQdßolrig  323. 

Scliaraf  ed  Daula  698.  Semes  =  Schlägel  (ägyptisch)  63. 

Schasu  21.  Semiten  20.  7€. 

Schatten  =  Tangente  704.  743.  Semuncia  494. 

Schattemn essungen  zu  Höhebestimmungen  Senkereh,  Tafeln  von  81 — 83.  89.  711. 

128.  134.  363.  364.  518.  607.  739.  812.  Sepher  Yecira  96.  563. 

Schattenseiger    102.    103.    135.   499.  500.  Segem  '=  Vollendung  (ägyptisch)  34—36. 

634.  635.  694.  704.  807.  Seqt  =  Äehnlichmachung  (ägyptisch)  58. 
Schaubach  176.  129.  134.  396. 

Scheffel  als  Feldmaass  53.  Serenus  von  Antissa  383 — 385. 

ScheiteUinit  55.  56.  605.  Sergius  434.  654. 

Scheitelwinkel  127.  Servatus  Lupus  792. 

Schenkel  86.  Sesostris  54.  60.. 

Schepss  537.  '  Seti  I  66.  201.  3o8.' 

Schiapurelli  2-25.  229.  •  Sexagesimalbrüche  79.  85.  303.  345.  370. 

Schiefe  Ebene  420.  388.  459—461.  475.  477.  478.  489—490. 

Schlagintweit  92.  573.  594.  675.  720.   752.-  830.  856. 

Schlegel  627.  Sexagesimalsystem  10.  81.  85.  86.  89.  90. 
Schmidt,  J.  498.  92.  93.  94.  95.  628.  635.  639.  713.  718. 

Schmidt,  Max  C.  P.  231.  Sexcenti  =  unendlich  viele  496. 

Schmidt,  M.  330.  .  Sextus  JuUus  Africamis  409—411.  812. 

Schnitt   des   rechtwinkligen  Kegels    231.  Shadvidham=  6  Bechnungsverfahrcnblb. 

232.  319.  Sicel  773.  847. 

Schnitt   des    spitzwinkligen  Kegels    231.  Sicilien  109.  117.  136. 

232.  319.  Siciliquus  494. 

Schnitt  des  stumpfivinkligen  Kegels  231.  Sickel  780. 

232.  319.  Siclus  773. 

Schnitzler  687.  Siddhänta  559.  562.  657. 

Schöll-Pinder  470.  479.  Siddhdntariramani  559. 

oxoivCov  359.  Sieb  des  Kratosthenes  317 — 318.  473. 

oxoivog  359.  Sieben  als ' unbestimmte   Vielheit  86. 

Schraube  311.  Sieben  freie  Künste  s.  artes  liberales. 

Schraubenfläche  422.  Siebeneck  im  Kreise  292.  702. 

Schraubenlinie  382.  421.  Siebenerprobe  759. 

Schreibfeh  ler  im  Codex  Areerianus  517.810.  Sigebert  822. 

Schrift,  Erfindung  derselben  13.  Signal  357. 

Schrumpf  6.  *SWms  Italiens  280. 

/ScAmZ^  433.  436.  447.  •  Simplicius  190.  194.  354.  381.  382.  394. 

&7«<«  <c/«'  625.  469.  504.  692. 

Schwerpunkt  308—309.  420.  421.  ^'maw  ihn  Alfath  687. 

Schwimmende  Körper  des  Archimed  310.  Sinun  ibn  Täbit  705. 

Sciotherum  499.  •  Äwci  ifc«  ÜZ?  687. 

Scriverius  513.  Sindhind  562.  655.  656.  657.  658.  670. 

Scyllacium  529.  ä'wms  616.  693.  694.  750.  853. 

Scythianus  428.  Sinus  von  225'  6i7. 

Sechseck  67.  92 — 93.  100.  193.  363.  364.  Sinussatz  der  ebenen  Trigonometrie  735. 

509—510.  Sinustafeln  617.  694.  702—704.  743. 

Sechseckszahl falsclibcrechnet  bis.  b4:6.i:ili.  Sinus  versus  616.  693. 

Sechs  Gleichungsfälle  676.  724.  Sipos  838  flgg. 

Sechsersystem  10.  Skandinaven  10. 

Sechzig  als  unbestimmte  Vielheit  87 — 88.  Smith' 100. 

Sechzigstel  392.  Ämoi  =  Alisrechnung  (ägyptisch)  31. 

Secundiis  von  Athen  784.  Smyrna  109. 

SediZZof  735.  743.  744.  Sokrates  189.  202.  203.  205.. 

>S'e/ie<.'  614.  700.  .  Solon  110.   122.   123.   140.  202. 

Sehnentafel  346.  370.  385.  388—392.     ■  Sopater  429. 

Seidel  312.  Sophienkirche  in  Konstantinopel  468. 

Seilspannumg    62.  63.  64.    99.-  358—359.  Sophisten  182—183:  189—190.  205.  242. 

597.  638.  Soranzo  305. 


Register. 


879 


Sosigenes  504. 

SosiJcrates  125. 

Boss  =  60  (sumerisch)  88.  89.  95. 

Spanische  Omaijaden  664.  G65.  746  —  747. 

Species  442. 

Spengel  108.  192. 

Speusippus  203.  236.  456. 

SpMrik   liö.   278  —  279.    383.   385.   418. 

419.  701. 
Spärische  Spirale  422. 
Sphärische  Trigunumetrie  385.  392 — 393. 

616.  642.  694.  735.  745-750. 
Spirale,  Maschine  311. 
Spirallinien  183.  282.  291—292.  298.  334. 

337.  417.  422. 
Spiren  183.  230.  340. 
Spirische  Schnitte  230,  340. 
Spitienfigur  740. 
Sprenger  695. 
S.  Q.  516. 

St.  Emmeran  in  Begensburg  786. 
St.  Gallen  801.  832. 
St.  Martin  bei  Tours   782.  790.  791.  792. 

793. 
St.  Peter  in  Salzburg  809.  815.  832. 
Stammbrüchc    24.    25.    45.    46.    47.    114. 

118.  155.  304.  366.  470—471.  490.  573. 

675.   711.  719.  832. 
Stammhrüche,  algebraische  440.  723. 
11.  Stein  784. 
Steinhart  183. 
Steinschneider    98.   661.    662.    663.    688. 

692.   694.   704.   747.   748.   757.   853. 
Stella  501. 
Stellwngüwerih  der  Zahlzeichen   83.   116. 

117.  118.  566.  567.  568.  569.  576.  668. 

739. 
Stereographische  Projection  395. 
Stereometrie  57.  144.  212.  216.  217.  229. 

256.  334.  362.  363.  373—375.  500.  526. 

604.  607.   608.  685.   740. 
Stern  {Ludivig)  22.  , 

Stern,    Winl-dkreuz  355.  356.  501.  634. 
Sternvieleck  166.  547—548.  740. 
Stesichorus  136. 

Stetigkeitsbegriff'  185-186.  191. 
Stobaeus  88.   142.  149. 
Stoeber  514. 
Gxoix^Ia  188.  247. 
GrOLiiia  y.coviy.u   288. 
Stoy  49.  118.  119.  123.  479.  779. 
Strabon  62.  85.  88.  140.  141.  202.  225.  383. 
Studemund  195.  526. 
Su  schu  kicou  tschang  632. 
Subtraktion  zur  Bildung  von  Zahlwörtern 

benutzt  11.  489. 
Sulitr aktionsverfahren  570.  629.  673.  763. 

768. 
Suchet  21. 
Suetonius  491. 
Suidas  88.  93.   102.  135.   224.   312.  412. 

413    458.  462. 


Sumerier  75.  76.  77.  84. 

Sun  tse  643. 

Sung-Dynastie  624.  632.  636.  G.-iS. 

Sunya  574.  669. 

Sürya  559. 

Sürifa   Siddhänta    559  —  560.    569.    596. 

615.  617.    • 
Süryadäna  561. 
Susemihl  244. 

Sutek  =  Leiter  (ägyptisch)  42. 
Suter  651.  734.   745.  792. 
Swän  fä  töng  tsüng  628. 
Swdn  pdn  627.  628-629.  633. 
Sylvester  II  =  Gerbert  808.  • 
Symmachus  533.  534.  537.  538. 
Symbolische  Positionsarithmetik  567—  568. 
Gvvayayri  415. 
Synesius  462. 
Synkellos  88. 

Synode  von  Mouson  807.  823. 
Synthesis  208.  217.  218. 
Syrahus  280.  281.  293. 
Syrer  lf4. 
Syrianus  463.  464. 


T. 

Täbi'   709. 

Täbit  ibn  Kurra  156.  661—662.  691—692. 

696.   697.   705.  706.   741.    854. 
Tacitus  487. 
Tadmor  113. 
Tue  542. 

Tageseintheilung  91 — 92. 
Takarrur  Ibl.  758.' 
Talchis  =  Auszug  (arabisch)  757. 
Talent' 122.  123. 
Talmud  101.  162. 
Talus  152.  336. 
Tamerlan  735.  771. 
Tangente  704.  743. 
Tannery    144.    147.    186.    187.  210.  236. 

243.  278.  304.  330.  383.  387.  433.  435. 

426.  472.  473.  479.  520. 
Tantum,  quantum  754. 
Tad  623. 
Tara  763. 
Taraha  763. 
TarÄ  763. 
Tdrik  664. 

Tarquinius  Priscus  490. 
Ta  sc/n'  624. 
Ta«o  792. 
Ta  yen  643. 
Ta2/Zor  488. 
Täzy  624. 

Tcliao  kun  hiang  636. 
Tcheou- Dynastie  622.  636.  640. 
Tcheou  =  Kreis  (chinesisch)  635.  637. 
Tcheou  kong  622.  628.  636.  637.  638. 
Tcheou  ly  622.  623.  624.  634.  635.  636. 


880 


Register. 


Tcheou  pei  635—639.  640.  641. 

Tchin  kJiang  tching  624. 

Tchin  tofig  624. 

Tchintsoe  636.    ■ 

Tchu  lii  624. 

xiXBLOi  156. 

Temenias  838  ^gg. 

Temnonides  226. 

Templum  496.  497.  498.  501.  504. 

Tennulius  432. 

Tepro  =  Mund  (ägyptisch)  54.  55. 

Terentianus  Maurus  506. 

Terminus  720. 

Ter  quem  318. 

Tessareskaidekusiten  532 . 

Tefa  20. 

Tetraden  des  Apollonius  330 — 331. 

Tfrpaycöv/^otJffo;  183. 

TgTQaycovog  196. 

TetroMys  95. 

Teu/^eZ  505. 

Ti^a/cs  wow  Jf«7e«    125  —  135.    139.    160. 

176.  196. 
Thang-Bynastie  636.  643. 
Theaetet  von  Athen   181.  222.  223—224. 

233.  235.  246.  260.  261.  332. 
Theilerfremde  Zahlen  588.  591.  592. 
Theilung  der  Figuren  Euklids  272 — 273. 
Themistios  126.  190. 
Then  ivdng  622. 
Theodolit  356.   706.  812. 
Theodor,   Bischof  von    Canterbury    776 

—777. 
Theodor  Tschahuchenvon Klazomenae  479. 
Theodorich  529.  530.  533    534.  535. 
Theodorich  von  Chartres  843. 
Theodorus  von  Kyrene    170.    188.    200. 

202.  213. 
T/uodonis  Meliteniota  474. 
Theodorus  von  Samos  152. 
Theodosius  I  412.  458.  462.  771. 
Theodosius  von  Tripolis  382—383.    386. 

418.  419.  662.  853.  854.  856. 
Theodulf  von  Mainz  783. 
Theon  von  Alexandria  118.  262.  263.  303. 

341.  388.  393.  404.  412.  413.  433.  434. 

458—461.  462.  465.  477.  542.  548.  720. 
Theon   von    Smyrna    85.    108.    143.  144. 

145.  147.  149.   153.  157.  158.  173.  219. 

220.  243.  302.  316.  385.  400.  404—409. 

425.  427.  431.  435.  445.  546:  600.  673. 

711.  823.  841. 
Theophancs  667. 
Theophania  804. 

Theophratus  von  Lesbos  108.  180.  243. 
Theorem  261. 
Thevenot  350. 

Theydius  von  Magnesia  234.  355. 
Thibaut  92.  560.  595.  596.  597.  598.  599. 

601.  603. 
Thittmar,  Bischof  von  Merseburg  807. 808. 
Thorbccke,  Aug.  529.  530. 


Thorbecke,  Heinr.  651. 

Thot  40.  47. 

Thrasyllus  von  Mende  400.  405. 

Thukydides  161. 

Thurot  310. 

Thymaridas    147—148.   426.    430.    433.. 

440.  584. 
&vQ£og  =  Schild  für  Ellipse  278. 
Tiberius  247.  400.  405.  549. 
Tihct  567. 

Tim  =  Seil  (sumerisch)  99. 
Timaeus  von  Lokri  143.  163.  167.  202. 
Timür  =  Tamerlan  735. 
Titulus  826. 
Titus  512. 

Tina  =  10000  (altslavisch)  80. 
T(ir'lH.UTa  388. 
Toyrulbeg  730. 
Toledo  750. 
roTiog  217. 
Torelli  282.  330. 
Tosorthros  20. 
Trajan    385.   428.   432.    506.    512.    513. 

514.  521.  523.  525.  556. 
Treutlein  831.  843. 
TQiXotö^ia    ycoviag  =  Dreitheilung    des 

Winkels  184. 
Trigonometrie    58.    346.  370  —  372.   386. 

388—393.615—618.642.  694.  734—735. 

749—750. 
Trinitätsbegriff  401 . 

Triseciion  =  Dreitheilimg  des  Winkels  184. 
rgiGTiäaiog  311. 
Trivium  538.   773. 
Trugschlüsse  Euklids  263. 
Tsdng  ki'e  622. 
Tschang  tsung  640. 
Tschu  schi  kih  645. 
T bin- Dynastie  636. 
Tsin  kiu  tschau  632.  640.  643.  645. 
Tsin  sehe  hudng  ty,  der  Bücherverbrenner 
,     623.  636. 
Tsing-Dynastie  625. 
Tsu  tsehung  Uclie  641. 
Tu  fang  schi  634.    . 
Tu  kuei  634. 
Tulyau  581. 

Tunim  =  Erhebung  (ägyptisch)  42. 
Turamaya  560. 
Turanier  75.  76. 
Tsetzes  203.  280.  281.  311. 
Tziphra  476. 


U. 

Uchatebt  =  Suchen  der  Fusssohle  (ägyp- 
tisch) 58.  194. 

Uebcrragung  361.  369. 

Ueberschiessende Zahlen  156.402.473.  774. 

Uebersichten:  Aegyptische  Mathematik  69 
— 71.     Babylonische    Mathematik    97. 


Register. 


881 


103.      Entwicklung    der    griechischen  Verhältnissschnitt    des    Apollonius    328 

Mathematik    104  —  109.      Thaies    136.  —329.  419.  423. 

Pythagoräische   Mathematik  173—175.  Vermeidung   von  Zahlzeichen    CGG.  GO'J. 

Mathematik  der  Akademie    237  —  238.  718.  720. 

Matliematik  der  Epigonenzeit '6'A'ii — 334.  Versfüsse  243.  579. 

346.   396.     Heron    378.     Jfappus   und  Vertex  516. 

jütophant  456—457.    Römische  Blüthe-  Vertranim  Maurus  507. 

zeit  521.     Verhältniss  der  griechischen  Vespasian  512. 

zur    indischen  Mathematik  562.     Ost-  Vestaheiligthum  kein  Templum  496. 

arabische  Mathematik  741—742.    West-  Vettius   Valens  332.  396. 

arabische  Mathematik  HJü.    ünterschei-  Via  Quintana  498. 

dungsmerkmale  zwischen  Abacisten  und  Victorinus  495.  782.  811. 

Algorithmikern  854—855.    Zustand  der  Viclorius  von  Aquitamen  495.  527.  532. 


Wissenschaft  um  l>iUO  856—857 
Ulpian  522. 

Ulug  beg  735.  736.  742. 
Uiü^  beg's  Tajelwerk  735. 
(Jmbra  versa  704. 
Umkehrungsrechnung  577.  689. 
Unbestimmte   Vielheit  86 — 88. 
Undecimalsystem  10. 


773.  781.  782.  795.   829. 
Vielecke,   einbeschriebene    184.  189—191. 

361—362.  363.  370—373.  417.  420. 
Vielecke,  umschriebene  190. 
Vielecke    mit     einspringenden     yVinkeln 

195.  341. 
Vieleckszahlen  s.  Polygonalzahlen. 
Vielflächner ,  halbregelmüssige  292 — 293. 


Unendlichgross    79—80.    186—187.    239.    Vielflüchner,  regelmässige  142.  163.  164. 


306—307.  496.  576 
UnendliCN klein  186—187.  239.  306. 
Unger  407. 
Universuäc  zu  Athen  463.  464.  466.  467. 

469. 
Universität  zu  Paris  792. 
Unmöglichkeit    rationaler    Lösung    von 

ic»  -f-  7/^  =  z'^    708.  740. 
Unreine     quauratisclie     (Jieichungen     in    Vigesimalsystem  8 — 9.  113. 

3  Fällen  behandelt  270.  443.  585.  676.    Vijaganita  559.  613. 

680.  754.   755.  Vincent    50.     120.    297.    347 

Unze  494.  780.  830.  841.  411.  471. 

Ursprung  einzelner   Wissenszweige,  For-    Vipsanius  s.  Agrippa. 

schungen  nach  demselben  107.  Virgilius  von  Toulouse  795. 

U  schi  645.  Vishnu  579. 

Usener  413.  474.  529.  533.  534.  537.  542.     Vitalian  776. 
Usertesen  11  23. 


212.  224.  232—233.  247.  259.  328.  342 

—343.  417.   701. 
Viereck,  dem  Dreieck   vorausgehend    69. 

361.  362.  363.  366.  472.  599.  605.  638. 
Vierecke  m  5  Arten  609.  610.  684. 
Vierecksformel    des    Brahmagupta    605. 

608—611.  612. 
Vierzig  als  unbestiminte  Vielheit   87.   95. 


356.    409. 


Utkramajiä  615.  616. 


V. 

Vadana  606. 

Vaigyas  555. 

Vajrdbhyasa  571. 

Valerius  Maximus  98.  247.  280. 

Valkenarius  199. 

Varähamiliira  560. 


Vitruvius  Pollio  102.  142.  162.  168.  177. 

295.  310.  311.  315.  383.  500.  507—508. 

559.  561.  596.   697.  838. 
Vitruvius  Mufus  514.  515.  517.  520.  521. 
Vokale  durch  Consonanten  ersetzt  754. 787. 
Volkmann  244. 
Vollkommene  Zahlen   48.  156—157.  213. 

254.  402.  405.  473.  587.  691.  692.  695 

—  696.   774.  784. 
Volusius  Maecianus  490. 
Vorbedeutungsivissenschaft    90.    97  —  98. 

428.  593.  692.  697.  741. 


Varga  =  Beihc,  {Quadrat  (indisch)  576.    Vorderasiatische  Entwicklung  derArith- 


680. 
Variation  699. 

Varro  490.  496.  506—507.  511.  527.  530 
Vasengemälde  94.  121  — 122. 
Venturi  347.  356. 
Veränderliche  266.  267.  269. 
Verbiest  625. 

Verdoppeln  47.  304.  674.  717,  720. 
Vergilius  526. 
Verglichen  abgenommene  Maasse  68.  368.    Wafk  697. 

375.  545.  550.  685.  787.  Wagner  471. 

Cantok,  Gesoliichto  der  Mathematik  i.     2.  Aufl. 


metik  427. 
Vossius  171.  344.  434.  507. 
Vyäghramuka  657. 


Wachsmuth  405.  468. 
Waeschke  47ü. 


56 


882 


Register. 


WagschalenmetJiocle  688.  760—761. 

Wahlsätze  des  Arcliimed  282.  283—285. 

Wahrsclieinliclie  Lehensdauer  522. 

Walafrid  Straho  792. 

WaUachisclte  Bauernregel  492. 

Wallis  735. 

Walther  voti  Speier  801  — 803.  832. 

Wan  ly  645. 

Wang  n>/an  chi  624. 

Wang  tchao  yu  624. 

Wapßer  832. 

Wassertvage  356.  634. 

Wattenbach  781.  789.  801.  833.  852.  854. 

Wazo,  Bischof  von  Lüttich  822. 

Weber  91.  92.  555.  560.  567.  579.  596.  597. 

Wegmesser  508. 

Wegschaffunq  des  mittleren  Gliedes  585. 

Weigand  812. 

Weil  651.  653.  654.   659.  662.  664.  698. 

721.   730.   733.   748. 
Weissenborn  279.  536.  539.  541.  542.  546. 

550.  609.  807.  852. 
Welckcr  121. 
Welid  I  659.  664.  667. 
Welschen  10. 

Wenrich  339.  655.  660.  661.  662. 
Werner    775.    777     778.    781.    783.    784. 

785.  791.  792.   793.  797.  803.  805.  807. 

808.  809.  835. 
Werner  von  Strasskurg  835. 
Wertheim  436. 
Wesfaraber  564.  664.  665.  669.  746-768. 

772. 
Westcrmann  158.  468. 
Wezir  =  Träger  (arabiscli)  654. 
Whitney  92.  559. 
Wiedemann  652. 

Wilhehn  von  Malmesbury  798—799.  801. 
Wilhelm  von  Strassburg  835. 
Wilkitis  98. 
'  Wilkinson  52.  63.  66. 
Wilson  428. 
Windisch  bbb. 
Winkel,    dessen  Name   in   verschiedenen 

Sprachen  15. 
Winkel,  ähnliehe  127.  129. 
Winkel,  einspringende  98.  195. 
Winkel,  hornförmige  250. 
Winkelsumme    des    Dreiecks     132.    133. 

160.  472. 
Winterberg  822. 
Wissenschaftliche  Moden   245.  400.  471. 

821. 
Woche  90. 
Woepeke '  löG.    215.    272.    332.  346.  417. 

428.  564.  567.  572.  615.  655.  659.  666. 

667.  668.  669.  687.  691.  692.  693.  698. 

699.  700.   701.   702.  705.  706.  707.  708. 

709.  711.  716.  717.  718.  727.   729.   730. 

731.  732.   733.  73G.  756.  761.  762.  766. 

767.   837.  838.  840.  842. 
Woisin  117.  123 


Wolf  126.  306.  344.  345.  346.  378.  381. 
394.  41.8.  699.  731. 

Wolverad  833. 

Würfel,  eiruskische  488. 

Würfelverdoppelung  189.  198—200.  213 
—  222.  223.  224.  278.  294.  325.  333. 
338.  416.  420.  424.  475.  598;  des  Archy- 
tas  von  Tarent  215  —  217.  315";  diS 
Dinkles-  339  —  340;  des  Eratosthcnes 
315—316.  337.  416;  des  Eudoxus  219. 
231.  315;  des  Heron  350  —  351.  416; 
des  Hippokrates  von  Ghios  198  —  200; 
des  Menaechmus  217  —  218.  315;  des 
Nikomedes  335  —  336.  416;  des  Papx)us 
.    416;    des  Piaton  214—215.  337. 

Wüstenfeld  655.  657.  661  662.  670.  672. 
679.  687.  695.  716.  744.  747.  748.  853. 

Wurm  169.   268.   734. 

Wurzelzeichen  765 — 766. 

Wyttenbach  164. 


Xenokrates  108.  203.  236    238.  242.  305. 
Xenophon  203    229. 
Xerxes  88. 
Xylander  475. 


r  hy  ivy  623. 

Yavana  560. 

Yavana  Pura  560. 

Yavanegvardcdrya  560.  598. 

Ydvattävat  580.  642.  680.  754. 

Yaxartes  75. 

Yih  hing  643. 

York  781.  782.  783.  789 

VTiccQh,iq  441. 

vnsvavTi'a  226. 

VTtSQTSXsiOi    156. 

Yrinius  =  Heron  663. 

Yu  636.  637. 

Yuen  642. 

Yuen-Dynastie  624. 

Yukatan  8. 

Yün  lo  td  tien  627. 

Yimg  fang  636. 


Zählen,  definirt  4 

Zahlenbegriff  der  Griechen  159.  175.  444 
—445.  587. 

Zahlenkampf  539.  802.  '831—832. 

Zahlensymbolik  96.  146.  147.  156.  404. 
406  430.  528.  530.  632.  633.  638.  784 
—  785.   790.   795.  841. 

Zahlensysteme  7 — 10.  431.  633. 

Zahlentheoretische  Aufgaben  in  geometri- 
scher Einkleidung  363  —  364.  425.  452 


Register. 


883 


—454.    478.    590.    681.     s.    Rationale 

rechtwinklige  Dreiecke. 
Zahlwörter  4—13.  44.  110.  113.  489.  544. 

564.  567.  568.  572.  630.  631.  632.  666. 

696.  721.   774.  838—843.  844.  846. 
Zahlzeichen  13. -24:  44—46.77—78.96—97. 

110  —  119.    179.    476.   486  —  490.   492. 

493.  543.  544.  551.  562.  563.  564.  566. 

567.  630.  631.  666.  667.  668—670.  792. 
Zaid  ihn  Rifaa  695. 
Zangemeister  488.  493. 
Zeichnungen  mit  geometrischen  Anklängen 

66.  67.'  98.   100.  372.  639. 
Zeising  167. 
Zeller  104.  126.  137.  138.  143.  147.  148. 

149.   156.   163.   176.  179.  181.  182.  186. 

238.  427.  429.  430.  463. 
Zenis  838  ^gg. 

Zenodorus  340—342.  418.  512.  663.  696. 
Zenodotus  340. 


Zenodotus,  Bibliotheksvorsteher  in  Alexan- 
dria 314. 

Zenon  von  Elea  185—188.  241.  381. 

Zenon  von  Sidon  181. 

Zerlegung  von  Flächen  durch  Hülfs- 
linien  57.  68.  365.  605. 

Zßrstäubung  588.     s.  Kuttaka. 

Zeuthen  270.  276.  633. 

Zeuxippus  282.  305.  307. 

Zins  522.  578. 

Zirkel  432. 

Zirkel  und  Lineal,  Constructionen  mittels 
derselben  184.  221.  255.  300.  336.  444. 

Zöppritz  812. 

Zonaras  281. 

Zuckermann  162. 

Zulukaffern  7. 

Zusammengesetztes  Verhältniss  251  252. 
386. 

Zusammengesetzte  Zahlen  542.  721. 


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/i'«-  aus  veradäeilenen  Zeiten. 

Canicr,  GesM<Me  der  Malhemaiik.  T 


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